Facebook-Investor McNamee rechnet mit den US-Tech-Konzernen ab

Roger McNamees Wandel ist durchaus bemerkenswert, hat er doch vom System rund um Facebook jahrelang profitiert. Mittlerweile ist er aber einer der größten Kritiker und mahnt die Marktmacht der US-Tech-Konzerne an. So auch am zweiten Tag der Dmexco, wo der den Besuchern ins Gewissen redete – und eine Werbelegende ihm in manchem Punkt widersprach.

Im Januar 2016 hatte er erste Zweifel bekommen, also bereits einige Monate vor der US-Präsidentschaftswahl, in der auch Facebook eine nicht unwichtige Rolle spielte, erzählte Roger McNamee im Gespräch mit Edward Roussel, Chief Innovation Officer bei Dow Jones. Dies war der Beginn seiner Reise vom Cheerleader zum Abtrünnigen, der vor den sozialen Gefahren von Facebook, Google, Amazon & Co. warnt.

Sehr schlaue Leute mit großen Träumen, so McNamee

Auf der Congress Stage erzählte der kalifornische Risikokapitalgeber und einer der frühen Facebook-Investoren von seinen Bedenken gegenüber den US-Tech-Firmen – und warum sich die in Köln versammelte Branche große Sorgen um ihre Zukunft machen sollte. Er wisse natürlich nicht, ob er Recht behalte, aber er verfolge die Unternehmen seit langer Zeit. Facebook, Amazon, Google & Co. offerierten niedrige Preise und Bequemlichkeit für die Nutzer. Es handele sich um schlaue Leute, die ihre großen Träume in einem unregulierten Markt verfolgen können.

“Ich kann verstehen, wie toll die Tech-Konzerne für euch sind. Allerdings werden sie euch in naher Zukunft nicht mehr brauchen. Darüber mache ich mir Sorgen.” Damit spielte er darauf an, dass sich die Konzerne mit neuen Geschäftsbereichen immer breiter und tiefer aufstellen. Man blicke nur auf Google im Transportwesen oder im Finanzbereich auf Facebook (Stichwort Libra). Warum, so seine These, sollten sie dann vor dem Marketing- und Agenturbereich Halt machen?

Außergewöhnlich ist McNamees Wandel vor allem wegen seiner Vergangenheit, denn er hat durchaus eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Facebook gespielt. Dem CEO Mark Zuckerberg hat er 2006 davon abgeraten, sein junges Unternehmen für eine Milliarde Dollar an Microsoft zu verkaufen. Und er hat ihm seine Geschäftsführerin Sheryl Sandberg vermittelt.

Derzeit führt er gemeinsam mit U2-Sänger Bono die Investment-Firma Elevation Partners. Seine These, dass Facebook die größte Gefahr unserer Zivilisation sei, hat er in dem Buch “Zucked” auf über 300 Seiten festgehalten, das im Dezember auf Deutsch erscheint. Zum Erscheinen der englischen Ausgabe gab es im Frühjahr bereits ein ordentliches Medienecho.

Auf der Dmexco-Bühne rief er dem Publikum zu, dass die Entwicklungen in der Branche schlecht für die gesamte Wirtschaft seien. Facebook, Google & Co. seien nicht Freunde, sondern letztlich Monopolisten. Derzeit würden die Tech-Firmen und ihre Algorithmen die Regeln festlegen. “Es muss mehr Alternativen geben”, forderte der Kritiker, “deshalb müssen sich unsere Regierungen dafür einsetzen.”

Sir Martin Sorrell widerspricht seinem Vorredner

Mit seiner scharfen Kritik wird McNamee sicher nicht alle Gäste vor der Congress Stage überzeugt haben, wenngleich die Marktmacht der US-Unternehmen unbestritten ist. Schade, dass sich der Abtrünnige nicht mit einem Vertreter von Facebook, Google oder Amazon zu den Themen Datenschutz und Marktmacht austauschen durfte.

Interessant wäre zudem an vielen Stellen ein Gespräch zwischen McNamee und Sir Martin Sorrell gewesen, der direkt im Anschluss auf die Bühne der Dmexco kam und von Ex-“Bild”-Chefredakteur und Storymachine-Mitgründer Kai Diekmann interviewt wurde. Dort ging es freilich um seine Zeit bei seinem früheren Arbeitgeber sowie den Veränderungen im Werbe- und Agenturgeschäft.

Der britische Unternehmer hatte 1986 die Werbeholding WPP gegründet und leitete diese als CEO bis 2018, bevor er wegen “persönlichen Fehlverhaltens” das Unternehmen verlassen musste. Mittlerweile ist er Chef von S4 Capital, die bald in Deutschland starten soll, wie Sorrell im Gespräch verriet.

“Facebook und Google verstehen langsam, dass sie verantwortlich sind”

Er sieht das Verhältnis mit den “Frenemies” jedenfalls deutlich entspannter als sein Vorredner. “Ich glaube nicht, dass sie Agenturen ersetzen wollen.” In dieser Hinsicht sehe er bei den US-Unternehmen keine Bestrebungen. “Sie wollen nicht ins Lager der Dienstleister wechseln”, sagte er und nahm damit Bezug auf McNamees Thesen. Bezüglich der viel kritisierten Datenmacht widersprach Sorrell dem Facebook-Investor ebenfalls. Die Masse an Zahlen und Informationen sei durchaus eine enorme Hilfe für Agenturen und die Kreation.

Dennoch, die Macht sei groß und daher könne den Tech-Konzernen das Schicksal einer Zerschlagung ereilen. Allerdings erläuterte Sorrell mit Blick auf die Rolle der US-Konzerne in der Wirtschaft und Demokratie: “Facebook und Google sind nicht taub hinsichtlich der Probleme. Sie verstehen langsam, dass sie verantwortlich sind.”

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