Wie Facebook mit Watch zu Youtube aufschließen will

Facebook will mit seiner Video-Plattform Watch zur ersten Anlaufstelle für Videos werden. Nun greift man Youtube mit neuen Kooperationen erneut direkt an.

Vor rund einem Jahr ist Facebook Watch nach einer einjährigen Testphase in den USA global an den Start gegangen. „Unser Ziel ist es, gemeinsame Erlebnisse rund um Bewegtbild zu erschaffen“, hieß es damals großspurig. Seither hat sich einiges getan, so kommt Facebook Watch mittlerweile auf weltweit rund 720 Millionen User im Monat, 140 Millionen davon sollen jeden Tag mindestens eine Minute Inhalte auf der Plattform schauen. Durchschnittlich beträgt die Sehdauer laut Facebook 26 Minuten – detaillierte Zahlen für Deutschland veröffentlicht das Unternehmen nicht. Anders als Netflix und Prime Video setzt man nicht nur auf eigenproduzierten Content, sondern auch wie Youtube stark auf von den Usern hochgeladene Videos.

So gab man bei Facebook zwar eigene Dramaserien in Auftrag, bei Facebook Watch sehen die Nutzer aber auch lustige Tiervideos und andere schräge Inhalte. Bei diesem Mix wird es auch bleiben. „Wir sind eine offene Plattform, das unterscheidet uns von anderen. Jeder, der eine Facebook-Seite betreibt, kann Videos hochladen. Das soll auch in Zukunft so bleiben“, sagt Matthew Henick, Head of Content Planning and Strategy bei Facebook.

Zuletzt hatte man bereits Partnerschaften mit verschiedenen deutschen Medienhäusern bekanntgegeben. So produziert ProSiebenSat.1 seit dem Sommer Behind-the-scenes-Material für Facebook Watch und nutzt die Plattform auch für die Ausspielung von Archivware. Auch RTL II, Burda, Springer und G+J sind Kooperationen mit Facebook eingegangen. Nun dreht man beim Social-Media-Riesen das Rad noch etwas weiter – und greift Youtube direkt an.

So will man in einem neuen Programm bekannte Influencer und Social-Media-Stars mit großen Medienhäusern zusammenbringen, um diese gemeinsam an neuen Inhalten arbeiten zu lassen. In den USA hat man das bereits getestet und zeigt sich zufrieden, nun also der Start in Europa. In Deutschland sind zum Start Brainpool und Burda mit dabei, weitere Partner sollen in den kommenden Monaten folgen. Sie bringt Facebook dann wie gesagt mit Influencern zusammen – und finanziert dann auch einen Teil der neuen Formate.

Wieso das ein direkter Angriff auf Youtube ist? Bei den Social-Media-Stars setzt Facebook sehr auf Namen, die schon bekannt sind – und die ihren Schwerpunkt von Youtube zu Facebook Watch verlagern könnten. So bringt man etwa Joyce Ilg mit Brainpool zusammen. Auf Googles Video-Plattform kommt sie mittlerweile auf mehr als 1,2 Millionen Abonnenten. Mit Brainpool macht sie nun das Format „Fake Date“. Dabei handelt es sich um ein Versteckte-Kamera-Format, bei dem sich zwei Menschen zu einem Date treffen. Die Frau muss aber das tun, was Ilg ihr über einen In-Ear-Kopfhörer sagt. Ein weiteres Format von Brainpool ist „Ek is back“ mit Rapper Eko Fresh, der auf fast 500.000 Abonnenten bei Youtube kommt. In den jeweils vierminütigen Folgen setzt sich Eko Fresh mit alten Branchenkameraden zusammen und erinnert sich an alte Zeiten. Darüber hinaus macht Brainpool jeweils ein neues Format mit Teddy Teclebrhan („Antoine Undercover“) und Michael Schulte („Let the movie speak“).

Burda, ganz konkret bunte.de, bringt man mit Ilka Bessin, Monica Ivancan, Isabell Horn, Natascha Ochsenknecht, Betty Taube und Kim Gloss zusammen, die fast alle bei Instagram und/oder Youtube viele Follower haben. Bessin, besser bekannt als Cindy aus Marzahn, trifft in dem Format „Ilka – Extra scharf“ Promis an einem Currywurst-Stand und spielt mit ihnen „Wahrheit oder Pflicht?“. Ex-„DSDS“-Teilnehmerin Kim Gloss präsentiert auf der Video-Plattform künftig eine Art Rankingshow, in der es um die besten Social-Media-Posts von Stars und Sternchen geht. Monica Ivancan, Isabell Horn und Natascha Ochsenknecht machen außerdem „No Drama, Mama“. Das soll ein „temperamentvolles Gruppengespräch“ werden, bei dem Zuschauer Fragen über das Elternsein stellen können. Und Betty Taube hat „Ein Herz für Streuner“ und versucht in der Reihe ein Zuhause für Hunde aus dem Tierheim zu finden.

Darüber hinaus hat Facebook auch noch Kooperationen mit Influencern und Medienhäusern in Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien bekanntgegeben. Inhaltlich sollen die Macher die volle redaktionelle Kontrolle über die Formate haben, Facebook will ihnen also nicht reinreden. Was dem US-Unternehmen aber wohl ohnehin wichtiger ist, ist das Geld. Hier schneidet Facebook nämlich wie gewohnt mit. Während Facebook 45 Prozent der Werbeeinnahmen erhält, die die Publisher mit den Videos machen, geht der Rest an eben diese.

Langfristige Business-Modelle für alle Seiten?
„Wir wollen den Menschen mehr lokale Inhalte anbieten. Das geht nur, wenn wir wissen, was sie sehen wollen und auch nur dann, wenn unsere Partner die volle Kontrolle über ihre Inhalte haben und behalten“, sagt Matthew Henick. Jens-Uwe Bornemann, Director of Media Partnerships Central and Eastern Europe bei Facebook, ergänzt im Gespräch: „Mit dem neuen Programm wollen wir unseren Medienpartnern die Möglichkeit geben, neue Formate auszuprobieren. Das passiert mit dem Ziel, dass sie daraus langfristig nachhaltige Business-Modelle gestalten können.“ Und ganz nebenbei hofft man natürlich, dass die Influencer künftig Facebook Watch zu ihrer Bewegtbild-Plattform Nummer eins machen.

Wie langfristig diese Business-Modelle aber sein werden, sollte Facebook irgendwann mal kein zusätzliches Geld hinzu schießen, muss sich erst noch zeigen. In diesem ersten Schritt profitieren sowohl Medienhäuser als auch Influencer von Facebooks Ziel, Youtube endlich das Wasser abzugraben. „Wir sind die erste Anlaufstelle für alle Videoinhalte-Anbieter, die ihr bestehendes Publikum sowie neue Menschen erreichen wollen“, sagt Bornemann. Auch ein Jahr nach dem weltweiten Rollout von Facebook Watch sind die Ansprüche also nicht kleiner geworden.

Drucken