Willkommen im Plauderstübchen!

Podcast hier, Clubhouse dort, Audio überall: Die Welt werde immer mündlicher, heisst es heute gern. Eine schriftliche Widerrede.

Wir schreiben das Jahr 2021 – aber das klingt natürlich ziemlich langweilig. Man könnte, mit mehr Esprit, auch sagen, dass wir uns im Jahr des Büffels befinden, so steht es jedenfalls im Horoskop der Chinesen. Nach anderen Modellen ist unlängst das Jahr II im Zeitalter von Corona angebrochen. Noch findigere Köpfe haben indessen das Jahr der Stimme ausgerufen: 2021 markiere den Durchbruch der Audiorevolution, war jüngst auf einer amerikanischen Plattform zu lesen, und auch in unseren Breiten gibt das Hören im Moment viel zu reden.

Spätestens seit Clubhouse zum Thema wurde – ein soziales Netzwerk, in dem sich die Nutzer mündlich austauschen –, überbieten sich Tech- und Zukunftsexperten mit Prognosen und witzigen Wortspielen. Im Internet der Stimme gelte künftig «Schreiben ist Silber, Reden ist Gold», meinen die einen, derweil die andern das neue Credo der akustischen Welt verkünden: «Wir müssen reden!» Aber nicht nur Unternehmensberater und Marketingmenschen sprechen an auf den Trend, auch Kulturdiagnostiker melden sich zu Wort. Einer Analyse der «Zeit» etwa war kürzlich zu entnehmen, dass wir mit Phänomenen wie Clubhouse, Sprachnachrichten oder Podcasts einen «Oral Turn» erlebten, einen Siegeszug der Mündlichkeit, der zulasten der normierten Schriftsprache gehe.

Der Mensch scheint ein grosses Bedürfnis zu haben, Revolutionen, Umbrüche oder Paradigmenwechsel live und höchstpersönlich mitzuerleben – jedenfalls wird er nicht müde, solche Zäsuren herbeizureden. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatten Fotos und Bilder die Rolle zu spielen, die heute der Ton und die Stimme übernehmen. Die visuellen Medien, hiess es lange, würden alles überfluten und die Schrift dereinst verdrängen.

Ähnlich klingt es jetzt zuweilen bei den Tönen: Die längste Zeit über hat der Mensch in oralen Gesellschaften gelebt, und nur einen Wimpernschlag lang konnten die Buchstaben das Zepter führen. Denn jetzt drohen wir wieder im Quatschen zu versinken. Diese Abfolge lässt sich freilich auch positiv lesen. Interpreten, die das Mündliche hochschätzen, sprechen von der «Gutenberg-Klammer» und sind der Meinung, dass die Menschheit heute, nach einem kurzen Ausflug ins kalte Reich der gedruckten Zeichen, wieder zurück in die guten alten Zeiten des Miteinander-Sprechens finde.

Kombination statt Kampf

Solche Deutungen, ob sie die Bilder oder das Reden betreffen, ob sie kulturpessimistisch grundiert sind oder romantisch verklärt, wirken immer befremdlich. Im Kern nämlich scheinen sie alle von einem Kampf auszugehen und die Möglichkeit der Koexistenz zu negieren. Ausdrucksmittel werden gegeneinander in Stellung gebracht, das eine tritt als Feind des anderen auf in diesen Theorien – als ob nicht mehrere Formen nebeneinander bestehen könnten, als ob Rede und Schrift in getrennten Welten aufträten und sich nicht immer auch gegenseitig bereichert hätten.

Via Clubhouse-App zu plaudern etwa, wäre schwerlich möglich, wenn es die Schrift nicht gäbe. Etliche Applikationen und Technologien, die wir ganz selbstverständlich nutzen, verdanken ihre Existenz dem logisch-analytischen Denken. Und dieses wiederum ist aufs Engste mit der Schriftlichkeit verbunden – das abstrakte Folgern, Ableiten, Rückprüfen und Weiterentwickeln von Gedanken ist erst mit der Schrift entstanden; sie hat es erlaubt, Ideen zu speichern und fern aller Sprecher in veränderten Kontexten wieder aufzugreifen. Nicht zufällig haben sich wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen multipliziert, seit sich die Schrift durch den Druck massiv verbreitete.

Das Radio zum Beispiel verstand der Medientheoretiker Walter J. Ong als Gerät einer «sekundären Oralität». In dieser steht zwar das gesprochene Wort im Zentrum, aber sie selber basiert auf der Schrift, die «für die Herstellung, die Anwendung und den Gebrauch der elektronischen Ausrüstung» notwendig ist. Doch nicht nur die Apparate, auch die Inhalte dieser sekundär mündlichen Sphäre sind bis heute nicht ohne geschriebene Worte zu denken: Genauso wenig wie die «Tagesschau» kann ein guter Podcast, ein Hörspiel oder eine taugliche Video-Doku auf schriftliche Konzepte verzichten.

Umgekehrt kennen wir inzwischen zahlreiche Arten der Schriftanwendung, die ihre Wurzeln in der Mündlichkeit haben. Chat-, Whatsapp-, SMS- oder Twitter-Nachrichten sind zweifelsfrei schriftbasierte Botschaften – die aber alle eine dialogische Situation simulieren. Wenn Mitteilungen im raschen Hin und Her ausgetauscht werden, dann hat das wenig zu tun mit der früheren Kommunikation in Briefen. Eher führen sie das alltägliche, mündliche Nahgespräch fort, über neue Distanzen und in anderen Räumen.

Redeweisen, die einst im Privaten blieben, gelangen mit den sozialen Netzwerken vermehrt in öffentliche Bereiche – man kann das aus gesellschaftlichen Gründen problematisch finden, muss deswegen aber nicht den Verfall der Sprache befürchten. Die wenig standardisierte, flapsige bis fehlerhafte Form der schriftlichen Kurznachrichten spiegelt nicht den Geisteszustand ihrer Verfasser, sondern den mündlichen Kontext, den sie imitieren. Im Prinzip ist die Schrift hier auf ein neues Feld vorgedrungen, und wenn sich nun Audio-Apps anschicken, die Menschen durch gesprochene Wörter in Kontakt zu bringen, ist daran wenig Revolutionäres zu erkennen.

Eine alte Geschichte

An mündlich klingenden Chat-Nachrichten hätte Friedrich Gottlieb Klopstock vermutlich seine helle Freude. Im ausgehenden 18. Jahrhundert plädierte der Dichter für eine neue Orthographie, die sich konsequent am Hören orientieren sollte: «V» und «ph» wollte Klopstock tilgen und durch «f» ersetzen, ebenso sollte das «ts» verschwinden – auf dass jedes Wort «stez» so geschrieben würde, wie man es sagte. Klopstock erachtete das Gehörte als Kern der Sprache, und er war mit dieser Haltung nicht allein. Schon in der Aufklärung wurden Schrift und Stimme nämlich gern und oft in Opposition gebracht. Rousseaus «edler Wilder» hat geredet, nicht geschrieben, und verschiedene Romantiker beklagten in der Nachfolge des Philosophen, dass mit der Vernunft der tote Buchstabe regiere und der Text die sinnliche, zum Körper gehörende Stimme weggedrängt habe.

Doch unter der «Herrschaft der Feder», gegen die die Zeitgenossen rebellierten, war die Stimme keineswegs verschwunden. Im Gegenteil. In der Zeit nach der Erfindung des Buchdrucks hat Europa einen «Taumel des Sinnlichen» erlebt, wie der Germanist Karl-Heinz Göttert in seiner «Geschichte der Stimme» schreibt. Visualität und Oralität hätten sich damals gegenseitig gesteigert, was sich in der Entstehung neuer, starker Ausdrucksformen zeigte: Ein gutes Jahrhundert nach dem Buchdruck wurde die Oper erfunden. Natürlich etablierte sich die Schrift unverrückbar in Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik. In anderen Bereichen dagegen haben sich Mischformen ausgebildet, noch über Jahrhunderte hinweg wurden gedruckte Bücher nicht allein im Kämmerlein verschlungen, sondern in grösseren Kreisen vorgelesen.

Im Gegenzug wurde auch die Schrift nicht verdrängt, als sich die Stimme ihrerseits verstärkte, mit Lautsprechern und anderen Apparaten. Dank Rundfunk und Empfangsgeräten konnten mündliche Nachrichten um 1920 erstmals über grosse Distanzen in jede Stube getragen werden, und zu derselben Zeit sind herkömmliche Reden zu veritablen Grossanlässen geworden.

Es ist bekannt, dass Hitler den Lautsprecher als zentralen Faktor seiner Macht erachtete und im Übrigen der Überzeugung war, dass kein «Gänsekiel» je eine grosse Umwälzung bewerkstelligt habe. Allein die «Zauberkraft des gesprochenen Wortes» habe die «grossen historischen Lawinen» ins Rollen gebracht, hielt er schon in «Mein Kampf» fest. In anderen Bereichen steigerte sich das Reden freilich auf freundlichere Weise: Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die ersten Telefone angeschlossen worden – jetzt schien es mit dem Quatschen richtig loszugehen. Jedenfalls meldete die Zeitschrift «Die Gartenlaube» anno 1877, dass die Welt drauf und dran sei, «ein einziges grosses Plauderstübchen zu werden».

Tippend die Stimme erheben

Eine akustische Revolution! Vielleicht hätte man rund um die vorletzte Jahrhundertwende tatsächlich von einem «Oral Turn» sprechen können. Aber hat die Schrift deswegen irgendetwas verloren? Im Verlauf des gesamten 20. Jahrhunderts hat die Alphabetisierung weltweit zugenommen, in der plaudernden Welt können mehr und immer mehr Leute lesen und schreiben.

Ja, immer mehr Menschen drücken sich aus: Das ist ohne Zweifel ein Signum unserer Zeit. Sich zu Wort zu melden, eine Stimme zu haben und sie insbesondere gegen Missstände zu erheben, ist in unserer Gesellschaft zu einer festen Formel geworden. Dabei ist nicht zu übersehen, dass die Äusserungen wohl bei Protesten auf der Strasse geschehen, nicht selten aber auch als Buchstabenfolgen im Netz Fahrt aufnehmen. So ist der Aufschrei zwar stumm, doch darum nicht weniger laut – der guten alten Schrift sei Dank.

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