So will Jeff Bezos Amazon als Klima-Pionier neu erfinden

Der Amazon-Chef verliert keine Zeit mit Plaudereien, sondern steigt direkt mit einer Warnung ein: „Vielleicht kennen Sie diesen Planeten“, sagt Jeff Bezos vor der Projektion einer Erdkugel. „Es ist die Erde, es ist der beste Planet im Universum.“ Doch die Realität und Rasanz des Klimawandels überträfen mittlerweile „die schlimmsten Prognosen“, sagt Bezos. Im Schnelldurchlauf präsentiert er Daten und Diagramme, die in Rekordzeit schmelzende Polkappen, sich erhitzende Ozeane und den heißesten Sommer aller Zeiten illustrieren.

Nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt sitzt Donald Trump im Weißen Haus – der Präsident, der die USA aus dem Pariser Klimaabkommen herauslöste. Man kann Bezos‘ Auftritt also durchaus als Protest gegen Trump verstehen, auch wenn der Amazon-Chef betont: „Hier geht es nicht um Politik“. Stattdessen stellt er eine Art Selbstverpflichtung vor, den sogenannten „Climate Pledge“. Amazon verspricht damit, die Ziele des Pariser Klimaabkommens „zehn Jahre früher“ umzusetzen.

Bereits vor zwei Jahren hatte Amazon angekündigt, seine globale Infrastruktur zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie versorgen zu wollen. Nun wird der Konzern konkreter: Er verspricht, bereits im Jahr 2024 zu 80 Prozent auf erneuerbare Energien zu setzen, und im Jahr 2030 das 100-Prozent-Ziel bei Sonnen- und Windenergie zu erreichen.

Bis 2040, so Bezos, will Amazon komplett CO2-neutral operieren. Teil der Initiative ist es auch, den Logistikbetrieb mit 100.000 elektrischen Lieferfahrzeugen umzuwälzen. Amazon sprach von der größten jemals gemachten Bestellung elektrischer Fahrzeuge. Sie werden von der Firma Rivian im US-Bundesstaat Michigan produziert, in die Amazon nach eigenen Angaben 440 Millionen Dollar investiert hat. Geplant ist zudem eine 100-Millionen-Dollar-Investition in die Wiederaufforstung von Wäldern.

Wie glaubwürdig Amazons Versprechen ist, ist allein aus der Ankündigung allerdings nicht abzusehen. Denn bisher hat sich der Konzern nicht als besonders umweltfreundlich oder nachhaltig hervorgetan. Auf Grund der vielen Einzellieferungen bis vor die Haustür hat der größte Onlinehändler der Welt einen hohen CO2-Ausstoß.

Auch Bezos‘ Investitionen in die Weltraumfahrt haben wenig mit Umweltschutz gemein. Greenpeace hat erst vor einem Monat die neuen wattierten Plastikumschläge von Amazon kritisiert. Auch viele Mitarbeiter meinen, dass ihr Arbeitgeber mehr tun sollte: Im April haben 6000 Amazon-Angestellte in einem gemeinsamen Brief das Management aufgerufen, das Unternehmen nachhaltiger aufzustellen und unter anderem die Emissionen zu reduzieren.

Der Zeitpunkt für den Vorstoß scheint nicht zufällig gewählt. Am Montag findet der Klimagipfel der Vereinten Nationen statt, für den morgigen Freitag sind globale Klimaproteste geplant. Die Bilder von brennenden Regenwäldern in Brasilien haben in den vergangenen Wochen viele Menschen erschüttert.

Allerdings scheint in den USA die Begeisterung für den Klimaschutz gebremster als in Teilen Europas. Die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg ist gerade auf Tournee in den USA. Sie wurde freundlich empfangen, auch im US-Kongress, doch zu ihren Auftritten in New York und Washington kamen nur wenige hundert Anhänger.

Bezos grenzt sich von Trump ab

Bezos sendet nun immerhin das Signal, dass die Verantwortung, etwas gegen die drohende Klimakatastrophe zu unternehmen, nicht allein beim Verbraucher liegt. Der Amazon-Chef verweist auf die weite Verzweigung der Geschäftsfelder, auf die globale Marktreichweite, auf zehn Milliarden ausgelieferte Pakete pro Jahr. „Wenn wir das können, kann das jedes Unternehmen“, betont er.

Bezos rief in Washington andere Konzerne auf, Amazons Beispiel zu folgen. Nur dann könne man „ein gigantisches Signal an den Markt“ senden und im großen Stil nachhaltige Investitionen in Produkte und Dienstleistungen mit niedrigem CO2-Ausstoß fördern.

Offene Fragen bleiben dennoch. Für den Einsatz der 100.000 Elektro-Vans gibt es noch kein Datum, räumt Bezos ein, erste Prototypen sollen im kommenden Jahr auf die Straße gehen. Außerdem arbeitet der Konzern mit zahlreichen Zulieferern und externen Logistik-Firmen zusammen. „Die müssen auf Dauer natürlich auch CO2-neutral werden“, fordert Bezos.

Geschätzt ein Drittel der auf Amazon vertriebenen Waren stammt aus der Produktion des Klimasünders China – diese dürfte der Konzern wohl kaum boykottieren. Und wie nachhaltig kann ein Konzern überhaupt sein, dessen Geschäftserfolg auch vom Boom der Wegwerfgesellschaft profitiert? Bezos räumt ein, dass er nicht für alle Probleme eine Lösung hat. „Wir müssen uns erstmal auf die Dinge konzentrieren, auf die wir direkten Einfluss haben.“ Und er ist davon überzeugt, dass schnelle Ein-Tages-Lieferungen unterm Strich klimafreundlicher seien, „weil der Transport per Luftfracht weitgehend wegfällt und die Depots näher am Kunden sein müssen“.

Eines ist für den Moment klar: Finanziell leiden wird Amazon durch seine Klima-Initiative nicht. Amazon ist in den USA der mit Abstand größte Online-Händler und kommt laut dem Marktforschungsunternehmen Emarketer auf einen Anteil von 37 Prozent.

Jeff Bezos ist mit einem geschätzten Vermögen von 131 Milliarden Dollar laut Forbes der reichste CEO der Welt. Dabei hängt sein Reichtum stark von dem Amazon-Aktienkurs ab. Schließlich hält er bisher 16 Prozent an dem Unternehmen, das an der Börse mehr als 900 Milliarden Dollar wert ist. Auch nach der Scheidung von seiner Frau hält er weiterhin 12 Prozent der Aktien, was einem Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar entspricht.

Der Konzern profitierte zudem stark von Trumps Senkung der Unternehmensteuer. Ansonsten ist es mit einer Freundschaft zwischen Bezos und dem US-Präsidenten nicht weit her. Trump attackiert die „Washington Post“, die Bezos 2013 kaufte, regelmäßig. Im Frühjahr stand Bezos im Mittelpunkt einer Schlacht um politische Deutungshoheit und Macht. Bezos warf damals dem Medienmogul und engen Trump-Freund David Pecker Erpressung im Zusammenhang mit intimen Fotos vor.

Auch wollen US-Regierung und Kongress die Marktmacht von Tech-Giganten wie Amazon, Google und Facebook stärker regulieren. Stoff für Konflikte gibt es in Zukunft genug – und mit seinem Klimaversprechen hat sich Bezos nun erneut von Trump abgegrenzt.

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