Warum US-Medien Facebooks News-Vorstoß mit Skepsis begegnen

Mit seiner Ankündigung, einen zusätzlichen Bereich für professionellle Medieninhalte einzuführen, um künftig als seriöse News-Zentrale wahrgenommen zu werden, hat Facebook zuletzt für mächtig Aufsehen gesorgt. Während deutsche Medienhäuser dem News Tab grundsätzlich positiv gegenüberstehen, überwiegt im Facebook-Heimatmarkt USA die Skepsis.

Die Columbia Journalism Review, sicher einer der schärfsten Branchenbeobachter der USA, zeigte sich wenig beeindruckt. So richtig neu, bemerkte das Journal der renommierten Columbia Journalism School, sei das nicht, was Facebook da in der vergangenen Woche als Innovation auftischte. „Die Idee, Journalisten anzuheuern, um Nachrichten zu kuratieren, fällt definitiv in die Kategorie der Dinge, die Facebook immer und immer wieder probiert.“ Die vergangenen Versuche von Facebook, in das Nachrichtengeschäft vorzustoßen, seien ein Fiasko gewesen. Und deshalb ist die Skepsis, ob es nun funktioniert, beträchtlich.

Die Rede ist von den Facebook Tabs, die in diesen Tagen nicht nur in den USA in aller Munde sind und die in den kommenden Wochen das Nachrichten-geschäft hierzulande auf den Kopf stellen sollen. Mit den Tabs möchte Facebook nun endlich erreichen, was mit vorangegangenen Initiativen misslungen ist – „ein integratives Verhältnis zwischen der Plattform und Nachrichtenorganisationen herzustellen“, wie CJR schreibt

Der letzte solche Versuch, die „Trending Topics“, war spektakulär gescheitert. Die Nachrichtenkuratoren wurden beschuldigt, anti-konservative Vorurteile zu hegen. Die extern beschäftigten Redakteure wurden entlassen, eine Untersuchung wurde eingeleitet. Das Feature musste wieder eingestellt werden.

Es war der Tropfen, der für Facebook das Fass zum Überlaufen brachte. Es schien, als könne man bei dem noch immer bedeutsamsten sozialen Netzwerk im Nachrichtengeschäft einfach nicht gewinnen. Nach der Wahl 2016 wurde Facebook vorgeworfen, russische Wahlsabotage ermöglicht und im Allgemeinen extremen Stimmen zur Legitimität verholfen zu haben. Hinzu kam der Vorwurf, den Tod traditioneller Nachrichtenorganisationen zu beschleunigen.

So beschloss Facebook Anfang 2018, sich erst einmal aus dem Nachrichtengeschäft zurückzuziehen und sich auf sein Kerngeschäft zu besinnen. Man erinnerte beim Rebranding an die ursprüngliche Mission von Facebook, die Welt ein Stückchen enger zusammenzubringen.

Doch ganz will man es mit den Nachrichten dann offenbar doch nicht lassen, zumal die Mitbewerber Apple und Google ihre eigenen Formen der Nachrichtendistribution pflegen. Und so treten die Tabs mit neuem Schwung sowie mit dem Versprechen an, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden: Anders als zuvor heuert Facebook diesmal zur Auswahl der Top-News Vollzeit-Nachrichtenprofis an, was die Auswahl der News weniger angreifbar macht. Auch macht das Netzwerk – anders als beim Experiment Instant Stories – nicht mehr ganze Nachrichtenangebote auf Facebook verfügbar. Es wird ordentlich verlinkt, um den Traffic und somit den möglichen Werbe-ertrag den Urhebern zuzuführen. Der Vorwurf, Facebook sei der Totengräber der klassischen Nachrichtenorganisationen, will man so entkräften. Dazu passt, dass den ausgewählten Partnern gutes Geld für ihre Angebote bezahlt wird. Mit der handverlesenen Selektion der kooperierenden Medien will Facebook zudem dem Fake-News-Problem entgegenwirken.

Im Grunde könnten sich die Verteidiger des seriösen Journalismus also freuen. „Die Medienpartner erhalten zusätzliche Einnahmequellen und behalten trotzdem ihre Autonomie“, schreibt die Columbia Journalism Review. Und doch ist die Skepsis groß. So sagte der Geschäftsführer der New York Times, Mark Thompson, in einem Interview mit Reuters: „Wir sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, unsere Leser daran zu gewöhnen, unseren Journalismus anderswo zu finden. Außerdem machen wir uns Sorgen darum, in einem Megamix mit dem Journalismus aller anderen zusammengerührt zu werden.“ Die Teilnahme der Times an dem Projekt, das Gerüchten zufolge auch der Washington Post, Bloomberg und dem Wall Street Journal angeboten wurde, ist also fraglich. Die anderen potenziellen Facebook-Kunden haben sich noch nicht geäußert.

Die Times legt indes ohnehin seit Jahren Wert darauf, ihr Geschäftsmodell von Multiplikatoren wie Facebook zu entkoppeln. Die steigenden Abonnements-Zahlen und digitalen Werbeeinnahmen haben der Zeitung recht gegeben. Das hat man natürlich auch anderswo in der Branche registriert. Und so dürfte die Begeisterung für Zuckerbergs Vorstoß eher verhalten ausfallen. Erst kürzlich ergab eine Studie der Columbia School of Journalism, dass das Verhältnis zwischen Verlagen und sozialen Netzwerken aufgrund der vergangenen Erfahrungen deutlich zurückhaltender geworden ist. „Es herrscht eine Atmosphäre der Desillusionierung und des Misstrauens“, schreibt Emily Bell in der Columbia Journalism Review. Das dürfte sich nun bemerkbar machen. Es fällt den Verlagen schwer, an Zuckerbergs Sorge um den Journalismus zu glauben. Bleibt die Frage, ob sie seinen Angeboten widerstehen werden.

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