Teamviewer: Ein schwäbisches Digitalwunder

Teamviewer ist nicht irgendeine Provinzklitsche, die den lokalen Handwerksbetrieben die Website aufhübscht oder Daten von verreckten Laptops rettet. Sondern ein schwäbisches Technologieunternehmen, das mehr als 230 Millionen Euro Umsatz pro Jahr macht. Das etwa 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Dessen Softwareprogramm auf Millionen Rechnern weltweit läuft. Und das am Mittwoch mit einer Bewertung von 5,25 Milliarden Euro an die Börse gegangen ist.

Dass die Firma von der breiten Öffentlichkeit lange übersehen wurde, liegt möglicherweise an ihrem Produkt. Teamviewer ist nicht ständig präsent, die Software arbeitet eher im Hintergrund – mit einem simplen Zweck: Systemadministratoren und Kindern klickwütiger Eltern die geistige Gesundheit zu retten.

„Da geht was nicht an meinem Computer, kannst du mir helfen?“ So harmlos diese Frage klingt, oft ist sie der Beginn eines längeren Telefonats. Weil dann meist an einem Ende der Leitung jemand sitzt, der eben einfach schnell das „kaputte Internet“ repariert haben oder den Cursor bei Word wiederfinden will. Und am anderen Ende jemand, der das Problem binnen weniger Minuten lösen könnte – wenn er sein Gegenüber nicht blind durch ein Labyrinth von Dropdown-Menüs und Fenstern navigieren müsste.

Genau dieses Problem erkannte Mitte der Nullerjahre eine kleine Softwarefirma aus dem schwäbischen Göppingen – und schrieb ein Programm, mit dessen Hilfe man aus der Ferne auf das Gerät einer hilfesuchenden Person zugreifen konnte, um ihr Computerproblem schnell zu lösen. Screensharing, also „Bildschirm teilen“, heißt die Methode, die das möglich macht. Und Teamviewer heißt die Software, die das Göppinger Unternehmen dafür bastelte – und sich gleich auch noch danach benannte.

Die Ersten werden die Größten sein

So naheliegend diese Idee auch rückblickend scheinen mag: Teamviewer zählte damals zu den Ersten, die Screensharing umsetzten. Privatmenschen konnten ihren Angehörigen und Freunden so auch noch nachts die Rechner wieder fit machen. Und Firmen entdeckten die Businessversionen, weil die IT-Abteilung dadurch nicht mehr ständig vor Ort sein musste, sondern auch aus der Ferne dem digital etwas weniger kundigen Beschäftigten bei seinen Computerproblemen helfen konnte. Klingt banal, spart aber Kosten. Heute zählen laut Teamviewer etwa 50 Prozent der Fortune-500-Unternehmen zu den Kunden.

Teamviewer, das ist ein Technologieunternehmen, das auch international etwas zu melden hat. Das ist selten in Deutschland. Sehr selten. Gut, es gibt SAP, manche zählen auch noch den Halbleiterhersteller Infineon hinzu oder den Onlinemodehändler Zalando. Aber das war es dann auch fast schon. Wie reiht sich ein kleines Unternehmen aus Baden-Württemberg in diese Auflistung ein?

In dieser Kleinstadt haben wir ein Einhorn versteckt

Besuch in Göppingen, wenige Tage vor dem Börsengang von Teamviewer. So kurz vor dem großen Ereignis ist die Führungsriege ausgeflogen, sie ist unterwegs, um Investoren für ihr Unternehmen zu begeistern. Geblieben sind zwei PR-Managerinnen, die durch die Firmenzentrale führen und durch die Geschichte von Teamviewer, die in ihrer offensiven Bodenständigkeit etwas wahrhaft Exotisches hat.

Silicon-Valley-Firmen wie Uber oder Facebook stellen Gewinne oft erst einmal hintenan. Stattdessen verkaufen sie Unternehmensanteile und investieren dieses Geld in ihr Wachstum. Skalieren nennt man das in Gründersprech. Die Idee: Im Digitalen ist es erst einmal wichtig, möglichst schnell möglichst groß zu werden, weil viele Branchen sogenannte Monopolmärkte sind – oft ist es nur ein Unternehmen, das sich etabliert und wirklich erfolgreich wird. So wie Google bei den Suchmaschinen, Amazon im Onlinehandel und Facebook bei den sozialen Netzwerken. Gewinne, so das Kalkül, kommen dann schon noch.

Teamviewer dagegen ist ein Unternehmen, das sich stets selbst finanziert hat. „In Deutschland wachsen neue Unternehmen oft eher langsam“, sagt die Startup-Forscherin Andrea Hermann. Als Professorin an der Universität Utrecht hat sie gemeinsam mit anderen Forschern 300 Startups aus Deutschland zu ihren Gründungen befragt. „Man überlegt sich zweimal, ob man einen Schritt geht oder nicht“, resümiert sie über die deutsche Startup-Mentalität. Typischerweise seien deutsche Firmen daher schnell profitabel. So außergewöhnlich die Geschichte von Teamviewer auch ist – gemessen an diesem Satz ist das Unternehmen typisch deutsch.

Stück für Stück hat Teamviewer seine Produktpalette erweitert. Heute gibt es dort weit mehr als nur das klassische Screensharing von Bildschirm zu Bildschirm: Unternehmen können mit Teamviewer IoT ihre Industrieroboter überwachen und rechtzeitig eingreifen, wenn irgendetwas nicht funktioniert. Wer mit seinem Auto liegenbleibt, kann sich von einem Freund über Teamviewer Pilot per Smartphone anleiten lassen, wie er den platten Reifen reparieren kann. Und mit Blizz können Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der ganzen Welt per Video konferieren. Das Grundprinzip ist immer noch dasselbe: aus der Ferne miteinander kommunizieren.

Nur mit Bodenständigkeit wäre man allerdings wohl auch bei Teamviewer nicht so weit gekommen. Schon 2009 verkaufte der Gründer Tilo Rossmanith seine Firma, fünf Jahre später ging sie an das Private-Equity-Unternehmen Permira – für rund eine Milliarde Dollar. In der Startup-Szene nennt man ein so hoch bewertetes Technologieunternehmen ein Einhorn, zu diesem fabelhaften Kreis zählen auch Airbnb oder Wework.

Der Verkauf von Teamviewer an Permira sei wichtig gewesen, sagt eine der Sprecherinnen: So habe man ein professionelles Management etablieren, neue Abteilungen und Strukturen für den künftigen Erfolg aufbauen können. Permira habe etwa die Rechtsabteilung vergrößert, die Finanzabteilung professionalisiert und die Internationalisierung unterstützt. Obwohl der Hauptsitz in Göppingen geblieben ist, sind weltweit etliche Standorte hinzugekommen: Singapur, Tokio, Jerewan, Madrid, Karlsruhe, Stuttgart.

Das sparkassigste Startup der Welt

Auch in der Firmenzentrale schwankt alles zwischen diesen zwei Polen: hier moderne Startup-Optik, dort behördenartige Provinzialität. An den Wänden im zweiten Stock kleben in bunten Farben die Firmenwerte auf Englisch: Passion. Trust. Security. Simplicity. Diversity. Customer First. Das ist Gründerprosa in Reinform. Es gibt Büros, die sich Dutzende Menschen teilen – schön getrennt durch Wände, die sowohl als Sichtschutz als auch als Pinnwand dienen. Das wirkt dynamisch und agil. Und ganz anders als die verwinkelten Gänge, in denen die Ästhetik einer Sparkassenfiliale vorherrscht. Schon allein wegen der riesigen Pflanzen im zweiten Stock.

Sich derartig nicht einzuordnen, nicht irgendeinem Image hinterherzulaufen, auch das passt zu Teamviewer: Es ist schwer, das Unternehmen einer Kategorie zuzuordnen. Es ist noch jung, aber eigentlich nicht mehr jung genug, um noch als Startup zu gelten. Die Firma ist irgendwie familiär, aber als Beteiligung eines Private-Equity-Unternehmens auch nicht das, was man sich unter typisch deutschem Mittelstand vorstellt. Sie ist nicht klein, aber auch noch weit entfernt von der Größe eines DAX-Konzerns. Das liegt natürlich auch an den Bezeichnungen: Startup, Mittelständler, Konzern – das sind dehnbare Begriffe. Im Zeitverlauf gesehen gebe es keine klare Grenze, wann ein Startup aufhöre und ein Mittelständler anfange, sagt Wissenschaftlerin Hermann.

Vielleicht ist der Erfolg von Teamviewer auch mit dieser Mischung aus Pioniergeist und Professionalität zu erklären. Permira habe Strukturen aufgebaut, sagt eine der Sprecherinnen. Die Kultur des Unternehmens ähnle dagegen noch mehr immer der eines Startups. Von Bürotüren, die auch bei den Chefs immer geöffnet seien, bis hin zu sogenannten Insights-Sessions, in denen Mitarbeiter die Führungsriege alles fragen können. Zum Beispiel, wann die nächste Party stattfindet.

Totale Unterbesetzung, viele Altlasten und Druck

Allerdings herrscht auch bei Teamviewer nicht immer Partylaune. 2017 verließen binnen eines Jahres drei Manager aus der Chefetage das Unternehmen, darunter der Geschäftsführer Andreas König. Auf Anfrage von Zeit Online will keiner von ihnen seinen Weggang kommentieren. Nur: Dass gleich so viele Führungskräfte auf einmal gehen, spricht nicht gerade für Harmonie.

Kaum hatte der neue Geschäftsführer Oliver Steil die Arbeit aufgenommen, geriet auch er in die Kritik. 2018 bemängelte er in einer E-Mail den Krankenstand in der Firma. Sieben bis neun Krankheitstage im Jahr seien pro Mitarbeiter „ziemlich ungewöhnlich“, hieß es darin. Man wolle „von nun an Abwesenheiten wegen Krankheit genau kontrollieren“.

Misstrauen gegen die eigenen Mitarbeiter – das ist keine gute Arbeitsgrundlage. Das Portal Gründerszene bekam die Mail zugespielt und veröffentlichte sie. Auf der Arbeitgeberbewertungsplattform kununu beschwerten sich damals Menschen über den Ton in der E-Mail. Das Managementteam habe eine „hohe Zustimmung“, das habe die letzte Mitarbeiterbefragung gezeigt, sagt eine der Sprecherinnen.

Doch auf kununu werden auch andere Kritikpunkte laut, die weit über Steils Nachricht hinausgehen. Immer wieder finden sich zwei Kritikpunkte: hoher Druck und hohe Arbeitsbelastung. „Wer bei Teamviewer nicht ordentlich funktioniert und immer ans Leistungslimit geht, wird motiviert, zu gehen“, heißt es dort. Oder: „Es gibt durch totale Unterbesetzung, fehlende oder schlechte Prozesse, viele Altlasten und vor allem den Druck, weil einfach alles immer sehr hohe Priorität hat und vorgestern fertig sein soll, eine zu hohe Arbeitslast.“

Diese Belastung wird auch auf den Eigentümer Permira zurückgeführt. Auf kununu beschweren sich Menschen anonym, dass die Firma „komplett vom Investor gesteuert“ sei oder der Investor sich zu stark in die Firma einmische. Das ist erst einmal nicht verwunderlich. Wie jeder Investor will auch die Private-Equity-Gesellschaft ihr investiertes Geld vermehren.

Beim Börsengang deutet sich allerdings an, was daran möglicherweise problematisch sein könnte. Der komplette Erlös aus den verkauften Anteilen geht an Permira – rund zwei Milliarden Euro. Normalerweise sind Börsengänge für ein Unternehmen ein Weg, um neues Kapital für weiteres Wachstum zu sichern. Teamviewer geht dagegen leer aus. Dabei hätte die Firma das Geld nötig – sie war im ersten Halbjahr 2019 mit mehr als 726 Millionen Euro verschuldet.

Von Teamviewer heißt es, dass man nicht auf die Erlöse aus dem Börsengang angewiesen sei. „Wir haben bereits in Vorbereitung auf unseren Börsengang damit begonnen, unsere Finanzverbindlichkeiten konsequent zu reduzieren“, sagte Firmenchef Steil in einem Interview mit Börse Online. Man sei auf einem „sehr guten Weg“.
Größe auf den zweiten Blick

Ob das gelingt, wird man sehen. Der nächste Wachstumsschritt steht jedenfalls schon an: Bald wird die ehemalige Sparkassenfiliale zu klein sein für Teamviewer, das Unternehmen baut daher an einem neuen Gebäude mitten in Göppingen. Schon jetzt kreisen die Kräne über der Stadt.

Wechselt man die Perspektive, dann wirkt übrigens auch die Göppinger Firmenzentrale von Teamviewer ganz anders. Plötzlich ist er nicht mehr zu übersehen – der dicke Teamviewer-Schriftzug, der auf die ehemalige Sparkassenfiliale montiert ist. Was ganz gut zur Geschichte von Teamviewer passt: Größe, die man erst auf den zweiten Blick erkennt.

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