Medienhaus Naspers: Wer steckt hinter dem Konzern, der 31 Prozent am chinesischen Giganten Tencent hält?

Eine Bieterschlacht ist in Gang. Eigentlich schien die Fusion vom niederländischen Lieferdienst Takaway.com und dem britischen Pendant Just Eat so gut wie besiegelt. Plötzlich macht die in Amsterdam ansässige Prosus ein unmoralisches Angebot: 5,7 Milliarden Euro möchte man für den Essenslieferanten bezahlen, der neben dem Vereinigten Königreich auch Märkte in Mittel- und Südamerika bedient. Für Prosus sind das Peanuts: Am 11. September sammelte man über 100 Milliarden Euro an der Amsterdamer Börse ein. Prosus hält bereits Anteile an Delivery Hero. Takeaway.com wiederum ist die Mutter von Lieferando.

Der Kampf um die Vorherrschaft im Liefergeschäft bzw. das versuchte Verhindern einer Fusion zwischen Just Eat und Takeaway.com ist die erste große Initiative von Prosus seit dem Börsengang. Das Unternehmen zeichnet sich durch ein breites Portfolio an Beteiligungen in unterschiedlichen Geschäftsbereichen aus. Neben Lieferdiensten gehören Kleinanzeigen, Payment und das russische Universal-Portal Mail.ru dazu. Doch die wichtigste Beteiligung ist die an Tencent, dem chinesischen Betreiber von WeChat. 31 Prozent von Tencent gehören Prosus und das sind aktuell rund 111 Milliarden Euro. An der Amsterdamer Börse wird etwa ein Viertel des Unternehmens gehandelt. Dreiviertel bleiben bei der Mutter Naspers.

Naspers ist ein Mediengigant in Südafrika – und nicht nur dort. Das über 100 Jahre alte Unternehmen verlegt im Heimatland Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, betreibt Kabelsender und bietet Internet-Zugang und – Dienstleistungen an. Im Fiskaljahr 2019 erwirtschaftete der Konzern 19 Milliarden US-Dollar Umsatz. In Afrikaans, einer der elf Landessprachen, hat die Naspers-Tochter Media24 praktisch ein Monopol.

Und das hat es in sich. Afrikaans war die Sprache der Buren und die wiederum waren bis Mitte der 90er-Jahre die Träger und Befürworter der Apartheid. Das Medium “Quartz” berichtete, dass der erste farbige Reporter bei Media24 von seinem Büro aus zwei Blocks laufen musste, um Waschräume aufzusuchen. Die Toiletten im eigenen Bürogebäude waren ihm verwehrt.

Das ist über zwanzig Jahre her, hängt dem Unternehmen aber bis heute nach. 1995 initiierte Nelson Mandela die TRC (Truth and Reconciliation Commission) mit Pfarrer Desmond Tutu an der Spitze. Die Aufgabe der TRC war es vor allem, Transparenz zu schaffen. Unternehmen sollten ihre Vergangenheit mit dem Apartheidsregime dokumentieren und sich davon distanzieren. Naspers und Media24 hielten sich raus. Erst 2015 entschuldigte sich die damalige Media24-Chefin Esmare Weideman öffentlich für Fehler in der Vergangenheit. Das war präzise ein Jahr, nachdem sich Unternehmenspatriarch Koos Bekker aus dem operativen Geschäft von Naspers zurückgezogen hatte.

Jenseits des medialen Geschäfts verfolgt der Konzern seit 30 Jahren eine umsichtige, internationale Expansionspolitik. Zunächst investierte man in andere Medienhäuser auf dem afrikanischen Kontinent und erweiterte das Kerngeschäft um technische Dienstleistungen. Und Ende der 90er-Jahre begann man strategisch in Internet-Firmen zu investieren, die vor allem Märkte in Schwellenländern bedienen. Neben vielen Fehlinvestitionen waren auch einige Perlen dabei. Der Anteil an Tencent kostete 2001 beispielsweise lediglich 32 Millionen Dollar.

Florian Heinemann, Geschäftsführer von Project-A und ehemaliger CEO von Rocket Internet, hält große Stücke auf das Geschäftsmodell von Naspers. “In Industrieländern wird es immer schwieriger, mit Startups Geld zu verdienen, wenn man nicht entweder sehr schnell skaliert oder eine gute Nische findet. In Schwellenländern ist man im jeweiligen Geschäftsfeld oft noch der Einzige”, so der Berliner.

Er lernte Koos Bekker kennen, als zur Debatte stand, ob sich Naspers an Project-A beteiligt. Während Naspers aber das Investment in fertige Geschäftsmodelle und bereits wachsende Startups favorisierte, lag Heinemanns Fokus auf Inkubation. “Wir wollen den Startups, in die wir investieren, mit unseren Ressourcen und unserer Erfahrung helfen.”

“Ich war sehr beeindruckt vom Charisma von Bekker. Ich will nicht sagen, dass er und sein Team aggressiv auftraten, aber sie waren sehr klar und willensstark. Da war viel Testosteron im Spiel”, erinnert er sich. Seiner Auffassung nach verfolgt Naspers mit der Ausgründung von Prosus vor allem das Ziel, den Kapitalmärkten mehr Stabilität in Sachen Währungsschwankungen zu signalisieren. Außerdem sei der aktuelle Chef, Bob van Djik, “eben” Niederländer.

Er erwartet nicht, dass Prosus verstärkt im operativen Bereich innerhalb Europas sichtbar wird. “Bei Beteiligungen in international tätige Unternehmen, nehmen sie das Europa-Geschäft mit. Der Kernfokus bleibt aber vermutlich bei den Emerging Markets”, glaubt Heinemann.

Das mit dem Testosteron fehlt Deutschland in Sachen Investitionen im Tech-Sektor. “In den Pensions- und Rentenkassen ist so viel Kapital gebunden, das sollte man hinterfragen”, sagt der Berliner. Für Heinemann fehlt es zwar nicht an Kapital, doch viel kommt aus dem Ausland und dahin wandert auch die Wertschöpfung, wenn das jeweilige Unternehmen erfolgreich ist. Privat würde Florian Heinemann in Prosus investieren. “Die Strategie ist gut. Es kommt darauf an, wie das gemanagt wird.”

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