Wem die Generation Z in der Krise am meisten vertraut

Während die Virus-Pandemie sich verschärfte, wuchs auch in der Generation Z die Angst. Doch jetzt gewinnt sie plötzlich Zuversicht – auch, weil ihr Vertrauen in die etablierten Strukturen erwacht. Allerdings offenbart sich bereits der Wankelmut der Jugend.

Es steht ernst um die sogenannte Generation Z, also um jene jungen Menschen, die seit 1995 geboren wurden. Sie suchen in diesen Tagen Halt. Die Coronavirus-Pandemie ist für viele von ihnen die erste große Krise ihres Lebens. Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York haben viele noch nicht erlebt, die Wirtschafts- und Finanzkrise vor rund einem Jahrzehnt ging in der Pubertät unter.

Da ergreift man während der Pandemie gerne den Strohhalm der Zerstreuung, etwa beim wohl größten Comeback der Corona-Krise für den Nachwuchs: Seit einigen Tagen sind Lisa und Lena zurück im sozialen Netzwerk TikTok.

Die 17-jährigen Zwillinge sind Weltstars unter den Teenagern, mit 13 Jahren luden sie ihr erstes Video auf der Vorgängerplattform von TikTok hoch. Im April 2019 verschwanden sie dann – auch weil sie dem chinesischen Unternehmen ByteDance misstrauten, dass hinter dem Handyprogramm steckt. Jetzt sind sie zurück und die Corona-geplagte Nutzerschaft dreht durch: Binnen 24 Stunden scharten sich 2,1 Millionen Anhänger um die beiden Mädchen.

Der Andrang auf den Account der Zwillinge ist ein Sinnbild dafür, wie die Generation Z mit dem Virus umgeht. Das Reuters Institute der Universität Oxford wollte kürzlich in einer repräsentativen Studie in sechs Ländern, darunter Deutschland, wissen, wie verschiedene Generationen mit der Pandemie umgehen.

Das Ergebnis: Der Drang nach Ablenkung ist immens. 54 Prozent der Generation Z suchen online häufiger nach witzigen Bild- und Videomontagen, sogenannten Memes. 52 Prozent schauen lustige Videos. Auch hier sticht TikTok besonders hervor: Allein im ersten Quartal 2020 wurde das chinesische Programm 315 Millionen Mal heruntergeladen – ein Weltrekord.

Vertrauen in die Regierung

Die Suche nach Zerstreuung dürfte auch daher rühren, dass die Generation Z in den vergangenen Wochen zunehmend mehr Angst vor der Pandemie bekam.

Das geht aus Befragungen des Augsburger Instituts für Generationenforschung hervor. Von März bis Mai interviewten die Forscher knapp 4000 Teilnehmer. Die Ergebnisse liegen WELT exklusiv vor.

Die Erkenntnis: Die Generation Z verlor drastisch an Optimismus. Im März erklärten noch 90 Prozent der „Z’ler“, sie würden die Krise als Chance empfinden. Drei Wochen nach den Ausgangsbeschränkungen, am 14. April, waren nur noch 68 Prozent dieser Meinung.

Die Einführung der Maskenpflicht und Lockerungen des fast vollständigen Shutdowns brachten auch den Optimismus zurück: 83 Prozent blickten wieder positiv in die Zukunft.

Der neue Optimismus der Jugend dürfte auch daher kommen, dass sie der Bundesregierung und den Ländern weitestgehend vertraut, wenn es um die Bekämpfung der Pandemie geht. Im Großen und Ganzen regele das politische Führungspersonal die Pandemie gut, sagten 51 Prozent der Befragten bei der dritten Umfrage des Instituts im Mai. Bei der ersten Befragung im März waren nur 13 Prozent dieser Meinung.

Dass die Regierung überfordert oder die Arbeit der Politiker nicht vertrauenerweckend ist, meinen dennoch rund 20 Prozent der Jugend. Deutlich größer ist das Misstrauen bei den Generationen X (1965 – 1979) und Y (1980 – 1994): Hier halten 35 beziehungsweise 28 Prozent die Regierung für überfordert oder die Maßnahmen für nicht zielführend.

„Kein fundiertes Allgemeinwissen“

Allerdings unterscheiden sich die Ergebnisse zwischen den Bundesländern sehr stark, betrachtet man alle Generationen. Jeder zweite Teilnehmer aus Westdeutschland ist grundsätzlich mit dem Regierungshandeln zufrieden, nur jeder Zehnte spricht von Misstrauen.

In Ostdeutschland indes halten sich Befürworter und Zweifler nahezu die Waage: 30 Prozent bewerten die Bundesregierung als kompetent, 26 Prozent vertrauen der Politik und ihren Entscheidungen nicht mehr.

Das dürfte vor allem an den historischen Erfahrungen älterer Generationen liegen, sagt Studienleiter Rüdiger Maaß: „Bei dem Entzug von Grundrechten wie Versammlungsfreiheit oder Bewegungsfreiheit haben gerade die älteren Mitbürger aus Ostdeutschland ein Déjà-vu an die Zeit der DDR.“

Doch trotz des Zutrauens des Nachwuchses glauben aktuell fast 16 Prozent der Generation Z an eine Corona-Verschwörung und erklären, hinter dem Virus stecke „ein größerer Plan“. Im Vergleich zur zweiten Studie von Mitte April sind die jüngsten Umfrageteilnehmer die einzige Altersgruppe, in der bei dieser Frage eine wachsende Zustimmung zu verzeichnen ist.

„Eine Kohorte wie die Generation Z, die sich bei ihrem Wissen oft auf Google oder Wikipedia beruft, baut kein fundiertes Allgemeinwissen auf“, erläutert Maaß. Genau das sei jedoch die Voraussetzung, um die globalen Folgen einer Pandemie in ihrer Komplexität zu durchdringen.

Laschet am unglaubwürdigsten

Denn: „Die Lage wirkt für viele zurzeit zu surreal. Viele haben das Gefühl, dass sich jede Woche die Richtung ändert, dadurch nimmt die Regierung nicht mehr alle mit.“ Kombiniert mit den Kanälen, auf denen die Generation Z sich informiert, kann das zu einer gefährlichen Mischung werden:

„Die Corona-Krise bietet für viele B- und C-Promis sowie neue Corona-Promis eine Bühne, sich in Szene zu setzen und ebenfalls die Medien zu befeuern.“ Denn, sagt Maaß: „Vor allem in den sozialen Medien bilden sich viele der Generation Z ihre Meinung.“ Das verunsichert sie zusätzlich.

Deshalb sehnt sich der Großteil der jungen Menschen nach politischen Konstanten: Das Misstrauen etwa in Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist gering. In der Generation Z zweifeln aktuell nur sieben Prozent an ihr. Geringer ist die Skepsis nur gegenüber Finanzminister Olaf Scholz (SPD).

Kritischer betrachten die „Z’ler“ zwei CDU-Ministerpräsidenten: Markus Söder misstrauen 23 Prozent, Armin Laschet hält jeder Dritte aus der Generation Z für unglaubwürdig – der schlechteste Wert.

„In Krisenzeiten kann die Bindung an die jeweilige Politik steigen“, sagt Psychologe Maaß. Menschen vertrauten dabei anfangs eher autoritären Personen – „mit Machermanier à la Söder“.

Allerdings, und das erkläre das Misstrauen der Jugend, sei der Nachwuchs nicht mehr gewöhnt, „dass jemand ihnen vorschreibt, wo es langzugehen hat, ohne Diskussion auf Augenhöhe“, sagt Maaß.

„Nährboden für Populisten“

Und ohnehin: Mehr als Politiker sorgen bei Jüngeren Virologen für Vertrauen, sie sind während der Pandemie beinahe zu Ikonen geworden. Allen voran: Christian Drosten, dessen Wissenschaftspodcast, den er zusammen mit dem NDR aufnimmt, besonders in den Generationen Y und Z gut ankommt. Drosten halten beachtliche 56 Prozent der Generation Z für besonders glaubwürdig.

Zum Vergleich: Seinen Standeskollegen Alexander Kekulé, Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit vertrauen jeweils nur knapp sechs Prozent aller Befragten.

Wird die Generation Z damit also zu podcasthörenden Dauerfans der Bundesregierung? Generationenforscher Maaß glaubt nicht daran. Kurzfristig werde das Vertrauen in Bekanntes zwar gestärkt, doch Stimmung und Gemütslage änderten sich bei den Befragten fast wöchentlich. Und Grün stünde noch immer hoch im Kurs.

„Das Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen wird jedoch nach der Krise stark wachsen, wenn auch die Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit sichtbar zunehmen“, sagt Maaß. Und bei allem Vertrauen der „Z’ler“ ins kurzfristige Krisenmanagement: „Dies wird einen Nährboden für Populisten bieten und somit auch einen erneuten Wählerverlust für die etablierten Parteien bedeuten“ – das schließt die Generation Z ein.

Disney kämpft gegen die Corona-Krise

Kaum ein Medienunternehmen ist so massiv von der Corona-Pandemie betroffen wie Branchenschwergewicht Disney. Um sich gegen die Krise zu wappnen, macht das 97 Jahre US-Unternehmen nun so viel neue Schulden wie noch nie. Gleich 11 Milliarden Dollar frische Mittel nimmt Disney am Bondmarkt mit Anleihen auf, die bis ins Jahr 2060 reichen. Schneller in der Gegenwart kommt unterdessen der neue Streaming-Dienst Disney+ an, der bereits im Juli die eigentlich für 2021 geplante Verfilmung des Musical-Hits „Hamilton“ zeigen will.

Der dreifache Punch hat schwere Wirkungstreffer hinterlassen. In der Corona-Krise bricht Disney im Fernsehgeschäft die Werbung weg, Kinostarts müssen verschoben werden, und obendrein sind die hochprofitablen Themenparks im größten Teil der Welt geschlossen.

Die Folgen waren in der vergangenen Woche zu besichtigen. Das Dow Jones-Mitglied musste bei Vorlage der Geschäftsbilanz für das abgelaufene März-Quartal einen erdrutschartigen Gewinneinbruch von über 90 Prozent verkraften.

Wochen zuvor hatte Disney sogar einer historischen Wachablösung in der Medienindustrie zusehen müssen: Netflix zog an der Wall Street nach dem Börsenwert am langjährigen Branchenprimus vorbei und darf sich seit Mitte April nicht mehr wertvollster Medienkonzern der Welt nennen.

17 Milliarden Dollar neue Schulden in der Corona-Krise

Um sich für die Corona-Krise und ihre wirtschaftlichen Folgen zu rüsten, ist der 97 Jahre alte Unterhaltungsgigant nunmehr auf dem Bondmarkt aktiv geworden und hat gleich sechs neue Anleihen mit Fälligkeit zwischen Januar 2026 und Mai 2060 aufgelegt, wie aus einer Pflichtmeldung bei der US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht, die dem Branchenportal The Wrap vorliegt.

Durch die sechs Unternehmensanleihen türmen sich neue Schulden in Rekordhöhe auf: gleich elf Milliarden Dollar fließen auf die Konten des Filmpioniers – “für allgemeine Geschäftszwecke”, wie es in der Pflichtmitteilung hieß. Dazu zählt u.a. die Bedienung von Altschulden, die durch die teuer – und zur Hälfte in bar – bezahlte Übernahme der Großteile von 21st Century Fox in schwindelerregende Höhen von über 50 Milliarden Dollar angewachsen ist.

Seit dem Ausbruch der Corona-Krise im März hat Disney den Bondmarkt in drei Tranchen insgesamt über 17 Milliarden Dollar – und damit so viel wie kein anderes Medien- oder Tech-Unternehmen – angezapft, wie Branchenblatt Variety dokumentiert.

Disneyland in Shanghai öffnet wieder

Vorsichtig gute Nachrichten kamen dagegen aus Asien, wo die Corona-Pandemie zu Jahresbeginn ihren Anfang genommen hatte. Die seit Ende Januar geschlossenen Themenparks beginnen im Fernen Osten wieder zu öffnen.

Am 12.05. öffnete Disneyland Shanghai, Disneys größter Themenpark in Asien, nach dreieinhalb Monaten Pause wieder seine Pforten – wenn auch nur auf Sparflamme mit 30 Prozent der früheren Kapazitäten. “Wir werden bei Wiedereröffnungen unserer Themenparks sehr konservativ vorgehen”, erklärte der neue Disney-CEO Bob Chapek gestern. Wann die Disneyland-Themenparks in der westlichen Welt wieder eröffnen sollen, ist weiter offen.

“Hamilton”-Verfilmung startet im Juli auf Disney+

Fakten schuf Disney unterdessen bei seinem neuen Streaming-Dienst, der es knapp ein halbes Jahr nach seinem Start bereits auf über 54 Millionen Abonnenten bringt. Statt wie ursprünglich geplant im Herbst 2021 zeigt Disney die Verfilmung des Musical-Hits “Hamilton” über das Lebens des amerikanischen Gründungsvaters Alexander Hamilton nunmehr bereits am 3. Juli – und zwar exklusiv auf Disney+.

“Der Schritt unterstreicht, dass sich das Filmstudio in einer Zeit, in der das Filmgeschäft durch die Pandemie zunehmend lahmgelegt ist, zunehmend auf Disney+ verlässt”, ordnete Variety ein. “Hamilton” ist nicht der einzige Film, der eigentlich für das Kino produziert wurde und nun für den Streaming-Dienst vorgezogen wird. Im Juni soll die Verfilmung der Romanserie “Artemis Fowl”, die eigentlich im Mai in die Kinosälen kommen sollte, nunmehr auf Disney+ zu sehen sein.

ARD-Anstalten streiten um Investitionen in den Osten

Aktuell dreht sich der interne Zoff um eine neue digitale ARD-Kulturplattform, die nach Halle in Sachsen-Anhalt soll. Das würde einige Jobs ins Ost-Bundesland bringen, den lokalpatriotischen Stolz anfeuern (der öffentlich-rechtliche Kika sitzt im thüringischen Erfurt, der MDR in Sachsen) sowie letzte Widerstände gegen die für 2021 geplante Erhöhung des monatlichen Haushaltsbeitrags um 86 Cent auf 18,36 Euro ausräumen.

Die neue Zahllast hatten die Ministerpräsidenten der Länder zwar im März beschlossen, Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt aber enthielt sich. Im Magdeburger Landtag ist der Widerstand gegen die 18,36-Euro-Lösung bei allen Parteien groß, bis auf die Grünen.

In zwei Briefen an die Intendanten von ARD, ZDF und Deutschlandradio beschrieb Haseloff offen, was er erwarte: striktes Sparen, inklusive einer Senkung der Chefgehälter, sowie die Ansiedlung „programmbezogener Gemeinschaftseinrichtungen“ in Sachsen-Anhalt.

Dieses Manöver wiederum treibt Ex-Regierungssprecher Wilhelm auf die Barrikade. Offiziell erklärt sein Sprecher zwar nur: „Es trifft nicht zu, dass der BR grundsätzlich gegen eine Ansiedlung von Gemeinschaftseinrichtungen in den östlichen Bundesländern ist.“ Hinter den Kulissen aber ist zu hören, dass der seit 2011 amtierende Mann an der Spitze die Avancen Haseloffs als Erpressung werte.

Die Festsetzung des Rundfunkbeitrags müsse frei von medienpolitischen Zwecksetzungen erfolgen, heißt es intern, aus grundsätzlichen Erwägungen lehne es der BR deshalb ab, ein „Junktim“ zwischen Geld und Standort zu akzeptieren. Die Juristen dort merken an, dass die unabhängige Kommission KEF den Betrag von 18,36 Euro ermittelt habe – und dass laut Bundesverfassungsgericht die Annahme einer solchen KEF-Empfehlung nicht mit Bedingungen verknüpft werden dürfe.

Bekannt ist auch, dass BR-Chef Wilhelm im Zweifel lieber beim Gemeinschaftsprogramm der ARD spare als im eigenen Haus, wie Vertraute berichten. Die regionale Identität fördert etwa die neue digitale „BR-Kulturbühne“.

Für den amtierenden ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow, 61, vom WDR und seine Mitstreiter ist das gefährliches Sperrfeuer. Man versteht sich hier als „Pragmatiker“ – die nun einen „Ideologen“, manche reden sogar von „Systemsprenger“, überzeugen müssten, heißt es im Umfeld einer ARD-Anstalt.

Notfalls Start in Halle ohne die Bayern

Man sei es langsam leid, dass es immer „acht gegen eins“ stehe. Wilhelm habe in Bayern doch auch schon politische Konzessionen machen müssen. Notfalls müsse man die vom MDR gesteuerte neue Kulturplattform in Halle halt ohne die Bayern starten.

Der BR erklärt, die seit Langem diskutierten Ost-Aktivitäten zu unterstützen – und schlägt eine zentrale Sportabwicklung (mit Sichtbarkeit im Programm) sowie ein Zentrum für programmnahe Software vor, was die digitale Leistungsfähigkeit steigern würde.

Beim Thema Kultur hätten die Intendanten erst im Dezember beschlossen, die zentrale Mediathek und Audiothek entsprechend zu stärken. Zudem habe jeder Sender einen eigenen Online-Kulturauftritt oder denke darüber nach.

Man sieht, auch nach dem Showdown von Siegburg gilt ein altes Bonmot des CSU-Übervaters Franz Josef Strauß: „In Bayern gehen die Uhren anders.“

Drehen mit und nach Corona: Nachruf zu Lebzeiten

Ältere Schauspieler sind in der Coronakrise besonders betroffen: Werden über 60-Jährige aus Drehbüchern gestrichen, weil sie zur Risikogruppe zählen? Davor warnt Renan Demirkan in einem offenen Brief.

Es sterben ja immer mal Menschen, die man nicht persönlich, aber aus dem Fernsehen kennt. Man fand sie gut und hat sie gern gesehen, nun steht plötzlich ein Nachruf in der Zeitung. Das schmerzt. Wie soll es weitergehen mit dem „Großstadtrevier“ ohne Jan Fedder, mit dem Familienfilm ohne Hannelore Elsner, und es gibt doch Rollen, die nur Dieter Laser spielen könnte. Man vermisst die Toten, man vergisst sie aber auch.

Neue Charakterköpfe treten an ihre Stelle, the show must go on. Manchmal kommt ein Film zum Beispiel mit Hannelore Elsner noch mal ins Programm, und dann erinnert man sich. So schnell sterben Schauspieler im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ihrer Kunst dann doch nicht. Während die Show weitergeht, fährt der Tod dazwischen, aber das Gedächtnis des Publikums hebt seine Lieblinge auf. Ein normaler Vorgang, sozialverträglich und systemrelevant. Die Versöhnung mit unser aller Sterblichkeit sollte überall stattfinden, auch im Fernsehen.

In der Coronakrise ist die Sterblichkeit ein großes Thema geworden. Wir werden TV-Filme zu sehen bekommen, die von Seuchen handeln, vielleicht auch (Neu-)Verfilmungen der großen Werke über die Pest von Boccaccio oder Manzoni. Bitte gerne. Doch wie werden die Drehbücher aussehen? Werden darin alte Damen und würdige Greise auftauchen, nachgebildet also in etwa der Hauptzielgruppe unserer öffentlich-rechtlichen Sender?

Die Autorin und Schauspielerin Renan Demirkan hat einen offenen Brief an ihren Landesvater Armin Laschet geschrieben und ihn gebeten, dafür zu sorgen, dass auch alte und ältere SchauspielerInnen weiterhin Rollen erhalten. Der 64-Jährigen war zu Ohren gekommen, dass man sich in den Sendeanstalten Gedanken darüber mache, die alte Garde der darstellenden Kunst möglichst nicht mehr zu beschäftigen, denn sie gehöre ja zu einer Hochrisikogruppe, deren Ausfall niemand bezahle.

Man stelle sich vor, das Drehbuch für den Mehrteiler „Corona“ ist fertig, die Dreharbeiten haben begonnen, und der betagte Star, der darin einen kämpferischen Virologen spielt, gibt auf einer Intensivstation den Löffel ab. Katastrophe! Der ganze Film muss neu konzipiert werden, die Verluste gehen in schmerzhafte Höhen. Keine Versicherung, die sich selbst als Wirtschaftsunternehmen versteht, wird so einen Schadensfall abdecken wollen.

Die Logik der Produktionsfirmen, die Geld verdienen wollen, und die Ansprüche gealterter Schauspieler

Unversehens ist Altsein für SchauspielerInnen zu einem doppelten Risiko geworden. Ihr Immunsystem kann sich, erstens, schlechter gegen das Virus wehren, und deshalb kriegen sie, zweitens, keine Rollen mehr, denn ihr Ausfall käme zu teuer.

Was ihnen droht, sind Nachrufe zu Lebzeiten. Denn ehe ihr Siechtum die Kalkulationen der Produktionsfirmen über den Haufen wirft, streicht man sie lieber gleich ganz von den Besetzungslisten. Ist das absurd? Oder bloß kaufmännisch richtig gedacht?

Es ist beides, beziehungsweise, es zeigt, dass das Denken in kaufmännischen Kategorien absurd werden kann. Unser Thema heißt Sterblichkeit. Dieses Wort und das Allzumenschliche, Schicksalhafte, das es heraufruft, verträgt sich schlecht mit der Risikoabwägung von Versicherungen und deren Profitstrategien.

Aber irgendwie muss beides zusammenkommen, die Logik der Produktionsfirmen, die Geld verdienen wollen, und die Ansprüche gealterter Schauspieler, die, ob krank oder gesund, ihren Beruf ausüben möchten, zu schweigen vom Anrecht des Publikums, allen Generationen im Fernsehen zu begegnen.

Geht das? Ja. Renan Demirkan hat ihren Brief nicht umsonst an Armin Laschet geschrieben. Es ist der Staat oder auch: das Gemeinwesen, die Kulturstaatsministerin oder wer immer in diesem Felde der Öffentlichkeit und der Kunst hier verantwortlich ist, die sagen müssen: Wir sorgen dafür, dass sich unsere Kultur, unsere Schauspielkunst der Mitwirkung ihrer alten Generation gewiss sein kann.

Ehe Versicherungen, zu deren Kunden Filmfirmen zählen, alle miteinander pleitegehen, springen wir ein. Das ist es uns wert. Unsere Stars sind systemrelevant und je älter, desto mehr.

Das Thema Sterblichkeit ist natürlich breiter. Und seine Berührung mit dem Thema Wirtschaftlichkeit hochempfindlich. Die Vorstöße des Tübinger Bürgermeisters Boris Palmer, die da hießen: Wir müssen doch alle mal abtreten, und um ein paar besonders Anfällige, sprich Alte, davor zu bewahren, an Corona zu sterben, können wir nicht die ganze Wirtschaft dichtmachen, gehen thematisch in dieselbe Richtung. Man muss das durchdiskutieren, denn es kann ja auch junge Unternehmer geben, die sich aus Angst vor dem Ruin das Leben nehmen. Hochrisikogruppen lauern überall.

Doch der Versuch, das erhöhte Risiko der Sterblichkeit bei älteren Darstellern dadurch zu minimieren, dass man sie ganz wegstreicht, wäre ein fürchterlicher Bumerang. Wir bewältigen die Krise nicht nur dadurch, dass wir gut rechnen, sondern erst recht dadurch, dass wir sie zu guten Filmstoffen verarbeiten.

Kommunikationsrat: ein beachtenswertes Projekt von Facebook

Die Meldung fand kaum Beachtung. Zu Unrecht. Am Mittwoch hat Facebook die Namen von zwanzig Personen bekanntgegeben, welche dem sogenannten Oversight Board angehören werden. Dieses neue Gremium wird künftig darüber entscheiden, wie das amerikanische Netzwerk mit heiklen Fragen zur Publikationspraxis umgehen soll. Das Projekt, das Mark Zuckerberg vor anderthalb Jahren ins Leben rief, ist eine Antwort auf die langjährige Kritik an der teilweise willkürlichen Art, wie Facebook bisher Beiträge von Nutzern gelöscht oder stehengelassen hat.

Die neuen Experten werden natürlich nicht alle Einzelfälle beurteilen können. Das wäre angesichts der Unzahl an täglichen Interaktionen auf dem sozialen Netzwerk unmöglich. Das Alltagsgeschäft bleibt die Aufgabe der von Facebook beauftragten Kontrolleure. Hier wird Facebook weiterhin mit riesigen Problemen konfrontiert sein. Nach wie vor geistern Falschinformationen durch das Netzwerk. Angesichts der Corona-Krise beteuerte Facebook, rigoroser gegen gesundheitsschädliche Behauptungen vorzugehen. Doch die Realität sieht anders aus. Davon zeugt der derzeitige Aufruf von Ärzten und Gesundheitsexperten an die Netzwerke, entsprechende Desinformationen zu entfernen.

Mit seinen Milliarden Mitgliedern nimmt Facebook die Position eines Metamediums ein, das den Kommunikationsmarkt grenzüberschreitend prägt. Daraus ergeben sich ganz andere Herausforderungen als für ein kleinräumiges Medium, dessen allfälliger Willkür sich die Nutzer entziehen können, indem sie zu einem anderen Anbieter wechseln. Der Oversight Board dient nun dazu, Facebook von der Rolle eines parastaatlichen Zensors zu befreien.

Das Gremium wird seine Entscheidungen unabhängig vom amerikanischen Konzern fällen. Facebook wählte zwar die Führung des «Kommunikationsrats» aus, doch wird es sich zurückziehen. Unter der Co-Leitung des US-Rechtsprofessors Michael McConnell und der ehemaligen dänischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt wird sich der dereinst vierzig Personen umfassende Rat künftig selber konstituieren, wobei die Mitglieder jeweils von einem von Facebook bestimmten Stiftungsrat bestätigt werden müssen. Insgesamt wird hier nach den bekannten Regeln der guten Unternehmensführung eine Organisation errichtet, welche die Debatten um eine globale Regulierung der Kommunikation befruchten könnte. Ziel ist es, fern von staatlicher Beeinflussung eine möglichst freiheitliche Gestaltung des weltweiten Austausches von Fakten und Meinungen zu ermöglichen.

Das US-Netzwerk finanziert den Oversight Board für zwei dreijährige Amtsperioden mit 130 Millionen Dollar – im Vergleich zu den Selbstregulierungsorganen der Medien eine beträchtliche Summe. Die schon gewählten Ratsmitglieder verfügen vor allem über Kompetenzen in den Bereichen (Menschen-)Rechte, Kommunikation und Technologie. Amerikaner sind zwar etwas übervertreten, und aus dem deutschsprachigen Raum gibt es bis jetzt keine Mitglieder, doch insgesamt spiegelt der Rat eine gesellschaftliche Vielfalt, wie sie hierzulande noch kaum üblich ist. Angesichts der globalen Ausrichtung wird der Rat komplexe Fragen lösen müssen – eine immense Aufgabe. Seine Spruchpraxis soll transparent erfolgen. Wenn es ihm gelingt, Massstäbe zu setzen, hat er die Chance, die Diskussion um Meinungs- und Medienfreiheit zu stärken. Das käme der liberalen Idee zugute.

Vielfalt in den Medien: Nicht in den Chefredaktionen

In den Chefetagen großer deutscher Medien fehlen Einwanderer fast völlig. Aus den größten Migrantennationen gibt es dort überhaupt niemanden.

In die Chefredaktionen der großen deutschen Medien schaffen es Menschen aus Minderheiten nach wie vor nicht. Wie eine Umfrage der Neuen deutschen Medienmacher-innen (NdM) ergab, die sie am Montag veröffentlichten, gibt es zwar einige Chefinnen und Chefs aus gemischtnationalen Familien. Der Migrationshintergrund jener sechs Prozent, die die Studie durch Befragung von 90 der 126 reichweitenstärksten Medien herausfand, ist aber durchweg einer aus der europäischen Nachbarschaft.

Die größten Einwanderer-Ethnien in Deutschland – aus der Türkei, Polen und der früheren Sowjetunion – fehlen völlig, ebenso besonders diskriminierte Gruppen und Angehörige sichtbarer Minderheiten wie schwarze Journalistinnen und Journalisten. In den Chefetagen der Massenmedien, folgern die NdM, sei Deutschland noch immer kein Einwanderungsland – „nach immerhin sechs Jahrzehnten Arbeitsmigration aus den Mittelmeerstaaten und mehr als vier Jahrzehnten Fluchtmigration nach Deutschland“.

Ein Viertel der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte – nur vier Prozent der Medienleute

Die NdM, eine bundesweite Organisation von Medienleuten, setzen sich seit 2008 für mehr thematische und personelle Vielfalt in den Medien ein; wissenschaftliche Unterstützung für ihre Umfrage – auch der Tagesspiegel wurde befragt – bekamen sie von der TH Köln.
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Zur Vielfalt in den deutschen Medien gibt es nach wie vor nur wenig und altes Datenmaterial. Eine repräsentative Studie für die deutschen Tageszeitungen stellte vor mehr als zehn Jahren einen Migrantenanteil von nur 1,2 Prozent fest; 84 Prozent der Blätter hatten überhaupt niemanden mit Migrationshintergrund in der Redaktion.

Die neueste Studie stammt aus dem Jahr 2016, galt nur Nordrhein-Westfalen und schätzte den Anteil für alle journalistischen Felder auf höchstens vier bis fünf Prozent. In der deutschen Bevölkerung hat aber inzwischen ein Viertel einen Migrationshintergrund.

Die Befragung der Chefredaktionen durch die NdM dürfte der Wirklichkeit in den reichweitenstärksten deutschen Medien recht nahe kommen; immerhin antworteten 71 Prozent der angeschriebenen Chefinnen und Chefs. Gerade ihnen widmeten sich die NdM nach eigenen Angaben, weil die Gleichstellungspolitik für Frauen in Medienhäusern zeige, dass sich etwas bewege, wenn die Spitzen der Häuser dies wollten und durchsetzten.

Der Wille scheint da zu sein: Nicht einmal zehn Prozent der befragten Führungskräfte lehnten redaktionelle Diversität als Ziel ab, zwei Drittel waren aber ausdrücklich dafür, besonders in den öffentlich-rechtlichen Sendern, denen ihr Auftrag, die gesamte Bevölkerung zu versorgen und damit auch abzubilden, Handlungsdruck mache.

In Gesprächen mit der WDR-Integrationsbeauftragten und den Chefredakteuren von ZDF, Welt, dpa und Märkischer Oderzeitung zeigte sich auch ein teils hohes Problembewusstsein der Chefs für die auch soziale Gleichförmigkeit ihrer Redaktionen („mehr Marzahn, weniger Mitte“).

„Wir fördern nur aufgrund von Kompetenzen“

Anders sieht es mit konkreten Maßnahmen aus. Damit versuche es, so die Studie, „nur eine Minderheit der deutschen Massenmedien“. Wer aktive Förderung von Diversität ablehnt, bemühe dafür den Datenschutz, der es verbiete, Kolleginnen und Kollegen nach ihren persönlichen Hintergründen zu befragen, oder die Sorge, sie könnten sich darauf reduziert und diskriminiert fühlen.

Alle, schreiben die NdM, führten das Leistungsprinzip ins Feld, das vor Jahren schon gegen aktive Maßnahmen zur Frauenförderung genutzt wurde: „Würden allein Eignung und Befähigung über Einstellungen entscheiden, wäre kaum zu erklären, warum Frauen bis vor einigen Jahren keine entscheidenden Rollen in Medienhäusern einnehmen konnten“, schreiben die Autorinnen der Studie.

Bezeichnend die Antwort einer nicht genannten Führungskraft: „Wir sind überzeugt, dass vielfältig zusammengesetzte Teams komplexe Aufgaben besser lösen. Generell stellen wir Mitarbeiter in allen Unternehmensbereichen und auf allen Hierarchieebenen ausschließlich nach objektiven Kriterien ein und fördern die Beschäftigten allein aufgrund ihrer Kompetenzen. Andere Faktoren wie Herkunft und Kultur, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Identität, Behinderung sowie Religion und Weltanschauung spielen keine Rolle.“

Vielfalt zahlt sich für Medien auch wirtschaftlich aus

Bleibe es bei dieser Lücke zwischen Überzeugung und entsprechenden Konsequenzen, sehen die NdM auch wachsende wirtschaftliche Probleme für die deutschen Medien. Viele von ihnen würden „damit den Anschluss an die Zukunft der deutschen Einwanderungsgesellschaft verlieren“.

Im Interview mit Miranda Wayland, der Chefin der BBC-Diversitätsabteilung, das für die Studie geführt wurde, lässt sich erfahren, was sie zu gewinnen hätten: Die Auflage des Modemagazin Vogue legte zu, als sie öfter People of Color zeigte und über sie berichtete, sagt Wayland. Und die 50 Jahre alte BBC-Sendung „Dr. Who“ gewann Publikum unter Minderheiten, nachdem ein ethnisch und geschlechtergemischtes Team sie übernommen hatte.

Neuer Pro-Sieben-Sat-1-Chef warnt vor langer Flaute auf dem Werbemarkt

Deutschlands größte private Sendergruppe stellt sich auf einen weiteren schwierigen Monat ein. Der Mai könnte ähnlich verlaufen wie der April, sagte der neue Chef von Pro Sieben Sat 1, Rainer Beaujean, dem Handelsblatt. Im Vormonat sind die Werbeumsätze des Medienkonzerns um 40 Prozent eingebrochen.

Die ersten Kunden würden zwar wieder zusätzliche Spots buchen, erläuterte der Manager. Der Durchbruch sei das aber noch nicht. „Viel hängt jetzt davon ab, wie die Öffnungsphase verläuft.“ Wie es im Juni laufe, sei daher jetzt noch überhaupt nicht vorherzusagen. Immerhin: „Viele Buchungen wurden nicht storniert, sondern lediglich verschoben“, sagt Beaujean. Es könne daher sein, dass das vierte Quartal dieses Jahr besonders stark verlaufe. Dies ist ohnehin die beste Zeit für den TV-Konzern.

Bereits Ende April hatte der Unternehmenslenker angekündigt, dass die Anteilseigner wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie dieses Jahr auf ihre Ausschüttung verzichten müssen. Gleichzeitig zog er seine Jahresprognose zurück. So ist der Umsatz im ersten Quartal zwar noch um ein Prozent auf 926 Millionen Euro gestiegen.

Das Umfeld habe sich von Mitte März an jedoch markant eingetrübt. Die margenstarken Werbeerlöse gingen in den ersten drei Monaten des Jahres bereits um vier Prozent zurück. So sank der bereinigte Konzernüberschuss um mehr als ein Drittel auf 58 Millionen Euro.

Sollte das Geschäft stärker einbrechen, will Beaujean seinen Sparkurs verschärfen: „Noch brauchen wir die Kurzarbeit im Kerngeschäft nicht. Aber wir haben den Rahmen dafür verhandelt und könnten jederzeit damit loslegen.“

Der Manager führt Deutschlands größte private Sendergruppe erst seit Ende März. Vorgänger Max Conze musste nach nicht einmal zwei Jahren an der Spitze abrupt gehen. Beaujeans Versprechen zum Amtsantritt: Pro Sieben Sat 1 werde sich stärker auf sein Kerngeschäft konzentrieren: die Unterhaltung. Zur Gruppe gehören die TV-Sender Pro Sieben, Sat 1 und Kabel 1.

Die Konkurrenz leidet auch

Die E-Commerce-Sparte NuCom werde zwar eine wichtige Säule bleiben. Zu ihr gehören unter anderem das Vergleichsportal Verivox, der Parfümversand Flaconi und die Partnervermittlung Parship. „Wenn die Krise vorbei ist und Käufer da sind, werden wir uns auch von Beteiligungen trennen“, betonte Beaujean. Allerdings müsse der Preis stimmen und der Käufer passen. Der ehemalige Chef von T-Online war vor knapp einem Jahr als Finanzvorstand in die Pro-Sieben-Zentrale nach Unterföhring gewechselt.

Der Konkurrenz geht es indes nicht besser. RTL meldete vergangene Woche fürs erste Quartal einen Umsatzrückgang von gut drei Prozent auf knapp 1,5 Milliarden Euro. Schon Anfang April hatte die Bertelsmann-Tochter die Dividende für 2020 gestrichen und die Prognose kassiert. Einen neuen Ausblick gibt der Fernsehkonzern nach wie vor nicht.

Anfang März habe das Unternehmen die ersten Stornierungen für Werbebuchungen und Verschiebungen von Produktionen registriert, sagte RTL-Chef Thomas Rabe. „Dieser Trend hat sich in der zweiten März-Hälfte mit der Einführung weitreichender Schutzmaßnahmen in ganz Europa beschleunigt.“ So schätzt der Konzern, dass der Werbemarkt im ersten Quartal in Deutschland um bis zu 4,5 Prozent geschrumpft ist.

Dabei sind die Angebote der Medienunternehmen derzeit so beliebt wie schon lange nicht mehr. „Mit Zuwachsraten von 30 Prozent in der wöchentlichen Nutzung gegenüber Oktober 2019 erfährt insbesondere das klassische Fernsehen scheinbar eine Renaissance“, urteilten am Donnerstag die Marktforscher von Nielsen. Die Leute würden sich für aktuelle Nachrichten interessieren, aber auch Unterhaltungsformate einschalten.

So würde ungefähr die Hälfte der Bevölkerung jeden Tag vor dem TV-Apparat sitzen. Besonders Personen im Alter von 35 bis 54 Jahren würden wieder mehr Fernsehen schauen. In den vergangenen Jahren hätte diese Gruppe sich stärker Online-Videotheken wie Netflix oder Amazon zugewandt.
Neue Großaktionäre

Beaujean muss sich in den nächsten Monaten zudem mit zwei neuen, mächtigen Großaktionären auseinandersetzen. So ist die italienische Berlusconi-Holding Mediaset bereits im vergangenen Jahr in großem Stil eingestiegen und hat ihren Anteil seither ausgebaut. Der Medienkonzern will eine europäische TV-Allianz unter Beteiligung von Pro Sieben Sat 1 schmieden und hält inzwischen knapp ein Viertel der Anteile.

Ex-Chef Conze hat diese Pläne stets vehement abgelehnt und stattdessen viel Geld in seine eigene Streamingplattform Joyn gesteckt. Es ist nun an Beaujean, den Dialog mit den Südeuropäern zu suchen. Derzeit gebe es aber keine Gespräche über eine strategische Zusammenarbeit. Er sei jedoch offen für alle Vorschläge.

Hinzu kommen die Osteuropäer: Die Metro-Investoren um den tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky haben jüngst den Verfall des Aktienkurses zum Anlass genommen, ihren Anteil an dem Fernsehkonzern aufzustocken. Die Czech Media Invest, hinter der neben Kretinsky Patrik Tkac und der Slowake Roman Korbacka stecken, hält rund zehn Prozent der Anteile.

Die Börse sieht die Berufung Beaujeans und die versprochene Stärkung des Kerngeschäfts positiv. Seit Amtsantritt ist der Aktienkurs um gut ein Fünftel geklettert. „Investoren honorieren eine klare Fokussierung“, meint der Manager. So auch am Donnerstag: In einem freundlichen Umfeld kletterte der Aktienkurs um knapp zwei Prozent auf rund neun Euro.

Medienlandschaft: Vom Ende der Tageszeitungen

Der wirtschaftliche Druck auf Tageszeitungen wird in Deutschland immer größer, vor allem in Lokalredaktionen wird gespart. Doch wer berichtet, wenn Redaktionen immer kleiner oder gar geschlossen werden?

Thomas Engelhardt kommt auch jetzt noch mit dem Fahrrad in die Redaktion gefahren. Bedenken, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken, hat er nicht: „Die Zahl der sozialen Kontakte hält sich in Grenzen. Das ist sowieso wie im Home-Office.“ Nur eine Sekretärin arbeitet vormittags noch in dem Dreizimmerbüro. Sie koordiniert Termine, empfängt Anrufe und Besucher, Dinge, für die der 54-Jährige keine Zeit hat. Engelhardt ist der einzige verbliebene Redakteur der Lausitzer Rundschau in Guben. Die Kleinstadt liegt in der Niederlausitz im Südosten Brandenburgs, gleich an der Neiße, die hier die deutsch-polnische Grenze markiert.

Vor Jahren schon ist die Lokalredaktion vom Obergeschoss ins kleinere Erdgeschoss umgezogen, wo früher das Anzeigengeschäft abgewickelt wurde. Dass Engelhardt hier die meiste Zeit alleine sitzt, hat nichts mit der Pandemie zu tun, sondern vielmehr mit der allgemeinen wirtschaftlichen Situation deutscher Tageszeitungen. Den Zahlen des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) zufolge sinken die Auflagen seit drei Jahrzehnten kontinuierlich. Von Jahr zu Jahr sind es nur zwei, drei Prozent weniger, in der Summe aber entfaltet sich eine Wucht: Verkauften die Verlage Anfang der Neunzigerjahre noch gut 27 Millionen Tageszeitungen, so waren es 2018 nur noch 14 Millionen, rund die Hälfte davon. Im Fall der Lausitzer Rundschau ist der Rückgang noch eklatanter: Sie verlor im gleichen Zeitraum gut zwei Drittel ihrer Auflage, fiel von 230 000 auf 65 000 verkaufte Exemplare heute. Zwar weiten die Zeitungen ihr Onlineangebot aus, die sinkenden Abonnementzahlen und Anzeigenerlöse können sie damit aber nicht kompensieren, Einsparungen sind unausweichlich.

„Man muss aufpassen, dass man nicht verrückt wird. Ich schweige hier die Wand an“, sagt Engelhardt. Sein Kollege wurde vergangenen September in die Zentrale der Lausitzer Rundschau nach Cottbus abgezogen. Er fehlt ihm als Gesprächspartner, als jemand, den er mal nach einer passenden Formulierung fragen kann – und als Arbeitskraft. Eine Seite täglich muss er jetzt fast alleine füllen und an manchen Tagen noch ein bisschen mehr, schließlich gibt es auch eine Wochenendausgabe. Eine freie Mitarbeiterin liefert ihm das eine oder andere Stück dazu. „Die hat aber auch noch einen vernünftigen Job“, sagt Engelhardt und lacht ins Telefon.

Noch zu DDR-Zeiten absolvierte er in Dresden ein Lehrer-Studium. Eigentlich wollte der gebürtige Gubener schon damals Journalist werden, doch dafür hätte er in die Partei eintreten müssen, und das wollte er nicht. Nach der Wende begann er dann für die Lausitzer Rundschau in seinem Heimatort zu schreiben. Drei Redakteure, ein Volontär und er produzierten täglich drei Seiten Lokales und manchmal noch eine vierte Seite Sport. „Es war vielfältiger und bestimmt auch kritischer“, erinnert sich Engelhardt an seine Anfangszeit. Lange ist das her. Heute muss er sich gut überlegen, auf welche Veranstaltung er geht. Und manchmal müssen auch eine Pressemitteilung und ein kurzer Anruf für einen Artikel reichen. Vieles sei ohnehin reine Darstellung, er sehe sich eher als Chronist. „Die große Recherche zu machen, wenn man jeden Tag eine Seite füllen muss, ist nicht möglich.“ Was hat das für Auswirkungen auf den Journalismus? Wer berichtet, wenn Redaktionen immer kleiner werden oder gar schließen?

Regionen, in denen gar keine Berichterstattung mehr stattfindet, gebe es nicht – zumindest noch nicht, sagt einer, der es wissen muss. Horst Röper hat seit den Achtzigerjahren die deutsche Zeitungslandschaft erforscht. „Zeitungssterben, so wie wir es aus den USA oder Großbritannien kennen, das trifft auf Deutschland nicht zu“, sagt Röper. Hierzulande können sich die meisten Tageszeitungen bis jetzt irgendwie halten. Doch der Preis dafür ist hoch. Gerade im Lokaljournalismus: Redaktionen werden schrittweise verkleinert, zusammengelegt oder geschlossen. Oft bleiben die Zeitungstitel als Hülle erhalten, der Inhalt stammt aber nicht mehr aus eigener Feder.

In Dortmund übernehmen Westdeutsche Allgemeine und Westfälische Rundschau den Lokalteil der Ruhrnachrichten, in Düsseldorf unterhält nur noch die Rheinische Post eine echte Lokalredaktion; Westdeutsche Zeitung und Neue Ruhrzeitung bedienen sich bei ihr. Die alten Titel betreiben kleine „Alibi-Redaktionen“, wie Röper sie nennt, die bloß noch Layout, Überschrift und Gewichtung der Stücke verändern und nur selten eigene Texte produzieren. Und auch die überregionale Berichterstattung vereinheitlicht sich zunehmend. Die beiden großen Mediengruppen Dumont und Madsack haben vor zwei Jahren eine gemeinsame Hauptstadtredaktion für Politik und Wirtschaft gegründet, von der aus sie mehr als 50 Zeitungen beliefern. „Kooperation statt Konkurrenz, das ist heute der Trend“, sagt Röper. Es ist dabei nicht zu überhören, dass ihm das nicht gefällt.

Die Lausitzer Rundschau hat vieles davon hinter sich. Redaktionen wurden verkleinert, Arbeitsabläufe zentralisiert: Mittlerweile sitzen meist nur noch zwei bis drei Reporter in den Lokalredaktionen. Sie schreiben ihre Texte online, die Blattmacher bauen dann die Zeitung in Cottbus zusammen. Kooperationen mit anderen Zeitungen sind in Südbrandenburg nicht möglich, da die Lausitzer Rundschau dort die einzige Tageszeitung ist. Dafür bekommt sie den Mantel mit Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur und der Seite für Brandenburg nun von der benachbarten Märkischen Oderzeitung aus Frankfurt an der Oder, von deren Verlag sie 2018 übernommen wurde. Die landespolitischen Entscheidungen werden nicht mehr aus der Region kommentiert, die sie betreffen.

Dass die Lausitz in Brandenburg keine eigene Stimme mehr hat, findet Andreas Oppermann bedauerlich. Er ist Redaktionsleiter des RBB-Studios in Frankfurt (Oder) und hat für beide Zeitungen gearbeitet. Fragt man ihn nach der Zukunft der Tageszeitungen in Brandenburg, atmet er erst einmal tief durch. „Positives gibt es nicht sonderlich viel“, sagt der 52-Jährige. Viele Journalisten würden bei der nächstbesten Gelegenheit in Pressestellen wechseln, es gebe einen massiven „Brain-drain“. Mit anderen Worten: Der Journalismus verliert seine Talente an Rathäuser, die immer hochwertigere Gemeindeblätter herausgeben. Dort verschwimmt die Grenze zwischen PR und Journalismus. „Im Amtsblatt steht eben nicht, wenn der Bürgermeister Mist baut, ein Förderprogramm verschlafen wurde, Personal abgebaut wird oder der Schulentwicklungsplan hinterherhinkt“, sagt Oppermann.

Dörthe Ziemer hat vor drei Jahren die Seiten gewechselt. Früher war sie Journalistin, heute ist sie Pressesprecherin von Lübben, einer kleinen Stadt im Spreewald, südöstlich von Berlin. Begonnen hat sie ihre Karriere als Volontärin bei der Lausitzer Rundschau, 2003 war das. Sie gehörte zu den ersten, die von der Zeitung nicht mehr übernommen wurden. Lange arbeitete sie als freie Journalistin. Den Berufswechsel bereut sie nicht: „Man hat das Gefühl, es gibt wachsende Aufgaben, es geht voran. Beim Lokaljournalismus hingegen fragt man sich: Wohin geht die Reise?“ Ziemer ist oft unzufrieden mit der Berichterstattung der Lausitzer Rundschau: Diskussionen würden bloß wiedergegeben, Positionen zu selten hinterfragt, oft fehlten Informationen, und immer wieder komme es auch zu Fehlern, die nicht korrigiert würden. Außerdem erreiche man über die Zeitung sowieso nur noch die Älteren. Deshalb berichtet Ziemer einmal im Monat selbst im Stadtanzeiger, wie das Stadtparlament über die Beschaffung eines Löschfahrzeugs diskutiert oder wie weit die Planung neuer Geh- und Radwege gediehen ist – Beiträge, die so oder ähnlich auch in der Zeitung stehen könnten. Vor zwei Jahren hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass Kommunen kein Blatt herausgeben dürfen, „wenn dieses presseähnlich aufgemacht ist und redaktionelle Beiträge enthält“. Das Gericht begründete sein Urteil mit dem Gebot der Staatsferne der Presse. Ziemer sieht in ihrem Stadtanzeiger keine Konkurrenz zur Tageszeitung. Die Zeitung sei zwar kein Gatekeeper mehr, entscheidet also nicht mehr darüber, was in die Öffentlichkeit gelangt. Die gesellschaftliche Wächterfunktion liege aber immer noch bei den Medien.

Wie sehr kann eine einzelne Person die Wächterfunktion ausüben? Thomas Engelhardt wiederholt die Frage an ihn laut und hängt ein nachdenkliches „Mh“ ans Ende. Vielleicht ist das auch die falsche Frage. Ob er sich vorstellen könne, das dauerhaft zu machen? Das sei schwierig, vielleicht sei es auch einfach eine Frage der Gewohnheit. Engelhardt rechnet nach: „Ich bin jetzt 54. Bis 67 sind es noch 13 Jahre, da kann noch einiges passieren.“ Es habe auch mal die Idee gegeben, die Redaktion mit einer anderen zusammenzulegen, um sich die Miete fürs Büro zu sparen. Doch das sei wohl nicht mehr aktuell, und irgendwer müsse ja auch die Geschichten aus der Stadt erzählen. Gerade jetzt in Zeiten von Corona könne niemand wirklich wissen, was kommt. Nur bei einer Sache ist Engelhardt sich sicher. „Ich gehe davon aus, dass die gedruckte Zeitung irgendwann nicht mehr existiert.“

D: Rundfunkabgabe und Corona

Einnahmen fallen weg, Fixkosten laufen weiter. Die Corona-Krise schlägt bei vielen Bürgern inzwischen wirtschaftlich durch. Einer der Posten, die regelmäßig vom Konto abfließen, ist der Rundfunkbeitrag. 52,50 Euro werden vierteljährlich bei Millionen Deutschen abgebucht – bei Privathaushalten und Betriebsstätten. Mit dem Geld – pro Jahr etwa acht Milliarden Euro – bestreiten ARD, ZDF und Deutschlandradio unter anderem die Produktion von Filmen, den Einkauf von Sportrechten sowie die Pensionszahlungen ehemaliger Sendermitarbeiter. Aber auch die Ausgaben für die gerade in diesen Zeiten so wichtigen Nachrichtensendungen und Politik-Talks.

Nun wird als Folge der Corona-Pandemie bundesweit mit einer hohen Zahl von Insolvenzen gerechnet. Etwa zehn Prozent der Einkünfte aus der Rundfunkabgabe kommen derzeit aus dem gewerblichen Bereich. Doch zahllose Betriebe waren oder sind seit Mitte März geschlossen. Die Abbuchungen der Rundfunkabgabe laufen in diesem Fall weiter. Unternehmen und Dienstleister wie Friseure, Autovermieter oder Fitnesscenter sind nämlich gesetzlich verpflichtet, für jede Betriebsstätte, ob Filiale oder Lieferfahrzeug, monatlich den Beitrag zu zahlen.

Der Beitragsservice prüft, wie man Corona-Betroffenen jetzt entgegenkommen kann

Mit dieser Lage muss sich nun auch der Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio auseinandersetzen. Inwieweit die öffentlich-rechtlichen Anstalten den Gebührenzahlern entgegenkommen können, wird derzeit evaluiert. „Nach wie vor prüfen Rundfunkanstalten und Beitragsservice, wie sie Unternehmen, Institutionen und Einrichtungen des Geheimwohls, die infolge der Corona-Pandemie in finanzielle Nöte geraten, über die bestehenden Möglichkeiten hinaus behilflich sein können“, heißt es beim Beitragsservice auf Nachfrage. Schon jetzt können Betriebe und Privatpersonen, die von Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise betroffen sind, einen Antrag auf Stundung stellen – und zwar abseits der Voraussetzungen für eine normale Beitragsbefreiung (siehe Kasten).

Aktuell rufen einzelne Verbände und Berufsinnungen ihre Mitglieder dazu auf, einen solchen Antrag einzureichen. Auf die Möglichkeit, sich befristet von der Rundfunkbeitragspflicht befreien zu lassen, weist beispielsweise der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, Dehoga, in Bayern hin. Er empfiehlt, um die Kostenbelastung weiter zu reduzieren, einen solchen Antrag für die Betriebsstätte zu stellen. Auch der Zentralverband des Bäckerhandwerks hat seine Mitglieder über eine solche Möglichkeit informiert.

Das Beitragsaufkommen für 2020 wird sich wohl anders entwickeln, als noch zu Jahresbeginn gedacht

Ebenso informieren sich Privatpersonen derzeit, ob sie die Abbuchungen stoppen können. „Wir haben viele Anfragen zum Thema Rundfunkbeitrag. Es wird uns sicherlich noch lange beschäftigen“, sagt Kathrin Körber von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. „Anders als bei Miet-, Strom- oder Handyrechnungen handelt sich hierbei aber nicht um ein Dauerschuld-Verhältnis“, gibt Körber zu bedenken. Ob die Zahlungen gestundet werden, wird von Fall zu Fall entschieden. Anspruch besteht keiner. „Es geht vielmehr darum, beim Beitragsservice um eine Mahnsperre zu bitten“, sagt die Verbraucherschutzexpertin. Folglich wird sich das Beitragsaufkommen für 2020 wohl anders entwickeln als noch zu Jahresbeginn gedacht. Nicht nur den Verbraucherzentralen, sondern auch den öffentlich-rechtlichen Sendern sowie der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) wird das noch Kopfzerbrechen bereiten.

Für die kommende und regulär vier Jahre dauernde Gebührenperiode ab 1. Januar 2021 hat die KEF eine leichte Erhöhung der Rundfunkgebühr empfohlen. Der aktuelle Monatsbeitrag in Höhe von 17,50 Euro soll um 86 Cent erhöht werden. Die Ministerpräsidenten der Länder haben Zustimmung signalisiert, doch auch die Landtage müssen gehört werden.

Es könnte allerdings unter den außergewöhnlichen Umständen auch sein, dass dieser neue Beitrag keine vier Jahre hält, sondern schon nach zwei Jahren nachgebessert werden muss, falls Einnahmen wegen Corona im großen Stil wegbrechen. So zumindest ist es aus dem Umfeld der öffentlich-rechtlichen Sender zu hören. Offiziell äußern mag sich zu diesem hochpolitischen Thema niemand. Generell gilt: Die KEF arbeitet bei der Berechnung der Abgabe mit Prognosen über die Einkünfte aus dem Rundfunkbeitrag. Wenn die Zahlen sich massiv anders entwickeln als kalkuliert, wird der Beitrag nicht erst nach vier Jahren neu berechnet, sondern früher. So geschehen, als die Umstellung auf die Haushaltsabgabe ein nicht einkalkuliertes Milliardenplus brachte – damals senkte die KEF den Beitrag außerturnusmäßig.

Doch im Moment ist noch unklar, ob sich die Einnahmen und die Ausgaben nicht vielleicht sogar die Waage halten werden. Auf der einen Seite könnte die Gesamtsumme der gezahlten Beiträge sinken, genauso wie die Werbeeinnahmen. Auf der anderen Seite wiederum werden Filmproduktionen abgesagt und Rechtekosten für Sportevents, die ersatzlos ausfallen, eingespart. Unter Umständen schont die Krise auf lange Sicht vielleicht sogar die Senderkassen. Einen solchen Spareffekt sieht man bei der ARD im Moment noch nicht. „Die Corona-Krise bedeutet in vielen Bereichen Mehrausgaben“, so die Anstalt auf Anfrage. Beispielsweise müssten viele Drehbücher umgeschrieben werden. Es werde nun „intensiv geprüft, ob durch die Verschiebung von sportlichen Großereignissen Mehrkosten entstehen oder vielleicht gespart werden kann“.

Constantin-Chef zur Filmbranche: „Politik bietet keinerlei Perspektive“

Keine Premieren, keine Filmfestivals, keine Besuche bei glamourösen Dreharbeiten – die Welt von Constantin-Film-Chef Martin Moszkowicz ist klein geworden. Derzeit steuert er aus einem Haus im Allgäu das Tagesgeschäft des Münchner Produktionsriesen („Fack ju Göhte“, „Das perfekte Geheimnis“). Seiner Branche geht es ähnlich schlecht wie dem Tourismus oder dem Einzelhandel: Alle Kinos sind geschlossen, neue Produktionen können gar nicht erst gezeigt werden. Der Markt ist tot.

Die Gesamtschäden der Coronakrise werden die Filmindustrie Milliarden kosten, weil der wichtigste Vertriebsweg für Filme durch die Corona-Maßnahmen blockiert ist und Neuproduktionen derzeit weitgehend unmöglich sind. sagt Moszkowicz im Gespräch mit dem Handelsblatt und mahnt, dass die Politik bislang „keinerlei Perspektive“ liefere für einen Ausweg aus dem Shutdown. Der mache ihm „die größten Sorgen“. Jede Woche würden allein bei den deutschen Kinobetreibern Verluste von knapp 20 Millionen Euro auflaufen.

Ein zusätzliches Problem für die Filmwirtschaft: „Das Infektionsrisiko oder das Risiko eines erneuten Shutdowns wird in den klassischen Filmversicherungen und Fertigstellungsversicherungen ausgeschlossen. Banken können mit dieser Risikolage nicht zwischenfinanzieren.“ Der Constantin-Chef schlägt deshalb vor, „dass zum Beispiel die KfW oder Hermes mit Ausfallgarantien einspringen könnten“. Während der Sars-Epidemie habe die US-Regierung „dieses Instrument schon mal erfolgreich übernommen“.

Der 62-Jährige weiter: „Alle werden hart getroffen, aber am dramatischten ist wohl die Situation bei zehntausenden Künstlern und Selbständigen. Viele von denen haben keine großen Reserven und müssen schon im Normalbetrieb eher von der Hand in den Mund leben.“

Er hoffe, „dass die Menschen gerade jetzt verstehen, wie systemrelevant auch Kultur ist… Galerien, Ausstellungen, Museen, Theater, Oper, Ballett, Konzerte, Filme.“ Andererseits habe er „die Befürchtung“, dass die Kunstbranche in den aktuellen Shutdown- und Lockerungs-Debatten generell „hinten runterfallen könnte“.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Moszkowicz, gerade erst haben Sie den deutschen Filmpreis, die „Goldene Lola“, gewonnen für „Das perfekte Geheimnis“ als erfolgreichster deutscher Film 2019. Könnte das auf absehbare Zeit einer der letzten Filme bleiben, die Constantin Film in die Kinos gebracht hat?

Wir werden auch in Zukunft unsere Filme in Kinos präsentieren. An diesem wichtigsten aller Vertriebswege für unsere Kinoproduktionen wird nicht gerüttelt und ich bin sicher, dass unser Publikum sich nach dem Kinoerlebnis sehnt. Aber was mir und der ganzen Filmbranche derzeit die größten Sorgen macht, ist tatsächlich die Unsicherheit darüber, wann es wieder losgehen kann. Es gibt von der Politik bisher leider keinerlei Perspektive oder gar eine klare Ansage, unter welchen Bedingungen die Kinos wieder öffnen können.

Auch Sie wollten sicher noch neue Filme im Frühjahr starten, die nun gar nicht mehr gezeigt werden können.
Wir hatten ein bisschen Glück im Unglück, weil das bisher nur zwei unserer Produktionen betraf. „Ostwind – Der große Orkan“ wird verschoben. Den anderen – „Berlin, Berlin“, ein Film auf Basis der ARD-Kultserie – zeigen wir nun ab 8. Mai bei Netflix. Hier war es eine sinnvolle Einzelfallentscheidung, mit dem Film gleich auf eine Streaming-Plattform zu gehen. Darüber hinaus wollen wir natürlich auch die Produktionen wieder starten, wo wir die Teams jetzt erstmal in Kurzarbeit schicken mussten. Das Thema erreicht gerade auch unsere Zentrale in München.

Was bedeutet Corona für eine Film- und Fernsehgröße wie die Constantin Film?

Wir sind gut gewappnet. 2019 war mit einem Umsatz von 264 Millionen Euro und einem gestiegenen Gewinn eines unserer besten Jahre in unserer langen Geschichte. Unser Eigenkapital liegt bei über 80 Millionen, die Kreditlinien übersteigen klar 150 Millionen Euro.

„Wir können keine seriösen Kinostarts planen“

Welcher Ihrer Geschäftszweige funktioniert wirklich noch?
Das Lizenzgeschäft rund um unsere aktuellen Titel und unsere sogenannte Library. Alle wollen ja jetzt Inhalte, die wir in hoher Qualität liefern können. Viele Produktionen werden jetzt geschnitten und fertiggestellt. Die Projektentwicklung brummt.

Die Streamingdienste gelten als die großen Gewinner der Krise. Zurecht?
Das ist sicher so. Die großen Plattformen – Disney, Amazon, Netflix – boomen gerade sehr, weil die Leute einfach meist zu Hause sind.

Der neue „James Bond“ sollte eigentlich Anfang April starten und war dann einer der ersten Filme, die in den Herbst verschoben wurden. Was kosten solche Aktionen?

Immens viel Geld und hohen Einsatz von Ressourcen. Solche Schritte sind aber nicht zu verhindern. Da die Kinos praktisch weltweit geschlossen sind, gibt es für derart teuer produzierte Filme keine alternative Auswertungsform. Auch wir selbst können derzeit seriös keine internationalen Kinostarts planen, weil sich die Märkte in sehr unterschiedlichen Corona-Stadien befinden. In Schweden zum Beispiel sind noch ein paar Kinos offen, aber die haben natürlich auch keine neuen Filme.

Gibt es Pläne, wie in Zeiten der sozialen Distanz überhaupt wieder Dreharbeiten möglich werden?
Oh ja, obwohl das ziemlich aufwendig wird. Auch am Drehort geht Sicherheit und die Gesundheit der Mitarbeiter vor.

Sicher nicht nur bei den Kuss-Szenen, oder?

Man kann schon vieles ohne direkte körperliche Nähe drehen. In Island, Skandinavien und anderen Ländern wird wieder produziert. Es ist geplant, die Schauspieler in besonders risikobehafteten Rollen in Einzel-Quarantäne zu schicken, wie es etwa die Fußball-Bundesliga ja auch mit den Spielern vorhat. Zudem wird in verschiedenen Teil-Teams gearbeitet, die miteinander nicht mehr in Berührung kommen dürfen, um bei einer doch auftretenden Ansteckung nicht das ganze Projekt zu gefährden. Außerdem wird regelmäßig auf Corona getestet. Die Kapazitäten dazu gibt es aktuell gerade auch in Deutschland, ohne dass wir irgendjemandem etwas wegnehmen würden.

Wann wollen Sie konkret wieder mit Drehs starten?

Wir hoffen in Einzelfällen ab Mai, obwohl auch da die Unsicherheiten groß bleiben und natürlich nur mit einem ausgefeilten Hygiene- und Arbeitsschutzkonzept. Dreharbeiten sind, wenn man von dem künstlerischen Aspekt absieht, im Prinzip durchaus vergleichbar mit der Arbeit auf einer Baustelle oder in einer Großküche, die während der letzten Wochen ja durchgearbeitet haben. Es ist planungstechnisch aufwendig, aber machbar. Ein noch größeres Problem sind allerdings die Versicherungen.

Inwiefern?

Das Infektionsrisiko oder das Risiko eines erneuten Shutdowns wird in den klassischen Filmversicherungen und Fertigstellungsversicherungen ausgeschlossen. Banken können mit dieser Risikolage nicht zwischenfinanzieren. Ich würde mir wünschen, dass zum Beispiel die KfW oder Hermes mit Ausfallgarantien einspringen könnten. Während der Sars-Epidemie hat die US-Regierung dieses Instrument schon mal erfolgreich übernommen. Ansonsten sind gerade die kleineren Produktionsgesellschaften ohne nennenswerte Assets bis auf weiteres gar nicht in der Lage, ihre Arbeit zu machen.

Wen in Ihrer Branche trifft es am härtesten? Die kleinen Produzenten, die Kinobetreiber, die Künstler?

Alle werden hart getroffen, aber am dramatischsten ist wohl die Situation bei zehntausenden Künstlern und Selbständigen. Viele von denen haben keine großen Reserven und müssen schon im Normalbetrieb eher von der Hand in den Mund leben.

Erleben Sie da selbst bei bekannten Schauspielern schon tragische Fälle?

Leider ja. Aber das gilt auch für alle hinter den Kulissen: Regisseure, Aufnahmeleiter, Maskenbildner, Schnitt-Assistenten, Kameraleute und viele andere. Und die deutschen Kinos machen aktuell einen Verlust von knapp 20 Millionen Euro pro Woche, weil ja keinerlei Einnahmen da sind, viele Kosten aber weiterlaufen.

Mal ehrlich, würden Sie selbst sich gleich nach einem Neustart wieder in ein Kino setzen mit ein paar hundert Leuten, dichtgedrängt?

Ja, aber das ist eines der Probleme, die wir noch vor uns haben, klar. Es gibt deshalb auch schon die Überlegung, die Gäste dann wie auf einem Schachbrett versetzt zu positionieren, sozusagen nur auf die weißen Felder. Mit viel Abstand zueinander. Ob das bei all den notwendigen Sicherheitsgedanken dann wirtschaftlich Sinn macht, ist die andere Frage, denn es reduziert ja auch die Kapazität jedes Filmtheaters massiv.

Andererseits dürfte nach einem Ende des Shutdowns weltweit eine enorme Zahl an Premieren in die Kinos drängen, oder?
Stimmt, auch wenn derzeit ja viele Filme nur halbfertig herumliegen und die dann erstmal fertig produziert werden müssten. Insofern werden viele Projekte, die eigentlich in diesem Herbst starten sollten, sicher erst 2021 oder sogar 2022 zu sehen sein.
„Viele Menschen spüren allmählich die kulturellen Lücken“

Wagen Sie eine Prognose, was Corona Ihre Branche kosten wird?

Es geht mit Sicherheit in die Milliarden. Wir werden nach dieser Vollbremsung lange brauchen, bis die Branche sich wieder erholt hat. Wichtig dafür ist, dass wir – wie viele andere Bereiche – dabei unterstützt werden.

Wie könnte ein Ausstiegsplan aus dem gegenwärtigen Shutdown fürs Filmgeschäft aussehen?

Viele Maßnahmen – vom Physical Distancing bis zu den Gesichtsmasken – werden uns noch lange begleiten. Sofern sich die allgemeinen Infektionszahlen weiter so positiv entwickeln, sollten Dreharbeiten mit machbaren Hygiene- und Arbeitsschutzkonzepten durchführbar sein. Die Kinos, wie auch andere Kultureinrichtungen sollten ebenfalls unter bestimmten Auflagen wieder aufmachen. Gleichzeitig müssten endlich bundesweit einheitliche Regeln gelten. Zurzeit kommt mir das aufgrund der föderalen Struktur doch wie ein Flickenteppich vor, wenngleich unser Land die Krisenbewältigung bislang gut hingekriegt hat, finde ich.

Was hat diese Krise nicht nur für die Filmindustrie, sondern für den gesamten Kunst- und Kulturbetrieb für Folgen?

Ich hoffe, dass die Menschen gerade jetzt verstehen, wie systemrelevant auch Kultur ist… Galerien, Ausstellungen, Museen, Theater, Oper, Ballett, Konzerte, Filme – ich habe den Eindruck, diese Lücke spüren allmählich viele Menschen. Und natürlich hoffe ich, dass auch in allen Bereichen der Politik und Verwaltung verstanden wird, wie lebensnotwendig Kunst und Kultur nun mal sind.

Derzeit geht es in Berlin eher um die Zukunft von Eckkneipen und Fußballspielen…
…was ich gar nicht kleinreden will. Aber ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass ausgerechnet wir in diesen Debatten hinten runterfallen könnten. Und das sage ich, obwohl ich Berufs-Optimist bin. Sonst hätte ich nie Filmproduzent werden können.

Streamingplattform Means TV: Netflix für die Arbeiterklasse

In der Bergarbeiterstadt Matewan in West Virginia fand 1920 eine „Schlacht“ zwischen Arbeitern und Handlangern des Rohstoffkonzerns Stone Mountain Coal Company statt. Noch heute kann man davon das eine oder andere Einschussloch in einer Hauswand sehen. Für die amerikanische Linke ist Matewan ein bedeutender Topos, vergleichbar dem Kampf der britischen Bergarbeiter zu Beginn des Thatcherismus. Der Filmemacher John Sayles hat die Ereignisse von Matewan 1987 in einem historischen Drama nacherzählt und damit wesentlich zu der Tradierung beigetragen. Heute finden an den historischen Schauplätzen Reenactments der Kämpfe statt, und Schulklassen staunen darüber, dass es in den Vereinigten Staaten auch einmal ein Proletariat gab.

Dass diese Schulklassen auch ethnisch deutlich stärker divers sind, als das noch 1920 der Fall war, ist ein Detail in dem zwanzigminütigen Dokumentarfilm „Matewan, History From Below“, den man auf einer neuen Streamingplattform sehen kann: Means TV deklariert sich als weltweit ersten „worker owned, post-capitalist streaming service“. Wenn man das Design der Startseite vor sich hat, wird sehr deutlich, dass es um keinen geringeren Konkurrenten als Netflix geht. Denn Means TV hat da einfach abgekupfert, wobei natürlich Netflix das Prinzip mit den Kacheln auch nicht gerade vollkommen neu erfunden hat.

Der Name ist auf jeden Fall klug gewählt. Zum Zweck führen meistens vor allem Mittel, und „means“ hat dann passenderweise auch noch Bedeutungsebenen, bei denen das Verstehen ins Spiel kommt. Wer will, kann sogar eine Assoziation herstellen zu der legendären Band No Means No, die vor allem in den neunziger Jahren linke Politik mit „straight edge“, also einer individuellen Lebensführung aus dem Geist von Hardcore und aktivistischer Selbstdisziplin, verband. Means TV kommt aus der amerikanischen Ostküsten-Linken, die beiden Gründer Naomi Burton und Nick Hayes haben Promotion für Alexandria Ocasio-Cortez gemacht, eine der Hoffnungsträgerinnen des linken Flügels der Demokratischen Partei. Mitte letzten Jahres tauchte zum ersten Mal dieser Teaser-Begriff von einem „Netflix für die Arbeiterklasse“ auf.

Wenn man dieser Tage mit zehn Euro für einen Monat einsteigt, wird man allerdings feststellen, dass dieser Betrag zum Teil eher noch als Gründungsdonation zu werten sein wird. Denn Means TV steht deutlich noch ziemlich am Anfang. Zudem ist die Definition der exklusiven Inhalte noch eine Aufgabe, denn man kommt auch mit der Youtube-Präsenz des Streamingdiensts ganz gut hin. Einer der Stars ist zum Beispiel Mexie, eine Tuberin, die sich auf den ersten Blick wie ein prototypisches WASP-Blondie ausnimmt, die aber mit ihren Beiträgen das ganze Spektrum heutiger linker Themen und Theoreme weitreichend abdeckt. Da geht es dann zum Beispiel um einen Veganismus, der inzwischen eher wie eine Trademark funktioniert, längst auch den Konzernen als Milliardenmarkt aufgefallen ist und nebenbei keinerlei Verringerung der industriellen Fleischproduktion hervorgebracht hat; und einen Veganismus, der sich auch diesen Zusammenhängen noch zu entziehen versucht. Oder aber Mexie versucht mit nicht ganz unkomplizierter Ironie den Trump-Falken John Bolton auf die Seite einer nuancierten Analyse der Situation in Venezuela zu ziehen, die dann allerdings doch in erster Linie darauf hinausläuft, dass der linksetatistische Präsident Maduro der Richtige für das südamerikanische Land ist.

Mexie läuft unter der Rubrik „Left Tube“, ein andere Sendung nennt sich „Means Morning News“ (MMN) und verspricht eine wöchentliche News Show, mit Reportagen, Interviews, Gästen und Analysen von Stimmen aus der „revolutionären Linken“. Wie es weitergeht, wird wohl sehr stark davon abhängen, wie die Arbeiter hinter dem Portal ihre weitere Strategie wählen. Denn an potentiellem Content für ein solches Angebot ist ja kein Mangel. Der Markt für politische Dokumentarfilme boomt weltweit, die Filmfestivals sind voll mit einschlägigen Titeln. Selbst Netflix hat eine kleine Nische für progressive Themen. Means TV bietet aus diesem Feld auch das eine oder andere an, zum Beispiel „Nosotros“ aus Spanien, ein Porträt von ein paar jungen Leuten im Zusammenhang mit den Wahlen im Jahr 2015, als die Bewegungspartei Podemos für Optimismus bei der Linken sorgte. Oder „Last Days of Chinatown“, das Porträt eines Stadtteils in Detroit, das exemplarisch die Strategien einer kapitalstarken Immobilienwirtschaft und die Auswirkungen auf das Leben kleiner Leute und verwurzelter Kulturen zeigt.

Die einstündige Dokumentation „Struggle“ beschäftigt sich mit der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2004, bei der George W. Bush wiedergewählt wurde, unter anderem mit manipulierten Ergebnissen in Ohio, wie die Macher von „Struggle“ nachzuweisen versuchen. Neben Dokumentarformaten legt Means TV auch noch Wert auf unterhaltsame Agitation und bietet dabei mehrere animierte Inhalte. Die anarchistische Zeichentrick-Comedy „Street Fight“ musste vorerst wegen Covid-19 ausgesetzt werden, sieht in der Ankündigung aber schon einmal nach einem guten Mix aus Robert Crumb und „Mad“ aus.

Im Grunde wäre die plausibelste Strategie für Means TV ein überlegter Zukauf von Content, denn für Eigenproduktionen in größerem Stil (die Doku über Matewan dauert zwanzig Minuten) werden die Mittel nicht reichen. Die „Cooperative Structure“ sieht einstweilen vor, dass zehn Prozent des Jahresgewinns als Tantiemen an die „Royalty Members“ gehen sollen, also an die Gestalter der Inhalte. Man kann wohl davon ausgehen, dass unter diesen Umständen das Programmangebot weiterhin eher klein bleiben wird. Es ist sicher noch zu früh für Prognosen, aber für einen Streamingdienst auf Grundlage von Graswurzelstrategien, der zugleich die kommerzielle Anmutung und Nutzersteuerung von Netflix eher kopiert als subversiv adaptiert, könnte es schwer werden. Zumal Kapitalzufuhr ja nur unter den Bedingungen der „kooperativen Struktur“ erfolgen kann, also nicht nach den Bedingungen des „neoliberalen Kapitalismus“. Die Schlacht von Matewan bildet in dieser Situation eher weniger Orientierung, setzt aber immerhin eine Norm für Widerstandsgeist.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) neigt sich traditionell einem bürgerlich-liberalen Publikum zu. Das 1780 gegründete Blatt hält nichts von staatlicher Bevormundung, sondern setzt auf Eigenverantwortung. Gemäß der klar marktorientierten Linie sind Subventionen und öffentliche Hilfen für die Wirtschaft prinzipiell unerwünscht. Doch angesichts des ökonomischen Niedergangs, der im Kampf gegen das Coronavirus den ganzen Globus erfasst, gibt sich die Zeitung undogmatisch. So hält man beispielsweise den viele Milliarden teuren Einsatz von Kurzarbeitergeld und Bürgschaften für richtig. In einem Kommentar mahnte der Wirtschaftsressortleiter Peter Fischer Ende März zugleich: „Wer von Steuergeldern profitiert, täte gut daran, bei der Dividendenpolitik Zurückhaltung zu üben.“

Gut zwei Wochen später schüttete die „AG für die Neue Zürcher Zeitung“ Dividenden von 8 Millionen Franken an ihre Aktionäre aus. Zuvor hatte der ehemalige NZZ-Verlagsgeschäftsführer Veit Dengler dafür plädiert, die Dividende zu streichen: „NZZ braucht alle Reserven für unbestimmt lange schwierige Zeit“, twitterte er. Doch der Aufruf verhallte. Dabei ist die „NZZ“ in der Tat empfindlich von der Corona-Krise getroffen. Zwar steigt das Interesse der Leser, aber die Anzeigenerlöse sind im freien Fall. Daher entschied der Verlag Anfang April, Kurzarbeit zu beantragen. Das Kurzarbeitergeld wird aus den Kassen der Arbeitslosenversicherung bezahlt; insofern zahlt nun die Allgemeinheit einen wesentlichen Teil der Gehälter der NZZ.

„Wir können nicht wettern und dann die Hand aufhalten“

Bei den Mitarbeitern in der Redaktion in Zürich kommt das gar nicht gut an. „Für unsere Zeitung ist das ein Armutszeugnis. Wir hätten darauf bestehen sollen, uns ohne Hilfen durchzuboxen“, sagt ein Redakteur, der namentlich nicht genannt werden will. Der Journalist sieht die Glaubwürdigkeit des Blattes beschädigt: „Wir können doch nicht gegen Staatsbeteiligungen und Subventionen wettern und dann selbst die Hand aufhalten.“

In diesem Zusammenhang sorgte auch ein Kommentar des Chefredakteurs Eric Gujer intern wie extern für Kopfschütteln. Ausgerechnet an jenem Tag, an dem die NZZ-Aktionäre mit großer Mehrheit die Dividendenausschüttung beschlossen, schrieb er im Leitartikel auf Seite eins: „Die Corona-Krise besiegen wir nur mit Selbstverantwortung, nicht mit Seuchen-Sozialismus.“ Und dann plädierte er für „weniger Dividenden und Boni für das Geschäftsjahr 2020“. 2020? Als ob es den mit Mitteln der Allgemeinheit gestützten Unternehmen, einschließlich der NZZ, nicht guttäte, auch schon die Gewinne aus dem Jahr 2019 in der Bilanz zu halten, anstatt sie auszuschütten. In der Redaktion fürchtet man jetzt umso größere Sparrunden; auch von möglichen Entlassungen ist die Rede.

Eine vergleichbare Angst geht in den Redaktionen der TX Group (vormals Tamedia) um, zu der Zeitungen wie der Züricher „Tages-Anzeiger“, die „Basler Zeitung“ und „Der Bund“ in Bern gehören. Auch dort ist man entsetzt darüber, dass TX an den Dividendenplänen festgehalten und für das Geschäftsjahr 2019 insgesamt 37 Millionen Franken an die Aktionäre ausgeschüttet hat, obwohl in den Redaktionen Kurzarbeit eingeführt wurde. Das Vertrauen zur Verlagsführung sei schwer erschüttert, sagt ein Redakteur, der nun mit einer harten Sparwelle und einem schmaleren Leseangebot rechnet. Damit werde in dieser nachrichtenstarken Zeit die Chance verpasst, dauerhaft neue Abonnenten zu gewinnen.

Das Verhalten der beiden Medienhäuser sorgt über deren Mauern hinaus für Unmut. Wie die linke „Wochenzeitung“ (WOZ) berichtete, wollte die für Medien zuständige Ministerin Simonetta Sommaruga den krisengeschüttelten Verlagen kurzfristig mit Soforthilfen von 78 Millionen Franken unter die Arme greifen. Doch mit diesem Vorstoß konnte sich die Sozialdemokratin in der Mehr-Parteien-Regierung in Bern nicht durchsetzen. Anderen Regierungsmitgliedern stieß offenbar sauer auf, dass NZZ und TX Dividenden zahlten, obwohl sie Kurzarbeitergeld beanspruchten. Das Schweizer Online-Magazin „Republik“ fragte den Verleger Peter Wanner („Aargauer Zeitung„), ob die beiden Verlage der Medienbranche also einen Bärendienst erwiesen hätten. Seine Antwort: „Ich bin überzeugt, ein solidarischer Dividendenverzicht hätte in dieser schwierigen Situation der gesamten Branche geholfen.“

Ganz im Regen stehen lässt die Regierung die Verlagshäuser freilich nicht. Am Mittwoch machte sie den Weg frei für die schon länger geplante öffentliche Stützung von Online-Medien (30 Millionen Franken) und die Aufstockung der indirekten Presseförderung um 20 auf 50 Millionen Franken im Jahr. Letztere bezieht sich auf die Subventionierung der Postzustellung, die bisher auf Titel mit einer Auflage von bis zu 40000 Exemplaren begrenzt war. Von der Aufhebung dieser Obergrenze profitieren also die größeren Zeitungen – wie die NZZ und der „Tages-Anzeiger“.

Am Tropf der Sender

Genau zwanzig Jahre ist es her, dass sich der deutsche Fußball in die totale Abhängigkeit des Fernsehens begeben hat. Am 29. April 2000 schloss die Deutsche Fußball Liga (DFL) ihren ersten großen TV-Deal: Der Münchner Medienunternehmer Leo Kirch kaufte damals die Fernsehrechte, zahlte 750 Millionen D-Mark pro Saison – seinerzeit eine überraschend hohe Summe – und zeigte erstmals alle Spiele im Pay-TV bei Premiere. Heute heißt der Sender Sky, gehört zum US-Medienkonzern Comcast und ist immer noch der größte Geldgeber der Liga. Sky zahlt etwa eine Milliarde Euro pro Spielzeit.

Die 36 Bundesligavereine der ersten und zweiten Liga hängen also am Tropf der Geldgeber aus der Medienbranche. Wie gefährlich das sein kann, zeigt sich jetzt in der Corona-Pandemie in aller Deutlichkeit. Bundesligaspiele sind derzeit nicht möglich. Wenn die Bundesliga aber keine Ware – also Fußballspiele – liefert, dann müssen die Sender auch nicht zahlen. Viele Fußballvereine geraten ohne die üppigen Fernsehgelder aber in arge wirtschaftliche Probleme, stehen teilweise sogar vor dem Aus. „Wenn wir die nächsten Monate nicht mehr spielen, dann säuft die ganze Bundesliga ab“, sagt Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund.

Die größte Not ist zwar gelindert, weil Sky und fast alle anderen Sender vorerst weiter zahlen wollen. Dafür muss die Bundesliga aber bald weitergehen. Vielleicht wird es von Mitte Mai an Geisterspiele ohne Zuschauer geben, die dann übertragen werden, aber sicher ist das nicht. Ohnehin gibt es jetzt schon Probleme. Sky als größter Geldgeber sowie die Öffentlich-Rechtlichen und kleinere Sender wie Sport 1 haben zwar zugesagt, die nächste Rate zu überweisen. Eurosport jedoch will laut Insidern nicht zahlen, es geht angeblich um eine Rate von etwa 25 Millionen Euro. Der Sender, der zum US-Konzern Discovery gehört, hatte die Pay-Rechte an den Freitags- und Sonntagsspielen für insgesamt etwa 80 Millionen Euro im Jahr erworben, diese wurden dann aber an den Streamingdienst Dazn weitergegeben, der seitdem die Partien überträgt.

Unklar ist, wie es jetzt weitergeht. Im Extremfall könnten keine Spiele an Freitagen und Sonntagen mehr zu sehen sein. Die DFL rechnet offenbar damit, dass Eurosport versucht, den Vertrag demnächst außerordentlich zu kündigen, weil die versprochene Ware, also die Spiele, nicht geliefert werden. Sollte das rechtswirksam sein, müssten die TV-Rechte eigentlich neu ausgeschrieben oder anders vergeben werden, damit die Bildschirme nicht leer bleiben. Nach Maßgabe des Bundeskartellamts dürfen nicht alle Bezahlrechte in einer Hand sein, damit wäre Sky als Bieter aus dem Rennen. Als Interessenten gäbe es dann noch Dazn oder Anbieter wie Amazon Prime.

Die Abonnenten laufen weg, neue Kunden kommen nicht hinzu

Drängender noch ist die Frage, wie es grundsätzlich weitergeht. Eigentlich wollte DFL-Chef Christian Seifert in diesen Tagen die Fernsehrechte für die vier Spielzeiten 2021/22 bis 2024/25 versteigern, er hofft dabei wieder auf Milliardeneinnahmen. Doch die Auktion wurde wegen der Corona-Krise verschoben, erst einmal auf den Sommer, manche erwarten auch, dass es Herbst werden kann. Denn zunächst muss klar sein, wie es mit der Bundesliga mittelfristig überhaupt weitergeht: Wird die laufende Saison zu Ende gespielt, findet die nächste wie geplant statt? Die Medienunternehmen, die mitbieten sollen, müssen gleichzeitig auch irgendwie aus der Corona-Krise kommen. Sky, Dazn und andere leiden, sie können keinen Sport zeigen, die Abonnenten laufen weg, neue Kunden kommen nicht hinzu. Es gilt als unwahrscheinlich, dass die Fernseherlöse für die DFL erneut steigen.

Immerhin: Der neue Sky-Chef Devesh Raj, erst seit Januar im Amt, hat mit der Vorabüberweisung der letzten Rate (immerhin mehr als 250 Millionen Euro) guten Willen gezeigt, Verlässlichkeit bewiesen und lässt sich bereits als „Retter des deutschen Fußballs“ feiern. Aber Sky kann sich trotzdem nicht sicher sein, bei der nächsten Rechtevergabe zum Zug zu kommen. Das Verfahren muss diskriminierungsfrei und transparent ablaufen. „Individuelle Vor- oder Nebenabsprachen mit einzelnen Bietern sind dabei nicht zugelassen“, heißt es bei der DFL. Einen gewissen Spielraum, einen Bieter zu bevorzugen, gibt es nur, wenn die Angebote weniger als 20 Prozent auseinanderliegen. Einer der Beteiligten sagt dazu: „Im Fußball gibt es keine Loyalitäten, wenn es ums Geld geht.“

Slack-Manager: „Wir sind der Klebstoff, der die Menschen im Homeoffice zusammenhält“

Das Tech-Unternehmen Slack ist ein großer Gewinner der Krise: Seit das Coronavirus die Büroangestellten zur Heimarbeit zwingt, sind die Nutzerzahlen um 25 Prozent gestiegen. Denn eines der größten Probleme im Homeoffice ist, sich mit den Kollegen abzustimmen. Und E-Mails an meterlange Verteilerlisten sorgen nur für Chaos. Dienste wie Slack versprechen Abhilfe.

„Wir sind im Moment der Klebstoff, der die Menschen auch an den Heimarbeitsplätzen zusammenhält“, sagt Oliver Blüher, Deutschlandchef von Slack, im Interview mit dem Handelsblatt. Er sieht in der Krise die Chance, dass sich die Arbeitswelt nachhaltig verändern wird – und auch Slack davon profitiert.

„Sicherlich werden die täglichen Nutzerzahlen nach dem Ende der Krise ein wenig zurückgehen, wenn Mitarbeiter sich wieder persönlich austauschen können. Dennoch bin ich sicher, dass wir das Momentum beibehalten können.“

Slack gilt als Erfinder des Team-Messengers. Doch Microsoft läuft dem Unternehmen aus dem Silicon Valley mit seinem Programm Teams den Rang ab, obwohl es erst zwei Jahre später auf den Markt kam. Microsoft spricht von zwölf Millionen neuen Nutzern durch die Pandemie – so viele, wie Slack insgesamt hat. Eine Handelsblatt-Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen zeigt zudem, dass Deutschlands große Konzerne hauptsächlich auf Teams setzen.

„Teams hat den Vorteil, dass es schon in dem verbreiteten Office-Paket von Microsoft integriert ist. Slack muss man extra installieren“, gesteht Blüher ein. Er versteht Teams aber nicht als Konkurrenten, sondern als Partner. Es seien zwei unterschiedliche Tools. „Slack ist eine unternehmensübergreifende, auf Channels basierende Messaging-Plattform, Teams wird hauptsächlich für geplante Anrufe und Videocalls verwendet.“
Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Blüher, eine Handelsblatt-Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen zeigt, dass die Mitarbeiter der großen Firmen immer mehr miteinander chatten. So makaber es ist: Kommt Ihnen die Coronakrise gerade recht?
Zunächst: Die Pandemie ist eine Riesentragödie – unsere Sorge gilt in erster Linie allen Betroffenen. Wir sind froh, dass Slack es dem Einzelnen, Teams oder auch ganzen Unternehmen erleichtert, ihr Tagesgeschäft aufrechtzuerhalten. Dass wir helfen können, sehen wir etwa an einem erheblichen Nutzerzuwachs. Es ist denkbar, dass darunter auch Menschen sind, die vor der Krise nicht unbedingt die Vorteile von Slack erkannt haben.

Ihr CEO Steward Butterfield hat durch Corona ein Nutzerplus von 25 Prozent verkündet – weltweit von zehn auf 12,5 Millionen.
Das sind Nutzer, die tagtäglich gleichzeitig auf unserem System aktiv sind. Das ist eine wichtige Kennzahl. Sie zeigt, dass Slack sehr belastungsfähig ist. Es ist schön, zu sehen, dass sich unsere Investitionen in die Infrastruktur bezahlt machen. Wir bekommen sehr viel positives Feedback.

Glauben Sie, dass Deutschlands Büroangestellte auch nach der Krise miteinander chatten werden – oder doch wieder zum Nachbarn ins Büro gehen, wenn sie eine Frage haben?
Die Krise hat weitreichende Diskussionen zur Digitalisierung des Arbeitsplatzes angestoßen. Wir sind im Moment der Klebstoff, der die Menschen auch an den Heimarbeitsplätzen zusammenhält. So haben wir die Chance, die Arbeitswelt nachhaltig zu verändern.

Sicherlich werden die täglichen Nutzerzahlen nach dem Ende der Krise ein wenig zurückgehen, wenn Mitarbeiter wieder in den Büros sitzen und sich persönlich austauschen können. Dennoch bin ich sicher, dass wir das Momentum beibehalten können, denn viele wollen sich jetzt digital weiterentwickeln.

Slack gilt als Erfinder der Team-Messenger. Doch Microsoft läuft Ihnen mit dem Programm Teams den Rang ab, obwohl es erst zwei Jahre später auf den Markt kam. Microsoft spricht von zwölf Millionen neuen Nutzern durch die Pandemie. Insgesamt sind es 44 Millionen.
Wichtig ist, dass Microsoft nur Anmeldezahlen veröffentlicht. Für uns ist die viel wichtigere Maßzahl, wie viele Personen zeitgleich unser Programm nutzen. Für Slack zählen die aktiven Nutzer, nicht die Karteileichen.

Wie viele Nutzer hat Slack denn insgesamt?
Dazu können wir nichts sagen, wir sind noch jung an der Börse. So viel kann ich Ihnen aber verraten: Vom 1. Februar 2020 bis zum 25. März 2020 hat Slack 9.000 neue zahlende Kunden hinzugewonnen – 80 Prozent mehr als im Quartal davor.

Ärgert Sie, dass Ihr Konkurrent Teams viel stärker von der Krise profitiert als Sie?
Teams ist für uns keine Konkurrenz. Wir sehen Microsoft als Partner, zumal sie mit ihrem Marketing auch Wegbereiter für uns sind.

Als Partner? Bei beiden Diensten können Mitarbeiter chatten.
Slack und Teams sind zwei unterschiedliche Tools, die für verschiedene Zwecke eingesetzt werden. Sicherlich gibt es mit Teams Überschneidungen in der Chatfunktion – aber da sind wir der bessere Anbieter. Slack ist eine unternehmensübergreifende, auf Channels basierende Messaging-Plattform, die für die effiziente Zusammenarbeit von Teams entwickelt wurde und zahlreiche Integrationen bestehender Anwendungen ermöglicht – zum Beispiel von Reisekostenabrechnungen.

Unsere Kunden nutzen Slack zum schriftlichen Austausch, oder für kurze spontane Videobesprechungen und Telkos, wenn sie aneinander vorbeischreiben. Teams wird hauptsächlich für geplante Anrufe und Videocalls verwendet. Es gibt schon genug Anbieter von Videokonferenzen, wir wollen da kein weiterer sein.

Die Dax-Umfrage des Handelsblatts zeigt, dass die meisten Konzerne Teams als konzernweites Tool eingeführt haben. Nicht ein einziger hat uns geantwortet, Slack konzernweit zu nutzen. Slack, wenn überhaupt, sei in IT-Abteilungen und agilen Teams installiert. Warum ist Slack bei den Dax-Konzernen unbeliebt?
Teams hat den Vorteil, dass es schon in dem verbreiteten Office-Paket von Microsoft integriert ist. Slack muss man extra installieren. Unsere Befragungen zeigen, dass wir oft parallel mit Teams existieren, unsere Nutzer Slack aber viel intensiver nutzen als jedes andere Chatprogramm.

Neben den Dax-Konzernen zeichnet sich die deutsche Unternehmenslandschaft durch den Mittelstand aus. Wie wichtig sind diese Firmen für sie?
Deutschland ist nach Großbritannien jetzt schon der zweitgrößte Markt Europas und hat das Potenzial, der größte zu werden – gerade wegen des Mittelstands. In vielen Familienunternehmen finden bald Stabswechsel statt. Die junge Generation fragt sich, wie sie ihr Unternehmen für die moderne Arbeitswelt rüsten kann. Und unsere Technologie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt, dass sich die Wertschöpfung auch in Fertigungsunternehmen immer mehr Richtung Software verschiebt. Im Mittelstand sehen wir deshalb die allergrößten Wachstumschancen.

War das auch ein Grund, im Winter ein Büro in Deutschland zu eröffnen?
Ja, das macht es leichter, potenzielle Kunden direkt anzusprechen.

Warum sind Sie eigentlich nach München gegangen – und nicht in die Start-up-Metropole Berlin?
In Frankreich und England spielt sich alles in den Metropolen Paris beziehungsweise London ab. In Deutschland gibt es ein Luxusproblem: Die Unternehmen sind sehr verteilt. München ist dabei der wichtigste Ort für B2B-Kunden im Bereich Cloud – und damit zum Talentmagnet geworden.

Wie viele Mitarbeiter sind in München beschäftigt?
Wenn wir gerade nicht alle im Homeoffice verstreut wären, säße dort eine Mitarbeiterzahl im unteren zweistelligen Bereich.

Müssen diese die Kunden ständig überzeugen, die Bezahlvariante zu kaufen? Slack nimmt mit der kostenlosen Basisversion ja nichts ein.
Der zahlende Anteil unserer Kunden ist durchaus signifikant. Jeder Nutzer hat für uns einen Wert.

Aber Sie sind nicht die Caritas…
Wir profitieren, wenn unser Netzwerk immer größer wird. Dann dient Slack nicht nur der internen Kommunikation, sondern ganze Projekte mit Kunden können über unsere Plattform ablaufen. Und für uns ist die Basisversion ein wichtiges Marketinginstrument, über die viele Fans zu zahlenden Kunden werden.

Trotz der Chat-Tools: Die E-Mail ist in vielen Konzernen nicht wegzudenken. Schreiben Sie noch Mails?
Ich versuche, das zu vermeiden. Früher hatte ich 180 E-Mails pro Tag, ich habe extrem viel Zeit damit verbracht, sie wegzusortieren und Informationen zu suchen.

Und jetzt verbringen Sie viel Zeit damit, in Ihren Channels die Infos zu suchen?
Sie haben recht, Slack ist kein komplett selbstorganisierendes System. Aber mit der Suchfunktion finde ich alles viel schneller als im E-Mail-Programm.

Nutzen Sie eigentlich Smileys, wenn Sie mit Ihren Kollegen slacken?
Ich bin zwar Mitte 40, aber ein Fan von Emojis, weil sie die Arbeit schneller machen. Zwei Beispiele: Wenn ich unter die Nachricht eines Kollegen den Emoji mit den beiden großen Augen setze, wissen alle, dass ich mir das anschaue. Und was erledigt ist, bekommt einen grünen Haken. Früher haben wir dafür Hunderte Mails geschrieben.

Gert Scobel warnt vor Moderatoren als „Ersatzpolitiker“

Der Journalist und Philosoph Gert Scobel sieht die Gefahr, dass Moderatorinnen und Moderatoren in der Corona-Krise „als Ersatzpolitiker agieren wollen“. Journalisten könnten die Komplexität der Welt nicht allein lösen und auch virologische Debatten kommunikativ nicht allein so aufbereiten, „dass die Politik nur noch dem zu folgen braucht, was in Talkshows verhandelt wird“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Das grundlegend Neue an der Corona-Krise sei, dass Milliarden von Menschen derzeit „sehr hautnah emotional“ erfahren, wie komplex die Alltagswelt ist, sagte der Moderator der Sendung „Scobel“: „Sie haben direkt erfahren, wie eng zum Beispiel Gesundheit mit Wirtschaft verknüpft ist.“

Journalisten seien nicht die Einzigen, die die Komplexität der Geschehnisse für ihre Berichterstattung einordnen müssten, sagte der Journalist. Auch Virologen versuchten auf ihre Art, die Komplexität von Daten und Befunden zu reduzieren. Aufgabe von Journalisten sei es, „möglichst viele dieser Teilantworten und Perspektiven erstens sachgemäß und zweitens verständlich möglichst objektiv zu kommunizieren“. Dazu gehöre auch zu sagen, dass sie bestimmte Dinge nicht wissen, weil sie sie gar nicht wissen könnten.

Insgesamt spiegele der Journalismus seiner Beobachtung nach derzeit viele unterschiedliche Perspektiven wider, sagte Scobel. Die wichtigste Aufgabe sei es, „neue Wege zu finden, gemeinsam mit unterschiedlichen Perspektiven und Komplexität umzugehen“. Journalistinnen und Journalisten müssten auch weiterhin kritisch nachfragen, um „klug und freundlich auszuloten, was das klügste, im Idealfall sogar weise Verhalten ist“.
Die Medien könnten nach Ansicht von Scobel aus der Corona-Krise lernen, dass sie „eine größere Verantwortung haben als gedacht“. Ein Teil des Fernsehens könne lernen, „dass unsere erste Aufgabe nicht die Bespaßung der Republik ist, sondern dass wir gemeinsam versuchen müssen, neue Öffentlichkeiten herzustellen, um damit Freiheit und Gemeinwohl zu fördern“, sagte er.

Jetzt sei eine gute Zeit, Dinge zu verändern: „Lieber mal einen Gast weniger in eine Talkshow einladen und dafür ein intensiveres Gespräch führen. Ein Gespräch, das auch nicht nur dem einen die Kritik des anderen um die Ohren haut, sondern lösungsorientiert ist.“

Scobel, 60, studierte Philosophie und Theologie in Frankfurt am Main und im kalifornischen Berkeley. Seit April 2008 leitet und moderiert er die Sendung „Scobel“ bei 3sat. Seit Mai 2016 ist er Professor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

So verdient Google an den Steuermilliarden im Kampf gegen Corona

Der Tech-Konzern besteht in der Virus-Krise auf die Bezahlung von Rechnungen in Millionenhöhe. Das trifft große Anzeigenkunden wie Reiseanbieter besonders. Um ihre Schuld zu begleichen, überweisen sie einen Teil ihrer Hilfskredite direkt an Google.

Führende deutsche Start-ups aus der Reisebranche beklagen sich über das Verhalten von Google in der Corona-Krise. Der Internetriese aus Kalifornien besteht auf der fristgerechten Bezahlung von Rechnungen in Millionenhöhe – obwohl die Start-ups derzeit keinen Umsatz machen.

In einem offenen Brief an Google-Vorstand Philipp Schindler fordern die Chefs von acht Unternehmen und der Präsident des Start-up-Verbands, Christian Miele, den Konzern dazu auf, die Last der Pandemie mit ihnen gemeinsam zu tragen.

Die Unterzeichner warnen davor, dass staatliches Hilfsgeld aus Deutschland in der Kasse des US-Konzerns landen könnte. Während sich fast alle anderen Unternehmen, darunter auch Microsoft und Facebook, in der Krise kulant verhielten, gebe es von Google kein Entgegenkommen.

„Für uns war das Verhalten von Google ein Schlag ins Gesicht“, sagt Johannes Reck, Gründer des Tourenvermittlers GetYourGuide. Neben ihm haben den Brief unter anderem die Chefs des Fernbusanbieters Flixbus, der Reisesuchseite Trivago und des Kreuzfahrtvermittlers Dreamlines unterschrieben.

Angesichts der Corona-Beschränkungen machen die Reiseanbieter derzeit praktisch keinen Umsatz. Außerdem mussten sie ihren Kunden alle Anzahlungen für ausgefallene Leistungen zurückerstatten. Die Mitarbeiter sind zum größten Teil in Kurzarbeit, Unternehmen wie Trivago planen außerdem bereits, Stellen abzubauen.

Um ihre Kosten weiter zu senken, verhandeln die Gründer mit ihren Geschäftspartnern über Stornierungen von Bestellungen, Kürzungen oder den Aufschub von Rechnungen. Fast alle seien dabei zu Zugeständnissen bereit, heißt es. So berichtet Reck beispielsweise vom großen Entgegenkommen seines Vermieters, der monatelang auf Zahlungen verzichte.

Ganz anders Google. Allein die acht Start-ups aus der Reisebranche hatten im ersten Quartal für umgerechnet 75 Millionen Euro Anzeigen in der Suchmaschine gebucht. Rund die Hälfte dieses Betrags müssen die Unternehmen noch bezahlen, die Rechnungen sind bereits fällig. Und sie werden wohl indirekt aus Steuermitteln beglichen – denn die Gründer haben Hilfskredite bei der Staatsbank KfW beantragt. „Wenn wir die KfW-Kredite bekommen, dann müssen wir einen Teil des Geldes direkt an Google weiterüberweisen“, sagt Reck. „Wollen wir wirklich, dass Steuergelder an ein Unternehmen fließen, das Rekordgewinne macht?“

Tatsächlich hat die Google-Konzernmutter Alphabet gerade beeindruckende Quartalszahlen vorgelegt. 41,1 Milliarden Dollar hat der Konzern im ersten Quartal 2020 eingenommen, knapp fünf Milliarden mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Gewinn lag mit knapp acht Milliarden Dollar nur unwesentlich unter der Prognose der Analysten. Googles Werbegeschäft brachte mehr als 33 Milliarden Dollar Umsatz. Angesichts dessen erscheint der Umgang des Konzerns mit seinen deutschen Kunden ungewöhnlich hart.

Die Reiseanbieter bitten den Konzern dringend um Kulanz. Denn einerseits haben sie die Umsätze, die sie im Internet aufgrund der Google-Anzeigen gemacht haben, zum Großteil wieder an ihre Kunden zurückbezahlt. Und andererseits führte spätestens im März ein Großteil der Anzeigen ins Leere – weil niemand mehr Reisen oder damit verbundene Dienste buchte.

Eine Stundung kommt für Google nicht infrage

Zumindest für die noch ausstehenden Rechnungen solle Google auf eine Vollstreckung verzichten und Unternehmen, die Staatshilfen erhalten haben, „einen konsistenten und flexiblen Weg“ anbieten, um die Zahlungen aufzuschieben.

Auf WELT-Anfrage sagte ein Google-Sprecher, man stehe „im ständigen Austausch mit unseren Geschäftspartnern, einschließlich der Reisebranche“, um den Werbekunden zu helfen. Google kündigte an, kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die im vergangenen Jahr Anzeigen gebucht hatten, Werbeguthaben im Umfang von insgesamt 340 Millionen Dollar kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Doch eine Stundung der Zahlungen für bereits geleistete Onlinewerbung will der Konzern nicht gewähren, egal ob die Reise-Start-ups ihrerseits die Buchungen abschreiben müssen, die dank der Werbung zustande gekommen waren.

Warum Google derart hart vorgeht, erklärt vielleicht ein Blick auf das aktuelle Krisenquartal. Denn auch wenn der Umsatz des Mutterkonzerns insgesamt gesteigert werden konnte, warnte Alphabet-Finanzchefin Ruth Porat: „Im März erlebten wir eine signifikante Verringerung der Werbeumsätze.“

Der Einbruch sei abrupt ausgefallen, bislang sehe man wenig Besserung. Google-Chef Sundar Pichai betonte im Analysten-Gespräch, dass insbesondere die großen Kunden aus der Reisebranche hart von der Krise betroffen seien.

In den USA stammen Googles größte Einzelkunden aus der Reisebranche, sie haben die Werbebudgets fast komplett zusammengestrichen. Googles System erlaubt extrem kurzfristige Reaktionen, Firmen können gebuchte Kampagnen von einem auf den anderen Tag streichen.

So etwa das US-Onlinereisebüro Expedia mit Werbeausgaben von pro Jahr normalerweise fünf Milliarden Dollar. Dessen Chef Barry Diller kündigte an, sein Onlinewerbebudget auf deutlich unter eine Milliarde zu senken. Booking Holdings, mit einem Werbebudget von mehr als sechs Milliarden Dollar einer der größten, wenn nicht der größte Werbekunde Googles, soll sein Budget auf fast null gesetzt haben, solange keine Reisen gebucht werden.

Wer via Google etwa nach „Flug San Francisco“ oder „Hotel London“ sucht, bekommt normalerweise an erster, zweiter und dritter Stelle der Liste einen bezahlten Treffer von Expedia oder Booking.com, über den der Nutzer direkt auf die Seiten der Reiseportale umgelenkt wird.

„Die großen Portale leben direkt davon, in der Trefferliste weit oben zu stehen – das sind die absoluten VIP-Kunden von Google“, kommentiert der Silicon-Valley-Experte Andreas Weigend. Doch aktuell werden entsprechende Suchergebnisse werbefrei angezeigt – ein sicheres Zeichen für den Einbruch bei Google.

Damit ist der Konzern deutlich härter von der Krise betroffen als die anderen US-Tech-Riesen, kommentiert der Start-up-Experte Nihal Mehta. Wer wie Netflix oder Amazon direkt für Endkunden arbeite oder wie Microsoft regelmäßig Abonnementeinnahmen generiere, sei resistenter aufgestellt. „Werbung ist in der Krise das Erste, das eingespart wird“, sagt Mehta. Sie kehre aber im späteren Boom auch als Erste zurück.

Das dürfte auch für die deutschen Start-ups in der Reisebranche gelten. Bisher machten für sie die Anzeigen auf Google einen erheblichen Kostenblock aus: Sie investieren zwischen 30 und 55 Prozent ihres Umsatzes in die kleinen Textanzeigen, die ganz oben auf der Ergebnisseite der Suchmaschine auftauchen. Zusammengenommen wären die acht Start-ups auch ein relativ großer Google-Kunde: Insgesamt haben sie eigenen Angaben zufolge im vergangenen Jahr rund eine halbe Milliarde Euro an den US-Konzern überwiesen.

Medienstaatsvertrag: Digitaler Weg

Seit Jahren arbeiten Politiker an der Novellierung des deutschen Medienrechts. Zwei Beteiligungsverfahren für Bürger, Unternehmen und Verbände gab es, nach unzähligen Gesprächen einigten sich die Bundesländer. Der Medienstaatsvertrag soll den Rundfunkstaatsvertrag ersetzen und ins digitale Zeitalter führen. Kein Wunder also, dass Aufregung herrscht, wenn es heißt, die EU könne das Vorhaben kurz vor dem Ziel stürzen. „Wir waren hochgradig alarmiert“, sagt Heike Raab, Staatssekretärin in Rheinland-Pfalz, das die Mediengesetzgebung koordiniert. Die Sorgen waren offenbar übertrieben: Der neue Medienstaatsvertrag hat nun das EU-Notifizierungsverfahren durchlaufen und damit eine weitere Hürde genommen, um im September Gesetz zu werden.

Dabei hatte es zuvor Aufregung um Gerüchte über Bedenken der EU-Kommission gegeben. Die Europaabgeordneten Sabine Verheyen (CDU) und Petra Kammerevert (SPD) hatten in einem nicht öffentlichen Schreiben an die Kommission schwere Vorwürfe erhoben. Die Kommission wende sich gegen den Schutz der Medienvielfalt, heißt es darin. Auch Heike Raab hatte die EU-Kommission schriftlich gebeten, ihre Positionierung zu überdenken.

An sich ist es nichts Ungewöhnliches, dass die Kommission prüft, ob neue Gesetze mit EU-Recht vereinbar sind. Nachdem nun die Frist verstrichen ist, gibt sich Raab zufrieden: „Ich bin erleichtert, dass sich unsere Rechtsauffassung bis auf Kleinigkeiten bestätigt hat.“ Die Kleinigkeiten: Eine Richtlinie in Bezug auf die Barrierefreiheit ist nicht umgesetzt, das werde nachgebessert, so Raab. Befürchtet wurde, dass die Kommission Verstöße gegen die E-Commerce-Richtlinie anmerkt. Das war nicht der Fall, sagt die Staatsministerin. Die Kommission äußert hingegen in der für Brüssel typischen Sprache „Bedenken“, ob einige Bestimmungen „mit EU-Recht vereinbar“ seien. Ihre Kommentare sollten „die Bundesländer anregen zu überlegen, wie der Vertragsentwurf besser mit unserem gemeinsamen EU-Recht in Einklang gebracht werden kann“.

Dem Vertrag im Wege stehen diese Bedenken und Anregungen allerdings nicht. Vielmehr klingen darin auch kommende Diskussionen an: Deutschland und Europa vertreten verschiedene Auffassungen zur E-Commerce-Richtlinie, die Zuständigkeiten im Onlinehandel regelt. Ursula von der Leyen plant voraussichtlich eben diese Richtlinie zu erneuern. Spätestens dann steht dem Medienstaatsvertrag eine Überarbeitung bevor.

Kostenlose Videokonferenz-Programme im Funktionsüberblick

Videochat-Programme gibt es viele, aber welches kann was? Wir haben die Funktionen kostenloser Angebote verglichen.

Videokonferenzen gehören nicht nur für Home-Office-Arbeiter zum Alltag, immer mehr Menschen treffen sich auch nach Feierabend zum Glas Obstschorle vor der Kamera. Während im Berufsleben häufig kostenpflichtige Videochat-Tools zum Einsatz kommen, gibt es auch etliche sehr gute Programme kostenlos – die sich jedoch stark im Funktionsumfang unterscheiden.

Für diesen Überblick haben wir neun Produkte ausgewählt: Blizz von TeamViewer, Cisco Webex, Discord, Facebook Messenger, Google Hangouts, Jitsi Meet, Microsoft Teams, Skype und Zoom. Sie kommen allesamt von kommerziellen Anbietern, nur Jitsi Meet fällt etwas aus der Reihe: Die Jitsi-Software steht als Open Source zur Verfügung; wer will, baut damit einen eigenen Videokonferenz-Server auf. Für User ohne eigenen Server steht der öffentliche Server meet.jit.si zur Verfügung. Finanziert wird das Projekt von dem US-amerikanischen VoIP-Unternehmen 8&8. Apple Facetime (das laut Entwickler übrigens vorbildlich Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist) haben wir außen vor gelassen, da die Software nur mit Apple-Geräten funktioniert.

Bei TeamViewer Blizz, Cisco Webex, Microsoft Teams und Zoom haben wir uns die abgespeckten Gratis-Varianten kostenpflichtiger Angebote angeschaut. Facebook und Skype sind grundsätzlich kostenlos, lediglich für das Anrufen von Mobil- und Festnetznummern muss man bei Skype Guthaben aufladen. Google Hangouts war und bleibt ebenfalls kostenlos, die kostenpflichtige Variante heißt seit Neuestem Google Meet und ist Teil des Geschäftskundenangebots G Suite. Discord ist der bunteste Vertreter der Auswahl: Die Software war ursprünglich ein Kommunikations- und Streaming-Tool nur für Gamer, wird inzwischen aber auch häufig außerhalb des Spielekontexts verwendet.

Wie reinkommen?

Mit allen Anbietern kann man per Link in einen Videochat einladen – das ist oft ziemlich praktisch, gerade wenn man mit Leuten kommunizieren will, die man noch nicht in der Kontaktliste hat. Bei den meisten Anbietern muss mindestens der sogenannte „Gastgeber“ (also die einladende Person) einen Account einrichten. Bei Blizz, Webex und Zoom benötigen die Gäste keinen eigenen Account, bei Discord, Hangouts und Skype schon. Am einfachsten ist in dieser Hinsicht Jitsi Meet, denn hier benötigt niemand einen Account: einfach Meeting-Link anklicken, den gewünschten Namen eintippen, fertig. Bei Blizz, Webex, Jitsi Meet, Teams und Zoom können sich Teilnehmer auch übers normale Telefonnetz einwählen.

Wie viele dürfen?

Bei Teams, Zoom, Jitsi, Skype und Facebook dürften die meisten Privatnutzer nicht an die Teilnehmergrenze stoßen: 250, 100, 75 und jeweils 50 können hier mitmachen. Allerdings kann es bei Jitsi ab ungefähr 35 Menschen im Videochat zu Bild- und Tonaussetzern kommen – bei Massenveranstaltungen empfiehlt Jitsi deshalb, nur die Sprechenden in den Videochat zu holen und den Videostream ansonsten live auf YouTube zu streamen, die Funktion dafür ist integriert. Discord und Hangouts unterstützen zehn Teilnehmer, bei der kostenlosen Blizz-Version sind es sogar nur 5.

Bild und Ton

Klar, die Übertragung von Bild, Ton und Textnachrichten beherrscht jedes der Programme. Wie das übertragene Videobild allerdings aussieht, unterscheidet sich: So können Jitsi, Skype, Zoom und Webex (letzeres nur in der iOS-App) den Hintergrund des eigenen Bilds unscharf darstellen, sodass die anderen Gesprächsteilnehmer nicht das unaufgeräumte Arbeitszimmer oder den vollen Wäscheständer sehen – was im ersten Moment nach einer Spielerei-Funktion wirkt, ist für unordentliche Videofonierer ein Killer-Feature. Noch weiter geht Zoom: Die Software zeigt den Hintergrund auf Wunsch nicht nur unscharf an, sondern platziert das eigene Gesicht auch vor frei wählbare Hintergründe („Virtual Greenscreen“). Dabei unterstützt es nicht nur Bilder, sondern auch Videos. In vielen Firmen führt diese Funktion zu wahren Kreativitätswettbewerben – eine nette Auflockerung für trockene Meetings. Außerdem kann Zoom das eigene Gesicht „optimieren“, also Falten durch Weichzeichnung minimieren – wer weiß, wie viel der Erfolg der Software mit dieser Funktion zu tun hat. Auch Microsoft unterstützt in der aktuellen Teams-Version virtuelle Hintergründe, bis Redaktionsschluss durfte man aber lediglich aus vorgegebenen Standbildern auswählen.

Bildschirm zeigen

Den eigenen Bildschirm freigeben kann man mit allen Programmen, aber auch hier gibt es wichtige Detailunterschiede. Die höchst sinnvolle Funktion, nur den Inhalt eines Programmfensters und nicht den ganzen Bildschirminhalt zu übertragen, beherrschen alle Kandidaten – Skype allerdings nur mit Chrome und dem macOS-Client – wer den Windows-Client nutzt, darf nur den kompletten Bildschirm teilen. Bei Facebook Messenger kann man unter macOS mit Firefox gar nicht teilen, sondern nur mit Chrome, unter Windows klappts mit beiden Browsern. Noch etwas schwieriger wird es, wenn man nicht nur ein stummes Textfenster teilen will, sondern beispielsweise ein Video mit Ton. Hangouts und Blizz beherrschen keinen Ton vom Rechner, bei Skype klappt die Audioübertragung nur mit dem Windows-Client. Allgemein sind bewegte Bilder problematisch, häufig klappt die Übertragung nur ruckelig, zudem darf das zu übertragende Fenster nicht von einem anderen Fenster verdeckt sein. Hier hat Discord die Nase vorn: Die Software überträgt Spiele und Videos zuverlässig flüssig und mit Audio in den Gruppenvideochat – und zwar auch dann, wenn das Fenster im Hintergrund liegt.

Sicherheit

Die Frage, wie sicher Videochats sind, stellt sich nicht erst seit den Diskussionen um Zoom: Das Unternehmen hatte mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geworben, was letztendlich eine Lüge war. Wie fast alle Videochat-Tools nutzt Zoom zwar eine Transport-Verschlüsselung vom und zum Server, dort werden die Anrufe aber unverschlüsselt verarbeitet. Von den hier vorgestellten Angeboten nutzt lediglich TeamViewer Blizz eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung – zumindest nach eigenen Angaben, überprüfen konnten wir das bislang nicht. Wer sichergehen will, dass niemand mithört und -guckt, sollte sich überlegen, Jitsi auf einem eigenem Server zu installieren. Ein weiterer Sicherheitstipp: Bei Anbietern, mit denen man ohne Account und nur mit einem Link an einem Videochat teilnehmen kann, sollte man ein Passwort einstellen. Sonst riskiert man, dass sich Unbefugte mit einem erratenen Link ins Gespräch einschleichen – das kommt offenbar so häufig vor, dass die englischsprachige Wikipedia bereits einen Begriff für den Vorgang listet: „Zoombombing“.

Fazit

Die kostenlosen Videochat-Tools müssen sich nicht verstecken: Für die allermeisten Anwendungen reichen sie vollkommen aus. In Sachen Einfachheit hat uns Jitsi Meet am besten gefallen: Man muss sich nirgendwo registrieren, außerdem läuft es auf dem Desktop einfach im Browser. Wer häufig bewegte Bilder teilen will, sollte sich Discord anschauen – damit klappt die Bild- und Tonübertragung von Bildschirminhalten zuverlässig geschmeidig.

Die Corona-Show muss weitergehen

Ein neues Schlagwort geistert durch die Kommunikationskanäle: Systemrelevanz. Dieses Kriterium beanspruchen die Wortführer im Mediensektor auch für ihren Service. Das mache die vom Coronavirus ausgelöste Krise deutlich, sagen sie. Bisher war in medienpolitischen Diskussionen häufiger von Demokratierelevanz die Rede. Doch der Begriff scheint kontaminiert zu sein, weil ihn vor allem Wissenschafter und Linksliberale in die Arenen getragen haben. Letztlich läuft es auf dasselbe hinaus: Es geht um die Schaffung des Terrains für staatliche Hilfe. Medien verbreiten demnach nur Informationen, die auf Tatsachen beruhen, was wiederum für das gute Funktionieren von demokratischen Gemeinwesen unerlässlich sei.

Stimmt das? Nein, werden Fundamentalkritiker sagen. Machen wir einen einfachen Vergleich. Den ermöglichen die neuen digitalen Wächter. Sie prüfen gemäss den einschlägigen kritischen Verfahren die Behauptungen, welche im Internet kursieren, auf ihre Richtigkeit. Initiativen wie NewsGuard, First Draft oder Correctiv zeigen derzeit regelmässig auf, was für abstruse Corona-Thesen vor allem in sozialen Netzwerken zu finden sind. Einige erzielen eine hohe Anzahl von Likes und Shares, was vermuten liesse, dass damit mehr als eine Minderheit von Spinnern ansprechbar sei. Doch derlei Daten sind sehr unzuverlässig und sagen wenig aus über die soziale Wirksamkeit solcher Botschaften.

Von derlei Unsinn halten die herkömmlichen Medienanbieter Abstand. Zum Glück. Da sie immer noch imstande sind, mit ihren Erzeugnissen breit in die Gesellschaften hinein zu wirken, prägen sie entsprechend das Wissen des Publikums. Insofern wären die Massenmedien systemrelevant. Wer auf die Verbreitung von grobem Unfug verzichtet, arbeitet aber noch nicht von vorneherein verlässlich. Die vom Coronavirus ausgelöste Grosskrise stellt insofern auch für das redaktionelle Gewerbe einen Stresstest dar. Sie könnte ein Anlass dazu sein, besonders vorsichtig zu informieren angesichts der vielen Unwägbarkeiten, welche die Exekutiven zu Blindflügen zwingen.

Tief verankert ist die redaktionelle Zahlengläubigkeit. Trotz der zahlreichen Kritik an den unhaltbaren internationalen Vergleichen zu positiv Getesteten und Verstorbenen erscheinen weiterhin entsprechende Statistiken. Die schöne Grafik zählt mehr als die Substanz.

Blickt man auf die seit mehr als einem Monat höchst intensive Berichterstattung zurück, scheint sich wenig geändert zu haben. Die üblichen publizistischen Attitüden sind erkennbar. Gewiss, das Publikum kann täglich verlässliche, informative Erzeugnisse finden. Doch das halb Gegorene bleibt im Angebot. Marktgeschrei prägt weiterhin die Arenen. Die Informationen müssen verkauft werden, was unweigerlich dazu verleitet, die Verpackungen aufzublasen. Man kreiert Helden und Stars. Bundesrat Berset etwa geriet zum «mächtigsten Mann der Schweiz». Die behördlich erlassene Stilllegung von Wirtschaft und Gesellschaft löste zu Beginn eine mediale Schockstarre aus. Die ziemlich unkritische Berichterstattung verschaffte wiederum ein paar Akteuren die Gelegenheit, sich als mediale Dissidenten aufzuplustern. Gleichzeitig wurde offenbar, wie schnell die Mehrheit abweichende Meinungen moralisch verurteilt. Eitelkeit, Übertreibungen und Engstirnigkeit sind Teil des allgemeinen Mediengeschäfts. Es bleibt strukturell bedingt halb seriös.

Kaspersky: Hackerangriffe auf Krankenhäuser sind Terroranschläge

Sein Leben habe sich durch die Corona-Krise komplett verändert, bekennt Eugene Kaspersky. Statt rund um den Globus zu Konferenzen und geschäftlichen Treffen zu fliegen, telefoniert er nun und gibt Videokonferenzen. Doch es gehe ihm gut, Frau und Kinder seien auf dem Land, die drei Kühlschränke im Haus gut gefüllt, erklärt der durch Sicherheitssoftware reich gewordene Internetmilliardär mit einem Lachen. Und auch über zu wenig Arbeit kann er sich nicht beklagen. „Die Nachfrage nach unseren Produkten ist sehr groß“, sagt Kaspersky.

Das Thema Netzsicherheit ist durch die Corona-Krise nur noch akuter geworden. Der US-IT-Riese IBM spricht von 6.000 Prozent Wachstum bei Spam-Mails innerhalb eines Monats.

In Russland hat die Zentralbank von Februar bis Anfang April mehr als 2.200 Webseiten gezählt, die den Internetauftritt bekannter Markenzeichen nachahmen. Seien es verschiedene Ministerien, die Verbraucherschutzbehörde, die Internationale Arbeitsorganisation oder diverse Banken. Sie alle spekulieren mit dem Thema Coronavirus, versuchen User mit Fake-News um Daten und Geld zu erleichtern.

Betrugsversuche

Nach Angaben der russischen Staatsbank VTB haben Hacker in der ersten Aprilhälfte 15 Prozent mehr Betrugsversuche gegenüber Bankkunden verübt als noch im gleichen Zeitraum einen Monat zuvor. Ähnliches berichtet die große russische Industriebank Promsvyazbank (PSB): „Die gesteigerte Aktivität der Betrüger hängt auch mit der Corona-Pandemie zusammen – die Menschen sind in einem gewissen Stress wegen der Verbreitung des Virus und der verordneten Selbstisolierung, sind in der Kommunikation mit Freunden und Verwandten eingeschränkt, und das versuchen die Betrüger auszunutzen“, erklärte der Sicherheitschef der PSB, Dmitri Miklucho.

Hackerattacken werden in dieser Zeit aber auch gezielt auf medizinische Einrichtungen und Gesundheitsbehörden gestartet. Und das weltweit. Im tschechischen Brünn legten Hacker ein Krankenhaus lahm, indem sie Daten von Patienten verschlüsselten, sodass die Ärzte nicht mehr darauf zugreifen konnten. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die US-Gesundheitsbehörde sind schon Opfer von Cyberattacken geworden. Unter anderem kam hier die Phishing-Spyware Darkhotel zum Einsatz, die Hacker zuvor größtenteils bei Attacken im asiatischen Raum und in Russland einsetzten.

Falsche Identität

Costin Raiu, Direktor des Global-Research-Teams von Kaspersky, sieht hier das Ziel des Datendiebstahls darin, anderen Opfern eine falsche Identität vorzugaukeln – die Wahrscheinlichkeit, dass Phishing-Mails, die beispielsweise von einem offiziellen Account der WHO kämen, in Firmen geöffnet werden, liegt laut Raiu „bei 100 Prozent“. Somit werden medizinische Einrichtungen als Einfallstor für weitere Betrügereien genutzt. In Italien wurden so Personen von einem Pseudo-WHO-Account angeschrieben. Die Mails enthielten den Trojaner Trickbot, der vertrauliche Daten auf dem Computer stiehlt.

Kaspersky sieht mit dem Angriff auf Krankenhäuser eine rote Linie überschritten: „In dieser schweren Zeit sind Cyberattacken auf medizinische Infrastruktur das gleiche wie Terroranschläge, und die Regierungen sollten ebenso hart darauf reagieren“, forderte er.

Die Behörden sind durchaus gewillt, solidarisch und mit Härte gegen solche Attacken vorzugehen. US-Außenminister Mike Pompeo erklärte nach dem Angriff auf das tschechische Krankenhaus, dass es dafür „null Toleranz“ gebe. Durchschlagenden Erfolg hatte die Suche nach den Hintermännern solcher Angriffe bislang allerdings noch nicht.

Bloß nicht zu ernst

Wenn man dem Coronavirus ein treffendes Adjektiv verpassen müsste, welches wäre es? „Neuartig“ ist ja schon wieder überholt, „teuflisch“ klingt zu sehr nach Faust oder Exorzismus. Wie erklärt man es also, dieses Virus, das ja so vieles ist – beängstigend, heimtückisch, hochansteckend – für Kinder im Grundschulalter?

Wenn es jemanden gibt, der immer schon besonnen und vorsichtig auf aktuelle Spannungen, Konflikte und Krisen weltweit reagieren musste, dann sind es Redakteurinnen und Redakteure aus dem Kinderfernsehen.

Die Moderatorinnen und Moderatoren sind seit Jahrzehnten für Kinder eine Frage-Anlaufstelle geworden – und auch für Erwachsene ein willkommener Ratgeber. Da ändert auch das – wie es von vielen der Redaktionen beschrieben wird – „fiese Coronavirus“ nichts daran: Wie funktioniert ein Coronatest, was bringt ein Mundschutz eigentlich genau und kann ein Pfurz das Coronavirus übertragen? Wer das dem eigenen Kind nicht zu erklären vermag, der kann dieser Tage das Kinderfernsehen fragen. Die Maus aus der Sendung mit der Maus ist schließlich das vermutlich klügste Säugetier im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das Redaktionsteam der Tagesschau als ganz großes Tier vielleicht mal ausgenommen.

„Das Interesse ist immer dann besonders groß, wenn die Lebenswirklichkeit der Kinder massiv betroffen ist und wenn die Bedrohung sehr nahe kommt“, sagt Markus Mörchen, Leiter der ZDF-Kindernachrichtensendung Logo! , er erzählt von Erfahrungen nach Amokläufen an Schulen oder der Atomkatastrophe in Fukushima. Natürlich halte man sich auch, was das Virus betrifft, an Experten: „Wir selbst sind nicht die, die sagen können: ‚Wir wissen, wie es richtig geht‘. Wir können immer nur weitergeben oder übersetzen.“

Die gelungene Weitergabe von Zahlen und Informationen an Kinder, die Markus Mörchen „Übersetzung“ nennt, ist es, die gutes Kinderfernsehen ausmacht. Nur: Wie bleibt man gleichzeitig unterhaltsam, macht aber auf den Ernst der Lage aufmerksam – und dabei auch keine Angst? Mörchen sagt, es bringe nichts, „Kinder mit den neuesten Fakten zuzuballern, zum Beispiel Infektions- oder Todeszahlen“. Und dass es wichtig sei, die Kinder stark am Diskurs zu beteiligen.

Der Checker Tobi sagt: „Deswegen darf ich auch selbst mal ein Virus spielen oder eine Speichelzelle.“

Außerdem hilft wohl, wie in jeder Lebenslage – das gilt nicht nur für Kinder – den Humor nicht zu verlieren. „Wir versuchen das Ganze spielerisch anzugehen, deswegen darf ich auch selbst mal ein Virus spielen oder eine Speichelzelle“, sagt Tobias Krell, der Kindern als Checker Tobi aus den gleichnamigen Erklärfilmen bekannt ist. „Wichtig ist, dass auch bei so einem Thema die Kinder unbedingt lachen sollen. Ich glaube, wenn sie lachen, merken sie sich Sachen besser“, sagt Krell. Anders als zum Beispiel die Nachrichtensendung Logo! sind die in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk gedrehten „Checks“, in denen im Kurz-Doku-Format Alltagsphänomene erklärt werden, keine tagesaktuelle Sendung, was die Situation für die Redaktion nochmal zusätzlich ein wenig verkompliziert: „Wenn wir heute einen ‚Virencheck‘ machen, dann muss der auch in drei Jahren noch haltbar sein, wenn vielleicht die Jüngsten Kinder das Wort ,Corona‘ noch nie gehört haben. Sie sollen was über Viren an sich erfahren und trotzdem auch noch begreifen, was zur Corona-Zeit los war“, sagt Tobias Krell.

Auch bei der Sendung mit der Maus verbindet man die aktuellen Bedürfnisse mit zeitlosen Sendungen: Seit Anfang April laufen die besten „alten“ Folgen jeden Tag, unter anderem eine Reaktion auf die geschlossenen Schulen und Kindertagesstätten. Vor den Sendungen beantwortet Moderator Ralph Caspers in kurzen, aktuellen Clips Fragen zum Coronavirus, und das – natürlich – mit Humor. Zum Beispiel, wenn er rät, die vollgesabberten Kuscheltiere doch mal wieder die „Sauna“, also den Backofen aufsuchen zu lassen („Die nächste Sauna für Kuscheltiere befindet sich in der Küche“), um Bakterien und Viren loszuwerden.

In den einfachen Videos braucht Caspers oft nicht mehr als ein paar Emojis und einen Briefumschlag, was Kindern auch zeige, dass man nicht immer viel Aufwand brauche, sagt Heike Sistig, verantwortliche Redakteurin für die Sendung mit der Maus. Auch Caspers berät sich im Hintergrund mit dem Redaktionsteam und Experten für Fachfragen. „Wir versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen und erzählen, wie wir uns selbst dem Thema nähern. Das bedeutet auch zu erklären, auf welche Probleme wir gestoßen sind“. Sistig sagt, man mache also alles wie immer. Und: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das für Kinder eigentlich am besten verdaulich ist: weder dramatisieren noch verharmlosen.“

Wie sehr die Kindersendungen vor allem seit den Schließungen der Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen gebraucht werden, zeigt sich auch in Zahlen. Logo! erreichte nach Senderangaben im März 2020 durchschnittlich 0,25 Millionen Kinder zwischen 3 und 13, das entspricht einem Marktanteil von 19,6 Prozent, Tendenz steigend; Checker Tobi erreicht in diesen Wochen 24,4 Prozent vom Marktanteil. Außerdem denkt man in der Redaktion über ein Onlineformat für die aktuelle Krisen-Zeit nach. Und die Sendung mit der Maus sehen jeden Sonntag knapp zwei Millionen Kinder und Eltern; bei der täglichen Ausstrahlung im WDR liegt der Marktanteil der Maus durchschnittlich bei 25,7 Prozent.

Besonders wichtig für junge Zuschauerinnen und Zuschauer sind aber die Erfahrungen anderer: Fast in jeder aktuellen Kindersendung werden deswegen eingesandte Fragen von Kindern beantwortet. Denn wenn Kinder von Gleichaltrigen hören, denen es ähnlich geht, können sie besser mit der eigenen Situation umgehen. „Transparenz und eine größtmögliche Offenheit bietet für Kinder mehr, als irgendetwas ängstlich zu verschweigen“, fasst Mörchen zusammen. Wenn die Erwachsenen unruhig seien, spürten die Kinder das sowieso.

In der US-amerikanischen Sesamstraße hält Elmo übrigens gerade Videokonferenzen mit seinen Freunden ab. Beruhigend ist das allerdings nicht, eher reizüberflutend, die „virtuellen Snacks“ des Krümelmonsters stimmen allenfalls aggressiv.

re:publica und Media Convention: Im digitalen Exil

Ohne Bällebad, aber mit Interneterfinder Vinton Cerf: re:publica und Media Convention Berlin finden nun doch statt – als Prototypen für eine neue Normalität.

Eine solche re:publica hat es noch nicht gegeben, und auch die Media Convention Berlin wird nun in einer Form stattfinden, die man sich vor einigen Wochen noch nicht vorstellen konnte. Die Digitalisierung spielte bei den beiden Veranstaltungen schon immer eine große Rolle, die re:publica kann sogar als Mutter aller Digitalkonferenzen bezeichnet werden.

Doch was Andreas Gebhard, Markus Beckedahl, Tanja und Johnny Haeussler, Jeannine Koch und Alexandra Wolf am Freitag als Ersatz für die eigentlich geplante, und zunächst von Mai auf August verschobene physische Veranstaltung in der Station Berlin vorstellten, wird dem digitalen Anspruch erst richtig gerecht. Aus der Not der Coronakrise geboren gehen re:publica und Media Convention ins digitale Exil – oder zurück zur Wiege, dem Internet. Dass Vinton Cerf, einer der Erfinder des Internets, dabei sein wird – ist quasi das i-Tüpfelchen darauf.

Aus der gewohnten Veranstaltung mit mehreren zehntausend Besuchern wird am 7. Mai re-publica.tv. Auf vier Kanälen werden fast zwölf Stunden lang 89 Sprecherinnen und Sprecher in 53 Sessions nicht nur zu sehen und zu hören sein, über eine spezielle „Deep Dive“-Funktion können die Sprecher und Teilnehmenden auch miteinander diskutieren, damit re:publica und Media Convention nicht zu Informations-Einbahnstraßen werden.

Dialogisch-kritische Formate

Im Studio werden dabei aus infektionshygienischen Gründen immer maximal zwei Personen gleichzeitig anwesend sein, weitere Diskutanten werden dazugeschaltet. Herauskommen soll dabei mehr als eine abgefilmte re:publica. Vielmehr soll es dialogisch-kritisch Formate geben, inklusive Einspielern von Orten, an denen die Digitalkonferenz sonst noch auf der Welt gewesen ist, und mit Schalten beispielsweise zur Maker Szene.

Dass es die beiden Veranstaltungen in diesem Jahr überhaupt in geraffter Form geben kann, hat einerseits mit der Begeisterung zu tun, die die Macher am Experimentieren mit neuen digitalen Veranstaltungsformen haben. „Wir haben da eine Rolle als Vorbild, weil wir von vielen als Vorbild für etwas Neues angesehen werden“, sagte Andreas Gebhard.

Mindestens ebenso wichtig ist aber, dass Partner und Sponsoren diesen Prototypen unterstützten, darunter das Medienboard Berlin-Brandenburg, Google, die Deutsche Kreditbank, die Friedrich-Naumann- und die Hans- Böckler-Stiftung. Von der Investitionsbank IBB erhalten die Veranstalter zudem ein Darlehen.

Die Teilnahme an re:publicaTV ist für die Online-Besucher kostenlos. Die Tickets für die eigentliche re:publica bleiben gültig. Konkrete Planungen für eine Wiederaufnahme der re:publica in der alten Form gibt es noch nicht. Im Mai wollen die Veranstalter dazu erste Vorstellungen äußern. Zunächst wird mit Hochdruck an der rein digitalen re:publica gearbeitet. Eine Webseite mit allen Infos soll in der kommenden Woche gelauncht werden – Work in Progress zwei Wochen vor Veranstaltungsbeginn.

Turbo-Digitalisierung „as soon as possible“

Die Schwerpunkte der Veranstaltung haben sich durch Corona zwar etwas verschoben – nicht zuletzt Richtung Arbeit 4.0 und Turbo-Digitalisierung. Unter dem Leitmotiv „Asap – as soon als possible“ sollen die bisherigen Themen wie Netzpolitik, Medienverantwortung, Klimaschutz, Grundeinkommen, Gerechtigkeit oder Rechts-Ruck aber weiterhin präsent sein. Zu den Sprechern gehören unter anderem der Blogger Rezo, Bernhard Pörksen, die Politiker Heiko Maas und Ruprecht Polenz sowie die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg und RBB-Intendantin Patricia Schlesinger.

Ob aus dem Prototyp re:publicaTV ein belastbares Zukunftsmodell wird, hängt sicherlich auch davon ab, ob das „Wir-Gefühl“ der alten re:publica mit den Möglichkeiten des direkten Ausstauschs und des zufälligen Kennenlernens in den digitalen Raum transferiert werden kann. Das wissen auch die Veranstalter, die dafür ebenfalls eine Idee entwickelt haben: das Tool „Der Hof“ soll den interaktiven Austausch auch unter den neuen Bedingungen erlauben.

Die Rettung der TV-Fernbedienung

Auch Fernseher lassen sich per Sprache steuern. Um Datenschutz-Bedenken zu zerstreuen, kommen aktuelle TV-Sprachassistenten mit einigen Neuerungen. Die Fernbedienung bleibt dadurch vorerst unentbehrlich.

Technik per Sprache bedienen – millionenfach funktioniert das schon bei Lautsprechern, Smartphones und Computern mit virtuellen Assistenten wie Alexa, Google Assistant, Bixby, Siri oder Cortana.

Und auch in Fernsehern steckt längst Sprachsteuerung, wobei das keine neue Erfindung ist. Seit fast zehn Jahren gibt es Geräte mit eingebauten Mikrofonen, die dem Fernsehzuschauer die Bedienung erleichtern wollen. Am Anfang funktionierte das nur sehr mäßig, wie sich Ulrike Kuhlmann von der Fachzeitschrift „c`t“ erinnert.

„Das war 2012, und die Fernseher hatten neben der Sprachsteuerung noch eine Gestensteuerung. Beides funktionierte aber so holprig, dass man schnell aufgab“, so die Expertin. „Für die Sprachsteuerung musste man exakt den Befehl kennen, und es musste sehr leise im Raum sein, sonst kam der Befehl nicht an.“ Eine Menge Aufwand für einfachste Befehle wie die Änderung der Lautstärke.
TV-Sprachsteuerung und Datenschutz

Doch die Sprachassistenten haben sich weiterentwickelt und kaum mehr etwas mit ihren Urahnen gemeinsam. Heutzutage etwa stecke das Mikrofon meist in der Fernbedienung und aktiviere sich auf Knopfdruck, beschreibt Kuhlmann.

Eine Neuerung, die laut der Expertin die Datenschutzbedenken vieler Nutzer zerstreuen soll: „Die ersten Geräte hatten das Mikrofon noch im Fernseher eingebaut und konnten theoretisch mitlauschen, was im Wohnzimmer geschah. Oft war auch eine Kamera an Bord. Ein Horrorszenario für Datenschützer.“

Die Hersteller betonen, hohe Sicherheitsstandards bei den Sprachassistenten einzuhalten. Samsung setzt nach eigenen Angaben auf verschlüsselte, gesicherte Kommunikation und speichert die Daten ausschließlich auf konzerneigenen Servern.

Panasonic erklärt, weder Fernseher noch Fernbedienung hätten Mikrofone eingebaut – hier muss man sich für Sprachbefehle also einen smarten Lautsprecher zulegen und über diesen das TV-Gerät ansteuern.

Philips verweist darauf, dass das Mikrofon in der Fernbedienung erst bei Aktivierung des Nutzers eingeschaltet werde – sonst bleibe es „taub“. LG erteilte hierzu und zu weiteren Fragen auf Anfrage keine Auskünfte.

Löst Sprachsteuerung den Tastendruck ab?

Doch auch wenn man bei vielen Geräten die Programme per Sprachbefehl auswählen kann: Die Fernbedienung bleibt vorerst unentbehrlich, obwohl der Branchenverband Bitkom im Jahr 2015 prognostiziert hatte: „Langfristig wird die klassische Version mit reiner Tastendruck-Steuerung nicht überleben.“ Das Aussterben lässt aber auf sich warten. Vielmehr fristet die Sprachsteuerung noch immer eher ein Nischendasein.

Die Hersteller geben sich optimistisch: „In absehbarer Zeit erwarten wir, dass sich die Sprachsteuerung für den TV als Standardfeature durchsetzen wird“, erklärt Mike Henkelmann von Samsung. So könnten etwa Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung mithilfe eines Sprachassistenten eigenständig einen Fernseher bedienen.

Es gehöre aber zur Wahrheit, dass sich Fernseher und Nutzer bei der Sprachsteuerung nicht immer auf Anhieb gut verstünden, räumt Georg Wilde, der Sprecher von TP-Vision, ein. TP-Vision produziert die Fernseher der Marke Philips.

Man gehe davon aus, dass die Nutzung der Sprachsteuerung auch bei Fernsehern weiter zunehmen werde, so Wilde. Wolle man nur die Lautstärke verstellen oder umschalten, bleibe die Fernbedienung die gelernte Variante.
Komfortablere Suche mit Sprachassistenten

Bei komplexeren Befehlen spielen Sprachassistenten ihre Stärken aus: Wenn es etwa darum geht, bestimmte Inhalte in Mediatheken zu finden, führt ein Sprachbefehl oft schneller und komfortabler zum Ziel, als über die Tasten der Fernbedienung mühsam Buchstaben in eine Suchmaske einzutippen.

Fachjournalistin Ulrike Kuhlmann sieht bei der Abfrage von Inhalten aber noch Verbesserungsbedarf: „Erst wenn der Fernseher nicht nur einzelne Kanäle wie YouTube oder Amazon Video durchsucht, sondern bei der Frage nach bestimmten Genres oder Schauspielern alle verfügbaren Medien durchforstet, habe ich einen Mehrwert.“

Fünf Jahre Apple Watch: Vom iPhone-Accessoire zum Gesundheits-Tool

Fünf Jahre Apple Watch: Unter immensem Medienrummel brachte Apple seine Smartwatch am 24. April 2015 in den Handel, schließlich handelte es sich um die erste neue Produktkategorie nach iPhone und iPad – und dem Tod des Apple-Gründers Steve Jobs. Bei der Einführung versprach CEO Tim Cook nicht weniger als ein revolutionäres neues Produkt.

Apples Versuch, sich mit der Watch zugleich als Fashion-Marke zu etablieren und in das Luxussegment vorzustoßen – die Echtgoldversion der Uhr kostete bis zu 18.000 Euro – sorgte bei vielen Nutzern allerdings für Kopfschütteln. Käufer der ersten Generation bekamen es mit unfassbar langsame Apps zu tun, einer verwirrenden Bedienoberfläche und geringer Akkulaufzeit. Und doch zeichnete sich bereits ab, dass die Watch mit dezenten Benachrichtigungen, kontaktloser Bezahlfunktion und Bewegungsaufforderungen ein nützlicher Begleiter am Handgelenk sein kann: Man muss nicht mehr ständig das iPhone hervorholen.

Apple Watch löst sich vom iPhone

Die Apple Watch wurde im Laufe der Jahre immer wieder als Flop bezeichnet, Apple selbst nennt keine Verkaufszahlen. Marktforscher schätzen, dass Apple nicht nur den Smartwatch-Markt dominiert, sondern im vergangenen Jahr erstmals mehr Apple Watches verkaufte als die gesamte Schweizer Uhrenindustrie – und zwar mit Abstand.

Nach fünf Jahren ist die Apple Watch nun bereit, mehr zu sein als ein iPhone-Accessoire: Mit watchOS 6 gibt es erstmals reine Watch-Apps, die kein Pendant mehr auf dem iPhone benötigen. Jüngst hat Apple seine In-App-Kaufschnittstelle auf der Uhr scharfgeschaltet, sodass sich erstmals direkt am Handgelenk Software kaufen oder abonnieren lässt. Jetzt ist es an Apple, die Nabelschnur endgültig zu kappen – und die Uhr so auch für alle die zu öffnen, die kein iPhone wollen.

Pörksen: „Corona ist ein gigantischer Zivilisationstest“

Umgang mit Hass und Hetze: Hat das Virus die Kommunikation entgiftet? Die Gesellschaft geeint? Das Miteinander verbessert? Nein, nein und nochmals nein, sagt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Mit Verlaub, Herr Pörksen, Ihr Buch wirkt wenige Wochen nach Erscheinen wie aus der Zeit gefallen. Corona scheint die Gesellschaft von Hass und Hetze geheilt zu haben. An ihre Stelle sind Hilfsbereitschaft und Vernunft getreten. Kann man Ihr Buch also getrost ungelesen beiseitelegen? Natürlich nicht. Jeder sollte möglichst schnell mindestens zwei Exemplare hamstern … solange das noch geht. Aber ernsthaft: Sie fragen rhetorisch, oder?

Rettungskräfte werden nicht mehr bespuckt, sondern beklatscht, Politiker geachtet statt diffamiert. Der Mangel an Respekt und Rationalität, den Sie in der öffentlichen Debatte beklagt haben, scheint weitgehend behoben zu sein. Das sehe ich nicht so. Wir sind in eine Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit eingetreten. Ja, es gibt eine Explosion der Solidarität und der künstlerischen Kreativität im Netz. Aber es gibt eben auch Hass und Hetze, etwa gegenüber Asiaten. Es gibt Verschwörungstheorien und Desinformation, gerade über private Kanäle wie Whatsapp oder das Kuriositätenkabinett Youtube. Und auch im Privaten gibt es jede Menge Konflikte durch die plötzlich erzwungene Nähe. Das heißt, die Kunst des Miteinander-Redens wird wichtiger. Und schwieriger.

Auf der Straße lächeln sich wildfremde Menschen beim gegenseitigen Ausweichen scheinbar grundlos an. Nachbarn kaufen für die ältere Dame im ersten Stock einen Extra-Strauß Tulpen. Populisten gelingt kaum ein Trumpf, die AfD verliert. Corona scheint die polarisierte Gesellschaft geeint, die Kommunikation entgiftet zu haben. Natürlich hat diese Weltviruskrise in Teilen der Gesellschaft für eine Abkühlung von Debatten gesorgt. In einer Zeit der Pandemie lässt sich das Realitätsprinzip nun einmal nicht aussetzen, deshalb blieben Populisten mit ihrer Forderung nach einem frühen Exit aus dem Shutdown auch ohne Widerhall. Und eine nur wenige Wochen alte Spektakelpolarisierung um ein Oma-Gate oder die Aufregung um ein paar missglückte Faschingswitzchen wirken wie aus einer vergangenen Zeit, in der wir uns sinnlos über Dinge stritten, die in Wahrheit nicht so wichtig waren. Insofern trägt Corona in manchen Milieus zu einer Mäßigung und zu einer anderen Ernsthaftigkeit bei. Und dennoch: Es gibt nach wie vor Fake News, Falschinformation, enthemmte Aggression.

Und denken Sie nur an die USA. Da ist ein erkennbar überforderter Präsident, der der Strategie folgt: Desinformation durch Rauschen, Censorship through Noise. Pöbeleien auf Twitter, sinnlose Schuldzuweisungen, Attacken in Serie, verwirrende Pressekonferenzen – all das, um jede Menge sinnloses Informationskonfetti zu streuen, das vom eigenen Versagen ablenkt. Bei seinen Anhängern verfängt dies nach wie vor.

Gilt für Trump das Realitätsprinzip nicht? In Ihrem Buch bedauern Sie, wie folgenlos Trumps Lügen seien. Tatsächlich sind die Folgen unübersehbar: Tausende Tote, und das Fernsehen zeigt Bilder, wie auf Hart Island für Covid-19-Tote ein Massengrab ausgehoben wird. Ja, Lügen haben Folgen, und das Abwarten und Leugnen kostet Menschenleben. Aber hat dies auch Konsequenzen für einen delirierenden Präsidenten? Das scheint mir offen, so bedauerlich ich selbst dies auch finden mag. Die Zustimmungswerte für Trump sind jedenfalls erstaunlich stabil. Und man muss spätestens jetzt sagen: Die Wahl in den USA wird auch eine Abstimmung über die Gültigkeit des Realitätsprinzips sein.

Wie anders wirken dagegen die Ansprachen der Kanzlerin oder des Bundespräsidenten. Haben sie einen Beitrag dazu geleistet, dass sich die öffentliche Kommunikation verändert hat? Sie haben mir jedenfalls außerordentlich imponiert. Diese Reden waren Meisterleistungen einer gefahrenbewussten, warnenden Achtsamkeit – ganz so, als seien sie einem Handbuch der Krisenkommunikation entnommen.

Oder aus Ihrem, denn darin steht: Die Kunst des Miteinander-Redens bestehe darin, erstens: das Verstehen zu fördern, in diesem Fall also, wie das Virus arbeitet und die Pandemie verläuft. Zweitens: Verständnis zu wecken, in diesem Fall für den Shutdown. Und drittens: Einverständnis zu erzielen, aktuell also das der Bevölkerung für die Entscheidungen der Politik. Das ist eine sehr charmante Interpretation, aber ich bin mir nicht sicher, ob sich Bundespräsident und Kanzlerin am Abend der Pörksen-Lektüre widmen. Aber noch etwas. Diese Reden waren aus meiner Sicht auch deshalb so stark, weil hier das demokratische Credo – der Appell an die Mündigkeit der Bürger – im Zentrum stand. Allerdings würde ich die Krisenkommunikation der Regierung und die Reaktion des politischen Journalismus in Corona-Zeiten nicht nur in hellen Farben zeichnen.

Weshalb? Es gab drei Phasen. Zuerst die Informationsphase, den Schock über die um sich greifende Pandemie. Hier waren die Appelle der Regierung richtig. Und der Journalismus kam seiner Informations- und Aufklärungsfunktion nach. In der zweiten Phase war die Krisenkommunikation auf der Landes- und Bundesebene vom One-Voice-Prinzip und einer falschen Diskurstabuisierung geprägt. Oberstes Gebot war: Bloß keine Exit-Debatte! Und das war ein Fehler, weil man so die Debatte über die Zukunftsperspektive ebenfalls wegdrängte.

Es geschah aus der Furcht heraus, dass die Bürger zu schnell ungeduldig würden und der Effekt der Kontaktsperre verpuffen könnte. Und genau da ist der Journalismus für mein Dafürhalten zu lange der politischen Linie und der Orientierung an Experten-Monopolen gefolgt. Denn man muss debattieren. Weil diese Krise so lange brauchen wird. Und weil erst die Debatte die breite Akzeptanz der Maßnahmen zu sichern vermag. Ich sage das alles im Übrigen nicht mit der Attitüde des Vorwurfs, vielleicht stand man einfach selbst unter Schock. Jetzt sind wir in der dritten Phase einer breiteren Diskussion: Es geht um das sicherste Exit-Konzept.

Sie müssen aber schon zugeben, dass Corona Behauptungen aus Ihrem Buch Lügen straft. Der Mensch mutiert eben nicht zwingend umso mehr zum Gefühlswesen, je bedrohlicher ein Geschehen erscheint. Wenn es, wie jetzt, darauf ankommt, scheinen wir ganz vernünftig und besonnen zu reagieren, sogar aufeinander aufzupassen und einander zu helfen. Ganz ehrlich und ganz grundsätzlich: Ich genieße es sehr, wie Sie unser kleines, tapferes Buch zerfleddern. Denn die gerechte Perspektive, die nuancierte Betrachtung, die Prüfung eigener Ideen und Thesen – all das gelingt doch erst im Dialog und im Disput.

Messengerdienst Wire will das WhatsApp für Regierungen werden

Nicht nur Unternehmen wurden von der Coronakrise hart getroffen, auch Regierungsinstitutionen und die unterschiedlichsten Behörden haben viele Beamte in den vergangenen Wochen ins Homeoffice geschickt. Innerhalb kürzester Zeit musste eine Infrastruktur geschaffen werden, in der Mitarbeiter auch von zu Hause aus sicher arbeiten und kommunizieren können.

Dabei müssen vor allem sensible Daten, die Regierungsbeamte austauschen, auch in der gegenwärtigen Situation bestmöglich geschützt werden. Hier setzt der 2014 gestartete Messengerdienst Wire an, der sich als sichere Alternative zu WhatsApp für Großunternehmen und Regierungen versteht.

Die Open-Source-Lösung wird bereits seit dem vergangenen Herbst vom Bundeskanzleramt getestet. Doch im Zuge der Coronakrise habe sich die Zahl der Nutzer über die Abteilungen hinweg vervielfacht und sei mittlerweile nach Angaben von Beteiligten bereits dreistellig, wie das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ Anfang April berichtete.

„Wir bekommen derzeit mindestens zehnmal so viele Anfragen wie noch vor der Krise, und ich bin fest davon überzeugt, dass die Zahlen nicht so schnell wieder abfallen“, berichtet Wire-Chef Morten Brogger.

EU-Politiker wollen Medien-Notfallfonds

Angesichts der Corona-Krise haben EU-Politiker einen europäischen Notfallfonds für Medien vorgeschlagen. In einem Schreiben fordern eine Reihe von EU-Abgeordneten Vertreter der Kommissionsspitze auf, einen europäischen Notfallfonds zur Unterstützung von Medien und Journalismus zu prüfen.

Medienhäuser verzeichnen in Corona-Zeiten eine erhöhte Nachfrage nach Inhalten und gewinnen Digital-Abonnenten hinzu, haben aber zum Teil erhebliche Rückgänge im Anzeigengeschäft, weil es Stornierungen gibt. Dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) zufolge sind die Werbeeinnahmen je nach Sektor zwischen 20 und bis in der Spitze über 80 Prozent eingebrochen.

Eine Reihe von EU-Abgeordneten forderte Vertreter der Kommissionsspitze auf, einen europäischen Notfallfonds zur Unterstützung von Medien und Journalismus zu prüfen. In einem Brief, der der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch vorlag, heißt es, besondere Aufmerksamkeit sollte auf lokale und regionale Medien sowie Nachrichtenmedien, die in kleinen Märkten agieren, gerichtet werden.

Eine Idee in dem zu Wochenanfang versandten Schreiben ist auch, als Unterstützung Gutscheine an junge Leute für Abos von Nachrichtenmedien auszustellen; ebenso das Umleiten von Kommunikationsbudget der Kommission und des Europäischen Parlaments weg von großen Online-Plattformen hin zu nationalen Medien.

In einem zweiten Brief, der von Mitgliedern des Ausschusses für Kultur im Europäischen Parlament an EU-Kommissare verschickt wurde, wurde ebenfalls dazu aufgefordert, das Potenzial für einen Notfallfonds zur Unterstützung der Medien- und Pressebranche zu prüfen. Die Ausschussvorsitzende Sabine Verheyen (EVP) sprach sich auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur für Direkthilfen für Medienhäuser aus. „Der Fonds soll einen teilweisen Ausgleich zu wegfallenden Werbeeinnahmen leisten.“ Man brauche zugleich eine Garantie, dass mit den Zuschüssen auch tatsächlich Journalismus finanziert werde. Wesentlich sei es, in der Corona-Krise mit wegbrechenden Anzeigen die Medienvielfalt zu erhalten.

Der Zeitschriftenverleger-Verband VDZ betonte am Mittwoch bei seiner Jahrespressekonferenz, dass die Verleger trotz massiver Umsatzrückgänge die Krise unternehmerisch und ohne staatliche Zuschüsse bewältigen wollten. Vom Gesetzgeber forderte der Verband zugleich, ordnungspolitische Weichen zu stellen.

Schon vor der Krise beklagten Verlage gestiegene Kosten, die meisten Zeitschriften werden per Post verschickt. „Wir müssen schnell an einem runden Tisch klären, was jeder zu einer einvernehmlichen und dauerhaft tragbaren Lösung in der Zustellung beitragen kann“, sagte der VDZ-Vizepräsident und Sprecher der Publikumszeitschriften, Philipp Welte. An dem Gipfel sollten sich aus VDZ-Sicht Entscheidungsträger aus Politik, Post und Verlagen beteiligen.

Welte betonte, grundsätzlich sei man Anhänger einer freien Presse, die sich marktwirtschaftlich finanziere. Er sagte zugleich, dass niemand grundsätzlich ausschließen könne, dass man in eine Situation komme, in der man staatliche Unterstützung brauche. Eine wichtige Frage sei: Wie schafft man es, zu vertretbaren Preisen den Weg zu den Menschen zu finden? Die Politik müsse sich auch damit beschäftigen, „welche Art von regulatorischen Belastungen diese Industrie wirklich verkraftet“. Welte fügte hinzu: „Wir stehen vor extrem schwierigen Zeiten.“

Die Deutsche Post zeigte sich offen „für konstruktive Gespräche mit Verlegern wie auch der Bundesregierung“, wie es von einem Sprecher hieß. „Solche Gespräche sollten eine Förderung der Pressevielfalt und eine qualitativ hochwertige und wirtschaftliche Zustellung zum Ziel haben. Die Deutsche Post steht im Übrigen seit Jahren in regelmäßigem Austausch mit den Verlegerverbänden.“ Zugleich verwies die Post darauf, dass der durch die Bundesnetzagentur betreute regulatorische Rahmen eine Kostenorientierung der Preise vorsehe. „Die Umsätze der Verlage sind dabei bislang keine relevante Orientierungsgröße.“

Der Bundestag hatte Ende vergangenen Jahres bereits unabhängig von der Corona-Krise beschlossen, speziell die Zustellung von gedruckten Zeitungen und Anzeigenblättern in diesem Jahr mit 40 Millionen Euro zu fördern. Hintergrund ist die seit vielen Jahren sinkende Auflage. Verlage wollen sicherstellen, dass die Auslieferung der Zeitungen an Abonnenten bis in die kleinsten Dörfer weiterhin funktioniert.

Ein genaues Konzept ist noch nicht bekannt. In dem Beschluss waren Zeitschriften nicht berücksichtigt. VDZ-Präsident Rudolf Thiemann betonte: „Wir halten nichts davon, wollte man Zeitungen und Zeitschriften gegeneinander ausspielen. Beide Kategorien sind unverzichtbarer Teil der freien Presse und ergänzen sich in idealer Weise.“

Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) reagierte auf den Vorschlag von EU-Abgeordneten zu dem Fonds auf dpa-Anfrage so: Man begrüße, dass die Politiker die hohe Bedeutung und systemrelevante Leistung der Medien und Presse anerkennen. Die private Presse sei gerade aufgrund ihrer Unabhängigkeit stark. „Daher sind allgemeine direkte Subventionen nicht der richtige Weg. Sinnvoll wäre eine Förderung des vor- oder nachgelagerten Bereichs, wie beispielsweise der Zustellung.“ Eine weitergehende Reduzierung beziehungsweise Befreiung von der Mehrwertsteuer brachte der Verband als Idee ebenfalls ins Spiel.

Der Zeitschriftenverband VDZ geht davon aus, dass sich die gestiegene Nachfrage nach Informationen bis Ende 2020 mit einem jetzt erwarteten Umsatzplus von rund vier Prozent auswirken wird. Das bisher umsatzstarke Veranstaltungsgeschäft sei hingegen ein „Totalausfall“. Im Schnitt rechneten Verbandsmitglieder, die sich an einer Umfrage beteiligten, mit einem Minus von 48 Prozent übers Jahr – falls die Einschränkungen bis Jahresmitte auf ein Mindestmaß heruntergestuft seien. Verlage greifen auch auf das Instrument der Kurzarbeit zurück.

Im vergangenen Jahr lag der Branchenumsatz von gut 5500 Fach- und mehr als 1500 Publikumstiteln bei 20,2 Milliarden Euro. 2018 waren es 20,6 Milliarden Euro gewesen. Das Werbegeschäft sei rückläufig gewesen, Zuwächse habe es in anderen Geschäftsfeldern gegeben. Als eine Folge der Corona-Krise wird der Verband in diesem Jahr auch auf sein Branchentreffen („Publishers‘ Summit/Night“) verzichten.

Killt die EU die Medienpolitik?

Fünf Jahre haben die Bundesländer an einem Werk gearbeitet, das Epoche machen soll – dem Medienstaatsvertrag. Für epochal darf man ihn tatsächlich halten, denn er passt das Medienrecht an eine Lage an, die es längst gibt. Anders als bei seinem Vorgänger, dem Rundfunkstaatsvertrag von 1991, geht es nicht mehr nur um Sender, Rundfunk und Medienanbieter, sondern um die Mächtigsten der Mächtigen – Google, Microsoft, Facebook und die Telekom-Konzerne –, also um diejenigen, die in der digitalen Welt das große Rad drehen. Diese werden endlich in die Verantwortung genommen, sollen transparent sein, dürfen Inhalte nicht diskriminieren und unterliegen der Medienaufsicht. Doch wie es aussieht, könnte daraus doch noch nichts werden – weil die EU-Kommission den Medienstaatsvertrag kippt. Sie ist im Begriff, die deutsche und die europäische Mediengesetzgebung – man muss es so sagen – zu vernichten. Die weltumspannenden Digitalkonzerne hätten dann freie Hand.

Es hat jedenfalls seinen Grund, dass Heike Raab (SPD), Staatssekretärin in Mainz, Koordinatorin der Rundfunkkommission der Länder und zurzeit Vorsitzende der Europaministerkonferenz, gestern einen Brandbrief an die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die für Digitalisierung zuständige Kommissarin Margrethe Vestager geschickt hat. In diesem bitte sie „inständig“ darum, dass die Kommission ihre „Positionierung“ überdenkt.

Welche Positionierung ist das? Es ist eine, die auf einer Ausarbeitung beruht, die befindet, der Medienstaatsvertrag widerspreche der E-Commerce-Richtlinie der EU. Diese Richtlinie stammt aus dem Jahr 2000 und stellt Plattformanbieter von der Haftung für bei ihnen verfügbare Inhalte weitgehend frei. Sie stammt aus einer Zeit, in der sich die Politik der Gefahren unregulierter Plattformen noch nicht bewusst war. Das hat sich in Zeiten von Hate Speech, Fake News, Rassismus und Populismus radikal geändert, heute hat selbst der Facebook-Chef Mark Zuckerberg erkannt, dass sein Netzwerkkonzern gesellschaftspolitische Verantwortung trägt. Diese kennt die E-Commerce-Richtlinie nicht. Sie befindet sich deshalb auch längst in der Überarbeitung. So plant die EU-Kommission unter anderem, eine europäische Regulierungsbehörde für das Internet ins Leben zu rufen. Die Vorlage, mit der sich das EU-Kabinett am kommenden Montag beschäftigt, beruft sich nun allerdings wieder auf die digitalpolitische Steinzeit und impliziert, man dürfe Plattformen gar keine Schranken setzen. Es sei auch gar nicht erwiesen, dass die „Gatekeeper“, also die Plattformkonzerne, Einfluss auf die Meinungsvielfalt hätten. Daher dürfe man sie nicht dazu anhalten – wie es der Medienstaatsvertrag tut –, Nutzern gegenüber Transparenz bei der Auswahl der von ihnen verbreiteten Inhalte herzustellen und Inhalte nicht zu diskriminieren.

Machte man sich diese Ansicht zu eigen, die der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts grundlegend widerspricht, wäre die gesamte deutsche Medienpolitik in Bund und Ländern Makulatur – die Landesmediengesetze, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, die Überlegungen zum Jugendschutz im Internet und das sich aus der erst im vergangenen Jahr beschlossenen EU-Urheberrechtsrichtlinie ergebende nationale Urheberrechtsgesetz, das vom Bundesjustizministerium gerade überarbeitet wird.

Nähme das EU-Kabinett die Vorlage zum Medienstaatsvertrag, von der die Bundesländer vorab eigentlich gar nicht erfahren sollten, an, wäre nicht nur dieser Grundlagenvertrag null und nichtig, die jetzige EU-Kommission würde zugleich all die Bemühungen ihrer Vorgänger zunichtemachen.

Heike Raab drückt dies in ihrem Schreiben an Ursula von der Leyen und Margrethe Vestager mit der gebotenen Höflichkeit, aber klar und deutlich aus: „Die nun in der Kommission möglicherweise diskutierte weitgehende Anwendung der vor allem wirtschaftsbezogenen Vorgaben der e-commerce-Richtlinie im Bereich medialer Vielfaltsicherung“, heißt es dort, „würde eine sinnvolle und vom Gedanken größtmöglicher Vielfalt getragene Medienregulierung der Mitgliedstaaten zukünftig praktisch unmöglich machen.“

In einem Brief, den die EU-Abgeordneten Petra Kammerevert (SPD) und Sabine Verheyen (CDU) an die EU-Kommission geschickt haben, lautet es ganz ähnlich: dass Regeln für ein Diskriminierungsverbot medialer Inhalte auf den großen, zumeist von amerikanischen Konzernen geführten Plattformen im Netz nicht nur für die Sicherung der Medienvielfalt in Deutschland unerlässlich seien, sondern in ganz Europa. Nähme die EU-Kommission die Vorlage gegen den Medienstaatsvertrag an, zerstöre dies nicht nur die Balance zwischen Wirtschafts- und Medienrecht in Europa, so die beiden Abgeordneten, sondern vergifte auch jede weitere Diskussion über Digitalgesetzgebung zwischen der Kommission und dem Europäischen Parlament.

Wollte man an Verschwörungen glauben, könnte man denken, eine Vorlage wie diese könne sich nur Google selbst ausdenken. Ob man in diesem Zusammenhang gewichten soll, dass ein Hauptverantwortlicher für das Papier vorher selbst bei Google gearbeitet hat? Komisch war ja schon der zwischenzeitlich auf obskuren Wegen dem Medienstaatsvertrag hinzugefügte Absatz, der den Plattformkonzernen erlaubt, Inhalte zu diskriminieren, wenn diese mit der Abgeltung von Urheberrechten verbunden sind. Diskriminierung bei Suchergebnissen sei okay, stand da, wenn „der Intermediär diese aufgrund urheber- beziehungsweise leistungsschutzrechtlicher Regelungen nicht vergütungsfrei anzeigen darf oder kann“. Auch das wäre die endgültige Absicherung des Geschäftsmodells der amerikanischen Plattformkonzerne.

Mit der Tischvorlage der EU, sagt Tobias Schmid, der Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, „würden alle Bemühungen in Frage gestellt, den Plattformen ein eigenes europäisches Verständnis einer demokratischen Medienordnung entgegenzustellen. Da ist ja der Facebook-Chef Herr Zuckerberg weiter, der selbst eine klarere Regulierung seiner Plattform durch die Gesetzgebung fordert.“ Im Medienstaatsvertrag, schreibt Heike Raab der EU-Kommission, gehe es um „zentrale Fragen und Herausforderungen einer digitalisierten Medienwelt. Regelungen, die eine diskriminierungsfreie Verbreitung von Medieninhalten (TV, Radio, Presse) gerade auch über die großen, zumeist US-amerikanischen Plattformen gewährleisten“. Diese seien „essentiell für eine vielfältige Medienlandschaft in Deutschland und in Europa“.

Man könnte auch sagen: Es geht einmal mehr um alles – um bürgerliche Freiheiten und Rechte, um die Grundwerte der EU und darum, diese gegen das abermilliardenschwere Geschäftsinteresse digitaler Megakonzerne zu verteidigen. Man darf gespannt sein, wie die EU-Kommissare am kommenden Montag entscheiden.

Die Leiden der Verlage

Systemrelevant, aber in Kurzarbeit. So lässt sich die Lage der Verlage in Deutschland zusammenfassen. Einerseits steigt die Reichweite von Zeitschriften und Zeitungen in der Corona-Krise deutlich an, was an höheren Zugriffsraten im Internet liegt; die Menschen haben ein höheres Informationsbedürfnis. Umfragen zeigen zudem, dass das Vertrauen der Menschen in etablierte Medien zurzeit wieder zunimmt. Viele Bundesländer stufen Journalisten als systemrelevant oder kritische Infrastruktur ein.

Gleichzeitig erodiert die wirtschaftliche Basis vieler Verlage, vor allem im analogen Printgeschäft. Die Anzeigenerlöse liegen zurzeit je nach Branche um 20 bis 80 Prozent niedriger, weil viele Unternehmen ihre Werbung eingestellt oder reduziert haben. Sie müssen Geld sparen und Werbung lohnt sich kaum, wenn die Geschäfte geschlossen sind, in denen die Produkte verkauft werden könnten. Für das Gesamtjahr werden im Anzeigengeschäft Umsatzeinbußen um bis zu zwei Fünftel befürchtet. Auch die Verkäufe gehen zurück, weil es kaum noch Publikumsverkehr gibt, beispielsweise an Bahnhöfen. Acht Prozent der Verkaufsstellen seien ganz geschlossen, heißt es vom Verband der Zeitschriftenverleger (VDZ). Der Verkauf sinke vor allem für teure Zeitschriften um bis zu 50 Prozent, warnte der VDZ am Mittwoch. Und das Veranstaltungsgeschäft, das für viele Verlage zu einer dritten Säule geworden ist, ruht völlig. In den wenigsten Verlagen kann das Digitale die Verluste im Analogen wettmachen.

Viele haben nun schon Kurzarbeit angemeldet. Vier von fünf Tageszeitungsverlagen planen Kurzarbeit oder haben diese schon angemeldet, heißt es vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), in dem die Zeitungen organisiert sind. Etwa jede dritte Redaktion sei betroffen, darunter auch die größten Tageszeitungen und Verlage des Landes. Ähnlich ist die Lage der Zeitschriften: Unter den Zeitschriftenverlagen denkt laut einer Umfrage des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger aktuell nur ein Sechstel nicht über Kurzarbeit nach, so der VDZ. Die Hälfte der Verlage erwägt es in Teilen des Unternehmens, jeder Dritte sogar im Gesamten.

Medienvielfalt oder Pressefreiheit?

Deshalb werden Forderungen nach Hilfen aus der Politik immer lauter. Insolvenzen sind nicht unwahrscheinlich, weshalb einige Verbände die Medienvielfalt in Gefahr sehen. Allerdings sind die Rufe nach der Politik eine Gratwanderung: Medienvielfalt und Pressefreiheit stehen sich gegenüber. Staatliche Hilfszahlungen könnten zwar die Medienvielfalt sichern, würden aber gleichzeitig die Pressefreiheit gefährden. „Wir sind große Anhänger einer freien Presse, die sich marktwirtschaftlich finanziert“, betonte VDZ-Vizepräsident und Burda-Vorstand Philipp Welte.

VDZ-Präsident Rudolf Thiemann ergänzte: „Direkte staatliche Zahlungen an notleidende Verlage bergen mehr Gefahren als Chancen.“ Die Verleger seien freie Unternehmer und wenn schwach finanzierte Verlage insolvent gingen oder übernommen würden, handele es sich eben um eine Bereinigung des Marktes, die die Corona-Krise nur beschleunige. Der Staat sei für die Rahmenbedingungen zuständig. Dazu zählen die Zeitschriftenverleger die Postzustellung, die aus ihrer Sicht in den vergangenen Jahren zu teuer geworden ist. Ein runder Tisch mit Vertretern der Politik und der Post solle her.

„Ein starker digitaler Schub“

Am Dienstag hatte eine Reihe von Verbänden der Medien- und Werbewirtschaft einen Brandbrief an die Politik veröffentlicht: „Die Corona-Krise birgt insbesondere auch die Gefahr erheblicher Vielfaltseinbußen im Medienmarkt“, heißt es in dem Schreiben an die zuständigen Bundesminister. Die Verlage hätten Mühe, sich zu refinanzieren. „Mit der Corona-Krise steht die Infrastruktur unserer Demokratie auf dem Spiel“, heißt es in dem Schreiben.

Die genannten Vorschläge, die Verlage und Agenturen entlasten sollen, sind so gestaltet, dass eine direkte staatliche Beteiligung oder mögliche Einflussnahme vermieden wird: Der Staat solle zinsfreie Darlehen vergeben, Werbeausgaben mit 30 Prozent bezuschussen, Lohnsteuerzahlungen und Sozialversicherungsbeiträge aussetzen und die Wirtschaftsjahre 2019 und 2020 steuerlich vereinen, damit Gewinne aus dem Vorjahr mit möglichen Verlusten aus dem laufenden Jahr verrechnet werden können und damit die Steuern niedriger ausfallen.

Doch so ganz einig scheint man sich in der Branche nicht zu sein. Im Zeitungsverband BDZV gibt man sich gelassener. Dessen Sprecherin Anja Pasquay teilt die Sorge um die Medienvielfalt nicht so recht: „Im Gegenteil: Ich glaube, dass wir die Medienvielfalt, gerade im Lokalen, eher gestärkt haben, weil wir im öffentlichen Bewusstsein gezeigt haben, wie wichtig wir sind.“ Und zudem habe die Krise wenigstens ein Gutes: „Einen starken digitalen Schub.“

Ebay oder Zalando: Plattformen werden zum Rettungsanker für stationäre Händler

Die Geschäftsschließungen waren für viele Händler ohne Webshop ein Weckruf. Marktplätze wie Ebay und Zalando ebnen ihnen jetzt den schnellen Weg ins Netz.

Der erste Artikel, den die Ladenkette Tedi online angeboten hat, waren Gummibänder. Weil so viele Menschen Schutzmasken aus Stoff selber nähen, waren die Bänder zeitweise nur noch schwer zu bekommen. Entsprechend begehrt waren die Bänder, als der Einzelhändler vor gut zwei Wochen seinen Verkauf über die Plattform Ebay begonnen hat. Der Start sei „sehr gut gelaufen“, bestätigte eine Sprecherin.

Eigentlich hatte sich Tedi vor gut einem Jahr aus dem Onlinevertrieb wieder zurückgezogen und seinen Webshop dicht gemacht. Zu schwierig schien es, dieses Geschäft wirtschaftlich zu einem Erfolg zu machen. Doch die Coronakrise hat alle Rahmenbedingungen auf den Kopf gestellt: Tedi musste seine Läden schließen – und stand auf einmal ohne Umsatz da.

Da es Monate gedauert hätte, eine eigenen Webshop neu aufzubauen, bot sich der Marktplatz von Ebay als Alternative an. In nur knapp zwei Wochen war alles technisch eingerichtet und der Verkauf konnte losgehen. „Ebay ist sehr engagiert und entgegenkommend“, sagt die Tedi-Sprecherin. Geholfen habe dabei auch, dass einige der Tedi-Mitarbeiter noch Erfahrungen mit dem Onlinehandel haben. „Auch deshalb brauchten wir abgesehen von Ebay keinen externen Dienstleister.“

Die Coronakrise hat den Handel auf den Kopf gestellt. Zahlreiche stationäre Geschäft mussten schließen – und viele Onlineplattformen haben die Chance gesehen, sich als Retter in der Not zu profilieren. Ebay, Zalando, Stilwerk oder Douglas – sie alle werben aktiv darum, dass stationäre Händler auf ihre Plattformen kommen.

Denn selbst wenn jetzt die ersten Läden wieder aufmachen dürfen, wird noch über längere Zeit ein großer Teil des Umsatzes für viele Händler in den Filialen fehlen. Eine Präsenz auf einer Plattform, auch wenn sie erst mal aus der Not geboren ist, bietet da auch eine Perspektive auch für zukünftiges Zusatzgeschäft.

Ebay beispielsweise bietet neuen Partnern Sonderkonditionen. Die Händler erhalten für sechs Monate kostenfrei einen Premium-Shop bei Ebay.de und zahlen für drei Monate keine Verkaufsprovisionen für verkaufte Artikel. Händler können aus dem Programm jederzeit wieder aussteigen und gehen keine langfristigen Verpflichtungen ein.

Auch Zalando bietet Partnern jetzt eine schnelle Anbindung an die Plattform innerhalb von zwölf Tagen. „Wir wollen jegliche Modemarken, Designer und Einzelhändler unterstützen, die unter den Auswirkungen der Coronavirus-Krise leiden und somit die Vielfalt der Branche sichern“, erklärt David Schneider, Co-CEO bei Zalando.

„Existenzielle Einschränkungen für den Handel“

Bis Ende Juni schüttet Zalando Einnahmen aus dem Partnerprogramm an seine Partner alle 14 Tage aus und erhöht damit die Zahlungsfrequenz, was wiederum die Liquidität für Marken und Händler steigert. Auch Händlern, die wegen Ladenschließungen auf vollen Lagern sitzen, bietet Zalando Hilfe beim Abverkauf an: Mit ihrem Offprice-Geschäft Zalando Lounge bieten sie Kommissionsgeschäfte an und übernehmen die komplette Auftragsabwicklung.

Der Shoppingcenterbetreiber Unibail Rodamco Westfield (URW) hat als erster Centerbetreiber die Chance genutzt, die Händler in seinen Einkaufszentren jetzt an Zalando anzubinden. Die Partnerschaft war schon länger geplant, URW habe sich aber durch die Ladenschließungen und „die massiven bis existenziellen Einschränkungen für den stationären Handel“ dazu entschieden, die Gespräche zügig abzuschließen, sagt URW-Deutschlandchef Andreas Hohlmann.

Gerade weil noch nicht allen Bundesländern Shoppingcenter wieder öffnen dürfen und viele Kunden durch die verschärften Hygienemaßnahmen abgeschreckt sein könnten, sieht URW diese Partnerschaft als große Chance. „Das System ist auch in der jetzigen Zeit ohne eine Öffnung der Shops funktionsfähig und bewegt sich vollumfänglich im Rahmen der behördlichen Verordnungen“, betont Hohlmann.

Das Programm Connected Retail von Zalando verbindet stationäre Händler mit der Plattform. Bestellt ein Kunde online ein Produkt, kann die Bestellung direkt an einen angeschlossenen Partnerhändler weitergeleitet werden, der es vorrätig hat. Die Mitarbeiter im Store oder einem lokalen Lager des Einzelhändlers übernehmen den Versand.

Der Fokus der Partnerschaft zwischen URW und Zalando soll zunächst auf dem Großraum Berlin liegen, wo URW sieben Shoppingcenter betreibt, und auf Großmietern. In kurzer Zeit sollen aber auch die restlichen 17 Center des Betreibers in Deutschland angeschlossen werden.

Die Drogeriekette Douglas will die Reichweite ihrer Plattform kleineren Händlern zur Verfügung stellen, damit sie in der Krise mehr Kunden erreichen können. Dafür hat das Unternehmen auf douglas.de extra die Contentseite #helplocalheroes eingerichtet. Dort können sich lokale Händler mit bis zu zehn Mitarbeitern sich und ihre Produkte vorstellen und auf ihre eigenen Onlineshops und Social-Media-Kanäle verlinken. „Mit #helplocalheroes wollen wir kleinen Unternehmen und Selbstständigen ermöglichen, ihre Sichtbarkeit über die große Reichweite unserer Douglas Digitalkanäle zu steigern“, erklärt Douglas-Chefin Tina Müller.

Auch kleinere Onlineplattformen sehen die Coronakrise als Chance, der Kreis ihrer Partner zu erweitern. „Um das durch Corona beschleunigte Ladensterben der Kleineren zu verhindern, haben wir entschieden, unseren reichweitenstarken Online-Shop auch für externe Marken und Händler kostenfrei zu öffnen“, sagt Andraes Garbe, Inhaber des Möbelhändlers Stilwerk.

Viel mehr Reichweite und neue Kunden

Das Unternehmen bietet an den drei Standorten Berlin, Düsseldorf und Hamburg Zentren für Läden rund um Wohndesign und Lifestyle. Zugleich unterhält das Unternehmen aber auch eine Onlineplattform, über die die rund 100 Händler und Markenhersteller aus den Stilwerk-Häusern ihre Waren anbieten können. Diese soll jetzt weiteren kleineren Händlern zugängig gemacht werden.

Profitieren davon kann jetzt Anna Wahdat. Sie hat 2015 den Orientteppichhandel On the Rugs gegründet, der durch die Kontaktsperre deutlich belastet ist. „Rund 90 Prozent unserer Kundenkontakte liefen bisher über unseren Showroom in Hamburg“, erzählt die Unternehmerin. „Wir leben von der intensiven Beratung, auch bei den Kunden vor Ort“, sagt sie.

Deshalb war es für sie ein Glücksfall, dass sie über einen Auftrag mit Stilwerk in Kontakt gekommen war. Denn Stilwerk will in Kürze eigene Hotels eröffnen und diese mit Teppichen von On the Rugs ausstatten lassen. Als die Coronakrise ausbrach, entstand über diese Gespräche schnell die Idee, Wahdats Unternehmen auf die Plattform zu nehmen.

So bekommt sie auf einen Schlag immerhin schon mal viel mehr Reichweite und interessante neue Kunden. Das eigentliche Geschäft läuft dann meist doch wieder über den direkten Kontakt. Weil die Teppiche alle Unikate sind, bietet sie Kunden auch an, ihnen Probeteppiche nach Hause zu bringen. „Die neue Situation ist eine große Herausforderung, aber in so einer Krise wird man auch kreativ, neue Wege zu finden“, sagt Wahdat.

Diese neue Kreativität weckt die Krise zurzeit bei vielen Händlern – und sie dürfte auch langfristig etwas verändern. Der Discounthändler Tedi beispielsweise baut seinen Shop auf Ebay weiter aus – auch wenn jetzt wieder die ersten stationären Geschäfte öffnen dürfen. „Wir listen im Moment im 10-Minuten-Takt neue Artikel ein“, erzählt die Tedi-Sprecherin.

Der Händler nutzt das auch, um den Kontakt zu den Kunden zu intensivieren. So fragt das Unternehmen über Social Media, welche Produkte die Kunden am meisten vermissen und berücksichtigt das bei der Gestaltung des Online-Sortiments. Besonders oft gewünscht sind in Zeiten der Kontaktsperre Bastelartikel.

Ufa-Chef Nico Hofmann: Optimismus

Es ist die erste Produktion für den Streaming-Pionier Netflix, und die Erwartungen der Filmemacher sind hoch: „Betonrausch“ soll ein Vorzeigeprojekt von Deutschlands größter Filmproduktionsfirma Ufa werden. Die irrwitzige Geschichte über zwei Immobilienspekulanten in Berlin steht seit Freitag abrufbereit beim US-Streamingdienst. Der Film atme „eine ganz besondere Energie“, meint Ufa-Geschäftsführer Nico Hofmann , auch weil hinter der Produktion ein sehr junges Team stünde.

Für den 60-jährigen Ufa-Chef steht die Förderung von Nachwuchsfilmemachern seit Jahren im Fokus. Als Professor unterrichtet er an der Filmakademie Baden-Württemberg, wo er auch die Filmemacher der Zukunft vermutet. Der Start von „Betonrausch“ brachte all das zusammen, was Hofmann wichtig ist: die Förderung junger Talente, brisante Themen und eine Arbeit für den internationalen Markt.

Und doch ist alles anders für den erfahrenen Filmmanager, der Erfolgsserien wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Ku’Damm“ und „Charité“ produziert hat. Die Coronakrise setzt auch die Ufa, die zum Medienunternehmen Bertelsmann gehört, unter Druck. Während die Menschen mehr denn je fernsehen und so viel Zeit auf Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime Video verbringen wie noch nie, gerät die Filmproduktion ins Stocken.

„Wir mussten sechs laufende Produktionen unterbrechen“, sagt Hofmann. Eine Situation, wie er sie noch nie erlebt hat. Projekte wie „Ein starkes Team“, „Ku’Damm 63“ oder auch „Die unglaubliche Leichtigkeit der Revolution“ liegen auf Eis.

Die Schäden durch den Abbruch gehen laut Hofmann in Millionenhöhe. Kosten fallen auch an weiteren Stellen an: Das Kurzarbeitsgeld, das für einige Mitarbeiter beantragt wurde, wird von der Ufa aufgestockt. Hofmann will seine Leute nicht allein lassen in dieser Situation. Hinzu kommen die logistischen Kosten der Drehpausen.

„Das alles vermengt sich zu einem sehr hohen Betrag“, sagt der Ufa-Chef. „Es gibt kleinere und mittelständische Unternehmen, die es bestimmt härter trifft als uns. Aber auch wir, als eines der marktführenden Produktionsunternehmen, werden vor große Herausforderungen gestellt.“

Zumindest bei den Studioproduktionen kann die Ufa weiter arbeiten – unter Einhaltung der hygienischen Auflagen. Ufa produziert Serien wie „GZSZ“, „Unter uns“ und „Alles was zählt“. „Bei unseren Dailys haben wir eine Woche pausiert und die Zeit dazu genutzt, die Drehbücher und Sets den Sicherheitsmaßnahmen zur Risikominimierung weiter anzupassen“, erzählt Hofmann.

Ein aufwendiges Prozedere: „Es wurde ein 80-Punkte-Programm entwickelt, das so mit unseren Arbeitsschutzfachleuten im Einzelnen abgesprochen ist und das ständig überprüft wird.“ Dazu gehöre zum Beispiel das Fiebermessen der Akteure am Set.

Wie sollen die Produzenten in den kommenden Monaten vorgehen? Der Produzent Hofmann, der sich 2015 hinter die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel gestellt hatte, unterstützt auch jetzt die auf Vorsicht bedachte Krisenpolitik der Bundesregierung. „Dieses Auf-Sicht-Fahren werden wir sicherlich nicht nur die nächsten vier Wochen, sondern vielleicht die nächsten vier Monate erleben. Ich halte das durchaus für richtig.“

Die Arbeit der Filmproduzenten aber würden die Vorsichtsmaßnahmen erschweren. Die Crews könnten zwar Abstand einhalten, sagt Hofmann. Doch bei Schauspielern sei das nicht immer möglich, etwa wenn es um Kuss-Szenen geht.

„Wir müssen voraussichtlich ähnliche Dinge tun wie beim Fußball: Wir müssen die Schauspieler am Set mehrfach über die Produktion auf das Coronavirus testen. Sonst kommen wir über Monate nicht mehr in den Bereich der fiktionalen Produktion – und das würde enorme Schäden verursachen.“

Krise als Inspiration

Der Ufa-Chef sieht nur noch wenig Spielraum: „Wenn wir bis Juni einigermaßen genaue Vorgaben von der Politik haben, wie wir wieder drehen können, dann halte ich das für verkraftbar.“ Sollte es dagegen bis September keine Klarheit geben, werde es „garantiert zu erheblichen Engpässen kommen“.

In einer bundesweiten Produzentenallianz helfen sich die Unternehmen gegenseitig. Die Krisensituation stellt vor allem die kleineren Firmen vor Probleme. Hofmann will vermitteln: „Eines dürfen wir nicht vergessen: In drei, vier Monaten brauchen wir alle Leute aus den Drehteams wieder. Die Mitarbeiter merken sich gerade sehr genau, wie sie wo behandelt werden.“

Die Ausfälle auf der Produktionsseite sind für Filmunternehmen wie die Ufa doppelt ärgerlich, weil die Mediennutzung gerade Rekordwerte erreicht. „Wir stellen seit der Bekanntgabe der verschärften Maßnahmen einen massiven Anstieg der durchschnittlichen linearen TV-Sehdauer um 14 Prozent auf durchschnittlich 209 Minuten am Tag fest“, sagt Jörg Graf, Geschäftsführer von RTL Television. Dabei erzielen neben Nachrichtensendungen vor allem Unterhaltungsprogramme hohe Reichweiten. „Viele Menschen sehnen sich nach einem Stück Normalität und Ablenkung“, sagt Graf.

Hofmann bestätigt: „Die ganzen eskapistischen Formate gehen gerade durch die Decke.“ Das Entrinnen in Filme und Serie hilft den Menschen, die Enge des Alltags zu meistern. Doch ist die Krise eines Tages gebannt, davon ist der Filmmanager ebenfalls überzeugt, werden auch die Realitätsfluchten wieder weniger gefragt sein.

Vor drei Wochen strahlte die ARD die Ufa-Produktion „Unsere wunderbaren Jahre“ aus und erreichte damit mehr als sechs Millionen Zuschauer. Hinzu kamen mehr als neun Millionen Abrufe in der Mediathek. „Das sind Werte, die man sonst nur mit einem Fußballspiel erreicht“, sagt Hofmann.

Die Coronakrise, die die Menschen weltweit in ihre Wohnungen verbannt, ihre Lebensweise ändert, sie aber auch zum Umdenken anregt, inspiriert auch Hofmann. Drei Staffeln der Krankenhausserie „Charité“ gibt es bereits, angefangen mit dem ersten Teil, in dem das Leben des Wissenschaftlers Robert Koch nachgezeichnet wurde.

Hofmann: „Vor einem halben Jahr haben wir schon begonnen zu überlegen, wie wir ‚Charité‘ in der Jetztzeit erzählen könnten. Da haben wir uns mit dem Thema Virologie beschäftigt – das ist schon verblüffend.“

Coronakrise lässt den Beratermarkt schrumpfen

Die Coronakrise hat die deutschen Beratungsunternehmen voll erfasst. Das zeigt der aktuelle Geschäftsklimaindex der Branche, den der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) veröffentlichte. Danach bewerten die Consultingfirmen das Geschäftsklima derzeit so schlecht wie noch nie seit dem Start dieser Befragung vor 14 Jahren.

Schlimmer noch: Für die kommenden sechs Monate bewerten die Berater die Aussichten noch etwas schlechter als die aktuelle Lage. Während momentan noch viele Aufträge weiterlaufen, fürchtet die Branche ums Neugeschäft, das in einer schweren Konjunkturkrise deutlich geringer ausfallen dürfte. Neue Projekte seien momentan für viele Anbieter nur schwer zu akquirieren, sagt BDU-Präsident Ralf Strehlau.

An der Umfrage des BDU nahmen mehr als 800 deutsche Beratungsfirmen im Zeitraum vom 7. bis 13. April 2020 teil. Die überwiegende Zahl der Befragten hat die Umsatzerwartungen für dieses Jahr bereits nach unten korrigiert. Der BDU geht auf dieser Basis davon aus, dass der gesamte Branchenumsatz 2020 um einen zweistelligen Wert schrumpfen wird. 2019 lag er bei 35,7 Milliarden Euro.

Für die erfolgsverwöhnten Berater ist das eine höchst ungewohnte Situation: Die Dienstleister wachsen seit zehn Jahren ungebrochen und hatten davor nur in der Finanzkrise einen kurzen Einbruch. Diese Entwicklung hat mit der Corona-Pandemie ein abruptes Ende gefunden.

Aus Sicht von Strehlau ist die Situation bedrohlicher als die Finanzkrise 2009, die mit staatlicher Hilfe recht schnell eingedämmt werden konnte. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Talsohle noch nicht erreicht ist“, sagt er mit Blick auf die weitere Entwicklung des Consultingmarktes.

Aktuell sind vor allem die kleineren Beratungsunternehmen bereits stark betroffen, da viele Kunden Projekte etwa beim Personal absagen oder auf Eis legen, wie die Daten der BDU-Befragung zeigen. Die größeren Anbieter mit einem Umsatzvolumen von jährlich mehr als 50 Millionen Euro bewerten die aktuelle Lage hingegen noch als zufriedenstellend.

Das liegt daran, dass viele große Beratungsprojekte etwa für die digitale Transformation noch keinen „Shutdown“ erfahren – sie werden aber zeitlich gestreckt. In diesen Projekten sind zumeist die größeren Strategieberatungen und IT-Spezialisten engagiert.

Anders sieht es etwa bei den Personalberatungen aus, bei denen der Stillstand in weiten Teilen der Wirtschaft bereits deutlich Spuren hinterlässt. Trainings- und Coachingprojekte werden von den Kunden eingestellt, und auch bei der Suche nach neuen Führungskräften zeigen sie sich sehr zurückhaltend. Die in der Personalbranche wichtigen persönlichen Kontakte und Gespräche sind derzeit kaum möglich.

Einige Branchen fallen komplett aus

Das beste Geschäft machen derzeit noch die Sanierungs- und Restrukturierungsexperten. Viele der großen Unternehmensberatungen haben ihre Teams dafür ausgebaut. Aber auch in der Sanierungsberatung ist laut BDU kein Boom feststellbar, da viele Industriefirmen erst auf die staatlichen Hilfsmittel setzen, bevor sie sich an die Restrukturierung machen.

Die größten Sorgen machen sich Beratungen über die Folgen der Coronakrise: Denn große neue Projekte unter Einbindung von Beratern werden in der Wirtschaft derzeit nur bedingt gestartet. Das liegt zum einen an der Vorsicht der Firmen und an dem fehlenden persönlichen Austausch mit den Consultants, den viele Kunden trotz aller Videokonferenz-Möglichkeiten bei neuen Großprojekten für unerlässlich halten.

Dazu kommt, dass ganze Branchen wie die Luftfahrt und Touristik auf absehbare Zeit als Kunden für die Branche komplett ausfallen. Die Personalberatungen wiederum fürchten, dass in einer länger dauernden Konjunkturkrise neue Stellen auch im Führungskräfte-Segment nicht besetzt werden. In einer solchen Unsicherheitsphase sind auch Mitarbeiter viel weniger wechselbereit.

Die Beratungen versuchen wie andere Firmen auch, ihre Mitarbeiter bestmöglich zu halten, und setzen auf Staatshilfe. 40 Prozent haben laut BDU Kurzarbeit beantragt, ein Drittel nimmt Soforthilfe in Anspruch.

Pressefreiheit: Österreich rutscht weiter ab

Das Coronavirus stellt auch die freie Rede auf den Prüfstand. Länder, die Medien und Journalisten unter Druck setzen, tun dies bei der Berichterstattung über Covid-19 erst recht. Dieser Eindruck spiegelt sich in der aktuellen Weltrangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen klar wider: Sowohl China (177) als auch der Iran (173) kontrollieren die Nachrichtenlage über das Virus massiv. Im Irak (162) entzogen die Behörden Reuters drei Monate lang die Lizenz, nachdem das Unternehmen einen Artikel veröffentlicht hatte, in dem es offizielle Coronavirus-Zahlen infrage stellte. Der ungarische Premierminister Viktor Orbán verabschiedete ein Coronavirus-Gesetz, nach dem das Verbreiten von „Falschnachrichten“ mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft wird. Ungarn rutschte in der Liste um weitere zwei Plätze ab und liegt nun auf dem 89. Rang.

„Schockdoktrin“

„Die Krise der öffentlichen Gesundheit bietet autoritären Regierungen die Gelegenheit, die berüchtigte ‚Schockdoktrin‘ umzusetzen, die Tatsache auszunutzen, dass die Politik auf Eis liegt, die Öffentlichkeit fassungslos ist und Proteste nicht infrage kommen, um Maßnahmen durchzusetzen, die in normalen Zeiten unmöglich wären“, sagt Reporter-ohne-Grenzen-Generalsekretär Christophe Delore.

Österreich rutscht im aktuellen Ranking um zwei Plätze ab und liegt nun auf „ausreichendem“ Rang 18 (-2). Den neuerlichen Verlust erklärt Rubina Möhring, Österreich-Chefin von Reporter ohne Grenzen, mit steigendem Druck auf unabhängige und kritische Berichterstattung: „Nach dem Ibiza-Video und der Auflösung der Regierung haben die ehemaligen Regierungsparteien ihre Strategien zur Schwächung der ihnen unliebsamen Medien im Land konstant fortgeführt“, sagt Möhring.

„Überdimensionierter PR-Apparat des Kanzlers“

Die STANDARD-Bloggerin nennt als Gründe für das schlechte Abschneiden etwa das gerichtliche Vorgehen der ÖVP gegen den Falter, aggressiv auftretenden Boulevard, die beabsichtigte Zerschlagung des ORF und den „weiterhin überdimensionierten PR-Apparat des Kanzlers mit dutzenden Helferinnen und Helfern der Message-Control“. Möhring: „Die Angriffe auf die Pressefreiheit, die unter Schwarz-Blau vermehrt in Österreich zu beobachten waren, haben weder seit Ende der schwarz-blauen noch mit Antreten der schwarz-grünen Regierung ein Ende genommen. Deshalb zeigt uns die Verschlechterung in der Rangliste der Pressefreiheit vor allem, dass wir wachsam bleiben und Presse- und Informationsfreiheit aktiv verteidigen müssen.“

Der Weltindex für Pressefreiheit wird seit 2002 jährlich von Reporter ohne Grenzen veröffentlicht und misst den Grad der Medienfreiheit in 180 Ländern und Gebieten. Er bewertet Pluralismus, Unabhängigkeit der Medien, Umfeld und Selbstzensur, den rechtlichen Rahmen, Transparenz sowie die Qualität der Infrastruktur. Er bewertet nicht die Regierungspolitik.

Auf Basis dieser Parameter verschickt die Organisation einen Bogen mit 117 Fragen an Expertinnen und Experten – an Kommunikationswissenschafter, Journalisten, Presseräte und Journalistenvertreter. Der aktuelle Index umfasst das Kalenderjahr 2019.

Norwegen und Finnland voran, Nordkorea und Turkmenistan Schlusslichter

Norwegen führt den Index im Jahr 2020 zum vierten Mal in Folge an, während Finnland erneut den zweiten Platz belegt. Dänemark (+2 auf Platz 3) steht an nächster Stelle, da sowohl Schweden (-1 auf 4) als auch die Niederlande (-1 auf 5) aufgrund der zunehmenden Cyberbelästigung zurückgegangen sind. Am anderen Ende des Index hat sich wenig geändert. Mit Nordkorea (-1 auf 180) hat Turkmenistan den letzten Platz belegt, während Eritrea (178) nach wie vor das am schlechtesten bewertete Land Afrikas ist.

Malaysia und Malediven rücken auf, Haiti rutscht weit ab

Malaysia (101) und die Malediven (79) verzeichneten den größten Anstieg im Index. Den drittgrößten Sprung machte der Sudan (159), der nach der Absetzung von Omar al-Bashir um 16 Plätze aufstieg. Die Liste der größten Rückgänge im 2020-Index wird von Haiti angeführt, wo Journalisten in den vergangenen zwei Jahren bei gewaltsamen landesweiten Protesten häufig ins Visier genommen wurden. Haiti verliert 21 Plätze und liegt nun auf Rang 83.

Neben dem Virus sieht Reporter ohne Grenzen die Zukunft des Journalismus durch weitere fünf Krisen bedroht:

  • Die geopolitische Krise geht einher mit dem Erstarken diktatorischer, autoritärer und populistischer Regime. Diese würden alles alles daran setzen, um Informationen zu unterdrücken und ihre Visionen von einer Welt ohne Pluralismus und unabhängigen Journalismus durchzusetzen. Autoritäre Regime haben ihre schlechten Platzierungen beibehalten. China versuche eine „neue Weltmedienordnung“ zu errichten und halte an seinem System der Informationskontrolle fest. Dessen negative Auswirkungen auf die ganze Welt seien während der Coronavirus-Krise im öffentlichen Gesundheitswesen zu beobachten waren, kritisiert Reporter ohne Grenzen. China, Saudi-Arabien (+2 auf 170) und Ägypten (-3 auf 166) bezeichnet die Pressefreiheitsorganisation als „die weltweit größten Kerkermeister unter den Journalisten“. Immer ausgefeiltere Mittel setze Russland (Platz 149) ein, um Informationen online zu kontrollieren, während Indien (Platz 142, -2) in Kaschmir die längste elektronische Ausgangssperre der Geschichte verhängt habe. In Ägypten würden Anschuldigungen wegen „gefälschter Nachrichten“ als Grund dafür benutzt, den Zugang zu Websites und Webseiten zu sperren und die Akkreditierung zu entziehen.
  • Das Fehlen einer angemessenen Regulierung im Zeitalter der digitalisierten und globalisierten Kommunikation habe zu einem Informationschaos und zu einer technologischen Krise geführt. Propaganda, Werbung, Gerüchte und Journalismus stünden in direkter Konkurrenz zueinander. „Die wachsende Verwirrung zwischen kommerziellen, politischen und redaktionellen Inhalten hat die demokratischen Garantien von Meinungs- und Redefreiheit destabilisiert“, diagnostiziert Reporter ohne Grenzen. Dies fördere die Verabschiedung gefährlicher Gesetze, die ein härteres Durchgreifen gegen unabhängigen und kritischen Journalismus ermöglichen. Die Pandemie habe die Verbreitung von Gerüchten und gefälschten Nachrichten ebenso schnell verstärkt wie das Virus selbst. Staatliche Trollarmeen in Russland, Indien, den Philippinen (-2 auf 136) und Vietnam (Platz 175) würden die Waffe der Desinformation über soziale Medien einsetzen
  • Die Krise der Demokratie schlägt sich laut Reporter ohne Grenzen im Weltindex der beiden vorangegangenen Jahre nieder: „Wachsende Feindseligkeit und sogar Hass gegenüber Journalisten“ seien zu beobachten. Diese Krise habe sich nun noch verschärft. Sie habe zu schwerwiegenderen und häufigeren physischen Gewalttaten geführt und damit in einigen Ländern ein „noch nie da gewesenes Maß an Angst hervorgerufen“. Donald Trump in den USA (+3 auf 45) und Jair Bolsonaro in Brasilien (-2 auf 107) würden weiterhin Medien verunglimpfen und Hass auf Journalisten in ihren Ländern schüren.
  • Darüber hinaus beklagt Reporter ohne Grenzen eine Vertrauenskrise im Umgang mit Medien: Medien würden immer mehr verdächtigt, Nachrichten zu verbreiten oder zu veröffentlichen, die durch unzuverlässige Informationen verunreinigt sind. Journalisten würden so zur Zielscheibe des Zorns der Öffentlichkeit. Nationalistische oder rechtsextreme Aktivistengruppen hätten Journalisten in Spanien (29.), Österreich (-2 auf 18), Italien (-2 auf 41) und Griechenland (65) offen ins Visier genommen haben.
    Die Wirtschaftskrise hat auch die Phänomene der Eigentumskonzentration und noch mehr die Interessenkonflikte verschärft, die den journalistischen Pluralismus und die Unabhängigkeit bedrohen. Die Übernahme der Central European Media Enterprises (CME) durch den reichsten Milliardär der Tschechischen Republik habe mehrere osteuropäische Länder, in denen CME einflussreiche Fernsehsender kontrolliert, alarmiert.
  • Nicht zuletzt eine durch die digitale Transformation ausgelöste ökonomische Krise habe die Medien in vielen Ländern in die Knie gezwungen. Sinkende Verkaufszahlen, der Einbruch der Werbeeinnahmen und der Anstieg der Produktions- und Vertriebskosten, der vor allem mit dem Anstieg der Rohstoffpreise zusammenhänge, hätten die Nachrichtenorganisationen gezwungen, umzustrukturieren und Journalisten zu entlassen. In den USA zum Beispiel seien in den letzten zehn Jahren die Hälfte der Medienarbeitsplätze verloren gegangen. Diese wirtschaftlichen Probleme haben soziale Folgen und wirken sich auf die redaktionelle Freiheit der Medien in aller Welt aus.

Neuer ‚Protokollkrieg‘ – Streit um New IP und erneuertes Internet

Zwei Standardisierungsorganisationen meinen, das alte Internet bringt’s nicht mehr. Die Ideen fürs „Netzwerk der Zukunft“ provozieren Streit um Transparenz.

Der Vorschlag für ein neues Internet, eingebracht bei der Internationalen Fernmeldeunion (ITU), sorgt inmitten von Corona-Krise und Sorgen vor wirtschaftlichen Einbrüche für einige Aufregung. Dass ausgerechnet das durch die 5G-Überwachungsdiskussion gebeutelte Huawei mit Vorschlägen für ein neues IP-Netz auftrumpfen will, lässt in Expertenkreise Debatten über den möglichen Import eines Netzes chinesischer Prägung hochkochen. Geht es hier nur um eine neue Runde im bereits beschrieenen digitalen Kalten Krieg, um einen Tech Cold War? Ist es eine Wiederauflage der Zankereien zwischen den Standardisierungsorganisationen, quasi der alten Protocol Wars? Oder ist etwas dran an den Sorgen, dass hinter verschlossenen Türen vielleicht gerade ein überwachungsfreundlicheres Netz kreiert werden könnte, oder doch zumindest ein weiter fragmentiertes und weniger netzneutrales?

Im kommenden November soll eigentlich die World Telecom Standardization Assembly stattfinden. Bei dieser im Abstand von vier bis fünf Jahren stattfindenden Konferenz legen die Mitgliedsländer der ITU den Fahrplan dafür fest, woran ihre Study Groups (SGs) arbeiten sollen. Aus den Study Groups heraus kommen auch die Standards der ITU-T, des für Standardisierung zuständigen Bereichs der ITU. In einem Vorschlag für die WTSA empfehlen Vertreter von Huawei, China Mobile, China Unicom und der Chinesischen Akademie für ICT, dass die Fernmeldeunion die Verantwortung für ein „Top-Down Design für das Netzwerk der Zukunft“ übernehmen solle.

Internet: aktuell nur für Telefone und Computer

Die Arbeitsgruppen SG13 (future networks and clouds), SG17 (security), SG11 (protocols and test specifications) und SG20 (IoT, smart cities & communities) sollten aufgefordert werden, entsprechend neue Arbeitsmandate zu übernehmen und die Ideen einer vor zwei Jahren ins Leben gerufenen ITU Fokus-Gruppe zum Thema Network 2030 weiter zu verfolgen.

Eine zentrale Idee der Fokus-Arbeitsgruppe lautet: Das heutige Internet stößt wegen neuer Anwendungen an seine Grenzen. Es ist weder den Anforderungen des Industrial Internet – mit neuen Anwendungen, Geräten und stärkerer vertikaler Integration gewachsen, noch kann es die Latenzanforderungen von Flugtaxis und autonomem Fahren ganz allgemein oder von Low-Orbit-Satellitennetzen erfüllen oder die Kapazitätsanforderungen von Live-Übertragung von Hologrammen bewältigen. Eigentlich, so steht es tatsächlich in dem Vorlagepapier für die WTSA, sei das heutige Internet für „Computer und Telefone“ gemacht.

„New IP“ lautet der von Huawei und Huaweis Forschungstochter Futurewei vorgestellte Vorschlag, der auch in der ITU-Fokusgruppe propagiert und an andere Standardisierungsorganisationen herangetragen wurde.

New IP – not fully baked

Die Grundideen für New IP sind gar nicht so neu. Flexible Adresslängen gehören dazu, darüber beharkten sich Ingenieure auch schon bei der Standardisierung von IPv6. Verlustfreier Transport ist eins der hehren Ziele, natürlich steht das auf der Agenda vieler Entwicklungen.

Viele Versprechen in den Folien und Berichten von Huawei und Futurewei-Vertretern (PPTX-Datei) hören sich erst einmal gut an. Da ist von „Hochpräzisions-Kommunikation mit garantierten Latenzzeiten und verlustfreien Verbindungen“ die Rede. Doch Futurewei-CEO Richard Li, der Vorsitzender der Fokusgruppe ITU Network 2030 ist, antwortet auf Nachfrage von heise online: „New IP ist noch nicht voll ausgereift.“

Eine relativ klare Ansage gibt es immerhin in Bezug auf das Verhältnis zu IP: „Geplant ist, dass New IP auf dem MAC Layer (OSI Layer 2) läuft, also über Data Links wie Ethernet“, wobei Neuentwicklungen der IEEE besser ausgeschöpft werden sollen, schreibt Li. Man wolle auch bestehende Transportprotokolle wie TCP oder QUIC – beides IETF-Protokolle – unterstützen, setze aber darauf, dass neue Transportprotokolle speziell für New IP dazu kommen.

David Tang, CTO der Huawei Network Product Line in Shenzhen, bestätigt: „New IP wird neben IPv4 und IPv6 sitzen.“ Der Vorschlag, jedenfalls in der bisherigen Form, sei kein Clean-Slate-Ansatz (Neuanfang). So wie zwischen den beiden IP-Versionen Übersetzung notwendig sei, könne dies auch zwischen IPv6 und New IP realisiert werden. Rückwärtskompatibel will man also bleiben. Wer sich außerhalb von New IP bewege, werde eben nicht in den Genuss der besonderen Verbindungsqualitäten und Features kommen.

Mahnung vor Export totalitärer Ideen

Nicht so sehr die technischen Verheißungen oder etwa die Aussicht auf die Notwendigkeit zwischen drei Protokollwelten – IPv4, IPv6, New IP – zu übersetzen, evozierten den Aufschrei der Berichterstatter der Financial Times. Sie richteten das Hauptaugenmerk vielmehr auf die Quelle des Vorschlags.

Zu den Absendern des an die WTSA gerichteten Vorschlags, die ITU zur Initiatorin eines „Top-Down-Designs“ zu machen, gehört auch Chinas Ministerium für Information Industry und damit ein Akteur, der nicht für ein freies, neutrales Internet steht. Die von der FT befragte Surveillance-Capitalism-Autorin Shoshana Zuboff von der Harvard-Universität warnte folglich vor dem Export totalitärer Ideen. Bestätigt fühlen sich Kritiker durch einzelne Aspekte, die aus den New-IP-Präsentationen bekannt geworden sind.

Zum einen wird dort die Auftrennung klassischer Quelladressen in Endpoint-Identifier und Lokalisierungs-Information beschrieben. Quelle für die IDs wäre laut einigen Präsentationen ein „Identity Manager“ im eigenen Netz. Ein „Accountability Manager“ oder „Auditing Agent“ ist zusätzlich fürs Key-Management und die Legitimität ausgehenden Verkehrs aufgeführt.

Für Kritiker wenig beruhigend: der Accountability Manager ist auch die Stelle, die nicht legitimen Verkehr unterbinden soll. Ein „Shut-off“-Kommando aus dem Zielnetz könnte dafür genügen.

Laut Tang sollen solche Shut-off-Kommandos von Opfern bösartigen Verkehrs, etwa DDoS-Attacken, getriggert werden können. Vertrauenerweckend wirken diese Designs aber nicht. Vor zu viel Macht für die Netzbetreiber warnten die Gesprächspartner der FT.

Huawei-CTO: Ursprünglich nicht von uns

Die Huawei-Initiatoren setzen sich gegen die Vorwürfe wortreich zur Wehr, sie würden Machtfantasien von Regierungen in ein neues Netzdesign gießen. Tang bezeichnet es als „unfair“, New IP wegen des EID-Konzepts und der Shut-off-Kommandos zu verteufeln. „Die Vorschläge sind nicht von Huawei“, unterstreicht er und verweist auf die IETF-Protokoll-Entwicklungen von LISP (Locator ID Separation Protocol) und DOTS (DDoS Open Threat Signaling).

Die LISP-Entwicklung sollte die in IP-Adressen kombinierte Info über Name (ID) und Lokation eines Hosts auflösen. Von Cisco vor Jahren auf die Idee gebracht – und von Kritikern damals gerne mal als gute Absatzstrategie für zusätzliche Hardware bekrittelt –, sollen damit heute mobile Anwendungen effizienter gemacht werden, die sich von einem Netz zum nächsten bewegen. Tang unterstreicht zudem, dass die LISP-Entwickler ursprünglich nicht an die Verschlüsselung der ID gedacht haben. Huawei selbst arbeite übrigens in der IETF mit, der Anonymität für EIDs durch pro Verbindung wechselnde, flüchtige Schlüssel vorsieht. Jenseits der Netzgrenzen bleibe der Nutzer dadurch anonym.

Die Shut-off-Kommandos entspringen laut Tang den Arbeiten gegen DDoS-Attacken. Gefragt, ob solche Kontrollpunkte im Netzwerk nicht auch missbraucht werden könnten, versteckt sich Tang nicht: „Als privater Bürger bin ich vielleicht nicht für den Einsatz solcher Technologie“, sagt er gegenüber heise online. „Aber es gibt Anforderungen durch Regulierung.“ Zudem würden die Ideen eben bereits diskutiert. Zentral für New IP seien sie nicht.

Angesichts der hochkochenden Debatte um New IP appelliert Tang zudem, die Standardisierung doch nicht so zu politisieren. „Wir brauchen den Raum, um frei über neue Technologie zu diskutieren,“ sagt er. „Es sollte nicht allein politisiert werden, weil es von Huawei kommt.“

Kritik an „einseitiger Politisierung“

Unterstützung erhält Huawei von unerwarteter Seite: vom US-Think-Tank Internet Governance Project am Georgia Technology Institute. Milton Mueller, bekannter Forscher zu den Themen rund um Internet Governance, erklärt die Idee vom Export autoritärer Strukturen via Technologie etwas überschwänglich zum „neuesten Unsinn“, den man eher von einer „Trump-Administration“ erwarte als von seriösen Journalisten.

Solange es keine klaren technischen Entwürfe gebe, könne man kaum von einer Zentralisierung der Kontrolle sprechen, schimpft er. Nach vorne schauende Forschung und White Papers, wie das von Huawei zu New IP vorgelegte (PDF-Datei), seien noch lange keine Standards. Er hoffe, dass die technische Community sich dieser Art der einseitigen Politisierung widersetze, und ätzt: „Müssen wir vor US-Vorschlägen für das künftige Netz weniger Angst haben?“

Genau so argumentieren auch die Futurewei- und Huawei-Vertreter gegenüber heise online. Noch ist New IP Forschung und keineswegs Entwicklung. Doch enthalten die nicht öffentlich verfügbaren Dokumente für die ITU-T eben schon erste Design-Überlegungen und Hinweise, wie New IP gestaltet werden sollte. Und für die Aufnahme als Thema in den verschiedenen ITU-SGs erklärt Tang, dass man dort zunächst über Anforderungen und in einem weiteren Schritt über mögliche Lösungen diskutieren wolle. Auch wenn Huawei dafür in größeren Zeiträumen denkt, genau so werden auch Standards etwa bei der IETF vorbereitet. Vielleicht werde man am Ende auch zur IETF zurückkehren für eine Standardisierung, sagt Tang. Vielleicht werde man aber auch den Namen ändern. „Wir sind von solchen Entscheidungen noch weit entfernt.“

In der Vorbereitung auf die WTSA befassen sich jedoch die Regulierer, auch in Europa, aber durchaus schon mit New IP. Ein Sprecher der Bundesnetzagentur verriet auf Anfrage von heise online, dass die europäischen Regulierer zusammen mit der Europäischen Kommission Ende Mai das Thema „New IP“ behandeln werden. Derzeit erarbeiten Bundesnetzagentur und Wirtschaftsministerium die eigene Position. Noch vor der Sitzung im Mai werde man sich mit Gleichgesinnten kurzschließen.

Grundsätzlich aber seien im Fall technischer Neuerungen, etwa neuer Adressierungsverfahren oder Protokolle, „die Netzneutralität in einem freien und offenen Internet und die Einhaltung des Datenschutzes“ Kernpunkte der deutschen Position, versichert der Sprecher. Die technische Weiterentwicklung von IP ist dabei nach Auffassung der Bundesnetzagentur Aufgabe von IETF und Internet Research Task Force (IRTF). Man sieht keinen Anlass, dies „der ITU zu übertragen“ und merkt noch an: „Darüber hinaus ist der Bundesnetzagentur wichtig, Wettbewerb unter Gremien zu vermeiden, die möglicherweise zu ‚konkurrierenden‘ Standards führen können.“

Mindestens der deutsche Regulierer ist sich des langjährigen Zwists zwischen den Standardisierungsorganisationen ganz offenbar bewusst. Das Aufeinanderprallen der Blöcke der – allerdings längst nicht mehr so einigen – westlichen Welt mit China, Russland, Indien bei den großen Internet-bezogenen Konferenzen, etwa der World Conference on International Telecommunication (WCIT), ist vielen noch zu gut in Erinnerung.

Eine europäische Antwort auf New IP?

Während Europas Regulierer die New IP-Arbeiten bei der ITU demnach eher mit etwas spitzen Fingern anfassen wird, treibt Europas eigenes Telekom-Normungsgremium ETSI ganze 230 eigene Arbeiten für das Next Generation Internet voran, und zwar mit einem sehr viel ambitionierteren Zeitplan.

„Wir planen, am Ende des Sommers einen Problemaufriss zu publizieren und kurz darauf auch einen Rahmenentwurf für die Spezifikation einer Plattform, die sowohl die aktuellen Protokolle als auch die neuen Protokolle unterstützen soll“, schreibt John Grant, einer der beiden Vorsitzenden der Non IP Internet-Arbeitsgruppe der ETSI. 2021 werde man laut Grant die neuen Protokolle entwickeln und testen. Das klingt auch deshalb anspruchsvoll, weil die NIN-Arbeitsgruppe aktuell erst 13 offizielle Mitglieder hat. Mit von der Partie seien zwei Mobilfunkbetreiber (einer ist Vodafone) und fünf Forschungsinstitutionen. Huawei sei bislang nicht vertreten, so Grant, ein britischer Software-Entwickler und Consultant. Ist NIN Europas Antwort auf ein chinesische New IP?

Es gehe einfach um Anforderungen der Mobilfunkbetreiber, die das klassische TCP-IP-Internet nicht bewältigen könne, schreibt Grant in einer Stellungnahme. Wie auch bei New IP verweist die ETSI auf Notwendigkeiten für Industrie 4.0-Anwendungen und smarten Verkehr oder vermittelte medizinische Anwendungen. All diese Anwendungen könnten mit dem aktuellen Internet nicht zufriedenstellend gemanagt werden. Für die NIN-Chefs lautet die Devise klar: weg von IP und hin zu einem Verbindungs-orientierten Netz. Das wäre praktisch eine Rückkehr zu einer klassischen Idee der Telefonie.

Grant berichtet, dass die Arbeiten der ITU-Fokusgruppe Network 2030 letztlich Ergebnis vorangegangener Arbeiten der ETSI Next Generation Protocol-Arbeitsgruppe sind. „Die IP-Überzeugten haben die ITU-Fokusgruppe Network 2030 ins Leben gerufen, während die auf der Non-IP-Seite die NIN-Arbeitsgruppe gegründet haben.“ Der Unterschied zwischen beiden Ansätzen sei unter anderem, wie viel Information in die Paketheader gehen solle. NIN ziele auf mehr Einfachheit und Robustheit. New IP sei bereit, die Komplexität zu akzeptieren. Grant hält es nach eigener Aussage mit dem Architekten Buckminster Fuller: „Wie Fuller schon sagte, kann man Dinge nicht ändern, indem man die herrschende Realität bekämpft. Um etwas zu ändern, muss man ein neues Modell schaffen, das das alte obsolet macht.“

Der Aufschlag von ITU-T und ETSI haben bei der Hüterin des IP-Protokolls, der IETF, unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Zu New IP hat sich die IETF ganz offiziell geäußert. Im Rahmen der Zusammenarbeit tauschen die beiden Organisationen Hinweise auf bevorstehende Arbeiten aus, die in den Arbeitsbereich der jeweils anderen fallen. Zu New IP hat die IETF-Spitze und das Internet Architecture Board klar zum Ausdruck gebracht, dass sie die Arbeiten für nicht angebracht hält, vor allem deswegen, weil viele der gelisteten Anforderungen von verschiedenen IETF-Arbeitsgruppen selbst behandelt werden. Die Beispiele LISP und DOTS wurden dabei zwar nicht genannt, wohl aber die Arbeiten zum Internet of Things, für das die IETF eigens leichtgewichtigere Protokolle geschaffen hat. Auch das Problem mit verlorenen oder verworfenen Paketen und den dadurch beim Alt-Transportprotokoll TCP entstehenden Verzögerungen ist man angegangen – mit einem ursprünglich von Google entwickelten neuen Transportprotokoll namens QUIC. QUIC löst auch ein paar Wünsche in Bezug auf mehr Sicherheit und Vertraulichkeit.

Das klassische Vorgehen der IETF, in kleinen Schritten Probleme nach und nach anzugehen und hier und da für Verbesserungen zu sorgen, hat sich nach Ansicht von Lars Eggert, ehemals IRTF-Vorsitzender und aktuell einer der Vorsitzenden der QUIC-Arbeitsgruppe, durchaus bewährt. Das Problem der großen Würfe – und da habe es durchaus ein paar elegante gegeben in den vergangenen 15 Jahren – sei demgegenüber einerseits der Versuch, alle Probleme auf einmal zu lösen, andererseits sei die Story für die Migration schwer zu schreiben. Google-Ingenieur und Ex-IAB-Mitglied Brian Trammell beschreibt es so: Die Clean-Slate-Ansätze würden begrüßt als „ja, sehr schön“, bevor diejenigen, die das Netz betreiben, zum Alltagsgeschäft zurückkehrten.

Technologie über unsere Köpfe

Ist alles gut, wenn das Netz bleibt, wie es ist, oder braucht es nach immerhin fünf Jahrzehnten doch einmal einen neuen Aufschlag? Sollte man dem Reflex entgegenwirken, wie Daniel Tang meint, dass neue Ideen vom „Technologie-Establishment“ zurückgewiesen werden? Das IETF-Establishment ist dabei selbst enorm im Wandel und nicht zuletzt mehr und mehr geprägt von den großen Plattformen der Webwelt, etwa Google, Apple, Mozilla.

Mindestens einen Vorzug hat sich die IETF-Standardisierung allerdings noch erhalten und darauf pochen viele in der technischen Gemeinde: Die IETF arbeite einigermaßen transparent und offen. Bei der ETSI und der ITU-T sind Entwürfe, Teilnehmerlisten und Treffen nicht für jedermann offen. Dabei wäre noch mehr Transparenz und Offenheit, gerade, wenn es um Verschlüsselung, Nachschlüssel, Sicherheit und Kontrolle geht, fürs Netz der Zukunft noch ein Upgrade.

Betrugsmails Die Abzocke mit Covid-19 boomt

18 Millionen betrügerische E-Mails: So viel fischt derzeit allein Google aus dem Netz – pro Tag. Einige Websites erleichtern Kriminellen allerdings ihr Vorgehen. Auch die WHO muss nachbessern.

Vermeintlich wohlhabende Prinzen und reiche Witwen bekommen als Lockmittel ernsthafte Konkurrenz: Online-Kriminelle setzen verstärkt auf das Thema Coronakrise. Mit Anspielungen auf den Erreger Sars-Cov-2 und die Lungenkrankheit Covid-19 versuchen sie, gutgläubige und verängstigte Nutzer auszutricksen. Mittlerweile landen jeden Tag Millionen betrügerischer E-Mails mit Corona-Bezug in der Betreffzeile in den Postfächern rund um den Globus.

Allein Google hat in der vergangenen Woche bei seinem E-Mail-Dienst Gmail täglich rund 18 Millionen Corona-Nachrichten herausgefiltert, die durch Phishing-Links oder Schadcode im Anhang auffielen. Das teilte der US-Konzern am Donnerstag in einem Blogbeitrag mit. Zusätzlich seien pro Tag 240 Millionen klassische Spamnachrichten mit Bezug auf das neuartige Coronavirus entfernt worden, hieß es. Wie viele deutschsprachige E-Mails darunter sind, ist unklar: Eine entsprechende SPIEGEL-Nachfrage wurde von Google nicht beantwortet.

Der Schaden durch die Corona-Betrugswellen ist enorm. Allein in den USA sollen die Bürger laut der Handelskommission FTC umgerechnet mehr als zwölf Millionen Euro an Betrüger verloren haben, weil Covid-19 in E-Mails, auf Websites und bei Anrufen als Vorwand genutzt wurde. Seit Anfang Januar seien mehr als 18.000 Meldungen zum Thema bei der FTC eingegangen.

WHO vernachlässigt Domainschutz

Ein unbedachter Klick auf einen Link in Phishing-Nachrichten oder eine infizierte Datei im Anhang kann ernste Folgen haben: Die Täter treten meist unter falschem Namen auf und haben es auf Geld, Kreditkartendaten und Passwörter der Opfer abgesehen. So machen Kriminelle übers Netz Kasse, indem sie vorgeben, im Kampf gegen Covid-19 Spenden für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu sammeln.

Dafür missbrauchten Betrüger sogar schon die offizielle WHO-Domain. Sie konnten es so aussehen lassen, als wäre ihre E-Mail von jener Domain abgesendet worden, da offenbar das Schutzsiegel DMARC (Domain-based Message Authentication, Reporting and Conformance) nicht streng genug eingestellt war. Kriminellen war es dem Nachrichtenportal „Vox“ zufolge so gelungen, eine E-Mail mit dem Absender donate@who.int zu verschicken. Der einzige offenkundige Hinweis auf den Betrug: Die Kriminellen forderten Spenden in Form von Bitcoin.

Google arbeitet nach eigenen Angaben mit der WHO zusammen und soll ihr bereits signalisiert haben, wie wichtig eine schnelle Umsetzung von DMARC sei. Für die Schutztechnik hatten sich vor acht Jahren unter anderem Google, Facebook und Paypal zusammengeschlossen, um Phishing-Attacken mit gefälschten E-Mails zu unterbinden.

Laut einer Studie der Prüfplattform „Valimail“ setzen bereits eine Million Websites auf das DMARC-Protokoll: Aber nur 13 Prozent davon nutzen offenbar jene Konfiguration, mit der sich das sogenannte E-Mail-Spoofing unterbinden lässt. Bei allen anderen Seiten ist es laut „Valimail“ bildlich gesprochen so, als prüfe ein Türsteher zwar alle Ausweise. Letztlich werde aber trotzdem jeder reingelassen – ob er auf der Gästeliste stehe oder nicht.

Ransomware steckt im Word-Dokument

Betrüger nutzen dieser Tage zudem aus, dass viele Mitarbeiter derzeit im Homeoffice arbeiten. In ihren Nachrichten stehen dann Sätze wie: „Wir haben vergeblich versucht, Sie telefonisch im Büro zu erreichen.“ Angehängt ist ein infiziertes Dokument. In anderen E-Mails bitten vermeintliche Personalverantwortliche die Empfänger darum, im Auftrag des Unternehmens ein Onlineformular auszufüllen.

Bei solchen dubiosen E-Mails sollte man darauf verzichten, auf Links oder Anhänge zu klicken, da sich dahinter entweder Schadprogramme, aber auch Verweise auf gefälschte Websites verbergen können.
Das gilt auch für die Anhänge von E-Mails, die zuletzt im Namen des Gesundheitsministeriums verschickt worden waren. Das LKA Niedersachsen warnte davor, auf Word-Dateien mit der Bezeichnung „Krankschreibung.doc“ in solchen Nachrichten zu klicken, da es sich um einen Betrugsversuch handelt.

Im E-Mail-Anschreiben geben die Betrüger an, den Empfänger darüber informieren zu wollen, wie sich das Coronavirus auf Urlaub und Krankmeldungen auswirke. Tatsächlich wird über die Datei aber ein Trojaner namens Trickbot aktiviert, der Daten auf dem Rechner verschlüsselt. Die Betrüger verlangen Geld für den Freischaltcode.

„Öffnen Sie unter keinen Umständen den Mail-Anhang unter Windows mit Ihrem Microsoft-Office-Paket“, hieß es in der Mitteilung des LKA. Wer die Ransomware versehentlich aktiviert hat, der soll Anzeige bei der Polizei erstatten.
Sicherheitsforscher von Malwarebytes gehen davon aus, dass sich die Lage vorerst nicht bessern wird. Laut einem Bericht der IT-Firma von Freitag setzen seit Ende Januar auch staatlich geförderte Hacker auf Phishing-Angriffe mit Corona-Bezug. Die Aktivitäten folgten demnach der Spur des Virus „von China über Nordkorea bis nach Russland“. Die Forscher gehen daher davon aus, dass Kriminelle in den kommenden Wochen und Monaten „die Coronakrise weiterhin für gezielte Cyberangriffe ausnutzen werden“.

Corona und Pressefreiheit: Verhaftet, angegriffen, bedroht

Der erste Corona-Fall im Irak wurde offiziell am 22. Februar gemeldet. Das Nachbarland Iran kämpfte da schon mit einem der schwersten Ausbrüche der Virusinfektion außerhalb Chinas, es gab bereits Tote. Wegen der schiitischen Bevölkerungsmehrheit sowie durch den großen politischen und militärischen Einfluss Teherans sind die beiden Staaten eng verbunden, die Flüge gingen noch tagelang weiter. Vieles sprach dafür, dass sich die Lungenkrankheit auch im Irak rasch ausbreiten würde, dessen Gesundheitssystem von Krieg und Korruption ausgezehrt ist. Doch die Bevölkerung erfuhr erst einmal wenig – und der Irak wurde zum Beispiel dafür, wie Regierungen versuchen, kritische Berichterstattung in der Corona-Krise zu unterdrücken.

Am 2. April, offiziell waren 772 Erkrankte im Irak gemeldet, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters dann, dass die Infektionszahl des Gesundheitsministeriums vermutlich um ein Vielfaches zu niedrig sei – tatsächlich gebe es Tausende Erkrankte, die positiv getestet worden seien. Reuters berief sich auf Ärzte, die an Tests beteiligt waren. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums und eine hochrangige politische Quelle bestätigen dies. Der mächtige Sicherheitsapparat habe darauf gedrungen, die Zahlen nicht publik zu machen, um keine Panik zu schüren.

Für die irakische Bevölkerung, die in ihrer großen Mehrheit der Regierung ohnehin misstraut, war das zweifellos eine wichtige Information. Das Gesundheitsministerium reagierte damals nicht auf eine Anfrage der Nachrichtenagentur. Die Antwort kam nun von anderer Seite: Die Nationale Kommission für Kommunikation und Medien, eine Art Aufsichtsbehörde, entzog Reuters am Mittwoch für drei Monate die Lizenz und verhängte eine Strafe von umgerechnet etwa 19 000 Euro. Zudem müsse sich Reuters entschuldigen. Die Kommission ist nominell unabhängig, jedoch eng mit den Geheimdiensten und dem Sicherheitsapparat verbunden. In einer Stellungnahme teilte die Nachrichtenagentur mit, sie versuche „die Angelegenheit zu regeln“, stehe aber zu ihrer Berichterstattung. Präsident Barham Salih sprach von einer „bedauerlichen Entscheidung“, die er nicht verteidige. Er bemühe sich um die Aufhebung des Arbeitsverbots. Der Bericht habe jedoch „Verzweiflung“ ausgelöst, weil er impliziere, dass die Regierung ihre Zahlen fälsche. Davon gehen viele Iraker ohnehin aus – auch wenn Salih strikt bestritt, dass die Vorwürfe zutreffen.

Irak, China, Ägypten: Immer wieder gibt es Zweifel an den offiziellen Zahlen

Es ist nur ein krasses Beispiel, wie Regierungen Journalisten für Berichterstattung zu Covid-19 drangsalieren und bestrafen. Die internationale Journalisten-Organisation Reporter ohne Grenzen hat dokumentiert, dass Journalisten in Algerien, Jordanien und Simbabwe verhaftet wurden, und verlangt von den Vereinten Nationen, Staaten wegen der Einschränkung der Pressefreiheit öffentlich anzuprangern. „In Zeiten der Corona-Pandemie sind Pressefreiheit und das Recht auf Information wichtiger denn je“, sagte der Geschäftsführer der deutschen Sektion, Christian Mihr. Das Recht auf Information umfasse die Freiheit, zuverlässige Informationen zu suchen, zu erhalten und zugänglich zu machen. „Wenn Regierungen dieses Recht verletzen, gefährden sie die Gesundheit und sogar das Leben von Menschen.“

Das US-amerikanische Committee to Protect Journalists listet Angriffe auf Reporter in Liberia und Verhaftungen in Iran und Bahrain auf. In Russland wurden Journalisten bedroht, in Sambia bekam ein Fernsehsender die Lizenz entzogen. Jemen, Jordanien, Irak, Iran, Marokko und Oman haben gar den Druck und die Verteilung von Zeitungen ausgesetzt. In Ungarn hat Premier Viktor Orbán ein Notstandsgesetz durchgedrückt, das die Verbreitung falscher Nachrichten mit Gefängnis bedroht – was dabei falsch und was richtig ist, befindet die Regierung.

China unterdrückt unabhängige Informationen nicht nur im eigenen Land. Mehrere lokale Bürgeraktivisten und Informanten, die zur Berichterstattung westlicher Medien über die Epidemie in Wuhan beigetragen hatten, sind spurlos verschwunden.

Auch in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten arabischen Land, gibt es erhebliche Zweifel an den offiziellen Zahlen. Millionen arme Menschen wohnen in Kairo auf engstem Raum. Die Regierung verwies die Korrespondentin des britischen Guardian, Ruth Michaelson, des Landes, weil sie eine Studie kanadischer Wissenschaftler zitiert hatte, die durch Modellrechnungen die Zahl der Infektionen für Ägypten auf 6000 bis 19 310 schätzte – die offizielle Zahl lag da bei drei. Allerdings neigt das Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sisi auch sonst zur Auffassung, die Aufgabe von Journalisten sei es, die offiziellen Sichtweisen wiederzugeben – und nichts anderes. Wer sich etwa beim Thema Terrorbekämpfung nicht daran hält, muss mit Strafen rechnen.

„Das Nichtwissen ist das eigentliche Problem des Journalismus“

Der Kommunikationswissenschaftler Michael Haller hat sich intensiv mit der Berichterstattung über Corona beschäftigt. Im Podcast „Die Medien-Woche“ übt Haller Kritik, besonders am frühen Umgang der Medien mit dem Virus.

Solange Journalisten mit überprüfbarem Wissen zu tun hätten, es wiedergeben und einordnen könnten, bewegten sie sich auf sicherem Terrain. Wenn es aber ein Journalist mit dem Nichtwissen zu tun bekomme, „fängt er an zu spekulieren und freut sich, wenn er Kontroversen konstruieren kann“. Das sagt der Journalistikprofessor Michael Haller über einen Teil der Corona-Berichterstattung.

In dieser Folge des Podcasts „Die Medien-Woche“ sprechen wir mit Haller, der die Berichterstattung über das Virus analysiert und in einzelne Phasen unterteilt hat. Die Menschen würden mit Meldungen „überfüttert“, kritisiert Haller, gleichzeitig aber „unterversorgt mit zuverlässigen Informationen“. Im Gespräch setzen wir uns mit Haller und seiner Kritik (die er hier auch aufgeschrieben hat) auseinander.

Wir sprechen in dieser Ausgabe auch über Öffentlichkeitsarbeit für die Wissenschaft. Die Firma Storymachine („We power your message“) hat ein Forschungsprojekt des Bonner Virologen Hendrik Streeck via Twitter und Facebook dokumentiert, die Agentur Looping Group entwickelt mit dem Journalisten Klaus Brinkbäumer ein Kommunikationskonzept für ein amerikanisches Projekt namens „Human Vaccines Project“. Fragt sich: Wenn die Arbeit von Wissenschaftlern mehr Öffentlichkeit braucht, auf welchen Wegen stellt man sie dann bestmöglich her?

Außerdem in dieser Folge der „Medien-Woche“: Die amerikanische Medienmarke Buzzfeed will ihren deutschen Ableger loswerden und sucht jetzt einen Abnehmer, doch wie groß sind die Chancen? Und es wird ein Abschaltdatum für das gute alte UKW-Radio gesucht.

Die „Medien-Woche“ ist ein Podcast über die Welt der Medien und ihre Macher. Christian Meier, Redakteur bei WELT, und Stefan Winterbauer, Redakteur des Branchendienstes Meedia, unterhalten sich immer freitags über die wichtigsten Themen der Woche. Hintergründig, analytisch, unterhaltsam.

Alle schauen hin oder träumen sich weg

In der Verzweiflung des Stubenarrests stöbert man durch die Mediatheken und stößt völlig überraschend auf Girl Friends – Freundschaft mit Herz aus den 90er-Jahren, mit Mariele Millowitsch in der Hauptrolle. In einer Art modernem Märchen verlässt die Metzgerstochter Marie ihr Dorf und ihren untreuen Freund und zieht mit Hund Biene nach Hamburg. Da locken Dessous-Parties, ein Job als Datatypistin und eine neue Liebe. In der Serie, vom ZDF als „Retro-Highlight“ angepriesen, wird geraucht und gefummelt, was das Zeug hält. Dagegen ist Sturm der Liebe aus der Mediathek der ARD regelrecht keusch. Eins haben beide gemeinsam: Sie sind Publikumsrenner in der aktuellen Krise. Binge-Watching für fortgeschrittene Semester.

Tatsächlich bescheren die Ausgangsbeschränkungen den Mediatheken von ARD, ZDF sowie Joyn (Pro Sieben Sat 1 / Discovery) und TV Now (RTL) einen Boom. Laut aktueller Analyse der Fernsehforscher stieg die Nutzung im März um circa zehn Prozent. Gerade die Generation Netflix, die inzwischen wohl alle interessanten Inhalte auf den US-Plattformen abgegrast hat, entdeckt jetzt die digitalen Outlets der Sender für sich. Das hat die AGF Videoforschung in einer aktuellen Analyse „TV-Nutzung in der Corona-Krise“ herausgefunden.

Generell wird, seit die Welt coronakrank ist, wieder mehr ferngesehen. „In dieser unsicheren Zeit, in der viele Menschen zu Hause bleiben müssen, steigt das Bedürfnis nach Information und Ablenkung“, sagt die Vorsitzende der AGF-Geschäftsführung, Kerstin Niederauer-Kopf. Im März, also dem Monat, in dem in Deutschland drastische Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie ergriffen wurden, lag die Sehdauer im Gesamtpublikum mit durchschnittlich 244 Minuten um ganze 18 Minuten über dem Vorjahresmonat und damit auf Rekordniveau. Der Anstieg ist umso auffälliger, weil der Konsum klassischen Fernsehens seit Jahren sinkt. Und überraschenderweise sind die jüngeren Zielgruppen auf der Suche nach Information die Treiber der steigenden TV-Nutzung.

„Allen Diskussionen zum Thema ‚Lügenpresse“ und der abnehmenden Bedeutung von Medien zum Trotz sind es die großen öffentlich-rechtlichen Medienmarken ARD und ZDF, die derzeit angesteuert werden“, sagt Niederauer-Kopf. Nachrichten vermitteln relevante Informationen, werden laut Analyse „zur Tagesklammer und Richtschnur der Menschen“.

Diese Beobachtung dürfte vielen Fernsehmanagern gute Laune machen, denn sie glaubten die Jüngeren längst verloren an die Konkurrenz aus Netflix & Co. „Wir haben mit Jugendlichen gesprochen, die tatsächlich seit der Krise zum ersten Mal in ihrem Leben die Tagesschau von Anfang bis Ende gesehen haben“, sagt Ines Imdahl. Sie ist Gründerin und Inhaberin des Marktforschungsinstituts Rheingold Salon und hat die empirischen Nutzungsdaten mit einer tiefenpsychologischen Analyse ergänzt, als „Verbindung von qualitativer und quantitativer Forschung“, heißt es bei der AGF. Dazu wurden Tiefeninterviews in unterschiedlichen Altersgruppen geführt und evaluiert.

Fernsehen helfe, die innere Panik in den Griff zu bekommen, sagt die psychologische Analyse

Die Liste der Gewinner jedenfalls dominiert die Tagesschau auf dem 20-Uhr-Sendeplatz. „Die ganze Familie versammelt sich vor dem Fernseher, um gemeinsam Nachrichten zu schauen. Diese erhalten einen Live-Charakter, den wir bisher so nicht gesehen haben“, sagt Imdahl. Fernsehen helfe, die innere Panik in den Griff zu bekommen.

Aber nicht nur die Hauptabendnachrichten wie Tagesschau und Heute-Journal finden ihr Publikum, auch die auf Nachrichten spezialisierten Spartensender N-tv, Welt und Tagesschau 24 laufen bei vielen Zuschauern, die im Home-Office arbeiten, als permanentes Grundrauschen. Am stärksten entwickeln die 14- bis 29-Jährigen in der Krise einen neuen Hang zu seriösen Nachrichten, an Stelle von relativ beliebiger Informationssuche im Internet, so die Analyse – sie legen jetzt Wert auf Qualitätsjournalismus und saubere Recherche.

Nicht nur Nachrichten, auch Unterhaltungssendungen punkten beim Publikum. „Das, was junge Menschen am meisten vermissen, nämlich das Daten, Reisen, Shoppen und mit Freunden rausgehen, wird nun im Fernsehen gesucht“, so die Psychologin. Es habe durchaus einen stabilisierenden Effekt, zu sehen, dass die Realität weitergeht. Dokutainment-Formate wie Zwischen Tüll & Tränen, Shopping Queen und First Dates avancierten zu festen Terminen bei den 20- bis 29-Jährigen.

Während die öffentlich-rechtlichen Sender vorrangig im News-Genre zulegen, steigen die Zahlen der privaten Sender bei der Unterhaltung: Vor allem Shows standen zuletzt bei den Zuschauern hoch im Kurs – hier treiben ebenfalls die jüngeren Zuschauer den Nutzungsanstieg. Im März 2020 sahen die 14- bis 49-Jährigen im Schnitt 579 Minuten lang Sendungen wie Let’s Dance, The Masked Singer, Kitchen Impossible und Germany’s Next Topmodel – eine Steigerung von 20,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Verglichen mit dem Vormonat Februar 2020 schauten vor allem die 14- bis 20-Jährigen mehr: plus 32,8 Prozent.

Und seit Millionen Schüler zu Hause lernen müssen, sind auch die Nutzungszahlen der Kinder- sowie der Bildungssender stark angestiegen. ARD Alpha hat sein Programm umgebaut und setzt auf Homeschooling – und zeigt jeden Tag von neun bis zwölf Uhr Lernfernsehen. „Die Nutzung von ARD Alpha ist deutlich angestiegen, wenn auch auf niedrigem Niveau“, erklärt Niederauer-Kopf.

Verlierer in der AGF-Rechnung sind, wenig überraschend, die Sportsender. In Summe ist im März die Sehdauer um etwa die Hälfte eingebrochen. Die Bundesliga legt eine Zwangspause ein und auch sonst finden keine Wettbewerbe statt. Sportsendungen ohne Live-Sport, das ist wie Papstaudienz ohne Papst. Zwar versuchen Sky, Dazn, Eurosport und Sport 1 die Programmlücken zu füllen und greifen im Moment im großen Stil auf Konserven zurück. Sie zeigen Klassiker der Bundesliga, um die Fans nicht ganz zu verlieren. Doch Psychologin Imdahl meint: „Was man jetzt auf gar keine Fall sehen möchte, ist ein volles Stadion. Das reißt den eingefleischten Fans das Herz heraus.“

Höhere Einbußen für Druck- und Medienbranche als erwartet

Während fast alle Druckereien sich in Kurzarbeit befinden und die Prognose für das zweite Quartal schlecht ausfällt, will der Verband Druck & Medientechnik nun den Fokus auf innovative Produktentwicklung und Chancen durch verstärkte Regionalität setzen.

Die Druckereien sind von den Covid-19 Maßnahmen der Bundesregierung stark bis sehr stark betroffen. Das zeigt die aktuelle Mitgliederumfrage des Verbands Druck & Medientechnik, die Anfang April durchgeführt wurde. Von einer Schließung durch eine Covid-19-Erkrankung waren zwar nur 2,2 Prozent der befragten Unternehmen in der Druck- und Medienbranche betroffen. Doch fast 90 Prozent verzeichneten im März einen Umsatzrückgang. 90 Prozent haben Kurzarbeit angemeldet. Die Prognose für das zweite Quartal April bis Juni fällt sogar schlechter aus, trotz jetzt langsamer Öffnung.

„Druckereien gehören zu den Unternehmen, deren Betrieb nicht eingestellt wurde, stellen sie doch unter anderem Verpackungen für Lebensmittel, Medikamente, Kosmetikprodukte, Wasch- und Reinigungsmittel, Zeitungen und Magazine oder Bücher her“, sagt Peter Sodoma, Geschäftsführer des Verband Druck & Medientechnik. Dennoch seien sie von der wirtschaftlichen Situation ihrer Auftraggeber abhängig und damit wie alle Unternehmen in Österreich betroffen.

Umsatzminus im März: 42 Prozent mit mehr als 50 Prozent Einbußen

Insgesamt verzeichnete ein Drittel der Druckereien im März einen Umsatzrückgang zwischen 31 und 50 Prozent, ein weiteres Drittel zwischen 51 und 80 Prozent. Nur 14 Prozent hatten schon im März nahezu einen Totalausfall. Die Unternehmen kämpfen vor allem mit dem Ausbleiben von Aufträgen (98 Prozent) beziehungsweise mit stornierten Aufträgen (70 Prozent) sowie offenen Rechnungen (29 Prozent). Zudem sagen 35 Prozent der Druckereien, dass ihre Mitarbeiter verunsichert sind und 16 Prozent, dass die Sicherheitsmaßnahmen für eine geringere Produktivität gesorgt haben. Auch die Auslieferung von Waren und die Anlieferung von Materialien ist deutlich erschwert. Die Auswirkungen werden sich vor allem im zweiten Quartal im Umsatz niederschlagen. 29 Prozent der Druckereien stellen sich auf einen Umsatzeinbruch zwischen 31 und 50 Prozent ein, die Hälfte erwartet ein Minus zwischen 51 und 80 Prozent.

Zehn Prozent Kündigungen

90 Prozent der Druckereien haben für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet, 42 Prozent haben um Förderungen angesucht, zehn Prozent mussten Mitarbeiter kündigen. 60 Prozent haben für Mitarbeiter ein Home Office eingerichtet. „Zum Großteil handelt es sich dabei um Vertrieb und Marketing. Mitarbeiter aus der Produktion können ihre Arbeit nicht von Zuhause aus erledigen. Und diese stellen in Druckereien mehr als 50 Prozent der Beschäftigten“, so Sodoma.

Hauchschutzwände und Mundschutz

„Die Umfrage zeigt aber auch die Innovationskraft der Druck & Medienbranche“, betont Sodoma. So haben bereits zehn Prozent neue Produkte entwickelt und 13 Prozent neue Serviceangebote. Acht Prozent planen derzeit Produktentwicklungen, 25 Prozent wollen demnächst neue Serviceangebote lancieren. „Manche unserer Mitglieder produzieren jetzt Hauchschutzwände für Handel und Arztpraxen, andere wiederum Mundschutz und tragen so dazu bei, den Mangel an Schutzausrüstung zu beheben. Und wieder andere drucken jetzt mit anti-mikrobiellem Lack, der Oberflächen desinfiziert“.

Chancen durch Regionalität und bleibendes Home Office

Ganz klar würden die Druckereien auch die Chance sehen, Prozesse zu optimieren, Vertrieb und Marketing neu aufzustellen und Home-Office auch nach der Krise mehr Mitarbeitern zu ermöglichen. Fast 40 Prozent wünschen sich darüber hinaus, dass Regionalität und Druckqualität in Österreich wieder einen höheren Stellenwert bei der Auftragsvergabe haben. „Wir werden uns massiv dafür einsetzen, dass Regionalität und damit der Wirtschaftsstandort Österreich gefördert wird“, betont Sodoma. Der Verband Druck & Medientechnik habe bereits letzte Woche in einem Brief an die Bundesregierung und die Landesregierungen unter anderem gefordert, dass Nachhaltigkeit und Regionalität gefördert und Gütesiegel wie „Printed in Austria“, CO2-kompensiert oder das CSR-Gütesiegel für Druckereien im Bestbieterprinzip stärker berücksichtigt werden.

Russische Zeitung „Wedomosti“: Auf Linie gebracht

Nicht nur das Führungspersonal wurde ausgetauscht: Wie die russische Zeitung „Wedomosti“, eine der letzten unabhängigen Stimmen des Landes, mit der Einflussnahme der Mächtigen zu kämpfen hat.

Wieder muss man um ein russisches Qualitätsmedium bangen, um das führende: die Zeitung „Wedomosti“. Gerade erscheint sie wegen coronavirusbedingter Einschränkungen nur online, sonst von Montag bis Freitag im A3-Format auf lachsfarbenem Papier. Ihre Bedeutung ist größer, als es die Auflage von 75000 Exemplaren vermuten ließe. „Wedomosti“ wurde 1999 gegründet und ist aufgrund ihrer Enthüllungen mehrfach mit Magnaten in Konflikt geraten. Auch mit Igor Setschin, dem gefürchteten Weggefährten von Präsident Wladimir Putin an der Spitze des staatlich kontrollierten Ölkonzerns Rosneft.

Die Zeitung bereitet Nachrichten nüchtern auf. Ein Stamm aus Fachleuten ordnet das Geschehen ein, ohne das Auftrumpfen der Kreml-Claqueure oder die Bitterkeit der Oppositionskreise. „Wedomosti“ trennt Nachricht und Kommentar, doch ihre Meinungsdoppelseite ist ein Hort liberaler Stimmen, die ansonsten im russischen Journalismus und überhaupt in Russland kaum noch zu Wort kommen.

Das wurde zum Problem, als der Kreml den Druck auf „prowestliche Verräter“ erhöhte: Ein Pressegesetz verbietet Ausländern seit 2016, mehr als zwanzig Prozent eines russischen Medientitels zu besitzen. Das galt als Attacke auf die Zeitschrift „Forbes“, die damals vom russischen Ableger des Springer-Konzerns herausgegeben wurde, und „Wedomosti“, die einem finnisch-amerikanisch-englischen Konsortium um „Financial Times“ und „Wall Street Journal“ gehörte. Die Zeitung musste verkauft werden und gelangte in die Hände des Medienunternehmers Demjan Kudrjawzew. Diesem erkannten die Behörden 2017 die russische Staatsangehörigkeit ab, da er falsche Angaben über eine israelische Staatsangehörigkeit gemacht habe. Lange rätselte man, was das für „Wedomosti“ bedeute.

„Die Regeln und Ideale von ,Wedomosti‘“ sind dem Neuen fremd

Im vergangenen Februar wurde berichtet, dass die Familie eines Partners von Kudrjawzew schon mindestens seit Sommer 2018 Eigentümerin der Zeitung sei. Mitte März wurde der Verkauf der Aktiengesellschaft, die „Wedomosti“ herausgibt, an Konstantin Sjatkow und Aleksej Golubowitsch bekannt. Beiden Männern wird eine Nähe zur Macht nachgesagt. Der Vater Sjatkows war 2012 eine sogenannte Vertrauensperson Putins vor der damaligen Präsidentenwahl, Golubowitsch hatte einst in einem der politischen Prozesse gegen Putins Widersacher Michail Chodorkowskij ausgesagt. Die frühere Chefredakteurin von „Wedomosti“ Tatjana Lyssowa, die das Blatt bis 2017 führte, warnte, den Käufern seien „die Regeln und Ideale von ,Wedomosti‘ fremd“.

Nun gibt es einen neuen Chefredakteur: Den 64 Jahre alten Andrej Schmarow, der einst für die Zeitung „Kommersant“ und eine kremlnahe Zeitschrift arbeitete. Er legte sich sofort mit der Redaktion an: Er kenne die „Dogma“ genannten, stilprägenden Redaktionsstatuten nicht, sagte Schmarow, und lese auch die Zeitung selbst nicht mehr, seit ihm einige Artikel nicht gefallen hätten. Was sein neuer Chef vom Dienst tun werde, stellte er nicht klar. Stattdessen kritisierte er liberale Fachleute, die regelmäßig Artikel für das Meinungsressort verfassen, und schloss nicht aus, dass sich die neuen Aktionäre in die Redaktionspolitik einmischen würden. Auch wies er Medienberichte nicht zurück, laut denen der Scharfmacher und journalismusfeindliche Pressesprecher von Rosneft, Michail Leontjew, an seiner Ernennung beteiligt sei.

Gleich zu Beginn ließ Schmarow im Widerspruch zur Redaktionspraxis die Überschrift zu einem Artikel ausgerechnet über Rosneft ändern. Daraufhin forderten führende Journalisten von „Wedomosti“ in einem Brief an die neuen Eigentümer, Schmarow gegen eine mit dem Haus vertraute Journalistin auszutauschen. Schmarow und dessen Chef vom Dienst sei die Kultur der Zeitung fremd. Sie destabilisierten das Team, verschreckten Anzeigenkunden, trieben Mitarbeiter zur Kündigung, und Abonnenten wollten ihr Geld zurück. Ein Kommentar in „Wedomosti“ versprach, die Ereignisse würden nicht dazu führen, dass sich die Werte der Zeitung änderten, die in mehr als zwanzig Jahren zu denen des „unabhängigen und objektiven Journalismus“ in Russland geworden seien. Man mache sich keine Illusionen über die Lage, in der die neuen Eigentümer das Gesetz, das Geld und das in Russland entstandene, „ungeschriebene Recht“ der Einflussnahme auf ihrer Seite hätten. Man werde aber auf der bisherigen Redaktionspolitik bestehen. Schmarow nährt indes weiter die Sorgen, er handele in Setschins Interesse: In der Nacht auf Montag ließ er eine Kolumne von der „Wedomosti“-Website nehmen. Darin kritisiert ein Wissenschaftler Setschins geopolitische Volten im jüngsten Ölpreiskampf und in der Unterstützung für das venezolanische Regime, die den Staat teuer zu stehen kommen. Es sind auch Putins Volten.

Ladenzeile.de-Gründer Maier wird Partner bei Holtzbrinck Ventures

„Gerade in Krisenzeiten entstehen viele spannende Firmen“, ist er überzeugt. Solche Gründer will er für HV, einen der größten und ältesten deutschen Risikokapitalgeber, finden.

Dabei verweist Maier auf seine eigene Erfahrung: Er gründete die Shopping-Plattform Ladenzeile.de Ende 2008, also zur Zeit der Finanzkrise. Kurz zuvor war seine Mutter, die SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier, als Chefin der Förderbank KfW zurückgetreten. Mehr Krise geht kaum.

Die Erfahrung mit dem eigenen Start-up soll Maier als achter Partner bei HV einbringen. Die 2000 als Investment-Arm des Holtzbrinck-Verlags gegründete Investment-Gesellschaft hat nach eigenen Angaben eine Milliarde Euro Vermögen. Seit 2010 agiert HV weitgehend unabhängig von dem Verlag, der mit dem Handelsblatt verbunden ist.

Derzeit investiert das Team aus der siebten Fonds-Generation mit 306 Millionen Euro. 185 meist frühphasige Deals hat HV bislang getätigt – darunter bekannte Namen wie Zalando, Delivery Hero und Flixbus.

„Wir kennen Robert schon seit mehreren Jahren. Er bringt genau die Erfahrung mit, die wir brauchen“, sagte HV-General-Partner Christian Saller. Schließlich war Maier bis 2018 zehn Jahre Chef von Ladenzeile.de, zuletzt unter der Ägide des Aufkäufers Axel Springer. Nebenbei investierte er in eine ganze Reihe von Start-ups vor allem in Berlin als Angel Investor, also als ein erster, beratender Geldgeber.

Offener Umgang mit Misserfolgen

Dabei geht der Absolvent der Unternehmer-Hochschule WHU auch offen mit Misserfolgen um. Auf seiner Website listet er neben lukrativen Ausstiegen etwa beim Erotikversand Amorelie und der Gastro-Software Gastrofix auch Fehlschläge wie den insolventen Online-Shop Lesara auf oder einen Fall, in dem er mit der Feststellung endet: „Gründer verschwunden. Habe mein Geld verloren.“

Bei HV wird der Wahl-Kreuzberger größere Summen einsetzen können als bislang als Privatinvestor. HV steckt meist 0,5 bis 50 Millionen Euro in einzelne Gründer. „Jetzt wird aus dem Hobby ein Beruf“, scherzt Maier. „Ich hätte mir auch vorstellen können, selbst nochmal zu gründen“, sagt er. Aber gute Ideen fielen eben nicht vom Himmel – seien aber bei vielen anderen Gründern da, die er nun mit HV unterstützen will.

Dafür steht turnusmäßig Anfang kommenden Jahres ein neuer HV-Fonds an. In den kommenden Monaten müssen die Partner dafür Geld einsammeln – und hoffen darauf, dass die institutionellen Investoren wie Pensionskassen sich nicht abschrecken lassen.

Zunächst ist jedoch auch im aktuellen Fonds noch Geld für neue Investments übrig – möglicherweise zu günstigeren Bedingungen als vor die Krise. Dabei wollen Saller und Maier neue Chancen etwa bei Telemedizin nutzen.

Zunächst allerdings dürfte es etwas langsamer gehen – schon allein, weil die Reisebeschränkungen es schwerer machen, neue Gründer zu besuchen. HV mit seinen Büros in München und Berlin intensiviert in der Krise zudem den Kontakt zu bestehenden Portfolio-Unternehmen und hat Geld reserviert, um bei bestehenden Beteiligungen im Notfall Geld nachschießen zu können.

Das politische Engagement ist für Maier dagegen erst einmal passé. In das Präsidium des von ihm vor fünf Jahren mitgegründeten SPD-Wirtschaftsforums hat er sich nicht erneut wählen lassen. Allerdings bleibt der zweifache Vater Sozialdemokrat.

Aus Chinas Technik-Metropole kommt der neue Angriff auf Apple und Samsung

Es war schon fast ein martialischer Anspruch, den der Smartphone-Hersteller OnePlus hegte, als im April 2014 das erste Handy des gerade frisch gegründeten Herstellers aus Chinas Technik-Hochburg Shenzen vorgestellt wurde. Das „OnePlus One“ wurde als der „Flagschiff-Killer“ präsentiert – nicht weniger als der Antichrist für die absoluten Premium-Modelle von Samsung, Apple oder Huawei. Für unter 300 Euro verschleuderte das Unternehmen seine ersten Geräte damals fast, während Apple nur Monate später das iPhone 6 erst ab mindestens 699 Euro ins Rennen schickte.

Seitdem hat sich das Unternehmen, das wie die Marken Oppo oder Vivo zum Konzern BBK Electronics gehört, mit seiner Firmenphilosophie und dem markigen Slogan „Never Settle“, dem Versprechen „niemals stillstehen“ zu wollen, auch in Deutschland eine wachsende Anhängerschaft errungen.

Seit Wochen wurden deshalb im Netz durchgesickerte Informationen zur neuesten Modell-Reihe, dem OnePlus 8 und 8 Pro herumgereicht. Nun wurden die Geräte offiziell vorgestellt. WELT hat eines der wenigen Test-Exemplare bereits zwei Wochen vor der Präsentation erhalten und einem intensiven Dauertest unterzogen.

Herzstück des OnePlus 8 Pro ist zweifelsfrei das Display, das zu den besten Handy-Bildschirmen auf dem Markt gehört. In der Pro-Version ist es 6,78 Zoll groß und löst mit 3168 zu 1440 Pixeln auf. Gepaart mit einer Spitzenhelligkeit von 1300 Nits stellte es bei einer professionellen Vorab-Analyse von DisplayMate insgesamt 13 Rekorde auf oder ein. Genau wie die Rückseite ist der Bildschirm an den Rändern leicht gebogen, was dem Smartphone einen eleganten Look verleiht.

Dreifacher Telezoom mit 48 Megapixeln

Besonders beeindruckend ist die verbaute 120-Hertz-Technologie. Die hohe Bildwiederholungsrate sorgt dafür, dass Texte auch bei sehr schnellem Scrollen absolut flüssig dargestellt werden. Einen flimmernden Bildschirm kennt das OnePlus 8 Pro nicht. Selbst wer schnellstmöglich durch Menüs oder Webseiten streicht, kann weiterhin Textbrocken im Vorbeifliegen lesen.

Das ist nicht nur für die Augen angenehm, sondern erleichtert auch die Navigation, weil so zielsicher an bestimmten Stellen in Menüs gestoppt werden kann. Auch die Farbwiedergabe ist dank HDR10+ erstklassig. Selbst bei langer Benutzung ist der Blick aufs Display weiterhin angenehm. Das gilt auch für den Blaulicht-Filter der nachts oder in dunklen Umgebungen aktiviert werden kann.

Auch sonst sieht das Gerät wirklich edel aus, etwa in der getesteten matt-türkisen Farbvariante, liegt allerdings ohne mitgelieferte Schutzhülle recht unsicher in der Hand. Spaltmaße sind nicht erfühlbar, auch sonst gibt es keine störenden Kanten. Lediglich die Kamera steht etwas zu weit aus dem Gehäuse heraus. Da sie aber genau mittig auf der Rückseite platziert ist, lässt sich das Gerät trotzdem komfortabel bedienen, wenn es etwa auf dem Tisch liegt.

Auch den verbauten Kameras verpasst OnePlus ein Upgrade. Die Hauptkamera mit dreifachem Telezoom löst mit 48 Megapixeln auf, gleiches gilt für die Ultra-Weitwinkelkamera. Eine Farbfilter-Kamera soll zudem der Bildbearbeitung von Instagram und Co. Konkurrenz machen. Auf der Vorderseite ist eine einfache Punchhole-Kamera in der linken, oberen Ecke verbaut. Sie löst mit 16 Megapixeln auf und fängt scharfe und schöne Selfies ein; Weitwinkelaufnahmen sind allerdings nicht möglich. Dass sich OnePlus von der ausfahrbaren Frontkamera des Vorgängers verabschiedet, klingt zwar nach einem Rückschritt, ist aber ein Pluspunkt. Dadurch hat das Display zwar ein winziges „Loch“, allerdings war eine mechanische Ausfahrkamera trotz vieler Tests und Sicherheitsversprechungen noch immer ein Risiko für einen Defekt. Für alle Linsen kommen Sensoren von Sony zum Einsatz.

Arbeit unter Volllast ohne Verzögerung

Die Fotos sehen durchweg sehr hochwertig aus: Die Farben sind knallig und kontrastreich, aber nicht zu bunt. Die optischen Vergrößerungen sind detailreich und scharf. Die „Single Frame 3-HDR“-Technologie sorgt für eine gleichmäßige Belichtung auch bei schwierigen Lichtverhältnissen. Videos werden in besonders scharfer 4K-Auslösung aufgezeichnet.

Die Kameras können allerdings nicht mit dem aktuellen Primus, der Ultra-Variante von Samsungs Galaxy S20 mithalten. Der Konkurrent aus Südkorea liegt preislich zwar einige hundert Euro über dem Spitzenmodell von OnePlus, trotzdem wäre auch beim 8 Pro noch mehr drin gewesen. So schaffen beispielsweise auch ältere Smartphones wie Samsung S10 Plus einen Ultraweitwinkel-Faktor von 0,5, beim optischen Zoom wäre eine fünffache Vergrößerung erstrebenswert gewesen, wie sie dem Huawei P30 Pro gelingt. Trotzdem liefert OnePlus’ Spitzenmodell wirklich ansehnliche Bilder und ist auch als Hosentaschen-Kamera sehr gut geeignet.

Heimlicher Testsieger ist ohnehin auch dieses Mal das Betriebssystem OxygenOS, eine minimalistische Interpretation von Googles Android 10. Die topaktuelle Software läuft so flüssig und intuitiv, dass sie – ganz subjektiv betrachtet – das beste Android-Derivat auf dem Markt ist. Sogar Apple-Nutzer dürften sich angesichts des schlichten Designs und der eingängigen Bedienung sofort heimisch fühlen. Mit dem universellen Dark-Theme können zudem nahezu alle Anwendungen in elegantes Schwarz getaucht werden.

Angetrieben wird das Gerät von einem Qualcomm Snapdragon 865 und bis zu 12 Gigabyte Arbeitsspeicher. In einigen Rankings schnitt diese Wahl zuletzt schlecht ab. Der Vorwurf: Die besonderen Voraussetzungen des Prozessors, etwa ein eigenständiges Modem, würden für langsamere Geräte sorgen. Im Test lässt sich das absolut nicht bestätigen: Das OnePlus 8 Pro arbeitet in Windeseile und ohne Verzögerung. Auch unter Volllast und beim Wechsel zwischen mehreren komplexen Apps sind keine Geschwindigkeitsverluste spürbar.

Auch sonst sind im Geräteinnern die neuesten Standards verbaut, etwa Wi-Fi 6 oder Bluetooth 5.1. Erstmals ist zudem die Pro-Variante IP68-zertifiziert, also offiziell staub- und wasserdicht. Fans der Handys hatten das Fehlen dieses Siegels lange bemängelt. Nur an einer Stelle ist dieser Schritt noch fragwürdig: Denn OnePlus hatte als erster Handy-Hersteller angekündigt, nur noch 5G-fähige Geräte zu produzieren.

Das Ende der „Flagschiff-Killer“-Strategie

Diese können dann ab sofort auch im mobilen Netz der Zukunft mit Gigabyte-Geschwindigkeit surfen, allerdings ist der Netzausbau in Deutschland noch kaum angelaufen. Entsprechende Tarife sind bisher Mangelware – und entsprechend teuer. Und selbst mit entsprechender SIM-Karte stand im Osten Berlins nur bestehendes LTE-Netz zur Verfügung.

Beim Akku wäre sicherlich auch eine höhere Kapazität als die verbauten 4510 Milliamperestunden (mAh) möglich gewesen. Dafür bleibt das Gerät unter der magischen Gewichtsgrenze von 200 Gramm und liegt mit genau 199 Gramm für seine Displaygröße noch angenehm in der Hand. Dafür können die Geräte endlich auch kabellos geladen werden. Dabei punktet die „Wrap Charge“-Technologie für besonders schnelles Laden. In nur 23 Minuten ist der Akku zu 50 Prozent gefüllt, kabellos dauert es eine halbe Stunde. Tatsächlich konnten die Werte im Test bestätigt werden. Das ist konkurrenzlos schnell.

Schlussendlich gilt auch für das OnePlus 8 Pro, was für viele neue Smartphones gilt – die Zeit großer Sprünge und revolutionärer Ideen auf dem Handy-Markt ist vorerst vorbei. Dafür sind die Produktzyklen schlichtweg zu klein. Ein Vorgängermodell war erst vor wenigen Wochen erschienen. Wie innovativ der Konzern aber sein kann, bewies er zuletzt auf der Technikmesse CES in Las Vegas. Beim „Concept One“, einem Handy-Prototyp, verschwinden die Kameras, wenn der Anwender sie nicht benutzt, hinter Glas und sind so nahezu unsichtbar. Das wäre ein echter technischer Fortschritt.

Stattdessen verstößt das Unternehmen mit den neuen Preisen endgültig gegen den eigenen Anspruch des „Flagschiff-Killers“. Kontinuierlich war der Preis bereits in der Vergangenheit gestiegen. Nun geht die Variante mit 12 Gigabyte Arbeitsspeicher und 256 GB Speicher aber erstmals für 999 Euro über die Ladentheke. Das günstigere OnePlus 8 mit 6,55-Zoll-Bildschirm, 90-Hertz-Bildschirmrate, schwächerem Kamera-Set und ohne kabellose Lade-Funktion gibt es hingegen bereits für faire 699 Euro.

Die Preiserhöhung dürfte vor allem durch den Einbau der 5G-Chips erklärbar sein. Das ist zwar technisch fortschrittlich in Deutschland aber noch nahezu unbrauchbar. Wer also ein Gerät der 7er- oder 7T-Serie besitzt, kann sich das Upgrade sparen. Wer hingegen mit einem neuen Smartphone in den Sommer starten will, muss sich definitiv zum Marktstart am 21. April mit dem OnePlus 8 Pro auseinandersetzen. Zwar ist es selbst mittlerweile auch preislich ein echtes „Flagschiff“ – doch gerade deshalb auch umso attraktiver.

„Dramatische Einnahmeverluste“ – Sportvereine kämpfen ums Überleben

Der Corona-Lockdown trifft Amateurvereine schwer. Finanzielle Hilfen fehlen flächendeckend – noch. Ein bundesweiter Notfallfonds könnte Abhilfe schaffen.

Beim TSC Eintracht Dortmund rollt kein Ball über den Rasen, die Hockey- und Lacrosseschläger bleiben im Schrank, ebenso die Turnmatten und die Fechtdegen. Einige Mitarbeiter des mit 7000 aktiven Mitgliedern größten Dortmunder Sportvereins üben sich stattdessen im Videodreh.

Trainer, Vorstandsmitglieder und der Platzwart skizzieren dabei die finanzielle Situation in der Coronakrise: Von den drei tragenden Einnahmesäulen des Vereins sind zwei weggebrochen: die Veranstaltungen und die Kursgebühren. Es bleiben nur noch die Vereinsbeiträge. Hinter dem Video stecken auch ein Appell an die Treue zum Verein und die Bitte an die Mitglieder, die Beiträge weiterzuzahlen – auch, wenn momentan kein Sport stattfindet.

Die Coronakrise trifft nicht nur Profivereine im Fußball, Handball oder Eishockey – auch im Amateurbereich ist die Lage schwierig. Dort sind ausgerechnet solche Vereine gefährdet, die in den vergangenen Jahren ehrgeizige und innovative Konzepte entwickelt haben, mit Investitionen in Festangestellte und eigene Anlagen.

Sie sind wichtige Arbeitgeber, dürfen aber aus vereinsrechtlichen Gründen nur wenig Rücklagen bilden. Jetzt fehlen die Einnahmen aus Sportveranstaltungen, Kursangeboten und Gastronomie. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) fordert deshalb einen Notfallfonds auf Bundesebene, um den Breitensport in Deutschland unbeschadet durch die Krise zu bringen.

„Wir erwarten dramatische Einnahmeverluste der Vereine durch abgesagte Veranstaltungen und fehlende Kurs- und Trainingsgebühren“, sagte Alfons Hörmann, Präsident des DOSB, dem Handelsblatt. Wie hoch diese Verluste bundesweit ausfallen, lässt sich noch nicht beziffern.

Der Bayerische Landessportverband geht auf Grundlage von Daten eines landesweiten Meldesystems von bisher 200 Millionen Euro Einbußen allein in Bayern aus. Hörmann erläuterte, für Vereine stelle sich „zeitnah die Frage der grundsätzlichen Existenz“.

Wie gut Sportvereine die Krise überstehen, hängt vor allem von ihrer Struktur ab. Je mehr laufende Kosten entstehen, die nicht kurzfristig zurückgefahren werden können, desto stärker geraten die Vereine in finanzielle Schwierigkeiten. Ein entscheidender Faktor sind Lohnkosten.

Christoph Breuer, Sportökonom an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln, erklärt: „Ehrenamt macht immun.“ Daher sind kleine Vereine tendenziell besser geschützt als die „Großvereine“ ab 1000 Mitgliedern, die ohne festangestellte Mitarbeiter nicht auskommen.

Zwei Millionen Beschäftigte im Sport

Laut DOSB sind im organisierten Sport in Deutschland etwa zwei Millionen Menschen beschäftigt. Der TSC Eintracht musste als Arbeitgeber von 40 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten Kurzarbeit anmelden. Alexander Kiel, Vorstandsvorsitzender des Vereins, gibt zu: „Ohne dieses Instrument hätten wir sehr große Probleme.“

Ein weiterer Kostenpunkt sind die Anlagen. Viele Kleinvereine mieten das Nutzungsrecht für städtische Sportstätten bei den Kommunen. Dort gibt es bereits Ansätze, die Mietverpflichtungen auszusetzen. Bei vereinseigenen Stätten ist das nicht so einfach. „Wir haben in den letzten fünf Jahren 2,5 Millionen Euro in neue Anlagen investiert und müssen deswegen 22.000 Euro Kapitaldienst im Monat leisten“, sagt Kiel.

Die Investitionen beruhen auf mehr als Unternehmergeist, denn die Vereine sind rechtlich dazu verpflichtet, ihre Einnahmen zeitnah zu reinvestieren, und dürfen nur einen geringen Anteil nicht zweckgebundener Rücklagen bilden. Ein Problem in Zeiten der Coronakrise.

Um die laufenden Kosten zu stemmen, bleiben momentan nur die fixen Mitgliedsbeiträge. Beim TSC Eintracht machen sie etwa die Hälfte der Einnahmen aus. Kiels erster Blick geht daher jeden Tag auf den Stand der Beitragszahlungen. Der Verein bietet den Mitgliedern in der jetzigen Situation eine Reduzierung an. „Wir haben das Glück, dass das in unserer Satzung geregelt ist, andere Vereine beneiden uns darum“, erklärt der Eintracht-Chef.

Denn ist eine Reduzierung der Beiträge laut Satzung nicht vorgesehen, haben Mitglieder nur die Wahl, den vollen Beitrag weiterzuzahlen oder die Mitgliedschaft ganz zu kündigen. Wenn die eigene finanzielle Situation in der Krise nun schwierig ist, wählen sie schneller die Kündigung, als wenn sie die Möglichkeit hätten, einen geringeren Beitrag zu zahlen. Für Vereine ist die Möglichkeit einer Reduzierung der Beiträge also vorteilhaft.

Und je länger der Sportbetrieb ausgesetzt ist, desto größer ist auch die Versuchung für Sportler, ihre Mitgliedschaft ganz zu kündigen.

Viele Vereine setzen daher verstärkt auf ihr wichtigstes Gut: Solidarität. „Amateurvereine haben oft eine hohe Identifikation und Treue“, erklärt Sportökonom Breuer. Eine langjährige Mitgliedschaft im eigenen Sportverein zu kündigen dürfte vielen schwererfallen, als ein Fitnessabo zu beenden.

Doch selbst wenn die Vereinsbeiträge weiter fließen, schätzt DOSB-Präsident Hörmann, würden diese „nur in sehr wenigen Fällen ausreichen, um die Kosten zu decken“. Der TSC Eintracht hat einen Liquiditätsplan bis zum 1. September. „Bis dahin kommen wir mit den Maßnahmen hin, aber das heißt auch nur, dass wir finanziell überleben“, so Kiel. Den Verein wieder so aufzustellen wie vor der Krise könnte zwei oder auch drei Jahre dauern, fürchtet er.

Unterschiedliche Fördermöglichkeiten

Welche Fördergelder Vereinen zustehen, ist je nach Bundesland verschieden. In Nordrhein-Westfalen können Vereine beispielsweise mit wirtschaftlichem Geschäftsbetrieb Soforthilfen zwischen 9000 und 25.000 Euro beantragen. In Berlin arbeitet der Senat mit dem Landessportbund zusammen, um „die finanzielle Bedarfslage der Sportvereine einschätzen zu können“. Auch Bayern prüft finanzielle Hilfen für Sportvereine.

Der DOSB fordert zusätzlich einen bundesweiten Notfallfonds für den gemeinnützigen Sport in Deutschland und hat ein eigenes Solidarpaket in Höhe von einer Million Euro aufgelegt. Der Betrag solle durch Spenden weiter aufgestockt werden, so DOSB-Präsident Hörmann.

Auch die Vereine selbst hoffen auf zusätzliche Zuwendungen. „Bisher sind Sportvereine Spendenaktionen nicht systematisch angegangen“, sagt Sportökonom Breuer. Das könnte sich mit der finanziellen Notlage jetzt ändern. „Wir haben bisher etwa 20 Spendenzusagen“, sagt etwa Kiel vom TSC Eintracht.

Der DOSB macht sich trotzdem Sorgen, dass die Coronakrise die „Vielfalt von Sportdeutschland“ gefährden könnte. Sportökonom Breuer ist optimistischer: „Ich bin zuversichtlich, dass die Vereine einen Weg aus der Krise finden werden.“

Und auch Kiel vom TSC Eintracht Dortmund versucht, die Dinge positiv zu sehen: „Der Verein ist jetzt 172 Jahre alt, der hat in seiner Geschichte schon ganz andere Krisen überstanden.“

Medien in der Corona-Krise: Mehr Reichweite, weniger Werbung

Manche Erwartungen werden von der Realität in Corona-Zeiten schneller überholt als man Filme und Serien streamen kann. Das erlebt derzeit der Disney-Konzern. Eigentlich hatte der US-Entertainmentriese mit seinen Blockbuster-Inhalten von „Star Wars“ über Marvel-Comicverfilmungen bis hin zu den „Simpsons“ das Ziel ausgegeben, innerhalb von vier Jahren 60 Millionen Abonnenten für seinen Streamingdienst Disney+ zu gewinnen. Konkurrent Netflix hat über zehn Jahre benötigt, um auf seine 160 Millionen Abonnenten zu kommen.

Doch das von Disney ausgegebene Ziel erweist sich als deutlich zu tief gegriffen. Bereits fünf Monate nach dem Start in den USA im November 2019 hat Disney+ die Marke von 50 Millionen Kunden übersprungen. In der Mitteilung von Disney wird zwar nicht direkt auf die Corona-Pandemie eingegangen, ein Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach Ablenkung in diesen schweren Zeiten und den starken Zuwachszahlen von Disney+ ist jedoch sehr wahrscheinlich.

In Europa ist Disney+ erst am 24. März gestartet. Das Tempo ist überwältigend. Anfang Februar hatte Disney 28 Millionen Abonnenten vermeldet, seither haben sich die Zahlen annähernd verdoppelt. „Wir sind überwältigt, dass Disney + bei Millionen Menschen auf der ganzen Welt Anklang findet, und glauben, dass dies ein gutes Zeichen für unsere weitere Expansion in ganz Westeuropa und nach Japan und ganz Lateinamerika im Laufe dieses Jahres ist“, sagte Kevin Mayer, Vorsitzender der Disney-Consumersparte. Anders als Netflix muss der Konzern stark rückläufige Einnahmen aus dem Einbruch des Kinomarktes verdauen.

Die Mediennutzung nimmt derzeit über alle Gattungen hinweg gleichermaßen extrem zu. Die TV-Sehdauer stieg im März innerhalb eines Monats um 18 Minuten oder 7,9 Prozent auf 244 Minuten. Besonders stark fiel die Zunahme in der Gruppe der 14- bis 19-Jährigen aus, hier stieg die Fernsehnutzung sogar um 15,2 Prozent. „Vor allem jüngere Zielgruppen kehren auf der Suche nach qualitativ hochwertiger Information zum linearen Fernsehen zurück“, schlussfolgert die AGF Videoforschung.

Suche nach verlässlichen Medien

Diese Suche nach verlässlichen Informationen in der Corona-Krise, aber auch nach Ablenkung macht sich darum auch besonders stark bei den gedruckten Medien und ihren Online-Auftritten bemerkbar. Eine Zwischenauswertung der Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (agma) ergibt signifikante Zuwächse in den vergangenen 30 Tagen. Demnach kommen Tageszeitungen auf eine um zehn Prozent höhere Reichweite. Kaufzeitungen steigern ihre Reichweite um 13 und regionale Abo-Zeitungen um elf Prozent. Bei Publikumszeitschriften liegt die Zunahme sogar bei 25 Prozent.

Diese an sich schon beachtlichen Daten werden von den Abrufzahlen im Internet jedoch nochmals übertroffen. Die durch Werbeeinnahmen finanzierten Informations-Portale erreichen im März einen neuen Höchststand von über elf Milliarden Visits. Gegenüber dem Rekordmonat Februar entspricht das einer nochmaligen Steigerung von 31 Prozent, wie die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern mitteilt. Den gestiegenen Nutzungszahlen stehen allerdings massive Einbrüche bei den Werbebuchungen gegenüber – sowohl im Print als auch Online.

Im Fokus des Interesses liegen erwartungsgemäß die Nachrichten-Bereiche der Angebote – aber auch Gesundheitsthemen sowie Seiten zu Essen und Trinken. Deutlich weniger gefragt sind hingegen Inhalte zu Reise und Touristik, Sport und auch Erotik.

Breitbart ist wieder da

Ausgerechnet an den Iden des März löschte Facebook echte Nachrichten. Wer nämlich Mitte des vergangenen Monats Artikel aus Qualitätsmedien zum Coronavirus auf Facebook hochlud, erhielt eine Mitteilung, der Post verstoße gegen die Community-Standards in Sachen Spam – und daher sei er für andere unsichtbar.

Schnell wurde es in sozialen Netzwerken laut, allerlei Mutmaßungen schossen ins Kraut: Sollte Facebook nicht mehr nur Nährboden für Fake-News, sondern aktiver Zensor echter Information sein? Womöglich im Einklang mit der abwiegelnden Informationspolitik der Administration von US-Präsident Donald Trump zu Covid-19? Oder war Facebooks Content-Moderation ausgefallen, da die Sachbearbeiter Corona-halber nach Hause geschickt wurden?

Der Aufschrei war von kurzer Dauer. Guy Rosen, Vizepräsident für Integrität bei Facebook, machte via Twitter eine Fehlfunktion im automatisierten Anti-Spam-System des sozialen Netzwerkes für die Zensur verantwortlich und versprach die Wiederherstellung aller betroffenen Posts. Auch wenn Facebook in diesem Fall wohl nicht als Zensor unterwegs war, zeigt die Episode doch, wie sensibel die Öffentlichkeit auf den Umgang des Social-Media-Giganten mit News reagiert. Dass Fake-News nach wie vor die Gemüter erhitzt, liegt dabei auch am Gebaren von Facebook selbst.

Mehr Likes als die etablierten Medien zusammen

Schön zeigt dies das Beispiel des wundersam wiedererstarkten Mediums Breitbart. Vor gut zwei Jahren bereits totgesagt, hat sich das Rechtsaussen-Medium vom Leserschwund ebenso erstaunlich erholt wie von Werbeboykotten. Und Facebook spielt bei der Wiederauferstehung eine wichtige Rolle.

Wir erinnern uns: Breitbart und dessen Mitgründer Steve Bannon wurden für den Wahlsieg Donald Trumps in Sippenhaft genommen, und so hagelte es Kritik auf die Online-Site, die von der milliardenschweren Mercer-Familie mitfinanziert wird (oder: wurde, siehe weiter unten).

Die Schelte richtete sich nicht nur gegen redaktionelle Inhalte. Kritisiert wurde auch die Verbrüderung einiger Breitbart-Aushängeschilder mit rechtsextremen weißen Nationalisten oder die Parteinahme des Mediums für den der Pädophilie bezichtigten Roy Moore, einen Trump-freundlichen Kandidaten der Republikaner für das Senatorenamt im Staate Alabama.

In der Folge ließen Werbekunden die heiße Breitbart-Kartoffel reihenweise fallen, auch die Online-Besucherzahlen brachen ein. Im vergangenen Frühjahr wies Breitbart noch knapp ein Drittel der ursprünglich über 15 Millionen «unique visitors» aus, die im Januar 2017 gezählt wurden. Breitbart, so schien es, war am Ende.

Das war wohl etwas voreilig: Breitbart ist nach wie vor am Leben, erfreut sich auf Facebook gar neuer Popularität. Gemäß «Vice»-Magazin und Daten des Medienmarktforschers Crowdtangle übertraf Breitbarts Facebook-Auftritt während des Amtsenthebungsverfahrens gegen Donald Trump den Online-Auftritt des Fernsehsenders CNN während dreier Monate in Folge.

Breitbart, so «Vice», erzielte in jener Zeit auf Facebook mehr Likes, Kommentare und Shares seiner Artikel als die «New York Times», die «Washington Post», das «Wall Street Journal» und «USA Today» zusammen. 57,8 Millionen Breitbart-Interaktionen stehen 42,6 Millionen der arrivierten Medien gegenüber.

Zuckerbergs PR-Coup

Man mag dem Vergleich – zu Recht – entgegenhalten, dass die Leitmedien viel mehr Interaktionen auf ihren eigenen Websites generieren, wo sie Besuche in Werbegeld ummünzen. Vor Breitbart scheuen grosse Anzeigenkunden dagegen nach wie vor zurück – Bannerwerbung auf der Seite ist dominiert von Komitees zur Wiederwahl Donald Trumps, daneben inserieren kleinere lokale Gesundheits- und Versicherungsanbieter. Aber gerade deshalb ist Breitbarts Facebook-Auftritt relevant: Während Breitbarts Website nach wie vor rund 5 Millionen individuelle Besuche verzeichnet, sind es auf Facebook massiv mehr. Was bringt Breitbart der erhöhte Traffic auf Facebook?

Seit vergangenem Herbst vermutlich eine ganze Menge. Denn am 25. Oktober 2019 kündigte der Facebook-Boss Mark Zuckerberg das Unternehmensexperiment «Facebook News» an. Facebook News ist ein zusätzlicher Content-Tab in der mobilen Applikation von Facebook, in dem die Nutzer Qualitätsprodukte von arrivierten Medien lesen können.

Verleger von Medienprodukten schalten ihre Artikel für Interessierte auf Facebook frei – im Gegenzug gibt es dafür Entschädigungen von Facebook. Mit Facebook News landete Facebook zudem einen PR-Coup. Indem sich der Social-Media-Gigant als Gönner vertrauenswürdiger Medientitel geriert, unterstützt er nicht nur die krisengeplagte freie Presse. Auch Facebooks Inhalte gewinnen an Glaubwürdigkeit. Diese hatte im Zuge von Fake-News aus russischen Propagandafabriken und irreführender Werbung von politischen Akteuren arg gelitten.

Die Sache hat nur einen Haken: Auf der Liste von Medientiteln, die für faire Berichterstattung stehen (mittlerweile sind es laut Facebook über 600), steht auch Breitbart. Dass Breitbart publizistisch eine klar einseitige, politische Linie fährt, ist allgemein anerkannt.

Dass das Medium dabei unbestätigte, aufrührerische Inhalte hochkocht, deren Stichhaltigkeit nicht belegt ist und sich oft gegen Minoritäten wie Immigranten richtet, ebenfalls. Eine Stichprobe in der Corona-Ära belegt dies klar. So berichtete Breitbart über rätselhafte Todesfälle unter äthiopischen Nomaden, die mit dem Zustrom chinesischer Ölarbeiter zusammenhängen sollen. Die Geschichte ist weder statistisch noch epidemiologisch wasserdicht.

Dafür spielt sie klar in die Hände von Akteuren, die Covid-19 als «China-Virus» oder «Kung-Flu» bezeichnen, um eine ethnische Assoziation herzustellen und politische Vorwürfe an China zu richten. Wegen solcher Schlagseiten lässt etwa Wikipedia keine Breitbart-Zitate zu. Proteste gegen die Aufnahme von Breitbart in Facebook News wischte Zuckerberg persönlich mit der Bemerkung weg, Facebook strebe publizistische Zuverlässigkeit durch «Standpunktdiversität» an. Sprich, man wolle «Inhalte aufnehmen, die unterschiedliche Perspektiven wiedergeben».

Damit ramponierte Zuckerberg nicht nur die Vertrauenswürdigkeit von Facebook News. Er legitimierte auch Fake-News à la Breitbart, und möglicherweise warf er dem darbenden Portal sogar einen finanziellen Rettungsring zu. Denn gemäss Medienberichten zahlt Facebook kooperierenden Verlegern in mehrjährigen Deals bis zu 3 Millionen Dollar pro Jahr. Für ein relativ kleines Online-Unternehmen wie Breitbart, das sich einst gemäß übereinstimmenden Berichten zur Hauptsache von Spenden der Familie des Tech-Milliardärs Robert Mercer in der Höhe von 10 Millionen Dollar finanziert hat, könnte das eine überlebenswichtige Einkommensquelle sein.

Die tatsächliche Lage von Breitbart ist unklar. Die Messung der Besucherzahlen ist keine exakte Wissenschaft. Während Comscore von 5 Millionen Besuchen ausgeht, beruft sich Breitbart selbst auf das Metrik-Unternehmen Alexa – und behauptet, man verzeichne nach wie vor «ungefähr» 25 Millionen Einzelbesuche in den USA (Stand 1. Februar 2018).

Schimpf und Schande für die Opposition

Wie es um die Werbeeinnahmen steht, ist Betriebsgeheimnis. Auch kommunizierte das Unternehmen nie, ob die Mercers als Hauptgönner ersetzt worden oder überhaupt zurückgetreten waren. Der Chefredaktor Alex Marlow brachte gegenüber «Vice» seine Zufriedenheit mit dem Facebook-News-Auftritt seiner Publikation zum Ausdruck. Allerdings gab er auch zu Protokoll, er wisse nicht, ob Breitbart schwarze Zahlen schreibe.

Plausibel indes scheint, dass Breitbart auch weiterhin eine zentrale Rolle in der Welt politischer Medien und Kampagnen spielen wird. Totgesagte leben länger, die Nachricht vom Ableben des Alt-Right-Magazins im Internet war verfrüht. Gut möglich, dass Breitbart dank seiner enormen Reichweite auf Facebook nicht nur seine eigene Existenz gerettet, sondern seinen Einfluss als rechtslastige Polit-Stimme und Quelle möglicher Fake-News weiter auszubauen vermocht hat.

Ein Blick auf Breitbarts Facebook-Auftritt in Zeiten von Corona bestätigt das. Am letzten Tag im März publizierte das Medium dort Artikel im Viertelstundentakt: Lobhudeleien auf Leute aus dem Dunstkreis der Trump-Administration, von Minister Ben Carson bis zum Präsidenten persönlich, dazu Schimpf und Schande für die Opposition, von den Gebrüdern Cuomo bis zu Vertretern der «Hollywood-Elite» wie dem Filmemacher Judd Apatow. Und jeder Post erhält Hunderte von Kommentaren, Tausende von Interaktionen. Breitbart blüht.

Die Diskussion um tendenziöse Berichterstattung und politische Meinungsmache durch verzerrte Nachrichten wird so schnell nicht abebben – auch dank Facebook.

Journalismus in der Krise: die fünf Defizite der Corona-Berichterstattung

Wir werden sie nie vergessen: Die Särge von Bergamo sind die Bildikone der Corona-Krise. Das Bild signalisierte uns tagelang in den Nachrichten, dass alles getan werden muss, um das Virus zu bekämpfen. Es sind die Ikonen, die sich in komplexen Krisen häufig als Bilder des Todes tief in die Diskurse der Gesellschaft eingraben. So prägte das Flugzeug in den Türmen der World Trade Center mindestens ein Jahrzehnt lang den Kampf gegen den Terrorismus und der tote Junge Aylan Kurdi am türkischen Strand symbolisierte die Flüchtlingskrise. Der Journalismus muss jedoch mehr leisten als die Reduktion von Komplexität in Form von Ikonen.

Omnipräsente Corona-Krise

Die omnipräsente Corona-Krise ist ein Beispiel dafür, wie zumindest in den Anfängen die journalistische Berichterstattung über wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Entscheidungen von fast ängstlicher Zurückhaltung dominiert war, was dazu führte, dass nicht vielfältige Recherche, kritische Distanz und Diskurs den Journalismus prägten. Es waren vielmehr die Verlautbarungen “starker Anführer” und die Rufe nach noch mehr und schnelleren drakonischen Einschränkungen unserer Grundrechte, wie wir sie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr erlebt haben. Mit dieser fast gespenstisch einheitlichen Berichterstattung gewannen Politik und Medien das Vertrauen der Bevölkerung: In einer Umfrage in Deutschland vor zwei Wochen waren 88 Prozent der Befragten mit dem Maßnahmenkatalog einverstanden. #FlattenTheCurve war bisher erfolgreich, die Spitäler und Kliniken in der Schweiz und in Deutschland wurden bislang vor einem Kollaps bewahrt.

Aber wurden und werden wir in dieser Krise tatsächlich hochwertig informiert? Was sind überhaupt ethische und qualitative Maßstäbe für Journalismus in Zeiten großer Unsicherheit, unbekannter Gefahren und unabsehbarer Ausgänge? Wenn die Krise abklingt, wird eine Menge aufzuarbeiten sein. So wird es sicherlich Dutzende von empirischen Studien der internationalen Journalismusforschung geben. Dennoch wollen wir bereits nach gut einem Monat für eine erste grobe Analyse der Berichterstattung innehalten. Wir richten den Blick insbesondere auf Deutschland und die Schweiz.

Uns geht es darum, kritische Denkanstöße zu geben, weil wir denken, dass gerade jetzt im Auge des Orkans ein Blick auf den Journalismus von außen wichtig ist. Unter schwierigen Bedingungen und großem Druck fehlt auch in Redaktionen oft die Zeit für Selbstreflexion. Wir sind genauso wie so viele Menschen jetzt dankbar für die enorme Leistung der Journalistinnen und Journalisten, die fast alle ihre Sendungen und Ausgaben in Telefon- und Videokonferenzen planen und aus der Küche, dem Wohn- oder Schlafzimmer heraus recherchieren und produzieren – mit allen Herausforderungen im persönlichen Umfeld und bei gleichzeitiger Furcht um ihre Arbeitsplätze und die Überlebensfähigkeit ihrer Unternehmen.

1. Die Systemrelevanz des Journalismus
Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig glaubwürdiger Journalismus in Zeiten ist, in denen große Unsicherheit und ein hohes Informationsbedürfnis herrschen. Sprunghafte Zugriffszahlen auf digitale Angebote, neue Aboabschlüsse von Plus-Angeboten der Zeitungsverlage und schwindelerregende Quoten der Nachrichten und Sondersendungen im Fernsehen sowie im totgesagten Radio belegen, dass der Informationshunger der Menschen riesig ist, welche nach aktuellen Zahlen, Informationen und Einordnungen suchen. Sie wenden sich in großer Breite journalistischen Medien zu und teilen auch auf sozialen Plattformen besonders häufig Medienbeiträge.
Die Regierungen mehrerer Bundesländer haben in Deutschland Journalisten seit Ausbruch der Coronavirus-Krise als “systemrelevant” eingestuft, neben Care-Berufen wie Rettungskräften und Supermarktangestellten. Auch in der Schweiz wird der Begriff plötzlich salonfähig. Die Journalismusforschung, Berufsverbände und viele andere weisen seit Langem darauf hin, dass kritischer und unabhängiger Journalismus systemrelevant für die Demokratie und eine offene Gesellschaft ist. Dass er jetzt in der Corona-Krise auf dieselbe Stufe gehoben wird wie Gesundheitsberufe, darauf sollten wir auch nach dieser Krise noch zurückkommen, wenn es darum geht, wie wir als Gesellschaft einen unabhängigen Journalismus auch finanziell langfristig ermöglichen können oder gegen Angriffe von demokratiefeindlichen Gruppierungen schützen.
Dass gerade jetzt, wo Journalismus so dringend nötig ist, manche Verlage und Redaktionen trotz Mehrarbeit in die Kurzarbeit rutschen und freie Journalisten in Existenznöte geraten, ist kein gutes Zeichen. Die Corona-Krise zeigt eben auch mit voller Wucht, wie schwach das Immunsystem derjenigen Medien ist, welche sich teilweise oder sogar vollständig über Werbegelder finanzieren. Und schmerzhaft müssen wir zu Kenntnis nehmen, dass sich Systemrelevanz offenbar nicht auf dem Werbemarkt allein sichern lässt.
2. Güterabwägung zwischen Pflicht- und Verantwortungsethik
Wie kann man begründen, welche Berichterstattung jetzt hochwertig und angemessen ist – und wo sie verbessert werden kann? Wir erleben wie unterm Brennglas jetzt sehr deutlich, vor welchen Herausforderungen Journalismus häufig steht: Journalistinnen und Journalisten müssen eine Güterabwägung zwischen zwei Polen vollziehen. Zwischen einerseits einer Pflichtethik, die von ihnen kritische Distanz, aufdeckende Recherche und einen vielfältigen Diskurs verlangt – und andererseits einer Verantwortungsethik, welche die Folgen des journalistischen Handelns und der Berichterstattung berücksichtigt. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich auch die journalistischen Entscheidungen in der Corona-Krise:
  • Der eine Pol, nach dem sich Journalismus richten sollte, gründet auf der Pflichtethik nach Immanuel Kant: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde”, heißt es in seinem Kategorischen Imperativ. Moralisch akzeptable Handlungen sind demnach nicht situationsabhängig, sondern orientieren sich an Werten, die immer gelten und die als Maximen nicht verhandelbar sind. Journalisten in einer offenen demokratischen Gesellschaft kommt demnach die Pflicht zu, immer und uneingeschränkt Aussagen und Fakten zu prüfen, politische Hinterzimmer-Entscheidungen ans Tageslicht zu bringen, Mächtige zu kontrollieren, investigativ zu recherchieren und vielfältige Perspektiven in öffentliche Diskurse einzuschleusen.
  • Der andere Pol, der auch eine Basis zur ethischen Rechtfertigung journalistischen Handelns ist, entspringt dem Konzept der so genannten Verantwortungsethik, die sich an den Folgen einer Handlung orientiert. Diese Art der ethischen Begründung kennt der Pressekodex zum Beispiel beim Opferschutz, beim Schutz religiöser Gefühle, beim Persönlichkeitsschutz oder der Berichterstattung über Suizide. Nicht alles, was recherchiert werden könnte, nicht alle Perspektiven sollen aus Rücksicht auf mögliche Folgen veröffentlicht werden.

Maßstab für das alltägliche redaktionelle Entscheiden muss immer die Verhältnismäßigkeit sein: Ein rein pflichtethisch orientierter Journalismus schert sich nicht um die Folgen (und unbeabsichtigte Nebenfolgen) – und Journalisten, die ausschließlich nach der Verantwortungsethik handeln, laufen Gefahr, in einen Gefälligkeitsjournalismus oder in Hofberichterstattung abzudriften, wenn sie der Öffentlichkeit keine Konflikte zutrauen und deshalb Tabus schaffen.

Was heißt das jetzt für den Corona-Journalismus?
Nach unseren Beobachtungen fühlte sich der Journalismus in Deutschland und in der Schweiz in den ersten Märzwochen der Verantwortungsethik verpflichtet. Die Medien berichteten weitgehend ohne Distanz im Einklang mit der Kommunikation des Bundes und der Bundesländer. Sie transportierten eher kritiklos und kaum mit eigenen Recherchen flankiert die Analysen und Forderungen weniger dominanter Virologen und die Entscheidungen der Regierungen. In Deutschland wurde die Wegnahme grundlegender Freiheitsrechte in journalistischen Kommentaren größtenteils gefeiert oder sogar noch mehr davon gefordert.

Aber auch in der direkten Demokratie der Schweiz gab es bei Eintritt des Notrechts durch die Landesregierung kritische Einwürfe eher selten. Auch die grundsätzliche Vielfalt und Unsicherheit wissenschaftlicher Einschätzungen wurde nur wenig thematisiert. Die Fragen, ob die Maßnahmen als Ganzes oder im Detail verhältnismäßig und zielführend oder übertrieben und widersprüchlich sind, wurden allenfalls hinter vorgehaltener Hand gestellt. Die Zurückhaltung lässt sich wohl damit erklären, dass die Journalistinnen und Journalisten bei ihren verantwortungsethischen Erwägungen die möglichen Folgen einer allzu kritischen Berichterstattung stark gewichteten. In dieser höchst undurchsichtigen Phase sollten irritierende Vielfalt und Kritik nicht noch mehr zur Verunsicherung beitragen oder das Virus verharmlosen.
Die eher unkritische Berichterstattung in den ersten Märzwochen kann man also verantwortungsethisch durchaus für angebracht halten. Es ging ja primär darum, angesichts der Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus in kurzer Zeit einen Kollaps des Gesundheitssystems zu vermeiden.
Lokaljournalismus bietet einen Teil der Vielfalt
Aber spätestens ab dem zweiten Märzwochenende, als sich in Deutschland einige Ministerpräsidenten mit drakonischen Maßnahmen überboten, und noch vielmehr in den gut zwei Wochen danach, hätten wir vom Journalismus erwarten können, auch unangenehmeren Fragen nachzugehen – und damit ihren Pflichten wieder nachzukommen. Wir denken da beispielsweise an die Frage, inwiefern die Anti-Corona-Maßnahmen im Einzelnen tatsächlich verhältnismäßig sind. Was antwortet man denen, die vermuten, dass die in Wirtschaft und Gesellschaft, Kultur und Familien durch die pauschalen Maßnahmen angerichteten Schäden längerfristig zu mehr ebenfalls ernsthaft Geschädigten führen als die direkt durch das Virus verursachten Opfer?
Die ersten Ansätze von Vielfalt kamen in Deutschland ab Mitte März durch die Redaktionen von Printmedien: teilweise angetrieben durch Gastbeiträge von und Interviews mit Staatsrechtlern, Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Ende März schwappte der offene Diskurs auch ein wenig ins Fernsehen: Die Sondersendungen und Talkshows wurden zum Teil etwas vielfältiger, sowohl was die Bandbreite der Fragestellungen als auch die der wissenschaftlichen Einordnungen betrifft. Erstaunlicherweise fand sich im oft so verschmähten Lokaljournalismus zumindest ein Teil der Vielfalt, die in den nationalen Medien fehlte: das Nachfragen bei lokalen Gesundheitsberufen und in regionalen Kliniken ebenso wie Geschichten über die Probleme und Nebenwirkungen dieses Shutdowns für die Menschen – für Unternehmer, Selbstständige, Künstler, Sportler, Schüler, Lehrer, Eltern, die Auswirkungen auf psychisch Kranke, Behinderte oder Familien in problematischen Verhältnissen.
Auch in der Schweiz ließen sich nach anfänglicher Zurückhaltung ab Mitte März vielfältige und durchaus auch kritische Zugänge sehen. Themen wie beispielsweise die riskanten Zustände in Heimen, Flüchtlingszentren oder auf Baustellen wurden aufgegriffen. Nebenwirkungen der politischen Entscheide wie eine drohende Zunahme häuslicher Gewalt, unverhältnismäßige Maßnahmen oder ungenügende Wirtschaftshilfen wurden thematisiert und Datenjournalisten zogen sämtliche Register, um den Verlauf der Entwicklung auf Basis von Zahlen zu visualisieren.
Fünf Defizite, die es zu beheben gilt
Wir befinden uns spätestens seit Anfang April mitten in einer Phase, in der Journalismus zu seiner Pflicht zurückkehren und mehr Eigenkompetenz, Distanz, Recherche und Vielfalt zeigen muss. Wir haben fünf Defizite ausgemacht, an deren Behebung in beiden Ländern einige Redaktionen schon länger arbeiten als andere, denen aber noch mehr begegnet werden kann:
(1) Der Umgang mit Zahlen: Datenjournalistische Formate und interaktive Grafiken, die Zahlen zur Pandemie darstellen, sind optimal nutzerorientiert aufbereitet – und sie interessieren viele Nutzer auch stark. Aber das führt dazu, dass man diese Zahlen wie Tabellenstände im Sport miteinander vergleicht: Sind wir jetzt schon wie Italien oder Spanien? Wie schneiden die USA ab? Wie stehen die Bundesländer und Landkreise in Deutschland da? Wer überholt wen? Diese Zahlenfixierung erinnert an die sogenannte Horse-Race-Berichterstattung, wobei die Pferde auf ganz unterschiedlichen Rennstrecken unter unterschiedlichen Bedingungen davon galoppieren. Die Zahlen werden für bare Münze in Echtzeit genommen. Aber auch wenn die Zahlen bei wissenschaftlichen Institutionen abgegriffen sind, können sie gar nicht das leisten, was man von ihnen erwartet: nämlich ein getreues Abbild der Wirklichkeit. Diese Zahlen erzählen die Geschichte nur einseitig, schmal und mitunter auch schief. Wenn es zum Beispiel heißt: “Zahl der Infizierten” – dann stimmt das nicht. Es ist die Zahl der bis dahin statistisch erfassten positiven Tests. Die Zahl der positiv Getesteten international zu vergleichen, ergibt gar keinen Sinn. Es gibt Länder, wo nur diejenigen getestet werden, die in die Klinik eingeliefert werden, in Deutschland und in der Schweiz wird dagegen vergleichsweise breit getestet, in anderen Ländern noch breiter. Auch der tägliche oder gar stündliche landesweite Vergleich hinkt: In manchen Regionen dauern die Tests zwei Tage, in anderen fünf bis zehn Tage.
Bei der Zahl der Corona-Toten müsste unterschieden werden zwischen Menschen, die an Corona gestorben sind, und Menschen, die an etwas anderem gestorben sind, bei denen das Virus aber auch nachweisbar war. Medizinisch ist das nicht immer möglich und es wird national nicht statistisch erhoben – aber in der Zahlenberichterstattung wird dieses Problem nicht angesprochen. Man sollte immer wieder darauf hinweisen, welchen Hintergrund und welche Schwächen diese Zahlen haben. Journalisten sollten diese Zahlenfixiertheit hinterfragen und die Gültigkeit der Zahlen relativieren. Das ist natürlich eine Herausforderung für Datenjournalisten, weil sie ja zugeben müssten, dass ihre sehr attraktiven Grafiken auf wackeligen Beinen stehen. Manche haben allmählich den Mut, das zu tun, aber nicht überall ist das bisher sichtbar.
(2) Strukturen statt Einzelfälle: Über die genannten Zahlen hinaus heben die Routinen vor allem des Nachrichtenjournalismus bei Krisen, Konflikten und Katastrophen schon immer den schwerwiegenden Einzelfall hervor, der oft mit Kriegsrhetorik vorgetragen wird. Einordnender Kontext und Gesamtstrukturen sind in kurzer Zeit nur schwer zu recherchieren und sorgen kaum für Aufmerksamkeit. Diese Routinen laufen aber Gefahr, den dramatischen Einzelfall zu pauschalisieren und damit Angst und Panik zu verursachen. Beispiele in der Corona-Krise sind Berichte über Hamsterkäufe oder über einzelne überlastete Kliniken. Dass in Deutschland aber alleine in 975 erfassten Kliniken noch 9.000 Intensivbetten frei sind und ebenso viele in 24 Stunden neu belegt werden können, wird kaum thematisiert – bei etwa 2100 Corona-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung (Zahlen nach Angaben des Robert Koch-Instituts vom 2. April auf Basis des Intensivregisters; neuere und vollständigere Zahlen gibt es erst wieder ab dem Osterwochenende). Fallbeispiele sind im Journalismus wichtig, um Abstraktes zu veranschaulichen und die Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken – aber die Fälle sollten möglichst das Gesamtbild verdeutlichen und nicht verzerren.
(3) Transparente Berichterstattung: Was die Bevölkerung über dieses Virus, seine Gefährlichkeit und die Wirkungen und Nebenfolgen der behördlichen Maßnahmen weiß, weiß sie fast ausschließlich über die Medien. Wieder wird wie durch ein Brennglas jetzt deutlich, wie die durch Journalismus konstruierte Medienrealität die demokratische Gesellschaft und das Leben im Alltag beeinflusst. Es wäre gerade jetzt wichtig, dass der Journalismus seine eigene Rolle in dieser Krise thematisiert und transparent über die Bedingungen, Routinen und Grenzen der Berichterstattung aufklärt. Transparenz ist zu einem zentralen Qualitätsfaktor der digitalen Medienwelt geworden, ist aber gerade jetzt unter die Räder der Routinen gekommen. Die Frage zum Beispiel, warum Redaktionen so berichten, wie sie berichten, und nicht anders, was sie warum unterlassen, erfährt das Publikum selten. Sowohl in Deutschland wie in der Schweiz lassen sich Beispiele finden, wie sich der Medienjournalismus zurzeit eher auf die Darstellung der journalistischen Arbeit im Homeoffice oder der Einsamkeit im Newsroom konzentriert (vgl. NRD Zapp vom 1. April): Es bräuchte mehr Aufklärung statt vor allem Nabelschau.
Und es gäbe so vieles zu thematisieren. In Bayern und im Tessin dürfen an Pressekonferenzen der Landesregierungen keine Journalisten mehr teilnehmen, nur Kameraleute für die Livestreams. Journalisten müssen Fragen per Mail an die Regierungssprecher einreichen – ohne Nachfragemöglichkeit, wenn die Frage nicht ausreichend beantwortet wurde. Das wurde zwischen Staatskanzlei und Landtagspresse so ausgehandelt und öffentlich einfach so hingenommen. Es gab dazu weder von der Landtagspresse noch von den Journalistenverbänden eine öffentliche Debatte, geschweige denn einen Aufschrei. Ob dem Publikum bewusst ist, dass sich die Pressekonferenzen zu Verkündigungs-Livestreams gewandelt haben – mit Journalisten als leicht zu verzichtende Staffage?
(4) Vielfältige Auseinandersetzung: Dass weitreichende politische Entscheidungen mit Eingriffen in die Grundrechte zwischen einzelnen Experten und der Exekutive im Hinterzimmer verhandelt und anschließend an die Bevölkerung distanzlos vermittelt werden, sollte die absolute Ausnahme in der Demokratie sein – und darf sich auch in den nächsten Tagen und Wochen nicht fortsetzen. In einer distanzierten Debatte müssen spätestens jetzt weitreichende Fragen gestellt und recherchiert werden. In der Schweiz dürften wir eine viel stärkere kritische Auseinandersetzung mit dem eingesetzten Notrecht erwarten. Einige Beispiele: Wie lange kann der Bundesrat nun ohne parlamentarische Debatte radikale und weitreichende Entscheide fällen? Was bedeutet dies für den demokratischen Prozess, wenn Milizparlamentarier Homeoffice machen und beispielsweise grüne Volksvertreter nur noch zuschauen können, wie darüber entschieden wird, ob und wie Luftfahrtgesellschaften Finanzspritzen erhalten? Wenn die Exekutive dominiert und die parlamentarische Debatte verstummt, muss der Journalismus besonders wachsam sein. Die Prüfung von Exekutivvoten in Zeiten des Notrechts ist nicht einfach ein weiteres Thema, das man auch mal bringen kann; es ist Pflicht.
Auch für den Katastrophenfall in Deutschland stellen sich weitreichende Fragen. Vor allem war eine offene und vielfältige Debatte über mögliche Exit-Strategien für lange Zeit weitgehend tabuisiert – und viele Medien vermeiden das Thema auch jetzt noch: Wann kehren wir wieder zur Normalität zurück und wovon machen wir das abhängig? Nur von den Fallzahlen? Auch vom Ausmaß der Nebenwirkungen sozialer Isolation? Oder nur von der Zahl der zur Verfügung stehenden Masken, wie es in den letzten Tagen den Anschein hatte? Wie könnte ein schrittweiser Exit aussehen? Diese Fragen müssten gestellt werden, und wir denken, wenn sie seriös recherchiert und nicht sensationalistisch dargestellt werden, tragen sie nicht nur zur Aufklärung mündiger Bürger, sondern auch zur konstruktiven Orientierung bei. Verfassungsrechtler verweisen darauf, dass Eingriffe in die Grundrechte ernsthaft öffentlich diskutiert werden müssen und nicht die drakonischste Maßnahme das Mittel der Wahl ist, sondern das mildest mögliche Mittel. Gerade dann, wenn die Parlamente die Macht weitgehend an die Exekutive übergeben haben, die per Verordnung regiert, und Versammlungen und Demonstrationen verboten sind, muss der offene Diskurs in den Medien stattfinden.
(5) Virologen als unfehlbare Medienstars: Einige wenige Chef-Virologen wurden zu unfehlbaren Medienstars aufgebaut. Doch auch die Studien und Aussagen, Ratschläge und Forderungen der Virologen sind sich im Detail nicht einig, ja können sich in dieser neuen wissenschaftlichen Herausforderung gar nicht einig sein. Eine der wichtigsten Wissenschaftstheorien des 20. Jahrhunderts ist der Kritische Rationalismus, der das Falsifikationsprinzip formuliert hat (nach Karl Popper): Wissenschaftlicher Fortschritt ist vor allem durch das Widerlegen von Theorien möglich und kaum durch dauerhaftes Bestätigen. Wissenschaftler müssen sich irren dürfen. Sie müssen sogar daran arbeiten zu beweisen, dass die Wissenschaft sich geirrt hat. Wissenschaft, also die Suche nach Wahrheit, muss per se mit Unsicherheit leben. Deshalb ist es grundfalsch, einzelne Wissenschaftler als unfehlbare Medienstars aufzubauen. Sie sind damit überfordert. Es ist nicht die Aufgabe ihrer Profession. Der Zweifel ist ihr Prinzip, nicht Gewissheit. Sie haben auch kein demokratisches Mandat.
Die Auswüchse der Berichterstattung zeigen sich in Deutschland beispielhaft, wenn die Zeit Christian Drosten als neuen Bundeskanzler karikiert (“Ist das unser neuer Kanzler?”) oder die Bild über das Vertrauen in die sieben “wichtigsten Kämpfer gegen Corona”, also in Virologen, abstimmen lässt. Und: Wissenschaftler sind Experten in ihrem je eigenen Fachgebiet. Deshalb braucht es in der demokratischen Gesellschaft Journalismus: einen recherchierenden, distanzierten Journalismus, der verschiedene Perspektiven in einem Fach thematisiert, auch verschiedene Fachgebiete befragt. Es ist klar, dass ein Epidemiologe eine Eindämmung um jeden Preis fordern muss. Den Preis zu berechnen und zu begrenzen, ist nicht seine Aufgabe. Das müssen andere Fachleute machen. So muss der Journalismus den Diskurs über Domänengrenzen hinaus organisieren. Beispielsweise indem er unter Rückgriff auf politologische und juristische Expertise notrechtliche Auswüchse thematisiert, mit der Soziologin der Frage nachgeht, wie das Virus Machtverhältnisse oder den Umgang mit Risiken verändert, mit dem Ethikprofessor über medizinische Entscheidungen diskutiert, mit der Psychologin über die Auswirkungen von Quarantäne auf Menschen in labilen Verhältnissen spricht – oder gerne auch mit der Kommunikationswissenschaftlerin die Routinen des Journalismus, die Medienlogik und die Macht der Medien reflektiert.
Alles in allem: Es ist an der Zeit, dass sich der Journalismus auf seine Maximen besinnt und die Folgen des Handelns zwar im Auge behält, aber nicht mehr in den Mittelpunkt redaktioneller Abwägungen stellt. Was viele Menschen jetzt als wohltuend empfinden – dass in der politischen Auseinandersetzung kein Streit allein um des Streits willen provoziert wird wie so oft in den letzten Jahren – könnte durchaus beibehalten werden. Aber ein öffentlicher Streit um des intensiven Austauschs von Argumenten willen gehört zur Demokratie wie Wasser zum Leben.

Mathias Döpfner schwört die Zeitungsverlage auf die Corona-Krise ein

Journalistisch erlebe die Branche derzeit einen Höhenflug, schreibt der BDZV-Präsident in einem Rundbrief an die Mitgliedsverlage des Verbands. Ökonomisch sei die Branche allerdings schwer getroffen. Wer nun anspruchsvolle Inhalte verschenke und nach staatlichen Zuschüssen rufe, schaufle der freien Presse ein Grab.

In dem Rundschreiben an die Mitgliedsverlage des BDZV konstatiert Verbandspräsident Mathias Döpfner: Das Interesse an Journalismus sei hoch wie lange nicht, inhaltlich könne man „von einer Sternstunde wahrheitsgemäßer und verantwortungsvoller Information sprechen“, Journalisten seien wieder „unser Fenster zur Welt.“ Dem gegenüber steht die bittere Erkenntnis: „Die Anzeigenmärkte kollabieren.“

Öffentliche Gelder und staatliche Zuschüsse könnten in dieser Situation wie ein „rettender Strohhalm erscheinen“, schreibt Döpfner: „Doch bei allem Verständnis: Wir müssen unsere journalistische Unabhängigkeit bewahren.“ Wer einmal öffentliche Subventionen beziehe, wolle künftig womöglich nicht mehr darauf verzichten.

Etwas anderes sei die finanzielle Förderung der von der redaktionellen Arbeit getrennten Zustellungsinfrastruktur. An dieser Stelle erneuerte Döpfner den Appell des BDZV an die Politik. Diese Art finanzieller Förderung wäre ein „wichtiger Beitrag zu Meinungsvielfalt und Demokratie.

Vor allem aber mahnt Döpfner in dem Schreiben an die Verlage, journalistische Inhalte nicht zu verschenken. Die entgeltliche Verbreitung sei „der einzige Weg, um die Informationsvielfalt, die Qualität unserer Inhalte und Tausende von journalistischen Arbeitsplätze zu erhalten.“ Wer dieses Prinzip verneine, schaufle der freien Presse ein Grab.

Das Radio macht den Menschen Mut

Wegen der Corona-Pandemie dürfen die Spanier nicht auf die Straße, nicht auf die Plätze. Das brachte ein paar Findige auf die Idee, ein Radioprogramm zum Platz für alle zu machen. In kurzer Zeit wurde „Radio Patio Cuarentena“ zum Hit.

Die Corona-Pandemie beschert in Spanien dem Radio eine Renaissance. Das gilt nicht nur für die großen Sender, die so viele Spanier einschalten wie selten zuvor. Überall im Land gehen Stadtteilprogramme im Internet auf Sendung. Sie bringen die Nachbarn zusammen, die sich wegen der Ausgangssperre nicht mehr treffen können. Auf Youtube, Whatsapp und Podcasts geht es natürlich um den Alltag mit Corona, aber auch um das richtige Leben.

In Sada, einer Kleinstadt im galicischen Norden, gründeten mehrere Freunde das „Radio Patio Cuarentena“. Patio heißt auf Spanisch Innenhof. Der Sender ließ einen virtuellen Treffpunkt entstehen, zu dem alle Zugang haben. In Wirklichkeit ist den Spaniern während der Quarantäne verboten, gemeinschaftliche Höfe, Gärten und Dachterrassen zu nutzen, weil sie sich dort anstecken könnten.

Der Sender bringe die Nachbarn wieder zusammen, berichtete Antonio Fariña der Zeitung „El País“. Er ist einer der Gründer. Eigentlich besitzt er ein Restaurant, das aber jetzt geschlossen ist. Zur wachsenden Redaktion gehören Lehrer, Buchhalter und Sicherheitsbeamte. Schon kurz nach der Gründung waren sie jeden Tag sieben Stunden auf Sendung. Die Zahl ihrer Hörer wächst und reicht inzwischen bis in die Vereinigten Staaten. „Radio Patio Cuarentena“ bringt Wettbewerbe, Ratschläge für den Alltag während der Ausgangssperre – und Liebesgeschichten: Eine junge Hörerin bat darum, das Lied „Every Breath You Take“ zu spielen und an ihrer Stelle ihren Freund Jorge zu fragen, ob er sie heiraten wolle, erinnert sich Antonio Fariña. Wenig später hätten die beiden eine Audionachricht geschickt, in der sie mitteilten: „Wir heiraten!“ In einer anderen Sendung habe eine junge Frau aller Welt verkündet, dass sie schwanger sei.

„La Albaicinera“ heißt in Granada der im März gegründete neue Sender. Er ist nach dem Albaicín-Viertel benannt, dem ältesten Viertel von Andalusien. Die Initiative geht auf mehrere Ärzte zurück. Ursprünglich wollten sie nicht nur über Gesundheitsfragen reden. Aber seit die Ausgangssperre in Kraft ist, geht es vor allem um das Virus und die Folgen für die Menschen in der andalusischen Stadt. In ganz Spanien gehört es mittlerweile zum abendlichen Ritual, werktags um fünf Minuten vor acht Uhr „Radio Patio Cuarentena“ einzuschalten. Zur vollen Stunde applaudieren die Menschen dann an ihren Fenstern und auf ihren Balkonen den Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten, die im Kampf gegen die Pandemie ihr Leben riskieren.

Danach geht es über den nationalen Sender „Onda Cero“ online weiter; am Wochenende schon um 16 Uhr. Dort ist David Martos auf Sendung. Einen Tag bevor die Ausgangsbeschränkungen in Kraft traten, hatte er sich zu Hause vor sein Mikrofon gesetzt. „Hallo, können Sie etwas hören? Ist jemand auf der anderen Seite des Mikrofons in der Nähe?“, lauteten die ersten Worte des Journalisten, der in dem Sender bislang eine Filmsendung moderiert hatte. Nun holt Martos in seinem Live-Programm, das er von zu Hause produziert, das Leben in die Wohnzimmer der Spanier zurück, die nur noch vor die Türe können, um einzukaufen oder zum Arzt zu gehen: Er spricht mit Bürgermeistern, Forschern, Köchen, Regisseuren, mit Prominenten und mit Spaniern, die niemand kennt, der Kassiererin eines Supermarkts oder der Mutter eines behinderten Sohnes. „Ich will einfach erzählen, wie die Menschen in diesen Tagen leben“, sagt Martos. Seine Hörer werden immer mehr. Fast 20.000 Follower hat Martos schon bei Twitter.

Journalistenschulen in Deutschland: Das Experiment

Onlineseminare, Videokonferenzen: Auch Journalistenschulen haben mit der Coronakrise zu kämpfen. Bewerber gibt es aber weiter genug.

Homeoffice? Ja, doch, es klappt ganz gut. Nur, journalistisch ausbilden lässt es sich mit Videokonferenzen doch eher schlecht als recht. Und: Welcher Volontär kommt schon zum Redakteur, zur Redakteurin nach Hause, um in die Geheimnisse des Recherchierens, Schreibens oder Layoutens eingeweiht zu werden?

Die Coronakrise hat auch die Journalistenschulen erfasst. Bei der Deutschen Journalistenschule in München (DJS) beispielsweise lernen die drei Klassen der 58. Lehrredaktion seit dem 16. März ausschließlich online. Möglich sei das gewesen, sagt DJS-Leiterin Henriette Löwisch, weil fast alle Dozenten sich spontan auf das Experiment eingelassen hätten.

„Wir sammeln regelmäßig Feedback und spielen diese Erfahrungen dann an alle zurück. Manche Unterrichtseinheiten funktionieren nicht online. Wir wollen diese Einheiten später nachholen.“ Es gebe Schwerpunkte im Digitalbereich, mit Übungen im Programmieren, Arbeiten an Podcasts, Datenjournalismusprojekten und Instagram-Formaten, dazu Inhalte für Social-Media-Kanäle.

Für die Schülerinnen und Schüler sei das Ganze eine enorme Bewährungsprobe. Und gleichzeitig eine Chance, Resilienz aufzubauen, neue Kompetenzen zu entwickeln. Ähnliche Erfahrungen bei der Henri-Nannen-Schule in Hamburg.

„Trotz Corona geht die Ausbildung im laufenden Seminar weiter, Schüler und Dozenten kommen jetzt aus dem Homeoffice per Videokonferenz zusammen“, sagt Christoph Kucklick, Leiter der Henri-Nannen-Schule. Das habe auf Anhieb erstaunlich gut geklappt, zudem lerne man jeden Tag hinzu und experimentiere mit digitalen Möglichkeiten.

Ebenfalls weitestgehend unbeirrt bildet die Axel Springer Akademie aus. Zu Beginn der Krise, so ein Verlagssprecher, wurden die Journalistenschüler dorthin geschickt, wo sie gerade in den ersten Wochen der Krise am meisten lernen konnten, in die Redaktionen, sprich Homeoffice. Mittlerweile erwarte die Akademie ihre Schüler zurück und hat dafür alle Seminare auf Team-Learning via „Zoom“ umgestellt.

Alle auf dem Weg also in einen Traumberuf? Die Corona-Pandemie trifft die Journalistenschulen zu einer Zeit, in der es angesichts der wirtschaftlichen Lage in der Verlagsbranche – anders als vor zehn, 20 Jahren – nicht unbedingt als opportun erscheint, eine journalistische Ausbildung anzustreben.

Der 14. Ausbildungsjahrgang der EJS wurde ausgesetzt

Erstaunlicherweise ergibt die Umfrage unter den großen Schulen aber ein anderes Bild. Das Recruiting für den neuen Jahrgang 2021 werde bei der Axel Springer Akademie wie geplant stattfinden, der Bedarf sei eher noch größer geworden. „Wir hatten in den vergangenen Jahren konstant rund 500 Bewerbungen pro Jahr“, sagt Marc Thomas Spahl, Direktor der Axel Springer Akademie. Der Bedarf an jungen, digital denkenden Journalisten sei groß. Deshalb bilde man unverändert bis zu 40 Talente pro Jahr crossmedial aus.

Auf die 18 Ausbildungsplätze des aktuellen Lehrgangs der Henri-Nannen-Schule haben sich 1300 junge Menschen beworben, sagt Schulleiter Christoph Kucklick, „was wir als ungebrochen großes Interesse am Beruf des Journalisten werten“. Im langjährigen Schnitt habe sich die Zahl der Bewerber leicht reduziert, aber man könne weiterhin aus einem großen Pool an Bewerbern auswählen. Um noch besser und breiter auszubilden, wurde der Nannen-Lehrgang von 18 auf 24 Monate verlängert.

Daumen hoch auch bei der DJS. Die Münchner Schule, sagt die Leiterin Löwisch, führe nicht Buch über ihre Bewerberzahlen. „Ich kann und möchte daher keine quantitativen Angaben machen.“ Allgemein gelte: Von Jahr zu Jahr schwanken die Bewerberzahlen. „Aber: Wir haben weiter eine sehr gute Auswahl. Wir haben weit mehr Bewerberinnen und Bewerber, als Plätze vorhanden sind.“ Und: Die DJS nehme jedes Jahr 45 Studierende auf, deutlich mehr als die anderen Journalistenschulen.

Und damit ein Blick nach Berlin, wo es in Sachen Journalistenschulen nicht ganz so rosig aussieht. Die Evangelische Jounalistenschule (EJS), die seit 1955 ausbildet, ist von einer drohenden Schließung betroffen. Zukunft zumindest äußerst ungewiss, abhängig auch vom Rat der Evangelischen Kirche. Der EKD ist Mehrheitsgesellschafter beim Gemeinschaftswerk Evangelische Publizistik (GEP), aus dessen Haushalt die Schule mit jährlich 500 000 Euro finanziert wird. Bis 2024 sollen beim GEP 1,9 Millionen Euro Kosten abgebaut werden. Der 14. Ausbildungsjahrgang der EJS wurde ausgesetzt.

Das sei aber noch nicht das beschlossene Ende dieser Schule, ist aus dem Umfeld zu hören. Zum einen würden weiter Kooperationsmöglichkeiten wie mit der Katholischen Journalistenschule ifp gesucht (denen Beobachter allerdings keine allzu großen Chancen einräumen), zum anderen sei es durchaus denkbar, dass die Ausbildung neu ausgerichtet wird. Es werden derzeit verschiedene Modelle geprüft.

Derweil schlagen sich die 15 Volontäre des 13. und bislang letzten Jahrgangs bei der EJS mit der Coronakrise herum. Praktikumsplätze in Redaktionen dringend gesucht. Das gilt, mit veränderten Vorzeichen, auch für die Berliner Journalisten- Schule.

Diese bildet seit einigen Jahren hauptsächlich im Rahmen von Stipendiaten- und Partnerprogrammen aus, sagt BJS-Geschäftsführer Joachim Widmann. Derzeit sei die Schule für eine von der Landesmedienanstalt getragene Teilausbildung von Volontären mit Fluchthintergrund zuständig. Während diese bei TV-Sendern ihre praktische Ausbildung erhielten, lernen sie an der BJS vom Medienrecht über die investigative Recherche bis zum journalistischen Storytelling die Feinheiten des Handwerks kennen.

Regenbogen sind verboten!

In der Corona-Krise zeigt Präsident Erdogan, was er kann: leugnen, Chaos stiften und dann im Ausland Schuldige suchen.

Bei Wahlen in der Türkei wird in der europäischen Öffentlichkeit, vor allem in Deutschland, häufig folgende Frage gestellt: „Wie kann es angehen, dass Erdogan so viele Stimmen von den Türken in Europa erhält?“ Tatsächlich hat die AKP in Europa eine weit höhere Stimmenanzahl als in der Türkei selbst. Die Antwort auf die Frage erklärt auch, warum die AKP im Inland noch immer die meisten Stimmen erhält, obwohl sie eine Reihe von Problemen nicht gelöst bekommt, sondern für immer neue sorgt: Aus verschiedenen Gründen gibt sie sich mit schönfärberischen Reden und Dienstleistungen als eine Art „Pate“ für die Marginalisierten in der Türkei wie auch in Deutschland aus. Sie schmeichelt den Massen und vereint sie unter dem Dach einer mit Nationalismus und Religiosität verquickten Identität. Wie Trump es mit „Make America Great Again“ für sein Land tut, stellt sie die Türkei als groß und stark dar. Dafür schafft sie Phantasiefeinde und unterdrückt jeden Widerspruch. Mit dem Traum einer „großen Türkei“ und der von ihm geschaffenen Identität hält Erdogan die Massen, denen er kein besseres Auskommen geben kann, sondern sie im Gegenteil täglich ärmer macht, fest.

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Die Coronavirus-Pandemie hat wie bei populistischen Regimen in aller Welt auch das Bild des Hochmuts, das die Regierenden dieses Landes abgeben, beschädigt. Wir begegneten der Pandemie genau wie Trump, der sie zunächst nicht ernst nahm. Bis Mitte März gab es keine ernsthafte Maßnahme, außer dass ankommenden Flugpassagieren ein Fieberthermometer an die Stirn gehalten wurde. Als die ersten Fälle auftraten, versprach Erdogan, wir besiegen das Virus mit „Geduld und Gebet“. Als „Pate“ versäumte er es auch nicht, den Bürgern zu schmeicheln: „Kein Virus ist größer als unsere Einheit.“
Das Virus erwies sich aber als größer als wir und als die ganze Welt. Die Zahl der Infizierten wie der Sterbenden begann zu steigen. Als nicht unverzüglich vernünftige Maßnahmen getroffen wurden, überholte das Tempo der Verbreitung sogar Italien. Auf einer seiner täglichen Pressekonferenzen musste Gesundheitsminister Fahrettin Koca eingestehen: „Wir wussten nicht, dass sich das Virus derart schnell verbreitet.“ Dabei war das Geschehen in China und Italien bereits bekannt. Obwohl sich die Katastrophe näherte, beharrte die Regierung darauf, keine Quarantänen zu verhängen.
Unter dem Hashtag #EvdeKal (Bleib zu Hause) wurde nur appelliert, daheimzubleiben. Für die arbeitende Bevölkerung aber war das unmöglich. Die Sorgen der Arbeitslosen, deren Zahl von Tag zu Tag steigt, und anderer benachteiligter Gruppen wuchsen noch mehr. Als die Regierung keine Anstalten machte, breiten Bevölkerungskreisen unter die Arme zu greifen, wurden die Bürgermeister der größten Oppositionspartei CHP aktiv. Die Kommunen Ankara und Istanbul starteten Hilfskampagnen und organisierten Lebensmittelhilfen für Bedürftige. Da trat der Palast unverzüglich auf den Plan, um die Stadtverwaltungen abzustrafen. Die Hilfen der CHP-Kommunen wurden gestoppt, die Spendengelder der Bürger, die auf die Konten der Kampagnen eingezahlt hatten, konfisziert.
Selbst AKP-Wähler suchen Hoffnung im Westen
Und was tat Erdogan in seinem „Aufruf an die Nation“, vierundzwanzig Stunden später? Nein, nein, er verkündete den Menschen, die ihre Arbeit verloren oder wegen des Virus ihre Geschäfte hatten schließen müssen, keine frohe Botschaft. Nachdem er die Hilfen der von der Opposition geführten Kommunen gestoppt hatte, gab Erdogan die IBAN-Nummer der Hilfskampagne bekannt, die er eingeleitet hatte. Statt wie die anderen Länder finanzielle Hilfen für die Bevölkerung aufzulegen, bat der „große Staat“, dem Erdogan vorsteht, die ohnehin von der Armut gebeutelten Bürger um finanzielle Unterstützung. Jeder Bürger sollte per SMS an der Spendenkampagne „Wir sind uns genug“ teilnehmen.
„Wir sind so reich, dass wir dem IWF Kredit geben könnten“, hatte Erdogan noch gestern getönt und vor einem Monat: „Wir haben vierzig Milliarden Dollar für die Flüchtlinge aufgewendet, wenn nötig, wenden wir noch einmal vierzig auf.“ Erdogan, der die Produktion nicht stilllegen und keine Ausgangssperre verhängen kann, weil die Staatskasse leer ist, wiederholte hilflos: „Jeder soll seinen eigenen Ausnahmezustand verhängen.“ Denn die Türkei, die in aller Welt Moscheen im Wert von 493 Millionen Dollar baute, hat nicht das Geld, der Wirtschaft den Stecker zu ziehen und die Ausgaben der Bürger zu subventionieren. Angesichts dieses Szenarios suchen selbst AKP-Wähler Hoffnung im Westen. Einer Umfrage zufolge sagten auf die Frage, wo sie außerhalb der Türkei gern leben würden, 43 Prozent der AKP-Anhänger: „in Deutschland“. Sie würden also gern in jenes Deutschland ziehen, das ihr „Anführer“ Erdogan in Grund und Boden verdammte. An zweiter Stelle stehen die Vereinigten Staaten, an dritter Norwegen.
Nicht nur Journalisten werden bestraft
Noch immer versucht die Regierung, die Epidemie mit der Lösung unterzukriegen: „Geduld und Gebet“. Jeden Abend erklingt von den Minaretten ein Gebetsruf gegen Corona. Die staatliche Religionsbehörde Diyanet unterstützt Erdogans Kampagne nicht nur mit Gebeten, sondern auch mit Verlautbarungen. Damit die Leute nicht die Kommunen der Opposition unterstützen, veröffentlichte sie eine Fatwa: „Es ist statthaft, Kampagnen auf nationaler Ebene zu unterstützen.“ Und fügte hinzu, eine solche Hilfe zähle als Gottesdienst.
Was aber, wenn man sich gegen die Kampagne des Palastes stellt? Das ist gefährlich. Der Journalist Hakan Aygün wurde wegen „Verunglimpfung der religiösen Gefühle des Volkes“ verhaftet, weil er sich in einem Tweet ein Wortspiel mit der von Erdogan genannten IBAN-Nummer und Anklängen aus dem Koran erlaubt hatte. Der Journalist Hakan Gülseven und der Student Ata Egemen Çakil kamen in Polizeigewahrsam, weil sie sich mit dem Hashtag #ZirnikYok (etwa: Kein Cent!) gegen die Kampagne gestellt hatten. Die Journalistin Nurcan Baysal erhielt eine Vorladung zur Vernehmung, weil sie die Maßnahmen in Diyarbakir als unzureichend kritisiert und auf die Coronavirus-Gefahr in den Gefängnissen hingewiesen hatte. Fernsehsender wurden mit Geldbußen belegt, weil sie meldeten, die Dimensionen der Epidemie seien größer als offiziell angegeben. Nicht nur Journalisten werden bestraft. Ein Lkw-Fahrer begehrte gegen den Appell „Bleib zu Hause“ auf: „Wie soll ich denn zu Hause bleiben? Wenn ich nicht fahre, habe ich nichts zu essen.“ Er wurde festgenommen, weil er zu „Ungehorsam gegen das Gesetz“ aufgerufen habe. Ärzte, die darauf hinwiesen, dass die Vorkehrungen unzulänglich sind, mussten auf Druck des Gesundheitsministeriums zurückrudern und sich entschuldigen.
Teilamnestie für Mörder und Diebe
Außer der Regierung soll niemand die Epidemie kommentieren oder irgendeinen Beitrag leisten. Der unter dem Dach des Gesundheitsministeriums gebildete Wissenschaftsrat kommt täglich zusammen. Dem türkischen Ärzteverband, der größten zivilgesellschaftlichen Organisation im Gesundheitswesen, der die bisherigen Maßnahmen für ungenügend befindet, wird die Aufnahme in den Rat verweigert. Denken Sie auch nicht, der Rat sei sonderlich wissenschaftlich. Ein Mitglied etwa, Prof. Dr. Mehmet Ceyhan, Spezialist für Infektionskrankheiten, erklärte: „Allah hat das Virus geschaffen, damit die Bevölkerung nicht haltlos wächst und es mehr Nahrungsquellen gibt.“ Die in den Sitzungen gefassten Beschlüsse werden zum Palast geschickt, und Erdogan verkündet dann, was er für geeignet hält. So kämpft das Alleinherrscherregime gegen das Coronavirus.
Tun wir aber der Regierung nicht Unrecht! Damit sich die Epidemie nicht in den Haftanstalten ausbreitet, ist eine Teilamnestie in Vorbereitung. Rund neunzigtausend Häftlinge sollen ihre Reststrafen zu Hause abbüßen. Das Amnestiegesetz soll Mördern und Dieben die Freiheit bringen. Inhaftierte Journalisten fallen nicht darunter. Vielmehr wird es dafür sorgen, dass noch mehr Journalisten die Gefängnisse bevölkern. Bis zu einem gewissen Strafmaß muss man voraussichtlich gar nicht mehr ins Gefängnis. Ein dem Gesetz angefügter Paragraph bestimmt, dass Journalisten, die zu mehr als achtzehn Monaten Haft verurteilt wurden, vierzig Prozent absitzen müssen. Dieses Schicksal sollen auch allein aufgrund eines Tweets verhaftete Normalbürger teilen.
Damit ihre Freunde sehen, dass sie zu Hause sind
Ich möchte diesen Brief mit zwei Ereignissen beenden, die zeigen, wie die „neue Türkei“ Gerechtigkeit versteht. In diesem Land ist es gefährlicher, seine Meinung zu sagen oder journalistisch tätig zu sein, als mitten in Istanbul eine Schießerei anzuzetteln. Ein Richter, der letzte Woche gegen einen Journalisten Haftbefehl wegen eines Tweets erlassen hatte, ließ vier Männer, die sich ein Gefecht mit Kalaschnikows geliefert hatten, unter Auflagen frei. Sie werden es nicht glauben, aber in diesem Land ist sogar verboten, dass Kinder einen Regenbogen malen. Damit Kinder, die wegen des Coronavirus nicht auf die Straße dürfen, sich nicht allein fühlen, hatten einige angefangen, ein Bild mit einem selbstgemalten Regenbogen ins Fenster zu stellen, damit ihre Freunde sehen, dass auch sie zu Hause sind. Als die Aktion sich ausbreitete, verbot der Staat den Kindern, weiter Regenbogen zu malen, denn diese seien ein „Symbol für Homosexualität“!
Selbstverständlich werden wir das Coronavirus überwinden. Doch der Kampf gegen diese Geisteshaltung dürfte schwierig werden.

Karmasin: „Medienförderung sollte vor allem Qualität im Fokus haben“

32 Millionen Euro macht die türkis-grüne Regierung locker, um in der Corona-Krise Medien finanziell zu unterstützen. Das Geld soll an kommerzielle Privatsender (15 Millionen), Tageszeitungen (12,1), Wochenzeitungen (2,7) und nichtkommerzielle Privatsender (2) ausgeschüttet werden. Nach dem Verteilungsschlüssel erhält etwa die „Kronen Zeitung“ 2,72 Millionen Euro, „Heute“ und „Oe24“ gut 1,8 Millionen. Der STANDARD kommt auf rund 500.000 Euro.

STANDARD: Kritiker sagen, das Medienhilfspaket ist ein Boulevardförderungsgesetz. Was stört Sie daran?

Karmasin: Einerseits die Frage, warum man das Gesetz so stark auf die Vertriebsförderung, also bedrucktes Papier, fokussieren muss, und warum man nicht auch digitalen Vertrieb mit in den Blick nimmt. Sehr viele Menschen konsumieren ihre Informationen online, und Qualitätsinformation ist genau in diesem Bereich ganz wichtig. Aber dort entstehen auch viele Kosten, etwa bei der Moderation von Foren oder bei der Aktualisierung von Informationen. Zweites ist es eine Quantitäts- und keine Qualitätsförderung. Eine Medienförderung sollte vor allem Qualitätsaspekte im Fokus haben. Und drittens ist es Aufgabe von Medienpolitik, eine Medienkonzentrationskontrolle auszuüben und nicht die Konzentration zu zementieren oder gar zu fördern.

STANDARD: Welche Onlinemedien sollten gefördert werden?

Karmasin: Führt man sich eine aktuelle Gallup-Studie vor Augen, dann beziehen 69 Prozent der STANDARD-Leser, 62 Prozent der „Presse“-Leser, 57 Prozent der „Tiroler Tageszeitung“-Leser oder 39 Prozent der „Salzburger Nachrichten“-Leser ihre Corona-Nachrichten ausschließlich online. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass Online gerade in der Corona-Krise ganz wichtig ist. Natürlich auch aufgrund des Social-Distancing-Prinzips, dass Leute kaum mehr in Trafiken oder zum Kolporteur gehen sollen. Da geht es um Onlineangebote verlegerischer Herkunft aus Österreich und nicht darum, Google oder Facebook zu fördern.

STANDARD: Überall ist von Homeoffice die Rede und vom Digitalisierungsschub, der mit der Corona-Krise mitschwingt, aber Onlinemedien schauen durch die Finger. Können Sie sich diese Haltung erklären?

Karmasin: Das kann ich mir schwer erklären, und es müsste auch die Digitalisierungsministerin (Margarete Schramböck, ÖVP, Anm.) ganz stark darauf drängen, dass digitale Angebote qualitativ gefördert werden. Die Betonung liegt auf qualitativ. Medienförderung sollte erstens zeitgemäß sein, also konvergent sein und Digital im Blick haben, und zweitens Qualität fördern, um gute journalistische Inhalte und möglichst große Vielfalt zu ermöglichen.

STANDARD: Das Medienpaket führt dazu, dass eine Kirchenzeitung 130.000, die Raiffeisenzeitung 112.000 oder ein Reichweitenriese wie „Die Ganze Woche“ mit 130.000 Euro dreimal so viel Geld bekommen wie etwa der „Trend“ mit 43.000 Euro. Und selbst die rechtsextreme „Zur Zeit“ erhält mit 67.000 Euro mehr.

Karmasin: Auch das ist ein Zeichen für die im Kern gute Absicht, aber die problematische Umsetzung im Detail. Wer schnell fördert, kann nicht immer treffsicher sein.

STANDARD: War das Medienförderungspaket ein unüberlegter Schnellschuss?

Karmasin: Es geht sicher darum, angesichts der Medienkrise schnell zu helfen, was fehlt, ist die Treffsicherheit. In der Schnelligkeit kann sie nicht bei 100 Prozent liegen, das ist klar, mittelfristig muss man in der Medienpolitik über ein Post-Corona-Medienpaket nachdenken. Gerade in der Krise werden die medienpolitischen Versäumnisse der Vergangenheit deutlich.

STANDARD: Welche?

Karmasin: Etwa eine zeitgemäße Neuordnung von Publizistik- und Presseförderung, die Förderung von Qualitätsmedien, die Bekämpfung von Konzentration und Crossownerships, ein zeitgemäßes Leistungsschutzrecht. Was mache ich mit der Zuständigkeit des Presserates? Wie kann ich die Selbstkontrolle nicht nur fordern, sondern auch fördern? Dann kommt noch die ORF-Reform ins Spiel und die Privatrundfunkförderung nach Qualitätskriterien und der sogenannte dritte Sektor. Und da habe ich noch gar nicht von öffentlichen Inseraten und der Herstellung von Kommunikation durch Gebietskörperschaften, die über Steuergelder finanziert wird, geredet.

STANDARD: Dann reden wir kurz darüber: An welchen Kriterien soll sich die Vergabe öffentlicher Inserate orientieren?

Karmasin: Die Inserate haben einen Lenkungseffekt im Markt, das ist klar. Bei Beschaffungen für den öffentlichen Bereich haben wir uns ja sonst auch auf das Bestbieterprinzip geeinigt und nicht auf das Billigstbieterprinzip. Da geht es dann nicht um den billigsten Tausend-Kontakte-Preis, sondern es kommen wieder Qualitätskriterien ins Spiel. Und wohl auch, wie setzt man die Maßnahmen miteinander in Beziehung? Stichwort: Gemeindeebene, Stadt-, Land- und Bundesebene.

Es wäre an der Zeit, das Silodenken zu verlassen und von einzelnen Mediengattungen wegzukommen. Welche Tageszeitung hat keinen Onlineauftritt und welcher Privatsender keinen Social-Media-Auftritt? Nicht an einzelnen Stellschrauben sollte isoliert gedreht werden, sondern der Markt als Ganzes betrachtet werden. Vor allem auch, weil der Medienmarkt fast schon als Prototyp für Marktversagen gelten kann und eine so starke Tendenz zur mediengattungsübergreifenden Konzentration hat.

STANDARD: Weil einigen meinen, es sei schwierig, Qualität zu definieren: Welche Parameter zählen für Sie?

Karmasin: Qualität kann man definieren. Es gibt zum Beispiel sehr umfangreiche Berichte zur Lage der Qualität der Medien in Österreichs und der Schweiz. Einerseits geht es um formelle Ansatzpunkte wie ein Redaktionsstatut, die Teilnahme an einer anerkannten Form der Selbstkontrolle wie dem Presserat. Dass man Urteile des Presserats nicht nur respektiert, sondern auch publiziert. Weitere Vorschläge reichen von Leserbeauftragten bis zu einer Korrekturspalte, und dann gibt es inhaltliche Kriterien, die in der Kommunikationswissenschaft seit Jahren gehandelt werden – wie den Trennungsgrundsatz von Nachricht und Kommentar und von redaktionellen und werblichen Inhalten, Quellentransparenz, Recherche et cetera. Andere wiederum fordern die Häufigkeit der Verurteilungen des Presserats als Maßstab ein, und so weiter.

STANDARD: An Kriterien mangelt es also nicht.

Karmasin: Sieht man sich den typischen Medienmarkt an, dann gibt es den Boulevard und die Qualitätsmedien sowie Medien, die irgendwo in der Mitte einzuordnen sind. Es ist keinesfalls gesagt, dass der Boulevard nicht auch den Presserat anerkennt, dass er nicht auch seine Urteile publiziert, sich nicht auch um interne Mechanismen zur Qualitätskontrolle bemüht oder sich um Aus- und Weiterbildungen der Mitarbeiter in ethischer Hinsicht kümmert.

STANDARD: Boulevard und Qualität schließen einander nicht zwingend aus?

Karmasin: In diesem Sinne, dass Regeln eingehalten werden, journalistische Selbstkontrolle geübt wird, Ehrenkodizes anerkannt werden, Kontrollmechanismen eingeführt werden, die Korrektur von Fehlern veranlasst wird und so weiter. All das sind Möglichkeiten für den Boulevard, und es gibt internationale Beispiele, wo das funktioniert. Der Gesetzgeber ist indes im Sinne der regulierten Selbstregulierung gefordert – im Sinne einer Motivation zur Teilnahme an Selbstkontrolle, die über reine Freiwilligkeit hinausgeht, und auch im Sinne einer gesellschaftlichen Aufwertung der Selbstkontrolle – etwa wie es in anderen Berufen und Bereich schon länger der Fall ist.

Das Prinzip der Freiwilligkeit ist gut, aber nicht immer ausreichend, auch wenn die Entwicklung und die Akzeptanz durchaus positiv ist wie auch der Journalismus Report 2020 empirisch nachweist. Der Staat soll aber nicht sagen, was im Ehrenkodex der Presse steht, wie die Selbstkontrolle sich organisiert, aber er soll dafür sorgen, dass sich alle an dieselben Regeln halten. Und da ist Medienförderung ein Ansatz.

STANDARD: Das heißt, Sie würden die Mitgliedschaft im Presserat als Voraussetzung für Medienförderung verankern?

Karmasin: Ja, das hielte ich für sinnvoll. Inhaltlich hat sich der Staat nicht einzumischen, was im Ehrenkodex der Presse steht, es gibt auch ein Zensurverbot und das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber er muss dafür sorgen, dass sich alle an dieselben Regeln halten. Analog zum Presserat für den Printbereich ginge so eine Selbstkontrolle auch im Privatrundfunk.

STANDARD: Mit dem Medienpaket der Regierung erhält der Privatrundfunk 15 Millionen Euro. Vermissen Sie auch hier die Qualitätskriterien analog zu den Printmedien?

Karmasin: Ja, allerdings muss man berücksichtigen, dass es hier mehr unterhaltende Elemente gibt, das ist auch legitim. Man müsste hier schon auch medienspezifische Kriterien definieren. Auch bei der Unterhaltung stellen sich relevante Fragen, etwa ob die Wertschöpfung in Österreich stattfindet. Das betrifft österreichische Produktionen wie die Film- und Kreativwirtschaft. Auch die sind stark von der Corona-Krise betroffen, und man könnte darüber nachdenken, dass man Koproduktionen fördert und dass man immer im Blick hat, dass die Maßnahmen die Wertschöpfung in Österreich maximieren sollen. Es ist nicht so, dass private Rundfunkbetreiber keine Qualität produzieren, das stimmt nicht, gerade im Informationsjournalismus gibt es sehr hochwertige Formate, aber die Förderung sollte auch hier an Qualitätskriterien gekoppelt werden.

STANDARD: Wer sollte über die Vergabe entscheiden?

Karmasin: Generell könnte sich die Vergabe zum Beispiel an der Wirtschaftsförderung orientieren. Also dass die Gelder von Expertenjurys vergeben werden. Man evaluiert dann die Treffsicherheit der Maßnahmen – etwa durch den Rechnungshof, denn die derzeitige Presseförderung hat nicht unbedingt zu einer Erhöhung der Vielfalt und zur Abnahme der Konzentration beigetragen. Es ist sicher nicht so, dass sich Expertinnen und Experten nicht auch irren können, wichtig ist aber eine möglichst politikferne Besetzung und dass Leute darüber entscheiden, die die Zukunft der Branche einschätzen können.

Ziel und Sinn der Medienförderung muss es sein, eine möglichst hohe Qualität der öffentlichen Auseinandersetzung und des öffentlichen Diskurses zu forcieren. Gefördert werden soll, kurz gesagt, was Wertschöpfung in Österreich ermöglicht und was demokratiepolitisch von Wert ist – und das ist mehr oder minder professioneller, qualitätsvoller und in jeder Hinsicht unabhängiger Journalismus in größter Pluralität, der freilich nicht immer auf sogenannte Legacy Media und auf klassische berichtende Formate beschränkt sein muss.

STANDARD: Auch der ORF klagt darüber, dass ihm die Werbeeinnahmen wegbrechen, und prognostiziert, dass heuer 50 Millionen Euro fehlen könnten. Sollte die Regierung auch dem ORF finanziell unter die Arme greifen?

Karmasin: Die Corona-Krise schlägt im Medienbereich brutal zu. Da geht es vor allem einmal um die Gewährleistung von Qualität und Information. Der ORF macht hier einen hervorragenden Job. Das wird auch von der Bevölkerung anerkannt. Auch für eine zukünftige Gestaltung muss man klarerweise den ORF mitdenken und berücksichtigen. Mittelfristig geht es darum, wie man den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk und den freien, nichtkommerziellen Sektor so organisiert, dass eine möglichst hohe Qualität von Öffentlichkeit herauskommt – sowohl im Unterhaltungs- als auch im Informationsbereich.

STANDARD: Mittelfristig gesehen: Wie soll der ORF finanziert werden? Über Gebühren, das Budget oder eine Haushaltsabgabe?

Karmasin: Meine Präferenz ist eine Haushaltsabgabe. Erstens ist sie transparent, zweitens ist die Frage nach der Gesetzeslage zu stellen. Wer den ORF streamt, braucht keine ORF-Gebühren zu zahlen. Das hält an der Fiktion der Terrestrik fest und nicht am digitalzeitlichen Fernsehen. Das geht an den Nutzungsrealitäten vorbei. Gerade auch jüngere Menschen nutzen aktuell den ORF, sie nutzen ihn aber auch zeitlich versetzt und über die digitalen Angebote. Mit einer Haushaltsabgabe ließe sich auch die aktuelle Intransparenz beseitigen. Der ORF erhält ja im Bundesländerschnitt nur circa 67 Prozent der GIS-Gebühren, der Rest geht etwa an die Länder und die Kulturförderung oder ist Umsatzsteuer. Eine Haushaltsabgabe, die an das Einkommen gekoppelt ist, wäre auch gerechter. Und ich bin selbstverständlich sehr dafür, dass auch einkommensschwache Menschen, die sich das nicht leisten können, Zugang zu öffentlich-rechtlichem Fernsehen haben.

STANDARD: Sollten die Gelder für Medienförderung aus der Haushaltsabgabe gespeist werden?

Karmasin: Eher nein. Was ich schon einmal vorgeschlagen habe, ist, die Werbeabgabe für Medienförderung zweckzubinden. Die ist Ländersache, könnte aber im Zuge der Finanzausgleichsverhandlungen – Paragraf 15a – aufs Tapet kommen und diese Sondersteuer für Medien zweckbinden.

STANDARD: Aufgrund der Einbußen am Werbemarkt müssen einige Medien auf Kurzarbeit setzen, was eine Reduktion der Arbeitszeit bedingt. Sehen Sie die Gefahr, dass das Informationsangebot darunter leiden könnte, das gerade in der Corona-Krise so essenziell ist?

Karmasin: Das ist die Problematik und zeigt, wie wichtig qualitätsvolle Information ist. Die Medien leiden genauso wie alle anderen Branchen, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, unter der Corona-Krise, und gerade die Medien sind für qualitätsvolle Information ganz essenziell, und natürlich könnte die Qualitätssicherung aufgrund fehlender Ressourcen oder mangelnder Liquidität schwieriger werden. Deswegen lautet mein Appell, schnell und direkt zu helfen, damit die Liquidität weiter aufrecht bleibt und Medien weiter einen guten Job machen können. Dass man dafür in Kauf nimmt, dass man ein paar fördert, die es nicht verdient hätten, und ein paar vergisst, die es verdient hätten, das kann in der Geschwindigkeit passieren, sollte aber mittelfristig in einer Post-Corona-Medienpolitik korrigiert werden.

Das Virus und die Wahrheit

Wenn die Argumente und Vorwürfe der politischen Farbenlehre folgen: Die italienische Regierung will in der Covid-19-Krise festlegen, was Fake News sind. Das weckt Argwohn.

Einen außerordentlichen Kommissar für den Kampf gegen die Pandemie hat Italien schon seit Mitte März. Es ist Domenico Arcuri, ein aus Kalabrien stammender Unternehmensberater und Spitzenbeamter. Er koordiniert den Einsatz lokaler, regionaler und nationaler Kräfte, um die Menschen „in den Schützengräben“, wie es martialisch heißt, also das medizinische Personal sowie die Ordnungs- und Sicherheitskräfte, mit der nötigen Ausrüstung im Kampf gegen den „unsichtbaren Feind“ zu versorgen. In der Öffentlichkeit tritt Kommissar Arcuri selten auf. Bei den Pressekonferenzen des Zivilschutzes, bei denen abends gegen 18 Uhr die jüngsten Zahlen von der „Virusfront“ bekanntgegeben werden, ist er so gut wie nie zu sehen. Stattdessen spricht dort Zivilschutzchef Angelo Borrelli, der dem neuen Kommissar unterstellt ist.

Um im Kampf gegen das Coronavirus noch schlagkräftiger zu sein, hat die Regierung in Rom unter Ministerpräsident Giuseppe Conte jetzt noch eine zusätzliche „Taskforce“ eingerichtet. Geleitet wird sie von Andrea Martella, dem für Information und Verlagswesen zuständigen Staatssekretär beim Amt des Ministerpräsidenten. Martella gehört dem sozialdemokratischen „Partito Democratico“ (PD) an, dem kleineren Partner der seit September 2019 regierenden Koalition von linkspopulistischer Fünf-Sterne-Bewegung und PD. Der Karrierepolitiker aus Venedig bekleidete zunächst in seiner Heimatregion Venetien politische Ämter und Verwaltungsposten, ehe er 2001 ins Abgeordnetenhaus in Rom gewählt wurde. Martella ist außerdem Generalsekretär des PD und gilt als Vertrauter von Parteichef Nicola Zingaretti.

Die Aufgabe seiner Taskforce umschrieb Martella im öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender Rainews 24 wie folgt: Das Virus müsse nicht nur in den Krankenhäusern mit medizinischem Personal sowie durch die Bürger „mit korrektem Verhalten“ – also Befolgung der Ausgangssperre – bekämpft werden, sondern auch „mit korrekter Information“. Deshalb werde seine Taskforce die Medien und zumal das Internet „inspizieren“, um Fake News über die Coronavirus-Pandemie ausfindig zu machen und zu beseitigen. Denn Falschinformationen könnten den Kampf gegen die Ausbreitung des Virus beeinträchtigen.

Man will sich an Verfassungsvorschriften und Verträge halten

Es gehe nicht darum, kontroverse Diskussionen abzustellen, die freie Meinungsäußerung bleibe „unangetastet“, versicherte Martella. Ziel sei es einzig, „die Gesundheit der Bürger zu schützen“, denn Fake News und Desinformation könnten „Chaos und Verwirrung“ stiften, so der Staatssekretär. Bei diesem Unternehmen werde man auf die Hilfe von Bürgern sowie von Wissenschaftlern und Fachleuten zurückgreifen. Selbstverständlich werde man sich bei der Sammlung und anschließenden Löschung von falschen Daten und falschen Informationen an die Verfassungsvorschriften und europäischen Verträge halten, versicherte Martella: „Ich glaube, dies wird eine Anstrengung zum Wohl der Bürger sein.“

In die Taskforce hat Martella acht Mitglieder berufen, bei denen es sich vor allem um Journalisten und Aktivisten handelt, etwa Kommentatoren der linksliberalen Tageszeitung „La Repubblica“ und der Internetzeitung „Huffington Post“, dazu Mitarbeiter der Websites „Open“ und „Fanpage“, schließlich Universitätsprofessoren und eine Fernsehärztin. In enger Zusammenarbeit mit der Aufsichtsbehörde für das Kommunikationswesen, mit dem Zivilschutz und dem Gesundheitsministerium sowie mit einschlägigen Fact-Checking-Websites soll sich die Taskforce nun auf die Suche nach der Unwahrheit machen.

Wie es dabei unparteiisch zugehen soll, ist nicht klar. Die Oppositionsparteien im Parlament wurden weder vor der Bildung der Taskforce konsultiert, noch hatten sie die Möglichkeit, bei deren Besetzung mitzureden. Die Legislative ist ohnedies faktisch ausgeschaltet: Ministerpräsident Conte und sein Kabinett regieren per Dekret, seit Ende Januar nach den ersten Coronavirus-Fällen im Land (bei einem inzwischen geheilten chinesischen Touristenpaar) für zunächst sechs Monate der Notstand verhängt worden war.

Bisher wird in Italien die notwendige Debatte über die Entscheidungen der Regierung in Rom sowie der Regionalregierungen im Kampf gegen die Pandemie allenfalls in Ansätzen geführt. Zudem ist der Austausch stark polarisiert, die Argumente beziehungsweise Vorwürfe folgen meist der politischen Farbenlehre. Wenig spricht dafür, dass eine von der Regierung eingesetzte und ausgewählte Task- force zur Bekämpfung tatsächlicher oder vermeintlicher Fake News zu der dringend erforderlichen Versachlichung der Diskussion beiträgt. Im Gegenteil.

Giorgia Meloni, Vorsitzende der postfaschistischen Partei „Brüder Italiens“ und nach Ministerpräsident Conte inzwischen die zweitpopulärste Politikerin im Land, betrachtet die Einrichtung der Taskforce durch die Regierung als Bedrohung des Verfassungsrechts der freien Meinungsäußerung. „Werden sie mich für meine Worte ins Umerziehungslager schicken oder sich damit begnügen, meine Eintragungen auf Facebook zu schwärzen?“, fragt Meloni. Wäre das jetzt schon eine „Fake Question“?

Wie der Bauer Verlag Neuseeland in eine Medienkrise stürzt

Es war kein Aprilscherz. Zwei Tage nachdem die Bauer-Media-Manager Heribert Bertram und Andreas Schilling verkündeten, dass ihr Umsatz in Deutschland trotz Corona-Krise weiterhin floriert, beschloss der Zeitschriftenverlag in der vergangenen Woche überraschend, seinen entlegensten Standort zu schließen. Damit wurde Neuseeland über Nacht in eine Medienkrise gestürzt, die Premierministerin Jacinda Ardern auf den Plan rief.

In der Woche zuvor war für mindestens vier Wochen der landesweite Lockdown verhängt wurden. Den Restriktionen zufolge gelten Zeitschriften nicht als „essentielle Waren“, die im Supermarkt verkauft oder per Post verschickt werden dürfen. Die fehlenden Einkünfte ließen dem Verlag nach eigener Darstellung keine andere Wahl, solange die Corona-Einschränkungen bestehen. „Selbst wenn sie irgendwann in Zukunft aufgehoben werden, macht das keinen Unterschied für die wirtschaftliche Rentabilität des Geschäfts“, so Bauer in einer Stellungnahme.

Dass sich die Deutschen aus Neuseeland zurückziehen wollten, war lange bekannt. Doch der Exitus innerhalb von Stunden überrumpelte die Mitarbeiter völlig. In einem letzten Versuch wurde Bauer Media in Auckland der Regierung zuvor noch für einen Dollar zum Verkauf angeboten, was dem Verlag ausstehende Gehälter und Abfindungen erspart hätte.

„Erschüttert“ über die mediale Apokalypse

Durch die Schließung stehen nicht nur 237 Angestellte auf der Straße. Neben Frauen-, Reportage-, Wohn- und Klatschzeitschriften fehlt auch das einzige wöchentliche Nachrichtenmagazin, der seit 1939 erscheinende traditionsreiche „Listener“. „Es ist unglaublich, dass diese kulturelle Stimme nun womöglich verlorengeht“, sagt Finlay Macdonald, früherer Chefredakteur des „Listeners“. Er wirft dem Bauer Verlag vor, die Corona-Krise genutzt zu haben, „um Dinge zu tun, die sie schon lange tun wollten, aber nicht konnten oder nicht so radikal hätten tun können. Wie kann es sein, dass eine ausländische Firma fast alle Zeitschriften in einem Land besitzt?“ Bauer übernahm 2012 für 500 Millionen australische Dollar die „Australian Consolidated Press“ mitsamt deren neuseeländischem Kontingent. Während Bauer Media jetzt in Auckland die Tore schloss, bekam der Konzern in Australien grünes Licht, um für vierzig Million Dollar seinen Konkurrenten Pacific Magazines aufzukaufen. Dieser Deal stieß Neuseelands Journalisten zusätzlich vor den Kopf.

Premierministerin Ardern zeigte sich „erschüttert“ über die mediale Apokalypse. In einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag warf sie dem Bauer Verlag vor, die staatliche Unterstützung ausgeschlagen zu haben, die auch andere Firmen während des Lockdowns in Anspruch nehmen können, um sich über die Krise zu retten. „Sie haben kein Gespräch mit uns darüber geführt, dass sie ein essentieller Service sind, sie haben nicht versucht, im Lockdown weiter zu wirtschaften, und sie wollten die Unterstützung der Regierung nicht, um geöffnet zu bleiben“, sagte die Premierministerin. „Daher weise ich jede Vermutung zurück, dass Covid-19 und unsere Reaktion darauf sie gezwungen haben, den Druck einzustellen.“ Ardern sagte, sie bedauere diese Entwicklung zutiefst.

Seitdem zirkulieren jedoch widersprüchliche Schuldzuweisungen. Bauer-Geschäftsführer Brendon Hill behauptet, man habe sich aktiv gegen das Druck-Verbot gewehrt, während der für Medien zuständige Minister Kris Faafoi behauptet, kein einziger Bauer-Mitarbeiter habe sich bezüglich der Restriktionen mit ihm in Verbindung gesetzt, der Verlag habe sich lieber unter dem Deckmantel von Covid-19 einer Last entledigt.

Die Medienplattform „The Spinoff“ ist jedoch im Besitz von E-Mails, die belegen, dass der Bauer-Konzern sich zusammen mit dem Zeitschriftenverleger-Verband Neuseelands an das Ministerium gewandt hat. Darin hieß es: „Wir sind im konstanten Gespräch mit Regierungsmitarbeitern.“ Der „Listener“ könnte dem Skandal auf den Grund gehen – wenn es ihn noch gäbe.

Coronakrise: Amazon könnte unter zu hoher Nachfrage leiden

Selbst Amazon könnte zeitweise wegen der besonderen Situation in der Coronakrise leiden. Das geht aus Angaben hervor, die Golem.de aus informierten Handelskreisen erhielt. Amazon hat seine Lagerhaltung angepasst. Nur Waren, die wichtig sind und als lebensnotwendig erachtet werden, können schnell verfügbar gemacht werden. Dies gilt auch für Amazon Marketplace-Anbieter. Waren ohne Priorität können teilweise nicht geliefert werden oder haben eine längere Laufzeit.

Viele Waren im Bereich Lebensmittel sind zudem nicht verfügbar, das betrifft auch Trockenware wie Konserven. Bei Amazon Fresh, bisher wenig erfolgreich, ist dagegen im Großraum Berlin weiterhin kein freier Liefertermin zu erhalten.

Amazon nimmt laut unbestätigten Angaben ein Drittel des deutschen Onlinemarktes ein und meldet fast überall wegen der hohen Auslastung verlängerte Lieferzeiten.

Amazon erklärt in seinem Blog: „Im Zuge der wachsenden Ausbreitung des Coronavirus verzeichnen wir eine verstärkte Nachfrage im Online-Shopping, die sich kurzfristig auch auf Bestellungen auswirkt.“ Genauere Angaben waren nicht zu erhalten: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir generell keine Angaben zu Verkaufszahlen auf Amazon.de machen“ sagte Sprecherin Marie-Blanche Stössinger Golem.de.

Umsatz im E-Commerce im Vergleich zum Vorjahr um fast 20 Prozent zurückgegangen

Im März soll der Umsatz im E-Commerce im Vergleich zum Vorjahr um fast 20 Prozent zurückgegangen sein, berichtete der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH). Verbandssprecherin Susan Saß erklärte Golem.de: „Unsere Daten beruhen auf unserer jährlichen Verbraucherbefragung Interaktiver Handel in Deutschland. Dies ist also eine Konsumentenbefragung. Verbraucher selbst unterscheiden nicht zwischen einem Marktplatz-Anbieter auf Amazon oder eben nur Amazon. Es kann also durchaus sein, dass ein Kunde bei einem Marktplatz von Amazon gekauft hat, dies aber so nicht weiß und daher eben nur Amazon angibt, anstatt eben das Unternehmen, welches seine Ware über Amazon als Marktplatzhändler verkauft hat.“

Alle Unternehmen mussten laut Saß in den vergangenen Wochen ihre Abläufe ändern und den Gegebenheiten anpassen. Dazu gehörten auch besondere Vorkehrungen für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter, Schichtumstellungen sowie eben auch einige Verzögerungen bei den Lieferungen. Zu einzelnen Unternehmen könne sie sich nicht äußern.

Neuer US-Streamingdienst Quibi

In den USA startet mitten in der Corona-Pandemie der Streamingdienst Quibi. Die Videos sind kurz, die Ambitionen jedoch gewaltig.

Die Idee hinter „Quibi“ steckt bereits im Namen: es geht um „Quick Bites“, also um schnelle Happen für zwischendurch. Die Episoden der eigenproduzierten Serien sollen nicht länger sein als zehn Minuten und werden lediglich für mobile Endgeräte angeboten – sowohl für das horizontale und das vertikale Schauen.

Gegründet wurde Quibi von Jeffrey Katzenberg, dem Mitbegründer der Filmfirma Dreamworks („Shrek“) sowie Meg Whitman, der ehemaligen Präsidentin und CEO von Hewlett Packard Enterprises. Investoren sind unter anderem NBC Universal, TimeWarner, Sony, Disney und Viacom. Bislang wurden 1,75 Milliarden Dollar in den Service investiert.

175 Serien im ersten Jahr

Über 175 Serien aus den verschiedensten Genres will Quibi im ersten Jahr anbieten, mit rund 50 Produktionen wird der Mini-Video-Unterwegs-Dienst starten. Ja, wenn man denn noch groß unterwegs wäre. In Corona-Zeiten fahren S- und U-Bahnen und Busse eher mit weniger Fahrgästen durch die Städte.

Kann das trotzdem funktionieren? Ein weiterer Streamingdienst? Ein bisschen Namedropping: Steven Spielberg hat die Serie „After dark“ produziert, die man auf Quibi lediglich nach Sonnenuntergang aufrufen können wird. Idris Elba bekommt eine Realityshow, in der er spektakuläre Autostunts vollführt. Liam Hemsworth, Christoph Waltz, Reese Witherspoon, Jennifer Lopez und Kiefer Sutherland hat Quibi ebenfalls für Serien engagiert.

„Die großen Namen helfen natürlich um Aufmerksamkeit zu wecken, nichtsdestotrotz müssen die Serien begeistern, damit die Zuschauer dranbleiben“, sagt Uwe Urbas. Er ist Produzent für die Berliner Filmfirma X-Filme, die unter anderem für „Babylon Berlin“ verantwortlich ist. Vor vier Jahren hatte er für die Produktionsfirma Polyphon die Serie „Familie Braun“ für das ZDF mitproduziert, eine der ersten Webserien Deutschlands, bei der die Folgen lediglich zwischen vier und sieben Minuten lang waren. Die Serie ist unter anderem mit einem International Emmy Award und einem Deutschen Comedypreis für die „Beste Innovation“ ausgezeichnet worden.

Muss die Handlung wegen der Kürze simpler, ja, dümmer werden? „Bei ‚Familie Braun‘ hatten wir bereits in der ersten Szene eine klare Prämisse gesetzt“, sagt Urbas, „kein Vorlauf.“ Zwei Nazis bekommen ein schwarzes Kind. Ähnlich wird es bei Quibi sein: Bei „The Fugitive“ wird ein vermeintlicher Verbrecher gejagt. Bei „Survive“ müssen zwei Überlebende eines Flugzeugabsturzes ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Bei „The Stranger“ wird eine Frau von einem Psychopathen verfolgt.

Alles Handlungen, die einfach genug sind, um sie zwischendurch nachvollziehen zu können. Gerade jetzt – im Homeoffice – könnten diese kurzen Folgen mit den wahrscheinlich einfacheren Plots ihr Publikum finden. Zum Beispiel genervte Eltern, die sich zwischen Kinderbetreuung, Hausaufgabenabnahme und Arbeitsbewältigung eine Mini-Auszeit verpassen wollen.

Nicht alles taugt fürs Smartphone

„Die Kunst ist es, Folgen zu plotten, die in solch einer kurzen Laufzeit funktionieren können“, schätzt Uwe Urbas ein. Andererseits: Wie hochwertig kann das sein, wenn die Serien speziell für das Smartphone produziert werden? Kann man die Drehorte gut in Szene setzen? Moderne Smartphones sind durchaus groß genug dafür, meint Urbas, auch wenn er es bedauert, einige Filme und Serien nicht auf dem großen Fernsehgerät anzuschauen: „Serien wie ,Babylon Berlin‘ sind nicht für das Smartphone gemacht.“

„Quibi sei für die Zielgruppe durchaus geeignet, die „Lust auf hochwertigen Content“ hat, denen normale Serien aber zu lang sind. Außerdem könne man solch eine Serie schneller nachholen, wenn sich Freunde und Bekannte im Büro oder auf dem Schulhof darüber austauschen – und schon könnten sie mitreden. „Im Gegensatz zu bisherigen seriellen Formaten ist das Ziel in Sicht, und man lässt sich sicherlich schneller auf ein neues Format ein, ohne sich über mehrere Hundert Minuten zu binden“, schätzt Urbas.

Quibi soll 4,99 Dollar kosten, wenn der Zuschauer dafür in Kauf nimmt, dass die Folgen mit Werbung unterbrochen werden. Die werbefreie Nutzung soll 7,99 Dollar kosten. Wann Quibi in Deutschland startet, ist noch nicht klar. Eine Anfrage vom Tagesspiegel blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Rundfunkgebühren: Zu teuer, veraltet und intransparent

Für die Aufsicht des Privatrundfunks sind die Landesmedienanstalten zuständig. Jetzt sollen sie auch das Netz regulieren. Doch dafür bedarf es einer Reform ihrer selbst. Sie sind zu behäbig und bekommen zu viel Geld aus dem Rundfunkbeitrag.

Der Rundfunkbeitrag soll von 2021 an um 86 Cent auf 18,36 Euro steigen, so die Empfehlung der Gebührenkommission Kef. Nicht nur die Länder und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben dieser Entscheidung mit Spannung entgegengesehen, sondern auch die 14 Landesmedienanstalten: Wenn der Beitrag erhöht wird, steigt auch ihre Finanzierungsbasis automatisch. Um 1,89 Prozent oder 1,6 Cent, bezogen auf die 86 Cent, wächst ihr Budget. Damit erhalten die Landesmedienanstalten von den 18,36 Euro immerhin 35 Cent. Das sind jährliche Mehreinnahmen von 5,2 Millionen Euro. Um diese Summe könnte der Rundfunkbeitrag geringer ausfallen, würden die Aufgaben der Landesmedienanstalten anders finanziert. Auch eine Umstrukturierung könnte die Beitragszahler entlasten.

In ihrem jüngsten Bericht kritisiert die Gebührenkommission Kef abermals die Finanzausstattung der Medienanstalten: Die Rechnungshöfe des Bundes und der Länder hätten schon 2017 festgestellt, „dass der feste prozentuale Anteil am Rundfunkbeitragsaufkommen zum Teil zu einer erheblichen strukturellen Überfinanzierung der Landesmedienanstalten führt“, heißt es da. Der Anteil der Landesmedienanstalten am Beitragsaufkommen sollte, so die Kef, überprüft werden.

Einen „Automatismus“ bei der Finanzierung hält auch Axel Wintermeyer, Chef der Staatskanzlei in Hessen, „nicht für angemessen“, wie er dieser Zeitung sagt. Die Rechnungshofs-Präsidenten hätten die Länder schon 2017 aufgefordert, das Finanzierungssystem der Landesmedienanstalten zu überprüfen. Eine Veränderung des Zwei-Prozent-Anteils, der bisher nur einmal von zwei auf 1,8989 Prozent abgesenkt wurde, sei im Länderkreis diskutiert worden. Einen Konsens habe man jedoch nicht erzielt. Doch sei das Thema nicht vom Tisch, dies sähen auch andere Länder so.

Die Grundlage der Landesmedienanstalten legte das Bundesverfassungsgericht mit seinem dritten Rundfunkurteil. Zeitgleich mit dem Start des privaten Rundfunks im Jahr 1985 wurden die Landesmedienanstalten als rechtsfähige Anstalten des öffentlichen Rechts gegründet. Diese Rechtsform war notwendig, um die Staatsfreiheit zu wahren. Die Landesmedienanstalten sind deshalb aus der unmittelbaren Staatsverwaltung als auch aus dem Staatshaushalt ausgegliedert. Sie finanzieren sich ganz überwiegend aus dem Rundfunkbeitrag.

Von Transparenz scheinen die Medienanstalten, die das von den Digitalkonzernen zu Recht fordern, in eigener Sache wenig zu halten. Einzelne Landesmedienanstalten veröffentlichen zwar Jahresberichte, diese haben aber unterschiedliche Aussagekraft. Es fehlt an einer Überwachung des Finanzbedarfs und der Mittelverwendung, wie sie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegeben ist. Für die Landesmedienanstalten existiert durch die Staatskanzleien zwar eine Rechtsaufsicht, aber keine Fachaufsicht. Axel Wintermeyer begründet dies damit, dass dem Staat aufgrund des Gebotes der Staatsferne des Rundfunks jeglicher Einfluss auf Programminhalte des öffentlich-rechtlichen oder privaten Rundfunks untersagt sei. Die Ausübung von Fachaufsicht würde auch die Kontrolle unter Zweckmäßigkeitsaspekten umfassen.

Die Medienanstalten haben von der Umstellung auf die Haushaltsabgabe 2013 profitiert, obwohl der Beitrag gesenkt worden ist. Im Gegensatz zu ARD, ZDF und Deutschlandradio mussten sie nicht einen Teil der Einnahmen einer Rücklage zuführen. Sie erhielten weiterhin ihren Anteil von knapp zwei Prozent aus dem gestiegenen Beitragsaufkommen. Für die Jahre 2017 bis 2020 war das laut Kef-Bericht die Summe von knapp 600 Millionen Euro, zwischen 2013 und 2016 waren es 603 Millionen Euro. Von diesen 150 Millionen Euro im Jahresdurchschnitt erhält jede der vierzehn Behörden einen „Sockelbetrag“ von rund 500 000 Euro. Die restliche Summe wird entsprechend dem Beitragsaufkommen des jeweiligen Bundeslandes verteilt. So standen der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) als größter Anstalt mit 87 Mitarbeitern inklusive der Einnahmen aus Verwaltungstätigkeit im vergangenen Jahr 31,5 Millionen Euro zur Verfügung und der kleinsten, der Bremischen Landesmedienanstalt mit 23 Mitarbeitern, 1,6 Millionen Euro.

Insgesamt waren 2019 in der gemeinsamen Geschäftsstelle in Berlin und in den Ländern 535 Mitarbeiter beschäftigt. Stelle man dem gegenüber, so Axel Wintermeyer, dass die „vormaligen Kardinalaufgaben der Landesmedienanstalten, die Zulassungs- und Aufsichtsfunktionen, immer mehr an Bedeutung und Gewicht verlieren“, dürfe man davon ausgehen, dass sie „ihre ,neuen‘ Aufgaben jedenfalls ohne zusätzliches Personal und ohne zusätzliche Finanzmittel bewältigen können“. Selbst die Aufgabe, für welche die Medienanstalten vor 35 Jahren gegründet worden waren, Aufsicht über den Privatrundfunk auszuüben, füllen sie heute nur unzureichend aus: Im vergangenen Jahr erschien der letzte Programmbericht. Damit endete die mehr als zwanzig Jahre währende systematische Analyse der Programminhalte von Sat.1, Pro Sieben, Kabel Eins, RTL, Vox und RTL 2 sowie ein Vergleich mit denen von ARD und ZDF.

Die Rechtfertigung für die Finanzierung durch den Rundfunkbeitrag liegt in der Sicherung einer staatsfreien Medienaufsicht. Wie die Mittel zu verwenden sind, ist im Rundfunkstaatsvertrag oder jetzt im Medienstaatsvertrag festgelegt, daran müssen sich die Landesmediengesetze orientieren. Allerdings werden in einigen Ländern sehr kreativ auch regionale Interessen berücksichtigt, die, wie die Filmförderung, nichts mit der Kernaufgabe zu tun haben. Die Reduzierung ursprünglicher Aufgaben und mangelnde Kontrolle haben zu einer kaum noch zu durchschauenden Leistungsvielfalt geführt: Zum Profil gehören heute Bildungsstätten, Preisverleihungen, Veranstaltungen und Medienforschung.

Elektronische Presse im Visier

Durch den Medienstaatsvertrag ergeben sich mit der Aufsicht über Plattformen, Medienintermediäre und Video-Sharing-Dienste neue Aufgaben. Fraglich ist, ob die bisherige Struktur, die auf die vierzehn Landesmedienanstalten fixiert ist, die besten Voraussetzungen bietet. Bernd Holznagel, Direktor des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht an der Universität Münster, antwortet mit einem klaren Nein: Die Landesmedienanstalten müssten „ihre Strukturen weiterentwickeln. Zentral ist der Aufbau einer Fachabteilung, in der unter anderen Informatiker tätig sind, die sich mit der Funktionsweise von Algorithmen auskennen.“ Auf Bundesebene werde über eine Digitalagentur diskutiert, in der Knowhow über Plattformen und Internetdienste aufgebaut werde. Sachverständigen- und Beratungsgremien, die sich nur wenige Male im Jahr treffen, könnten dies nicht leisten. Auch müsse man von der Bundesnetzagentur und dem Bundeskartellamt lernen. Dort seien unabhängige Beschlusskammern zuständig, die aus Juristen, Ökonomen und Technikern gebildet werden. Es sei zu vermuten, so Holznagel, „dass es in diesen neuen Aufsichtsfeldern vermehrt zu Rechtsstreitigkeiten kommen wird. Hier ist zu überlegen, ob die gerichtliche Kontrolle nicht bei einem Gericht gebündelt werden könnte, um auch dort Fachwissen aufzubauen.“

Der Hessische Staatskanzleichef geht einen Schritt weiter und greift ein früher bereits diskutiertes Modell auf: Da das Gros der Internetangebote bundesweit verbreitet werde, liege es nahe, sich über eine „Medienanstalt der Länder Gedanken zu machen“, sagt Axel Wintermeyer. Bernd Holznagel hält derweil eine Aufgabe, die sich für die Landesmedienanstalten aus dem Medienstaatsvertrag ergibt, für bedenklich: die Ausweitung der Befugnisse auf elektronische Presse. Gebe es bei den Netzangeboten keine Verbindung zu gedruckter Presse, werden die Landesmedienanstalten zuständig. Dies wäre etwa bei Portalen wie „Buzzfeed“ oder Podcasts wie „Die Lage der Nation“ der Fall sowie bei regionalen und lokalen Informationsdiensten. Trete ein Anbieter keiner Freiwilligen Selbstkontrolle bei oder unterliege er nicht der freiwilligen Selbstregulierung, übernehme die jeweilige Landesmedienanstalt die Aufsicht. „Insgesamt kann man sagen, dass die Landesmedienanstalten zu Anstalten zur Regulierung aller Medien werden, soweit sie elektronisch verbreitet werden“, sagt der Verfassungsrechtler.

Das Profil der Landesmedienanstalten tangiert zentrale Politikfelder der Länder: Die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Sicherung der Medienvielfalt. Wollen sie ihre medienpolitischen Ziele erreichen, die in einem relativ stabilen Rundfunkbeitrag und der Eindämmung von Meinungsmacht globaler Inhalteanbieter bestehen, muss eine grundlegende Reform der Medienanstalten endlich kommen. Nur so können die neuen Regulierungsaufgaben wirksam und mit vertretbarem finanziellen Aufwand erfüllt werden. Oder der Bund übernimmt mit der geplanten Digitalagentur die Regulierung. Die Medienanstalten hätten dann ausgedient.

Warum Verlage trotz steigender Abo-Zahlen tief in der Krise stecken

Die Krise trifft das Anzeigengeschäft vieler Medienhäuser. Auch wenn es für eine Gesamtbilanz zu früh ist: Die ersten Verlage beantragen Kurzarbeit.

Hähnchen-Brokkoli-Auflauf, Curry-Reis-Eintopf oder Rührei mit Wildlachs – was kommt auf den Tisch? Eine Frage, die die App „Chefkoch“, die zum Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr gehört, täglich neu beantworten muss und damit in Zeiten des Coronavirus und der Ausgangsbeschränkungen einen wahren Ansturm erlebt. Die Zahl der Nutzer der Chefkoch-App hat sich im Vergleich zum Vorjahr teilweise verdoppelt, heißt es bei Gruner + Jahr.

„Jede Krise bringt eine Veränderung der Mediennutzung“, beobachtet Andrea Malgara, Managing Director bei Mediaplus. Die Agentur hat die Reichweiten Ende März gemessen und festgestellt: Digitale Wirtschaftsseiten haben ein Zuwachs an Reichweite von im Schnitt 30 Prozent, Unterhaltungsseiten ebenfalls ein Plus von 30 Prozent. Digitale Nachrichtenseiten sowie Kochseiten gehören ebenso zu den stärksten Gewinnern.

Nicht nur die Reichweite der Onlinemedien habe sich erhöht, auch die Nutzung der klassischen Printmedien – vor allem was die Lesedauer betrifft. Doch trotz der Rekordhöhen, die manche Publikation erreicht, ist die Stimmung in den deutschen Medienunternehmen alles andere als euphorisch. Immer mehr Medienhäuser erwägen Kurzarbeit: Nach der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) hat auch die Funke Mediengruppe Hilfen bei der Bundesagentur für Arbeit beantragt.

Das Anzeigengeschäft stockt. Nach Angaben der Funke-Geschäftsführung vor allem bei den Regionalmedien. Die Redaktionen, die meist unter Hochdruck arbeiten, sind bislang von den Kurzarbeit-Regelungen ausgenommen. Auch bei der SWMH hieß es in einem Schreiben der Geschäftsführung an die Mitarbeiter: Die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise träfen das Unternehmen „mit großer Wucht“.

Der „Spiegel“ prüft ebenfalls, Kurzarbeit einzuführen. Zugleich plant das Nachrichtenmagazin einen Sparkurs, um den drohenden Anzeigeneinbruch abzufedern. „Wir werden unsere Etatplanung für das Jahr 2020 korrigieren und nehmen uns in einem ersten Schritt vor, zehn Millionen Euro einzusparen“, teilte das Hamburger Medienhaus am Freitag mit. „Gleichzeitig werden Erlös-Projekte, die für dieses Jahr geplant waren, priorisiert und vorangetrieben.“

Zunächst wolle man sich darauf konzentrieren, dort einzusparen, wo es ohne zusätzliche Kosten schnellen Erfolg bringe. „Wesentliche organisatorische Veränderungen oder betriebsbedingte Kündigungen stehen deshalb kurzfristig nicht auf dem Plan“, hieß es weiter.

Magazine aktuell stillgelegt

Die Bauer Media Group hat erste drastische Konsequenzen aus der Coronakrise gezogen. Das Medienhaus zieht sich aus dem Neuseeland-Geschäft zurück. Die Entscheidung trifft alle Titel von Bauer Media Neuseeland aus dem Entertainment, Lifestyle und Newsbereich – zusammen mit allen Digitalredaktionen. Betroffen sind mehr als 300 Mitarbeiter. Das Ende eines jahrzehntelangen Engagements in Neuseeland.

Bauers Rückzug hat einen handfesten Grund: Magazine sind in Neuseeland als Teil der Maßnahmen der Regierung gegen die Coronakrise aktuell stillgelegt. In den Zeiten der verschärften Ausgangsbeschränkungen dürfen nur noch nachrichtenrelevante Tageszeitungen ihren Betrieb weiterführen. Bauer Media bekundete, dass man nichts unversucht gelassen habe, Teile oder das ganze Neuseeland-Geschäft zu retten.

In Hamburg, wo die Bauer Media Group („Neue Post“, „Cosmopolitan“, „Bravo“) ihre Zentrale hat, herrscht noch Zuversicht. „Unser Publishing-Geschäft in Deutschland unterscheidet sich stark von dem in Neuseeland – insbesondere durch unseren Fokus auf den Vertriebsmarkt – und ist daher wesentlich stabiler“, meint Sven Dams, CEO Publishing Germany bei der Bauer Media Group.

Die Titel der Bauer Media Group werden bis zu 70 Prozent über den Lebensmitteleinzelhandel verkauft, der gerade rege frequentiert wird. Dagegen ist der Verkauf im Bahnhofsbuchhandel und an Flughäfen, die gemieden werden, kaum ausgeprägt.

Und doch: „In der Vermarktung stehen wir vor deutlich größeren Herausforderungen als im Vertrieb, der bisher sehr stabil ist. Viele Unternehmen sind von der Coronakrise betroffen – darunter auch unsere Kunden und Partner. In welchem Umfang wir Einbußen verzeichnen werden müssen, ist aktuell noch nicht absehbar“, sagt Dams weiter.

Das Anzeigengeschäft ist der Knackpunkt für die Medienunternehmen. „Die Coronakrise führt natürlich auch zu Verunsicherung und kommunikativen Herausforderungen vieler Unternehmen und Werbekunden, die sich teilweise auch in Stornierungen bereits gebuchter Kampagnen ausdrücken“, räumt ein Sprecher des Medienkonzerns Axel Springer auf Anfrage ein.

Rekordreichweiten für Medien

Das Berliner Unternehmen, das einen Jahresumsatz von 3,2 Milliarden Euro erzielt, befindet sich inmitten eines radikalen Umbaus. Im vergangenen Jahr stieg Investor KKR ein, das Unternehmen verließ die Börse. Im Unternehmensbereich News Media National sollen 50 Millionen Euro eingespart werden. Noch laufen Freiwilligenprogramme, die Mitarbeitern den Abschied vom Unternehmen erleichtern sollen. Das Unternehmen hofft, auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten zu können. Ob das gelingt, ist unklar. Die Coronakrise kommt zu einer ungünstigen Zeit.

„Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach verlässlicher und verantwortungsvoller Information durch unabhängige Medien nie größer gewesen, was die Rekordreichweiten unter anderem von ,Bild‘ und ,Welt‘ eindrucksvoll belegen“, sagt der Springer-Sprecher. Ein Lichtblick, an dem sich viele Medienschaffende gerade erwärmen. Media Impact, der hauseigene Vermarkter von Axel Springer, habe auf diese Lage unter anderem mit neuen Vermarktungsangeboten reagiert, sagt der Springer-Sprecher.

Das Interesse der Menschen nach Informationen und Unterhaltung ist groß. Parallel gibt es nach Angaben von Axel Springer einen „deutlichen Anstieg der Abo-Abschlüsse bei „Bild Plus“ und „Welt Plus“. „Hier verkaufen wir teilweise doppelt so viele Abos wie geplant“, sagt der Springer-Sprecher. „Dabei konvertieren vor allem Hintergrundartikel zum Thema Coronakrise sehr gut, wobei ein großer Teil der aktuellen Artikel zur Coronakrise, wie etwa auch die Live-Berichterstattung bei Bild, frei zugänglich ist.“

Auch Gruner + Jahr stellt Gratis-Lesestoff zur Verfügung: Befristet zunächst bis zum 30. April bieten das Unternehmen und sein Joint Venture, die Deutsche Medien-Manufaktur (DMM), digitale Magazine kostenfrei an. In dem Portfolio sind alle E-Paper von G+J, die digitalen Bezahlangebote „Stern Plus“ und „Stern Crime Plus“ sowie ausgewählte Marken der DMM enthalten. Mit im Angebot sind auch „Stern“, „Geo“, „Gala“, „Brigitte“ und „Guido“ sowie „Eltern“, „Essen & Trinken“, „Chefkoch“, „Schöner Wohnen“ sowie das Fußballmagazin „11Freunde“.

Bei Gruner + Jahr will man diese Aktion in Zeiten des Social Distancing als Geste der Solidarität verstanden wissen. Nutzer, die sich für den kostenfreien Service registrieren, müssten nach Ablauf der Zeit nicht extra kündigen. Bei der Neukundengewinnung setzen Verlage normalerweise auf eine dauerhafte Registrierung der Leser.

Dabei ist auch bei Gruner + Jahr die Situation alles andere als entspannt. Die Tochter des Medienkonzerns Bertelsmann hatte erst vor einer Woche die Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres präsentiert, wonach der Umsatz leicht auf 1,4 Milliarden Euro gesunken war. Nach Angaben des Unternehmens eine Folge der Digitalisierungsmaßnahmen.

Nun muss das Haus, so wie viele andere Medienunternehmen, die Coronakrise verkraften. „Natürlich gehen die Verkäufe an Bahnhöfen und auf Flughäfen zurück, dafür steigen die Absätze im Lebensmittelhandel und die Abo-Abschlüsse“, sagt ein Firmensprecher. „Für eine Gesamtbilanz ist es zu früh.“

Wie Frankreichs Post die Zeitungen fallen lässt

Französische Postbeamte verweigern den Dienst und tragen keine Sendungen aus. Zeitungsverleger fühlen sich im Stich gelassen.

Die tägliche Sportzeitung „L’Équipe“ hat angesichts der abgesagten Großereignisse am schnellsten reagiert. Seit in Frankreich der Ausnahmezustand herrscht, veröffentlicht sie das Formular, das man beim Verlassen der Wohnung mit sich tragen muss: zum Ausschneiden und Ausfüllen für all jene, die sich dem Online-Zeitalter verweigern. Auch „Charlie Hebdo“ will – anders als nach den Attentaten – in den Verkaufsstellen bleiben. Seinen Widerstand gegen die Digitalisierung hat hingegen „Le Canard enchaîné“ aufgeben müssen: Die satirische Wochenzeitung ist erstmals auch online erschienen.

Alle Redaktionen der Qualitätspresse freuen sich über das Wachstum der Zugriffe im Internet. Aber ihr Geschäftsmodell ist nach wie vor vom Verkauf der gedruckten Zeitung abhängig. Und das gilt jetzt noch viel mehr. Wenige Tage nach Beginn des Ausnahmezustands veröffentlichte der Verband der Zeitungsverleger einen Brief an die Druckereien, in dem er für die Aufrechterhaltung des Betriebs dankte. Auch die Regierung hatte sich zur Notwendigkeit der landesweiten Versorgung mit gedruckten Informationen bekannt – auch, weil sie gegen die Fake-News-Epidemien weitgehend immun sind.

Im Gegensatz zu den Buchhandlungen dürfen Kioske geöffnet bleiben. Viele sind es nur noch stundenweise; am Morgen. Andere haben geschlossen (in Paris jeder dritte). Auf dem Land kann man das Lokalblatt allenfalls beim Bäcker kaufen. Aber vielerorts ist die Grundversorgung nicht mehr gewährleistet. Seit dem Zweiten Weltkrieg war es in weiten Teilen nie mehr so schwierig, an Zeitungen und Magazine zu kommen. Es trifft auch die treuesten Leser: die Älteren, die vor allem zu Hause bleiben sollen.

Nur – der Briefträger kommt nicht mehr. Bei uns an der Grenze zur Schweiz war er in zweieinhalb Wochen einmal da. Mit einer ganzseitigen gemeinsamen Anzeige haben die Zeitungen gegen den Vertragsbruch protestiert: „Die Post lässt uns fallen“. Der „Figaro“ wirft ihr in einem Leitartikel „Fahnenflucht“ vor: „Die Desertion der Post“. Nur noch jede zehnte Poststelle in Frankreich ist geöffnet – bei den Bankfilialen sind es dagegen 75 Prozent.

Krankenschwestern, Ärzte und Polizisten arbeiten rund um die Uhr und riskieren ihre Gesundheit. Die Postbeamten verraten den öffentlichen Dienst und wollen Briefe, Pakete, Zeitungen weder sortieren noch austragen. Als „gewaltigen Humbug“ bezeichnet der frühere Geschäftsführer von „France Soir“ und „Figaro“, Philippe Villin, der heute als Banker tätig ist, die Erklärungen des obersten Post-Chefs Philippe Wahl. Von jetzt an, verspricht der Staatsbetrieb eines Landes im „Krieg“ (Macron), werde die Post nur noch dreimal wöchentlich verteilt – und zwar an drei aufeinanderfolgenden Tagen: mittwochs, donnerstags und freitags. „L’Équipe“ hingegen will ihre Leser nicht im Stich lassen. Vom kommenden Montag an wird der Verkaufspreis auf einen Euro gesenkt.

Bewährungsprobe für Bitcoin

Das Versprechen eines besseren, krisenresistenten Geldes hat Bitcoin über die Jahre zu einem beispiellosen Projekt werden lassen. Zehntausende Rechner bilden mittlerweile ein globales Netzwerk. Millionen Menschen auf der ganzen Welt nutzen es, um täglich Bitcoin im Wert von Milliarden Euro zu verschicken. Bislang funktionierte Bitcoin damit wie geplant. Doch nun ist auf einmal die nächste Krise da. Sehr viel schneller als erwartet. Und sie erschüttert alles, auch Bitcoin und sein Narrativ.

Als Mitte März alle Märkte angesichts der Coronakrise massiv einbrachen, stürzte auch der Bitcoin-Kurs ab: Binnen eines Tages büßte Bitcoin mehr als 40 Prozent an Wert ein. Diese Reaktion schien selbst langjährige Bitcoiner zu überraschen, obwohl diese das permanente Auf und Ab der Kryptowährung eigentlich gewohnt sind. Schon mehrfach in seiner Geschichte hat Bitcoin enorme Wertzuwächse erfahren, um anschließend wieder 80 Prozent und mehr zu verlieren. Allerdings geschah das meist über einen sehr viel längeren Zeitraum und unabhängig von dem Geschehen auf anderen Märkten. Dieses Mal wurde der Bitcoin-Kurs einfach mit runtergerissen.

„Notfalls geht man eben zum Pfandhaus“

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank, überrascht diese Entwicklung nicht: „Wenn es zu schweren Krisen kommt, dann kann sich dem erfahrungsgemäß keine Anlageklasse entziehen.“ Rechnungen und Mitarbeiter müssten weiter bezahlt werden. Liquidität sei da das Gebot der Stunde und auf der Suche danach würden nun einmal alle Reserven aktiviert, die man habe: Gold, Aktien und eben auch Bitcoin. Selbst Staatsanleihen bester Qualität, sonst eigentlich ein sicherer Anlage-Hafen, seien in den letzten Wochen verkauft worden. „Notfalls geht man eben zum Pfandhaus.“

Der Kursrutsch von Bitcoin hat also nichts mit Bitcoin selbst zu tun. Technisch funktioniert das digitale Geld reibungslos. Seit Satoshi Nakamoto das Protokoll vor mehr als elf Jahren gestartet hat, wird alle zehn Minuten im Bitcoin-Netzwerk verlässlich ein neuer Block mit Transaktionen erstellt und an das dezentral organisierte Kassenbuch, die Blockchain, angehängt. Ganz ohne den Einfluss von Staaten und Banken.

Dennoch offenbart die Coronakrise eine unbequeme Wahrheit, die man in der Bitcoin-Community sonst gern verdrängt. Angesichts von Rettungspaketen, die allein in den USA jetzt schon im Billionenbereich liegen, ist Bitcoin mit einer Marktkapitalisierung von derzeit gut 100 Milliarden Dollar noch immer ein kleines, geradezu unbedeutendes Projekt. Rein rechnerisch würde allein die Cash-Reserve des Google-Mutterunternehmens Alphabet ausreichen, Bitcoin einmal komplett zu kaufen.

Aus Überzeugung dabei

Doch ist das ein Gedankenspiel, das einen wichtigen Aspekt außer Acht lässt. Es mag zwar theoretisch denkbar sein, sämtliche Bitcoins zu kaufen. In der Praxis ist das jedoch faktisch unmöglich. Die meisten stehen nämlich gar nicht zum Verkauf, sondern befinden sich im Besitz von Menschen, die diese Bitcoins aus Prinzip und Überzeugung halten. Die sich zumindest etwas absichern wollen, anstatt voll und ganz auf ein Finanzsystem zu vertrauen, das von einer Krise in die nächste zu rutschen scheint. Auch wenn das System sie zumindest dieses Mal nicht selbst verursacht hat.

Wie die Ukraine zum Testfeld für den Cyberwar wurde

Die Ukraine war mal ein Hotspot für Kleinkriminelle im Netz. Dann kam der Krieg mit Russland. Heute wird hier die digitale Kriegsführung erprobt. Die ehemaligen Hacker sind zu einer eigenen Marke geworden.

Artem Afian, ein Mann in seinen 30ern, mit gepflegtem Bart, brauner Weste über dem Hemd und in olivgrünen Hosen, sitzt an einem hölzernen Konferenztisch in seiner Kanzlei in Kiew, im sechsten Stock eines Bürogebäudes.

Durch große Fenster kann man runter auf die Straße schauen, über die schwere Geländewagen mit getönten Scheiben donnern: neue Toyota Landcruiser, Landrover und G-Klassen auf den löchrigen Straßen eines Landes, in dem das jährliche Durchschnittseinkommen unter 10.000 US-Dollar liegt.

Hinter Artem an der Wand hängt eine Pop-Art-Version des Renaissance-Gemäldes „Das Urteil des Kambyses“. Das Bild zeigt, wie der korrupte Richter Sisamnes festgenommen und gehäutet wird, bevor mit seiner Haut der Richterstuhl bespannt wird. „Wir haben eine Kopie auch an die Justiz geschickt, aber da wollten sie es nicht haben“, erzählt er und grinst.

Afian vertrat Betreiber von Filesharing-Seiten wie Ex.ua

Afian hat sich Anfang der 2010er-Jahre auf IT-Recht spezialisiert. Wie sich die ukrainische Cyber-Szene verändert, spiegelt sich in seinen Fällen wider. Zu Beginn riefen private Hacker bei Artem an, wenn überraschend dann doch mal die Polizei vor der Tür stand: Carder aus Odessa, die dabei erwischt wurden, wie sie mit anderer Leute Kreditkartendaten herumhantierten; Data-Miner, die zu tief in fremde Datensätze geschaut hatten. Er vertrat Betreiber von Filesharing-Seiten wie Ex.ua und andere.

Er wurde das erste Mal in Bitcoin bezahlt. Mittlerweile baut Artems Kanzlei auch den legalen Rahmen für Bug-Bounty-Aufträge: Sicherheitstests, die Hacker im Auftrag von Kunden durchführen. Die klassischen Hackerfälle werden in seiner Kanzlei weniger.

„Vor fünf oder zehn Jahren war die Ukraine mal so etwas wie ein Hacker-Himmel. Aber die Ära des privaten Hackers geht zu Ende. Die Carder sind fast verschwunden. Hacking wird jetzt organisierter. Wenn ein Jugendlicher beim Hacken erwischt wird, kommt die Polizei. Und am nächsten Tag schon ein Unternehmen, das ihm 5000 Dollar im Monat bietet, wenn er dort anfängt.“

Auch die USA schicken Cyber-Truppen in die Ukraine

Diese Evolution hat auch politische Gründe: 2014 hat sich die Ukraine mit der Maidan-Revolution von Russland losgesagt; die Hauptstadt will seitdem auch nicht mehr Kiew genannt werden, sondern „Kyjiw“, in ukrainischer Schreibweise. Mit der Emanzipation ist das Land zu einem Testgelände für Cyberwaffen geworden.

War die Ukraine in den 2000er-Jahren und frühen 2010ern noch ein Spielplatz für private Hacker, tobt dort jetzt ein digitaler Krieg. Mittlerweile schicken auch die USA Cyber-Truppen in die Ukraine, damit sie dort lernen, wie digitale Angriffe funktionieren, und um sich selbst darauf vorzubereiten. Spätestens seit dem Angriff auf die Server der Demokratischen Partei, der US-Präsident Donald Trump zum Sieg verholfen haben soll, ist auch den USA klar, welche Wirkung Cyberwaffen entfalten können.

Es ist zwar fast unmöglich, Cyber-Angriffe klar einem Staat und einer Kommandostruktur zuzuordnen. Die Möglichkeit, sie abstreiten zu können, ist schließlich von Anfang an in den Attacken eingepreist. Bei den großen Angriffen in der Ukraine erkennen Experten und Geheimdienstmitarbeiter aber klar eine russische Handschrift.

Ein Cyber-Wurm, der Milliarden kostete
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Der bisherige Höhepunkt auf dem Testgelände Ukraine war „Notpetya“: ein Wurm, der im Sommer 2017 von einem gehackten Server einer kleinen Kiewer Softwareschmiede ein ganzes Land lahmlegte. Der Wurm vernichtete nach Schätzungen die Daten von zehn Prozent aller Computer der Ukraine und legte dort zwischenzeitlich zwei Flughäfen, 22 Banken und etliche Behörden lahm.

Von ukrainischen Rechnern sprang Notpetya über auf die Firmenrechner von Konzernen wie dem Pharmariesen Merck oder den Logistikern Fedex und Maersk. Den US-Konzern Merck soll Notpetya laut Schätzungen des US-Experten Andy Greenberg 870 Millionen US-Dollar gekostet haben. Bei Maersk, der weltweit größten Container-Reederei, soll der Wurm ein 300-Millionen-Dollar-Loch gerissen haben.

Sicherheitsexperten aus dem Weißen Haus bezifferten den Gesamtschaden später auf etwa zehn Milliarden Dollar – und beschuldigten den russischen Geheimdienst GRU. Notpetya gilt bis dato als der verheerendste Hack der Welt.

Die konstante Gefahr für ukrainische IT-Systeme hat IT-Sicherheit aber auch zu einem zentralen Thema gemacht: Aus der klassischen Software-Outsourcing-Industrie ist ein florierender Cyber-Security-Sektor erwachsen. Hacker und IT-Security-Experten arbeiten jetzt für die Regierung und ziehen zunehmend auch internationale Aufträge an Land.

In einem Café namens „The Cake“ in der Kiewer Innenstadt sitzt Victor Zhora und isst Kuchen. Er ist Ende 30 und trägt einen schwarzen Rollkragenpullover. Neben unserem Tisch steht eine in Pink glänzende, zwei Meter große Hundeskulptur aus Plastik, die an die Arbeiten des US-Künstlers Jeff Koons erinnert und dem Gespräch einen etwas surrealen Touch verleiht.

Zhora arbeitet seit den 2000ern in der ukrainischen IT-Sicherheit. „Vor 15 Jahren war so was wie Cyberwar noch kein Thema“, erzählt er und nimmt sich mit der Gabel ein Stück von dem Karottenkuchen vor ihm auf dem Tisch. Seitdem sich die Ukraine politisch von Russland entfernt, hat sich das geändert. Mittlerweile hat er mitgeholfen, acht Parlaments- und Präsidentschaftswahlen digital zu sichern – seit 2009 mit seiner eigenen Firma Infosafe.

„Die Website wurde permanent angegriffen“

Eigentlich wird in der Ukraine noch auf Papier gewählt, das Endergebnis der Wahlen ist damit schwer digital zu hacken. Aber in einem Land, das seit 2004 zwei Revolutionen erlebt hat, können schon Unklarheiten in der Wahlnacht zu erhitzten Gemütern führen.
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„Auf der Website der Wahlkommission gab es in der Wahlnacht und am nächsten Tag wahnsinnig viel Traffic“, sagt Zhora. „Die Website wurde permanent angegriffen. Wir versuchten sie dann mit allen Mitteln – von Web-Mirroring bis DDoS-Abwehr – aufrechtzuerhalten.“

Die intensivsten Angriffe hat Zhora am 25. Mai 2014 erlebt. „Unser großer Nachbar hatte sich damals entschieden, dem Rest der Welt zu beweisen, dass wir eine Junta in Kiew gewählt hätten“, erzählt er. Junta ist der Begriff, den 2014 vor allem russische Medien nutzten, um die damalige ukrainische Verwaltung zu diskreditieren.

„Bei dem Angriff gab es drei Phasen“, erzählt Zhora. Schon vor der Wahl waren Hacker mit gezielten Phishing-Angriffen unbemerkt in das Computersystem der Wahlkommission eingedrungen. Nur Stunden bevor die ersten Hochrechnungen auf der Website der Wahlkommission veröffentlicht wurden, bekamen er und seine Kollegen einen Tipp.

Jemand hatte festgestellt, dass schon vor den ersten Hochrechnungen ein Bild von einem vermeintlichen Wahlsieger auf der Seite hochgeladen worden war und damit jederzeit veröffentlicht werden konnte. Darauf zu sehen: Dmytro Jarosch, Anführer der rechtsradikalen Paramilitärs „Prawyj Sektor“ (dt.: rechter Sektor).

Politische Cyber-Angriffe auf die Ukraine

Ein Bild von Jarosch als Wahlgewinner auf der offiziellen Seite der Wahlkommission hätte katastrophale Folgen für die Ukraine gehabt: Russische Medien, die auch in der Ukraine viele Konsumenten haben, hätten damit ihrer Junta-These neuen Aufwind verliehen. Die Nachricht von Jarosch als Gewinner hätte in kürzester Zeit sowohl die Paramilitärs des Prawyj Sektor als auch die fassungslosen Anhänger der anderen Parteien auf die Straße gebracht: ein Chaos, das die ganze Wahl infrage gestellt hätte.

„Als wir das Bild sahen, war uns klar, dass das System kompromittiert worden war“, erzählt Zhora. Das System komplett zu checken und den Angreifer mit Sicherheit rauszuschmeißen, hätte zu lange gedauert. „Also begannen wir, alle Knotenpunkte und die Website komplett auszutauschen“, erzählt er. Die neue Website ging erst kurz vor den ersten Hochrechnungen online.

„Der einzige Aufruf des alten Links zu der Seite, wo Jaroschs Bild gewesen wäre, kam von der IP-Adresse eines russischen Fernsehsenders“, sagt Zhora mit vielsagendem Blick. Der Hack der Website der ukrainischen Wahlkommission war so etwas wie der Startschuss der großen politischen Cyber-Angriffe auf die Ukraine.
Hacker übernehmen die Kontrolle über ein Stromnetz

Am 23. Dezember 2015 ging für 230.000 Anwohner in der westlichen ukrainischen Region Iwano-Frankiwsk am frühen Abend plötzlich das Licht aus. In einer hochkomplexen Operation hatten zum ersten Mal weltweit Hacker die Kontrolle über ein Stromnetz übernommen.
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Und sie waren gut vorbereitet. Mit einem per E-Mail verschickten Word-Exploit namens „BlackEnergy3“ hatten sie schon im Frühling 2015 angefangen, die Rechner von Mitarbeitern von Stromversorgern in der westlichen Ukraine zu infizieren.

Die Hacker haben Monate damit verbracht, Firewalls der Stromversorger zu umgehen und sich mit den Industriecomputern und ihren Funktionen vertraut zu machen. Bis es am 23. Dezember 2015 so weit war – und sie bei drei Verteilerzentren und 30 Unterzentren den Hebel umlegten und den Strom abstellten. Als Kür legten die Hacker während des Angriffs noch die Notstromaggregate der drei angegriffen Verteilerzentren lahm, sodass selbst die ohnehin schon verwirrten Mitarbeiter der Stadtwerke im Dunkeln saßen.

Auf den BlackEnergy-Hack folgte etwa ein Jahr später, im Dezember 2016, der Hack auf den Kiewer Stromanbieter Kyivenergo. „Dabei ging im Norden von Kiew das Licht aus. Die Malware, die dabei benutzt wurde, wurde speziell für die industriellen Kontrollsysteme von Kyivenergo geschrieben“, erzählt Zhora. „Wenn du etwas hast, das in so einem System funktioniert, kannst du es hier ausprobieren und woanders wirklich einsetzen.“

US-Cyber-Spezialeinheiten in der Ukraine

Aber nicht nur die Angreifer üben in der Ukraine. Seit den Hacks auf die Wahlen und Energiesysteme schicken die USA nicht nur Equipment und Unterstützung zur Abwehr – sondern auch Cyber-Spezialeinheiten, die die Angriffe selbst vor Ort studieren, um die USA darauf vorzubereiten.

„Unsere Lösung für den BlackEnergy-Hack war, den Strom in den Verteilerzentren wieder manuell anzustellen. In den USA würde das gar nicht mehr gehen, dort wird das Stromnetz komplett digital gesteuert“, sagt Zhora.

„Es ist wahrscheinlich, dass die Hacker sehen wollten, ob die Malware so funktioniert, wie sie soll. Und auch, wie die internationale Gemeinschaft darauf reagieren würde“, erklärt mir Marie Baezner in einem Skype-Anruf. Baezner forscht am Center for Security Studies der ETH Zürich zur Frage, welche Rolle Cyber-Angriffe in Konflikten wie den Kriegen in Syrien oder der Ukraine spielen.

Sie zählt in einem ihrer wissenschaftlichen Artikel 64 Angriffe und Gegenschläge im Ukraine-Konflikt zwischen November 2013 und Dezember 2016. „Die Ukraine hat definitiv einen strategischen Wert für die USA. Die USA können in der Ukraine beobachten, wie die Systeme angegriffen wurden, welche Malware verwendet wurde, und die Taktik der Angreifer studieren.

Es war hilfreich, das vor den Midterm-Wahlen 2018 zu sehen. Sie werden das Gleiche vor den Wahlen 2020 tun und Cyber-Truppen in die Ukraine, Mazedonien und Montenegro schicken.“

Eine Plattform namens „Hacken Proof“

In einer vernetzten Welt bleiben Cyber-Angriffe auf Staaten nicht dort, wo sie anfangen. Nur ein paar Kilometer von dem Café „The Cake“ entfernt, in dem ich Victor Zhora treffe, arbeitet eine kleine ukrainische Softwareschmiede namens Linkos Group.

Linkos verkauft ein unscheinbares Buchhaltungsprogramm namens M.E.Doc, vor allem an ukrainische Kunden. Im Juni 2017 nutzten Hacker einen der Linkos-Server, um den Wurm, der später als Notpetya bekannt wurde, auf die Welt loszulassen.

Die Hacker-Angriffe auf die Ukraine, die Security-Experte Zhora „eine kalte Dusche“ nennt, hatten auf die ukrainische Hackerszene aber auch einen vitalisierenden Effekt. Im Westen Kiews, in einem Café in einem IT-Hub namens Unit City, treffe ich Yegor Aushev und seine Geschäftspartnerin Evgenia Broshevan.
Beide tragen Kapuzenpullover, Aushev in Schwarz, Broshevan in Rot. Mit Geld aus einem frühen Krypto-ICO haben die beiden eine Plattform namens „Hacken Proof“ aufgebaut. Auf der Plattform können Unternehmen sich für einen Penetration-Test anmelden: gewissermaßen ein Hackbarkeitstest. Einer der rund 3000 auf der Seite angemeldeten legalen Hacker sucht dann nach Schwachstellen im jeweiligen Unternehmen – und protokolliert, was er findet.

Die wechselhafte Geschichte der Ukraine vom ehemaligen Hotspot für Cyber-Kleinkriminelle zum gebrannten Kind des Cyberkrieges hat das Geschäft in Schwung gebracht. „Es hat lange gedauert, um Leute zu überzeugen, das erste Mal eine ukrainische Cyber-Security-Firma anzuheuern. Andererseits ist die Ukraine mittlerweile für ihre Hacks und Hacker bekannt“, erklärt Aushev.

Ein Kunde, auf den er besonders stolz ist, ist eine asiatische Airline. Es gibt keine offiziellen Zahlen, aber Hacken-Proof-Gründer Aushev schätzt, dass es in der Ukraine rund 30 Cyber-Security-Unternehmen gibt. Dabei hat er die steigende Nachfrage nach Sicherheitsspezialisten als eigenes Geschäftsfeld entdeckt – und IT-Security-Kurse ins Portfolio seines Unternehmens aufgenommen.

Nicht zuletzt wegen Hacks wie BlackEnergy und Notpetya boomt die Sicherheitsindustrie wie nie zuvor. Und ukrainische Hacker sind im Feuer des Cyberkriegs zu ihrer eigenen Marke geworden.

EU geht mit Drohnen auf Einbrecherjagd

Europäische Polizisten gehen mit kaum sichtbaren Drohnen gegen Einbrecherbanden vor. Beteiligt ist auch das BKA.

Beschafft wurden die Drohnen für das EU-Projekt „Spectre“, das von der französischen Nationalpolizei, dem BKA und einem speziellen Büro der litauischen Kriminalpolizei geleitet wird. Ziel des Projektes ist es, grenzübergreifend operierende Banden zu schnappen, insbesondere in den Bereichen Diebstahl, Geldwäsche und Korruption. Der EU zufolge wurden im Rahmen des Projekts bis Dezember 2019 insgesamt 450 Verdächtige festgenommen und zwölf Millionen Euro beschlagnahmt.

Insgesamt wurde für das Spectre-Projekt Technik für 200 000 Euro gekauft. Neben den Nano-Drohnen wurden auch 40 GPS-Ortungsgeräte bestellt, mit denen sich der Standort von Verdächtigen in Echtzeit verfolgen lässt. Außerdem wurden laut der Auflistung der Bundesregierung auch Geräte beschafft, mit denen Ermittler feststellen können, ob Kriminelle Frequenzstörgeräte, sogenannte Jammer, einsetzen. Kriminelle auf der Flucht können mit Jammern Funk und Handysignale in ihrem Umkreis blockieren, etwa wenn sie befürchten, dass ihre Handys von der Polizei getrackt werden oder dass in gestohlenen Autos Funkmelder verbaut sind.

Filmproduzent Nico Hofmann sieht große Chancen im Umbruch der Medienlandschaft

Der Filmproduzent und Ufa-Geschäftsführer Nico Hofmann sieht die Medienlandschaft im größten Umbruch seit Einführung des Privatfernsehens vor gut 25 Jahren. „Ich empfinde das als große Chance, weil es nun natürlich wesentlich mehr Anbieter von Bewegtbildern und damit auch mehr Abnehmer für unsere Produktionen gibt“, sagte Hofmann der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Auf diese Weise ergeben sich für die gesamte Branche unfassbar viele Möglichkeiten.“

Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF hätten sich in den vergangenen Jahren massiv darum bemüht, inhaltlich eine gewisse Marktdominanz zu erringen, und verzeichneten in den Mediatheken eindrucksvolle Abrufzahlen.

Die Rundfunkgebühr von 17,50 Euro (demnächst wohl 18,36 Euro) sehe er bei den Abokosten von Bezahldiensten angesichts der Bandbreite des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit seinen 18 Programmen und dem riesigen Hörfunkangebot als „ein echtes Schnäppchen“, sagte Hofmann.

#BoykottAdidas: Wie der Sportartikelriese in Zeiten von Corona das PR-Eigentor des Jahres schoss

Eigentlich gilt Adidas als eine der hippsten Marken der Republik. In der Corona-Krise ist der Drei-Streifen-Konzern nun jedoch unangenehm aufgefallen: Die Weigerung, künftig weiter Mieten für geschlossene Geschäfte zu zahlen, wird von der Politik und in den sozialen Medien auf das Schärfste verurteilt. Der Dax-Konzern ruderte am Sonntag schließlich halbwegs zurück, doch der Imageschaden scheint immens.

Dank cooler Kooperationen mit Kanye West & Co. sind die drei Streifen zu einem der beliebtesten Exportartikel der Bundesrepublik geworden. Adidas, nach Nike zweitgrößter Sportartikelhersteller der Welt, ist in den vergangenen Jahren zum Dauer-Dax-Champion avanciert und bringt es trotz des jüngsten Börsencrashs immer noch auf einen Unternehmenswert von über 40 Milliarden Euro.

Die Herzogenauracher setzten im vergangenen Geschäftsjahr knapp 24 Milliarden Euro um und verdienten unter dem Strich fast zwei Milliarden Euro. Nun kommt Corona, verhagelt Adidas durch die gestrichene Fußball-EM und die Olympischen Spiele das Geschäftsjahr – und offenbar das Gespür für Verhältnismäßigkeit.

„Ich bin enttäuscht von Adidas. Ich bin sehr enttäuscht.“

Die Ankündigung nämlich, wegen Filialschliessungen im Zuge der Corona-Krise keine Mieten mehr zahlen zu wollen, hat einen veritablen Shitstorm in Politik und den sozialen Medien ausgelöst. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer erklärte etwa gegenüber Bild.de: „Ich bin enttäuscht von Adidas. Ich bin sehr enttäuscht.“

Vize-Europaparlamentspräsidentin Katarina Barley (SPD) watschte den Sportartikelriesen unterdessen auf Twitter als “schäbig” ab und postet öffentlichkeitswirksam ein Foto mit Adidas-Schuhen und der Anmerkung: “Das hier waren übrigens die letzten @adidas , die wir gekauft haben.”

Adidas ist dabei nicht der einzige Konzern, der seine Mietzahlungen wegen der angeordneten Ladenschließungen aussetzt – auch der einstige Bruder-Konzern Puma, H&M oder Deichmann sehen offenbar nicht ein, Miete zu zahlen, ohne dass sie ihre Filialen öffnen können. “Es handelt sich hier um eine präventive Maßnahme, um die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit des Unternehmens zu erhalten”, erklärte ein Deichmann-Sprecher.

#BoykottAdidas trendet auf Twitter

Adidas-Konzernchef Kasper Rorsted ärgerte sich am Sonntag in einem Interview mit der FAZ unterdessen über die Doppelzüngigkeit der Politik und erklärte, die ausbleibenden Zahlungen seien “Stundungen” gegenüber Immobiliengesellschaften. In vier Fällen werde die Miete an Privatpersonen fällig – und hier nun pünktlich gezahlt.

Zur Rettung der Filmbranche : Solidarbeitrag statt Rundfunkbeitrag?

Nicht nur die Sender bekommen die Krise zu spüren: Könnte eine Umwidmung des Rundfunkbeitrags helfen?

Die Sender sollen mehr Geld bekommen, vielen Film- und Fernsehproduzenten aber droht das Aus: Dabei hätte die Politik die Möglichkeiten, der Branche zu helfen.

„Die Bedrohung für die Produktionslandschaft ist existentiell“, sagt Marco Mehlitz, Vorstandsmitglied des Produzentenverbandes und Geschäftsführer von Lago Film, zur Lage der Filmwirtschaft. Das Angebot von ARD und ZDF, bei Auftragsproduktionen fünfzig Prozent nachgewiesener Mehrkosten zu tragen, sei nicht ausreichend, da die Unternehmen die anderen fünfzig Prozent schwerlich selbst tragen könnten. In den meisten Fällen übersteige das den Gewinn aus dem betroffenen Projekt. Mehrkosten müssten anerkannt und nachfinanzierbar sein, gegebenenfalls durch Sonderfonds. Die Sender sollten nicht nur bei Auftragsproduktionen, sondern bei Kino-Koproduktionen auf ungenutzte Mittel aus dem Rundfunkbeitrag zurückgreifen. Noch einen Schritt weiter geht der Verband Technischer Betriebe für Film und Fernsehen (VTFF). Er fordert einen Krisenfonds von 375 Millionen Euro, gespeist von den Filmförderern, dem Bund und den Sendern.

Zur Abmilderung der Verluste haben die Förderinstitutionen mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters ein Soforthilfeprogramm von fünfzehn Millionen Euro aufgelegt sowie weitere Unterstützungen für die Kinos beschlossen. Das Hilfsprogramm bezieht sich jedoch nur auf geförderte Projekte. Es stellt kein Notprogramm für die Branche dar, die jährlich eine Wirtschaftsleistung von 6,5 Milliarden Euro (ohne Fernsehsender) erbringt und nun mit zahlreichen Insolvenzen rechnet. Könnte diese Lücke der Rundfunkbeitrag füllen, der 2018 über acht Milliarden Euro betragen hat?

Die Anstalten haben Spielraum

Der Medienrechtler Hubertus Gersdorf formuliert im Gespräch verfassungsrechtliche Bedenken: „Der Zweck des Rundfunkbeitrags ist in §1 Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrag festgelegt.“ Demnach diene er der funktionsgerechten Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen im Sinne des im Rundfunkstaatsvertrag festgelegten Auftrags. „Eine direkte oder indirekte (Hilfsfonds-)Finanzierung von Produzenten und Kulturschaffenden aus Beitragsmitteln müsste sich den Vorwurf einer rechtswidrigen Zweckentfremdung des Rundfunkbeitrags gefallen lassen“, sagt Gersdorf und knüpft an das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Juli 2018 an. Auf den unmittelbaren Programmbezug des Rundfunkbeitrags und die Verantwortung der Sender verweist auch der Vorsitzende der Gebührenkommission Kef, Heinz Fischer-Heidlberger: „Gerade jetzt müssen sie einem gesteigerten Bedürfnis nach verlässlicher Information und Wissensvermittlung, nach Bildungsangeboten zum Beispiel für Schüler und nach Unterhaltung gerecht werden. Große Bedeutung haben in diesen Zeiten die kulturellen Angebote der Rundfunkanstalten. Dazu dienen die Rundfunkbeiträge, die zweckentsprechend, aber auch wirtschaftlich und sparsam eingesetzt werden müssen.“

Beim „wirtschaftlichen und sparsamen Einsatz“ der Mittel haben die Anstalten aber Spielraum. Geld, das ARD und ZDF etwa durch die Verschiebung der Fußball-EM, der Olympischen Spiele und den Ausfall weiterer Großveranstaltungen sparen, könnte für einen höheren Anteil an außerordentlichen Produktionskosten und zusätzliche Aufträge an Produzenten oder ein verstärktes Engagement bei Kino-Koproduktionen eingesetzt werden. Denn für die wegfallenden Events besteht ersatzweise Programmbedarf. So würden die Sender dafür sorgen, dass schnell Geld in die gebeutelte Branche fließt und nicht in die eigenen Rücklagen. Diese Erwartung äußert Rainer Robra, Chef der Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt: Im Rahmen des Programmauftrags könnten „Fremdproduktionen in Auftrag gegeben werden. Im Rundfunkstaatsvertrag ist geregelt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich zur Sicherung der Programmbeschaffung auch an Filmförderungen beteiligen kann.“ Die Sender könnten unabhängig von der jetzigen Lage zur Stärkung der Produktionswirtschaft beitragen. Soforthilfen, die den Firmen offenstehen, seien aber originär staatliche Aufgabe.

Hinreichend Bezug zu Rundfunk und Telemedien

Der Hamburger Senator für Kultur und Medien, Carsten Brosda, plädiert in dieser „außergewöhnlichen Situation“ für mehr Flexibilität, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als auch das kreative Umfeld zu erhalten. Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten neue Produktionen fördern und beauftragen, die nicht an den Dreh vor Ort gebunden seien. Das könnten zum Beispiel virtuelle Filme und Dokus sein.

Die Medienpolitik könnte aber auch selbst gesetzgeberisch aktiv werden. „Selbstverständlich“, sagt Hubertus Gersdorf, „wäre der Gesetzgeber berechtigt, durch Änderung des Medienstaatsvertrags die Beitragsmittel auch für andere Zwecke einzusetzen.“ Wichtig sei, dass die Verwendung hinreichend Bezug zu Rundfunk und Telemedien aufweise. Zurzeit werden 1,89 Prozent des Rundfunkbeitrags für die Landesmedienanstalten und in einigen Ländern für die Filmförderung genutzt. Dagegen hat das Bundesverfassungsgericht keine Einwände – es erkannte im 2. Rundfunkurteil 1971 die Rundfunkgebühr als ein „Mittel zur Finanzierung der Gesamtveranstaltung Rundfunk“ an. Das bedeutet, dass mit dem Rundfunkbeitrag Maßnahmen finanziert werden können, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur mittelbar zugutekommen. Eine solches Projekt war 1978 die befristete Finanzierung des Kabelpilotprojekts durch den „Kabelgroschen“, in Höhe von monatlich 0,20 DM.

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Medienstaatsvertrag und Rundfunkbeitragsstaatsvertrag sind noch nicht von den Landtagen verabschiedet. Die Ministerpräsidenten könnten sie im Juni noch verändern. Einen „Nothilfecent“ könnten die Länder für die Filmwirtschaft zusätzlich zur Empfehlung der Kef von 18,36 Euro beschließen. Würde für einen Hilfsfonds der Rundfunkbeitrag 2021 um ein weiteres Prozent erhöht, käme jährlich eine Summe von 80 Millionen Euro oder, für vier Jahre befristet, von 320 Millionen Euro zusammen. Der Beitrag müsste dafür um 17 Cent auf 18,53 Euro erhöht werden. Eine zweckgebundene Erhöhung sollte Bürgern und Landtagen zu vermitteln sein, wenn die Anstalten selbst ihren finanziellen Spielraum konsequenter nutzen, um die Filmwirtschaft vor dem Desaster zu bewahren. Medienpolitiker und Intendanten verweisen gern darauf, der Rundfunkbeitrag sei ein Solidarbeitrag: Jetzt könnte man ihn zu einem solchen machen.

Constantin-Chef glaubt an Comeback des Kinos

„Es wird wieder Sehnsucht nach Kino geben“, sagte er. „Ich glaube an ein großes Comeback des Kinos.“ Die Zeit bis dahin werde allerdings hart für die Branche, sagte der Filmproduzent („Fack ju Göhte“). „Kredite allein helfen da nicht. Einem Kinobesitzer irgendwo in der Provinz nutzt es nichts, wenn er jetzt ein paar Tausend Euro bekommt, die er in ein paar Monaten zurückzahlen muss. Dazu wird er nicht in der Lage sein.“

Auch die Constantin habe Schwierigkeiten. Die Produktion von mehr als 30 Filmen, Shows und Serien stoppe. Moszkowicz rechnet mit Mehrkosten von mehreren Millionen Euro. „Die Politik hat lange gezögert, klare Ansagen zu machen“, kritisierte er. „Und dann ging auf einmal alles sehr schnell. Da war kaum Zeit zu reagieren.“ Was der Branche jetzt helfen würde, sei das Ausrufen des nationalen Notstandes. „Das hätte massive Veränderungen im Haftungsverhältnis zur Folge. Dann müsste der Staat für die Kosten aufkommen.

Moszkowicz kritisierte auch die Versicherungen. Sie hätten sich „rausgezogen und gesagt, dass sie nicht zahlen wollen“. Es gebe Klauseln, die Pandemien und Epidemien ausschließen. „Unfassbar, wie sich einige in der Versicherungsbranche jetzt verhalten.“

Quo vadis, ProSiebenSat.1?

Max Conzes Abschied als Vorstandsvorsitzender von ProSiebenSat.1 kam recht überraschend, auch wenn die darauf hindeutenden Anzeichen kurz zuvor sich immer mehr verdichteten. Die Trennung sei trotz ebendieser Nebengeräusche „einvernehmlich“ verlaufen. Aufgrund des Schweigens seitens Conze ist diese Darstellung durchaus in Zweifel zu ziehen. Was bleibt, ist noch eine ganze Reihe Fragenzeichen.

„Mit der neuen Aufstellung des Vorstands geht auch ein veränderter strategischer Fokus einher. Die ProSiebenSat.1 Group wird ihr operatives Geschäft wieder stärker auf den Entertainment-Sektor in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) ausrichten.“, heißt es in der Mitteilung von ProSiebenSat.1 vom Donnerstag. Man will dabei „in enger Kooperation mit den Red Arrow Studios und Studio71“, den TV- und Online-Produktionshäusern des Unternehmens, agieren. Soweit, so gut.

Bedeutet dies eine Abkehr von Conzes Strategie?

Weiter wird verkündet: „Unter anderem über die Streaming-Plattform Joyn soll die digitale Reichweite weiter ausgebaut werden. NuCom bleibt eine synergetisch wichtige Säule des Konzerns.“ Joyn ist das primäre Vorzeige-Projekt von Conze gewesen, seit dieser im Juni 2018 das Zepter bei ProSiebenSat.1 übernommen hatte. Es ist nicht von der Hand zu Weisen, dass ein Mammutprojekt wie der Ausbau einer hauseigenen Mediathek hin zu einer sender-übergreifenden Streamingplattform ohne das Drängen von seiner Seite, mutmaßlich um einiges länger hätte dauern können, wenn es denn überhaupt mit einer derartigen Zielstrebigkeit verfolgt worden wäre.

In diesem Punkt halten die neuen Leute am Ruder, namentlich der neue Vorstandssprecher Rainer Beaujean, die neuen Vorstands-Mitglieder Wolfgang Link und Christine Scheffler und nicht zuletzt der für die Demission hauptverantwortliche Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Werner Brandt, am von Conze eingeschlagenen Weg fest.

Hat der Zukauf im Dating-Portal-Segment Conze das Genick gebrochen?

Das Betonen, dass NuCom weiterhin Teil des Kerngeschäfts von ProSiebenSat.1 bleibt, spricht gegen die These, dass die Umtriebe Conzes Abseits des klassischen TV-Segments derartig kritisch beäugt wurden, als dass sie entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden gehabt haben könnten. Zu NuCom gehört auch die Parship Group, die gemeinsam mit dem Übernahmeziel The Meet Group zu einem führenden Anbieter im globalen Online-Dating-Markt aufgebaut werden soll. Die Investition sollte wahrscheinlich auch ein Signal in Richtung der Aktionäre sein, dass man in geschäftlich kritischen Zeiten handlungsfähig ist und bleibt. Von einer Abkehr von dem Übernahmeplan ist dementsprechend zunächst auch nichts zu hören seitens der neuen Leitung.

Dem Ansatz des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden entgegen steht lediglich die noch ziemlich vage gehaltene und nicht auf NuCom bezogene: „Die bestehenden Beteiligungen, die von Werbung auf den Entertainment-Plattformen profitieren, werden werthaltig weiterentwickelt und im Zuge einer aktiven Portfoliopolitik zu gegebener Zeit veräußert.“

Geht die Übernahme-Angst um?

In der angesprochenen, finanziell nicht leicht zu meisternden Situation, wittern die Großaktionäre wie der Berlusconi-Konzern Mediaset und der tschechische Milliardär Daniel Kretínský die Chance, ihren Einfluss auszubauen und gegebenenfalls vielleicht sogar ProSiebenSat.1 ganz zu übernehmen. Immerhin sind seit kurzem 30 Prozent (Anm.: 20 Prozent Mediaset, 10 Prozent Kretínský) der Anteile in ihren Händen.

Conze hatte sich in dieser Beziehung immer wieder ausweichend geäußert, wenn auch er stets betonte, dass man nicht an einer „feindlichen“ Übernahme interessiert sei. Auf der anderen Seite erhöhte sich die Beteiligung der genannten Interessenten während seiner Ägide sukzessive.

Oder war doch die Personalie Conrad Albert ausschlaggebend?

Eine Recht deutliche Sprache spricht, dass im ersten Jahr nach Conzes Amtseintritt vier von fünf Vorstandsmitgliedern ausgetauscht wurden. Als letztes Puzzlestück kündigte Vize-Chef Conrad Albert seinen Abschied nach Auslaufen seines Vertrags für 2021 an. Seine Entscheidung teilte Albert eigenen Angaben zufolge bereits im Sommer 2019 dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Brandt mit.

Aufgrund kritischer Äußerungen in Richtung Conze im Rahmen der Verkündigung seines Rückzugs musste Albert kurzfristig seinen Hut nehmen. Dabei könnte es gut sein, dass der pikanterweise ebenfalls „einvernehmliche Rauswurf“ in den Augen des Aufsichtsrats das Fass langsam zum überlaufen gebracht hat. Folglich scheint es so, dass vielmehr die intern umstrittene Personalpolitik Conzes für ihn zum Damoklesschwert wurde, als seine geschäftliche Strategie. An letzterer wird entgegen des Tenors der Mitteilung zu seinem „Abschied“ erst einmal nicht großartig gerüttelt.

Diese hätte gut und gerne auch die Überschrift „Conzes Strategie, nur ohne Conze“ haben können.

Nach der „Vorstands-Soap“ beginnt für ProSiebenSat. 1 der Überlebenskampf

Conze war vor knapp zwei Jahren in München als Vorstandschef angetreten, blieb in seinem Wirken aber weitgehend erfolglos.

Als der gebürtige Bielefelder Max Conze Mitte 2018 von Aufsichtsratschef Werner Brandt geholt wurde, war das eine Überraschung, denn Conze hatte bis dahin niemand auf dem Plan gehabt. Gehandelt wurden für den Chefposten stattdessen Kandidaten wie der Fernsehmanager Gerhard Zeiler, einst Chef der RTL-Gruppe.

Conze war zu dem Zeitpunkt bereits bei dem Staubsaugerhersteller Dyson ausgeschieden. Diesen hatte er erfolgreich geführt, in München schlug ihm daher also durchaus Wohlwollen entgegen. Er wolle zuhören, sagte er damals bei einem Hintergrundgespräch in München-Unterföhring. Conze trat nicht als Großsprecher auf, die ersten Reaktionen waren trotz seiner Unkenntnis der Thematik auch in der Medienbranche positiv.

Innerhalb weniger Monate begannen die Einschätzungen zu Conze allerdings zu kippen. Zum einen wurde dem früheren Bundeswehr-Fallschirmjäger vorgeworfen, beratungsresistent zu sein. Dabei hätte gerade er als Branchenfremder Beratung nötig gehabt. Zum anderen, so lauteten zumindest immer wiederkehrende Anschuldigungen, lasse er das nötige Engagement vermissen, sei nicht präsent genug.

Es dauerte nicht lange, bis sich vier von fünf Vorständen aus der Zeit vor Conze verabschiedet hatten. „Es hat einfach nicht gepasst“, sagte Conze im Juni vergangenen Jahres dazu in einem Interview mit WELT AM SONNTAG. Doch auch der Aktienkurs – ohnehin seit einem Höhepunkt 2015 mit knapp 50 Euro in einer Abwärtsbewegung – sank weiter. Am Freitag lag er bei nur noch 6,95 Euro.

Conzes Abgang war damit letztlich unvermeidlich, das Vertrauen der Anleger ist dahin. Selbst von ihm persönlich angeheuerte Manager hatten zwischenzeitlich schon wieder die Flinte ins Korn geworfen. Dabei war die Strategie des Vorstandschefs, zu der unter anderem der Aufbau einer nationalen Streamingplattform namens Joyn gehört, an sich nicht falsch, eigentlich sogar zwingend.

Aber Conze schien der falsche Mann zu sein. Das wollten bisher aber weder er selbst noch Aufsichtsratschef Brandt so sehen, der „seinen“ Mann lange schützte. Conzes Sturz noch weit vor der Hauptversammlung von ProSiebenSat.1 im Juni leitete dann auch nicht Brandt, sondern ein Interview mit dem langjährigen Vizechef Conrad Albert in der „Süddeutschen Zeitung“ ein.

Albert hatte der Zeitung Anfang März gesagt, er werde seinen Vertrag, der im kommenden Jahr ausläuft, nicht verlängern. Er sei nicht nur dem Aufsichtsrat und dem Vorstand verpflichtet, sondern dem gesamten Unternehmen, das er zusammenhalten wolle. Doch die „momentane Situation“ mache dies „zunehmend schwierig“. Es sei der Eindruck einer „Vorstands-Soap-Opera“ entstanden – ein Verweis auf die zahlreichen Abgänge.

Das war nur halb diplomatisch formuliert und sorgte für einen Eklat. Albert verließ das Haus nur wenig später. Man darf davon ausgehen, dass der besonnene Stratege Albert die Folge einkalkuliert hat, dass ihn dieses Interview im Schnelltempo aus seinem Posten befördern würde. Albert wird aber möglicherweise auch davon ausgegangen sein, dass es nicht lange dauern würde, bis ihm Conze folgt.

Denn spätestens jetzt wird es einflussreichen Gesellschaftern von ProSiebenSat.1 gereicht haben mit den Querelen in Unterföhring. Zu den Gesellschaftern zählen der italienische Medienkonzern Mediaset der Berlusconis, die rund 20 Prozent halten, und eine Investmentfirma des tschechischen Milliardärs Daniel Kretinsky, die vor Kurzem auf einen Anteil von zehn Prozent aufstockte.

Hätte Aufsichtsrat Brandt sich nicht selbst dazu durchgerungen, seinen Mann Conze abzusetzen, hätten es wahrscheinlich die Großaktionäre für ihn getan – und dabei vermutlich Brandt selbst über die Klinge springen lassen. So zumindest heißt es hinter den Kulissen. Brandt, auch Aufsichtsrat der RWE AG, behält mit der Absetzung halbwegs das Heft in der Hand, viel mehr aber auch nicht. ProSiebenSat.1 wird nun von Finanzchef Rainer Beaujean geführt, neu in den Vorstand kommen Unterhaltungschef Wolfgang Link und Personalchefin Christine Scheffler.

Ob es bei dieser Konstellation bleibt, ist freilich unklar, auch wenn Beaujean versuchen wird, nicht nur als Interimschef in die Firmengeschichte einzugehen. Er sagt: „Dieses Unternehmen hat weit mehr Potenzial, als ihm derzeit extern beigemessen wird.“ Dennoch ist es natürlich möglich, dass sich der Aufsichtsrat (wieder einmal) auf die Suche nach einem namhaften Manager oder einer Managerin begibt. Die frühere RTL-Chefin Anke Schäferkordt wäre beispielsweise eine Option, doch vermutlich ist sie zu klug, sich weiteren Turbulenzen in Unterföhring auszusetzen.

Erste Kursänderungen werden schon angekündigt: Mehr Entertainment soll es nun richten. Dafür soll Wolfgang Link sorgen, der sich im Zuge der Münchener Machtspiele erfolgreich behauptet hat. Allerdings ist Link als oberster Inhaltechef auch mitverantwortlich für einen Teil der Krise, in der ProSiebenSat.1 steckt. Die Sender haben viel zu spät in eigene Stoffe und Formate investiert. Erfolgsformate wie „The Masked Singer“ blieben Einzelfälle, aktuell setzt man Hoffnungen auf die Trash-Show „Promis unter Palmen“.

Die Unterhaltung soll also aufblühen, auch mit Unterstützung von Studio71, das vor allem Videos mit Influencern dreht, und dem Produktionsstudio Red Arrow, das bis vor Kurzem noch verkauft werden sollte. „Lokale und Live-Formate“ sollen entwickelt werden. Keine Zukunft dagegen hat offenbar das Beteiligungsgeschäft an digitalen Firmen.

Zwar heißt es, das Portfoliounternehmen NuCom, das man gemeinsam mit der Investmentfirma General Atlantic betreibt, bleibe eine „synergetisch wichtige Säule des Konzerns“. Doch die Beteiligungen, darunter eine Sammlung großer Dating- und Kennenlernplattformen, der Dienstleister Verivox, ein Online-Parfumshop und ein E-Commerce-Angebot für Sexspielzeug, solle „werthaltig weiterentwickelt und im Zuge einer aktiven Portfoliopolitik zu gegebener Zeit veräußert“ werden.

Diese Entscheidung ist ein Bruch mit der Strategie von Conzes Vorgänger Thomas Ebeling, der ProSiebenSat.1 vor vielen Jahren aus einem Tief gerissen hat, unter anderem mit der Investition in Start-ups aller Art, vor allem auf dem Feld des E-Commerce. Mit seiner Auswahl lag Ebeling damals zwar nicht immer richtig, doch hatte er es vermocht, ProSiebenSat.1 eine richtig gute Story zu verpassen. Sein Wort galt im Vorstand, der ehemalige Pharma-Manager vergrub sich tief in das Fernsehgeschäft und trieb gleichzeitig die Neuerfindung mit dem wachstumsstarken Digitalgeschäft voran.

Die Rückkehr der Autokinos?

Seit Jahrzehnten war fast alles, was man über Autokinos las, ein Nachruf. Nun, da die Viren fliegen, sind sie plötzlich wieder da. Und die amerikanische Geschwisterschaft der Fahr-rein-Unternehmer macht uns Mut.

Lauter längst vergangen geglaubte Dinge kommen gerade zurück. Wer hätte noch vor kurzem gedacht, das Wort „Passierschein“ habe mehr als eine historische Bedeutung? Oder die Rationierung von Lebensmitteln? Und dann ist da noch das Autokino. Seit Jahrzehnten war fast alles, was man über Autokinos las, ein Nachruf. Jetzt berichten verschiedene amerikanische Zeitungen über die Wiederkehr des Verdrängten. Hier nämlich kann man soziale Distanz leben und trotzdem ausgehen beziehungsweise -fahren, Popcorn inklusive.

Laut der „United Drive In Theater Owners Association“ (UDITOA), dem Verband amerikanischer Autokino-Besitzer, gibt es 305 Autokinos in der Vereinigten Staaten. Bislang hätte man „noch“ gesagt, jetzt denkt man sich: immerhinque! Die Internetseite der UDITOA hält dann sogar eine nach Bundesstaaten aufgeschlüsselte Statistik parat, und siehe da: In Nebraska gibt es leider wirklich nur noch ein Autokino, in Pennsylvania hingegen sagenhafte 28, mit insgesamt 45 Leinwänden. Das „mission statement“ auf der Internetseite klingt plötzlich wie eine Abwandlung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „To form a strong brotherhood (and sisterhood) of drive-in owners“. Die Geschwisterschaft der Fahr-rein-Unternehmer soll einander bei Problemen helfen und die Öffentlichkeit bilden und erziehen.

Zugegeben, das „Blue Starlite Mini Urban Drive-In“ in Austin, Texas, das in einem Revival-Artikel der „New York Times“ beschrieben wird, sieht auf dem dazugehörigen Bild aus, als habe es noch ordentlich Luft nach oben: ein abgehalfterter Parkplatz mit Kleinstleinwand, auf der ausgerechnet der ultimative Tunix-Film „The Big Lebowski“ gezeigt wird. Auch so ein altes Wort: „Tunix“. Aber für die Luft nach oben, den Stoff der Träume, den wir alle gerade so brauchen, bietet die Homepage der UDITOA ihrerseits Raum. In ihrem Inhaltsverzeichnis entdeckt man zwischen „About Us“ und „Members“ tatsächlich auch eine Kategorie „For Sale“. Neugierig klickt man darauf – und siehe da: Ein „schönes Fünfhundert-Autos-eine-Leinwand-Drive-in unterhalb der Smoky Mountains“ steht zum Verkauf. Auf halbem Weg zwischen Knoxville and Chattanooga. Mit „radio sound“, das heißt, die Tonspur des Films wird auf einer eigenen Radiofrequenz übertragen, mit digitaler Projektion und „in gutem Zustand“.

Kann man sich eine romantischere Verkaufsanzeige denken? Ein Land der Möglichkeiten. In Deutschland, war gerade im Regionalteil dieser Zeitung zu lesen, bleiben auch Autokinos nicht von den Quarantäne-Maßnahmen verschont. Das Autokino Gravenbruch bei Neu-Isenburg etwa, das demnächst sechzigsten Geburtstag feiert, ist derzeit geschlossen.

Fernsehen for Future: TV-Konsum in Krisenzeiten

Wenn Fitnessstudios, Schulen und Kirchen ihre Türen schließen, finden selbst TV-Verächter im Fernsehprogramm wichtige Lebensinhalte wieder: Die Senderlandschaft hat in Rekordzeit auf die Krisensignale reagiert und das Programm wird so zu Lehrer-Ersatz, Personal Trainer und spiritueller Anlaufstelle in Zeiten sozialer Isolation.

Wenn Marcel Reich-Ranicki das Hier und Heute nur miterleben könnte: Grimmig hatte der berühmte Literaturkritiker seinerzeit im Jahre 2008 den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt und den versammelten TV-Machern die Leviten gelesen, dass selbst den gefasstesten Medien-Profis das eingefrorene Lächeln aus dem Gesicht fiel. Mit dem zeitgenössischen Trash-TV wollte der schlagfertige Literaturpapst sich nicht assoziiert wissen, in seinem Rundumschlag auf der Kölner Galabühne warf er den Programmverantwortlichen gröbste Verfehlungen auf ganzer Linie vor. Und wer den endlosen laufenden „Promi-Fleischwolf“ (herzlichen Dank, Oliver Kalkofe) und die voyeuristische Zurschaustellung der Abgründe prekärer Existenzen im Privatfernsehen in den vergangenen Jahren mitverfolgt hatte, musste Reich-Ranicki anhand der klaren Faktenlage in größten Teilen seiner Kritik zustimmen.

Entertainment ist nicht genug
Nun ergibt sich gerade krisenbedingt eine veränderte Gemengelage: Die täglichen Anlaufstellen für sportliche Aktivitäten, soziales Miteinander sowie Bildungs- und Kulturvermittlung mussten im Rahmen der Corona-Epidemie bis auf weiteres geschlossen werden – und Deutschland harrt ebenfalls geschlossen in den heimischen vier Wänden aus. Nach ein paar Stunden (oder Tagen) scham- und schonungsloser Netflix-Völlerei stellt sich jedoch so manchem dann doch die kritische Frage, ob ein reines Unterhaltungsprogramm den wesentlich diverseren Input eines echten gesellschaftlichen Lebens ersetzen kann. Kurz gesprochen: Nicht im Traum.
Die auf Massenbespaßung durch einen endlosen Strom an Unterhaltungsformaten ausgerichteten Streamingdienste haben sicher in Zeiten der häuslichen Isolation von Millionen Menschen auch Hochkonjunktur – doch erschöpft sich deren Leistungsangebot eben größtenteils in Entertainment-Angeboten ohne Aktualitätsbezug. Letztere führen sich viele auch gerne mal im Binge-Modus zu – an Sonntagen mit Nieselwetter oder krankgeschrieben auf der Couch. Doch irgendwann wollen die Allermeisten zurück in den Yoga-Kurs, das Fitnessstudio – oder eben auch in die Kirche. Und genau das geht derzeit nicht wirklich.
Deus ex Machina: Lineares Fernsehen
Hier werden die Anbieter linearer Fernsehprogramme nun zu unerwarteten Helden des Alltags, der so in seiner eigentlichen Form kaum noch zu existieren scheint: Bildungsangebote und pädagogisch wertvolle Kinderprogramme wurden im Kontext der bundesweiten Schulschließungen unverzüglich massiv ausgeweitet und ermöglichen neben reiner Ablenkung des Nachwuchses durch eine kostenlose Amazon-Kinderfilmbibliothek auch die Aufrechterhaltung einer Art Alltagsstruktur. An der mangelt es natürlich nicht nur den Kleinsten: Wer sonst durch seine festen Sporttermine in Gruppen und Vereinen zur körperlichen Ertüchtigung kam, muss sich jetzt ohne Gruppenzwang und Übungsleiter fit halten. Auch hier reagieren die TV-Sender prompt und selbst Pay-TV-Anbieter rufen kostenlos zugängliche lineare Programme ins Leben, die sich an der Bedarfslage der Bevölkerung orientieren.
Nicht nur für regelmäßige Besucher von Gottesdiensten oder anderen Zusammenkünften im Sinne des Seelenheils ergibt sich gerade auch ein erhöhter Bedarf an Trost, Zuversicht und Gemeinschaftsgefühl: Viele Deutsche blicken anhand der drohenden – oder schon jetzt einschneidenden – wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Epidemie in eine ungewisse Zukunft, die gerade neben akuten gesundheitlichen Sorgen viele Menschen zusätzlich verunsichert. So ergibt es nach anfänglicher Verwunderung durchaus Sinn, dass einem kleinen Programmhinweis auf die gestrige Übertragung des päpstlichen Segens auffällig großes Interesse zuteil wurde. Die überdurchschnittlich guten TV-Quoten für entsprechende Übertragungen in den vergangenen Tagen unterstreichen diese Beobachtung nur.
Dass neben der großen Nachfrage im Hinblick auf Bildungsinhalte, Sportprogramme und eben auch Gottesdienste auch das pädagogisch oder spirituell weniger wertvolle Format „Promis unter Palmen“ beim Publikum erstaunlich gut wegkam, würde in diesen Tagen wahrscheinlich sogar Marcel Reich-Ranicki verzeihen. Denn eins ist klar: Das immer wieder zum Auslaufmodell erklärte klassische lineare Fernsehen zeigt gerade, wie wichtig es doch sein kann – auch für die Zukunft.

Buchhändler kämpfen ums Überleben – mit telefonischer Beratung und Lieferservice

Eigentlich hätten viele Menschen derzeit viel Zeit zum Lesen. Das Problem: Auch die Buchhandlungen müssen wegen des Coronavirus fast überall geschlossen bleiben. Das trifft gerade die inhabergeführten Geschäfte schwer. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels rechnet aufgrund der umfangreichen Ladenschließungen mit einem Umsatzausfall von insgesamt einer halben Milliarde Euro pro Monat.

Im Überlebenskampf setzt die Branche auf mehrere Hebel. Um einen Teil der Umsatzausfälle zu kompensieren und zu verhindern, dass die Kundschaft zu Amazon und anderen Internethändlern abwandert, haben auch viele kleinere Läden einen Lieferdienst organisiert.

„Viele Buchhändler nutzen diese Krise als Chance und verknüpfen Onlineshop mit telefonischer Beratung“, sagte Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins dem Handelsblatt. „Sie übertragen eine ihrer großen Stärken, die Beratungskompetenz, auf Social Media und bauen ihre Lieferservices aus.“ Der Verband empfiehlt seinen Mitgliedern zudem, die Nutzung der staatlichen Rettungsschirme zu prüfen.

Die traditionsreiche Buchhandelskette Hugendubel leidet schwer darunter, dass das öffentliche Leben stillsteht und die Läden geschlossen sind. Es würden im Internet zwar sehr viel mehr Bücher bestellt als in normalen Zeiten. Aber: „Unsere Haupteinnahmequelle ist weg. Der Online-Shop kann bei weitem nicht ausgleichen, was uns in den Filialen fehlt“, sagte Gesellschafterin Nina Hugendubel dem Handelsblatt. „Auch Spiele sind gefragt – im Grunde alles, was geeignet ist, um einmal nicht nur vor dem Fernseher zu sitzen“, erläuterte die Münchner Unternehmerin.

Die Familienfirma betreibt mehr als 150 Buchhandlungen in ganz Deutschland und beschäftigt rund 1700 Mitarbeiter. Ein Großteil der Leute hat derzeit nichts zu tun. Wenngleich Hugendubel durchaus kreativ ist in diesen Tagen: „Wir sind auf viele Autoren zugegangen, um ihre Lesungen von zuhause aus live über Instagram zu veranstalten.“

Bei den Autoren und dem Publikum stößt das auf positive Resonanz. Frank Berzbach und Mareike Fallwickl haben zum Beispiel schon im Netz gelesen, am Freitag soll Takis Würger im Livestream vortragen. „In einer Zeit, in der das kulturelle Leben und eben auch jene Begegnungen stark eingeschränkt sind, erlauben uns die digitalen Kanäle, zumindest virtuell Kontakt zu halten und weiter Autoren und Leser zusammenzubringen“, heißt es bei Hugendubel.

Händler spüren als Solidarität

Auch kleinere Buchhändler sind aktiv geworden wie zum Beispiel Marc Schürhoff, der einen gut gehenden Buchladen in Gauting bei München betreibt. Im geschlossenen Geschäft steht sein Fahrrad mit einem Anhänger. Bepackt ist es mit etwa 30 Bücherpaketen, die er gleich wie jeden Tag ausliefern wird. Der kostenlose Lieferservice, oft schneller als eine Bestellung bei Amazon und anderen Internethändlern, stößt bei seinen Kunden auf enorme Resonanz. „Der Zuspruch gibt Mut“, sagt er, „psychologisch ist das wahnsinnig wichtig.“

Die Solidarität im Ort ist groß, in den ersten Tagen nach der Schließung verkaufte er fast so viele Bücher wie sonst nur im Weihnachtsgeschäft. Inzwischen kommt er an vielen Tagen zumindest immer noch auf 30 bis 50 Prozent der normalen Umsätze.

Der Verkauf im Laden ist für Schürhoff und die meisten anderen Läden in Deutschland derzeit komplett verboten. In Leipzig ließ das Ordnungsamt sogar die Bahnhofsbuchhandlung zwischenzeitlich schließen, die einen großen Teil des Umsatzes mit Presseartikeln macht.

„Die Einwohner der Messestadt wurden damit auch ihrer einzigen Möglichkeit beraubt, sind in internationalen Zeitungen und Zeitschriften zu informieren“, klagte die Unternehmensgruppe Dr. Eckert, zu der die Buchhandlung gehört. Nach einem Tag durfte der Laden wieder aufmachen – allerdings keine Bücher mehr verkaufen.

Das ist der Corona-Schutzschirm für die deutsche Wirtschaft

Viele Buchhandlungen müssen ohnehin schon um ihre Existenz kämpfen. „Für die größtenteils Klein- und Kleinstunternehmen, aber auch die wenigen größeren Unternehmen der Branche sind Schließungen kritisch bis existenzgefährdend“, warnte Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die staatlichen Soforthilfen begrüße der Börsenverein. Der deutsche Buchmarkt ist mehr als neun Milliarden Euro groß.

Nina Hugendubel hofft, dass die von Politikern versprochene Unterstützung nun schnell fließt. Bislang sei das nicht der Fall: „Es dauert momentan noch zu lange und ist zu kompliziert, an staatliche Hilfe zu kommen. Das muss unbürokratischer werden.“

Sie fordert zudem, den Beschäftigten stärker unter die Arme zu greifen: „Manchen Mitarbeitern reichen die 60 beziehungsweise 67 Prozent des Einkommens aus dem Kurzarbeitergeld nicht. Da sollte der Staat aufstocken, denn die meisten Unternehmen schaffen das nicht aus eigener Kraft.“

Auch der Gautinger Buchhändler Schürhoff hat in den vergangenen Tagen schon die Hilfsmöglichkeiten geprüft. Fünf Buchhändlerinnen beschäftigt er; eine hat Urlaub genommen, eine andere baut Überstunden ab. „Wenn wir auch im April schließen müssen wird es schwierig“, sagt Schürhoff. Noch kaufen die Kunden viele Romane, Kinderbücher und Lernhilfen zum Beispiel für die Abiturvorbereitung. Doch wie lange Solidarität und Kauflust halten, weiß niemand.

„Wir müssen als kleines Unternehmen alles machen, was möglich ist“, sagt Schürhoff. Und so prüft er die Möglichkeiten von Finanzhilfen über Steuerstundungen bis hin zu Kurzarbeit. Anträge gestellt hat er noch nicht. Wenn dies erfolgt ist, geht es schnell: In Bayern sind laut Wirtschaftsministerium die ersten Auszahlungen der Soforthilfe Corona bereits erfolgt.

Finanzielle Engpässe drohen

Der Börsenverein gibt seinen Mitglieder eine Reihe von praktischen Tipps. Auf keinen Fall erlaubt sei fast überall die Öffnung des Ladens für den regulären Kundenverkehr. Den Laden zu öffnen, weil auch Presseprodukte angeboten werden und der Verkauf von Zeitungen weiterhin zulässig sei, sei nicht empfehlenswert. „Sie müssten, um hier Rechtssicherheit zu erlangen, sicherstellen, dass Kunden wirklich nur Presseprodukte kaufen.“

Der Börsenverein rät auch davon ab, ein Kontaktlos-Regal vor der Buchhandlung anzubringen oder Abholungen an der Ladentür zu ermöglichen. Möglich sei die Lieferung über den Postweg oder selbst organisierte Lieferdienste oder die Abholung der Bücher in einem benachbarten, weiterhin geöffneten Geschäft wie zum Beispiel einer Apotheke. Hier solle man sich aber lieber bei der örtlichen Ordnungsbehörde rückversichern.

Vor allem die kleineren Buchhandlungen sind derzeit auf die Solidarität ihrer Kunden angewiesen. „Ich bin gerührter, als ich sagen kann. Jedes Buch, das sie während der Coronakrise bei kleinen, inhabergeführten Buchläden wie mir bestellen, zählt“, schreibt die Inhaberin der Kölner Buchhandlung Domstraße.

Doch all die kreativen Ideen werden die Einnahmeverluste nicht vollständig kompensieren können. Kleine Buchhandlungen könnten zum Beispiel Betriebsmittelzuschüsse beantragen, wenn sie durch die Corona-Pandemie in einen Liquiditätsengpass geraten, empfiehlt der Börsenverein. Auch könne gegebenenfalls Kurzarbeit beantragt werden. Die KfW hat darüber hinaus ein Sonder-Kreditprogramm aufgelegt, das auch mittlere und große Unternehmen der Buchbranche nutzen könnten.

Von den Schließungen profitieren könnte insbesondere Amazon, der Internethändler liefert Bücher und ist mit seinem Kindle bei E-Books dominant. Im vergangenen Jahr lag der Umsatzanteil von E-Books allerdings laut Börsenverein nur bei unverändert fünf Prozent. Der Buchmarkt insgesamt war im vergangenen Jahr auf den zentralen Vertriebswegen in Deutschland um 1,4 Prozent gestiegen. In Zeiten von Corona wird es schwierig werden, diese Werte wieder zu erreichen – obwohl viele Menschen viel Zeit zum Lesen haben.