Amazon beherrscht fast die Hälfte des deutschen Onlinehandels

Amazon beherrscht fast die Hälfte des deutschen Onlinehandels. Laut einer Studie des Handelsverbands Deutschland (HDE) entfielen im Jahr 2017 etwa 46 Prozent des bundesweiten E-Commerce-Umsatzes auf die deutsche Tochter des US-Konzerns.

Insgesamt dürfte der Nettoumsatz im deutschen Onlinehandel in diesem Jahr etwa 53,6 Milliarden Euro betragen, das wäre ein Plus von knapp zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Markt im Netz entwickele sich dynamisch, heißt es im „Online-Monitor 2018“ des HDE, eine Sättigungsgrenze sei nicht in Sicht. Die Zahl der deutschen Onlineshopper wuchs 2017 um sieben Prozent, am stärksten in der Generation der über 60-Jährigen.

Die Umsatzzuwächse stammten vor allem aus dem Bereich Amazon Marketplace, dem virtuellen Marktplatz des Unternehmens, der auch anderen Anbietern offensteht. Dort stieg der Umsatz im Vergleich zu 2016 um 2,1 Milliarden Euro; zwölf Prozent der gesamten Onlineumsätze stammen von ursprünglich rein stationären Händlern.

Im Branchenvergleich wachsen die Mode- und Accessoiresbranche sowie die Konsumentenelektronik am dynamischsten: Beide verzeichneten 2017 ein Online-Umsatzwachstum von je 1,1 Milliarden Euro. Aller Netzeuphorie zum Trotz: Das Onlinegeschäft macht noch immer nur knapp ein Zehntel des gesamten Handels in Deutschland aus.

Facebook-Chef Zuckerberg: „Brustwarze einfacher als Hassrede zu erkennen“

Facebook dreht nach den Negativschlagzeilen der vergangenen Wochen wieder auf. Scheinbar unbeeindruckt vom Datenskandal sprang der Gewinn von Jänner bis März um 63 Prozent auf fast fünf Milliarden Dollar. Firmenchef Mark Zuckerberg sprach von einem „starken Start“. Nun sei es wichtig, die Dinge abzuarbeiten, um die Nutzer zu schützen. Werbekunden wollen jedenfalls bisher nicht auf das weltgrößte soziale Netzwerk verzichten, das mehr Informationen als die meisten Konkurrenten über seine nunmehr 2,2 Milliarden Nutzer vorhält. Diese gigantische Datensammlung macht besonders zielgenaue und maßgeschneiderte Anzeigen möglich. Gegenwind gibt es derzeit vor allem von der Politik. So erwägt die Bundesregierung eine strengere gesetzliche Regulierung. Anleger ließen sich davon aber nicht beirren. Die in Frankfurt gelistete Aktie, die zuletzt unter Druck stand, legte um mehr als sechs Prozent zu.

Um das einträgliche Werbegeschäft – die einzige Einnahmequelle von Facebook – am Laufen zu halten, fährt Zuckerberg eine Charmeoffensive und verspricht mehr Transparenz und Verantwortung seitens seines Unternehmens für die Inhalte auf der Plattform. Dafür schraubt der Konzern aus Menlo Park in Kalifornien seine Mitarbeiterzahl in bisher nie erreichte Höhen. Ende März waren es bereits mehr als 27.700 Angestellte und damit 48 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. „So lange, wie die Gewinne rapide zulegen, werden Investoren die höheren Ausgaben für mehr Datenschutz hinnehmen“, sagte Analyst Michael Pachter vom Finanzdienstleister Wedbush Securities.

Die Forderungen nach mehr Sicherheit für die Mitglieder wurden Mitte März lauter, als bekannt wurde, dass die britische Firma Cambridge Analytica Daten von Millionen Facebook-Nutzern abgriff, um den Wahlkampf von Donald Trump zu unterstützen. In diesem Zusammenhang ermitteln unter anderem die US-Verbraucherschutzbehörde FTC und die Generalstaatsanwälte von 37 Bundesstaaten. Sofern persönliche Daten von Facebook-Nutzern ohne wirksame Einwilligung der Betroffenen und damit unter Verstoß gegen das geltende Datenschutzrecht weitergegeben würden, sei das nicht hinnehmbar und müsse Konsequenzen haben, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Stephan Mayer, in einer schriftlichen Anfrage der Grünen-Abgeordneten Tabea Rößner. Es könnten auch zusätzliche gesetzliche Maßnahmen geprüft werden.

Werbeeinnahmen sprudeln

Facebook stellt nicht nur mehr Leute ein, um den Dienst auf Hassrede und extremistische Meldungen zu durchforsten, sondern nutzt dafür verstärkt Software. Das birgt laut Zuckerberg jedoch auch Herausforderungen. Anschaulich sagte der 33-Jährige: „Es ist viel einfacher, ein System auf Basis künstlicher Intelligenz zu entwickeln, das eine Brustwarze erkennt, als sprachwissenschaftlich zu entscheiden, was eine Hassbotschaft ist.“ Es handele sich zwar um ein lösbares Problem, werde aber Zeit in Anspruch nehmen. Ähnlich optimistisch hatte Zuckerberg auch auf alle kritischen Anfragen bei seinem zweitägigen Frage- und Antwortmarathon im US-Kongress geantwortet.

Trotz des Datenskandals zog Facebook im ersten Quartal mehr neue Mitglieder an als erwartet. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer stieg um 13 Prozent auf 2,2 Milliarden. Zudem loggten sich auf dem wichtigen US-Heimatmarkt täglich mehr Leute bei Facebook ein. Die Mitglieder seien „extrem loyal“, sagte Investmentchef Christopher Rossbach vom Finanzberater J. Stern & Co. Neben dem gleichnamigen sozialen Netzwerk gehören zu Facebook auch der Messaging-Dienst Whatsapp und die Foto-App Instagram.

Der Umsatz sprang um 49 Prozent auf fast zwölf Milliarden Dollar und lag damit über den Erwartungen von Analysten. Mehr als 98 Prozent der Einnahmen kamen aus Werbung – vor allem auf mobilen Geräten und dort überwiegend über Videos. Größte Herausforderung im laufenden Quartal dürfte es sein, die Veränderungen im Zusammenhang mit der Ende Mai in Kraft tretenden EU-Datenschutz-Grundverordnung problemlos über die Bühne zu bringen. Dies könne sich auf den Umsatz auswirken, kündigte Finanzchef David Wehner an. Möglicherweise könnten die Nutzerzahlen auch leicht zurückgehen, weil jedes Mitglied einzeln sein Einverständnis geben muss.

Ex-PayPal-CEO: „Bitcoin ist der größte Betrug aller Zeiten“

Er habe es satt, den Leuten zu erklären, „Seid vorsichtig, es ist spekulativ; seid vorsichtig, es ist eine Blase“, daher müsse es endlich in aller Deutlichkeit gesagt werden: “ Bitcoin ist der größte Betrug aller Zeiten“. Der ehemalige PayPal-CEO Bill Harris schreibt sich in einem Kommentar auf seine Wut auf Kryptowährungen von der Seele.

Bitcoin sei nichts Anderes als ein „Pump-and-Dump“-Komplott bei dem irgendwelche Promoter bei niedrigen Preisen Geld hineinstecken, anschließend über ihre einflussreichen Kanäle Promotion betreiben und auf diese Weise versuchen den Preis nach oben zu treiben. Steigt der Kurs, verkaufen die Influencer ihre Investments mit Gewinn. Die Verlierer bei diesem „Pump-and-Dump-Schema“ seien schlecht informiert und vor allem von Gier getrieben

Harris schreibt weiter: „Die Bitcoin-Promoter behaupten Kryptowährungen sind nützlich als Zahlungsmittel, als Wertanlage und haben Eigenwert“. Nichts davon sei richtig, so Harris.

Als Zahlungsmittel sei Bitcoin nicht geeignet, da es kaum irgendwo akzeptiert wird. Andere Kryptowährungen, die vorgeben ein Zahlungsmittelersatz zu sein, würden überhaupt nirgends als Zahlungsmittel akzeptiert. Generell sei eine Währung, die pro Tag zehn Prozent und mehr schwankt, als Zahlungsmittel völlig ungeeignet. Dazu kommen noch hohe Transaktionskosten und extrem lange Wartezeiten, bis Transaktion überhaupt durchgeführt werden. Mastercard könne 38.000 Transaktionen pro Sekunde durchführen, Bitcoin lediglich fünf.

Als Wertanlagen würden Kryptowährungen auch nicht taugen, so Harris. Dafür seien die Kurse viel zu volatil. Digitale Währungen seien viel weniger vertrauenswürdig als Banken oder Börsemakler.

Und Eigenwert hätte Bitcoin sowieso keinen, schreibt der ehemalige PayPal-CEO. Eigenwert hätte Bitcoin nur für diejenigen, die daran glauben. Dieser Eigenwert sei rein virtuell und entstehe nur daraus, dass Anleger davon ausgehen, andere Anleger würden zu einem noch höheren Preis kaufen.

Kryptowährungen wie Sweatcoin, die man gegen Fitness-Geräte tauschen kann, seien nichts anderes als Gutscheine und Voucher. Dafür seien Promo-Codes wesentlich besser geeignet, als kryptographische Blockchain-Anwendungen.

Einen Anwendungsfall für Bitcoin findet der Ex-PayPal-CEO dann doch noch: für kriminelle Aktivitäten. Bitcoin sei vor allem dazu geeignet, dass Kriminelle anonym Transaktionen durchführen können. Dazu gehöre im Darknet für illegale Dienstleistungen und Waren zu bezahlen damit Cyberkriminelle Lösegeld bei Ransomware bekommen.

Abschließend fordert Harris, dass es an der Börseaufsicht und anderen Behörden liege, normale Investoren vor Betrug und irreführenden Angeboten zu schützen.

Die Pressefreiheit in Europa ist in Bedrängnis

In keiner anderen Weltregion hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr so stark verschlechtert wie in Europa. Die Medien seien in Ländern wie Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien zunehmend „medienfeindlicher Hetze durch Regierungen oder führende Politiker“ ausgesetzt, beklagt die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) in ihrer neuen Rangliste der Pressefreiheit. Deutschland verbesserte sich etwas und rückte in dem Ranking um einen Platz auf Rang 15 vor.

Hass und Verachtung gegen Journalisten zu schüren, sei „in Zeiten des Vormarschs populistischer Kräfte ein Spiel mit dem Feuer“, erklärte ROG-Vorstandssprecherin Katja Gloger. „Leider erleben wir das zunehmend auch in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.“ Vier der fünf Länder, deren Platzierung sich in der neuen Rangliste am stärksten verschlechtert haben, liegen in Europa: Malta, Tschechien, die Slowakei und Serbien. In diesen Ländern werden der NGO zufolge die Freiräume für kritische Berichterstattung durch die Konzentration der Besitzverhältnisse der Medien eingeschränkt. Dies zerstöre die Grundsätze einer demokratischen Gesellschaft und sei in Zeiten des populistischen Vormarschs besonders gefährlich, erklärt ROG-Vorstand Katja Gloger. In der Slowakei sorgte der Mord an dem Investigativjournalisten Ján Kuciak für landesweite Proteste, Ministerpräsident Robert Fico bot an, sein Amt niederzulegen.

Stärkster Absteiger ist Malta, das um 18 Plätze auf Rang 65 zurückfiel. Der Mord an der Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia habe deutlich gemacht, wie eng in dem EU-Land das Geflecht von Politik, Justiz und Wirtschaft sei, teilte ROG mit.

18 Medienorganisationen auf der ganzen Welt, darunter auch die SZ, versuchen im „Daphne Projekt“ die Hintergründe des Mordes an Daphne Caruana Galizia aufzuklären. Geleitet wird die Recherche von der gemeinnützigen Rechercheplattform „Forbidden Stories“. Zu den Medien, mit denen die SZ kooperiert, gehören die New York Times, der Guardian, Reuters und La Repubblica, in Deutschland die Zeit, NDR und WDR.

Österreich hält sich laut Rangliste weiter auf Platz 11. Man kritisierte allerdings die „hohe Zahl an tätlichen Übergriffen, Drohungen und Einschüchterungsversuchen“ gegen Journalisten, in Deutschland vor allem während der Proteste gegen den G-20-Gipfel im Juli in Hamburg. Insgesamt zählte die Organisation 2017 in Deutschland mindestens 16 gewalttätige Übergriffe. Für problematisch hält ROG außerdem das Anfang 2017 in Kraft getretene BND-Gesetz, das dem deutschen Geheimdienst die Überwachung von Journalisten im außereuropäischen Ausland ermöglicht, sowie das Netzwerkdurchsuchungsgesetz gegen Hassäußerungen in sozialen Medien.

Im ersten Amtsjahr von US-Präsident Donald Trump haben sich auch die USA erneut um zwei Plätze auf Rang 45 verschlechtert. Trump werde nicht müde, unliebsame Medien als „lügnerisch“ zu diffamieren, und habe Journalisten als „Volksfeinde“ bezeichnet, heißt es in dem Bericht. In der Türkei, die um zwei Plätze auf Rang 157 zurückgefallen ist, sitzen laut ROG mehr professionelle Journalisten im Gefängnis als in jedem anderen Land der Welt.

Der größte Aufsteiger im diesjährigen Ranking ist das westafrikanische Land Gambia, das von Platz 143 auf Platz 122 vorrückte. Seit der Abdankung des langjährigen Machthabers Yahya Jammeh im Jahr 2016 erlebten die Medien dort einen rasanten Aufschwung, erklärte ROG.

Die 180 Staaten umfassende Rangliste wird von Norwegen, Schweden und den Niederlanden angeführt. Die letzten drei Länder sind wie schon im Vorjahr Turkmenistan, Eritrea und Nordkorea. Syrien bleibt für Journalisten das gefährlichste Land. 13 Journalisten seien dort 2017 im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden, mehr als 20 weitere würden noch von bewaffneten Gruppen festgehalten.

Facebooks Schwäche, Googles Stärke

Jahrelang waren die Google-Mutter Alphabet und Facebook unangreifbar – und die Aktien dieser Tech-Firmen gehörten an der Wall Street zu den Lieblingen der Investoren. Die Alphabet-Aktie stieg allein seit Mai 2012 um rund 260 Prozent, Facebook kommt seitdem gar auf ein Plus von 340 Prozent.

Doch seit Anfang März stehen die Aktien plötzlich unter Druck. Sie bekommen das erste Mal seit Langem an den Börsen heftigen Gegenwind: Facebook-Papiere verloren in den vergangenen vier Wochen bis zu zehn Prozent an Wert, Alphabet-Papiere acht Prozent.

Ist dies also das Ende des Booms der Technologieaktien, das skeptische Experten schon lange heraufbeschwören?

Noch immer erwirtschaften die beiden Konzerne Gewinne, von denen andere Firmen nicht zu träumen wagen. Fachleute machen sich trotzdem Sorgen: Denn seit dem Datenskandal bei Facebook ist die Gefahr groß, dass die Politik die Digitalkonzerne stärker regulieren könnte.

Nun legt die Google-Mutter Alphabet Ergebnisse für das erste Quartal vor. Investoren erwarten die Zahlen mit Spannung – sie erhoffen sich eine Antwort auf die Frage, ob das Geschäft des Datenkonzerns Google unter der aktuellen Debatte um Datenmissbrauch leiden könnte. „In der öffentlichen Wahrnehmung gilt das Datensammeln plötzlich als unappetitlich, während es die Jahre zuvor als genial galt“, sagt Georg von Wallwitz, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung von Eyb & Wallwitz.

Google könnte unter den aktuellen Diskussionen weitaus mehr leiden als Facebook. Kein anderer Konzern weltweit häuft so viele Daten an wie Google.

Google Analytics ist längst die dominierende Analyseplattform des Internets und sammelt die Daten der Nutzer unabhängig davon, ob sie ein Google-Konto haben oder nicht. Google greift Daten der Nutzer aus ihrem Browser- und Suchverlauf und ihren installierten Apps ab und erhebt dabei auch sensible Daten wie ihr Alter und Geschlecht. Noch immer entfällt der größte Teil des Umsatzes des Konzerns auf Werbung, die Alphabets Hauptsparte Google mit seiner gleichnamigen Suchmaschine oder mit der Videoseite YouTube erzielt.

„Alphabet würde bei härterer Regulierung nicht umfallen“

Doch selbst wenn die Politik bald härter einschreiten würde, wäre Googles Geschäftsmodell wohl nicht im Kern bedroht. Zielgruppengerechte Werbung, die womöglich eingeschränkt werden könnte, macht nur rund 20 Prozent des gesamten Werbeumsatzes aus. „Alphabet würde bei härterer Regulierung nicht umfallen“, sagt Vermögensverwalter von Wallwitz. Umsätze und Gewinne dürften sich seinen Prognosen zufolge auch in den ersten Monaten des Jahres gut entwickelt haben.

Während Facebook damit zu kämpfen hat, Kunden weiterhin bei der Stange zu halten, kommen Nutzer um Google nicht herum. „Google hat sich im Suchmaschinenmarkt ein Monopol geschaffen und wird auf Dauer bleiben. Es ist weit und breit keine Alternative in Sicht“, sagt Hendrik Leber, Geschäftsführer des Frankfurter Vermögensverwalters Acatis. Auf Facebook könnten Kunden notfalls verzichten und andere Dienste nutzen, glaubt er, nicht aber auf den Service, den die Google-Apps bieten. „Eine Gesellschaft ohne die allwissende Suchmaschine ist fast unvorstellbar geworden“, sagt Leber.

Zudem versucht Alphabet längst, sich breiter aufzustellen und wird dadurch immer weniger angreifbar. Die Forschungsbudgets von Alphabet beliefen sich 2016 auf gigantische 14 Milliarden Dollar.

Günstige Einstiegschance für Anleger?

Ein immer wichtigeres Geschäft wird Cloud Computing. Ähnlich wie die Wettbewerber Amazon und Microsoft stellt Google Unternehmen, die ihre Informationstechnik ins Internet verlagern wollen, Rechnerkapazitäten zur Verfügung. Mit Amazon konkurriert Google im Geschäft mit digitalen Sprachassistenzen. Das Unternehmen bietet Google Home sowie das Programm Google Assistant an.

Doch während das klassische Anzeigengeschäft beeindruckende Gewinne abwirft, schreiben andere Geschäftsbereiche weiter tiefrote Zahlen. Dazu zählen etwa der Gesundheitsdienstleister Verily oder die Auto-Tochter Waymo, die irgendwann selbstfahrende Autos auf den Markt bringen will. „Viele Investoren befürchten, dass Alphabet viel zu viel Geld verbrennt“, sagt Fondsmanager von Wallwitz. Deshalb hätten einige Anleger ihre Beteiligungen an dem Konzern zurückgefahren.

„Facebook ist die größte Manipulationsmaschine der Welt“

Was soll ein Hirnforscher auf einem Verlegerkongress? Die erste Folie von Spitzers Keynote-Vortrag gab die Antwort: „Print schlägt Digital“ war da zu lesen. Spitzer ist durchaus nicht unumstritten. Seine Thesen von der digitalen Demenz und der Verdummung von Kindern und Jugendlichen durch Smartphones & Co. werden von manchen auch kritisch gesehen.

Darum betonte der ärztliche Direktor der Psychiatrischen Uniklinik Ulm wohl auch ein ums andere mal, dass das, was er da vorträgt, nicht etwa seine Meinung ist, sondern wissenschaftlich erwiesene Fakten. Und so diagnostizierte Professor Spitzer in der modernen Digital-Gesellschaft einen „Morbus Google“: die fatale Tendenz, dass wir unsere Hirne immer weniger nutzen und Aufgaben an Maschinen und Software auslagern. Die Pläne, gerade Schulunterricht zu digitalisieren, hält er für fehlgeleitet. Untersuchungen haben gezeigt, dass Länder, die große Summen in Digital Learning investiert haben, bei den allseits bekannten PISA-Tests drastisch zurückgefallen sind.

Dass Print so viel besser ist fürs Hirn als Digital, haben viele der anwesenden Zeitschriften-Menschen im feinen Lenbach Palais in München sicher gerne gehört. Ganz ohne Digital geht es aber auch nicht und so fragte Funke-Zentralredaktion-Chefredakteur Jörg Quoos den Hirnforscher auf der anschließenden Podiumsdiskussion, was er denn nun mit seinen Kindern machen soll: „iPhones in den Tresor sperren, bis sie 18 sind, ist ja auch keine Lösung.“

Bei aller beschworenen Print-Herrlichkeit wollen die Verlage natürlich auch im Digitalen mitmischen. Als später am Abend der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in seinem Digital-Elan kaum noch zu bremsen war, mag er sich vielleicht ein bisschen gewundert haben, dass er (im Spaß) vom Publikum ausgebuht wurde. Er hatte halt die Spitzer-Speech im Vorfeld nicht gehört. Für Gesprächsstoff war gesorgt. Dass Söder da war, haben die VZB-Vorsitzende Waltraut von Mengden und die -Geschäftsführerin Anina Veigel als Wertschätzung begriffen. Von Mengden wird nicht müde zu betonen, dass die Politik den Verlagen helfen muss, das bekannte „Level Playingfield“ mit dem Tech-Giganten aus dem Silicon Valley herzustellen. Beim Kartellrecht, bei der E-Privacy und dem Leistungsschutz wollen die Verlage die Politik an ihrer Seite wissen. Söder kündigte an, in der Staatskanzlei in Kürze einen Mediengipfel einberufen zu wollen.

Burda Vorstand Welte fand bei der Diskussion ein hübsches Bild: Im Sandkasten würden die kleinen Burdas, Bauers, Funkes und Gruners hocken und sich gegenseitig mit ihren Schäufelchen hauen, wenn einer dem anderen ein bisschen Sand wegnimmt. Während außerhalb des Sandkastens Google und Facebook mit gewaltigen Schaufelbaggern zu Werke gingen und die Digital-Werbung abgraben.

„Facebook ist das größte Medienunternehmen der Welt und auch die größte Manipulationsmaschine die es gibt“, so Welte. Facebook-Manager Guido Bülow hatte die nur bedingt dankbare Aufgabe, auf der Bühne das Fähnlein des Social-Networks hochzuhalten, indem er artig ein paar bekannte Rechtfertigungen vortrug und „den Mark“ zitierte: „haben Fehler gemacht“, „sind ansonsten der Verantwortung nicht wert“, „haben schon vieles verändert“.

Boris Schramm von der Media-Agentur Group M meinte, dass die Print-Medien auf der Kontakt-Ebene gegen Digitalmedien keine Chance mehr haben. Sie müssten sich auf andere Tugenden besinnen. Es gehe darum, den Unterschied zwischen „Content-Medien“ und „Technik-Medien“ herauszuarbeiten. Denn: „Content ist Kontext“, wie VDZ-Präsident Rudolf Thiemann in seinem Grußwort anmerkte.

Aus der Sicht der Werbetreibenden argumentierte Beate Friedrich, bis vor kurzem Geschäftsführerin Estée Lauder Companies. Sie wünschte sich bessere Analyse-Tools, um Werbewirkung auch über verschiedene Kanäle hinweg zuverlässig messen zu können. „Das wäre ganz sicher der Traum jedes werbetreibenden Unternehmens“. Offenbar hält sie die bestehenden Werbe-Wirkungsstudien nicht für ausreichend. Auch eine Erkenntnis, die die Teilnehmer des VZB-Kongresses mit nach Hause nehmen konnten.

Nur für 100 Dollar würden Nutzer auf Google verzichten

Google, Facebook oder Wikipedia helfen uns weitgehend kostenlos durch den Alltag. Doch wie wertvoll sind sie wirklich? Forscher haben ein Modell zur Beantwortung dieser Frage entwickelt – und Überraschendes ermittelt. Doch was, wenn Dienstleistungen für die Nutzer kostenlos erbracht werden, wie etwa im Fall von Facebook und Google? Dann stimmt die Rechnung eventuell nicht mehr, argumentieren Erik Brynjolfsson und Avinash Gannamaneni vom Massachusetts Institute of Technology sowie Felix Eggers von der Universität Groningen.

Die Forscher beobachten, dass digitale Dienstleistungen, die von Millionen Konsumenten jeden Tag genutzt werden, kostenlos sind: Google, Facebook, Youtube und Whatsapp verlangen für ihre Dienstleistungen keinen Preis vom Nutzer, da sie sich über Werbung refinanzieren.

„Teilweise ersetzen diese digitalen Dienste sogar Güter, die zuvor Geld gekostet haben“, erklärt Studienautor Felix Eggers im Gespräch mit WELT. Navigationsgeräte kosteten vor zehn Jahren noch mehrere hundert Euro, inzwischen navigieren viele Verkehrsteilnehmer mittels Google Maps. Die kostenpflichtige SMS wurde durch das kostenlose Whatsapp obsolet, Youtube ersetzt vielen Nutzern den CD-Spieler und den Videorekorder zugleich. Die Enzyklopädie-Verlage haben ihre Konkurrenz zur Wikipedia größtenteils aufgegeben.

„All diese Produkte und Dienstleistungen werden kostenlos zur Verfügung gestellt und gehen damit nicht in die klassische volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein, obwohl sie den Wohlstand erhöhen“, sagt Eggers. Dank der digitalen Revolution wird der Wohlstand unterschätzt – die Menschen leben besser als noch vor zehn Jahren, ohne dass dieser Effekt berechnet würde.

Google ist für Nutzer noch wertvoller als Facebook

Damit aber wird auch der Beitrag, den die digitale Wirtschaft zum Wohlstand leistet, unterschätzt, sagt Felix Eggers: „Deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt etwa in Europa beträgt in der klassischen Rechnung seit mehr als einem Jahrzehnt etwa fünf Prozent. Dieser Wert wird ihrer Rolle im Leben der Menschen nicht gerecht.“

Um herauszufinden, wie viel die digitalen Dienste von Facebook, Youtube und Co. den Nutzern wert sind, haben Brynjolfsson und Kollegen knapp 3000 US-Internetnutzer befragt, für wie viel Geld sie bereit wären, darauf zu verzichten. „Bei Facebook liegt dieser Wert durchschnittlich bei etwa 50 Dollar pro Monat“, erklärt Eggers. Damit die Befragten ehrlich antworten, bekamen einige von ihnen, zufällig ausgewählt, nach der Befragung tatsächlich ein entsprechendes Angebot.

Die Forscher waren erstaunt, als wie wichtig manche Nutzer einzelne Dienste einschätzten: „Manche waren nicht einmal für 1000 Dollar pro Monat bereit, auf Facebook zu verzichten.“ Je häufiger Nutzer in dem sozialen Netzwerk selber aktiv waren, Beiträge und Bilder online stellten und kommentierten, desto mehr Geld verlangten sie für den Verzicht. Insbesondere weibliche und ältere Facebook-Mitglieder schätzten den Nutzen des sozialen Netzwerks für sich persönlich hoch ein.

Doch nicht Facebook bietet die für die Nutzer wertvollsten Dienste im Netz an, sondern Google, fanden die Forscher heraus. Besonders hoch schätzten die Befragten den Nutzen von Suchmaschinen und digitalen Kartendiensten ein: „Im Median hätten wir pro befragtem Nutzer über 17.500 Dollar zahlen müssen, damit diese ein ganzes Jahr lang auf sämtliche Suchmaschinen im Internet verzichten“, erklärt Eggers. Für viele Nutzer ist der Verzicht auf Suchmaschinen gleichbedeutend mit Internet-Abstinenz – ohne die Dienste sind sie nicht in der Lage, sich im Netz zurecht zu finden. Dementsprechend viel Geld verlangen sie für den Verzicht.

Produktivitätsberechnung vor grundlegendem Wandel

In der Rangliste unmittelbar dahinter folgt die E-Mail mit einem Wert von über 8000 Dollar sowie digitale Karten mit über 3000 Dollar pro Jahr. Video-und Musikstreaming ist den Nutzern im Schnitt gut 1100 Dollar pro Jahr wert. Dabei kosten entsprechende Abonnements von Netflix oder Spotify meist nur etwa 120 Dollar pro Jahr – die Dienste könnten ihre Angebote also eventuell deutlich verteuern, ohne dass die Nutzer kündigen. „Doch Vorsicht: Wir haben Geld angeboten, um auf den Dienst zu verzichten. Umgekehrt ist die Zahlungsbereitschaft der Nutzer für einen kostenpflichtigen Dienst meist etwas geringer, da damit ein Einkommensverzicht einhergeht“, kommentiert Eggers seine Ergebnisse.

Wie die Studienergebnisse in die künftige Berechnung von Wohlstand eingehen könnten, daran forschen Brynjolfsson und seine Mitstreiter aktuell. Der Beitrag der Internetkonzerne zum Wohlstand könnte in künftige Statistiken anders einfließen als – wie bisher – über den Preismechanismus. Dadurch müssten auch Berechnungen zur Produktivitätsberechnung oder bei der Wettbewerbskontrolle angepasst werden: Wer etwa, wie jüngst im Rahmen der Datenschutzdebatte geschehen, eine Zerschlagung von Facebook fordert, müsste dabei auch den Wohlstandsverlust für die Nutzer einberechnen. Klassische Maßstäbe verlieren in der Online-Ökonomie an Bedeutung.

Facebook ist für Nutzer 50 Dollar pro Monat wert

Forscher haben Facebook-Nutzer gefragt, wie viel man ihnen bezahlen müsste, damit sie eine Weile auf das soziale Netzwerk verzichten würden.

Es hat sich mittlerweile wohl herumgesprochen: Was im Internet anscheinend gratis ist, ist nicht wirklich gratis. Wir zahlen zum Beispiel für Online-Plattformen wie Facebook oder für Suchmaschinen wie Google mit Daten, das heißt mit dem Verzicht auf einen Teil der Privatsphäre. Ein neues Papier von drei Forschern aus den USA und Europa illustriert auf Basis von Nutzerbefragungen, wie hoch der Geldwert solcher Online-Angebote aus Sicht der Betroffenen liegt. Im Fall von Facebook wurden 2016 und 2017 je rund 1400 bis 1500 Nutzer in den USA gefragt, wie viel man ihnen bezahlen müsste, damit sie einen Monat auf jenes soziale Netzwerk verzichten würden. Um die Sache etwas realitätsnäher zu gestalten, stellten die Forscher den Befragten in Aussicht, dass nach dem Zufallsprinzip einige der Befragten tatsächlich den genannten Betrag für den einmonatigen Verzicht auf Facebook erhalten.

Zwölf Beträge standen zur Auswahl – von 1 bis 1000 $ pro Monat. Die mittlere Antwort der Befragten lag 2017 bei rund 50 $ pro Monat, ein Jahr zuvor bei etwa 40 $. Das heißt: Für die Hälfte der Befragten waren die Facebook-Dienste mindestens 40 bis 50 $ pro Monat wert. Das wären hochgerechnet aufs Jahr immerhin 500 bis 600 $; allerdings ist unklar, ob eine lineare Hochrechnung des Geldwertes hier dem Empfinden der Nutzer entspräche.

15 000 Dollar pro Jahr für Suchmaschinen

Die Forscher stellten in zwei umfrangreichen Befragungswellen auch die Frage nach der nötigen Geldkompensation für den Verzicht auf zentrale Online-Dienste für ein ganzes Jahr. Basis der Auswertung waren bei jeder Frage 6000 bis 12 000 Antworten. Demnach müsste die Hälfte der Befragten mindestens 200 bis 300 $ erhalten, um ein Jahr auf soziale Netzwerke zu verzichten. Der Verzicht auf Online-Videos für ein Jahr wäre laut mittlerer Antwort mit 1000 bis 1200 $ abzugelten, und der Verzicht auf Internet-Suchmaschinen gar mit 15 000 bis 18 000 $.

Solche Befragungen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Die deklarierten Zahlen entsprechen nicht unbedingt den Beträgen, welche die Konsumenten effektiv für die genannten Dienste zahlen würden. Zum einen spielt der „Besitzstandseffekt“: Der Verzicht auf X schmerzt typischerweise mehr, als die Neuanschaffung von X Nutzen stiftet. Die Differenz kann laut Befragungen bis zum Faktor 2 oder sogar noch darüber hinaus gehen. Zudem ist die deklarierte Zahlungsbereitschaft oft nicht deckungsgleich mit der effektiven Zahlungsbereitschaft. Die Forschungsliteratur ortet bei den Befragten in solchen Erhebungen Anreize für Untertreibungen ebenso wie für Übertreibungen, wobei der Saldo unklar ist. Die von den Befragten erwähnten Geldwerte der Dienste für Facebook und Co. sind denn auch nicht unbedingt zum Nennwert zu nehmen, sondern nur als Indiz für eine mögliche Größenordnung zu betrachten.

Was das BIP zeigt – und was es nicht zeigt

Die meisten der in den Befragungen erwähnten Dienste haben keinen direkten Geldpreis und sind damit auch nicht in den offiziellen Daten zur Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandprodukt, BIP) erfasst. Ökonomen betonen deshalb gerne, dass die BIP-Daten aus Sicht des Konsumentennutzens die Wirtschaftsleistung und das Wirtschaftswachstum deutlich unterschätzen dürften. Eine typische Illustration davon: Das kostenlose Online-Produkt Wikipedia hat traditionelle Drucklexika vom Markt gefegt, was das BIP senkte, aber den Konsumentennutzen erhöhte.

Das BIP ist denn auch kein schlüssiger Maßstab für das Glück und Wohlbefinden der Menschen. Es steht aber nach wie vor in einem Zusammenhang zur Beschäftigung: Je stärker das BIP wächst, desto eher steigt die Zahl der bezahlten Arbeitsplätze. Und letztlich illustriert das BIP, wie viel jedes Jahr für Löhne, Gewinne und Abschreibungen zur Verfügung steht.

China: Internetnutzer stoppen Feldzug gegen Homosexuelle

Dem öffentlichen Unmut hielt sogar Sina Weibo, eine von Chinas größten Social-Media-Plattformen, nicht stand: Das chinesische Pendant zur Kurznachrichtenplattform Twitter hatte eine umfassende Inhaltssäuberung angekündigt. Drei Monate lang werde Weibo Comics und Videos über Pornographie, „blutige Gewalt“ oder Homosexualität sperren. So wolle man eine „freundliche und harmonische Gemeinschaft“ kreieren.

Die LGBT-Gemeinschaft (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) reagierte sofort. Unter dem Hastag „Ich bin schwul“ und „Ich bin legal“ protestierten sie gegen die Zensurmaßnahme des Internetkonzerns: Homosexualität dürfe nicht mit Pornographie gleichgesetzt werden. Einige Nutzer riefen sogar dazu auf, Sina-Aktien zu verkaufen. Nach der Entrüstung beugte sich der Internetgigant am Montag der öffentlichen Meinung: Nutzer dürfen weiter homosexuelle Inhalte nutzen.

Selbst das Mediensprachrohr der chinesischen Regierung, die „Volkszeitung“, hatte sich am Sonntag in der Diskussion zu Wort gemeldet: Homosexualität sei genauso „normal“ wie Heterosexualität und keine physische Krankheit, kommentierte das Blatt. Homosexuelle genießen die gleichen Rechte wie alle anderen Bürger. Dennoch hob die Zeitung hervor: „Vulgäre“ Inhalte müssten unabhänigig von der sexuellen Orientierung der Internetnutzer verboten werden.

Schocktherapie gegen „anormale“ sexuelle Orientierung
Das Blatt bezog sich in dem Kommentar ebenso wie viele empörte Internetuser auf eine in China weit verbreitete Vorstellung, Homosexualität sei eine Geisteskrankheit. Das spiegelte sich lange auch im Gesetz wieder: Bis 1997 galt Homosexualität im Reich der Mitte als Verbrechen, bis 2001 als mentale Krankheit.

Der Druck auf die LGBT-Gemeinschaft kommt häufig auch aus dem eigenen Freundes- und Familienkreis. Ehen mit heterosexuellen Partnern bleiben oft der einzige Ausweg. So kann der Schein vor Bekannten gewahrt werden, während beide Ehepartner geheim in einer anderen Beziehung leben.

Die beschämten Verwandten sind zu vielem bereit. Immer wieder gibt es Berichte über die grausamen Praktiken illegaler „Bekehrungskliniken“: Eltern blättern tausende Yuan hin, damit ihren Kindern durch Elektroschock- und Arzneitherapie die „anormale“ sexuelle Orientierung ausgemerzt wird.

Politischer Feldzug gegen Tech-Giganten
Doch die Aktion des Tech-Giganten verdeutlicht nicht nur die Intoleranz Chinas gegenüber Lesben und Schwulen. Sie zeigt auch die Hartnäckigkeit, mit der die chinesische Führung ihre Kontrolle über das Internet – und Inhalte die „sozialistischen Kernwerten“ widersprechen – ausbauen will. Vergangene Woche versetzte die kommunistische Führung dem erfolgreichen Tech-Startup Bytedance, mit einem geschätzten Wert von elf Milliarden Dollar, gleich mehrere Schläge: Zunächst seinem Flagschiff-Produkt Jinri Toutiao. Die App sammelt Nachrichten und passt sie den individuellen Bedürfnissen der Nutzer an.

Toutiao ist zwar schon länger im Visier der chinesischen Regierung. Bereits vergangenes Jahr hatte die Internetbehörde die App mit mehreren hundert Millionen Nutzern für „vulgäre“ Inhalte und ihren „negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung“ öffentlich gerügt. Doch am vergangenen Mittwoch beugte sich der Chef von Bytedance, Zhang Yiming, dem politischen Druck.

Drei Wochen lang ist Toutiao nun nicht mehr in Appstores erhältlich. Zugleich mahnte die Regierung Bytedance, die Inhalte in allen seiner Kanäle zu säubern und die App Neihuan Duanzi, mit der Nutzer Witze, Memes und humorvolle Videos verbreiten können, permanent vom Netz zu nehmen.

App-Gemeinschaft als Gefahr für KP
Zhang entschuldigte sich daraufhin öffentlich dafür, mit seinem Produkt gegen „sozialistische Kernwerte“ verstoßen zu haben. Er habe verabsäumt, ein Filtersystem für seine Angebote zu entwickeln, das nur positive Informationen verbreite. Zugleich bedankte er sich überschwänglich bei der Kommunistischen Partei für die Entwicklungschancen, die sie dem Unternehmen ermöglicht habe.

Dass Peking gerade auf die Witzeapp abzielte, hat laut Beobachtern hochpolitische Gründe: Die mehr als 200 Millionen User von Neihuan Duanzi weiteten ihre digitale Gemeinschaft auch auf das reale Leben aus. Die sogenannten Duanyou oder Freunde von Duanzi entwickelten Codes, um sich zu begrüßen, organisierten Treffen und verrichteten sogar gemeinnützige Arbeit gemeinsam. Wie eine politische Partei mobilisierte die Gruppe ihre Anhänger. Für die Kommunistische Partei hätten die Duanyou so zur Gefahr werden können.

Die Smart Speaker-Pläne von Facebook, Samsung, Spotify und der Telekom

Sie gelten als Gadgets mit gigantischem Zukunftspotential: Smart Speaker. Nicht nur die großen US-Tech-Giganten, wie Google, Amazon und Apple arbeiten an der Entwicklung neuer schlauer Boxen, sondern auch die Telekom oder Spotify. Zudem basteln Samsung und Facebook an eigenen Lautsprechern. Schon bald sollen die ersten Neulinge auf den Markt kommen. MEEDIA hat die Informationen zu den kommenden Alexa-Rivalen gesammelt und zusammengestellt.

Telekom: Ein “komplementäres Angebot” zu Echo & Co.
Nicht nur amerikanische Konzerne entwickeln fleißig auf dem Gebiet der Smart Speaker. Auch die deutsche Telekom plant im ersten Halbjahr 2018 einen eigenen Lautsprecher auf den Markt zu bringen. Dieser soll aber nicht in Konkurrenz mit Amazon oder Google treten, sondern als “komplementäres Angebot” verstanden werden, wie die Telekom-Managerin Claudia Nemat auf dem Mobile World Congress in Barcelona erklärte. Einige Monate zuvor äußerte sich der Leiter des Privatkundengeschäfts der Telekom, Michael Hagspihl, noch anders: Man wolle nicht in einer Nische spielen und am Ende auf Augenhöhe mit Apple, Amazon und Google sein.

Für den Smart Speaker arbeitet die Telekom mit dem Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie zusammen. Nach eigenen Angaben sollen in der Box zwei 42 mm große Lautsprecher und vier Mikrofone verbaut sein.

Der Aktivierung-Satz lautet dann: “Hallo Magenta”. Zudem schließt die Telekom nicht aus, den Magenta-Assistenten später auch auf anderen Geräten verfügbar zu machen.

Ähnlich wie bei Alexa plant die Telekom auch den Aufbau einer offene Plattform, auf der jeder Anbieter seine Programme anbieten können. Wem der Magenta-Assistent nicht genügt, für den hat die Telekom auch eine Lösung parat: Es soll möglich sein, den Telekom Smart Speaker mit Amazons Alexa zu bedienen. Weitere Kooperationen wie beispielsweise mit Google sind nicht ausgeschlossen.

Als Feature möchte die Telekom wohl den Datenschutz besonders hervorheben. Denn im Gegensatz zu der Konkurrenz befinden sich die Server nach Konzernangaben ausschließlich in Deutschland und unterliegen dem einheimischen Datenschutzrecht. Das wäre dann aber nur der Fall, wenn die Nutzer auch tatsächlich den Magenta-Assistenten nutzen und nicht einen der anderen möglichen.

Preislich soll der Lautsprecher unter 150 Euro kosten.

Samsung Bixby: Noch spricht der Assistent nur koreanisch und englisch
Auch Samsung lässt es sich wohl nicht nehmen, einen eigenen smarten Lautsprecher auf den Markt zu bringen. Das soll voraussichtlich in der zweiten Hälfte diesen Jahres passieren. Ob auch zeitgleich ein Start in Deutschland bevorsteht, kann angezweifelt werden, da der Bixby Sprachassistent bis jetzt nur koreanisch und englisch sprechen kann.

Bis jetzt sind sehr wenige Informationen zum Lautsprecher bekannt. Gerüchteweise möchte sich Samsung wohl auf eine hohe Qualität des Klangs konzentrieren. Laut Informationen von Bloomberg soll ein Prototyp des Lautsprechers eine Größe zwischen Amazon Echo und Apple HomePod haben – also zwischen 14,8 cm und 17,2 cm. Ebenfalls soll das Gadget eng mit anderen Samsung-Geräten wie Smartphones oder Kühlschränken zusammenarbeiten können.

Facebook: Ein Smart Speaker für den Newsfeed
Gerüchten zufolge, arbeitet auch Facebook an einem Smart Speaker. Valide Informationen sind jedoch rar. Laut Techcrunch, die sich wiederum auf DigiTimes berufen, soll der Smart Speaker einen 15 Zoll Bildschirm haben. Vorzustellen wäre dann die Darstellung von Fotos und Videos aus dem persönlichen Facebook Feed und des Facebook Messengers. Zudem soll der chinesischen iPhone-Hersteller Pagatron den Lautsprecher zuliefern.

Ursprünglich sahen die Facebook-Planungen wohl so aus, dass Gadget auf der F8 Entwicklerkonferenz im Mai zu präsentieren. Nach der Debatte rund um Cambridge Analytica soll sich Facebook allerdings entschlossen haben, von diesem Datum abzurücken und eine Veröffentlichung später im Jahr anzupeilen, wie Bloomberg berichtet.

Spotify: Am 24. April könnte es erste Infos geben – vielleicht
Zum aktuellen Zeitpunkt kann man seine Spotify-Musik-Mediathek schon über einige Smart Speaker hören. Doch auch die Schweden selbst arbeiten an einem eigenen Hardware-Produkt und sollen bald mit der Herstellung beginnen, wie der Guardian berichtet.

Unklar ist, ob Spotify mit anderen Produzenten zusammenarbeitet und deren Sprachsteuerung nutzt oder ob das Unternehmen eine eigene entwickelt. Vor kurzem sind Screenshots aus der Spotify Mobile App aufgetaucht, die das Testen der Sprachsteuerung zeigen. Das könnte als Indiz für letzteres gewertet werden.

Vor kurzem haben einige Spotify-Nutzer in der App eine Werbung angezeigt bekommen, in der ein rundes Gerät mit Bildschirm und mindestens zwei Knöpfen zu sehen war, wie das Technikportal The Verge berichtet. Montiert war das Gerät in einem Auto. Ein Preis wurde auch gleich genannt: 12,99 Dollar im Monat bei einer Laufzeit von 12 Monaten.

Ein anderer Nutzer gibt an, dass bei ihm bei dem Angebot von 14,99 Dollar pro Monat und eine Integration von Amazons Alexa die Rede war.

Auf Reddit wird auch berichtet, dass eine LTE Integration beschrieben wurde, damit das Gerät auch unabhängig von einem Smartphone genutzt werden kann. Beim klicken auf die Anzeige, gab es dann aber nur eine Fehlermeldung.

Für den 24. April hat Spotify zu einem Event eingeladen. Vielleicht wird dort schon der Smart Speaker präsentiert.

Datenverkauf bei Kommunen

Der deutsch Städte- und Gemeindebund hat vorgeschlagen, Kommunen sollten ihre Daten verkaufen. Wie man es auch dreht und wendet: Es bleibt eine schlechte Idee.

Machen offene Daten Gesellschaften lebenswerter? Kann die Öffnung von Verwaltungen das Vertrauen in die Demokratie stärken? Nicht so wichtig, sagt der Städte- und Gemeindebund. Klima-, Verkehrs- und Energiedaten sollten lieber zu Geld gemacht werden. Geht es nach Gerd Landsberg, dem Chef des Verbunds, sollen Kommunen künftig entscheiden können, ob sie zum Beispiel Daten zur Feinstaubbelastung veröffentlichen oder verkaufen.

Landsberg öffnet mit seinem Wortbeitrag erneut eine müßige Diskussion, die längst weiter fortgeschritten sein sollte. Die europäische Richtlinie über Public Sector Information gibt bereits vor, dass Informationen des öffentlichen Sektors unbürokratisch und mit möglichst wenig Gebühren bereitgestellt werden sollen. Vergangenes Jahr beschloss der Bundestag ein Open-Data-Gesetz. Damit wird die Bundesverwaltung dazu verpflichtet, ihre Datenschätze zu öffnen. Die Bundesländer müssen in den kommenden Jahren mit eigenen Open-Data-Gesetzen nachziehen.

Wirtschaftliches Potenzial steckt nicht im Verkauf
Auch aus ökonomischer Sicht erscheint der Vorschlag des Städtebunds kurzsichtig. Es deutet nichts darauf hin, dass der Verkauf von Daten der Verwaltung überhaupt ein großer kommerzieller Erfolg werden könnte. Zu diesem Befund kommt auch eine Untersuchung des Innenministeriums. Startups können sich teure Daten nicht leisten, Google schon.

Ohnehin fehlt den Kommunen eine Infrastruktur zum Datenverkauf. Aufgrund von Föderalismus und Insellösungen ist es in der Regel gar nicht möglich, gleichartige Daten von allen Kommunen Deutschlands zu beziehen, schon gar nicht zentral. Ganz im Gegenteil: Erst wenn die öffentliche Hand ihre Daten proaktiv veröffentlicht, wird ihr wirtschaftliches Potenzial greifbar. Die Konrad-Adenauer-Stiftung etwa sieht in offenen Daten einen starken Motor für lokale Wirtschaftsmodelle und auch Standortvorteile.

Offene Daten sind eine gesellschaftliche Aufgabe
Vor allem aber scheint der Städte- und Gemeindebund mit seiner Vorstellung von der Stadt der Zukunft aus der Zeit gefallen. Statt im Diskurs um die sogenannte Smart City zu überlegen, wie „smarte Bürger“ die Hoheit über die Daten ihrer Gemeinden, Städte und ihrer Gesellschaft bekommen können, bleibt der Verbund alten Modellen verhaftet.

Wer zum Beispiel Feinstaubdaten, die besonders wichtig für die Gesundheit von Bürgerinnen und Bürgern sind, zu einem Geschäftsobjekt für Städte erklärt, will die Stadtgesellschaft nicht gestalten, sondern verhökern.

Dabei darf der soziale Anspruch auf Daten nicht vernachlässigt werden. Es muss gewährleistet werden, dass gemeinnützige Initiativen mit offenen Daten arbeiten können. Auch wenn sie nicht kommerziell tragfähig sind, kommt ihre Arbeit der Gesellschaft zugute, zum Beispiel im städtischen Nahverkehr. Auch Daten von privaten Unternehmen, die öffentliche Güter bereitstellen, müssen dabei berücksichtigt werden.

Vielerorts ist man schon weiter
Die gute Nachricht: Die Öffnung von Verwaltungsdaten in Deutschland wird der Städtebund nur verlangsamen, nicht aber stoppen können.

Neben dem Bund haben bereits acht Bundesländer ein eigenes Datenportal eingerichtet. Die Modellkommune Moers oder das Projekt Zukunftsstadt Ulm zeigen mit zahlreichen Anwendungen schon heute, welcher gesellschaftliche Mehrwert in öffentlichen Daten stecken kann. Die Bundesregierung hat unter Einbezug der Zivilgesellschaft einen „nationalen Aktionsplan für Transparenz und offenes Regieren“ erarbeitet, der die Bereitstellung offener Daten in den Vordergrund stellt. In den USA und Großbritannien arbeiten staatliche Innovationsagenturen daran, Verwaltungen bürgernah zu modernisieren.

Um sich eines Besseren zu überzeugen, müsste der Städte- und Gemeindebund eigentlich nur einen Leitfaden zu Open Data in Kommunen vom Mai 2014 lesen. Die 35-seitige Broschüre zeigt exemplarisch auf, warum offene Daten für Städte wichtig sind. Mitautor des Papiers ist übrigens der Städte- und Gemeindebund selbst.

Rocket Internet dämmt Verluste ein – doch die nächste Erfolgsstory ist nicht in Sicht

Copycats, Pizza-Techies oder Digitalpioniere – für die Samwer-Brüder gibt es wahrscheinlich genau so viele Spitzenamen wie Geschäftsmodelle, in die sie investiert haben.

Klar ist: Ob kopiert oder selbst erdacht, die Samwers haben dazu beigetragen, die heimische Start-up-Landschaft ins Leben zu rufen. Ihr Konzern Rocket Internet gilt vielen als ein Urgestein der deutschen Digitalwirtschaft. Und das lieferte wenn schon nicht schwarze Zahlen, dann zumindest gute Geschichten: die von erfolgreichen Börsengängen, etwa von den Rocket-Beteiligungen Delivery Hero oder Hello Fresh.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr nähert sich der Konzern zwar den schwarzen Zahlen, bleibt aber weiter defizitär. Doch etwas ist anders als bisher: Die nächste gute Geschichte ist bisher nicht abzusehen. Rocket-Chef Oliver Samwer hat 2017 nur teilweise geliefert: Der Konzern bewegt sich langsam in Richtung Profitabilität. Unterm Strich sank der Verlust im vergangenen Jahr – deutlich – auf sechs Millionen Euro. Im Vorjahr hatte der Konzern mit der Rakete noch ein tiefrotes Defizit von 741,5 Millionen Euro verbucht.

Der Umsatz ausgewählter Unternehmen stieg 2017 im Jahresvergleich um 28 Prozent auf 2,64 Milliarden Euro. Dennoch machten sie beim Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Wertminderungen und Abschreibungen einen Verlust von 315 Millionen Euro, immerhin 44 Millionen Euro weniger als noch im Jahr zuvor. Der Umsatz der Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet sank indes von 50,4 Millionen auf 36,8 Millionen Euro. Das liegt vor allem daran, dass Rocket die Zahl seiner Beteiligungen um 35 auf 89 reduziert hat.

Die Cash-Reserve ist hoch, doch wohin mit dem Geld?
Dank der bereits vollzogenen Börsengänge besitzt Rocket Internet ein solides Kapitalpolster: Ende März 2018 betrugen die verfügbaren liquiden Mittel 2,7 Milliarden Euro. Doch wohin mit all dem Geld? Bei Branchenkennern herrschen Zweifel darüber, welche Strategie Rocket in Zukunft verfolgen wird.

So sagte zum Beispiel Lucas Boventer, Analyst bei Warburg Research: „Aufgrund der hohen verfügbaren Liquidität steht die Frage im Raum, was die Firma damit vorhat. Investoren würden sich hier über mehr Transparenz hinsichtlich zukünftiger Investitionsfelder freuen.“ Dabei ist Rocket in vielen Bereichen aktiv, kommuniziert darüber aber nur verhalten. Nur ein sehr genauer Blick in die Bilanz offenbart die Beteiligungen abseits der großen Namen. So ist dort zu lesen: „Pflegetiger, Printvenue, Eatfirst, Caterwings, Campsy und die 2017 entkonsolidierten Gesellschaften ZipJet und Instafreight haben Umsatzsteigerungen erreicht.“

Konkrete Zahlen nennt Rocket nicht. Ein spezieller Trend lässt sich daraus ebenfalls nicht ablesen: Das Themenspektrum der Beteiligungen reicht von Speditionsdienstleistungen über Pflegedienstvermittlung bis hin zur Online-Campingplatzbuchung. Bekannt wurde allerdings zuletzt, dass Rockets auf Reinigung spezialisiertes Start-up Zipjet den französischen Konkurrenten Cleanio übernommen hat. Zipjet sei zum Beispiel ein vielversprechendes Start-up für Rocket, meint Analystin Sarah Simon von Berenberg: „Aber es ist genauso wie mit anderen Rocket-Beteiligungen: Sie berichten darüber nicht regelmäßig.“

Die Verschwiegenheit habe auch mit der Vergangenheit zu tun, sagen Unternehmenskenner: Damals kratzten Fehlschläge bei Investitionen an der Selbstsicherheit des Konzerns. Viel lieber rückt Rocket Internet seine Vorzeigebeteiligungen in den Mittelpunkt: die schnell wachsende Global Fashion Group oder die Onlinemöbelhäuser Home24 und Westwing. Es gebe viele Konzerne, über die man sehr wenig wisse, meint Analystin Simon: „Wie die pakistanische Plattform Daraz, für die sich Alibaba interessierte.”

Rocket ist in vielen Schwellenländern aktiv
Überhaupt ist die Start-up-Schmiede auch in Schwellenländern aktiv. Eine Erfolgsstrategie, wie Analyst Boventer sagt: „Rocket hatte mit Lazada ein sehr starkes Asset im südostasiatischen Markt, welches erfolgreich an Alibaba veräußert wurde – mit der indonesischen Reisebuchungsplattform Traveloka haben sie dort ein weiteres potenzielles Einhorn im Portfolio.“

Rocket hat sich weitgehend auf den Bereich E-Commerce konzentriert. Doch im vergangenen Jahr hatte Rocket-Chef Samwer angekündigt, dass sich der Konzern auch im Fintech-Bereich umschauen wolle. Dafür beschloss die Hauptversammlung, einen Passus in der Satzung der Rocket Internet SE zu streichen, der der Gesellschaft untersagte, Geschäfte zu betreiben, welche die Bankenaufsicht genehmigen muss. Bekannt wurde bisher nur ein Investment in das Factoring-Start-up Billie.

Auch von den High-Tech-Themen wie Industrie 4.0 oder künstliche Intelligenz ließ der Konzern bisher die Finger: „Von uns werden Sie keine fliegenden Autos sehen“, sagte Samwer bei der Hauptversammlung im vergangenen Jahr. Für die kommenden zwei, drei Monate seien keine größeren Investments geplant, sagte der Chef nun bei der Vorlage der Geschäftszahlen. Doch das könne sich täglich ändern. Berenberg-Analystin Simon glaubt jedoch, dass die Zurückhaltung eher an den derzeit hohen Bewertungen von Start-ups als an mangelnden Möglichkeiten liege.

Zudem fällt auf: Die Zeit, in der die einstige Start-up-Fabrik ein Unternehmen nach dem anderen auf den Markt schmiss, scheint vorüber. So meint Analyst Boventer: „Neben dem reinen Companybuilder hat sich Rocket Internet mittlerweile auch zu einem strategischen Investor gewandelt – neben dem Gründen sind auch frühe Beteiligungen an interessanten Geschäftsmodellen Teil der Strategie.“

Dennoch: Nach den Börsengängen von Delivery Hero und Hello Fresh ist CEO Samwer nun unter Zugzwang. Medienberichten zufolge sollen sowohl der Möbelhändler Home24 als auch das „afrikanische Amazon“ Jumia den Börsengang prüfen. Samwer und Finanzchef Peter Kimpel wollte das nicht kommentieren.

Analyst Boventer sagt: „Mit den IPOs von Hello Fresh und Delivery Hero sind zwei prominente Firmen aus dem Portfolio erfolgreich an die Börse gegangen: Die Frage ist, ob weitere Portfoliounternehmen aus der zweiten Reihe ähnliche Erfolge verzeichnen können.“ Geht es nach Analystin Simon, befindet sich Rocket gerade eher in einem Moment des Innehaltens: „Investoren neigen dazu, wegen Amazons Marktmacht in Bezug auf E-Commerce-Plattformen sehr skeptisch zu sein.“ Sie glaubt, es gehe nun darum, bestehende Beteiligungen zu stärken.

Sozialistische Kernwerte: Chinas Regierung duldet im Internet keine Opposition

Der Internetunternehmer Zhang Yiming stand offenbar unter großem politischen Druck, als er diese Woche folgende Zeilen schrieb: „Die ganze Zeit haben wir übermäßiges Gewicht auf die Technologie gelegt und haben nicht erkannt, dass Technologie dem sozialistischen Kernwertesystem folgen muss und positive Energie verbreiten muss, um den Erfordernissen der Ära gerecht zu werden.“ Damit übte er den Kniefall vor Staats- und Parteichef Xi Jinping, der die „neue Ära“ des chinesischen Sozialismus ausgerufen hat. Zhang versuchte offenbar, von seinem Unternehmen Bytedance weiteren Schaden abzuwenden. Denn Chinas Zensoren haben seine beliebte Newsfeed-App „Toutiao“ für drei Wochen vom Netz genommen und die Witze-App „Neihan Duanzi“ ganz abgeschaltet. Staatsmedien und die Internetaufsichtsbehörde hatten der Plattform „Toutiao“ seit längerem vorgeworfen, unmoralische und pornographische Inhalte zu verbreiten.

Zhangs Entschuldigungsschreiben enthielt einen Hinweis darauf, was den chinesischen Behörden womöglich auch nicht gefallen hat: Er gelobt, künftig die Kooperation mit den Parteimedien zu verstärken und dafür zu sorgen, dass deren Inhalte stärker verbreitet werden. Beliebt war „Toutiao“ aber gerade deshalb, weil die Plattform den Nutzern mit Hilfe künstlicher Intelligenz nur solche Nachrichteninhalte zeigte, die sie schon in der Vergangenheit interessiert hatten. Bei vielen Nutzern standen die Staatsmedien offenbar nicht hoch im Kurs. Das Unternehmen, so Zhang, sei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden, Nutzer mit Informationen zu versorgen, von denen eine positive Energie ausgehe.

Zhangs offener Brief sei ein Beleg für die „große Spannung, die derzeit in China zwischen technologischer Innovation und Wirtschaftsreformen auf der einen und der Dringlichkeit der politischen Kontrolle auf der anderen Seite“ bestehe, schreibt der Medienwissenschaftler David Bandurski von der Universität Hongkong auf der Website des China Media Project. Neben explizit politischen Inhalten gehen die Zensoren immer stärker gegen Seichtes und Populäres vor, das nicht auf Parteilinie liegt.

Das zeigt auch die Abschaltung der Plattform „Neihan Duanzi“, die schmutzige Witze und satirische Videos verbreitete. Mehrere hundert enttäuschte Anhänger der App verabredeten sich am Mittwoch und Donnerstag zu Protestaktionen. Bei einer Kerzen-Mahnwache trugen sie die App zu Grabe, und auf dem Parkplatz der Medienaufsichtsbehörde veranstalteten sie ein Hup-konzert. Die Aktion dürfte die Sicherheitsbehörden in Alarmstimmung versetzen. Auf Gruppen, die sich über das Internet zu gemeinsamem Handeln verabreden, reagieren sie stets besonders allergisch.

Wenig Trost boten den Nutzern die Worte des Bytedance-Vorstandsvorsitzenden Zhang, der erklärte: „Unser Produkt hat sich in die falsche Richtung entwickelt und war wohl mit den sozialistischen Kernwerten nicht vereinbar.“ Im Stile einer klassische Selbstkritik gestand er ein, dass die tiefere Ursache der Probleme von Toutiao darin bestehe, dass das Unternehmen die von Xi Jinping erdachten „Vier Bewusstseins“ nicht verinnerlicht habe. Deshalb werde man nun alle Mitarbeiter in diesen vier Arten von Bewusstsein schulen und zudem 4000 Leute zusätzlich zur Kontrolle der Inhalte einstellen.

Facebook-Chef Zuckerberg „Es war mein Fehler, es tut mir leid“

Die Daten von rund 87 Millionen Facebook-Nutzern wurden abgegriffen, nun wurde Konzernchef Zuckerberg vom US-Kongress befragt. Schon vorher schickt der Internetmilliardär ein Schuldeingeständnis.

Nun hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg eine Entschuldigung angeboten: Sein Unternehmen, das größte soziale Netzwerk der Welt, habe nicht genug getan, um Schaden abzuwenden, schrieb Zuckerberg in einer schriftlicher Aussage an den ständigen Ausschuss des Repräsentantenhauses.

„Es war mein Fehler. Es tut mir leid. Ich habe Facebook gegründet, ich leite die Firma, und ich bin verantwortlich für das, was hier passiert ist.“ Zugleich warnt Zuckerberg aber auch vor einem wirtschaftlichen Schaden, der Facebook durch mehr Sicherheitsvorkehrungen drohe. Die „umfangreichen Investitionen in Sicherheit dürften die Profitabilität in nächster Zukunft“ beeinträchtigen.

Bei dem Datenskandal hatte der Entwickler der Umfrage-App „This is Your Digital Life“ vor über vier Jahren Informationen von Nutzern unrechtmäßig an die Analysefirma Cambridge Analytica weitergereicht. Später arbeitete unter anderem das Wahlkampfteam von US-Präsident Donald Trump mit den Daten. Dabei ging es nicht nur um private Informationen der Umfrageteilnehmer, sondern auch um die ihrer Facebook-Freunde.

Facebook wusste seit Ende 2015 von der unerlaubten Datenweitergabe – gab sich aber mit der Zusicherung zufrieden, dass die Daten vernichtet worden seien und informierte die Nutzer nicht. Das wird erst jetzt nachgeholt.

Erste Maßnahmen ergriffen
Zudem räumte Facebook ein, dass es möglich war, massenhaft öffentlich zugängliche Informationen der Nutzer abzugreifen, wenn man über deren Telefonnummer oder E-Mail-Adresse verfügte. Damit hätten zum Beispiel Versender von Spam-Mails ihre Nachrichten punktgenauer auf einzelne Personen zuschneiden können.

Zuckerberg bemüht sich seit einiger Zeit, die Situation zu entschärfen. Bereits in Blogeinträgen und einer einstündigen Telefonkonferenz mit Journalisten räumte er Fehler ein und versprach künftig schärferen Datenschutz.

Zudem reduzierte Facebook den Zugriff von App-Entwicklern auf Nutzerinformationen deutlich und ergriff Maßnahmen für mehr Transparenz bei Anzeigen mit politischen Themen und Wahlwerbung. Zugleich bekamen Nutzer mehr Möglichkeiten zum Schutz ihrer Privatsphäre gemäß der EU-Datenschutzgrundverordnung.

Trumps Krieg gegen die Medien „Washington Post“, CNN, „New York Times“

Donald Trump verschärft seine Angriffe auf kritische Medien: Jetzt will der US-Präsident unliebsame Journalisten offenbar sogar überwachen lassen. Die ständigen Attacken zeigen erste Wirkung.

Die Formulierung ist unmissverständlich. Das US-Heimatschutzministerium baue einen „Medienüberwachungsdienst“ auf, steht in dem sechsseitigen Papier mit der Nummer RNBO-18-00041, veröffentlicht auf der Ausschreibungs-Website der US-Regierung. Dafür suche man Vertragspartner, möglichst im Umkreis Washingtons. Bewerbungsfrist: 13.04., 13 Uhr.

Die Details scheinen von George Orwell zu stammen: Das Ministerium wolle „mehr als 290.000 Nachrichtenquellen“ aus dem In- und Ausland scannen und „Journalisten, Redakteure, Korrespondenten, Social-Media-Influencer, Blogger etc.“ in einer Datenbank speichern – nach „Inhalten“ und „Meinung“.

Der Zweck dieser rechtlich dubiosen Massenerfassung bleibt unklar. Die US-Regierung wolle „die Widerstandsfähigkeit der physischen und Cyber-Infrastruktur“ stärken, heißt es da nur. Kritiker befürchten dunklere Motive. Die Datenbank ziele auf Journalisten, die Donald Trump kritisierten, twitterte die Autokratie-Expertin Sarah Kendzior: „Eine böse Entwicklung.“

Angesichts der Dauertiraden des US-Präsidenten gegen unabhängige Medien ist das keine abwegige Annahme. Zumal diese Tiraden in den vergangenen Wochen immer lauter wurden: Zuletzt wetterte Trump vor allem gegen die missliebige „Washington Post“ und deren Besitzer, Amazon-Chef Jeff Bezos.

Trumps Medienaversion ist bekannt. Doch seine lange nur belächelten Wutausbrüche über CNN, die „New York Times“ und andere Medienhäuser zeigen inzwischen Wirkung, national wie international. Global wächst der Druck auf Journalisten, seit die USA die Pressefreiheit nicht mehr ganz so hochhalten. Trumps Überwachungspläne geben dem nun einen ominösen Kontext.

„Es nimmt überhand, und seine Berater müssen ihn davon abbringen“, klagte „NYT“-Chefredakteur Dean Baquet bei CNN über die „schädlichen“ Attacken Trumps. „Unsere Arbeit ist unverzichtbar.“ Ex-Außenministerin Madeleine Albright bezeichnete die „Untergrabung der Presse“ durch Trump in einem Interview mit dem Radiosender NPR sogar als einen der Faktoren, der ihn zum „antidemokratischsten Führer der US-Geschichte“ machten.

Bewusst oder unbewusst: In der Tat verlaufen die täglichen Angriffe Trumps nach dem klassischen Autokraten-Drehbuch. Trump nutzt offizielle Kanäle, um kritische Medien niederzumachen oder ihnen politisch die Arbeit schwer zu machen. Zugleich propagiert er regierungsnahe Organe wie Fox News und freundliche TV-Lokalsender. Am Ende verlieren die Konsumenten zusehends den Überblick darüber, was Wahrheit ist, was Fake News und was Staatspropaganda.

Trump führt seinen Krieg gegen die Medien zurzeit an mehreren Fronten:

1. Amazon, Bezos und die „Washington Post“
Seit Wochen wettert Trump gegen Amazon: Der Onlinekonzern vermeide Steuern und zocke die hochverschuldete Post ab. An beidem ist was dran, doch ist es komplexer als in Trumps Darstellungen. Ihm geht es um etwas anderes: Sein Zorn richtet sich gegen Amazon-Chef Jeff Bezos.

Insider begründen das so: Trump, der gerne der reichste Mann der Welt wäre, hasse Bezos, den reichsten Mann der Welt. Vor allem aber wolle er die „Washington Post“ treffen, die Bezos 2013 kaufte: Seine Schimpfkanonaden folgen oft direkt auf „Post“-Berichte. „Die ‚Washington Post‘ ist mehr Fiktion als Fakt“, twitterte er am Sonntag. „Eine Story nach der anderen erfundener Müll.“ Da hatte die Zeitung über ein Zerwürfnis zwischen Trump und seinem Stabschef John Kelly geschrieben.

2. AT&T, Time Warner und CNN
Ein Gerichtsprozess in Washington könnte dramatische Auswirkungen auf die US-Medienvielfalt haben. Die Regierung klagt gegen die Übernahme des Medienkonzerns Time Warner durch den Telekomriesen AT&T. Mit dem 86-Milliarden-Dollar-Deal will AT&T Streamingdiensten wie Netflix Konkurrenz machen. Das US-Justizministerium hat kartellrechtliche Bedenken erhoben.

Beobachter vermuten aber, dass die wahre Motivation auch hier anderswo liegt: Der Kabelsender CNN, den Trump gerne als „Fake News“ und „anti-Trump“ verteufelt, gehört Time Warner. Schon im vergangenen Jahr meldete die – von Trump gehasste – „New York Times“, dass er erwäge, die geplante Fusion als „Druckmittel“ gegen CNN einzusetzen. Kurz darauf kam die Klage dagegen.

3. Der lokale Fernsehmarkt
Wirbel machte zuletzt die Sinclair Broadcast Group, ein vergleichsweise wenig bekannter Konzern. Dabei ist Sinclair mit 193 Lokalsendern der größte TV-Betreiber der USA. Das Unternehmen plant nun, 40 weitere Lokalstationen zu übernehmen – und würde dann fast drei Viertel aller US-Haushalte bedienen.

Gegen dieses Quasi-Monopol hat die Regierung jedoch nichts einzuwenden: Die Kommunikationsbehörde FCC lockerte die Vorschriften sogar. Denn Sinclair ist Trump-freundlich. Seine Moderatoren müssen identische Manuskripte vorlesen und Videoclips ausstrahlen – oft mit konservativen Kommentaren von Boris Epshteyn, einem in Russland geborenen Ex-Berater Trumps, mit Terror-Panikmache oder Agitation gegen andere Medien.

Cannes kompakt: Die elf Trends der MIPTV 2018

In diesen Tagen trifft sich die Fernsehbranche wieder in Cannes. Die elf wichtigsten Trends zusammengefasst: Welche Genres sind gefragt? Welche Themen werden diskutiert? Ein knackiger Überblick.

Die FAANGs sind im Formatgeschäft angekommen

Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google – kurz die FAANGs – dieser Welt, mischen längst nicht mehr nur das Seriengeschäft auf. Mit Formaten wie „Grand Tour“ (Amazon), „Ultimate Beastmaster“ und „Queer Eye“ (Netflix) oder „Carpool Karaoke“ (Apple) wurden erste Schritte gemacht. Bei der MIPTV sind die FAANGs nun nicht mehr bloß ein spannendes Zukunftsszenario. Sie sind im Markt angekommen und pumpen Geld in einen Teil der Produktionslandschaft, die dank des Serienbooms durch schwierige Jahre ging.

Im Überangebot: Gameshows mit optischem Gimmick

Jeder internationale Verkaufserfolg zieht Nachahmer an: In diesem Jahr spürt man das im Genre Gameshow. Inspiriert durch „The Wall“ haben bei der MIPTV 2018 zahlreiche Distributoren Gameshows im Katalog, die sich durch ein dominierendes optisches Element abheben. Oftmals ist das Spielprinzip jedoch vergleichsweise altbacken. Die Inszenierung soll den Unterschied machen. So zum Beispiel bei „Hardball“ (Youngest Media für BBC One), wo eine langsam rollende Kugel die Sanduhr bzw. den Countdown für die Quiz-Kandidaten ersetzt.

Alternative Entertainment: US-Studios wollen wieder mitmischen

Reality-TV und Castingshows hatten immer einen Platz in der US-Primetime, doch mit immer mehr Gameshows- und Entertainment-Formaten im US-Fernsehen haben auch die zuletzt auf Serien fokussierten US-Studios wieder neue Lust auf „Alternative Programming“ bekommen, wie die non-fiktionale Unterhaltung im US-TV-Jargon genannt wird. Wir erleben Warner, NBC Universal, Lionsgate, Sony Pictures Television und andere, die so viel ins Format-Development in den USA investieren wie seit mehr als zehn Jahren nicht.

Immer wieder Dating – der Zombie unter den Genres

Nein, der nächste große Dating-Hit ist bei der diesjährigen MIPTV nicht zu entdecken. Es mangelt trotzdem nicht an Versuchen. Viele davon sind jedoch reichlich absurd oder versuchen auf furchtbar banale Art und Weise erfolgreiche Genres zu kreuzen wie z.B. ein sich selbst erklärender Titel wie „Love at first song“. Ein neuer Trend, der dem letzten großen Trend – dem experimentellen Dating, maßgeblich geprägt von Red Arrow Studios – folgen könnte, ist nicht zu beobachten. Trostpflaster für das Genre: Die schon etablierten Formate „First Dates“ (Warner) und eben „Married at First Sight“ (Red Arrow) waren im vergangenen Jahr weiterhin unter den meistverkauften TV-Formaten.

Branded Entertainment – jetzt machen es die Marken gleich selbst

Schon seit Jahren geistert Branded Entertainment als vermeintlicher Wachstumsmarkt über die Fernsehmessen der Welt. Richtig gezündet hat die Rakete allerdings nie. Anfangs war unsicher, was erlaubt war und was nicht. Später dann entdeckten die Produktionsfirmen das Segment und bildeten eigene Units oder Tochterfirmen für die Entwicklung von Branded Content. In Cannes erlebt man jedoch Branded Entertainment 3.0: Jetzt machen es die Marken selbst. Media Agenturen werden selbst zu Produzenten. Einen großen Aufschlag in Cannes hat z.B. The Story Lab, eine Tochter von Dentsu Aegis Network.

Die Welle des Businesstainment ebbt nicht ab

Zu den weltweit meistverkauften Formaten der vergangenen zwölf Monaten gehörte „Dragon’s Den“, die Formatvorlage für „Die Höhle der Löwen“. Dieses anhaltende Interesse von Sendern und Plattformen führt zu weiteren Formaten in diesem Genre. Ein Beispiel dafür: „Buy it now“, was demnächst in Großbritannien bei Channel 4 als tägliches Format startet. Hier haben Verkäufer nur 90 Sekunden um das Studiopublikum davon zu überzeugen, mit ihrem eigenen Geld das vorgestellte Produkt zu erwerben. Schaffen Sie dies, bekommen Sie die Chance mit Handelsvertretern über eine Distribution zu verhandeln.

Retro Entertainment: Bewährte Formate kehren zurück

Es ist ein Trend, der sich nicht nur in Deutschland beobachten lässt: International entdecken große wie kleine Fernsehmärkte den Reiz etablierter Formate, die beim Publikum mit Erinnerungen und positiven Emotionen aufgeladen sind. In Großbritannien kommt „Who wants to be a millionaire?“ Und „The Price is right“ zurück, in den USA ist „American Idol“ wieder da und bei uns kommt „X Factor“ zurück. Zahlreiche Distributoren wittertern Morgenluft – und präsentieren stolz frühere Erfolgsformate an ihren Ständen und in Anzeigen.

Zu viel des Guten: Serien sind zur Massenware geworden

Sie sind einfach überall, die Highend-Serien. Auf den Werbeplakaten, an den Ständen, in Podiumsdiskussionen, in Fach-Screenings der MIPTV und dem neuen Serienfestival Canneseries. Man kann sich freuen über die Flut an Produktionen, es aber auch kritisch beäugen: Die Highendserie wird zur Massenware – und die einzelne Produktion hat es inzwischen so schwer wie non-fiktionale Formate auch. Durchdringen im Konzert der unzähligen Programme ist deutlich schwerer geworden. Und nach Sichtung mancher Serien-Piloten muss man auch festhalten: Viele Serien bedeuten nicht unbedingt viele gute Serien.

Casting, Casting, Casting – und immer wieder Casting

Weltweit holen die Casting- bzw. Musikshows so oft so starke Einschaltquoten wie kein anderes Genre. Diesen ungebremsten Appetit des Publikums wollen auch bei der MIPTV 2018 wieder zahlreiche Produktionsfirmen mit neuen Castingshow-Ideen stillen. Die drei prominentesten Vertreter sind „The Four“ von Armoza Formats (das in den USA bei Fox in eine zweite Staffel gehen wird), „Should i stay or should i go“ (demnächst bei BBC One) und „All together now“ (Endemol Shine für BBC One). Alle drei haben eins gemeinsam: Eine stärkere Gamification und eine permanente Casting-Situation. Statt lange Heldenreisen zu erzählen, geht es um kurzweiliges Entertainment für den Augenblick.

Der größte Quatsch der Messe: Das Trendgenre „Emodventure“

Man muss sie einfach mögen, die absurden Wortschöpfungen im internationalen Formatgeschäft. Zuletzt wurde Emotainment etabliert und umfasst all jene Formate, die mit verschiedenster Mechanik in erster Linie über Charme und Emotion gepunktet haben. Formate wie „This time next year“ oder „Story of my life“ gehörten dazu. Bei dieser MIPTV ist eine neue Format-Kreuzung zu beobachten: Emotainment trifft auf Adventure. Schon ist Emodventure geboren. Besonders großer Quatsch: „The Mountain of Truth“. Ein Kandidat muss mühsam den Berg besteigern, weil ihm oben ein Freund, Verwandter oder Bekannter ein Geheimnis anvertrauen will.

Verschiebungen: Physical Challenge ersetzt Adventure

Im deutschen Markt konnten sich die Adventure-Shows nie durchsetzen. Internationale Erfolgsformate wie „Survivor“ oder „The Amazing Race“ taten sich schwer oder wurden gar nicht importiert. Mit „Ninja Warrior Germany“ hat nun aber der harte, schweißtreibende Wettbewerb um Stärke und Ausdauer in einer anderer Form seinen Weg ins deutsche Fernsehen gefunden – und nicht nur dorthin. Das führt dazu, dass international derzeit weniger neue Adventure-Shows, dafür aber umso mehr Physical-Gameshows entwickelt werden. Wenige davon allerdings mit einer eigenen Handschrift.

Belgische Sendung mit Rekordquoten TV-Show macht sich über Dicke, Behinderte, Homosexuelle lustig

Jeder hat das Recht, verarscht zu werden: Belgische TV-Show feiert Quotenerfolge mit Witzen über Behinderte und Übergewichtige.

Moderator Philippe Geubels sagt es gerade raus: „Es ist eine Sendung, in der man sich über Leute lustig macht, über die man sich nicht lustig machen sollte.“ Von Januar bis März moderierte der flämische Komiker immer sonntags die Sendung „Taboe“ (Tabu), in der er mit und über fettleibige oder behinderte Menschen lacht. Dem niederländischsprachigen öffentlich-rechtlichen Sender Eén bescherte er damit Rekord-Einschaltquoten. Auch bei der Branchen-Messe MIPTV 2018 in Cannes sorgt die Show derzeit für Aufsehen.

In den ersten acht Episoden der Sendung fanden sich unter den Gästen Menschen mit starkem Übergewicht, mit psychischen Problemen, unheilbaren Krankheiten und schweren Behinderungen. Außerdem Bedürftige, Sehbehinderte, Homosexuelle und Menschen mit Migrationshintergrund. Geubels lädt die Teilnehmer zunächst für einige Tage in ein Landhaus ein, wo sie vor der Kamera ihre Geschichte erzählen. Ein paar Monate später sitzen sie dann live bei ihm in der Sendung: „Ein Kind ohne Arme hat viele Vorteile: Es bohrt nicht in der Nase und legt seine Ellbogen nicht auf den Tisch“ – mit politisch sehr unkorrekten Witzen bringt er das prallvolle Fernsehstudio zum Lachen. Offensichtlich kommt es an, dass hier das Motto versendet wird, wonach jeder ein Recht darauf hat, verarscht zu werden.

Verhaltene Proteste
„Egal wie ernst deine Situation ist, du musst in der Lage sein, weiter zu lachen“, lautet das Motto des Komikers. Die Proteste halten sich bislang in Grenzen. Stattdessen hatte „Tabus“ den besten Auftakt einer Sendung in der Geschichte des belgischen Fernsehens. Mehr als die Hälfte der Fernsehzuschauer schaltete live zu. Die Wiederholungen miteinbezogen sahen dem Sender zufolge fast 1,8 Millionen Menschen die Sendung. „Wir haben viele Gratulationsschreiben mit vielen neuen Ideen erhalten“, sagte Produzentin Kato Maes der Nachrichtenagentur AFP. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung. Außerdem sei die Sendung gekauft worden, um in Frankreich, den Niederlanden, den USA, Großbritannien, Israel, Finnland, Dänemark und Norwegen ausgestrahlt zu werden. Deutsche Sender haben bislang kein Interesse gezeigt – die Showperspektive ist durchaus heikel. Zweifel aber, dass die Quoten so unterirdisch wären wie die Witze, sind kaum angebracht.

„Die Tabus wurden anhand ihres humoristischen Potenzials ausgewählt. An Transsexuelle und Juden haben wir uns in dieser ersten Staffel noch nicht herangetraut“, sagte Maes. Ausgeschlossen sei jedoch nichts, solange „man nicht brutal und immer respektvoll ist“.

Christliche Medien im Umbruch: Ganz ohne Bibel geht es nicht

Wie sich die konfessionellen Medien in einer zunehmend säkularen Welt behaupten wollen. Dabei spielen Berichte über Fastenaktionen wie „Sieben Tage Ohne“ und über christliche Tattoos eine Rolle.

Rund zwei Drittel der Deutschen haben haben einer Umfrage von infratest dimap zufolge mit Glaube und Religion wenig bis gar nichts am Hut. Trotzdem finden die christlichen Medien auf verschiedenen Wegen ihre Leser auch außerhalb der Gemeinden. Ob als Agenturmeldung in den Nachrichten, als Beilage in der Wochenzeitung oder im Netz: Die Medien der evangelischen und katholischen Kirche sind in allen Bereichen der deutschen Presselandschaft etabliert. Sie bewegen sich zwischen Nachrichten- und Special Interest-Journalismus, zwischen Kirchen-PR und Kirchen-Berichterstattung.

Der Evangelische Pressedienst (epd) beliefert etwa zwei Drittel aller 333 Tageszeitungen in Deutschland, darunter alle überregionalen Blätter. Die Redaktion produziert Beiträge zu Politik, Kirchen- und Glaubensthemen, zu Sozial- und Entwicklungspolitik und berichtet mit sieben Landesdiensten aus den Regionen. Die Reichweite von epd ist nach eigener Darstellung auf rund drei Viertel der gesamten Tageszeitungsauflage gestiegen. Die liegt laut Zeitungsverlegerverband bei 15,3 Millionen. Der epd wird von der evangelischen Kirche getragen und ist Teil des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik, in dem auch das bekannte Magazin „Chrismon“ und die Evangelische Journalistenschule organisiert sind.

Weniger Kunden, aber höhere Reichweite
Die Katholische Nachrichten-Agentur KNA beliefert etwa 900 Kunden mit ihren Landes- und Themendiensten. Die Zahl der redaktionellen Kunden des sogenannten „Basisdienstes“ ist von 126 auf 116 zurückgegangen. Das liege unter anderem an Konzentrationsprozessen durch Fusionen von Zeitungshäusern. Zugleich sei die Reichweite jedoch insgesamt gestiegen, sagt KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel und begründet dies mit steigenden Zugriffszahlen der Online-Angebote.

Zu den konfessionellen Beziehern der KNA zählt das Online-Portal der katholischen Kirche, Katholisch.de, dessen Gesellschaft sich als „Schwester“ von KNA versteht. Katholisch.de ist mit rund 1,1 Millionen Besuchen monatlich (IVW 02/18) das reichweitenstärkste kirchliche Portal in Deutschland. Die Seite berichtet tagesaktuell über kirchenpolitische und gesellschaftliche Ereignisse und lädt Videos wie den „Tagessegen“ und Erklärfilme wie „Ostern in 90 Sekunden erklärt“ hoch, der auf dem YouTube-Kanal der Plattform etwa 33 000 Aufrufe hat. Vor kirchlichen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten hätten Beiträge zu diesen Anlässen eine hohe Nachfrage, sagt Björn Odendahl, stellvertretender Chef vom Dienst bei Katholisch.de. Sehr gefragt seien die eher niedrigschwelligen Texte, „also Artikel, die keine hochtrabende Theologie beinhalten, sondern erklären, was an diesen Tagen überhaupt gefeiert wird und warum“.

Die Katholisch.de-Leser sind durchschnittlich 48,5 Jahre alt, überwiegend männlich und zu 92 Prozent katholisch. Die Redaktion versuche aber, eine noch jüngere, nicht männliche und nicht zwingende katholische Zielgruppe anzusprechen, so Odendahl. Etwa über Social Media: Auf Instagram hat @katholisch_de 6000 Follower, postet unter anderem Fotos und Stories von einer Pilgerreise nach Israel und tägliche Bibelsprüche, wofür es im Schnitt einige hundert Likes gibt.

Die Zugriffszahlen von Katholisch.de belegen für Odendahl, dass das Interesse an Religion und Kirche noch immer vorhanden ist. Der zunehmend fehlenden kirchlichen Sozialisation der Menschen versuche man mit einer Mischung aus klassischen Kirchennachrichten und bunten Themen, wie der Taufe im britischen Königshaus oder Reportagen, zu begegnen. „Wir versuchen, unsere Botschaft ohne erhobenen Zeigefinger zu vermitteln“, sagt Odendahl.

Die Webseite Evangelisch.de ist im Kontrast zum andächtig weinrot gestalteten Katholisch.de auffällig bunt koloriert. Sie wird, wie der epd, vom Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik betrieben. Das Angebot richtet sich an „hoch verbundene und kirchlich engagierte Menschen“, erklärt Portalleiter Hanno Terbuyken. Die Beiträge bewegen sich zwischen Service („Evangelische Rezepte für die Feiertage“), epd-Nachrichten der EPD („USA kürzen Gelder für UN-Friedensmission“) und Themen mit Gemeindebezug, wie das Portrait über eine Klinikseelsorgerin.

Margot Käßmann im Video
Das Kirchenportal will jung, bunt und niedrigschwellig wirken. So handelt ein prominenter Beitrag in der Rubrik „Bibel“ von christlichen Tattoos, inklusive Bildergalerie. Die Leser sind durchschnittlich 30 bis 35 Jahre alt, gleichermaßen männlich wie weiblich und größtenteils in Gemeinden eingebunden, so Terbuyken. Auf YouTube erhält Evangelisch.de mit einer Reportage-Serie über eine angehende Pfarrerin einige hundert Klicks, ein Videostatement von Margot Käßmann hat etwa 2000 Aufrufe. Die meisten Videos sind keine Klickgiganten. Dazu passt wohl die jüngste Nachricht, dass die evangelische Kirche die Influencer-Agentur Mediakraft angeheuert hat, um einen eigenen YouTube-Kanal zu konzipieren, der unabhängig neben den bestehenden Kanälen laufen soll.

Auch bei dem protestantischen Portal beeinflusst der Kirchenkalender die Nachfrage: Zwischen Aschermittwoch und Ostern verzeichnet Evangelisch.de die meisten Zugriffe, was laut Portalleiter Terbuyken auch an der Fastenzeit und der Fastenaktion „Sieben Tage Ohne“ liegt. Das Portal hatte mit seinen Subdomains im Februar etwa 590 000 monatliche Besuche, etwa 100 000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Während des Jahres seien vor allem Service-Stücke zu Trauung, Taufe und Konfirmation „Topseller“, erklärt Terbuyken: „Das sind Themen, bei denen christliche Medien die vertrauenswürdigsten Informationen bieten können, Fragen, die nur wir beantworten können.“ Aber auch aktuelle Themen wie Migration und ethische Fragen würden viel gelesen. So wie die „Chrismon“-Titelgeschichte zum Vogelsterben: „Das ist kein primär kirchliches Thema, aber es stieß auf große Resonanz.“

Das Monatsmagazin „Chrismon“ liegt als Supplement unter anderem der „Zeit“ bei und hat eine Auflage von etwa 1,6 Millionen Exemplaren. Es richtet sich primär an am Glauben interessierte Leser. Die März-Ausgabe macht mit einem Vogelexperten-Interview auf, eine Reportage handelt von philippinischen Pflegekräften in einem sächsischen Pflegeheim. Keine hohe Theologie, sondern Geschichten mit ethischem oder sozialem Bezug. Eindeutig christliche Inhalte findet man mitunter. So behandelt ein Beitrag die Frage, wie man die Auferstehung einem Kind erklärt („Falsch sei es jedenfalls, dem Kind die eigenen Gedanken aufzudrängen“). Ganzseitige Anzeigen werben für Reisen nach Armenien oder ins Heilige Land. Ein bisschen Bibel muss eben doch sein.

Autohandel im Netz: Der lange Weg zur Conversion

Die Online-Dynamik im Autohandel nimmt weiter zu. Doch noch schrecken die Kunden davor zurück, auch die endgültige Entscheidung für den Kauf im Netz zu vollziehen.

Mit einem Schlag zum Milliarden-­Unternehmen: Seitdem sich der Technologie-Fund Softbank Vision Mitte Januar mit 460 Millionen Euro an der ­Auto1 Group beteiligte, ist die Bewertung des Auto-­Online-Händlers auf 2,9 Milliarden Euro gestiegen. Auch wenn die ­Endkundenmarke Wirkaufendeinauto.de deutlich bekannter ist als die dahinter stehende Auto1 Group, sieht das auf den ersten Blick als recht hoch gegriffen aus. Doch das Unternehmen hat etwas geschafft, was bisher in der Automobilbranche einzigartig ist: Es hat einen durchgängigen Online-Verkaufsprozess etabliert. Über Plattformen wie Wirkaufendeinauto.de kauft Auto1 jährlich mehrere Hunderttausend Fahrzeuge an, zur Abwicklung dient ein Netz von europaweit mehr als 350 Partnerhändlern.

Aus einem ständigen Pool von 40.000 Automobilen verkauft das Unternehmen über die B2B-Plattform Auto1 die Gebrauchtwagen an mehr als 40.000 Händler weiter. Der große Erfolg im Kerngeschäft hat Auto1 in den letzten Monaten dazu ermutigt, die Fühler auch in Richtung B2C-Handel auszustrecken. Mit dem Online-Autohaus Autohero will das Unternehmen Gebrauchtwagen direkt an Online-Kunden verkaufen. Und auf Wirkaufendeinauto.de wird nach dem gleichen Prinzip die Funktion „Auto kaufen“ erprobt. Hat Auto1 mit den neuen B2C-Angeboten Erfolg, hätte es das Unternehmen als Erster geschafft, Autokäufe nicht nur online anzubahnen, sondern diese komplett über das Netz ­abzuwickeln – ein Modell, an das sich der Wettbewerb bisher nicht heranwagt.

Der Kampf um die letzten Meter
Marktführer beim Gebrauchtwagenhandel im Netz ist weiterhin Mobile.de. Die Ebay-Tochter weist ein Angebot von mehr als 1,5 Millionen Fahrzeugen aus, mehr als 15 Millionen Nutzer sowie über 43.000 bei der Plattform registrierte Autohändler. „Wir sind als Marktplatz erfolgreich und das soll auch so bleiben“, stellt Unternehmenssprecher Christian Maas klar. Anders als Auto1 sei Mobile.de niemals in der Händlerrolle und überlasse den Verkaufsabschluss den Vertragsparteien. „Bis auf den letzten Schritt finden sehr viele Etappen der Customer Journey beim Autokauf aber schon online statt“, erklärt Maas.

Plattformen wie Mobile.de schafften für Kaufinteressenten maximale Transparenz und ermöglichten es, den Kaufabschluss weitgehend online anzubahnen. Mit ­einem soeben gestarteten Finanzierungsmodell will Mobile.de den Online-Anteil der Customer Journey weiter ausdehnen und mit dem „MotorVerkauf“ bietet die Plattform inzwischen einen an Wirkaufendeinauto.de angelehnten Service an. Dennoch steht für Maas außer Frage: „Den Abschluss will der Kunde weiter ­direkt mit dem Verkäufer machen.“

Ähnlich sieht das auch Alexander Bugge, Gründer und Geschäftsführer der Neuwagenplattform Meinauto.de: „Die letzten Meter möchte der Kunde bei ­einem haptischen Produkt wie dem Auto mit einem Händler vor Ort gehen.“ Das belege eindrücklich der Erfolg des von Meinauto.de vor zwei Jahren gestarteten Services „Mein Auto local“. Der Dienst führt Kunden, die im Internet nach Neuwagenangeboten suchen, mit lokalen ­Autohäusern zusammen. „Die Registrierung des 4.000. Händlers in zwei Jahren bestätigt, dass ‚Mein ­auto local‘ eine gute Lösung zu einem der wichtigsten Themen für den Automobilhandel beisteuert“, ­erklärt Bugge.

Kauf von Neuwagen im Netz
Geschätzt 90 Prozent des Weges beim Kauf eines Neuwagens legten die Kunden heute im Netz zurück. So sei die Markentreue der Autointeressenten auf dem Rückzug und die Entscheidung für ein bestimmtes Modell falle immer häufiger erst nach ausführlicher Informationssuche im Internet. „Wir wollen das weiter fördern, indem wir unsere Plattform technologisch und mit redaktionellem Content weiter verbessern“, kündigt Bugge an. Auch solle die Online-Community der Plattform weiter ausgebaut werden und den Kunden mit Nutzerempfehlungen zusätzliche Entscheidungshilfe geboten werden.

Auch das Geschäftsmodell von Mein­auto.de wurde in letzter Zeit durch ein größeres Investment bestätigt. So beteiligte sich der Hg Capital Trust Anfang 2018 mit 6,7 Millionen Britischen Pfund an der Neuwagenplattform. „Mit den Investments bei Auto1 und bei uns kommt Bewegung in die Branche. Man merkt, dass der Markt jetzt verteilt wird und auch die Hersteller positionieren sich immer klarer in Sachen Online“, erklärt Meinauto-Chef Bugge.

Mozilla Firefox ist 20: Der gallische Browser

Vor 20 Jahren veröffentlichte Netscape einen Quellcode, das war die Geburtsstunde von Mozilla. Seither bemüht sich die Stiftung – vor allem mit dem Firefox-Browser – das freie Internet zu verteidigen.

Wir befinden uns im Jahr 2018 n. Chr.: Das ganze Internet ist von Silicon-Valley-Giganten besetzt … Das ganze Internet? Nein! Das von unbeugsamen Leuten bevölkerte Non-Profit-Unternehmen Mozilla hört nicht auf, den Platzhirschen Widerstand zu leisten. Das Leben ist nicht leicht für die Browser-Anbieter, die als Besatzung in den Lagern Chrome, Explorer, Safari und Edge liegen. An diesem Samstag ist es 20 Jahre her, dass der Open-Source-Code des Browsers Netscape Navigator veröffentlicht wurde, es war quasi die Geburtsstunde von Mozilla.

„Es ist schwer, mit diesen profitorientierten Unternehmen mitzuhalten. Wer in dieser App-Welt Leute erreichen möchte, der braucht viel Geld – diese Ressourcen stehen uns nicht zur Verfügung“, sagt Mitchell Baker am Telefon. Sie ist seit dem ersten Tag dabei, mittlerweile ist sie geschäftsführende Vorständin der Stiftung Mozilla Foundation: „Wir sind im Vergleich zu unseren Konkurrenten ziemlich klein, ein Underdog sozusagen – aber manchmal muss man eben tun, was sich richtig anfühlt. Wenn wir uns so verhalten würden wie die großen Firmen, dann könnten wir auch dorthin wechseln und viel Geld verdienen.“

Das klingt idealistisch, und in den vergangenen Tagen haben sie tatsächlich einiges getan bei Mozilla, von dem sie glauben, dass es sich richtig anfühlt. Denn pünktlich zum Jubiläum tauchte der Skandal um das soziale Netzwerk Facebook und die Analysefirma Cambridge Analytica auf, die Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern missbraucht hat. Mozilla hat nun angekündigt, keine Werbeanzeigen mehr auf Facebook schalten zu wollen. „Die Leute wissen, dass sie Facebook Daten überlassen, wenn sie sich dort bewegen – dass Facebook also sehen kann, welche Inhalte die Nutzer einstellen oder bei welchen Sachen sie ‚Gefällt mir‘ drücken“, sagt Baker. „Die Enthüllungen zeigen jedoch, dass auch Dritte an diese Daten gelangen können. Also haben wir überlegt: Was können wir tun?“

Auf Mobilgeräten wird Firefox nur selten installiert – bislang
Ergebnis dieser Überlegungen war eine Erweiterung für ihren Browser Firefox: Facebook Container. Man muss sich die Zeit bei Facebook vorstellen wie einen Besuch im Gemeindehaus einer Stadt: Wer dort etwas tut, der muss sich darüber im Klaren sein, dass es andere sehen können und sich die Aktivitäten merken. Allerdings kommt Facebook beim Verlassen des Gebäudes einfach mit, sieht einem weiterhin über die Schulter und sammelt fleißig Daten – unabhängig davon, ob die Nutzer noch bei Facebook eingeloggt sind oder nicht. „Was nützt es mir denn, wenn Facebook diese Informationen bekommt?“, fragt Baker und liefert die Antwort gleich selbst: „Das nützt doch nur Facebook – oder wer immer diese Daten letztlich bekommt.“

Die Firefox-Erweiterung soll Facebook vom Rest des Internets isolieren. Wer sie installiert, wird automatisch bei Facebook ausgeloggt, sämtliche Cookies – also jene kleinen Dateien, die während des Surfens im Hintergrund angelegt werden, damit die Nutzer etwa auf bestimmten Seiten angemeldet bleiben oder damit Werbeunternehmen potenzielle Kunden erkennen können – werden sogleich gelöscht. Wenn man so möchte, dann sperrt der Container von Firefox das soziale Netzwerk in seinem eigenen Gemeindehaus ein. „Es ist keine absolute Lösung, Facebook bekommt immer noch sehr viele Daten aus seiner eigenen Infrastruktur“, sagt Baker. Der Container hätte zum Beispiel nicht verhindern können, dass Cambridge Analytica auf Facebook-Daten zugreift, allerdings wären diese Daten dann deutlich weniger aufschlussreich gewesen: „Es ist ein Ziegelstein in einer Mauer, die jeder um das soziale Netzwerk herum aufbauen und so seine Privatsphäre schützen kann.“

Wer sich mit Baker unterhält, der bemerkt, dass sie sich einerseits in der Asterix-und-Obelix-Rolle der rebellischen Gallierin gefällt – dass sie jedoch auch besorgt beobachtet, dass die Römer immer mächtiger und aggressiver werden. „Es fühlt sich ein bisschen so an wie in den 1990er-Jahren, als Microsoft quasi ein Monopol hatte und den Wettbewerb nicht gerade gefördert hat“, sagt sie. Nun gebe es einige weitere Unternehmen, die unfasslich erfolgreich sind und mit harten Bandagen kämpfen würden: „Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir scheuen den Wettkampf gewiss nicht – wir wollen nur gerne erreichen, dass er auf möglichst neutralem Boden ausgetragen wird.“

Es stimmt schon: Auf einem iPhone ist der Apple-Browser Safari installiert. Wer mit einem Windows-Computer im Internet surft, der wird permanent und durchaus penetrant gefragt, ob er nicht doch lieber den Microsoft-Browser Edge verwenden möchte. Und wer in den Vereinigten Staaten statt eines Kabelanschlusses lieber das Google-Angebot Youtube TV verwenden möchte, der bekommt beim Surfen auf einem anderen Browser mitgeteilt, dass diese Webseite nur mit dem Google-Produkt Chrome funktionieren würde. Laut einer Studie der Wikimedia Foundation verfügen die Google-Browser auf allen Plattformen zusammengerechnet über einen Marktanteil von 47,5 Prozent. Apple: 21,1. Microsoft: 9,4. Mozilla: 6,5. Vor einigen Jahren sind es noch 30 Prozent gewesen. Vor allem auf mobilen Geräten sind Produkte des Non-Profit-Unternehmens derzeit kaum präsent, der Marktanteil liegt bei weniger als einem Prozent.

Mozilla hat mit dem Verzicht auf Werbung bei Facebook und der Firefox-Erweiterung nun immerhin für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Es ist jedoch keineswegs gewiss, dass sich das auch dauerhaft auf die Anzahl der Nutzer auswirken wird. Baker hat anlässlich des 20. Geburtstages das sogenannte „Mozilla-Manifest“ überarbeitet, das übergeordnete Ziel aber ist das gleiche geblieben: das Internet als globale öffentliche Ressource zu verteidigen, die offen und frei zugänglich und dennoch sicher für jeden Nutzer ist. „Die Leute beschäftigen sich mit Privatsphäre und Sicherheit – es ist unsere Aufgabe, das beste Produkt dafür zu liefern“, sagt Baker. Es scheint, als hätten sie noch ein bisschen Zaubertrank übrig bei Mozilla.

Microsoft will mit Umbau stärker aus dem Windows-Schatten

Windows war der Grundstein von Microsoft und über Jahrzehnte drehte sich bei dem Software-Riesen alles um das PC-Betriebssystem. Doch die Zeiten haben sich geändert – und jetzt stuft Konzernchef Satya Nadella bei einem Umbau die Rolle von Windows herunter.

Microsoft löst sich mit einem großangelegten Konzernumbau stärker von der Vergangenheit, in der Windows die tragende Säule des Geschäfts war. Der Fokus soll künftig noch stärker auf Cloud-Diensten und künstlicher Intelligenz liegen. Der langjährige Windows-Chef Terry Myerson verlässt Microsoft.

Der Software-Riese wird nun in zwei neue große Bereiche aufgeteilt, wie Microsoft-Chef Satya Nadella ankündigte. Der eine wird sich auf Cloud-Dienste und künstliche Intelligenz konzentrieren, der andere auf „Erlebnisse“ und Geräte. Es eine der radikalsten Umbaumaßnahmen in der mehr als 40-jährigen Geschichte des Konzerns.

Windows ist wichtig – aber nicht mehr so wichtig
Myerson, der über 20 Jahre bei Microsoft war, hatte bisher die große Sparte geleitet, die für Windows und die Geräte von Microsoft wie die Surface-Tablets zuständig war. Unter anderem mit der jahrelangen Talfahrt des PC-Marktes und dem Aufstieg der Smartphones spielt das Windows-Betriebssystem heute aber nicht mehr die einstige zentrale Rolle im Computergeschäft. Bei Smartphones konnte Windows nicht Fuß fassen, selbst als Microsoft das Nokia-Handygeschäft kaufte, um dem Mobil-Betriebssystem Schwung zu verleihen.

Nadella arbeitete in den vergangenen Jahren daran, das Geschäft von Microsoft stärker über Windows hinaus auszubauen, das den Grundstein für den Aufstieg des Software-Konzerns gelegt hatte. Eine zentrale Marschrichtung dabei waren Cloud-Dienste, bei denen Software, Daten und Rechenkapazität aus der Internet-„Wolke“ bereitgestellt werden. Eine intelligente Cloud und intelligente Geräte würden die nächste Phase der Innovationen bestimmen, schrieb Nadella in einer E-Mail an die Mitarbeiter.

Erste Erfolge bereits sichtbar
Der Kurs von Nadella zeigte bereits Erfolg: Die Erlöse von Microsofts Cloud-Plattform Azure hatte sich im vergangenen Quartal fast verdoppelt und das Geschäft mit der online-basierten Bürosoftware Office 365 wuchs um gut 40 Prozent. Konkrete Umsatzzahlen für die Bereiche nannte Microsoft bisher allerdings nicht. Die PC-Sparte, die auch Windows einschloss, legte um zwei Prozent auf gut zwölf Milliarden Dollar zu.

An der Börse kamen die Umbaupläne gut an: Die Aktie legte bis zum Börsenschluss in New York am Donnerstag um gut zwei Prozent zu.

Brexit: EU-Kommission droht mit Kündigung von über 300.000 britischen .eu-Domains

Mit dem Ausscheiden aus der EU können Organisationen und Bürger aus Großbritannien keine Webadressen unter der Top Level Domain .eu mehr registrieren, hat die EU-Kommission verdeutlicht. Bestehende Einträge dürften sogar widerrufen werden.

Im Poker um einen Vertrag über einen „geordneten Rückzug“ Großbritanniens aus der EU hat die EU-Kommission im Internetbereich drastische Maßnahmen angekündigt. In einer unvermittelt veröffentlichten Mitteilung stellt die Generaldirektion für Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien zunächst klar, dass mit dem Tag des Ausscheidens britische Firmen, Organisationen oder Bürger „nicht länger berechtigt sein werden, Domainnamen mit der Endung .eu zu registrieren“. Zudem dürften Registrierungsstellen ab diesem Termin einschlägige Webadressen der Betroffenen nicht mehr verlängern.

Diese Ansage deckt sich mit der laufenden Rechtsprechung. So hatte der Gerichtshof der Europäischen Union schon 2012 entschieden, dass Unternehmen, die eine Marke als .eu-Domainnamen anmelden, diese auch selbst gewerblich nutzen und in einem Mitgliedsstaat sitzen müssen. Für nichteuropäische Firmen sind die entsprechenden Adressen also nicht gedacht. Zumindest mit traditionellen Gepflogenheiten der technischen Internetgemeinde droht die Kommission aber mit ihren weiteren Ausführungen zu brechen: So kündigt sie an, dass bestehende britische .eu-Adressen mit dem Stichtag Ende März 2019 ohne Widerspruchsrecht gekündigt werden könnten.

Mehr als 300.000 .eu-Adressen betroffen
Wenn die allgemeinen Kriterien für den Besitz einer virtuellen .eu-Heimstätte nicht mehr gegeben seien, stehe es der zuständigen Registrierungsinstanz offen, „solche Domainnamen in Eigeninitiative abzuerkennen“, schreibt die Generaldirektion der Brüsseler Regierungseinrichtung. Bei einem solchen Vorgang sei es auch nicht nötig, diesen vorab einer außergerichtlichen Schiedsstelle vorzulegen.

Derzeit gebe es rund 317.000 .eu-Adressen, die in Großbritannien registriert seien, rechnet The Register vor. Dies entspreche rund einem Zehntel der gesamten Einträge bei der Verwalterin der europäischen Top Level Domain (TLD), Eurid. Diese Menge an Adressen einfach zu stornieren, hätte nicht nur einen großen Einfluss auf das Budget der Registrierungsinstanz, sondern auch auf das der EU. Die Gemeinschaft erhalte jährlich einige Millionen Euro an Überschüssen von Eurid. Die Registrierstelle hatte 2007 die Preise für die Inanspruchnahme von .eu-Domains und deren jährliche Erneuerung von zehn auf fünf Euro gesenkt, macht damit aber immer noch ein ganz gutes Geschäft.

Eurid zeigte sich völlig überrascht von den Plänen der Kommission. Man habe den Link dazu auch erst kurzfristig erhalten, heißt es bei der Domainverwaltung. Zugleich hebt sie eine Passage in dem Hinweis hervor, wonach sich die geplante Vorgehensweise noch ändern könnte. falls es zum Abschluss eines Übergangsvertrags mit London komme. Offenbar hofft Eurid so darauf, dass es bei der Mitteilung vor allem um einen Einsatz am Verhandlungstisch geht. Bisher ist es in der Internetwirtschaft üblich, dass einmal vergebene TLDs möglichst lange aufrechterhalten werden und darunter registrierte Adressen eine Art Bestandsschutz genießen. Dahinter steht die Idee, einmal geknüpfte Verbindungen aufrechtzuerhalten.

Bitcoin verliert an Beachtung und an Wert

Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook wollen zukünftig nicht mehr für Kryptowährungen und deren Handelsplätze werben. Das wird Bitcoin & Co. Popularität und Wert kosten, dürfte aber im Sinn der Erfinder dieser digitalen Währungen sein.

Bewirbt die Schweizerische Nationalbank den Franken, damit dessen Wert steigt? Nein, denn einerseits ist das Institut der Währungsstabilität verpflichtet, andererseits genießt der Franken ein Quasimonopol als Zahlungsmittel auf Schweizer Staatsgebiet. Bei den Kryptowährungen ist das ein anderer Fall, sie konkurrieren mit traditionellen Zahlungsmitteln weltweit und vor allem mit einer Vielzahl anderer Kryptowährungen.

Weil die wenigsten Investoren vor zwei Jahren Bitcoin im eigenen Wallet hatten oder diese für Zahlungen benutzten, mussten sie den Anwendern erst einmal bekannt gemacht werden. Deshalb vertrauten die Herausgeber von neuen Währungen unter anderem auf die sozialen Netzwerke, um ihre Produkte zu promoten. Doch damit ist es nun vorbei. Mit dem herben Kursrückschlag von fast 20 000 Fr. (~ 17 000 Euro) auf deutlich unter 10 000 Fr. (~8 500 Euro) haben zahlreiche Anleger viel Geld verloren. Auch Handelsplätze, die von Hackern geknackt wurden, und Coin-Emissionen von zweifelhaften Unternehmen haben das Image von Kryptowährungen angekratzt. Plattformen wie Facebook, Google, Instagram u. a. wollen ihre Kunden nicht zu windigen Investments verleiten und haben angekündigt, in Bälde die Werbung für Kryptowährungen, Börsenplätze und Emissionen (ICO) zu untersagen. Vor wenigen Tagen schloss sich auch der Kurznachrichtendienst Twitter dieser Absicht an. Das dürfte neben einer zunehmenden Regulierung mit ein Grund für das Absacken des Bitcoin-Kurses auf rund 8000 Fr. (~ 6800 Euro) sein.

Ein Finanzprodukt, das vom Boom lebt, braucht Öffentlichkeit, um immer neue Käufer anzulocken. Das dürfte vorerst vorbei sein. Im Januar, als der Bitcoin fast 20 000 Fr. erreichte, verzeichnete Google Analytics einen Höchststand für Suchanfragen für Bitcoins. Doch mittlerweile sind die Anfragen stark eingebrochen. Nicht alle Krypto-Verfechter sind unglücklich über das nachlassende Interesse an Kryptowährungen. Die vielen Meldungen über die sensationellen Kursavancen von Bitcoin & Co. haben viele schlecht informierte Spekulanten angelockt. Diese Klientel ist für eine Technologie, die sicher, günstig und schnell sein will, nicht der beste Werbeträger. Am meisten profitieren Kryptowährungen davon, wenn sie genutzt und für Zahlungen verwendet werden. Wahrscheinlich über 90% der Bestände (verlässliche Zahlen sind in der Krypto-Welt Mangelware) werden aber von Spekulanten gehortet und nicht für Zahlungen genutzt. Keine gute Basis, um das Zahlungswesen zu revolutionieren.

Burda-Chef Kallen fordert strengere Regulierung für Facebook & Co.

Eine strengere Regulierung amerikanischer Internetkonzerne wie Facebook fordert der Vorstandsvorsitzende der Hubert Burda Media, Paul-Bernhard Kallen. „Das kommt nicht durch den Markt wieder in Ordnung, zumal die großen Internetkonzerne nicht aktionärsdemokratisch geführt werden, sondern Kriegskassen vorhalten, um den Wettbewerb zu behindern“, sagte Kallen.

Facebook sei ein Medienunternehmen und damit verantwortlich für die Inhalte und die Daten, sagte Kallen. „Wenn Mark Zuckerberg das von sich weist, ist das absolut lächerlich.“ Kritisch sieht Kallen auch, dass Unternehmen wie Facebook oder Google im großen Stil personenbezogene Daten von Nutzern auch auf anderen Internetseiten in Deutschland sammeln sowie auswerten würden.

„Faktisch bauen diese Konzerne Profile von Nutzern aus dem gesamten Internet und vermarkten diese“, so der Burda-Chef. „Richtig wäre es, wenn alle Unternehmen, die persönliche Daten sammeln oder personenbezogene Daten erstellen, diese nach 90 Tagen löschen müssen – so wie bei der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung der Deutschen Telekom.“

Werbepartner kehren Facebook nach Datenskandal den Rücken

Nach dem Datenskandal um Facebook und die Firma Cambridge Analytica kehren erste Unternehmen dem weltgrößten Online-Netzwerk zumindest zeitweise den Rücken.

In der Nacht zum 24.03 gingen die Facebook-Seiten des Elektroauto-Herstellers Tesla und der Raumfahrt-Firma SpaceX vom Netz. Bereits zuvor kündigte Mozilla, der Entwickler des Web-Browsers Firefox, an, keine Werbung mehr auf Facebook zu platzieren, bis das Netzwerk seine Datenschutz-Einstellungen verbessert. Der Anbieter vernetzter Lautsprecher Sonos stoppt für eine Woche die Online-Werbung nicht nur bei Facebook, sondern auch bei der Foto-Plattform Instagram, Google und Twitter.

Facebook versuche nun, hinter den Kulissen Werbeagenturen zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass die Daten ihrer Kunden sicher seien. Das Online-Netzwerk mit über zwei Milliarden Nutzern verdient praktisch sein gesamtes Geld mit Werbeanzeigen. Die neuerliche Kontroverse wurde durch die Enthüllung ausgelöst, dass sich die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica von einem App-Entwickler unberechtigt Zugang zu einigen Informationen von rund 50 Millionen Facebook-Nutzer besorgt hatte.

Facebook wusste seit 2015 davon, gab sich aber mit der Zusicherung der Firma zufrieden, dass die Daten gelöscht worden seien. Die Nutzer wurden damals nicht informiert, was Facebook inzwischen als Fehler bezeichnet und nachholen will. Gründer und Chef Mark Zuckerberg betonte, dass die Software-Schnittstellen, die einer Umfrage-App einen so breiten Zugriff auf Nutzerdaten überhaupt möglich machten, bereits 2014 dichtgemacht worden seien.

Für viele Nutzer und Politiker brachte der Fall jedoch nach diversen früheren Datenschutz-Problemen bei Facebook das Fass zum Überlaufen. Bei Twitter macht seit Tagen der Hashtag „#deletefacebook“ die Runde. Er wurde auch von WhatsApp-Mitgründer Brian Acton aufgegriffen, der seine Messaging-App einst für rund 22 Milliarden Dollar an Facebook verkauft hatte und bis vor kurzem dort auch beschäftigt war. Actons Tweet mit dem Hashtag und dem Aufruf „Es ist Zeit“ war auch der Auslöser für das Verschwinden der Facebook-Seiten von Tesla und SpaceX.

Nachdem der Chef beider Unternehmen, Elon Musk, Actons Tweet mit der Frage „Was ist Facebook?“ kommentierte, wurde er von einem Nutzer aufgefordert, die Facebook-Präsenz von SpaceX zu löschen. „Wusste gar nicht, dass wir eine haben. Mach ich“, twitterte Musk zurück. Daraufhin wurde er daran erinnert, dass es dann auch die Tesla-Seite treffen sollte. „Definitiv. Die sieht sowieso langweilig aus“, reagierte Musk. Wenig später waren beide Seiten bei Facebook nicht mehr erreichbar.

Musk und Facebook haben eine schwierige Vorgeschichte. 2016 zerstörte die Explosion einer SpaceX-Rakete einen teuren Facebook-Satelliten. Zuckerberg zeigte sich damals öffentlich enttäuscht. Im vergangenen Jahr stritten die beiden Unternehmer zudem über die Risiken künstlicher Intelligenz. Musk warnt oft vor den Gefahren lernender Maschinen, Zuckerberg zeigt sich optimistisch und nannte Musks düstere Zukunftsszenarien „ziemlich unverantwortlich“. Musk konterte bei Twitter: „Ich habe mit Mark darüber gesprochen. Sein Verständnis des Themas ist beschränkt.“

Sonos will parallel zum einwöchigen Werbestopp auch die Facebook- und Instagram-Auftritte abschalten. Dauerhaft werde man auf Werbung bei Online-Plattformen aber nicht verzichten. Sie seien ein „unglaublich effizienter Weg“, Kunden zu erreichen. Mozilla schloss nicht aus, in der Zukunft wieder Werbung bei Facebook zu schalten, wenn das Online-Netzwerk wie von Zuckerberg versprochen den Datenschutz stärkt.

Und auch Politiker erhöhen den Druck auf Facebook. Die EU-Justizkommissarin Vera Jourová fordert das US-Unternehmen zur Klärung auf. „Ich verlange von Facebook weitere Klarstellungen, etwa inwieweit europäische Nutzer betroffen sind“, sagte Jourová. Nach Angaben der Zeitung will die Justizkommissarin die Geschäftsführung von Facebook per Brief zu einer Stellungnahme auffordern. Das Schreiben an Sheryl Sandberg soll demnach verschickt werden.

„Dieser Missbrauch von Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern ist völlig inakzeptabel“, sagte die Kommissarin nach einer USA-Reise. Die US-Regierung und die zuständigen Behörden hätten ihr versichert, „dass sie die Vorwürfe sehr ernst nehmen und an der Vorbereitung der notwendigen Schritte arbeiten.“ Zugleich beschäftigten sich auch die europäischen Datenschutzbehörden mit der Sache. „Dieser Skandal sollte ein Weckruf für uns alle sein: Wie wir mit unseren persönlichen Daten umgehen, kann massive Auswirkungen haben. Da geht es letztlich um die Grundfesten unserer Demokratie“, sagte Jourová.

So haben Behörden die Zentrale von Cambridge Analytica durchsucht. Das bestätigte die britische Datenschutzbehörde ICO (Information Commissioner’s Office). So verschafften sich 18 ICO-Mitarbeiter Zugang zu dem Gebäude. Nur kurz zuvor hatte ein Gericht die Durchsuchung angeordnet.

„Dies ist Teil einer größeren Ermittlung des ICO zur Verwendung von persönlichen Daten und Analytik durch politische Kampagnen, Parteien, Soziale-Medien-Unternehmen und andere kommerzielle Akteure“, teilte die Datenschutzbehörde mit. Man werde nun Beweise sichern, auswerten und bewerten, bevor Schlüsse gezogen würden. ICO-Chefin Elizabeth Denham hatte den Durchsuchungsbeschluss beantragt, weil die Firma „innerhalb einer gesetzten Frist nicht auf eine Anfrage geantwortet hat“.

Cambridge Analytica will mit seiner Datenauswertung zum Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 wesentlich beigetragen haben. Auch die Rolle des Unternehmens in der Kampagne zum Brexit-Referendum im Jahr 2016 ist dem „Guardian“ zufolge Gegenstand von Ermittlungen der britischen Wahlkommission.

Eine ehemalige Mitarbeiterin der Beratungsfirma sagte, Cambridge Analytica habe mit der Kampagne für den EU-Austritt des ehemaligen Ukip-Sponsors Arron Banks, Leave.EU, zusammengearbeitet, das aber später abgestritten.

Cambridge Analytica war heftig unter Druck geraten, nachdem sein Geschäftsführer Alexander Nix vor versteckter Kamera mit Versuchen zur Erpressung von Wahlkandidaten geprahlt hatte. Seine Firma könne „Mädchen zum Haus des Kandidaten schicken“, sagte er. Ein Reporter des britischen Senders Channel 4 hatte sich für den Vertreter eines potenziellen reichen Kunden ausgegeben, der für den Erfolg mehrerer Kandidaten bei einer Wahl in Sri Lanka sorgen wolle. Nix wurde daraufhin suspendiert.

Auch Facebook geriet im Zusammenhang mit dem Datenskandal wohl bereits ins Visier der Behörden. Die US-Verbraucherschutzbehörde Federal Trade Commission (FTC) leitete eine Untersuchung gegen Facebook ein. Der Vorsitzende des britischen Parlamentsausschusses für Digitales und Medien, Damian Collins, forderte Facebook-Chef Mark Zuckerberg auf, sich den Fragen der Abgeordneten zu stellen.

Facebook droht nach Datenskandal Existenzkrise

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat im Skandal um den Missbrauch von Nutzerdaten durch die Firma Cambridge Analytica Fehler eingeräumt. Das Vertrauen der Nutzer, die ihre Daten dem Online-Netzwerk anvertrauen und erwarten, dass sie sicher sind, sei verletzt worden, schrieb Zuckerberg in einer ersten Reaktion auf die seit dem Wochenende bekannten Enthüllungen.

Zuckerberg verwies darauf, dass die Analyse-Firma Cambridge Analytica, die unter anderem für das Wahlkampfteam von Donald Trump arbeitete, unrechtmäßig an die Daten gekommen sei. Ein britischer Professor hatte eine Facebook-App mit einer Umfrage zu Persönlichkeits-Typen auf die Plattform gebracht – und dann Daten daraus heimlich an Cambridge Analytica weitergegeben. Medienberichten zufolge waren Informationen von rund 50 Millionen Nutzern betroffen; Zuckerberg nannte keine genaue Zahl, sondern sprach lediglich von mehreren Dutzend Millionen Nutzern.

Der Facebook-Chef versprach, die Nutzerdaten besser zu schützen. Ein Großteil der von ihm dafür angekündigten Maßnahmen zielt darauf, den Zugriff von App-Entwicklern einzuschränken. So sollen Facebook-Apps, die man drei Monate lang nicht genutzt hat, automatisch die Zugangsberechtigung verlieren.

Facebook stand schon sehr oft in der Kritik von Datenschützern und Politikern – und erholte sich wieder davon. Doch jetzt stürzt ein Skandal um die Datenanalysefirma aus dem Wahlkampf von Donald Trump das Onlinenetzwerk in seine tiefste Krise. Cambridge Analytica soll sich Daten von rund 50 Millionen Facebook-Mitgliedern beschafft haben.

Facebook selbst sieht sich als Opfer eines Betrugs – doch es ist alles andere als Sympathie, die dem weltgrößten Onlinenetzwerk entgegenschlägt. Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks setzen zu einer härteren Regulierung an, Anleger stoßen Facebook-Aktien ab. Bei Twitter macht der Hashtag „#deletefacebook“ (lösche Facebook) die Runde. Er wurde unter anderem von Whatsapp-Mitgründer Brian Acton aufgegriffen, der den Messagingdienst für rund 22 Milliarden Dollar an Facebook verkauft hatte und bis vor kurzem auch noch dort beschäftigt war.

Das sind Zeichen dafür, dass die öffentliche Stimmung so einhellig gegen Facebook ist wie vielleicht noch nie zuvor. Die Soziologin Zeynep Tüfekçi schreibt in der „New York Times“ von „Facebooks Überwachungsmaschine“. Der frühe Facebook-Investor Roger McNamee warnt, wenn die Firma nicht reagiere, würden sich Nutzer abwenden. Das könne die Plattform „dauerhaft bedrohen“. Warton-Professor Michael Useem sieht einen „katastrophalen Moment“ für das Netzwerk. Zuckerberg selbst meldete sich erst mehrere Tage nach den Enthüllungen zu Wort.

Dabei konnte die Facebook-Führung noch bis vor kurzem glauben, dass der Fall Cambridge Analytica ausgestanden sei. Was passierte, ist schnell erzählt. Die Firma, die unter anderem für Trump aktiv war, suchte nach Nutzerdaten für gezielte politische Werbung – und zwar mit dem Ansatz, dass verschiedene Persönlichkeitsgruppen unterschiedlich beeinflussbar seien. Aber wie kommt man an so etwas heran, wenn Facebook es nicht verkauft? Indem man sich die Informationen von den Nutzern selbst geben lässt. Also setzte ein britischer Professor eine Facebook-App mit einer Umfrage auf, bei der Nutzern am Ende ihr psychologisches Profil versprochen wurde. Rund 270.000 Mitglieder luden sich nach Angaben von Facebook die Umfrage herunter.

Was sie nicht wussten: Ihre Daten gingen direkt an Cambridge Analytica für die Erstellung psychologischer Profile. Und nebenbei auch noch Profildaten ihrer Facebook-Freunde, etwa Likes und Interessen. Den Nutzern war das nicht bewusst. Facebook schränkte solchen Schnittstellenzugriff auf Freundes-Profile bereits 2015 ein. Als das Onlinenetzwerk über Medienberichte im selben Jahr Wind von der Aktion der Datenanalytiker bekam, wurde ihnen auferlegt, die Informationen zu löschen. Und Facebook gab sich mit der Zusicherung zufrieden, dass dies geschehen sei. Die Sache schien geregelt.

Doch zum vergangenen Wochenende wurde klar, dass einer der Beteiligten, der Datenanalytiker Christopher Wylie, sich seine Sünden von der Seele reden will. Dabei kam unter anderem die schockierende Zahl von 50 Millionen betroffenen Nutzern auf. Der Zeitung „Guardian“ zufolge gerieten im Schnitt mindestens 160 weitere Facebook-Mitglieder pro Umfrageteilnehmer in den Datenpool von Cambridge Analytica.

Die Reaktion von Facebook machte alles noch schlimmer. Das Onlinenetzwerk versuchte, noch vor den Medienberichten die Initiative zu übernehmen, und sperrte Cambridge Analytica von der Plattform aus. Doch das beruhigte die Aufregung nicht. Ebenfalls gesperrt wurde der Whistleblower Wylie.

Vertrauter Erdogans dominiert nun die Medien der Türkei

Am 21.03. wurde bekannt, dass Aydin Dogan, ein weiterer türkischer Tycoon, nun seine Medienunternehmen an Demirören verkauft. Für Demirören ist der Deal ein Scoop: Zu dem Reich von Dogan gehörten unter anderem die „Hürriyet“, die auflagenstärkste türkische Zeitung, die Fernsehsender CNN Türk und Kanal D, die Nachrichtenagentur DHA. Demirören wird zu einem der mächtigsten Medienmanager der Türkei.

Für den Journalismus in der Türkei, dessen Freiheit durch die Repressionen durch die Regierung ohnehin stark eingeschränkt ist, ist Dogans Rückzug dagegen ein weiterer schwerer Schlag: Zwar waren Hürriyet und CNN Türk zuletzt längst nicht mehr so kritisch und bissig wie noch vor einigen Jahren, trotzdem bemühten sie sich, ihre Unabhängigkeit zumindest halbwegs zu bewahren. Die Agentur DHA war ein letzter Konkurrent zur staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Ajans, die mehr oder weniger als PR-Agentur für die Regierung agiert.

Unter Demirören dürfte die Dogan-Medien nun das gleiche Schicksal ereilen wie zuvor „Milliyet“ oder „Vatan“: Die Berichterstattung dürfte weitgehend gleichgeschaltet werden, unliebsame Journalisten droht die Entlassung.

Erdogan erhält, eineinhalb Jahre vor wichtigen Präsidentschaftswahlen, noch breiteren Raum für seine Kampagnen. Schon jetzt kontrolliert seine Regierung beinahe sämtliche Medien. Oppositionspolitiker finden in türkischen Zeitungen und im Fernsehen kaum noch statt oder werden als Terroristen denunziert. Durch die Übernahme der Dogan-Medien durch Demirören dürfte sich dieser Trend weiter verschärfen.

Die Leserinnen und Leser in der Türkei können allenfalls noch auf einige wenige Publikationen wie „Cumhuriyet“, „Evrensel“ oder „Birgün“ ausweichen, deren Auflage jedoch gering ist und die unter massivem Druck durch die Regierung stehen – oder auf Onlineportale wie „Diken“. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kommentierte auf Twitter: „Erdogans Übernahme der Medien ist komplett“.

Cambridge-Analytica-Chef suspendiert, Investoren klagen

Die Affäre rund um die Datenfirma Cambridge Analytica weitet sich aus: Der CEO der umstrittenen Firma, Alexander Nix, wurde vom Aufsichtsrat für die Dauer der Untersuchung suspendiert. Nix werde mit sofortiger Wirkung während einer „vollumfänglichen, unabhängigen Ermittlung“ von seinen Aufgaben entbunden.

In den vergangenen Tagen wurde aufgedeckt, dass das Unternehmen auf äußerst zweifelhafte Weise an jene 50 Millionen Facebook-User-Daten gekommen ist, mit denen man angeblich Donald Trump zum Sieg bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 verholfen hat. Zusätzlich sorgte ein Video von Channel 4 für Aufregung. Undercover haben die Reporter des britischen Senders führende Manager des Unternehmens – darunter Nix – dabei gefilmt, wie sie offen darüber plaudern, dass das Repertoire der Firma an schmutzigen Tricks bei weitem nicht bei Datenmissbrauch endet.

So beschreibt auch Firmenchef Nix in dem Video ein System aus Tarnfirmen, über das Cambridge Analytica im Geheimen operieren kann. Eine Möglichkeit sei es etwa, als Student mit falschem Reisepass einzureisen und so zu tun, als arbeite man an einem Universitätsprojekt. Dazu passende Webseiten könne man zur Tarnung ebenfalls leicht einrichten. Oder aber man reise gleich als Tourist ein: „Es gibt so viele Optionen. Ich habe viel Erfahrung damit“, brüstet sich Nix.

In einer Stellungnahme gegenüber Channel 4 versucht Cambridge Analytica die Situation im Nachhinein anders darzustellen. Man habe sich gezielt auf die Fragen des vermeintlichen Klienten eingelassen, um herauszufinden, ob dieser unethische oder gar illegale Absichten verfolge – damit man solche Interessenten ausfiltern könne. Insofern seien die Fragen von Nix alle hypothetischer Natur gewesen. Das Unternehmen habe sich nicht auf solche Methoden eingelassen und werde das auch in Zukunft nicht tun. Im Vorfeld soll die Firma versucht haben, die Ausstrahlung des Videomaterials zu verhindern.

Desinformationskampagne
Das Video bietet aber noch einige andere für die Firma ziemlich unangenehme Momente: Bei einem anderen Treffen ist Managing Director Mark Turnbull zu sehen, wie er Desinformationskampagnen des eigenen Unternehmens beschreibt: „Wir fügen einfach Informationen in den Blutkreislauf des Internets ein, schauen zu, wie die Sache langsam wächst, und geben dem Ganzen ab und zu einen kleinen Anstoß in die richtige Richtung – wie eine Fernbedienung.“ Wichtig sei es dabei, das möglichst dezent zu machen, denn „in dem Moment, wo man sich denkt: ‚Das ist Propaganda‘, folgt die Frage: ‚Wer hat das veröffentlicht?'“ Und das wolle man natürlich vermeiden.

Facebook unter massivem Druck
Nach den Enthüllungen über den gigantischen Datenmissbrauch für den US-Wahlkampf gerät der Internetkonzern Facebook unter wachsenden politischen Druck. Parlamentarier in den USA wie auch Großbritannien laden Konzernchef Mark Zuckerberg zu Anhörungen vor. Auch die EU kündigte Untersuchungen an. Die Kommission verurteilte den Datenmissbrauch scharf. Das EU-Parlament möchte direkt Fragen an den Facebook-Chef stellen. Präsident Antinio Tajani schrieb auf Twitter, dass Zuckerberg vor den Repräsentanten der 500 Millionen EU-Bürger klären müsse, dass persönliche Daten nicht „zur Manipulation der Demokratie missbraucht“ würden.

Investoren reichen Klage gegen Facebook ein
US-Investoren haben eine erste Klage gegen den Internetkonzern eingereicht. Die Aktionäre machten bei einem Bundesgericht in San Francisco geltend, dass die Konzernführung sie über die Fähigkeiten in die Irre geführt habe, die Daten der Nutzer zu schützen. Der „Los Angeles Times“ zufolge wird Facebook zudem vorgeworfen, die eigenen Datenschutzvorschriften verletzt zu haben. Die Aktien des sozialen Netzwerks waren zuletzt an den Börsen eingebrochen.

Zuckerberg schweigt
Das Unternehmen hat auf den Datenskandal mit Bedauern reagiert. Firmenchef Mark Zuckerberg und alle Verantwortlichen seien sich des Ernsts der Lage bewusst. „Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden“. Facebook werde alles tun, um seine Richtlinien durchzusetzen und die Informationen der Nutzer zu schützen. Facebook-Chef Mark Zuckerberg selbst hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert. Erst am Freitag soll er sich den Fragen seiner Mitarbeiter stellen.

Scharfe Kritik
Die deutsche Justizministerin Katarina Barley reihte sich in die breite Front der Kritiker ein. „Facebook muss erklären, wie es die Privatsphäre seiner Nutzerinnen und Nutzer künftig besser schützt“, forderte sie. Auch die deutschlandweit für Facebook zuständige Hamburger Datenschutzbehörde hat sich in die Affäre eingeschaltet. „Ja, wir werden uns in dieser Frage an Facebook wenden“, kündigte der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar an.

Bei rund 30 Millionen Facebook-Nutzern in Deutschland könnten auch hierzulande mit hoher Wahrscheinlichkeit einige von der Affäre betroffen sein oder es künftig werden. Auch Whistleblower und Datenschützer haben sich bereits kritisch zur Causa geäußert.

NSA-Aufdecker Edward Snowden etwa sieht Facebook nicht als Opfer der Praktiken von Cambridge Analytica, „sondern als Komplizen“. Der österreichische Datenschutzaktivist Max Schrems wirft dem Netzwerk Heuchelei vor, denn schon 2011 habe „Europe vs. Facebook“ jenen Mechanismus angeprangert, der letztlich dazu führte, dass 270.000 Downloads einer App zur Erfassung von Daten aus 50 Millionen Nutzerprofilen führten.

US-Senatoren laden Chefs der IT-Riesen vor
Der republikanische US-Senator John Kennedy und seine Kollegin Amy Klobuchar von den oppositionellen Demokraten verlangten, dass Zuckerberg ebenso wie die Chefs von Google und Twitter in der Kongresskammer aussagen solle. Die Internetriesen verfügten über „beispiellose Mengen an persönlichen Daten“, zugleich gebe es einen Mangel an Aufsicht über ihren Umgang damit, erklärten sie.

Dies wecke Besorgnisse hinsichtlich eines ungestörten Ablaufs von Wahlen und des Datenschutzes. Der Vorsitzende des britischen Unterhausausschusses für Digitales und Medien, Damian Collins, teilte seinerseits mit, dass er Zuckerberg in einem Schreiben aufgefordert habe, vor dem Gremium zu erscheinen. Er solle dort Stellung zu dem „katastrophalen Vorgang des Versagens“ seiner Firma beziehen.

Ebenfalls Ermittlungen aufgrund des Datenmissbrauchs eingeleitet hat die Verbraucherschutzbehörde FTC. Die Aktie von Facebook stürzte im Tagesverlauf um mehr als sechs Prozent ab. Facebook hatte zuvor mitgeteilt, externe Spezialisten mit einer Untersuchung der Affäre beauftragt zu haben. Das Konto von Cambridge Analytica sei inzwischen geschlossen worden.
Noch am 20.03 (US-Zeit) und 21.03 wollen sich Vertreter von Facebook sich mit Mitgliedern verschiedener Ausschüsse in Senat und Kongress treffen.

Keine Rundfunkgebühr mehr in Dänemark

Dänemark schafft die Rundfunkgebühren ab und finanziert die öffentlich-rechtlichen Sender künftig über Steuern. Das Budget des dänischen Rundfunks (DR) soll zudem um ein Fünftel gekürzt werden.

Durch die Neuregelung sparten letztlich alle Dänen Geld, erklärte Finanzminister Kristian Jensen. Für die Rundfunkfinanzierung soll allerdings keine neue Steuer eingeführt, sondern der persönliche Steuerfreibetrag gesenkt werden.

Dänemark ist nicht das einzige Land, in dem über die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert wird. Ende Februar entschieden sich die Schweizer bei einer Volksabstimmung gegen eine Abschaffung ihrer Gebühr. Auch der deutsche Rundfunkbeitrag, der seit 2013 unabhängig von der Zahl der Geräte für jeden Haushalt fällig wird, steht immer wieder in der Kritik.

Riesiger Datenmissbrauch blamiert Facebook

Das weltweit größte soziale Netzwerk Facebook kommt aus dem Strudel schlechter Nachrichten nicht heraus. So wurden bereits 2014 Millionen von Nutzerdaten entwendet und bis heute nicht gelöscht. Konkret hat sich die amerikanische Datenanalysefirma Cambridge Analytica Anfang 2014 rechtswidrig Profile von mehreren Millionen amerikanischer Facebook-Nutzern angeeignet.

Basierend auf diesen Daten hat die Firma eine Software entwickelt, die darauf abzielte, Wähler mit personalisierter politischer Werbung zu beeinflussen. Zu den Kunden von Cambridge Analytica gehörten in den vergangenen Jahren verschiedene republikanische Politiker, unter anderem Donald Trump. Auch dem Brexit-Lager um die Ukip-Partei soll die Firma bei der Abstimmung 2016 gedient haben.

Cambridge Analytica wurde nach dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf international bekannt, weil die Firma damit prahlte, mit einer neuartigen Methode namens Mikro-Targeting Wähler gezielt angehen und so grossen politischen Einfluss ausüben zu können. Inwiefern dies der Fall ist, ist umstritten. Doch bereits seit längerem gibt es vereinzelt Meldungen darüber, dass Cambridge Analytica mit zwielichtigen Methoden vorgegangen sein soll.

Quelle für die jüngsten Enthüllungen sind unter anderem die Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters und Mitbegründers der Firma, Christopher Wylie, der diese 2014 verlassen hatte. Facebook hat erstmals zugegeben, dass Nutzerdaten tatsächlich missbraucht wurden und sperrte das Datenrechercheunternehmen.

Stephen Bannon als Berater
Um das Ausmaß des Vorfalls zu begreifen, muss man die Ursprünge von Cambridge Analytica verstehen: Einer der größten Investoren der Firma ist der amerikanische Multimilliardär Robert Mercer; früher ein Hedgefonds-Manager, heute ein bekannter Großspender der Republikanischen Partei. Als politischer Berater und Vorstandsmitglied fungierte lange Zeit Stephen Bannon, einstiger Chefredaktor der rechtspopulistischen Plattform «Breitbart» und später Wahlkampfchef von Donald. So sollen Mercer und Bannon 2013 darauf gedrängt haben, eine Datenanalysefirma zu gründen, die es ermöglichen würde, Wähler auf neuartige Weise politisch zu beeinflussen. Cambridge Analytica sollte die Waffen liefern für einen neuen «Kulturkampf in Amerika». Mercer stellte die finanziellen Mittel dafür bereit, Bannon die politische Expertise.

Um diese neue Form der Datenanalyse zu ermöglichen, eigneten sich die Gründer von Cambridge Analytica offenbar rechtswidrig Daten von Millionen von Facebook-Nutzern an. So rief ein im Auftrag von Cambridge Analytica agierender Professor der Cambridge University Anfang 2014 Facebook-Nutzer dazu auf, gegen Bezahlung an einer angeblich akademischen Studie zu digitalen Nutzungsgewohnheiten teilzunehmen. Die App, die er für seine Umfrage nutzte, griff nicht nur die Facebook-Daten der teilnehmenden Nutzer ab, sondern auch die von deren Facebook-Freunden. Das war grundsätzlich gemäß Facebooks damaligen Datenschutzrichtlinien erlaubt – allerdings nur, wenn die so erhobenen Informationen nicht für kommerzielle Zwecke genutzt wurden. Da der Professor doch genau dies tat, indem er die Daten an Cambridge Analytica weitergab, verstieß er gegen die Nutzungsrichtlinien von Facebook.

Auf diese Weise gelang es Cambridge Analytica, auf einen Schlag Daten von insgesamt 50 Millionen amerikanischen Facebook-Nutzern zu erhalten – ein unbezahlbarer Schatz in der digitalen Werbewelt, noch dazu in den USA, wo laut dem Pew Research Center mehr als zwei von drei Amerikanern auf Facebook aktiv sind.

Von den 50 Millionen Nutzerprofilen enthielten etwa 30 Millionen ausreichend Angaben, dass Cambridge Analytica sie mit anderen Datensätzen abgleichen und psychografische Profile zu ihnen erstellen konnte. So hatten demnach nur etwa 270 000 Nutzer zugestimmt – nämlich all jene, die bei der Umfrage teilgenommen hatten. Alle anderen haben unwissentlich ihre Nutzerdaten an eine Datenanalysefirma abgetreten, die diese für politischen Wahlkampf verwendete – eine riesige Blamage für Facebook.

Ein Rädchen in Trumps Wahlkampf
In Donald Trumps Wahlkampf spielte Cambridge Analytica gemäß offiziellen Darstellungen keine dominante Rolle. Laut Angaben der Wahlkommission erhielt die Firma für ihre Dienste ein Honorar von 6,2 Millionen Dollar. Brad Pascale, Trumps digitaler Wahlkampfleiter 2016 und jetzt sein Wahlkampfchef für 2020, soll Cambridge Analytica mit verschiedenen Aufgaben beauftragt haben: Zielgruppen für digitale Anzeigen und Spendenaufrufe ausfindig zu machen, Wahlbeteiligungen vorherzusagen, festzulegen, wohin der Kandidat am besten reisen sollte. Inwiefern die Arbeit von Cambridge Analytica Trump tatsächlich zum Sieg verholfen hat, ist nicht zu sagen. Fest steht, dass eine Differenz von knapp 78.000 Stimmen ihm den Sieg beschert hat.

In jedem Fall treffen Trump die jüngsten Meldungen an einem wunden Punkt: nämlich, dass er nicht aus eigenen Stücken heraus im Wahlkampf gesiegt hat, sondern rechtswidrig Hilfe erhalten hat. Das Wahlkampf-Team von Präsident Trump hat sich bisher zu den Vorwürfen nicht geäußert.

Die Staatsanwaltschaft des Gliedstaates Massachusetts hat inzwischen Ermittlungen gegen Cambridge Analytica eingeleitet. Auch der Sonderermittler Robert Mueller hat die Herausgabe von Emails von Cambridge Analytica-Mitarbeitern verlangt, die in Trumps Wahlkampf involviert gewesen waren. In Großbritannien steht die Firma ebenfalls in der Kritik: Ihr wird vorgeworfen, britische Wähler vor der Abstimmung zum Brexit rechtswidrig beeinflusst zu haben. Sowohl das Parlament als auch die Regierung untersuchen derzeit, ob Cambridge Analytica gegen britische Datenschutzrichtlinien verston hat.

Bereits seit längerem gibt es Hinweise darauf, dass Cambridge Analytica sich Nutzerdaten rechtswidrig angeeignet haben könnte. So soll das Ziel der Studie gewesens ein, einen Algorithmus zu entwickeln, der es ermöglichen würde, «Profile von amerikanischen Bürgern zu erstellen» mit Blick auf amerikanische Wahlen.

Strudel schlechter Nachrichten
Facebook hat erstmals öffentlich zugegeben, dass es ein Problem gibt, und Cambridge Analytica sowie den Mutterkonzern von seiner Plattform verbannt. Auch gestand Facebook ein, dass Cambridge Analytica offenbar nach wie vor im Besitz der Nutzerdaten ist und diese entgegen früherer Aufforderungen bisher nicht gelöscht hat. «Wir werden alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, dass die fraglichen Daten ein für allemal gelöscht werden», sagte Facebook in einer Stellungnahme. Facebook streitet jedoch ab, dass es sich um einen Diebstahl von Daten oder eine Datenpanne handelt.

Für Facebook sind die jüngsten Schlagzeilen Öl in ein Feuer von Kritik, das seit Monaten lodert. Das soziale Netzwerk steht seit Monaten nicht nur wegen Falschmeldungen (Fake News) auf seiner Plattform in der Kritik. Es musste im vergangenen Sommer auch eingestehen, dass es russischen Akteuren im Wahlkampf 2016 möglich war, politische Werbung auf seinen Seiten zu schalten – dabei ist dies ausländischen Akteuren in den USA streng untersagt. All diese Vorfälle schüren bereits seit längerem den Eindruck, dass Facebook selbst nicht weiß, was auf seiner Plattform vor sich geht und was mit den Daten seiner Nutzer geschieht.

Reuters leakt Amazon Prime Papiere

Die Nachrichtengruppe Reuters hat Zahlen aus internen Papieren von Amazon veröffentlicht. Demnach gibt es in den USA etwa 26 Millionen Amazon-Prime-Kunden.

Den geleakten Unternehmenspapieren nach haben die TV-Shows von Amazon Anfang 2017 weltweit mehr als fünf Millionen Menschen in ihren Prime-Shopping-Club gelockt.

Die internen Dokumente vergleichen für 19 Amazon Eigenproduktionen die Kosten, die Zuschauerzahlen und die Anzahl der Leute, die damit zu Amazon Prime geworben werden konnten. Nach Schätzungen von Analysten werden durch Eigenproduktionen bis zu einem Viertel der Prime-Kunden geworben.

Die Fans der Serien werden zu Amazon gelockt und schließen eine kostenpflichtige Prime-Mitgliedschaft ab, bei denen sie neben dem Zugang zum Videoportal und der oft kostenlosen Lieferung von Waren weitere Vorteile genießen.

Das Unternehmen lehnte eine Stellungnahme zu den von Reuters geleakten Dokumenten ab. Der weltweit größte Online-Händler hat im Jahr 2010 die Amazon Studios ins Leben gerufen, um selbst Programme zu entwickeln, die seitdem auch schon einige Preise gewonnen haben.

„Wenn wir einen Golden Globe gewinnen, hilft es uns, mehr Schuhe zu verkaufen“, sagte Geschäftsführer Jeff Bezos Bezos auf einer Technologiekonferenz 2016 in der Nähe von Los Angeles.

Insider gehen davon aus, dass Amazon 5 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Originalproduktionen und Lizenzen im Filmgeschäft ausgibt. Das Unternehmen hat bisher nie bekannt gegeben, wie viele Abonnenten es mit dem Videoportal gewonnen hat, was es für Investoren schwierig macht, ihre Investitionsentscheidungen zu bewerten.

Zum Beispiel hatte die erste Staffel des populären Dramas „The Man in the High Castle“, eine Geschichte, die Deutschland als Sieger des Zweiten Weltkrieges darstellt, laut den Papieren Anfang 2017 8 Millionen Zuschauer in den USA. Das Programm kostete 72 Millionen US-Dollar in Produktion und Marketing und warb 1,15 Millionen neue Abonnenten weltweit.

Nach Berechnungen von Amazon konnte die Serie somit neue Prime-Mitglieder zu durchschnittlichen Kosten von 63 Dollar pro Abonnent anziehen.

Das ist weit weniger als die 99 Dollar, die Abonnenten in den Vereinigten Staaten für Prime zahlen; Die Firma verlangt ähnliche Gebühren im Ausland. Prime-Mitglieder kaufen auch mehr Waren von Amazon als Nicht-Mitglieder, sagte Bezos.

Wie Amazon die Motivation eines Kunden bestimmt, seinem Prime Club beizutreten, geht aus den Dokumenten von Reuters nicht eindeutig hervor.

Insider gehen davon aus, dass das Unternehmen Kunden einer bestimmten Serie zuordnen, wenn er ein Prime-Abonnement abschließt oder verlängert, und dann diese Serie als Erstes nach der Anmeldung streamt. Diese Methode, auf die in den Dokumenten verwiesen wird, ist als „erster Stream“ bekannt.

Das Unternehmen berechnet dann, wie teuer der Zuschauer sein sollte, indem er die Kosten der Show durch die Anzahl der ersten Streams dividiert. Je niedriger diese Zahl, desto besser. Die internen Dokumente zeigen nicht, wie lange Abonnenten bei Prime geblieben sind, noch geben sie an, wie viel sie bei Amazon einkaufen.

Großer Erfolg mit „Grand Tour“ – „Herr der Ringe“-Serie in Planung
Ein großer Gewinner war die Automobilserie „The Grand Tour“, in der die ehemaligen Moderatoren von BBCs „Top Gear“ zu sehen sind. Die Show hatte mehr als 1,5 Millionen erste Streams von Prime-Mitgliedern weltweit, zu einem Preis von 49 Dollar pro Abonnent in der ersten Staffel.

Die von Reuters gesehenen Dokumente spiegeln Prime-Abonnenten in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Deutschland, Österreich und Japan wider, wo die Programme von Amazon verfügbar waren, bevor Prime Video im Dezember 2016 weltweit auf den Markt kam.

Analysten schätzen, dass 75 Millionen oder mehr Kunden Prime-Abonnements weltweit haben, darunter etwa die Hälfte aller Haushalte in den Vereinigten Staaten.

Jahrelang wollten die Amazon Studios mit anspruchsvollen Serien in Hollywood Anerkennung erlangen. Die Dramedyserie „Transparent“ über einen Transgender-Vater und seine Familie gewann acht Primetime Emmy Awards und sorgte für die Begeisterung, mit der Amazon Top-Produzenten und Schauspieler anlocken wollten.

Dennoch blieb „Transparent“ bei den Zuschauerzahlen hinter dem Durchschnitt zurück. Die erste Staffel hatte nur halb so viele Zuschauer wie „The Man in the High Castle“.

Ähnlich erging es „Good Girls Revolt“, eine von Kritikern gelobte Show über die Geschlechterungerechtigkeit in einem New Yorker Redaktion. Sie hatte insgesamt 1,6 Millionen US-Zuschauer, kostete 81 Millionen US-Dollar und hatte 52.000 erste Streams weltweit von Prime-Mitgliedern.

Die Kosten der Serie pro Neukunde beliefen sich laut den Unterlagen auf etwa 1560 US-Dollar. Amazon stellte die Serie nach der ersten Staffel ein.

Im November gab Amazon bekannt, dass es einen Prequel zu dem Fantasy-Spektakel „Der Herr der Ringe“ machen wird. Das Unternehmen hatte 250 Millionen Dollar allein für die Rechte bezahlt; Produktion und Marketing könnten die Kosten auf 500 Millionen Dollar oder mehr steigen lassen.

Bei einer halben Milliarde Dollar würde das Prequel das Dreifache kosten, was Amazon für die ersten beiden Staffeln von „The Man in the High Castle“ ausgab. Damit müsste das Prequel auch dreimal so viele Zuschauer anlocken wie die Serie, um rentabel zu sein.

US: Neue Nachrichten-Medien punkten mit Qualität

In den USA feiern neue Nachrichtenportale wie Axios Erfolge. Selbst Apple folgt dem Trend und engagiert sich bei Qualitätsmedien.

Axios ist Griechisch und heißt „würdig“. Den leicht hochtrabenden Namen wählten Mike Allen, Jim VandeHei und Roy Schwartz, um ihre Mission zu unterstreichen: nur Geschichten auf die Website bringen, die es würdig sind, gelesen zu werden. Dazu müssen sie nicht nur gut und informativ sein, sondern sie sollen auch nicht zu lang ausfallen.

Die Nachrichtenwebsite ist keine 14 Monate alt, sie startete zwei Tage vor dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump. In der kurzen Zeit etablierte sich Axios in den USA und heuerte bereits hundert Mitarbeiter an, darunter zahlreiche namhafte Journalisten. „Der Erfolg ist größer, als wir gedacht hatten“, sagt Allen.

Ob Fox News oder NBC: Axios-Mitarbeiter werden im Fernsehen gerne als Experten interviewt. Auf Konferenzen wie der Digitalmesse South by Southwest (SxSW) moderieren Gründer Allen oder Designchefin Alexis Lloyd Diskussionsrunden mit namhaften Teilnehmern. Bei Investoren hat Axios bislang 30 Millionen Dollar eingesammelt. „Sie sind eine Erfolgsgeschichte“, sagt Emily Bell, Expertin für Digitaljournalismus von der Columbia University. „Ich lese sie jeden Tag.“

Der Fokus auf Qualität zahlt sich aus, wird zum neuen Trend im Mediengeschäft. Nicht mehr Reichweite zählt, der Leser wird nicht mit Bildergalerien und anderen Tricks zu vielen Klicks verleitet. „Crap Trap“ nennt das Axios-Gründer VandeHei, die „Schrott-Falle“. Billige Inhalte verwässern die Marke, seiner Meinung nach liegt die Zukunft in bezahlten Inhalten. Die müssen daher gut und vertrauenswürdig sein, damit der Leser dafür Geld bezahlt.
Die Nachfrage ist da. In Zeiten der „Fake News“ suchen die Menschen nach vertrauenswürdigen Quellen. Vor allem Sozialnetzwerke und digitale Plattformen wie Facebook, Twitter und Google stehen in der Kritik, vorsätzlich verfälschte Nachrichten zu verbreiten.

Selbst Apple nutzt das Versagen der Konkurrenz, um sich als Alternative für Medienunternehmer in Szene zu setzen. Softwarechef Eddy Cue warb auf der SxSW für die eigene Nachrichten-App Apple News und ausgeruhten Journalismus. „Wir unterstützen Qualitätsjournalismus von glaubhaften Quellen“, sagte er. Auf die Frage, ob Facebook und Twitter genug gegen die Verbreitung von Falschnachrichten unternähmen, erklärte er: „Wer eine riesige Plattform besitzt, hat große Verantwortung.“

Im Mediengeschäft wird Apple immer mehr zur festen Größe. Der amerikanische TV-Sender CNN erhalte 60 Prozent seiner Lesezugriffe via Apple News, wie Cue erklärte. Der „Washington Post“ strömen laut ihres Produktmanagers Shailesh Prakash durch Apple News täglich Hunderte neue Abonnenten zu.

Mit einem neuen Investment baut Apple die Strategie weiter aus. Der Hersteller übernimmt Texture, einen Abodienst für Magazine. Über die App können Kunden auf etwa 200 Zeitschriften zugreifen, darunter „Wired“, „Vogue“ oder „The New Yorker“. Sie zahlen einen monatlichen Preis von 9,99 Dollar. Statt auf schnelle Klicks, Kommentare und Reichweite setze Apple auf Auswahl, kommentierte Cue den Deal. „Wir wollen die besten Artikel aus glaubwürdigen Quellen, damit wir kein Problem mit Fake News bekommen.“

Wenn Cue spricht, horcht die digitale Wirtschaft auf. Der 53-Jährige zählt zu den Führungsfiguren bei Apple und gilt als enger Vertrauter von Tim Cook. Er führt die Konzernsparte, die immer mehr ins Zentrum der Strategie rückt: das Geschäft mit Software und Services.

Cue soll Apples Gewinne auch nach dem Ende des Smartphonebooms sichern, der sich langsam abzeichnet. Apple verkaufte zuletzt weniger iPhones, erlöste aber pro Gerät mehr, dank steigender Einnahmen aus dem Softwaregeschäft, mit Apps wie Apple News.

Als Chefredakteurin News heuerte Apple die einflussreiche Journalistin Lauren Kern an, frühere leitende Redakteurin des „New York Magazine“. Bislang greifen Nutzer des Angebots von Apples Betriebssystem iOS und Android kostenlos auf Apple News und Inhalte zu, die von den Medienhäusern kostenlos angeboten werden. Schließt ein Kunde über Apple News ein Abo bei einer Zeitschrift oder Zeitung ab, streicht Apple 30 Prozent der Aboumsätze ein. Das entspricht dem Anteil, den es auch von den Entwicklern im App Store verlangt.

„Wir machen gute Erfahrungen mit Apple News“, sagte Evan Ryan, die bei Axios für das Marketing verantwortlich ist.
Axios wendet sich vor allem an Entscheidungsträger, an Menschen mit wenig Zeit. Alle drei Gründer kommen von Politico, der 2007 ins Leben gerufenen Politik-Webseite, die schon nach kurzer Zeit nicht mehr aus Washington wegzudenken war.

Mike Allen war der Weiße-Haus-Korrespondent von Politico, machte mit dem Newsletter „Playbook“ auf sich aufmerksam. Der 53-Jährige ist eine Legende in Washington, arbeitet rund um die Uhr, strotzt nur so vor Energie und Ungeduld. Auch Axios-Mitbegründer Jim VandeHei kann auf eine Karriere beim „Wall Street Journal“ und der „Washington Post“ zurückblicken, bis er 2007 Politico mit ins Leben rief, dort lange Zeit Chefredakteur war. Der Dritte im Bunde ist Roy Schwartz, einst der „Chief Revenue Officer“ von Politico.

Die Gründer spielten ihre Kontakte in der Branche aus, heuerten IT-Spezialistin Ina Fried in San Francisco von Recode an, holten Dan Primack vom Wirtschaftsmagazin „Fortune“, der bestens in der Risikokapitalszene verdrahtet ist, oder David Nather von Politico, der über Gesundheit schreibt. Vom „Wall Street Journal“ lockten sie Energieexpertin Amy Harder.

Noch ist der gesamte Inhalt von Axios umsonst zu lesen. Die Website finanziert sich mit Anzeigen, in den ersten sieben Monaten nahm sie zehn Millionen Dollar ein. Das ist viel Geld dafür, dass Axios bewusst auf offensive Werbung wie Banner oder Pop-ups verzichtet. Das erhöht die Qualität der Werbung auch zum Vorteil des Werbetreibenden, wie Designchefin Lloyd sagt: „Wer in Anzeigen Respekt vor dem Leser zeigt, der erhält mehr Aufmerksamkeit und Interesse.“

Die Zukunft soll aber in bezahlten Inhalten liegen. Vorher aber muss Axios „seine Reichweite erhöhen“, wie Digitaljournalismus-Expertin Bell sagt, „um dann später Abogebühren erheben zu können.“

Mitbegründer VandeHei sagte, dass Axios eines Tages die Hälfte seiner Einnahmen per Abonnements erzielen will. Daher gründete es bereits zahlreiche Newsletter, die maßgeschneidert auf einzelne Branchen wie Gesundheit oder Energie sind – und damit zahlungskräftige Zielgruppen ansprechen.

„Wir wollen eine sehr spezielle Leserschaft mit hoher Genauigkeit erobern“, sagte VandeHei. Dabei verriet er auch den Preis für die teuersten Newsletter, er könne nicht „super interessiert sein bei weniger als 10.000 Dollar“. Das war 2016. Vor wenigen Tagen wollte Gründerkollege Allen dazu nicht viel sagen. Gefragt, wie lange er denn die Inhalte gratis anbieten wolle, antwortete er nur: „Eines Tages wollen wir das ändern.“

Dieser Mann steckt hinter dem Telegram-Messenger

Es war am 27. Mai 2012, als der junge russische Internetunternehmer Pawel Durow einem Kollegen zeigte, wie man richtig Geld aus dem Fenster wirft.

Er faltete mehrere rote Rubelscheine zu Papierfliegern, jeder der Scheine war zu dieser Zeit 125 Euro wert. Dann lehnte er sich aus dem Fenster im sechsten Stock eines klassizistischen Prachtbaus – und ließ die Scheine fliegen. In kleinen Halbkreisen – das belegen Fotos und Videos von überraschten Passanten – segelten die Scheine auf den Sankt Petersburger Newski-Prospekt, einen Prachtboulevard im Stadtzentrum.

Diese Episode verrät viel über einen Mann, dessen Vermögen das Wirtschaftsmagazin Forbes auf 1,7 Milliarden US-Dollar schätzt. „Für mich ist Geld eine absolut virtuelle Einheit“, gab Durow dem Magazin einst zu Protokoll. Trotzdem hat er nun bei Investoren die Rekordsumme von 850 Millionen US-Dollar eingeworben. Nicht etwa für Anteile an seinem Internetunternehmen. Sondern für Münzen einer Kryptowährung, die es noch nicht gibt.

Initial Coin Offering, erstes Münzangebot, so nennen Experten dieses Verfahren im Netz: Start-ups bewerben Krypto-Münzen und Investoren greifen zu. Bislang konnten sich in einem Vorverkauf nur Großinvestoren Durows Münzen sichern. Und trotzdem hat der 33-Jährige auf diese Weise bereits so viel Geld eingeworben wie niemand zuvor. Schon wollen Investoren ihm noch mehr Geld geben. Zig Millionen Dollar für einen Jungspund, der sich selbst mit Geheimdiensten anlegt?

Chuzpe zeigte Durow schon in der Schule, wo er den Startbildschirm auf allen Computern manipulierte. Zu sehen war dann das Bild des Informatiklehrers, geschmückt mit dem Zusatz „must die“. Später lenkte Durow sein technisches Wissen in gewinnbringendere Aktivitäten: 2006 gründet er das soziale Netzwerk VKontakte, eine dreiste Facebook-Kopie, nur besser.

Nutzer können Videos, Filme und Fotos hochladen. Urheberrechte? Sie zählten – zunächst – nicht viel. Schon in den ersten Monaten strömten Hunderttausende auf die Seite, im zweiten Jahr tummelten sich mehr als drei Millionen Nutzer auf VKontakte. Nach fünf Jahren brachte es das Netzwerk auf mehr als 80 Millionen Mitglieder – und Durow in Probleme.

Als der russische Geheimdienst FSB an einem Wochenende im Dezember 2011 an Durows Tür klopfte, war er, so schilderte er es später, gerade alleine. Der junge Technikfreak schlich zur Tür, linste durch den Spion und sah Männer in Camouflage, bewaffnet mit Gewehren. Dann schlich er zum Fenster, doch dort war die Aussicht ähnlich: mehr Männer mit mehr Gewehren. Durow sagte später, er habe einfach gewartet. Nach einer Stunde sei der Geheimdienst abgezogen.

Telegram ist vielen autoritären Regimen ein Dorn im Auge
Er war vorgewarnt: Tage zuvor hatte der FSB ihn per Post aufgefordert, einige Gruppen in seinem sozialen Netzwerk zu schließen, auf denen russische Oppositionelle zu Protesten gegen die Wahlfälschungen bei der Präsidentenwahl aufgerufen hatten. Durow setzt auf die Macht der Massen und veröffentlicht den Brief im Internet. „Für einen russischen Unternehmer ist das ein vollkommen ungewöhnlicher Schritt“, sagt der Durow-Biograf Nikolai Kononow, der 2012 das Buch Der Durow-Code veröffentlichte. Der staatliche Nachrichtendienst gegen Durows Nachrichtendienst.

Es ist nur ein Beispiel aus einer ganzen Liste von Auseinandersetzungen mit autoritären Regimen rund um den Globus, die Durow führt. Immer wieder wollen die Behörden Chatprotokolle der Nutzer oder Durows Plattform gleich ganz sperren. Zum Beispiel, als Oppositionelle im Iran bei den Protesten Anfang des Jahres über Durows Messenger Telegram kommunizierten.

Diese App verschaffte ihm den internationalen Durchbruch, weil sich Nachrichten dort verschlüsseln lassen. Aktivisten, Journalisten nutzen Durows Messenger. Auch Terroristen. „Keine Regierung und kein Geheimdienst haben je auch nur ein Bit von uns bekommen“, lässt Durow regelmäßig mitteilen.

Wie ernst ist es Durow wirklich mit Sicherheit und Datenschutz?
Ein Unternehmer, der für die Freiheit des Wortes kämpft? Durow-Biograf Kononow glaubt, dass dem IT-Wunderkind die Redefreiheit zwar wichtig ist, er mit den markigen Sprüchen aber eigentlich andere Ziele verfolgt. „Seine Unabhängigkeit zu verteidigen, ist für ihn schlicht gewinnbringend“, sagt Kononow. Datenschutz, Datenschutz, Datenschutz – immer wieder verweist Durow auf den vermeintlichen Vorteil seines Messengers, sonst wäre Telegram schnell entvölkert.

Experten haben jedoch Zweifel, ob es Durow mit der Sicherheit tatsächlich ernst meint. Gruppenchats lassen sich bei Telegram zum Beispiel nicht verschlüsseln, was bei Konkurrenten bereits möglich ist. „Wenn Oppositionelle bei Telegram einen Chat mit mehreren Personen aufmachen, wäre das brandgefährlich“, sagt Thomas Lohninger von der österreichischen Bürgerrechtsinitiative Epicenter Works.

Bei Durows Kryptowährung bleiben viele Fragen offen
Diesen Worten lässt er nun Taten folgen – mit seinem Vorschlag für eine grenzenlose Digitalwährung unter dem Namen Gram, die er dieser Tage skizzierte. Damit sollen die 170 Millionen Nutzer seines Messengers irgendwann bezahlen können. „Durch die riesige Nutzerbasis wird aus Gram sofort ein Riesenprojekt“, sagt Wladimir Smerkis, Mitgründer des Kryptofonds Tokenbox.

Smerkis will investieren, denn Durow will in Telegram ein ganzes Ökosystem rund um die Krypto-Münzen aufbauen. Viele Experten jedoch zweifeln an dem Projekt: „Es ist völlig unklar, wie das Team die Gelder verwenden will und warum sie für ihre Ideen so unfassbar viel Geld brauchen“, sagt Volker Brühl, Geschäftsführer des Frankfurt Centre for Financial Studies.

Die Anleger müssen hoffen, dass Durow aus ihrem Geld nicht wieder Fliegerchen bastelt. Dabei dürfte ihm die Anekdote täglich vor Augen stehen: Im Logo der Telegram-App schwebt, ausgerechnet, ein kleiner Papierflieger.

Die sittsamen Verbrecher im „Silicon Wadi“

Israel ist eine High-Tech-Weltmacht. Hunderte Firmen sind hier, die Startup-Szene boomt, das „Silicon Wadi“ hat längst zum „Silicon Valley“ aufgeschlossen, das ganze Land befindet sich in einem wunderbaren Taumel der Innovation. Klar, dass hier auch die Hacker-Szene blüht. Viele versuchen, Online-Sicherheitssysteme zu überwinden. Und hier kommen White Hat und all die Unternehmen ins Spiel, die diese Firmen schützen. Das tun sie, wie Reut Menashe erklärt, indem sie originell („out of the box“) denken und in die Gehirnwindungen von Hackern schlüpfen. Doch auch die Kunden selber werden bearbeitet. Oft muss man den Firmen klarmachen, dass eine gute Firewall und ein Antivirenprogramm längst nicht mehr genügen. Heute kommt der alles lahmlegende Virus über den neuen Drucker ins System oder über ein unscheinbares Gerät, das irgendein Mitarbeiter fernab von den großen Computern ahnungslos in eine Buchse seines Autos steckt. Das kann genügen, um eine riesige Firma praktisch zu vernichten.

Die Weißen Hüte sind also die Guten. Oder etwa nicht? Doch, doch, sagt Reut Menashe. Eindeutig. Man bietet die Produkte an, man zwingt sie niemandem auf. Man macht mit beim berauschenden israelischen High-Tech-Boom, was im Großen und Ganzen eine gute Sache ist. Das Leben ist gut. Man ist jung und hip, man chillt beim Pingpong oder auf weichen, farbigen Kissen und hört gute Musik. Und man ist in Tel Aviv, was sowieso supergut ist. Weniger in Ordnung für Reut Menashe ist, dass auch in Israel im High-Tech-Sektor noch weit weniger Frauen arbeiten als Männer. Bei White Hat sind es zwei. Was kann man tun? Das werde sich geben, sagt die Technik-Offizierin, man müsse Geduld haben. Die Regierung tue viel, um die Frauen in eine gute Ausgangslage zu befördern. Allgemein seien Frauen am Computer „positiv konnotiert“. Gemeinschaftsprogramme wie „She codes“, von Frauen mit dem Ziel gegründet, dafür zu sorgen, dass es unter Israels Software-Entwicklern ebenso viele Frauen wie Männer gibt, boomen. Bereits im Kindergarten lernen Knirpse, Mädchen wie Jungs, einen Computer zu programmieren und Hackerangriffe abzuwehren. „Cyber Tech ist eine nationale Aufgabe.“

Ein High-Tech-Traum ganz in Pink also? Nicht ganz. Wechseln wir kurz in die Vereinigten Arabischen Emirate. Ahmed Mansur ist Menschenrechtsaktivist. Inspiriert vom frischen Wind des Arabischen Frühlings, unterzeichnete er 2011 zusammen mit einigen Mitkämpfern eine Petition für ein demokratisch gewähltes Parlament. Er wurde verhaftet und zu drei Jahren Haft verurteilt. Um ihm auf die Schliche zu kommen, hatte Abu Dhabi Malware des Typs „Pegasus“ verwendet, die von der Firma NSO Group Technologies hergestellt wird. NSO, gegründet 2010, ist eine Firma mit Sitz in Herzliya, nördlich von Tel Aviv. Dass Mansur einen Tag nach seiner Verurteilung 2011 begnadigt wurde, tut hier nichts zur Sache. Relevant ist, dass Israel Cyber-Tech-Überwachungssysteme entwickelt, die gleichsam vom Regal weg zu haben sind, und dass Regime mit üblem Ruf sie kaufen, um missliebige Journalisten zu überwachen.

Es gibt andere Beispiele. Äthiopien zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Nur rund 5 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zum Internet. Doch die Regierung kontrolliert viele Dissidenten mit ausgeklügelter Software. Jeder Schritt, den die Opfer auf ihrem Computer tun, wird verfolgt, sogar Kameras und Mikrofone können fernbedient werden. Eingekauft hat die Regierung in Addis Abeba diese Technik bei Cyberbit Security Solutions, einer hundertprozentigen Tochter des in Haifa basierten, multinational agierenden Elektronikriesen Elbit Systems, dessen über 12.000 Mitarbeiter Militärtechnik, Überwachungsgerät, Drohnen, Elektrooptik und mehr herstellen. Cyberbit Security Solutions, gegründet 2015, ist in Ra’anana am Mittelmeer zu Hause und hilft laut Eigenwerbung Firmen, Bedrohungen im Internet schon im Voraus zu entdecken, und zwar „in Sekunden“.

Cyber-Stadt in der Wüste
Das also ist die Kehrseite des „guten“ Booms. Technik, die zerstörerische Viren findet, kann auch kritische Journalisten zum Schweigen bringen. Der Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ ist dies schon vor langer Zeit aufgefallen. Bereits 2013 wies sie darauf hin, dass im Arabischen Frühling 2011 Länder wie Libyen, Tunesien, Syrien und Ägypten Journalisten mit Programmen ausspionierten, die in Deutschland entwickelt wurden. Inzwischen hat Israel Deutschland überholt. Zwar ist der Export geregelt, doch haben weder NSO noch Cyberbit Mühe, ihre Produkte loszuwerden. Beide Firmen geben sich widerborstig, mehr als ein „Kein Kommentar“ hat ihnen der Korrespondent nicht entlocken können. Gegenüber „Citizen Lab“, einer Gruppe von Wissenschaftern der Universität Toronto, haben die Verantwortlichen von Cyberbit immerhin klargestellt, man verkaufe nur an souveräne Regierungen. Für den Umgang mit diesen System seien diese selber verantwortlich.

Ob solches Verhalten mehr Entrüstung verdient als beispielsweise der großzügige Verkauf von „Rüstungsgütern“ – man könnte auch „Kriegsgerät“ sagen – aus der Schweiz oder Deutschland an Länder wie Saudiarabien oder Katar, darüber ließe sich diskutieren. In Beer Sheva aber interessieren solche Fragen kaum. Nirgendwo in Israel ist die Begeisterung über High Tech und Cyber Tech größer als in dieser eigenartigen, faszinierenden Wüstenstadt. Hier befindet sich das neue nationale Cyber-Tech-Zentrum, und gerne erinnert man sich daran, dass schon Ben Gurion sagte, die Zukunft Israels liege im Negev. Netanyahu will, dass Beer Sheva zum Magneten für Firmen aus Israel und der ganzen Welt wird. Wer kommt, erhält Steuererleichterungen. Und alle sind da. Das Militär hat seine größten und prestigeträchtigsten Anlagen hierhergebracht, ganz in die Nähe der Ben-Gurion-Universität. Dell EMC, Lockheed Martin, Paypal und die Deutsche Telekom sind in Beer Sheva, und selbstverständlich auch das Israeli National Cyber Bureau.

Dies ist der richtige Ort, um sich nach den Gründen und Voraussetzungen des israelischen Cyber-Tech-Booms zu erkundigen. Amos Stern ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Firma Siemplify und ehemaliger Anführer einer Computer-Sondereinheit der Armee. Sein Lebenslauf erklärt im Grunde schon alles. Viel, fast alles eigentlich, was sich heute im Startup-Sektor etabliert, hat in der Armee oder beim Mossad, dem Geheimdienst, angefangen. Stern hat die Erkenntnisse, die er im Militär gewonnen hat, auf den Zivilsektor übertragen. Seine Produkte reduzieren oder eliminieren Hintergrundgeräusche. Die anderer neuer Firmen konzentrieren sich auf den Empfang schwacher, weit entfernter Signale, auf die säuberliche Trennung sich überlagernder Geräuschquellen oder auf das Sehen ohne Licht.

Das zweite ist die konsequente staatliche Förderung. Man kann Netanyahu viel vorwerfen, aber nicht, dass er die Bedeutung des Sektors verkennt. Schon 2011 gab er die Losung aus, Israel in einer konzertierten Aktion zu einem der fünf mächtigsten Cyber-Staaten zu machen. Die National Cyber Defense Authority koordiniert Kontakte zwischen der Regierung, dem Sicherheits-Establishment und dem Privatsektor zum Wohle des Landes, wobei die Behörde laut Netanyahu die klare Aufgabe hat, nationale Sicherheitsbedürfnisse und demokratische Grundrechte gegeneinander aufzuwiegen. Dass dies immer gelingt, glauben nicht alle, aber in dieser Hinsicht steht Israel wahrhaftig nicht allein da. Der Mossad befeuert den Ideenreichtum noch zusätzlich mit Lockangeboten. Im Sommer 2016 kreierte er einen Investment-Fonds für neue Spionage-Techniken. Vielversprechende Erfinder erhalten bis zu 2 Millionen Schekel pro Projekt.

Den Russen auf der Spur
Das Resultat aller dieser Bemühungen sind Firmen wie White Hat und Eldorados der Innovation wie Beer Sheva, Haifa oder Tel Aviv. Cyber Tech blüht. Israel hat weltweit die zweithöchste Dichte an Cyber-Tech-Firmen nach den USA. Ein Viertel aller mit Venture Capital finanzierten Startups weltweit befindet sich in Israel. Der Wert der aufsummierten Anti-Hacking-Exporte beträgt derzeit um die 5 Milliarden Dollar. Und das alles ist nur ein Teil des boomenden High-Tech-Bereichs mit seiner mittlerweile bekannten, geradezu notorischen Risikobereitschaft. Was illustrierte es besser als der Begriff Venture Capital? Was im Englischen grandios nach Abenteuer klingt, nach Eroberung und neuen Horizonten, wird im Deutschen zu „Risikokapital“, zu etwas potenziell Gefährlichem also, das man besser vermeidet. In Israel nimmt man einen, der nicht schon zwei, drei Firmen in den Sand gesetzt hat, gar nicht erst ernst, und Venture Capital fließt auch nach der fünften Pleite. Das ist günstig, denn der Weltmarkt ist gigantisch, und er lässt sich leichter erobern, wenn man mehrere Anläufe nehmen kann. Laut «Forbes» wird der Weltumsatz im Cyber-Tech-Bereich bis 2020 auf 170 Milliarden Dollar anwachsen. Mindestens.

Ein indirektes Erbe des Holocausts
Dass die Israeli gute Hacker sind, weiß die Welt inzwischen sehr genau. Es waren Mossad-Beamte, die herausfanden, dass sich die russischen Regierungs-Hacker, die sie gerade ausspionierten, auf Antiviren-Software der Firma Kaspersky stützten. Diese Software wird von 400 Millionen Usern weltweit verwendet, aber auch von amerikanischen Regierungsstellen. Die Israeli informierten umgehend die Amerikaner, und die Welt war um eine Internet-Sensation reicher. Als Antonio Forzieri, Sicherheitschef des Software-Giganten Symantec, sagte, er habe Hacker auf der ganzen Welt gesehen, aber die israelischen seien die besten. Sie seien jünger, schneller und gescheiter als fast alle andern, da wurde dies von Haifa bis Eilat zitiert, und das Einzige, was die Menschen verblüffte, war dieses irritierende „fast“ in Forzieris Lob. Eben war der frühere CIA-Chef David Petraeus in Tel Aviv an der alljährlichen Cyber-Tech-Konferenz. Es ist ein Riesen-Event, aus 80 Ländern kamen 15.000 Aficionados angereist, und die Israeli hörten stolz, dass Petraeus ihnen attestierte, sie seien eine „Cyber-Supermacht“. Allerdings: Wer viel austeilt, muss auch einstecken. Israel ist eines der am meisten im Internet attackierten Länder der Welt.

Aber warum? Genügen die Hinweise aufs Militär, den Mossad und den spendablen Staat wirklich? Warum soll ausgerechnet dieses winzige Mittelmeerland, fern von den übrigen Zentren der Forschung, eine solche Expertise entwickeln? Wir fragen bei Daniel Cohen nach, dem Leiter der Sicherheitsabteilung von RSA Security, einer amerikanischen Cyber-Firma, die 1992 in Bedford, Massachusetts, von Adi Shamir, Ron Rivest und Leonard Adleman gegründet wurde. Cohen stellt sich im Netz als „Maker of ways, paver of paths“ vor und nennt zunächst ebenfalls die üblichen Verdächtigen, das Militär, den Staat, die Risikobereitschaft. Doch dann räumt er ein, dass natürlich auch die einzigartige Geschichte der Juden ein Grund sei, weshalb der Cyber-Tech-Sektor derart blüht. Und nun schwebt schon etwas Pathos durch den Raum. Die prägende Wirkung des Holocausts könne gar nicht überschätzt werden, sagt Cohen. Juden hätten halt stets die persönliche Sicherheit im Kopf. Sie sei ihr Mantra. „Den andern einen Schritt voraus zu sein: Das ist unsere Lebensversicherung.“

Wie Netflix die TV-Produktion revolutionieren will

Die Organisation von Film- und TV-Produktionen ist eine Herausforderung – zig Gewerke und unzählige Beteiligte müssen am Set und bei der Postproduktion koordiniert werden.

Der Streamingdienst Netflix will sich auch in diesem Bereich an die Spitze setzen und Produktionsprozesse mit einer selbst entwickelten Softwarelösung vereinfachen.

„Aus historischer Sicht ist das Metier des Filmemachens ein harter, komplexer und (aufgrund zahlreicher Überschneidungen) ineffizienter Prozess“, beschreibt Chris Goss, Director of Studio Technology bei Netflix das Grundproblem in einem Blogeintrag. „Hunderte von Menschen, die nie zuvor zusammengearbeitet haben, finden sich an einem neuen Ort irgendwo auf der Welt ein und investieren Millionen von Dollar in eine einzige Idee. Film- und Serienproduktionen mit mehreren globalen Drehorten sorgen aufgrund der Notwendigkeit des Reisens, der verschiedenen Zeitzonen, der kulturell verschiedenen Geschäftspraktiken und vielem mehr für zusätzliches Chaos.“

Moderne Technologien, um TV-Produktionen zu managen und zu koordinieren, kommen dabei im Vergleich zu anderen Branchen noch vergleichsweise selten zum Einsatz – vieles wird noch klassisch per E-Mail koordiniert. Zwar gebe es speziell für Filmproduktionen entwickelte Softwarelösungen, diese seien aber nicht robust oder modular genug gestaltet, um die Bedürfnisse komplexer Produktionsprozesse zu befriedigen, moniert der Manager.

Netflix hat daher in den vergangenen zwei Jahren eine eigene Softwarelösung entwickelt, mit der die zahlreichen Eigenproduktionen künftig effizienter organisiert werden sollen. Dreh- und Angelpunkt ist die selbstentwickelte App Prodicle Move. Diese stellt allen an der Produktion Beteiligten sämtliche Schlüsseldaten zu den aktuellen Dreharbeiten zur Verfügung. „Die zentrale Erfassung und Bereitstellung von Informationen, die einst nur in Form von E-Mails und PDFs bereitgestellt wurden, eröffnet uns zahllose Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung – sowohl für die Produktions- als auch für die Studioteams“, schwämt Goss.

Es gehe darum, Lösungen zu erarbeiten, die sowohl für die Produktions- als auch für die Studioabläufe gleichermaßen von Nutzen sind. „Wir setzen auf die Macht der Technik, um unseren Kreativteams mehr Freiraum zu geben und die organisatorischen Hürden der Produktionsverwaltung für Darsteller und Crews zu verringern. Auf diese Weise sollen alle Beteiligten dazu befähigt werden, bei der Arbeit für Netflix die bestmögliche Leistung zu vollbringen“, erklärt der Manager.

Bislang wurde die Software bei den Netflix-Eigenproduktionen „Glow“ und „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ getestet und soll nun weiter verbessert werden. Für den weltweit größten Streamingdienst geht es dabei nicht zuletzt um viel Geld: Für 2018 hat das Unternehmen Investitionen in Höhe von sieben bis acht Milliarden Dollar in Serien und Filme angekündigt, um die Konkurrenz auf Distanz zu halten.

Fake News sind sexy

Eine amerikanische Studie stellt fest: „Fake News“ verbreiten sich schneller und weiter als echte Nachrichten. Warum? Weil sie mit den Emotionen der Leser spielen.

Eine der größten Studien zum Thema erschien nun im amerikanischen Magazin „Science“. Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) untersuchten etwa 126 000 falsche und zutreffende englischsprachige Nachrichten, die drei Millionen Nutzer in den Jahren 2006 und 2017 4,5 Millionen Mal auf Twitter verbreiteten. Dazu wählten sie Artikel, bei denen sechs unabhängige Fact-Checking-Seiten eine hohe Übereinstimmung in der Einschätzung aufwiesen, ob sie wahr oder falsch sind. Das Ergebnis in Kürze: Falschnachrichten verbreiten sich schneller, werden mit einer siebzigprozentigen Wahrscheinlichkeit eher von Nutzern geteilt und werden breiter gestreut. Das ist zunächst keine Überraschung, denn das wurde schon oft beobachtet und in anderen Studien anhand einzelner Nachrichten nachvollzogen, wenn auch nicht in dieser Breite. Doch eine Frage blieb bislang unbeantwortet, nämlich die, woran das eigentlich liegt.

Social Bots, gern als hauptsächliche Fake-News-Schleudern ausgemacht, spielen eher keine Rolle bei der Verbreitung von Falschnachrichten. Bots verbreiten richtige wie falsche Nachrichten gleichermaßen, so wiesen die MIT-Forscher nach. Die hohe Verbreitung des Falschen – die Autoren sprechen stets von „False News“, nicht von Fakes – hat also mit den Menschen zu tun.

Falschnachrichten kennen Konjunkturkurven, die von äußeren Ereignissen beeinflusst werden. Die amerikanische Präsidentenwahl oder die russische Annektion der Krim sorgen für deutlich erkennbare Spitzen, dazu kommen politisch polarisierende Ereignisse wie der Terroranschlag in Paris. Naturkatastrophen hingegen sind zwar schrecklich, Falschnachrichten gibt es dazu jedoch kaum. Politische Fake News bilden mit großem Vorsprung die Hauptkategorie, urbane Legenden liegen auf dem zweiten Platz, gefolgt von Wirtschaft und Terrorismus. Aber auch wissenschaftliche Themen wie Impfung und Impfgegnerschaft oder Ernährung – gerade in diesem Augenblick streitet die deutsche Twitter-Szene wieder einmal über die angebliche Schädlichkeit von Kuhmilch – sorgen für eine große Verbreitung widerlegbarer Falschinformationen. All das sind Themen, die ein gewisses Erregungspotential mit sich bringen.

Fake oder False News verbreiten sich sofort schneller und weiter als echte Nachrichten, so die Forscher. Ungefähr tausend Nutzer erreicht eine zutreffende Nachricht. Eine Falschnachricht hat hingegen das Potential, tausend bis hunderttausend Nutzer zu erreichen, weil sie häufiger weitergeleitet wird. Die Stärke der Falschnachrichten ist also die Mundpropaganda. Und die Nutzer, die Falschnachrichten teilen, verwalten meist eher kleine Accounts mit wenigen Followern, die noch nicht allzu lange auf Twitter sind. Kaum einer dieser Nutzer hat das blaue Twitter-Häkchen, das verifizierte Accounts auszeichnet.

Trotz der strukturellen Nachteile durch wenig reichweitenstarke Accounts erreichen Falschnachrichten also schneller ein größeres Publikum als verifizierte Nachrichten der Tagespresse oder der großen Sender. Und da kommen die Gefühle ins Spiel, die sich an Geschichten knüpfen lassen und denen die Nutzer in den Kommentaren auch gerne lautstark Ausdruck verleihen. Verifizierte Nachrichten bedienen üblicherweise eine breite Gefühlsklaviatur von Freude, Erwartung, Traurigkeit bis hin zu Vertrauen. Die meisten Fake News hingegen rufen primär Angst, Überraschung und Abscheu hervor. Jene berühmte Gemütslage der Dauerempörung also, die Twitter-Nutzer von politischen Auseinandersetzungen im Netzwerk leider allzu gut kennen und die den gemäßigteren Stimmen die Diskussionen in vielen Foren verleiden. Falschnachrichten bedienen also jenseits jeder Logik eine Gefühlslage, die einige Nutzer besonders anspricht. „Novelty“ sei eine weitere wichtige Kategorie, so die Forscher. Falschnachrichten sind eher neu und überraschend, ziehen Aufmerksamkeit auf sich und erzeugen starke Gefühle wie Ekel und Ablehnung.

Inzwischen scheint außerdem erwiesen, dass sich russische Trollfarmen in die amerikanische Präsidentenwahl des Jahres 2016 eingemischt haben. Diese Trollbots befinden sich zurzeit noch im Experimentierstadium und dürften kaum größeren Schaden angerichtet haben. Die Autoren der MIT-Studie fordern gleichwohl, an dieser Stelle verstärkt nachzuforschen, um den Schaden, den solche Interventionen doch einmal anrichten könnten, möglichst schnell eindämmen zu können: Die Fake-News-Schleudern würden immer ausgefeilter und könnten ganze Gesellschaften destabilisieren. Auch gesundheitlich, wie die Impfgegner zeigen, die sich vor allem auf sozialen Netzwerken mit „Informationen“ versorgen, diese weitergeben, sich gegenseitig darin bestärken, auf Impfungen zu verzichten. Das führt zu immer mehr Neuansteckungen mit Krankheiten wie den Masern, die schon gut unter Kontrolle waren.

Was der amerikanischen Studie leider fehlt, ist eine genauere Analyse der Filterblasen, also der Kreise, in denen Informationen zirkulieren. Eine solche Untersuchung stellte der Datenjournalist Michael Kreil schon für die deutschsprachige Twitter-Landschaft an, er präsentierte sie im vergangenen Dezember auf dem Chaos Communication Congress in Leipzig, einige seiner Ergebnisse kann man auch unter netzpolitik.org nachlesen. Kreil konnte für verbürgte Falschmeldungen im deutschsprachigen Raum keine große Verbreitung nachweisen. „Man stottert sich in die Fake News rein“, konstatierte er. Damit verbreiteten sich Falschmeldungen ganz ähnlich wie Internet-Meme, also Phänomene in Netz, die sich viral verbreiten.

Besonders aufschlussreich ist Kreils Analyse der politischen Filterblasen. Twitter lässt es zu, dass über eine API, eine Schnittstelle, Metadaten über die Nutzer ausgelesen werden können, und ist nicht zuletzt deshalb ein so gutes Forschungsfeld. Die deutsche Twitter-Landschaft lässt sich mittels dieser Daten grafisch darstellen: Während das demokratische Spektrum um die meisten Parteien eine große, locker verbundene Wolke bildet, scheint die Insel der AfD-Accounts und ihnen nahestehender Nutzer vergleichsweise isoliert. Es gibt von dort aus auch wenig Austausch mit Anhängern anderer Parteien.

Diese blaue AfD-Insel ist überraschend deckungsgleich mit den Accounts, die Fake News lancieren und weiterverbreiten. Das hat zur Folge, dass Fake News vor allem innerhalb einer hermetischen Blase verbreitet werden. Sie dringen erst dann nach außen und werden vom Rest der Welt wahrgenommen, wenn bereits eine Gegendarstellung kursiert. „Wenn es eine Filterblase gibt, dann die, dass wir Fake News nicht mitbekommen“, folgert Kreil.

Leider fehlt genau dieser Aspekt bei der „Science“-Studie: Gibt es auch im amerikanischen Raum Twitter-Blasen, die besonders anfällig für Falschnachrichten sind? Lässt sich das nach Parteien oder anderen Kriterien aufschlüsseln? Und dringen Fake oder False News je aus diesen Blasen heraus, oder retweeten sich hundert russische Bots gegenseitig? Eine qualitative Analyse täte da not.

Bislang ist die Wissenschaft nicht einmal so weit, verlässliche Kriterien zur Identifizierung von Social Bots entwickelt zu haben. Es gibt zwar Dienste, die versprechen, Bots zu identifizieren, doch die Definitionen sind mehr als wackelig: Accounts ohne Profilbild, mit wenigen Followern und einer hohen Posting-Frequenz scheinen da verdächtig. Sie gleichen jedoch jenen unerfahrenen Twitter-Nutzern aus dem AfD-Umfeld, die mit wenig Sozialmedienkompetenz, aber hohem Sendungsbewusstsein und viel zu viel Zeit ziemlich monothematisch über „Merkel“, „Syrer“, „Islam“ twittern. Ihre Affinität zu Fake News ist hoch, ihre Reichweite außerhalb der Blase gleich null. Das ist einerseits beruhigend. Andererseits sind sie sehr laut und torpedieren jede Forendiskussion in kurzer Zeit, so dass die Restöffentlichkeit ihr eigenes Wort kaum noch versteht. Bei der extremen Linken ist das Phänomen freilich auch zu besichtigen.

Wie begegnet man diesen Phänomenen? Die amerikanischen Forscher plädieren einerseits für eine Zusammenarbeit von Wissenschaft, Medien und privaten Unternehmen wie Google, Facebook und Twitter. Diese Unternehmen hätten eine ethische und soziale Verantwortung, sich an der Forschung zu beteiligen. Es müsse außerdem an den Algorithmen gearbeitet werden, mit denen sich die Menschen Zugang zu Informationen beschaffen, denn sie tun das in zunehmendem Maße über soziale Medien. Und nicht zuletzt sind die Schulen in der Verantwortung, Schülern schon früh so viel Medienkompetenz mit auf den Weg zu geben, dass sie falsche von richtigen, echten Nachrichten unterscheiden können.

Google und Facebook steigen in den Hausbau ein

Gerade erst hat Amazon wieder mit der Akquisition des Türöffner-Start-ups „Ring“ für Aufsehen gesorgt. Der Kaufpreis soll bei rund einer Milliarde Dollar gelegen haben und im Nachgang wurde auch gleich der Verkauf des Konkurrenzprodukts Nest von Google über Amazon ausgesetzt. Ring war witzigerweise ein Start-up, das 2013 von den Experten der TV-Show „Shark Tank“ abgelehnt wurde, als sie 700.000 Dollar für zehn Prozent ihrer Firma haben wollten. So viel zu TV-Experten.

Jetzt übernehmen Google & Co: Der Kampf der Valley-Giganten endet dabei weder an der Türe, noch im Schlaf- oder Kinderzimmer. Getreu dem Motto „Go big or go home“ ist das Smart Home nicht perfekt, wenn es nicht komplett im Silicon Valley entworfen, geplant und gebaut worden ist. Die Digitalisierung macht endgültig nicht mehr vor der Bauindustrie halt, die sich lange erfolgreich gegen Modernisierung des Ein- und Mehrfamilienhauses gewehrt und jede Steckdose extra abgerechnet hat.

Der Probelauf hat schon begonnen: Google wird 10.000 Wohneinheiten in der Nähe seines neuen Firmensitzes in Mountain View errichten, die Bauanträge sind im Dezember genehmigt worden. Facebook baut einen ganzen Stadtteil neben der Erweiterung des Firmensitzes in Menlo Park.

Eines der acht Bauunternehmen, die Google angesprochen haben soll, ist Katerra. Das kaum bekannte Start-up aus Menlo Park stellt Modulhäuser und Wohnungen her und hat im Januar eine gigantische Kapitalspritze von 865 Millionen Dollar des japanischen Investors Softbank bekommen. Die Risikokapital-Datenbank CB Insights meldete für 2017 insgesamt rund 169 Millionen Dollar in 25 Bau-Start-ups.

Katerra will den Bauprozesses durch integrierte Planung und Konstruktion deutlich beschleunigen – bis hin zum Innendesign und der Anlieferung der Elemente an einem Fließband. Mit effizienter Produktion kennt sich das Unternehmen aus. CEO Michael Marks war nicht nur lange Partner bei KKR, sondern auch CEO von Flex, einem bekannten Auftragsfertiger für elektronische Bauteile.

Acre aus Mountain View bietet schlüsselfertige Häuser mit kompletter Ikea-Küche, Solarenergieversorgung, integrierten „Nest“-Kontrolleinheiten, Tesla Powerwall- Akkus, Sonos Audio, smarten Türschlössern, integriertem Mesh-Wifi und vielem mehr ab 675.000 Dollar an. Der Aufbau soll nur wenigen Tage dauern, verspricht der Anbieter. Die Digitaltechnik wäre beim Hausbau nicht mehr Anhängsel, sondern integrierter Bestandteil von Anfang an.

Andere Anbieter setzen auf Modulhäuser, die teilweise sogar transportabel sind. Die Wohnmodule werden in Hausgerüste mit Basistechnik wie Wasser- und Stromversorgung oder Aufzüge eingehängt. Beim Umzug werden die Module auf Sattelschlepper verladen und in Modul-Skelette in einer anderen Stadt integriert und angeschlossen.

Selbst die Mitwohnplattform Airbnb aus San Francisco wartet nicht mehr auf die Bauindustrie, sondern zieht in Zusammenarbeit mit Immobilienentwicklern eigene Airbnb-Appartementanlagen hoch. Die Wohnungen haben beispielsweise große abschließbare Safes für Wertsachen, wenn der Eigentümer verreist und die Wohnung vermietet. In der Lobby gibt es einen Empfang, der Schlüssel rausgibt und entgegennimmt, Gepäck aufbewahrt. Die Abrechnung und Reinigung der Einheiten wird ebenfalls zentral gesteuert.

Sidewalk Labs, eine Tochter der Google-Holding Alphabet, hat mit der Stadt Toronto einen Rahmenvertrag über ein 3,2 Quadratkilometer großes Filetgrundstück der kanadischen Metropole geschlossen, bei dem die Wohneinheiten praktisch um smarte Technologien herumgebaut werden. Bosch ist einer der Partner des Stadt San Francisco bei der kompletten Neuentwicklung des „Dogpatch“ genannten alten Industrieviertels an der Bucht von San Francisco, das zu einem Vorzeigestadtteil des 21. Jahrhunderts werden soll.

Das ultimative Ziel ist dabei gar nicht mehr so weit weg, wenn man bedenkt, dass Silicon-Valley-Technik schon bald die Reise zum Mars ermöglichen soll. Die Techies wollen ihre eigenen Städte, gebaut und verwaltet nach ihren Vorstellungen. Oder wie Google-Gründer Larry Page einmal sagte: Sein Traum wäre eine Insel ganz ohne Regulierungen, wo man noch mal ganz von vorne anfangen könne.

Der Sender Sky probiert sich an „Mix Up Art“

Das Große klein und das Kleine groß zu machen, darauf versteht sich die „Mix Up Art“-Reihe des Abosenders Sky. Das Konzept klingt wie aus dem Fluxus-Lehrbuch: Man nehme zwei Menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben, versetze sie für zwei Tage in eine kreative Umgebung und feiere das Werk, das in dieser Zeit entsteht.

Man weiß nicht, was in der Redaktion von Sky gereicht wurde, als die Idee entstand, den Aktionskünstler Wolfgang Flatz mit der Schauspielerin Christine Neubauer in ein Remake von „Nur 48 Stunden“ zu werfen. Allein, es ist äußerst unterhaltsam, den beiden zuzuschauen. Das Kunstwerk, das am Ende entsteht – ein Foto-Tryptichon nach historischen Vorlagen mit Renn-Ducati und Neubauer – ist sichtbarer Ausdruck dafür, dass die Schauspielerin etwas mit Kunst anfangen kann und Flatz nichts zu trivial ist, dass es nicht in seinen „Fressen Ficken Fernsehen“-Kosmos (großes Schild in seiner Wohnung) passen würde, samt riesigem Dachgarten, dessen Mittelpunkt ein äußerlich abgewrackter Oldtimer bildet, in dem beide auf grünem Leder hocken und darüber flachsen, ob der Geist von Elvis, dem die Rostlaube einst gehörte, Neubauer nun das Singen lehrt.

Flatz und Neubauer sind die Pioniere dieses Formats. Ihr Kunstwerk konzeptueller Fotografie entstand schon 2016. Nun, beim „Art Event“ von Sky in der Alten Münchner Kongresshalle, stellten sie es vor. Wobei Christine Neubauer ein wenig das Lächeln gefror, da Flatz sie als „Gesichtsverleiherin“ ansprach. Mit einer Rolle aber habe sie ihn beeindruckt – einer Leidensgeschichte auf einem Bergbauernhof, in die er sich als Bergbauernsohn aus dem Bregenzer Wald habe hineinversetzen können.

Sky hat bizarre Begegnungen eingefädelt. Lady Bitch Ray trifft den „Werner“-Zeichner Rötger Feldmann, Udo Walz hat es mit Milo Moiré zu tun, Laith Al Deen mit Elvira Bach, den verstorbenen Sänger Gunter Gabriel sehen wir mit dem Designer Ralf Metzenmacher zu Werke gehen. Der Moderator Max Moor geht mit der Künstlerin und Sängerin Marlene Schnabel-Marquardt in Weimar erst einmal einen Kaffee trinken. Dann lassen sie verflüssigte Gummibärchen auf Leinwände laufen. Was sagt uns das? „Der Anspruch ist ja nicht, dass wir große Kunst machen“, sagt Moor. Aber beim nächsten Mal wolle er „mit einer fast arroganten Selbstsicherheit sagen: Ich bin auch Künstler.“ Die Bilder der beiden, für die „gefällig“ wohl die richtige Beschreibung sei, passten indes „gut in eine Bankhalle“. Eine echte Verwandlung hat der Schönheitschirurg Werner Mang vollzogen. Nach zwei Tagen mit dem Bildhauer Clemens Brocker ist er sehr angetan von der Arbeit mit der Kettensäge statt dem Skalpell. Er droht, wenn das gemeinsame Kunstwerk „black/white“, ein doppelgesichtiger Kopf aus Holz, gut ankomme, sich abermals freizunehmen, um mit Brocker noch künstlerisch tätig zu werden.

Premium Aktie unter der Lupe Netflix ist kaum zu stoppen

Der Streamingdienst Netflix trotzt jeder Börsenkorrektur. Dennoch ist Vorsicht angebracht: 2019 könnte ein turbulentes Jahr für den Platzhirsch werden. Das ist eine Aktie, bei der auch der Aktivist Dan Loeb mit seinem Hedgefonds Third Point nicht widerstehen konnte.

Er hat im vierten Quartal 2017 rund zwei Millionen Titel und damit einen Anteil von 0,46 Prozent an dem Streamingdienst Netflix gekauft.

Es ist zwar unklar, ob er das Aktienpaket bis heute hält. Aber es gibt einen Hinweis darauf, warum die Netflix-Aktie zu den Papieren mit der besten Entwicklung in den letzten Monaten des vergangenen Jahres gehörte und diese auch fortsetzte: Trotz der massiven Korrektur der Wall Street verbucht Netflix seit Jahresbeginn bis 02.03 ein sagenhaftes Plus von fast 50 Prozent. Der marktbreite S&P-500 weist dagegen ein kleines Minus aus.

Mit der Veröffentlichung der Zahlen für das vierte Quartal 2017 im Januar kratzte das Unternehmen an der Marke von 100 Milliarden Dollar Börsenbewertung. Vergangene Woche lag der Wert bei rund 120 Milliarden Dollar.

Ausgangspunkt für den Kursanstieg war das Weihnachtsquartal. Die Kundenzahlen in den USA und auch weltweit stiegen viel stärker als erwartet. Der globale Kundenzuwachs von 8,3 Millionen machte das Weihnachtsquartal „zu unserem größten jemals“, verkündete Netflix-Chef Reed Hastings im Aktionärsbrief.

Was nicht nur die Wall Street, sondern auch Hollywood in der vergangenen Woche elektrisiert hat, war ein Vertrag mit einer Laufzeit von fünf Jahren mit der Hollywood-Legende Ryan Murphy. Er ist Produzent so erfolgreicher Serien wie „American Horror Story“ und „Glee“.

Nur noch wenige Wochen wird er für den Kabelsender „Fox“ Hits liefern. Dann hofft Netflix auf seine große Stunde. „Angefeuert vom Erfolg der Originalserien ist Netflix mittlerweile das Studio für Serienproduktionen geworden“, zitiert das Finanzportal Marketwatch.com den BTIG-Analysten Rich Greenfield.

Die Pläne für selbst erstellte Inhalte sind hoch gesteckt bei Netflix. Acht Milliarden Dollar sind dafür in diesem Jahr vorgesehen, zwei Milliarden mehr als 2017. Das wäre mehr als bei den Konkurrenten Hulu und Amazon zusammen. Allein diese schiere Summe lockt Talente aus Hollywood an, die Geld für die Verwirklichung ihrer Ideen suchen und nicht mehr wissen, ob sie es im eingefahrenen Studiobetrieb der Megafirmen wie Disney oder Fox finden.

Netflix hat nie ein Geheimnis aus dieser drohenden Gefahr und dem absoluten Willen gemacht, diese abzuwenden. Und Hastings scheint einen vergleichsweise preiswerten Weg gefunden zu haben, das zu bewerkstelligen. Er kauft nicht die Studios. Er nimmt ihnen einfach die Kreativen weg und mietet dann billig die leeren Studiohallen.

Dennoch stellt sich die Frage, wie er das finanzieren kann. Der freie Cashflow, der pro Jahr aus dem laufenden Geschäft generiert wird, ist dabei ausschlaggebend. Da ist Netflix absolut vergleichbar mit Amazon. Im abgelaufenen Jahr lag der freie Cashflow bei minus zwei Milliarden Dollar. Netflix hat schlicht mehr ausgegeben als eingenommen.

Das Minus wird steigen
Für 2018 wird das Minus sogar auf drei bis vier Milliarden Dollar prognostiziert. Steigende Betriebsgewinne und graduell abnehmende Investitionen werden zu einem positiven Cashflow führen, hieß es in Gesprächen mit Analysten. Einen Zeitpunkt dafür hat Netflix aber nicht genannt.

Doch es gibt keine Alternative zur bisherigen Strategie.

Verliert das Unternehmen aus dem Silicon Valley seine Marktführerschaft bei den jetzt rund 111 Millionen zahlenden Zuschauern weltweit, bekommt die Konkurrenz Zeit aufzuholen. Insgesamt gibt es Verpflichtungen von über 17 Milliarden Dollar für Lizenzen, Programminvestitionen und Produktionen in den kommenden Jahren. Damit stellt Netflix sicher, dass nur die ganz großen Gegner noch gefährlich werden können. Und das auch nur, wenn die selbst sehr viel Geld in die Hand nehmen – so wie Amazon und Apple.

Glaubwürdigkeitsstudie des WDR: Glaubwürdig, aber vom Staat gelenkt

Dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk bläst derzeit der Wind so stark ins Gesicht wie noch nie. In ganz Europa, aber auch in Deutschland ist die Kritik an den „Mainstream-Medien“ im Allgemeinen und den öffentlich-rechtlichen im Besonderen häufig laut und schrill, ebenso die Kritik am Rundfunkbeitrag. Für diese Diskussion über die Zukunft von ARD und ZDF rüstet sich der WDR nun mit einer „Glaubwürdigkeitsstudie“, die der Sender bei Infratest Dimap in Auftrag gegeben hat und für die 1.000 Leute telefonisch befragt wurden, wobei die Ergebnisse für die Wahlberechtigten in Deutschland repräsentativ sein sollen.

Und tatsächlich sind die Ergebnisse erstmal nicht schlecht: 90 Prozent bescheinigen den Medien hierzulande eine gute oder sehr gute Qualität. Und nachdem im Herbst 2015 nur 52 Prozent die von den Medien vermittelten Informationen als glaubwürdig eingestuft haben, sind es nun immerhin schon wieder 65 Prozent. Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch: Mehr als ein Drittel hält die Informationen, die von Medien verbreitet, generell erstmal für nicht oder wenig glaubwürdig – ein beachtlicher Prozentsatz. Bei den AfD-Ahängern sagen sogar knapp zwei Drittel, dass die Informationen in den deutschen Medien „alles in allem nicht glaubwürdig“ seien.

Allerdings schneiden die Öffentlich-Rechtlichen hier weit überdurchschnittlich ab. 82 Prozent bescheinigen öffentlich-rechtlichen Radiosendern Glaubwürdigkeit, 77 Prozent öffentlich-rechtlichem Fernsehen. Damit liegen sie noch vor den Tageszeitungen mit 71 Prozent. Private Fernsehsender halten übrigens nur 27 Prozent für glaubwürdig, die Boulevardpresse kommt auf 6 Prozent, liegt damit aber sogar noch vor Facebook – Informationen von dort billigen nur 5 Prozent Glaubwürdigkeit zu. Die recht guten Werte für die Öffentlich-Rechtlichen führen dann auch dazu, dass 64 Prozent angeben, großes oder sehr großes Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben. Hier gibt es allerdings ein deutliches Ost-West-Gefälle: In den den östlichen Bundesländern sind es nur 55 Prozent.

Wirklich nachdenklich stimmt allerdings ein Aspekt der Studie: Satte 40 Prozent der Wahlberechtigten antworten auf die Frage „Glauben Sie, dass den deutschen Medien von Staat und Regierung vorgegeben wird, worüber sie berichten sollen?“ mit „ja“. Im Osten sind es sogar 47 Prozent. Und bei den 18- bis 34-Jährigen ist es mehr als die Hälfte, genau gesagt 54 Prozent. Dass selbst ein Mann wie Mathias Döpfner von „Staatspresse“ spricht leistet diesem Eindruck dabei sicherlich noch Vorschub. Unterscheidet man nach Parteipräferenz, dann zeigt sich übrigens: 84 Prozent der AfD-Anhänger glauben an vom Staat gelenkte Medien, aber auch 41 Prozent der SPD-Anhänger. Nur bei CDU/CSU und Grünen sind es lediglich etwa ein Viertel – aber auch hier gilt: Ein Viertel ist eine ganze Menge. Diese Meinung hat sich in den letzten zweieinhalb Jahren übrigens nicht maßgeblich verändert.

Verzichten wollen die meisten auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zumindest dieser Studie zufolge übrigens nicht. Über 80 Prozent meinen, ARD und ZDF leisten einen wichtigen oder sehr wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung, nur 15 Prozent sagen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei „verzichtbar“. Auch bei den 18- bis 34-Jährigen sind es nur 18 Prozent, mit 23 Prozent sagen es etwas mehr 35- bis 49-Jährige. Selbst bei den AfD-Anhängern überwiegt mit 56 zu 44 Prozent knapp die Zahl derer, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für nicht verzichtbar halten.

Nicht nur eine Abschaffung, auch eine Verringerung des Angebots der Öffentlich-Rechtlichen ist der Studie zufolge nur von wenigen gewünscht. Nur 7 Prozent sagen, es sollte alles in allem weniger Angebote geben, 18 Prozent wünschen sich sogar mehr. Bei den 18- bis 34-Jährigen sind es sogar 27 Prozent, die sich eine Ausweitung der Angebote wünschen, jeder Dritte aus der jungen Altersgruppe sagt, die Öffentlich-Rechtlichen sollten ihr Angebot im Internet ausbauen. Quer durch alle Altersgruppen überdurchschnittlich häufig ein Ausbau der regionalen Angebote gewünscht (34 Prozent). Selbst bei den AfD-Anhängern halten sich Befürworter einer Reduzierung und eines Ausbaus der Angebote von ARD und ZDF übrigens die Waage.

Was der WDR bei der Studie lieber nicht abfragen ließ, war allerdings die Frage, ob man für diesen Ausbau auch bereit wäre, einen höheren Rundfunkbeitrag zu zahlen oder ob man das nur fürs gleiche oder weniger Geld haben wollen würde. Auf diese Frage wären die Antworten dann wohl doch ein wenig anders ausgefallen.

Warum Audio auf Alexa hofft

Tausende Web-Radioangebote, Programmatic und Sprachsysteme wie Alexa: Die Audiobranche rechnet mit einem Boom. Zu Recht?

Wie online ist das Radio inzwischen eigentlich? Und was haben Werbekunden davon, wenn es neben den klassischen UKW-Sendern Hunderte an zusätzlichen Web-Radioangeboten gibt? Mit diesen Fragen befasst sich der Audio-Vermarkter RMS derzeit auf seiner Online-Audio-Tour, die ihn durch die Städte Hamburg, München, Frankfurt und Düsseldorf führt.

Zunächst einmal: Den meisten Menschen ist es offensichtlich egal, über welchen Empfangsweg sie ihr Radioprogramm hören – ob UKW oder über das Web, Hauptsache, sie hören es. Und: Das Web hat die Radiolandschaft extrem aufgebohrt. Sie ist in Deutschland innerhalb weniger Jahre von ein paar Dutzend Sendern auf rund 12.000 Kanäle gewachsen, das meiste davon geht auf das Konto von Hobby-Moderatoren und Freizeit-DJs: Rund 9.500 dieser Sender sind User-Generated-Streams, die anderen 2.500 sind gestreamte Angebote etablierter Sender, dazu kommen Hunderte von Web-Only-Angeboten.

Richtig euphorisch blicken die Vermarkter derzeit aber auf den Boom der Smart Speaker. Darin sehe man eine „interessante Entwicklung“, so Frank Bachér, Leiter Digital bei der RMS. Denn durch den tausendfachen Download der Alexa-App steige die Audio-Nutzung. Und davon profitiere die gesamte Audio-Branche. Das zeige ein Blick in die USA: Dort würden die Menschen, die verstärkt Smart Speaker nutzen, weniger fernsehen und stattdessen mehr Audio hören.

Sendernamen wie „Katzenpuff“ bevorzugt
Laut.fm, ein Webportal für die Gestaltung eigener Programme, war einer der ersten Sender, die mit einem eigenen Skill auf Alexa präsent waren. Deren Gründer und CEO Rainer Henze schilderte seine Erfahrungen mit dem neuen Verbreitungsweg. Erstens: Die Radioanbieter müssen damit rechnen, dass Amazon erst einmal die eigenen Musikangebote oder die von Kooperationspartnern nutzt, wenn der User nach Musik verlangt. Amazon übernimmt damit also auch im Audio-Bereich die Rolle eines Gate-Keepers.

Zweitens: Wenn ein Sender über Sprachbefehl gefunden werden will, braucht er einen eingängigen Namen. Einer der erfolgreichsten Sender auf laut.fm, der Kanal „O-24_80ER-POP-ROCK“, funktioniere in der Voice-Welt nicht mehr, so Henze – weil der Name zu kompliziert ist. Sender wie das Angebot „Katzenpuff“ aus München dagegen schon, weil sich der Sendername so schön merken und per Sprachbefehl abrufen lässt.

Der Werbewirtschaft den Zugang erleichtern
Da sich die Radiowelt derzeit rasant verändert, arbeitet der Audio-Vermarkter RMS im Hintergrund intensiv daran, der Werbewirtschaft den Zugang zu den neuen Angeboten zu erleichtern. So wird beispielsweise an einer Listener-ID getüftelt, die das Hörverhalten der User nicht nur auf Desktop, Mobile und Tablet trackt, sondern auch auf Verbreitungswegen wie Smart TV, Connected Car, Aggregatoren oder Smart-Speakern.

„Unser Ziel ist es, über DMPs auf 100 Prozent der Online-Reichweite zugreifen zu können“, sagt Matthias Schenk von RMS Digital. Und nicht wie bislang nur auf 20 Prozent. Nächster Schritt seien dann Audiospots, die in Echtzeit aus unterschiedlichen Bausteinen zusammengesetzt würden und Daten zu Uhrzeit, Location, Wetter, Empfangsgerät oder die Stimmung der Hörer einbinden. Am Ende stünde dann der hoch individualisierte Spot.

Bis es so weit ist, seien allerdings noch dicke Bretter zu bohren, dämpfte Jörg Brandt, Head of Radio für die Omnicom-Mediaagenturen, die Euphorie. Beispiel Programmatic Audio. Darüber spreche man schon seit drei Jahren. Aber erst jetzt gebe es erste Cases. Auch Wolfgang Bscheid, Chef von Mediascale, dämpfte überzogene Erwartungen. Der Run auf die Smart Speaker sei noch lange keine Garantie dafür, dass das Leben für die Audiobranche leichter werde. Man müsse sich jetzt dringend neue Werbekonzepte einfallen lassen. Und die müssen son attraktiv sein, dass die User sie über Sprach-Systeme wie Alexa abrufen. Freiwillig.

Im russischen Internet herrscht der Geheimdienst

Im russischen Internet herrscht der Geheimdienst
Zensur und Kriminalisierung nehmen im Internet in Russland zu. Die russischen Internetnutzer fürchten um die Freiheit des Wortes und um ihre Privatsphäre.

Sind Youtube und Instagram in Russland bald unzugänglich? Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor hat vor kurzem drastische Schritte angedroht, falls der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny der Aufforderung nicht nachkomme, eines seiner neusten Videos zu löschen.

Lange politisch vernachlässigt
Darin geht es um eine Enthüllung über schlüpfrige, aber politisch brisante Verbindungen zwischen dem Unternehmer Oleg Deripaska, dem stellvertretenden Regierungschef Sergei Prichodko und einer Escort-Dame. Deripaska hatte umgehend ein fragwürdiges Gerichtsurteil in seinem Heimatort erwirkt. Auf dessen Grundlage verlangte Roskomnadsor sogar von Internet-Medien, die diese Geschichte aufgegriffen hatten, den Inhalt zu löschen.

Nawalnys Website war für kurze Zeit tatsächlich blockiert, aber später wieder zugänglich; auch das besagte Video lässt sich weiterhin anschauen. Beinahe sechs Millionen Internetnutzer haben das bereits gemacht. Paradoxerweise haben die drastischen Schritte der russischen Behörden erst recht die Aufmerksamkeit auf die Recherchen des Anti-Korruptions-Aktivisten gelenkt. Vor allem aber hat der Vorfall illustriert, wie schnell in Russland mittlerweile die Freiheit des Wortes auch im Internet bedroht ist. Erstaunlich ist allenfalls, mit welcher Eilfertigkeit die Google-Tochter Youtube das Verdikt umsetzen wollte.

Die Entwicklung des Internets in Russland unterlag in den vergangenen zehn Jahren einem gegenläufigen Prozess: Auf der einen Seite war es noch nie so leicht wie jetzt, im öffentlichen Raum ins Internet zu gehen. In der Moskauer U-Bahn gibt es kostenfreien drahtlosen Zugang. Die Behörden versuchen, immer mehr Dienstleistungen übers Internet anzubieten. Wo früher der Fax der schnellste Weg zur Übermittlungen von Dokumentenkopien war, ist es nun die E-Mail.

Auf der anderen Seite hat vor allem seit der neuerlichen Wahl von Wladimir Putin ins Präsidentenamt im Jahr 2012 der Appetit des Staates sehr stark zugenommen, unter dem Vorwand der Sicherheit und der Bekämpfung schädlicher gesellschaftlicher Entwicklungen den Freiraum auch im Internet einzuschränken. Hatte der russische Staat lange Zeit zwar politisch unliebsame Regungen schnell unterdrückt und sonst das Privatleben eher willkürlich tangiert, so dringt er seit der Protestwelle vom Winter 2011/12 auch in gesellschaftlichen Fragen immer rücksichtsloser in den Alltag der Bürger ein.

Der Druck auf die freie Meinungsäusserung im Internet und überhaupt auf die Regulierung dieses zuvor lange von der Politik vernachlässigten Raums hat parallel dazu stark zugenommen. Russlands Interesse an der rigiden chinesischen Internet-Kontrolle ist gestiegen, auch wenn die russischen Verantwortlichen dementieren, ein ähnlich restriktives Regime durchsetzen zu wollen.

Schwarze Listen
Die auf juristische Fragen spezialisierte Bürgerrechtsorganisation Agora legte jüngst eine Studie zur Freiheit im russischen Internet vor und kam zu einem ernüchternden Schluss. Die Behörden gehen demnach immer mehr dazu über, Internet-Aktivitäten zu kriminalisieren. Die 2012 eingeführte „schwarze Liste“ mit gesperrten Inhalten und IP-Adressen hatte zu einer inflationären Blockierung geführt. Eine strafrechtliche Verfolgung fand zunächst aber nur in Ausnahmefällen statt.

Das hat sich in den vergangenen drei Jahren geändert. Die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor ist zunehmend nur noch der technische Gehilfe des Inlandgeheimdienstes FSB. Dieser hat – wie in anderen sicherheitsrelevanten Fragen auch – die Führungsrolle im Repressionsapparat übernommen. Harte Urteile gegen Bürger, die in sozialen Netzwerken unliebsame Beiträge verbreiteten, sind keine Einzelfälle mehr. Schnell glauben die Ermittler Aufwiegelung zu Hass und Extremismus zu erkennen – wozu wegen Infragestellung der territorialen Einheit Russlands etwa der Zweifel an der Zugehörigkeit der annektierten Halbinsel Krim gehört. Parallel dazu verschärfte die Staatsduma Gesetze, die in solchen Fällen angewandt werden können.

Wie in westlichen Staaten sind den Sicherheitsbehörden, aber auch den Politikern, die Anonymität im Internet und die verschlüsselten Messenger-Dienste ein besonderer Dorn im Auge. Gerade weil dem Staat in Russland Privatsphäre wenig gilt, erfreut sich das anonyme Surfen über das Netzwerk Tor oder über VPN-Verbindungen grosser Beliebtheit. Beides ist eigentlich nicht mehr gestattet, aber so soll das Gesetz gegen VPN – Verbindungen, die einen Tunnel zu einem anderen Server herstellen – zahnlos sein und Russland fehlen die Voraussetzungen dafür, von den Anbietern eine Registrierung zu verlangen oder die Dienste abzuschalten.

Wider die Anonymität
Was China immer rücksichtsloser, aber auch aus einer Position der wirtschaftlichen wie technischen Stärke durchsetzen will, nämlich die Deaktivierung aller, auch firmeninterner VPN, kann Russland weder leisten, noch will es den damit verbundenen Schaden bis jetzt in Kauf nehmen. Die Blockierung des Netzwerks für Geschäftskontakte, Linkedin, wegen Nichterfüllung von Auflagen schmerzt in Russland wenig.

Die von den staatlichen Medien zeitweise unterstützte und vom FSB gesteuerte Kampagne gegen den Messengerdienst Telegram, der mit seinen verschiedenen Kanälen, aber eben auch mit seiner Verschlüsselung eine ganz eigene Medienplattform geworden ist, nehmen die Verfechter des freien Internets in Russland aber sehr ernst. Sollte Telegram dazu gebracht werden, die Verschlüsselungscodes an den Geheimdienst abzugeben, wäre nicht nur die Privatsphäre dahin. Es würde nicht lange dauern, bis Daten entwendet und auf dem Schwarzmarkt erworben werden könnten, befürchten die Aktivisten von Roskomswoboda, die sich für die Freiheit im russischen Internet einsetzen.

Anschlag auf die „vierte Gewalt“

Ein Brandsatz zerstört die Räume eines ukrainischen Netzportals. Die stellvertretende Chefredakteurin spricht von einer Auftragstat.

Auf das in der nordwest-ukrainischen Stadt Rivne ansässige Internetportal „Die vierte Gewalt“ ist ein Brandanschlag verübt worden. Dabei wurden die Redaktionsräume im Erdgeschoss zerstört. Menschen kamen nicht zu Schaden.

„Ich war gerade bei einer Sitzung im ersten Stock, als wir hörten, dass unten jemand versuchte, in die Räume einzudringen. Mein 16-jähriger Sohn rannte hinunter, um nachzusehen. Im selben Augenblick hörten wir eine dumpfe Explosion. Und da kam mir mein Sohn schon entgegen und rief, „Mama, es brennt.“ sagte Antonina Torbich, die stellvertretende Chefredakteurin.

Nach Angaben der Feuerwehr, so Antonina Torbich, hätte der Brandsatz ausgereicht, um das gesamte Gebäude zu zerstören. Der Täter soll sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, sein Gesicht hinter einer Maske zu verbergen. Er habe nach dem Anschlag seelenruhig das Gebäude verlassen. Bisher fehlt von ihm jede Spur.

Bereits vor einer Woche war bei dem Provider der „Vierten Gewalt“ eingebrochen und eine Festplatte mit den Daten des Internetportals gestohlen worden. Deswegen ist die Homepage der „Vierten Gewalt“ seit Tagen nicht mehr erreichbar.

Antonina Torbich geht davon aus, dass der Anschlag direkt mit der journalistischen Arbeit der „Vierten Gewalt“ zu tun habt. „Wir haben viele Enthüllungen gebracht. Das gefällt manchen nicht, den Behörden oder einflussreichen Personen, die Gesetze brechen.“

Die Ermittlungen zu den Morden an den Journalisten Oles Busina 2015 und Pawel Scheremet 2016, so Amnesty International, hätten immer noch keine Ergebnisse gebracht. Gleichzeitig würden die Versuche der staatlichen Organe, die Freiheit der Medien einzuschränken, weiter anhalten.

Amazon frisst alle

Etwa 78 Milliarden Dollar trennen Jeff Bezos und Jim Walton. Um so viel ist der Amazon-Chef und -Gründer reicher als der wohlhabendste Spross der Walton-Familie.

Dabei ist dieser Rückstand fast noch die beste Nachricht für den Clan, der immer noch die Hälfte an dem Handelsimperium Walmart besitzt.

Dabei ist der Begriff Imperium eigentlich nicht mehr zutreffend. Denn wie sollte dann die Dimension bezeichnet werden, in der sich Amazon befindet. Schließlich ist dessen Gründer nicht nur der reichste Mann der Welt. Sein Konzern ist an der Börse mit gut 700 Milliarden Dollar fast drei Mal so viel wert wie der Konkurrent aus Betonville im Bundesstaat Arkansas.

Die Differenz zwischen beiden Welten ist um weitere sechs Milliarden Dollar angewachsen. Denn die Walmart-Aktie brach nach schwachen Quartalszahlen ein. Der US-Einzelhandelsriese hatte im Weihnachtsgeschäft enttäuscht und zum Jahresende einen Gewinneinbruch erlitten. Das große Problem ist das schwache Wachstum im wichtigen Online-Geschäft. Walmart kann offenbar nicht die erhofften Marktanteile gewinnen. Die gehören stattdessen dem großen Gegner – Amazon. Dessen Aktie legte nach der Walmart-Nachricht weiter zu. Am Mittwoch ist das Papier dann sogar erstmals über die Marke von 1500 Dollar geklettert.

Die Zahlen von Walmart sind der ultimative Beweis, dass Amazon auf dem besten Weg ist, die gesamte Welt „aufzufressen“. Denn wenn es mit Walmart nicht einmal einer der potentesten Einzelhandels-Giganten schafft, dem Expansionsdrang des neuen Riesen etwas entgegenzusetzen, dann bleiben kaum noch Gegner auf dem Weg zur Weltherrschaft übrig.

Andere Konzerne nutzen Amazons Macht
Nicht nur die Wettbewerber in der Handelsbranche werden dieses Treiben mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen verfolgen. Amazon rollt immer mehr Märkte auf. Erst vor wenigen Wochen hat der Konzern seinen Eintritt in den Handel mit Medikamenten verkündet. Daneben will das Unternehmen zusammen mit JPMorgan und Berkshire Hathaway einen Gesundheitskonzern gründen, um im ineffizienten amerikanischen Gesundheitswesen aufzuräumen. Bald schon wird Amazon das Werbe-Duopol Facebook und Google angreifen.

Mit dem Konsumgüterriesen Procter&Gamble hat bereits einer der größten Werbetreibenden der Welt angekündigt, die Produktmacht des Bezos-Konzerns intensiv nutzen zu wollen. Auch den P&G-Managern ist nicht entgangen, dass immer mehr Konsumenten direkt bei Amazon nach Produkten suchen – und nicht mehr über Google. Der Hersteller von Ariel, Oral B, Pampers und Braun gibt jährlich gut sieben Milliarden Dollar für Werbung aus, von denen sich Amazon einen größeren Teil sichern könnte.

Das Prinzip bei der Eroberung neuer Märkte ist immer das gleiche – die TAM-Methode. Amazon sucht gezielt nach Märkten mit großem adressierbaren Volumen (total addressable market, kurz TAM). Ist der TAM-Wert groß genug, wird dieses Segment mit voller Wucht angegangen. Inzwischen ist es bereits so, dass allein die Ankündigung des Markteintritts dazu führt, dass die Aktienkurse der angestammten Unternehmen dieses Sektors an Wert verlieren.

Die Aktien der Pharmagroßhändler Owens & Minor, Cardinal Health und McKesson fielen Mitte Februar um fast vier Prozent, als erstmals Amazons Pläne öffentlich wurden, beim Vertrieb von Medikamenten mitzumischen.

Whole Food ist nur ein Nukleus
Der Bezos-Konzern geht dabei sehr zielstrebig vor. Im Zweifel wird noch ein Unternehmen der ausgespähten Branche übernommen, so dass die Effizienz von Amazon nur noch wie ein Mantel über diesen Kern gezogen werden muss. So war es etwa bei der Supermarktkette Whole Foods. Sie ist der Nukleus um die Lebensmittelbranche aufzumischen. In ausgesuchten Städten will man ab sofort innerhalb von zwei Stunden kostenlos liefern – keine gute Nachricht für die Platzhirsche Walmart, Costco oder Target. Das große Fressen hat begonnen.

Amazons Hunger auf mehr Markt und Macht ist schon lange groß. Inzwischen jedoch ist der Konzern so gewaltig groß, dass er jederzeit zuschlagen kann, wenn er die Chance auf einen neuen TAM-Markt sieht. Die 770 Milliarden Dollar Börsenwert kann Bezos als Übernahme-Währung nutzen.
Pikanterweise hat Amazon selbst eines seiner neuen Projekte TAM genannt. Der eigene Transparent Ad Marketplace (TAM) soll die Art und Weise verändern, wie Onlinewerbung geschaltet wird.

Versand ist ein massives Verlustgeschäft
Amazon hat sich in den vergangenen Jahren einen weiteren Vorteil gegenüber dem großen Rest verschafft. Das Unternehmen agiert praktisch losgelöst vom globalen Börsengesetz der Profitmaximierung. Es spielt praktisch keine Rolle, dass der Konzern seit jeher keine großen Gewinne erwirtschaftet, sondern das ganze Geld immer wieder in neue oder bestehende Vorhaben investiert.

Wie sehr es dem Handelsriesen um Dominanz und weniger um Gewinne geht, zeigt sich im klassischen Versandgeschäft. Laut eigenen Angaben haben sich die Versandkosten in den vergangenen zehn Jahren von 317 Millionen auf rund 7,2 Milliarden US-Dollar erhöht. Der Versand ist also ein massives Verlustgeschäft. Alles wird dem Ziel der Kostenführerschaft untergeordnet. Und irgendwann, wenn die großen Konkurrenten die Segel streichen, erhöht Amazon die Preise für seine Pakete und dann werden – irgendwann – auch satte Gewinne gemacht.

Bis dahin nimmt man den positiven Nebeneffekt, dass somit auch niedrigere Steuerzahlungen anfallen, am Stammsitz in Seattle gern mit. Und um den zweiten Hauptsitz, den Amazon seit vergangenem September sucht, ist ein wahrer Wettstreit entbrannt. Nicht weniger als 238 Städte aus Nordamerika haben sich beworben, teils mit Steuergeschenken in Milliardenhöhe. Inzwischen hat Amazon eine Liste mit den 20 aussichtsreichsten Bewerbern veröffentlicht. Amazons weltweiter Siegeszug durch verschiedene Branchen, so scheint es, ist nicht zu stoppen.

E-Sport: Ein Gigant im Schatten Olympias

E-Sport boomt in Südkorea – und ist längst viel mehr als eine Nische von verschworenen Computerfreaks.

Angefangen hatte es in den 1980er Jahren mit Spielen wie „Tetris“ oder „Super Mario“. Ihre Nachfolger heissen „Starcraft“, „Counterstrike“ oder „League of Legends“ und sind grafisch weit ausgereifter. Bei all diesen Spielen geht es letztlich um das eine: einen Gegner mit List, Strategie, aber auch mit Waffen im Kampf Mann gegen Mann zu bezwingen.

Sein wie Faker
Das Ganze nennt sich E-Sport, und es ist in erster Linie ein Riesengeschäft für ihre Erfinder. „NC Soft“, „Netmarble“ und „Nexon“, die drei grössten koreanischen Spielentwickler, machten 2017 einen Umsatz von 5,65 Milliarden Franken. Die jährlichen Zuwachsraten bewegen sich im zweistelligen Prozentbereich. Die drei Unternehmen haben einen Marktwert von 32 Milliarden Franken. Das ist mehr als die drei führenden Kommunikationsunternehmen Südkoreas zusammen haben. Und die Analysten sind sich einig: Das ist erst der Anfang der Welle, die die Welt überschwappt.

Pyeongchang liegt rund eineinhalb Zugstunden von Seoul entfernt, doch die Olympischen Spiele scheinen hier meilenweit entfernt. In der Stadt allgemein, und speziell in der virtuellen Welt dieser PC-Bangs, wie die Treffpunkte der E-Sport-Szene genannt werden. Die Spieler kauern vor den Computern, den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet. Die Fenster zur Strasse hin sind zugeklebt, damit die Helligkeit der Sonne oder das Licht der Neonreklamen die Spieler nicht in ihrer Konzentration stören.

Rund 50 Bildschirme füllen den kaum 100 Quadratmeter grossen Raum aus. Es ist kurz vor acht an diesem Montagabend, und die meisten Stationen sind besetzt. In der hintersten Ecke des Raums befindet sich ein enger Glaskasten. Es ist der Raucherraum und der einzige Ort, an dem man sprechen darf. Ein etwa 20-jähriger Spieler, nennen wir ihn Chang Jong Hun, lehnt an der Wand, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen eine Cola. Im realen Leben studiert er Computerwissenschaft. Doch wie Tausende junge Koreaner träumt er davon, ein E-Sport-Star zu werden. Vier- bis fünfmal pro Woche, erzählt er, komme er in dieses PC-Bang. Oft bleibe er bis in die frühen Morgenstunden. Seine Leidenschaft ist „League of Legends“.

„League of Legends“ ist das derzeit populärste Computerspiel. Es gibt auch Menschen, die nennen es eine Sucht. Es kam 2009 auf den Markt. Laut Schätzungen wird es mittlerweile von weltweit rund 300 Millionen Menschen gespielt. Zwei Teams mit je fünf Spielern treten virtuell gegeneinander an. Und zumindest alle aus der koreanischen Community, die „League of Legends“ spielen, möchten werden wie Faker.

Faker heißt mit bürgerlichem Namen Lee Sang Hyeok, ist 22 Jahre alt, und er ist der Roger Federer des E-Sports. Zum Star wurde er im Frühling 2013, als er im Final eines der E-Sport-Wettbewerbe sein Team gegen den favorisierten Royal Club Huang Zu aus China zum 3:0-Sieg führte. Das Spiel fand im ausverkauften Staples Center von Los Angeles statt, mehrere Millionen schauten rund um die Welt per Live-Stream zu. Die Chinesen machten Faker umgehend ein Millionenangebot, um ihn der koreanischen Konkurrenz abzuwerben. Doch er widerstand.

1,5 Milliarden Umsatz bis 2020
Und spätestens jetzt ist klar, dass E-Sport kein Nischensport von irgendwelchen Computer-Nerds ist, sondern eine ernstzunehmende Bewegung. Möglicherweise ist sie sogar der Sport der Zukunft. So werden jährlich 100 Milliarden Dollar mit E-Sport umgesetzt. An den bestdotierten Turnieren winken dem Sieger bis zu 10 Millionen Dollar Preisgeld. Das ist mehr, als Federer für seine letzten drei Grand-Slam-Siege zusammen erhalten hat.

Der niederländische Analyst Newzoo, der sich auf den elektronischen Markt spezialisiert hat, geht davon aus, dass im Jahr 2020 1,5 Milliarden US-Dollar mit dem organisierten E-Sport umgesetzt werden. Getrieben wird der Markt von Elektronikkonzernen wie Intel, Logitech oder auch Samsung, das auch einer der Hauptsponsoren der Winterspiele in Pyeongchang ist.

Wie verlässlich solche Prognosen sind, ist schwer abzuschätzen. Doch niemand will Gefahr laufen, den Trend zu verpassen. Amazon hat 2014 für eine Milliarde US-Dollar die Streaming-Plattform Twitch übernommen, die sich auf die Verbreitung des virtuellen Sports spezialisiert hat. Fussballvereine wie Manchester City, Paris Saint-Germain oder Ajax Amsterdam unterhalten mittlerweile eigene E-Sport-Teams. In Las Vegas eröffnet das Luxor-Hotel eine eigene E-Sport-Arena. Auch in Europa machen sich grosse Vermarkter wie die in Zug domizilierte Infront für die Zukunft bereit.

Bald an Olympia?
Die ganze Bewegung ist meilenweit von dem entfernt, was zumindest im traditionellen Sinne unter Sport, unter olympischem Sport verstanden wird: statt Langläufer in unberührten Wäldern Spieler vor überdimensionierten Bildschirmen, statt das Kratzen der Skikanten auf hartgefrorenem Schnee das Klicken der Computersteuerungen, statt krachende Checks die lähmende Spannung in abgedunkelten Räumen. Und doch: Bei einer Umfrage sagten 53 Prozent der E-Sport-Anhänger aus den USA und den wichtigsten europäischen Märkten, dass sie ihre Leidenschaft als Sport ansähen.

Der Südkoreaner Lim Chul Woong ist der Generalsekretär des E-Sport-Weltverbandes und sagt: „Fernsehanstalten, Werber und auch Sporttraditionalisten müssen sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass unsere Turniere nicht nur Nischenanlässe sind. Die letzte Generation wuchs mit Fussballspielen auf, die heutige tut es mit Computerspielen. Wir leben in einer neuen digitalen Welt, und E-Sport ist ein Teil von ihr.“

Lim Chul Woong nennt sich neuerdings Alex Lim. Das erleichtert den Umgang mit den Entscheidungsträgern in den massgebenden Sportorganisationen, die westlich geprägt sind – noch, denn Asien breitet sich immer stärker aus. Man hat die Asiaten als Veranstalter willkommen geheissen: Nach Pyeongchang werden Tokio 2020 und Peking 2022 die nächsten Olympiagastgeber sein. Eben hat die IOK-Session beschlossen, auch für 2026 eine asiatische Bewerbung zuzulassen. Das japanische Sapporo zeigt Interesse.

Doch wenn die Asiaten Gastgeber sind, wollen sie auch ihre sportliche Kultur an den Spielen sehen: nicht nur Judo, nicht nur Taekwondo, nicht nur Shorttrack. Auch E-Sport. Die olympische Anerkennung zu erhalten, steht ganz oben auf der politischen Agenda von Alex Lim. Die Spiele in Tokio kommen zu schnell, ihr Programm steht. Die Organisatoren aus Paris, das 2024 nächster Gastgeber der Sommerspiele ist, haben Interesse signalisiert, E-Sport ins Programm aufzunehmen.

Die Entscheidung soll 2019 fallen. Noch drückt sich die IOK-Exekutive um eine klare Stellungnahme. Der Präsident Thomas Bach sagte an der Session vor den Spielen in Pyeongchang, die olympischen Werte dürften nicht verletzt werden. Er will keine martialischen Wettkämpfe unter den fünf Ringen. Aber wird im Biathlon nicht auch geschossen? Und was ist mit Boxen, Judo, Taekwondo? Haben nicht auch sie ihre Wurzeln in der martialischen Kunst?

40 000 Zuschauer im Vogelnest
Asien ist weiter. An den Asienspielen 2022 wird E-Sport im Programm sein. Sie finden im chinesischen Hangzhou statt. Das ist kein Zufall. Nirgendwo verbreitet sich E-Sport schneller als in China. Bereits jetzt stammen 57 Prozent der Spieler aus China. Das Vogelnest in Peking, von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron für die Sommerspiele 2008 entworfen, war im vergangenen Jahr Schauplatz der Weltmeisterschaft der „League of Legends“. 40 000 Zuschauer besuchten die Wettkämpfe, über verschiedene Streaming-Plattformen wurde der Titelkampf weltweit verbreitet. Der Anlass erreichte mehr Zuschauer als die Finalserie der amerikanischen Basketballliga NBA.

Während 6 Milliarden Stunden sollen mittlerweile pro Jahr weltweit E-Sport-Veranstaltungen verfolgt werden. Das behaupten zumindest die Organisatoren. Die Zahlen sind nicht nachzuprüfen. Aber kann man diesen Trend deswegen ignorieren? Die Sponsoren werden das bestimmt nicht tun. Allein in den letzten zwei Jahren hat die Szene gegen 600 neue Verträge unterschrieben. Coca-Cola und Red Bull führen die Riege an.

Mit Chang Yong Hun und dem PC-Bang im zweiten Stock des unauffälligen Hauses in der Innenstadt von Seoul hat das nichts mehr zu tun. Vernetzt oder gegen den Computer kämpfen sie ihren einsamen Kampf gegen ihre virtuellen Gegner, sitzen Stunde um Stunde vor dem Bildschirm. Einige zahlen das mit ihrer Gesundheit. Korea kennt Zehn- oder Elfjährige, die sämtliches Interesse an der Schule verloren, nicht mehr gegessen und kaum noch geschlafen haben, um vor dem Computer oder der Spielkonsole zu sitzen. Die koreanische Regierung hat deshalb bereits 2011 ein Gesetz erlassen, das es unter 16-Jährigen zwischen Mitternacht und morgens um sechs verbietet, an Online-Spielen teilzunehmen.

Durchzusetzen ist das schwer. Die Spielindustrie opponiert. Wenige Kilometer von der Innenstadt Seouls entfernt liegt die „Nexton-Arena“. In einer Art Fernsehstudio spielen zwei Teams vor rund 100 Zuschauern wöchentlich einen Match der nationalen E-Sport-Liga. Dazwischen sitzen fünf Kommentatoren und Techniker und streamen das Duell ins Internet. Faker ist auch unter den Spielern. Er spielt für das Team von SK Telecom T1, einem der koreanischen Telekommunikationsanbieter auf der Midlane-Position. Faker? Midlane-Position? Noch ist er nicht so groß wie Roger Federer, wie Lionel Messi. Doch wenn E-Sport weiter im Tempo wächst wie in jüngster Zeit, wird sich das ändern.

Wie Europa über öffentlichen Rundfunk debattiert

In Frankreich gelten sie als „Schande der Republik“, in Dänemark liefern sie zwar erfolgreiche Serien wie „Borgen“ – zahlen will aber trotzdem niemand. Ein Überblick der Kritik an öffentlich-rechtlichen Sendern.

Adieu Swissness
Die kommende Volksabstimmung über die Rundfunkgebühren hat in der Schweiz viele Gewissheiten über den Haufen geworfen. Bis vor wenigen Monaten ging man davon aus, dass das Schweizer Radio und Fernsehen, das in allen vier Landessprachen ein nicht immer aufregendes, aber immer seriöses Angebot macht, selbstverständlich zur Schweiz gehört. Die Tagesschau, das Nachrichten-Magazin 10 vor 10, die Volksmusik, die vielen ganz normalen Schweizer und Schweizerinnen, die zur besten Sendezeit über ihre Lieblingsrestaurants und Abstimmungsvorhaben berichten durften – das war Swissness pur. Und zwar auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Die Gebühr von derzeit 450 Franken (etwa 390 Euro) im Jahr, ist zwar nicht beliebt, die meisten zahlten sie jedoch ohne allzu viel zu murren.

Mit der Volks-Initiative „No Billag“, die am 4. März zur Abstimmung steht, ist klar geworden: Sehr viele Schweizer (wie viele genau wird sich in der vermutlich knappen Abstimmung zeigen) halten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für aufgeblasen, arrogant, staatsnah und verzichtbar. Stattdessen setzen sie auf den Markt und dessen Gerechtigkeitsversprechen: Wenn jeder nur das zahlt, was er nutzt, profitierten die Kunden – und auch das Angebot werde besser. Wie kurzsichtig dieses Argument ist, zeigen Vorschläge der No-Billag-Befürworter zur Rundfunkfinanzierung für den Fall, dass sie tatsächlich Erfolg haben: Wenn es keine Gebühren mehr gibt, dann könnte man den Rundfunk doch mit staatlichen Subventionen erhalten, heißt es da zum Beispiel.

Kosten: 451 Franken (390 Euro) pro Jahr, von 2019 an 365 Franken (316 Euro) pro Jahr.

Anzahl der Sender: Sieben Fernsehprogramme und 17 Radiosender.

Grundlage: Die Gebühren werden per Gesetz festgelegt, das dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wird. 2019 wird die Gebühr zur obligatorischen Haushaltsabgabe.

 

Gefeuert
Seit Polen den Kommunismus abgeschüttelt hat, wurde jeder Regierung vorgeworfen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in ihrem Sinne zu beeinflussen. Aber keine Regierung ist dabei so radikal vorgegangen, wie die gegenwärtige. Schon im Wahlkampf hatten Politiker der rechtskonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) eine Revolution im öffentlich-rechtlichen Rundfunk versprochen. Nach ihrem Sieg im November 2015 änderte sie im Eilverfahren in nur drei Tagen verfassungswidrig das Mediengesetz und schaffte die in der Verfassung garantierte Unabhängigkeit des nationalen Medienrates ab. So kann die Regierung nun mit der Parlamentsmehrheit die Chefs der öffentlich-rechtlichen Sender direkt ernennen. Die PiS-Regierung setzte den rechtsgerichteten Politiker Jacek Kurski an die Spitze des staatlichen Fernsehens TVP. Kritische Sendungen wurden eingestellt, Dutzende bekannte Journalisten und Nachrichtensprecher gefeuert, andere kündigten. Die Regierung plant weitere Reformen, so soll die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks neu geregelt werden. Zwei Vorschläge liegen auf dem Tisch: Die Einbehaltung einer Gebühr mit der Einkommens- oder Körperschaftssteuer. Oder die Finanzierung aus dem nationalen Haushalt. Derzeit haben nur 13 Prozent der Polen einen Fernseher angemeldet.

Kosten: Besitzer eines Fernsehers zahlen 272 Sloty (65 Euro) im Jahr. Wer nur ein Radio hat, zahlt 84 Sloty (20 Euro).

Anzahl der Sender: Zwei landesweite und 16 regionale Fernsehprogramme. Dazu kommen neun Spartenkanäle. Polskie Radio betreibt sieben landesweite Sender und 17 Regionalsender.

Grundlage: Der Nationale Rat für Radio und Fernsehen legt fest, wie viel der Rundfunk kosten darf. Dessen fünf Mitglieder werden vom Parlament und vom Präsidenten ernannt.

„Schande“
Aus einem internen Gespräch wurde Schelte des Staatspräsidenten Macron durchgestochen: die öffentlichen Medien in Frankreich seien die „Schande der Republik“. Das zielte nicht etwa auf mangelnde Volksnähe, sondern auf mangelnde Ambition. Dass die Öffentlichen nur das nachahmten, was die Privaten besser können, Unterhaltungsleichtkost, ist der häufigste Vorwurf seit dem Big Bang der Privatisierung von TF1, dem einst öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehkanal, im Jahr 1987.

Die Legitimation der öffentlichen Anstalten wird im Kulturland Frankreich nicht einmal von den Populisten offen in Frage gestellt. Doch ein umfassendes und noch nicht im Detail bekanntes Reformpaket soll bald alle öffentlichen Sender in einer Holding bündeln, die Budgets massiv kürzen. Denn die Kritik kommt eher hinten herum: Das sei alles zu teuer. Dabei ist die französische Rundfunk- und Fernsehgebühr eher bescheiden und wird überdies nur von denen bezahlt, die in der Steuererklärung den Besitz eines Fernsehapparats angeben, so als gäbe es noch kein Internet. Mit der Reform will die Regierung die Abgabe auf alle Haushalte ausweiten.

Der Konsens über die Notwendigkeit der öffentlichen Anstalten hat im hierarchisch organisierten Frankreich jedoch dort seine Grenzen, wo die Politiker sich nicht gebührlich behandelt fühlen. Nach einem für ihn enttäuschenden Auftritt im Kanal France 2 beschimpfte der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon den Sender unlängst als ein Nest der gemeinen Fallensteller, einen Ort des Lugs und Betrugs.

Kosten: 138 Euro im Jahr.

Zahl der Sender: Zu France Télévisions gehören sechs Sender plus der Infokanal „franceinfo“. Radio France besteht aus sieben Kanälen.

Grundlage: Der Gesamthaushalt der Anstalten wird von der Regierung festgelegt.

 

Wolfs Revier
„Es gibt einen Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden. Das ist der ORF“, postet Heinz-Christian Strache auf Facebook über den österreichischen Rundfunk – dazu stellte er ein Foto des Moderators Armin Wolf. Als Kommentar schreibt der österreichische FPÖ-Vizekanzler darüber: „Satire.“ Als lustig empfindet der ORF das allerdings nicht – vielmehr als Angriff auf einen der wichtigsten Qualitätsjournalisten des Landes. Wolf will klagen.

Es ist der vorläufige Höhepunkt in der schon immer schwelenden Auseinandersetzung der FPÖ mit dem ORF. Dass die Rechten den öffentlichen Rundfunk kritisch sehen und die Gebühren abschaffen wollen, ist nicht neu. Doch nun sind sie in der Regierung – jedes Wort hat damit ungleich mehr Gewicht. Und bei Worten soll es auch nicht bleiben, erste Umbauten sind schon angedacht. So plane die rechtskonservative ÖVP-FPÖ-Regierung von Kanzler Sebastian Kurz, das Führungspersonal bei Sendern auszutauschen und ein neues ORF-Gesetz zu erarbeiten, munkelt die Branche. Motto: „Mehr privat, weniger Staat.“ Möglich, dass sich die FPÖ durchsetzt und die Bevölkerung über die Gebührenabschaffung bald wie in der Schweiz abstimmen wird. In Österreich ist so eine Volksabstimmung nicht so etabliert wie in der Schweiz, aber möglich.

Dass der Druck auf den öffentlichen Rundfunk steigt, zeigt ein weiteres Gerücht: Der linksliberale Jugendsender FM4 solle abgedreht werden. Dafür müsste die Regierung das ORF-Gesetz ändern. Belegen lassen sich solche Pläne bisher nicht, aber eines ist damit schon erreicht: Angst bei Belegschaft und Anhängern des Senders zu verbreiten. Leila Al-Serori

Kosten: zwischen 250 und 320 Euro pro Jahr und Haushalt (je nach Bundesland).

Zahl der Sender: drei Fernsehsender plus drei nationale und neun regionale Radiosender.

Grundlage: Das Programmentgelt wird im ORF-Gesetz geregelt.

 

Danflix
Vom dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk kamen in der Vergangenheit ein paar sehr erfolgreiche Serien: Etwa Borgen (benannt nach dem Sitz des Parlaments) und Kommissarin Lund, die Rundfunkanstalt DR gilt als besonders kreativ. Viele Dänen würden sich die Gebühr aber gerne sparen. Immer wieder haben Umfragen Unzufriedenheit gezeigt. Im März 2017 etwa glaubte jeder vierte Zuschauer nicht, dass DR die Gebühr angemessen nutze. Kurz zuvor musste sich DR entschuldigen, weil er für einen Korrespondenten ein Pferd für mehr als 9000 Euro in die USA verschifft hatte – eine von mehreren Geschichten über Misswirtschaft.

Die rechtspopulistische Dänische Volkspartei, zweitstärkste Kraft im Parlament, fordert, die Gebühr abzuschaffen und die Sender durch eine einkommensabhängige Steuer zu finanzieren. Gleichzeitig möchte sie deren Budget um ein Viertel kürzen. Die Regierung will die Kürzungen laut Medienberichten auf ein Achtel beschränken. Der liberale Premierminister Lars Løkke Rasmussen hat keine eigene Mehrheit und braucht die Stimmen der Rechtspopulisten. Über Monate hat er über eine Steuerreform verhandelt und viele Zugeständnisse gemacht. Hinter den Forderungen der Volkspartei steckt wohl nicht nur Sparsamkeit. Morten Messerschmidt, der für die Partei im EU-Parlament sitzt, sagte, der DR habe sich zu einer „demokratischen Bedrohung“ entwickelt. DR sei nicht neutral und diene dem linken politischen Flügel.

Der Idee, die Gebühr durch eine Steuer zu ersetzen, stehen aber auch andere Parteien offen gegenüber, darunter die Sozialdemokraten als größte Oppositionspartei. Rasmussens liberale Venstre plant sogar ein ganz neues System: Sie möchte einen Teil des DR-Budgets in einen Fonds umleiten, der allen dänischen Medienmachern offen stünde. Deren Sendungen wären dann kostenlos im Netz zu sehen – auf „Danflix“.

Kosten: etwa 340 Euro im Jahr.

Zahl der Sender: sechs TV- und neun Radiosender, außerdem werden regionale Angebote des Privatsenders TV2 durch die Gebühr finanziert.

Grundlage: Das Parlament legt die Gebühr per Gesetz fest.

 

Personenschutz
In Großbritannien wird der öffentlichen Rundfunkanstalt BBC regelmäßig Einseitigkeit vorgeworfen: oft von Konservativen, manchmal auch von linken Kritikern. Bisher führt das aber nicht zu ernsthaften Forderungen in den großen Parteien, die Sendergruppe zu privatisieren oder die – tatsächlich unbeliebte – Rundfunkgebühr von umgerechnet 165 Euro im Jahr zu streichen. Eine drastische Verringerung oder Abschaffung der Gebühr verlangen lediglich die EU-feindliche Partei Ukip und die nordirische Protestantenpartei DUP. Premierministerin Theresa May ist zwar im Parlament auf die Unterstützung der extrem konservativen Nordiren angewiesen, hat sich jedoch deren Medienpolitik nicht zu eigen gemacht.

Die BBC ist bei den Bürgern beliebt und Umfragen zufolge die vertrauenswürdigste Nachrichtenquelle im Fernsehen. Konservative klagen aber seit Jahrzehnten über die vermeintliche Nähe der Anstalt zum links-liberalen Spektrum. Die Brexit-Kampagne kritisierte auch, dass die Sendergruppe vor dem EU-Referendum angeblich zu europafreundlich berichtet hätte. Zuletzt empörten sich allerdings die Linken über die BBC – genauer: über Chefreporterin Laura Kuenssberg. Sie soll den altlinken Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn unfair behandelt und seine Aussagen bewusst falsch interpretiert haben. Auf dem letzten Labour-Parteitag begleitete Kuenssberg ein Personenschützer.

Kosten: 147 Pfund (165 Euro) im Jahr.

Zahl der Sender: Neun nationale Fernsehsender, 21 nationale und 40 lokale Radiosender sowie acht weitere auf Walisisch, Schottisch und für Nordirland.

Grundlage: Der Kultusminister bestimmt über die Kosten, de facto die Regierungspartei und die Regierung.

Psychografisches Targeting: Hype oder Trend?

Alter, Geschlecht, Einkommen – das ist üblicherweise das Fundament, auf dem Werbekampagnen geplant werden. Wer seine Zielgruppe genauer ansprechen möchte, fügt weitere Merkmale hinzu: welche Apps sie verwendet oder welche Kaufabsichten sie hat. Auch die berühmten Sinus-Milieus spielen eine Rolle, also die soziale Zugehörigkeit. Seit Jahrzehnten wird in Deutschland nach diesen Kriterien geplant – von der TV-Kampagne bis hin zum Targeting auf Facebook.

Was ein Mensch kauft, von seinen Motiven ab
Nun aber macht ein Begriff die Runde, der diese traditionelle Betrachtungsweise aufbricht: psychografisches Targeting. Im Kern geht es darum, zur Definition seiner Zielgruppe Ergebnisse aus der Sozialpsychologie heranzuziehen, die die Grundmotive menschlichen Handelns berücksichtigt. Wissenschaftler sprechen in diesem Kontext von den Big Five oder auch dem OCEAN-Modell, denn die Persönlichkeit eines Menschen beruht ihrer ­Definition nach auf den Dimensionen Openness (Offenheit), Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit), Extraversion (Geselligkeit), Agreeableness (Verträglichkeit) und Neuroticism (Verletzlichkeit).

Die Werbewirtschaft hat diese Erkenntnisse lange ignoriert, bis ein Bericht über den Wahlerfolg von Donald Trump in der Schweizer Zeitschrift „Das Magazin“ für Aufsehen sorgte. Darin wurde genau beschrieben, wie die Data-Firma Cambridge Analytica psychologische Profile der ­Internet-User in den USA erstellte und zu einer zielgerichteten Ansprache nutzte. Soziodemografische Daten oder soziale Schichtzugehörigkeit spielten bei diesem Ansatz kaum eine Rolle. Es ging vielmehr darum, aus unterschiedlichsten Quellen Daten heranzuziehen, mit denen Persönlichkeitsprofile erstellt wurden, die als Ausgangspunkt für individuelle Werbebotschaften dienten.

Welche Persönlichkeitsmerkmale führen zum Kauf?
Allein aus datenschutzrechtlichen Gründen taugt die Trump-Kampagne nicht als Blaupause für die deutsche Werbewirtschaft. Doch auch hierzulande wird eifrig mit psychografischem Targeting ­experimentiert. Die Agentur Mediascale arbeitet beispielsweise seit einigen Jahren mit Joost van Treeck zusammen. Der Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius in Hamburg hat in einem aufwendigen Prozess Millionen von Nutzerdaten psychodiagnostisch ausgewertet. „Ziel ist, die Persönlichkeitsfaktoren hinter den Kaufentscheidungen zu finden und dann Vorhersagen für andere ­Situationen zu treffen“, so van Treeck im Wissenschafts-Blog Adhibeo. „Denn wie ein Mensch handelt und was er kaufen wird, hängt von seinen Motiven ab.“

Dass mit diesem wissenschaftlichen Ansatz handfeste Erfolge erzielt werden können, zeigte die zur Serviceplan-Gruppe ­gehörende Mediascale mit einer Kampagne für den Mini Countryman. Für den Wagen aus der Kategorie der Sports Activity ­Vehicles (SAV) sollten im Februar 2017 vor allem neue Kunden gewonnen werden. „Die bislang gängige mediale Zielgruppenbeschreibung umfasste vor allem soziodemografische Daten“, erklärt Wolfgang Bscheid, Chef von Mediascale. „Uns war klar, dass uns das bei einer Marke wie Mini nicht wirklich weiterhelfen würde. Wir mussten mehr über die Persönlichkeit und Motive der potenziellen Kunden ­erfahren, um sie gezielt mit Werbebotschaften ansprechen zu können.“

Mini-Kampagne bringt 200 Prozent Uplift
In Zusammenarbeit mit Joost van Treeck wurden bestehende Mini-Personas in psychografische Typen aufgeteilt. Dazu ­wurde ihr Surfverhalten analysiert, um Hinweise auf ihre Persönlichkeitsstruktur zu erhalten. Es ergaben sich fünf Typen, die alle Interesse an einem Mini Countryman haben könnten – aber jeweils aus unterschiedlichen Motiven. Für diese wurden dann ­eigene Display Ads mit ­individuellen Botschaften entwickelt und automatisiert ausgespielt. Bei der einen Kampagne wurde dann mehr die Leistung des Wagens, bei der anderen die Ausstattung und bei der nächsten das emotionale Fahrerlebnis ­betont. Der Plan ging offenbar auf: Die Conversion Rates stiegen um 200 Prozent.

Bscheid ist sich sicher, dass dieses Beispiel Schule machen wird. „Wenn wir ­davon ausgehen, dass wir künftig weitgehend mit Daten arbeiten, brauchen wir auch ein Modell, mit dem wir diese Daten so sortieren, dass ein plastischer Eindruck eines Menschen entsteht“, so Bscheid. „Die Psychografie wird uns hier die entscheidenden Hinweise liefern.“

Alibaba & Tencent mischen Chinas Einzelhandel auf

Die beiden chinesischen Amazon-Konkurrenten Alibaba und Tencent sind im Kaufrausch. Seit Beginn des vergangenen Jahres haben die beiden Internet-Giganten mehr als zehn Milliarden US-Dollar für Übernahmen ausgegeben und damit sowohl ihren Online-Handel als auch das stationäre Geschäft ausgebaut. Die aggressive Expansionsstrategie von Alibaba und Tencent löse Besorgnis bei den Einzelhändlern aus, erklärte Jason Yu, Manager des Marktforschungsunternehmens Kantar Worldpanel, in Schanghai. „Sie müssen sich für eine Seite entscheiden. Sonst haben sie Angst, dass sie in Zukunft lebendig gefressen werden.“

Alibaba ist Chinas führender Online-Händler und seine Tochtergesellschaft Ant Financial führend im Bereich mobile Bezahlsysteme. Tencent ist vor allem in den Bereichen soziale Netzwerke, Spiele und digitales Bezahlen unterwegs. Der Konzern hält zudem einen großen Anteil am zweitgrößten Online-Händler JD.Com. Alibaba und Tencent treiben auch Cloud Computing stark voran.

Der Schlüssel zum Kampf zwischen Alibaba und Tencent ist Chinas Handy-Bezahlmarkt mit fast 13 Billionen US-Dollar. Die stationären Geschäfte in China machen rund 85 Prozent der Einzelhandelsumsätze aus und seien ein großer Anreiz für die Technologie-Giganten, sagte Marktforscher Yu. „Das ist der Topf, den Alibaba, JD.com und sogar Tencent wollen“, fügte Yu hinzu. „Das ist der Großteil des Geschäfts, in dem sie tatsächlich nach Wachstum Ausschau halten können.“ Im Gegenzug erhielten die stationären Einzelhändler Zugang zu Zahlungssystemen, Logistiknetzwerken und anderen Dienstleistungen – wie auch zu riesigen Datenmengen über die Verbraucher.

Telekom investiert Millionen in das Start-up Relayr

Die Deutsche Telekom und das Start-up Relayr haben ein Ziel: Sie wollen dem deutschen Mittelstand helfen, Maschinen zu vernetzen.

Wie Höttges davon profitieren will, wird deutlich: Der Dax-Konzern Deutsche Telekom geht mit dem Start-up Relayr eine strategische Partnerschaft ein und beteiligt sich an einer Finanzierung in Höhe von 30 Millionen Dollar als einer der Hauptinvestoren. Beide Unternehmen wollen dem Mittelstand helfen, Maschinen zu vernetzen, jetzt auch gemeinsam – die Telekom soll unter anderem mit ihrer Infrastruktur die Verbindungen herstellen, ob mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G oder anderen Technologien.

Die Telekom hat ein lukratives Geschäft ins Auge gefasst. Die Unternehmensberatung Bain & Company prognostiziert, dass der Markt für das Internet der Dinge bis 2020 jährlich zwischen 15 und 20 Prozent auf dann 470 Milliarden Dollar wächst. Die Vernetzung der Industrie, in Deutschland unter dem Schlagwort Industrie 4.0 zusammengefasst, macht dabei 85 Milliarden Dollar aus.

Die Konkurrenz ist allerdings hart. Der deutsche Marktforscher Crisp Research zählt fast 90 Anbieter im Bereich des Internets der Dinge. Industriegrößen wie Siemens, Bosch und GE wollen sich genauso einen Teil des Geschäfts sichern wie die IT-Riesen Microsoft, Amazon und SAP.

Relayr ist in der Start-up-Szene eine Größe
In der Berliner Start-up-Szene ist Relayr ein bekannter Name. Das Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, mit der Industriekunden die Daten aus Maschinen und anderen Geräten auslesen und analysieren können. Ein namhafter Aufzughersteller nutzt das System zum Beispiel, um die Fahrstühle punktgenau zu warten – also dann, wenn die Messwerte auf einen nahenden Ausfall hindeuten. Und der Industriebetrieb Aluvation, der Anlagen zur Wärmebehandlung von Aluminiumteilen herstellt, wertet mit der Lösung die Daten zahlreicher Sensoren in den Öfen aus. Zu den Großkunden zählt auch General Electric.

Relayr hat große Ambitionen: „Wir haben eine Chance, das Thema Industrie 4.0 zu besetzen“, sagte CEO Josef Brunner. „Wir wollen einen ‚Category Leader‘ in Deutschland aufbauen.“ Man könnte auch sagen: einen Weltmarktführer. Den Börsengang will der 36-Jährige 2020 angehen.

Für die Telekom ist Relayr ein Investment mit strategischer Bedeutung. Der Telekommunikationskonzern will das Geschäft mit dem Internet der Dinge massiv ausbauen: Dafür zieht Ingo Hofacker nun alle Aktivitäten des Konzerns zu diesen Themen in der Telekom-Tochter T-Systems

Die Zahl der Mitarbeiter soll in diesem Jahr auf 700 verdoppelt werden, zudem stehe ein „ordentlicher Investitionsbetrag“ zur Verfügung. Wie hoch dieser ist, will der Manager nicht verraten. Nach Einschätzung aus Konzernkreisen wird er sich wohl auf eine dreistellige Millionensumme belaufen. Das wäre eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Vorjahr, in dem die Telekom eine zweistellige Millionensumme in den Bereich investiert haben soll.

Kartendienst Here soll Dubai zur Smart City machen

Neue Mobilitätskonzepte sind im Emirat Dubai Chefsache. Der Wüstenstaat verfolgt eine „Smart-City-Strategie“. Bis 2030 soll ein Viertel des öffentlichen Nahverkehrs autonom rollen.

Weil es dazu hochpräziser Karten bedarf, hat die Straßenbehörde „Roads and Transport Authority“ von Dubai eine Vereinbarung mit dem Berliner Kartendienst Here getroffen. Sie wollen gemeinsam eine Dateninfrastruktur für den fahrerlosen Verkehr entwickeln.

Die Behörde und Here verfolgen das Ziel, die Stadt zum ersten Mal in hoher Auflösung zu kartografieren. Die gewonnenen Daten sollen die Basis für eine zentimetergenaue „HD Live Map“ werden.

Das ist eine hochauflösende und sich selbst aktualisierende Karte. Sie wurde entwickelt, um Fahrzeuge mit präzisen Informationen über das Geschehen im Straßenverkehr zu versorgen.

Fahrzeuge tauschen Daten aus

Ein zusätzlicher Fokus der Zusammenarbeit liegt auf der Open Location Platform (OLP). Sie soll genutzt werden, um Fahrzeuge per Mobilfunk untereinander sowie mit Ampeln oder in Straßen und Gehwege integrierten Sensoren – intelligent zu vernetzen.

Die OLP aggregiert anonymisierte Echtzeitsensordaten aus Fahrzeugen verschiedener Hersteller sowie Daten anderer Organisationen und Quellen. Sie werden mit hochpräzisen ortsbezogenen Daten angereichert und dann in Sekundenbruchteilen als gezielte und kontextrelevante Informationen über sich ändernde Straßenbedingungen an Fahrzeuge zurückgeschickt.

Autonome Autos auf der Expo 2020

 Auf diese Weise erfahren Autofahrer, wenn auf der Strecke vor ihnen ein Fahrzeug liegen geblieben ist und eine Fahrbahn gesperrt wurde. Sie werden auf diese Weise frühzeitig darauf hingewiesen, auszuweichen oder eine Umleitung zu nehmen.

Die Projekte sollen ermöglichen, dass bereits zur Expo 2020 in Dubai autonome Autos fahren können. Dubai solle „zur smartesten Stadt der Welt“ werden, sagte Abdulla al-Madani, CEO des Technologie-Supports in der Straßenbehörde.

Zu dieser Strategie gehören auch autonom fliegende und elektrisch betriebene Lufttaxis. Im September 2017 absolvierte das Karlsruher Start-up Volocopter den ersten öffentlichen Testflug mit seinem 18-motorigen Multikopter in Dubai. Zur Flugpremiere kam sogar der Scheich des Emirats. Die Zukunft der Mobilität ist in Dubai eben Chefsache.