Mit Nachrichten kann man Geld verdienen

Die deutschen Privatfernsehsender haben den Medienwandel lange verschlafen. Bis vor kurzem brummte ihr Kerngeschäft – der Verkauf von Werbeplätzen in den klassischen Kanälen. Die Veranstalter konnten gleichzeitig hohe Renditen erzielen. Ihre digitalen Plattformen behandelten sie aber stiefmütterlich. Das Publikum, welches Fernsehsendungen unabhängig vom fixen Programmraster anschauen wollte, bedienten sie schlecht. Nun geraten sie unter Handlungsdruck. Die Konsumenten verändern zusehends ihr Verhalten, und die Einnahmen aus der Fernsehwerbung fließen nicht mehr so selbstverständlich in die Kassen der Sender. Sie richten sich neu aus, und dabei entdecken sie ein verschmähtes Genre neu: die Nachrichten.

Dieser Tage startete die Mediengruppe ProSiebenSat.1 in Österreich den Nachrichtensender Puls 24. Er dient als Test für ein ähnliches Angebot in Deutschland. Das bedeutet eine Kehrtwende. Vor Jahren hatte ProSieben das Informationsangebot zurückgefahren und 2010 den hauseigenen Nachrichtensender N24 verkauft. Nun sagte der Chef des Konzerns in einem Interview: «Nachrichten, die nicht Fake-News sind, sind von großer Bedeutung in dieser Welt.»

Die RTL-Gruppe – der hochrentable Geschäftszweig von Bertelsmann – setzt auf dasselbe Pferd. Am Mittwoch informierte sie über die Verstärkung ihrer journalistischen Einheiten und zitierte ihre Chefin der Zentralredaktion, Tanit Koch, so: «In einer immer größeren Flut an Information und Desinformation wollen wir die Quelle sein, der die Menschen vertrauen.»

Wer News anbietet, kann also die Glaubwürdigkeit seines Unternehmens stärken. In diesem Sinn startete RTL im Dezember 2018 die News-Site rtl.de, die seit kurzem mit einer Imagekampagne beworben wird. Deren Chefredaktor sagte zum Start in einer Mitteilung geradezu staatsmännisch: «Jeder weiß, dass Nachrichten nicht immer positiv sind. Unser journalistischer Leitgedanke ist es dennoch, immer mit positiver Grundhaltung einen konstruktiven Blickwinkel aufzuzeigen.»

Schaut man sich das real existierende Angebot von rtl.de an, verblasst der Anspruch auf eine sogenannt konstruktive Einstellung. Boulevardeske Beiträge prägen das Angebot. Informationen über einen heimtückischen Mord, den Missbrauch eines Mädchens in einer Wohngruppe, über einen durch einen E-Bike-Akku verursachten Hausbrand oder über fehlgebildete Babys sind eine schlechte Voraussetzung dafür, das Publikum in eine fröhliche Stimmung zu versetzen. Rätselhaft bleibt zudem, wie sich solche Ereignisse «konstruktiv» vermitteln ließen. Gerade die gehäufte Verbreitung von Berichten über Unfälle und Verbrechen trägt dazu bei, dass ein Medienanbieter ein Klima der Negativität schafft.

So oder so kann man aber festhalten: Nachrichten sind ein nützlicher Stoff, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aktualitäten garantieren Action, sie beleben einen Internetauftritt, der ohne sie schnell statisch und langweilig wirkt. Insofern scheint ein News-Angebot auch für nichtpublizistische Websites attraktiv. Für Fernsehsender sind Textnachrichten wiederum ein Lockmittel, das den Aufbau des Online-Geschäfts fördert. Über News lässt sich das Publikum zu hauseigenen Video-Beiträgen lenken, wo ihm Werbespots vorgesetzt werden. Kurz und gut: News mögen nicht besonders rentabel sein, aber ohne sie läuft das Mediengeschäft schlechter.

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