Gewinneinbruch bei Amazon verschreckt die Wall Street

Jeff Bezos ist seit 24.10. nicht mehr der reichste Mensch der Welt. Ein schwerer Kurssturz bei Amazon kostete ihn den Titel, Erholung ist nicht in Sicht.

Amazon-Gründer und Vorstandschef Jeff Bezos hat immer wieder betont, er werde in die langfristige Zukunft von Amazon investieren, auch wenn es kurzfristig wehtun sollte – Investoren eingeschlossen. Seit April arbeitet der Weltmarktführer im Onlinehandel und größte Cloudcomputing-Anbieter der Welt an der Strategie, so vielen seiner zahlenden Prime-Kunden wie möglich die Lieferung der bestellten Ware schon am Folgetag zu ermöglichen. Dafür investiert das Unternehmen Milliarden in Logistik, Warenhäuser, Frachtflugzeuge, Prozessoptimierung und Mitarbeiter.

Nun hat Bezos die Rechnung dafür präsentiert. Eine Rechnung, die der Wall Street deutlich übler aufgestoßen ist als erwartet. Nach der Veröffentlichung der Zahlen zum dritten Quartal 2019 brach der Aktienkurs nachbörslich zeitweilig um mehr als neun Prozent ein. Zuletzt lag er um gut sechs Prozent niedriger bei 1660 Dollar. Die Aktionäre verloren in der Spitze bis zu 80 Milliarden Dollar Börsenkapitalisierung.

Während der Umsatzanstieg mit plus 24 Prozent auf 70 Milliarden Dollar noch den Erwartungen entsprach, verhagelten die Kosten zur Umrüstung der Liefer- und Lagerstrukturen den Nettogewinn. Dazu kam ein unerwartetes Problem: Die Cloudcomputing-Tochter AWS, die mehr als 66 Prozent zum operativen Gewinn des Konzerns beisteuert, zeigte ein weiter verlangsamtes Wachstum. Ein Problem, das am Vortag bereits Konkurrent Microsoft getroffen hatte, aber AWS erwischte es noch härter.

Der Nettogewinn von Amazon sank im Quartal auf 2,13 Milliarden Dollar. Im Vorjahr waren es noch 2,88 Milliarden Dollar. Es ist das erste Mal seit Anfang 2017, dass der Nettogewinn im Jahresvergleich der Quartale zurückgeht.

Für das laufende vierte Quartal – Weihnachtszeit eingeschlossen, in dem der Handel einen Großteil von Umsatz und Gewinn erzielt – wird nur noch mit einem operativen Gewinn von 1,2 bis 2,9 Milliarden Dollar gerechnet. Die Zeiten, in denen der Nettogewinn sich wieder der Nulllinie nähern könnte, hatten die Anleger eigentlich schon vergessen. Jetzt sind sie zurück.

Das Weihnachtsquartal wird nach Prognosen des Konzerns auch nicht mehr so kräftig den Umsatz steigern wie früher. Er wird auf 80 bis 86,5 Milliarden Dollar geschätzt. Das träfe im besten Fall nicht einmal die Schätzungen der Wertpapierexperten, die die Messlatte auf 87 Milliarden Dollar legen wollten.
Rückschläge beirren Bezos nicht

Wie sehr der Totalumbau im Handelssystem das Ergebnis belastet hat, zeigen zwei weitere Zahlen. Im dritten Quartal stiegen die operativen Ausgaben um 26 Prozent auf 66 Milliarden Dollar, so stark wie seit einem Jahr nicht mehr. Die Versandkosten schossen um 46 Prozent auf 9,6 Milliarden Dollar in die Höhe.

Finanzvorstand Brian Olsavsky machte im Analystengespräch zudem klar, dass das nicht die einzige Baustelle im Unternehmen ist. Weiterhin wird mit Hochdruck in die hochprofitable Cloud-Tochter AWS investiert, teure Rechenzentren werden gebaut oder gemietet, es wird in Marketing und Vertrieb für das Hardwaregeschäft und die Videotochter Prime investiert. Die Zahl der Voll- und Teilzeitkräfte weltweit stieg im Jahresvergleich um 22 Prozent auf rund 750.000.

Der Umsatz bei AWS, die Cloud-Infrastruktur und -Services an Firmen verkauft, kletterte zwar weiter um 35 Prozent auf knapp neun Milliarden Dollar. Doch das lag unter den Prognosen von 9,19 Milliarden Dollar. Microsoft hatte am Vortag ein Umsatzplus von 59 Prozent für sein Konkurrenzangebot Azure bekannt gegeben. Die Nummer zwei im Markt holt also immer weiter auf und auch Google zeigt hier aggressives Wachstum. Der Amazon-Konkurrent will am 28. Oktober seine Quartalszahlen präsentieren.

Doch die aktuellen Rückschläge beirren Jeff Bezos nicht. „Die Kunden lieben die Umstellung von Zwei-Tages-Lieferung auf Lieferung am nächsten Tag.“ Es seien bereits Milliarden von Produkten mit kostenloser Lieferung am Folgetag geordert worden. „Es ist ein gigantisches Investment und es ist aus Kundensicht langfristig genau die richtige Entscheidung.“ Die Prime-Kunden zahlen eine einmalige Jahresgebühr und damit sind alle Liefergebühren abgegolten.

Zumindest eines kann man Jeff Bezos dabei nicht vorwerfen: Er lässt nicht nur andere bezahlen für das, was er zu verantworten hat, sondern trägt auch persönlich die Konsequenzen. Laut dem Milliardärs-Index von Bloomberg lag sein Buchvermögen am Donnerstagabend, auf dem Tiefststand der Amazon-Aktie, um fünf Milliarden Dollar unter dem von Microsoft-Mitgründer Bill Gates, der damit wieder an der Spitze liegt. Doch Jeff Bezos setzt auf eine langfristig orientierte Strategie.

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