So wird Mark Zuckerberg zum Chefredakteur

Es ist der Satz, der Mark Zuckerberg viel Verantwortung abnimmt. „Wir sind ein Technologie-Unternehmen“, sagte er vergangenes Jahr im US-Kongress, als ihn Abgeordnete zu Facebooks Datenschutzproblemen befragten. Die Programmierer seien die zentralen Leute in seinem Konzern. Ein Technologie-Unternehmen also, kein Medienunternehmen – denn als letzteres müsste Facebook volle Verantwortung übernehmen für die Inhalte, die in dem Netzwerk verbreitet werden. Auch für Lügen und politische Manipulation. Stattdessen präsentiert Zuckerberg seinen Konzern als Durchlauferhitzer für Inhalte und Interessen seiner Nutzer. Ob die Inhalte problematisch sind, ob die Algorithmen die wüstesten Lügen nach oben spülen, weil die am meisten Klicks sammeln, ist nach dieser Logik nicht so wichtig.

Von Herbst an sollen die Programmierer Kollegen aus einer anderen Berufsgruppe bekommen: Weil Facebook eben doch irgendwie am Nachrichtengeschäft teilhaben will, wird der Konzern laut eigenen Angaben selbst Redakteure einstellen. In einer neuen News-Rubrik sollen – zunächst in den USA – auch menschliche Mitarbeiter Artikel auswählen und den Lesern prominent vorsetzen. Nun wurde bekannt, nach welchen Kriterien sie die News-Beiträge auswählen sollen, die dann Millionen Menschen in ihren Timelines sehen werden . The Information, ein investigatives Branchenportal aus dem Silicon Valley, zitiert ein internes Dokument mit jenen Vorgaben.

Es wird demnach eine „weiße Liste“ geben, auf der von Facebook als seriös eingestufte Medien stehen werden. Erst, wenn zwei von ihnen eine „Breaking-News-Story“ bestätigen, soll diese für die News-Sektion akzeptiert werden. Redakteure würden keine Artikel wählen, die „konstruiert wurden, um zu provozieren, zu spalten und zu polarisieren“. Als faktisch korrekt eingestufte Artikel, die journalistischen Standards entsprechen, dürften dann aber sehr wohl „spalten“ und würden redaktionell berücksichtigt. Überschriften mit obszönen Worten seien tabu. Artikel mit namentlich genannten Quellen würden gegenüber solchen mit anonymen bevorzugt. Gehe es um den Konzern selbst, soll es laut Bericht keine Zensur geben: Die Redaktion könne „unparteiisch Artikel über Facebook, Facebook-Manager“ verbreiten. Derzeit laufen Tests, The Information zufolge mit Artikeln verschiedener internationaler Medienangebote wie Wall Street Journal, CBS, National Geographic und BBC. Facebook wollte der SZ zu dem Bericht „nichts Konkretes“ sagen.

Verlage machten sich abhängig von Facebook

Seit der US-Präsidentenwahl 2016 steht Facebook wegen seiner Rolle als Nachrichten-Plattform in der Kritik. Liberale und Linke werfen dem Konzern vor, Falschnachrichten im Sinne des Wahlkampfes von Donald Tump an Abermillionen Menschen gestreut zu haben (etwa die Schlagzeile: „Papst spricht sich für Trump aus“). Konservative beklagen, dass Facebook in der polarisierten US-Medienlandschaft „ihren“ Portalen weniger Aufmerksamkeit von Nutzern verschaffe.

Die Wirkung der „Desinformation“ ist bislang unklar, und auch die Konservativen bleiben Beweise für ihre Theorie schuldig. Facebooks Nachrichtenmacht beschäftigt Medienunternehmen auf der Welt vor allem deshalb, weil es ihnen Leser und Zuschauer abgraben kann. Wie abhängig sich manche Verlage von der Plattform gemacht hatten, zeigte sich 2017, als Facebook Medieninhalte in seinem Algorithmus schwächer gewichtete. Daraufhin brachen die Besucherzahlen einiger Nachrichtenseiten ein, weil das Netzwerk ihnen viel weniger Leser zuführte als zuvor.

Weniger als zehn „journalistische Veteranen“ sollen einem Bericht der New York Times vom August zufolge für Facebook Artikel auswählen. Dann wäre Zuckerberg nicht nur Technologie-Unternehmer, sondern darüber hinaus auch ein Chefredakteur, der mitbestimmt, was mehr als zwei Milliarden Menschen lesen.

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