Wie die Öffentlich-Rechtlichen ihre eigene Relevanz riskieren

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben den Anspruch, die gesamte Gesellschaft zu erreichen – unabhängig von der politischen Einstellung. Jetzt zeigt eine Studie: Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Vor allem drei relevante Gruppen werden nicht mehr angesprochen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa hat Probleme, jüngere und schlechter gebildete Menschen mit digitalen Nachrichtenangeboten zu erreichen. In Deutschland, das zeigt eine neue Studie, stehen ARD und ZDF trotz einer vergleichsweise hohen Reichweite insgesamt vor einem Generationenabriss, was die Vermittlung von Nachrichten und Informationen angeht.

Mit ihren digitalen Angeboten dringen sie nur unzureichend zu den Menschen unter 25 Jahren vor, ebenso ungenügend zu Menschen mit einer formal niedrigen Bildung. Zudem bedienen die beitragsfinanzierten deutschen Sender ein Publikum, das sich selbst mehrheitlich links der Mitte verortet – das Vertrauen konservativ-rechter Zuschauer in ihre Angebote ist deutlich geringer ausgeprägt.

Die Studie des Reuters Institute, das an der Universität von Oxford beheimatet ist und von der Stiftung des Medienunternehmens Thomson Reuters gegründet wurde, liefert eine Bestandsaufnahme der Nachrichtenvermittlung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in acht europäischen Ländern.

Kernfrage: Gelingt es den Sendern, ihren Anspruch zu erfüllen, die gesamten Bevölkerungen ihrer jeweiligen Länder zu erreichen? Die Finanzierung der Sender durch die Bürger – im Englischen werden die öffentlich-rechtlichen Sender „public service media“ genannt, also dem Dienst der Öffentlichkeit verpflichtet – erfordert geradezu einen Ansatz, der das gesamte Spektrum der Bevölkerung anspricht.

Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Das positiv gewendete Fazit der Untersuchung könnte laut den Autoren der Studie folgendermaßen lauten: Die öffentlich-rechtlichen Sender in Europa erreichen mit ihren Informationssendungen gebildete, je nach Land auch politisch unterschiedlich positionierte Menschen (dies ist für Deutschland aber nur bedingt zutreffend) im fortgeschrittenen Alter. Negativ gewendet liest sich das Fazit aber auch so: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben Probleme, jüngere und schlechter gebildete Menschen zu erreichen, womit sie letztlich ihre eigene Relevanz riskieren.

Dieser alarmierende Befund bezieht sich auch und gerade auf Deutschland, letztlich aber mit nationalen Eigenheiten auf alle untersuchten Senderangebote in Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, Finnland und der Tschechischen Republik. Wenn es einen Anbieter gibt, der eine deutlich bessere Figur macht als der Rest, dann ist es die britische BBC.

Was sind nun die großen Probleme der öffentlich-rechtlichen Sender, hier im Speziellen von ARD, ZDF und Deutschlandradio, die von der Studie auf Basis von Befragungen herausgefiltert wurden? In die Wertung einbezogen wurden „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ (ARD), „heute“, „heute-journal“ und „heute+“ (ZDF), öffentlich-rechtliche Radionachrichten sowie die Onlinedienste, darunter „Tagesschau.de“ und „heute.de“.

Erstens: Es gelingt den Sendern nicht ausreichend, neue Zuschauer über digitale Verbreitungswege zu gewinnen. So erreichen die deutschen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote über alle Plattformen hinweg 69 Prozent der Menschen. Offline, also auf dem konventionellen linearen Verbreitungsweg, sind es 66 Prozent.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die zusätzlich über digitale Kanäle erzielte Reichweite nur bei drei Prozent liegt. Die Reichweite der digitalen Nachrichtenangebote liegt zwar bei 17 Prozent, aber der größte Teil dieser Menschen ist eben sowohl off- wie online unterwegs. Mit anderen Worten: Man erreicht diejenigen, die ohnehin schon Nutzer der Öffentlich-Rechtlichen sind. Doch fest steht auch: Der Nachrichtenkonsum über lineares Fernsehen hat langfristig keine große Zukunft, er nimmt ab.

Zweitens: Die Reichweite der digitalen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote bei jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren ist mit 19 Prozent niedrig. Sie ist im Vergleich zu 2016 sogar um zwei Prozentpunkte gefallen. Einzig die BBC kann hier mit 56 Prozent eine stattliche Reichweite in der jungen Zielgruppe vorweisen. Ganz düster sieht es beispielsweise bei den französischen Sendern aus, die auf nur sieben Prozent Reichweite in dieser Zielgruppe kommen.

Doch haben ARD und ZDF nicht vor einer Weile das digitale Angebot „Funk“ für junge Zielgruppen gestartet, das auch nachrichtenähnliche Formate hat? Auf WELT-Nachfrage antwortet Anne Schulz, Mitarbeiterin des Reuters Institute und Co-Autorin der Studie, die Nutzung von „Funk“ habe man tatsächlich erhoben, aber nicht in der Auswertung berücksichtigt. Die Gesamtreichweite von „Funk“ liege demnach bei zwei Prozent, bei den Nutzern unter 25 Jahren bei sechs Prozent – die digitale Gesamtreichweite der Angebote bei Menschen unter 25 Jahren liege damit bei 22,6 Prozent.

Drittens: Eine schlechte Bilanz haben ARD, ZDF und Deutschlandradio auch, was ihre Nachrichtenvermittlung an schlechter gebildete Menschen über digitale Kanäle angeht. Laut der Studie nutzen nur 13 Prozent der Menschen mit einem formal niedrigen Schulabschluss mindestens einmal die Woche die Onlineangebote der öffentlich-rechtlichen Nachrichten.

In der Gesamtbevölkerung tun dies, wie oben erwähnt, 17 Prozent. Die BBC kommt mit 34 Prozent auf einen deutlich besseren Wert – auf noch schlechtere Werte kommen dagegen die entsprechenden italienischen (elf Prozent), spanischen (neun Prozent) und französischen (acht Prozent) Angebote.

Viertens: Die deutschen Sender bedienen ein Publikum, das sich nach eigener Einschätzung mehrheitlich politisch links von der Mitte verortet. Die politische Mitte wird nur minimal gestreift. Als Gegenprobe haben die Medienwissenschaftler die politischen Positionen der Zuschauer der Nachrichtensendung „RTL Aktuell“ abgefragt, die sich demgegenüber rechts von der Mitte einordnen.

Gleichzeitig ist das Vertrauen der Zuschauer, die sich politisch rechts der Mitte einordnen, gegenüber ARD, ZDF und Deutschlandradio signifikant weniger ausgeprägt als bei den Zuschauern, die sich links von der Mitte oder in der Mitte verorten. Dies ist beispielsweise bei den Zuschauern der BBC oder bei denen von France Télévisions anders, beziehungsweise: ausgewogener.

Während sich das Bild in Frankreich bei den Zuschauern ähnelt – öffentlich-rechtliche Angebote von France Télévisions sprechen Menschen links der Mitte an, private Nachrichtenanbieter rechts davon –, ordnen sich die Zuschauer der BBC gleichermaßen rechts wie links der Mitte ein. Im Ländervergleich sehen sich die Zuschauer der meisten öffentlich-rechlichen Sender eher links – ganz deutlich ist dies in Griechenland der Fall –, und nur bei den Zuschauern des tschechischen Fernsehens gibt es eine leichte Tendenz nach rechts.

Fünftens: Die deutschen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote haben mehrheitlich Zuschauer, die populistischen Argumenten gegenüber nicht sehr empfänglich sind. Umgekehrt bedeutet das auch: Zuschauer, die für solche Argumente empfänglich sind, stehen ARD, ZDF und Deutschlandradio eher skeptisch gegenüber.

Um abzuschätzen, welche der Befragten zum Lager der „Populisten“ gehören, wurde die Zustimmung zu zwei Aussagen abgefragt: „Das Volk sollte bei allen wichtigen Entscheidungen gefragt werden“ und „Die meisten gewählten Offiziellen kümmert es nicht, was Leute wie ich denken“. Die Methode werde in der wissenschaftlichen Forschung eingesetzt, um populistische Einstellungen zu messen, heißt es auf Nachfrage.

Zwar zeige die Studie, dass viele Zuschauer den öffentlich-rechtlichen Sendern vertrauen – in vielen Fällen auch mehr als privaten Sendern –, sagt Mitautorin Anne Schulz. Dennoch hätten die Macher der Angebote ein Problem. Schulz: „Populistische Bürger haben nicht aufgehört, diese Sender zu nutzen, aber sie vertrauen ihnen weniger.“

Entsprechend lässt sich aus der Untersuchung nicht nur ein digitaler Generationenabriss und eine Bildungskluft ableiten, sondern auch eine drohende Spaltung entlang der politischen Einstellungen der Zuschauer. Zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender als Informationsvermittler warnt Medienwissenschaftlerin Schulz darum: „Wenn diese Nachrichtenmarken ihre Online-Reichweiten nicht verbessern, riskieren öffentlich-rechtliche Medien den Niedergang und letztlich ihre Irrelevanz für den Großteil der Öffentlichkeit.“

Trotz der fortgeschrittenen Digitalisierung seien die Sender – nicht nur in Deutschland – im Kern weiter Rundfunkanbieter, während sich das Nutzungsverhalten vor allem der jungen Bevölkerung längst auf digitale Angebote verlagere. Das Beispiel der BBC zeigt indes, wie mit weniger Beitrag (rund 172 Euro gegenüber 210 Euro in Deutschland) eine größere digitale Reichweite von Nachrichten vor allem bei jungen Zielgruppen erreicht werden kann.

ARD und ZDF betonen derweil seit einer Weile ihr Selbstverständnis als sogenannte Gemeinwohlmedien, die dem öffentlichen Interesse dienen. Um diese Positionierung in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken, hatte die ARD vor einer Weile ein „Framing-Manual“ in Auftrag gegeben, um diese Ziele besser zu kommunizieren – und handelte sich damit den Vorwurf ein, die Beitragszahler mit rhetorischen Tricks zu manipulieren.

So verbreiten ARD und ZDF in einer aktuellen repräsentativen Auswertung über die Mediennutzung der Deutschen beispielsweise folgende recht pauschale positive Selbstbeschreibung: „Im Gegensatz zu den Privatsendern werden ARD und ZDF sowie die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme für Glaubwürdigkeit, hohe journalistische Qualität, regionale Berichterstattung und Zuverlässigkeit geschätzt.“ Und weiter: „Vor allem unter 30-Jährige beurteilen die öffentlich-rechtlichen Programmleistungen besonders positiv.“

Die auffallend geringen Werte bei der tatsächlichen Nutzung der digitalen Nachrichtenangebote vor allem in dieser jungen Altersgruppe lassen das Eigenlob in einem etwas matter glänzenden Licht scheinen.

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