Hast du eine Zeitung, bist du jemand

Millionäre und Milliardäre kaufen Zeitungen. Sie tun es aus gemeinnützigen Gründen, sagen sie. Eitelkeit und Eigeninteresse spielen auch mit. Wer Medien besitzt, gewinnt Glanz und Gloria.

Ein gequälter Seufzer war am Dienstag unter Medienleuten zu vernehmen. Warum, um Himmels willen, jemand heutzutage noch einen Presseverlag kaufe, fragten einige, als sie die Nachricht hörten, ein Unternehmerpaar wolle die Berliner Zeitung erwerben. Zweifellos gäbe es rentablere Investitionsobjekte. Doch Silke und Holger Friedrich, die künftigen Eigentümer, stehen mit ihrem Engagement keineswegs als Exoten da. Die Krise der Presse hat etliche Quereinsteiger angelockt, die in anderen Industriezweigen zu Geld kamen.

Das prominenteste Beispiel ist die «Washington Post», wo im Jahr 2013 der Amazon-Gründer das Steuer übernahm und die ratlose Besitzerfamilie von ihren Sorgen befreite. Jeff Bezos wie auch Holger Friedrich sind im Technologiesektor aufgestiegen; dasselbe gilt für den Tech-Milliardär Marc Benioff, der den Cloud-Computing-Anbieter Salesforce aufbaute und vor einem Jahr das «Time Magazine» kaufte. Oder die Witwe des Apple-Mitbegründers Steve Jobs, die das Politikmagazin «The Atlantic» kontrolliert sowie bei den Medien «Axios», «Pop-up» und «Sunday Magazine» einstieg.

Die Neureichen des IT-Sektors können sich das nicht nur leisten, ihre Engagements beruhen auch auf einer industriellen Logik. Die technischen Entwicklungen trieben die klassischen Medienanbieter in die Krise, die nun vom Wissen und von den Marketingfähigkeiten der neuen Besitzer profitieren können.

Es interessieren sich nicht nur IT-Unternehmer für die Medienbranche – Millionäre und Milliardäre aus anderen rentablen Branchen zeigen ebenfalls ein Herz für den Journalismus. Der im Pharmasektor aufgestiegene Chirurg Patrick Soon-Shiong erwarb Anfang 2018 die «Los Angeles Times». In der Schweiz unterstützt die Roche-Erbin Beatrice Oeri alternative Medienangebote, Christoph Blocher wurde zum Grossverleger von Gratisblättern.

Privatbankier rettet Linke

In Paris rettete vor vierzehn Jahren der Privatbankier Edouard de Rothschild das im linksalternativen Milieu geborene Blatt «Libération» vor dem Untergang. Er ist dessen Hauptaktionär. Bei der kriselnden, lange Zeit selbstverwalteten «Le Monde» übernahmen 2010 der Modeunternehmer Pierre Bergé, der Banker Matthieu Pigasse sowie der Internetunternehmer Xavier Niel das Steuer. Nun ist die Redaktion in Aufruhr, weil sich der im Handels- und im Energiebereich aufgestiegene Tscheche Daniel Kretinsky einkaufte. Die Belegschaft sieht die redaktionelle Unabhängigkeit in Gefahr.

Nach dem Fall der Mauer entdeckten auch Oligarchen ihre Liebe zur Medienbranche. Der Russe Alexander Lebedew etwa übernahm die defizitäre britische Zeitung «The Independent» und erwarb den Londoner «Evening Standard». Alexander Pugatschew wiederum engagierte sich beim Blatt «France Soir».

Im Osten eroberten Oligarchen ohnehin eine starke Position im Mediensektor – klar mit der Absicht, politischen Einfluss zu gewinnen. In den demokratischen Staaten des Westens machen die Neuverleger gemeinnützige Motive geltend. Sie wollen dazu beitragen, die Gesellschaften mit verlässlichen Informationen zu versorgen. Bei einigen Investitionen spielen gewiss Eitelkeit und Eigeninteresse mit. Wer Medien besitzt, gewinnt Glanz und Gloria, verschafft sich den Nimbus von Macht. Dafür verzichtet man auf hohe Renditen. Die Marktgesetze werden aber auch Mäzene nicht ignorieren können.

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