Springer-Medienkonzern: „Da bleibt kein Stein auf dem anderen“

Bei „Bild“-Zeitung und „Welt“ stehen umfangreiche Strukturprojekte an. In den kommenden drei Jahren werde man zugleich sparen und investieren, kündigte der Medienkonzern Axel Springer am Montag in Berlin an. Demnach ist ein Personalabbau in Verlag, Redaktionen, Vertrieb und Vermarktung geplant. Die Redaktionen von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ würden „noch weiter zusammengeführt“. Die werktäglichen Ausgaben der „Welt Kompakt“ und der „Welt Hamburg“ werden eingestellt.

Die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ solle sich künftig ganz auf regionale Inhalte konzentrieren, die sie auch für den Berlin-Teil der „Bild“-Zeitung zuliefere. Umgekehrt steuere die „Bild“-Redaktion die überregionalen Inhalte für die „B.Z.“ bei. Das Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ wird redaktionell mit der „Welt“ zusammengeführt.

Zur Personalreduzierung setzt Springer den Angaben zufolge auf Vorruhestandsregelungen und Fluktuation. Daneben soll ein Freiwilligenprogramm mit finanziellen Anreizen und individuell zugeschnittenen Qualifizierungsmöglichkeiten für die betroffenen Mitarbeiter aufgelegt werden.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fordert Unternehmensleitung und Gesellschafter des Springer-Konzerns auf, die massiven Umbaupläne ohne betriebsbedingte Kündigungen umzusetzen. „Einer der größten Medienverlage Europas strukturiert so massiv um, dass kein Stein auf dem anderen bleibt“, sagt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Nach Informationen des DJV sollen so 20 Prozent der Arbeitsplätze in den betroffenen Unternehmensbereichen gestrichen werden.

Springer wollte diese Zahl weder bestätigen noch dementieren. „Das ist keine Reform, sondern ein grundlegender Umbau, der viele bewährte und qualifizierte Journalistinnen und Journalisten auf der Strecke lässt“, sagte Überall. Es sei im Grunde richtig, starke und erfolgreiche Medienmarken mit Augenmaß weiterzuentwickeln. Der DJV befürchte aber, Springer gehe auf dem Rücken der Belegschaft ein zu hohes Risiko ein, um die Renditeerwartung des neuen Gesellschafters KKR zu erfüllen. Während bei den Druckerzeugnissen massiv gespart werden soll, wolle man „Bild“ zur „attraktivsten Live-Plattform für News, Entertainment und Sport“ machen und auch auf die TV-Bildschirme bringen. Bei der „Welt“ würden die Bezahlangebote im Internet ausgebaut. Ein gemeinsames „Sport-Kompetenzzentrum“ solle auf die jeweiligen Marken zugeschnittene Inhalte für „Welt“, „Bild“ und „Sport Bild“ produzieren.

Insgesamt soll im Konzern-Segment News Media National, zu dem „Welt“ und „Bild“ gehören, in den kommenden drei Jahren mehr als 100 Millionen Euro investiert werden. Zugleich solle die aktuelle Kostenbasis um 50 Millionen Euro gesenkt werden. Die Springer-Zeitungen verlieren seit Jahren drastisch an Auflage. Zu konkreten Personalentscheidungen wurden keine Angaben gemacht. Am Wochenende hatte der Mediendienst „Horizont“ berichtet, dass „Bild“ und „BamS“ unter Führung von Gesamtchefredakteur Julian Reichelt fusionieren werden und die bisherige „BamS“-Chefredakteurin Marion Horn bereits mit dem Springer-Vorstand über die Modalitäten ihres Ausscheidens verhandle.

Queer: Ein Magazin im Kreuzfeuer

Seit einiger Zeit zuckt die Redaktion zusammen, wenn das Faxgerät piept: Das Online-Magazin „Queer.de“ wird mit juristischen Klagen überhäuft – aus recht unterschiedlichen Richtungen.

Die Mitarbeiter von Queer.de kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Sie sind es gewohnt, dass ihr Online-Magazin – das sie selbst als „Zentralorgan der Homo-Lobby“ bezeichnen – angefeindet wird. Der kleine Verlag mit Sitz in Köln prangert Ungerechtigkeiten an und berichtet etwa über die Versuche der Palästinensischen Autonomiebehörde, homosexuelle Menschen zu kriminalisieren oder darüber, wie die „Kießling-Affäre“ von 1984 über den angeblich homosexuellen Vier-Sterne-General Günter Kießling bis heute in den Strukturen der Bundeswehr nachwirkt. Zwischen harter Kost gibt die Webseite Tipps für Filmfeste und berichtet über das Baby des schwulen Abgeordneten Tamati Coffey, das im neuseeländischen Parlament vom Präsidenten gefüttert wurde.

Über sich selbst schreibt die Redaktion nie. Kürzlich aber machte Geschäftsführer Micha Schulze eine Ausnahme. „In eigener Sache“ war ein Artikel von ihm überschrieben, und er begann mit einem bildhaften Einstieg. Die meisten Einladungen und Terminhinweise erreichten die Redaktion per Mail, schrieb Schulze, dennoch verfüge man noch über eine Faxnummer. Jedes Mal, wenn sich dort ein Fax mit Klingelton ankündigt, zucke man zusammen. Denn die einzigen Schreiben, die Queer.de dort erreichten, seien Briefe von Rechtsanwälten.

„Noch nie“, sagt Micha Schulze, „haben wir so viele Abmahnungen erhalten.“ Allein in diesem Jahr hätten die Redaktion fast jede Woche Abmahnungen und Aufforderungen zur Abgabe von Unterlassungserklärungen erreicht. Gleichzeitig mit den Faxen kommen „saftige Rechnungen“. Die Redaktion habe für dieses Jahr eigens ein Budget für Rechtsanwaltskosten eingerichtet, das allerdings bereits schon jetzt aufgebraucht sei, sagt Schulze. Woher aber kommt sie, die plötzliche Klagewelle?

Eine Klägerin ist die christlich-fundamentalistische Organisation „Teenstar“, die an Schulen in Deutschland und Österreich Aufklärung betreibt. Vor dem Kölner Landgericht muss sich Queer.de verteidigen, da das Magazin geschrieben hatte, die Aktivitäten des Vereins an Schulen stelle eine Gefahr für Kinder und Jugendliche dar. Der Artikel hatte Bezug genommen auf Dokumente, die der Homosexuellen Initiative Salzburg, kurz HOSI, von einer Teenstar-Kursleiterin zugespielt worden waren. Darin wurde Sex vor der Ehe als Sünde und Masturbation als Problem beschrieben, und der Eindruck erweckt, Homosexuelle litten an einem Identitätsproblem.

In Österreich ist der Verein seit der Veröffentlichung der Dokumente in Verruf. Dort hatte der Bildungsminister im April die Empfehlung ausgesprochen, „Teenstar“ nicht mehr an Schulen vorzulassen, nachdem auch die österreichische Wochenzeitung Falter berichtet hatte. In den Dokumenten hieß es auch, homosexuelle Menschen könnten durch eine Kombination von Therapie, Selbsthilfegruppen und geschulter Seelsorge das eigene „heterosexuelle Potential“ entwickeln. Auch in Deutschland ist „Teenstar“ aktiv. Der Lesben- und Schwulenverband Sachsen fand heraus, dass die Initiative dort an zwei Schulen tätig war, und erklärte in einer Stellungnahme: „Eine ultrakonservative Sexualmoral hat an sächsischen Schulen nichts zu suchen. Die sächsische Landesregierung hat dafür zu sorgen, dass ,Teenstar‘ der Zugang zu Bildungseinrichtungen verwehrt wird und Lehrkräfte wie Verwaltung vor diesen Angeboten gewarnt werden.“

Für „Teenstar“ in Deutschland wirbt etwa die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Internetseite. Die Offensive Junge Christen (OJC), dem auch das „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“ angeschlossen ist, unterstützt den Verein. „Teenstar“ reagierte auf eine Anfrage der SZ nicht.

Das Thema, Homosexuelle zu Heterosexuellen umzupolen, ist gerade auch in Deutschland sehr aktuell: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will Konversionstherapien gesetzlich verbieten lassen. „Homosexualität ist keine Krankheit und nicht therapiebedürftig“, sagt er. „Ich bin sicher, dass die Fachkommission dazu gute und tragfähige Lösungsansätze entwickeln wird. Auf dieser Grundlage werden wir dann schnell entscheiden, wie und was wir in Deutschland umsetzen können.“ Das Verbot könnte Ende 2019 kommen.

Unter den Abmahnern, die Queer.de beschäftigen, ist auch ein bekannter deutscher Soziologie-Professor. Er wollte dem Magazin verbieten, in Bezug auf seine Person zu schreiben, dass er „in Zusammenhang mit Homosexualität von Perversen“ spreche. Obwohl der Professor „nachweislich genau dies getan hatte“, sagt Chefredakteur Micha Schulze.

Auch Tagesschau-Sprecher Jens Riewa klagt gegen Queer.de – weil die Redaktion über eine Sendung von Jan Böhmermann berichtet hatte, in der Riewa als homosexuell beschrieben wurde. Mitte Mai hatte Böhmermann in der ZDF-Show Neo Magazin Royale eine Runde „Wer bin ich?“ mit Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni gespielt. Er musste erraten, welcher Nachrichtensprecher auf Böhmermanns Stirnband zu sehen war: Jens Riewa. Gegen Ende fragte Böhmermann: „Weiß man nicht so ganz so genau, ob ich Hetero oder Homo bin?“, was zu größerem Gelächter führte und Zamperoni sichtlich Schwierigkeiten bereitete. „Ich glaube, man weiß es eigentlich“, antwortete der schließlich. Wenige Fragen später sagte Böhmermann: „Dann bin ich Jens Riewa.“ Die Sendung ist bei Youtube und in der ZDF-Mediathek zu sehen.

Die Anwälte von Riewa allerdings haben Queer.de verboten, einen Artikel zu der Böhmermann-Sendung zu veröffentlichen. In dem Artikel erwähnt das Portal auch Riewas zahlreiche frühere Klagen gegen schwule Medien, die darüber spekuliert hatten, ob er homosexuell sei. Vor dem Landgericht Hamburg erwirkte Riewa wenige Wochen nach Ausstrahlung der ZDF-Sendung im Frühjahr 2017 eine einstweilige Verfügung. Diese verbietet es Queer.de, die Artikel-Überschrift, den Teaser zum Artikel sowie mehrere Zitate anderer Zeitungen und aus einem Dossier des Bundesverbands Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ), die ebenfalls in dem Artikel vorkommen, weiterzuverbreiten. Queer.de beantragte daraufhin die Aufhebung der Einstweiligen Verfügung. Seit zwei Jahren zieht sich das Verfahren nun hin, inzwischen ist es sogar zu einer Hauptverhandlung gekommen. Sollte das Verfahren durch alle Instanzen gehen, würde das Queer.de teuer zu stehen kommen. Mit bis zu 20 000 Euro Verfahrenskosten rechnet Geschäftsführer Schulze. „Das können wir uns eigentlich gar nicht leisten, aber wir müssen den Prozess führen, stellvertretend für alle Lesben und Schwule in Deutschland.“

Bei einem Verfahren wegen Artikeln über Moderator Jens Riewa geht es um 20 000 Euro

Einstweilen ist der Artikel nur noch in einer entsprechend verstümmelten Version zu lesen. Geschäftsführer Schulze möchte das nicht hinnehmen. „Es ist doch völlig egal, ob Jens Riewa homo oder hetero ist“, sagt er. „Das Thema ist nicht seine sexuelle Orientierung, sondern seine notorische Homopanik.“ Man habe die Plauderei bei Neo Magazin Royale aufgegriffen, um an Riewas „skandalöse Prozesse vor fast zwanzig Jahren zu erinnern“. Es sei für seine Generation ein „prägender Schock“ gewesen, sagt Schulze, „dass jemand 50 000 Mark Schmerzensgeld haben wollte, nur weil er irrtümlich als schwul bezeichnet worden war.“ Schulze sagt: „Wir wehren uns gegen Riewas Klage, weil Homosexualität nicht ehrenrührig ist.“

Jetzt wird das Geschäft mit der Reiselust neu verteilt

Die Pleite des britischen Tourismuskonzerns Thomas Cook freut einige seiner Rivalen. Denn für sie eröffnen sich jetzt neue Chancen. In Deutschland könnten vor allem zwei Konzerne profitieren.

Ahoi, Ihr Halunken! Und ein herzliches Hallo an alle Sportbegeisterten!“ So locker begrüßt das Surferhotel „Bretterbude“ in Heiligenhafen auf seiner Website mögliche Gäste. Das Angebot: Konzerte, Poetry Slam sowie „Abbaden zum Saisonende“. Und überall trifft man auf Gleichgesinnte.

Das Haus am Ostseestrand ist ein Beispiel dafür, wie die Zukunft der Reisebranche aussehen könnte. Statt touristischer Hausmannskost nach dem Motto „eine Woche Bräunen am Pool plus Vollpension im Dreisternehotel ab 336 Euro“ sind Deutschlands Reiselustige zunehmend auf der Suche nach Spektakulärem und Speziellem.,

Golfreisen für Aufstiegsorientierte, Radtouren für Umweltbewegte, Luxusaufenthalte für Betuchte verzeichnen hohe Zuwächse. Mit durchschnittlichen Themen und durchschnittlichen Produkten könnten sich Anbieter im heutigen Wettbewerb nicht mehr durchsetzen, schreibt der Wormser Professor Roland Conrady.

Thomas Cook hatte kein klares Geschäftsmodell

Damit dürfte er die Kurzformel für die Ursache der Thomas-Cook-Pleite gefunden haben, schon bevor der britische Reisekonzern Insolvenz anmelden musste. Thomas Cook hat es nach Einschätzung von Branchenkennern versäumt, sein Geschäftsmodell klar zu definieren.

Einige Unternehmen wie Europas größter Reisekonzern TUI konzentrieren sich darauf, stark in eigene Hotels zu investieren, oder sie stecken Milliarden in Kreuzfahrtschiffe. Dafür haben sie im Idealfall große Teile der Wertschöpfungskette vom Verkauf bis zum Aufenthalt der Gäste selbst im Griff. Andere verzichten auf diese „Vertikalisierung“ und setzen auf einen starken Vertrieb, wie etwa die Rewe-Tochter DER Touristik. Thomas Cook hat sich für keines der Geschäftsmodelle konsequent entschieden.

Dazu kam ein Bündel weiterer Fehlentscheidungen, die letztlich den Reisegiganten in seinem 176. Geschäftsjahr zu Fall brachten. Überteuerte Firmenkäufe, viel zu hohe Kosten bei den drei hauseigenen Fluglinien, zögerliche Anpassung an den wackeligen britischen Stammmarkt sind Beispiele.

Einige freuen sich über die Pleite

Die Folgen sind fatal. Weltweit saßen zunächst 600.000 Urlauber fest, rund 21.000 Beschäftigte bangen um ihre Jobs, davon Tausende in Deutschland. Die deutsche Tochter Condor musste beim Staat um Hilfe bitten und kann erst einmal weiterfliegen, dank einer Bürgschaft über 380 Millionen Euro.

Nicht alle sind traurig über das Aus für den lange strauchelnden Riesen Thomas Cook. „Der Markt wird neu verteilt. In dieser Konsolidierung wird es auch Gewinner geben“, sagte DER-Chef Sören Hartmann WELT AM SONNTAG und ergänzte: „Ich denke, die DER Touristik gehört dazu, wie auch TUI und manche Mittelständler.“

Cooks Insolvenzversicherer Zurich hat DER unterdessen beauftragt, die Rückflüge der Reisenden aus der Dominikanischen Republik zu organisieren. Man rechne mit einer vierstelligen Zahl an betroffenen Gästen, teilte DER mit.

„Es wäre schade, wenn Condor unterginge“

Ob die Rewe-Tochter DER mit der Übernahme von Teilen aus dem untergehenden Thomas-Cook-Reich liebäugelt, ließ Hartmann offen, ebenso eine mögliche Beteiligung an der Airline Condor. Deren Komplettübernahme durch DER schloss der Manager, der auch im Vorstand der Rewe-Group sitzt, zwar aus, sagte aber: „Es wäre sehr schade, wenn Condor unterginge.“ In der Reisebranche werde es viele Unterstützer für den Erhalt der Fluglinie geben. „Deshalb glaube ich an die Zukunft dieser Airline, zumal sie ein gutes Management hat“, so Hartmann.

Sollte Condor verschwinden, würde dies nach Ansicht von Kennern die ganze Branche treffen, am stärksten kleine und mittelgroße Veranstalter. Ihnen würden auf vielen Strecken schnell verfügbare, freie Flugkapazitäten fehlen, die keine andere Airline biete. „Die Lufthansa“, so glaubt Hartmann, „würde eben nicht direkt von München in die Dominikanische Republik oder von Hamburg nach Sri Lanka fliegen.“

Eigentlich gilt Condor in der Branche als profitabel. Das Problem, so sagt es ein Firmenkenner, sei gewesen, dass die Gesellschaft ständig Geld an die klamme britische Mutter abführen musste. Dieses Geld habe gefehlt, um die Flugzeugflotte zu modernisieren. „Das Problem kam ganz klar aus England.“ Das könnte die Suche nach einem neuen Eigentümer erschweren. Der britische Rivale Ryanair hat schon abgewunken. „Wir sind an Condor nicht interessiert, sondern nur an ihren Kunden“, sagte Marketingchef Kenny Jacobs.

Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen

Um weitere Pleiten zu vermeiden, fordert Jacobs Stresstests für Tourismusfirmen, wie sie für Banken längst üblich sind. Er begründet das unter anderem damit, dass allein die britische Regierung 600 Millionen Pfund (678 Millionen Euro) Steuergeld ausgegeben habe, um Thomas-Cook-Passagiere wieder in die Heimat zu bringen. Die Condor-Bürgschaft kritisiert der Manager dagegen eher milde. Das Vorgehen sei zwar fragwürdig, aber das Aus des Ferienfliegers würde den Wettbewerb auf dem deutschen Markt weiter schwächen. „Die Kunden müssen die Wahl haben“, forderte Jacobs.

Die Reiselust scheint so schnell nicht zu vergehen, da sind sich die Experten sicher. „Für die Deutschen stehen nach Deckung ihrer Lebenshaltungskosten Ausgaben für Urlaub an erster Stelle“, sagt Fred Hogen, Handelsexperte bei der Nielsen-Marktbeobachtung. Sie gäben deutlich mehr Geld aus als noch vor fünf Jahren. Und im vergangenen Jahr sind die Tourismusausgaben um fünf Prozent gestiegen. Das ist weit mehr als bei den meisten anderen Konsumgütern.

Bittere fünf Buchstaben für die FPÖ

Auf Ibiza hatte Heinz-Christian Strache noch von einer Übernahme der Kronen Zeitung getönt, nun ist seine Partei bei der Wahl abgestürzt. Und das Blatt schickt einen hämischen Gruß.

„Wenn du die Krone hast, hast du die Meinungshoheit“, hat Heinz-Christian Strache mal gesagt. In einer Villa auf Ibiza erläuterten der frühere FPÖ-Chef und sein Adlatus Johann Gudenus Wodka-Bull-beseelt, wie sie nach und nach die Kronen Zeitung übernehmen und zu einem Parteiorgan ausbauen wollen. Dafür wolle man unter anderem auch „zack, zack, zack“ unliebsame Redakteure austauschen.

Aber der verhängnisvollere Satz, der in dem Gespräch mit der angeblich russischen Investorin fiel, lautete:

„Wenn dieses Medium auf einmal uns pusht, dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent.“

Nun ist die FPÖ bei den vorgezogenen Nationalratswahlen auf ein Rekordtief von 17,3 Prozent gefallen. Und die Krone versieht das Zitat Straches via Twitter, zack, zack, zack, mit fünf Buchstaben: Sorry.

Manchen mag das wie ein schlechter Witz aus dem zuständigen Social-Media-Team vorkommen. In Wahrheit ist es ein fein gespielter, vergifteter Gruß an einen, mit dem man mal sehr eng war.

Lange Zeit haben sich die Krone und die Freiheitlichen gegenseitig beflügelt. Sie hetzten gemeinsam gegen Flüchtlinge und den Islam, und wo das Blatt FPÖ-genehme Themen – oder Strache privat im „Papa-Monat“ – lancierte, verschaffte die Partei mit Facebook-Posts über die Krone weitere Leser. Besonders FPÖ-nah war die Onlineausgabe des Blattes. In einem Interview mit dem österreichischen Magazin Fleisch brüstete sich der frühere Chefredakteur, Richard Schmitt, mit seinem „Doppelspiel“ mit Strache und irritierte viele in Wien mit diesem Verständnis von Journalismus.

Aber dann kam Ibiza und die Krone konnte nicht anders, als sich von der FPÖ zu distanzieren. Schmitt musste seinen Posten räumen und das Blatt verkündete, man wolle online bei Flüchtlingsthemen behutsamer berichten. In Österreich heißt es, gegen die Krone wolle niemand regieren. Und man kann nie wissen,auf welche politische Seite sich die Zeitung als nächstes schlägt. Sorry.

Verlage und Start-ups entdecken Mobilitäts-Magazine für sich

Benzin im Blut – das war einmal. Der Automarkt steht zunehmend unter Strom, neue Technologien rücken in den Fokus, vor allem Elektro-Antriebe. Am großen E kommt niemand mehr vorbei – und da tut sich ein Markt für Medien auf. Rund ein Dutzend ernstzunehmende Magazine und Infodienste tummeln sich im deutschsprachigen Raum, die meisten erscheinen zweimonatlich oder quartalsweise, zusammen verbreiten sie eine Auflage von rund 400000 Exemplaren. Hinzu kommen Onlineportale und Blogs wie Electrive.net, Elektroauto-news.net oder Emobly.com, das TV-Moderator und Journalist Richard Gutjahr mitgegründet hat und nun als Chefredakteur leitet.

Was auffällt: Es sind überwiegend kleinere Verlage und Start-ups, die sich mit eigenständigen Publikationen der modernen Mobilität widmen. Das gilt inzwischen auch für Edison, das vor drei Jahren unter dem Geburtsnamen E-Vision innerhalb der Handelsblatt-Familie mit großem Aufschlag startete: Als Supplement lag es dem Handelsblatt und verwandten Titeln wie Wirtschaftswoche, VDI Nachrichten, Zeit und Tagesspiegel bei. Gesamtauflage 1,1 Millionen Stück, Reichweite 3,5 Millionen Leser.

Die Resonanz darauf sei prima gewesen, der Tenor: „Wann kommt die nächste Ausgabe?“, berichtet Franz W. Rother, der die Idee mit dem damaligen Verlagschef Gabor Steingart umsetzte. Im September 2017 feierte dann Edison mit gedruckten 80000 Exemplaren Premiere. Ein Blitzstart gelang nicht, die zwischenzeitliche Neuaufstellung der Handelsblatt Media inklusive Steingart-Abgang tat ein Übriges – und nun haben die Düsseldorfer das Licht ausgeknipst.

Für Edison geht’s trotzdem weiter: Chefredakteur Rother übernimmt den Titel im Management-Buy-out zum 1. Oktober in die Edison Media in Köln. „Wir erklären, wie man Mobilität neu und nachhaltig denkt, wie das konkret funktionieren und im Alltag aussehen kann.“ Er ist überzeugt, dass „Edison als Innovations- und Zukunftsmagazin noch viel Potenzial hat“. Der Copypreis bleibt bei 8,50 Euro, die Frequenz bei vierteljährlich.

Rother baut auf Erfahrungen aus der Anfangszeit. „Der Bedarf an persönlichem Austausch über dieses Thema ist riesig“, sagt er. Zusammen mit Partnern hat er bislang schon 25 „Edison Talks“ veranstaltet, ein Format, das anfangs eher als Marketing-Plattform gedacht war und nun zum relevanten Geschäftsfeld wurde. Zudem sollen weitere Edison-Konferenzen stattfinden, Pläne für eine Academy und Ideen für Consulting gedeihen.

Das Jahr 2017 war ein gründungsreiches für die Medien der „Generation E“. Erstmal erschienen auch Arrive, Electrified, eTecMag und Vision Mobility. Schon 2013 hatte Matthias Herbig ein fertiges Konzept in der Schublade, dann „war die Zeit reif“, sagt der Eigentümer und CEO von Electrified Media. Bei einer Druckauflage von 35.000 Stück entwickelt sich das Magazin eher stetig, aber leicht über Plan. Den Übergang vom Nischen- zum Multi-Milliarden-Markt rund um Mobilität erwartet Herbig in den nächsten fünf Jahren, entsprechend werde die Nachfrage nach Medien wachsen. „Als einer der Pioniere sind wir durch unsere Kompetenz gut positioniert“, so Herbig.

Dazu hat er in Frank Mertens einen erfahrenen Chefredakteur verpflichtet, der daneben weiterhin sein eigenes Onlineportal Autogazette betreibt. „Wir legen Wert auf eigenrecherchierte Storys und starke Haptik. Es geht darum, die Geschichten in den Alltag unserer Leser zu transportieren.“ In diesem Ansatz ähneln sich Edison und Electrified sehr. Herbig und Mertens sind sicher, dass das Thema moderne Mobilität auf Papier gut aufgehoben ist. „Inhalte vertiefen, Dinge erklären, dafür muss man sich Zeit nehmen – und das funktioniert in Printmedien einfach besser.“

Ihre Zielgruppe, in der Mehrheit höher gebildet, kaufkräftig, ökologisch orientiert, ist digital geprägt, aber nicht printabstinent. „Wir sprechen Menschen an, für die Nachhaltigkeit der neue Lifestyle ist“, sagt Herbig. In der Regel sind bis zu einem Zehntel der über 100 Seiten einer Ausgabe Anzeigen, sie stammen überwiegend von bekannten Automarken und -zulieferern. „Das Interesse ist groß, wir laufen offene Türen ein“, erklärt der Magazingründer.

Dazu hat er in Frank Mertens einen erfahrenen Chefredakteur verpflichtet, der daneben weiterhin sein eigenes Onlineportal Autogazette betreibt. „Wir legen Wert auf eigenrecherchierte Storys und starke Haptik. Es geht darum, die Geschichten in den Alltag unserer Leser zu transportieren.“ In diesem Ansatz ähneln sich Edison und Electrified sehr. Herbig und Mertens sind sicher, dass das Thema moderne Mobilität auf Papier gut aufgehoben ist. „Inhalte vertiefen, Dinge erklären, dafür muss man sich Zeit nehmen – und das funktioniert in Printmedien einfach besser.“

Ihre Zielgruppe, in der Mehrheit höher gebildet, kaufkräftig, ökologisch orientiert, ist digital geprägt, aber nicht printabstinent. „Wir sprechen Menschen an, für die Nachhaltigkeit der neue Lifestyle ist“, sagt Herbig. In der Regel sind bis zu einem Zehntel der über 100 Seiten einer Ausgabe Anzeigen, sie stammen überwiegend von bekannten Automarken und -zulieferern. „Das Interesse ist groß, wir laufen offene Türen ein“, erklärt der Magazingründer.

Zum amerikanischen Wahlkampf lockert Facebook die Regeln für Politiker

Wer sich auf Facebook nicht an die Community-Regeln hält, dem droht die Sperrung seines Kontos. Für Politikerinnen und Politiker gilt dies jedoch nicht mehr. Alles erlauben dürfen sich die Mächtigen der Welt aber dennoch nicht.

In den USA ist der Wahlkampf um die Präsidentschaftswahl 2020 in vollem Gange. Im 21. Jahrhundert treibt dieser seine Blüten zu großen Teilen auf Social Media und das nicht immer auf rühmliche Weise. So forderte der amerikanische Präsident Donald Trump auf Twitter vier junge Abgeordnete der Demokraten jüngst dazu auf, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Dies, obwohl drei der vier Frauen gebürtige Amerikanerinnen sind.

Während Twitter dank neuen Nutzungsbestimmungen solch umstrittene Beiträge künftig als Regelverstoß markieren kann, hat Facebook nun die Regeln für Politiker mit Blick auf die amerikanische Präsidentschaftswahl gelockert. Die Community-Standards, welche unter anderem das Verbreiten von Hetze untersagen, gelten für sie nicht mehr. Das erklärte der ehemalige britische Politiker Nick Clegg, der seit einem Jahr als Kommunikationschef für Facebook arbeitet, am Dienstag in einer Rede am Atlantic Festival in Washington, D. C. Am Mittwoch legte Clegg mit einer Presseerklärung nach.

Öffentliches Interesse überwiegt
Facebook begründete diesen Schritt mit dem Nachrichtenwert, die Beiträge von Politikern hätten. Bereits seit drei Jahren dürfen Posts auf Facebook gegen die Community-Regeln verstoßen, wenn sie von öffentlichem Interesse sind. Dieses ist laut Facebook bei Beiträgen von Politikerinnen und Politikern generell gegeben. Das öffentliche Interesse wird bei ihnen höher gewichtet als die Risiken, die von ihren Beiträgen ausgehen könnten. Schon seit längerem gelten für Politiker Sonderregeln. So werden ihre Beiträge nicht auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Sie sind vom «Fact Checking» der Seite ausgenommen.

Wie Clegg in seiner Rede vom Dienstag darlegte, wäre ein Eingriff in den politischen Diskurs nicht mit den Prinzipien von Facebook vereinbar. Die freie Meinungsäußerung sei ein Grundpfeiler der Firmenphilosophie. Facebook habe zwar die Verantwortung, die Plattform vor Einflussnahme von außen zu schützen und politische Werbung so transparent wie möglich zu machen. «Es ist aber nicht unsere Aufgabe, einzugreifen, wenn Politiker sprechen», so Clegg. Ein Privatunternehmen dürfe kein Schiedsrichter in der Politik sein. Mit der Regelanpassung wolle man auch den Vorwürfen entgegentreten, dass hinter der Löschung gewisser Beiträge eine politische Motivation stecke.

Umsetzung noch unklar
Doch es gibt auch Ausnahmen von der neuen Regel. Gefährden Beiträge von Politikern beispielsweise andere Menschen an Leib und Leben, werden die Posts gelöscht.

Hast du eine Zeitung, bist du jemand

Millionäre und Milliardäre kaufen Zeitungen. Sie tun es aus gemeinnützigen Gründen, sagen sie. Eitelkeit und Eigeninteresse spielen auch mit. Wer Medien besitzt, gewinnt Glanz und Gloria.

Ein gequälter Seufzer war am Dienstag unter Medienleuten zu vernehmen. Warum, um Himmels willen, jemand heutzutage noch einen Presseverlag kaufe, fragten einige, als sie die Nachricht hörten, ein Unternehmerpaar wolle die Berliner Zeitung erwerben. Zweifellos gäbe es rentablere Investitionsobjekte. Doch Silke und Holger Friedrich, die künftigen Eigentümer, stehen mit ihrem Engagement keineswegs als Exoten da. Die Krise der Presse hat etliche Quereinsteiger angelockt, die in anderen Industriezweigen zu Geld kamen.

Das prominenteste Beispiel ist die «Washington Post», wo im Jahr 2013 der Amazon-Gründer das Steuer übernahm und die ratlose Besitzerfamilie von ihren Sorgen befreite. Jeff Bezos wie auch Holger Friedrich sind im Technologiesektor aufgestiegen; dasselbe gilt für den Tech-Milliardär Marc Benioff, der den Cloud-Computing-Anbieter Salesforce aufbaute und vor einem Jahr das «Time Magazine» kaufte. Oder die Witwe des Apple-Mitbegründers Steve Jobs, die das Politikmagazin «The Atlantic» kontrolliert sowie bei den Medien «Axios», «Pop-up» und «Sunday Magazine» einstieg.

Die Neureichen des IT-Sektors können sich das nicht nur leisten, ihre Engagements beruhen auch auf einer industriellen Logik. Die technischen Entwicklungen trieben die klassischen Medienanbieter in die Krise, die nun vom Wissen und von den Marketingfähigkeiten der neuen Besitzer profitieren können.

Es interessieren sich nicht nur IT-Unternehmer für die Medienbranche – Millionäre und Milliardäre aus anderen rentablen Branchen zeigen ebenfalls ein Herz für den Journalismus. Der im Pharmasektor aufgestiegene Chirurg Patrick Soon-Shiong erwarb Anfang 2018 die «Los Angeles Times». In der Schweiz unterstützt die Roche-Erbin Beatrice Oeri alternative Medienangebote, Christoph Blocher wurde zum Grossverleger von Gratisblättern.

Privatbankier rettet Linke

In Paris rettete vor vierzehn Jahren der Privatbankier Edouard de Rothschild das im linksalternativen Milieu geborene Blatt «Libération» vor dem Untergang. Er ist dessen Hauptaktionär. Bei der kriselnden, lange Zeit selbstverwalteten «Le Monde» übernahmen 2010 der Modeunternehmer Pierre Bergé, der Banker Matthieu Pigasse sowie der Internetunternehmer Xavier Niel das Steuer. Nun ist die Redaktion in Aufruhr, weil sich der im Handels- und im Energiebereich aufgestiegene Tscheche Daniel Kretinsky einkaufte. Die Belegschaft sieht die redaktionelle Unabhängigkeit in Gefahr.

Nach dem Fall der Mauer entdeckten auch Oligarchen ihre Liebe zur Medienbranche. Der Russe Alexander Lebedew etwa übernahm die defizitäre britische Zeitung «The Independent» und erwarb den Londoner «Evening Standard». Alexander Pugatschew wiederum engagierte sich beim Blatt «France Soir».

Im Osten eroberten Oligarchen ohnehin eine starke Position im Mediensektor – klar mit der Absicht, politischen Einfluss zu gewinnen. In den demokratischen Staaten des Westens machen die Neuverleger gemeinnützige Motive geltend. Sie wollen dazu beitragen, die Gesellschaften mit verlässlichen Informationen zu versorgen. Bei einigen Investitionen spielen gewiss Eitelkeit und Eigeninteresse mit. Wer Medien besitzt, gewinnt Glanz und Gloria, verschafft sich den Nimbus von Macht. Dafür verzichtet man auf hohe Renditen. Die Marktgesetze werden aber auch Mäzene nicht ignorieren können.

Fernsehbranche sucht bei Medientagen den Sinn in Partnerschaften

Keine Krisenstimmung bei den österreichischen Medientagen 2019, aber auch keine Euphorie. Pragmatische Töne prägten den ersten Tag des traditionellen Medien-Herbstevents. Die TV-Landschaft stand im Zentrum, und hatte das Match „Privat gegen ORF und umgekehrt“ früher durchaus brutale Aspekte, reichte es heuer gerade mal für ein wenig Geplänkel. Vielfach beschworen wurde dagegen Kooperation.

Auch und gerade bei hochwertigem fiktionalen Content gelte es, zusammenzuarbeiten, waren sich die am „TV-Gipfel“ vereinten Branchengrößen einig. Christine Scheil nannte „Babylon Berlin“ als Beispiel. Katharina Behrends von NBC Universal International Networks ortete eine „Qualitätsexplosion“ und goldene Zeiten für hochwertige Produktionen. Für das neue Projekt „Prost Mortem“ hat man mit Puls 4 zusammengearbeitet. Für Markus Breitenecker, Chef von ProSiebenSat1Puls4, ein gutes Beispiel für eine „Allianz“, die dem österreichischen Privaten den Einstieg in die Fiction ermöglicht.

Lokale Inhalte und Werbekooperationen
„Wir brauchen lokalen, das heißt österreichischen Inhalt, um uns zu unterscheiden“, nämlich von den „Silicon Valley-Giganten“, ist Breiteneckers Motto. Julia Reuter von der RTL Group nannte wiederum Werbekooperationen als weiteres erfolgreiches Beispiel. Man müsse Bequemlichkeit für User und Werbekunden schaffen. „Keiner möchte sich in fünf verschiedene Apps einloggen. Die Kunden möchten einfach buchen können.“

Max Conze, Vorstand der ProSiebenSat1-Gruppe, verwies auf die Streamingplattform Joyn als Beispiel für zeitgemäße TV-Partnerschaften. Zappn, das Projekt der Österreich-Tochter, „war für uns der Ausprobiercase“, berichtete er im Bühnen-Talk. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz kündigte die Umsetzung wesentlicher Teile des ORF-Players für Mitte 2020 an. Denn „nur mit gestreamten klassischen Fernsehprogrammen allein“ könne ein Unternehmen wie der ORF nicht „vom Public-Service-Broadcaster zur Public-Service-Plattform“ werden. Und es bräuchte dafür eine Änderung des ORF-Gesetzes.

Dem widersprach Breitenecker getreu der derzeitigen Linie des Privatsenderverbands VÖP. Alles, was öffentlich-rechtlich sei und nicht den Wettbewerb verzerre, könne der ORF ohnehin bei der Medienbehörde KommAustria zur Genehmigung einreichen. Und bis Mitte 2021 sei schon etwas sehr lang, so Breitenecker sinngemäß. Wrabetz konterte: Behördenverfahren würden oft Jahre dauern, und jenes zur Frage Flimmit etwa habe „Netflix in seinen Marktchancen nicht wirklich beeinträchtigt“.

Etwas Tempo erhielt der Schlagabtausch zwischen Breitenecker und Wrabetz, als der ORF-Chef kritisierte, der VÖP wolle ORF-Sender „erst kaputt machen und dann vielleicht verscherbeln“. „Schlicht unrichtig“ sei das, sagte Breitenecker empört. Nach kurzem Hick-hack warf dann Reinhard Scolik, einst ORF-Manager und nun Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, trocken ein: „Ich glaube, mit Verlaub, dass das die internationalen Player nicht beeindrucken wird.“ Er habe solche Konfliktlinien im österreichischen Markt schon als „überwunden“ betrachtet. Bei der Suche nach „sinnvollen“ Partnerschaften müsse stets auch die eigene Marke und deren Stärkung berücksichtigt werden, betonte er.

Der Smartphone-Boom ist passé – faltbare Smartphones dürften daran wenig ändern

Das Geschäft war scheinbar rund eine Dekade lang ein Selbstläufer. Mit der Einführung des iPhones durch Apple hatte 2007 eine vermeintlich ewig währende Smartphone-Bonanza eingesetzt; Jahr für Jahr konnten die Hersteller in der Folge den weltweiten Absatz ihrer Geräte steigern. Daraus auf paradiesische Zustände für die einzelnen Produzenten zu schliessen, wäre indessen ein Irrtum. Denn gerade das rasante Wachstum des Marktes machte diesen attraktiv für Newcomer.

Vor allem chinesische Anbieter wie Huawei, Xiaomi oder Oppo konnten sich mittlerweile beachtliche Stücke des Kuchens sichern. Sie profitieren zum einen von der gestiegenen Kaufkraft der technologie-affinen Bevölkerung in ihrem Heimmarkt. Zum anderen gelingt es ihnen, sich in wohlhabenden Ländern durch ein vorteilhaftes Preis-Leistungs-Verhältnis als Alternativen zu Apple, Samsung und Co. positionieren.
Kaum wahrgenommene Innovation

Der zunehmende Konkurrenzdruck befeuerte zwar stets den Innovationswettlauf unter den Anbietern. Doch zumindest aus der Perspektive der Smartphone-Nutzer hatten die Neuerungen lange zumeist inkrementellen Charakter. Das heisst: Grosse Würfe mag es auf technologischer Ebene zwar durchaus gegeben haben. Doch diese waren für die Konsumenten kaum als solche zu erkennen. Das war offenbar auch nicht unbedingt nötig: Die allermeisten Smartphones meisterten und meistern alltägliche Aufgaben zur Zufriedenheit der Kunden – und viel mehr scheint man gar nicht von ihnen zu verlangen.

Solange der Zustrom von Smartphone-Erstkäufern unter dem Strich für eine steigende Nachfrage sorgte, war die Genügsamkeit der Nutzer kein allzu grosse Problem für die Hersteller. Doch mittlerweile hat der Wind gedreht: Der Anteil der Smartphone-Neulinge unter den Käufern geht zurück; und jener der Käufer, die ihr altes durch eine neues Smartphone ersetzen, nimmt zu. Der Markt weist deutliche Anzeichen der Sättigung auf. So konnten 2018 erstmals weniger Smartphones abgesetzt werden als im Jahr zuvor.

Noch mehr Megapixel genügen nicht

Die Hersteller erscheinen dagegen etwas hilflos. Um die Konsumenten dazu zu bewegen, sich ein neues Smartphone zuzulegen, genügt eine Kamera mit noch mehr Megapixeln und etwas mehr Speicherplatz nicht aus. Gefragt ist eine stärkere Differenzierung. Und genau diese Überlegung dürfte hinter der Renaissance des Klapp-Handys stecken.

Anfang des Jahres sorgte Samsung mit dem «Galaxy Fold» für Aufsehen, das sich dank dem faltbaren Display zu einem Tablet aufklappen lässt. Fast zeitgleich hat auch Huawei ein Falt-Handy angekündigt. Das «Mate X» hat in zusammengefalteten Zustand einen Bildschirm auf der Vorder- sowie auf der Rückseite und wird nach aussen aufgeklappt.

Bei ersten Praxistests kam es beim Gerät von Samsung binnen weniger Tage zu schweren Defekten, weshalb die Markteinführung verschoben werden musste. Und das «Mate X» von Huawei wird entgegen den ursprünglichen Plänen zunächst nur in China verfügbar sein. Der Grund dafür ist, dass die US-Regierung Huawei auf eine schwarze Liste gesetzt hat. Seither dürfen auf den Geräten der chinesischen Firma keine Google-Dienste mehr vorinstalliert werden. Offenbar hält es Huawei unter diesen Umständen nicht für sinnvoll, sein Vorzeigemodell ausserhalb Chinas auf den Markt zu bringen.
Zu teuer für den Massenmarkt

Die Frage stellt sich, wie grosse das Potenzial abgesehen von solchen Schwierigkeiten ist. Die Marktforscher der amerikanischen Firma Gartner sind diesbezüglich wenig euphorisch. Sie gehen davon aus, dass 2023 weltweit nur rund 30 Millionen faltbare Geräte verkauft werden dürften. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr sollen etwa 2 Milliarden Smartphones ausgeliefert werden. Der Marktanteil der Klapp-Handys läge demnach bei etwa 1,5%. Dass eine solche Stückzahl nicht ausreicht, um die mittlere Nutzungsdauer der Geräte wahrnehmbar zu drücken, liegt auf der Hand. Gartner geht im Gegenteil davon aus, dass diese sich im oberen Preissegment von derzeit 2,6 auf 2,8 Jahr verlängern wird.

Dass die Nachfrage nach faltbaren Smartphones in den kommenden fünf Jahren bescheiden bleiben dürfte, hat mehrere Gründe. Der offensichtlichste davon ist der Preis: Das «Galaxy Fold» von Samsung wird offenbar rund 2000 Franken kosten. Für das «Mate X» von Huawei müssen gar 2500 Franken auf den Tisch gelegt werden. Der Massenmarkt lässt sich mit solchen Preisen nicht erobern. Denn mit mit der gleichen Summe könnte man sich ein – nicht klappbares, aber leistungsfähigeres – Smartphone und ein Tablet zulegen.

Gleiche Wette aus verschiedenen Gründen

Die beiden Flaggschiffe von Samsung und Huawei dürften folglich Nischenprodukte bleiben. Mögliche Abnehmer könnten nebst technologie-begeisterten «early adopters» etwa zahlungskräftige Pendler sein, die nicht mehrere Geräte mitschleppen möchten – und nebenbei mit ihrem faltbaren Smartphones ihren sozialen Satus signalisieren können. Erst wenn die Preise fallen und sich die Technik im Alltag bewährt hat, ist mit einer breiten Nachfrage zu rechnen.

Ob die Hersteller mit ihren Falt-Smartphones auf das richtige Pferd gesetzt haben, wird sich erst in ein paar Jahren weisen. Auch wenn ein Erfolg alles andere als garantiert ist, hat es durchaus seine Logik, dass einige die Wette eingehen. Den einen Produzenten geht es wie Samsung: Sie müssen etwas riskieren, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Den anderen geht es wie Huawei vor der Eskalation des Konflikts mit den USA: Sie können etwas wagen, weil sie die finanziellen Mittel dafür haben.

Teamviewer: Ein schwäbisches Digitalwunder

Teamviewer ist nicht irgendeine Provinzklitsche, die den lokalen Handwerksbetrieben die Website aufhübscht oder Daten von verreckten Laptops rettet. Sondern ein schwäbisches Technologieunternehmen, das mehr als 230 Millionen Euro Umsatz pro Jahr macht. Das etwa 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Dessen Softwareprogramm auf Millionen Rechnern weltweit läuft. Und das am Mittwoch mit einer Bewertung von 5,25 Milliarden Euro an die Börse gegangen ist.

Dass die Firma von der breiten Öffentlichkeit lange übersehen wurde, liegt möglicherweise an ihrem Produkt. Teamviewer ist nicht ständig präsent, die Software arbeitet eher im Hintergrund – mit einem simplen Zweck: Systemadministratoren und Kindern klickwütiger Eltern die geistige Gesundheit zu retten.

„Da geht was nicht an meinem Computer, kannst du mir helfen?“ So harmlos diese Frage klingt, oft ist sie der Beginn eines längeren Telefonats. Weil dann meist an einem Ende der Leitung jemand sitzt, der eben einfach schnell das „kaputte Internet“ repariert haben oder den Cursor bei Word wiederfinden will. Und am anderen Ende jemand, der das Problem binnen weniger Minuten lösen könnte – wenn er sein Gegenüber nicht blind durch ein Labyrinth von Dropdown-Menüs und Fenstern navigieren müsste.

Genau dieses Problem erkannte Mitte der Nullerjahre eine kleine Softwarefirma aus dem schwäbischen Göppingen – und schrieb ein Programm, mit dessen Hilfe man aus der Ferne auf das Gerät einer hilfesuchenden Person zugreifen konnte, um ihr Computerproblem schnell zu lösen. Screensharing, also „Bildschirm teilen“, heißt die Methode, die das möglich macht. Und Teamviewer heißt die Software, die das Göppinger Unternehmen dafür bastelte – und sich gleich auch noch danach benannte.

Die Ersten werden die Größten sein

So naheliegend diese Idee auch rückblickend scheinen mag: Teamviewer zählte damals zu den Ersten, die Screensharing umsetzten. Privatmenschen konnten ihren Angehörigen und Freunden so auch noch nachts die Rechner wieder fit machen. Und Firmen entdeckten die Businessversionen, weil die IT-Abteilung dadurch nicht mehr ständig vor Ort sein musste, sondern auch aus der Ferne dem digital etwas weniger kundigen Beschäftigten bei seinen Computerproblemen helfen konnte. Klingt banal, spart aber Kosten. Heute zählen laut Teamviewer etwa 50 Prozent der Fortune-500-Unternehmen zu den Kunden.

Teamviewer, das ist ein Technologieunternehmen, das auch international etwas zu melden hat. Das ist selten in Deutschland. Sehr selten. Gut, es gibt SAP, manche zählen auch noch den Halbleiterhersteller Infineon hinzu oder den Onlinemodehändler Zalando. Aber das war es dann auch fast schon. Wie reiht sich ein kleines Unternehmen aus Baden-Württemberg in diese Auflistung ein?

In dieser Kleinstadt haben wir ein Einhorn versteckt

Besuch in Göppingen, wenige Tage vor dem Börsengang von Teamviewer. So kurz vor dem großen Ereignis ist die Führungsriege ausgeflogen, sie ist unterwegs, um Investoren für ihr Unternehmen zu begeistern. Geblieben sind zwei PR-Managerinnen, die durch die Firmenzentrale führen und durch die Geschichte von Teamviewer, die in ihrer offensiven Bodenständigkeit etwas wahrhaft Exotisches hat.

Silicon-Valley-Firmen wie Uber oder Facebook stellen Gewinne oft erst einmal hintenan. Stattdessen verkaufen sie Unternehmensanteile und investieren dieses Geld in ihr Wachstum. Skalieren nennt man das in Gründersprech. Die Idee: Im Digitalen ist es erst einmal wichtig, möglichst schnell möglichst groß zu werden, weil viele Branchen sogenannte Monopolmärkte sind – oft ist es nur ein Unternehmen, das sich etabliert und wirklich erfolgreich wird. So wie Google bei den Suchmaschinen, Amazon im Onlinehandel und Facebook bei den sozialen Netzwerken. Gewinne, so das Kalkül, kommen dann schon noch.

Teamviewer dagegen ist ein Unternehmen, das sich stets selbst finanziert hat. „In Deutschland wachsen neue Unternehmen oft eher langsam“, sagt die Startup-Forscherin Andrea Hermann. Als Professorin an der Universität Utrecht hat sie gemeinsam mit anderen Forschern 300 Startups aus Deutschland zu ihren Gründungen befragt. „Man überlegt sich zweimal, ob man einen Schritt geht oder nicht“, resümiert sie über die deutsche Startup-Mentalität. Typischerweise seien deutsche Firmen daher schnell profitabel. So außergewöhnlich die Geschichte von Teamviewer auch ist – gemessen an diesem Satz ist das Unternehmen typisch deutsch.

Stück für Stück hat Teamviewer seine Produktpalette erweitert. Heute gibt es dort weit mehr als nur das klassische Screensharing von Bildschirm zu Bildschirm: Unternehmen können mit Teamviewer IoT ihre Industrieroboter überwachen und rechtzeitig eingreifen, wenn irgendetwas nicht funktioniert. Wer mit seinem Auto liegenbleibt, kann sich von einem Freund über Teamviewer Pilot per Smartphone anleiten lassen, wie er den platten Reifen reparieren kann. Und mit Blizz können Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der ganzen Welt per Video konferieren. Das Grundprinzip ist immer noch dasselbe: aus der Ferne miteinander kommunizieren.

Nur mit Bodenständigkeit wäre man allerdings wohl auch bei Teamviewer nicht so weit gekommen. Schon 2009 verkaufte der Gründer Tilo Rossmanith seine Firma, fünf Jahre später ging sie an das Private-Equity-Unternehmen Permira – für rund eine Milliarde Dollar. In der Startup-Szene nennt man ein so hoch bewertetes Technologieunternehmen ein Einhorn, zu diesem fabelhaften Kreis zählen auch Airbnb oder Wework.

Der Verkauf von Teamviewer an Permira sei wichtig gewesen, sagt eine der Sprecherinnen: So habe man ein professionelles Management etablieren, neue Abteilungen und Strukturen für den künftigen Erfolg aufbauen können. Permira habe etwa die Rechtsabteilung vergrößert, die Finanzabteilung professionalisiert und die Internationalisierung unterstützt. Obwohl der Hauptsitz in Göppingen geblieben ist, sind weltweit etliche Standorte hinzugekommen: Singapur, Tokio, Jerewan, Madrid, Karlsruhe, Stuttgart.

Das sparkassigste Startup der Welt

Auch in der Firmenzentrale schwankt alles zwischen diesen zwei Polen: hier moderne Startup-Optik, dort behördenartige Provinzialität. An den Wänden im zweiten Stock kleben in bunten Farben die Firmenwerte auf Englisch: Passion. Trust. Security. Simplicity. Diversity. Customer First. Das ist Gründerprosa in Reinform. Es gibt Büros, die sich Dutzende Menschen teilen – schön getrennt durch Wände, die sowohl als Sichtschutz als auch als Pinnwand dienen. Das wirkt dynamisch und agil. Und ganz anders als die verwinkelten Gänge, in denen die Ästhetik einer Sparkassenfiliale vorherrscht. Schon allein wegen der riesigen Pflanzen im zweiten Stock.

Sich derartig nicht einzuordnen, nicht irgendeinem Image hinterherzulaufen, auch das passt zu Teamviewer: Es ist schwer, das Unternehmen einer Kategorie zuzuordnen. Es ist noch jung, aber eigentlich nicht mehr jung genug, um noch als Startup zu gelten. Die Firma ist irgendwie familiär, aber als Beteiligung eines Private-Equity-Unternehmens auch nicht das, was man sich unter typisch deutschem Mittelstand vorstellt. Sie ist nicht klein, aber auch noch weit entfernt von der Größe eines DAX-Konzerns. Das liegt natürlich auch an den Bezeichnungen: Startup, Mittelständler, Konzern – das sind dehnbare Begriffe. Im Zeitverlauf gesehen gebe es keine klare Grenze, wann ein Startup aufhöre und ein Mittelständler anfange, sagt Wissenschaftlerin Hermann.

Vielleicht ist der Erfolg von Teamviewer auch mit dieser Mischung aus Pioniergeist und Professionalität zu erklären. Permira habe Strukturen aufgebaut, sagt eine der Sprecherinnen. Die Kultur des Unternehmens ähnle dagegen noch mehr immer der eines Startups. Von Bürotüren, die auch bei den Chefs immer geöffnet seien, bis hin zu sogenannten Insights-Sessions, in denen Mitarbeiter die Führungsriege alles fragen können. Zum Beispiel, wann die nächste Party stattfindet.

Totale Unterbesetzung, viele Altlasten und Druck

Allerdings herrscht auch bei Teamviewer nicht immer Partylaune. 2017 verließen binnen eines Jahres drei Manager aus der Chefetage das Unternehmen, darunter der Geschäftsführer Andreas König. Auf Anfrage von Zeit Online will keiner von ihnen seinen Weggang kommentieren. Nur: Dass gleich so viele Führungskräfte auf einmal gehen, spricht nicht gerade für Harmonie.

Kaum hatte der neue Geschäftsführer Oliver Steil die Arbeit aufgenommen, geriet auch er in die Kritik. 2018 bemängelte er in einer E-Mail den Krankenstand in der Firma. Sieben bis neun Krankheitstage im Jahr seien pro Mitarbeiter „ziemlich ungewöhnlich“, hieß es darin. Man wolle „von nun an Abwesenheiten wegen Krankheit genau kontrollieren“.

Misstrauen gegen die eigenen Mitarbeiter – das ist keine gute Arbeitsgrundlage. Das Portal Gründerszene bekam die Mail zugespielt und veröffentlichte sie. Auf der Arbeitgeberbewertungsplattform kununu beschwerten sich damals Menschen über den Ton in der E-Mail. Das Managementteam habe eine „hohe Zustimmung“, das habe die letzte Mitarbeiterbefragung gezeigt, sagt eine der Sprecherinnen.

Doch auf kununu werden auch andere Kritikpunkte laut, die weit über Steils Nachricht hinausgehen. Immer wieder finden sich zwei Kritikpunkte: hoher Druck und hohe Arbeitsbelastung. „Wer bei Teamviewer nicht ordentlich funktioniert und immer ans Leistungslimit geht, wird motiviert, zu gehen“, heißt es dort. Oder: „Es gibt durch totale Unterbesetzung, fehlende oder schlechte Prozesse, viele Altlasten und vor allem den Druck, weil einfach alles immer sehr hohe Priorität hat und vorgestern fertig sein soll, eine zu hohe Arbeitslast.“

Diese Belastung wird auch auf den Eigentümer Permira zurückgeführt. Auf kununu beschweren sich Menschen anonym, dass die Firma „komplett vom Investor gesteuert“ sei oder der Investor sich zu stark in die Firma einmische. Das ist erst einmal nicht verwunderlich. Wie jeder Investor will auch die Private-Equity-Gesellschaft ihr investiertes Geld vermehren.

Beim Börsengang deutet sich allerdings an, was daran möglicherweise problematisch sein könnte. Der komplette Erlös aus den verkauften Anteilen geht an Permira – rund zwei Milliarden Euro. Normalerweise sind Börsengänge für ein Unternehmen ein Weg, um neues Kapital für weiteres Wachstum zu sichern. Teamviewer geht dagegen leer aus. Dabei hätte die Firma das Geld nötig – sie war im ersten Halbjahr 2019 mit mehr als 726 Millionen Euro verschuldet.

Von Teamviewer heißt es, dass man nicht auf die Erlöse aus dem Börsengang angewiesen sei. „Wir haben bereits in Vorbereitung auf unseren Börsengang damit begonnen, unsere Finanzverbindlichkeiten konsequent zu reduzieren“, sagte Firmenchef Steil in einem Interview mit Börse Online. Man sei auf einem „sehr guten Weg“.
Größe auf den zweiten Blick

Ob das gelingt, wird man sehen. Der nächste Wachstumsschritt steht jedenfalls schon an: Bald wird die ehemalige Sparkassenfiliale zu klein sein für Teamviewer, das Unternehmen baut daher an einem neuen Gebäude mitten in Göppingen. Schon jetzt kreisen die Kräne über der Stadt.

Wechselt man die Perspektive, dann wirkt übrigens auch die Göppinger Firmenzentrale von Teamviewer ganz anders. Plötzlich ist er nicht mehr zu übersehen – der dicke Teamviewer-Schriftzug, der auf die ehemalige Sparkassenfiliale montiert ist. Was ganz gut zur Geschichte von Teamviewer passt: Größe, die man erst auf den zweiten Blick erkennt.

Warum US-Medien Facebooks News-Vorstoß mit Skepsis begegnen

Mit seiner Ankündigung, einen zusätzlichen Bereich für professionellle Medieninhalte einzuführen, um künftig als seriöse News-Zentrale wahrgenommen zu werden, hat Facebook zuletzt für mächtig Aufsehen gesorgt. Während deutsche Medienhäuser dem News Tab grundsätzlich positiv gegenüberstehen, überwiegt im Facebook-Heimatmarkt USA die Skepsis.

Die Columbia Journalism Review, sicher einer der schärfsten Branchenbeobachter der USA, zeigte sich wenig beeindruckt. So richtig neu, bemerkte das Journal der renommierten Columbia Journalism School, sei das nicht, was Facebook da in der vergangenen Woche als Innovation auftischte. „Die Idee, Journalisten anzuheuern, um Nachrichten zu kuratieren, fällt definitiv in die Kategorie der Dinge, die Facebook immer und immer wieder probiert.“ Die vergangenen Versuche von Facebook, in das Nachrichtengeschäft vorzustoßen, seien ein Fiasko gewesen. Und deshalb ist die Skepsis, ob es nun funktioniert, beträchtlich.

Die Rede ist von den Facebook Tabs, die in diesen Tagen nicht nur in den USA in aller Munde sind und die in den kommenden Wochen das Nachrichten-geschäft hierzulande auf den Kopf stellen sollen. Mit den Tabs möchte Facebook nun endlich erreichen, was mit vorangegangenen Initiativen misslungen ist – „ein integratives Verhältnis zwischen der Plattform und Nachrichtenorganisationen herzustellen“, wie CJR schreibt

Der letzte solche Versuch, die „Trending Topics“, war spektakulär gescheitert. Die Nachrichtenkuratoren wurden beschuldigt, anti-konservative Vorurteile zu hegen. Die extern beschäftigten Redakteure wurden entlassen, eine Untersuchung wurde eingeleitet. Das Feature musste wieder eingestellt werden.

Es war der Tropfen, der für Facebook das Fass zum Überlaufen brachte. Es schien, als könne man bei dem noch immer bedeutsamsten sozialen Netzwerk im Nachrichtengeschäft einfach nicht gewinnen. Nach der Wahl 2016 wurde Facebook vorgeworfen, russische Wahlsabotage ermöglicht und im Allgemeinen extremen Stimmen zur Legitimität verholfen zu haben. Hinzu kam der Vorwurf, den Tod traditioneller Nachrichtenorganisationen zu beschleunigen.

So beschloss Facebook Anfang 2018, sich erst einmal aus dem Nachrichtengeschäft zurückzuziehen und sich auf sein Kerngeschäft zu besinnen. Man erinnerte beim Rebranding an die ursprüngliche Mission von Facebook, die Welt ein Stückchen enger zusammenzubringen.

Doch ganz will man es mit den Nachrichten dann offenbar doch nicht lassen, zumal die Mitbewerber Apple und Google ihre eigenen Formen der Nachrichtendistribution pflegen. Und so treten die Tabs mit neuem Schwung sowie mit dem Versprechen an, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden: Anders als zuvor heuert Facebook diesmal zur Auswahl der Top-News Vollzeit-Nachrichtenprofis an, was die Auswahl der News weniger angreifbar macht. Auch macht das Netzwerk – anders als beim Experiment Instant Stories – nicht mehr ganze Nachrichtenangebote auf Facebook verfügbar. Es wird ordentlich verlinkt, um den Traffic und somit den möglichen Werbe-ertrag den Urhebern zuzuführen. Der Vorwurf, Facebook sei der Totengräber der klassischen Nachrichtenorganisationen, will man so entkräften. Dazu passt, dass den ausgewählten Partnern gutes Geld für ihre Angebote bezahlt wird. Mit der handverlesenen Selektion der kooperierenden Medien will Facebook zudem dem Fake-News-Problem entgegenwirken.

Im Grunde könnten sich die Verteidiger des seriösen Journalismus also freuen. „Die Medienpartner erhalten zusätzliche Einnahmequellen und behalten trotzdem ihre Autonomie“, schreibt die Columbia Journalism Review. Und doch ist die Skepsis groß. So sagte der Geschäftsführer der New York Times, Mark Thompson, in einem Interview mit Reuters: „Wir sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, unsere Leser daran zu gewöhnen, unseren Journalismus anderswo zu finden. Außerdem machen wir uns Sorgen darum, in einem Megamix mit dem Journalismus aller anderen zusammengerührt zu werden.“ Die Teilnahme der Times an dem Projekt, das Gerüchten zufolge auch der Washington Post, Bloomberg und dem Wall Street Journal angeboten wurde, ist also fraglich. Die anderen potenziellen Facebook-Kunden haben sich noch nicht geäußert.

Die Times legt indes ohnehin seit Jahren Wert darauf, ihr Geschäftsmodell von Multiplikatoren wie Facebook zu entkoppeln. Die steigenden Abonnements-Zahlen und digitalen Werbeeinnahmen haben der Zeitung recht gegeben. Das hat man natürlich auch anderswo in der Branche registriert. Und so dürfte die Begeisterung für Zuckerbergs Vorstoß eher verhalten ausfallen. Erst kürzlich ergab eine Studie der Columbia School of Journalism, dass das Verhältnis zwischen Verlagen und sozialen Netzwerken aufgrund der vergangenen Erfahrungen deutlich zurückhaltender geworden ist. „Es herrscht eine Atmosphäre der Desillusionierung und des Misstrauens“, schreibt Emily Bell in der Columbia Journalism Review. Das dürfte sich nun bemerkbar machen. Es fällt den Verlagen schwer, an Zuckerbergs Sorge um den Journalismus zu glauben. Bleibt die Frage, ob sie seinen Angeboten widerstehen werden.

Talktransfer – vom Dritten ins Erste

Für den Produzenten Friedrich Küppersbusch ist die Sache mit dieser ewigen Lust auf Talkshows klar. Talkshows seien Angebote für Traumfamilien, virtuelle Verlängerungen des eigenen Bekanntenkreises. Klassische Talks seien veraltet, solange man noch Bekannte, Freunde, Cliquen habe und selbst rausgehe, brauche man diese psychologische Dienstleistung nicht.

Ein hartes Verdikt – die ARD sieht das etwas anders. Sie startet am Dienstagabend eine kleine Programmreform – mit noch mehr Talkshows. Und bedient sich dabei gleich bei sich selbst. Der „Talk am Dienstag“ bringt die erfolgreichen Freitagsformate aus den Dritten Programmen fast allesamt ins Erste, am einzigen bislang Talkshow-losen ARD-Tag unter der Woche.

Den Start machen Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt mit der „NDR Talk Show“ (ARD, 22 Uhr 45) Im wöchentlichen Wechsel folgen „Kölner Treff“, „3 nach 9“ und, gleich am nächsten Dienstag, die neue Sendung „Hier spricht Berlin“ mit Jessy Wellmer und Eva-Maria Lemke. Freitagabend-Gefühle jetzt also schon mitten in der Woche.

Wenn eine Runde Prominenter unterschiedlicher Disziplinen zusammensitzt und sich bei Rotwein und Käsehäppchen im TV unterhält – wie heute Stephanie zu Guttenberg, Michael Mittermeier, Franziska van Almsick, Felix Neureuther und Roland Kaiser –, weiß man seit Jahrzehnten, dass es jetzt Zeit für entspannte Promi-Plaudereien ist.

Die Talkshows im Dritten haben in der ARD große Tradition. Vor 45 Jahren lief Deutschlands dienstälteste Fernseh-Talkshow erstmals über den Bildschirm: „3nach9“ aus Bremen. Auch die „NDR Talk Show“ aus Hamburg feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen, am Freitag, 11. Oktober. Ebenso „regionaler“ Kult, der über die Landesgrenzen von NRW hinausreicht: das Format „Kölner Treff“ mit Bettina Böttinger, welches es auf 500 Sendungen bringt.

Von daher leuchtet der Formattransfer ein, wenn er jetzt auch nicht vom ganz großen programmatischen Mut der ARD zeugt. Die Devise: vier bekannte Talks nach zehn, wechselweise. „NDR Talk Show“ und „3nach9“ werden dabei nicht wiederholt, sie produzieren neue Ausgaben am Freitag für die Dritten Programme. „Hier spricht Berlin“ und der „Kölner Treff“ hingegen werden am Freitags in den Dritten noch einmal gesendet.

Allzu viel Vertrauen scheint man in der ARD in dieses Konzept allerdings noch nicht zu haben. Vom „Talk am Dienstag“, heißt es aus dem Senderverbund, seien insgesamt acht Ausgaben bis Mitte November in wöchentlicher Ausstrahlung geplant. Darüber hinaus gebe es noch keine weiteren Pläne. Ein erstaunlich kurzer Testlauf – schwierig auch für die Moderatoren, zumindest was ihre Terminpläne 2020 betrifft.

Vielleicht wird es doch mal Zeit, eigene, neue Talkformate abseits klassischer Pfade zu finden – bei allem Erfolg und Publikumszuspruch von „3nach9“ & Co. im Dritten. Die Talkgemeinde – ein geschlossener Zirkel? Wer bei den Öffentlich-Rechtlichen um 22 Uhr am Freitagabend ein Talkformat vornehmlich für junge Leute machen wollte, der würde wohl scheitern.

Am Dienstagabend sähe das vielleicht anders aus. Wie, das zeigt jeden letzten Dienstag im Monat ein Mann, der heute – parallel zum zweistündigen Talk im Ersten – aus der Sommerpause wiederkehrt: Serdar Somuncu, auf n-tv ab 23 Uhr 30. Nicht unbedingt ein psychologischer Dienstleister. Kann durchaus sein, dass da ein Minister auch mal wieder mit Wasserpistole und Zaubertinte attackiert wird, wie einst Hans Matthöfer bei „3nach9“.

Recht auf Vergessenwerden gilt nicht global: Wo Europa an seine Grenzen stößt

Es war ein großes, ein kühnes Urteil, mit dem der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Jahr 2014 das Recht auf Vergessenwerden aus der Taufe gehoben hatte. Die Suchmaschine Google mit ihrem so mächtigen wie gnadenlosen digitalen Gedächtnis konnte fortan gezwungen werden, sensible Informationen aus ihren Ergebnislisten zu tilgen – beispielsweise Nachrichten über angeblich kriminelle Verwicklungen einer Person, die längst überholt sind. Die Grundsatzentscheidung stand sogar Pate für die Aufnahme dieses Rechts in die Datenschutz-Grundverordnung, die vergangenes Jahr endgültig in Kraft getreten ist. Nun hat der EuGH erneut über das Recht auf Vergessenwerden entschieden. Aus Sicht des baden-württembergischen Datenschutzbeauftragten Stefan Brink ist das Ergebnis allerdings verzagt und enttäuschend ausgefallen.

Zwei Urteile hat der EuGH verkündet, das wichtigere davon handelt von der Reichweite des Löschanspruchs. Setzt ein Nutzer gegenüber Google durch, dass eine bestimmte Website aus den Suchergebnissen getilgt werden muss, dann gilt das laut EuGH europaweit – aber eben nicht darüber hinaus. Google muss also die betreffenden Seiten in den europäischen Länderversionen der Suchmaschinen „auslisten“, aber nicht anderswo, also beispielsweise in google.com. „Das widerspricht dem Grundgedanken der Datenschutzgrundverordnung“, kritisiert Brink im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Der EuGH hat zwar noch auf der Grundlage der früheren Datenschutz-Richtlinie entschieden, hatte aber die seit 2018 geltende Verordnung bereits im Blick. Und eine der wesentlichen Stärken der Verordnung sei, dass sie eben nicht territorial, sondern auf weltweiten Schutz angelegt sei, sagt Brink.

Zwar hat der EuGH in einem zweiten Schritt versucht, den Datenschutz doch noch über Europa hinaus auszudehnen. Die Betreiber von Suchmaschinen müssten „hinreichend wirksame Maßnahmen ergreifen“, um zu unterbinden, dass europäische Nutzer über nichteuropäische Suchmaschinen doch noch die geschätzten Informationen aufstöbern. Gemeint ist damit offenkundig das sogenannte Geoblocking, das europäische IP-Adressen identifiziert und für sie die nötigen Sperren errichtet. „Man muss kein Hellseher sein, um festzustellen, dass das technisch schwierig bis unmöglich ist“, sagt Brink. Es sei „kinderleicht“, Geoblocking mithilfe von verschleierten Adressen oder VPN-Tunnels zu umgehen.

Damit konterkariert der EuGH aus Sicht des Datenschützers seinen mutigen Schritt von 2014. Im damaligen Urteil sei es angelegt gewesen, den Schutz sensibler Daten aus einer regionalen Verankerung zu lösen – weil die digitale Welt sich nun mal über Länder und Regionen hinwegsetze. Soll heißen: Wenn die Gefährdung der Privatsphäre sich nicht mehr lokal oder regional manifestiert, sondern global, dann darf rechtlicher Schutz ebenfalls nicht in nationalen und regionalen Grenzen stecken bleiben. Mit der neuen Google-Entscheidung falle der EuGH hinter den Geist seines damaligen Urteils zurück. Er vollziehe gleichsam eine Rückkehr ins Regionale, sagt Brink.

Bleibt noch das nationale Recht. Hier hat der EuGH scheinbar eine Tür für einen höheren Datenschutz-Standard aufgemacht. Das EU-Recht schreibe zwar nicht vor, dass Google bestimmte sensible Informationen weltweit aus all seinen Suchmaschinen entfernen müsse – aber es verbiete dies eben auch nicht. Daher seien die EU-Staaten befugt, die Abwägung zwischen Datenschutz und Informationsfreiheit vorzunehmen und Google eine weltweite Auslistung vorzuschreiben. Beim Bundesverfassungsgericht harrt derzeit ein Fall zum „Recht auf Vergessenwerden“ der Entscheidung. Stefan Brink hält einen nationalen Schutz jedoch für bloße Theorie: „Wir können als Datenschützer nicht mehr auf nationale Standards setzen. Wir sind europäisch durchreguliert.“

Für Huawei wird es eng

Die Vorstellung von Huaweis Mate-30-Serie dürfte für viele trotz beeindruckender Technik enttäuschend gewesen sein: Die neuen Geräte wurden gar nicht erst für Deutschland angekündigt, zudem kommen sie ohne Google-Apps. Für Huawei wirken sich die US-Sanktionen immer dramatischer aus.

Huaweis neues Mate 30 Pro hat eigentlich das Zeug zum Verkaufsschlager: Die Kamera ist die erste, die mit zwei 40-Megapixel-Sensoren parallel arbeitet, das Gerät unterstützt 5G, im Inneren ist einer der modernsten Mobile-SoCs verbaut. Trotz alledem hat das Smartphone auch das Zeug zum Ladenhüter, was an einem einzigen Punkt liegt: Es fehlen die Google-Apps.

Bisher konnte sich Huawei aufgrund von Ausnahmen und Sonderregeln noch vor allzu harten Konsequenzen aus dem von der US-Regierung auferlegten Boykott des Unternehmens herauswinden. Geräte wie das P30 Pro oder das Mate 20 Pro verwenden weiterhin Googles Play-Dienste und Apps wie Youtube oder Maps, da sie vor der Ankündigung der Strafmaßnahmen bereits auf dem Markt gewesen sind.

Das Mate 30 und das Mate 30 Pro hingegen sind die ersten Smartphones von Huawei, die ohne Google-Apps erscheinen – und bislang hat Huawei auch noch keine Informationen dazu veröffentlicht, ob diese in Zukunft einfach nachinstallierbar sein werden. Das wird sich für den Hersteller zu einem großen Problem entwickeln.

Die neuen, leistungsfähigen Geräte dürften für einen Großteil der Zielgruppe Huaweis ohne Google schlichtweg uninteressant sein. Zwar betonte der Hersteller während und nach seiner Pressekonferenz, dass der eigene App-Store App Gallery stark aufgewertet wurde – einen Ersatz für die äußerst beliebten Google-Apps und das gesamte dahintersteckende Ökosystem hat Huawei aber einfach nicht.

Zu viele Nutzer haben sich an die tägliche Verwendung von Maps, Youtube, Gmail, dem Google-Sprachassistenten, dem Play Store und der Standortdienste gewöhnt. Zudem ist nicht zu unterschätzen, dass viele Nutzer Geld für Apps im Play Store ausgegeben haben; ohne diesen können sie die Anwendungen nicht wieder installieren. Und in Huaweis App-Store müssten die Anwendungen wohl noch einmal gekauft werden – so sie denn überhaupt verfügbar sind.

Huawei versucht, dem Google-Ökosystem etwas entgegenzusetzen, und natürlich wäre es sehr wünschenswert, wenn Huawei zusammen mit anderen Herstellern eine vielleicht sogar offene Ökosystem-Alternative zu Google aufbauen würde. In naher Zukunft ist aber nicht zu erwarten, dass diese die gleiche Nutzererfahrung wie die Google-Apps bieten kann – wahrscheinlich auch nicht mittelfristig.

Die Entwicklung von Android in den vergangenen zehn Jahren zeigt, dass der überwiegende Großteil der Nutzer Googles Version für „das Android“ hält und die freie Version AOSP meist nicht einmal kennt. Entsprechend ist eine Android-Version ohne Googles Zusätze kein „richtiges Android“ und somit uninteressant. Dass es zu dieser Entwicklung gekommen ist, mag man kritisieren – diese Kritik ändert aber im Endeffekt nichts an der aktuellen misslichen Lage Huaweis.

Wichtig an diesem Punkt ist die Tatsache, dass für Unternehmen wie Huawei der durchschnittliche Nutzer ausschlaggebend ist. Die Gruppe von Usern, die lieber ein Smartphone ohne Google-Dienste haben möchte und entsprechende Huawei-Geräte vielleicht sogar ganz gut fände, dürfte nicht nur für Huawei, sondern für die meisten großen Hersteller vom wirtschaftlichen Standpunkt aus uninteressant sein. Wichtig ist die Nutzergruppe, die den meisten Umsatz bringt – da darf man sich im heutigen Wirtschaftssystem keine Illusionen machen.

Die Nutzer auf ein anderes Ökosystem umzugewöhnen, dürfte auch an der mannigfaltigen Konkurrenz scheitern: Es gibt einfach zu viele gute Smartphones im Android-Bereich, die für den gleichen Preis oder sogar weniger für den durchschnittlichen User ein vergleichbares Nutzererlebnis bieten. Huaweis Kamerasysteme sind im Fotobereich das Nonplusultra, und das Mate 30 Pro scheint auch im Videobereich tolle Funktionen zu bieten – wir bewegen uns bei der Kritik aber auf einem sehr hohen Niveau. Ein Galaxy S10 oder ein Oneplus 7 Pro machen vielleicht nicht ganz so scharfe Fotos wie das Mate 30 Pro, der Unterschied ist in der alltäglichen Nutzung häufig aber marginal.

e einfachste und mittelfristig wohl einzige Lösung für Huawei wäre wohl, wenn die Sanktionen aufgehoben würden – Huawei soll in diesem Fall bereit sein, die Google-Anwendungen binnen kürzester Zeit auf die Smartphones zu bringen. Ansonsten wird der Hersteller die Folgen ab sofort sehr deutlich zu spüren bekommen – trotz des chinesischen Heimatmarktes, auf dem die Geräte generell ohne Google-Apps angeboten werden. Je länger die Sanktionen andauern, desto mehr wird die Marktposition von Huawei geschwächt werden.

Aber auch all die Nutzer, die an technisch hochwertigen und innovativen Smartphones interessiert sind, werden in Zukunft um einige Auswahlmöglichkeiten beraubt. Durch das Google-Verbot werden tolle Smartphones quasi vom Markt genommen – die Innovationen müssen bald vielleicht von anderen Herstellern kommen.

Google Cloud Summit: Digitalisierung ist nur mit der Cloud zukunftsorientiert

Google vergrößert sein Team in der DACH-Region und stellt sich neu auf. Die Ausrichtung wird branchenspezifischer. Immer mehr Kunden sollen für die Cloud erwärmt werden. Dabei helfen können Lösungen wie etwa die Multi-Cloud-Plattform Anthos.

Gemeinsam mit Partnern und Kunden präsentierte das Unternehmen verschiedene Szenarien und Einsatzmöglichkeiten der Google Cloud. Der vorherrschende Konsens dabei lautete, wer die Digitalisierung zukunftsorientiert gestalten will, kommt gar nicht an der Cloud vorbei. Je weniger dabei On-Premise abläuft und je mehr in der Datenwolke, desto besser. Es werde zwar noch einige Zeit in Anspruch nehmen und Umwege über hybride Lösungen seien durchaus wahrscheinlich, so Maier. Aber irgendwann wird kaum noch ein Unternehmen einen eigenen Server oder gar ein ganzes Rechenzentrum betreiben, ist sie sich sicher.

Für die Unternehmen liegen die Vorteile einer reinen Cloud-Umgebung laut Google klar auf der Hand: Wenn sich die Mitarbeiter nicht mehr um den Betrieb, die Wartung und die Sicherheit der Hardware kümmern müssen, bleiben mehr Ressourcen, um sich auf das eigentliche Kerngeschäft zu fokussieren. IT-Spezialisten brauche es aber dennoch. Diese könnten sich dann aber ausschließlich auf die Entwicklung und Bereitstellung von Software kümmern, statt die Hardware zu pflegen.

Anthos für Multi-Cloud-Umgebungen

Eines der größeren Einzelthemen, das Google für seinen DACH-Cloud-Summit im Gepäck hatte, ist Google Anthos. Erste Informationen dazu wurden bereits im April dieses Jahres bekannt. Anthos ist eine Multi-Cloud-Plattform, die es ermöglicht, die verschiedensten Anwendungen zwischen multiplen Clouds sowie On-Premise hin und herzuschieben.

Häufig setzen Unternehmen auf zwei oder mehrere Cloud-Anbieter. Einerseits wird so die (funktionale) Abhängigkeit von einem einzelnen Dienst verringert, andererseits sind die Auswirkungen bei einem Ausfall des Cloud-Dienstes nicht so gravierend, wenn es eine Ausweichmöglichkeit gibt. Problematisch hierbei ist allerdings, dass zahlreiche Anwendungen bisher nur schwer in unterschiedlichen Datenwolken betrieben werden konnten. Google will dies mit Anthos nun behoben haben. Unabhängig davon, für welche Cloud-Plattform ein Programm geschrieben wurde, Anthos „verpackt“ die Lösung so, dass alle Dienste damit umgehen können.

Um diesen und andere Dienste auch den Kunden in Europa beziehungsweise im DACH-Raum besonders gut anbieten zu können, wurde das Team von Google innerhalb der vergangenen zwei Jahre annähernd vervierfacht, so Maier. Auch die Ausrichtung des Konzerns habe sich grundlegend verändert. Google will sich verstärkt horizontal und branchenspezifisch aufstellen.

So will Jeff Bezos Amazon als Klima-Pionier neu erfinden

Der Amazon-Chef verliert keine Zeit mit Plaudereien, sondern steigt direkt mit einer Warnung ein: „Vielleicht kennen Sie diesen Planeten“, sagt Jeff Bezos vor der Projektion einer Erdkugel. „Es ist die Erde, es ist der beste Planet im Universum.“ Doch die Realität und Rasanz des Klimawandels überträfen mittlerweile „die schlimmsten Prognosen“, sagt Bezos. Im Schnelldurchlauf präsentiert er Daten und Diagramme, die in Rekordzeit schmelzende Polkappen, sich erhitzende Ozeane und den heißesten Sommer aller Zeiten illustrieren.

Nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt sitzt Donald Trump im Weißen Haus – der Präsident, der die USA aus dem Pariser Klimaabkommen herauslöste. Man kann Bezos‘ Auftritt also durchaus als Protest gegen Trump verstehen, auch wenn der Amazon-Chef betont: „Hier geht es nicht um Politik“. Stattdessen stellt er eine Art Selbstverpflichtung vor, den sogenannten „Climate Pledge“. Amazon verspricht damit, die Ziele des Pariser Klimaabkommens „zehn Jahre früher“ umzusetzen.

Bereits vor zwei Jahren hatte Amazon angekündigt, seine globale Infrastruktur zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie versorgen zu wollen. Nun wird der Konzern konkreter: Er verspricht, bereits im Jahr 2024 zu 80 Prozent auf erneuerbare Energien zu setzen, und im Jahr 2030 das 100-Prozent-Ziel bei Sonnen- und Windenergie zu erreichen.

Bis 2040, so Bezos, will Amazon komplett CO2-neutral operieren. Teil der Initiative ist es auch, den Logistikbetrieb mit 100.000 elektrischen Lieferfahrzeugen umzuwälzen. Amazon sprach von der größten jemals gemachten Bestellung elektrischer Fahrzeuge. Sie werden von der Firma Rivian im US-Bundesstaat Michigan produziert, in die Amazon nach eigenen Angaben 440 Millionen Dollar investiert hat. Geplant ist zudem eine 100-Millionen-Dollar-Investition in die Wiederaufforstung von Wäldern.

Wie glaubwürdig Amazons Versprechen ist, ist allein aus der Ankündigung allerdings nicht abzusehen. Denn bisher hat sich der Konzern nicht als besonders umweltfreundlich oder nachhaltig hervorgetan. Auf Grund der vielen Einzellieferungen bis vor die Haustür hat der größte Onlinehändler der Welt einen hohen CO2-Ausstoß.

Auch Bezos‘ Investitionen in die Weltraumfahrt haben wenig mit Umweltschutz gemein. Greenpeace hat erst vor einem Monat die neuen wattierten Plastikumschläge von Amazon kritisiert. Auch viele Mitarbeiter meinen, dass ihr Arbeitgeber mehr tun sollte: Im April haben 6000 Amazon-Angestellte in einem gemeinsamen Brief das Management aufgerufen, das Unternehmen nachhaltiger aufzustellen und unter anderem die Emissionen zu reduzieren.

Der Zeitpunkt für den Vorstoß scheint nicht zufällig gewählt. Am Montag findet der Klimagipfel der Vereinten Nationen statt, für den morgigen Freitag sind globale Klimaproteste geplant. Die Bilder von brennenden Regenwäldern in Brasilien haben in den vergangenen Wochen viele Menschen erschüttert.

Allerdings scheint in den USA die Begeisterung für den Klimaschutz gebremster als in Teilen Europas. Die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg ist gerade auf Tournee in den USA. Sie wurde freundlich empfangen, auch im US-Kongress, doch zu ihren Auftritten in New York und Washington kamen nur wenige hundert Anhänger.

Bezos grenzt sich von Trump ab

Bezos sendet nun immerhin das Signal, dass die Verantwortung, etwas gegen die drohende Klimakatastrophe zu unternehmen, nicht allein beim Verbraucher liegt. Der Amazon-Chef verweist auf die weite Verzweigung der Geschäftsfelder, auf die globale Marktreichweite, auf zehn Milliarden ausgelieferte Pakete pro Jahr. „Wenn wir das können, kann das jedes Unternehmen“, betont er.

Bezos rief in Washington andere Konzerne auf, Amazons Beispiel zu folgen. Nur dann könne man „ein gigantisches Signal an den Markt“ senden und im großen Stil nachhaltige Investitionen in Produkte und Dienstleistungen mit niedrigem CO2-Ausstoß fördern.

Offene Fragen bleiben dennoch. Für den Einsatz der 100.000 Elektro-Vans gibt es noch kein Datum, räumt Bezos ein, erste Prototypen sollen im kommenden Jahr auf die Straße gehen. Außerdem arbeitet der Konzern mit zahlreichen Zulieferern und externen Logistik-Firmen zusammen. „Die müssen auf Dauer natürlich auch CO2-neutral werden“, fordert Bezos.

Geschätzt ein Drittel der auf Amazon vertriebenen Waren stammt aus der Produktion des Klimasünders China – diese dürfte der Konzern wohl kaum boykottieren. Und wie nachhaltig kann ein Konzern überhaupt sein, dessen Geschäftserfolg auch vom Boom der Wegwerfgesellschaft profitiert? Bezos räumt ein, dass er nicht für alle Probleme eine Lösung hat. „Wir müssen uns erstmal auf die Dinge konzentrieren, auf die wir direkten Einfluss haben.“ Und er ist davon überzeugt, dass schnelle Ein-Tages-Lieferungen unterm Strich klimafreundlicher seien, „weil der Transport per Luftfracht weitgehend wegfällt und die Depots näher am Kunden sein müssen“.

Eines ist für den Moment klar: Finanziell leiden wird Amazon durch seine Klima-Initiative nicht. Amazon ist in den USA der mit Abstand größte Online-Händler und kommt laut dem Marktforschungsunternehmen Emarketer auf einen Anteil von 37 Prozent.

Jeff Bezos ist mit einem geschätzten Vermögen von 131 Milliarden Dollar laut Forbes der reichste CEO der Welt. Dabei hängt sein Reichtum stark von dem Amazon-Aktienkurs ab. Schließlich hält er bisher 16 Prozent an dem Unternehmen, das an der Börse mehr als 900 Milliarden Dollar wert ist. Auch nach der Scheidung von seiner Frau hält er weiterhin 12 Prozent der Aktien, was einem Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar entspricht.

Der Konzern profitierte zudem stark von Trumps Senkung der Unternehmensteuer. Ansonsten ist es mit einer Freundschaft zwischen Bezos und dem US-Präsidenten nicht weit her. Trump attackiert die „Washington Post“, die Bezos 2013 kaufte, regelmäßig. Im Frühjahr stand Bezos im Mittelpunkt einer Schlacht um politische Deutungshoheit und Macht. Bezos warf damals dem Medienmogul und engen Trump-Freund David Pecker Erpressung im Zusammenhang mit intimen Fotos vor.

Auch wollen US-Regierung und Kongress die Marktmacht von Tech-Giganten wie Amazon, Google und Facebook stärker regulieren. Stoff für Konflikte gibt es in Zukunft genug – und mit seinem Klimaversprechen hat sich Bezos nun erneut von Trump abgegrenzt.

Was die neuen Eigentümer des Berliner Verlags antreibt

Silke und Holger Friedrich greifen nach dem Berliner Verlag. Das Unternehmer-Ehepaar aus Berlin scheint auf den ersten Blick völlig branchenfremd. Doch Holger Friedrich ist im Mediengeschäft tiefer verankert, als es auf den ersten Blick aussieht. Er hatte zuletzt bis Anfang des Jahres als Produktchef maßgeblich zum Aufbau der Login-Allianz Verimi beigetragen, mit der sich Axel Springer & Co. gegen die Übermacht von Google, Facebook & Co. wappnen will.

Zwischen Checkpoint Charlie und dem Brandenburger Tor befindet sich das E-Werk, ein denkmalgeschütztes Umspannwerk mit viel Vergangenheit. Vor fünfzehn Jahren verwandelte Silke Friedrich den hier in die Jahre gekommenen Techno-Club in eine smarte Party- und Eventlocation. Das Konzept kommt offenbar an: Ob Tagungen, Gala Dinners oder Dreharbeiten – rege werden die Räume des Industriebaus von Privatleuten und Firmen gebucht.

Nun steht das Unternehmer-Ehepaar vor einer ihrer größten Herausforderungen: Überraschend haben die beiden Ost-Berliner den Berliner Verlag übernommen. Dabei hatten Experten lange fest daran geglaubt, dass ein Medienhaus wie Madsack oder Funke die “Berliner Zeitung” und den “Berliner Kurier” schlucken. Nun kommt es anders: Zwei Branchenfremde erwerben die Zeitungen des 1946 gegründeten Printhauses, das die Kölner Zeitungsgruppe DuMont nach zehn Jahren nicht mehr haben will.

In Branchenkreisen macht die Runde, dass die neuen Besitzer nur einen symbolischen Kaufpreis für den Berliner Verlag gezahlt haben sollen. An anderer Stelle ist von einem zweistelligen Millionen-Betrag die Rede. In jedem Fall ist die Übernahme für das gut betuchte Paar ein Kraftakt. Denn die Familienholding erwirbt gleichzeitig auch die zum Berliner Verlag gehörende Druckerei mit 100 Mitarbeitern. Daran wollen die beiden Geschäftsleute offenbar festhalten, denn sie planen, die “Berliner Zeitung” und den “Berliner Kurier” als gedruckte Ausgaben zu erhalten – trotz des hart umkämpften Markts der Hauptstadtzeitungen. Das erzählen zumindest Teilnehmer der Mitarbeiterversammlung, auf der sich die neuen Eigentümer gestern vorstellten. Dort erklärten sie , dass das “Schrifttum eine 5.000 alte Kulturtechnik” sei. An solchen Relikten wolle man nicht rütteln.

Diese Print-Passion passt so gar nicht zum Lebenslauf der Eheleute – vor allem nicht zu Holger Friedrich. Der gründete nach seinem Informatikstudium zunächst das Institut für Theoretische Informatik an der Universität Potsdam. Wenig später wurde er auch unternehmerisch aktiv und rief den IT-Dienstleister SPM Technologies ins Leben, den er 2003 an die SAP-Gruppe veräußerte. Hier arbeitete er noch zwei Jahre als Senior Vice President, dann wechselte er zu McKinsey & Company und später in den Vorstand der Software AG.

2009 macht er beruflich einen Sprung. Er gründete die Strategieberatung Core, eine Art Think Tank für neue Technologien. Zugleich verhalf er als Geschäftsführer der Login-Allianz Verimi zum Start, an der sich Core beteiligt. Als Produktchef entwickelte er hier neue Softwarelösungen. Sie sollen der deutsche Großindustrie und Finanzwirtschaft helfen, sich gegen die Übermacht von Google, Facebook & Co. zu stemmen. Mit seinem Job bei Verimi baut er auch geschäftlich sein Netz aus. Denn zur Allianz zählen große Anteilseigner – darunter der Medienriese Axel Springer, die Deutsche Telekom, die Allianz, die Bundesdruckerei, Daimler, Deutsche Bahn, Deutsche Bank sowie Volkswagen.

Anfang des Jahres gab der Familienvater von drei Kindern laut einem Verimi-Sprecher planmäßig seinen Posten bei dem Berliner Startup ab. Für Friedrich ein idealer Zeitpunkt, um geschäftlich etwas Neues anzufangen, nämlich der Einstieg ins Verlagsgeschäft. Bei der Belegschaft des Berliner Verlags kommt der neue Eigentümer mit dem markanten Bart gut an. Jahrelang hatte das Berliner Printhaus große Probleme, geeignete IT-Dienstleister zu finden. Nun hoffen die Mitarbeiter, dass sich mit dem neuen Investor die Zeiten ändern. Denn die Geschäftsführung des Berliner Verlags hat viel vor: Erst vor wenigen Tagen hatte sie verkündet, dass der Berliner Newsroom künftig nach der Digital First-Strategie arbeiten soll. Dazu gehört auch ein neues Print-Team, das die Inhalte der gedruckten Ausgabe nach den Leserinteressen im Netz ausrichtet.

Damit wollen die Chefredakteure Jochen Arntz (“Berliner Zeitung”) und Elmar Jehn (“Berliner Kurier”) den jahrelangen Auflagenrückgang der Hauptstadt-Publikationen stoppen. Ob die neuen Besitzer an der Führungsspitze und deren Plänen festhalten, wird sich zeigen. Eins haben Silke und Holger Friedrich gestern aber deutlich gemacht. Sie sehen ihr Engagement wohl nicht nur unter reinem finanziellen Gesichtspunkten. Vielmehr schwingt auch ein Funken Idealismus mit. Anders ist ihr Statement zur Übernahme des traditionsreichen Berliner Verlags nicht zu werten: “Wir verstehen diesen Schritt als zivilgesellschaftliches Engagement in bewegten Zeiten und freuen uns auf diese Aufgabe sowie die Zusammenarbeit mit dem Team.”

Die Landwirtschaft wird digital

Die Agrarwirtschaft ist zum Vorreiter der digitalen Transformation geworden. Die Beispiele reichen von Robotern auf dem Acker über KI im Kuhstall bis hin zur Blockchain in der Eierproduktion.

Die Landwirtschaft hat aufgrund der Produktion von Lebensmitteln für eine wachsende Weltbevölkerung eine enorme gesellschaftliche Bedeutung. Diese Aufgabe kann sie nur mit einem kontinuierlich steigenden Wachstum erfüllen.

Strukturell hat sich im Agrarbereich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. So lag der Anteil der in der deutschen Land- und Forstwirtschaft Erwerbstätigen nach Angaben des Deutschen Bauernverbands (DBV) zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts noch bei rund 38 Prozent. Anfang der 50er-Jahre war er bereits auf 24 Prozent gesunken. 2017 hat er dann den zuletzt erfassten Tiefpunkt von 1,4 Prozent erreicht. Neben der zunehmenden Industrialisierung ist auch die rasante Entwicklung des Dienstleistungssektors für diese Veränderungen mitverantwortlich.

Trotz des Rückgangs bei den Beschäftigten in der Landwirtschaft weisen die Landwirte beeindruckende Produktionssteigerungen vor. So lag etwa der Hektarertrag für Weizen vor gut 100 Jahren noch bei rund 1,8 Tonnen. In den Jahren 2010 bis 2015 betrug er mit durchschnittlich 7,7 Tonnen mehr als das Vierfache. Die Landwirtschaft ist aber auch von der Zunahme extremer Wetterverhältnisse und dem Klimawandel betroffen. Das macht fortlaufende Anpassungen der Produktionsverfahren nötig.

Dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbands (DBV) Joachim Rukwied zufolge geht die Entwicklung jetzt eindeutig in Richtung Digitalisierung. Mit moderner Sensortechnik und der Nutzung Künstlicher Intelligenz könne „eine neue Dimension von Ressourcen-Schonung und Tierwohl erreicht werden, die zugleich die Wettbewerbsfähigkeit sichert“, schreibt Rukwied im Vorwort des aktuellen „Situationsberichts 2018/19“.

Als wesentliche Voraussetzungen der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit nennt er eine leistungsfähige digitale In­frastruktur auf dem Land sowie einen Ausbau der Glasfaser- und Mobilfunknetze. „Wir Bauern brauchen dringend ein flächendeckendes, hochleistungsfähiges Breitbandnetz, auch um den steigenden Anforderungen beim Klima- und Umweltschutz gerecht zu werden“, betont Rukwied.

Nach Angaben von Schmidt wird das Testfeld nach und nach auf eine Fläche von bis zu 2.000 Quadratkilometern ausgebaut. Das entspricht etwa 80 Prozent der Fläche des Saarlands. Experten des Landesamts für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) werden den Aufbau begleiten und analysieren. Ihre Messergebnisse sollen online gestellt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Das LfULG wird in Köllitsch vor allem in den Bereichen Pflanzenbau, Tierhaltung, Umwelttechnologie, Nachhaltigkeit sowie Natur- und Klimaschutz forschen. Beteiligt sind außerdem die Technische Universität Dresden mit dem Institut für Naturstofftechnik und der Professur für Agrarsystemtechnik, die Vodafone-Stiftungsprofessur für mobile Nachrichtensysteme, die Fraunhofer-Gesellschaft mit drei Instituten und das 5G Lab Germany. Die Teilnehmer beabsichtigen auch, neue Sensoren für die Bodenanalyse und die Automatisierung zu entwickeln. Ein Agricultural Dataspace (ADS) soll eine übergreifende Datennutzung gewährleisten.

Mit Nachrichten kann man Geld verdienen

Die deutschen Privatfernsehsender haben den Medienwandel lange verschlafen. Bis vor kurzem brummte ihr Kerngeschäft – der Verkauf von Werbeplätzen in den klassischen Kanälen. Die Veranstalter konnten gleichzeitig hohe Renditen erzielen. Ihre digitalen Plattformen behandelten sie aber stiefmütterlich. Das Publikum, welches Fernsehsendungen unabhängig vom fixen Programmraster anschauen wollte, bedienten sie schlecht. Nun geraten sie unter Handlungsdruck. Die Konsumenten verändern zusehends ihr Verhalten, und die Einnahmen aus der Fernsehwerbung fließen nicht mehr so selbstverständlich in die Kassen der Sender. Sie richten sich neu aus, und dabei entdecken sie ein verschmähtes Genre neu: die Nachrichten.

Dieser Tage startete die Mediengruppe ProSiebenSat.1 in Österreich den Nachrichtensender Puls 24. Er dient als Test für ein ähnliches Angebot in Deutschland. Das bedeutet eine Kehrtwende. Vor Jahren hatte ProSieben das Informationsangebot zurückgefahren und 2010 den hauseigenen Nachrichtensender N24 verkauft. Nun sagte der Chef des Konzerns in einem Interview: «Nachrichten, die nicht Fake-News sind, sind von großer Bedeutung in dieser Welt.»

Die RTL-Gruppe – der hochrentable Geschäftszweig von Bertelsmann – setzt auf dasselbe Pferd. Am Mittwoch informierte sie über die Verstärkung ihrer journalistischen Einheiten und zitierte ihre Chefin der Zentralredaktion, Tanit Koch, so: «In einer immer größeren Flut an Information und Desinformation wollen wir die Quelle sein, der die Menschen vertrauen.»

Wer News anbietet, kann also die Glaubwürdigkeit seines Unternehmens stärken. In diesem Sinn startete RTL im Dezember 2018 die News-Site rtl.de, die seit kurzem mit einer Imagekampagne beworben wird. Deren Chefredaktor sagte zum Start in einer Mitteilung geradezu staatsmännisch: «Jeder weiß, dass Nachrichten nicht immer positiv sind. Unser journalistischer Leitgedanke ist es dennoch, immer mit positiver Grundhaltung einen konstruktiven Blickwinkel aufzuzeigen.»

Schaut man sich das real existierende Angebot von rtl.de an, verblasst der Anspruch auf eine sogenannt konstruktive Einstellung. Boulevardeske Beiträge prägen das Angebot. Informationen über einen heimtückischen Mord, den Missbrauch eines Mädchens in einer Wohngruppe, über einen durch einen E-Bike-Akku verursachten Hausbrand oder über fehlgebildete Babys sind eine schlechte Voraussetzung dafür, das Publikum in eine fröhliche Stimmung zu versetzen. Rätselhaft bleibt zudem, wie sich solche Ereignisse «konstruktiv» vermitteln ließen. Gerade die gehäufte Verbreitung von Berichten über Unfälle und Verbrechen trägt dazu bei, dass ein Medienanbieter ein Klima der Negativität schafft.

So oder so kann man aber festhalten: Nachrichten sind ein nützlicher Stoff, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aktualitäten garantieren Action, sie beleben einen Internetauftritt, der ohne sie schnell statisch und langweilig wirkt. Insofern scheint ein News-Angebot auch für nichtpublizistische Websites attraktiv. Für Fernsehsender sind Textnachrichten wiederum ein Lockmittel, das den Aufbau des Online-Geschäfts fördert. Über News lässt sich das Publikum zu hauseigenen Video-Beiträgen lenken, wo ihm Werbespots vorgesetzt werden. Kurz und gut: News mögen nicht besonders rentabel sein, aber ohne sie läuft das Mediengeschäft schlechter.

Unabhängigkeitskrise bei „Le Monde“

Bisher erfüllte der Name „Le Monde“ die internationale Medienwelt immer mit Ehrfurcht, galt die französische Tageszeitung doch als ein Vorbild für seriösen, unabhängigen Journalismus. Doch nun macht sich die Prestigeredaktion Sorgen um ihre redaktionelle Unabhängigkeit. Sie fürchtet den Einfluss des tschechischen Milliardärs und Metro-Interessenten Daniel Kretinsky, der in Europa aggressiv Medienbeteiligungen aufkauft, gleichzeitig aber sehr aktiv im Energiesektor ist und zahlreiche Kohlekraftwerke besitzt, was Konflikte mit Redaktionen schaffen könnte.

Im Oktober 2018 war der Einstieg des 44-jährigen Kretinsky bei „Le Monde“, die eine Auflage von 330 000 Exemplaren hat, bekannt geworden. Präsident Emmanuel Macron hatte damals erklärt, der Staat wache über die Unabhängigkeit der Journalisten, war aber nicht gegen den Kauf, weil es sich um einen Europäer handelt. Kretinsky hatte von Bankier Matthieu Pigasse 49 Prozent von dessen Anteilen seiner Holding „Le Nouveau Monde“ übernommen, der Gesellschaft, über die dieser bei „Le Monde“ aktiv ist. Es war die erste große Bewegung im Kapital der Zeitung, seit diese 2010 von einer Gruppe von Privatinvestoren, dem 2017 verstorbenen Pierre Bergé, Xavier Niel und Matthieu Pigasse, aufgekauft wurde. Die Minderheitseigner, darunter Journalisten und Leser, waren nicht vorher darüber informiert worden. Wie viele Anteile die einzelnen Investoren an „Le Monde“ halten, geben die Anteilseigner nicht bekannt, insgesamt halten sie 75 Prozent, die Minderheitseigner 25 Prozent.

Rund 460 Journalisten haben Kretinsky und Pigasse vor einer Woche aufgefordert, einer Vertretung von Journalisten, Mitarbeitern, Lesern und Minderheitsaktionären der Zeitung ein Vetorecht im Hinblick auf Veränderungen in der Eigentümerstruktur einzuräumen. Sie hatten als Ultimatum Dienstag genannt. Der wichtige Anteilseigner Xavier Niel hat laut „Le Monde“ die Vereinbarung schon unterschrieben. Pigasse erklärte, er wolle die Mehrheitsanteile von seiner Gesellschaft Le Nouveau Monde behalten. Kretinsky bliebe Minderheitsaktionär. Das wird von den Journalisten von „Le Monde“ bezweifelt, zumal Pigasse in einem Interview mit „Le Figaro“ und in einem Brief an die Journalisten am Wochenende betonte, er wolle die Forderung so nicht unterschreiben. Sie spekulieren, dass Kretinsky ein Vorkaufsrecht für die restlichen Pigasse-Anteile hat. Kretinsky soll das Vetorecht mit Skepsis sehen.

Die Journalisten haben in der Zwischenzeit prominente Unterstützung bekommen. Rund 500 bekannte Persönlichkeiten sprachen sich für die Forderung nach dem Mitspracherecht der Redaktion aus. „In dieser Zeit, in der selbst Fakten infrage gestellt werden, sind Freiheit und Unabhängigkeit der Presse öffentliche Güter, die wertvoller sind als je zuvor“, so die Stellungnahme, die „Le Monde“ veröffentlichte. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem Whistleblower Edward Snowden, Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, Schriftsteller Paul Auster, die Schauspielerinnen Isabelle Huppert und Juliette Binoche, Sängerin Jane Birkin, Schriftsteller Salman Rushdie, Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, aus Deutschland unter anderem Philosoph Jürgen Habermas.

Da Kretinsky sein Vermögen mit Energiegeschäften gemacht hat, vor allem in stark verschmutzende Kohlebergwerke investiert hat, könnte es Konflikte mit Redaktionen geben, die über die Klimadebatte berichten, befürchtet die Redaktion von „Le Monde“. Die Tageszeitung „Libération“ thematisierte dieses ebenfalls und beschrieb ihn als „einen der größten Verschmutzer des Kontinentes“. Mit dem Einstieg in „Le Monde“ öffne er sich auch eine Tür für Europa und die Diskussionen zwischen Paris und Brüssel. Es wird spekuliert, dass er es auf Gas-Anteile von Versorger Engie abgesehen hat. Der französische Staat, der mit rund 23 Prozent daran beteiligt ist, könnte eines Tages seine Anteile verkaufen. Mit dem Einkauf in „Le Monde“ sorgt Kretinsky für seine Imagepflege. Er ist gelernter Anwalt und hat in Dijon studiert, daher seine Affinität zu Frankreich. Er ist Chef der Energiegruppe EPH und der wichtigsten Mediengruppe seines Landes „Czech Media Invest (CMI)“. Er ist außerdem Eigner der französischen Zeitschriften „Marianne“ und „Elle“ sowie „Télé 7 jours“, „Ici Paris“und „France Dimanche“.

Seine Gruppe CMI besitzt drei wichtige Zeitungen in Tschechien, zudem 29 Magazine und Frauenzeitschriften. CMI entstand 2013 durch den Aufkauf von Aktiva von Axel Springer und der Schweizer Gruppe Ringier in Tschechien. Seine Energiegruppe ist in Osteuropa mächtig, hat aber auch Aktiva in Deutschland, Großbritannien und Italien. Zu seinem Imperium gehören rund 50 Kraftwerke.

Ist die Party bei den Personality-Magazinen schon vorbei?

Personality-Magazine liegen im Trend. Mittlerweile sind mehr als ein Dutzend dieser Zeitschriften, für die ein Promi Pate steht, am Kiosk erhältlich. Auf der anderen Seite gibt es bereits die ersten Einstellungen, wie zuletzt JWD von Gruner + Jahr und Joko Winterscheidt. Wie geht es mit dem Genre weiter? Ist der Hype bereits vorbei oder gibt es noch Luft nach oben?

Die Heilkünstler sind auf dem Vormarsch. Nachdem zu Beginn des vergangenen Jahres Eckart von Hirschhausen, praktizierender Humorist und promovierter Mediziner, durch seine Patenschaft das Stern-Kind Gesund leben aufgepäppelt hat, wird in Kürze ein weiterer Hochkaräter die publizistische Bühne bereichern: Professor Dietrich Grönemeyer tritt als Editor-at-Large beim namensgleichen Magazin der Funke Mediengruppe an.

Am 11. Oktober erscheint der Erstling (Copypreis 6,90 Euro), 100.000 Exemplare werden gedruckt, fürs kommende Jahr sind vier Ausgaben geplant. Allzu viele Details sind noch nicht bekannt, nur so viel, dass Grönemeyer nicht nur sein Gesicht verleiht, sondern „als Ideengeber, Autor, Interviewer und Ratgeber große Teile des Heftinhaltes prägt“.

Funkes Gesundheitsmagazin reiht sich ein in ein Genre, das vor vier Jahren noch gar nicht existierte. Zuvor stand Jamie, das Magazin des britischen Starkochs Jamie Oliver, allein auf weiter Flur. Der von Gruner + Jahr betriebene Lizenztitel eines englischen Verlags debütierte im März 2011 und wurde 2018 eingestellt. Abgesehen von solch einzelnen, an ausländische Vorbilder angelehnten Versuchen haben Persönlichkeitsmagazine hierzulande keine Tradition.

Dass sich das gerade ändert, hat viel mit Barbara Schöneberger und Gruner + Jahr zu tun. Mitte Oktober 2015 erschien erstmals Barbara mit dem Versprechen, „kein normales Frauenmagazin“ zu sein. Nun feiert die Zeitschrift mit der Moderatorin bald ihren 4. Geburtstag, die nächste Ausgabe wird schon Nummer 40 sein. Mit jahresdurchschnittlich sechsstelliger Auflage und einem Abo-Zuwachs auf rund 20000 Hefte ist Barbara fest im Markt verankert. Mehr noch: Sie begründete ein Segment mit, das zum Nachahmen angestiftet hat und inzwischen knapp 20 Titel zählt.

Rund ein Drittel stammt von Gruner + Jahr. „In der Kraft der Persönlichkeitsmagazine liegt deutlich mehr, als wir damals selbst gehofft haben“, sagt Sabine Grüngreiff, Leiterin der Markenkommunikation. Sehnsucht nach Identifikation, glaubt man bei G+J, sei ein wesentlicher Grund für den bisherigen Erfolg. Ob Schöneberger oder von Hirschhausen, Modeschöpfer Guido Maria Kretschmer, Entertainer Joko Winterscheidt oder Deutschlands inzwischen bekanntester Förster Peter Wohlleben: Sie treffen offensichtlich einen Nerv, können Menschen begeistern und „geben viel von sich selbst in ihre Magazine“, so Grüngreiff.

Die Anzeigenvermarktung, teilt G+J mit, „funktioniert ausgezeichnet“. Die Kunden seien überzeugt von den Leistungswerten und den individuellen Konzepten der Titel. Thematisch gehören die Magazine in ganz unterschiedliche Kategorien, von Gesundheits- über Frauen- bis zu Lifestyle- und Naturzeitschriften. Susanne te Poel lobt die Redaktionen dafür, dass sie die zuvor unbekannte Konstellation, mit einer prominenten Person ein Magazin zu entwickeln, gekonnt umsetzen. Vielfach sei „eine neue, frische Schreib- und Darstellungskultur entstanden, die dem Markt guttut“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Agentur Crossmedia. Nicht jeder Personality-Titel bewegt sich im Premiumsektor. Aber als mediale Werbeträger, über die sich gehobene Zielgruppen erreichen lassen, „sind für mich Barbara, Lafer und Guido die Gewinner“, so te Poel.

Kritischer beäugt Roland Köster die Entwicklung. „Das eine Magazin für gehobene Zielgruppen unter der Schirmherrschaft eines Prominenten gibt es noch gar nicht“, stellt der Geschäftsführer der JOM Group fest. Dietrich Grönemeyer und Eckart von Hirschhausen sprächen natürlich eine andere – und wahrscheinlich gehobenere – Leserschaft an als beispielsweise Daniela Katzenberger, jedoch: „Die Personality-Zeitschriften sind zurzeit nichts anderes als Special-Interest-Titel aus Gesundheit, Fitness, Sport oder Living mit einem Prominenten im Namen.“

Skeptisch blickt Köster auf die Idee, Figuren aus dem Social Web ein Print-Patronat zu übertragen, wie beispielsweise bei Soul Sister, Living at Home + Holly und Sophia Thiel Magazin – das letztgenannte erschien bekanntlich nur einmal, weil das Fitnessmodel unerwartet eine persönliche Auszeit nahm. „Durch einen Printtitel heben sich Influencer kurzfristig aus der Masse ab, aber warum soll ein Follower 5 Euro oder mehr für ein Magazin ausgeben, wenn er täglich kostenlos News auf sein Smartphone bekommt“, fragt sich der Agenturchef.

Influencer stellen bislang nur einen Bruchteil an Prominenten mit eigener Publikation. In der Mehrheit sind es Menschen, die durchs Fernsehen oder als Bestseller-Autor bekannt wurden. G+J bekräftigt, dass in den nächsten Monaten keine weiteren Magazinstarts geplant seien. Zwischen dem Launch von Pilawa und Wohllebens Welt im April und dem für Oktober angekündigten Debüt von Dietrich Grönemeyer wird rund ein halbes Jahr vergangen sein.

Edward Snowden sagt Facebook und Google den Kampf an

Der Whistleblower Edward Snowden hat davor gewarnt, den Aufstieg von Politikern wie Donald Trump, Boris Johnson oder der AfD in Deutschland nur als vorübergehende Abweichung von der politischen Norm zu betrachten.

„Überall haben Politiker und Unternehmer verstanden, dass sie Technologien nutzen können, um die Welt auf einem neuen Level beeinflussen zu können“, sagte der 36-Jährige in einem Gespräch mit dem SPIEGEL in Moskau. „Trump ist nicht das Problem. Er ist ein Produkt des Problems.“

Er bereue, dass er „Teil eines Systems werden konnte, das meine Fähigkeiten nutzt, um globalen Schaden zu verursachen“, sagte Snowden, dessen biografisches Buch „Permanent Record“ am 17. September weltweit veröffentlicht wird. Heute führe er in seinem russischen Exil ein weitgehend normales Leben, sagte Snowden, er halte jedoch absichtlich einen gewissen Abstand zur russischen Gesellschaft: „Ich mache keine Selfies vor dem Kreml, weil die US-Regierung das nutzen würde, um meine Arbeit zu diskreditieren.“

Russland habe „ziemlich sicher“ Wahlen manipuliert, sagte Snowden in dem Gespräch. Dasselbe gelte jedoch auch für die USA. „Jedes Land, das größer ist als Island, wird versuchen, in entscheidende Wahlen einzugreifen, und alle werden das immer leugnen, weil Geheimdienste das so machen“, sagte Snowden.

„Wir müssen die massenhafte Datensammlung stoppen“, forderte der Ex-Spion, der heute Präsident der Stiftung Freedom of the Press ist. Das gelte aber nicht nur für Geheimdienste, sondern auch für Daten-Konzerne wie Facebook und Google. In einem ersten Schritt gelte es, etwa für jeden Smartphone-Nutzer „sichtbar zu machen, wie sehr wir auf Schritt und Tritt verfolgt werden“, erläuterte Snowden in dem SPIEGEL-Gespräch. Die Nutzer müssten selbst entscheiden können, welche Funktionen des Smartphones aktiv sind. „Und wenn niemand sonst eine Alternative entwickelt, dann werde ich das verdammt noch mal selbst tun.“

Wie die Öffentlich-Rechtlichen ihre eigene Relevanz riskieren

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben den Anspruch, die gesamte Gesellschaft zu erreichen – unabhängig von der politischen Einstellung. Jetzt zeigt eine Studie: Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Vor allem drei relevante Gruppen werden nicht mehr angesprochen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa hat Probleme, jüngere und schlechter gebildete Menschen mit digitalen Nachrichtenangeboten zu erreichen. In Deutschland, das zeigt eine neue Studie, stehen ARD und ZDF trotz einer vergleichsweise hohen Reichweite insgesamt vor einem Generationenabriss, was die Vermittlung von Nachrichten und Informationen angeht.

Mit ihren digitalen Angeboten dringen sie nur unzureichend zu den Menschen unter 25 Jahren vor, ebenso ungenügend zu Menschen mit einer formal niedrigen Bildung. Zudem bedienen die beitragsfinanzierten deutschen Sender ein Publikum, das sich selbst mehrheitlich links der Mitte verortet – das Vertrauen konservativ-rechter Zuschauer in ihre Angebote ist deutlich geringer ausgeprägt.

Die Studie des Reuters Institute, das an der Universität von Oxford beheimatet ist und von der Stiftung des Medienunternehmens Thomson Reuters gegründet wurde, liefert eine Bestandsaufnahme der Nachrichtenvermittlung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in acht europäischen Ländern.

Kernfrage: Gelingt es den Sendern, ihren Anspruch zu erfüllen, die gesamten Bevölkerungen ihrer jeweiligen Länder zu erreichen? Die Finanzierung der Sender durch die Bürger – im Englischen werden die öffentlich-rechtlichen Sender „public service media“ genannt, also dem Dienst der Öffentlichkeit verpflichtet – erfordert geradezu einen Ansatz, der das gesamte Spektrum der Bevölkerung anspricht.

Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Das positiv gewendete Fazit der Untersuchung könnte laut den Autoren der Studie folgendermaßen lauten: Die öffentlich-rechtlichen Sender in Europa erreichen mit ihren Informationssendungen gebildete, je nach Land auch politisch unterschiedlich positionierte Menschen (dies ist für Deutschland aber nur bedingt zutreffend) im fortgeschrittenen Alter. Negativ gewendet liest sich das Fazit aber auch so: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben Probleme, jüngere und schlechter gebildete Menschen zu erreichen, womit sie letztlich ihre eigene Relevanz riskieren.

Dieser alarmierende Befund bezieht sich auch und gerade auf Deutschland, letztlich aber mit nationalen Eigenheiten auf alle untersuchten Senderangebote in Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, Finnland und der Tschechischen Republik. Wenn es einen Anbieter gibt, der eine deutlich bessere Figur macht als der Rest, dann ist es die britische BBC.

Was sind nun die großen Probleme der öffentlich-rechtlichen Sender, hier im Speziellen von ARD, ZDF und Deutschlandradio, die von der Studie auf Basis von Befragungen herausgefiltert wurden? In die Wertung einbezogen wurden „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ (ARD), „heute“, „heute-journal“ und „heute+“ (ZDF), öffentlich-rechtliche Radionachrichten sowie die Onlinedienste, darunter „Tagesschau.de“ und „heute.de“.

Erstens: Es gelingt den Sendern nicht ausreichend, neue Zuschauer über digitale Verbreitungswege zu gewinnen. So erreichen die deutschen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote über alle Plattformen hinweg 69 Prozent der Menschen. Offline, also auf dem konventionellen linearen Verbreitungsweg, sind es 66 Prozent.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die zusätzlich über digitale Kanäle erzielte Reichweite nur bei drei Prozent liegt. Die Reichweite der digitalen Nachrichtenangebote liegt zwar bei 17 Prozent, aber der größte Teil dieser Menschen ist eben sowohl off- wie online unterwegs. Mit anderen Worten: Man erreicht diejenigen, die ohnehin schon Nutzer der Öffentlich-Rechtlichen sind. Doch fest steht auch: Der Nachrichtenkonsum über lineares Fernsehen hat langfristig keine große Zukunft, er nimmt ab.

Zweitens: Die Reichweite der digitalen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote bei jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren ist mit 19 Prozent niedrig. Sie ist im Vergleich zu 2016 sogar um zwei Prozentpunkte gefallen. Einzig die BBC kann hier mit 56 Prozent eine stattliche Reichweite in der jungen Zielgruppe vorweisen. Ganz düster sieht es beispielsweise bei den französischen Sendern aus, die auf nur sieben Prozent Reichweite in dieser Zielgruppe kommen.

Doch haben ARD und ZDF nicht vor einer Weile das digitale Angebot „Funk“ für junge Zielgruppen gestartet, das auch nachrichtenähnliche Formate hat? Auf WELT-Nachfrage antwortet Anne Schulz, Mitarbeiterin des Reuters Institute und Co-Autorin der Studie, die Nutzung von „Funk“ habe man tatsächlich erhoben, aber nicht in der Auswertung berücksichtigt. Die Gesamtreichweite von „Funk“ liege demnach bei zwei Prozent, bei den Nutzern unter 25 Jahren bei sechs Prozent – die digitale Gesamtreichweite der Angebote bei Menschen unter 25 Jahren liege damit bei 22,6 Prozent.

Drittens: Eine schlechte Bilanz haben ARD, ZDF und Deutschlandradio auch, was ihre Nachrichtenvermittlung an schlechter gebildete Menschen über digitale Kanäle angeht. Laut der Studie nutzen nur 13 Prozent der Menschen mit einem formal niedrigen Schulabschluss mindestens einmal die Woche die Onlineangebote der öffentlich-rechtlichen Nachrichten.

In der Gesamtbevölkerung tun dies, wie oben erwähnt, 17 Prozent. Die BBC kommt mit 34 Prozent auf einen deutlich besseren Wert – auf noch schlechtere Werte kommen dagegen die entsprechenden italienischen (elf Prozent), spanischen (neun Prozent) und französischen (acht Prozent) Angebote.

Viertens: Die deutschen Sender bedienen ein Publikum, das sich nach eigener Einschätzung mehrheitlich politisch links von der Mitte verortet. Die politische Mitte wird nur minimal gestreift. Als Gegenprobe haben die Medienwissenschaftler die politischen Positionen der Zuschauer der Nachrichtensendung „RTL Aktuell“ abgefragt, die sich demgegenüber rechts von der Mitte einordnen.

Gleichzeitig ist das Vertrauen der Zuschauer, die sich politisch rechts der Mitte einordnen, gegenüber ARD, ZDF und Deutschlandradio signifikant weniger ausgeprägt als bei den Zuschauern, die sich links von der Mitte oder in der Mitte verorten. Dies ist beispielsweise bei den Zuschauern der BBC oder bei denen von France Télévisions anders, beziehungsweise: ausgewogener.

Während sich das Bild in Frankreich bei den Zuschauern ähnelt – öffentlich-rechtliche Angebote von France Télévisions sprechen Menschen links der Mitte an, private Nachrichtenanbieter rechts davon –, ordnen sich die Zuschauer der BBC gleichermaßen rechts wie links der Mitte ein. Im Ländervergleich sehen sich die Zuschauer der meisten öffentlich-rechlichen Sender eher links – ganz deutlich ist dies in Griechenland der Fall –, und nur bei den Zuschauern des tschechischen Fernsehens gibt es eine leichte Tendenz nach rechts.

Fünftens: Die deutschen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote haben mehrheitlich Zuschauer, die populistischen Argumenten gegenüber nicht sehr empfänglich sind. Umgekehrt bedeutet das auch: Zuschauer, die für solche Argumente empfänglich sind, stehen ARD, ZDF und Deutschlandradio eher skeptisch gegenüber.

Um abzuschätzen, welche der Befragten zum Lager der „Populisten“ gehören, wurde die Zustimmung zu zwei Aussagen abgefragt: „Das Volk sollte bei allen wichtigen Entscheidungen gefragt werden“ und „Die meisten gewählten Offiziellen kümmert es nicht, was Leute wie ich denken“. Die Methode werde in der wissenschaftlichen Forschung eingesetzt, um populistische Einstellungen zu messen, heißt es auf Nachfrage.

Zwar zeige die Studie, dass viele Zuschauer den öffentlich-rechtlichen Sendern vertrauen – in vielen Fällen auch mehr als privaten Sendern –, sagt Mitautorin Anne Schulz. Dennoch hätten die Macher der Angebote ein Problem. Schulz: „Populistische Bürger haben nicht aufgehört, diese Sender zu nutzen, aber sie vertrauen ihnen weniger.“

Entsprechend lässt sich aus der Untersuchung nicht nur ein digitaler Generationenabriss und eine Bildungskluft ableiten, sondern auch eine drohende Spaltung entlang der politischen Einstellungen der Zuschauer. Zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender als Informationsvermittler warnt Medienwissenschaftlerin Schulz darum: „Wenn diese Nachrichtenmarken ihre Online-Reichweiten nicht verbessern, riskieren öffentlich-rechtliche Medien den Niedergang und letztlich ihre Irrelevanz für den Großteil der Öffentlichkeit.“

Trotz der fortgeschrittenen Digitalisierung seien die Sender – nicht nur in Deutschland – im Kern weiter Rundfunkanbieter, während sich das Nutzungsverhalten vor allem der jungen Bevölkerung längst auf digitale Angebote verlagere. Das Beispiel der BBC zeigt indes, wie mit weniger Beitrag (rund 172 Euro gegenüber 210 Euro in Deutschland) eine größere digitale Reichweite von Nachrichten vor allem bei jungen Zielgruppen erreicht werden kann.

ARD und ZDF betonen derweil seit einer Weile ihr Selbstverständnis als sogenannte Gemeinwohlmedien, die dem öffentlichen Interesse dienen. Um diese Positionierung in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken, hatte die ARD vor einer Weile ein „Framing-Manual“ in Auftrag gegeben, um diese Ziele besser zu kommunizieren – und handelte sich damit den Vorwurf ein, die Beitragszahler mit rhetorischen Tricks zu manipulieren.

So verbreiten ARD und ZDF in einer aktuellen repräsentativen Auswertung über die Mediennutzung der Deutschen beispielsweise folgende recht pauschale positive Selbstbeschreibung: „Im Gegensatz zu den Privatsendern werden ARD und ZDF sowie die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme für Glaubwürdigkeit, hohe journalistische Qualität, regionale Berichterstattung und Zuverlässigkeit geschätzt.“ Und weiter: „Vor allem unter 30-Jährige beurteilen die öffentlich-rechtlichen Programmleistungen besonders positiv.“

Die auffallend geringen Werte bei der tatsächlichen Nutzung der digitalen Nachrichtenangebote vor allem in dieser jungen Altersgruppe lassen das Eigenlob in einem etwas matter glänzenden Licht scheinen.

Facebook-Investor McNamee rechnet mit den US-Tech-Konzernen ab

Roger McNamees Wandel ist durchaus bemerkenswert, hat er doch vom System rund um Facebook jahrelang profitiert. Mittlerweile ist er aber einer der größten Kritiker und mahnt die Marktmacht der US-Tech-Konzerne an. So auch am zweiten Tag der Dmexco, wo der den Besuchern ins Gewissen redete – und eine Werbelegende ihm in manchem Punkt widersprach.

Im Januar 2016 hatte er erste Zweifel bekommen, also bereits einige Monate vor der US-Präsidentschaftswahl, in der auch Facebook eine nicht unwichtige Rolle spielte, erzählte Roger McNamee im Gespräch mit Edward Roussel, Chief Innovation Officer bei Dow Jones. Dies war der Beginn seiner Reise vom Cheerleader zum Abtrünnigen, der vor den sozialen Gefahren von Facebook, Google, Amazon & Co. warnt.

Sehr schlaue Leute mit großen Träumen, so McNamee

Auf der Congress Stage erzählte der kalifornische Risikokapitalgeber und einer der frühen Facebook-Investoren von seinen Bedenken gegenüber den US-Tech-Firmen – und warum sich die in Köln versammelte Branche große Sorgen um ihre Zukunft machen sollte. Er wisse natürlich nicht, ob er Recht behalte, aber er verfolge die Unternehmen seit langer Zeit. Facebook, Amazon, Google & Co. offerierten niedrige Preise und Bequemlichkeit für die Nutzer. Es handele sich um schlaue Leute, die ihre großen Träume in einem unregulierten Markt verfolgen können.

“Ich kann verstehen, wie toll die Tech-Konzerne für euch sind. Allerdings werden sie euch in naher Zukunft nicht mehr brauchen. Darüber mache ich mir Sorgen.” Damit spielte er darauf an, dass sich die Konzerne mit neuen Geschäftsbereichen immer breiter und tiefer aufstellen. Man blicke nur auf Google im Transportwesen oder im Finanzbereich auf Facebook (Stichwort Libra). Warum, so seine These, sollten sie dann vor dem Marketing- und Agenturbereich Halt machen?

Außergewöhnlich ist McNamees Wandel vor allem wegen seiner Vergangenheit, denn er hat durchaus eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Facebook gespielt. Dem CEO Mark Zuckerberg hat er 2006 davon abgeraten, sein junges Unternehmen für eine Milliarde Dollar an Microsoft zu verkaufen. Und er hat ihm seine Geschäftsführerin Sheryl Sandberg vermittelt.

Derzeit führt er gemeinsam mit U2-Sänger Bono die Investment-Firma Elevation Partners. Seine These, dass Facebook die größte Gefahr unserer Zivilisation sei, hat er in dem Buch “Zucked” auf über 300 Seiten festgehalten, das im Dezember auf Deutsch erscheint. Zum Erscheinen der englischen Ausgabe gab es im Frühjahr bereits ein ordentliches Medienecho.

Auf der Dmexco-Bühne rief er dem Publikum zu, dass die Entwicklungen in der Branche schlecht für die gesamte Wirtschaft seien. Facebook, Google & Co. seien nicht Freunde, sondern letztlich Monopolisten. Derzeit würden die Tech-Firmen und ihre Algorithmen die Regeln festlegen. “Es muss mehr Alternativen geben”, forderte der Kritiker, “deshalb müssen sich unsere Regierungen dafür einsetzen.”

Sir Martin Sorrell widerspricht seinem Vorredner

Mit seiner scharfen Kritik wird McNamee sicher nicht alle Gäste vor der Congress Stage überzeugt haben, wenngleich die Marktmacht der US-Unternehmen unbestritten ist. Schade, dass sich der Abtrünnige nicht mit einem Vertreter von Facebook, Google oder Amazon zu den Themen Datenschutz und Marktmacht austauschen durfte.

Interessant wäre zudem an vielen Stellen ein Gespräch zwischen McNamee und Sir Martin Sorrell gewesen, der direkt im Anschluss auf die Bühne der Dmexco kam und von Ex-“Bild”-Chefredakteur und Storymachine-Mitgründer Kai Diekmann interviewt wurde. Dort ging es freilich um seine Zeit bei seinem früheren Arbeitgeber sowie den Veränderungen im Werbe- und Agenturgeschäft.

Der britische Unternehmer hatte 1986 die Werbeholding WPP gegründet und leitete diese als CEO bis 2018, bevor er wegen “persönlichen Fehlverhaltens” das Unternehmen verlassen musste. Mittlerweile ist er Chef von S4 Capital, die bald in Deutschland starten soll, wie Sorrell im Gespräch verriet.

“Facebook und Google verstehen langsam, dass sie verantwortlich sind”

Er sieht das Verhältnis mit den “Frenemies” jedenfalls deutlich entspannter als sein Vorredner. “Ich glaube nicht, dass sie Agenturen ersetzen wollen.” In dieser Hinsicht sehe er bei den US-Unternehmen keine Bestrebungen. “Sie wollen nicht ins Lager der Dienstleister wechseln”, sagte er und nahm damit Bezug auf McNamees Thesen. Bezüglich der viel kritisierten Datenmacht widersprach Sorrell dem Facebook-Investor ebenfalls. Die Masse an Zahlen und Informationen sei durchaus eine enorme Hilfe für Agenturen und die Kreation.

Dennoch, die Macht sei groß und daher könne den Tech-Konzernen das Schicksal einer Zerschlagung ereilen. Allerdings erläuterte Sorrell mit Blick auf die Rolle der US-Konzerne in der Wirtschaft und Demokratie: “Facebook und Google sind nicht taub hinsichtlich der Probleme. Sie verstehen langsam, dass sie verantwortlich sind.”

So wird Mark Zuckerberg zum Chefredakteur

Es ist der Satz, der Mark Zuckerberg viel Verantwortung abnimmt. „Wir sind ein Technologie-Unternehmen“, sagte er vergangenes Jahr im US-Kongress, als ihn Abgeordnete zu Facebooks Datenschutzproblemen befragten. Die Programmierer seien die zentralen Leute in seinem Konzern. Ein Technologie-Unternehmen also, kein Medienunternehmen – denn als letzteres müsste Facebook volle Verantwortung übernehmen für die Inhalte, die in dem Netzwerk verbreitet werden. Auch für Lügen und politische Manipulation. Stattdessen präsentiert Zuckerberg seinen Konzern als Durchlauferhitzer für Inhalte und Interessen seiner Nutzer. Ob die Inhalte problematisch sind, ob die Algorithmen die wüstesten Lügen nach oben spülen, weil die am meisten Klicks sammeln, ist nach dieser Logik nicht so wichtig.

Von Herbst an sollen die Programmierer Kollegen aus einer anderen Berufsgruppe bekommen: Weil Facebook eben doch irgendwie am Nachrichtengeschäft teilhaben will, wird der Konzern laut eigenen Angaben selbst Redakteure einstellen. In einer neuen News-Rubrik sollen – zunächst in den USA – auch menschliche Mitarbeiter Artikel auswählen und den Lesern prominent vorsetzen. Nun wurde bekannt, nach welchen Kriterien sie die News-Beiträge auswählen sollen, die dann Millionen Menschen in ihren Timelines sehen werden . The Information, ein investigatives Branchenportal aus dem Silicon Valley, zitiert ein internes Dokument mit jenen Vorgaben.

Es wird demnach eine „weiße Liste“ geben, auf der von Facebook als seriös eingestufte Medien stehen werden. Erst, wenn zwei von ihnen eine „Breaking-News-Story“ bestätigen, soll diese für die News-Sektion akzeptiert werden. Redakteure würden keine Artikel wählen, die „konstruiert wurden, um zu provozieren, zu spalten und zu polarisieren“. Als faktisch korrekt eingestufte Artikel, die journalistischen Standards entsprechen, dürften dann aber sehr wohl „spalten“ und würden redaktionell berücksichtigt. Überschriften mit obszönen Worten seien tabu. Artikel mit namentlich genannten Quellen würden gegenüber solchen mit anonymen bevorzugt. Gehe es um den Konzern selbst, soll es laut Bericht keine Zensur geben: Die Redaktion könne „unparteiisch Artikel über Facebook, Facebook-Manager“ verbreiten. Derzeit laufen Tests, The Information zufolge mit Artikeln verschiedener internationaler Medienangebote wie Wall Street Journal, CBS, National Geographic und BBC. Facebook wollte der SZ zu dem Bericht „nichts Konkretes“ sagen.

Verlage machten sich abhängig von Facebook

Seit der US-Präsidentenwahl 2016 steht Facebook wegen seiner Rolle als Nachrichten-Plattform in der Kritik. Liberale und Linke werfen dem Konzern vor, Falschnachrichten im Sinne des Wahlkampfes von Donald Tump an Abermillionen Menschen gestreut zu haben (etwa die Schlagzeile: „Papst spricht sich für Trump aus“). Konservative beklagen, dass Facebook in der polarisierten US-Medienlandschaft „ihren“ Portalen weniger Aufmerksamkeit von Nutzern verschaffe.

Die Wirkung der „Desinformation“ ist bislang unklar, und auch die Konservativen bleiben Beweise für ihre Theorie schuldig. Facebooks Nachrichtenmacht beschäftigt Medienunternehmen auf der Welt vor allem deshalb, weil es ihnen Leser und Zuschauer abgraben kann. Wie abhängig sich manche Verlage von der Plattform gemacht hatten, zeigte sich 2017, als Facebook Medieninhalte in seinem Algorithmus schwächer gewichtete. Daraufhin brachen die Besucherzahlen einiger Nachrichtenseiten ein, weil das Netzwerk ihnen viel weniger Leser zuführte als zuvor.

Weniger als zehn „journalistische Veteranen“ sollen einem Bericht der New York Times vom August zufolge für Facebook Artikel auswählen. Dann wäre Zuckerberg nicht nur Technologie-Unternehmer, sondern darüber hinaus auch ein Chefredakteur, der mitbestimmt, was mehr als zwei Milliarden Menschen lesen.

iPhone 11: Grosses Kino im «Steve Jobs Theater»

Apple hat am Firmenhauptsitz in Cupertino neue Tablet-Computer, Armbanduhren und Smartphones vorgestellt. Die wichtigsten Verbesserungen betreffen die Fotografie.

Bereits der erste Hinweis auf das neue iPhone stellte einen Bezug her zum Thema Innovation. Auf der Einladung, mit der Apple Ende August der Firma wohlgesinnte Journalisten zur iPhone-11-Premiere in das «Steve Jobs Theater» einlud, war nicht etwa «by invitation only» zu lesen, sondern «by innovation only».

Doch mit grundlegenden technischen Innovationen konnte Apple nicht aufwarten. Es gab keine Überraschungen, die Verbesserungen waren vorhersehbar. Die wichtigste Neuerung beim iPhone 11 ist eine leistungsfähigere Kamera. Sie kombiniert in den Pro-Modellen drei Sensoren hinter drei Linsensystemen. Mithilfe der Software können mehrere Aufnahmen von mehreren Sensoren kombiniert werden, so dass Fotos oder Videos mit einer deutlich besseren Qualität möglich werden. Allerdings: Die wichtigsten Konkurrenzprodukte von Samsung oder Huawei verfügen ebenfalls über Multi-Kamera-Systeme. Ob Apple in Sachen Bildqualität nicht nur die Vorgängermodelle aus dem eigenen Haus, sondern auch die Topmodelle der Mitbewerber auszustechen vermag, wird sich zeigen müssen.

Blinde Helden

Wenn auch die Produkte keine Überraschungen boten – die Dramaturgie der Präsentation war ungewohnt. Wenn es bei Apple anlässlich von Produktankündigungen Filme zu sehen gab, waren das Werbeclips für die neuen Produkte. Doch am Dienstag gab es im «Steve Jobs Theater» grosses Kino: Auf der Grossleinwand wurde der Trailer gezeigt für eine Science-Fiction-Serie namens «See», die der Regisseur Francis Lawrence mit prominenten Schauspielern wie Jason Momoa, Yadira Guevara-Prip und Sylvia Hoeks gedreht hat.

Dieser Trailer sollte vorführen, dass Apple in Zukunft vermehrt mit Dienstleistungen und nicht mehr nur mit Produkten Geld zu verdienen hofft. «See» ist ab November exklusiv für Kunden des Streaming-Dienstes Apple TV+ zu sehen. Für diesen Dienst, der weltweit in mehr als 100 Ländern zu haben ist, sind monatlich 6 Franken zu bezahlen.

Es ist schon etwas seltsam, dass die Vorstellung von neuen iPhones, die sich durch neue Foto-Funktionen auszeichnen, mit einem Film eingeleitet wird, bei dem es um Blindheit geht. «See» handelt von einer Zukunft, in der die Menschen ohne Augenlicht auskommen müssen. Es gab dann im «Steve Jobs Theater» doch noch Werbefilme zu sehen. Zur Apple Watch, die nicht mehr so sehr als Lifestyle-Gadget, sondern als medizinisches Gerät präsentiert wurde, oder zum neuen iPhone 11, mit dem man nun auch Slofies herstellen kann. Das sind Video-Selfies in Zeitlupe.

Verkaufsstart am 20. September

Das iPhone 8 gibt es weiterhin zu kaufen, auch das iPhone XR bleibt noch im Angebot. Bei den drei neuen iPhones, dem iPhone 11, 11 Pro und 11 Max Pro, ist alles ein bisschen besser: die Prozessorleistung, die Ausdauer der Batterie, die Bildschirmqualität, die Kamera. Doch keine dieser Neuerungen dürfte die Kunden so sehr begeistern, dass sie – wie das früher bei neuen iPhones üblich war – eine Nacht vor dem Laden ausharren, um dann am Morgen zu den Ersten zu gehören, die ein neues iPhone kaufen können.

Die jüngsten Smartphones von Apple sind ab dem 20. September erhältlich. Das billigste iPhone 11 mit 64 GByte Speicherplatz gibt es für 809 Fr. Beim Top-Modell, dem iPhone 11 Max Pro werden bis zu 512 GByte Speicherplatz geboten. Dieses Modell kostet 1719 Franken. Die Bildschirmgrösse hat sich gegenüber den Vorgängermodellen nicht verändert. Das iPhone 11 hat ein 6,1-Zoll-LCD, beim iPhone 11 Pro kommt ein Oled-Display zum Einsatz, die Diagonale misst hier 5,8 oder – bei der Max-Variante – mit 6,5 Zoll.

Es ist nicht so, dass Apple jemals bescheiden gewesen wäre, als es darum ging, die eigene Innovationskraft zu würdigen. Doch die Kunden zeigten sich von den Superlativen in jüngster Vergangenheit unbeeindruckt. Laut amerikanischen Marktforschungsfirmen hat sich das zwei Jahre alte iPhone 8 im zweiten Quartal besser verkauft als das neueste und beste, allerdings auch viel teurere iPhone X.

Mehr als drei Viertel aller iPhones, die im Einsatz stehen, seien älter als zwei Jahre, berichten die Marktforscher. In diesen zwei Jahren hat Apple ein halbes Dutzend neue iPhones herausgebracht, doch diese boten offenbar nicht die Art von Innovation, die Besitzer älterer Geräte hätten überzeugen können, sich ein neues Gerät zu beschaffen.

Stagnierende Verkäufe

Der Markt für Smartphones könnte neue Impulse gut gebrauchen. Marktforscher wie Gartner oder IDC melden seit mehreren Quartalen rückläufige Verkaufszahlen. Für das laufende Jahr sollen laut Gartner weltweit 1,5 Milliarden Smartphones verkauft werden. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine Reduktion um 2,5%.

Während Huawei und Samsung als marktführende Hersteller ihre Position halten oder ausbauen konnten, hat Apple Marktanteile verloren. Im ersten Quartal 2018 kontrollierte die kalifornische Firma 14,1% des Weltmarktes, jetzt sind es noch gut 10%. In Europa ist Apples Marktanteil laut den Zahlen von Canalys um 17% geschrumpft, während Samsung um 20% zulegen konnte. Laut Gartner geht es im kommenden Jahr wieder aufwärts, dann soll die 5. Generation der Mobilfunktechnik (5G) die Verkäufe ankurbeln. Apple hat allerdings vorerst keine 5G-Geräte im Angebot.

Studie: Warum der Drogenhandel von der Straße auf Social Media wandert

Der Drogenhandel verlagert sich zunehmend von der Straße auf Social-Media-Plattformen.

Studie mit 2006 Befragten

Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Marktforschungsinstituts Survation, das von der Lobbygruppe Volteface beauftragt wurde. Letztere setzt sich dafür ein, Cannabis zu legalisieren.

Für die Studie wurden 2006 Menschen befragt. Sie waren zwischen 16 bis 24 Jahre alt. Jede vierte Person davon habe bereits einmal gesehen, wie ein Dealer illegale Drogen auf Social Media anbietet. 56 Prozent der Ja-Sager bekamen dies schon einmal auf Snapchat mit, 55 Prozent auf Instagram und 47 Prozent auf Facebook. In 63 Prozent dieser Fälle wurde Cannabis beworben. Dahinter folgen Kokain (26 Prozent) und Ecstasy (24 Prozent).

Niedrigere Hemmschwelle, gleiche Gefahren

„Sky News“ hat daraufhin mit drei 17-Jährigen die Ergebnisse der Studie besprochen. Ein Mädchen meint, dass die Hemmschwelle online niedriger sei. „Früher haben junge Leute dreimal überlegt, ob sie es wirklich riskieren sollen, auf die Straße zu gehen. Online tauchen die Drogen in ihrer Timeline auf.“

Eine andere Befragte stimmt zu: „Auf Plattformen wie Instagram und Snapchat können Dealer ihr junges Zielpublikum erreichen. Leute scherzen schon, dass sie mit ihrem Drogendealer befreundet sind. Früher war er noch die vermummte Person auf der Straße“.

Der ehemalige Drogendealer Niko Vorobyov sieht dies als Gefahr: „Nur weil es auf Social Media stattfindet, ist es noch lange nicht ungefährlicher. Am Ende des Tages kannst du noch immer an den falschen Typen geraten. Du weißt auch nicht, was du kaufst“. Nur für den Dealer sieht er Vorteile. Dieser müsse sich nicht mehr so oft mit potentiellen Käufern persönlich treffen und ginge damit weniger Risiko ein.

Kein Gefahren-Bewusstsein

Besonders bedenklich ist laut Studie, dass beinahe die Hälfte der Unter-18-Jährigen im illegalen Drogenverkauf auf Social Media kein Problem sieht. Die Plattformen selbst sehen das naturgemäß anders. Instagram, Facebook und Snapchat tolerieren keinen illegalen Drogenverkauf. „Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen und investieren in neue Technologie, um verdächtige Codewords und Bilder aufzuspüren“, heißt es von Facebook und Instagram. Snapchat ruft dazu auf, „illegalen Inhalt zu melden.“

Vorobyov: „Wenn Instagram den einen Hashtag löscht, gibt’s noch genügend andere“. Der Kampf gegen den Drogenhandel muss also künftig auch vermehrt online geführt werden.

Apple in der Midlife-Crisis

Der iPhone-Boom ist längst verpufft, Apples Umsätze fallen weiter. Das Problem: Der Konzern muss neue Geschäftsfelder erobern, in denen starke Gegner warten.

Mike Bostock war einer von denen, für die Weihnachten im September stattfand: immer dann, wenn Apple seine neuen iPhone-Modell präsentierte. Früher habe er sich am ersten Verkaufstag in die Schlange vor den Geschäften eingereiht, erzählte der 40-Jährige aus San Francisco der Zeitung „Washington Post“.

Inzwischen hole er sich nur noch alle paar Jahre ein neues Smartphone. Der Start-up-Unternehmer hat die Freude an dem Kauf verloren. „Es begeistert mich nicht mehr, wenn ein neues Handy rauskommt“, sagt er.

Nun muss auch der Apple Chart zeigen-Konzern erst noch lernen, was für viele Kunden längst Realität ist: leben ohne iPhone-Begeisterung. Immer noch trägt das Produkt, dem der Konzern den Aufstieg zu einer der weltweit erfolgreichsten Marken verdankt, rund 50 Prozent zum Umsatz bei. Doch die Gewohnheiten der Kunden haben sich geändert, es fehlt an überzeugenden Innovationen, und der Markt gilt als gesättigt. Seit drei Geschäftsquartalen ist der iPhone-Umsatz geschrumpft, zuletzt um 13 Prozent im Jahresvergleich. Das nun vorgestellte iPhone 11 dürfte an dem Trend wenig ändern. Allenfalls könnte die im nächsten Jahr erwartete Einführung einer 5G-Version für den nächsten Mobilfunkstandard noch mal für Adrenalin in der Bilanz sorgen.

Apple will in den Alltag der Kunden

Apple-Chef Tim Cook weiß, dass das nicht reicht, um eine Marktkapitalisierung von fast einer Billion Dollar zu rechtfertigen. Er hat dem 1976 gegründeten Unternehmen deshalb eine Frischzellenkur verordnet, noch bevor es in die Midlife-Crisis gerät. Der Hardwarehersteller soll sich in einen Dienste-Anbieter verwandeln. Apple will künftig überall mitspielen, wo digitales Zukunftsgeschäft lockt:

– mit der Apple Card und Apple Pay bei den Finanzdienstleistungen,

– mit dem Streaming von Musik und Videos,

– mit Spielen in der Unterhaltungsbranche,

– im Auto mit dem virtuellen Beifahrer Apple Carplay

– und natürlich auch im rundum vernetzten Smarthome.

All das soll perfekt ineinandergreifen. Die Apple-Welt könnte zum 24/7-Zuhause für ihre Nutzer werden.

In der Zentrale in Cupertino sieht man sich bei der Umsetzung der neuen Strategie auf gutem Weg: Im dritten Geschäftsquartal steuerte das iPhone zum ersten Mal seit Jahren weniger als die Hälfte des Umsatzes bei, gleichzeitig verbuchte die Dienste-Sparte, zu der der App Store und die iCloud gehören, ein sattes Plus von über zwölf Prozent.

1,4 Milliarden Apple-Nutzer

Noch besser allerdings lief es bei den Wearables wie der Apple Watch und den AirPods. Allein diese Sparte sei inzwischen „größer als 60 Prozent der Fortune-500-Unternehmen“, erklärte Cook. Der Konzerngewinn schrumpfte trotzdem um 13 Prozent zum Vorjahr. Das dürfte auch der Grund sein, warum das neue iPhone billiger auf den Markt kommt als sein Vorgänger. Apple will die Verkäufe ankurbeln. So bietet man den Kunden auch an, ihre alten iPhone-Möhren in Zahlung zu nehmen.

Den Analysten gefällt, was sie da sehen. Seit Jahresanfang ist die Aktie um fast 40 Prozent gestiegen.Dabei hat sich Apple allerhand vorgenommen. In den neuen Geschäftsfeldern stößt der neue Konkurrent auf etablierte Platzhirsche.

So legt sich Apple mit seinem neuen Streamingdienst mit den Giganten Netflix Chart zeigen und Amazon Chart zeigen an, auch Disney hat ein ähnliches Projekt angekündigt. Cook setzt darauf, dass die iPhone-Nutzer ihrem Anbieter treu in die neuen Gefilde folgen. 1,4 Milliarden Menschen weltweit würden ein Apple-Gerät nutzen, hat er im Juli erklärt – ein gigantischer Pool von potentiellen Nutzern der künftigen Dienste. Dass Apple sein Video-Angebot zum Schnäppchenpreis von 4,99 Dollar vertreibt, sorgte am Dienstag für Kursverluste der Mitbewerber. Das Vertrauen in Apples Zukunft scheint groß.

Trump hat Apple bisher geschont

Noch aber ist das Leben ohne iPhone nur eine Vision und die Probleme sind gegenwärtig. Ab Dezember soll nach dem Willen von Donald Trump ein 15-prozentiger Einfuhrzoll auf Laptops und Smartphones aus China in Kraft treten. Apple träfe das hart: Der Großteil der Fertigung findet in Fernost statt, und Amerika ist der wichtigste Absatzmarkt.

Lange konnte Cook den US-Präsidenten davon überzeugen, seine Branche im Handelskrieg zu verschonen. Der Apple-Chef sei „ein großartiger Manager“, lobte Trump nach einem gemeinsamen Abendessen in seinem Golfklub: „Weil er mich anruft, und andere das nicht machen.“

Doch die Charmeoffensive gerät an ihr Ende. Wenn die Zölle greifen, kann Apple wählen, ob es die Zusatzkosten selbst trägt oder an seine Käufer weiterreicht. Die erste Variante würde den Gewinn wohl um 0,50 Dollar pro Aktie schmälern, hat Daniel Ives von der Investmentfirma Wedbush Securities errechnet. Die zweite Option wäre nicht viel besser – der Absatz würde um bis zu acht Millionen Stück sinken. Auch das schlüge auf den Gewinn durch.

Tröstlich für Apple: Das Weihnachtsgeschäft in Amerika wäre zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend gelaufen. Auch für diejenigen, die nicht vor dem Laden auf das neue Modell gewartet haben.

Navi-Konkurrenten: Wie sich Garmin und TomTom fit für die Zukunft machen

TomTom und Garmin waren einst marktführend bei Nachrüst-Navigationssystemen. Deren Zeit scheint jedoch endgültig abgelaufen – und die früheren Konkurrenten suchen ihr Heil mit ganz unterschiedlichen Strategien.

„TomTom oder Garmin?“ Die Frage spaltete Deutschlands Benzinfraktion, so wie die nach „Köln oder Düsseldorf“ oder „Hamburg oder Bremen“ die Fußballfans. Der Innovationswettlauf der beiden Hersteller trieb den globalen Markt mit Nachrüst-Navigationsgeräten in immer neue Höhen. Knapp viereinhalb Millionen verkaufte Geräten und gut eine Milliarde Euro Umsatz markierten in Deutschland den Höhepunkt des Geschäfts mit den smarten Wegweisern für die Windschutzscheibe.

Zehn Jahre ist das her. Seitdem hat die Branche ein paar Gänge zurückgeschaltet. Der Absatz der Nachrüst-Navis sank auf rund eine Million Geräte deutschlandweit, der Umsatz mit rund 175 Millionen Euro sogar auf nur noch ein knappes Fünftel. Auch weltweit kannte die Entwicklung nur eine Richtung: abwärts!

Denn das Massengeschäft mit den gut handtellergroßen Geräten wurde zwischen zwei Trends zerrieben: Zum einen übernahmen Smartphones – nach der Rolle der Fotoapparate, der Musikspieler oder der E-Book-Reader – auch noch die Funktion der Navigationsgeräte. Dank konstant fallender Preise für mobile Daten lassen sich heute immer mehr Reisende im Alltag vom Handy zum Ziel lotsen. Sofern sie – das ist der zweite Trend – nicht längst fest eingebaute Routenführer im Fahrzeug haben. Die sind längst vom Luxuszubehör zur Basisausrüstung vieler Neuwagen geworden.

Absturz vom Börsen-Olymp

Den beiden Branchenriesen, Garmin aus den USA und TomTom aus den Niederlanden, hat der Umbruch des Marktes – parallel zur globalen Wirtschaftskrise nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers – einen drastischen Einbruch der Börsenkurse beschert. Garmin verlor zeitweise fast 87 Prozent seines Wertes, TomTom stürzte gar um rund 97 Prozent ab. Die Entwicklung zwang beide Unternehmen zur radikalen Neudefinition ihrer Kerngeschäfte.

Die Konzerne haben dabei ganz unterschiedliche Strategien gewählt.

Zwar präsentierten beide Hersteller vor wenigen Tagen auf der Elektronikmesse IFA in Berlin noch immer neue Generationen ihrer Navigationsgehilfen. Und auch auf der Motormesse IAA Frankfurt, werden beide Hersteller vertreten sein. Aber ganz anders als es das klassische Geschäftsmodell erwarten ließe.

So konzentriert sich TomTom heute weitgehend auf das Software-Geschäft, insbesondere als Lieferant für Straßenkarten, die längst über den Detailgrad herkömmlicher Routenübersichten hinausgehen. Die neuen HD-Karten, die Straßenverläufe, Spurmarkierungen, Kurvenradien und Fahrbahnneigungen, Schilder- und Ampelpositionen zentimetergenau dokumentieren, sind eine wichtige Grundlage fürs teil- und künftig auch vollautonome Fahren. Dabei reicht es nicht, die Strecken nur genauer zu kartieren. Die Daten müssen auch um ein Vielfaches aktueller sein.

Zurück zu den Wurzeln

Ähnlich wie schon Staumeldungen, die einzelne Navis heute über TomToms Cloud-Plattform in Echtzeit mit anderen Routenführern des Herstellers austauschten, wollen die Niederländer künftig auch Zustandsinformationen über die Straßen kontinuierlich erfassen und weitergeben. Diese Daten ließen sich dann als tagesaktuelle Ergänzungen für HD-Karten auf andere, vernetzte Autos übertragen, die TomToms Straßendaten für die Navigation oder fürs (teil-) autonome Fahren verwenden.

Das Hardware-Geschäft mit Sportuhren oder Actionkameras hingegen, in dem TomTom ebenfalls aktiv war, spielt für die Niederländer keine Rolle mehr. Mit dieser Strategie – Fokus auf Software und Dienstleistung – kehren die Niederländer zu den Anfängen des Unternehmens zurück. Denn ursprünglich verkaufte das Unternehmen digitale Straßenkarten und Software zur Streckenplanung. In Zukunft, davon sind sie im Amsterdamer Hauptquartier überzeugt, werden solche Dienste weiter gefragt sein, erst recht, wenn Fahrzeuge dereinst ihren Weg zum Ziel autonom finden sollen.

Neue Märkte erschlossen

Garmin hingegen hat die gegensätzliche Strategie gewählt und sieht das Zukunftsgeschäft in der Hardware. Aber auch die Amerikaner haben sich dabei in den vergangenen Jahren von der Dominanz der Navigationssysteme emanzipiert und ihr Geschäft neu aufgestellt. Lag der Umsatzanteil der Straßennavigation vor einer Dekade bei 70 Prozent, ist er inzwischen auf 16 Prozent geschrumpft. Größte Umsatz und Gewinnbringer sind heute die Sparten Sport, Outdoor und Luftfahrt – von der Sportuhr über den GPS-Navigator für Segler bis zum Routenführer im Gelände.

So wie Garmin einst im Geschäft der Auto-Wegweiser dominierend war, so sehr hat sich das Unternehmen heute als einer der Marktführer im Segment der Fitnesstracker und High-End-Trainingsuhren etabliert. Selbst eine Edel-Serie, die ausschließlich über Juweliere vertrieben wird, haben die Amerikaner inzwischen im Programm.

Zwar vertreibt auch Garmin heute noch Navis und Frontscheibenkameras, sogenannte Dash-Cams, zum Nachrüsten. Doch das Zukunftsgeschäft der Automobilsparte liegt woanders. Im Frühjahr wurde bekannt, dass Garmin künftig Entwickler und Lieferant für Unterhaltungs-, Kommunikations- und Navigationssysteme wird, die der BMW-Konzern in zahlreiche seiner Fahrzeuge ab Werk einbaut.

Miteinander statt gegeneinander

Dabei werde es nicht bleiben, davon ist Garmin-Vorstandschef Cliff Pemble überzeugt. Die Nachfrage nach integrierten Unterhaltungssystemen im Auto werde in Zukunft noch steigen, wenn mehr und mehr Wagen autonom über die Straßen rollen. „Egal, ob sich die Fahrer darüber – wie heute noch – lotsen lassen wollen, oder dereinst entspannt unterhalten lassen, wir haben das Hardware-Know-how, um das möglich zu machen.“

Und sogar TomTom könnte dann wieder mit an Bord sein. Denn aus der einstigen Rivalität ist längst Ko-Innovation geworden: So mancher Autohersteller lässt sich schon heute die Hardware für die Einbaugeräte von einem der beiden Ex-Navi-Riesen liefern und die Karten vom anderen. Für das Zeitalter des autonomen Verkehrs, so scheint es, sind beide inzwischen gerüstet.

Digitale Desinformation gefährdet freie Wahlen

Einen Tag, nachdem Donald Trump zum US-Präsident gewählt worden war, ließ sich Mark Zuckerberg zu einer Behauptung hinreißen, die er bald bereuen sollte. Es sei eine „ziemlich verrückte Idee“, dass Falschnachrichten auf Facebook den Ausgang der Wahl beeinflusst hätten. Dieser Satz ist ausgesprochen schlecht gealtert. Nur knapp ein Jahr später sagte der Facebook-Chef, er bedaure seine abschätzige Aussage.

Zuckerbergs Realitätsverweigerung und Zuckerbergs Entschuldigung zeigen, wie fundamental sich der Blick auf politische Desinformation verändert hat. Vor der US-Wahl 2016 diskutierten allenfalls Experten, ob und wie sich Online-Plattformen für Propaganda missbrauchen lassen. Seit dem Trump-Schock fallen vor jeder Wahl Begriffe wie „Fake News“, „Microtargeting“ und „Social Bots“.

Politische Desinformation ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – aber noch nicht in der Mitte der Politik. Deshalb hat Grünen-Politikerin Renate Künast die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags beauftragt, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das Gutachten „Ansatz zur Regulierung von Wahlwerbung im Internet“ liegt der SZ vor und zeigt, wie Deutschland und andere Staaten versuchen, Online-Wahlkämpfe abzusichern.

Während analoge Werbeformen wie TV-Spots und Wahlplakate strikt reguliert sind, fehlen entsprechende Gesetze für digitale Kampagnen. „Das Gutachten unterstreicht den Regulierungsbedarf bei Microtargeting, Dark Ads und Fake News als zentral für die Wahlfreiheit der Bürgerinnen und Bürger im digitalen Zeitalter“, sagt Künast. „Es darf kein Geschäftsmodell mehr für Diensteanbieter sein, Wahlkampfwerbung im Dunkeln zuzulassen.“

Das Grundgesetz sieht vor, dass Wahlen allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim ablaufen müssen. Die Experten der Wissenschaftlichen Dienste halten es für „fraglich, (…) inwieweit die ‚Freiheit‘ der Wahl auch vor dem Hintergrund der neuen Herausforderungen des digitalen Zeitalters gesetzlich geschützt ist“. Deshalb sei es entscheidend, dass der Gesetzgeber digitale Wahlkämpfe reguliere. Das gelte insbesondere für Falschnachrichten und Desinformation.

Die Gutachter verwenden immer wieder den Begriff „Fake News“, obwohl sie die Bezeichnung zu Beginn selbst als vage bezeichnen und sich an einer Definition versuchen. Der Ausdruck ist seit einigen Jahren ein Kampfbegriff, den Trump, die AfD und andere politische Akteure nutzen, um missliebige Berichte zu diskreditieren. Die SZ schreibt deshalb „Falschnachrichten“, wenn es um nachweislich falsche Tatsachenbehauptungen geht. „Desinformation“ ist weiter gefasst und schließt auch irreführende oder bewusst aus dem Zusammenhang gerissene Darstellungen mit ein.

In ihrer Ausarbeitung vergleichen die Wissenschaftlichen Dienste die Regelungen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Vor allem das französische „Gesetz zur Bekämpfung der Manipulation von Information“ sieht drastische Maßnahmen vor. Bereits drei Monate vor einer Wahl können staatliche Stellen Rundfunkbetreiber und Internetplattformen sperren und sogar Gefängnisstrafen verhängen.

Außerdem werden Online-Plattformen wie Facebook dazu verpflichtet, offenzulegen, wer politische Anzeigen schaltet und wie viel Geld dafür fließt. Auch in Großbritannien beschäftigen sich mehrere Untersuchungskommissionen mit dem Gefahrenpotenzial digitaler Desinformation. Im Mai kündigte die britische Regierung gesetzliche Maßnahmen an, um Online-Wahlkämpfe stärker zu regulieren.

„Während andere Länder voranschreiten, mangelt es in Deutschland an zielgerichteten Vorgaben für Transparenz digitaler Wahlwerbung“, sagt Künast. „Wer ist für einen Werbeinhalt verantwortlich und wer hat die Verbreitung finanziert? Solche Informationen vorzuenthalten, verhindert einen offenen und fairen Wahlkampf.“ Deutschland konzentriert sich derzeit darauf, sogenannte Hasskriminalität zu bekämpfen. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz sieht Bußgelder für Plattformen vor, die strafbare Inhalte nicht innerhalb bestimmter Fristen löschen. Für politische Online-Werbung gibt es zwar einige Regelungen im Rundfunkstaatsvertrag, spezifische Regulierung fehlt bislang aber.

So will Facebook Tinder Konkurrenz machen

Auf Facebook gebe es 200 Millionen Singles, sagte Firmengründer Mark Zuckerberg im vergangenen Jahr auf der Entwicklerkonferenz F8, als fühle er sich für all diese einsamen Herzen verantwortlich: „Hier gibt es ganz klar etwas zu tun.“ Kurz darauf gab die Aktie der Match Group, zu der unter anderem die App Tinder gehört, um fünf Prozent nach. Zuckerberg hatte eine Dating-Funktion für Facebook angekündigt.

Nun ist sie da, nach einer anfänglichen Testphase nun offiziell in den USA und 19 anderen Ländern. In Europa soll sie Anfang kommenden Jahres starten. Sie könnte der Social-Media-Plattform neuen Auftrieb geben, wenn es auf Facebook plötzlich nicht mehr nur darum geht, „Likes“ zu sammeln, also „gemocht“ zu werden – sondern auch darum, begehrt zu werden.

Zunächst hat Facebook aber erst einmal ein Problem. Das Unternehmen weiß, dass die Nutzer beim Dating möglicherweise lieber einem anderen Dienst vertrauen. Einem, der die intimen Details, die man, so Gott will, mit anderen einsamen Nutzern austauscht, nicht irgendwann für Werbekunden auswertet. Oder sie plötzlich auf frei zugänglichen Servern herumliegen, so wie jüngst die Handynummern von mindestens 200 Millionen Nutzern. Um ein bisschen Vertrauen aufzubauen, hat Facebook die neue Dating-Funktion in einen eigenen, abgeschotteten Container verlagert, als App-in-der-App, ohne Werbung und offenbar auch ohne Analyse der sensiblen Nutzerdaten für mögliche Werbekunden.

Wer mitmachen will, muss sich dafür ein komplett neues Profil zulegen, nur den Namen und das Alter zieht Facebook aus seiner Haupt-App. Anschließend lädt man bis zu neun Fotos hoch und beantwortet eine Reihe von Fragen, um es potenziellen Interessenten zu erleichtern, das Eis zu brechen. Etwa, wie man sich einen perfekten Tag vorstellt. Man kann auch Inhalte verlinken, die man bereits auf Facebook oder Instagram gepostet hat, ohne dass jemand außerhalb von Facebooks Dating-Welt etwas davon mitbekäme. Komplett außerhalb des Social Media-Kosmos von Facebook bewegt man sich also eben doch nicht – aber das tut man bei anderen Dating-Apps ja auch nicht.

Tinder und Bumble beispielsweise nutzen ebenfalls Facebooks Daten. Deshalb zeigt Tinder an, wie viele gemeinsame Facebook-Freunde man mit der Person hat, deren Foto man sich gerade anschaut. Verhindern, dass man über die eigene Ex-Freundin, den eigenen Ex-Freund stolpert, kann man bei diesen Apps allerdings nicht – und somit auch nicht, dass umgekehrt Freunde und Kollegen interessiert das eigene Profil studieren. Facebooks Dating-Funktion allerdings lässt sich so einstellen, dass man nur außerhalb des eigenen Netzwerks von Freunden und deren Freunden datet. Umgekehrt lassen sich auch bestimmte Menschen in den gesonderten Dating-Container hineinholen. Aus der normalen Facebook-Freundesliste kann man jemanden als „Secret Crush“ auswählen, einen „heimlichen Schwarm“. Der kriegt dann eine Benachrichtigung, dass jemand ihn anschwärmt, in der aber nicht steht, wer der heimliche Verehrer ist. Erst wenn beide sich gegenseitig als „Secret Crush“ markiert haben, enthüllt das Programm, um wen es sich jeweils handelt – also so wie auf Tinder, wenn man ein „Match“ hat.

Auch innerhalb von Gruppen, denen man auf Facebook beigetreten ist und in Veranstaltungen, die man besucht hat, kann man heimlich schwärmen und „matchen“. Man kann sich beim Dating also innerhalb der sozialen Strukturen bewegen, wie sie sich auf Facebook abbilden – indem man bestimmten Teilen seines Netzwerks aus dem Weg geht, andere aktiv aufsucht. Das könnte ein entscheidender Vorteil für Facebook sein: Andere Apps bieten zwar auch Verknüpfungen zu Facebook. Aber nicht die Infrastruktur eines kompletten sozialen Netzwerks, das sich im Alltag ständig verändert.

So wie auch die meisten anderen Dating-Apps schlägt einem Facebook mögliche Kandidaten vor. Diese Vorschläge kommen nicht zufällig aus dem Blauen, sondern stammen von Algorithmen, die berechnen, wer zu wem passen könnte. Bei Facebook ermitteln sie sich laut Aussage des Unternehmens auf der Grundlage von „deinen Vorlieben, Interessen, und anderen Dingen, die du auf Facebook tust“. Das klingt, gelinde gesagt, nach einer sehr soliden Datengrundlage. Eine Studie der Stanford University zeigte, dass Facebooks Algorithmen die Antworten ihrer Nutzer besser vorhersagen können als der eigene Ehepartner, sobald man über 300 Likes abgegeben hat. Und darum geht es beim Dating schließlich: Jemanden zu finden, der einen versteht. Der zu einem passt. Jemanden, dem man vertraut.

Doch was springt dabei für das Unternehmen heraus? Da der Dating-Bereich von Facebook werbefrei ist, wirft er wohl keine direkten Gewinne ab. Allerdings könnte das soziale Netzwerk, zum Dating-Spielplatz umfunktioniert, wieder interessanter für viele Menschen werden: Laut einer Untersuchung des PEW Research Center haben 2017 fast die Hälfte der US-amerikanischen Nutzer eine zumindest zeitweilige Pause von Facebook eingelegt. Die Jüngeren nutzen häufig lieber Instagram. Sie könnten die Funktion ausprobieren, um mit ihren Instagram-Fotos auf Datingtour zu gehen – und dabei die klassische, blaue Facebook-App entdecken, die besonders wertvolle Daten abliefert. In sie ist das Dating eingebettet.

Davon abgesehen: Wenn auch nur drei Prozent der rund 2,4 Milliarden Facebook-Nutzer sich zum Dating anmelden, zieht der Social-Media-Gigant am bisherigen Marktführer Tinder vorbei. Ob sich das Unternehmen dann noch an sein Versprechen erinnert, die Daten nicht für Werbung zu nutzen?

IFA 2019: Diese Themen stehen im Mittelpunkt

Auf der IFA in Berlin gehören im Jahr 2019 künstliche Intelligenz, 5G und Sprachsteuerung zu den Top-Themen. Hardwareseitig macht das Smartphone dem TV-Gerät den Platz als Aushängeschild streitig.

Die IFA will sich einmal mehr als internationale Bühne für Innovationen unter Beweis stellen. In diesem Jahr stünden Künstliche Intelligenz, 5G sowie die Sprachsteuerung von Geräten der Unterhaltungselektronik klar im Fokus der Top-Themen, sagte IFA-Direktor Jens Heithecker am Mittwoch zur offiziellen Eröffnung in Berlin. Künstliche Intelligenz halte in immer mehr Unterhaltungsgeräten Einzug. Spracherkennung mache die Bedienung komfortabel. Und von dem Mobilfunkstandard 5G dürften vor allem die Smartphone-Hersteller angesichts eines stagnierenden Marktes neue Impulse erhoffen.

Technik-Markt zeigt sich relativ stabil

Zugkräftige Innovationen kann die Branche aktuell gut gebrauchen: Die aktuelle Phase des Wachstums werde 2019 zu Ende gehen, sagte Hans-Joachim Kamp, Aufsichtsratsvorsitzender der Branchengesellschaft gfu. Im ersten Halbjahr habe der Markt für technische Konsumgüter ein Minus von zwei Prozent verzeichnet, sagte Kamp. Insgesamt zeige sich der Markt jedoch in einer stabilen Situation, trotz kritischer Faktoren wie Handelskriegen, des drohenden Brexit und der ökonomischen Schwäche in vielen Ländern. Die IFA finde erneut zur richtigen Zeit statt, sagte Kamp. Den größten Umsatz mache die Branche traditionell im letzten Quartal des Jahres.

Konflikt zwischen USA und China sorgt für Druck

Unter Druck steht die Branche auch durch den aktuellen Handelskonflikt zwischen den USA und China. Die Trump-Regierung erlegt etwa dem Elektronikkonzern Huawei erhebliche Restriktionen auf. Jeder Handelskrieg treffe aber nicht nur ein Land, sondern eine gesamte Branche und damit auch die Konsumenten, sagte Christian Göke, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin. „Innovationen werden damit weniger innovativ, das trifft uns alle.“ Bei ihren Eröffnungsrednern bringt die IFA die USA und China zusammen: Neben dem Präsidenten des amerikanischen Chipherstellers Qualcomm, Cristian Amon, wird auch der Chef des Verbrauchergeschäfts von Huawei, Richard Yu, eine Rede halten.

Vodafone schürt Interesse an 5G mit Gratis-Option

Nach der zähen Frequenz-Versteigerung für den neuen Mobilfunkstandard war 5G zunächst für den Einsatz beim autonomen Fahren oder für Industrie-Unternehmen gedacht. Private Nutzer könnten vielfach mehr von einem Ausbau der LTE-Standards profitieren, hieß es. Doch die Telekom-Unternehmen und Smartphone-Hersteller adressieren zunehmend auch den privaten Nutzer. Vodafone zählte nach Einführung einer 5G-Tarifoption in kürzester Zeit 5.000 Kunden.

Nun schürt das Unternehmen das Interesse zusätzlich mit einer 5G-Option ohne Aufpreis. Bislang gibt es allerdings erst zwei Smartphones – von Samsung und Huawei – auf dem Markt. Die dürften die Unternehmen auf der IFA allerdings auch in den Mittelpunkt rücken. 5G gehöre für Samsung zu den Kernthemen bei Smartphones, sagte Deutschland-Chef Mario Winter. Noch gebe es zwar noch wenige Geräte, aber 2020 werde möglicherweise das erste Jahr sein, in dem 5G einen großen Markt erschließe, sagte Göke.

Bitkom: Umsatz mit Smartphones bleibt hoch

Während die Umsätze mit den traditionellen Aushängeschildern der Unterhaltungselektronik, den neuen TV-Geräten, weiter zurückgehen, halte sich der Umsatz mit Smartphones auf hohem Niveau, erklärte Sebastian Klöß vom Digitalverband Bitkom. In den kommenden Jahren werde sich in dem Bereich noch einiges tun. Die nächste Generation, faltbare Smartphones, stehe bereits in den Startlöchern.

Zuletzt hatten sich Samsung und Huawei ein Wettrennen um das erste Gerät dieser Art im Markt geliefert, ruderten jedoch beide kurz vor dem geplanten Start zurück. Bei der Herstellung unter anderem des Displays gab es hartnäckige Probleme. Nun startet Samsung einen neuen Anlauf. Auf der IFA in Berlin wird der südkoreanische Konzern sein „Galaxy Fold“ mit im Gepäck haben, das noch in diesem Monat auf den Markt kommen soll. Auch Huawei könnte sein „Mate X“ mit dabei haben.

Falt-Smartphones sind noch sehr teuer

Eine Trendstudie des Bitkom und der Beratungsgesellschaft Deloitte ermittelte, das mehr als die Hälfte der Befragten (58 Prozent) einen großen Vorteil von faltbaren Smartphones darin sehen, dass sich diese zusammenklappen lassen und damit weniger Platz benötigen. Den größeren Bildschirm halten 50 Prozent für besonders interessant. Und 18 Prozent versprechen sich mehr Leistung als bei herkömmlichen Smartphones. Bislang ist die neue Geräte-Generation aber noch sehr teuer. Mit Preisen bis zu 2.300 Euro für das „Mate X“ dürfte sich die Gerätekategorie noch einzige Zeit in einem Nischenmarkt bewegen.

Zwei Tage wird die Messe Fachbesuchern und der Presse vorbehalten sein, ab Freitag ist das private Publikum eingeladen. In diesem Jahr hat sich die Zahl der Aussteller mit 1939 erneut leicht erhöht im Vergleich zum Vorjahr, wie die Veranstalter mitteilten. Vergangenes Jahr zählte die IFA insgesamt rund 244.000 Besucher.

Facebook bietet Verlagen bezahlte Video-Partnerschaften an

Führende Verlage aus Europa werden mit Facebook zusammenarbeiten, um exklusive Inhalte auf der Videoplattform Facebook Watch bereitzustellen. Zu den Facebook-Partnern gehören die deutschen Verlagshäuser Axel Springer, Burda und Gruner + Jahr, teilte Facebook-Manager Jesper Doub am Donnerstag in einem Blogeintrag mit. In Rahmen der europäischen Kooperation werden nicht nur Werbeerlöse geteilt, sondern Facebook zahlt auch einen zweistelligen Millionenbetrag direkt an die Medienpartner.

Axel Springer wird mit dem Sendeformat „BILD DAILY“ täglich über aktuelle Themen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Lifestyle berichten sowie mit „WELT News“, den „meinungs- und bildstärksten Themen von WELT Digital“ zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Burda ist mit einer Ratgeber-Sendung („Life Hacks“) und einem Nachrichtenformat seines Magazins „Focus“ sowie einer mehrteiligen Serie mit Klaudia Giez („Germany’s Next Top Model“) präsent. Gruner + Jahr bringt eine Wissenschaftsshow, eine Fußball-Sendung sowie zwei Shows zum Thema Kochen auf Facebook Watch online.

Facebook-Manager Doub, der für Medienpartnerschaften in Europa zuständig ist, betonte, Menschen teilten und diskutierten Ideen und Neuigkeiten in dem Netzwerk. „Deshalb legen wir großen Wert auf ein gesundes Nachrichten-Ökosystem und die Stärkung von Qualitätsjournalismus.“

Facebook unterstütze Verlage und Herausgeber einerseits bei der digitalen Transformation und entwickele andererseits gemeinsam mit ihnen neue Geschäfts- und Erlösmodelle. „Unser Ziel ist es, Verlagen die Möglichkeit zu bieten, neue Formate auszuprobieren, neue Zielgruppen zu erreichen und nachhaltige Ertragsquellen über unsere Plattformen aufzubauen.“

Die Kooperation im Video-Bereich ist Teil eines größer angelegten Plans von Facebook-Chef Mark Zuckerberg, das angespannte Verhältnis von Facebook zu den Medien zu verbessern und Qualitätsinhalte aus den Medien auf den Plattformen des Konzerns sichtbar zu machen. So kündigte Zuckerberg Anfang August in einem Gespräch mit Springer-Chef Mathias Döpfner an, einen separaten Bereich für Medieninhalte einzurichten. Dieses Projekt ist bislang aber noch nicht umgesetzt worden.

In Facebooks Einstellung zu Medieninhalten hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Änderungen gegeben. Zunächst wurde das Online-Netzwerk zu einer immer wichtigeren Plattform für Medienunternehmen, um Nutzer zu erreichen. Doch dann wurde Facebook unter anderem im Zuge des US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 für die massenhafte Verbreitung gefälschter Nachrichten missbraucht – und musste einräumen, schlecht darauf vorbereitet gewesen zu sein.

Vor diesem Hintergrund kündigte Zuckerberg an, Beiträge von Familie und Freunden sollten in den Newsfeeds der Nutzer mehr Gewicht als Medieninhalte erhalten. Das führte auch bei den klassischen Medien zu erheblichen Reichweitenverlusten und damit zu weniger Einnahmen.

Der Digitalchef von Gruner + Jahr, Arne Wolter, sprach zuletzt von einer „Frenemy“-Beziehung, also einer Mischung zwischen Freund und Feind. „Der Begriff ‚Frenemy‘ passt nach wie vor“, sagte Wolter in einem Interview mit HORIZONT. „Dennoch verändert sich etwas zum Guten: Beide Seiten verstehen einander besser. Wir haben gelernt, wo wir Partner sind oder sein sollten – und wo wir tatsächlich im Wettbewerb stehen. Die Claims sind besser abgesteckt.“

In dem aktuellen Videoprojekt arbeiten aus Frankreich die renommierte Zeitung „Le Monde“, der Nachrichtensender BFM-TV sowie die populäre Video-Plattform Brut (www.brut.media) mit. Aus Schweden ist „Expressen“ mit einer News-Sendung vertreten.

Warum Xing ab nächstem Jahr alle Display-Formate von der Plattform schmeißt

Kühl gerechnet: Burdas Job-Netzwerk Xing, das vor einem Jahr sein bis dato eher am Rande mitlaufendes Vermarktungsgeschäft zur Wachstums- und Profitmaschine erklärt hat, sperrt ab 2020 alle Display-Werbeformate von seiner Plattform aus. Stattdessen setzen die Hamburger voll auf native Digitalanzeigen – und wollen einen Creative Director anheuern.

„Wir trennen uns von alten Zöpfen und konzentrieren uns in den Wachstumsfeldern Social Media und Mobile auf die betriebswirtschaftlich sinnvollen Werbeformate Video und Native“, sagt Xing-Vermarktungschef Arist von Harpe. Und ergänzt: „So gesehen ist Display das neue Print.“

Hintergrund: Der gefühlte Werbedruck für Nutzer soll begrenzt, das Inventar knapp gehalten werden. Zugleich sollen die Klickraten durch das Zusammenspiel von besseren nativen Formaten, optimiertem Targeting und passenderer Kontextplatzierung steigen. Die Xing-Algorithmen optimieren nach Ertrag, nicht nach Klickpreis. Deshalb will von Harpe die relativ klick- und erlösschwachen großen Display-Flächen nun eliminieren.

Bereits seit Jahresanfang fährt Xing versuchsweise Display- zugunsten von Native-Formaten zurück. Dadurch seien wegen der Angebotssteigerung die Native-Durchschnittspreise zwar gesunken. Doch dies habe neue Werbekunden angelockt und die Gesamterlöse auch wegen höherer Klickraten steigen lassen. Künftig sollen Native-Formate nicht nur auf der Startseite, sondern auch auf den News-, Mitteilungs- und Kontaktseiten erscheinen. 2018 stiegen Xings Werbeerlöse um rund 30 Prozent auf 13 Millionen Euro.

Der Anteil aus Kampagnen mit Employer Branding wächst weiter in Richtung 50 Prozent. Hier bietet Xing seinen Werbekunden nun auch Beratung und Kreation an, etwa beim Herausarbeiten der Arbeitgebermarke. Da werde noch viel falsch gemacht, sagt von Harpe, „schnelle 08/15-Kreation wie etwa bei Handelswerbung funktioniert nicht“. Für sein fünfköpfiges Brand Studio will er ab Herbst einen bekannten Agenturwerber als Creative Director verpflichten.

Lego-Chef Niels Christiansen digitalisiert die Klötzchenwelt

Früher arbeite er bei McKinsey und dann beim Kältetechnikspezialisten Danfloss. Damals wäre Niels Christiansen nicht im Traum eingefallen, dass er es beruflich einmal mit Spielzeug zu tun bekommen würde.

Doch als er im Oktober 2017 das Reich der bunten Klötze und lustigen Figuren übernahm, war das alles andere als ein Kinderspiel: Lego befand sich in einer tiefen Krise, der Umsatz war eingebrochen, 1.400 Mitarbeiter – acht Prozent der Belegschaft – mussten gehen.

Wenn der größte Spielwarenhersteller der Welt seine Halbjahreszahlen vorstellt, wird das wohl auch ein Abschied von der Flaute sein. Niels Christiansen, der hochgewachsene Manager mit den rotblonden Haaren, hat das Unternehmen aus dem dänischen Billund durchgerüttelt, hat es von Bürokratie befreit, hat Hierarchien beschnitten, Entscheidungsprozesse beschleunigt.

Ihm gelang ein umfassender Neuanfang, dessen Dynamik bereits im vergangenen Jahr langsam zu wirken begann. 2018 erwirtschaftete das Unternehmen einen Gewinn von 1,08 Milliarden Euro, das waren 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der 53-jährige Däne, Vater zweier erwachsener Kinder, dämpft dennoch die Erwartungen. Wichtig sei für ihn nicht die schnelle Erfolgsbilanz, sondern das nachhaltige Wachstum, sagte er kürzlich. Dass es dabei auch um Tempo geht, ist für ihn kein Widerspruch. Er weiß: einfach aus Noppen-Bausteinen die Welt nachbilden – das ist im 21. Jahrhundert zu wenig.

Mit seiner ersten Kollektion steckt Christiansen mitten in der digitalen Revolution. Konsequenter als bisher verknüpft er die Klötzchen mit dem Cyberspace. Ein Beispiel ist Lego Boost, eine App, mit der Kinder individualisierte Roboter bauen können. Christiansen hat das Prinzip des Ausprobierens mitgebracht in die neue High-Tech-Welt. Es gehe darum, die Angst vor dem Scheitern zu verlieren, sagt er.

Die Methode „Versuch – Irrtum“ macht Christiansen gerade zum Siegertypen. Dass berufliches Scheitern in der Lego-Chefetage aber durchaus eine Option ist, hatte sein Vorgänger Bali Padda erfahren müssen. Der stand nur knapp ein Jahr an der Spitze des Unternehmens, weil er dem desaströsen Geschäftsjahr 2017 wenig entgegenzusetzen hatte. Patriarch Kjeld Kirk Kristiansen, Enkel von Lego-Gründer Ole Kirk Christiansen, hatte schlicht das Vertrauen in ihn verloren.

Tracking-Cookies: Firefox schüttelt die Verfolger ab

In der jüngsten Version des Firefox-Webbrowsers wird der Tracking-Schutz automatisch als Standard für alle Benutzer aktiviert. Beim Kampf gegen das Tracking habe man einen «neuen Ansatz» entwickelt, schreibt David Camp, Senior Vice President von Firefox. Diese verbesserte «Anti-Tracking-Technologie» kann seit Juni benutzt werden; 20 Prozent der Firefox-Nutzer profitieren bereits von dieser Funktion.

Bald dürften es 100 Prozent der Benutzer sein. Denn sie müssen seit dem letzten Update des Browsers nichts unternehmen, um die Funktion zu aktivieren.

Bedrohte Privatsphäre

Der Tracking-Schutz der Firefox-Version 69 arbeitet hinter den Kulissen und nutzt Informationen der sogenannten Disconnect-Liste, um bekannte Tracker zu blockieren. Damit können Unternehmen davon abgehalten werden, Profile der Benutzer zu erstellen. Oft werden diese Profile ohne Wissen oder Zustimmung der Anwender erstellt.

Ein Klick auf das Schild-Symbol in der Adressleiste blendet Informationen ein über die Firmen, die am Tracken gehindert werden konnten.

Kampf gegen Krypto-Miner

Neben Tracker bedrohten auch Fingerprinting-Skripte die Privatsphäre der Anwender. Sie können individuelle Benutzer anhand der Software-Konfiguration ihres Computers identifizieren. Um sich vor Fingerprinting-Skripten zu schützen, müssen Firefox-Benutzer selber aktiv werden und in den Einstellungen die entsprechende Präferenz anwählen.

Eine andere derzeit weit verbreitete Malware bedroht die Leistungsfähigkeit der Computer-Hardwware: Krypto-Miner stehlen Rechenleistung. Diese Malware wird in der jüngsten Firefox-Version ebenfalls standardmässig unterdrückt.

China macht das iPhone zum Instrument der Unterdrückung

Apples iPhones gelten als besonders sicher. Doch nun berichten IT-Forscher von einer Sicherheitslücke, die China offenbar nutzte, um eine Bevölkerungsgruppe auszuspionieren. Neben Chatverläufen gelangten die Behörden an viele weitere Daten.

Apples iPhones haben in Sachen Sicherheit bislang einen legendären Ruf. Die Geräte gelten unter Hackern wie auch in Behördenkreisen als schwer angreifbar, jede Gerätegeneration bringt neue Sicherheitsfeatures. Sogenannte Jailbreaks – also Softwarelücken, über die Software dauerhaft ohne Apples Zustimmung installiert werden kann – sind extrem rar und werden am grauen Markt für Millionen Dollar gehandelt. Zudem aktualisiert Apple seine Software zeitnah; auch ältere Geräte werden mit Updates versorgt. Auch deswegen nutzen viele Topmanager, aber auch Dissidenten und Bürgerrechtler weltweit die Geräte von Apple, wenn sie sicher kommunizieren wollen.

Um so überraschter waren IT-Sicherheitsforscher weltweit, als Ende vergangener Woche ausgerechnet Google, Apples größter Konkurrent im Bereich Mobil-Betriebssysteme, eine weitreichende Lücke in der digitalen Abwehr von iOS offenlegte. In der Analyse der digitalen Spuren ergeben sich nun Hinweise, dass chinesische Sicherheitsbehörden hinter dem Angriff auf das iPhone stecken könnten.

Das überrascht nicht: Für Sicherheitsbehörden eines autoritären Staates ist das Smartphone ein Überwachungs-Traumgerät, enthält es doch nicht nur die gesamte Kommunikation einer Zielperson, sondern liefert auch gleich Standortinformationen, Fotos und Kontakte.

Googles hausinternes Hackerteam „Project Zero“ hatte eine ganze Reihe von Webseiten entdeckt, die iPhones angriffen und mit Schadsoftware bestückten. Wirklich neu an dem Angriff war, dass der Nutzer nichts weiter tun musste als die Webseite mit Apples eigenen Browser Safari anzusteuern. Eine weitere Interaktion oder gar ein OK des Nutzers benötigten die Angreifer nicht, der Besuch reichte für den Zugriff aus.

Die Angreifer waren laut der Google-Recherche bereits jahrelang aktiv und nutzten die Schwächen ab der Veröffentlichung von iOS 10 Ende 2016 über zwei Jahre lang aus. Die Google-Forscher entdeckten den Angriff bereits Anfang 2019 und warnten Apple am 1. Februar. Der Konzern brachte daraufhin außerplanmäßig innerhalb weniger Tage das Sicherheitsupdate mit der Versionsnummer 12.1.4, das die Lücke schloss.

Der Angriff war – das zeigt die Google-Analyse – außerordentlich komplex: Er kombinierte nicht weniger als 14 verschiedene Schwachstellen in Apples Betriebssystem und dem Safaribrowser. Der Google-Forscher Ian Beer geht davon aus, dass die entsprechenden Schwachstellen auf dem grauen Markt bis zu 20 Millionen Dollar wert gewesen wären.

„Doch all diese Preise erscheinen niedrig, wenn man dafür die digitalen Aktivitäten ganzer Bevölkerungsgruppen beobachten kann“, kommentiert Beer. Apple selbst bietet Hackern ein Preisgeld von bis zu einer Millionen Dollar pro gemeldeter Schwachstelle auf dem iPhone. Ob die Google-Hacker nun die Prämie von Apple bekommen, ist unklar.

Google geht davon aus, dass die Angreifer zunächst insgesamt fünf Websites hackten, um ihre Angriffssoftware gegen die iPhone-Nutzer in Stellung zu bringen. Anschließend reichte es aus, wenn iPhone-Nutzer auf die entsprechenden Seiten surften. Googles Forscher gehen von mehreren tausend betroffenen Nutzern pro Woche aus.

Anhand der Webseiten, so berichten die US-Medien „Forbes“ und „TechCrunch“, sei überdies klar, wer im Visier der Angreifer gewesen sei: Die ethnisch-religiöse Minderheit der muslimischen Uiguren in der Provinz Xinjiang sollte ausspioniert werden. Angesichts der Zielgruppe sei so gut wie sicher, dass chinesische Sicherheitsbehörden hinter dem Angriff stecken, schreibt Forbes.

Chinas Behörden gehen seit Jahren massiv gegen Unabhängigkeitsbestrebungen der Uiguren vor. Seit 2016 haben die Behörden ihr Vorgehen massiv verschärft. Unter anderem sollen laut einem UN-Bericht mehr als eine Millionen Uiguren in Umerziehungslagern und Internierungszentren festgehalten werden. Auch spioniert die chinesische Polizei ganz offen digital, etwa indem sie Spionageapps beim Grenzübertritt auf den Geräten der Einreisenden installiert.

Für den nun offen gelegten Angriff versteckten die Hacker im Staatsauftrag auf den Geräten ihrer Opfer eine weitreichende Schadsoftware. Diese übermittelte nicht nur permanent den Standort der betroffenen iPhone-Besitzer, sondern übertrug auch Fotos und Kontaktdaten von den Geräten zu den Hackern.

Zudem las die Software Chatinhalte populärer Messengerapps wie WhatsApp und Telegram sowie weiterer in China beliebter Apps aus und sandte sie zusammen mit den digitalen Schlüsseln zur Entschlüsselung der Inhalte den Spionen. Zwar machte ein Neustart des betroffenen iOS-Gerätes die Software unbrauchbar. Doch wer erneut auf die Webseiten mit der digitalen Falle surfte, wurde auch reinfiziert. Die gesamte Kommunikation der Geräteeigentümer wurde so transparent gemacht.

Warum Karstadt jetzt mit Amazon kooperiert

Gleich reihenweise sind in den vergangenen Monaten deutsche Händlerinsolvent gegangen oder müssen um ihr Überleben kämpfen. Einen großen Anteil daran hat der Onlinehändler Amazon, der mit seiner schnellen Lieferung für viele Kunden zur bequemen Alternative für den Einkauf im stationären Laden geworden ist. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass Warenhäuser wie Karstadt den Erz-Konkurrenten mittlerweile umarmen und mit dem US-Konzern sogar zusammenarbeiten.

Schon jetzt stehen in einigen Karstadt-Filialen sogenannte Amazon Locker, Packstationen, in die Amazon-Kunden ihre Päckchen bestellen und dort während der Geschäftszeiten abholen können. Ein Service, den auch Ketten wie dm, Penny oder Rewe in oder vor ihren Filialen anbieten.

Karstadt geht nun einen Schritt weiter. Der Einzelhändler arbeitet noch enger mit den Amerikanern zusammen und ermöglicht es Amazon-Kunden künftig, ihre Ware auch im Warenhaus selbst an einem sogenannten Amazon Counter abzuholen, wie eine Amazon-Sprecherin erklärte. „Wir testen aktuell eine Möglichkeit, mit der Kunden ihre Amazon Pakete von einem Karstadt-Laden abholen können.“ Amazon suche „immer nach neuen Wegen, den Komfort der Lieferung für den Kunden zu verbessern“.

Die Sprecherin bestätigte damit einen Bericht des Branchendienstes „Exciting Commerce“, das mit einem Bild aus dem Karstadt-Haus am Münchener Stachus über das neue Amazon-Angebot und die Werbung dafür berichtet hatte. Von Karstadt selbst war zunächst keine Stellungnahme zu bekommen.

Damit wagt sich Karstadt auf ein Terrain vor, auf dem Amazon in anderen Ländern bereits deutlich weiter ist. Bereits im Frühjahr hatte Amazon entsprechende Kooperationen mit Händlern in Großbritannien und Italien bekannt gegeben – und auch angekündigt, den Service auf weitere Länder ausweiten zu wollen.

Auch in den USA existiert der sogenannte Counter-Service bereits, den Amazon zusammen mit seinen Locker-Packstationen offenbar unter dem Amazon Hub System zusammengefasst hat.

Anders als bei dem Testballon bei Karstadt können US-Kunden bei Amazons gepimpten Click-&-Collect-Angebot ihre Päckchen allerdings nicht nur abholen, sondern auch Retouren abliefern, ohne diese aufwändig für die postalische Rücksendung verpacken zu müssen. Ein prominenter Amazon-Counter-Partner in den USA ist die angeschlagene US-Warenhauskette Kohl’s, die in den USA mehr als 1100 Läden betreibt und wie Karstadt massiv mit der Onlinekonkurrenz – vor allem durch Amazon – zu kämpfen hat.

Wie Kohl’s hat sich Galeria-Karstadt-Kaufhof-Chef Stephan Fanderl offenbar entschieden, mit Amazon zusammenzuarbeiten, da er den Konzern nicht schlagen kann. Man sehe Amazon als „Frenemy“ zitierte ihn im vergangenen Jahr die „Lebensmittelzeitung“.

Während Amazon durch seine mittlerweile mehreren hundert deutschen Locker-Abholstationen und zentralen Counter für die Kunden immer attraktiver wird – und sich gleichzeitig aufwändige Lieferlösungen spart, hoffen die Handelsketten durch den prominenten Handelspartner auf mehr Frequenz.

So ist in der Amazon-Counter im Karstadt in München laut Beobachtungen von „Exciting Commerce“ im dritten Stock angesiedelt, einer Etage, in die viele Warenhaus-Kunden gar nicht mehr vorstoßen. Deshalb schauen sich viele Handelskonzerne schon länger nach Lösungen für diese Teile ihrer Geschäftsräume um.

Zudem hoffen Sie, dass sich Kunden auf dem Weg zur Abholstelle vielleicht zum Kauf hauseigener Produkte hinreißen lassen könnten, oder ihre Begeisterung für den eigenen Laden neu oder wieder entdecken.

Dass Amazon als Mieter und Frequenzbringer zumindest zweitweise durchaus rentabel sein kann, zeigt das Beispiels Kohl’s. Das US-Kaufhaus, das ähnlich wie Galeria Karstadt Kaufhof mit der immer stärker werdenden Konkurrenz aus dem Internet zu kämpfen hat, unterhält nach einer Testphase mittlerweile in allen seinen mehr als 1100 Läden in den USA Amazon Counter, bei denen Kunden ihre Retouren abgeben können.

Ein Angebot, das sich für die Handelskette aktuell offenbar rechnet, wie Kohl’s-CEO Michelle Gass gerade wieder beteuert, die neben den Amazon Countern auch auf weitere Kooperationen und Drittmieter wie Supermarktketen und Fitnesstudios setzt, um ihre Handelsimmobilien rentabler zu betreiben und die Frequenz zu erhöhen.

Die Rettung für den Einzelhändler ist die Kooperation allerdings noch lange nicht, die manche Experten bejubeln, andere als „trojanisches Pferd“ bezeichnen. Unterm Strich waren die Gewinne der Einzelhandelskette auch nach der Ausweitung der Kooperation zuletzt weiter im Sinkflug – im zweiten Quartal alleine um 17 Prozent.

Wie das Internet Strom frisst

Die Internetseite solar.lowtechmagazine.com geht offline, wenn die Sonne nicht scheint. Sie wird mit Solarenergie betrieben. Die Betreiber möchten damit zeigen, was viele häufig vergessen: Ohne Strom funktioniert das Internet nicht. Dessen Größe verdoppelt sich Schätzungen zufolge etwa alle zwei Jahre. Der Energiebedarf digitaler Technologien ist laut dem Thinktank „The Shift Project“ bereits heute für etwa vier Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Das ist mehr als der zivile Luftverkehr erzeugt.

Die Nutzer bekommen davon allerdings kaum etwas mit, denn verbraucht wird der Strom immer häufiger „in der Cloud“ – also in gewaltigen Rechenzentren, den Fabriken des digitalen Zeitalters. Oft übersteigt dieser ausgelagerte Energieverbrauch den, der für den Betrieb des eigentlichen Geräts zu Hause notwendig ist.

Die Lösung wäre: Häufiger offline arbeiten, zum Beispiel, indem man Lieblingslieder herunterlädt und sich damit das Streamen spart; oder indem man Suchbegriffe als Text eintippt, anstatt sie an die KI-Sprachassistenten Siri, Alexa, Cortana oder den Google Assistant weiterzugeben, was mehr Rechenaufwand erfordert. Doch viele Daten, das ist ja in der Regel, was die Anbieter wollen – das hilft ihnen beispielsweise bei ihrem Werbegeschäft. Die Nutzer sollen auf den Seiten und in den Apps außerdem möglichst viel Zeit verbringen. Wer „Addictive Design“-Funktionen wie den automatischen Start von Videos deaktiviert, generell bewusster mit der Energieressource Daten umgeht, leistet also nicht einfach nur Verzicht. Nutzer erhalten auch die Kontrolle über ihre digitalen Spuren und ihre Zeit zurück.

Wer seinen ökologischen Fußabdruck im Netz senken will, sollte sich zudem die Frage zu stellen: Wo kommt die Energie für die Server her, die ich regelmäßig nutze? Apple, Microsoft, Facebook und Google haben in der Studie „Clicking Green“ 2017 von Greenpeace gute Noten für ihre Bemühungen um ein nachhaltigeres Internet bekommen. Sie setzen auf erneuerbare Energie und investieren teilweise in den Bau neuer Anlagen. In der Kritik der Umweltschützer steht dagegen der Marktführer für Cloud-Lösungen: Amazon.

Etwa die Hälfte der Server von Amazon Web Services (AWS) sollen einem im Februar veröffentlichten Bericht zufolge in der „Data Center Alley“ stehen, wo sich nicht weit von Washington die größte und am schnellsten wachsende Konzentration von Rechenzentren weltweit befindet.

Hauptenergielieferant dieses physischen Herzstücks des Internets und von AWS ist Dominion Energy, der auf seiner Website einen Anteil erneuerbarer Energien von mageren vier Prozent ausweist. Wegen des enormen Strombedarfs der Rechenzentren plant der Energieversorger, eine Pipeline für Frackinggas aus West Virginia zu bauen. Frackinggas ist wegen Umweltschäden bei der Förderung höchst umstritten. Greenpeace kritisiert, die Amazon-Tochter trage durch den rasanten Ausbau ihrer Präsenz in der Data Center Alley dazu bei, dass sich auch immer mehr andere Rechenzentren dort ansiedeln, um möglichst nahe an den vom Cloud-Marktführer verarbeiteten Teil des Internets zu sein.

AWS nannte die Schätzungen zu seinem Energieverbrauch gegenüber Computer Weekly überzogen und wies auf Investitionen in Solarprojekte in Virginia hin. Der Streaming-Dienst Spotify ist bereits 2018 von AWS in die Google Cloud umgezogen – laut einem Unternehmenssprecher explizit, um die CO₂-Bilanz von Spotify zu verbessern. Die Emissionen hätten sich damit bereits um fast 1500 Tonnen reduziert. Netflix läuft immer noch auf Amazon-Servern.

D: Neuer Medienstaatsvertrag – TV-Sender und Verbände sind geteilter Meinung über den zweiten Entwurf

Seit mehr als fünf Jahren wird um die Ausgestaltung eines neuen Medienstaatsvertrags gerungen. Jetzt liegt ein von der Rundfunkkommission der Länder überarbeiteter Entwurf vor. Dieser stößt bei Fernsehsendern wie RTL sowie Verbänden der Digitalwirtschaft, Telekommunikations- und Elektroindustrie auf ein geteiltes Echo. Während Unternehmen das Vertragswerk größtenteils begrüßen, sehen einige Verbände Nachteile für die Verbraucher.

Wenn Claus Grewenig, Bereichsleiter Medienpolitik bei der Mediengruppe RTL Deutschland, den Entwurf des Medienstaatsvertrags bewertet, vertritt er eine klare Meinung. “Soweit sich die Kritik auf die Bestimmungen zum Signalschutz und etwaige Überblendungen von Inhalten durch Plattformen oder Endgerätehersteller bezieht, halten wir sie weder für berechtigt noch für besonders sachlich. Es ist vielmehr so, dass die Länder dem richtigen Ansatz folgen, dass das Rundfunksignal und die Inhalte nicht ohne Zustimmung der Sender überblendet werden dürfen, weil diese massiv ins Programm investiert haben und dabei auch regulatorische Vorgaben erfüllen müssen”, erklärt der Medienfachmann. So seien Ausnahmen vorgesehen, um die Interessen der Zuschauer und Nutzer zu wahren.

Dennoch sieht der Medienexperte noch Handlungsbedarf: “An anderer Stelle sollte der Entwurf des Medienstaatsvertrages noch klarer gefasst werden, etwa wenn es um die besondere Auffindbarkeit von gesellschaftlich erwünschten Inhalten wie Nachrichten oder Regionalem geht. Wer diese Inhalte will, muss sie auch auffindbar machen”, betont Grewenig. Er betont, dass der Staatsvertrag nach mehr als fünf Jahren Diskussion inzwischen auf einem guten Weg sei und “nun zügig politisch beschlossen werden” sollte.

Dass die TV-Sender bei Überblendungen das Zepter in der Hand halten wollen, ist verständlich. “Werbung ist die hauptsächliche Refinanzierungsquelle für die Inhalte und sichert Investitionen in Programme, die Plattformangebote erst attraktiv machen. Allein die Mediengruppe RTL investiert im Jahr eine Milliarde Euro in ihre Angebote. Insofern bezieht sich der aktuelle Entwurf beim Signalschutz berechtigter Weise sowohl auf die unerlaubte Überblendung von Inhalten, aber auch von Werbung”, meint Grewenig. An anderer Stelle sollten die Bestimmungen zu den Ergebnissen der Audiovisuellen Mediendiensterichtlinie der EU 1:1 seinen Angaben zufolge so umgesetzt werden, “also vor allem die stündlichen Werbevorgaben flexibilisieren, so wie es Bund und Länder einheitlich im mehrjährigen Prozess auf EU-Ebene gefordert hatten.“ Denn gerade im Wettbewerb mit internationalen Online-Anbietern bedürfe es dringend einer Annäherung der Rahmenbedingungen in Richtung eines Level Playing Fields.

Der Verband der Kabelnetzbetreiber Anga, der Digitalverband Bitkom, der Verband der Internetwirtschaft eco sowie der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie ZVEI protestieren massiv gegen den von der Rundfunkkommission überarbeiteten Entwurf für einen Medienstaatsvertrag. Der Entwurf schränke “die Freiheit der Nutzer ein, blockiert Innovationen und greift unverhältnismäßig in die Gestaltungsfreiheit der Anbieter von Medienplattformen ein”, heißt es. Konkret könnten Nutzer bald Dienstleistern keine generelle Einwilligung mehr erteilen, um im laufenden Programm über passende Angebote und Programme informiert zu werden. Überblendungen und Skalierungen stünden dem Plan nach unter dem Erlaubnisvorbehalt der TV-Sender und können nur noch im Einzelfall in Eigenregie veranlasst werden. Funktionen wie Bild-in-Bild oder Split-Screen, bei denen der Nutzer zwei Programme gleichzeitig ansehen kann, sollen ohne Erlaubnis der Rundfunkanstalten gar nicht mehr zulässig sein. “Der derzeitige Entwurf des Medienstaatsvertrags geht an den bestehenden Nutzergewohnheiten vorbei. Innovative Medienplattformen sind gerade deshalb so erfolgreich, weil sie das Nutzererlebnis radikal in den Mittelpunkt stellen. Der aktuelle Entwurf des Medienstaatsvertrags führt zur Bevormundung der Verbraucher”, sagt Susanne Dehmel, Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung.

Doch dies ist nicht alles: Knackpunkt sei vor allem, dass Mediendienste, die nach Auffassung der Länder besonders wichtig sind, auf allen Plattformen für lineares Fernsehen oder Video on Demand bevorzugt auffindbar sein sollen. Dies führe aber nach Ansicht der Verbände dazu, dass existierende Marktpositionen zementiert werden. Neue Anbieter, Startups oder Nischendienste hätten dabei das Nachsehen. “Leider haben die Länder die Chance vertan, die Intensität der Plattformregulierung deutlich zu reduzieren. Stattdessen halten sie weiter daran fest, neue und immer restriktivere Regeln für Plattformbetreiber und Anbieter von Benutzeroberflächen zu schaffen”, betont Geschäftsführerin Andrea Huber.

Dem Verband Privater Medien (Vaunet) stößt die Kritik von Anga, Bitkom & Co. sauer auf: “Aktuell trommeln Anga, Bitkom, eco und ZVEI dafür, die Rechte der Verbraucher und Inhalteanbieter zu Gunsten von Plattformbetreibern einzuschränken – auch wenn sie genau das Gegenteil behaupten. Nach ihrer Vorstellung sollen pauschale und einmalige Einwilligungen von Verbrauchern ausreichen, um zum Beispiel Bild-in-Bild Einblendungen oder Splitscreens durch die Plattformbetreiber zu ermöglichen. Dass diese kommerziellen Interessen und nicht dem Gemeinwohl folgen dürften, liegt auf der Hand”, erklärt ein Vaunet-Sprecher.

So berücksichtige der aktuelle Entwurf des Medienstaatsvertrags schon heute die Hoheit der Nutzer, die zum Beispiel Bild-in-Bild-Einblendungen oder Split Screen eigens aktivieren können. “In unserem Verständnis muss die Gestaltungsfreiheit der Anbieter von Medienplattformen dort enden, wo sie die Nutzung und Refinanzierung der Inhalteanbieter beeinträchtigt und den Schutzzweck einer Norm konterkariert”, betont der Vaunet-Sprecher und ergänzt: “Ein Freifahrtschein für eine kommerzielle Nutzeransprache durch die Plattformbetreiber sollte nicht im Interesse der Politik liegen. Wir appellieren, stattdessen an vernünftigen Zielen zu arbeiten, die die Vielfalt der Inhalte und Anbieter respektieren und schützen. Das würde den guten Weg des Länderentwurfs weiter stärken.”

Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) rügt dagegen vor allem, dass im geplanten Medienstaatsvertrag die Aktivitäten von AdBlockern weiterhin nicht genügend eingeschränkt werden: “Im Rahmen der Überarbeitung des Rundfunkstaatsvertrages muss dringend die Integrität journalistisch-redaktioneller Inhalte gestärkt werden. Dass etwa Adblocker eben dies gefährden, ist ein unhaltbarer Zustand. Durch ihren Eingriff von außen konterkarieren Adblocker die Finanzierung kostenfrei zugänglicher Inhalte im Internet und gefährden damit den Zugang aller Bevölkerungsschichten zu hochwertigen journalistischen Inhalten”, erklärt BVDW-Präsident Matthias Wahl. So sei das Blockieren legitimer Werbebanner ein unverhältnismäßiger Eingriff in das Geschäftsmodell von Content-Anbietern. “Dabei umfasst der Schutz der Presse- und Meinungsfreiheit des Grundgesetzes sowohl redaktionelle Inhalte als auch Werbeanzeigen. Ein neuer Medienstaatsvertrag muss das auch im Sinne der medialen Vielfalt in aller Deutlichkeit herausstellen”, so Wahl.

„Münchner Runde“ sorgt wegen hohen Beraterkosten intern für Ärger

Die Talkshow „Münchner Runde“ ist das politische Hochamt des Bayerischen Rundfunks. Am 04.09. endet die Sommerpause der Sendung, und geht es los mit den Politikergesprächen – und zwar besser, zeitgemäßer und jünger als je zuvor – so lautet der Plan. Thomas Hinrichs, seit fünf Jahren Informationsdirektor des Bayerischen Rundfunks, will das angestaubte Format runderneuern. Das ist auch bitter notwendig. Denn das Durchschnittsalter der Zuschauer bei der „Münchner Runde“ beträgt stolze 73 Jahre. Das ist selbst für ARD-Verhältnisse jenseits von Gut und Böse.

„Mit einem neuen, modernisierten Sendungskonzept“ sollen laut Hinrichs „auch neue Zielgruppen“ erreicht werden. Die „Münchner Runde“ bekommt nicht nur ein neues Studiodesign, sondern soll zudem auch durch umfangreiche Aktivitäten in den sozialen Netzwerken verjüngt werden. „Soziale Medien ermöglichen den Dialog mit dem Publikum. Dieses kann sich aktiv an einer Diskussion beteiligen. Diese Möglichkeiten will die ,Münchner Runde‘ künftig bei der Sendungsvorbereitung, aber auch für die Nachbereitung stärker nutzen“, kündigt Hinrichs an.

„Es geht darum, ein neues, junges Publikum zu finden, ohne den älteren Zuschauer zu vergraulen“, sagt Rundfunkrat und Filmproduzent Harald Stocker zur Strategie der ARD-Tochter. „Der BR muss nicht bei jeder Zielgruppe so erfolgreich wie die privaten Konkurrenten sein. Das Durchschnittsalter darf aber nicht steigen.“ Derzeit erzielt die Talkshow „Münchner Runde“ nur noch einen Marktanteil von sechs Prozent. Als Zielkorridor nennen BR-Insider aber zehn Prozent.

Doch nun gibt es Aufregung im Hochhaus des Bayerischen Rundfunks unweit des Münchener Bahnhofs. Denn für zwei Berater für die Modernisierung der „Münchner Runde“ sollen 170.000 Euro ohne große Gegenleistung geflossen sein, heißt es in den Reihen der ARD-Tochter.

Der bayerische Regisseur Rolf Sturm („Verstehen Sie Spaß?“, „Die Harald Schmidt Show“) und der frühere ORF-Programmentwickler und Ex-Chefredakteur des österreichischen Privatsenders Servus TV, Robert Altenburger, (Altenburger Media Consulting) sollen dieses Jahr 130.000 Euro bekommen. 40.000 Euro gab es bereits vorher für das deutsch-österreichische Expertentandem.

„Der BR hat für den Relaunch der ,Münchner Runde‘ auch auf die Expertise externer Berater zurückgegriffen. Dies ist weder im BR noch in der Branche ungewöhnlich. Die Berater haben bereits an anderer Stelle erfolgreich für die ARD gearbeitet“, sagte Hinrichs. So hat das Tandem das TV-Nachmittagsformat „Wir in Bayern“ modernisiert.

Zu den gezahlten Honoraren an Sturm und Altenburger äußerte sich der Vertraute des BR-Intendanten und ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm nicht. „Der BR behandelt Vertragsdetails vertraulich“, bemerkte er nur. Doch die Summe von insgesamt 170.000 Euro sei „so nicht richtig“. Ob sie darunter oder darüber liegt, wollte Hinrichs nicht verraten.

Regisseur Rolf Sturm wollte ebenfalls keine Honorarsumme nennen. Durch einen entsprechenden Vertrag mit dem BR seien ihm die Hände gebunden, meinte der studierte Philosoph. „Zu den Zahlen kann ich nichts sagen. Ich habe eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben“, sagte Medienberater Altenburger.

Die beiden Berater werden künftig aber nicht mehr für den BR arbeiten, informierte Hinrichs. Es habe sich „nach vollbrachter Beratungsleistung keine Notwendigkeit für einen Folgeauftrag“ ergeben. An einer weiteren Zusammenarbeit mit dem BR ist Medienberater Sturm trotz der internen Kritik interessiert. „Ich stehe selbstverständlich dem BR weiter zur Verfügung“, sagte der Regisseur.

Sturm und Altenburger hätten zwar regelmäßig an Sitzungen teilgenommen und viel versprochen, aber letzten Endes kein Konzept für einen umfassenden Relaunch der „Münchner Runde“ abgeliefert, sagen die Kritiker im Sender. Sturm bestätigte das Versprechen, ein Dossier von „Maischberger“ besorgen zu wollen. Diese Handakte für den Moderator konnte aber von der Redaktion von „Maischberger“ nicht beigebracht werden.

Deshalb hat Sturm am Ende ein Musterdossier selbst geschrieben. Allerdings hätte Chefredakteur Christian Nitsche fünf Wochen darauf warten müssen, berichtet er selbst. Hinrichs entgegnete unterdessen auf die Vorwürfe, dass die Berater viel versprochen, aber kein Konzept abgeliefert hätten: „Nein, das ist falsch.“

Mit seiner Kritik an der Talkshow „Münchner Runde“ hält Regisseur Sturm nicht hinterm Berg. „Es ist grundsätzlich ein weiter Weg, nahezu eine Verdoppelung des Zuschaueranteils zu erreichen“, warnt der Regisseur. Er kritisierte den Sendezeitpunkt der Talkshow um 20.15 Uhr. Das gebe es sonst nirgendwo im deutschen Fernsehen. Auch sei die Gesprächsrunde mit nur 45 Minuten Sendezeit zu kurz.

Die „Münchner Runde“ ist als Sendeformat für den Bayerischen Rundfunk strategisch wichtig. „Die ,Münchner Runde‘ ist das einzige Gesprächsformat im Bayerischen Fernsehen, um Menschen zu einem demokratischen Diskurs in Bayern zusammenzuführen“, heißt es in der Chefetage. „Ein vernünftiger und anständiger Diskurs im Fernsehen soll nun auch in die digitale Welt überführt werden.“

Wenn das klappen soll, braucht die Talkshow spannende Themen. Für nächsten Mittwoch soll es eine Nachlese der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg geben und den Konsequenzen für die Bundespolitik und die Große Koalition nachgegangen werden. Das wirkt drei Tage nach den Wahlen abgestanden. „Die 17,50 Euro an Rundfunkgebühren müssten eigentlich garantieren, dass ich aktuell informiert werde“, äußert sich ein BR-Insider.

So bereiten sich die großen US-Medien auf die Wahlschlacht 2020 vor

Die US-Präsidentschaftswahlen 2016 waren ein Debakel für die Wahlforscher – und für den Datenjournalismus, auf dessen Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit so große Stücke gesetzt werden. Noch bis zur Mitte der Wahlnacht sahen sämtliche Hochrechnungen der amerikanischen TV-Netzwerke und Zeitungen einen Wahlsieg von Donald Trump als unwahrscheinlich an. Dass es anders kam, hat die Medienmarken beschädigt. Bei der Wahl 2020 soll deshalb alles besser werden.

Die Live-Prognosen bei der Zwischenwahl im November 2018 waren ähnlich unzuverlässig. Die ursprünglichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen, wonach die Demokraten den Republikanern die Mehrheit im Repräsentantenhaus abnehmen würden, rutschten im Laufe des Abends von 86 auf 30 Prozent. Die Nachricht, dass die „blaue Welle“, die demokratische Wiederauferstehung, ausbleiben würde, machte dann die Runde, noch während die Wahllokale geöffnet waren.

Am Ende gewannen die Demokraten, wenn auch nicht so deutlich wie vorhergesagt. Das Nachrichtenportal Salon kommentierte damals süffisant, dass der Medienkonsument besser informiert gewesen wäre, wenn er oder sie alle zwischenzeitlichen Hochrechnungen einfach ignoriert hätte.

Im kommenden Jahr stehen nun die vielleicht wichtigsten Wahlen in der Geschichte der USA an: die Präsidentschaftswahlen. Der Datenjournalismus wird erneut eine große Rolle spielen. Die Frage ist, ob es gelingt, die Stimmung der Wähler in diesem enorm großen und vielfältigen Land zuverlässig zu taxieren.

Um diesmal bessere Resultate zu erzielen, werden die beiden großen Zeitungen des Landes noch mehr Ressourcen als beim letzten Mal für ihre Daten-gestützte Berichterstattung aufwenden. Die Washington Post hat ein eigenes Datenjournalismus-Labor eingerichtet und dafür einen renommierten Informatiker von der Northwestern University angeheuert. Die New York Times legt stärkeren Wert auf die bessere Interpretation der Daten und bietet für ihre Journalisten Fortbildungsprogramme an.

Kern des Programms der Washington Post ist die Erhebung von Datensätzen aus allen Wahlbezirken der USA. „Wir wollen möglichst einen Fingerabdruck von jedem Landkreis und jedem Wahlbezirk erstellen“, so Jeremy Bowers, der leitende Ingenieur des Daten-Labors bei der Post. „Wir wollen wissen, wer die Menschen dort sind, wie sie früher gewählt haben, wie sie möglicherweise in der Zukunft wählen.“

Natürlich hat nicht einmal die Washington Post das redaktionelle Personal, um all diese Daten zu beobachten und zu interpretieren. Deshalb arbeiten die Experten des Laboratoriums daran, die Aufmerksamkeit der Journalisten dahin zu lenken, wo sich etwas Interessantes und möglicherweise Entscheidendes tut. „Wir sind nicht so sehr an einem ganz bestimmten Wahlkreis in Iowa interessiert“, so Bowers. „Aber wir wollen sichergehen, dass ein Reporter einen bestimmten Wahlkreis findet, wenn er nach speziellen Charakteristiken sucht.“

Auf diese Art und Weise will die Washington Post schon im langen Anlauf zur Wahl ein präzises Bild der US-Wählerschaft zeichnen. „Wir hoffen, diese Infrastruktur während der Vorwahlen zu perfektionieren.“ Wenn dann die Präsidentschaftswahl kommt, so glaubt Bowers, wird die Post nicht wieder wie beim letzten Mal vollkommen vom Ausgang überrascht.

Die New York Times konzentriert sich weniger auf die Erhebung von Daten als auf deren Auswertung. In einem dreiwöchigen Crash-Kurs lässt die Times ihre Reporter schulen, wie sie Daten und Statistiken lesen und interpretieren sollen. „Wir wollen unseren Journalisten dabei helfen, die Daten, die sie bekommen, besser zu verstehen“, sagt Lindsey Rogers Cook, die bei der Times für die Weiterbildung zuständig ist. „Wir wollen, dass sie in den Hunderttausenden von Datenbanken, die ihnen zur Verfügung stehen, die richtigen Geschichten finden.“

Ob das alles wirkt, muss sich zeigen. Sicher ist, dass die Medien sich weiterhin der Herausforderung der Daten stellen.

E-Scooter-Hype bald vorbei?

Tatsächlich zeigt sich gut 6 Monate nach dem Start der E-Tretroller in Deutschland, dass das neue Verkehrsmittel eher ein Spiel- und Freizeitspaß für Erwachsene ist als ein entscheidender Beitrag zum Umbau innerstädtischer Mobilität. Und: Der Hype könnte schon am Jahresende wieder vorbei sein.

„Eine Konsolidierung wird schneller erfolgen, als viele denken. Die Investments sind sehr hoch, und Ende des Jahres wird die Kasse bei vielen schon erschöpft sein“, sagt Bird-Deutschlandmanager Christian Gessner dem Handelsblatt. Das US-Unternehmen ist erst am Montag in Deutschland eingestiegen – und will das Geschäft bewusst langsam aufbauen.

Die auf Mobilitätsthemen spezialisierte Hamburger Beratungsfirma Civity hat von den vier schon von Beginn an in Deutschland aktiven Anbietern Lime, Circ, Tier und Voi die Bewegungs- und Nutzungsdaten ihrer E-Scooter-Flotte in der ersten Juliwoche ausgewertet. Ergebnis: Elektrotretroller sind vorerst ein Freizeitgefährt und keine Alternative zum Auto oder Nahverkehr.

Anbieter fluten die Innenstädte

Legen Pendler durchschnittlich 3,4 bis 5,4 Kilometer mit einem Leihfahrrad, der Straßenbahn oder dem Bus zurück, so fahren sie mit einem E-Tretroller nur 1,9 Kilometer. Das entspricht zwar in etwa der von Scheuer propagierten letzten Meile, doch die Studie urteilt: „Gut sichtbar ist der Schwerpunkt der Nutzung am Wochenende und in den späteren Tagesstunden.“ E-Tretroller sind also bisher mehr Vergnügen als eine wirkliche Mobilitätsergänzung. Noch profitieren zudem alle vom Sommerwetter und den Touristenströmen in den großen Städten.

Immerhin stimmt die Eigenwerbung der Anbieter: Elektro-Tretroller sind jetzt Teil des städtischen Lebens. Die Anbieter fluten gerade die Innenstädte. Das deutsche Start-up Circ hat nach eigenen Angaben derzeit über 1 000 Fahrzeuge in Berlin, mehr als 700 in Hamburg, Köln und München sowie über 100 in Dortmund und Herne im Einsatz. Tier hat nach eigenem Bekunden 14 000 Roller platziert. Die Zahl wächst täglich. Auch die der Städte, in denen Tretroller nun angeblich den täglichen Autostau auflösen werden.

Nach den Großstädten Berlin, Köln, Hamburg, Frankfurt und München sind jetzt auch die kleineren Metropolen dran. Hannover, Bochum, Dortmund, Essen oder Stuttgart stehen auf dem Programm. Wie viele Roller jetzt, acht Wochen nach dem Start, tatsächlich unterwegs sind, weiß niemand. Viele der Anbieter halten sich auch bedeckt.

Aber je mehr Roller unterwegs sind, umso teurer werde das Geschäft für die Anbieter, warnt Friedemann Brockmeyer von Civity. „Das Einsammeln, Laden und Verteilen verursacht hohe Kosten. Ob Tausch-Akkus diese Kosten massiv senken werden, bezweifeln wir, weil der logistische Aufwand nicht weniger wird.“ Das saisonale und wetterabhängige Geschäft floriere derzeit dank vieler Touristen. Im Herbst und Winter werde sich zeigen, wie gut die Anbieter vorbereitet sind, meint Brockmeyer.

Das kalifornische Start-up Bird, das sich gern als Pionier der E-Scooter-Welle sieht und nach eigenen Angaben weltweit in 100 Städten präsent ist, geht den deutschen Markt mit Vorsicht an. „Wir werden mit reduzierter Flottengröße starten“, beschreibt Gessner den Plan.

Während die anderen Anbieter schon seit Wochen die Städte mit ihren Scootern möblieren, startet Bird erst jetzt. Natürlich in den Großstädten Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und München. Bird macht keine Angaben zur Flottengröße. „Es geht nicht darum, möglichst viele E-Scooter auf die Straße zu bringen, sondern Angebot und Nachfrage ständig abzugleichen“, sagt Gessner.

Die gesamte Branche kämpft mit dem Vorwurf, die E-Scooter würden keinen Monat durchhalten und müssten dann schon wieder auf den Schrott. Deshalb betont der Roller-Verleiher nachdrücklich, hierzulande mit einem völlig neuen Modell an den Start zu gehen. Dieser „Bird One Germany“ halte zwölf bis 18 Monate durch, der Akku schaffe 50 Kilometer Strecke.

Zwar bezeichnen sich fast alle Anbieter als Marktführer, und doch haben alle dasselbe Problem, wie eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) zeigt: „Anbieter können die Tatsache nicht überwinden, dass ihre Angebote schwer voneinander zu unterscheiden sind.“

Fast alle nutzen dasselbe Preismodell. Beim Entsperren fällt pauschal ein Euro an, danach wird per Minutenpreis abgerechnet. Lediglich bei Voi bestimmen Ort, Uhrzeit und Nachfrage den Minutenpreis flexibel. Experten rechnen damit, dass Anbieter bald auf einen Mix aus dynamischen und pauschalen Tarifen setzen werden. „Denkbar sind Tagespauschalen, Wochenendtarife für Touristen oder rabattierte Abos für lokale Anwohner, wie es Anbieter von Leihfahrrädern bereits machen“, prognostiziert Brockmeyer.

Der Ansturm löst keineswegs nur Freude aus. Im Gegenteil. Klagen über rasende Rollerfahrer auf Gehwegen, herumliegende Scooter und unbrauchbare Fahrzeuge mangels Akkuladung begleiten die Markteinführung.
Doch ganz so schlimm wie befürchtet ist es nicht. Jedenfalls nicht in Deutschland. So sieht beispielsweise die Hamburger Verkehrsbehörde derzeit keinen weitergehenden Regulierungsbedarf.

„Die Beschwerdelage ist gering. Die Anbieter halten sich an die Vereinbarungen“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Schon vor dem Start hatte die Behörde mit den Betreibern eine Limitierung der Flotte auf 1000 Roller je Anbieter vereinbart und Sperrzonen etwa um die Alster festgelegt.

In Berlin hat die Senatsverwaltung mit den Betreibern nachgesteuert. Ziel der neuen Vereinbarung ist zum Beispiel, dass künftig keine Roller mehr auf dem Gehweg abgestellt werden. Dafür sollen bis 2020 eigene Parkzonen am Straßenrand für Roller ausgewiesen werden. Vorbild dabei ist Tel Aviv, wo es solche Parkplätze schon länger gibt.

Zudem werden in der Bundeshauptstadt zusätzliche rollerfreie Zonen per Geofencing um Sehenswürdigkeiten wie das Brandenburger Tor und das Holocaust-Mahnmal eingerichtet. In solchen Zonen bremsen die Roller automatisch ab. Das Geofencing ist ohnehin zwischen kommunalen Spitzenverbänden und Anbietern verabredet.

Ziel sei es, die Sicherheit gerade für sensible Fußgängerbereiche zu stärken, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Die Software kann die Geschwindigkeit von E-Scootern automatisch drosseln, sobald die Nutzer damit zum Beispiel in Fußgängerzonen fahren.

Lebensdauer beträgt knapp drei Monate

Circ, Lime, Tier und Co. versichern ohnehin auch ungefragt, dass sie eng mit den Kommunen kooperieren. „Mit den Städten arbeiten wir sehr positiv und konstruktiv zusammen und gehen mit individuell vereinbarten Selbstverpflichtungen auf die Wünsche und Bedürfnisse der Städte ein“, versichert ein Tier-Sprecher. „Wir stehen in ständigem Kontakt mit den örtlichen Ansprechpartnern, um sicherzustellen, dass die E-Tretroller keine Belästigung auf den Straßen darstellen“, heißt es bei Circ. Alle wissen, dass die Roller-Welle auch massive Kritik auslöst.

Laut der BCG-Studie muss ein E-Scooter täglich fünfmal von Kunden genutzt werden, damit er sich nach vier Monaten für den Anbieter rechnet. Dabei beträgt die durchschnittliche Lebensdauer eines kommerziell genutzten E-Tretrollers laut Studie bislang knapp drei Monate.

Nach Untersuchungen werden die E-Roller hierzulande zwar täglich vier- bis achtmal ausgeliehen. Ob sie aber von zahlenden Kunden gefahren oder nur von Mitarbeitern umgestellt wurden, das lässt sich anhand der zur Verfügung stehenden Daten nicht sagen.

Unklar ist auch, ab wann mit dem Verleih von Scootern Geld verdient werden kann. Trotzdem wird der Markt nach BCG-Prognosen bis 2025 auf ein weltweites Volumen von 40 bis 50 Milliarden Dollar wachsen. Um für Investoren attraktiv zu bleiben, müssten E-Scooter-Anbieter ein profitableres Geschäftsmodell mit langlebigeren Rollern entwickeln, so die BCG-Studie.

Zudem müsse sich das Angebot der Wettbewerber deutlicher unterscheiden, damit Nutzer nicht mehr jeden beliebigen Scooter nehmen, die Farben Grün (Lime) und Pink (Voi) reichen da nicht aus.

Warum Telegram unsicherer ist als sein Ruf

Kurz bevor Tausende Demonstranten in Hongkong eine große Menschenkette rund um die Stadt bildeten, machte sich Panik in einem beliebten Hongkonger Online-Forum breit. Der Grund: Nutzer berichteten von einer Funktion der Messenger-App Telegram, die die Privatsphäre bedroht – was in diesem Fall eine echte Gefahr darstellt. Dabei hatten die Nutzer gehofft, über die App vollständig anonym chatten zu können. Der Fall zeigt ein weiteres Mal, dass Telegram nicht ganz so sicher ist, wie sich viele von der App versprechen.

Das Problem betrifft die Gruppenchats von Telegram. Diese Gruppenunterhaltungen sind von großer Bedeutung für die dezentral agierende Protestbewegung. Das Besondere an der Gruppenfunktion von Telegram: Nutzer können Gruppen beitreten und dort unter einem Pseudonym chatten, ohne dass andere ihre Telefonnummer oder ihren echten Namen erkennen können. Bei anderen Messengern wie Signal oder WhatsApp wird allen Mitgliedern stets die eigene Telefonnummer angezeigt.

Doch die Hongkonger Aktivisten hatten entdeckt, dass Angreifer auch die Telefonnummern von unbekannten Mitgliedern einer Telegram-Gruppe herausfinden konnten. Dazu müsse ein Angreifer nur drei Schritte ausführen. Zuerst müsste der Angreifer ein Telefonbuch mit den Telefonnummern von möglichen Zielpersonen mit seinem Telegram-Account synchronisieren. Das geht mit wenigen Klicks. Anschließend tritt der Angreifer der Gruppe bei, deren Mitglieder er ausspionieren möchte, dort werden ihm dann die Telefonnummern von allen Nutzern angezeigt, die in seinem Telefonbuch sind. Der Angriff funktioniert sowohl bei aktuellen Apple-Telefonen als auch bei Smartphones mit Android-Betriebssystemen.

Ein solcher Angriff ist für die Hongkonger Aktivisten besonders bedrohlich, weil Regierungen und Geheimdienste anschließend bei den Mobilfunkunternehmen anfragen könnten, welche Person hinter einer Telefonnummer steckt. In Deutschland wäre hierfür ein richterlicher Beschluss notwendig, doch in Hongkong fürchten viele, dass dieser letzte Schritt für die chinesische Regierung leicht zu umgehen ist. Die eigentlich geschützte Identität der Protestierenden, die in den Gruppen aktiv sind, wäre damit enttarnt.

„Telegram positioniert sich selbst ja als besonders sicherer Messenger auf dem Markt“, sagt die Hongkonger Aktivistin Chu Ka-cheong. „Daher hoffen wir sehr, dass sie mehr tun können, um die Identität von besonders gefährdeten Gruppen wie uns zu schützen.“ Chu Ka-cheong hat die Lücke zusammen mit anderen Hongkonger Softwarespezialisten nachvollziehen können und eine Warnung vor der – wie sie es nennen -„Sicherheitslücke“ veröffentlicht.

„Die anonymen Organisatoren der Gruppen werden sowohl von der Regierung bedroht, als auch von Gangstern der Triaden, die die Regierung unterstützen“, sagt Chu Ka-cheong, die die Hongkonger Dependance der gemeinnützigen Organisation Internet Society leitet. „Privatsphäre und Anonymität kann bei ihnen über Leben und Tod entscheiden.“

Ein Telegram-Sprecher sagte der Süddeutschen Zeitung, dass man Schutzmechanismen habe, die verhindern würden, dass Angriffe – wie von Hongkonger Aktivisten befürchtet – im großen Stil ausgeführt werden können. Ein Algorithmus stoppe oder bremse einen oder mehrere Telegram-Accounts, wenn sie massenhaft automatisiert Telefonnummern importiere.

Details des Schutzmechanismus wollte Telegram nicht weiter erläutern, bestätigte allerdings, dass es grundsätzlich möglich sei, Tausende Telefonnummern gleichzeitig mit einem Telegram-Account zu importieren. Für die Zukunft kündigte der Sprecher weitere Features an, die die Privatsphäre von Nutzern stärken würden, ohne allerdings darauf einzugehen, inwiefern diese das Problem in den Gruppen beheben.

Die Protestierenden laufen Gefahr, von verdeckten Ermittlern demaskiert zu werden

Um sich davor zu schützen, in den Gruppen durch verdeckte Ermittler demaskiert zu werden, hatten die Demonstranten seit dem Beginn der Proteste immer wieder Hinweise ausgetauscht, wie Telegram sicher zu benutzen sei. Einer der vielfach geteilten Tipps sollte vor dem jetzt berichteten Angriff schützen: In den Privatsphäreeinstellungen der App musste man dafür den Unterpunkt Telefonnummer aufrufen. Unter der Überschrift „Wer kann meine Telefonnummer sehen“ lässt sich dort die Option „Niemand“ auswählen.

Doch das unter den Demonstranten nun diskutierte Angriffsszenario zeigt, dass diese Option die eigene Telefonnummer eben nicht vollständig schützt. Tatsächlich steht direkt unter der Privatsphäre-Einstellung auch in kleinerer Schrift, dass Nutzer, die die Telefonnummer eines Chatpartners bereits kennen, diese auch dann sehen können, wenn man als Nutzer die Option „Niemand“ auswählt. Das aber war allgemein übersehen worden. Das zeigen die ängstlichen Kommentare, mit denen die Aktivisten den Bericht in dem Forum kommentierten. Kaum jemandem ist klar gewesen, dass die eigene Nummer eben nicht vollständig durch Telegram geschützt wird.

Bereits in der Vergangenheit zeigte sich, dass Nutzern nicht immer klar ist, welchen Schutz Telegram für die Privatsphäre bieten kann und welchen nicht. So gelang es dem deutschen Bundeskriminalamt, die Chats von Verdächtigen der rechtsradikalen Gruppe „Oldschool Society“ auszulesen. Diese hatten auch über Telegram über ihre rassistischen Anschlagspläne ausgetauscht. Das BKA hatte mit einem neu entwickelten kleinen Programm dem Account der Zielpersonen ein eigenes Gerät hinzugefügt und konnte so alle Chats in der Telegram-Gruppe der „Oldschool Society“ mitlesen. Recherchen des Tech-Magazins Motherboard zeigten, dass die deutschen Ermittler das Verfahren 2016 bei elf verdächtigen Telegram-Accounts einsetzten und 2015 bei 32 Accounts. In allen Fällen hatten die Ermittler eine richterliche Erlaubnis zur Überwachung der Handynummern der Verdächtigen.

Telegram wirbt eigentlich damit, die Inhalte seiner Nutzer mit einer nicht zu knackenden Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu versehen. Tatsächlich kann das BKA diesen kryptographischen Schutz der Nutzer auch nicht brechen. Allerdings funktioniert die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in der Telegram-App nicht für Gruppen, daher konnte das BKA diese überwachen. Das Gerichtsverfahren gegen die Mitglieder der Oldschool Society zeigte, dass den Rechtsradikalen diese Lücke zuvor nicht bekannt war.

Keine Alternative in Sicht

Auch in den Berichten über Hongkong wird immer wieder über Telegram als „Krypto-App“ oder als verschlüsselter Messenger geschrieben. Das ist zwar grundsätzlich richtig, doch die Gruppenfunktion ist von der besonders sicheren Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eben gerade nicht geschützt. Wo Krypto draußen dran steht, ist nicht immer überall Krypto drin.

Die Berichte in dem Hongkonger Forum wurden nach kurzer Zeit auch durch einige besonders technikaffine Hongkonger Aktivisten überprüft und mit eigenen Tests bestätigt. Auch den Tech-Experten war zuvor nicht klar, dass die Identität von Aktivisten in den Gruppen auf diese Weise enttarnt werden könnte, berichtet Chu Ka-cheong im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. „Als uns das Privatsphärenproblem bei Telegram klar wurde, hat uns das in ein Dilemma gestürzt“, sagt sie.

Chu Ka-cheong beteiligt sich wie Hunderttausende Bürger des Landes an den Demonstrationen, die die Stadt in den vergangenen Monaten erschüttert haben. „Uns war klar, dass Telegram weit verbreitet ist unter den Demonstranten und dass es gleichzeitig die Telefonnummern von den Protestierenden leaken könnte“, erinnert sich die Software-Entwicklerin Chu Ka-cheong an das Dilemma, vor dem sie und andere Aktivisten vergangene Woche in Hongkong standen. Eine Alternative zu Telegram haben die Protestierenden bis heute nicht gefunden. Es nutzen schlicht viel zu viele Telegram.

Podcast-Studie: Größtes Zuhörerwachstum in USA seit 2006

Die Podcast-Zuhörerzahlen sind in den USA deutlich gestiegen. Es wird von einem Wendepunkt in der Ära der Podcasts gesprochen.

Inzwischen kennen knapp 70 Prozent der US-Bevölkerung ab zwölf Jahren den Begriff „Podcasting“. Dem Podcast-Newsletter „Hot Pod“ von NiemanLab.org zufolge, sind die Zahlen sowohl unter den regelmäßigen, als auch unter den unregelmäßigen Podcast-Hörerinnen und -Hörern im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen.

Nicholas Quah – Gründer des „Hot Pod“ – spricht hierbei von einem Umbruch in der Podcast-Branche. Die neueste Ausgabe des Infinite Dial, die langjährige digitale Medienstudie von Edison Research und Triton Digital, liefert die notwendigen Ergebnisse für diese Behauptung.
Gewaltiges Wachstum – ein Meilenstein für Podcasts

Die US-Studie des Infinite Dial umfasst Ergebnisse von rund 1.500 Befragungen – hier die wichtigsten:

Mehr als die Hälfte (51 Prozent) der befragten US-Bürger aus der Altersgruppe 12+ gaben an, schon mal einen Podcast gehört zu haben. Rund ein Drittel der Bevölkerung habe allein im vergangenen Monat zumindest einen Podcast gehört. Das entspricht in etwa 90 Millionen monatlichen Zuhörern.

Mit diesem Zuwachs scheint auch ein Rückgang der Nutzerinnen und Nutzer auf diversen Social-Media-Seiten einherzugehen: Facebook scheint seit dem Bericht von 2017 schätzungsweise 15 Millionen Nutzer verloren zu haben. Für Vertreiber von Online-Audiodiensten sieht es hingegen gut aus: Der Prozentsatz der US-Bürger, die Radiodienste oder sonstigen Audiocontent im Internet nutzen, hat sich seit 2012 verdoppelt. Das bedeutet einen Anstieg von einem Drittel der Bevölkerung auf zwei Drittel.
Anstieg in allen Altersgruppen

Tatsächlich ist der Anteil der monatlichen Zuhörer von Podcasts in allen untersuchten Altersgruppen gestiegen. Insbesondere ist davon die Gruppe der Zwölf- bis 24-Jährigen betroffen: Deren Anteil stieg um zehn Prozent.

Untersuchungen von wöchentlichen Podcast-Hörerinnen und -Hörern ergaben: Die durchschnittliche Anzahl von Podcasts, die innerhalb einer Woche konsumiert wurden, lag bei sieben. Dieser Durchschnittswert blieb seit dem letzten Bericht trotz des Zuhörerzuwachses gleich, was sich als ein Wandel zum Mainstreammedium deuten lassen könnte.

Nicht unerwartet: Vor allem Spotify profitiert von diesem Umbruch. 53 Prozent der monatlichen Spotify-Nutzer in der Altersgruppe der Zwölf- bis 24-Jährigen gaben an, monatliche Podcast-Hörer zu sein. Im Vorjahr waren es nur 32 Prozent.

Edisons Senior Vice President Tom Webster sprach gegenüber der „New York Times“ von einem Wendepunkt: „Das ist das größte Wachstum, das wir je gesehen haben – und wir berichten seit 2006 über Podcasts.“

Youtube unter Druck

Traumberuf Influencer? Einige Youtuber sprechen inzwischen vielmehr von einem „Albtraumjob“.

Youtube ist gesprächsbereit: Wer schon einmal versucht hat, etwas anderes als eine automatisch ausgelöste Standardantwort von den Betreibern der größten Videoplattform im Internet zu bekommen, staunt allein über diesen Umstand. Noch überraschender als die Einladung von Google Deutschland ins Berliner Büro, um dort „einige grundlegende Fragen der Zukunft der Arbeit zu diskutieren“, wie es in einem Schreiben des Konzerns heißt, sind dessen Adressaten: Es sind Youtuber, die mit ihren auf der Plattform hochgeladenen Videos Geld verdienen, also an den Werbeeinnahmen Youtubes beteiligt werden möchten – und bislang offenbar immer wieder mit ihren Nachfragen abgefertigt worden sind.

Was für viele junge Leute wie ein Traumjob wirke, sei ein Albtraumjob geworden, sagt Jörg Sprave in einem Video. Als Youtuber produziert er für seinen „Slingshot Channel“ Videos über alles, was mit Gummizugkraft geschossen oder geschleudert werden kann. Im April 2018 hat er die „Youtubers Union“ gegründet, eine Art Gewerkschaft, die es bis Ende Juli 2019 auf zwölftausend Mitglieder brachte. Dann stieg die IG Metall ein, „hundertfünfundzwanzig Jahre Erfahrung im Arbeitskampf“ und „super Juristen“, wie Jörg Sprave sagt, man schickte Youtube Forderungen, gab vier Wochen für die Reaktion und ließ auf der Website „fairtube.info“ einen Countdown die Zeit zählen. Die Mitgliederzahl der Youtubers Union wuchs auf 22 000 . Am vergangenen Freitag, acht Stunden, fünfundzwanzig Minuten und dreiundfünfzig Sekunden vor Ablauf des Ultimatums, konnte die Uhr angehalten werden: Google Deutschland hatte sich gemeldet. Man wisse das „von Gewerkschaftsseite geäußerte Interesse an einer weiteren Unterstützung der Arbeit der Youtube Creator zu schätzen“, heißt es. Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall, drängt auf einen raschen Termin. Bei dem werde sich „zeigen, zu welchen Änderungen Youtube bereit ist“. Die Forderungen von Fairtube: Transparenz bei Entscheidungen, „die Auswirkungen auf die Monetarisierung und die Empfehlung von Videos haben“, Nachvollziehbarkeit der Entscheidung bei der Sperrung von Videos, Einspruchsmöglichkeit dagegen, eine „unabhängige Schlichtungsstelle“, Mitbestimmung, etwa durch einen Youtuber-Beirat, und „menschliche, qualifizierte und entscheidungsbefugte“ Ansprechpartner. Die Gesprächsbereitschaft von Youtube müsste dafür mächtig wachsen.

Hongkongs Pressefreiheit droht Gefahr aus mehreren Richtungen

Der Einfluss von Investoren aus Festlandchina nimmt laufend zu. Parallel dazu bröckelt laut Reporter ohne Grenzen die Pressefreiheit. Aber noch gibt es kritische Medien.

Reporter sorgen normalerweise mit ihren Beiträgen für Headlines. Im Oktober vergangenen Jahres geriet ausnahmsweise mal ein Journalist in die Schlagzeilen. Die Hongkonger Behörden weigerten sich ohne Angabe von Gründen, dem damaligen Leiter des Büros der «Financial Times» in der einstigen britischen Kolonie, Victor Mallet, das Visum zu verlängern. Es sprachen alle Anzeichen dafür, dass sie sich für Mallets Rolle als Vizepräsident des Foreign Correspondents’ Club rächen wollten. Denn die Organisation hatte im August vergangenen Jahres den Chef der Hong Kong National Party, Andy Chan, eingeladen.

Die inzwischen verbotene Partei hat sich für eine Unabhängigkeit Hongkongs vom Festland starkgemacht und damit gegen die Mini-Verfassung (Basic Law) der Finanzmetropole verstossen. Gemäss Artikel 1 ist die Stadt ein untrennbarer Teil des chinesischen Festlands. Hongkongs Regierung ebenso wie die Zentralregierung schossen denn auch scharf und verurteilten das Vorgehen der ausländischen Journalisten. Mallet verteidigte den Auftritt mit Verweis auf die Meinungsfreiheit. Damit war sein berufliches Schicksal in Hongkong besiegelt.

Chinesische Investoren auf dem Vormarsch

Hongkongs Behörden hatten in der Vergangenheit mehr Fingerspitzengefühl bewiesen und sensible Themen geräuschlos gelöst. Dieses Gespür ist ihnen jedoch abhandengekommen. Sie hatten mit dem Entscheid, Mallet das Visum nicht zu verlängern, einer Partei Aufmerksamkeit beschert, die bei ihrer Auflösung maximal 30 Mitglieder gehabt haben soll. Westliche Diplomaten in Hongkong sind sich sicher, dass die Regierung in der einstigen britischen Kolonie aus dem Fehler gelernt hat und sich bei einem ähnlichen Fall künftig anders verhalten wird.

Der Vorfall hat Spuren in der öffentlichen Wahrnehmung hinterlassen. Bei einer zu Beginn dieses Jahres durchgeführten Umfrage der Hong Kong Journalists Association (HKJA) unter 1033 Kantonesisch sprechenden Hongkongern gaben 70 Prozent der Befragten an, das Vorgehen der Regierung gegen Mallet sei für die Pressefreiheit schädlich gewesen.

Die Umfrage ist ein weiterer Beleg dafür, wie schlecht es um die Medien in Hongkong bestellt ist. Die seit 2002 jährlich von der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen erstellte Rangliste der Pressefreiheit spiegelt die Entwicklung und die Probleme. Belegte die Finanzmetropole 2002 noch den 18. Platz, rangiert sie unter 180 Ländern inzwischen auf Rang 73. Als Begründung geben die Reporter ohne Grenzen neben der Causa Mallet auch den wachsenden Einfluss Pekings an, durch den die Pressefreiheit geschwächt worden sei. Dabei sichert Artikel 27 des Basic Law der Hongkonger Bevölkerung eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit zu.

Als Wendepunkt für Hongkongs Medien macht Fu Kingwa, der an der University of Hong Kong am Journalism and Media Studies Centre lehrt, das Jahr 2003 aus. Damals protestierten Hunderttausende gegen ein von Pekings Zentralregierung vorangetriebenes Sicherheitsgesetz, das in Hongkong vor allem als «Article 23» bekannt ist. Die Regierung in der einstigen britischen Kolonie gab dem Druck nach und legte das Vorhaben für unbestimmte Zeit auf Wiedervorlage. «Damals haben die Medien im Kampf gegen das Gesetz eine wichtige Rolle gespielt», sagt Fu. Deren Parteinahme hatte jedoch Folgen. Seitdem habe sich die Pressefreiheit verschlechtert, betont Fu.

Laut dem Wissenschafter kauft seit dem neuen Jahrtausend eine zunehmende Zahl an chinesischen Investoren Hongkongs Medienhäuser auf. Dagegen sind immer weniger finanzkräftige Hongkonger und Medienmogule aus der Region bereit, sich zu engagieren; das Geschäftsmodell rechnet sich kaum noch. Festlandchinesen schreckt dieser Umstand jedoch nicht ab. Die Reporter ohne Grenzen schreiben, mehr als die Hälfte der Eigentümer von Medienhäusern in Hongkong hätten in politischen Instanzen wie der Nationalen Volksversammlung auf dem chinesischen Festland eine politische Rolle inne. Mit ihrem Engagement verfolgen die Investoren das Ziel, ein objektives, ausgeglichenes und faires Bild von China in die Welt zu transportieren. Peking erfreuen solch scheinbar hehre Absichten, denn westliche Medien stellen das Land zu negativ dar, wie die chinesischen Machthaber verärgert sagen.

Die Medienhäuser mit Eigentümern vom Festland haben dagegen kein Interesse daran, China und die Kommunistische Partei kritisch zu hinterfragen. Stattdessen dienen sie sich Peking an, um dadurch ihre wirtschaftlichen Vorhaben auf dem Festland voranzutreiben. Für Meinungsvielfalt in Hongkong ist diese Entwicklung ein schlechtes Signal. Sie schlägt sich in den Umfragen zur Hongkonger Pressefreiheit nieder.

Jack Ma als Herausgeber

In der jüngeren Vergangenheit hat es zwei prominente Beispiele für Investoren vom Festland gegeben, die über Hongkong hinaus für Aufsehen gesorgt haben: 2011 gingen die Anteile an dem Hongkonger Fernsehsender Television Broadcast (TVB) vom Gründer Shaw Brothers an ein aus Hongkong stammendes, Peking-freundlich gesinntes Konsortium. Im April 2015 stieg dann der festlandchinesische Magnat Li Ruigang, der an der Spitze von China Media Capital steht, mit einem nicht näher bezifferten Betrag bei dem Konsortium ein. Unter den Demonstranten in Hongkong hat der Sender einen schlechten Ruf, weil er ein falsches Bild von den Protesten zeichnen soll.

Für noch grösseres Aufsehen hatte der im Dezember 2015 publik gewordene Kauf der inzwischen 115 Jahre alten Tageszeitung «South China Morning Post» durch den chinesischen Milliardär Jack Ma, der den E-Commerce-Giganten Alibaba gegründet hat, gesorgt. «Wir dachten damals, die Zeitung wird wie ‹People’s Daily› zu einem Organ der Kommunistischen Partei», sagt Wissenschafter Fu. Diese Meinung teilten die Medien weltweit. Sie sollten sich jedoch täuschen. «Die Jungs von Alibaba sind clever. Sie haben verstanden, dass die Zeitung massenhaft Leser verlöre, wenn sie auf die Linie Pekings einschwenken würde», betont Fu.

Die «South China Morning Post» wird trotz der Übernahme durch einen Investor vom chinesischen Festland noch immer als Peking-kritisch wahrgenommen. Fu geht jedoch davon aus, dass es innerhalb der Redaktion rote Linien gibt. Artikel mit zu scharfer Kritik an Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping oder Beiträgen, die mit einer Unabhängigkeit Hongkongs vom chinesischen Festland sympathisieren, werden in der «South China Morning Post» nicht publiziert, sagt Fu.

Online-Medien auf dem Vormarsch

Seit wenigen Jahren gibt es in Hongkongs Medienlandschaft neben den Investoren vom chinesischen Festland noch einen weiteren Trend. Die Zahl der Online-Medien, die als Bereicherung der journalistischen Vielfalt wahrgenommen werden, wächst. An dieser Entwicklung hat auch die in weiten Teilen der Hongkonger Bevölkerung verhasste Chefin der Sonderverwaltungszone, Carrie Lam, ihren Anteil. Sie liess ein System implementieren, wie sich Online-Medien registrieren lassen können. Dadurch können sie nun an Veranstaltungen und Medienkonferenzen der Regierung teilnehmen. Dies war ihnen vor der Reform nicht erlaubt gewesen.

Ein Beispiel für ein erfolgreiches – und im prodemokratischen Lager verortetes – Online-Medium auf Chinesisch ist die von einigen erfahrenen Journalisten gegründete Website Citizen News, deren Berichterstattung Fu als «ziemlich fair» bezeichnet. An englischsprachige Leser richtet sich Hong Kong Free Press (HKFP). Das Online-Medium hat sich mit einer kritischen Berichterstattung über die Regierung in der Finanzmetropole einen Namen gemacht und nimmt auch die Zentralregierung in Peking aufs Korn.

Online-Medien setzen oft auf Crowdfunding. Dabei werden Internetnutzer aufgerufen, für Unternehmen zu spenden. Diese Form der Finanzierung hat auch Tücken. «HKFP hatte in der jüngeren Vergangenheit Probleme, ausreichend Geld zu bekommen», sagt Fu. Als die Proteste gegen das von Lam lancierte Ausschaffungsgesetz jedoch immer größere Ausmaße annahmen, ist den Internetnutzern bewusst geworden, wie wichtig eine vielfältige Medienlandschaft ist. HKFP hatte anschließend keine Probleme mehr, an frisches Kapital zu gelangen.

Der Fortnite-Bonus soll das Spiele-Monopol brechen

Seit knapp anderthalb Jahrzehnten ist Steam der Quasi-Monopolist im Online-Verkauf von Computerspielen. Nun ist mit Epic Games ein ernst zu nehmender Konkurrent gestartet. Zwingt er die Plattform in die Knie?

Die Hände kribbeln, der Puls steigt: Nur noch ein Gegner verbleibt. Jetzt bloß keinen Fehler machen, die richtige Waffe auswählen, den Gegner ins Fadenkreuz nehmen. Millionen Videospieler auf der ganzen Welt kennen diese Situation. Denn sie ist alltäglich im Spielehit Fortnite von Entwickler Epic Games. 100 Spieler kämpfen gegeneinander auf einem Spielfeld, das langsam immer kleiner wird. Am Ende kann nur einer gewinnen.

Nur wenige wissen aber, dass das Spielestudio Epic Games einen weiteren Kampf führt, abseits des virtuellen Schlachtfelds. Auch hier könnte es am Ende nur einen Gewinner geben. Der Gegner ist aber kein virtuell bewaffneter Videospieler. Es ist der Spiele-Verkaufsgigant Steam.

Steam verkauft Videospiele online und bietet seinen Nutzern eine Plattform zum Chatten, Vernetzen und Onlinespielen. Heute ist sie die erfolgreichste Spieleplattform der Welt mit 90 Millionen aktiven Nutzern pro Monat. Steams Aufstieg begann 2003, als Zocker ihre Spiele-CD noch im kleinen Spieleladen um die Ecke kauften und zu Hause in ihr Laufwerk einlegten.

Steam revolutionierte das System: Spiele werden von Servern heruntergeladen und digital verkauft. Heute sind Spiele-CDs ausgestorben, Spieleläden um die Ecke eine Rarität. Wer intensiv zockt, ist auf Steam unterwegs.

Eine Situation, die Konkurrent Epic Games nicht akzeptieren will. Denn heute hat Steam eine einmalige Monopolstellung: Wer Spiele verkaufen will, muss quasi auf die Plattform des US-Unternehmens. Steams Marktmacht ermöglicht es dem Mutterunternehmen Valve, bis zu 30 Prozent des Umsatzes von verkauften Spielen einzubehalten.

Die Webseite „SteamSpy“ errechnete anhand öffentlich zugänglicher Daten der Plattform, dass Steam 2017 rund 4,3 Milliarden Dollar eingenommen haben muss. Wie viel es genau ist, ist öffentlich nicht bekannt. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens verglich Steams Verkaufsprinzip in einem Twitter-Beitrag mit einer „virtuellen Druckmaschine“.

Epic lockt Spieler mit Fortnite in seinen Store

Doch nun droht Steam (englisch: „Dampf“), erstmals seit seiner Gründung vor sechzehn Jahren, Ungemach. Denn Konkurrent Epic Games drängt auf den Markt. Epic Games hat, wie Valve vor etlichen Jahren, mit Computerspielen enormen Erfolg.

Im vergangenen Jahr wurde Epic mit seinem Spielehit Fortnite weltweit berühmt. Abermillionen Spieler rund um den Globus sind dem Spiel verfallen. Allein im vergangenen Jahr bescherten sie dem Unternehmen laut den Daten der Analysefirma SuperData Research einen Umsatz von rund 2,4 Milliarden Dollar.

Den Erfolg von Fortnite machte sich Epic Games zunutze: Als das Unternehmen Ende 2018 seinen Spielemarktplatz eröffnete, integrierte es kurzerhand die Anmeldeplattform zu Fortnite in seinen neu geschaffenen Epic Games Store.

Die vielen Fortnite-Spieler stoßen bei der Anmeldung nun auf die Plattform des Steam-Konkurrenten. So kann der Epic Games Store nach Angaben von Epic mittlerweile 85 Millionen Nutzer vorweisen und nähert sich der Bedeutung von Steam.

„Es ist hoffnungslos, einen dominanten Store zu verdrängen, indem man ein paar mehr Features oder eine einfachere Installation umsetzt“, sagte Epic-Games-Chef Tim Sweeney dem Magazin „MCV“. „Diese Schlachten werden auf der Basis von Spieleverfügbarkeit, Preisen und Umsatzbeteiligung für Entwickler entschieden.“ Denn statt 30 Prozent der Umsätze zu verlangen, wie Steam es tut, behält Epic Games lediglich zwölf Prozent ein. Ein massiver Unterschied für Spieleunternehmen, der Steam hart trifft.

Aber nicht nur der Preis hilft, Spieleentwickler von Steam loszulösen. Denn den Monopolisten des Spielemarktes beschäftigen seit Jahren große Probleme: Neben den hohen Gebühren beklagen Entwickler die riesige Anzahl an Spielen auf der Plattform.

Steam ist überfüllt mit zweitklassigen Titeln

Die Vielzahl an Spielen macht ihre eigenen Titel schwieriger auffindbar. Damit die Umsatzzahlen weiter wachsen, ließ Steam vermeintlich unkontrolliert neue Spiele auf die Plattform. Eine Flut qualitativ schlechter Spiele, sogenannte Shovelware (Schaufel-Ware), überrollte die Plattform. Viele aufwendig programmierte Spiele gingen unter.

Der Spieledesigner Lars Doucet befragte 194 Spieleentwickler aus unterschiedlichen Ländern, die ihre Spiele auf Steam veröffentlichen. Seine Umfrage zeigt: 73 Prozent der Befragten sehen als wichtigstes Problem, „nicht vom Algorithmus verarscht zu werden“.

Denn ein Computerprogramm sortiert, welche Spiele auf der Hauptseite der Steam-Plattform angepriesen werden und so die Aufmerksamkeit der Nutzer erlangen – und welche in den Untiefen der Plattform verschwinden.

Doch für viele Entwickler scheint dieser Algorithmus unverständlich und kontraproduktiv. Das Problem ist so groß, dass nur ein Zehntel der Befragten glaubt, dass sich Steam seinen 30-prozentigen Umsatzanteil verdient hat. Mehr als zwei Drittel sind hingegen unzufrieden.

Diese unzufriedenen Spieleprogrammierer wollen von Steam vor allem zum Epic Games Store wechseln, das zeigt Doucets Umfrage. Ein Beleg für dieses große Problem Steams lässt sich in der Kleinstadt Ettenheim bei Freiburg finden.

Dort sitzt der kleine Spieleentwickler Radiation Blue. Als erster deutscher Entwickler veröffentlichte er ein Spiel exklusiv auf der neuen Spieleplattform von Epic Games. Auf Steam gibt es das Spiel erst deutlich später zu kaufen.

Epics Vorstoß bedeutet aber nicht den Untergang von Steam

Dafür gebe es zwei Hauptgründe, sagt Sascha Jungnickel, Gründer des Spielestudios. „Zum einen sind die zwölf Prozent eine wirklich faire Gebühr für den Entwickler. Es ist erfreulich zu sehen, dass Steam und andere Stores hier Konkurrenz bekommen“, sagt Jungnickel.

Zum anderen sorge das Exklusivgeschäft mit Epic Games für Planungssicherheit bei den Programmierern. Von ihnen wird Epic Games als willkommene Alternative angesehen, die man gern einmal ausprobiert.

Lutz Anderie, Professor für E-Commerce und Games an der Frankfurt University of Applied Sciences, ist trotz Epics Vorstoß nicht von einem bevorstehenden Untergang Steams überzeugt. „Bei einer globalen Marktgröße des Videospielemarkts von 100 Milliarden Dollar gibt es genügend zu verteilen.“ Zudem besitze Steam immer noch eine etablierte Plattform, die rege genutzt werde – etwas, das die Konkurrenz erst einmal nachmachen müsse.

Sascha Jungnickel von Radiation Blue macht die zukünftige Entwicklung davon abhängig, ob Steam seine Probleme angeht und die Bedingungen für Entwickler verbessert. Dann könnten auch beide Plattformen nebeneinander bestehen.

Für Experte Anderie sind die Anzahl und Qualität der Spiele auf der Verkaufsplattform entscheidend: „Fortnite ist ein Topseller, aber sicherlich nicht ausreichend, um eine Distributionsplattform zu betreiben. Entscheidend bleibt die Attraktivität des gesamten Spieleangebots.“

Noch wirkt Epic Games mit einigen Dutzenden Spielen nämlich wie ein Winzling gegenüber Steams Bibliothek mit Tausenden Spieletiteln. Doch mehr und mehr große Spieletitel wechseln per Exklusivgeschäft auf die Verkaufsplattform von Epic Games: Der große Entwickler Ubisoft hat angekündigt, seine Spiele-Blockbuster künftig statt auf Steam im Epic Games Store zu veröffentlichen.

Google steigt ebenfalls in den Wettbewerb ein

Und wenige Wochen vor Veröffentlichung wechselte mit „Metro: Last Light“ einer der Spiele-Blockbuster dieses Jahres auf die Verkaufsplattform von Epic Games. Die Kaufmöglichkeit aus dem Steam-Store wurde gelöscht.

Doch selbst wenn Epic Games es schafft, sich gegen Steam zu behaupten, der Konkurrenzkampf wird nicht nachlassen. Ein Signal: Auf der wichtigen Spielekonferenz GDC war neben Steam und Epic Games auch Google vertreten.

Das Unternehmen aus dem Silicon Valley zeigte eindrucksvoll, wie es die Zukunft der Spielebranche sieht. Denn in Zukunft sollen Spiele wie Filme auf Netflix „gestreamt“ werden und nur noch in riesigen Rechenzentren berechnet werden. Google mischt bei dieser Technologie ganz vorne mit – und könnte die nächste große Macht werden. Der Kampf um den Spielemarkt geht in die nächste Runde.

US-Organisation lässt Senioren virtuell in andere Welten tauchen

Neuere Studien zeigen, dass Virtual Reality Menschen bei Depressionen, Angstzuständen, posttraumatischen Belastungsstörungen und anderen psychischen Problemen helfen kann. „Wir wissen, dass Dinge wie imaginative Psychotherapie und Meditation sehr nützlich für die Wahrnehmung sein können, und wir wissen auch, dass direkte Verhaltensinterventionen auch für Einzelpersonen sehr hilfreich sein können“, betont der Neuropsychologe Aldrich Chan von der Universität von Miami.

Laut Chan verbindet die VR-Methode diese beiden Ansätze und macht damit ihren Einsatz in der Seniorenbetreuung zu einem „wirklich interessanten Forschungsobjekt“. Als Projektberater untersucht er die potenziellen Wirkungen des Einsatzes von VR in der Seniorenbetreuung, vor allem die Auswirkungen, virtuell letzte Wünsche zu erfüllen.

Forschungen

Ein Team der University of California in Los Angeles untersucht den Einsatz von VR zur Behandlung von Anhedonie, bei der man unfähig ist, Freude zu empfinden oder überhaupt Interesse für Aktivitäten aufzubringen. Michelle Craske forscht mit ihrem Team im Bereich Psychiatrie und vermittelt Patienten positive Erfahrungen, wie sie durch virtuelle Realität oder Meditation erzeugt werden.

In einer Studie, die Anfang des Jahres im „Journal of Consulting and Clinical Psychology“ veröffentlicht wurde, schilderte Craske, dass Menschen, denen im Rahmen einer Behandlung positive Erfahrungen vermittelt wurden, über weniger Depressionen, Angst und Stress klagten als solche, die an einer Standardbehandlung teilnahmen, die sich auf die Behandlung negativer Symptome konzentriert.

Der kubanischen Rentnerin Silva hat die VR-Brille regelrechte Glücksmomente beschert: Sanft streicht sie durch die Luft, berührt imaginäre Delfine und schwärmt: „Es nimmt dich mit in eine andere Welt, es beruhigt dich wirklich, es ist so wunderbar.“

Killer-Roboter: Amazon, Microsoft und Palantir am Pranger

Friedensforscher von Pax werfen mehreren großen US-IT-Firmen vor, Projekte für tödliche autonome Waffen voranzutreiben und die Welt so zu gefährden.

Amazon, Intel, Microsoft, Oracle und Palantir gehören zu den 21 größeren IT-Firmen, die an der Entwicklung von Killer-Robotern mitwirken und damit die Zukunft der Menschheit aufs Spiel setzen. Zu diesem Schluss kommen Forscher der niederländischen zivilgesellschaftlichen Organisation Pax in ihrem Bericht „Don’t be evil?“.

Pax betrachtete 50 Firmen aus zwölf Ländern danach, ob ein Unternehmen Technik entwickelt, die für tödliche autonome Waffen relevant sein könnte. Sieben Firmen loben die Autoren, zum Beispiel Google. Der Internetkonzern entschied sich wegen selbst auferlegter ethischer Regeln schon frühzeitig nach Protesten von Mitarbeitern dafür, kein Gebot auf das milliardenschwere Cloud-Projekt Jedi (Joint Enterprise Defense Infrastructure) des Pentagons abzugeben und aus der KI-Initiative Maven auszusteigen. Positiv sieht Pax auch Animal Dynamics, General Robotics, Softbank aus Japan sowie die auf Erkennungstechnik spezialisierte russische Firma VisionLabs.

Kritik an Amazon und Microsoft

Amazon hingegen kritisiert Pax, weil das Unternehmen weiterhin an vorderster Front bei Jedi mitmischen wolle. Dabei gehe es dem Pentagon klar um das Ziel, Waffen noch tödlicher zu machen. Zudem habe Amazon etwa auch mindestens 600 Millionen US-Dollar über einen seit 2014 bestehenden Cloud-Vertrag mit der CIA eingenommen. Amazon-Chef Jeff Bezos habe zudem Google kritisiert mit dem Hinweis, dass die USA Ärger bekämen, wenn sich IT-Konzerne vom Verteidigungsministerium abwendeten.

Microsoft werfen die Friedensforscher ebenfalls vor, nicht aus Jedi ausgestiegen zu sein. Zudem versorgten die Redmonder das Pentagon über einen Vertrag in Höhe von 479 Millionen US-Dollar mit ihrer Mixed-Reality-Brille HoloLens, die fürs Schlachtfeld und das militärische Training eingesetzt werden solle.

Microsoft habe zwar einen ethischen Prüfprozess unter dem Namen Aether installiert. Kritische Mitarbeiter beklagten aber, dass dieser nicht ausreiche, um die Waffenentwicklung auszuschließen. Zudem habe Microsoft-Präsident Brad Smith zwar eine digitale Genfer Abrüstungskonvention sowie Regeln für die Gesichtserkennung gefordert. Im Oktober habe er aber auch betont, dass Microsoft auf die starke Verteidigungsbereitschaft der USA baue.

Mittelschwere Bedenken gegenüber Siemens

Bei Intel sehen die Autoren unter anderem die Beteiligung am millionenschweren Projekt Hive des Pentagon-Forschungsarms DARPA kritisch, mit dem eine Plattform für Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) entstehen soll. Besonders gefährlich schätzen die Beobachter ferner etwa die Drohnenhersteller Heron und Shield AI, Roboteam aus Israel oder SenseTime und Yitu aus China ein.

„Mittelschwere Bedenken“ hat Pax etwa gegenüber den chinesischen Unternehmen Alibaba, Baidu und Tencent, Apple, Facebook und IBM aus den USA, Samsung aus Südkorea. Siemens sei in diverse militärische Forschungsprojekte beispielsweise mit der DARPA direkt oder US-Hochschulen eingebunden. Siemens habe aber gegenüber Pax versichert, nicht „im Geschäftsfeld“ tödliche autonome Waffen unterwegs zu sein und sich strenge ethische Leitlinien auferlegt zu haben.

Apples Netflix-Konkurrent startet im November

Aktuell bereiten sich doch derzeit gleich mehrere namhafte Firmen auf den Start neuer Services vor. Neben Disney+ wird dabei auch Apples Einstieg in dieses Geschäft mit besonderem Interesse verfolgt. In Hinblick auf Preisgestaltung und Starttermin gibt sich Apple bisher ziemlich vage, bei Bloomberg will man nun aber die zentralen Eckdaten in Erfahrung gebracht haben.

Startschuss

Apple TV+ soll bereits im November an den Start gehen, das Ziel des iPhone-Herstellers sei es dabei bald in 150 Ländern weltweit verfügbar zu sein. Dabei soll es zunächst eine Einführungsphase geben, in der der Service kostenlos benutzt werden kann. Erst danach sollen dann 9,99 US-Dollar monatlich veranschlagt werden. Wie lange diese Testphase laufen wird, ist dabei noch nicht klar, allerdings dürfte Apple sich damit auch Zeit geben, das Angebot weiter auszubauen. Immerhin solle Apple TV+ zunächst nur mit fünf Shows an den Start gehen. Zumindest hat man für diese aber einige namhafte Branchengrößen verpflichten können. So ist mit „The Morning Show“ eine Serie mit Jennifer Aniston, Reese Whiterspoon und Steve Carell in Entwicklung. Regisseur Steven Spielberg ist gleich mit zwei Projekten vertreten, einem Revival seiner „Unglaublichen Geschichten“ sowie einer Dokumentarserie namens „Home“.

Mit Apple TV+ will Apple dem eigenen Servicegeschäft weiteren Antrieb verschaffen. Im Jahr 2020 hofft das Unternehmen damit Umsätze von 50 Milliarden US-Dollar zu genieren, berichtet Bloomberg. Allzu ambitioniert ist dieses Ziel allerdings nicht, denn auf dem Weg dorthin befindet sich das Unternehmen bereits jetzt: Im vergangenen Quartal konnte Apple mit dieser Sparte bereits 11,46 Milliarden lukrieren. Angesichts der schwächer werdenden Nachfrage nach Smartphones im allgemeinen und jener nach dem iPhone im speziellen, versucht Apple seinen Fokus zunehmend in Richtung dieser stark wachsenden Sparte zu verschieben.

Massive Investitionen

Den Versuch, neben Netflix, Amazon Prime Video und Disney+ Fuß zu fassen, lässt sich Apple offenbar einiges kosten. So berichtet die „Financial Times“, dass das Unternehmen das Budget für Serien- und Filmproduktionen in den vergangenen Monaten massiv ausgebaut hat. Statt wie ursprünglich eine Milliarde Dollar stehen den ehemaligen Sony-Managern Jamie Erlicht und Zack Van Amburg mittlerweile sechs Milliarden für den Aufbau des Angebots von Apple TV+ zur Verfügung.

Dieses Geld scheint man nicht zuletzt in sehr hohe Produktionsqualität zu investieren. Laut dem Bericht lässt sich Apple alleine die ersten zwei Staffeln der „Morning Show“ satte 300 Millionen US-Dollar kosten. Damit wäre die Serie die teuerste Produktion der TV-Geschichte, und würde sogar die letzte Staffel von „Game of Thrones“ übertreffen. Dort mussten sich die Produzenten mit 15 Millionen US-Dollar pro Episode zufrieden geben. Diesen Betrag erreicht bei Apple TV+ sogar noch eine andere Serie: Bereits im Juli berichtete das „Wall Street Journal“, dass die Science-Fiction-Serie „See“ mit „Aquaman“-Star Jason Momoa ebenfalls auf 15 Millionen pro Episode kommt.

Das Ganze ist aber auch generell als Zeichen derzeit explodierender Budgets in der Streamingwelt zu verstehen. So will Netflix dieses Jahr bereits 14 Milliarden Dollar für neue Filme und Serien investieren. Mehr als 200 Million US-Dollar sollen dabei alleine für einen Deal mit den Showrunnern von „Game of Thrones“, David Benioff und D. B. Weiss, geflossen sein.

Der Kampf gegen Umsatzsteuerbetrug wird für Onlinehändler zum Bürokratiemonster

Die Betreiber von Onlinemarktplätzen beschäftigt zurzeit eine ungewöhnliche Aufgabe. Von jedem ihrer Händler müssen sie eine Bescheinigung mit der Umsatzsteueridentifikationsnummer einholen – und zwar bis spätestens zum 1. Oktober 2019. So soll verhindert werden, dass die Händler die Umsatzsteuer hinterziehen. Denn wenn die Plattformbetreiber diese Bescheinigung nicht vorliegen haben, haften sie selber für den Steuerausfall.

Was auf den ersten Blick trivial scheint, ist ein riesiger Aufwand. Schließlich verkaufen beispielsweise über Amazon fast 100.000 Händler, bei Ebay sind es noch deutlich mehr. Und es gibt rund 70 kleinere Marktplätze allein in Deutschland – Tendenz steigend.

Doch der entscheidende Punkt: Die Steuerbehörden stellen diese Bescheinigungen ausschließlich in Papierform zur Verfügung. „Das größte Problem ist, dass das Verfahren, das die Politik gewählt hat, uns einen unglaublich hohen manuellen Aufwand aufbürdet“, klagt Lars Schade, Geschäftsführer der Plattform Mercateo, einem Marktplatz für Geschäftskunden.

In der Regel erhält er von den Händlern ein eingescanntes PDF-Dokument, das sich digital nicht vernünftig weiterverarbeiten lässt. „Die Dokumentation ist mühselig und bedeutet einen großen Bürokratieaufwand“, so Schade. Dabei steht er dem ganzen Projekt eigentlich sehr positiv gegenüber. „Im Grundsatz begrüßen wir, dass die Politik jetzt endlich gegen Umsatzsteuerbetrug im Onlinehandel vorgeht“, sagt Schade, „das Problem ist lange unterschätzt worden.“

Seit Jahren war bekannt, dass dem Staat so Steuereinnahmen in Milliardenhöhe entgehen, doch die Politik griff nicht ein. Erst als immer mehr chinesische Händler mit illegalen Steuertricks als Billigkonkurrenz auf die Marktplätze drängten, wuchs der öffentliche Druck – und die Regierung sah sich zum Handeln genötigt. „Daraus ist dann leider kurzfristiger politischer Aktionismus geworden“, stellt Schade fest.

Im November 2018 beschloss der Bundestag das „Gesetz zur Vermeidung von Umsatzsteuerausfällen beim Handel mit Waren im Internet“, das die Plattformen in die Haftung nimmt. Den Marktplatzbetreibern wurden zwei Fristen gesetzt. Alle Händler, die nicht aus der EU kommen, mussten sich bis zum 1. März 2019 spätestens registriert haben. Für alle anderen gilt nun der 1. Oktober als Stichtag.

In vieler Hinsicht hat das Gesetz seinen Zweck erfüllt. Das zeigt sich schon bei den chinesischen Onlinehändlern, von denen in der Vergangenheit kaum einer die Umsatzsteuer korrekt abführte. Waren 2017 nur 432 Onlinehändler aus China, Hongkong und Taiwan in Deutschland steuerlich registriert, sind es jetzt mehr als 15.000.

Bisher waren diese Händler nur schwer zu greifen, deshalb blieb Steuerbetrug in der Regel folgenlos. Es sei denn, die Behörden betrieben großen Aufwand wie im Januar 2018. Damals ließen die Fahnder in einer Blitzaktion im Weihnachtsgeschäft Konten von Händlern auf Amazon einfrieren und Güter beschlagnahmen. Knapp hundert chinesische Händler waren betroffen. Amazon hatte voll kooperiert und die notwendigen Daten zur Verfügung gestellt.

500 Millionen Euro Mehreinnahmen erhofft

Nun sind bei den Behörden zumindest bald alle Händler, die auf Plattformen anbieten, angemeldet. Wenn nicht, werden sie von der Plattform ausgeschlossen. Der Staat erhofft sich durch die stärkere Kontrolle erhebliche Mehreinnahmen. Zwar hat die Verstärkung der Kapazitäten des zuständigen Finanzamts Berlin-Neukölln nach Angaben der Bundesregierung einmalig 4,6 Millionen Euro gekostet.

Doch dem gegenüber stehen erhoffte Mehreinnahmen allein in diesem Jahr in Höhe von mehr als 500 Millionen Euro. Das wäre immerhin schon die Hälfte der Summe, auf die man im Finanzministerium die bisher jährlich hinterzogene Umsatzsteuer schätzt.

Doch schon bei der Verabschiedung des Gesetzes kritisierten Branchenexperten, dass der politische Schnellschuss zu massiven Problemen bei den Plattformbetreibern führen würde. So betonte der Handelsverband HDE, der seit Jahren ein härteres Durchgreifen beim Umsatzsteuerbetrug gefordert hatte, das Papierverfahren sei „nicht zeitgemäß“. Es entstehe Bürokratie, die schwer zu rechtfertigen sei.

Das zeigt sich jetzt bei der Umsetzung. „Unstrittig ergibt sich zumindest im Rahmen der Erstanwendung in diesem Jahr ein deutlich erhöhter Bürokratieaufwand“, beobachtet Philipp Breker, Partner der Steuerberatungsgesellschaft Dornbach. Er kann der Sache aber auch einen positiven Aspekt abgewinnen: „Während auf der einen Seite der Bürokratieaufwand sicherlich erhöht wird, erhöht sich auf der anderen Seite auch die Seriosität des Angebotes.“

„Das Gesetz gegen Steuerbetrug im Online-Handel soll steuerehrliche Unternehmen schützen und für fairen Wettbewerb zwischen Verkäufern aus dem In- und Ausland sorgen“, erinnert Breker an die Grundintention der neuen Regelung, die ja auch im Interesse des Handels ist. „Der Schaden, der durch den Umsatzsteuerbetrug in der Wirtschaft entsteht, ist so groß, dass wir es nachvollziehen können, die Plattformen mit in die Haftung zu nehmen“, stimmt auch Mercateo-Geschäftsführer Schade zu.

Doch er fordert, dass der Staat den Unternehmen bei der Abwicklung entgegenkommt. „Wir erwarten, dass die Behörden uns eine digitale Lösung zur Verfügung stellen“, sagt er. Der Staat habe versprochen, ein Jahr nach dem Start des Gesetzes eine zentrale Datenbank aufzubauen, in der man abfragen kann, ob ein Händler steuerlich gemeldet ist. „Doch bisher ist nichts passiert“, so Schade.

In der Tat hatte die Bundesregierung im Oktober 2018 in einer Gegenäußerung zur Stellungnahme des Bundesrates zum Gesetzentwurf geschrieben, dass die Arbeiten „zur schnellstmöglichen Umsetzung einer elektronischen Abfragemöglichkeit für Betreiber von elektronischen Marktplätzen“ aufgenommen seien. Eine Implementierung ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes werde angestrebt.

Ein halbes Jahr später hörte sich das wieder ganz anders an. Auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion antwortete die Bundesregierung im April: Es werde mit „höchster Priorität“ an einer digitalen Lösung gearbeitet. Doch eine verlässliche Aussage zur Fertigstellung sei zum derzeitigen Stand der Arbeiten nicht möglich. Seitdem, so heißt es in Branchenkreisen, herrsche auch auf Nachfrage auf allen Ebenen Stille. Es seien nicht mal Ausschreibungen für den Aufbau einer Datenbank zu sehen.

Wie sich Google von der Such- zur Antwortmaschine wandelt

Google befindet sich in einem stetigen Transformationsprozess. Die Suchmaschine wird immer stärker zur Antwortmaschine und führt weniger organischen Traffic auf externe Websites. Das Werbegeschäft entwickelt sich derweil prächtig – trotz Amazon.

Sucht man heutzutage auf Google nach einer Information, wird man häufiger schon auf der Ergebnisseite fündig, ohne noch eine der dort aufgelisteten Websites anzuklicken. Rechts oben sammelt der Knowledge Graph immer mehr strukturierte Informationen zu Unternehmen oder Personen, Snippets bieten zudem Erklärungen und Definitionen, und sogar weiterführende Fragen werden im Rahmen einer ausklappbaren Box („Nutzer fragen auch …“) beantwortet.

Die Folge: Der organische Traffic, den Google für externe Website-Betreiber liefert, sinkt kontinuierlich – besonders stark in der mobilen Nutzung, weil man auf dem Smartphone weiter nach unten scrollen muss, um überhaupt zu den organischen Suchergebnissen zu gelangen. Wie weit der Trend schon fortgeschritten ist, zeigte im Juni eine Auswertung, die das Software-Unternehmen Spark Toro mit Suchdaten aus den USA vorgenommen hat. Danach führt dort fast jede zweite Suchanfrage nicht mehr zu weiteren Klicks auf die Ergebnisse, weil sie offenbar schon ausreichend beantwortet wurde. Nur gut 41 Prozent des Traffics werden organisch auf externe Websites geleitet, 3,6 Prozent auf Werbeanzeigen. Hinzu kommt, dass Google es durch immer neue eigene Angebote wie Google Jobs und Google Flights erfolgreich schafft, Nutzer auf den eigenen Seiten zu halten.

Die Ergebnisse bestätigt der „Digital Marketing Report“ für das 2. Quartal, den die US-Marketingagentur Merkle erstellt hat. Danach kommen in den USA nur noch 23 Prozent des Traffics auf Websites über die organische Suche auf einer Suchmaschine, ein Minus von 6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Website-Betreiber, die über Content-Strategien Nutzer auf ihre Seiten ziehen wollen, stehen damit vor großen Herausforderungen – sofern sie sich auf den Ergebnisseiten nach unten abdrängen lassen. Denn es kann natürlich für Unternehmen attraktiv sein, selbst mit ihren strukturierten Daten in den Direct-Answer-Boxen zu erscheinen, sofern ein Link zu ihrer Website besteht. Dies rufe dann, betont Hansjörg Rampl, Managing Director der Agentur iProspect Deutschland, „eine höhere Aufmerksamkeit und dadurch höhere Klickraten“ hervor. „Ich glaube, dass die Vorteile überwiegen“, so Rampl. Allerdings ist es nicht einfach, mit einem Thema in die Boxen zu kommen, wenn es nicht gerade um Informationen zur eigenen Firma oder Marke geht.

Vorarbeit für die Voice-Kommunikation

Mit dem Wandel zur Antwortmaschine fördert Google die Bereitstellung klarer, eindeutiger und gut auffindbarer Informationen durch Unternehmen und Website-Betreiber, auch für Dienste wie Google Maps. Dies ruft spezialisierte Dienstleister auf den Plan, die genau dafür sorgen, etwa Yext oder auf lokaler Ebene Uberall.

„Momentan findet ein grundlegender Paradigmenwechsel statt: Vielfältige und meist unübersichtliche Suchergebnisse weichen einzelnen, strukturierten und vor allem konkreten Antworten“, glaubt Yext-CEO Howard Lerman. „Und so müssen Unternehmen künftig ihre Website als einen Ort für Antworten betrachten, damit Google, Alexa und andere Dienste Fragen konkret beantworten können.“

Der strategische Schwerpunkt dürfte dabei auf den Sprachassistenten liegen. Da sie auch künftig wohl kaum Listen von Alternativen vorlesen werden und auch nicht auf Websites verweisen können, sind sie auf eindeutige Antworten angewiesen. Mit der „Eine Antwort“-Kultur dürfte Google die künftige Voice-Ära vorbereiten. „Die Antworten des Knowledge Graph sind bereits so strukturiert, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob man sie auf der Website liest oder von einem Sprachassistenten vorgelesen bekommt“, erklärt Rampl.

„Der Knowledge Graph und die Snippets werden zur selben Zeit ausgebaut, zu der auch die digitalen Sprachassistenten den Markt erobern“, beobachtet auch Christoph Böckmann, Senior SEO Consultant bei der Performance-Agentur Eprofessional. „Es liegt nahe, dass die Antworten für die Suchanfragen in der Suchmaschine und im Voice-Bereich nach einem ähnlichen Muster ausgewertet werden.“ Wer seinen eigenen Website-Content für die entsprechenden Google-Features optimiere, leiste daher „gute Vorarbeit für die kommende Voice-Kommunikation“. Böckmann weist darauf hin, dass es immer mehr Informationen gibt, die man standardisiert auszeichnen könne, „neuerdings etwa auch ,How to‘ oder ,FAQ‘.“

Das Werbegeschäft wird von der forcierten Antwort-Kultur kaum tangiert werden, der Anteil der Klicks auf bezahlte Anzeigen steigt eher an. Anzeigentexte dürften auch nicht zur Domäne der Sprachassistenten werden: „User erwarten über Voice eher ultimative Wahrheiten und Fakten“, sagt Thomas Nuss, CEO von Eprofessional. „Für Shopping-Funktionen eignet es sich weniger gut, weil dort meist eine Auswahl von Produkten gefragt ist.“

Und so läuft das SEA-Geschäft munter weiter, trotz des rasanten Aufstiegs von Amazon zur neuen Werbegroßmacht und Produktsuchmaschine. „Google ist in Mediaplanungen nach wie vor gesetzt“, konstatiert Thomas Gässler, Geschäftsführer der Agentur Plan.Net Performance. „Es gibt Unternehmen, die Budgets zu Amazon verschieben, aber teilweise wird dort auch additiv gebucht.“ Eine starke Abwanderungsbewegung aus Google kann er nicht feststellen.

Das untermauern die Alphabet-Geschäftszahlen des 2. Quartals: Danach ist der Werbeumsatz von Google auf 32,6 Milliarden US-Dollar geklettert, ein Plus von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Zum Vergleich: Amazon meldete für das 2. Quartal im Bereich „Other“, in dem vor allem Werbeeinnahmen verbucht werden, 3 Milliarden US-Dollar, und damit einen Zuwachs von 37 Prozent.

Google Shopping bietet Direktkauf

Doch obwohl Google das Werbegeschäft im Griff hat: Amazon ist ein gefährlicher Konkurrent, und dass Google ihn sehr ernst nimmt, zeigt sich allein schon daran, mit welchem Eifer der Konzern seine Shopping-Funktionen ausgebaut hat – von der Integration in die Bildersuche bis zur Darstellung von Produktverfügbarkeiten in den Shopping-Ads.

Und Google will sich nicht länger damit begnügen, Angebote vorzuschlagen und Preisvergleiche anzustellen. Der Kauf soll zunehmend auch auf der Plattform selbst möglich werden. In der neuen Version von Google Shopping, die im Juli in den USA eingeführt wurde, bekommen die Nutzer personalisierte Produktempfehlungen und können direkt über die Anzeigen ordern. Google stellt dabei die Bezahlfunktion zur Verfügung, um die Logistik müssen sich die Händler aber nach wie vor selbst kümmern. Für die Produkte der Partnerhändler gibt es aber eine „Google-Garantie“.

Der Direktkauf ist auch bereits in Frankreich und Indien getestet werden. Einen Starttermin der neuen Shopping-Funktionen in Deutschland gibt es noch nicht, man kann aber davon ausgehen, dass sie im nächsten Jahr kommen werden.

Allerdings: Lohnen sie sich nicht nur für Google, sondern auch für die Händler? „Ads mit Bezahlfunktion sind vor allem für kleinere Unternehmen spannend, die keine bekannte Brand haben, eingeschränkte Ressourcen in Shop-Entwicklung und Ressourcen und möglicherweise auch nur eingeschränkte Zahlmöglichkeiten anbieten können“, glaubt Eprofessional-CEO Nuss. „Umgekehrt stoßen sich große Händler eher daran, dass User so nicht in ihren Shop geleitet werden und somit Cross- und Upselling-Potenziale sowie Brandingeffekte verloren gehen können.“

Nachrichtenagentur dpa feiert 70 Jahre

Anfang August haben die JournalistInnen der Deutschen Presseagentur (dpa) mal wieder gespürt, wie groß ihre publizistische Verantwortung ist. „CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können“ stand über einer kleinen Meldung, die wie viele andere an diesem Tag an die angeschlossenen Rundfunkanstalten, Onlinedienste und Zeitungshäuser ging.

In sozialen Netzwerken prasselten auf den stellvertretenden Chef der Bundestagsfraktion der Union, Carsten Linnemann, wüste Beschimpfungen ein. Populisten jubilierten wiederum. Linnemann wehrte sich: So habe er das nie gesagt. Tatsächlich korrigierten die JournalistInnen ihre Meldung, die ein Interview zusammenfasste: „Grundschulverbot“ sei eine „zu weitgehende Wiedergabe der Worte Linnemanns“ gewesen.

Linnemann hatte sich ursprünglich in der Rheinischen Post zu Wort gemeldet. Sven Gösmann war einst Chefredakteur der Zeitung. Seit fünf Jahren leitet er nun die dpa. Wie ist das mit der publizistischen Verantwortung – stimmt ihn so ein Vorgang nachdenklich?

„Es gibt im Nachrichtenbereich keine Gatekeeper im klassischen Sinne mehr“, sagt Gösmann. „Aber die ,Tagesschau‘, der Deutschlandfunk oder wir sind natürlich immer noch gewaltige gesellschaftliche Verstärker, hinter denen sich auch mancher mit trüben Absichten verstecken möchte. Da schmerzt jeder Fehler, da hilft jede aufklärerische Leistung.“

Rund 700 Mitarbeiter weltweit

Die dpa nahm ihren Betrieb vor 70 Jahren in Hamburg auf. Dort, in einer Villa, liegt noch immer ihr Geschäftssitz. Der Newsroom der dpa befindet sich allerdings inzwischen in Berlin. Er ist 150 Meter lang und mit 270 Schreibtischen bestückt. Im Schichtbetrieb arbeiten allein hier 370 MitarbeiterInnen. Weltweit sind es fast doppelt so viele feste dpa-JournalistInnen.

Um die Dimension zu verstehen, ist noch eine Zahl entscheidend: dpa hat viele Angebote, darunter Dienste mit Meldungen in den einzelnen Bundesländern, internationale Angebote in Englisch, Arabisch und (seit vergangenem Jahr etwas ausgedünnt) Spanisch. Im „Basisdienst“ sendet dpa im Jahr fast 200.000 Beiträge an deutsche Medien – knappe Meldungen, ausführliche Zusammenfassungen und Korrespondentenberichte.

Was Nachrichtenagenturen von anderen Medien unterscheidet: Medien müssen ihre Texte bei der Übernahme nicht prüfen. Das Stichwort hier: Agenturprivileg. „Nach der Rechtsprechung dürfen die Empfänger von Texten von anerkannten Nachrichtenagenturen auf deren Richtigkeit vertrauen“, heißt es in einem juristischen Handbuch für die Reporter der dpa. „Das gilt auch für Fotos und die als Bildtext gemachten Angaben.“

Aufklärerischer Anspruch

Diese Verantwortung kann ein Fluch sein – siehe das „Grundschulverbot“. Fehler verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Für Chefredakteur Gösmann ist sie aber auch ein Segen. Jedenfalls sagt er: „Gesellschaften sollen sich ihre Meinung auf Grundlage bestmöglich belegter Fakten bilden. Wir sind eine Organisation, die diesen aufklärerischen Anspruch in sich trägt.“

Diese „bestmöglich belegten Fakten“ sind so etwas wie das Markenversprechen der dpa. Das löst sie erstaunlich oft ein, aber auch nicht immer. Während dpa 1963 als erste Agentur weltweit „Kennedy tot“ meldete, folgte 1964 der Nachrichten-GAU: dpa erklärte auch Nikita Chrusch­tschow, den sowjetischen Staats- und Parteichef, für tot. Das wiederum war eine Falschmeldung. Zur Strafe musste sich dpa für gut ein halbes Jahr aus Moskau zurückziehen.

In der Moderne der dpa ist das Signalwort „Bluewater“. Das steht für einen Terroranschlag, den dpa meldete, obwohl es ihn nie gab. SchauspielerInnen inszenierten diesen perfekt: Einer rief getarnt als Praktikant eines US-Senders an und wies dpa auf gefälschte Videos aus – dem ebenfalls erfundenen – Bluewater hin. Andere fälschten Internetseiten von Polizei und Feuerwehr. Bei den angegebenen Hotlines nahmen MuttersprachlerInnen ab, die – vor Sirenengeheul aus Lautsprechern – Auskunft gaben. Die JournalistInnen der dpa korrigierten und schämten sich.

Deepfakes ermöglichen Manipulation

Heute beschäftigt Gösmann ein Verifikationsteam. Es checkt Material, das die Agentur über das Netz erreicht. Die Agentur sucht zudem Wege, um auch Deepfakes rechtzeitig zu erkennen: Präsidenten, Despoten und Wirtschaftschefs, denen mithilfe von Stimmproben und Algorithmen quasi perfekt Worte in den Mund gelegt werden. „Wir müssen uns alle davor fürchten“, mahnt Gösmann. „Da ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet.“ Aber kann sich dpa immer ausgeklügeltere Recherchetechniken überhaupt leisten?

Die dpa gehört 180 Medien, vor allem Verlagen. Zeitungen zahlen nach Auflage. Sie sinkt, also kommt weniger Geld rein. Und auch das Auslandsgeschäft schwächelt. Im Geschäftsbericht heißt es: „Neben den absehbaren Erlösrückgängen beim Basisdienst und den Landesdiensten durch weiterhin rückläufige Auflagenzahlen ist es auch bei den fremdsprachigen Auslandsdiensten nicht gelungen, das Umsatzniveau des Vorjahres zu halten.“

Vor allem der Ableger News Aktuell, ein PR-Dienstleister, gleicht aus, was im Kerngeschäft wegbricht. Dort werden wiederum Kunden wie Facebook, die Faktenchecks kaufen, wichtiger und auch Regierungen, Lobbyagenturen und Unternehmen, die dpa mit dem Weltgeschehen und mit Brancheninfos versorgt. Wie unabhängig ist dpa nach 70 Jahren?

Die Bundesregierung ist auch Kunde

„Rund 3,5 Prozent des Umsatzes der dpa GmbH geht auf Geschäfte mit der Bundesregierung und beigeordneten Einheiten zurück“, heißt es auf Nachfrage. Die GmbH betreibt die klassischen Angebote der dpa. Für die gesamte dpa-Gruppe lägen keine Zahlen vor. Wichtig ist der Agenturleitung so oder so dieser Hinweis: „Die Bundesregierung ist ein Kunde wie alle anderen auch. Die Aufträge kommen in der Regel via Ausschreibung zustande.“

Lauter Applaus kam Anfang Juli von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden“, sagte er auf einem Festakt der dpa. „Und sind sie es einmal nicht, werden sie umgehend korrigiert.“ Im Fall Carsten Linnemann dauerte das fast 24 Stunden. Das ist eine ziemliche Strecke dafür, dass das eher eine Kleinigkeit war, zumal in diesen schnellen Zeiten. Aber immerhin: dpa hat sich sauber korrigiert. Alles gut.

China: Mit Tinder gegen die Staatsmacht

Die Überwachung in China ist extrem, doch die Demonstranten in Hongkong führen die Sicherheitskräfte immer wieder in die Irre. Dafür nutzen sie spezielle Apps – auch Tinder oder Pokémon Go.

„Be water, my friend“. Diesen Leitspruch des Kampfsportkünstlers Bruce Lee haben die dezentral agierenden Demonstranten in Hongkong für sich adaptiert: Ähnlich wie das Element wollen sie – um Verhaftungen zu entgehen – flexibel, spontan und fließend vorgehen. Und dabei möglichst anonym bleiben.

Die Proteste im Jahr 2014 konzentrierten sich auf wenige Großveranstaltungen an immer der gleichen Stelle im Stadtteil Admiralty. Daher war es der Polizei leicht möglich, die Versammlungen aufzulösen. Im Jahr 2019 verlegen sich die Demonstranten daher auch auf spontane Zusammenkünfte an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit. So wie am Abend des 5. August, dem Tag eines Generalstreiks und angemeldeter Großdemonstrationen.

Noch während der großen Versammlung spaltete sich eine Gruppe der schwarz gekleideten Demonstranten ab und zog durch den Stadtteil North Point auf Hongkong Island. In der Gegend sollen viele Mitglieder einer Peking-treuen Triade leben, die für einen brutalen Angriff auf Demonstranten und Passanten zwei Wochen zuvor in einer U-Bahnstation verantwortlich gemacht wird.

Wie zu erwarten kam es zum Zusammenstoß mit den mutmaßlichen Triaden-Mitgliedern – doch diesmal waren die Demonstranten vorbereitet und in der Überzahl. Nicht genug damit: Ein Trupp hatte zuvor mit Material von umliegenden Baustellen die Ausfahrt der nächstgelegen Polizeistation verbarrikadiert. Dieser Grad der Koordination geht zum großen Teil auf den geschickten Einsatz von Software zurück.

Doxxing von Polizeibeamten

Die Hauptrolle spielen Messenger wie WhatsApp und vor allem Telegram. In diversen Telegram-Chatgruppen tauschen die Demonstranten wichtige Informationen aus. Eine der größten, die laut Eigenbeschreibung nur verifizierte Neuigkeiten verbreitet, hat gut 130.000 Mitglieder.

Auf rund 95.000 Abonnenten kommt der Kanal Dadfindboy. Er wurde als Reaktion darauf eingerichtet, dass sich Polizisten in Zivil unter die Demonstranten mischten – eine Taktik, die inzwischen von der Polizei bestätigt wurde. Die Gruppenmitglieder beschicken den Kanal mit Angaben über Polizeibeamte, inklusive Wohnorten, privaten Fotos, Social-Media-Aktivitäten und Informationen über Familienmitglieder. Laut „New York Times“ plante Colin Cheung, der Gründer der Gruppe, eine App zur Gesichtserkennung zu schreiben und sie mit den Daten aus der Gruppe zu füttern.

Nachdem diese Gruppen auch für Strafverfolger zugänglich sind, schwenken die Demonstranten und ihre Sympathisanten zur zeitnahen Koordination auf Apples AirDrop um. AirDrop sorgt für den drahtlosen Austausch von Daten zwischen zwei Apple-Geräten. Vorteil: Es kommt ohne zentralen Server aus und kann daher auch nicht per DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service) beeinträchtigt werden. Laut Telegram-Gründer Pawel Durow griffen chinesische IP-Adressen gleich zu Beginn der Demonstrationen im Juni die Infrastruktur seines Messengers mit solchen DDoS-Attacken an.

Nahfeld-Kommunikation

Da AirDrop die Verbindung zu Anfang per Bluetooth aufbaut, ist die Reichweite auf wenige Meter beschränkt. In dicht gedrängten U-Bahnzügen finden sich dennoch zu jedem Zeitpunkt Dutzende empfangsbereite Geräte. Akzeptiert man die Verbindungsanfrage, landen in Bilder gepackte Informationen auf dem eigenen Smartphone. Wie zum Beispiel der Aufruf am 11. August, sich ab 13 Uhr am Flughafen zu einer Kundgebung einzufinden.

Der Journalist Gavin Huang stieß sogar innerhalb der Dating-App Tinder auf ein Bild, das auf kommende Versammlungen hinweist. Ende Juli verbreitete sich ein Bild per Tinder, das auf ein besonderes Pokémon hinwies, das zu einer bestimmten Uhrzeit in der Nähe der U-Bahnstation Yuen Long zu finden sein soll. Yuen Long war der Ort, an dem Demonstranten von den Triaden-Mitgliedern attackiert wurden. Nachdem die Polizei die Versammlung nicht genehmigte, wurde sie kurzerhand zur Poké-Suche umdeklariert.

Mit Lasern gegen die Gesichtserkennung

Moderne Technik kann für die Demonstranten aber auch zur Bedrohung werden. Um vor und während der Kundgebungen anonym zu bleiben, verzichten sie auf den Einsatz ihrer Octopus-Karten. Diese dienen unter anderem zum bargeldlosen Bezahlen in der U-Bahn, sind durch ihre Seriennummern aber zur Identität des Käufers zurückzuverfolgen. Stattdessen wird mit Cash bezahlt – für Hongkonger ein mehr als ungewöhnliches Verhalten.

Nächtliche Kundgebungen ähneln mitunter Szenen aus einem Science-Fiction-Film: Demonstranten zielen mit grünen und blauen Lasern auf Überwachungskameras. Ziel: Die Kameras zu blenden und so eine Identifikation der Versammlungsteilnehmer per Gesichtserkennung unmöglich zu machen.

Auf einen eventuellen Kontakt mit der Polizei bereitet ein unter den Demonstranten zirkulierendes Dokument vor. Es erklärt unter anderem, wie man blitzschnell das Entsperren des Smartphones per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung deaktivieren kann. Denn Polizisten dürfen nicht nach dem PIN-Code des Geräts fragen, könnten Festgenommenen das Telefon aber leicht vors Gesicht halten oder gegen Fingerspitzen drücken.

Biometrische Daten von Millionen von Nutzern offen im Netz entdeckt

Sicherheitsforscher aus Israel haben eine riesige Datenbank mit rund einer Million Fingerabdrücken und anderen biometrischen Daten aufgespürt, die quasi ungeschützt und unverschlüsselt im Web abgerufen werden konnte. Die Daten stammen vom System «Biostar 2» der koreanischen Sicherheitsfirma Suprema, die laut eigenen Angaben Marktführer in Europa bei biometrischen Zutrittskontrollsystemen ist. Über das Sicherheitsleck hatten zuerst der britische «Guardian» sowie das israelische Portal «Calacalist» berichtet.

«Biostar 2» arbeitet mit Fingerabdrücken oder Gesichtsscans auf einer webbasierten Plattform für intelligente Türschlösser, mit der Unternehmen die Zugangskontrolle für ihre Büros oder Lagerhallen selbst organisieren können. Das System wird laut Angaben vom «Guardian» auch von der britischen Polizei sowie mehreren Verteidigungsunternehmen und Banken genutzt.

Vollständige Kontrolle über Konten

Die gravierende Sicherheitslücke wurde von den israelischen Hackern Noam Rotem und Ran Lokar entdeckt, die für den Dienst vpnMentor arbeiten. Die Schwachstelle habe dazu geführt, dass man die vollständige Kontrolle über die Konten im System erhalten konnte, sagte Rotem dem Portal «Calcalist».

Die Forscher hatten Zugriff auf über 27,8 Millionen Datensätze und 23 Gigabyte Daten, darunter Fingerabdruck- und Gesichtserkennungsdaten, Gesichtsfotos von Benutzern, unverschlüsselte Benutzernamen und Passwörter, Protokolle über den Zugang zu den Einrichtungen, Sicherheitsstufen und -freigabe sowie persönliche Daten des Personals. Außerdem hätten sie Datensätze in den Firmenkonten neu anlegen und manipulieren können.

Daten meist unverschlüsselt abgespeichert

Entsetzt zeigten sich die Forscher darüber, dass in dem System die vollständigen biometrischen Daten meist unverschlüsselt abgespeichert wurden. «Anstatt einen Hash des Fingerabdrucks zu speichern, der nicht zurückentwickelt werden kann, speichern sie die tatsächlichen Fingerabdrücke der Menschen, die für bösartige Zwecke kopiert werden können», sagten die Forscher dem «Guardian». Überrascht waren Rotem und Lokar darüber, wie schlecht die Suprema-Kunden zum Teil ihre Konten abgesichert haben: «Viele Konten enthielten lächerlich einfache Passwörter wie ‹Passwort› und ‹abcd1234›.».

Der Marketingleiter von Suprema, Andy Ahn, sagte dem «Guardian», das Unternehmen habe eine «eingehende Bewertung» der von vpnMentor bereitgestellten Informationen vorgenommen. Die Kunden würden im Falle einer Bedrohung informiert werde. Die Sicherheitslücke sei inzwischen geschlossen worden.

Der Fall Kicktipp offenbart Googles ruinöse Macht

Die erste Anlaufstelle für Freizeitorakel in Deutschland ist die Onlineplattform Kicktipp. Hier geben Tausende Fans vor jedem Spieltag ihre Vermutungen ab. Wurden Tippspiellisten früher noch aufwendig auf Papier von Büro zu Büro gereicht, treffen sich die Fußballexperten heute online.

„Für uns war diese Nachricht eine Katastrophe“

Doch für Kicktipp-Geschäftsführer Janning Vygen wäre die aktuelle Saison fast ins Wasser gefallen. Das Problem: Völlig unerwartet verschwand die Smartphone-Anwendung des Tippspielanbieters aus dem Google Play Store. „Ich habe wirklich Existenzangst bekommen“, sagt Vygen im Gespräch mit WELT. Denn die Zugriffszahlen aus der mobilen App sind eine wichtige Stütze für das Nutzeraufkommen von Kicktipp.

„Wir sind per Mail informiert worden, dass die App wegen einer Richtlinienverletzung aus dem Play Store entfernt wurde“, erinnert sich Vygen. Den Grund habe Google nicht genannt, lediglich auf seine Richtlinienübersicht für Entwickler verwiesen. „Niemand konnte die App mehr runterladen. Am Freitag beginnt die Bundesliga. Für uns war diese Nachricht eine Katastrophe.“

Den US-Internetgiganten kurzfristig zu erreichen ist für Entwickler fast unmöglich. Das allerdings ist wenig überraschend – schließlich werden im Play Store mehr als 2,7 Millionen Programme zur Nutzung angeboten. Einer Schätzung zufolge wurden im ersten Halbjahr 2019 weltweit rund 41,9 Milliarden Apps bei Google heruntergeladen. Zur Verfügung stellt das Unternehmen aus dem kalifornischen Mountain View lediglich eine Telefonhotline für Nutzer, die Fragen zu Einkäufen im Play Store haben.

„Unsere einzige Möglichkeit war, die Richtlinien zu lesen und zu raten, wogegen wir verstoßen haben“, sagt Vygen. Der einzige Hinweis, den Google bei der Suche gab: Kicktipp habe sich eines irreführenden Verhaltens schuldig gemacht. Darunter fallen etwa die Ausnutzung von Systemmeldungen oder die Fälschung von Kreditkartendaten. „Das waren ganz irre Sachen – für uns völlig ausgeschlossen, dass wir uns dort nicht ordnungsgemäß verhalten haben“, verspricht der Onlineunternehmer.

Die Spur führt schließlich zum Beschreibungstext des Programms – also zu jenen Informationen, die im Play Store über jede Anwendung vermerkt werden. Dort heißt es zum Punkt „Irreführende Behauptungen“, ein häufiger Verstoß seien „Entwickler oder Apps, die ihren aktuellen Status oder ihre Leistung bei Google Play falsch darstellen“ – sich etwa als „Nr.-1-App“ bezeichnen. Tatsächlich gibt Vygen zu, dass Kicktipp im Beschreibungstext als „Nr. 1 bei Tippspielen“ in Deutschland angepriesen wurde. Mit einem Status bei Google habe dieser Hinweis aber nichts zu tun. „Das wäre unfassbar, wegen so eines Missverständnisses gelöscht zu werden“, sagt der Geschäftsführer.

Vygen fragt nach, wendet sich über ein Formular an den amerikanischen Technikriesen. Die Antwort: Eine Rückmeldung werde mindestens 72 Stunden dauern. Wenn der Einspruch abgelehnt werde, solle man die App einfach unter einem neuen Namen erneut im Play Store hochladen, rät Google. „Ich kann doch nicht einfach mein Unternehmen umbenennen“, schimpft Vygen.

Nach 24 Stunden ist die App wieder online

Schlussendlich erreichen die Kicktipp-Macher über Umwege einen Kontakt bei Google. Die Begründung des Konzerns für die weltweite Löschung des Programms: Die türkische Übersetzung der App-Beschreibung sei missverständlich formuliert. Nach 24 Stunden ist der Spuk vorbei, das Programm wieder online.
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Das beruhigt Vygen zwar, hat ihm aber auch klargemacht, wie groß die Macht amerikanischer Tech-Konzerne ist. „App-Entwickler sind abhängig von den Marktplätzen, über die sie ihre Programme verbreiten“, erklärt er. Warnschüsse gäbe es bei vermeintlichen Verstößen nicht, die Unternehmen agierten für kleine Anbieter unberechenbar. „Ohne Anhörung hat uns Google einfach ins Knie geschossen“, beschwert sich Vygen. Obwohl das Programm wieder verfügbar sei, kenne er den genauen Vorwurf gegen Kicktipp noch immer nicht. Google gab bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Stellungnahme zu dem Fall ab.

Auch Smartphone-Konkurrent Apple gehe mit seinen Entwicklern ähnlich rigoros um, berichtet der Geschäftsführer. Sobald App-Anbieter etwa Möglichkeiten für Käufe innerhalb ihres Programm anbieten wollen, bestehe der Konzern aus Cupertino auf die Einhaltung unzähliger Richtlinien. Ein Beispiel: „Wenn das Betriebssystem Android irgendwo innerhalb der App auch nur genannt wird, wird sie gesperrt“, erinnert sich Vygen an einen weiteren Streit mit US-Unternehmen. „Die Konzerne“, sagt er, „sind einfach knallhart.“

Ganz so unversöhnlich, wie das klingt, ist der Kicktipp-Geschäftsführer dann aber doch nicht: „Ich habe auch Verständnis für die Konzerne, die unterschiedliche Regelungen in 140 Staaten berücksichtigen und das effizient mit Hunderttausenden Entwicklern aushandeln müssen.“ Er kann jetzt erst einmal durchschnaufen. Gerade noch rechtzeitig – kurz vor dem Start in die Bundesligasaison.

Schwedische Zeitung „Metro“: Am Ende

„Metro“ entwickelte sich von einer Stockholmer U-Bahn-Zeitung zum weltweit größten Zeitungsherausgeber. Nach 24 Jahren ist nun Schluss.

Zu Beginn lehrte Metro einst die etablierten Zeitungskonzerne das Fürchten. Begonnen hatte die Geschichte des Gratiszeitungspioniers am 13. Februar 1995 in der Stockholmer U-Bahn: eine im öffentlichen Nahverkehr der Millionenstadt werktäglich gratis verteilte Tageszeitung. Hinter dem Novum stand Jan Stenbeck, der mit einer Telekomgesellschaft und einem privaten TV-Sender reich geworden war. Sein Konzept: ein Blatt, das auf dem billigst möglichen Vertriebsweg in die Hände der LeserInnen gelangte, vorwiegend aus Agenturmeldungen und reichlich Annoncen bestand, aber dessen Inhalt auch mit populären Kolumnisten und eigenen Reportagen garniert war.

Den Pendlern gefiel offenbar, was sie da bekamen. Stenbeck machte vom ersten Tag an Gewinn. Zeitungen waren zu dieser Zeit noch reinste Gelddruckmaschinen. Sie besaßen auf den lokalen Märkten das Anzeigenmonopol. Schweden war für Stenbeck dabei nur der Testmarkt. Was er mit Metro wollte, beschrieb er selbst einmal als „Big Mac der Zeitungswelt“. Wo man auch hinkomme, sollte man das gleiche, vertraute Produkt finden. Metro von Helsinki bis New York, von Rio de Janeiro bis Moskau und Seoul.

2002 im Alter von 60 Jahren verstorben, erlebte Stenbeck nicht mehr, dass Metro zeitweilig in bis zu 23 Ländern erschien, wöchentlich geschätzte 35 Millionen LeserInnen hatte und „Metro international“ zum größten Zeitungsherausgeber der Welt aufstieg. Auf manchen Märkten jedoch hatte Metro nie eine Chance, auf anderen konnte man nur kurzzeitig Fuß fassen, und auf wieder anderen wurde das Blatt von einheimischen Verlagen übernommen. Mittlerweile erscheinen Gratiszeitungen mit dem grünen Metro-Globus, aber ohne Anbindung ans Mutterhaus, vor allem noch in Nord- und Lateinamerika.

Schulden von über 5 Millionen Euro

Auch die schwedische Metro war von den Stenbeck-Erben 2017 verkauft worden. Zunächst für umgerechnet rund 5 Millionen Euro an einen Investor, der aber schnell entdeckte, dass das ein Fehlkauf ohne geschäftliche Perspektive war. Schon nach drei Monaten reichte er Metro für 10 Cent an den norwegischen Geschäftsmann Christen Ager-Hansen weiter. Ein Risikokapitalist, der seinerseits bald ebenfalls einen Käufer suchte, aber keinen mehr fand und unter dessen Regie Schwedens einst auflagenstärkste Zeitung dann endgültig eingehen sollte.

Im März verkündete Chefredakteur Thomas Eriksson das Ende der täglichen Printausgabe: „Die Kosten, um eine fünfmal wöchentlich erscheinende Zeitung zu drucken und zu vertreiben, sind zu hoch geworden.“ Im selben Monat erhob der Vermieter der Redaktionsräume Räumungsklage wegen seit Monaten unbezahlter Miete. Im Mai blieben die Angestellten ohne Lohn. Im folgenden Konkursverfahren wurden Schulden von über 5 Millionen Euro offenbar. Das Gericht räumte die Chance einer Rekonstruktion ein: Mit halbierter Belegschaft und wöchentlichem statt täglichem Erscheinen sollte versucht werden, das Blatt am Leben zu halten. Doch auch als Wochenzeitung funktionierte Metro nicht mehr.

„Papierzeitung? Wozu? Es gibt keine jungen Leute mehr, die eine Papierzeitung lesen“, erklärte Ager-Hansen nun gegenüber Expressen. Journalismus „passt nicht mehr in den Businessplan“. Das sei eine „ineffiziente und altmodische Methode, Inhalte zu produzieren“. „Was Metro angeht, habe ich aufgehört, mich über irgendetwas zu wundern“, kommentiert Ulrika Hyllert, Vorsitzende der schwedischen Journalistengewerkschaft. Die Marke bleibt als „Debattenplattform“. Bis sich vielleicht ein weiterer Käufer für den Namen „Metro“ findet.

Warum lineares Fernsehen gut ist für uns alle

Alle sagen, dass Fernsehen und Radio in ihrer klassischen Form ausgedient haben. Dass der Freiheit des permanenten Streamens die Zukunft gehört. Das ist ein Irrtum. Neun Gründe, warum wir feste Programme brauchen.

Das lineare Fernsehen soll bald Geschichte sein, heißt es immer wieder. Also jene Form des Fernsehens, die sich nicht darum schert, was der einzelne Zuschauer jetzt gerade empfangen will, sondern einfach sendet, ein Programm für alle, rund um die Uhr: Streaming auf traditionelle Art. Man schaltet ein und schaltet aus. Doch ist diese Art des Medienkonsums wirklich die Vergangenheit – oder vielleicht bald schon wieder die Zukunft?

Ein Experiment: Wir sind – mit Kindern, die Profis im Umgang mit nicht linearem Medienkonsum sind – in einer Hütte eingesperrt, die nichts anderes zu konsumieren, zu rezipieren zulässt als ein paar Radiosender (Deutschlandfunk zum Beispiel) und das traditionelle Fernsehprogramm. Samstags „Sportschau“, sonntags „Tatort“, „Sandmännchen“ um kurz vor sieben. Kein Podcast, kein Netflix, kein Spotify. Was lernen wir daraus?

Demut

Lineares Fernsehen ist Gift für den durchschnittlichen Medien-Egoisten, der gewohnt ist, sich nach Lust und Laune sein Video- und Audioprogramm zusammenzustellen. Man muss sich mit dem auseinandersetzen, was gerade gezeigt wird, was wiederum die Intensität dieser Auseinsetzung notwendigerweise erhöht. Man muss warten. Man muss lernen, etwas verpasst zu haben. Das steigert bei Siebenjährigen eklatant die Frustrationstoleranz. Bei Fünfzigjährigen übrigens auch.

Konzentration

Man kann sich natürlich von linearem Fernsehen auch bis zur Bewusstlosigkeit berieseln lassen (meine Tante, Gott hab sie selig, war einer der ersten Bingewatcher, die mir begegnet sind, die guckte, bis sie schlief). Eigentlich aber fordert es vom Zuschauer, was immer seltener wird: Konzentration auf längere Strecken und eine Ausschließlichkeit der Wahrnehmung. Man kann eine Sendung nicht anhalten, man kann sie nicht wiederholen, man schätzt sie anders wert als Streaming-Videos. Das führt zu Rezeptionsritualen, Inszenierungen des medialen Alltags. Lineare „Tatort“-Zuschauer beispielsweise schalten ihre Telefone auf stumm, automobilistische Konsumenten vom Deutschlandfunk-„Büchermarkt“ fahren in die nächste Parkbucht.
Einfachheit

Freiheit kann auch eine Belastung sein. Manchmal, eigentlich sogar ziemlich oft, will man nicht durch seine drei bis vier Streamingabos klicken und das unübersichtlich sortierte Angebot durchsuchen, sondern einfach nur dasitzen. Und zuschauen. Und zuhören. Manchmal, eigentlich sogar ziemlich oft, reicht das ja auch. Simplifiziert das Leben – beispielsweise am Wochenende. Inzwischen braucht man allein drei Abos für die komplette Fußball-Bundesliga. Die „Sportschau“ tut es auch. Sind nicht die ganzen Spiele, nur drei Minuten pro Begegnung. Das reicht aber meistens und kostet einen lächerlichen Bruchteil der Summe, die man Dazn, Sky und Eurosport zusammen überweisen müsste.

Struktur

Wir leben ja immer mehr aneinander vorbei. Unsere Leben kreuzen sich, selbst in Familien ist das so, immer weniger. Früher war mehr Ordnung in der Woche, galten Wochenenden beispielsweise noch anders, waren heiliger. Heute löst sich die Lebenszeitstruktur der Menschen zunehmend auf. Ein lineares Fernsehprogramm, so kurios das für ein Unterhaltungsunternehmen eigentlich ist, erfüllt da schon eine fast sakrale Aufgabe: Es leistet, was in ganz früheren Zeiten Kirchen und ihr fein abgestuftes Gebets- und Messprogramm geleistet haben, die Kirchenglocken erzählen noch davon: Ordnung und Struktur, Halt und Orientierung.

Widerstand

Lineares Fernsehen oder Radiohören kann man auch als Akt des Widerstand gegen die Macht der Algorithmen begreifen. Niemand misst, wann ich den Apparat ein- oder abgeschaltet habe. Wenn ich einschalte, weiß das Empfangsgerät nicht, und auch nicht, wo ich beim letzten Mal ausgestiegen bin. Es empfiehlt mir nichts. Es suggeriert mir nicht, dass es klüger ist als ich, mich besser kennt als die beste Ehefrau von allen. Lineares Fernsehen ist reine Privatsache. Das ist mir ziemlich recht. Ich bin ein Nutzer, ausnutzen lasse ich mich ungern.

Gemeinschaft

In der Hütte ist man natürlich allein. Man ist es allerdings weniger, wenn man weiß, dass in dem Moment, in dem man die erste Folge der neuen „Charité“-Staffel angeschaltet hat, sechs Millionen andere das auch tun: das klassische Lagerfeuer, das einen großen Teil der Gesellschaft synchronisiert. Das Lineare ist ein Gegengift zur Zersplitterung in digitale Kleinstgemeinschaften.

Kommunikation

Das mediale Lagerfeuer oder – um im Hüttenbild zu bleiben – das Kaminfeuer, um das sich alle für einen Moment versammeln, das jene zehn Millionen sonntäglichen „Tatort“-Zuschauer mittels Medienkonsum wärmt, sorgt für einen weiteren sehr selten gewordenen Effekt: Es hält einen Austausch in Gang, den es nicht gäbe, wäre das lineare Fernsehen zugunsten von Streamingboxen abgeschafft. Man kann sich mit anderen „Tatort“-Verfolgern in Echtzeit via Twitter austauschen und mitteilen, wie schlimm man wieder mal das Drehbuch findet und was man von Professor Börnes neuem Wagen hält. Man kann sich montags auf Arbeit über die sonntägliche Aufklärungsarbeit streiten, was unmöglich wäre, würden wir Börne und Co. nur in Mediatheken begegnen.

Bildung

Jetzt müssen wir mal kurz umschalten. Und von der Hütte herunterkommen. Und heimfahren. Die Kinder gucken hinten Filme. Wir hören Deutschlandfunk. Stundenlang. Programm für Programm. Uns werden Bücher vorgestellt, von denen wir keins lesen würden. Wir erfahren von Venenerkrankungen, die wir nicht bekommen wollen. Bekommen einen Überblick über die aktuelle Wissenschaftspublizistik, hören Menschen sich über den Tourismus streiten, die auf unterschiedlichen Planeten leben könnten, so wenig funktioniert die Kommunikation zwischen ihnen. Und den Sternenhimmel erklärt uns auch jemand. Widerstand ist zwecklos. Alles ist interessant, auswählen dürfen wir nicht. Linearer Mediengebrauch ist wie der Genuss einer gedruckten Zeitung mit anderen Mitteln.

Demokratie

Lineare Medien bringen jede Filterblase zum Platzen, weil sie gar keine Möglichkeit haben, Rücksicht zu nehmen auf individuelle Aufgeblasenheiten. Sie zwingen zur unmittelbaren Auseinandersetzung mit Meldungen und Sendungen und Meinungen, ohne dass man eine andere Möglichkeit hätte als abzuschalten. Sie schärfen und fördern, nicht nur durch die Produktion von Talkshows und Nachrichtensendungen (die man natürlich weder bei Netflix noch Sky kaufen kann), unsere demokratische Willensbildung.

TV Abstinenz: Depressionen, Ohnmacht

Immer mehr Mediennutzer verweigern sich dem Nachrichten-Konsum. Dies zählt zu den spannenderen Erkenntnissen des Digital News Report, den das Reuters Institut der Universität Oxford jährlich vorlegt. Inzwischen sind es im Durchschnitt schon 32 Prozent der Befragten aus 38 Ländern, in denen die beteiligten Forschungspartner Daten erheben. Das sind drei Prozentpunkte mehr als vor zwei Jahren. Deutschland belegt mit 25 Prozent einen hinteren Platz. Auch dieser Wert ist für eine Demokratie alarmierend, deren Wohlergehen auch von einer informierten Wählerschaft mit abhängt.

In Großbritannien ist die Zahl der Verweigerer um elf Prozentpunkte gestiegen, mutmaßlich „angetrieben von Langeweile, Wut oder Traurigkeit“ über die Brexit-Kapriolen, so Antonis Kalogeropoulos vom Reuters Institute. Spitzenwerte im Ranking der Nachrichtenabstinenz belegen Kroatien und die Türkei mit 56 und 55 Prozent, eine sehr hohe Rate haben mit 41 Prozent auch die USA. Die eifrigsten News-Konsumenten in Europa befinden sich in Dänemark und Finnland. Dort gibt es 15 und 17 Prozent News-Abstinenzler.

Die Forscher spürten ein Jahr zuvor auch den Gründen für das Phänomen nach: Knapp die Hälfte der Befragten gaben negative Auswirkungen auf ihre Laune an, 37 Prozent meinten, sie könnten sich nicht auf die Nachrichten verlassen. Auch diese Werte variieren stark von Land zu Land. In Polen beklagten die meisten Befragten die Einseitigkeit und die Unzuverlässigkeit der Nachrichten.

In Großbritannien und den USA waren es mit 60 sowie 57 Prozent weit mehr als die Hälfte der Verweigerer, die sich ihre Stimmung nicht durch „bad news“ verderben lassen wollten. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, weshalb viele von uns es dem Vogel Strauß gleichtun. 39 Prozent der Befragten gaben laut Digital News Report zu Protokoll, die Medien würden zu negativ berichten. Joshua Benton vom Nieman Lab der Harvard University sagt, es solle Journalisten nicht wundern, wenn sich die Nutzer gegen sie entschieden, schlichtweg, weil „Nachrichtenkonsum stresst, weil er Angst, Depressionen sowie Ohnmachts- und Erschöpfungsgefühle“ erzeugt.

TÜRKEI: Schalldämpfer fürs Internet

Das türkische Fernsehen zeigt, was Erdogan will, die Presse hat er von Vasallen aufkaufen lassen. Was Erdogan zur Medienherrschaft fehlte, bekommt er jetzt: Kontrolle übers Netz. Eine Behörde sorgt dafür.

In der „neuen Türkei“, in der wir seit siebzehn Jahren leben, sind zahlreiche Kreise wie Gewerkschaften, Geschäftsleute, im Bildungsbereich Tätige und Umweltschützer massiver Repression von Regierungsseite ausgesetzt. Die beiden Bereiche aber, auf die sich vor allen anderen der Zorn der Erdogan-Regierung richtete, waren zweifellos Alkoholika und Medien. Diese beiden Angelegenheiten, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen außer dem gemeinsamen Nenner der Freiheit, gerieten nie aus Erdogans Visier, egal welches Klima im Land herrschte.

Die Machthaber in der Türkei haben alkoholischen Getränken den Kampf angesagt, weil sie aus religiösen Gründen verboten sind und das Thema die konservativen Wählerschichten auch nicht weiter tangiert. Beinahe monatlich werden die Alkoholsteuern exorbitant erhöht. Seit sie zu einem wichtigen Haushaltsposten avancierten, subventioniert quasi die säkulare Hälfte der Türkei, die Alkohol konsumiert, die andere Bevölkerungshälfte.

Es wird in der Türkei von Tag zu Tag schwieriger, journalistisch tätig zu sein. Die konventionellen Medien kontrolliert die Regierung bereits, jetzt geht sie daran, auch das Internet, den letzten Bereich, in dem noch Fakten zu haben sind, an die Kandare zu nehmen. Mit einer kürzlich erlassenen Verordnung übernahm RTÜK, die Regulierungsbehörde für den staatlichen Rundfunk, die Aufsicht auch über audiovisuelle Inhalte im Internet.

Das von der AKP-Regierung in den letzten Jahren herausgebrachte Internetgesetz hatte die Freiheit im Netz schon erheblich eingeschränkt. Ohne Gerichtsbeschluss wurden Internetseiten geschwärzt, mit einer Unterschrift der Regierung unliebsame URLs blockiert. In der Türkei ist der Zugang zu etlichen tausend Websites gesperrt, von Booking.com bis zu Wikipedia. Das Gesetz bezog sich auf schriftliche Inhalte, die neue Verordnung der Regierung soll Audio- und Video-Inhalte zum Verstummen bringen. Ankara kontrolliert zwar die Mainstreammedien, hat aber gemerkt, dass sich das Publikum Informationen aus dem Internet holt. Bei den letzten Wahlen etwa führten die Kandidaten der Opposition ihren Wahlkampf notgedrungen über das Internet, weil sie an Fernsehauftritten gehindert wurden. Die Zuschauerzahlen der Fernsehnachrichten sind eingebrochen; der Sender beIN, den Erdogan an seine Freunde in Qatar verkauft hat, steht vor der Pleite, weil ihm die Abonnenten davonliefen. Videos unabhängiger Journalisten dagegen, die alternative Medieninhalte produzieren, stehen ganz oben auf der Liste digitaler Plattformen. Die Quoten des Journalisten Ünsal Ünlü etwa, der zu Hause auf seinem Schreibtisch eine Kamera installiert hat und allmorgendlich die Agenda kommentiert, stellen die vieler Fernsehsender in den Schatten.

Es geht nicht allein darum, dass Online-Videos und Podcasts jetzt von RTÜK kontrolliert werden. Die neue Verordnung stellt alternative Medien mit klassischen Radio- und Fernsehsendern gleich. Um senden zu können, muss man künftig eine Lizenz erwerben und ein „Nationales Sicherheitszertifikat“ einholen, um seine Unbedenklichkeit zu belegen. Nicht genug damit, wenn man vor allem per Video im Internet publiziert, muss man in der Türkei ein Gewerbe gründen und ein Büro unterhalten. Damit müssen digitale Plattformen, selbst wenn sie keine Ankara vergrätzenden Inhalte senden, große finanzielle Bürden auf sich nehmen. Die Lizenz und die Pflicht einer Firmengründung schieben kleineren Initiativen einen Riegel vor, bringen Medienmonopolisten mit Finanzkraft dagegen in noch vorteilhaftere Position.

Was geschieht, wenn alternative Digitalplattformen mit großem Publikum trotz minimaler Einnahmen dennoch die nötigen Finanzmittel auftreiben und auch eine Lizenz bekommen? Die Aufsichtskriterien von RTÜK stellen Internetsender Fernsehkanälen gleich. Mit Strafmaßnahmen, die bis zum Entzug der Lizenz reichen, sollen kritische Inhalte verhindert werden. Allerdings erwarten auch online sendende Plattformen wie Netflix keine goldenen Zeiten. Der Blick darauf, was aufgrund des Drucks von RTÜK aus normalen Fernsehsendern in der Türkei geworden ist, lässt leicht erraten, was auch im Internet das Ziel ist. Zigaretten sind verpixelt, selbst leere Gläser auf einem Tisch werden geschwärzt. Wer wegen „Anstößigkeit“ dafür bestraft wurde, den Clip einer Popsängerin gesendet zu haben, wird noch den Schatten einer bekleideten Frau an der Wand unkenntlich machen. Es geht nicht allein um die Bilder, auch Untertitel können Strafen nach sich ziehen. In ausländischen Serien wird, um keinen Ärger mit RTÜK zu bekommen, in einem Satz wie „Möchtest du ein Bier?“ das „Bier“ als „Getränk“ übersetzt. Auch das Wort „Präservativ“ ist bedenklich und wird durch „Schalldämpfer“ ersetzt.

„Was tun Sie, wenn man Internetsendungen zensiert?“, war Netflix-Gründer Reed Hastings vor rund anderthalb Jahren gefragt worden. Seine Antwort lautete: „Wir sind sogar in Saudi-Arabien und Pakistan präsent. Wenn es dort keine Probleme gibt, wie soll es dann in der Türkei welche geben? So etwas kann ich mir nicht vorstellen.“ Was Hastings sich nicht vorstellen konnte, kann unsere Regierung sehr wohl.
Interessant ist zudem, dass die Verordnung nur kurz nach dem Bericht des regierungsnahen Thinktanks Seta kommt, in dem türkischsprachige Websites ausländischer Medienunternehmen angeprangert werden. Seta empfahl der Regierung, Maßnahmen gegen Organisationen wie die Deutsche Welle zu ergreifen, die über das Internet Nachrichten verbreiten, die die Fernsehsender in der Türkei nicht bringen können. Ankara scheint die notwendige „Maßnahme“ ergriffen zu haben, indem es das Internet jetzt der Aufsichtsbehörde RTÜK unterstellte.

Wer nicht vorhat, sich den „Maßnahmen“ zu unterwerfen, darf sich meines Erachtens auch nicht allzu sehr auf einen ausländischen Pass verlassen. Unser Justizminister kündigte an, Gerichte an Flughäfen einrichten zu lassen. Wer Gesetze verletzt, wird sich künftig vor dem Richter wiederfinden, noch ehe er sein Gepäck bekommt. Man darf nicht undankbar sein, wir leben in einem Land, das uns die Gerichtsbarkeit bis unmittelbar vor die Füße bringt. Ich wette, auch das konnte sich der Netflix-Gründer nicht vorstellen.

Finger weg von Kollegah

Wenn es darum geht, unangenehme Berichterstattung zu verhindern, wird auch ein gestandener Gangster-Rapper auf einmal ganz staatsbürgerlich: „Presserechtliches Informationsschreiben betreffend Felix Blume (auch bekannt unter dem Künstlernamen ‚Kollegah‘) sowie die Alpha Music Empire GmbH“ steht über dem Dokument, das die Anwälte des Musikers vergangene Woche an verschiedene Redaktionen schickten, darunter die der Süddeutschen Zeitung. Es nimmt Bezug auf einen Artikel des Portals Vice, der dem Online-Coaching-Programm des Rappers vorwirft, den Teilnehmern das Geld aus der Tasche zu ziehen. „Unser Mandant musste in Erfahrung bringen“, heißt es in dem Schreiben, „dass (…) eine – inhaltlich unwahre – Berichterstattung veröffentlicht wurde (…). Wir haben Sie daher vorbeugend aufzufordern, von jeglicher Berichterstattung Abstand zu nehmen, die die vorbezeichneten Rechte unserer Mandanten unzulässig beeinträchtigt.“

Immer wieder versuchen Presserechtsanwälte im Namen ihrer Mandanten, unliebsame Berichterstattung noch vor der Veröffentlichung zu beeinflussen. „Wenn Sie das schreiben, verklage ich Sie!“, könnte man auch als Quintessenz aus den juristischen Verklausulierungen ableiten. Genau so heißt eine neu veröffentlichte Studie der Otto-Brenner-Stiftung, die zeigt: Oft bleiben diese presserechtlichen Informationsschreiben ohne die gewünschten Ergebnisse. „Es spricht vieles dafür, dass die allgemeine Wirkkraft dieses Instruments lange Zeit überschätzt wurde“, schreiben die Autoren, der Medienrechtler Tobias Gostomzyk von der TU Dortmund und der Journalist Daniel Moßbrucker. Lediglich im Bereich des Boulevardjournalismus erzielten diese präventiven Maßnahmen regelmäßig gewünschte Effekte. Bei investigativ recherchierenden Medien hingegen haben sie laut der Studie eher das Gegenteil zur Folge: Dort gäben entsprechende Schreiben dann oft sogar erst den Anstoß für vertiefte Recherchen.

Trotzt der Journalismus also allen juristischen Drohungen? Nicht unbedingt

„Anwaltliche Tätigkeit der Gegenseite führt gemeinhin nicht zu einer Einschüchterung, wohl aber zu erhöhter journalistischer Sorgfalt“, schreiben die Autoren. Trotzt der Journalismus also allen juristischen Drohungen? Nicht unbedingt. So sind laut Studie Verlage heute seltener bereit, Streitigkeiten vor Gericht auszufechten – und eher gewillt, Unterlassungserklärungen abzugeben, sich also bereit zu erklären, Inhalte nicht mehr weiterzuverbreiten.

Aus Sicht der Medien sei das lukrativ, weil die Inhalte ohnehin längst öffentlich seien und so teure Rechtsstreitigkeiten vermieden werden könnten. Doch die Autoren warnen: Wenn die Medienhäuser vermehrt klein beigäben, verhindere das die abschließende Klärung von Rechtsfragen, die für den Schutz der Pressefreiheit bedeutsam seien. Anfang des Jahres hatte der Bundesgerichtshof übrigens entschieden, dass presserechtliche Informationsschreiben unzulässig sind, wenn sie keine konkreten Informationen darüber enthalten, dass durch die geplante Berichterstattung Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

Das freilich wissen die Anwälte von Kollegah – sie führen in ihrem Dokument über mehrere Seiten detailliert aus, was sie für „einen Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht“ ihres Mandanten halten.

Mit der Marvel-Strategie greift Disney jetzt Netflix an

Disney geht in den USA mit einem eigenen Streamingdienst an den Start. Ein echtes Kampfangebot soll die Kunden überzeugen, von Netflix und Amazon herüberzukommen – doch das Beispiel des Marktführers zeigt, dass sich diese Strategie rächen kann.

Disney steigt mit geballter Kraft in den umkämpften Streamingmarkt ein: In den USA bietet der Unterhaltungskonzern ab dem 12. November sein Videostreaming-Angebot Disney+ in einem Paket mit zwei weiteren, zugekauften Diensten an: Hulu und ESPN+ sollen zusammen mit Disney+ 12,99 Dollar im Monat kosten. Damit hat Disney-Chef Bob Iger für den Heimatmarkt USA ein sehr geschickt gestaltetes Bündel aus Bewegtbildern geschnürt.

Disney+ liefert die Familienklassiker sowie Superhelden aus dem Marvel-Universum und sämtliches „Star Wars“-Material. Hulu richtet sich klar an erwachsene Kunden, die Filme und Serien jenseits der Disney-Marken suchen. Mit ESPN+ schließlich holt Iger die Millionen amerikanischer Hardcore-Sportfans ab, die regelmäßig American Football, Baseball und Basketball bis hinunter in die College-Ligen verfolgen.

12,99 Dollar zahlen auch Netflix-Kunden in den USA für das Standardangebot, Iger hat nicht umsonst den gleichen Preis gewählt. Die drei Dienste kosten im Paket 30 Prozent weniger als im Einzel-Abo, ein klares Lockangebot an die Netflix-Kundschaft. Im Gespräch mit Analysten verkündete der Disney-Chef, er wolle bereits Ende 2020 mindestens zwölf Millionen zahlende Abo-Kunden in den USA für sein neues Angebot gewinnen, das wären 20 Prozent von Netflix’ aktueller Kundenzahl auf dem amerikanischen Markt.

In Deutschland soll es noch etwas länger dauern, bis Disney+ auf den Markt kommt: Bis März 2020 will Iger das Angebot in Westeuropa auf die Bildschirme bekommen, danach soll Osteuropa folgen. Wie Disney die Inhalte hierzulande bündeln will, verrät der Konzern noch nicht. In Europa hat der Name ESPN längst nicht die Anziehungskraft wie in den USA – der Sportsender verfügt nicht über vergleichbar attraktive Lizenzen für nationale Sportligen. Inhalte der ersten und zweiten Bundesliga zum Beispiel überträgt ESPN zwar live in Irland und Großbritannien, jedoch nicht in Deutschland.

Für Disney geht es beim Start seiner Streamingangebote um sehr viel. Bislang verdiente der Konzern gutes Geld mit Kabel-TV-Angeboten – doch allein bis Ende 2018 kündigten 35 Millionen amerikanische Kabelkunden ihre Bezahlfernsehangebote und stiegen auf Streamingdienste um. Da etwa ESPN und Disneys Familienfernsehkanäle bislang als Teil solcher Bündelangebote vermarktet werden, muss dem Unterhaltungskonzern nun der Einstieg in die Streamingwelt gelingen. „Disney+ ist das wichtigste Produkt, das die Firma in meiner Amtszeit gestartet hat“, kommentiert Iger seine Offensive.

Dafür investiert er aktuell Millionen, Disney verpasste deswegen im vergangenen Quartal sogar die ursprünglich angepeilte Gewinnmarke. Im Vergleich zum Vorjahresquartal sank der Gewinn um mehr als 39 Prozent auf 1,76 Milliarden Dollar, trotz Rekordeinnahmen an der Kinokasse dank des Blockbusters „Avengers: Endgame“. Iger begründet den Einbruch in erster Linie mit den Investitionen ins Streaminggeschäft. Der Konzern kauft aktuell vor allem Inhalte zusammen, um den Kunden mehr als nur Familienprogramm bieten zu können. Der größte Einkauf war der Medienkonzern 21st Century Fox inklusive einem 30-Prozent-Anteil am Streamingdienst Hulu, der im Frühjahr 2019 abgeschlossen wurde. Disney kaufte die verstreuten restlichen Anteile von Hulu von diversen Konkurrenten zusammen, allein das kostete das Unternehmen mehr als sieben Milliarden Dollar.

Doch nicht nur die Inhalte kosten Geld – globales Streaming ist technisch relativ komplex und teuer, da Anbieter wie Netflix und Disney ihre Infrastruktur bis in die Rechenzentren der jeweiligen nationalen Internet-Provider legen müssen, um die Streaminginhalte in 4k-Qualität ruckelfrei zum Kunden zu bringen. Die entsprechende Technologie liefern Streaming-Provider wie das Unternehmen BAMTech, das Disney für über zwei Milliarden Dollar übernahm. Denn würde sich Disney gleich zum Start eine technische Blöße geben und die Zuschauer mit über den Bildschirm ruckelnden Superhelden vergraulen, dann dürften die meisten wechselwilligen Streamingkunden schnell wieder zurück zu Netflix flüchten.

Was die Inhalte angeht, muss sich Disney dagegen wenig Sorgen machen: 2019 war das bislang erfolgreichste Jahr an der Kinokasse – mit „Captain Marvel“, „Avengers Endgame“ und „Aladdin“ hatte Disney gleich drei Filme, die jeweils mehr als eine Milliarde Dollar einspielten. Mit solchen Inhalten kann der Konzern darauf hoffen, auch die TV-Zuschauer an sich zu binden – und sorgt daher aktuell konsequent dafür, dass niemand außer Disney Disney-Inhalte und -Marken streamen darf.

Systematisch hat der Konzern in den vergangenen Monaten die eigenen Marken – von Star Wars über Marvel bis hin zu den klassischen Animationsfilmen – von Netflix, Amazon Prime und diversen nationalen Streaming-Plattformen der privaten Fernsehsender zurückgezogen. Bestehende Verträge verlängert Iger nicht mehr und verzichtet damit auf Einnahmen; neue Deals mit Neueinsteigern wie Apple werden gar nicht erst abgeschlossen. Exklusivität ist das Mittel, mit dem Disney Netflix und Amazon Prime seine Kunden abspenstig machen will.

Darauf setzt seit jeher auch Netflix mit seinen Serien-Eigenproduktionen. Doch die neue Konkurrenz kommt für den Marktführer zur Unzeit. Aktuell flacht seine Wachstumskurve deutlich ab, insbesondere in den USA scheint eine gewisse Marktsättigung einzusetzen.

Im vergangenen zweiten Quartal verfehlte Netflix das selbst gesteckte Ziel von fünf Millionen neuen Abo-Kunden deutlich, stattdessen gewann der Marktführer nur 2,7 Millionen hinzu, insgesamt hat Netflix damit gut 152 Millionen zahlende Kunden. Schlimmer noch, im wichtigen Heimatmarkt USA musste Netflix sogar eingestehen, unterm Strich 126.000 Abonnenten verloren zu haben. Als Ursache nennt Netflix selbst zu schwache neue Serieninhalte, die nicht genügend Neukunden überzeugen konnten. Doch externe Analysten gehen davon aus, dass die Kunden Netflix die Preiserhöhung um zwei Dollar übel genommen haben.

Das jedoch zeigt auch, wie schwer es Disney in dem Markt haben wird: Bislang waren die Konzerne davon ausgegangen, dass die Nutzer ähnlich viel Geld für Streaming-Abonnements ausgeben wie zuvor für ihre Kabelfernseh-Verträge, die leicht 50 Dollar und mehr pro Monat kosten. Damit wäre genügend finanzieller Spielraum für mindestens drei verschiedene Abonnements mit Preisen von rund 15 Euro vorhanden gewesen. Doch die Reaktion der Netflix-Kunden zeigt, dass die Streaming-Nutzer extrem preissensitiv reagieren.

Analysten werten Disneys Einstiegspreise – 12,99 Dollar für das Paket mit Hulu und ESPN+, 6,99 Dollar für Disney+ allein – als Lockangebote und gehen davon aus, dass der Konzern die Preise mittelfristig anheben kann. Das gelang früher vor allem deshalb spielend, weil Preissteigerungen in der Kabelfernsehrechnung versteckt werden konnten. Doch jetzt, im direkten Kontakt mit dem Kunden, müssen die Preise klar kommuniziert werden. Wie schwierig das ist, zeigt das Beispiel Netflix. Iger könnte sein Lockangebot spätestens im kommenden Jahr bereuen, wenn er zwölf Millionen Kunden gewinnen muss. Der Marktführer gibt die Preise aktuell vor. Wer als Erster mehr kostet, muss dafür sehr gute Gründe vorbringen – oder er hat das Nachsehen.

Bauchgefühl plus Daten plus Community: Wie Lokalmedien wieder Autorität erlangen können

Einfach nur gute Texte schreiben und veröffentlichen, das reicht nicht mehr. Gerade auch der lokale Journalismus muss sich fragen, wie man den Herausforderungen einer ständigen Transformation bei der Mediennutzung begegnet. Claudia Schade, Ressortleiterin bei der „Sächsischen Zeitung“ hat im Rahmen der Essay-Reihe „Werteorentierte Digitalisierung“ fünf Thesen entwickelt, wie Lokaljournalismus in digitalen Zeiten seine Autorität wieder erlangen kann.

Lange ging es nur um Inhalte. Journalisten mussten sich allein mit der Frage auseinandersetzen, welche Geschichten sie für den nächsten Tag anbieten. Thema und Qualität des Textes bemaßen sich am Bauchgefühl. Davon wurde dem Chefredakteur mehr zugesprochen als dem Redakteur. Auch die Welt des Lesers war einfach. Er bezog die Zeitung, die an seinem Wohnort verbreitet wurde. Er las sie von der ersten Seite oben links bis zur letzten Seite unten rechts. Er vertraute der Marke und glaubte das, was in der Zeitung stand. Die lokale Tageszeitung hatte Autorität.

Heute reicht es nicht mehr, sich nur mit Inhalten auseinanderzusetzen. Auch mit Netflix und Candycrush konkurrieren wir im Kampf um Aufmerksamkeit und Zeit. Das Bauchgefühl wird durch eine Unmenge an Daten ergänzt, die erhoben, geordnet und interpretiert werden müssen. Für agiles Arbeiten müssen Führungskräfte Autorität abgeben. Dazu kommt eine zerbröselnde Glaubwürdigkeit, die sich in Lügenpresse-Vorwürfen und mangelnder Medienkompetenz äußert. Das alles setzt uns unter Druck.

Aber: Diese Entwicklung eröffnet auch Chancen. Erst durch den Marktdruck entsteht die nötige Änderungsbereitschaft. Und erst dadurch gibt es neue Ressourcen: Geld an der richtigen Stelle, Mitarbeiter mit neuen Arbeitsschwerpunkten und neue Möglichkeiten der Produktentwicklung. Die Lösung ist der zahlende Digitalabonnent, der sich als Teil einer Community fühlt. Wie ist das zu schaffen?

 

1. These: Wenn wir das Leben unserer Leser besser machen, sind wir für sie auch relevant

 

Gute Lokaljournalisten sind da, wo ihre Leser sind. Wer die Nähe zu seinen Lesern sucht, ist nicht nur am Telefon und auf der Straße unterwegs, sondern nutzt Facebook, Instagram oder Twitter, Blogs und lokale Websites. Es ist zeitaufwendig und manchmal anstrengend, sich mit dem Leserfeedback auseinanderzusetzen. Und oft genug sind gerade die Kommentare unter streitbaren Texten von Hass und Häme geprägt. Wenn Medien aber nur senden, langweilt das viele User. Sie wollen sich beteiligen, sich einbringen, gehört werden. Nicht reagieren ist keine Option.

Welch ein Vorteil für Lokaljournalisten! Schon immer sind gute und sehr gute Geschichten daraus entstanden, dass Leser Kontakt zu uns aufgenommen haben, mehr noch als bei überregionalen Medien. Jetzt gibt es so viele Möglichkeiten mehr. Und wir haben die passenden Muskeln dafür. Welcher Lokaljournalist hat nicht schon mal am Lesertelefon gehangen oder mit Lesern zu tun gehabt, die plötzlich vorm Schreibtisch standen? Wir sind darin geübt, mit direktem Feedback und Wünschen umzugehen. Warum also nicht auch digital?

Das braucht einige Vorbereitung. Eine abrufbare Netiquette macht transparent, wie mit Hate Speech umgegangen wird. Und wer eine Community haben will, muss sie pflegen, nicht nur auf Facebook und Twitter, sondern vor allem auf der eigenen Seite. Dazu braucht es eine Strategie. Was wollen wir sein für unsere Leser? Wen wollen wir wann wie ansprechen? Wie ist der Workflow, wenn über die journalistisch betreuten Kommentare Fragen zum Abo oder zur Zustellung kommen? Im besten Fall funktioniert der Kanal so, dass es auf alle Fragen, die mit dem Unternehmen zu tun haben, eine schnelle, kompetente Antwort gibt.

Dazu kommt: Trotz aller Digitalisierung hat das analoge Zusammentreffen einen besonderen Wert. Das zeigt sich nicht nur zu Tagen der Lokalredaktion, die auch nach Jahrzehnten nicht ausgestorben sind. Oder bei Wahlforen. Immer mehr Redaktionen gehen dazu über, Events zu veranstalten. Und nicht nur, weil sie neue Erlösquellen suchen. Der Mensch will sich verbinden, braucht Austausch mit anderen, sucht intellektuelle Inspiration. Wer kann das im Regionalen besser als das lokale Medium?

Die große Chance für Lokalmedien liegt in der Kombination von analogen und digitalen Angeboten. Denn: Nur, wenn wir das Leben für unsere Leser besser machen, sind wir für sie relevant.

 

2. These: Abos können wir auf Dauer nur gewinnen und halten, wenn wir Vertrauen schaffen

 

Wir Lokaljournalisten haben das große Glück, dass die Menschen in unserer Region eine Beziehung zu uns haben. Die meisten kennen uns, viele haben auf die ein oder andere Weise schon mal in der Zeitung gelesen, die Webseite oder einen Facebook-Post gesehen. Die Marke Tageszeitung ist oft über Jahrzehnte, manchmal sogar ein Jahrhundert etabliert. Das führt dazu, dass uns eine gewisse Grundkompetenz und Autorität zugesprochen wird.

Und ja, sie wird uns gerade mehr denn je wieder abgesprochen. Auch die “Sächsische Zeitung” mit Sitz in Dresden hat das intensiv zu spüren bekommen. Pegida-Anhänger versammelten sich vor unserem Verlagshaus und skandierten am Eingang mit Megafon: “Lügenpresse”. Unliebsame Reporter wurden namentlich genannt und beleidigt. Anderen wurden Reifen zerstochen, wieder andere verfolgt und bedroht. Das hat viel mit unserer journalistischen Selbstwahrnehmung gemacht. Nach einer Welle der Empörung auch im positiven Sinne. Wir haben noch nie zuvor so viel darüber gesprochen, was uns ausmacht, wo wir stehen und wie wir mit Kritikern umgehen, vor allem mit solchen, die nicht konstruktiv sind, sondern nur schaden wollen. Wir haben uns dabei langsam vorgetastet und einen strategischen Umgang mit dem Thema entwickelt: Konfrontation mit den Machern, differenzierter Umgang mit den Sympathisanten und publizistische Hilfe für die, die die Werte unserer Redaktion teilen.

Abos können wir auf Dauer nur gewinnen und halten, wenn wir Vertrauen schaffen. Wenn dem Leser klar ist, dass mit unserer Marke Qualitätsjournalismus mit fundierter Recherche, Hilfe bei der Orientierung und Meinungsstärke verbunden ist.

Das heißt: Wir dürfen nicht in Panik verfallen. Nur weil die Anzeigenerlöse nach unten gehen, darf man sich noch lange nicht auf fragwürdige Deals mit Kooperationspartnern einlassen. Das merkt der Leser auch recht schnell. Die journalistische Unabhängigkeit ist der Markenkern einer Tageszeitung. Je mehr dieser von den Lesern wahrgenommen wird, desto größer ist das Vertrauen in die Inhalte. Nur wenn er unsere Inhalte für glaubwürdig hält, ist der Leser bereit, für unsere Angebote zu zahlen.

 

3. These: Recherche, Orientierung und Meinung sind die Maßstäbe für guten Lokaljournalismus

 

Und damit wären wir bei den Inhalten. Anspruchsvolle Recherche, Orientierungshilfe und Meinungsstärke sind die Maßstäbe für guten Lokaljournalismus. Emotional (erzählt), exzellent (geschrieben) und exklusiv (erfahren): Das sind die drei Es, die wir bei der “Sächsischen Zeitung” als relevant für guten Journalismus erkannt haben – und die zu Abos führen. Wenn eines oder mehrere dieser Kriterien zutreffen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der User ein Digitalabo für diesen Text abschließt. Und Überraschung: Exklusivität ist nicht das stärkste der drei Merkmale.

Viel mehr dagegen zählt eine emotionale Ansprache des Lesers. Wenn er sich hinreichend in den Protagonisten hineinversetzen kann, wenn der Text ihn nicht nur mit harten Fakten bombardiert, sondern auch Platz lässt für die Erlebniswelt und das Empfinden des Protagonisten, natürlich ohne kitschig oder reißerisch zu werden, kann es gelingen, die Aufmerksamkeit dafür zu bekommen. Und vielleicht auch das Abo.

Unter einer exzellenten Erzählung versteht sich nicht nur, dass sie handwerklich hervorragend aufgeschrieben ist. Exzellenz zeigt sich auch daran, wie gut der Artikel die Lebenswirklichkeit der Leser trifft. Wie gut und inhaltlich stark erzähle ich das, was in seinem Umfeld passiert? Und wie sehr gebe ich ihm damit Orientierung? Dabei wird auch noch ein anderer Vorteil des Lokaljournalismus wirksam. Wir können das Leben in unserer Region ein bisschen besser machen.

In der Lokalredaktion Dresden haben wir mit unserer Berichterstattung schon die Rücknahme von Mieterhöhungen erreicht. Gegen eine Rattenplage wurde nach langer Untätigkeit endlich vorgegangen. Ein junger Mann mit Asperger-Syndrom konnte aufgrund unserer Berichterstattung und Vermittlung endlich seinen Traum wahr machen und Sneaker-Verkäufer werden. Er wusste alles darüber. Und eine Schülerin, die an ihrer Wunschschule nebenan nicht angenommen wurde, hat dann doch noch einen Platz bekommen.

Digital Storytelling eröffnet natürlich noch andere Erzählmöglichkeiten, die es im Print nicht gab. Also nutzen wir sie! Journalisten sind doch vor allem großartige Geschichtenerzähler. Wie viel spannender ist die Geschichte, wenn sie mit Videos und Podcasts ergänzt ist. Oder wenn ich als Nutzer Daten durch gute Aufbereitung besser erfassen kann und womöglich in der Erzählung meinen eigenen Weg finde, da sie nicht mehr linear aufbereitet ist.

 

4. These: Die große Herausforderung ist, dass wir den Nutzer erreichen

 

Die Printtitel verlieren nicht nur Abonnenten. Das größte Problem für das Geschäftsmodell Tagezeitung liegt in den Anzeigenmärkten. Da die Haushaltsabdeckung rapide sinkt, reicht für die großen Einzelhändler die Reichweite der Tageszeitungen nicht mehr aus. Auch lokale Kunden sind immer weniger bereit, verhältnismäßig viel Geld für eine breite, ungenaue Streuung zu zahlen.

Dazu kommt: Wir setzen Leser ungewollt unter Druck. Wir geben Zeitungsabonnenten ein schlechtes Gefühl, wenn sie es nicht schaffen, alles zu lesen. Das Papier stapelt sich, und das Gefühl, einen schon bezahlten Preis “ablesen” zu müssen, nimmt Oberhand. Der Leser bestellt ab. Damit aber fällt das Erlösmodell in sich zusammen. Wie können wir also Produkte schaffen, die den Leuten das Lesen erleichtern? Die sie in ihrer Lebenswirklichkeit abholen? Bei der Sächsischen Zeitung haben wir festgestellt, dass die harten Nachrichteninhalte am Morgen am besten funktionieren. Dann möchten die Leser sich schnell über das Wichtigste informieren. Zur Mittagszeit, wenn es in die Kantine geht, braucht es eher eine interessante Geschichte zum Weitererzählen. Und abends, wenn mehr Zeit ist, reicht die Aufmerksamkeit auch mal für eine Analyse oder längere Geschichte auf dem Tablet.

Strukturen und Nutzungsgewohnheiten haben sich so stark geändert, dass die Herausforderungen des Journalismus nicht länger nur bei den Inhalten liegen. Es geht vor allem um Plattformen und Strukturen von Produkten: Wie können wir die User überhaupt noch erreichen?

Wir haben einen strategischen Fehler gemacht: Was wir im Print teuer verkauften, wurde im Netz verschenkt. Das ändert sich jetzt zum Glück. Das wiederum liegt nicht an uns, sondern an Spotify und Netflix. Sie haben die User daran gewöhnt, für Leistungen im Netz zu bezahlen. Und für den eigenen Online-Auftritt mit einer Bezahlschranke hilft es, wenn der direkte Konkurrent auch nicht mehr alles kostenlos anbietet.

Aber: Uns muss bewusst sein, dass gute Texte und hervorragende Fotos allein nicht mehr reichen, um Abonnenten dauerhaft zu binden. Da wird mehr erwartet. Wie bei einem Club. Die perfekte Werbung geht so: Abonniere uns, und sei Teil von etwas. Sei Unterstützer. Dann ist es auch egal, wenn Du nicht so viel liest. Du gehörst schließlich zur Community. Und die kostet einen Mitgliedsbeitrag.

 

5. These: Wir müssen data-informed arbeiten, nicht data-driven

 

Community Manager, Datenjournalist, Head of Audience Development: Das sind Berufsbezeichnungen, die es vorher nicht gab, die aber immer stärker Einzug in Redaktionen halten.

Heute ist es oft nicht das Wichtigste, schnell online zu sein mit einer Geschichte. Heute geht es darum, wie wir auf die Geschichte aufmerksam machen. Facebook-Posts, Newsletter, WhatsApp-Kanäle: Das sind Werkzeuge, die den Nutzer in den Funnel locken und zum Abo bewegen sollen. Früher hatten wir die Aufmerksamkeit einfach so. Und wenn nicht, dann gab es halt Plakatwerbung.

Jetzt braucht es neue Leute, die nicht nur in textlichen Inhalten denken, sondern auch Produktmanager sind und Marketingexperten, die die Plattformen verstehen und wie Goldgräber neue Nutzergruppen erschließen, die keine Scheu vor Daten haben, diese lesen und daraus Handlungen und neue Produkte ableiten können.

Und das wird immer einfacher, denn die digitale Technik wird immer schlanker. Eine Vielzahl von Apps hilft uns bei der Gestaltung und Veröffentlichung – oft sogar kostenlos. Ein paar Beispiele: Mit Mailchimp lassen sich Newsletter einfach versenden, Hootsuite terminiert die Social-Media-Aussendungen und Kinemaster macht es kinderleicht, Videos zu schneiden. Wer in der Lage ist, für die digitale Marktrealität Produkte zu entwickeln, überlebt.

Dafür muss man sich aber nicht nur ständig wandeln und neuen Gegebenheiten anpassen. Man muss auch den Nutzer immer besser verstehen lernen. Wir wissen jetzt schon, bei welchem Text ein Leser ein Digital-Abo abgeschlossen hat. Wir wissen von welchen Seiten er zu uns fand und wir können sehen, was er auf Facebook neben unserer Marke auch noch geliked hat. Wie grandios ist es erst, wenn wir herauslesen, welches Thema ihn besonders interessiert und ihm dieses bei seinem nächsten Besuch auf unserer Seite anbieten können, weil er es am Vortag verpasst hat?

Skeptische Journalisten fragen dann: Sollen wir jetzt den Menschen nach dem Mund schreiben? Bestimmen jetzt Zahlen, was wir schreiben?

Ja und Nein. Wir wollen den Menschen Inhalte anbieten, die sie auch interessieren. Zu oft haben wir früher an Leserinteressen vorbei geschrieben und eher die Wünsche der Stadtverwaltung oder anderer Institutionen bedient. Und ja, auch Zahlen bestimmen mit über das, was wir schreiben. Denn wenn Interaktion und Klicks eines Textes hoch sind, heißt es oft, dass der Leser noch mehr über das Thema wissen möchte.

Und nein, wir dürfen uns davon nicht treiben lassen. Wir müssen data-informed arbeiten und nicht data-driven. Dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht den Menschen nach dem Mund reden. Hören, welche Themen sie umtreiben, ihnen zu diesen Themen aber nicht unbedingt das sagen, was sie hören wollen.

Denn was ein Produkt und die Komposition unserer Texte erst ausmacht, ist doch die journalistische Expertise, mit der sie erzählt und ausgewählt sind. Wir fragen den Nutzer, was er möchte. Aber wir lassen ihn nicht entscheiden. Stattdessen geben wir ihm einen Platz in der Runde von Entscheidern. Dort hat er viel zu lange gefehlt.

Gate House Media schluckt Gannet: Was der Mega-Deal für den US-Zeitungsmarkt bedeutet

In den USA entsteht ein neuer Zeitungsriese. Satte 1,4 Milliarden US-Dollar nimmt die New Media Investment Group in die Hand, um die Mehrheit am Verlagshaus Gannett zu übernehmen. Ist das nur der Anfang einer großen Konsolidierungswelle? Und was wird aus Gannett-Blättern wie „USA Today“?

Sieht man von der erstaunlichen Erfolgsgeschichte der New York Times einmal ab, gab es vom US-Zeitungsmarkt in den vergangenen Jahren nicht all zu viel erfreuliches zu berichten. Da gab es etwa den Bankrott, die Aufsplittung, den Verkauf und Wiederverkauf der Tribune Company. Oder die komplette Einstellung der Printausgabe bei so traditionsreichen Blätter wie der Denver Post.

Das US-Zeitungsgeschäft befindet sich zweifellos in einem Zustand des beschleunigten Schwundes. Und doch steht das viel beschrieene Ende noch nicht vor der Tür. Noch immer machen rund 1300 Blätter 25 Milliarden Dollar Umsatz. Solche Zahlen rufen weiterhin Investoren und Strategen auf den Plan, die versuchen wollen, mit den Restbeständen Geld zu verdienen. Oder die gar ernsthaft probeiern, das siechende Gewerbe zu retten.

Das jüngste Kapitel dieses Dramas wurde am Dienstag aufgeschlagen, als in Pittsford im Staat New York der größte Merger in der Geschichte des Zeitungswesens bekannt gegeben wurde. 1,4 Milliarden Dollar legte die Tageszeitungs-Kette Gate House Media, die in den vergangenen Jahren aggressiv in kleinen bis mittleren Märkten eingekauft hatte, hin, um den Konkurrenten Gannett zu schlucken.

Die neue Gruppe wird nun mehr als 250 Tageszeitungen und Hunderte weitere Wochenblätter sowie Gemeinde-Nachrichtenanzeiger besitzen. Die Leserschaft der Zeitungen wird auf 22 Millionen geschätzt, mit mehr als 145 Unique Visitors pro Monat auf den Webseiten des neuen Konglomerats. Somit kontrolliert die neue Gannett Gruppe nun rund ein Sechstel des US Zeitungsmarktes.

Aus den Zielen des Mergers machten die neuen Herren des regionalen US- Zeitungs-Geschäft keinen Hehl. So sagte Mike Reed, CEO der New Media Group, der Holding von Gate House, dass er hoffe, den Aktionären „signifikante Synergien“ liefern zu können. Sogar eine Zahl hatte Reed für die Größenordnung der Signifikanz. Gut 300 Millionen Dollar hofft er in den kommenden zwei Jahren zu sparen.

Die Strategie passt zum bisherigen Vorgehen von Gate House. CEO Reed, so analysierte das Medien-Forschungs-Labor Nieman Lab, sei darauf aus, durch die Zusammenlegung die digitale Reichweite zu vergrößern um somit den Online-Werbeumsatz zu steigern. Gleichzeitig werde bei den Publikationen rigoros gespart. Bei einigen Gate House Publikationen, wie etwa dem Columbia Tribune in Missouri, ist nur noch ein einziger Redakteur übrig.

So erscheinen Befürchtungen, dass die Ersparnisse nicht in die Qualität der Publikationen fließen, gerechtfertigt. Zumal Gate House erhebliche Kredite bedienen muss, die für den Kauf von Gannett aufgenommen wurden. Rund drei Milliarden Dollar musste Gate House von der Private Equity Firma Apollo aufnehmen, um Gannett zu übernehmen und die Aktionäre auszubezahlen. Eine enorme Bürde für die neue Firma.

Branchenexperten halten ein derartiges Vorgehen nicht gerade für ein langfristiges Überlebensmodell für den lokalen und regionalen Journalismus in den USA. „Der Drang zur Konsolidierung und zur kurzfristigen und kurzsichtigen Ertrags-Steigerung ist enorm“, sagt Jane Hall, Journalismus-Professorin an der American University. „Ich halte das für deprimierend“.

Dennoch erwartet man nach dem Mega-Merger nun eine weitere, beschleunigte Konsolidierungswelle im amerikanischen Zeitungswesen. „Der Zusammenschluss von Gannett und Gate House“, so das Nieman Lab, „war nicht die Zielflagge, sondern nur ein Startschuss.“

So erwartet der Fachjournalist Ken Doctor, der schon zu Beginn des Jahres 2019 als das Jahr der Merger bezeichnet hatte, einen Domino Effekt. „Alle großen Zeitungsverlage wollen nun Kosten sparen wollen, um Zeit zu gewinnen.“

Als nächsten Fusionskandidaten bezeichnet Doctor die McClatchy Gruppe, einst der größte Widersacher von Gannett auf dem amerikanischen Markt. McClatchy wurde bereits im vergangenen Jahr mit den Überresten der Tribune Company in Chicago in Verbindung gebracht.

Das einzige, was den Fusionswahn im US Zeitungs-Geschäft noch aufhalten könnte, wäre nun ein Kartell-rechtliches Einschreiten der Gerichte. Doch Ken Doctor sieht da weder auf regionaler noch auf nationaler Ebene Probleme. „Die Zeitungen haben auf dem Werbemarkt schon lange nicht mehr das Gewicht, dass es da Bedenken geben könnte.“ Dem Rennen um die kurzfristige Rendite steht also nichts mehr im Weg. Langfristig bleibt die Aussicht jedoch eher trübe.

Uber und Lyft: Diese Hürden haben die Fahrdienstleister zu meistern

Geringes Umsatzwachstum, der höchste Quartalsverlust der Firmengeschichte, kein Ende der Verluste in Sicht: Die Aktie des Fahrdienstleisters Uber reagierte mit einem massiven Kursabstieg auf die aktuellen Zahlen zum abgelaufenen Quartal, die in allen Kernbereichen die Erwartungen der Analysten verfehlten.

Die Aktie, erst im Mai zu 45 US-Dollar an die Börse gekommen, verlor zunächst nachbörslich um bis zu zwölf Prozent und fiel auf 37 US-Dollar. Zum Abend in New York stabilisierte sich der Verlust der Aktie dann auf ein Minus von sechs Prozent.

Der Großteil des Megaverlustes von 5,236 Milliarden Dollar kommt durch eine Belastung von 3,9 Milliarden Dollar für Vergütungen in Form von Aktien für Uber-Mitarbeitern und Management im Rahmen des Börsengangs zustande. Selbst wenn man diese herausrechnet, verbleibt ein Nettoverlust von 1,34 Milliarden Dollar. Im selben Quartal im Vorjahr war es ein vergleichsweise kleineres Minus von 878 Millionen Dollar. Auch gegenüber dem ersten Quartal 2019 steigt der Verlust um 30 Prozent.

In Summe hat Uber allein in den ersten sechs Monaten von 2019 Nettoverluste von über sechs Milliarden Dollar aufgetürmt, und ein Ende ist nicht in Sicht. Im Analystengespräch warnte CEO Dara Khosrowshahi vorsichtshalber, dass auch im laufenden Quartal wieder Aktienvergütungen von „450 bis 500 Millionen Dollar“ anfallen werden.

Während die Verluste rasant steigen, sieht es beim Umsatz ganz anders aus. Insgesamt kamen 3,17 Milliarden Dollar, ein Plus von 14 Prozent, zusammen. Die Analystenerwartungen lagen bei 3,36 Milliarden. Das Wachstum in den Kernbereichen war mit zwölf Prozent auf 2,873 Milliarden Dollar so niedrig wie noch nie, im Vorjahresquartal hatte es noch ein Wachstum von 58 Prozent gegeben.

Uber wird zum Pizzaboten

Das Plus kommt auch kaum noch aus dem angestammten Bereich der Fahrtenvermittlung. Uber wird zum Pizzaboten: Die Sparte Uber Eats, die Essensauslieferung, war der eigentliche Lichtblick mit einem Umsatzplus von 72 Prozent auf 595 Millionen Dollar. Das angestammte „Ridesharing“ legte nur noch um magere zwei Prozent zu.

Die Zahlen werden vor dem Hintergrund der Bruttoumsätze aller vermittelten Fahrten noch problematischer. Denn dieser Wert ist um 20 Prozent gestiegen. Uber bleibt also immer weniger Netto pro Fahrt übrig. Bei Uber Eats stieg der Wert der Essenslieferungen, die über die Plattform geflossen sind, sogar um 91 Prozent. Aber Subventionen, Gebühren für Restaurants und Fahrer, Rabatte und ähnliches kosten den Konzern immer mehr.

Während der Umsatz nur noch gering wächst, steigt die Zahl der Fahrten kräftig an: gegenüber dem Vorjahr um 35 Prozent auf über 1,6 Milliarden weltweit. Zudem gab es laut CEO Khosrowshahi erstmals über 100 Millionen aktive Kunden, die gefahren sind oder sich etwas haben liefern lassen.

Mit diesem Hintergrund wird das Unternehmen wahrscheinlich erst einmal nicht profitabel sein können. Außerdem ist nicht eindeutig festzumachen, wo das ganze Geld bleibt. Immerhin kauft Uber weder selbst Autos, noch zahlt das Unternehmen den Sprit, die Wartung oder die Versicherung. Diese Kosten liegen in der Verantwortung des Fahrers. Ubers großer Kostenpunkt sind große Server in der Cloud, um seine App am Laufen zu halten.

Hinzu kommt: Uber zahlt Subventionen für Fahrer, die andernfalls nicht genug verdienen und zur Konkurrenz gehen oder aufhören würden. Daraus ergibt sich, dass die Preise für die Kunden nicht kostendeckend sind. Uber zahlt die Differenz von den Investorengeldern.

Dann ist da noch der Bereich Vertrieb und Marketing. Über 1,2 Milliarden Dollar hat Uber im Quartal ausgegeben, um für neue Kunden zu werben. Hier will das Unternehmen als erstes sparen. Rund 400 der 1200 Marketingmitarbeiter werden gehen müssen, das hat Uber angekündigt.

Auch die Sparte Forschung lässt sich Uber einiges kosten. Im Quartal flossen 3,04 Milliarden Dollar, unter anderem in die Erforschung von autonomen Autos, fliegenden Taxis oder E-Rollern. Dem Konzern ist klar, dass der Fahrer der eigentlich Kostenfaktor an einer Uber-Fahrt ist. Selbstfahrende Uber sind das ultimative Ziel, doch davon ist das Unternehmen noch Jahre entfernt. Im Börsenprospekt wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Advanced Technologies Group (ATG), die in Sachen selbstfahrende Autos forscht, für den langfristigen Erfolg des Unternehmens essenziell sei.

„Wir glauben, dass 2019 das Spitzenjahr für Investitionen sein wird“, versuchte Uber-Chef Khosrowshahi derweil Anleger und Analysten zu beruhigen. „Und wir denken, dass 2020 und 2021 die Verluste sinken werden.“ Er zweifle nicht daran, dass das Geschäft am des Tages profitabel sein werde.

Lyft kommt besser an

Die beruhigende Wirkung, die der Uber-CEO bewirken wollte, blieb größtenteils aus. Denn seine Aussagen waren sehr ungenau – gerade im Vergleich mit den Vorgaben des Konkurrenten Lyft. Der Investitionszenit von Lyft sei dem Unternehmen zufolge im vergangenen Jahr überschritten worden. Der Quartalsumsatz lag mit 867 Millionen Dollar und einem Plus von 72 Prozent deutlich über dem Vorjahr mit 505 Millionen Dollar.

Die Ergebnisse, wenn auch ebenfalls Verluste, lagen besser als die Erwartungen. Der um Sondereffekte bereinigte Verlust (Ebitda) lag mit 204 Millionen Dollar nur knapp über den 190 Millionen Dollar aus dem zweiten Quartal im Vorjahr. Solange das Geschäft wächst, sind die Anleger eher bereit Anlaufverluste als solche zu akzeptieren und zu ertragen.

„Wir gehen davon aus“, sagte Lyft-CEO Logan Green, „dass die Verluste in 2019 geringer ausfallen werden als bislang erwartet.“ Endsprechend wurden die Prognosen angepasst. Demnächst wird sich an der Wall Street zeigen, ob und wie weit die Lyft-Aktie von der Loslösung von Uber profitieren kann. Aus Anlegersicht wird das Vertrauen in die Uber-Papiere zumindest immer kleiner.

In den USA entsteht ein neuer Newsgigant

Die Konzentration auf dem US-Zeitungsmarkt erreicht eine schwindelerregende Höhe: Die New Media Investment Group mit ihrem Zeitungsverlag Gatehouse Media übernimmt für fast 1,4 Milliarden Dollar den Gannett-Verlag, zu dem unter anderem die in den gesamten Vereinigten Staaten erscheinende Zeitung „USA Today“ gehört. New Media will den Deal in bar und mit eigenen Aktien zahlen. Durch die Fusion entsteht ein Unternehmen mit rund 270 überwiegend lokal agierenden Zeitungen, die zusammen auf neun Millionen Print-Leser kommen. Der neue Marktführer vereint damit ein Sechstel des Gesamtmarktes. Noch müssen die Aktionäre und die Aufsichtsbehörden der Übernahme zustimmen.

Zu Gatehouse Media gehören 144 Tageszeitungen, darunter der „Austin American-Statesman“ und der „Oklahoman“. Gannett gibt neben „USA Today“ über 100 Regional- und Lokalzeitungen heraus, darunter „Detroit Free Press“, „Arizona Republic“, und „Milwaukee Journal Sentinel“. Der neue Zeitungsgigant soll unter der Medienmarke Gannett firmieren. Erst vor wenigen Monaten hatte Gannett einen feindlichen Übernahmeversuch durch den konkurrierenden Regionalzeitungsverlag Media News Group MNG abgewehrt. Der hinter MNG stehende New Yorker Hedgefonds Alden Global Capital gilt als Heuschrecke, dem es mehr um die Immobilien der Zeitungen geht als um deren publizistisches Wirken oder den Erhalt journalistischer Arbeitsplätze.
Hunderte Opfer der US-Zeitungskrise

Die Übernahme von Gannett durch New Media soll zu Einsparungen in Höhe von 300 Millionen Dollar jährlich führen. Zugleich soll der digitale Wandel bei den Titeln der Medienunternehmen beschleunigt werden. Die Zeitungskrise in den USA hat seit Anfang des Jahrhunderts zum Aus für Hunderte von Publikationen geführt. Die verkaufte Auflage der Zeitungen hat sich von 56 Millionen in 1998 auf knapp 29 Millionen im vergangenen Jahr annähernd halbiert. Die Werbeeinnahmen sind in den vergangen zehn Jahren sogar noch stärker von 38 Milliarden um fast zwei Drittel auf 14 Milliarden Dollar gesunken.

Airbnb wehrt sich gegen Image als Wohnraum-Killer

Airbnb gibt erstmals detaillierte Auskunft über seine Geschäfte in der Bundesrepublik. Demnach ist das Start-Up für weniger als fünf Prozent der Wohnraumnot verantwortlich.

Laut Erhebung gibt es in Berlin 2600 Komplettwohnungen, die mehr als 137 Tage über Airbnb vermietet werden und damit als Renditeobjekt eingestuft werden können.

Diese „Zweckentfremdung“, heißt es bei Empirica, entspreche 2,3 Prozent der 114.799 Wohneinheiten, die zwischen 2007 und 2017 in der Hauptstadt zu wenig gebaut wurden. In München trägt Airbnb demnach 2,1 Prozent zum Mangel bei, in Hamburg 4,4 Prozent.

Bislang beruhte die öffentliche Debatte lediglich auf Schätzungen und Vermutungen über das Vermittlungsgeschäft der Wohnungsbörse aus San Francisco. Das 2008 von Brian Chesky, Joe Gebbia und Nathan Blecharczyk gegründete Start-up, das 2010 seine erste Auslandsniederlassung in Hamburg eröffnete, publizierte aus dem deutschen Anbieterkreis bislang nur eine schlichte Gesamtzahl. Danach standen Kurzzeit-Mietern hierzulande Anfang 2019 rund 160.000 Unterkünfte auf der Plattform zur Verfügung.

Darüber, was das für die Metropolen bedeutet, schlägt der Streit mancherorts hohe Wellen – obwohl verlässliche Zahlen bislang fehlten. In Städten wie Berlin, München und Hamburg werfen Lokalpolitiker dem mit 31 Milliarden Dollar bewerteten Start-up vor, den Wohnraum der eigenen Bevölkerung durch die online gehandelte Kurzvermietung massiv zu verknappen. Verwaltungen kontern deshalb zunehmend mit strengen Verordnungen, um die übermäßige Umwandlung von Wohnraum in Touristenunterkünfte zu unterbinden.

Metropolen wie Berlin und Hamburg beispielsweise bestimmten, dass sämtliche Unterkünfte registriert sein müssen und Vermietungen ganzer Wohnungen ab dem ersten Tag genehmigungspflichtig sind. Mit solchen Maßnahmen schaffte es der Berliner Senat nach eigenen Angaben, seit 2014 rund 9500 Home-Sharing-Unterkünfte dem allgemeinen Wohnungsmarkt wieder zuzuführen, etwa 4500 davon seien Ferienwohnungen gewesen.

Bei Verstößen drohen Berlin oder Hamburg mit Bußgeldern bis zu einer halben Million Euro. Bis zum 31. März 2019 flossen dadurch Mehreinnahmen von exakt 4.539.840 Euro in die klamme Hauptstadtkasse.

Sie könnte sich weiter füllen. Denn nach eigenen Angaben ist die Zahl der Airbnb-Unterkünfte sogar noch größer, als es die veröffentlichten Schätzungen behaupteten. Nach eigener Auskunft vermittelt Airbnb in Berlin derzeit 13.045 komplette Wohnungen, in Hamburg sind es 5883, München kommt auf 6016 und Dortmund auf 185. Hinzu kommen in den jeweiligen Städten etwa noch einmal genauso viele Gästezimmer mit Couch.

Angesichts von deutschlandweit gerade einmal 26.000 Sozialwohnungen, die 2017 fertiggestellt wurden, erscheinen die Zahlen beachtlich. Doch nach den Berechnungen von Empirica werden längst nicht alle Airbnb-Wohnungen als gewerbliche Einnahmequelle genutzt – und damit dem regulären Wohnungsmarkt entzogen.

Ab 137 Airbnb-Tagen locken Gewinne

Laut den Daten, die Empirica aus der Konzernzentrale in San Francisco erhielt, gehen 55 Prozent (Berlin) bis 64 Prozent (München) der Komplettwohnungen weniger als 30 Tage pro Jahr in die Vermietung. Nur elf Prozent der Berliner Airbnb-Wohnungen waren zuletzt mehr als ein halbes Jahr an Fremde vergeben, was einer Zahl von 1668 Einheiten entspricht. In Hamburg und München berichtet Airbnb von jeweils nur 357.

Wirtschaftlich lohnend, so errechnete Empirica, seien Wohnungs-Untervermietungen in der Hauptstadt allerdings schon früher. Da die durchschnittliche Miete einer Airbnb-Wohnung bei 83 Euro liege, fand das auf Städtebau spezialisierte Institut heraus, sei das Geschäft ab 137 Airbnb-Vermietungstagen pro Jahr finanziell interessant.

Diesen „rentablen Schwellenwert“ erreichten zuletzt 2600 der Airbnb-Anbieter in Berlin, wie die Datenanalyse ergab. Für Hamburg schätzt Empirica den Wert auf 700 bis 750 Wohneinheiten, Bayerns Hauptstadt München, wo vor allem das Oktoberfest stets für einen kurzzeitigen Anstieg der Airbnb-Vermietungen sorgt, kommt demnach auf 550 bis 600 professionell untervermietete Komplettwohnungen. Dabei dürfte der reine Home-Sharing-Anteil sogar noch geringer sein, denn auch manche Boutique-Hotels und Longstay-Hotels annoncieren ihre Angebote auf Airbnb.

Glaubt man den Zahlen des US-Vermittlers, entspräche dies 2,3 Prozent des Fehlbestands von rechnerisch 114.799 Wohnungen in der Budneshauptstadt, der zwischen 2007 und 2017 durch Zuzüge entstand. In Dortmund sind die absoluten Zahlen deutlich geringer, die Quote aber ist fast indentisch.

Darum stottert der Werbemotor der Healthcare-Branche

Satte 36 Milliarden US-Dollar werden Gesundheitsmarken in diesem Jahr weltweit in Werbung investieren. Klingt wahnsinnig viel, ist es aber nicht. Das Medianetwork Zenith rechnet vor, dass die Werbeausgaben für Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen damit 2019 lediglich um 3,6 Prozent wachsen werden. Damit kann die Healthcare-Branche in puncto Werbespendings nicht mit dem Gesamtmarkt mithalten.

Laut dem Healthcare Advertising Expenditure Forecast, den Zenith gemeinsam mit seiner Schwesteragentur Publicis Health Media veröffentlicht hat, wächst Healthcare-Werbung langsamer als die Werbung insgesamt. Während die Ausgaben für Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen in diesem und im kommenden Jahr jeweils um 3,6 Prozent zulegen sollen, werden die Werbeinvestitionen in den dreizehn untersuchten Märkten in diesem Jahr um 4,8 und 2020 dann um 4,3 Prozent wachsen. Dass Healthcare-Werbung schwächelt, begründen die Mediaexperten mit hohen Forschungskosten und anhaltendem Preisdruck. Diese Faktoren behinderten das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten und schränkten die Werbeausgaben der großen Gesundheitsunternehmen ein, heißt es in einer Mitteilung der Agentur.

Dennoch sehen die Experten Licht am Ende des Tunnels. Zwar beobachtet Jonathan Barnard, Head of Forecasting bei Zenith, dass die Healthcare-Unternehmen aktuell unter einem „schleppenden Kerngeschäft“ leiden. „Aber wir erwarten in Zukunft ein schnelleres Wachstum, da Gesundheitsunternehmen innovative Dienstleistungen für eine alternde, aber wohlhabendere Weltbevölkerung einführen“, macht Barnard Hoffnung. Weitere Impulse erhofft er sich von neuen rezeptfreien Produkten und Dienstleistungen, die durch neue Technologien wie die Erfassung personenbezogener Daten, Telemedizin und KI ermöglicht werden.

Im Nationenranking liegen die USA und China vorn. 86 Prozent der Investitionen im Jahr 2018 wurden laut Zenith in diesen beiden Märkten getätigt. Die USA steuerten 15,9 Milliarden US-Dollar, China 14,4 Milliarden US-Dollar bei. Auf alle anderen Märkte entfielen jeweils weniger als eine Milliarde US-Dollar.

Bei den Kanälen liegt TV vorn. Mit einem Anteil von 54,7 Prozent der Ausgaben im Jahr 2018 ist Fernsehen das wichtigste Medium für die Gesundheitswerbung und liegt damit weit über dem 30,8-prozentigen Anteil des Fernsehens am gesamten Werbemarkt. Doch die Vormachtstellung scheint zu bröckeln. Grund sind die anhaltende Medieninflation und die sinkenden Ratings in den Schlüsselmärkten. Laut Zenith nehmen die Healthcare-Marken daher inzwischen auch andere Medien, insbesondere im Out-of-Home und Online, verstärkt in den Blick. Noch ist der Abstand aber groß: So kommt Out-of-Home 2019 nur auf einen Anteil am gesamten Werbekuchen in Höhe von 4,0 Prozent. Der Hauptwettbewerb des Fernsehens ist die Internetwerbung, auf die 2018 34 Prozent der Gesundheitsanzeigen entfielen.

Bemerkenswert ist das Wachstum der Zeitungen. Hier stieg der Anteil an den weltweiten Werbeausgaben 2018 um sechs Prozent. Das Wachstum wird sich laut Zenith in den nächsten Jahren voraussichtlich verstärken. Für 2021 sagt die Agentur einen Anteil von 17 Prozent voraus.

Freifunk: Das größte Bürgernetz Deutschlands

Deutschland steht im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern schlecht da, wenn es um offene WLANs mit unkompliziertem Internetzugang geht. Die mittlerweile abgeschaffte Störerhaftung erzeugte bleibende Angst vor den juristischen Konsequenzen, wenn Unbekannte am heimischen Internetanschluss Unfug treiben.

Kommerzielle rechtssichere Hotspots kosten den Betreiber monatlich oft noch einmal so viel wie ein DSL-Anschluss. Hinzu kommt, dass Nutzer mit Registrierungen, Filtern, Bezahlaufforderungen und anderen Einschränkungen genervt werden. Das macht solche Angebote uninteressant für kleine Gewerbe und Privatnutzer. Doch es existiert bereits seit Jahren eine alternative Lösung, um WLANs mit rechtssicherem Internetzugang kostengünstig und ohne nervige Registrierungen aufzubauen: Freifunk.

Freies WLAN – für alle, von allen

Für Nutzer ist Freifunk deutlich komfortabler als ein kommerzieller Hotspot: Zwar heißen die Router auf der Übersichtskarte alle anders, trotzdem strahlen sie alle die gleiche SSID (WLAN-Name) aus. Nutzer müssen das WLAN-Profil also nur einmal einspeichern, um in Reichweite aller Freifunk-Router eines Vereins automatisch verbunden zu werden. Eine Anmeldung oder zu bestätigende Nutzungsbedingungen gibt es nicht – wer sich mit Freifunk verbindet, ist direkt im Internet.

Technisch gesehen ist Freifunk übliches WLAN und benötigt, wie ein kommerzieller Hotspot, einen gesonderten WLAN-Router. Der kommt aber nicht aus dem teuren Profisegment, sondern ist bereits für unter 40 Euro zu haben. Nach Einspielen der Freifunk-Software mit wenigen Klicks, anstecken an den heimischen DSL-Router und einer kurzen Einrichtung ist der Router einsatzbereit. Aufstellen kann Freifunk-Router jeder, egal ob Gewerbetreibender, Privatmensch oder öffentliche Einrichtung. Einen Vertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft braucht es nicht.

Der Router (auch als „Node“ bezeichnet) spannt das unverschlüsselte Freifunk-WLAN auf und leitet sämtlichen Verkehr ins Internet erst durch einen Tunnel über den heimischen DSL-Anschluss zu einem Freifunk-Server. Dort wird er ins offene Internet ausgeleitet. Webseiten und andere Ziele im Internet sehen so nur die Freifunk-IP-Adresse des Nutzers, nicht die des heimischen Internetanschlusses des Betreibers, der den Verkehr weiterleitet. Freifunk-Server führen in der Regel kein Protokoll. Das verhindert, dass im Nachhinein ermittelt werden kann, über welchen Node der Datenverkehr kam und eventuell fälschlicherweise dessen Betreiber belangt wird.

Um die Freifunk-Infrastruktur kümmern sich ehrenamtliche Techniker in den Freifunk-Vereinen. Die Annahme, dass Freifunk dadurch kostenlos ist, stimmt aber nicht: Durch den Betrieb der Server entstehen Kosten, die sich auf etwa zehn Euro im Jahr pro verbundenem Router belaufen. Eine Bezahlverpflichtung gibt es dennoch nicht, jeder Node-Betreiber soll spenden – wenn möglich etwas mehr für die, die es nicht können.

Vermaschte Netze

Freifunk entstand 2003 aus der Idee, unabhängige, von Bürgern betriebene Netzwerke zu bauen. Datenverkehr sollte also nicht über die Infrastruktur kommerzieller Netzbetreiber fließen, sondern unbeeinflusst über die von Privatpersonen, die die vollständige Kontrolle über die Geräte behalten.

Freifunk erlangte einige Jahre später hauptsächlich im Rahmen der Störerhaftung große Aufmerksamkeit, doch der Gedanke ist geblieben: Freifunk-Router in gegenseitiger Reichweite verbinden sich ohne Zutun des Betreibers zu einem Mesh-Netzwerk, über das die Nutzer direkt kommunizieren können. Ein Routingprotokoll stellt dabei sicher, dass alle Router immer die schnellsten Wege durch das Netzwerk kennen. Der muss nicht zwangsläufig eine kommerzielle Internetverbindung involvieren: Bietet ein Nutzer an Router A beispielsweise einen Dienst an, etwa einen Webserver, kann der Nutzer an Router B diesen direkt erreichen – sofern beide in Reichweite sind. Alternativ gibt es auch die als „Mesh on LAN“ bezeichnete Möglichkeit, sich per Kabel mit deutlich höherer Bandbreite zu vernetzen. Die Pakete der Verbindung werden von Router zu Router weitergereicht, bis sie ihr Ziel erreichen.

Gleichermaßen verhält es sich mit Internetzugängen: Wenn Sie einen Freifunk-Router aufstellen und mit Ihrem DSL-Anschluss verbinden, kann Ihr neuer Nachbar, der noch keinen Anschluss hat, seinen Freifunk-Router in Reichweite zu Ihnen aufstellen. Beide verbinden sich und Ihr Nachbar nutzt Ihren Internetzugang mit – ohne dass Sie sich um die Haftung sorgen müssen. Sie können die Geschwindigkeit auch in den Einstellungen beschränken, sodass Ihnen immer genug Bandbreite bleibt, obwohl Ihr Nachbar große Downloads macht.

Sobald Ihr Nachbar ebenfalls einen Internetanschluss hat und diesen mit seinem Freifunk-Router verbindet, entsteht Redundanz als weiterer Vorteil: Fällt Ihr Anschluss bei Anbieter A aus, bemerkt Ihr Freifunk-Router nach wenigen Sekunden die fehlende Route und kann die Verbindung Ihres Nachbarn bei Anbieter B nutzen. Davon profitieren auch weitere Freifunk-Router, die in Reichweite zu Ihnen und Ihrem Nachbar sind und keine eigene Internetverbindung haben. So können Sie beispielsweise für Ihre Gartenparty einen Freifunk-Router aufstellen, um das Netz für Ihre Gäste zu erweitern.

Router für den Freifunk

Der erste für Freifunk eingesetzte Router war der WRT54G von Linksys. 2003 wurde entdeckt, dass der Hersteller mit der auf Linux basierenden Firmware die GNU General Public License verletzte – also die Lizenzbedingungen, die Programmierer verpflichtet, jegliche Änderungen am Code öffentlich zu machen, wenn er anderen zur Verfügung gestellt wird. Darunter fällt auch die Firmware eines Routers. Linksys gab schließlich dem durch die Linux-Community aufgebauten Druck nach und veröffentlichte einen Großteil des WRT54G-Quelltextes. Aus dem Code wurde das alternative, quelloffene Router-Betriebssystem „OpenWrt“ geboren. Es ist heute die Basis für die zusätzliche Software, die Freifunk zum Funktionieren benötigt.

Der WRT54G war lange Zeit das Aushängeschild für Freifunk, mittlerweile hat ihn die Speicherknappheit aber in Rente geschickt. Seinen Platz nahm der WR841N von TP-Link ein, der bei einem Preis von nur 20 Euro die Freifunk-Vereine im Sturm eroberte. Doch auch seine Tage sind gezählt – OpenWrt und Freifunk gewinnen immer weiter an Software, die seine 32 MByte RAM und 4 MByte Flash grenzwertig einnimmt. Lediglich die Aufrüstung auf 8/16 MByte Flash und 64 MByte RAM kann dem Router noch einige Jahre bescheren. Ein Nachfolger in diesem Preissegment fehlt bislang.

Auch mit funktionierenden Routern hat es Freifunk zuweilen nicht ganz leicht: Eigene, für OpenWrt gemachte Router sind rar, speziell für Freifunk gibt es keine. Hinzu kommt, dass TP-Link, einer der beliebtesten Hersteller bei Freifunk, oft neue Versionen eines Modells baut, die bei Markteinführung noch nicht unterstützt werden. Hier muss man im Laden genauer aufs Etikett schauen. Neuere Router verweigern zudem oft, die Freifunk-Firmware über das Webinterface einzuspielen. Der Installationsweg verkompliziert sich dadurch, sodass weniger technisch versierte Menschen vor größere Hürden gestellt werden. Eine Auswahl aktuell freifunktauglicher Router und Hinweise zur Installation finden Sie in unserem Router-Vergleichstest in c’t 17/2019.

Nutzen & mitmachen

Wer Freifunk nutzen und mitmachen möchte, sollte zunächst den regional aktiven Verein finden. Das klappt am besten auf der von Jost Lemke (Freifunk Münsterland) erstellten Übersichtskarte. Sie dokumentiert die geografische Ausdehnung der Vereine anhand der Anzahl aktiver Freifunk-Router. Der in der Heimat aktivste Verein ist die beste Wahl, denn in der Regel verbinden sich die Router unterschiedlicher Vereine nicht miteinander.

Danach führt der Weg per Suchmaschine auf die Vereinswebsite: Hier stellen die Communities meist umfangreiche Informationen zum lokalen Freifunk-Geschehen bereit, unter anderem auch eine Karte, die die Positionen der im Netz aktiven Freifunk-Router anzeigt. Hat der Betreiber seinen Router gut positioniert, kann man in der Regel im Umkreis von 20 bis 100 Metern um den Punkt Freifunk nutzen und mit zusätzlichen Routern das Netz erweitern. Je nachdem, welche Kartensoftware der Verein nutzt, zeigt sie auch die Mesh-Verbindungen zwischen den Routern.

Die Freifunk-Vereine erklären auf ihren Websites unterschiedlich gut, wie man selbst zum Freifunker wird – dabei ist dies oft unkompliziert: In ihren Wikis liefern die Communities Installationsanleitungen für die gängigsten Geräte. Die nötigen Dateien verstecken sich meist hinter „Download“, „Firmware“ oder „Mitmachen“ in der Navigationsleiste. Nach der Installation starten die Router ihren Konfigurationsmodus, in dem beispielsweise die Position und der Name auf der Routerkarte eingestellt wird – nach einem abschließenden Reboot ist der Router einsatzbereit. Soll der Router sich über die heimische Internetanbindung ins Freifunk-Netz verbinden, muss möglicherweise noch der Schlüssel für den Tunnel an den Verein geschickt werden. Wenn der Router nur mesht, ist das meist nicht nötig.

Scheitert die Installation trotz der Anleitungen, hilft der direkte Kontakt zu den Technikern des Vereins, beispielsweise per Mail. Viele Vereine veranstalten auch regelmäßige offene Treffen, bei denen weniger versierten Nutzern bei der Installation oder Reparatur von Routern geholfen wird.

Antikapitalistischer Netzausbau

Trotz Förderung durch die Bundesregierung bauen die kommerziellen Netzbetreiber hauptsächlich dort aus, wo es sich für sie wirtschaftlich lohnt oder zusätzlich Geld aus der Kommune im Topf landet. Insbesondere Menschen in kleinen Dörfern und Siedlungen bleiben da meist außen vor, doch Freifunker können hier helfen: Während Netzbetreiber oft auf unkonventionelle Ausbauwege verzichten, sind viele Freifunker offen für günstig und ehrenamtlich installierte Verbindungen.

Tun sich die Betroffenen in der Region zusammen, kann der Netzausbau gemeinsam klappen: Ein Treffen mit dem regionalen Freifunk-Verein ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Nicht selten offenbart der Blick auf die Karte schnell Dächer für potenzielle WLAN-Richtfunkstrecken. Von einem Punkt, an dem eine schnellen Anbindung möglich ist, können die Pakete dann entweder direkt oder über mehrere Dächer zu dem Internetnutzer „springen“.

Einige Hersteller, voran Ubiquiti, haben bereits seit mehreren Jahren Richtfunkequipment im Angebot, das pro Strecke nicht einmal 200 Euro kostet. Mittlerweile ist die Technik derart fortgeschritten, dass die Systeme im 5-GHz-Band auch über mehrere Kilometer Sichtverbindung mehr als 300 MBit/s übertragen. Befinden sich einige Baumreihen dazwischen, muss eventuell auf langsamere 2,4-GHz-Geräte ausgewichen werden. Dennoch rückt durch den persönlichen Einsatz Betroffener die schnelle Internetverbindung rascher in greifbare Nähe, als wenn man auf den Ausbau kommerzieller Anbieter wartet. Wenn das gemeinsame Geld nicht reicht, kann eventuell sogar der Verein helfen: Viele Bundesländer fördern Freifunk mittlerweile mit fünf- bis sechsstelligen Beträgen. Wie gut der bürgerliche Netzausbau klappen kann, lesen Sie in unserer Reportage Zu Besuch bei Freifunk-Communities in Stadt und Land in c’t 17/2019.

Sozialer Aspekt des Freifunk

Freifunk-Router erfreuen nicht nur Gäste, sie leisten auch einen sozialen Beitrag. Denn wenn das Geld mal nicht für einen DSL-Anschluss reicht, stellt man einfach einen Freifunk-Router auf, der sich mit Nachbar-Freifunk-Routern verbindet und den unbeschränkten Internetzugang gewährt, bis die finanzielle Flaute überwunden ist.

Oft helfen Freifunk-Vereine auch Menschen, die gar nicht erst einen Festnetzanschluss buchen können, beispielsweise in Unterkünften für Wohnungslose oder Geflüchtete. Dort reicht das Geld kaum für einen großen Smartphonetarif, doch das Internet ist eine wichtige Ressource auf der Suche nach Jobs oder Wohnungen, bei der Kommunikation in die weit entfernte Heimat oder für das Lernen von Sprachen.