Mitten im Kulturkampf sucht die „New York Times“ nach einer neuen Identität

Die „New York Times“ befindet sich in einer Ideologie-Krise, mehrere Journalisten gingen. Mitarbeiter fürchten angeblich, offen ihre Meinung zu sagen. Ausgerechnet jetzt erscheint ein Strategiepapier, das dem Unternehmen strukturellen Rassismus attestiert.

Selbstkritik ist, wenn sie nicht mit Selbstzerfleischung einhergeht, eine Form der Selbstoptimierung. In diesem Sinn hat die „New York Times“ ihre Mitarbeiter – und damit sich selbst – analysiert. Das Management der wohl bekanntesten Zeitung und Medienmarke der Welt hat vor acht Monaten eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die der Identität des Unternehmens auf den Grund gehen sollte.

Dies nicht im Sinne von Marketingfragen, sondern ganz konkret mit dem Ziel, die Mitarbeiter nach ihrer Identität zu befragen, also nach Kategorien wie etwa Herkunft und ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung, sozioökonomischer Hintergrund einzuteilen. Es sei darum gegangen, einen „ehrlichen Blick auf den Arbeitsplatz“ zu werfen, um das Medienunternehmen personell diverser aufzustellen. Sprich: mehr Frauen und vor allem mehr nicht weiße Mitarbeiter in Führungspositionen zu bringen.

Das Ergebnis des Teams, das die Untersuchung durchgeführt hat, kommt zu dem Schluss, dass die „New York Times“ vor allem für schwarze und hispanische Mitarbeiter, „people of color“ insgesamt, immer noch ein Arbeitsplatz sei, der es ihnen schwer mache und der in nicht ausreichendem Maße vielfältig sei. Das Wort „Rassismus“ kommt in dem Text explizit nicht vor – und doch attestieren die Verfasser des Berichts der Zeitung trotz aller Fortschritte letztlich einen strukturellen Rassismus, weil das Unternehmen nicht divers genug sei. Darum sei es dringend notwendig, die Arbeitskultur der „New York Times“ zu verändern – um die Arbeit für alle Mitarbeiter zu verbessern.

Tatsächlich ist man bei der Zeitung schon ziemlich weit vorangekommen: 52 Prozent der Mitarbeiter sind Frauen, 52 Prozent der Führungspositionen sind auch bereits mit Frauen besetzt. 48 Prozent der im vergangenen Jahr neu eingestellten Mitarbeiter waren „people of color“, also nicht weiß, was zu einem Anteil im Unternehmen von 34 Prozent führte; 23 Prozent der Führungspositionen werden von ihnen besetzt. In Führungspositionen unterrepräsentiert seien aber weiter und vor allem nicht weiße Frauen, insbesondere asiatisch-amerikanische Mitarbeiterinnen fühlten sich häufig „unsichtbar“.

Darum hat die Führungsriege der Zeitung verbindliche Ziele gesetzt, was beispielsweise den Anteil von Führungspositionen angeht. Der Veränderungsprozess sei gewaltig und werde viel Zeit, Geld und Energie kosten. Davon verspricht sich das Unternehmen aber nicht nur eine bessere Arbeitskultur, sondern auch entsprechende Zugewinne bei Lesern und Abonnenten. Die Leserschaft der „New York Times“ solle, heißt es ausdrücklich, die „Breite der Gesellschaft“ besser repräsentieren als bisher. Erreicht werde dies beispielsweise über Geschichten, die andere Medien nicht veröffentlichten, weil ihnen dafür die Perspektive fehle; gemeint ist die nicht weiße Perspektive. Es brauche „mehr Stimmen“ und „mehr Perspektiven“.

Selbstkritik als Stärkung des eigenen Systems, so soll es bei der „New York Times“ funktionieren. Weil die Marke so bekannt ist und für die journalistische Arbeit vieler Medienunternehmen eine absolute Referenzgröße ist – der Verlag gibt die Zahl von 7,5 Millionen Abonnenten weltweit an –, wird die Strategie zur Stärkung der Diversität sicher auch entsprechend genau beobachtet. Was in einer diversen und liberalen Gesellschaft wie eine Selbstverständlichkeit daherkommen mag, wird in der Umsetzung vermutlich nicht ganz so einfach sein.

In dem Strategiepapier heißt es beispielsweise, um das Ziel zu erreichen, brauche es klare Regeln für „Normen und Verhaltensweisen“, an die sich die Mitarbeiter halten müssten. Zum Journalismus der Zeitung heißt es auch, man werde Datenanalysewerkzeuge einsetzen, um zu messen, wie gut oder schlecht einzelne Gruppen in der Berichterstattung repräsentiert sind, sowohl als Quellen wie als Protagonisten. Wird dies bedeuten, dass dich Redakteure rechtfertigen müssen, wenn sie, statistisch betrachtet, beispielsweise zu wenig Frauen zu Wort kommen lassen?

Der Bericht erscheint mitten in einer für die „New York Times“ schwierigen Zeit. Gleich mehrere Fälle, in denen Mitarbeiter gehen mussten oder nach Protesten mehr oder weniger freiwillig gingen, wurden öffentlich diskutiert. Zuletzt verließ Alison Roman, die eine Food-Kolumne in der Zeitung schrieb, das Blatt. Sie hatte zuvor zwei sehr bekannte Kolleginnen mit asiatischen Wurzeln – Marie Kondo und Chrissy Teigen – kritisiert, es gehe ihnen vor allem darum, Geld mit dem Verkauf etwa von Kochzubehör zu machen. Nicht die Kritik an sich führte zum Shitstorm (welcher bekannte Journalist will heute nicht auch etwas verkaufen, und sei es ein Buch?), sondern es hieß schnell, Roman habe die Frauen rassistisch beleidigt.

Ein weiterer Fall betraf den anerkannten Wissenschaftsjournalisten Donald McNeil. Der hatte auf einer Studienreise mit Lesern ein rassistisches Schimpfwort benutzt – aber offenbar nur, weil dieses Wort zuvor von einer Teilnehmerin der Reise verwendet worden war, um ihn nach seiner Meinung zu fragen. Nachdem sich rund 150 Mitarbeiter der Zeitung beschwert hatten, schloss sich Chefredakteur Dean Baquet an und sagte, die Verwendung des Wortes sei ohne Berücksichtigung der Intention zu verurteilen. McNeil ging, nach 45 Jahren. Medienbeobachter in den USA attestieren der „New York Times“ wegen solcher Fälle eine Identitätskrise.

Zu diesen Konflikten ist in dem Bericht der Zeitung explizit nichts zu lesen. Die „New York Post“ zitierte dagegen gerade aus einer internen Umfrage bei der „New York Times“, laut der nur 51 Prozent der Mitarbeiter der Aussage zustimmten, es gäbe einen „freien Austausch von Meinungen“ und niemand fürchte sich davor zu sagen, was sie oder er denke. Was heiße, wenn die „Post“-Information zutreffen sollte, dass knapp die Hälfte der Mitarbeiter der „Times“ sich eben nicht traut, offen zu sprechen.

Die Suche nach einer neuen Identität und die These der Identitätskrise – das passt aber zusammen. Beide Entwicklungen werden durch gesellschaftliche Veränderungen vorangetrieben. Und der Journalismus muss sich mit der Frage beschäftigen, ob die Veränderung in den Redaktionen zu anderen Prinzipien der Berichterstattung führen. Oder auch – wie Kritiker befürchten – zu einem aktivistischen Ansatz, der gesellschaftlich wünschenswerte Ziele steckt, dafür aber auf journalistische Neutralität verzichtet. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo nannte die geschilderten Fällen in einem Leitartikel gerade einen „Kulturkampf“, in dem es auch um die Frage gehe, „wann die Tugend der journalistischen Einordnung in Belehrung und Missionierung umschlägt“.

In Deutschland gibt es ebenfalls Fälle von Shitstorms gegen Journalisten, die ihren Ursprung in der identitätspolitischen Debatte haben. So wurde beispielsweise die „Tagesspiegel“-Journalistin Fatina Keilani für einen Kommentar, in dem sie einige Publizisten kritisierte, weil sie aus Antirassismus ein Geschäftsmodell gemacht hätten, vor allem auf Twitter sehr hart angegangen. Auch redaktionsintern wurde sie dem Vernehmen nach heftig kritisiert. Eins ist klar – was bei der „New York Times“ passiert, wird in Redaktionen überall zum kontroversen Thema. Dem muss sich der Journalismus stellen – und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

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