Medien in Frankreich: Monopoly der Milliardäre

Auf Paris Match kann Emmanuel Macron sich verlassen. Das bunte und zugleich prestigereiche Magazin behandelt ihn stets wohlwollend: Einst begleitete es seinen Aufstieg mit ausladenden Fotoreportagen, die auch Einblick ins Private gewährten. Heute, da Macron Präsident ist, zeigt das Blatt ihn gern als entschlossenen Macher. Ein anderer einflussreicher Wochentitel aus der Mediengruppe Lagardère wiederum, das Journal du Dimanche (JDD), lässt sich vom Staatschef hoch exklusiv die „Geheimnisse“ seiner Corona-Politik flüstern – und gibt sie dann eins zu eins an die Leser weiter.

Beide Zeitungen haben bevorzugten Zugang zum Präsidenten. Finanziell zahlt sich das jedoch nicht aus. Dem Lagardère-Konzern geht es schlecht. Deshalb deutet alles darauf hin, dass die zwei Titel demnächst verkauft werden, ebenso wie der Lagardère-Radiosender Europe 1.

Mächtige, schwerreiche Männer wittern in diesem Umbruch eine Chance. Bertelsmanns Verkaufswille und Lagardères Verkaufszwang haben unter Frankreichs Milliardären eine Art Medien-Monopoly ausgelöst, in dem es nicht zuletzt um gesellschaftlichen Einfluss und um die politische Ausrichtung der Medien geht. In einem Jahr ist Präsidentschaftswahl. „Und am Ende werden wir den Milliardären danken, weil sie die Pressevielfalt retten“, prophezeit der Branchenexperte Jean-Clément Texier. Er berät ausländische Investoren am französischen Markt.

Im Mittelpunkt des Spiels um die Geschäfte von Lagardère und Bertelsmann stehen Bernard Arnault und Vincent Bolloré, zwei berüchtigte Taktiker: Arnault, Herrscher über den Luxuskonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) und laut Forbes zweitreichster Mann der Welt, hat sein Vermögen mit teuren Handtaschen gemacht. Er besitzt schon einige Redaktionen, zum Beispiel die Wirtschaftszeitung Les Echos. Sein Kontrahent Bolloré, unter anderem als Hafenbetreiber in Afrika reich geworden, ist Hauptaktionär des Bertelsmann-Rivalen Vivendi. Weitere Mitspieler sind der Telekom-Milliardär Xavier Niel, Eigner von Le Monde und Lebensgefährte von Arnaults Tochter Delphine; sowie der Baumagnat Martin Bouygues, der den größten französischen Fernsehsender TF1 kontrolliert. Schon länger gelten Medien im Allgemeinen und Journalismus im Besonderen in Frankreich nicht mehr als Metier, das wirtschaftlich eigenständig sein müsste.

Der Einfluss, der den zum Verkauf stehenden Lagardère-Medien Paris Match, JDD und Europe 1 zugeschrieben wird, korreliert nicht mit ihrem finanziellen Zustand. Im Elysée-Palast wird das Taktieren um die angeschlagenen Titel daher ebenso aufmerksam verfolgt wie der Verkauf der profitablen und wesentlich reichweitenstärkeren Bertelsmann-Sender. Macron ist als Medienjunkie bekannt. „Die höchsten Machtzirkel verfolgen die Branche traditionell ganz genau“, sagt Texier.

Bolloré, der Mann hinter Vivendi, wird im Elysée besonders kritisch beäugt. Der stille Bretone, der aus der elterlichen Papierproduktion für Bibeln und Zigaretten ein Milliardenimperium gemacht hat, könnte durch Zukäufe einem stramm rechtskonservativen Journalismus in Frankreich mehr Raum geben, so die Befürchtung. Den Vivendi-Nachrichtensender CNews hat er schon nach dem US-Vorbild Fox News umpositioniert. Mit antimuslimischen Hasstiraden erzielt CNews stetig steigende Quoten. Rechte Polemik ist ein Geschäft in einem Land, in dem die Nationalistin Marine Le Pen für den Stichentscheid bei der Wahl 2022 so gut wie gesetzt ist. Bolloré selbst gilt zwar nicht als rechtsextrem – aber als wenig skrupelhafter Entrepreneur. Schon der Erwerb von Europe 1 würde es ihm erlauben, sein zweifelhaftes Erfolgsmodell auszuweiten.

Bernard Arnault ist Macron deshalb genehmer. Zum LVMH-Chef pflegt der Präsident ein gutes Verhältnis. Man kennt sich, man hilft sich: Brigitte Macron unterrichtete einst Arnaults Kinder an einem Pariser Gymnasium. Und Macrons Regierung unterstützt die Geschäftsinteressen von LVMH im Ausland mit besonderem Eifer. Mit Arnaults Schwiegersohn Xavier Niel verbindet den Staatschef eine jahrelange Freundschaft.

Wie es aussieht, werden sich Arnault und Bolloré die Medienaktivitäten von Lagardère bald einvernehmlich aufteilen. Als Lagardère 2020 in Schwierigkeiten geriet, gaben beide zunächst den Helfer: Erst rief der schuldengeplagte Firmenerbe Arnaud Lagardère den Bolloré-Konzern Vivendi, um sich gegen einen aggressiven Investmentfonds zu wehren. Doch – Überraschung! – Bolloré verbündete sich mit dem Fonds. Daraufhin stieg auch Arnault bei Lagardère ein. Auf Wunsch von Macron, wie in der Branche kolportiert wird, da sich so zunächst die Zerschlagung durch Bolloré verhindert ließ.

Inzwischen aber führen die Rivalen „friedliche Diskussionen unter Aktionären“, wie es der düpierte Lagardère ausdrückt. Während sich LVMH-Boss Arnault die Macron-freundlichen Titel Paris Match und JDD sichern will, hat es Bolloré auf Europe 1 abgesehen. Und auf Hachette, Europas größte Buchverlagsgruppe, den einzig profitablen Teil von Lagardère.

Bertelsmann will schnell verkaufen

Dem Konkurrenten Bertelsmann kauft Bolloré über Vivendi gerade schon den Magazinverlag Prisma ab, in dem etwa die Frankreich-Ausgaben von Capital, Geo und Gala erscheinen. Für die Bertelsmann-Sender M6 und RTL bietet Bolloré selbstverständlich auch mit. Hier steht er in Konkurrenz zum Baulöwen Bouygues und dessen Sender TF1 sowie zu Telekom-Tycoon Niel. Zwar lässt Bertelsmann eine Präferenz für TF1 erkennen – „was Macron sicher passen würde“, sagt Experte Texier. Allerdings will der Konzern aus Gütersloh das Geschäft auch schnell abschließen. Das wird beim Verkauf an TF1 schwierig, weil eine lange wettbewerbsrechtliche Prüfung anstünde. Das wiederum eröffnet Macron-Freund Niel Perspektiven. Einen Fernsehsender hat der noch nicht.

Das Medien-Monopoly ist in vollem Gang. Es bringt eine Konzentration im Markt der klassischen Medien mit sich: Zwei Akteure, Lagardère und Bertelsmann, scheiden aus. Unterdessen aber fließen die Einnahmen im digitalen Zukunftsgeschäft, wie in Deutschland, an US-Riesen wie Google und Netflix. Das richtig große Spiel – es erwartet die Milliardäre noch.

Mai Thi Nguyen-Kim: „Ich bin doch kein Freak“

Wenn’s stinkt und kracht, ist’s Wissenschaft? Nicht bei Mai Thi Nguyen-Kim. Die promovierte Chemikerin hat einen Raketenstart als Wissen-Erklärerin hingelegt. Sie kann sogar Krebs vertanzen. Das dürfte ihren neuen Haussender ZDF sehr freuen.

Im Seuchen-Talk von Markus Lanz war es, Ende März, da konnte man, liebe Freunde der Sonne, bestaunen, wie die sonst so bedacht auftretende Mai Thi Nguyen-Kim aus ihrer Haut fuhr, als hätte sie zehn Tassen schwarzen Tees intus: Der Virologe Hendrik Streeck saß da und beklagte sich gerade, die Medien hätten Schuld an der Lagerbildung in Team Öffnung und Team Vorsicht. Da hakte sie, die Wissen-Erklärerin und ehemalige NaWik-Dozentin, ein und haute ihm, dem Heinsberg-Forscher, mit dem Satz „Sie sind, mit Verlaub, schrecklich naiv“ eigenes Verschulden durch Kommunikationsversagen um die Ohren, dass es in denselben klingelte. Den darauf folgenden Beef zwischen den beiden stoppte jäh der Sendungsschluss, der Nguyen-Kim einmal mehr frustriert zurückließ: Nein, Talkshows und sie, das ist eine Hassliebe, weil konstruktives Streiten kaum möglich ist.

Nun wird die Lanz-Nummer sehr wahrscheinlich nicht ihr letzter Ausflug ins Talk-Gemetzel gewesen sein. Schon gar nicht auf jenem Sender, der die vielfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin vom „Quarks“-WDR abgeworben und vertraglich an sich gebunden hat als zweiten Fixstern im hauseigenen Wissenschaftsuniversum neben Harald Lesch. Der promovierte Physiker steht im ZDF seit 2008 für die populäre Vermittlung von harter Naturwissenschaft. Mit der promovierten Chemikerin Nguyen-Kim bekommt er nun eine Rakete an die „Terra X“-Seite.

Wie in einer Kettenreaktion reiht sich bei ihr rasant Erfolg an Erfolg. Um aufzuzählen, was dieser disziplinierte Geist mit Harvard-Background allein in den letzten Monaten geschafft hat, muss man Luft holen: Bundesverdienstkreuzträgerin, Merkel-Reden-Inspiratorin, „Journalistin des Jahres“, erfolgreichste Youtuberin des Jahres, Förderpreisträgerin des Deutschen Fernsehpreises, Bestseller-Autorin, Meinungsgeberin in „Tagesthemen“ und „heute-journal“. Und neuerdings auch noch Mutter. Sie selbst kann’s kaum fassen. Und ihr Vater erst recht nicht, wie sie in der kuscheligen „NDR-Talkshow“ erzählte: Chemiker wie sie, war der Papa perplex, als sie ihm nach dem Doktor eröffnete, ich mach‘ nicht weiter mit Chemie, ich mach‘ jetzt Youtube: Ist Reden über Wissenschaft denn auch ein Beruf? Und ob.

Noch während sie die Doktorarbeit schrieb, traute sie sich raus aus dem Labor. 2015, da war die Tochter vietnamesischer Eltern aus Hemsbach an der Bergstraße 28, startete sie ihren ersten Youtube-Kanal, „The Secret Life of Scientists“, und zwar ohne die stereotypen Accessoires weißer Wissenschaftskittel und blubbernde Erlenmeyerkolben, sondern mit Hotpants und Hiphop-Beats: In „Dancing Drug Delivery“, ihrem allerersten Video, vertanzte die Doktorandin Wirkstoffe gegen Krebs, an denen sie forschte. Also ganz das Gegenteil von dem verrückten Professor Konrad Stöckel („Wenn’s stinkt und kracht, ist’s Wissenschaft“) aus Luke Mockridges Schul-Show. Nguyen-Kim war schon damals der Überzeugung: Ich bin doch kein Freak. Wissenschaft ist massentauglich und kein Nerd-Wissen, worüber man in seiner Freizeit staunen kann wie über eine Schmetterlingssammlung, ach wie schön, aber jetzt packen wir die mal wieder weg.

Nein, Wissenschaft ist nach Nguyen-Kims Definition ein wesentlicher Teil unseres alltäglichen Lebens, das vor großen Herausforderungen steht: Wie schützen wir das Klima? Wie ernähren wir die Welt nachhaltig? Was ist mit grüner Gentechnik, was mit Künstlicher Intelligenz? All diese Themen seien gesellschaftlich, ethisch, moralisch und politisch hochinteressant, und es lägen ihnen komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge zugrunde. Leider, hört man ihren Stoßseufzer aus der großen weiten Skype-Welt, fehle es den meisten Menschen an wissenschaftlicher Allgemeinbildung, „und das ist derzeit fatal: Wenn ich gar nicht weiß, was ein Virus eigentlich ist, dann kann mir ein veganer Koch das Blaue vom Himmel erzählen“.

Inzwischen ist aus Nguyen-Kims Hobby Youtube einer der meistabonnierten Wissenskanäle Deutschlands geworden, fast gleichauf mit dem ZDF-bekannten „MrWissen2go“ Mirko Drotschmann; „maiLab“ läuft ebenso unter dem öffentlich-rechtlichen Dach von funk. Das aus den Videos bekannte Holzregal vor türkisgrüner Wand erkennt man sofort, als sich Nguyen-Kim aus dem eigenen Kellerstudio nahe Frankfurt meldet. Und, na klar, der obligatorische Tee, stets ein wichtiges Youtube-Requisit, darf nicht fehlen. Ganz schnöder Früchte- oder Kräutertee ist meist drin. Um vor der Kamera auf Touren zu kommen, braucht Nguyen-Kim nix Aufputschendes.

Einen dritten promovierten Wissenschaftler hat die teetrinkende Akademikerin in diesem Jahr in ihr Rechercheteam von funk eingefordert und weniger Sendezeit dazu. Sie hat all das bekommen, Corona macht’s möglich. „Wir sind Profiteure dieser Krise“, gibt die Frontfrau von maiLab zu, deren Erklärvideo „Corona geht gerade erst los“ vor ziemlich exakt einem Jahr ihrem Kanal einen Boost über die Eine-Millionen-Abonnenten-Grenze verschaffte. Aber es gibt auch viel mehr zu tun. Mit der Größe des Kanals ist nicht nur Nguyen-Kims Bekanntheit gewachsen, sondern auch die Verantwortung, wissenschaftlich korrekt zu informieren. Auf ihrer Plattform könne sie Zusammenhänge erklären und so tief ins Detail gehen, wie sie es für notwendig halte, und „Sachen loswerden, die ich loswerden muss“. Das sei auch der Grund für ihre „Hassliebe“ zu Talkshows: Im wichtigsten Moment, wenn man ansetzt zum konstruktiven Streit, kommt der coitus interruptus.

Dass Corona-Koryphäen wie Christian Drosten und Sandra Ciesek solche Rederunden scheuten, kann Nguyen-Kim „sehr gut nachvollziehen“. In deren NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ könnten sie die Grautöne zeichnen und differenziert erklären. „Wo sie es nicht können, gehen sie nicht mehr hin.“ Medienschaffenden „sollte es zu denken geben, wen sie da verprellen“, findet die Post-Doc-Wissenschaftlerin, „wir können froh sein, dass es so harte Knochen gibt wie Melanie Brinkmann, die immer noch die Nerven haben, in die Talkshows zu gehen.“

Sie selbst geht dann aber doch ab und an hin. Weil sie sich denkt: „Im Zweifelsfall sitze lieber ich dort als jemand anderes, der die große Reichweite für irgendeinen Unsinn ausnutzt.“ Da hält es Nguyen-Kim mit Harald Lesch, der schon vor Jahren in einem Interview sagte: „Was Unsinn ist, muss als Unsinn benannt werden. Dafür nehme ich jedes Medium, das ich kriegen kann.“ Auf heute übersetzt im Mai Thi-Sprech: „Am besten sind wir Wissenschaftsvermittler überall. Am besten sind wir auch eine Seuche.“ Mehr von ihrer Sorte, also von wissenschaftsjournalistischer Expertise, täte politischen Redaktionen generell gut: „Wissenschaftsjournalisten sind keine Fachexperten, aber sie können sehr wohl den wissenschaftlichen Konsens erkennen und Aussagen von Experten, die sich oft als Autoritäten gerieren, entsprechend einordnen und hinterfragen.“

Aber natürlich redet ein Youtube-Star wie Nguyen-Kim umso lieber bei Lanz & Co., wenn sie für ein neues Buch werben kann. Da hat die Wissenschaftsdurchblickerin die verkaufsfördernden Mechanismen des PR-Systems Talkshow schon sehr gut durchblickt.

Wie viel „Markus Lanz“ oder die „NDR Talkshow“ dazu beigetragen haben, egal. „Die kleinste, gemeinsame Wirklichkeit“ stürmt gerade die Sachbuchverkaufshitliste. Es handelt von der Schädlichkeit von Drogen („Kein Alkohol ist auch keine Lösung“) und Videospielen („Auf die Größe kommt es an“), der Erblichkeit von Intelligenz („Die große Matschepampe aus Genen und Umwelt“), den biologischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern („Gewollt, aber nicht gekonnt?“) oder der Sicherheit von Impfungen („There’s no glory in prevention“). Vordergründig geht es darin nicht um Corona – Vertrag und Exposé des Buchs waren schon 2019 fix und fertig. Aber natürlich taugt dieser „fundamentale Faktencheck“ auch für die derzeit größte aller Streitfragen.

Grundthese ist, um es mal auf den saloppen Nenner zu bringen: Streiten ist echt kompliziert und unspaßig geworden. Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß. Aber hey, da sind noch andere Farben. Die finden wir aber nur, wenn wir von einem gemeinsamen Faktenfundament ausgehen. Die Erde ist eine Scheibe? Weg mit dem Quatsch. Damit hat schon Galileo genug Zeit vergeudet. Lasst uns vorwärts streiten und dort, wo Zahlen und wissenschaftliche Erkenntnisse noch fehlen, gemeinsam um die beste Lösung ringen. „Vielleicht“, endet Nguyen-Kims gedrucktes Plädoyer, „macht Streiten so auch wieder Spaß.“

Schön wär‘s. Definitiv ein Riesenspaß war Nguyen-Kims Show-Einlage in einem Sketch mit Carolin Kebekus. „Auch Wissenschaftler haben Gefühle“ hieß der und wurde, aus Corona-technischen Gründen, vorigen Mai in ihrem Wohnzimmer aufgenommen. Die „Caro“ drückt darin die Gefühle aus, die Wissenschaftler wie Nguyen-Kim eigentlich nicht zeigen dürfen. Sprich: Sie führt sich wie ein Urwaldaffe auf. Das, was später bei Lanz passierte und Nguyen-Kim als „Maximum an Contenance verlieren“ bezeichnet, war dagegen lauwarm. „Caro war so laut. Wir mussten meine Nachbarn vorwarnen“, erinnert sich ihre Sketch-Partnerin.

Die „Caro“ wird sie im Übrigen dabei unterstützen, sich bühnentechnisch weiterzuentwickeln. Denn Nguyen-Kim soll ja nicht nur im ZDF-Hauptprogramm bei „Terra X“ tüfteln, sondern ab Herbst auf ZDFneo auch was Eigenes moderieren. Seit Jahren spuken ihr dafür Ideen im Kopf herum. Und sie hätte nie gedacht, „dass ich mal ein Team finde, wo wir auf einer Wellenlänge viben und meine Ideen zusammen umsetzen“. Zum Team gehört die bildundtonfabrik, die ehemalige Böhmermann-Clique. Was völlig Neues fürs lineare Fernsehen soll da entstehen, mit „Aktionen“ und so. Aber, erklärt die Show-Chefin: `“Wir nehmen die wissenschaftsjournalistische Arbeitsweise sehr, sehr ernst. Wir wollen die Leute nicht influencen und auch niemanden auflaufen lassen. Wir wollen in erster Linie wissenschaftlich korrekt informieren.“ Solange beim Inhalt keine Kompromisse gemacht werden, nichts verkürzt und unverständlich wird, ist sie „für so viel Spaß zu haben, wie es nur geht“. Von der legendären „Knoff-Hoff-Show“ mit Joachim Bublath und Dixie-Band im ZDF dürfte Nguyen-Kims Show-Ding allerdings ziemlich weit entfernt sein.

Bleibt zum Schluss die Frage: Wie steht es eigentlich um ihren jetzigen Beziehungsstatus zum WDR?

2018 wurde Mai Thi Nguyen-Kim Nachfolgerin von Ranga Yogeshwar in der Moderation von „Quarks“ (im Wechsel mit Ralph Caspers). Mit den Kollegen sei sie „sehr gut und sehr traurig auseinandergegangen“. Dass sie die Chance ergriffen habe, im ZDF eine eigene Show aufzuziehen, bei der sie auch noch die inhaltliche Hoheit habe und nicht nur das Gesicht hinhalte, hätten dort alle verstanden. „Niemand war mir böse.“ „Quarks“ sei eine „wirklich tolle Redaktion“. Sie finde aber, „sie könnten ein paar mehr Ressourcen haben“. Deshalb war sie froh, dass Range Yogeshwar bei „Zapp“ Tacheles redete, man müsse sich nicht wundern, wenn bei Wissenschaftsredaktionen eingespart werde. „Das sehe ich ähnlich. Man braucht die Leute, die Wissenschaftsjournalismus finanziell möglich machen.“

Alles also mal wieder eine Frage des Geldes. Da kann man so lange vorwärts streiten, wie man will, liebe Freunde der Sonne.

Ferdinand von Schirach: Sollten Grundrechte Instrumente der Politik sein?

Ferdinand von Schirach ruft Europa dazu auf, sechs neue Grundrechte zu proklamieren. Doch damit erweist er seinem politischen Anliegen einen schlechten Dienst.

So viele berühmte Twitterer und sogar Rechtsprofessoren haben sich für die jüngste Aktion des Schriftstellers Ferdinand von Schirach schon ins Zeug gelegt, noch bevor das offizielle Buch („Jeder Mensch“, Luchterhand Verlag) am Dienstag erscheinen wird, dass man eher an sich selbst zweifeln mag als an diesem Angebot, mittels Smartphone-Klick „den nachfolgenden Generationen etwas Glückliches, etwas Strahlendes“ zu hinterlassen. Schirach fordert dazu auf, einen Appell „Für neue Grundrechte in Europa“ digital zu unterzeichnen – neue globale Entwicklungen machten eine Erweiterung der bisherigen Charta notwendig.

Konkret geht es um die Bereiche Umwelt („Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben“), digitale Selbstbestimmung, Künstliche Intelligenz, Wahrheit („Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen“) und globalisierter Handel; ein sechster Artikel betrifft das Recht, wegen „systematischer Verletzungen“ der neuen Charta bei europäischen Gerichten Klage zu erheben.

Zur Kampagne selbst gehört der Vorbehalt, die vorgeschlagenen Formeln könnten als zu einfach, zu naiv, zu utopisch erscheinen – ein Einwand, der dann gleich ausgeräumt wird: „Genau darin könnte ihre Kraft liegen.“ Doch diese Sprachregelung legt eine falsche Fährte. Nicht die Einfachheit oder der Idealismus der Charta werfen Fragen auf, sondern die Art und Weise, mit der sie „Kraft“ entwickeln soll. Es geht nicht darum, ob Ziele wie Umweltschutz, digitale Selbstbestimmung oder fairer Handel richtig sind und aller Mühe wert (natürlich sind sie das); es geht darum, ob politische Ziele zutreffend beschrieben und wirkungsvoll befördert sind, indem man sie zu „Grundrechten“ erklärt.

Eine moralische Wellness-Oase für Europa

Die Website des Appells bezeichnet die vorgeschlagenen Grundrechte als „mächtige Instrumente, um unsere Zukunft in Europa zu gestalten“: Ihre Einklagbarkeit soll zum Hebel ihrer politischen Durchsetzung werden. Schirach stellt dieses Programm in die Tradition der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, die zu ihrer Zeit auch noch Utopien gewesen seien, da die dort postulierte Gleichberechtigung zunächst noch keineswegs Realität war. Doch er unterschlägt, dass die Grundrechte in diesen Deklarationen eine ganz andere Funktion haben: Sie sollen den Staat dadurch definieren, dass sie als „Endzweck jeder politischen Einrichtung“ dem instrumentellen Bereich der Politik und sogar der Einzelgesetze gerade entzogen sind. Als Kriterium dieser Sphäre staatlicher Selbstbegrenzung nennt die Erklärung von 1789, dass es sich um „natürliche, unveräußerliche und heilige Rechte des Menschen“ handele.

Dieser strikte Maßstab würde unter den von der Kampagne genannten Themen nur auf die Selbstbestimmung zutreffen. Bei den anderen spiegeln die praktischen Schwierigkeiten, auf die die Einklagung etwa einer gesunden Umwelt oder der Wahrhaftigkeit von Amtsträgern treffen würde, die systematische Überdehnung des Grundrechtsprinzips – getrieben von der Sehnsucht nach einer höheren Macht, die von den größer werdenden politischen Ungewissheiten in Europa enthebt, eine Art moralische Wellness-Oase. Das wäre noch nicht weiter schlimm. Doch es schadet auch. Wenn die vorpolitische Zone, die der liberale Staat zum Schutz der Freiheit der Einzelnen eingerichtet hat, zum Instrument des politischen Aktivismus würde, verlöre sie zusehends ihre paradoxe politische Kraft. Und die Gerichte, die durch die an sie delegierte Politik hoffnungslos überfordert wären, ebenso.
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Wegscheider: ‚Nur weil man mehr bietet, bekommt man so einen Bewerb nicht‘

Sportrechte-Coup von ServusTV. Der Salzburger Privatsender im Eigentum von Dietrich Mateschitz holt sich die Übertragungsrechte für die Fußball-Europameisterschaften 2024 und 2028 exklusiv. Was Sender-Intendant Ferdinand Wegscheider dazu sagt.

Branchenkennern zufolge wird ServusTV rund 50 Millionen Euro ins neue Rechtepaket investieren, beinahe das Doppelte von dem, was der ORF bislang für die vergleichbaren Rechte aufbringt. Servus-Intendant Ferdinand Wegscheider selbst will sich zu Zahlen nicht äußern, ihm geht es um anderes …

Weil ein Sportthema, die Sportreporterfrage zum Einstieg: Was fühlen Sie nach Abschluss des Rechte-Deals mit der UEFA: Triumph, Stolz, Genugtuung?

Primär große Freude, weil es durchaus ein Meilenstein ist.

Das größte Investment des Senders bisher …

Über Zahlen will ich ganz bewusst nicht sprechen. Erstens ist das unsere Philosophie, zweitens vereinbart man das mit den Partnern.

Sie sprechen von einer neuen Ära für ServusTV. Inwiefern?

Eine Europameisterschaftsendrunde ist nochmal etwas anderes als der Fußballalltag. Da geht es uns sicher allen gleich: Bei EM und WM herrscht ein Monat lang Ausnahmezustand. Auch Leute, die sonst keine Fans sind, werden da mitgezogen. Man sitzt in Gastgärten, bei Public Viewings und und und … Das ist das Sahnehäubchen im Fußball. Das den Österreichern als Privatsender bei zwei Europameisterschaften zu bieten, ist aus meiner Sicht schon der Beginn einer neuen Ära.

Was ist die Strategie dahinter: Wachstum um jeden Preis?

Der Mitbewerb muss sich jetzt rechtfertigen, und jeder will plötzlich einen Preis wissen. Aber es ist nicht so, wie sich das der kleine Maxi vorstellt: dass ein frischg’fangter Sender einen Rucksack Geld auf den Tisch stellt und die Rechte bekommt. Das ist naiv und kündet davon, dass man vom Sportrechtebereich keine Ahnung hat. Nur mit Geld oder weil man mehr bietet, bekommt man so einen Bewerb nicht.

Ihr Sportrechte-Chef David Morgenbesser meinte bei den Österreichischen Medientagen, dass es beim Rechtekauf immer auf das Gesamtpaket ankäme. Wie sieht das im Fall der UEFA-Euro aus?

Genau, es geht immer ums Paket, und wie das Produkt bestmöglich bei den Zuschauern ankommt. Das macht uns schon sehr stolz, dass wir uns als relativ junger Sender international den Ruf erarbeiten konnten, dieses bestmögliche Paket für die Zuschauer anbieten zu können. Ich denke, dass wir das in der Vergangenheit – von der MotoGP bis zuletzt bei der Formel1 – unter Beweis gestellt haben. Und was nützt das beste Marketing, wenn der Inhalt nicht überzeugt?

Die Frage nach einer Refinanzierung – ob monetär oder in Imagewerten ausgedrückt – stellt sich dennoch.

Es geht auch aus Sicht des Senders darum, das beste Gesamtpaket zu schnüren, um den Sender erfolgreich zu machen und weiter zu wachsen. Aber Wachstum um jeden Preis ist es eben genau nicht. Wir schwimmen nicht auf der „Koste es, was es wolle“-Welle, sondern die Kosten-Nutzen-Relation muss passen, und das Produkt gleichzeitig zu unserem Senderbild. Wenn das gegeben ist, bemühen wir uns um solche Rechte. Wobei wir nach wie vor weit davon entfernt sind, ein Sportsender zu sein. Aber natürlich weiß man, dass attraktive Sportrechte einen Sender ordentlich nach vorne bringen können. Letztlich haben attraktive und große Sportrechte dafür gesorgt, dass der ORF jahrzehntelang seine gute Performance hatte. Österreich war eines der letzten Länder, wo sich alle großen Sportrechte beim öffentlich-rechtlichen Sender befanden.

Insofern also eher der Schlusspunkt einer Ära?

Ja.

Ist eine Sublizensierung von Teilen Ihres Rechtepaketes denkbar? Und falls ja, lieber ORF oder Fellner?

Wie wir mit allfälligen Parallelspielen in der Vorrunde der EM umgehen, werden wir sehen. Aber grundsätzlich: Jeder seriöse Partner ist uns willkommen.

Next step dann die Rechte an der Fußball-WM 2026?

Die ist nicht ausgeschrieben. Aber, Sie kennen unseren Satz dazu: An attraktiven Sportrechten sind wir immer interessiert (lacht).

Inwieweit müssen Sie jetzt bei anderen Programmgenres wie Information, Serie oder Show sparen?

Auch hier geht’s um ein wohlaustariertes Gesamtpaket. Wir müssen nirgendwo kürzen, um uns den Fußball leisten zu können. Das war nie unser Ansatz.

Aktuell kommt ServusTV auf 3,5 Prozent Marktanteil. Wie sieht Ihr konkretes Szenario für das Senderwachstum aus? Wie soll sich die Quotenkurve mit Formel 1, Fußball und Co. in den nächsten fünf Jahren entwickeln?

Natürlich bergauf, und durchaus – wenn ich’s mir wünschen darf – steil bergauf. Aber in Zahlen ist das immer schwer auszudrücken. Unsere Planungen, Hoffnungen und Wünsche bei der Formel 1 zum Beispiel sahen vor, dass wir zu Ende der Saison bei den Rennen die Flughöhe des ORF erreichen. Das haben wir schon am ersten Rennwochenende geschafft – und hätten wir nie zu träumen gewagt. Wenn das so weiter geht, könnte natürlich schon ein ordentlicher Sprung drinnen sein.

Zuletzt zum Thema Corona-Berichterstattung bei ServusTV. Ihr Sender hat unbestritten Erfolg, Sie bauen an einer Alternative zum ORF. Setzt man mit der Einladung von sogenannten Corona-Leugnern in Talk-Formate hier nicht mutwillig Image aufs Spiel – oder ist das eine bewusste Strategie?

Ich glaube nicht, dass das unser Senderimage beschädigt. Abgesehen von Einzelfällen. Es ist aber auch keine bewusste Strategie im Sinne einer Marketingstrategie. Wie damals bei meinem Hungerstreik gegen ORF-Monopol und Sendeverbot ist das ein spontanes Reagieren. Als Journalist – und nicht als Marketingexperte oder Senderleiter – sage ich: Wenn mehr als 90 Prozent aller Medien in eine Richtung berichten, dann ist es für mich ein journalistisches Erfordernis, auch die andere Seite zu hören.
Das passt für mich in die aktuelle demokratiepolitische Diskussion. Wir leben in einer Zeit, wo an den Universitäten – eigentlich ein Hort der freien Meinungsäußerung und der offenen Diskussion – gewisse Gruppierungen aus ideologischen Gründen es verweigern, mit Andersdenkenden zu sprechen oder zu diskutieren. Hier wird es eng in einer Gesellschaft. Das erklärte Ziel unseres Senders ist es aber, diese offene Diskussion zu ermöglichen. Bei allen Themen, auch bei Corona. Wir werden keine Sprechverbote erlassen.

Ein Jahr Disney+: Vor allem Netflix wird es schwerer haben

Am 24. März 2020 ist Disney+ in Deutschland gestartet. Ein Jahr später sieht der Markt für Videostreamingabos in Deutschland ganz anders aus. Disney+ hat sich innerhalb eines Jahres auf den dritten Platz vorgekämpft und gehört damit neben Netflix und Prime Video zu den beliebtesten Streamingdiensten in Deutschland.

Abgesehen davon haben Disneys Aktivitäten dafür gesorgt, dass sich die Inhalte von Netflix und Prime Video verändert haben. Der Grund dafür ist das neue Geschäftsmodell von Disney, die eigenen Inhalte vor allem im eigenen Abo anzubieten und andere Streaminganbieter auszuschließen.

Nach dem Start von Disney+ hat das Hollywoodstudio darauf geachtet, dass keine Disney-Inhalte mehr bei anderen erschienen sind. Vor allem der Pay-TV-Anbieter Sky leidet darunter, aber auch Netflix und Prime Video. Vor dem Start von Disney+ war es üblich, dass neue Disney-Kinofilme zuerst bei Sky gelaufen sind.

Disney+ bunkert die eigenen Filme und Serien

Aktuelle Disney- oder Pixar-Animationsfilme wie Onward oder Soul waren nach einem möglichen Kinostart nur noch bei Disney+ zu sehen. Wegen der Coronapandemie liefen einige der neuen Filme nur kurz oder gar nicht im Kino. Ohne Disney+ gäbe es sie wie beim Warner-Deal bei Sky zu sehen. Für die Sky-Kundschaft gibt es also weniger neue Kinofilme.

Aber nicht nur bei neuen Kinofilmen sorgt die Existenz von Disney+ für Veränderungen: Bis Anfang 2020 wurden sowohl bei Netflix als auch bei Prime Video immer mal wieder alte Disney-Klassiker ins Abo aufgenommen. Oder es gab die Star-Wars-Filme oder Marvel-Verfilmungen bei Sky.
Star-Wars-Filme gibt es nur bei Disney+ im Abo

Seit dem Start von Disney+ gibt es die Filme von Disney, Pixar, Star Wars und die Marvel-Verfilmungen des Studios nur noch an einer Abo-Anlaufstelle in Deutschland: bei Disney+. Das gilt auch für so populäre Titel wie die TV-Serie Die Simpsons. Aber auch Disney-Eigenproduktionen wie The Mandalorian gibt es nur bei Disney+; selbst als Kauf gibt es die Serie bisher nicht woanders oder auf anderen Medien.

Wer die Disney-Klassiker mag, hat bei Disney+ den Vorzug, alle Filme auf einer Plattform zu finden – und zwar wirklich alle. Zudem besteht keine Eile beim Schauen, denn es besteht nicht die Gefahr, dass die Filme aus dem Abo verschwinden könnten. Während bei Netflix, Prime Video und Sky Ticket so gut wie täglich Inhalte aus dem Abo entfernt werden, blieb das bei Disney+ bisher die große Ausnahme.

Krone: Dichands Ausschluss wird doch noch einmal vor Gericht verhandelt

Die Funke-Gruppe meldete 2020 die Beherrschung der „Krone“ bei der Wettbewerbsbehörde an; durch die Aufteilung der 50 Prozent auf Hans Dichands vier Erben – dessen Witwe Helga und die Kinder Michael, Johanna und Christoph Dichand – hätten sie Stimmrechte eingebüßt. Stimmrechte gibt es laut Verträgen – grob gesprochen – nur für volle Anteilsprozente. Aber, so die Rechtsmeinung der Funke-Gruppe nicht für die jeweils 0,5 Prozent der 12,5-Prozent-Anteile von Helga, Michael, Johanna und Christoph. Der Oberste Gerichtshof entschied im Jänner: Gesellschaftsrechtliche – und zudem gerade noch ungeklärte, also hypothetische – Fragen wie diese Stimmrechte seien nicht im Kartellverfahren zu klären.

Beim Handelsgericht Wien hat die Funke-Gruppe auf Ausschluss der Familie Dichand aus der Krone-Gesellschaft geklagt. Auch da geht es um die Stimmrechtsfrage: Im Frühjahr 2019 beantragte die Funke-Gruppe in der Gesellschafterversammlung der „Krone“, Christoph Dichand als Herausgeber und Chefredakteur abzuberufen beziehungsweise zu entlassen. Begründung: Spesenvorwürfe. Bei Stimmrechtsstand 50:50 bekam der Antrag keine Mehrheit – bei 48 Prozent für die Dichands und 50 für Funke hätte das anders ausgesehen.

Vor dem Handelsgericht klagte die Funke-Gruppe auf Ausschluss der Dichands aus der Krone – Verlag Gesellschaft m.b.H. & Co. Vermögensverwaltung KG. Hier fallen laut Jahresabschlüssen Gewinne in der wirtschaftlich doch wesentlichen Größenordnung von 17 bis 20 Millionen Euro an. Die Kommanditanteile halten einerseits die vier Dichands, einzeln eingetragen, und andererseits die NKZ Austria-Beteiligungs GmbH der Funke-Gruppe.

Das Gericht könnte – so verlangt es jedenfalls die Klage der Funke-Gruppe – alternativ auch feststellen, dass die Kommanditanteile bei der Übertragung und Aufteilung auf die Dichand-Erben schon auf die NKZ übergegangen sei.

In einer Verhandlung im August 2020 am Handelsgericht Wien machte Richterin Kerstin Just recht deutlich, dass sie nach den Rahmenvereinbarungen der „Krone“-Eigentümer Schiedsgerichte und nicht ordentliche Gerichte für diese Gesellschafterfrage zuständig sieht. Sie kündigte schriftliche Ausfertigung des Urteils an – wenn sich ihr dabei nicht doch noch wesentliche, im Verfahren zu klärende Fragen stellen.

Nun aber lädt die Richterin für Ende April doch zu einer weiteren Verhandlung. Das kann zur formellen Absicherung geschehen, einen Beweisantrag nicht ausgelassen zu haben. Oder auch, weil sie bei der Ausfertigung des Urteils darin doch wesentliche Aspekte erkannte.

Was passiert in der neuerlichen Verhandlung? Geschäftsführer der Funke-Firma NKZ sollen auf Antrag der Funke-Gruppe befragt werden. NKZ-Geschäftsführer ist insbesondere Funke-Geschäftsführer Michael Wüller, in der Führung der großen deutschen Mediengruppe für die österreichischen Beteiligungen.

In der Befragung soll es darum gehen, ob die Funke-Vertreter 2003 rechtlich korrekt die Schiedsvereinbarung mit den Dichands unterzeichnet haben. Nach deutschem Recht – Paragraf 181 des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs über Mehrfachvertretung – eher nein, nach österreichischem eher ja, sagen sachkundige Juristen. Also, wenn man so will, eine Art Selbstanzeige der Funke-Gruppe – wohl um die alte Schiedsvereinbarung loszuwerden.
Treffen mit Schiedsrichter

Und es geht in der Befragung um den Vorwurf der Funke-Gruppe, Dichand-Anwältin Huberta Gheneff hätte während des Schiedsverfahrens Kontakte mit einem der Schiedsrichter, Paul Oberhammer, gehabt.

Oberhammer erklärte, so hieß es in der ersten Verhandlung, die Treffen fielen in seine Privatsphäre. Gheneff bestreitet einige der Angaben der Funke-Anwälte über Treffen (die vor Gericht stark nach Telefonprotokollen und Überwachung klangen). Oberhammer verließ das Schiedsgericht Monate vor der Entscheidung vom Mai 2020, wonach die Rahmenverträge nicht so einfach kündbar waren (jedenfalls bis 2019).

Das nächste Schiedsgericht tagt unterdessen schon: Die Funke-Gruppe blockiert wie berichtet die Gewinnausschüttung an die Dichands. Und die sollen beim jüngsten Schiedsgericht die von der Funke-Gruppe verweigerte Gewinnausschüttung für 2018/19 eingeklagt haben.

Das bietet wohl Stoff für das eine oder andere weitere Jahr im jahrzehntelangen Streit um das Sagen und das Geld bei Österreichs wohl noch eine Weile weitaus größter und politisch gewichtigster Tageszeitung.

WDR-Intendant Tom Buhrow: Wo die ARD im Jahr 2030 steht

Die Politik will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk reformieren. Ich schlage vor, wir stellen uns den Grundsatzfragen: Was leisten die Sender für die Demokratie? Wie sollen sie sich entwickeln? Was sind sie uns wert?

Vor einigen Tagen lief ein vielsagender Bericht im Deutschlandfunk: Bei einem Autozulieferer in Stuttgart wurde gestreikt. Nicht nur für höheren Lohn, wie ein Mitarbeiter deutlich machte, sondern aus Zukunftsangst. Der Mitarbeiter hatte das Gefühl, seine Firma habe keine Antworten auf den Paradigmenwechsel vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität. Dabei, berichtete die Reporterin, hätten bereits zwei Drittel der Produktion mit Elektromobilität und alternativen Antrieben zu tun. Der Wandel ging ihm aber nicht schnell genug.

Unzählige Unternehmen und Organisationen stecken in ähnlich massiven Veränderungsprozessen. Sie müssen noch das alte Geschäft bedienen und zugleich das neue Geschäft aufbauen. Nicht selten wird der richtige Zeitpunkt verpasst, und am Ende bleibt nur die Erinnerung. Kodak, Nokia oder Quelle sind mahnende Beispiele. Diese Transformation kennt auch die Medienbranche nur zu gut. Das Alte sind unsere linearen Angebote – das klassische Radio und Fernsehen. Das Neue sind die digitalen, non-linearen Angebote.

Unsere Gesellschaft steht vor einer Dekade digitaler Transformation

Die Rahmenbedingungen dafür sind allerdings ausbaufähig. Finanzminister Olaf Scholz sagte kürzlich in einem Interview: Bis 2030 solle bei jedem Haushalt in Deutschland ein Internetanschluss mit einer Geschwindigkeit von mindestens einem Gigabit pro Sekunde anliegen. Das deckt sich mit den Vorstellungen der EU-Kommission, die soeben ihren „Digitalen Kompass für 2030“ vorgestellt hat. Falls diesen Worten Taten folgen, steht uns eine digitale Dekade bevor, mit grundlegenden Veränderungen in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft.

Am Anfang dieses digitalen Jahrzehnts steht auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk vor richtungsweisenden Entscheidungen. Vor dem Bundesverfassungsgericht geht es um die Höhe des Rundfunkbeitrags. Zum anderen wollen die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten bald erste Reformvorschläge für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf dem Tisch haben. Nachdem die Rundfunkkommission vor kurzem ihren Reform-Fahrplan verabschiedet hat, erlaube ich mir als WDR-Intendant einige Gedanken dazu.

Die ARD ist auf dem Weg zum non-linearen Content-Netzwerk

Meine Kollegin, die MDR-Intendantin Karola Wille, hat bereits 2017 als damalige ARD-Vorsitzende den „crossmedialen föderalen Medienverbund“ skizziert. Daran knüpfte sie an, als sie nun die Weiterentwicklung der ARD zu einem „gemeinwohlorientierten Kommunikationsnetzwerk“ vorschlug. Die für Rundfunkpolitik federführende

Medienstaatssekretärin von Rheinland-Pfalz, Heike Raab, griff dies auf und schlug ein öffentlich-rechtliches „Content-Netzwerk“ vor, das sich am Erfolg der jungen Marke funk orientieren könne. funk ist tatsächlich ein positives Kapitel der jüngeren Rundfunkgeschichte. Die Politik hatte den Mut, ein Konzept des ehemaligen SWR-Intendanten Peter Boudgoust zu unterstützen, das ein adäquates, non-lineares Angebot für junge Nutzerinnen und Nutzer vorsah. Die notwendigen Ressourcen wurden durch interne Umschichtungen und die Abschaltung der linearen Spartensender Eins Plus und ZDF Kultur bereitgestellt.

Wir Verantwortliche in der ARD wissen schon lange, dass es für die notwendige Transformation nicht mehr Geld gibt. Deshalb muss sich jeder, der die Reformdiskussion über unseren Auftrag ernst nimmt, ehrlich machen: Will er oder sie eine Modernisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder nur Kosten senken? Wenn es um Letzteres geht, ließe sich der Rundfunkbeitrag von Kosten bereinigen, die mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nichts zu tun haben.

Das Klischee der angeblich reformunwilligen Sender

Bisher geht es zum Beispiel zu Lasten der Beitragszahler und -zahlerinnen, wenn finanziell schwächer Gestellte den Rundfunkbeitrag nicht aufbringen können. Ist das nicht eigentlich Aufgabe der Sozialkassen? Und die Landesmedienanstalten sind vorrangig für die Aufsicht über kommerzielle Anbieter zuständig. Diese Umwidmung von Mitteln aus den öffentlich-rechtlichen Budgets ist kein deutsches Phänomen. In Brüssel nennt man es „top-slicing“.

In Deutschland kosten die beiden Beispiele zusammen monatlich jeden Beitragszahler mehr als 1,60 Euro. Ich will hier gar nicht das Modell der Beitragsbefreiungen und schon gar nicht die Arbeit der Landesmedienanstalten in Zweifel ziehen, sondern lediglich deutlich machen, dass dem Beitragszahler im Laufe der Jahrzehnte einige Kosten aufgebürdet wurden.

Natürlich ist es einfacher, das Klischee der angeblich reformunwilligen öffentlich-rechtlichen Sender zu pflegen, als mühevoll die einzelnen Aspekte und vor allem Folgen von Kürzungen zu deklinieren.

Ein Blick in die Zukunft

Beide Seiten – diejenigen, die jede Veränderung ablehnen, und diejenigen, die sie lauthals fordern, ohne konkret zu werden – arbeiten sich an diesem „Ist-Zustand“ ab: an der gegenwärtigen Zahl von Spartenkanälen, Radiosendern und Orchestern, Ratgebersendungen oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Ich schlage vor, die Reformdebatte nicht am Ist-Zustand auszurichten, sondern an einem Zukunftsbild. Also nicht zu fragen: „Was passt mir am gegenwärtigen System nicht?“, sondern: „Was erwartet die Gesellschaft in Zukunft vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk?“ Wir starten im Mai einen ARD-Zukunftsdialog, in dem wir die Bürgerinnen und Bürger selbst dazu fragen.
Kennzahlen aus Medien- und Zukunftsforschung weisen darauf hin, dass Menschen im Jahr 2030 Medien vor allem auf Abruf nutzen. Die sogenannte non-lineare Nutzung wird die „klassische“ lineare Nutzung überholt haben. Ein Blick in die Zukunft kann daher meiner Meinung nach die Argumente in der Debatte um den richtigen Weg schärfen.

Das deutsche Mediensystem wird im Jahr 2030 Stabilität verloren haben

Weitere Zeitungsverlage werden 2030 fusioniert oder sich in redaktionellen Netzwerken zusammengeschlossen haben. Dabei werden Verlage und öffentlich-rechtliche Sender viel mehr Gemeinsamkeiten entdeckt haben als noch im Jahr 2021, Bündnisse von Qualitätsmedien werden unideologisch eingegangen. Die großen, kapitalstarken Konzerne haben dann ihre Angebote bis auf die nationale Ebene ausgeweitet. Netflix & Co verfügen dank der internationalen Wertschöpfung über enorm wachsende Mittel. Außerdem werden zum Beispiel Amazon, Google und Facebook den digitalen Alltag – und die Freiheit – der Menschen mit ihren Produkten und Regeln maßgeblich beeinflussen.

Die ARD bietet im Jahr 2030 eine zeitgemäße mediale Heimat

Die ARD hat sich entschieden, noch konsequenter ihren „Heimvorteil“ zu nutzen und so dem Publikum Mehrwert anzubieten.

Die ARD ist deshalb 2030 noch stärker vor Ort in den Regionen und kooperiert dort vermehrt mit Einrichtungen aus Wissenschaft, Kultur und Bildung sowie privaten Medienhäusern. Sie bietet unabhängige und überparteiliche Angebote, die journalistischen Grundsätzen verpflichtet sind. Das ist gesund für die Gesellschaft und wichtig für die Demokratie.

Dabei arbeitet sie längst weniger aus großen Landesfunkhäusern oder Studios, sondern mobil, aus kleinen Büros. Darüber hinaus haben fiktive und unterhaltende Stoffe starken Bezug zum Lebensgefühl in Deutschland, in den Regionen und in Europa. Die Marke ARD und jede Landesrundfunkanstalt übernehmen die Rolle eines Gütesiegels und Qualitätsversprechens.
Kein anderer Medienanbieter spiegelt bundesweit die Vielfalt aller Regionen Deutschlands so wider wie das föderale Netzwerk ARD mit seinen Standorten Ost und West. Diesen Markenkern werden wir gestärkt haben. Hier sehe ich große Übereinstimmungen mit der Rundfunkkommission, die gerade genau dieses Thema auf ihre Agenda gesetzt hat.

Die Öffentlich-Rechtlichen werden eine Mediathek für alle bieten

Am Ende des Jahrzehnts bedient der öffentlich-rechtliche Rundfunk achtzig Millionen Programmchefinnen und -chefs mit hochwertigen Inhalten. Der Megatrend der Individualisierung wird sich umfassend durchsetzen. Abgesehen von dramatischen Ereignissen und einzelnen Live-Events, wird kein mediales Ereignis mehr weite Teile der Bevölkerung binden. Die Menschen holen sich, was sie wollen und wann sie es wollen. Und zwar aus einer einzigen großen öffentlich-rechtlichen Mediathek.

Ich wiederhole meine bereits 2020 vorgetragene Überzeugung, dass dies aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer Sinn macht. Spartenkanäle im linearen Fernsehen sind 2030 größtenteils Geschichte und werden in dieser Mediathek aufgegangen sein. Auch der Hörfunk steht mitten in einem umfassenden Wandel.

Audioangebote werden ins Netz wandern und die UKW-Welt verlassen

Für die bequeme und technisch ausgereifte UKW-Verbreitung werden Politik und Sender bis 2030 eine Ersatzlösung finden. Wenn ich Sender sage, meine ich hier alle: öffentlich-rechtliche und kommerzielle. Ich kann den Aussagen meiner Kollegin und rbb-Intendantin Patricia Schlesinger im Medienausschuss Berlins nur beipflichten, dass sie UKW bis Mitte des Jahrzehnts für gesetzt halte, aber in sieben bis zehn Jahren müsse man überlegen, ob man noch lineare Hörfunkwellen in der heutigen Form brauche.

Bisher belauern sich öffentlich-rechtliche und kommerzielle Sender und warten nur darauf, dass der jeweils andere den Ausstieg aus UKW beschließt oder aufgezwungen bekommt. Die Folge: Wir investieren sowohl in die Erhaltung von UKW als auch den Ausbau von DAB+ und in die Verbreitung übers Internet. Diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, das geht nur wenn klare Rahmenbedingungen für alle Marktteilnehmer verabredet werden. Wir würden damit europäischen Nachbarn folgen, die wie die Schweiz den Ausstieg aus UKW bereits beschlossen haben. UKW wäre dann nur noch eine Havarietechnik für Krisenfälle.

Durch die neue grenzenlose Technik müssten nicht Dutzende regionale Hörfunkwellen unterhalten werden. Weitgehende Kooperationen unter den Landessendern und mit dem Deutschlandradio wären möglich. Bisher ist dem ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben.

Ein Zukunftskonzept liegt vor

Ein entwicklungsoffener gesetzlicher Rahmen und die Flexibilisierung der gesetzlichen Möglichkeiten, wie sie der Chef der sächsischen Staatskanzlei, Oliver Schenk, kürzlich ins Spiel gebracht hat, würde Reformen und Synergien bei den Sendeanstalten befördern und die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit stützen. Auch hier sehe ich gute Chancen, an die Diskussion anzudocken, die die Rundfunkkommission sich genau zu dieser Frage vorgenommen hat.

Dann könnten Senderverantwortliche und Gremien entscheiden, was die Menschen besser linear als Welle erreicht oder was besser als Angebot im Internet ankommt. Das würde die Gremien in ihrer Rolle stärken und gäbe die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört: in die jeweiligen Sender vor Ort und deren Aufsicht.

Ein weiteres Buzz-Thema in der Debatte sind immer wieder die Kulturangebote und Ensembles der ARD. Mit dem Kulturportal in Mitteldeutschland hatten wir ein Zukunftskonzept vorgelegt.
Für Orchester, Big Bands und Chöre bedarf es einer Zukunftskonzeption
In Berlin hat man bereits 1994 den Erhalt der Orchester und Chöre aus Ost und West gewährleistet, indem man eine Trägergesellschaft gründete. Gesellschafter sind neben Deutschlandradio und rbb der Bund und das Land Berlin.

Wir werden alle zusammen überlegen müssen, wie wir diese wertvollen Klangkörper vor populistischen Tagesstimmungen schützen. Selbstverständlich ist das nicht. So bin ich beispielsweise bei meinen letztjährigen Besuchen in den Landtagen Forderungen nach der Abschaffung der Klangkörper begegnet. Wir wollen auch hier eine langfristige Perspektive entwickeln und Ideen einbringen. Wir haben Lust auf Zukunft. Und zu der gehört auch, dass unser Publikum, aber auch Bildungs- oder Kultureinrichtungen unsere Programminhalte wo möglich weiternutzen können und Neues daraus entstehen kann.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist Open Source für wertvolle Inhalte

Viele Nutzerinnen und Nutzer werden „Prosumenten“ sein, die digitale Inhalte selbst produzieren als auch konsumieren. Die Generation Alpha, die nach 2010 geboren wurde, ist voll digital – und aufgewachsen mit Hightech, im Alltag unterstützt von Künstlicher Intelligenz und gewöhnt an mobile Computer, sogenannte Wearables. Personalisierte Inhalte sind für sie normal, sie kennen nichts anderes.

Hier spielt auch das Thema Datensicherheit eine wichtige Rolle. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden die Nutzungsdaten für ihre Angebote nutzen, unter Einhaltung striktesten Datenschutzes. Vor allem werden diese aber nicht zu kommerziellen Zwecken eingesetzt.

Ich bin überzeugt davon, dass Deutschland im Jahr 2030 einen reformierten, starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk braucht, der den Menschen alle inhaltlichen Genres bietet. Unser Land wird noch stärker unter dem Stress unaufhaltsamer Veränderungen stehen. Die Gereiztheit gegenüber Institutionen, Entscheidungsträgern, gegenüber dem gesamten angeblichen „System“, wird noch zunehmen. Die Rede ist von einer „Distrust Society“.

Den meisten kann der Wandel gar nicht schnell genug gehen

ARD, ZDF und Deutschlandradio werden mehr denn je Dialog und Diskussion unter den Menschen ermöglichen und unterstützen, unabhängig und überparteilich. Dabei werden sie mit Fakten und fairen Verhaltensregeln Raum für ein vielfältiges Meinungsspektrum bieten. Damit sind sie eine seriöse Quelle für die demokratische Willensbildung in unserem Land.

Die Nähte unseres Gemeinwesens dürfen nicht reißen. Wir Öffentlich-Rechtliche können dazu beitragen, indem wir uns in den Dienst dieses Gemeinwesens stellen – so wie wir in der Corona-Krise Kitas, Schulen und Familien bei der Ausbildung ihrer Kinder unterstützt haben. Natürlich gibt es auch bei uns noch Kräfte, die an der alten Welt festhalten, die Programm nicht am Publikum, sondern an Interessengruppen orientieren wollen. Aber die meisten sind wie der eingangs zitierte Mitarbeiter des Automobilzulieferers: Der Wandel kann ihnen gar nicht schnell genug gehen. Diese Reformbegeisterten brauchen Verbündete in Politik und Gesellschaft.

Die Medienoffensive des Virologen Hendrik Streeck

Deutschlands Top-Virologen sind zu Medienpersönlichkeiten geworden. Hendrik Streeck gehört zu den bekanntesten Pandemie-Erklärern, nun hat er ein Buch geschrieben, einen Podcast gestartet und eine ZDF-Doku gefilmt. Wie viel Medienpräsenz ist für einen Wissenschaftler sinnvoll?

Virologen sind seit Corona zu Medienpromis geworden. Mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, aber durchaus immer mit viel Sendungsbewusstsein, bespielen sie mediale Flächen. Medien bieten den Wissenschaftlern umgekehrt viele Möglichkeiten, das Virus und die Pandemie zu erklären, um das Vakuum unseres Nichtwissens zumindest ein wenig zu füllen.

Einer der bekanntesten Virologen, der auch aktiv die mediale Bühne sucht, ist Hendrik Streeck, Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Streeck ist gern gesehener Gast in Talkshows und Interviewpartner.

Nun hat er das Buch „Hotspot“ geschrieben, in Kooperation mit RTL einen gleichnamigen Podcast mit Katja Burkard als Co-Moderatorin gestartet und dann auch noch eine Dokumentation für das ZDF gedreht. In dieser Folge der „Medien-Woche“ sprechen wir über Streeck und die Medien – und die Frage, wie populär Wissenschaftler werden müssen, um der Welt ein gefährliches Virus zu erklären.

Reichelt in der „Zeit“: „Das ist jetzt richtig spannend, oder?“

Seit dem Bekanntwerden eines laufenden Compliance-Verfahrens gegen Julian Reichelt, zeigte sich der „Bild“-Chefredakteur nach außen hin ziemlich wortkarg. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ kommt Reichelt jetzt selbst zu Wort. Demnach erzählt er, dass er sich erstmals in seinem Leben einen Anwalt genommen habe und gerade eine eidesstattliche Versicherung ausarbeiten lasse, in der er erkläre, seine Macht niemals gegenüber Mitarbeiterinnen missbraucht zu haben.

Die beiden „Zeit“-Reporterinnen Cathrin Gilbert, Hannah Knuth und ihr Kollege Holger Stark lassen in ihrem Text einige Für- und Widersprecher Reichelts zu Wort kommen und sprechen von mehreren Frauen, deren Fälle derzeit von Anwälten der Kanzlei Freshfields untersucht werden. Man habe sie um ein Gespräch gebeten, „sich aber entschieden, weder Namen noch Details gegen ihren Willen offenzulegen“, so die „Zeit“ weiter. Zudem heißt es, die Vorwürfe von strukturellem Machtmissbrauch ließen sich „weder be- noch widerlegen“. Einige der Frauen hätten dem Vernehmen nach zwar belastende Indizien vorgelegt, beharrten aber auf ihrer Anonymität.

Geschildert wird in dem Artikel außerdem der Moment, in dem Reichelts Handy während des „Zeit“-Besuchs im Springer-Hochhaus vor etwas mehr als einer Woche klingelt. Wörtlich heißt es: „Eine Mitarbeiterin ist dran, sie will ihn offenbar informieren, dass sie zu ihren Erfahrungen mit ihm befragt werden soll. Er erwidert, es sei wichtig, dass sie die Wahrheit sage, über seine netten und nicht so netten Charakterzüge. ‚Bloß nichts weglassen‘, sagt er. Sie solle nicht an sich zweifeln. Sie sei da, wo sie ist, weil sie gut sei – und nicht weil jemand sie grundlos gefördert habe. ‚Hast du das verstanden?‘ Er wirft das Handy wieder auf den Tisch.“

Reichelt berichtet außerdem vom Anruf seiner Schwester, die ihn nach der Veröffentlichung der Berichte über ihn gefragt habe, was los sei. „Er stützt den Kopf in die Hände“, schreibt die Zeit. Und weiter: „Reichelt weiß, dass er als Bild-Chef vielen Menschen wehgetan hat, auch intern. Er sagt, halb tastend, halb linkisch: ‚Das ist jetzt richtig spannend, oder?'“
Reichelt vorübergehend freigestellt

Am vergangenen Wochenende war bekannt geworden, dass Julian Reichelt für den Zeitraum der Untersuchung freigestellt worden ist. „Axel Springer hat immer und sehr grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen“, erklärte der Verlag in einer Stellungnahme. „Wenn aus Gerüchten über andere Personen konkrete Hinweise von Betroffenen selbst werden, beginnt das Unternehmen – wie im aktuellen Fall – sofort mit der Aufklärungsarbeit.“

Springer denkt derweil laut „Zeit“ bereits über einen „Neustart“ nach, wie es die Wochenzeitung formuliert. „Eine offene, auch schmerzhafte Diskussion über eine bessere Unternehmenskultur soll die Zeitung verändern – ob mit oder ohne Julian Reichelt“, heißt es. Längst wird auch schon über mögliche Nachfolger spekuliert. „Die Zeit“ nennt Claus Strunz, Gabor Steingart und „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Alexandra Würzbach. Letztere hat vorübergehend die „Bild“-Leitung übernommen – und eine durchaus bemerkenswerte Vergangenheit, wie das „Bildblog“ vor vielen Jahren notierte.

Kulturkahlschlag im Rundfunk : Mobbing gegen Bildungsbürger

In den Kulturprogrammen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gärt es. Gabriele Riedle, seit dreißig Jahren Stammhörerin von RBB Kultur, legte vor wenigen Wochen in der „taz“ dar, warum sie jetzt abschalte: Klassische Musik sei zum Ausnahmefall geworden zwischen lauter Softpopkitsch und Neoklassikgesäusel, und die Sprache in ihrer übergriffigen Inkompetenz sei nicht mehr zu ertragen: „Während vor Urzeiten nur die ans Mikrofon durften, die etwas von dem verstanden, wovon sie sprachen, gibt es längst ,Moderatoren‘, die alles wegmoderieren, was anfällt, und ihre Ahnungslosigkeit gekonnt mit Phrasen, Stereotypen, Klischees unterfüttern.“

Er zahle ungern Rundfunkbeiträge für seine Unterforderung, gab auch der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum kürzlich zu Protokoll. Bezogen auf Medienberichte zum Hörfunkprogramm von WDR 3, warnte Baum im Interview für den Evangelischen Pressedienst vor einem „Weichspülen“ des Kulturauftrags: „Es wird versucht, Hörer zu binden, indem man die Qualität senkt. Das ist hochgefährlich.“

„Leichte Klassik“ als Ideal

Hintergrund von nicht nur Baums Besorgnis sind Berichte zur Neuausrichtung der Auswahl von und des Sprechens über Literatur und Musik auf WDR 3. Das Online-Magazin VAN hatte im Februar publik gemacht, dass der WDR schon im Jahr 2019 eine Hörerstudie hatte durchführen lassen, in deren Ergebnis Kunstlied, Chormusik, Oper, Operette und Jazz als „kritische Genres“ eingestuft wurden. Sie seien im Frühprogramm des Magazins „Mosaik“ möglichst zu vermeiden. Den Vorzug dagegen genießen instrumentale „leichte Klassik“ wie der „Frühlingsstimmenwalzer“ von Johann Strauß oder „romantische/getragene Klassik“ wie die „Gymnopédies“ von Erik Satie. Häufiger vorkommen im Programm sollen Stücke der „Neoklassik“ von Nils Frahm, Max Richter und Philip Glass, daneben symphonische Filmmusik.

An der Studie selbst wäre sowohl die Rubrizierung der Musikgenres zu diskutieren als auch die Auswahl der Teilnehmer, deren Präferenzen beim Radiohören mehrheitlich bei ganz anderen Programmprofilen lagen als dem von WDR3. Doch nun müssen die Ergebnisse umgesetzt werden.

Schlechte Vorbilder bei anderen Programmen

Man kennt diesen Marschbefehl schon von NDR Kultur, wo in weiten Teilen des Sendeschemas die Software „Music Masters“ die Musikauswahl trifft. Menschen dürfen nur noch „moderieren“. Diese Bedenken aber will Matthias Kremin, Wellenchef bei WDR 3, auf Anfragen der F.A.Z. sofort zerstreuen: „Die Musikauswahl in WDR 3 wird weiter wie bisher von Musikredakteur*innen verantwortet – in manchen Strecken auch von Autor*innen, die in Absprache mit der Redaktion gestalten und präsentieren.“

Der Druck auch innerhalb seiner eigenen Anstalt ist zu spüren, wenn Kremin vorab bemerkt: „Da in den vergangenen Wochen immer wieder Dinge falsch berichtet wurden, möchte ich zunächst folgende Punkte klarstellen: WDR 3 macht keine Reform. WDR 3 wird auch kein Literaturangebot streichen, sondern in der Form verändern und variieren – an manchen Stellen sogar erweitern. Die Literatur wird neue Sendeplätze mit mehr Zuhörer*innen bekommen. Auch die Musik auf WDR 3 wird in ihrer Vielfalt und hohen Qualität das Profil des Senders bestimmen.“

Mitarbeiter verlassen den Sender

Prominente Mitarbeiter der Welle empfinden das anders. Kalle Burmester sah für sich bei der Sendung „Klassik Forum“ keine Zukunft mehr und gab Anfang März auf. Auch Michael Stegemann, seit 34 Jahren dabei, nahm am 13. März seinen Abschied. In seiner letzten Sendung verglich er sich mit einem Eisbären auf schmelzender Scholle. Für das, was er und wie er es mitzuteilen habe, gäbe es offenbar im Sender immer weniger Unterstützung. Stegemann schied ohne Groll und Vorwürfe vom Mikrofon, aber er bot noch einmal einen Einblick in das, was ihn selbst ausmacht: sein Kompositionsstudium bei Olivier Messiaen in Paris, seine Förderung durch den Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus, seine Tätigkeit als Herausgeber der Werke von Camille Saint-Saëns, seine Beschäftigung mit Glenn Gould und Franz Schubert, dem er 1997 mit dem täglichen „Schubert-Almanach“ die umfangreichste Sendung gewidmet hatte, die je von der ARD produziert worden war.

Natürlich ist es zumindest unsensibel, solche Radiomacher und Musikkenner in verpflichtenden Schulungsseminaren der Kabarettistin Susanne Rohrer auszusetzen, die ihnen dann sagt, Worte wie „Libretto“, „fakultativ“ „Hammerflügel“ und „Koloratursopran“ müsse man – in einem Kulturprogramm mit Schwerpunkt „klassische Musik“ wohlgemerkt – erklären und die Kollegen mögen doch einmal nachdenken über eine Anmoderation wie: „Wollen wir wetten, meine Damen und Herren, dass die folgende Musik lauter ist als ihr Staubsauger?“

Anweisungen gibt es angeblich nicht

Betont werde zwar immer wieder, dass dies alles nur Empfehlungen, keine Anweisungen seien. Aber diese „Empfehlungen“ häuften sich, so Stegemann im Gespräch mit der F.A.Z. in letzter Zeit immer mehr. Von der „Teamleiterin Musik“ Wibke Gerking habe er – vor Zeugen – zu hören bekommen: „Wir bezahlen Sie dafür, dass Sie tun, was wir von Ihnen verlangen. Wenn Sie dazu nicht bereit sind, dann müssen wir Konsequenzen ziehen.“

Trotzdem ist es im „Klassik Forum“, wo die Autoren täglich zwischen neun und zwölf Uhr ohne Nachrichtenunterbrechung Musik senden und darüber reden dürfen, immer noch möglich, die Stücke frei auszuwählen, vollständig auszuspielen und ohne redaktionelle Eingriffe zu reden. Fremdsprachige Textrezitationen sind keine Seltenheit, auch avancierte, recht ungeschmeidige Werke der Moderne werden ausgestrahlt. Sogar im Morgenmagazin „Mosaik“ hört man weiterhin Interpretennamen und Opuszahlen der Werke, obwohl „Empfehlungen“ im WDR den Verzicht darauf nahelegen. Zu befürchten bleibt bei dem geschilderten massiven Druck von innen, dass dies nur noch für eine Übergangszeit so bleiben wird.

Radio für die „Tchibo-Hausfrau“

Mit bis zu 300.000 Hörern muss sich das „Klassik Forum“ nicht verstecken. Woher rührt aber dann der Handlungsdruck? Auf die Frage, ob denn die zwei Prozent aller Menschen über vierzehn Jahren, die WDR 3 im Sendegebiet täglich erreiche, zu wenig seien, antwortet Matthias Kremin: „,Zu wenig‘ passt nicht, da wir keine Vorgaben haben. WDR 3 bietet jeden Tag hochwertigstes Programm für viele Menschen – wir freuen uns natürlich immer über neue Hörer*innen und betrachten es auch als unsere Aufgabe, immer wieder neue Kultur- und Klassikinteressierte für das Programm zu begeistern.“

Im Klartext: Es sind doch „zu wenig“. Wobei zu fragen wäre, ob es je mehr waren. Die „Tchibo-Hausfrau“ und „mein Fleischer, der zwar keine Ahnung von Musik hat, aber doch regelmäßig ins Konzert geht“, werden in den Schulungsseminaren immer als Beispiel für Adressaten einer hörerfreundlicheren, zugänglicheren Ansprache des Publikums genannt. Was aber, wenn diese bisherigen Nichthörer von WDR 3 ganz glücklich mit dem sind, was sie stattdessen hören, während die Stammhörer mit dem, was sie künftig geboten bekommen sollen, unglücklich werden?

Kulturbeflissenheit gilt als langweilig

Wie solche Ansprache klingen soll, beschreiben nämlich schon die Richtlinien für die Moderation von Musiksendungen auf RBB Kultur: „Auf Jahreszahlen können wir gerne verzichten. Sie sind ein sicheres Indiz dafür, dass die Sache, über die geredet wird, vorbei ist. Gleiches gilt für historische Erzählungen, die man auch an anderer Stelle nachlesen kann. Damals? Langweilig! Auch die Vornamen der Beethovens und Mozarts zum Beispiel braucht niemand dringend.“ Erschrickt man hier über die Nötigung zur Geschichtsvergessenheit, so schlägt einem in der nächsten Bemerkung kaltschnäuzige Schlamperei entgegen: „Unser Publikum prüft uns nicht, ob wir kulturbeflissen alles richtig machen. Und die drei Studienräte, die es dennoch tun, halten wir aus. Denn jede Kompetenz hat Lücken. Wichtiger ist: Unser Publikum ist interessiert, will begeistert und unterhalten werden.“ Reaktionen von Hörern belegen das Gegenteil: Bislang hatten sie nichts dagegen, bei der Unterhaltung auch etwas über Musik zu lernen.

Thelma Buabeng über deutsches TV: Keinen Diversity-Zirkus machen

Das deutsche Fernsehen wird diverser. Für Schauspielerin Thelma Buabeng („Five Souls“) braucht es jedoch dringend einen Strukturwandel.

Thelma Buabeng ist müde. „Ich habe keine Lust mehr, nur über Rassismus zu reden. Ich habe doch tausend andere Dinge zu erzählen. Warum lande ich ständig bei diesem Thema und lasse mich von meiner eigentlichen Arbeit ablenken?“ Gute Frage. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Thelma Buabengs eigentliche Arbeit aus Schauspielen und Moderieren besteht. Sie ist zu sehen auf deutschen Theaterbühnen und im deutschen Fernsehen. Orten, an denen Frauen wie Buabeng, Schwarzen Frauen, üblicherweise zwei Rollen zuteilwerden: Entweder sie sollen die Betroffene spielen, die von ihren traumatischen Erfahrungen erzählt.

Oder den Token, das Aushängeschild des Auftraggebers, welches symbolisieren soll: Hallo, schaut mal, wie divers wir sind! Letzteres geschieht vor allem seit letztem Sommer, meint Buabeng. „Es ist makaber, aber seit George Floyd ermordet wurde, hören unsere Telefone nicht mehr auf zu klingeln. Plötzlich wollen alle mit uns arbeiten. Das geht auch vielen meiner Freund_innen so. Ich kann mir natürlich denken, warum.

Weil sie gesehen haben, oh, da gehen Tausende von Menschen auf die Straße zur Black-Lives-Matter-Demo. Das könnte doch unser Publikum sein!‘ Und jetzt casten alle plötzlich Schwarze. Es ist so absurd, weil teilweise andere Schauspieler_innen of Color einfach weggeschickt werden mit den Worten: ‚Nein! Es muss auf jeden Fall eine Schwarze Frau sein!‘“

Ist es nicht ein Grund zur Freude, dass in TV-Produktionen und Werbekampagnen nicht mehr nur weiße Gesichter gezeigt werden? Klar. Doch was Buabeng kritisiert, ist, dass das eben nicht aus einem politischen Bewusstsein heraus geschehe, sondern lediglich aus wirt­schaftlichen Interessen. Di­ver­sität ist profitabel geworden, sie bringt Medienunternehmen neue Reichweite, Aufmerksamkeit und nicht zuletzt Geld. In den Strukturen der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender bleibt der Wandel derweil aus.

„Sie wollen dafür Applaus bekommen“

„Mir kann keiner erzählen, dass sich irgendwas grundlegend in den Köpfen geändert hat“, sagt die 39-jährige Deutsch-Ghanaerin trocken. „Die Entscheidungsträger sitzen ja nicht zu Hause, lesen ‚Exit Racism‘ und überlegen, wie sie ihr Unternehmen umstrukturieren können. Nein, sie erzählen ihren Kumpels stolz, dass sie jetzt auch mal mit einer Schwarzen Person drehen, und wollen dafür Applaus bekommen. Für die sind wir ein Trend, und das geht vorbei.“

Ein ganz grundlegendes Problem in der deutschen Unterhaltungsbranche bleibt vor allem, dass, wenn marginalisierte Personen gezeigt werden, ihre Rolle über stereotype Zuschreibungen kaum hinausgeht. Thelma Buabeng ist aktuell in drei Formaten zu sehen, die in diese Falle glücklicherweise nicht tappen. In der Rolle der Journalistin Marla Blum ist sie fester Teil des Ensembles der ZDF-Kindersendung „Löwenzahn“.

Über Dinge spreche, über die nur Weiße im TV reden

Auf Arte moderiert sie „Open Stage Berlin“, eine hochwertig produzierte Show mit Live-Konzerten, die in den Reinbeckhallen in Berlin-Oberschöneweide gedreht wird. Und für den SWR hostet Buabeng gemeinsam mit Hadnet Tesfai und Tasha Kimberly die Talkshow „Five Souls“. Mit wechselnden Gästen wird dort über Dating, Freund_innenschaft, Familie und Popkultur diskutiert.

Besonders an „Five Souls“ ist nicht etwa, dass alle drei Moderatorinnen Schwarz und alle Gäst_innen of Color sind. Das Besondere ist vielmehr, dass sie eben nicht über traumatische Ras­sis­mus­er­fah­rungen und strukturelle Gewalt sprechen müssen. „Das Konzept ist großartig. Ich wollte schon immer mal eine Show machen, in der ich über Dinge sprechen kann, über die im Fernsehen normalerweise nur weiße Leute sprechen. Dating, Beziehungen, Lifestyle. Einfach lockere Themen, bei denen man auch Spaß haben und lachen kann. Und natürlich ist es toll, auf ein Set zu kommen, und mit einem Team zu arbeiten, das so divers ist, auch hinter der Kamera. Das ist ein ganz anderer Vibe. So ungewohnt, es fühlt sich für mich fast nicht nach Arbeit an.“

Diese Stimmung überträgt sich auch auf die fertige Sendung, von der es jeden Donnerstag eine neue Folge gibt. Die Gespräche sind lebhaft, die Witze on point, die Sprache ist so ehrlich und zeitgemäß, dass man sich kaum vorstellen kann, dass so etwas auf SWR laufen soll. Der Knackpunkt: Das tut es auch nicht. „Five Souls“ wird zwar im Auftrag des SWR produziert, läuft jedoch auf einem eigenen Youtube-Kanal. Da die jüngere Zielgruppe der Sendung sich sowieso eher auf Onlineplattformen herumtreibt, mag das sinnvoll sein.

Dennoch fragt man sich, warum die liebevoll gemachte Show nicht parallel auch im linearen Programm laufen kann. Ist das Prestigeprojekt dann doch zu jung und zu flippig für das traditionelle TV-Publikum, sodass es vor ihm versteckt werden muss? Oder gibt es das, was die Sender sich unter „traditionellem Publikum“ vorstellen, überhaupt nicht mehr?

Abseits von gängigen Mustern erzählt

Jedenfalls wünscht man sich ein bisschen mehr Mut von den Sendern, wenn sie solche Formate schon an Land ziehen können. Erst kürzlich demonstrierte das ZDF mit der Serie „Breaking Even“, dass ein diverser Cast nicht gleich zum Diversity-Zirkus werden muss. Marginalisierte Figuren werden hier abseits von gängigen Mustern erzählt, die Geschichte ist vielschichtig und spannend.

Doch noch bevor irgendwer davon mitbekommen hat, wurde die Serie wieder abgesetzt. Für eine angemessene Werbetrommel für das Projekt oder gar eine zweite Staffel hat der Sender anscheinend nicht genug daran geglaubt. Und so machen Fans nun gut ein halbes Jahr nach dem Start der Serie in den sozialen Netzwerken Druck mit dem Hashtag #Save­Breaking­Even, um eine zweite Staffel einzufordern.

Thelma Buabeng ist jedenfalls überzeugt davon, dass das Problem in den meisten Fällen nicht das Fernsehpublikum sei, sondern der Blick der Pro­gramm­macher_in­nen auf das Publikum. „Ich habe jahrelang zu hören bekommen, dass es das Publikum irritieren würde, wenn ich eine Rolle spiele, bei der mein Schwarzsein nicht thematisiert wird.“ Als sie 2017 in dem ZDF-Film „Am Ruder“ für die Rolle der Staatsanwältin besetzt wurde, habe sich Buabeng plötzlich selbst Sorgen gemacht, wie Presse und Publikum wohl darauf reagieren würden. „Das Ergebnis war: keine Reaktion. Es hat einfach niemanden interessiert. So, wie es sein soll.“

„Wiener Zeitung“: Blimlinger rechnet mit Ende als Tageszeitung

Die staatliche „Wiener Zeitung“ wirbt derzeit mit einem Schwerpunkt „Future Challenge“ – sie selbst steht gerade vor einer existenziellen Herausforderung: Die Mediensprecherin der Grünen, Eva Blimlinger, rechnet nicht mehr mit dem Fortbestand der „Wiener Zeitung“ als Tageszeitung, wenn nun Pflichtinserate wegfallen.

„Es braucht sicher eine Transformation, hin zu einer digitalen Plattform oder einer Wochenzeitung“, sagt Blimlinger nun: „Wir können nicht einfach Geld zuschießen. Die Frage ist, wie wir sie trotzdem retten können. Derzeit loten wir alle Varianten aus und lassen überprüfen, ob sie beihilfenrechtlich möglich sind. Eine schwierige Situation.“

Die schwierige Situation hat das von den Grünen geführte Justizministerium zumindest beschleunigt: Eine EU-Richtlinie über Unternehmensveröffentlichungen, die künftig nur noch eine Stelle möglichst unkompliziert übernehmen soll, spießt sich nach Ansicht der Experten im Ministerium mit der Pflicht zur Veröffentlichung von Jahresabschlüssen großer Aktiengesellschaften im Amtsblatt der „Wiener Zeitung“.

Das Justizministerium ließ eine Frist ungenützt verstreichen, in Brüssel mehr Zeit für die Umsetzung zu beantragen. Nun ist die Richtlinie bis August umzusetzen, wenn Österreich kein Vertragsverletzungsverfahren in Kauf nehmen will.

Ohne diesen Teil der Pflichtveröffentlichungen für Aktiengesellschaften würde mehr als ein Drittel der jährlichen Einnahmen der republikeigenen Tageszeitung von an die 20 Millionen Euro wegfallen. Damit wäre die – ohnehin schon reduzierte – Zeitungsredaktion von rund 55 Vollzeitstellen nicht mehr zu finanzieren.

Die eine zentrale Stelle für Unternehmensinformationen, so eine Hoffnung jedenfalls in der „Wiener Zeitung“, könnte auch die Wiener Zeitung GmbH sein, die schon bisher mit hoheitlichen Aufgaben betraut ist. Dann aber müsste das Justizministerium die Agenden des Firmenbuchs an diese staatliche Firma abgeben.

Die „Future Challenge“, die das Staatsblatt auf seinen Selbstbedienungstaschen bewirbt, befasst sich mit der Zukunft der Ausbildung.

Debatte ums Gendern: Sprachlicher Hindernislauf

Konsequentes Gendern soll die Gleichstellung voranbringen. Ob das gelingt, darf bezweifelt werden. Denn wie könnte ein Sternchen inmitten eines Wortes die Welt konkret verbessern?

Die Sprache prägt die Sicht der Welt. Wodurch tut sie es? In den Diskussionen um das sogenannte „Gendern“ entsteht mitunter der Eindruck, sie tue es vor allem durch Substantive. Bei Personen-, Berufs- und Rollenbezeichnungen (Lehrer, Studenten, Mitarbeiter, Bürger), heißt es, sollte stets ein Hinweis auf die Tatsache angebracht werden, dass auch Frauen und überhaupt alle Geschlechter mitgemeint sind. Entweder in Form grafischer Zusätze, denen im gesprochenen Deutsch dann eine mehr oder weniger lange Pause entspricht. Oder es werden aus Mitarbeitern Mitarbeitende und aus den besten Köchen die besten Kochenden.

Das Argument lautet, andernfalls würden alle außer den Männern sprachlich zum Verschwinden gebracht. Darin wird eine Verfestigung von Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern beargwöhnt, wie sie in unterschiedlichen Einkommen, Karrierechancen, Berufspositionen dokumentiert ist.

Rituelles Mitgemeintsein

In den Wind geschlagen wird dabei die linguistische Unterscheidung zwischen dem grammatischen und dem biologischen Geschlecht oder der sexuellen Orientierung. Angeblich schließen die Leute – genauer: die Probanden in linguistischen Studien – vom einen aufs andere. Dass aber der Ruf nach einem Arzt ernsthaft Ärztinnen ausschlösse, geht an der Wirklichkeit vorbei. Wenn Schüler sich über „die Lehrer“ beschweren, sind ebenfalls beide Geschlechter gemeint. Der Duden ist kürzlich so weit gegangen, Worte wie „Bürger“ oder „Dieb“ nur für die Bezeichnung der männlichen Exemplare in diesen Rollen zu reservieren. So als hätten sich all die Ansprachen an die Bürger bislang nur an Männer gerichtet.

Lassen wir an dieser Stelle die linguistischen Fragen im engeren Sinne beiseite. Fragen wir, ob das Gendern seine Zwecke erreicht. Falls der Zweck Gleichstellung sein sollte, sind Zweifel angebracht. So gibt es eine Reihe von Sprachen, die gar keine grammatischen Geschlechter haben. Ob es in den Ländern, in denen sie verwendet werden, der Türkei etwa, den Frauen besser geht? In Schweden ist die Bezeichnung „Lehrerin“ gegenüber „Lehrer“ rückläufig, ohne dass von begleitenden Schwierigkeiten weiblicher Lehrer zu hören ist.

Der Schriftsteller Eugen Ruge hat die Gegenprobe gemacht und gefragt, ob die Bezeichnung „Führungskraft“ eher die Assoziation mit einem Mann oder mit einer Frau hervorruft. Nun, Führungskraft ist seit jeher grammatisch weiblich, sozial wurden es die Führungskräfte dadurch nicht. Die Sprache prägt die Sicht der Welt, aber die Welt prägt die Sicht der Welt noch viel mehr.

Selbstgerechtigkeit und Selbstüberschätzung

Wie sollte sich denn auch, außer mittels Sprachmagie, durch ein Sternchen inmitten eines Wortes die Situation von Menschen verbessern, die weder männlich noch weiblich sind? Zu befürchten ist ihre Erfahrung, dass das ganze rituelle Mitgemeintsein ihnen nichts hilft. Es dürften weniger einzelne Worte als Sätze sein, die über sie formuliert werden, die Urteile und Beschreibungen also, denen sie begegnen, die ihre Lage bestimmen.

Nun kann eingewendet werden, so ein Sternchen samt kleiner Sprechpause ändere doch nicht viel und allenfalls etwas zum Guten, Inklusiven. Es tue niemandem weh und erfreue einige. In den Ohren vieler klingt es gleichwohl merkwürdig, vor allem wenn gar kein sachlicher Ertrag der Innovation vorgewiesen werden kann. Es hat etwas Selbstgerechtes, und es ist Selbstüberschätzung mit im Spiel, wenn versucht wird, sich durch Sprechpausen und Sternchen in jedem dritten Satz als Weltverbesserer und fortschrittliche Sprecherin auszuweisen, auch wenn das Thema der Kommunikation ein ganz anderes ist.

„Bürgx“, „Bürgens“, „Person, die einem Staat angehört“
Das gilt vor allem für die Sprache der Politik, der Verwaltung und der Medien. Hier werden Sprachfestlegungen dieser Art leicht als Erziehungsversuch seitens einer privilegierten Minderheit verstanden. Die Nachrichtenmoderatorin Petra Gerster hat soeben mitgeteilt, die meisten Reaktionen auf ihr Gendern seien negativ. Womöglich sind sie es auch deshalb, weil sich viele Zuschauer den impliziten Vorwurf, sie selbst sprächen seit Jahrzehnten ungerecht, nicht machen lassen wollen.

Was wäre überhaupt gerecht? Das Bemühen um eine angeblich diskriminierungsfreie Sprache macht bei Sternchen und Pause nicht halt. Denn natürlich trägt auch noch die vermeintlich verbesserte Bezeichnung Spuren der Unterscheidung von männlich und weiblich: „Bürger“ und „innen“. Ersatzweise sind für das vollinklusive Bezeichnen Modelle vorgeschlagen worden, die sich so auswirken würden: „Bürgx“, „Bürgens“ oder „Person, die einem Staat angehört“, also das Verschwinden des Wortes, dessen Reform versucht wurde.

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Das belegt jedoch bestenfalls die Grenzen, die Gerechtigkeitsvorhaben in der Konversation und im Schriftbild gesetzt sind. Mag „die Personen, die Schulklassen unterrichten“ statt „Lehrer“ noch so geschlechtergerecht sein, die Logik, die uns dahin führen würde, machte aus dem Sprechen und Schreiben einen kuriosen Hindernislauf. Jeder soll die private Freiheit haben, sich auf ihn zu begeben. Eine moralische Prämie aber liegt darauf nicht.

Warum die Ippen-Medien so gut bei Google funktionieren

Die vornehmlich regionalen Titel der Ippen-Gruppe bestechen durch gut gemachte Online-Pendants, die mitunter mehr Sichtbarkeit bei Google haben, als die Großredaktionen von „Spiegel“, „Bild“ oder „Süddeutsche Zeitung“. Der Grund dafür heißt: Jan Ippen.

Wenn eine Expertenanfrage zur Bewertung der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens ins Leere läuft, ist das für die Recherche oft ein Ärgernis. Wenn das gleich zwei Mal passiert, könnte ein ganzes Artikelthema kippen. Es sei denn, die Absagen der Experten sind schon selbst die Nachricht. Zwei der bekanntesten deutschen Experten für Suchmaschinenoptimierung verweigerten MEEDIA qualifizierte

Auskunft zur Leistung des „Münchner Merkur“ im Google-Kosmos. Der Grund: Sowohl Jens Fauldrath aus Berlin als auch Marcus Tandler sind mit Jan Ippen befreundet. Beide sind in dieser Angelegenheit befangen und wollen sich deshalb nur ganz allgemein äußern.

Das ist die einfache Zusammenfassung der Analyse. Jan Ippen ist bestens vernetzt in der SEO-Szene. Er interessiert sich für die technischen Zusammenhänge, die dazu führen, dass redaktionelle Texte mit Hilfe von Google mehr Reichweite bekommen. Er veranstaltet gemeinsam mit Marcus Tandler das SEOktoberfest G50 Summit, ein jährliches Treffen der besten Suchmaschinenoptimierer der Welt. Und er lässt sich von den Menschen beraten, die ihre Meriten in E-Commerce und Marketing erworben haben und diese Erkenntnisse auf Medien umsetzen und erweitern. Sie haben keinen Stallgeruch in der Publikationsbranche. Sie hinterfragen bestehende Konzepte konsequent und mitunter radikal, weil sie nur eine Metrik anlegen: Erfolg.

Marcus Tandler, der mit seiner Company Ryte auch andere Verlage betreut, lässt sich immerhin zu einer Aussage hinreißen: „Es gibt da keine Smoking Gun oder gar ein Geheimrezept. Die Antwort ist ganz einfach, dass sie das tun, worüber viele andere nur diskutieren und abwarten.“

Was ist Google für Medienseiten?

Wenn es kein Geheimrezept gibt, so gibt es wohl doch bekannte Rezepte. In der Tat sind die meisten Prinzipien, nach denen die Ippen-Titel optimieren, bekannt. Neu ist unterdessen die Geschwindigkeit und Virtuosität, mit der ein „Münchner Merkur“ oder eine „tz“ agieren, denn die Materie mag in der Einzeldisziplin trivial sein, im Gesamtkonstrukt ist sie komplex und üblicherweise widerspricht das dem Wunsch nach Experimentierfähigkeit und Geschwindigkeit.

Der Traffic-Gewinn bei Google hat drei Facetten: die Suche, News und Discover. Alle drei sind unterschiedlich, sowohl in ihrer Wirkung als auch in der Optimierung dafür. Und mitunter stehen sie sogar miteinander in Konflikt. Eine Optimierung für Google News kann vorsehen, dass Nachrichten wiederholt ausgespielt werden, zum Beispiel indem sie mit einem Update versehen werden. Das mag der Algorithmus der Suche gar nicht gerne, weil sich große Teile des Inhalts wiederholen.

Andre Alpar gehört ebenfalls zur Top-Riege der deutschen Google-Experten. Sein Fokus liegt stärker auf E-Commerce, für ihn sind also die Themen News und Discover selten Teil der täglichen Arbeit. Er stellt fest, dass im Gegensatz zum „Focus“ beispielsweise der „Münchner Merkur“ eher weniger Sichtbarkeit in der Google-Suche hat, was nachrichtliche, tagesaktuelle Meldungen angeht.

„Das Gegenteil davon würde man als ‚Evergreen Content‘ bezeichnen und davon gibt es beim ‚Merkur‘ reichlich. Da gibt es viele Themen, die über die Zeit die Relevanz deutlich besser behalten als nur klassische Nachrichten“, sagt Alpar, „meiner Meinung nach ein sehr klug gewählter Schachzug im Bereich des strategischen SEOs“.

Sein früherer Mitarbeiter Matthäus Michalik, der seit einigen Jahren eine eigene Agentur führt, ist der gleichen Meinung: „Evergreen-Content, der bei Google rankt, stellt ein Grundrauschen dar und untermauert die Autorität des Publishers.“

Michalik stellt in einer ausführlichen Analyse fest, dass der „Merkur“ im Vergleich zum Wettbewerb sogar eher unterdurchschnittlich in der Google-Suche sichtbar ist. In den letzten Monaten ging es mit dem organischen Traffic sukzessive bergab. Eine Beobachtung, die Michalik für die meisten deutschen Verlage macht.

Discover und News

„Das Ranking in den News basiert aber auf eigenen Faktoren“, grenzt Matthäus Michalik ab. Und hier trennen sich publizistische Spreu und redaktioneller Weizen. Denn bei Google News ist der „Münchner Merkur“ stärker als die ganz Großen, als „Spiegel“, „Focus“ oder „Bild“. Und das gilt vor allem für mobil-optimierte Seiten, die Accelerated Mobile Pages (AMP). Michalik stellt fest, dass der „Merkur“ bei einem Viertel aller News-Themen in die Nachrichtenbox (Onebox) kommt. „Auch der ‚Spiegel‘ ist bei AMP und News stark, aber nicht so stark wie ‚merkur.de‘, bezogen auf den Marktanteil bei möglichen Einblendungen. Selbst die ‚Bild‘-Zeitung kann keine Werte wie ‚merkur.de‘ vorweisen“.

Die OneBox ist nur ein Teil der Google-News-Ausspielung. Sie erscheint im Kopf von Suchergebnisseiten bei etwa 13 Prozent aller Suchen. Der zweite Baustein ist der Reiter „News“, also die vertikale Suche nach Nachrichten. Auch hier kann der „Merkur“ punkten. 42 Prozent aller „Merkur“-Seiten haben die Chance, hier aufzutauchen, weil sie entsprechend gebaut sind. Branchenprimus.

Jens Fauldrath analysiert allgemein: „Die OneBox und News kann man in der Analyse nicht sauber trennen. Aber klar ist, dass die Onebox das Fünf- bis Zehnfache an Traffic bringen kann im Vergleich zu news.google.de“.

Bei Google News sind die Zusammenhänge einigermaßen klar. Hier geht es um ein extrem agiles Setup, dass sehr schnell auf Veränderungen der Nachrichtenlage und natürlich das Verhalten des Wettbewerbs reagieren kann.

Bei Discover, der Ausspielung von Nachrichten im linken Bildschirm von Android, ist die Sache wesentlich diffuser. „Discover-Stories sind zwischen ein und sechs Tage alt und bleiben 24 Stunden drin. Discover hat nicht nur News sondern auch Evergreens“, merkt Fauldrath an. Es gebe wenig Synergien in Sachen Autorität zwischen News und Discover, sagt er weiter. Es fällt den Optimierern schwer, hier eindeutige Grundprinzipien zu erkennen. „Für die Optimierung bei Discover schaut man einfach, was gestern funktioniert hat“, ergänzt der Berliner, dem von seinem Münchner Kollegen und Freund Marcus Tandler zu Gute gehalten wird: „In Sachen Discover gibt es in Deutschland keinen besseren“.

Technische Infrastruktur und agiles Team

Und damit steht das vermeintliche Geheimrezept der Öffentlichkeit zur Verfügung. Ippen Digital hat eine Strategie, die Google eine sehr hohe Bedeutung zumisst. Das bildet sich darin ab, dass man viel Geld für Technik in die Hand genommen hat, um vor allem möglichst schnell agieren und reagieren zu können, wenn sich etwas ändert. Andre Alpar schwärmt: „Die Plattform ist extrem sauber aufgesetzt was technisches SEO angeht.“

„Das Tech-Framework ist absolut State-of-the-Art. Daher müssen sie auch keine Angst vor Algorithmus-Updates oder dergleichen haben“, sagt Marcus Tandler, dessen Firma mutmaßlich die Technik mitentwickelt hat.

Und man weiß bei Ippen Digital auch, wo die eigenen Ressourcen nicht reichen und man sich zum Beispiel mit Zusatztools ausstatten muss. „Ein solches Monitoring funktioniert nur über eine spezielle Newsroom-Software wie beispielsweise Trisolute. Gängige SEO-Tools sind dafür nicht geeignet, da sie kein Live-Monitoring von News beherrschen“, meint Michalik.

Last not least: Eine solch schlagkräftige Truppe bekommt wohl nur zusammen, wer das Thema SEO topdown lebt. „Der Jan Ippen umgibt sich privat und beruflich seit langem mit Leuten aus dem Bereich SEO und Onlinemarketing und hat selbst extrem tiefe technische Kenntnis“. SEO-Guru Andre Alpar zieht respektvoll den Hut.

Folter, erzwungene Geständnisse und Lagerhaft – wie ein Blogger die weissrussische Diktatur demaskiert

Der weissrussische Journalist Mikola Dziadok hat mit einem Erfahrungsbericht das Strafsystem der Lukaschenko-Diktatur einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Jetzt sitzt er erneut im Gefängnis.

Offiziell sitzen in Weissrussland 227 politische Gegner von Staatspräsident Alexander Lukaschenko im Gefängnis. Einer von ihnen ist der Blogger und Journalist Mikola Dziadok. Wer verstehen will, wie der hagere junge Mann mit kurzen Haaren und Brille zum Staatsfeind werden konnte, wird im Internet schnell fündig. Unter dem Titel «Die Farben einer parallelen Welt» hat Dziadok dort 2017 seine Gefängniserinnerungen veröffentlicht, auf Weissrussisch, Russisch und Englisch.

In seinem Bericht über eine fünfjährige Haftstrafe gibt der junge Journalist einen seltenen Einblick in die Funktionsweise des Strafvollzugs in Weissrussland. Seit dem 11. November 2020 ist Dziadok erneut als politisch Verfolgter in Haft: ohne offizielle Anklage, ohne regelmässigen Kontakt zur Aussenwelt und mit deutlichen Anzeichen dafür, dass er gefoltert wird.

Mit Drohungen und Folter zu «Geständnis» gezwungen

Das weissrussische Staatsfernsehen hat Dziadok extra in den Abendnachrichten vorgeführt – als Schuldigen, der terroristische Angriffe vorbereitet haben soll. Die Bilder waren für die Zuschauer nach den anhaltenden Berichten über Folter klar zu lesen: Dziadok war mit Schlägen und Pfefferspray misshandelt und mit Todesdrohungen zur öffentlichen Aussage gezwungen worden.

Sein Vater Alexander wähnte ihn in Lebensgefahr, nachdem ein Mitgefangener von Todesdrohungen gegen ihn im Gefängnis berichtet hatte. Bereits drei Jahre vor den Massenprotesten, die im August 2020 die Republik Weissrussland erschüttert haben, schilderte Dziadok den Strafvollzug als weitgehend rechtsfreien Raum. Er zeigt einerseits, wie die Gefangenen selbst die soziale Wirklichkeit in den Kolonien konstruieren, indem sie ihre eigene Regeln und Hierarchien durchsetzen.

Andererseits zeichnet er ein Bild der Gefängnisverwaltung, der jede Beschwerde als Grund für wochenlange Einzelhaft gilt. Mikola Dziadok produzierte besonders viel Arbeit. Dies, weil er als politischer Häftling galt und stets sein gesetzlich verbrieftes Recht einforderte.

Im März 2015 wandte sich der damals 27-Jährige aus dem Gefängnis an die Öffentlichkeit, um auf seine Haftbedingungen in der Strafkolonie hinzuweisen. «Guten Tag!», so lautete seine Botschaft, «mein Name ist Mikola Dziadok. Ich wende mich an alle Menschen, für die die Worte Gerechtigkeit, Humanismus und menschliche Würde keine leeren Worte sind.»

Selbst Hilfspakete werden den Häftlingen verweigert

Dziadok war 2010 im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen verhaftet worden. Man beschuldigte ihn, an einem Brandanschlag auf die Botschaft der Russischen Föderation beteiligt gewesen zu sein. Die Schuld wurde ihm nie nachgewiesen. Dennoch wurde der damalige Student der Europäischen Humanistischen Universität 2011 verurteilt und von da an über vier Jahre lang von Strafkolonie zu Strafkolonie versetzt.

All diese Orte hat Mikola Dziadok mitsamt ihrem Geruch, ihrer Geschichte und ihrer Funktionsweise beschrieben: das Gefängnis in Schodina, in das auch die Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa übergeführt wurde; das KGB-Gefängnis im Zentrum von Minsk, wo seit über acht Monaten die zwei verhinderten Präsidentschaftskandidaten Sergei Tichanowski und Viktor Babariko einsitzen, und die Strafkolonie im Osten des Landes, die zu einem Konzentrationslager umgebaut werden soll.

In seinem Buch, das derzeit beim Online-Projekt «Stimmen aus Belarus» übersetzt wird, analysiert der Journalist in nüchterner Sprache das Innenleben der Gefängnisse und von zwei Institutionen, die die Macht von Alexander Lukaschenko sichern: dem KGB und dem Innenministerium. So war der Strafvollzug schon vor den jetzigen Repressionen ein Mikrokosmos des Regimes, dessen Akteure sich zwar auf das Recht berufen, aber seine Abschaffung zu einem zentralen Herrschaftsprinzip gemacht haben.

Der daraus folgenden staatlichen Willkür sind im Gefängnis keine Grenzen gesetzt. Der politische Aktivist Dziadok erfährt das durch den Entzug von Schlaf, Wärme, Essen und die systematische Verhinderung von Kontakten zur Aussenwelt. Derzeit werden an ihn und andere politische Gefangene mit dem Verweis auf die Covid-19-Pandemie selbst Pakete mit Lebensmitteln nicht weitergegeben. Auch Briefe stellt man ihm derzeit nur in Ausnahmefällen zu.

«Gesetzlose Bullen»

In Schodina, wo auch jetzt Dutzende Teilnehmer der Proteste festgehalten werden, wurde Dziadok geschlagen, weil er politischer Gefangener ist. Dabei zeichnete der Autor bereits 2017 minuziös die Bilder, die im August 2020 Hunderttausende auf die Strasse gebracht haben. Er wurde in Schodina gezwungen, mit den Armen an der Wand zu stehen. Die Beamten schlugen ihn gezielt auf die Beine.

Dziadok schreibt von «gesetzlosen Bullen mit sadistischen Neigungen, die in dir keinen Menschen sehen» und benennt damit den Grund, warum nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen vom letzten Jahr alles anders ist. Denn die Zeiten, in denen der Strafvollzug in Schodina «nur» einzelne politische Häftlinge tangierte, sind vorbei. Jetzt geht es um eine nationale Auseinandersetzung um Rechtsstaatlichkeit und Würde.

Die Beobachtung gilt auch über die Grenzen von Weissrussland hinaus: Die Qualität staatlicher Herrschaft ist im Gefängnis wie unter dem Brennglas zu erkennen – im Verhältnis zu jedem einzelnen Inhaftierten.

Der Blick des jungen Mannes ist dabei nicht auf sein eigenes Schicksal gerichtet, sondern auf den Alltag seiner Mitgefangenen; zumeist sind es Verlierer, die wegen Diebstahls, Raubs oder Drogenhandels inhaftiert sind.

Dziadok denkt über diejenigen nach, deren erwachsenes Leben im Gefängnis beginnt und dort auch endet. Er zeichnet nach, wie Menschen im Angesicht des brachialen Staats psychisch erkranken und fortan als «Verflogene» aus der Isolationshaft in geschlossene Strafabteilungen verschafft werden.

Sein Buch erwähnt eine Mitgefangene namens Ira, die fünf, sechs Stunden am Tag wahnhaft Geschichten erzählte, die über den Flur für alle zu hören waren. Dziadok erinnert sich an einen selbsternannten Wahrsager, der ihm anbot, nach der Freilassung in Russland mit der kommerziellen Sünden-Reinwaschung reich zu werden.

Nachdem er bereits eine Strafe von vier Jahren abgesessen hatte, wurde der Blogger trotz seinem Protest zu einem weiteren Jahr unter besonders schweren Bedingungen verurteilt. Dass er sein Recht einforderte, war Grund genug, Dziadok noch länger festzuhalten. Er sieht es selbst mit Ironie, dass er als einziger Anarchist weltweit auf Druck der USA aus der Haft entlassen wurde.

Wissen, wofür man leidet

Denn 2015 hatte Lukaschenko versucht, auf den Westen zuzugehen, um Druck auf Russland auszuüben. Vorbedingung war damals die Freilassung aller verbliebenen politischen Gefangenen. Dziadok beendete danach an der weissrussischen Exiluniversität in Wilna das Studium der globalen Politik, arbeitete als Journalist und schrieb seine Erinnerungen an das Gefängnis auf.

Er hat damit das Buch der Stunde geschrieben. Denn er zeigt, warum ein Regime, das seine Gegner einsperrt, nicht gewinnen kann. Er selber zeigt auf, wie es ihm gelang, sich im Gefängnis nicht brechen zu lassen. Stattdessen begann er, die Zelle als Bühne für seinen künftigen Kampf zu nutzen.

Inzwischen hat sein Gegner Lukaschenko den Preis für freie Meinungsbekundungen jeglicher Art erhöht, indem er systematisch lange Haftstrafen verhängen lässt. Mikola Dziadok hält dem eine nüchterne Erkenntnis entgegen: «Um ehrlich zu sein, ist es nicht schwer, einzusitzen und zu leiden, wenn man weiss, wofür.»

Getreu seiner Gesinnung ist das eine Gesellschaft, in der eine menschliche Persönlichkeit niemals in der Lage sein wird, eine andere der Freiheit, ihrer Rechte und ihrer menschlichen Würde zu berauben.

Magazin „Qamar“ will für mediale Vielfalt sorgen

Mit „wenig Kapital und viel Hoffnung“ hat Muhamed Beganovic im Dezember 2020 das muslimische Magazin „Qamar“ ins Leben gerufen. Viermal im Jahr soll das Medium fortan die „tatsächliche Lebensrealität“ von Muslimen abbilden und damit zu einem besseren Zusammenleben beitragen. Mit der heimischen Medienberichterstattung ist der Chefredakteur nicht zufrieden. Er ortet zu wenig Vielfalt und zu viel problem- anstatt lösungsorientierten Journalismus.

Ein negatives Ereignis gab den Ausschlag für die Gründung von „Qamar“. Beganovic bewarb sich vor sechs Jahren für eine journalistische Position. Der Chefredakteur des Mediums ließ ihn jedoch wissen, dass er bei Muslimen zu wenig Bildungs- und Integrationspotenzial sehe, sie würden zu wenig lesen. „Ich habe mir gedacht, er ist nicht der einzige, der so denkt. Es wäre doch toll, wenn es eine Zeitschrift gäbe, die zeigt, dass es sehr kluge und gebildete Musliminnen und Muslime gibt“, erinnert sich der 32-Jährige. Denn: „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schlimm es ist, wenn man nicht wahrgenommen wird.“ Aus dieser Verzweiflung heraus würden manche Migranten eben „Fernsehen aus Bosnien, der Türkei oder Japan schauen, um sich menschlich zu fühlen“, meint Beganovic.

Der Magazingründer stößt sich daran, dass kaum Texte von muslimischen Autoren in reichweitenstarken Medien zu lesen sind. Gefragt seien sie nur dann, wenn es darum gehe, sich von Terror zu distanzieren. „Die tatsächliche Lebensrealität blenden die meisten Medien so gut wie komplett aus“, bemängelt Beganovic. Dabei hätten sie die Macht, den ersten Schritt für mehr Repräsentanz zu setzen, indem sie in ihre Berichterstattung zusätzliche Stimmen einbrächten. „Medien müssen für Vielfalt sorgen, sie wollen es nur nicht“, glaubt der in Skopje geborene Herausgeber. Er betont jedoch, dass so manche positive Ausnahmen existieren und in den letzten Jahren zunehmend Impulse in eine gute Richtung wahrnehmbar seien.

„Vor wenigen Jahren herrschte großer Bedarf an Leuten, die arabisch oder andere Sprachen von Geflüchteten sprechen und zugleich berichten konnten“, erinnert sich Beganovic. Mit dem Abflauen der Flüchtlingsbewegungen nach Österreich ließ man viele dieser vormals so dringend gesuchten Journalisten und Journalistinnen jedoch wieder fallen. „Qamar“ will manche von ihnen auffangen und eine Plattform zum Schreiben bieten. „Wir achten darauf, dass wir junge Muslime motivieren, die unter Umständen auch noch nie etwas veröffentlicht haben, für uns zu schreiben“, erklärt Beganovic, der im Jahr 2004 nach Österreich kam und seit 2011 journalistisch tätig ist. Das Magazin arbeitet aber auch mit erprobten freien Journalisten zusammen, um schlussendlich neun bis zehn Texte pro Ausgabe zu generieren.

„Qamar“ positioniert sich nicht religiös, sondern widmet sich kulturellen und gesellschaftlichen Angelegenheiten. Mit diesem Themenmix sei das Magazin laut dem Gründer das einzige Medium, das sich im deutschsprachigen Raum an Muslime richtet. Im Mittelpunkt der nächsten Ausgabe stehen Hände, da diese oft problematisiert werden: Muslime verweigern den Handschlag oder nutzen sie für Gewalt bis hin zu Mord, nennt Beganovic so manche problematische Vorstellung. „Das Thema rund um den Handschlag wird todernst diskutiert. Das müsste aber nicht so sein“, meint er. Man wolle deshalb einen anderen Zugang suchen und etwa eine blinde Muslima porträtieren, die mit ihren Händen Brustkrebs sehr früh erkennen kann.

Die Texte erscheinen ausschließlich auf Deutsch. Dass man dadurch einen Teil der Zielgruppe nicht erreicht, glaubt der „Qamar“-Gründer nicht: „Jeder, der im Magazin vorkommt, ist Teil der Gesellschaft und spricht deutsch. Natürlich existieren Menschen, die Probleme mit der Sprache haben. Meiner Erfahrung nach können jedoch die allermeisten eine Zeitschrift wie „Qamar“ lesen.“

MDR-Chefin Wille will ins Netz : Netz für Gemeinwohl

Weil es im Internet zu viel Desinformation gebe, fordert die MDR-Intendantin Karola Wille eine öffentlich-rechtliche Kommunikationsplattform: Dafür müssten die Bundesländer ARD, ZDF und Deutschlandradio den Auftrag erteilen.

Ein zeitgemäßer Auftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wäre die „energische“ Weiterentwicklung der Rundfunkanstalten zu einem gemeinwohlorientierten Kommunikationsnetzwerk, das aus Audio-, Video- und Telemedienangeboten besteht und einen freien, individuellen und öffentlichen Meinungsbildungsprozess für alle ermögliche, sagt Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), und fordert dies von den Bundesländern: Der Auftrag müsse auch in Zukunft Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung beinhalten. Entscheidend sei allerdings die Unverwechselbarkeit mit privaten Angeboten sowie der gesellschaftliche und individuelle Nutzen.

Die Regierungschefs der Länder hatten nach dem Scheitern der Beitragserhöhung eine schnelle Reform des Auftrags angekündigt und ARD, ZDF und Deutschlandradio aufgerufen, sich mit eigenen Vorschlägen zu beteiligen. Wichtige Mittel im Netz, sagt Karola Wille, seien das Teilen von Inhalten und personalisierte Empfehlungssysteme. Personalisierung dürfe jedoch nicht zu einer Verengung des Rezeptionsverhaltens führen, sondern sollte auf vielfältige Inhalte abzielen.

Die ehemalige ARD-Vorsitzende sieht in einem solchen Kommunikationsnetzwerk auch die Basis für ein kostengünstigeres Agieren der öffentlich-rechtlichen Sender. Zurzeit schreibe der Medienstaatsvertrag im Einzelnen vor, welche linearen Programme im Fernsehen und im Radio zu veranstalten seien. Lineare Programme sollten durch Online-Angebote ersetzt werden können. „funk“, das öffentlich-rechtliche Netzwerk für Jüngere, sei ein gutes Beispiel: Es informiere, orientiere und unterhalte. „funk“-Videos kämen in den Mediatheken von ARD und ZDF und auf Plattformen wie Youtube auf mehrere Millionen Abrufe.

Die Debatte über die „zeitgemäße“ Formulierung des Auftrags werde durch das Mediennutzungsverhalten getrieben, sagt Karola Wille. Im Internet träfen Menschen bei der Informationssuche auch auf Wissenschaftsverweigerer und Verschwörungspropheten. Die Folge sei eine kommunikative Spaltung in gesellschaftliche Gruppen, die sich nicht mehr zuhören wollen, einander nicht mehr vertrauen und in verschiedenen Wirklichkeiten leben. All dies sei für die Demokratie von größter Bedeutung. Ein öffentlich-rechtliches Kommunikationsnetzwerk müsse ein Gegengewicht zu Desinformation darstellen.

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Die MDR-Intendantin beruft sich bei ihren Überlegungen auf das Bundesverfassungsgericht. In seinem Urteil zum Rundfunkbeitrag 2018 hielt das Gericht nicht nur am Konzept der dienenden Rundfunkfreiheit fest, sondern ging davon aus, dass dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine wachsende Bedeutung bei der Sicherung der Meinungsvielfalt zukomme. Vor dem Hintergrund der Risiken, die von der Netz- und Plattformökonomie für das Diskursmodell des Grundgesetzes ausgingen, gehe es darum, „ein vielfaltssicherndes und Orientierungshilfe bietendes Gegengewicht“ zu bilden, so die Richter.

Müssen Medien die Gesellschaft besser spiegeln?

Diversität, also gesellschaftliche Vielfalt, ist auch für Medienunternehmen ein Thema. Von mehr Diversität erhoffen sich manche, neue Zielgruppen zu erreichen. Doch was, wenn Medien nicht nur Mitarbeiter, sondern auch ihre Berichterstattung quotieren?

Die „New York Times“ hat gerade einen Report veröffentlicht, der sich eingehend mit der Frage der Identität ihrer Mitarbeiter und des Unternehmens insgesamt befasst. Während der Anteil von Mitarbeiterinnen auch in Führungspositionen bereits hoch ist und mit jeweils 52 Prozent etwa der Verteilung in der Bevölkerung entspricht, stellt der Report noch Defizite bei Mitarbeitern fest, die sich zu den People of Color zählen. Hier müsse sich die „New York Times“ dringend ändern, um die Gesellschaft besser zu spiegeln, stellen die Autoren des Reports fest.

Die Zeitung will in der Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter nicht nur ein Abbild der Gesellschaft sein, sie will auch, dass über die personellen Veränderungen die Berichterstattung diverser wird und darüber neue Abonnenten gewonnen werden können. In dieser Ausgabe der „Medien-Woche“ sprechen wir über den Plan der „New York Times“ – und ob dieser Ansatz auch ein Vorbild für deutsche Medienunternehmen sein kann. Ein deutscher Radiosender hat derweil eine Genderquote beschlossen.

Handelsblatt – „Print wird es noch lange geben“

Es ist ein ungleiches Duo, auch wenn beide gebürtig aus Hamburg kommen: Andrea Wasmuth, 49, ist seit Jahresanfang alleinige Geschäftsführerin der Handelsblatt Media Group, boxt gerne und ist großer Fan des FC St. Pauli. Sebastian Matthes, 44, neuer Chefredakteur des Handelsblatts, spielt lieber Geige und interessiert sich kaum für Fußball. Gemeinsam müssen sie den Düsseldorfer Verlag mit knapp 900 Mitarbeitern, zu dem auch die Wirtschaftswoche und ein Veranstaltungsforum gehören, im Auftrag von Verleger Dieter von Holtzbrinck, 79, neu ausrichten.

SZ: Frau Wasmuth, im vergangenen November wurde der Chefredakteur des „Handelsblatts“ ausgewechselt, wegen unterschiedlicher Auffassungen zur strategischen Entwicklung, wie es hieß. Wie lautet jetzt Ihre Strategie?

Andrea Wasmuth: Unsere Strategie lautet ganz klar „Subscriber first“ – wir setzen also auf zahlende Abonnenten und Kunden und wollen uns damit unabhängig machen von den volatilen Märkten. Deshalb wollen wir noch mehr Menschen von unseren journalistischen Angeboten überzeugen, und diejenigen, die unsere Produkte bereits abonniert haben, enger an uns binden, verzahnen und mit ihnen interagieren. Da spielt uns die Unsicherheit in der Corona-Pandemie eher in die Hände. Der Bedarf an unabhängigem, tief recherchiertem Journalismus ist seitdem größer denn je. Doch gleichzeitig verändert sich das Nutzerverhalten. Unser Wachstum findet vor allem digital statt. Darauf müssen wir reagieren. Wir müssen die Strukturen in unserem Haus verändern, eine neue, offene und transparente Kultur schaffen und technologisch gerüstet sein.

Was heißt das für den Journalismus?

Sebastian Matthes: Der Journalismus wird auch in Zukunft im Zentrum stehen. Aber wir müssen uns auch inhaltlich weiterentwickeln. Wir werden uns noch stärker auf die Themen konzentrieren, die für unsere Leserinnen und Leser wirklich relevant sind, dazu gehört auch, dass wir uns aus einigen Feldern zurückziehen.

Was werden Sie nicht mehr machen?

Matthes: Das Klein-Klein des politischen Tagesgeschäfts und die allgemeine Nachrichtenlage zu beschreiben, ist nicht unser Fokus. Auch die Lifestyle-Experimente aus den vergangenen Jahren haben wir beendet. Wir stellen stattdessen aufwendige Recherchen und Analysen aus unseren Kernbranchen, der Wirtschafts- und Finanzpolitik und der Finanzindustrie in den Mittelpunkt. Was die Wirtschaft bewegt, muss zuerst im Handelsblatt stehen. Auch Brüssel und die internationale Perspektive spielen eine große Rolle in dieser Strategie. Dafür werden wir unser Korrespondentennetz noch intensiver einsetzen und mittelfristig auch an einigen Standorten ausbauen.

Vorbei also die Zeiten, als das „Handelsblatt“ sich auf breitere Leserschichten konzentrieren und den Tageszeitungen Konkurrenz machen wollte?

Matthes: Im Kern sind wir ja immer eine Wirtschaftszeitung geblieben. Uns lesen vor allem Menschen, die in irgendeiner Form professionell mit Wirtschaft zu tun haben. Diese Gruppe ist sehr groß. Und diese Menschen interessieren sich überdurchschnittlich stark für internationale ökonomische Trends, neue Technologien und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das Handelsblatt soll ein Medium für die Wirtschaft der Zukunft werden, keine Fachzeitschrift.

Frau Wasmuth, ist in Deutschland überhaupt Platz für eine reine Wirtschaftszeitung?

Wasmuth: Der Bedarf für guten Wirtschaftsjournalismus ist größer denn je, die gesamte Wirtschaft befindet sich in einer Transformation, wir wollen da ein Begleiter sein, Halt und Orientierung geben.

Zum 75. Geburtstag lautet die Devise für das „Handelsblatt“ also: back to the roots, zurück zu den Wurzeln?

Matthes: Wir wollen nicht zurück, sondern wir wollen nach vorne. Wir berichten jetzt schon mehr über Technologien und die Transformation von Unternehmen als andere, das werden wir noch ausbauen.

Wasmuth: Wir planen im Mai zu unserem 75-jährigen Jubiläum eine Woche der Innovationen mit vielen kleineren Veranstaltungen und einem großen Summit, dort werden die Themen der Zukunft diskutiert.

Die Unruhe in Ihrem Haus ist aber groß, Jobs wurden gestrichen, das Geschäft geht zurück, vor allem im Veranstaltungsbereich. Wie passt das zum geplanten Aufbruch?

Wasmuth: Ich glaube, die große Verunsicherung im Haus ist in dieser Form nicht mehr vorhanden. Ja, Corona hat uns hart getroffen, und niemand trennt sich gerne von Mitarbeitern. Unser Veranstaltungsbereich hat sich aber in der Krise schnell verändert und das Geschäft quasi neu erfunden, wir bieten viele neue rein virtuelle und hybride Eventformen. Es gelingt uns auch, dass Teilnehmer für virtuelle Formate zahlen, trotz vieler kostenfreier Angebote am Markt. Wirklich gute Inhalte sind etwas wert.

Sie haben aber 80 Stellen abgebaut. Gibt es weitere Sparpläne?

Wasmuth: Nein, es gibt keine weiteren Pläne, wir achten natürlich auf die Kosten. Die Gruppe hat jetzt noch knapp 900 Mitarbeiter.

Matthes: Wir sind gerade dabei, freiwerdende Stellen in der Redaktion nachzubesetzen. In einem nächsten Schritt wollen wir auch wieder wachsen. Unser Ziel ist nicht, jedes Jahr zehn Prozent Kosten zu reduzieren. Wir wollen neue Produkte entwickeln und neue Köpfe an Bord holen. Alle internationalen Medien, die digital erfolgreich sind, haben massiv in Journalismus investiert. Denn nur mit gutem Journalismus können wir letztlich Geld verdienen. Am Ende entscheidet nur die gute Geschichte, die gute Recherche.

Sie haben derzeit rund 87 000 Abonnenten, davon erhalten nur noch etwas mehr als 25 000 eine gedruckte Ausgabe. Lohnt sich das überhaupt noch? Oder gehen Sie auf ein Digital-Modell mit einer gedruckten Wochenendausgabe am Freitag?

Wasmuth: Wir setzen auf Print, andere Pläne gibt es in keiner Weise. Print ist sehr profitabel und leistet nach wie vor einen hohen Ergebnisbeitrag. Unsere Leser wollen auch eine gedruckte Zeitung, diese wird weiter stark nachgefragt.

In der Corona-Krise waren und sind Büros und Hotels dicht, es gibt kaum noch Geschäfts- und Flugreisen – überall dort wurde aber das gedruckte „Handelsblatt“ gelesen.

Matthes: Das stimmt alles, aber der Rückgang unserer Druckauflage hat sich gegen den Markttrend zuletzt sogar verlangsamt. Print wird es noch lange geben.

Halten Sie auch an der gedruckten Ausgabe fest, weil Ihr Verleger Dieter von Holtzbrinck als großer Freund der Zeitung gilt?

Wasmuth: Wir halten an Print fest, weil wir von der Wirkung von Print überzeugt sind. Wir haben ein sehr gutes und vertrauensvolles Verhältnis zu unserem Gesellschafter, er lässt uns freie Hand. Wenn wir anderer Meinung wären, würden wir dies mit dem Gesellschafter diskutieren. Der Verleger unterstützt auch sehr unseren neuen Kurs.

Wie sind die Pläne für die „Wirtschaftswoche“, ist eine engere Zusammenarbeit mit dem „Handelsblatt“ geplant?

Matthes: Wir sind zwei Medien, die im Wettbewerb miteinander stehen, auch wenn wir mitunter ähnliche Themen bearbeiten, haben wir unterschiedliche Zielgruppen.

Wasmuth: Und zwei Medien ermöglichen hohe Synergien auf der technologischen Seite und in den Verlagsbereichen.

Ist es aus Verlagssicht gut, wenn sich zwei Wirtschaftstitel aus einem Haus Konkurrenz machen und die gleichen Themen bearbeiten?

Wasmuth: Die Ausrichtung, die Aufmachung und die Herangehensweise an Themen sind doch unterschiedlich, das Handelsblatt zielt stärker auf den Wirtschaftsentscheider, die Wiwo wiederum hat wirtschaftlich interessierte Privatnutzer im Fokus, Themen also, die Menschen auch abseits des beruflichen Lebens interessieren. Die beiden Blätter nehmen sich gegenseitig nichts weg. Wir treiben aber sowohl beim Handelsblatt als auch bei der Wirtschaftswoche sowie im ganzen Haus den Kulturwandel voran, also eine hierarchiefreie Zusammenarbeit und eine offene Feedback- und Fehler-Kultur.

Sie wollen eine neue Kultur. Heißt das, bisher ging es sehr hierarchisch zu?

Wasmuth: Man kann schon sagen, dass die Kultur hier hierarchisch war, und es gab auch ein gewisses Silo-Denken, viele dachten eher an ihren eigenen Erfolg. Wir wollen als Team agieren. Sebastian und ich hier im Interview, das ist auch ein Zeichen dafür, wie gut wir zusammenarbeiten.

Da stellt sich aber die Frage: Wie strikt sind geschäftliche Interessen und redaktionelle Unabhängigkeit getrennt?

Matthes: Wir als Redaktion arbeiten tatsächlich viel enger mit dem Verlag zusammen als früher, und das halte ich für wichtig. Mit Podcasts, Newslettern und auch mit unserer Bezahlstrategie können wir als Redaktion allein gar nicht erfolgreich sein. Dafür brauchen wir den Austausch und die Zusammenarbeit. Aber wir ziehen auch sehr deutliche Grenzen. Wir dürfen auf keinen Fall Kompromisse bei der journalistischen Unabhängigkeit machen. Letztes Jahr hat zum Beispiel ein großer internationaler Technologiekonzern ein großes Werbepaket storniert, weil ihm die Berichterstattung nicht passte. Das hat der Verlag aber nicht einmal thematisiert. Die Redaktion hat davon erst Monate später erfahren.

Wasmuth: Bei dem Thema redaktionelle Unabhängigkeit kann es gar keine zwei Meinungen geben. Unsere Basis ist unabhängiger Qualitätsjournalismus. Das ist übrigens auch für unsere Kunden klar, alles andere würde unser Angebot doch wertlos machen.

Zuletzt gab es immer mehrere Geschäftsführer für die Handelsblatt Media Group. Frau Wasmuth, bleiben Sie künftig alleine an der Spitze?

Wasmuth: Es gibt derzeit keine Pläne, die Geschäftsführung wieder zu erweitern. Aber ich führe die Gruppe ja auch nicht alleine, sondern im Team mit der Geschäftsleitung, und wir arbeiten sehr gut und vertrauensvoll zusammen.

Verlage und Facebook/Google: Lieber „lousy Pennies“ als gar kein Geld?

Im Mai will Facebook seinen News-Dienst auch in Deutschland starten. Dabei zahlt das Netzwerk Geld an Medienunternehmen für Inhalte. Diese Inhalte werden bei Facebook dann in einer speziellen News-Sektion dargeboten. Allerdings nicht die kompletten Inhalte, wie bei Instant Articles, sondern Links und Vorschauen. Zum Deutschlandstart sind laut Facebook rund 100 Medien dabei, u.a. „Zeit“, „FAZ“ oder Heise. Nicht dabei sind u.a. RTL, „Süddeutsche“, Burda und Axel Springer. Springer lehnt die Kooperation mit Facebook grundsätzlich ab, man setzt stattdessen auf die Durchsetzung des EU-Urheberrechts und will Lizenzzahlungen für alle Medien statt Einzel-Deals. Bei den anderen Medienhäusern ist die Stimmung, wie man hört, eher gemischt. So soll es insbesondere auch bei Burda strittig sein, ob man nun die Facebook-Kohle nehmen soll oder nicht. Mit Google hat Burda bereits einen Deal gemacht. Der „Focus“- und „Bunte“-Verlag bekommt künftig Geld dafür, dass Verlags-Inhalte bei dem Google-Dienst News Showcase angezeigt werden. Bei Facebook zögert man noch. Dabei gab es mal eine Zeit, da hat Verleger Hubert Burda ordentlich gegen Google, Facebook und Co. gewettert. Burda prägte den Begriff der „lousy Pennies“, die für die Verlage im Internet blieben und er sprach noch 2009 von einer „schleichenden Enteignung“ der Verlage durch die Plattformen. Heute sind dem einen oder anderen ein paar „Pennies“ vielleicht lieber als gar kein Geld. Der Blick nach Australien, wo Facebook die Medien auf der eigenen Plattform mal eben kurz abgeschaltet hat, zeigt, dass der Verhandlungs-Spielraum für Medienhäuser begrenzt ist.

Disney und die Revision der Archive: Ein Brief an Bob Chapek

Jede Woche wird ein neuer Film mit identitätspolitischen Warnhinweisen versehen. Auch der Chef von Walt Disney, Bob Chapek, lässt sein Archiv auf rassistische Stereotype durchleuchten. Jetzt hat es die „Muppet Show“ getroffen. Warum Häme jetzt nicht mehr reicht.

Lieber Mr. Chapek, vielleicht haben Sie das selbst gar nicht entschieden, die Sache mit den Warnhinweisen für die „Muppet Show“. Aber da die Sendung mit Kermit, Miss Piggy und den ganzen anderen wahnsinnigen Puppen, die sich Jim Henson einst ausdachte, seit fast zwei Jahrzehnten zum Reich von Disney gehört und Sie der Chef von Disney sind… Sie wissen schon, wie es läuft, im Zweifel schreibt man dem Boss.

Also, die Warnhinweise, die im Streamingangebot Disney+ bei bisher 18 Folgen der „Muppet Show“ eingeblendet werden (im deutschen Angebot noch nicht zu sehen), wirken ziemlich abschreckend. Da ist zu lesen, die Sendung enthalte „negative Darstellungen und/oder falsche Behandlungen von Personen oder Kulturen“. Und weiter: „Diese Stereotype waren damals falsch und sind es auch heute.“

Weil sich Disney noch nicht explizit geäußert hat, welche Szenen beanstandet werden, gibt es nur begründete Vermutungen. Da ist der Auftritt von Johnny Cash in einer Scheune, vor der Flagge der Konföderierten, also dem Symbol der amerikanischen Südstaaten und ihrem System der Sklaverei. Oder die Szene mit Peter Sellers, der als klischeehaft angezogener Roma vor einem Wohnwagen auf einer Geige fiedelt. Oder die Episode mit Joan Baez, Ikone der Friedensbewegung, die mit einem falschen Akzent spricht. Und in einer Szene mit Kenny Rogers kommen als Araber verkleidete Muppets in dessen Umkleide und einer von ihnen fragt: „Bevor wir anfangen, nach Öl zu bohren – wo können wir unsere Kamele parken?“

Die Extremisten-Versteher – wie Medien islamistische Denkmuster verbreiten

Eine SRF-Moderatorin fällt mit verbalen Ausfälligkeiten gegen progressive Muslime, unkritischen Befragungen von Salon-Islamisten und der Verbreitung proislamistischer Positionen auf. Ihr Fall weist auf ein verbreitetes Phänomen in den Medien hin.

Was politische Statements angeht, sind Moderatoren des Schweizer Radios und Fernsehens (SRF) zur Zurückhaltung verpflichtet. «Programmmitarbeitende», so steht es in den Publizistischen Leitlinien des Mutterhauses SRG, «geben auch im Internet keine Stellungnahmen zu politischen Themen ab.» Tun sie es im privaten Rahmen doch, müssen sie sich mit ihren Vorgesetzten absprechen und «Mindestanforderungen an Stil und Geschmack erfüllen».

Ob die «Sternstunde Religion»-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaji diese Anforderungen am 1. Februar erfüllt hat, ist ebenfalls Geschmackssache. Sicher ist, dass die 49-Jährige an jenem Tag einen Blog-Eintrag verfasste, in dem sie ihrer Wut auf die Islamkritikerin Saïda Keller-Messahli und ihren Arbeitgeber SRF freien Lauf liess.

Keller-Messahli, so schreibt die SRF-Moderatorin, sei eine «extremistische Muslimin», die wegen SRF und anderer Medien immer wieder ihre «Hasstiraden» und ihr «Gift gegen die Demokratie» verbreiten dürfe. Damit begünstigten die Medien «einseitige Meinungsmache» und Abschottung, «die ihrerseits in Radikalisierungsprozessen münden kann».

«Gift» und «Hasstiraden»

Auslöser für den Eklat war der jüngste «Arena»-Auftritt Keller-Messahlis, bei dem sich die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam als resolute Befürworterin der sogenannten Burka-Initiative ins Zeug legte. Im ohnehin sehr gehässigen Abstimmungskampf hat die Tirade nur kurze Aufmerksamkeit erregt. «Muslimin gegen Muslimin», titelten die Tamedia-Zeitungen lapidar, und die SRG stellte sich sogleich hinter ihre Mitarbeiterin.
«Ich bin überzeugt», so schreibt die «Sternstunde Religion»-Leiterin Judith Hardegger auf Anfrage, «dass Amira Hafner-Al Jabaji weiterhin ihre Aufgabe als Moderatorin von SRF erfüllen kann.» Für ein Gespräch stehe die Journalistin derzeit nicht zur Verfügung.

Tatsächlich könnte man die Attacke als Ausrutscher abtun, als spontane Reaktion auf eine medial zweifellos stark präsente Islamkritikerin, die in Diskussionen zuweilen sehr resolut auftritt. Betrachtet man das Wirken der SRF-Moderatorin Hafner-Al Jabaji jedoch genauer, wird klar, dass das kein Ausrutscher war, sondern Ausdruck einer bestimmten Haltung. Ihr Fall zeigt, wie leicht sich Journalisten von pro-islamistischen Positionen und Ideologen beeindrucken lassen – dies nicht nur bei SRF, sondern auch in anderen Medien.

Vermischte Rollen

Doch zunächst zu SRF, wo die «Sternstunde Religion»-Moderatorin seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2015 eine eher ungewöhnliche Doppelrolle spielt. Einerseits ist sie nämlich Präsidentin des 2008 von ihr mitbegründeten Interreligiösen Think-Tanks, der gegenwärtig gegen die Burka-Initiative kämpft und für den sie den zitierten Blog-Eintrag verfasst hat. Andererseits ist sie Journalistin einer öffentlichrechtlichen Anstalt, die kritische Distanz zu allen Interessengruppen wahren sollte.

Amira Hafner-Al Jabaji pflegt jedoch in all ihren Funktionen eine auffällige Nähe zu Interessengruppen wie der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Die VIOZ weist regelmässig auf Veranstaltungen mit Hafner-Al Jabaji hin. Umgekehrt tritt die 49-Jährige unter dem Titel «SRF-Journalistin» an Events wie dem von der VIOZ mitorganisierten «Ummah Day» auf, und sie betätigt sich als Sprachrohr für islamische Vereine. So fordert sie ihre SRF-Kollegen in ihrem Blog-Eintrag offen dazu auf, künftig an «die muslimischen Verbände» zu denken und die in jenen Kreisen verfemte Saïda Keller-Messahli nicht mehr einzuladen.

Diese Nähe ist nicht nur im Hinblick auf die journalistische Unabhängigkeit fragwürdig. Denn zum einen ist die VIOZ gemäss Recherchen der Arab Reporters for Investigative Journalism von der radikalen Muslimbruderschaft beeinflusst. Zum anderen fördert auch Amira Hafner-Al Jabaji trotz öffentlicher Abgrenzungen von «politisch islamistischen Parteien» bewusst oder unbewusst einen Diskurs, wie ihn scheinbar moderate Islamisten pflegen – dies, um Muslime von der Gesellschaft zu entfremden und gleichzeitig über Ausgrenzung zu klagen.

Die Medien scheren sich nicht um Srebrenica – wirklich?

In einem Interview mit der «Südostschweiz» plädierte die SRF-Mitarbeiterin unter anderem für eine Privatisierung des Schwimmunterrichts, den Islamisten aus religiösen und sexistischen Motiven ablehnen. Zudem behauptete sie, das Massaker an Muslimen in Srebrenica gerate wegen der Einseitigkeit der Medien «in Vergessenheit». Solche Aussagen lassen sich zwar leicht widerlegen, denn in der Schweizerischen Mediendatenbank finden sich unter den Stichworten «Srebrenica» und «Massaker» fast 5000 Einträge. Sie passen aber zu einem bestimmten Narrativ.

In diesem sind Muslime (hier bewusst kollektiv gemeint) Opfer einer ignoranten und intoleranten Gesellschaft, die mit «dem Anderen» nicht umgehen kann. Wenn muslimische Extremisten Terrorakte verüben, den Rechtsstaat ablehnen oder die westliche Gesellschaft verachten, hat das demnach weniger mit Religion, islamistischer Propaganda und reaktionären Tendenzen in muslimischen Ländern zu tun als hauptsächlich mit Diskriminierung.
Kritiker des politischen Islam und fortschrittliche Muslime gelten in dieser Logik als Störefriede und Verräter, da sie den Opferanspruch infrage stellen. Entsprechend versucht man sie als «islamophobe» Hetzer zu diskreditieren, die genauso extremistisch sind wie die von ihnen kritisierten Extremisten.

Bühne frei für die «Krawatten-Islamisten»

Dieser Logik folgt Amira Hafner-Al Jabaji in ihrem Angriff auf Saïda Keller-Messahli: Deren Fernsehauftritte sind angeblich schuld daran, wenn sich Muslime abschotten und radikalisieren; sie ist eine «Extremistin», ohne dass für diese Behauptung ein einziger Beleg genannt wird. Nach einem ähnlichen Muster versuchte die SRF-Moderatorin 2014, den deutsch-ägyptischen Autor Hamed Abdel-Samad herabzusetzen.

Der oft mit dem Tod bedrohte Publizist stellt in einem seiner Bücher die These auf, dass der Islamismus eine faschistische Ideologie sei. Abdel-Samad, so erklärte Hafner-Al Jabaji in einem Interview für SRF Kultur, kritisiere «eine Einstellung, die er selber an den Tag legt», und: Er wolle «ein brennendes Haus mit einem brandbeschleunigenden Mittel löschen». Damit wird ein kritischer Autor auf eine Stufe gestellt mit den intoleranten Geistern, die er in seinen Büchern kritisiert.

Ironischerweise weist Abdel-Samad dort auch auf einen islamischen Aktivisten neuen Typs hin: den «Krawatten-Islamisten». Eben dieser Typus beweist, dass die unkritische Rezeption und Verbreitung islamistischer Denkmuster ein Phänomen ist, das weit über SRF und «Sternstunde Religion» hinausgeht.

Offiziell geben sich «Krawatten-Islamisten» aufgeschlossen und tolerant; sie verurteilen Gewalt, relativieren sie aber zugleich. Die westliche Gesellschaft lehnen sie insgeheim ab. Da sie jedoch einen antirassistisch und antikolonialistisch verbrämten Diskriminierungsjargon pflegen, sind sie trotz reaktionärer Agenda auch in «progressiven», universitären und journalistischen Kreisen anschlussfähig.

Wissenschaft, wie sie Erdogan gefällt

Ein anschauliches Beispiel dafür liefert der Salzburger Politologe Farid Hafez, der in Kurzbiografien aus gutem Grund darauf hinweist, dass er ein «oft geladener Gast in Rundfunk und Fernsehen» sei. Bekannt geworden ist der ehemalige Aktivist der Muslimischen Jugend Österreich durch einen jährlichen europäischen «Islamophobie-Report», den er zusammen mit der türkischen Seta-Stiftung herausgibt.

Diese gilt als wissenschaftlicher Arm der Regierungspartei AKP von Recep Tayyip Erdogan, der Integration gerne als «Verbrechen» und Massnahmen gegen Terror und Islamismus als «rassistisch» und «islamophob» brandmarkt. Nach diesem Muster wirft auch der «Islamophobie-Report» alles in einen Topf, vom rechtsextremen Fremdenfeind über den bürgerlichen Politiker bis zur emanzipierten Muslimin.

Obwohl mehr politischer Aktivist als Wissenschafter, ist der Österreicher in den letzten Jahren immer wieder als Experte präsent, egal ob beim ORF, beim Deutschlandfunk, bei der «Süddeutschen» oder bei «Sternstunde Religion». Hier durfte sich Hafez Anfang 2016 über eine halbe Stunde lang über das österreichische Islamgesetz auslassen, mit dem unter anderem Auslandsfinanzierungen für religiöse Vereine unterbunden werden sollten.

Das Gesetz, so erklärte er Amira Hafner-Al Jabaji, stehe im Geiste des Kolonialismus. Es gehe um «Kriminalisierung von Vereinen», denn die zunehmend «autoritäre» Gesellschaft tue sich schwer mit «unterschiedlichen Lebensmodellen». Das Misstrauen gegen den politischen Islam führte er einzig auf die Rechtspopulisten zurück, «die einiges vergiften».

Ein neuer Kristallnacht-Twitterer

Über Radikalisierungen, die es auch in Österreich gab, verlor Hafez kein Wort. Und er erwähnte auch nicht, dass die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich muslimischen Schülern unter anderem ein Buch des Islamisten Jusuf al-Karadawi vorgesetzt hatte, in dem die Todesstrafe für «Unzucht» und Auspeitschungen für Homosexuelle propagiert werden. Die Moderatorin stellte ihm auch keine einzige kritische Frage, sie lieferte dem eloquenten Doktor nur lächelnd Stichworte.

Wie fragwürdig der von ihm und bestimmten Medien verbreitete Diskriminierungsdiskurs ist, hat Hafez nach den islamistischen Morden von Wien bewiesen. Dass die österreichische Polizei im Rahmen einer Aktion gegen mutmassliche Anhänger der Hamas und der Muslimbruderschaft auch seine Wohnung durchsuchte, wertete der Politologe als rassistischen Angriff. Auf Twitter stellte er sie gar in eine Analogie mit den chinesischen Repressalien gegen die Uiguren und dem Novemberpogrom von 1938, als die Nazis Hunderte deutsche Juden zu Tode prügelten und 30 000 ins KZ verschleppten.

Derartige Vergleiche mit dem Schicksal der Juden gehören bei Islamisten zum Repertoire; sie sind umso zynischer, als sich islamistische Gewalt massgeblich gegen Juden richtet. In Frankreich hat dieser religiöse Hass bereits Dutzende Tote gefordert, und er hat dazu geführt, dass jüdische Kinder öffentliche Schulen meiden. Dass «Islamophobie»-Experten wie Farid Hafez solche Tatsachen mit Formulierungen wie «sogenannter islamischer Antisemitismus» zu leugnen versuchen, offenbart die grösste Schwäche der Opfertheorie: Obwohl es stimmt, dass manche Muslime diskriminiert werden, kann sie nicht erklären, weshalb sich islamistischer Hass Hass ausgerechnet gegen Juden und Homosexuelle richtet.

Nach Morden wird zuerst über Ausgrenzung gesprochen

Dennoch wird sie unbeirrt weiter gepflegt. Dies nicht nur in der linken «Wochenzeitung», die von der «Religion der Ausgegrenzten» schreibt und «Experten» aus dem Umfeld von Doktor Hafez zitiert, sondern auch bei «Sternstunde Religion» im Schweizer Fernsehen. Dort diskutierte man am 15. November 2020 über die Frage, ob der Islam in der Krise sei. Wenige Tage zuvor hatten islamistische Gewalttäter in Conflans-Sainte-Honorine den Lehrer Samuel Paty geköpft, in Nizza eine Kirchgängerin erstochen, in Dresden einen Homosexuellen getötet und in Wien zwei Passanten erschossen.

Eine Frage beschäftigte Amira Hafner-Al Jabaji während der Sendung besonders: «Können Sie sagen, was die Erfahrung von Ausgrenzung mit Menschen macht?», fragte sie sinngemäss mehrmals in die Runde. Um die in Bezug auf die genannten Terrorakte unbewiesene These von den ausgegrenzten Tätern zu untermauern, publizierte die Moderatorin ergänzend zur Sendung ein Interview mit der Erziehungswissenschafterin Asmaa Dehbi, die sich ebenfalls im Umfeld konservativer Islamverbände bewegt.
«Ausgrenzung», so die im Titel enthaltene Hauptaussage des SRF-Beitrags, «kann junge Muslime radikalisieren.» Gegen die Sendung haben mittlerweile 20 Personen Beschwerde erhoben, wegen einseitiger Besetzung und mangelnder Sachgerechtigkeit.

RBB-Chefin Schlesinger : Wem dient schöpferische Zerstörung?

Patricia Schlesinger baut beim Rundfunk Berlin-Brandenburg um. Was ist wichtig? Regionales, Kultur oder Service? Die Intendantin setzt aufs Digitale.

Zu Beginn der Corona-Pandemie haben Sie im Interview gesagt: „Unsere wichtigste Funktion ist in diesen Tagen definitiv, Orientierung zu bieten. Dafür sind wir einst geschaffen worden – als wesentliche Institution für das Funktionieren unserer Demokratie.“ Das Trust Barometer der Agentur Edelman stellt nun fest, es sei den etablierten Medien nicht gelungen, Fake News zu Corona mit Qualitätsjournalismus zu kontern. Hat auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk versagt?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist während der Corona-Pandemie gewachsen. Mit ihren Angeboten – online wie linear – erreicht die ARD täglich annähernd achtzig Prozent der Bürger. Vor zwei Jahren waren 78 Prozent mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zufrieden, gegenwärtig sind es 82 Prozent. Dabei gibt es zwischen Ost und West kaum Unterschiede. Selbst das von Ihnen erwähnte Trust Barometer einer amerikanischen PR-Agentur registriert für Deutschland einen Vertrauenszuwachs in die Medien von drei Prozentpunkten. Anscheinend weiß die Mehrheit der Bevölkerung sehr genau, wo sie in der Krise die verlässlichsten Informationen erhält.

Das Trust Barometer meint, der ernsthafte Journalismus habe an Boden verloren, die Rede ist von „Bankrotterklärung“. Wie sehen Sie diese Bewertung?

Diese Analyse mag für die Vereinigten Staaten zutreffen. Dort haben wir es seit längerem mit polarisierten und polarisierenden Medien zu tun. Das hat noch keinem Land, keiner demokratischen Gesellschaft auf Dauer gutgetan. Wenn wir die Vereinigten Staaten als Schrittmacher neuer digitaler Kommunikationstechnologien verstehen, muss uns das zu denken geben und uns anspornen. Es zeigt, wie wichtig es ist, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer Demokratie zur Basis-Infrastruktur gehört. Dabei spielt eine zentrale Rolle, dass wir ohne Empörungsjournalismus arbeiten, unsere Quellen deutlich machen, für Transparenz und differenzierte Einordnung sorgen, ohne politische Präferenzen und ohne kommerzielle Interessen. Denn rein wirtschaftliche Überlegungen tragen dazu bei, dass Teilöffentlichkeiten entstehen und dass Menschen sich mehr auf Fake News und Halbwahrheiten verlassen. Mit unseren Angeboten müssen wir ein stärkeres Gegengewicht darstellen, vor allem im Internet.

Sehen Sie eine Chance, die Gruppen, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk misstrauen, mit Fakten zu erreichen?

Ja, ich sehe eine Chance. Unsere Aufgabe besteht darin, mit Tatsachenwahrheiten zu informieren, die beim Abgleich mit der Wirklichkeit entstehen. Und diese Angebote werden stärker nachgefragt. Der digitale Raum ist de facto im Privatbesitz, mit den dazugehörigen Geschäftsmodellen, die vielfach empörungsgetrieben sind. Wenn Empörungsgetriebenheit mit Journalismus verwechselt wird, ergibt sich für die liberale Demokratie eine schwierige Situation. Deshalb müssen die Qualitätsmedien insgesamt stärker im digitalen Raum präsent sein, dort, wo viele Menschen ihre Informationen suchen. Wir müssen gegenwärtig zwei Pferde reiten, wie es der ehemalige BBC-Generaldirektor beschrieb, das lineare und das digitale, und beide benötigen Futter. Ein ähnliches Problem haben auch andere Medienhäuser, die sich nicht nur auf die digitale Welt konzentrieren können, im Gegensatz zu Facebook oder Google. Wir müssen deshalb eine Art schöpferischer Zerstörung betreiben, um möglichst schnell kraftvoll im Digitalen präsent sein zu können. Dazu gehört eine größere Dialogfähigkeit als bisher, um als Basis für Meinungsbildung in unserem Land weiterhin maßgeblich zu sein.

Sie sprechen von „schöpferischer Zerstörung“. Seit Sie vor fast fünf Jahren Intendantin geworden sind, reformieren Sie den Sender. Von 2022 an gibt es ein neues Vorabendprogramm. Ist das Teil der „schöpferischen Zerstörung“?

Zumindest kann man uns nicht Behäbigkeit vorwerfen. Veränderungen sind kein Wert an sich, aber wir dürfen auch keine Angst davor haben. Einige Veränderungen sind sehr schnell gegangen, mit viel Rückenwind aus unserem Sender. Andere Reformen müssen wir behutsamer in Angriff nehmen, vor allem, wenn viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter davon betroffen sind. Aber ich denke, allen im rbb Beschäftigten ist klar, dass wir uns in einem epochalen Medienwandel befinden. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Relevanz und Berechtigung erhalten will, können wir uns Stillstand definitiv nicht leisten. Wir müssen einerseits verlässlich sein, aber unser Publikum hat auch Anspruch auf zeitgemäße Programmangebote im Internet und fordert sie auch ein. Diese Aufgabe – in neue Technologien zu investieren, ohne die klassischen Verbreitungswege zu vernachlässigen – müssen wir bewältigen, ohne dass uns dafür mehr Geld zur Verfügung steht, durch Gehaltserhöhungen, höhere Gagen, teurere Lizenzen ist es sogar weniger.

Sie haben angekündigt, weiter zu sparen, als die 18,36 Euro ab 2021 gesetzt schienen. Warum, dann wären Sie doch sicher mit dem Beitrag hingekommen?

Die Gebührenkommission Kef hat der ARD nur die Hälfte des ungedeckten Finanzbedarfs zugestanden und auf Sparmöglichkeiten verwiesen. Das heißt, die Beitragserhöhung hätte nur einen Teil des höheren Aufwandes gedeckt. Also müssen wir die Kosten reduzieren, um mit dem Beitrag auszukommen. Die ursprünglich geplante Erhöhung wäre die erste seit zwölf Jahren gewesen, und wenn man die gestiegenen Kosten seitdem berücksichtigt, besteht eine Diskrepanz zwischen unserem Auftrag und den Mitteln zu dessen Erfüllung.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk konnte von 2017 bis 2020 Beitragsmittel von mehr als einer Milliarde Euro aus der Rücklage verwenden, die durch die Umstellung von der Rundfunkgebühr zum Rundfunkbeitrag entstand.

Von diesem Geld hat auch der rbb profitiert, und wir haben davon rund neunzig Prozent zusätzlich für das Programm aufgewendet. Aber in dieser Zeit waren auch Investitionen in neue digitale Angebote notwendig, die wir ohne diese Rücklage nicht bewältigt hätten. Zudem müssen wir in die Zukunft blicken, es stehen weitere Innovationen bei der digitalen Transformation an, die kosten Geld.

Auch mit der Reform des Vorabendprogramms wollen Sie sparen. In der Zeit zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr erreichen Sie mit der Serviceorientierung viele Zuschauer. Werden Relevanz und Reichweite unter dem Spargebot leiden?

Davon gehen wir nicht aus, denn die Akzeptanz der Zuschauer für diese Sendungen ist langsam, aber stetig gesunken, so dass wir handeln müssen. Die regionalen Inhalte und das Serviceangebot bleiben erhalten, wir strukturieren und gewichten aber neu. Wir wollen neunzig Minuten live berichten, mit Nachrichten, Ratgeberformaten und Gesprächen.

Die Einstellung von „zibb“ und „rbb UM6“ ist für 75 freie Mitarbeiter mit der Kündigung ihrer Verträge verbunden.

Ich sehe und verstehe natürlich auch die Verunsicherung unter den Mitarbeitern, denn ich war selbst jahrelang freie Mitarbeiterin. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass es noch fast ein Jahr dauert, bis wir die genannten Sendungen einstellen. Damit haben wir noch Zeit für Umschulungen und Umorientierungen auf neue Tätigkeiten. Für einen Teil der 75 Kolleginnen und Kollegen werden sich auch im neuen Programm Aufgaben ergeben. Der rbb ist ein sehr sozialer Arbeitgeber. Wir werden deshalb versuchen, in jedem einzelnen Fall eine Lösung zu finden. Bei unseren Reformvorhaben in den letzten Jahren haben wir es in den meisten Fällen geschafft, den Mitarbeitenden eine Perspektive im rbb zu geben.

Gespart wird bei Kulturangeboten, auch die Reform des rbb Kulturradios steht in der Kritik. Ist es leichter, bei der Kultur zu sparen, weil der Protest weder beim Publikum noch bei der Politik so laut ist wie etwa beim Sport?

Das Gegenteil ist der Fall. Der Gegenwind im Kulturbereich ist immer am stärksten, die Kulturbranche ist gut organisiert. Das merkt man auch an den Medienreaktionen auf wenige und verständliche Veränderungen in einigen ARD-Anstalten. Obwohl das rbb Kulturradio verglichen mit anderen ARD-Kulturradios finanziell sehr gut ausgestattet war, war es nicht mehr erfolgreich. Deshalb wollen wir das Programm umgestalten und vor allem das Diskursbedürfnis der Hörerinnen und Hörer ernst nehmen. Zudem wird man jetzt dort mehr und längere Wortbeiträge und auch einen erweiterten Kulturbegriff finden. Das führt nicht zur Zustimmung bei allen, aber es gibt auch viel Verständnis und Lob für die Reform.

Als die ARD 2018 ihre Einsparvorschläge bis 2028 präsentierte, hieß es: Mehr geht nicht. Nun geben Sie weitere Einsparungen bekannt. Wieso geht doch mehr?

Das sind zwei unterschiedliche Aspekte: Die ARD-Strukturreform, die bereits im Herbst 2017 auf den Weg gebracht wurde, ist eine Gemeinschaftsleistung. Sie zielte vor allem auf Verwaltung, technische Prozesse, auf Programmbegleitung, SAP-Harmonisierung, aber nicht auf das Programm. Davon sind die Einsparmöglichkeiten eines jeden Senders, wie er seine Angebote noch effektiver produzieren oder seine Programme reformieren kann, unbenommen. Wie sich ein Sender organisiert, damit er mit weniger Aufwand qualitativ und quantitativ immer noch gut sein kann, muss er selbst entscheiden.

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Die Bundesländer beraten über die Novellierung des Auftrags der Öffentlich-Rechtlichen. Welchen Vorteil hätte es, würde die Politik mehr Flexibilität bei den Programmstrukturen und Verbreitungswegen schaffen?

Das ist eine ganz wichtige Frage, so könnte die Zukunftsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verbessert werden. Alle Medienanbieter stehen vor der Herausforderung, dass sich die Mediennutzung in nicht gekannter Geschwindigkeit verändert. Deshalb müssen wir schneller und flexibler als bisher reagieren können, sonst verlieren wir Publikum. Wir müssen alle Bevölkerungsgruppen, auch die Jüngeren, bedienen. Das Interesse an unseren Inhalten verringert sich nicht, aber von einem Teil der Bevölkerung werden wir nicht mehr gefunden. Die Novellierung des rbb-Staatsvertrags soll jetzt einen neuen Rahmen schaffen, damit der Sender in den kommenden Jahren mit größerer Relevanz agieren kann; genau dafür benötigen wir mehr Spielraum im Netz. Das bedeutet nicht, dass wir morgen eine UKW-Frequenz abschalten, genau dort sind wir gegenwärtig ja extrem erfolgreich. Aber in fünf, sieben oder zehn Jahren kann das sinnvoll sein. Da wir nicht auf Dauer lineare und digitale Angebote parallel verbreiten können, müssen wir uns irgendwann von den analogen Ausspielwegen verabschieden. Wir müssen besser als bisher auf neue Entwicklungen vorbereitet sein, die vielleicht schneller kommen, als wir denken.

Sie könnten zum 1. Januar 2022 den ARD-Vorsitz übernehmen. Das wäre eine Premiere: Noch nie hatte eine Berliner oder Brandenburger ARD-Anstalt den Vorsitz. Wird es dafür nicht Zeit?

Ja, aber es ist noch nichts beschlossen. Wenn der Zeitpunkt kommt, über den ARD-Vorsitz für 2022 zu entscheiden, werden die ARD-Intendanten und Intendantinnen diese Entscheidung treffen.

Würden Sie ja sagen, wenn es innerhalb der ARD diesen Vorschlag gäbe?

Ich lebe nach der Devise: We will cross the bridge when we get here. (Das sehen wir dann, wenn es so weit ist.)

Neues Digitalmedium: „Gehobener Boulevard“ in Richard Schmitts „Exxpress“

Richard Schmitt startet nach „Heute“, krone.at und oe24.at das Digitalmedium „Exxpress“ mit TV-Kanal. Die bürgerliche Juristin und Neo-Herausgeberin Eva Schütz hält die Mehrheit.

Der Entwurf für das „Breaking News“- Logo liegt obenauf im Büro der Herausgeberin. Es wird häufig zum Einsatz kommen, wenn Richard Schmitt den „Exxpress“ befeuert. Das neue Digitalmedien- und Fernsehprojekt soll Mitte März abfahren.

Schmitt (52) hat „Heute“ nach dem Start 2004 für Eva Dichand geführt, er hat krone.at ab 2011 als Chefredakteur groß gemacht. 2019 entschied das Ibiza-Video mit lobenden Worten von Heinz-Christian Strache für Schmitt den internen Machtkampf mit der gedruckten „Krone“ und deren Chefredaktion über Linie und Zusammenspiel. Einige Monate war Schmitt dann noch Chefredakteur von oe24.at und oe24.tv in der Fellner-Mediengruppe.

In der Liga soll nun auch exxpress.at nach seinen Plänen mitspielen: Unter die fünf größten Online-Newsportale (nach Visits) will Schmitt die Plattform bringen, sagen er und seine Herausgeberin, die Juristin und Unternehmerin Eva Schütz-Hieblinger (47).

Was erwartet das Publikum da in zwei Wochen? „Gehobener Boulevard“, den er mit „Heute“ in Österreich eingeführt habe, sagt Schmitt. Was wäre heute Aufmacherstory? Ein „tolles Interview“ mit dem Exchef des deutschen Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen. Der Rechtsausleger in der CDU wurde 2018 vorzeitig in Ruhestand versetzt. Er äußerte damals etwa Zweifel an Hetzjagden auf ausländisch aussehende Menschen in Chemnitz.

Schütz, Stiftung, Schmitt

Im „Wirtschaftsschwerpunkt“ des Mediums würde er etwa erklären, „wer hinter den Bitcoin-Unternehmen steckt“. Die Redaktion habe noch „andere Storys vorbereitet, die wir allein haben“, erklärt der „Exxpress“-Chefredakteur. Sie sollen das Onlinemedium, unterstützt von intensiven Social-Media-Aktivitäten, unter jene fünf, sechs Seiten bringen, die das Publikum morgens als Erste ansteuert. Erklärte Zielgruppe laut Schütz: Menschen ab 16, nach oben offen.

„WebExpress Medien Holding GmbH“ steht unten am Eingang zum Wiener Museumsquartier. Sie soll bald auch im Firmenbuch zu finden sein. 51 Prozent gehören einer Beteiligungsfirma von Eva Schütz, 25,1 Prozent der Liechtensteiner Stiftung „Libertatem“ mit Stiftungszweck „Förderung der Meinungsfreiheit und von kritischem Journalismus“. Der Stifter ist nach Unternehmensangaben ein liechtensteinischer Unternehmer, die Vorstände – zwei österreichische Anwälte – wollten den Namen nicht bekanntgeben.

Zehn Prozent am „Exxpress“ hält Schmitt, der Rest gehört nach Unternehmensinfos kleineren, vorerst nicht genannten Investoren – nur soviel: Investmentbanker, Immo-Investoren, ein Hotelier.
18 Menschen derzeit unter Vertrag

Oben sitzen auf hellen 380 Quadratmetern Schütz, Schmitt und einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Social Media, für Webportal und TV. 18 Menschen sind laut Schütz derzeit beim „Exxpress“ unter Vertrag. Früher, ab 2004, saß hier die Geschäftsführung eines Stadtsenders namens Puls TV – er gehört längst zu ProSiebenSat1, heißt Puls 4 und ist ein nationales TV-Programm.

Oben beim „Exxpress“ sollen noch im März Schnittplätze und Studio eingerichtet werden, eine Menge Großbildschirme für die Webredaktion und Social Media werden gerade montiert und eingerichtet.

Nach dem „Softlaunch“ der Webseite um den 16., 17. März soll im April „Exxpress-TV“ starten, mit stündlichen News ab sieben Uhr früh bis 20.15, danach noch eine Dreiviertelstunde – nein, „nicht die zigste Polit-Talk-Schiene“, sagt Schütz.

Sondern etwa ein Livecoaching-Format mit einer jungen Expertin, die Lebens- und Alltagsfragen des Publikums beantworte. Oder ein „History“-Format, sagt Schmitt. Mit dem Leiter des Heeresgeschichtlichen Museums habe er schon eine Ausgabe über Erzherzog Maximilian und sein Ende in Mexiko vereinbart.

Ausschließlich Werbung solle all das finanzieren, sagt Herausgeberin Schütz (Privatrundfunkförderung ist nicht ausgeschlossen mit einem Kabel-TV-Kanal). Das Medium solle sich in drei Jahren möglichst selbst tragen, gerne auch einen Ausbau der Redaktion, gerne Gewinn machen.

Einen einstelligen Millionenbetrag pro Jahr soll das laut Schütz kosten. Ist das ihr Geld oder das ihres Mannes Gerd Alexander Schütz, Immobilieninvestor, Unternehmer, Vorstand der C-Quadrat Investment AG?

„Wir sind 20 Jahre verheiratet, da kann man das nicht mehr so genau unterscheiden.“ Sie beide legten auch hier „Wert auf eine wirtschaftlich sinnvolle Investition.“

Wie die Praxis der Schattenwebsites Restaurants, Hotels und Einzelhandel schadet

Lieferando betreibt Schattenwebseiten seiner Kundenrestaurants. Ist das noch Service oder schon Profitklau? Außerdem: Booking.com, Kaufda und andere gehen ähnliche Wege.

Der Bestellservice Lieferando ist gerade in der Coronakrise ein rettender Strohhalm für viele Restaurants geworden, sollte man meinen. Denn jetzt kam massive Kritik auf. Wie eine Recherche des Bayrischen Rundfunks ergab, könnte der erfolgreiche Lieferservice ein Profiteur mit fragwürdiger Praxis sein.

Mit Schattenwebseiten schadet Lieferando Restaurants

Wie der BR berichtet, hat die niederländische Konzernmutter Just Eat Takeaway europaweit über 120.000 Schattenwebseiten eingerichtet. In Deutschland sollen es gut 51.000 sein. Schattenwebseiten ähneln in der Domain denen der Restaurants, führen aber in diesem Fall zu Lieferando. Im Beispiel des BR handelt es sich um das vietnamesische Restaurant Jack Glockenbach aus München. Gibt man den Namen bei Google ein, erscheint zuerst der Anzeigenlink von Lieferando, danach folgt eine Anzeige für „Jackglockenbach.de“ und danach die Webseite „jackglockenbach.de“. Das Problem: Diese Seite gehört gar nicht dem Restaurant, sondern ist eine der genannten Schattenwebseiten von Lieferando. Das Restaurant selbst findet sich unter: Jackglockenbach.live“.

Das ist kein Einzelfall. Die Journalist*innen des BR fanden heraus, dass rund 18.000 der registrierten deutschen Seiten mit einer Bestellfunktion versehen seien, die den Vorgang direkt über Lieferando abwickeln, die anderen seien mit dem Lieferando-Logo ausgestattet, das direkt auf die Seite des Lieferservice verlinkt. Letzteres ist auch im Fall von Jack Glockenbach so. Der Vorwurf der Betreiber*innen: Lieferando lasse die Restaurants im Unklaren über die Existenz dieser Schattenwebseiten. Außerdem handele es sich eben nicht mehr um einen Service, sondern man beraube die Restaurants ihrer Kund*innen. Und tatsächlich ranken die suchmaschinenoptimierten Schattenseiten in der Regel besser in der Google-Suche als die Restaurantseiten und teilweise werden sie von den Kund*innen gar nicht als Lieferando-Seiten wahrgenommen.

Lieferando strebt nach der Provision

In jedem Fall ist der Bestellservice der Gewinner, denn Lieferando erhält laut BR-Recherche 13 Prozent Provision pro Bestellung, sobald der Service im Spiel ist. Wenn Fahrer von Lieferando liefern, dann erhält der Service laut BR bis zu 30 Prozent Provision. Es besteht also ein gesteigertes wirtschaftliches Interesse daran, möglichst oft als Mittelsmann zu fungieren. Hinzu kommt, der Dienst kooperiert zusätzlich mit Google. Wer Restaurants in der Suchmaschine sucht, bekommt ein prominentes Ergebnis angezeigt – mit allen nötigen Informationen und oft mit einer Bestellfunktion. Kund*innen müssen nicht mehr auf die Seite des Restaurants gehen, sie bestellen direkt in der Suchmaschine. Das ist bequem, abgewickelt wird der Vorgang aber auch in diesem Fall über Lieferando. Und da spielt es keine Rolle, ob geliefert oder selbst abgeholt wird. Die 13 Prozent Provision erhält der Lieferservice in jedem Fall.

Willkommen im Plauderstübchen!

Podcast hier, Clubhouse dort, Audio überall: Die Welt werde immer mündlicher, heisst es heute gern. Eine schriftliche Widerrede.

Wir schreiben das Jahr 2021 – aber das klingt natürlich ziemlich langweilig. Man könnte, mit mehr Esprit, auch sagen, dass wir uns im Jahr des Büffels befinden, so steht es jedenfalls im Horoskop der Chinesen. Nach anderen Modellen ist unlängst das Jahr II im Zeitalter von Corona angebrochen. Noch findigere Köpfe haben indessen das Jahr der Stimme ausgerufen: 2021 markiere den Durchbruch der Audiorevolution, war jüngst auf einer amerikanischen Plattform zu lesen, und auch in unseren Breiten gibt das Hören im Moment viel zu reden.

Spätestens seit Clubhouse zum Thema wurde – ein soziales Netzwerk, in dem sich die Nutzer mündlich austauschen –, überbieten sich Tech- und Zukunftsexperten mit Prognosen und witzigen Wortspielen. Im Internet der Stimme gelte künftig «Schreiben ist Silber, Reden ist Gold», meinen die einen, derweil die andern das neue Credo der akustischen Welt verkünden: «Wir müssen reden!» Aber nicht nur Unternehmensberater und Marketingmenschen sprechen an auf den Trend, auch Kulturdiagnostiker melden sich zu Wort. Einer Analyse der «Zeit» etwa war kürzlich zu entnehmen, dass wir mit Phänomenen wie Clubhouse, Sprachnachrichten oder Podcasts einen «Oral Turn» erlebten, einen Siegeszug der Mündlichkeit, der zulasten der normierten Schriftsprache gehe.

Der Mensch scheint ein grosses Bedürfnis zu haben, Revolutionen, Umbrüche oder Paradigmenwechsel live und höchstpersönlich mitzuerleben – jedenfalls wird er nicht müde, solche Zäsuren herbeizureden. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatten Fotos und Bilder die Rolle zu spielen, die heute der Ton und die Stimme übernehmen. Die visuellen Medien, hiess es lange, würden alles überfluten und die Schrift dereinst verdrängen.

Ähnlich klingt es jetzt zuweilen bei den Tönen: Die längste Zeit über hat der Mensch in oralen Gesellschaften gelebt, und nur einen Wimpernschlag lang konnten die Buchstaben das Zepter führen. Denn jetzt drohen wir wieder im Quatschen zu versinken. Diese Abfolge lässt sich freilich auch positiv lesen. Interpreten, die das Mündliche hochschätzen, sprechen von der «Gutenberg-Klammer» und sind der Meinung, dass die Menschheit heute, nach einem kurzen Ausflug ins kalte Reich der gedruckten Zeichen, wieder zurück in die guten alten Zeiten des Miteinander-Sprechens finde.

Kombination statt Kampf

Solche Deutungen, ob sie die Bilder oder das Reden betreffen, ob sie kulturpessimistisch grundiert sind oder romantisch verklärt, wirken immer befremdlich. Im Kern nämlich scheinen sie alle von einem Kampf auszugehen und die Möglichkeit der Koexistenz zu negieren. Ausdrucksmittel werden gegeneinander in Stellung gebracht, das eine tritt als Feind des anderen auf in diesen Theorien – als ob nicht mehrere Formen nebeneinander bestehen könnten, als ob Rede und Schrift in getrennten Welten aufträten und sich nicht immer auch gegenseitig bereichert hätten.

Via Clubhouse-App zu plaudern etwa, wäre schwerlich möglich, wenn es die Schrift nicht gäbe. Etliche Applikationen und Technologien, die wir ganz selbstverständlich nutzen, verdanken ihre Existenz dem logisch-analytischen Denken. Und dieses wiederum ist aufs Engste mit der Schriftlichkeit verbunden – das abstrakte Folgern, Ableiten, Rückprüfen und Weiterentwickeln von Gedanken ist erst mit der Schrift entstanden; sie hat es erlaubt, Ideen zu speichern und fern aller Sprecher in veränderten Kontexten wieder aufzugreifen. Nicht zufällig haben sich wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen multipliziert, seit sich die Schrift durch den Druck massiv verbreitete.

Das Radio zum Beispiel verstand der Medientheoretiker Walter J. Ong als Gerät einer «sekundären Oralität». In dieser steht zwar das gesprochene Wort im Zentrum, aber sie selber basiert auf der Schrift, die «für die Herstellung, die Anwendung und den Gebrauch der elektronischen Ausrüstung» notwendig ist. Doch nicht nur die Apparate, auch die Inhalte dieser sekundär mündlichen Sphäre sind bis heute nicht ohne geschriebene Worte zu denken: Genauso wenig wie die «Tagesschau» kann ein guter Podcast, ein Hörspiel oder eine taugliche Video-Doku auf schriftliche Konzepte verzichten.

Umgekehrt kennen wir inzwischen zahlreiche Arten der Schriftanwendung, die ihre Wurzeln in der Mündlichkeit haben. Chat-, Whatsapp-, SMS- oder Twitter-Nachrichten sind zweifelsfrei schriftbasierte Botschaften – die aber alle eine dialogische Situation simulieren. Wenn Mitteilungen im raschen Hin und Her ausgetauscht werden, dann hat das wenig zu tun mit der früheren Kommunikation in Briefen. Eher führen sie das alltägliche, mündliche Nahgespräch fort, über neue Distanzen und in anderen Räumen.

Redeweisen, die einst im Privaten blieben, gelangen mit den sozialen Netzwerken vermehrt in öffentliche Bereiche – man kann das aus gesellschaftlichen Gründen problematisch finden, muss deswegen aber nicht den Verfall der Sprache befürchten. Die wenig standardisierte, flapsige bis fehlerhafte Form der schriftlichen Kurznachrichten spiegelt nicht den Geisteszustand ihrer Verfasser, sondern den mündlichen Kontext, den sie imitieren. Im Prinzip ist die Schrift hier auf ein neues Feld vorgedrungen, und wenn sich nun Audio-Apps anschicken, die Menschen durch gesprochene Wörter in Kontakt zu bringen, ist daran wenig Revolutionäres zu erkennen.

Eine alte Geschichte

An mündlich klingenden Chat-Nachrichten hätte Friedrich Gottlieb Klopstock vermutlich seine helle Freude. Im ausgehenden 18. Jahrhundert plädierte der Dichter für eine neue Orthographie, die sich konsequent am Hören orientieren sollte: «V» und «ph» wollte Klopstock tilgen und durch «f» ersetzen, ebenso sollte das «ts» verschwinden – auf dass jedes Wort «stez» so geschrieben würde, wie man es sagte. Klopstock erachtete das Gehörte als Kern der Sprache, und er war mit dieser Haltung nicht allein. Schon in der Aufklärung wurden Schrift und Stimme nämlich gern und oft in Opposition gebracht. Rousseaus «edler Wilder» hat geredet, nicht geschrieben, und verschiedene Romantiker beklagten in der Nachfolge des Philosophen, dass mit der Vernunft der tote Buchstabe regiere und der Text die sinnliche, zum Körper gehörende Stimme weggedrängt habe.

Doch unter der «Herrschaft der Feder», gegen die die Zeitgenossen rebellierten, war die Stimme keineswegs verschwunden. Im Gegenteil. In der Zeit nach der Erfindung des Buchdrucks hat Europa einen «Taumel des Sinnlichen» erlebt, wie der Germanist Karl-Heinz Göttert in seiner «Geschichte der Stimme» schreibt. Visualität und Oralität hätten sich damals gegenseitig gesteigert, was sich in der Entstehung neuer, starker Ausdrucksformen zeigte: Ein gutes Jahrhundert nach dem Buchdruck wurde die Oper erfunden. Natürlich etablierte sich die Schrift unverrückbar in Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik. In anderen Bereichen dagegen haben sich Mischformen ausgebildet, noch über Jahrhunderte hinweg wurden gedruckte Bücher nicht allein im Kämmerlein verschlungen, sondern in grösseren Kreisen vorgelesen.

Im Gegenzug wurde auch die Schrift nicht verdrängt, als sich die Stimme ihrerseits verstärkte, mit Lautsprechern und anderen Apparaten. Dank Rundfunk und Empfangsgeräten konnten mündliche Nachrichten um 1920 erstmals über grosse Distanzen in jede Stube getragen werden, und zu derselben Zeit sind herkömmliche Reden zu veritablen Grossanlässen geworden.

Es ist bekannt, dass Hitler den Lautsprecher als zentralen Faktor seiner Macht erachtete und im Übrigen der Überzeugung war, dass kein «Gänsekiel» je eine grosse Umwälzung bewerkstelligt habe. Allein die «Zauberkraft des gesprochenen Wortes» habe die «grossen historischen Lawinen» ins Rollen gebracht, hielt er schon in «Mein Kampf» fest. In anderen Bereichen steigerte sich das Reden freilich auf freundlichere Weise: Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die ersten Telefone angeschlossen worden – jetzt schien es mit dem Quatschen richtig loszugehen. Jedenfalls meldete die Zeitschrift «Die Gartenlaube» anno 1877, dass die Welt drauf und dran sei, «ein einziges grosses Plauderstübchen zu werden».

Tippend die Stimme erheben

Eine akustische Revolution! Vielleicht hätte man rund um die vorletzte Jahrhundertwende tatsächlich von einem «Oral Turn» sprechen können. Aber hat die Schrift deswegen irgendetwas verloren? Im Verlauf des gesamten 20. Jahrhunderts hat die Alphabetisierung weltweit zugenommen, in der plaudernden Welt können mehr und immer mehr Leute lesen und schreiben.

Ja, immer mehr Menschen drücken sich aus: Das ist ohne Zweifel ein Signum unserer Zeit. Sich zu Wort zu melden, eine Stimme zu haben und sie insbesondere gegen Missstände zu erheben, ist in unserer Gesellschaft zu einer festen Formel geworden. Dabei ist nicht zu übersehen, dass die Äusserungen wohl bei Protesten auf der Strasse geschehen, nicht selten aber auch als Buchstabenfolgen im Netz Fahrt aufnehmen. So ist der Aufschrei zwar stumm, doch darum nicht weniger laut – der guten alten Schrift sei Dank.

Plattform „Onlyfans“: Die Mädchen von nebenan

Auf der Plattform „Onlyfans“ wird Sex als Lifestyle verkauft. Während der Pandemie stieg die Zahl der Mitglieder von sieben auf neunzig Millionen. Über die Grenzen des Legalen und Legitimen wird gestritten.

Was ich über Levi weiß: Sie lebt in Kanada. Sie hat vier Schwestern. Ihre unvergesslichste Erfahrung ist, ein Neugeborenes in den Armen zu halten. Junges Leben, sagt sie, „ein großartiges Gefühl“. Sie ist nicht selbstbewusst und fragt sich jedes Mal, nachdem sie etwas hochgeladen hat, ob sie es nicht gleich wieder löschen soll. Levi hat langes rotes Haar und große Brüste. Sie hat keine Angst, dass sie jemand deshalb nicht ernst nehmen könnte, denn sie „möchte absolut nicht ernst genommen werden“. Und, „zum tausendsten Mal“: Sie macht keine Pornos.

Levi heißt mit vollem Namen Levi Coralynn, was selbstredend nicht ihr echter Name ist. Sie wurde mir über Instagram angezeigt, dort hat sie zwei Kanäle: YourLittleRedhead mit 51.000, LeviCoralynn mit 363.000 Followern. „Thanks for following“ steht da, und „I love you“. Darunter ein „Linktree“, dessen Blätter, wenn man darauf klickt, fast alle wichtigen Plattformen darstellen: Youtube, Twitter, Tiktok. Facebook, Reddit, Patreon. In der Baumkrone: Onlyfans.

Eigentlich darf das Levi nicht mehr, ihr Onlyfans bewerben. Zum Ende letzten Jahres veränderte Instagram seine Richtlinien: „Versuche, sexuelle Dienstleistungen für Erwachsene oder Handlungen, die im Zusammenhang mit Prostitution stehen“ sollen fortan „koordiniert“ werden. Wenn „Inhalte sexuelle Begegnungen oder gewerbliche sexuelle Dienstleistungen zwischen Erwachsenen fördern oder unterstützen“, dann sei eine „Grenze erreicht.“ Dann wird man gelöscht.

Ja, die Grenze. Wo die sich befindet, ist bekanntlich die große Frage, wenn es um Sex geht, und eine, die seit #MeToo heftig diskutiert wird: Wann hört Flirten auf und beginnt Belästigung? Wo hört Nacktheit auf und beginnt Erotik? Wo endet Einvernehmlichkeit, wo beginnt Übergriffigkeit? Und: Ist sie objektiv auszumachen, diese Grenze, oder kann sie doch nur subjektiv, gar situativ festgestellt werden?

Levi jedenfalls zieht von sich aus eine, indem sie unterscheidet. Sie mache keine Pornos, sie ist eine „Kreative“. Auf Instagram inszeniert sie sich in freizügigen Fotos oder kurzen Videoclips, kaum geschminkt, in Shirts und kurzen Röcken. Das Mädchen von nebenan. Und wer mehr von ihr sehen möchte, kann auf Onlyfans oder Patreon ihr Abonnent werden: Für sechs Euro im Monat bekommt man Nacktfotos, für 20 Euro mehr.

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Onlyfans gibt es bald seit fünf Jahren. Die Idee ihres Begründers Tim Stokely ist simpel: eine Plattform für Influencer, die Lifestyle vermarkten und dort schöne Bilder und Videos von Kochen, Yoga, Fitness, aber – wer mag – auch Sex hochladen. Eine grenzüberschreitende, konsequente Fortsetzung von Instagram quasi. Hier dürfen sich Menschen also „sexuell begegnen“ – ja, sie dürfen sogar Geld damit verdienen. 80 Prozent ihrer Einnahmen streichen sie selbst ein, der Rest geht an das Londoner Unternehmen.

Zwei Dinge, die Menschen im Pandemiejahr 2020 fehlten: Geld und Sex, und es verwundert daher nicht, dass Onlyfans’ Mitgliederzahl innerhalb eines Jahres von 7 auf 90 Millionen anstieg, davon eine Million „Kreative“ – 2019 waren es noch 120000 gewesen. Stars, wie die Schauspielerin Bella Thorne oder Sängerin Cardi B meldeten sich an und wurden prompt kritisiert, weil es ihnen doch wohl weder an Sex noch an Geld fehle. Thorne hatte Bilder verkauft, die sie schon auf Instagram gepostet hatte. Onlyfans machte daraufhin seine Regeln strenger: Trinkgelder und Bilderpakete durften einen gewissen Preis nicht überschreiten. Sie hatte, wie vereinbart, nicht eine Grenze überschritten und sich noch etwas nackter als sonst gezeigt; dafür wurden dann diejenigen bestraft, die auf Trinkgelder angewiesen wären.

Wie Sexarbeiterinnen und Stripper, die versuchten, auf den lukrativen Sexarbeitsmarkt im Netz umzusteigen, wenn Clubs und Bordelle geschlossen sind. Aber auch Kellnerinnen, die beispielsweise in den Vereinigten Staaten nicht gekündigt wurden (mit der Aussicht, es könne bald „weitergehen“) und daher weder Gehalt noch Arbeitslosengeld erhielten. Furore machten dann Berichte über eine Krankenpflegerin, eine Lehrerin, eine Mechanikerin, die parallel Geld auf der Plattform verdienten und gar ihren Job kündigten, um mit erotischen Inhalten ein Vielfaches ihres vorigen Gehalts einzunehmen. Oder die dann doch gekündigt wurden. Mit einer Kollegin, die etwas mit Prostitution zu tun haben könnte, möchte schließlich niemand zusammenarbeiten.

IsMyGirl, ein Konkurrent von Onlyfans, suchte gleich gezielt, die Verliererinnen der Corona-Krise auszumachen: Laut Recherche von Vice warb die Seite aktiv Hotelangestellte oder McDonald’s-Mitarbeitende an, die entlassen worden waren. Verlockend: Sie könnten 90 Prozent Anteil behalten. Die Seite konnte 30 Prozent mehr Anmeldungen verzeichnen.

Der neue Plan von Facebook birgt eine Gefahr

Erst hat Facebook den Nachrichten in Australien den Saft abgedreht. Jetzt stellt das weltgrößte soziale Netzwerk den Strom für Verlage, die Facebook nutzen, wieder an. Zu groß war der öffentliche Druck. Die nun erzielte Einigung könnte am Ende aber zu einer Spaltung führen.

Nach dem Lockdown kommt die Lockerung – auch bei Facebook. Weniger als eine Woche nach der Entscheidung, Nachrichteninhalte in Australien zu blockieren, ist der Anbieter des weltgrößten sozialen Netzwerks zurückgerudert. Bald schon sollen die Nachrichtenseiten, die Medien bei Facebook mit ihren Inhalten bespielt haben, wieder sichtbar sein – und damit wäre es auch für Nutzer wieder möglich, Artikel von Zeitungen im Netzwerk zu posten.

Die Rücknahme der Nachrichtenblockade kann als Reaktion auf die für das amerikanische Unternehmen extrem schädliche Außenwirkung gewertet werden. Facebooks Entscheidung war nicht nur von Politik und Medien, sondern auch von Organisationen wie Human Rights Watch kritisiert worden.

Warum ist der Machtkampf in Australien so bedeutsam und auch in deutschen Medien so prominent geschildert? Die Auseinandersetzung zwischen der Politik, die mit einem neuen Mediengesetz digitale Plattformen zu Zahlungen an Medien verpflichten will, und großen Digitalkonzernen als Betreiber ebendieser Plattformen, spiegelt die Entwicklung in den USA und Europa. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass Australien einen Stellvertreterkrieg für die Welt führt“, sagte der australische Schatzkanzler Josh Frydenberg.

Die Wortwahl ist martialisch, die Gesetzeslage unterscheidet sich je nach Kontinent und Land, doch tatsächlich hat der Konflikt um Ausgleichszahlungen für die Nutzung journalistischer Inhalte den Charakter einer möglichen Blaupause für Regierungen in vielen Ländern. Im Kern geht es immer um das Ziel, Digitalkonzerne zu Verhandlungen mit Medienunternehmen zu verpflichten. Der Hebel, über den dieses Ziel erreicht werden soll, unterscheidet sich – vom Kartellrecht bis zum Urheberrecht sind verschiedene Ansätze für eine Regulierung denkbar.

Gesetz wird aufgeweicht

Doch Facebook hat in Australien nicht nur klein beigegeben – Facebook hat auch etwas zu eigenen Gunsten erreicht. Der im Gesetz festgelegte Verhandlungszwang soll nun modifiziert werden. Facebook fürchtete sich wie Google vor einem Mechanismus, der im Falle einer gescheiterten Verhandlung ein Schiedsgericht aktiviert hätte, das die Höhe der zu zahlenden Beträge an Medienunternehmen festlegt. Die Summe der Beträge sei damit unkalkulierbar. Dieser Mechanismus soll nun nur als letzter Ausweg aktiviert werden. Bis dahin gebe es nun mehr Spielräume und mehr Zeit, um zwischen Facebook und Medien zu einer gütlichen Einigung zu kommen.

Doch Stichworte wie „mehr Flexibilität“ und „mehr Spielraum“ bedeuten häufig, dass es auch mehr Schlupflöcher gibt, um sich vor einer Einigung zu drücken. Diese soll es aber ebenfalls nicht geben. Die Digitalkonzerne müssen demnach nachweisen, dass sie alle Anstrengungen unternommen haben, um zu einer Einigung mit Medienunternehmen zu kommen. Sich vor Verhandlungen komplett zu drücken, soll nicht möglich sein – einzig der Weg zu einer Einigung ist weniger reglementiert.

Konkret bedeutet das: Facebook tritt ab sofort, wie zuvor Google, in Verhandlungen mit Medienunternehmen. Der Suchmaschinenkonzern Google hatte bereits vorgemacht, wie eine etwas elegantere Möglichkeit aussieht, das australische Gesetz zumindest zu entschärfen. Denn wenn ein Medienunternehmen einen Deal mit Google oder Facebook eingeht, muss das im Gesetz vorgeschriebene Prozedere erst gar nicht eingeleitet werden.

Google hat mit dem Projekt „Google News Showcase“ eine Art Hülle geschaffen – seit einigen Monaten schon schließt Google Lizenzvereinbarungen mit Hunderten von Verlagen auf der ganzen Welt ab, auch in Deutschland. In diese Hülle hinein schicken die Verlage eine festgelegte Anzahl von Artikeln pro Tag und werden dafür mit einer Pauschalsumme bezahlt. Google wiederum nutzt die Beiträge für ein Nachrichtenangebot.

Lizenzen als Spaltpilze?

Facebook hat ein ähnliches Angebot in Vorbereitung, das Facebook News heißt. Aktuell laufen Verhandlungen auch mit deutschen Verlagen. Facebook News heißt dann auch die Lösung für Australien: Alle Verlage, mit denen man sich einigt, liefern ihre Beiträge an Facebook und die machen daraus einen Nachrichtenmix, der sich freilich je nach Nutzerinteressen unterscheidet.

Problem erkannt, Problem gelöst? Ganz so einfach ist es nicht. Zunächst müsste sichergestellt werden, dass tatsächlich alle Medienunternehmen, die laut Gesetz berechtigt sind, auch in Verhandlungen mit Google, Facebook und anderen Plattformen treten können. Die Gefahr, die droht, ist die Spaltung der Medienindustrie in die „haves und have-nots“. Also in diejenigen, die Deals aushandeln können, weil sie groß und bekannt sind – und diejenigen, die in der Nische publizieren, in ländlichen Regionen oder mit Spezialangeboten auf dem Markt sind.

Amazon-Technikchef: IT-Sicherheit großes Problem nach Corona-Pandemie

Die zunehmende Digitalisierung des Alltags in der Corona-Krise bringt nach Einschätzung des Amazon-Technikchefs Werner Vogels neue Herausforderungen für die Sicherheit im Netz. In der Pandemie seien viele unerfahrene Nutzer von Online-Diensten dazugekommen, die leichte Beute für Cyberkriminelle werden könnten, warnte Vogels bei einem Auftritt bei der Innovationskonferenz DLD All Stars. „Wir müssen unsere Sicherheitsmaßnahmen aufrüsten. Das ist entscheidend.“

Attacken immer attraktiver

Zugleich würden mit der Verlagerung immer mehr Teilen des Alltags ins Internet die Attacken insgesamt attraktiver. Die „schlechten Akteure“ im Netz entwickelten sich genauso schnell wie die guten. Amazon ist über AWS ein führender Anbieter von Cloud-Diensten für Start-ups und etablierte Unternehmen. Die Sicherheit sei heute das Thema Nummer eins in seinen Gesprächen mit Kunden, sagte Vogels. Unternehmen griffen auch zu Cloud-Plattformen, weil sie sich nicht zutrauten, ihre Systeme auf eigene Faust zu schützen. Sicherheit sei ein Problem, das nicht mehr verschwinden werde.

Warum Amazon sich jetzt von Blinden helfen lässt

Der Online-Händler holt sich in Deutschland Rat bei sehbehinderten Menschen. Ein erstes Ergebnis: Der digitale Sprachassistent Alexa kann jetzt Hörfilme per Befehl abspielen. Doch dem US-Konzern geht es bei der Zusammenarbeit um weit mehr.

Der Online-Händler Amazon holt sich bei der Entwicklung neuer Funktionen Hilfe von ungewohnter Seite. Gemeinsam mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) will der Konzern seinen digitalen Sprachassistenten Alexa und das E-Commerce-Angebot weiterentwickeln.

„Den Zugang zu Inhalten zu vereinfachen, ist eine der Ideen, die hinter Alexa stehen“, sagte Amazon-Deutschlandchef Ralf Kleber im Gespräch mit WELT. „Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hilft uns dabei, die Technologie zielgerichtet weiterzuentwickeln.“ Amazon sei auf Experten angewiesen, um Lösungen so zu bauen, wie sie auch tatsächlich gebraucht werden.

Den Anfang macht ein sogenannter Alexa-Skill, mit dem Blinde und Sehbehinderte per Sprache auf fast 4000 Hörfilme aus den Mediatheken der Sender ARD, ZDF und Arte zugreifen können. Als Skill bezeichnet Amazon Anwendungen, die Alexa neue Funktionen beibringen, beispielsweise das Vortragen der Wettervorhersage oder das Abrufen von Nachrichten. „Der Skill Hörfilm ist ein gutes Beispiel, wie man blinden und sehbehinderten Menschen einen unkomplizierten Zugang zu Kultur und Medien und damit zu mehr Teilhabe ermöglichen kann“, sagte Andreas Bethke, Geschäftsführer des DBSV.

Hörfilme sind Filme mit Audiodeskiption, bei denen das Geschehen per Sprache beschrieben wird, damit blinde und sehbehinderte Menschen visuelle Vorgänge wahrnehmen können. Die öffentlich-rechtlichen Sender stellen einen großen Teil der Filme, Serien und Dokumentationen am Hauptabend mit Audiokommentierung zur Verfügung.

Spracherkennung für viele bereits ein alltägliches Instrument

Doch bisher müssen die Inhalte über die jeweiligen Mediatheken ausgesucht und abgespielt werden. Dazu mussten Blinde jedoch wissen, wie jede einzelne Mediathek strukturiert ist, um hier mit der Fernbedienung oder der Computermaus den richtigen Weg zum Film zu finden. Über Lautsprecher mit eingebauter Alexa-Funktion ist dies künftig übergreifend mit Sprachbefehlen möglich wie beispielsweise „Alexa, öffne Hörfilm und spiele die aktuelle Folge von Babylon Berlin“.

„Wir haben in den vergangenen Jahren viel Feedback von Menschen mit beeinträchtigtem Sehvermögen bekommen“, sagte Amazon-Deutschlandchef Kleber. Deswegen sei der Konzern auf den DBSV zugegangen. Die Hörfilm-Funktion, die in Zusammenarbeit mit den TV-Sendern innerhalb weniger Monate entstanden ist, soll dabei jedoch nur der Anfang sein.

„In der Spracherkennung liegen riesige Chancen“, sagte auch DBSV-Chef Bethke. Für viele Menschen mit Seheinschränkung könne diese Technologie ein Stück mehr Selbstständigkeit bedeuten. „Wir können mit dieser Zusammenarbeit auf Verbesserungen hinwirken.“ Es sei gut, dass Amazon hier mit dem Hörfilm-Skill einen Anfang mache. Zugleich hofft Bethke, dass auch andere Anbieter nachzögen.

Spracherkennung ist für viele Blinde und Sehbehinderte bereits ein alltägliches Instrument – insbesondere auch bei der Benutzung von Smartphones. Entsprechende Funktionen sind sowohl in Apples iPhones als auch in Android-Smartphones eingebaut. Diese Geräte enthalten auch Funktionen, wie VoiceOver, bei denen Bildschirminhalte synthetisch vorgelesen werden.

Mode lässt sich von Blinden praktisch gar nicht einkaufen

Selbst am Computer lassen sich Webseiten navigieren, wenn sie nach den Standards der Barrierefreiheit programmiert sind. „Das ist oftmals aber nicht der Fall“, erklärt DBSV-Chef Bethke, der darauf angewiesen ist, weil er selbst bereits als Kind erblindete. „Dabei ist es derzeit in der Pandemie wegen der geschlossenen Geschäfte für Blinde und sehbehinderte Menschen besonders wichtig, dass sie online einkaufen können“, sagt er.

Dass es hier Nachholbedarf gibt, musste auch Amazon sich zeigen lassen. Bei einer Präsentation war das Ergebnis erschütternd: Mode lässt sich von Blinden auf dem Portal praktisch gar nicht einkaufen. „Barrierefreiheit war in der Vergangenheit kaum ein Thema bei Amazon“, sagte Deutschlandchef Kleber. „Das wollen wir jetzt ändern.“

Mit der neuen Alexa-Hörfilm-Funktion will Kleber auch ein Signal an die anderen europäischen Landesvertretungen von Amazon senden – und hofft auf Nachahmer. Tatsächlich gibt es ähnliche Bemühungen bereits in den USA. So hat Amazon dort mit dem „Vista Center for the Blind and Visually Impaired“ in Kalifornien zusammengearbeitet und die Funktion „Show and Tell“ entwickelt.

Blinde können nun Gegenstände wie beispielsweise Lebensmittelpackungen vor die Kamera eines Smart-Displays mit Alexa halten und erfahren, was es ist. Alexa nutzt hierfür die Bilderkennung – eine Funktion, die für Blinde vor allem in der Küche sehr hilfreich ist. In Deutschland ist diese Funktion jedoch noch nicht verfügbar.

Warum wirbt die „Süddeutsche Zeitung“ bei „Breitbart“?

Es ist nicht das erste Mal, dass Volkswagen ins Fettnäpfchen tritt: In den vergangenen Tagen sorgte der Autobauer für Kopfschütteln, weil er beim rechtskonservativen US-Nachrichtenportal „Breitbart“ Werbung schaltete. Inzwischen hat VW davon Abstand genommen und die Ausspielung der Anzeigen bedauert. Doch auch andere deutsche Unternehmen waren dort zuletzt mit Werbung vertreten, darunter Condor und – man höre und staune – sogar die „Süddeutsche Zeitung“.

Im DWDL.de-Podcast „Zwei Herren mit Hund“ stellt Kai Blasberg daher die spannende Frage: „Was macht der Werbebanner einer deutschsprachigen linksliberalen Zeitung auf der Seite eines rechtsradikalen Amerikaners?“ Thomas Koch verweist auf die „Technologisierung der Werbung“, mit der offensichtlich einige Tücken einhergehen: „Wenn man nicht aufpasst, dann landet man auf Seiten, die die ‚Süddeutsche‘ nicht wollen kann, in diesem Fall stark rechtsextremistisch.“

Außerdem im Podcast: Ein Blick zurück auf die Hochphase von Gruner+Jahr – in eine Zeit der Begrenzung des Werberaums. „Die waren überall die Nummer Eins“, erinnert sich Thomas Koch. „Du konntest als Mediaplaner blind – egal, welche Zielgruppe du hattest – irgendwas von Gruner+Jahr kaufen.“

Interaktives Fernsehen: Warum es keine Option ist

Netflix hat mit „Du gegen die Wildnis“ in dieser Woche einen weiteren Versuch im Bereich Interaktives Fernsehen unternommen. Das vermeintlich originell Konzept ist jedoch ein einziger Trugschluss.

Martin Scorsese hat mal wieder die Hand erhoben. Nachdem der Hollywood-Regisseur schon einmal vor gut einem Jahr Disney für seine Marvel-Filme kritisierte und ihnen als „Vergnügungsparks“ den Kinocharakter absprach, sind jetzt die Streamingdienste in sein Visier geraten. Reichlich spät, zugegeben, und immerhin muss Scorsese selbst eingestehen, von Netflix etwa zu profitieren. Mit „The Irishman“ ist das über dreistündige Resultat bekanntlich im Netz zu sehen.

Aber dennoch, das Gezeter im Internet springt auf Scorseses Seitenhiebe an und fühlt sich (hoffentlich) ertappt. In einem Essay für das Harper’s Magazine beschwört der Regisseur seine Liebe zu Filmemacher Frederico Fellini und grenzt ihn vom Großteil des Gegenwartskinos ab. Scorseses Nostalgie-Schwärmerei kann man belächeln, den ersten Teil seines Textes kann und sollte man hingegen nicht ignorieren.

Nur noch „Content“

„Die Kunst des Kinos“, schreibt Scorsese, „wird systematisch abgewertet, außer Kraft gesetzt, herabgewürdigt und reduziert auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf ‚Content‘.“ Alle bewegten Bilder würden heute unter dem Business-Begriff „Content“ zusammengefasst. „Alles wird dem Betrachter auf Augenhöhe präsentiert, was demokratisch klingt, aber es nicht ist. Wenn weiteres Sehen durch Algorithmen ‚vorgeschlagen‘ wird, die auf dem basieren, was Sie bereits gesehen haben, und die Vorschläge nur auf Themen oder Genres basieren, was bedeutet das dann für die Kunst des Kinos?“, prangert der Regisseur weiter an. Nicht nur für das Kino!

Was Scorsese anspricht, betrifft in seiner Verflechtung gleichermaßen Kinofilme, Serien, Fernsehen, Formen des Konsumierens allgemein. Es fallen einem auf Anhieb unzählige Beispiele ein. Egal ob es hunderte, nicht enden wollende Netflix-Serien sind, Neuverfilmungen, Spin-Offs, Prequels in den Kinos, Streaming-„Inhalte“ von Disney, die in einer Quantität angekündigt werden, dass man glaubt, die aktuellen Lotto-Zahlen vor sich zu haben.

Eine Kritik daran muss nicht sofort bedeuten, dass all diese „Inhalte“ keine Berechtigung haben. Ebenso wenig sind alle davon verwerflich oder ist per se etwas gegen ein gesundes Recht auf Unterforderung einzuwenden. Nur ihre naive Rezeption und ihr Wachstum sind alarmierend, das die (durchaus vorhandenen) Gegengewichte aus dem Diskurs zu verdrängen droht. Das Übel liegt nicht allein bei denen, die sie anbieten, sondern bei denen, die sich ihnen allzu blind hingeben. Der wachsende Resonanzboden ist das, was zu denken geben sollte.

Über die Unmündigkeit

Der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner skizzierte etwa im vergangenen Jahr in seinem Sachbuch „Streamland„, wie Streamingdienste ihr Publikum entmündigen und zu reinen Konsumenten erziehen. Ähnliches kritisiert auch Scorsese. Wie jene Lust an der Unterforderung heute so weit reicht, dass die Anbieter sie dazu nutzen, Zuschauer in ihren individuellen, algorithmisch organisierten Filterblasen abtauchen zu lassen. Ähnliches dominiert, Wünsche werden erfüllt. Auseinandersetzung, Irritation, ein Eröffnen von Horizonten, das Potential von Kunst gehen verloren. Ein beachtlicher Teil von Film-, Serien- und Fernsehkultur wird damit zu Wellness erklärt.

Marcus S. Kleiner führt diesen Gedanken weiter und sieht in dieser Entwicklung eine Gefahr für ein demokratisches Bewusstsein, wenn sich alle in diese Filterblasen zurückziehen und die Verantwortung unbedarft abgeben. Dienste wie Netflix suggerieren zwar eine Auswahl, letztendlich landet aber nur das auf der Startseite, was der Algorithmus für den Nutzer bereits gefiltert hat, ist Kleiners Erläuterungen zu entnehmen. Hauptsache ist, immer weiter zu konsumieren. Autoplay macht’s möglich! Seit einiger Zeit können Ungeduldige sogar die Geschwindigkeit erhöhen, um noch mehr Serienepisoden in kurzer Zeit zu schauen.

Blödsinniger Wildnis-Trip

Um bei Netflix zu bleiben: Das aktuellste Beispiel für diese Form des leeren Konsums und der Schein-Freiheit ist erst in dieser Woche erschienen. Nach beispielsweise „Black Mirror: Bandernsatch“ (2018) hat der Dienst nun die Mitmach-Show „Du gegen die Wildnis“ veröffentlicht. In der Serie soll das Publikum mit Protagonist Bear Grylls interagieren und sich mit ihm gemeinsam durch die raue Natur schlagen. Fernsehunterhaltung aus der Zukunft? Eine neue Form, Serien und Filme zu rezipieren? Mitnichten!

In der ersten Folge geht es etwa darum, eine Ärztin im Urwald aufzuspüren, um Kinder in einem Dorf zu retten. Unterwegs hat man dann per Klick immer wieder die Wahl, wie man ans Ziel kommt. Welche Ausrüstung nimmt man mit? Soll man über einen Baumstamm klettern oder sich per Liane über den Abgrund schwingen?

Netflix bietet damit einen Kinderspielplatz im Corona-Wohnzimmer. Man muss für das Abenteuer nicht einmal mehr nach draußen gehen. Der Fernseher genügt, etwas karitativer Plot obendrauf und schon ist das Gewissen beruhigt! Entscheidungsfreiheit wird dort suggeriert, wo eigentlich alles feststeht. Nur der Weg kann sich leicht unterscheiden. Verhöhnt wird damit der Fakt, dass TV-Shows, Serien und Filme von Natur aus immer interaktiv sind, nämlich im Moment der unweigerlichen Auseinandersetzung und Konfrontation mit ihnen, auch wenn man gerade nicht in das unmittelbare Geschehen eingreifen kann. Es hat solche Versuche des interaktiven Erzählens in der Kunst schon länger gegeben, weiterentwickelt haben sie sich nicht.

„Sie haben die Wahl!“

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen lässt man sich auf ähnlichen Unsinn ein. Dort entdeckte man etwa die Stoffe von Ferdinand von Schirach und stilisierte sie zu großen Publikums-Experimenten hoch. In diesen Filmen muss dann das Publikum am Ende explizit daran erinnert werden, dass es sich jetzt selbst eine Meinung zum Gezeigten bilden muss. Bravo, was für eine Revolution! Im letzten Vertreter, „Feinde“, konnte man beispielsweise zwischen zwei Perspektiven hin- und herschalten. Maskiert hat man dadurch lediglich eine furchtbar generische „Tatort“-Folge, die trotz zweier Blickwinkel den gleichen, schnell durchschauten Kern zu erzählen hatte.

Völlige Banalität und Leere werden in dem Moment verschleiert, in dem das Publikum zum zombiehaften Mitmach-Tippen per Maus oder Fernbedienung gezwungen wird, obwohl es innerhalb des Bildschirms oder (bald?) auf der Leinwand eigentlich nichts mehr zu entscheiden gibt. Entscheidungshoheit wird lediglich neuen filmischen Regeln unterworfen, alles im Dienste von Konsum und Quote. Solche bestimmten Versuche, Zuschauerinnen und Zuschauer zu vermeintlichen Puppenspielern zu erheben, ist nicht nur ein einziger undurchdachter Trugschluss, sondern pervertierte Kunstfeindlichkeit!

Bei dem „Bandersnatch“-Film von Netflix war das ähnlich, wenn auch cleverer konstruiert. Unterwerfung unter Technologie, ein zentrales Motiv der „Black Mirror“-Serie, wurde zum Spiel erklärt. Entscheidungsfreiheit über den Ausgang einer Erzählung suggerierte man da, wo letztlich doch nur Ohnmacht herrschte. Genau diese Ohnmacht gegenüber eines Films, einer Serie, selbst gegenüber TV-Nachrichten scheint so unerträglich, dass bestimmte Anbieter einem nun ein trügerisches Gefühl von Beherrschbarkeit zurückgeben wollen. Damit sich ein jeder seine eigene kleine Welt schaffen kann, über deren Regeln man doch nur scheinbar verfügt und die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Realität, mit – da ist das böse Wort – Inhalten vergessen lässt.

Gescheiterte Experimente

Nun wird sich die Welt auch morgen noch nach diesem jüngsten Netflix-Testlauf eines interaktiven Fernsehens weiter drehen. Ganz so, wie auch ein Martin Scorsese gar nicht erst gegen einzelne Titel, sondern gegen Strukturen ausholt. Derartige Experimente zeigen nur, was hoffentlich keine Zukunft haben wird. Allein die genannten Beispiele spiegeln ausreichend, was Anlass zur Sorge bereitet.

Interaktion, Reflexion ist dort gefragt, wo Ohnmacht und Auslieferung am unerträglichsten und zugleich am lustvollsten sind. Die Erkenntnisse, die solche Erlebnisse durch Kunst hervorbringen können, dazu braucht es kein vorgegaukeltes Mitbestimmungsrecht, Ja, es steht ihnen sogar im Wege. Eine Fernbedienung sollte in solchen Fällen höchstens zu einer Sache gebraucht werden: zum Abschalten! Am Ende des „Du gegen die Wildnis“-Piloten schlägt Bear Grylls vor, doch einfach das nächste Abenteuer zu starten oder die gerade gesehene Folge direkt noch einmal zu schauen, um zu überprüfen, ob man die Ärztin noch schneller retten kann. Die Antwort lautet: Und dann?

Facebook-Moderatoren: Wer weiß, was zu verschweigen ist?

Irische Facebook-Moderatoren beklagen ihre Arbeitsbedingungen. Das Unternehmen gemahnt an ihre Verpflichtung zur Verschwiegenheit. Dabei sagen sie, dass sie nie eine Kopie dieser Verpflichtung erhalten haben.

#stayathome: Mit diesem Hashtag versieht Leo Varadkar einige der Twitter-Botschaften an seine irischen Landsleute, in denen es immer wieder um die Beiträge der Bürger zur Eindämmung der Covid-Pandemie geht. Mitte Januar hatte der Vorsitzende der irischen Partei Fine Gael und ehemalige Premierminister sich mit Facebook-Moderatoren treffen wollen, die diesem Rat nur zu gern gefolgt wären. Allerdings waren sie angewiesen, auch im strengen irischen Lockdown ihre Arbeit nicht etwa von zu Hause aus, sondern in der Dubliner Facebook-Niederlassung zu verrichten. Der Betreiber des größten sozialen Netzwerks begründet das mit seinen Verpflichtungen zum Schutz persönlicher Daten seiner Nutzer.

Die Belastung, auch im Lockdown ins Büro fahren zu müssen, war, wie der „Guardian“ berichtet, eines der Gesprächsanliegen der Moderatoren. Sie beklagen zudem entwürdigende Überwachungsmaßnahmen. Sogar die Zeit, die sie auf der Toilette verbringen, werde gestoppt. Vor dem Gespräch mit dem Politiker hatten sich die Moderatoren von Facebook versichern lassen wollen, dass sie ohne Furcht vor Entlassungen über ihre Arbeitsbedingungen sprechen könnten. Zur Antwort bekamen sie den Hinweis auf die vertraglichen Vertraulichkeitsverpflichtungen, die sie an ihrem ersten Arbeitstag unterschreiben mussten.

Eine solche Vereinbarung, zitiert der „Guardian“ eine Stellungnahme Facebooks, habe das Unternehmen nicht mit den Moderatoren selbst geschlossen. Die Moderatoren sind bei der Firma Covalen beschäftigt, die sich beeilt zu versichern, dass sie das Recht ihrer Mitarbeiter respektiere, sich mit Politikern zu treffen. Allerdings ermutige sie ihre Beschäftigten, bei Problemen zunächst die Lösungswege innerhalb des Unternehmens zu gehen.

Glaubt man Covalen, erhält jeder Beschäftigte zusammen mit dem Arbeitsvertrag per E-Mail eine Vertraulichkeitsvereinbarung, die er unterschrieben zurücksenden solle. Jedem Mitarbeiter habe also eine solche Vereinbarung vorgelegen. Sollte sie verlorengegangen sein, schicke die Personalverwaltung gern eine Kopie. Glaubt man den Moderatoren, haben sie eine solche Erklärung vor ihrer Anstellung zwar unterzeichnet. Sie sei ihnen allerdings nur ein einziges Mal in einer einzigen Ausfertigung vorgelegt worden. Als sie vor dem Termin mit Varadkar um die Zusendung der Vereinbarung gebeten hätten, hätten weder Facebook noch Covalen geantwortet.

Umstrukturierung bei Vivendi: Vincent Bolloré, der undurchschaubare Milliardär

Für jemanden, der angeblich in genau einem Jahr in den Ruhestand gehen will, ist Vincent Bolloré erstaunlich aktiv. Aktuell hat der französische Milliardär die Umstrukturierung des Medien- und Unterhaltungskonzerns Vivendi veranlasst, den er mit seiner Beteiligung von gut 26 Prozent kontrolliert. Vivendi wird Universal Music, die Ertragsperle, die rund 70 Prozent zum Ergebnis beisteuert, an die Börse bringen und 60 Prozent der Aktien als Sonderdividende ausschütten. So schoss der Kurs des Papiers um 20 Prozent in die Höhe.

Die Herauslösung von Universal dient dazu, Vivendi und Bolloré selbst noch mehr Finanzkraft für den Aufbau einer Gruppe zu verschaffen, die sich verstärkt auf Medien und Inhalte konzentriert. Vivendi ohne Universal ist ansehnlich, aber nicht mehr sehr stark. Neben dem Bezahlsender Canal+ wird das Unternehmen noch den Videospielespezialisten Gameloft und den Buchverlag Editis besitzen. Seit Dezember verhandelt Vivendi exklusiv mit Gruner + Jahr über den Verkauf von Prisma Media, zu der in Frankreich unter anderem „Capital“, „Geo“ und „Gala“ gehören.

Was treibt Bolloré um? Keiner kann ihn so recht einschätzen. Ein intimer Kenner sagt: „Bollorés Taktik verstehe ich, doch seine Strategie ist mir ein Rätsel.“

Seine Karriere hat Bolloré, heute 68 Jahre alt, bei der Investmentgesellschaft Edmond de Rothschild begonnen. Dort lernte er, wie man mit möglichst geringem Einsatz die eigene Macht maximiert. Das väterliche Papier- und Transportunternehmen hat Bolloré im Laufe der Jahre in einen Mischkonzern umgewandelt. Er betreibt Häfen und andere Infrastruktur in Afrika, besitzt Palmölplantagen, ist stark im Transportgeschäft aktiv und hält diverse Finanzbeteiligungen. Seit dem Jahr 2014 hat er die große Beteiligung an Vivendi aufgebaut.

Rundum erfolgreich ist Bolloré aber nicht: Der Aktienkurs seiner Gruppe liegt heute auf demselben Niveau wie vor fünf Jahren. Im April 2018 wurde er verhaftet. Es wird noch immer wegen des Vorwurfs der Bestechung im Zusammenhang mit Geschäften in Afrika ermittelt. Bolloré gab die Führung von Vivendi an seinen Sohn Yannick ab, doch niemand zweifelt daran, dass der Senior noch immer das Sagen hat.

Und: In Frankreich ist die Verbindung zur Politik nicht fern: Bolloré gilt als Freund des konservativen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy, mit dem er auf seiner Yacht Urlaub machte. Doch Bolloré hat auch einmal öffentlich gesagt, er werde bei der Kommunalwahl in Paris für die Sozialistin Anne Hidalgo stimmen. Privat ist er ein traditioneller Katholik, der aber einen privilegierten Draht zur Kirche hat: Auf einem großen Terrain mitten in Paris finanziert er einen eigenen Priester samt Kapelle.

Streit mit Berlusconi endete vor Gericht

In der jüngeren Vergangenheit hat Bolloré versucht, gemeinsam mit Italiens früherem Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ein „europäisches Netflix“ aufzubauen. Der Versuch endete im Streit vor den Gerichten.

Seit wenigen Wochen hat Vivendi eine Beteiligung von rund zehn Prozent an Prisa aufgebaut, dem spanischen Medienhaus, zu dem der größte Radiosender des Landes, Cadena SER, und die einst glänzende Tageszeitung „El País“ gehören. Prisa ist stark verschuldet und wird vom Fonds Amber Capital kontrolliert. Vivendi könnte seine Beteiligung in Zukunft weiter erhöhen und damit doch noch den Grundstein zu einem südeuropäischen Medienhaus legen – das aber weit davon entfernt ist, rentabel zu sein.

Und Vivendi soll auch mit einer anderen Bertelsmann-Tochter im Gespräch sein: Von RTL wollen die Franzosen angeblich M6 übernehmen, einen Pariser TV-Sender, der auch Eigner des erfolgreichen französischen Radios RTL ist. RTL hat vor zwei Wochen mitgeteilt, dass es aus deutscher Sicht eine überzeugende Logik für die Konsolidierung von Medienhäusern in einzelnen Ländern gebe – dennoch müsse es nicht unbedingt zu einer Transaktion kommen. In Eile sei man schon gar nicht.

„Bolloré hasst es, wenn man versteht, auf was er eigentlich aus ist, deshalb redet er nie selbst und lässt gern widersprüchliche Signal aussenden.“ Das sagt einer, der lange bei Vivendi gearbeitet hat. Aber eines ist laut dem Insider sicher: „Bollorés Logik ist immer die des Geldes.“ Die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ analysiert: „Bolloré kauft gern billig ein.“ Dazu passt auch der Einstieg bei Prisa in Spanien.

„Les Echos“, eines der angesehensten Blätter Frankreichs, gehört einem der reichsten Männer des Landes, Bernard Arnault. Mit ihm liegt Bolloré über Kreuz, denn beide wollten das angeschlagene Medien- und Sportunternehmen Lagardère ausschlachten. Vor allem auf den einst strahlenden Sender Europe 1 hatten sie es abgesehen. Doch es war Arnault, der dieses Rennen gewann.

Nun beäugen sich die beiden. „Sie wollen Einfluss nehmen auf die Präsidentschaftswahl 2022“, analysiert der Vivendi-Insider. Arnault hat beste Kontakte zu Präsident Emmanuel Macron, dessen Frau er einkleidet. Bolloré dagegen hat den TV-Sender CNews zu einer Plattform für weit rechts stehende Politiker und Publizisten ausgebaut. Möglich, dass beide ein Wörtchen mitreden wollen bei der Wahl, die sich zu einem neuen Duell zwischen Macron und Marine Le Pen entwickeln könnte. Doch zunächst einmal interessiert Bolloré nur das Geschäft.

Die Medien sind kein Volkstribunal

Die informieren Sie sich über die Aktualität, die Sie regelmäßig kommentieren?
Jürg Altwegg

Ich versuche, sie ohne Scheuklappen zu verfolgen. Täglich lese ich den konservativen „Figaro“, die linke „Libération“ und die mutmaßliche Qualitätszeitung „Le Monde“. Natürlich die Nachrichtenmagazine und Zeitschriften. Vor dem Fernseher bediene ich mich der Fernbedienung: Ich zappe zwischen den vier Nachrichtensendern und verfolge viele Debatten.

Sie sind oft im Fernsehen. Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich verständlich machen können?

Vor einiger Zeit hatte ich beschlossen, nur noch ausnahmsweise an Diskussionssendungen teilzunehmen. Sie sind auf den Schlagabtausch und die Skandalisierung angelegt. Je mehr einer die Nerven verliert, umso höher sind die Einschaltquoten. Das kann dazu führen, dass ein Teilnehmer sein eigenes Denken verrät, weil man ihm systematisch ins Wort fällt und widerspricht.

Ich versuche, sie ohne Scheuklappen zu verfolgen. Täglich lese ich den konservativen „Figaro“, die linke „Libération“ und die mutmaßliche Qualitätszeitung „Le Monde“. Natürlich die Nachrichtenmagazine und Zeitschriften. Vor dem Fernseher bediene ich mich der Fernbedienung: Ich zappe zwischen den vier Nachrichtensendern und verfolge viele Debatten.

Sie sind oft im Fernsehen. Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich verständlich machen können?

Vor einiger Zeit hatte ich beschlossen, nur noch ausnahmsweise an Diskussionssendungen teilzunehmen. Sie sind auf den Schlagabtausch und die Skandalisierung angelegt. Je mehr einer die Nerven verliert, umso höher sind die Einschaltquoten. Das kann dazu führen, dass ein Teilnehmer sein eigenes Denken verrät, weil man ihm systematisch ins Wort fällt und widerspricht.

Ist Ihnen das passiert?

Ja. Es gab Sendungen, in denen ich mich aufregte. Im vergangenen September nahm ich ein Angebot von tf1 an: Auf dem Newssender LCI habe ich seither jede Woche im Gespräch mit dem erfahrenen Journalisten David Pujadas das Geschehen kommentiert. Für mich war das eine Art „TV-Kolumne“. Ich nahm mir diese Ausgabe sehr zu Herzen, und sie bereitete mir viel Vergnügen. Ich war stets gut vorbereitet.

Jetzt hat Sie Europas größter Privatsender rausgeworfen. Anlass waren Ihre Äußerungen zur Inzest-Affäre um den Verfassungsrechtler Olivier Duhamel, die Frankreich erschüttert. Was haben Sie in der Sendung gesagt?

Ich habe von allem Anfang an deutlich gemacht, dass ich sein Verhalten schrecklich finde und es dafür keine Entschuldigung gibt. Ich zitierte Albert Camus. In seinem autobiographischen Roman „Der erste Mensch“ sagt der Vater des Schriftstellers: Ein Mensch hält sich zurück. Das macht die Zivilisation aus. Duhamel hat sich nicht zurückgehalten. Gleichzeitig hatte auf den sozialen Netzwerken ein eigentliches Lynchen begonnen. Deshalb erwähnte ich den Film von Fritz Lang: „M – eine Stadt sucht einen Mörder“. Er tötet kleine Mädchen. Der Mörder wird von Kriminellen, deren Geschäfte er stört, gesucht und verurteilt. Sie bringen ihn auf grauenhafte Weise um. Auch im Bereich der Justiz muss man sich zurückhalten: Der Verzicht auf die Selbstjustiz ist ein Grundpfeiler unserer Zivilisation. Eine ihrer großen Errungenschaften. Die Justiz sucht die Wahrheit und will wissen, was genau passiert ist. Ich versuchte, den Unterschied zwischen dem Strafrecht und einem Volkstribunal aufzuzeigen. Das geschah nicht im Rahmen einer Debatte von Hitzköpfen, die sich gegenseitig das Wort abschneiden. Sondern im Gespräch mit dem erfahrenen Journalisten Pujadas, der mich interviewte und nachfragen konnte.

Der Shitstorm entzündete sich am Begriff der „Einwilligung“ des Opfers, den Sie verwendeten.

Nach dem französischen Gesetz kann es bis zum Alter von dreizehn Jahren keine Einwilligung geben. Jetzt wird diskutiert, dieses Schutzalter auf fünfzehn Jahre zu erhöhen. Das impliziert, dass sich die Frage stellt. Duhamels Opfer war dreizehn. Strafrechtlich ist das relevant. Und der Richter muss entscheiden, ob es sich um Vergewaltigung handelte. Ich habe stets das geltende Recht vertreten. Duhamels Verbrechen ist verjährt. Aber für alle, die glauben, die Gerechtigkeit zu verkörpern, ist das ein moralischer Skandal. Olivier Duhamel ist eine sehr bekannte und einflussreiche Persönlichkeit. Einer der bedeutendsten Verfassungsrechtler. Er ist nicht vorbestraft und nicht als Propagandist der Pädophilie bekannt. Auch er muss angehört werden und hat Anrecht auf einen Verteidiger – als der ich mich keineswegs betätigte. Was er tat, verschlägt einem die Sprache – es ist unfassbar und die Empörung berechtigt. Aber sie darf nicht das letzte Wort haben.

Was hatten Sie unmittelbar nach der Sendung für einen Eindruck?

Ich war zufrieden, David Pujadas war es auch. Und erleichtert: Ich hatte mich auf ein Minenfeld begeben. Aber keine einzige Mine ist hochgegangen. Meine Freunde und Angehörigen teilten diesen Eindruck. Sie hatten verstanden, was ich über das Recht und die Medien als Volkstribunal gesagt hatte. Am anderen Morgen erzählte mir mein Sohn, dass im Internet ein gewaltiger Shitstorm tobe. Ich fiel aus allen Wolken. Ein aus dem Zusammenhang gerissener Ausschnitt hatte diese Welle der Empörung ausgelöst. Noch am selben Vormittag rief ich Pujadas an, um ihm zu sagen, dass ich auf das Thema zurückkommen möchte. Er teilte mir mit großem Bedauern mit, dass „tf1“ beschlossen habe, die Zusammenarbeit mit mir einzustellen. Man hatte mich rausgeschmissen, ohne dass ich angehört wurde.

Sie haben andere Möglichkeiten, in der Öffentlichkeit Ihren Standpunkt zu erläutern. Sie sind in den audiovisuellen Medien ein gerngesehener Gast. Die Spalten der besten Zeitungen stehen Ihnen offen.

Bisher war das tatsächlich der Fall. Vor ein paar Jahren hatte ich der israelischen Zeitung „Haaretz“ ein Interview gewährt und mich auf ironische Weise über die französische Fußballnationalmannschaft geäußert. Es kam zum Skandal. Journalisten riefen mich an und stellten Fragen. Diesmal geschah nichts. Es herrschte die totale Funkstille. Ich sagte mir, dass ich nun endgültig für einen Perversling gehalten werde, mit dem man nichts mehr zu tun haben will. Ich war angegriffen worden, als ich Roman Polanski verteidigte. Und auch noch angefügt hatte, ich vergewaltige ja auch jeden Abend meine Frau. Damals ging das noch ganz knapp als Ironie durch. Jetzt bekam ich es mit der Angst zu tun.

Wie reagierten die Medien?

Alle haben meinen Rauswurf gemeldet. Aber er löste kaum Proteste aus. Olivier Duhamel hatte sich als inzestuöser Kinderschänder erwiesen, nun schienen alle damit einverstanden zu sein, dass er in den Medien gelyncht wird. Und ich mit ihm. Die Redaktion von LCI hat sich nicht gewehrt – obwohl es um ihre Meinungsfreiheit geht. Auf dem Nachrichtensender BFM-TV forderte die Feministin Caroline de Haas für mich ein totales Berufsverbot. Der Starjournalist Alain Duhamel (der nicht mit Olivier Duhamel verwandt ist, die Red.) erklärte, dass ich vom Linksradikalen zum Rechtsextremisten geworden sei. Ein Komiker witzelte auf France Inter, dem meistgehörten staatlichen Sender, ich sei gefeuert worden, weil ich das Verbrechen Inzest legitimiert hätte.

Man hatte den Eindruck bekommen, dass auch Ihre Freunde auf Distanz gingen und Sie nicht verteidigten.

Meine Freunde haben mich nicht missverstanden und auch nicht fallengelassen. Aber es gab Einwände, in der Tat: Warum einen üblen Sexualverbrecher verteidigen, der seine Taten nicht abstreitet? Meine Wortwahl wurde als nicht angemessen empfunden. Ich sei ungeschickt vorgegangen. Um auf diese Kritik zu antworten, schrieb ich einen Text, in dem ich wiederholte und präzisierte, was ich im Fernsehen gesagt hatte. Alle großen Zeitungen haben sich geweigert, ihn zu publizieren.

Welche?

Zunächst der „Figaro“ – mit der Begründung, dass man mich schützen wolle. Bei „Libération“ war man am Telefon sehr skeptisch, mein Text wäre nur zusammen mit anderen veröffentlicht worden. Ich verzichtete. Das Nachrichtenmagazin „L’Obs“ wollte ihn auch nicht publizieren, und bei „Charlie Hebdo“ sagte man mir, dass die Zeitschrift nie solche Meinungsbeiträge veröffentliche. Ich dachte, dass sie im Namen der Meinungsfreiheit eine Ausnahme machen könnte.

Und „Le Monde“?

Selbstverständlich habe ich es auch beim „Monde“ versucht, es war aussichtslos. In meiner Verzweiflung schickte ich meine Rechtfertigung an Bekannte – gewissermaßen als Samisdat. Sie wurde ins Internet gestellt. Die Erfahrung des Schweigens, auf das ich reduziert wurde, war für mich sehr deprimierend. Ich hatte tagelang keine Möglichkeit, mich gegen groteske Vorwürfe und falsche Unterstellungen zu wehren. Dann bot mir „Le Point“ ein Interview an. Seither bin ich wieder kampfbereit.

Ihre Erfahrungen sind dazu angetan, die Vorbehalte gegen die „Mainstream-Medien“ zu schüren. Nach den „Gelbwesten“ halten sich auch „kritische“ Intellektuelle an den russischen Sender RT.

Ich verstehe nicht, wie man sich auf RT einlassen kann. Nie würde ich eine Einladung von Putins Propagandasender akzeptieren. Ein Herrscher, der seine Opponenten vergiftet, muss bekämpft werden. Die französischen Medien zeichnen sich gegenwärtig nicht durch den Kampf für die Meinungsfreiheit aus. Unter dem Druck der sozialen Medien üben sie immer öfter Zensur aus. Ich werde mich weiterhin im Fernsehen äußern, allerdings sehr, sehr vorsichtig sein und mich vielleicht auch selbst zensurieren. Aber ich werde nicht aufhören, frei zu denken und zu schreiben.

Vielleicht muss man aus Ihren Erfahrungen schließen, dass es nicht mehr möglich ist, im Fernsehen Albert Camus zu zitieren und sich auf Fritz Lang zu berufen.

Vielleicht. Wenn es nur das Fernsehen gäbe, wäre es durchaus möglich, weiterhin anspruchsvolle Gespräche zu führen. Meine Sendung ist kein Skandal! Es waren die entstellenden Auszüge, die ihn auslösten. Man hat mich nicht nur entlassen, sondern auch umgehend die Sendung aus dem Internet entfernt. Man kann sie nicht mehr sehen. LCI will verhindern, dass sich die Leute ein eigenes Urteil bilden. Deshalb gehe ich ausnahmsweise vor Gericht.

Alain Finkielkraut und die Freiheit

Minutenlang schrie der zum Islam bekehrte Franzose Benjamin Weller auf den Philosophen Alain Finkielkraut ein: „Scheiß-Zionist“, „Drecksrasse“, „zionistische Lobby“, „Frankreich gehört uns“. Es war eine Szene, wie man sie sich nicht mehr vorstellen konnte und wie es sie seit 1945 auch nicht gegeben hatte. Sie spielte sich am Rande einer „Gelbwesten“-Demonstration ab.

Zuvor war Finkielkraut von linksextremen Demonstranten der revolutionären „Nuits Debout“ in Paris bespuckt, beschimpft und vertrieben worden: Er wollte sich vor Ort ein Bild der Revolte machen und mit Demonstranten diskutieren.

Finkielkraut ist Autor zahlreicher Essays, von denen viele in deutscher Sprache vorliegen. Er ist Mitglied der „Académie Française“. Auf LCI lief seine Sendung „Finkielkraut en Liberté“. Gegen seinen Rausschmiss protestieren nur ein paar Philosophen (Rémi Brague) und Historiker (Jean Clair, Mona Ozouf) in der Zeitschrift „Causeur“: „Gegen die Diktatur der Emotionen“. Es gab, schreiben die Autoren, „keine Anhörung“ des Angeklagten Finkielkraut. Das Urteil: die „umgehende Exekution“. Unterzeichnet haben das Manifest auch Marcel Gauchet und Pierre Nora, die kürzlich nach vierzig Jahren ihre renommierte Zeitschrift „Le Débat“ einstellten: Die „Erinnerungsgesetze“ machen die Geschichtsschreibung, die Minderheiten mit ihrem intellektuellen Terror die öffentliche Debatte unmöglich.

„Ich bin ein digitaler Analphabet“, sagte der Philosoph im Gespräch: „Und weder auf Twitter noch Facebook präsent. Das Internet ist mir fremd, und wenn ich einen Brief schreiben muss, diktiere ich ihn meist meiner Frau. Ich habe auch kein Handy. Ich gehöre zur Welt von gestern.“

ÖVP-Frauen kritisieren sexistisches Twitter-Gedicht von „Falter“-Chef Thurnher

Am 06. und 07.02. hat der „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher ein Gedicht gepostet, in dem er sich via Twitter ausschließlich und ausgiebig über Ministerinnen der ÖVP lustig machte. In dem inzwischen gelöschten Tweet mit dem Titel „Der Kanzler und seine stark türkisen Frauen“ war unter anderem davon die Rede, auf wen Verteidigungsministerin Klaudia Tanner stehe und dass er Frauen- und Familienministerin Susanne Raab sowieso als „Ganze g’fressen“ habe.

Sexismus im Netz

ÖVP-Politikerinnen zeigten sich in einer Aussendung empört über den sexistischen Ton des Gedichts und verwiesen darauf, dass gerade Frauen im Netz Sexismus und Hasspostings ausgesetzt seien. „Wir sehen ein weiteres trauriges, niveauloses Beispiel der Frauenverachtung und des Hasses im Netz gegen Frauen. Gerade von Medien erwarte ich mir mehr Sensibilität“, erklärt die Bundesleiterin der ÖVP-Frauen, Juliane Bogner-Strauß.

Der sexistische Tweet, hieß es in der Aussendung der ÖVP-Frauen, beleidige nicht nur die angesprochenen Ministerinnen, sondern sei auch eine Herabwürdigung aller Frauen. „Wer diesen Zeilen eine öffentliche Bühne bietet und glaubt, damit einen humorvollen Beitrag in den sozialen Medien zu leisten, verkennt den Ernst der Lage.“

Nachschlag

Die Generalsekretärin der ÖVP-Frauen, Stephanie Lamezan-Salins, kritisiert Thurnher vor allem in seiner Rolle als Medienmacher: „Gerade Armin Thurnher sollte die Grenze zwischen feiner Satire und plumper Beleidigung besser kennen.“ Nachdem Thurnher seinen Tweet gelöscht hat, ist nun eine „korrigierte“ Fassung, wie Thurnher es formuliert, online. Darin reagiert er auf die Kritik mit teils sarkastischem Lob für die Ministerinnen. Die ÖVP-Ministerinnen dazu: „Auch die heute veröffentlichte revidierte Fassung zeigt keinerlei Selbstreflexion oder Fehlerbewusstsein.“

Gottschalk hält Wutrede gegen die Öffentlich-Rechtlichen

Thomas Gottschalk hat in der Audio-App Clubhouse eine knapp dreiminütige Wutrede gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehalten. Der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit sei „einfach katastrophal“.

So hat Gottschalk den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen „einfach katastrophal“ genannt. Er sei „voll heiligem Zorn, was die Chancen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens betrifft und wie wenig daraus gemacht wird“.

„Wir senden uns hier in einem Verwaltungsmoloch zugrunde, wo die Anstalten sich gegenseitig nicht das Schwarze unter den Nägeln gönnen“, sagte er laut Bericht. Er sei der Meinung, „dass es jetzt Corona-Stäbe gibt, die schon Angst davor haben, dass die Seuche in den Griff zu kriegen ist, weil dann sämtliche Krisenstäbe eingestampft werden. So was können sie.“

Die öffentlich-rechtlichen Sender seien nicht einmal in der Lage, ihre eigenen Programme zu promoten und ins Fenster zu stellen, „weil dann der MDR sagt: Moment, wir senden gegen den SWR im Dritten. Die treten sich gegenseitig auf die Füße, da ist kein Gesamtmanagement dahinter.“

In der sich anschließenden Diskussion habe Gottschalk gesagt, dass er die Zukunft der ARD „eher im Radio“ sehe, wo er eine „größere Hörernähe“ und „teilweise geniale Beiträge“ wahrnehme. Auf den Kulturwellen gebe es „unglaublich tolle Features“ – das sei „der öffentlich-rechtliche Auftrag“.

Die Kritik hält Gottschalk allerdings nicht davon ab, in diesem Jahr für den Südwestrundfunk (SWR) eine achtteilige TV-Show-Reihe mit dem Titel „Nochmal 18!“ zu moderieren.

Internetbetreiber: Telekomgesetz-Novelle führt aufs Abstellgleis

Die Begutachtung für die Novelle des Telekommunikationsgesetzes (TKG), mit der die zuständige Ministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) die EU-Vorgaben umsetzen und Österreich beim Breitband-Ausbau auf die Überholspur bringen will ist beendet. Dieses Ziel wird nach Ansicht der Internetbetreiber aber klar verfehlt, vielmehr würde „Österreichs Weg aufs Breitband-Abstellgleis im EU-Vergleich“ damit fortgesetzt, kritisiert ISPA-Generalsekretärin Charlotte Steenbergen.

Katastrophenwarnsystem

Der 220 Seiten starke Entwurf, mit dem das aus dem Jahr 2003 stammende TKG novelliert werden soll, bringe vor allem für Konsumenten einige wesentliche Neuerungen, heißt es aus dem zuständigen Ministerium. „Die Einrichtung eines öffentlichen Katastrophenwarnsystems ist von enormer Bedeutung, so können künftig behördliche Warnungen gezielt und regional an alle Mobilfunk-Nutzer in der betroffenen Region geschickt werden“, erklärte Köstinger laut Mitteilung. „Auch die Aufwertung der europäische einheitlichen Notrufnummer 112, an die Notrufe auch per SMS geschickt werden können, oder die transparentere Gestaltung von Verträgen zwischen Kunden und Anbieter zählen dazu.“

Erklärtes Ziel ist es auch, den Netzbetreibern mehr Investitionssicherheit beim Breitbandausbau zu geben, etwa durch die Festlegung einer Mindestvergabedauer für Frequenzen im Mobilfunkbereich oder die wettbewerbsrechtliche Vereinfachung von Kooperationen zwischen Betreibern beim Netzausbau. So soll die gemeinsame Nutzung von Sendemasten erleichtert werden, um die Anzahl der Masten zu reduzieren und den Ausbau in entlegeneren Gebieten attraktiver zu machen. Weiters soll die europaweite Verpflichtung zum Digitalradio-Empfang in Autoradios umgesetzt und ein Monitoringsystem zur Identifizierung etwaiger „Hochrisiko-Zulieferer“ beim Aufbau von 5G-Netzen eingeführt werden.

Prüfung folgt

„Alle Stellungnahmen und Anmerkungen werden in den nächsten Wochen sorgfältig geprüft und fließen in die Entscheidungsfindung und den weiteren Gesetzgebungsprozess ein“, so Köstinger. Die Behandlung im Parlament sei noch vor dem Sommer geplant.

Die Kritikpunkte seitens der Internetbetreiber sind zahlreich. Der vorliegende Entwurf schaffe zusätzliche Belastungen und sei eine Investitionsbremse, warnt ISPA-Generalsekretärin Steenbergen. Weite Teile der Bevölkerung gerade im ländlichen Raum würden dadurch noch auf Jahre vom schnellen Internet ausgeschlossen.

Ein Hindernis sei die Ausgestaltung der Leitungsrechte, etwa bei der Verlegung von Glasfaserleitungen unter Feldern oder Straßen. Dabei sei den Interessen einiger Grundeigentümer Vorrang gegeben worden vor dem Gesamtinteresse der Bevölkerung. „Absolut unverständlich“ seien z.B. neue Regelungen wie etwa eine Haftung der Betreiber für Folgeschäden ohne jegliches Verschulden sowie umgekehrt eine de facto Haftungsbefreiung für Schäden an der Infrastruktur durch die Grundeigentümer.

Der Branchenverband ISPA (Internet Service Providers Austria), dem u.a. auch die Mobilfunker Magenta und Drei (Hutchison) angehören, aber nicht A1 Telekom Austria, kritisiert auch mangelnden Wettbewerb in Österreich. Die Marktanteile von A1 würden seit Jahren auf weit über 50 Prozent stagnieren. Die im EECC (European Electronic Communications Code) vorgesehenen Möglichkeiten, Regulierungsaufgaben durch Ko-Investitionsvereinbarungen in Infrastrukturausbau und private Vereinbarungen über Zugangsleistungen zu ersetzen, sollten daher höchstens als Ergänzung und nicht als Ersatz für die notwendigen Regulierung eingesetzt werden, fordern die Mitbewerber des Marktführers.

Huawei unter Verdacht

Auch die im Entwurf vorgesehene Regelung, dass Hersteller von Netzwerkkomponenten vom Markt ausgeschlossen werden können, wenn sie ein Sicherheitsrisiko darstellen, ist der ISPA ein Dorn im Auge. Dabei wird offensichtlich auf den chinesischen Telekomausrüster Huawei abgezielt, der von etlichen westlichen Ländern der Spionage verdächtigt wird. Die im Entwurf angeführten Ausschlusskriterien hätten keine sicherheitstechnische Relevanz sondern seien nur politischer oder wirtschaftlicher Natur und zudem sehr vage formuliert.

Weiters vermissen die Provider eine gesetzliche Lösung zum Umgang mit Netzsperren z.B. bei der Verbreitung raubkopierter Filme. Sie sehen hier einen unlösbaren Konflikt, weil sie einerseits den Unterlassungsansprüchen von Rechteinhabern entsprechen müssten, damit aber gegen die Vorgaben der Netzneutralität verstoßen und Verwaltungsstrafen riskieren würden. Die ISPA fordert daher die Einrichtung eines Verfahrens bei der Telekom-Regulierungsbehörde, um Rechtssicherheit zu haben. Beim Regulator (Telekom-Control-Kommission, TKK) sollte nach der Vorstellung der ISPA auch das Verfahren über Leitungsrechte angesiedelt und damit vereinfacht werden.

Wirtschaftlich unter Druck sehen sich die Internetanbieter auch durch die geplante Regelung zur Abschlagszahlung für Endgeräte („Gratis“-Handys), wenn Kunden ihren Vertrag vorzeitig kündigen. Hier sei vorgesehen, dass bereits nach einem halben Jahr 50 Prozent des Ausgangswertes abgezogen werden, was nach Ansicht der Betreiber angesichts einer zweijährigen Vertragsbindung unfair ist.

SWR/SR-Fusion: „Das A in der ARD steht für Arbeitsgemeinschaft“, nicht für Autarkie

SWR-Intendant Kai Gniffke sieht in der ARD viel Zustimmung für seinen Vorschlag, enger mit dem Saarländischen Rundfunk (SR) zusammenzuarbeiten.

„Ich habe bislang sehr viel positive Resonanz bekommen“, sagte Gniffke in Stuttgart. „Und ich glaube, mittlerweile ist bei jedem in der ARD die Einsicht gereift: Wir können nicht immer nur warten, bis es eine Beitragserhöhung gibt, und dann machen wir alles so weiter.“ Es gebe einen großen Konsens in der ARD, dass sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten mit eigenen Vorschlägen einbringen „und nicht warten, bis etwas mit uns gemacht wird“.

Der SR-Verwaltungsrat und der scheidende SR-Intendant Thomas Kleist hatten Gniffkes Vorstoß abgelehnt, der auch auf gemeinsame Direktionen zielte: Kooperation höre dort auf, wo die Souveränität der Landesrundfunkanstalt angetastet werde.

Nach Gniffkes Ansicht hat sich das Thema damit noch nicht erledigt: „Ich geb zu, ich war überrascht von der Reaktion der Landesregierung, von der Reaktion der Aufsichtsgremien. Das, finde ich, ist etwas, was wir in den nächsten Monaten noch einmal diskutieren sollten: ob es tatsächlich zum Selbstverständnis und zur Autonomie eines Senders gehört, dass man alles selbst macht, dass man Autonomie gleichsetzt mit Autarkie.“

Dies spiele über den SR hinaus eine Rolle für die ganze ARD, sagte der Intendant des Südwestrundfunks: „Inwieweit definieren wir dieses Wort der ‚Arbeitsgemeinschaft‘ – das A in der ARD? Können wir uns nicht in dieser Arbeitsgemeinschaft mehr Arbeit teilen?“

Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk: Der Speck muss weg

Im Wahljahr werden Rufe nach einer Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks laut. Dabei führt das an dem Problem völlig vorbei. „Tatort“-Autor Tom Bohn sieht dringenden Reformbedarf – hier beschreibt er, was aus seiner Sicht passieren muss.
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Eines der größeren Wagnisse in einer Beziehung ist, wenn man einem Freund sagen muss, dass er abnehmen sollte. Die Folgen eines solchen Ratschlags können ernsthafte Verstimmungen, Frust und, ja, sogar auch Trennungen sein.

Man sollte sich also vorher gut überlegen, mit welcher Tonlage, in welcher Umgebung und zu welchem Zeitpunkt man seinem Gegenüber diesen Vorschlag unterbreitet. Damit es konstruktiv bleibt und nicht als Verrat, Beleidigung oder gar als Ablehnung aufgefasst werden kann. Das ist schwierig. Ich versuche es trotzdem.

Mein Freund, mit dem ich schon seit dreißig Jahren verbunden bin, und dem ich gerne eine radikale Diät verordnen möchte, ist vor allem übergewichtig, weil er sich zu wenig bewegt. Das hängt in erster Linie mit dem großen, bequemen Sofa zusammen, was man ihm vor Jahrzehnten einmal gekauft und auf dem er es sich so richtig gemütlich gemacht hat.

Sie ahnen es sicher schon: Der Freund, über den ich gerade schreibe, ist kein Mensch, sondern der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR).

Starkes Übergewicht ist eine Störung, die, wenn sie nicht behandelt wird, mit einem verfrühten Tod enden kann. Auf den ÖRR übertragen heißt das, aufgrund seiner Unbeweglichkeit und Größe seine komplette Abschaffung zu fordern.

Darauf spekulieren vor allen Dingen jene Kräfte, denen an einer Stabilität in unserer Demokratie wenig gelegen ist: die Radikalen von den Rändern unserer Gesellschaft. Allen voran die Hardliner in der AfD, die – so vernimmt man es – die Auflösung des ÖRR auf ihre Agenda zur Bundestagswahl geschrieben haben.

Dem sollte man etwas entgegensetzen.

Erfahrungsgemäß ist es kontraproduktiv, einer übergewichtigen Person immer wieder zu sagen: Nimm endlich ab. Besser ist es, sie davon zu überzeugen, wie viel besser es ihr (und auch ihrer Umgebung) gehen wird, sobald sie abgenommen hat. Einen Blick in die neue, schlankere Zukunft zu werfen, sozusagen.

Wie könnte eine bessere Zukunft des ÖRR aussehen?

Wir stellen uns also vor, dass ein Wunder geschieht. Dass die Politik den Hintern hochbekommt und den ÖRR massiv reformiert. Und dass die Furcht vor einer negativen Berichterstattung, von ebendiesem ÖRR, geringer ist als die Sorge um ihn. Und dass trotz dieser Furcht bereits vor der nächsten Bundestagswahl mit vernünftigen Reformen begonnen wird. Wie sähe dann der ÖRR aus? In zehn Jahren?

Zunächst einmal würde es nur noch einen statt zwei ÖRR-Hauptsender geben, denn das ZDF wäre bereits seit fünf Jahren privatisiert (an dieser Stelle dürfte sich jetzt die gesamte Führungsebene des „Zweiten“ von der Lektüre dieses Artikels verabschieden). Das ZDF hieße auch nicht mehr ZDF, sondern würde als ein auf die älteren Zielgruppen ausgerichteter Privatsender für seine Investoren sehr viel Geld verdienen.

„Das Erste“ würde dann wieder ARD heißen und hätte, neben seinem Hauptprogramm, nur vier dritte Programme: Norddeutscher Rundfunk (NDR), Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Süddeutscher Rundfunk (SDR) und Westdeutscher Rundfunk (WDR). Außerdem wären ARTE, KiKA, 3sat und Phoenix weiter am Start. Alle anderen Sender wären aufgelöst.

Die knapp zwanzig (Rundfunk)-Orchester würden von einem staatlichen Kulturfonds betrieben, und von den heute siebzig Radiosendern gäbe es nur noch etwa zwei Dutzend. Plus das Deutschlandradio.

Der Beitragsservice (früher GEZ) wäre abgeschafft, denn der dann komplett werbungsfreie ÖRR würde aus Steuermitteln finanziert. Rechnet man großzügig, so würde das für die 40 Millionen steuerpflichtigen Bundesbürger eine monatliche Steuermehrbelastung von knapp acht Euro pro Nase bedeuten. Das Streaming aller Beiträge in den Mediatheken wäre unbegrenzt, und auf den Social-Media-Kanälen wären nicht nur öffentlich-rechtliche Spuren, sondern eine massive Präsenz des ÖRR erkennbar.

Rette, was zu retten ist

Man nennt so etwas eine Radikalität, und dass diese unumgänglich ist, weiß auch die Politik. Sie weigert sich trotzdem, das Problem anzugehen. Außer den Jungen Liberalen hat sich meines Wissens noch keine politische Gruppierung ernsthaft Gedanken über eine Reform des ÖRR gemacht. Na ja, bis auf die AfD, die ihn am liebsten komplett beerdigen würde.

Aber auch das Papier der JuLis ist in einer FDP-Schublade verschwunden. Wenn man sich danach erkundigt, wird indigniert zur Seite geschaut. Warum?

Die Frage ist schon lange nicht mehr die, ob man es schafft, den ÖRR so zu reformieren, dass seine Akzeptanz in der Bevölkerung wieder wächst, sondern ob es nicht demnächst dafür schon zu spät sein könnte.

Das Motto heißt: Rette, was zu retten ist. Und wer das meint mit einem ungläubigen Lächeln wegwischen zu können, hat den Ernst der Lage nicht erkannt.

Es ist nicht nur seine inzwischen spektakuläre Größe, die den ÖRR immer mehr ins Gerede bringt, sondern auch seine politische Ausrichtung. Der Vizepräsident des Bundestages, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, warf im Dezember dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor, vielfach einseitig zu berichten und Ängste zu schüren.

Kein neuer Vorwurf, denn der Krisenjournalismus der Corona-Sondersendungen des ÖRR wurde schon im August 2020 von der viel beachteten „Passauer Studie“ (Dennis Gräf und Martin Hennig) als zu regierungskonform aufgedeckt.

Vielfältiges Spektrum an politischen Meinungen

Und nun kommen wir zu dem Begriff „breiter“, obwohl wir eigentlich über eine Diät reden. Das ist aber nur oberflächlich gesehen ein Widerspruch, denn der ÖRR sollte sich wieder politisch breiter aufstellen, wenn er eine Zukunft haben will.

Das kann man mit dem akuten Bewegungsmangel eines zu korpulenten Menschen vergleichen, der das Sofa nur dann verlässt, wenn er zum Kühlschrank oder zum Einkaufen geht: Bequeme Wege also, die sich im Lauf der Zeit eingeschliffen haben.

Ende der Achtzigerjahre gehörte es zur allgemeinen politischen Bildung, gezielt linke wie konservative Zeitungen und Fernsehprogramme zu konsumieren. Ich zum Beispiel liebte „Panorama“ und hasste „Report München“. Schaute aber immer beides. Es war für mich kein Makel, dass diese politisch extrem unterschiedlich ausgerichteten Magazine im Gemeinschaftsprogramm der ARD ausgestrahlt wurden.

„Panorama“ galt als „links“, Günther von Lojewskis „Report“ war „rechts“. Hört man sich heute auf der Straße um, stößt man zunehmend auf das hässliche Wort „Staatsfunk“, das zwar unsinnig, aber in seiner Häufigkeit gefährlich ist.

Der ÖRR sollte eigentlich nicht als Pro-Regierung oder zur Vertretung von nur einer politischen Richtung wahrgenommen werden, sondern die freie Meinungsbildung aller Bürger unterstützen. Also ein vielfältiges Spektrum an politischen Meinungen wiedergeben.

In Deutschland gibt es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von rechtsliberal bis konservativ denkenden Bürgern, die sich immer mehr den zu oft rechtsextrem angehauchten Internet- und Social-Media-Kanälen zuwenden, weil sie sich von dem durch sie finanzierten ÖRR nicht mehr repräsentiert fühlen. Das ist gefährlich. Für den ÖRR und für die Gesellschaft.

Dass dieses Problem schon heute in den höheren Etagen erkannt wird, zeigt das Beispiel des SWR-Intendanten Kai Gniffke, der sich letztes Jahr mit souveräner Sicherheit einem Interview des Rechts-Außen-Blattes „Junge Freiheit“ gestellt hat.

Eine vorbildliche Auseinandersetzung, die den Gegnern des ÖRR zumindest eine Zeit lang den Wind aus den Segeln genommen hat. Gäbe es, wie früher, ein wertkonservatives ÖRR-Politmagazin, würde in den rechten Kritikerecken bald komplette Windstille herrschen.

Dieser Vorschlag ist natürlich ein Verstoß gegen die beim ÖRR dominierende Political Correctness und daher heute wohl illusorisch. Aber denken wir einmal zehn Jahre weiter.

Mehr Science-Fiction und Fantasy

Vielleicht hat sich dann in den Politik- und Fernsehfilm-Redaktionen eine neue Beweglichkeit breitgemacht. Es gibt heute schon mutmachende Anzeichen dafür: Redaktionen, die angstfrei ihre eigene Linie betreten.

Ich konnte zum Beispiel meinen letzten Tatort „Hetzjagd“ im rechtsradikalen Milieu ansiedeln, ohne meinen Protagonisten aufgrund ihrer politischen Ausrichtung das Menschsein grundsätzlich absprechen zu müssen. Das war redaktionell mutig und sicher auch richtungsweisend.

Noch wirksamer wäre es allerdings, wenn neben Krimis, Dramen und Komödien auch einmal eine Genre-Produktion die ÖRR-Häuser verlassen würde. Man hat heute den Eindruck, dass es ÖRR-Redaktionen gibt, die nicht einmal mehr wissen, wie man Science-Fiction buchstabiert. Oder Fantasy-Film. Von Martial-Arts oder Adventure-Movie einmal ganz zu schweigen.

Ich denke, dass der Speck wegmuss. Und dass es bei vielem im ÖRR ein Zuviel gibt.

Ich mache mir Sorgen um eine von mir sehr geschätzte Institution, für die ich in den letzten dreißig Jahren immer wieder arbeiten durfte. Mit tollen Menschen, die nicht nur Kollegen oder Chef waren, sondern die mich auch auffingen, wenn es mal nicht so gut lief.

Die Zeiten ändern sich schnell und umfassend. Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass wir einmal einen ganzen Winter lang zu Hause sitzen werden? Wer hätte geglaubt, dass in dieser Zeit alle Kinos, Theater und Kleinkunstbühnen geschlossen sind?

Wir balancieren gerade auf einer gesellschaftlichen Erdspalte, die weitere, auch heftigere Beben erwarten lässt. Natürlich weiß ich, dass man sich in dem Moment, in dem man seinen dicken Freund vom Sofa zerrt, nicht sonderlich beliebt macht. Aber ich möchte, dass „mein“ ÖRR überlebt.

Sind Fakten die neue Meinung?

Ein User hatte den neuesten Aufreger in die Podiumsdiskussion zum Thema „Spaltung unserer Gesellschaft. Welche Rolle spielen dabei die Medien?“ gebracht, anspielend auf einen verunglückten Talk über Alltagsrassismus: Gerade habe der WDR eindrucksvoll gezeigt, dass es nicht Twitter oder andere soziale Medien braucht, um mit einer einseitig zusammengestellten Gesprächsrunde das Thema Integration und Diversity in einer Sendung mal ganz an die Seite zu räumen und Arbeit von Jahren zunichtezumachen.

Wie nun gerade auch die Printmedien Vertrauen in den Qualitätsjournalismus herstellen und halten können, wie Leser bei der Stange und auch wieder gewonnen werden können, darüber diskutierten auf dem Forum „Europe 2021“ die Chefredakteure von „Zeit“, „Handelsblatt“, „WirtschaftsWoche“ und Tagesspiegel.

Mit durchaus unterschiedlichen Meinungen zur Frage, ob die Medien – wie bei diesem WDR-Talk – auch Teil des Problems oder doch eher Teil der Lösung sind. „Es darf keine Kluft geben zwischen denen, die Medien machen, und denen, die Medien konsumieren“, sagte „Zeit“-Chefredakteur und Tagesspiegel-Herausgeber Giovanni di Lorenzo und mahnte für seine Zunft mehr Verständlichkeit an.

Große Medien sollten eine Art Volkspartei sein, mit einem breiterem Meinungsspektrum als das, was viele Medien vielleicht gerade verschweigen. Wichtig sei die möglichst zuverlässige, faktengenaue Wiedergabe von Sachverhalten anstelle von Meinung. „Vielleicht sind Fakten die neue Meinung.“ In Umfragen hätten neue „Zeit“–Abonnenten ihr Interesse und ihre Entscheidung mit der Aussage begründet, die Zeitung habe in der Pandemie ausreichend informiert, aber nicht so viel Alarm geschlagen.

„Der Kern von gutem Journalismus ist Recherche, die findet vor der Reaktion auf Twitter statt“

In diese Richtung argumentierte auch „Handelsblatt“-Chef Sebastian Matthes mit Blick auf die Anbindung von Online-Kanälen und Social Media an das Printprodukt: „Wir brauchen Transparenz, wir müssen auf vielen Kanälen klarmachen, wo die Informationen herkommen. Und: Leser wollen dabei nicht gesagt bekommen, wie sie denken sollen.“

Das müsse nicht zu Lasten der Qualität gehen. Es sei Aufgabe des Journalismus, tiefer zu bohren, als es die Geschichte auf den ersten Blick hergibt, ergänzte Beat Balzli, Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“. Qualitätsjournalismus, dieser Begriff wurde in der Diskussion immer wieder beschworen, das bedeute, jemand habe Vertrauen zu uns. „Wir müssen“, so Balzli weiter, „zugänglicher werden für unsere Leser.“ Auch die „Wirtschaftswoche“ werde sich da noch mehr öffnen.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog.

Aber springen wir bei Twitter, siehe Donald Trump, nicht doch über jedes Stückchen, das hingehalten wird, fragte RBB-Moderatorin Andrea Vannahme in die Runde. „Nein, der Kern von gutem Journalismus ist Recherche, die findet vor der Reaktion auf Twitter statt“, betonte Mathias Müller von Blumencron.

Der Tagesspiegel-Chefredakteur verwies auch auf die frühe Stärkung des Wissenschaftsressorts in dieser Zeitung mit Beginn der Corona-Pandemie. Ohne digitale, soziale Medien gehe heute aber überhaupt nichts mehr. „Wir müssen dort auch genau hören, was die Leser schätzen, und dabei natürlich nicht nur das machen, was die Leser von uns verlangen.“ Die Polarisierung in der Gesellschaft würde im Übrigen auch ohne Soziale Medien stattfinden.

Einer (Allmachts-)Illusion sollte sich in der Branche – bei allem Bemühen um Qualität, Glaubwürdigkeit, Transparenz, Trennung von Fakten und Meinung, um Social Media – nicht hingegeben werden. „Ich glaube, dass es Menschen gibt, die wir Medien nicht erreichen können“, sagte Giovanni di Lorenzo.

Clubhouse – eine App, wie für die Pandemie geschaffen

Während immer strengere Regeln unser Sozialleben beschneiden, erlebt das neue soziale Netzwerk einen großen Ansturm – auch bei Promis und Politikern. Doch der Hype ist nicht unproblematisch.

Das Prinzip ist sehr einfach, wie bei einem interaktiven Podcast: Jeder kann virtuelle Räume zu den unterschiedlichsten Themen eröffnen. In einem Raum gibt es Moderatoren und weitere Personen, die sprechen dürfen. Wer im Publikum sitzt und auch etwas sagen will, kann ein Handzeichen geben und kann von den Moderatoren – so diese denn wollen – auf die virtuelle Bühne geholt werden. Es gibt auch Klubs, in denen man Mitglied werden kann und in denen regelmässige Veranstaltungen stattfinden.

Bedürfnis nach Austausch

Der Umgangston bei Clubhouse ist bis anhin meist höflich, die Atmosphäre intim – auch wenn mehrere hundert Zuhörer im Raum sind. Nun ist das Bedürfnis nach menschlichem Austausch wegen all der Lockdown-Regeln und Kontaktverbote offensichtlich hoch. Und zwar auch bei Politikern und anderen bekannten Persönlichkeiten. Wie sonst ist es zu erklären, dass der erste grosse Clubhouse-Skandal einen deutschen Ministerpräsidenten erwischte, als dieser mitten in der Nacht sich zu einigen flapsigen und wenig durchdachten Äusserungen hinreissen liess, die wenig später in einer Zeitung nachzulesen waren?

Doch der Reihe nach. Die beiden Clubhouse-Gründer sind Paul Davison und Rohan Seth, ehemalige Mitarbeiter von Pinterest beziehungsweise Google. Sie gründeten Anfang 2020 das Unternehmen Alpha Exploration, das Clubhouse entwickelt hat. Schon im Mai wurde die App mit 100 Millionen Dollar bewertet und erhielt in einer ersten Finanzierungsrunde 12 Millionen Dollar. Auch Stars wie Oprah Winfrey oder Rapper Drake nutzen sie. Bis anhin gibt es die App allerdings nur für Apple-Geräte. Android-Nutzer können noch nicht mitmachen. Auch kann nur zu Clubhouse, wer eine Einladung von einem Mitglied erhält. Das hat (zu) schnelles Wachstum bis anhin verhindert.

Mitte Januar begannen dann auch im deutschsprachigen Raum die Nutzerzahlen zu steigen. Der Auslöser dafür waren zwei Podcaster, die in einer ihrer Folgen Clubhouse vorstellten. Sie hatten die Idee, über eine Gruppe im Messenger-Dienst Telegram Personen, die eine Einladung wollten, mit anderen zusammenzubringen, die schon Mitglied waren und noch eine übrig hatten. Es dauerte nur wenige Tage, bis dank dem Schneeballeffekt Tausende neue deutschsprachige Nutzer auf der Plattform landeten.

Überraschender Ansturm sorgt für Probleme

Der Zuwachs aus Übersee war wahrscheinlich von den Gründern gar nicht so geplant. Es ist davon auszugehen, dass das – nach eigenen Angaben – gerade einmal neun Personen starke Clubhouse-Team von dem Ansturm überrascht wurde. Hiess es im Dezember noch, dass die App 600 000 Mitglieder habe, verkündeten Davison und Seth Ende Januar, dass es nun zwei Millionen aktive Nutzer seien, die sich bei Clubhouse tummelten. Ein grosser Teil davon sei aus dem deutschsprachigen Raum.

Ein Indikator dafür, dass das kleine Team überfordert ist, betrifft einen heiklen Bereich: die Moderation. Während es bei Facebook oder Twitter leicht ist, Verfehlungen von Nutzern anhand ihrer schriftlichen Beiträge zu kontrollieren, ist das bei Live-Audio-Veranstaltungen wie bei Clubhouse deutlich schwieriger. Noch gibt es keine Möglichkeit, die Unterhaltungen in der App aufzuzeichnen. Und wenn es nicht deutlich vorher angekündigt ist, darf man das laut Hausregeln auch nicht selbst tun. Wer etwa versucht, über eine andere Anwendung auf dem Handy Aufnahmen des eigenen Bildschirms zu machen, bekommt von Clubhouse eine Warnung angezeigt.

Clubhouse selbst nimmt die Gespräche temporär auf, um sie überprüfen zu können, falls ein Nutzer von anderen gemeldet wird. Aber das ist aufwendig – allein schon, den Kontext des Gesagten zu verstehen, und noch mehr, wenn unterschiedliche Sprachen hinzukommen. Offensichtlich tritt zudem eine automatische Sperre ein, wenn viele in kurzer Zeit jemanden melden. So ist es wahrscheinlich schon ein paar neuen Mitgliedern ergangen.

Unbegründete Sperrungen, schlechte Erreichbarkeit

Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredaktor der «Bild»-Zeitung, könnte dazugehören. Unmittelbar nach einer nächtlichen Diskussion, unter anderem mit dem CDU-Jungpolitiker Philipp Amthor, war sein Account gesperrt. Ronzheimer kann sich das nicht erklären. Mehrere Kontaktversuche via Clubhouse-E-Mail-Adressen seien bisher unbeantwortet geblieben, sagt Ronzheimer. Ähnlich erging es dem Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Schmid. Auch sein Account wurde direkt nach einer Debatte gesperrt. Auch bei ihm gab es laut eigenen Angaben bisher weder eine Begründung noch eine Reaktion auf seine Nachfragen.

Die deutsche Autorin und Influencerin Anabel Schunke, dem rechtskonservativen Lager zugehörig, hatte hingegen mehr Glück. Im Zuge einer kontrovers geführten Diskussion zum Thema «Lügenpresse» und Journalismus, wo sie zunächst ebenfalls aktiv war, wurde sie gesperrt. Sie erhielt im Gegensatz zu Ronzheimer und Schmid eine Reaktion von Clubhouse. In dieser entschuldigt sich «Clubhouse Trust & Safety» für die verspätete Antwort mit der Begründung, dass es gerade ein hohes Meldeaufkommen gebe. Es habe mehrere Meldungen in einem Raum gegeben, in dem sie gewesen sei, und deshalb sei ihr Account temporär gesperrt worden. Nach einer Überprüfung habe man aber keine Verstösse feststellen können und ihn entsperrt.

Allerdings konnte Schunke Clubhouse trotzdem nicht normal nutzen. Wenn sie einen Raum eröffnen wollte, wurde ihr angezeigt, dass dieser wegen «potenzieller Vertrauens- und Sicherheitsverletzungen» zunächst erst einmal überprüft werde. Eine erneute Anfrage resultierte ein paar Tage später zwar nicht in einer Antwort, aber in voller Funktionsfähigkeit ihres Accounts.

Diese Begebenheiten werfen kein gutes Licht auf die Moderation von Clubhouse. Offensichtlich ist es sehr leicht, unliebsame Stimmen mit Massenmeldungen auszuschalten. Und es liegt nahe, dass die Überprüfung deutschsprachiger Inhalte noch einmal länger dauert als jene englischsprachiger. Unklar ist auch, wie genau diese stattfindet. Und je mehr Menschen auf die Plattform kommen, desto grösser wird das Problem. In den USA gab es auch schon antisemitische und rassistische Vorfälle.

In dem Zusammenhang ist es noch wichtig zu erwähnen, dass bei krassem Fehlverhalten eines Mitglieds auch derjenige belangt werden kann, der es eingeladen hat. Wer das ist, steht auf jedem Nutzerprofil.

Chancen und Risiken für Politiker und Journalisten

Zwar gibt es mittlerweile auch Konzerte oder Buchbesprechungen auf Clubhouse. Doch noch sind im deutschsprachigen Raum vor allem Menschen aus der Tech-Branche, Journalisten und Politiker unterwegs.

Das führte schon früh zu Diskussionen, wie öffentlich die Räume eigentlich sind – also ob das Gesagte nach aussen dringen darf und, falls ja, was. Zum Beispiel, nachdem eines Nachts der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) in einem Raum gesagt hat, dass er während der Corona-Krisen-Treffen zwischen Bund und Ländern auch einmal «Candy Crush» auf seinem Handy spiele, und die deutsche Bundeskanzlerin «Merkelchen» genannt hat. Der Chefredaktor der «Welt am Sonntag» machte daraufhin eine Geschichte daraus.

Marty Baron hat die darbende «Washington Post» zu neuer Grösse geführt – jetzt steht ein Generationenwechsel an

Die «Washington Post» hat einst Präsident Richard Nixon zu Fall gebracht. Heute erreicht die Traditionszeitung drei Millionen Online-Leser.

«Es ist ein ermüdender Job» – mit diesen Worten begründete Martin «Marty» Baron seinen Rücktritt als Chefredaktor der «Washington Post». Wegen des Internets sei er «24/7/365» im Dienst. «Du kannst nie abschalten.» Nach 45 Jahren im Journalismus brauche er eine Verschnaufpause.

Der 66-Jährige hatte schon mehrfach angedeutet, dass er nach der Präsidentschaftswahl 2020 zurücktreten könnte. Die Nachricht von seinem Rücktritt per Ende Februar sorgte weitherum für Bedauern und Lobeshymnen. Frühere Weggefährten bezeichneten Baron als einen der besten und furchtlosesten Redaktoren aller Zeiten, mit einem «unheimlichen Gespür» für die guten Geschichten.

Vom Chefredaktor zur Filmfigur

Glaubt man Dean Baquet, dem Redaktionsleiter der «New York Times», hat Baron in seiner Karriere jede Institution verbessert, die er jemals betreten hat. Der Amazon-Gründer und «Washington Post»-Eigentümer Jeff Bezos wandte sich auf Instagram direkt an Baron – mit den Worten, dass er dessen Intellekt und Herz sehr vermissen werde.

Das Lob ist durchaus nachvollziehbar. Schon vor seiner Zeit bei der «Post» hatte Baron journalistisch reüssiert, etwa als Chef des «Miami Herald». Dort verantwortete er im Jahr 2000 eine Pulitzerpreis-gekrönte Reportage über die Rückführung des Einwandererkinds Elián González nach Kuba. Beim «Boston Globe», dem er ab 2001 vorstand, deckte er einen jahrzehntelangen Kindsmissbrauchsskandal in der katholischen Kirche auf, was 2015 unter dem Titel «Spotlight» verfilmt wurde, mit Liev Schreiber in der Rolle von Baron.

Barons Verdienste um die «Post» sind noch grösser. Schon kurz nach seinem Einstand als Chefredaktor im Jahr 2012 erwarb der Amazon-Milliardär Jeff Bezos das Traditionsblatt von der Graham-Familie. Die Zeitung steckte damals in der Krise. Der Glanz vergangener Grosstaten wie der Publikation der «Pentagon Papers» im Jahr 1971 oder der Enthüllung des Watergate-Skandals war längst verblasst. Das Zeitungshaus, das einst den Rücktritt von Präsident Richard Nixon bewirkt hatte, war wie andere Medien von einem rapiden Anzeigenschwund betroffen. Die «Post» dümpelte als Regionalblatt vor sich hin.

Bezos und Baron bildeten ein Team, das die Zeitung durch kreativen und experimentellen Einsatz aller erdenklichen neuen Technologien und Medienformate wieder auf Vordermann brachte – mit beeindruckenden Resultaten: Für ihr Reporting zum Klimawandel, über Donald Trumps betrügerische Stiftungen oder die Schnüffel-Machenschaften der National Security Agency (NSA) gewann die «Post» in acht Jahren zehn Pulitzerpreise. Ihr inhaltlicher Mix aus vielfältigen, immer auf Web-Freundlichkeit getrimmten Geschichten erreicht mittlerweile rund drei Millionen Online-Leser.

Generation «woke» übernimmt

Statt wie einst 500 zählt die Redaktion heute über 1000 Journalisten und Reporter. Gemäss dem Journalismusprofessor Jay Rosen hat Baron die «Washington Post» während der Ära Trump zur unabdingbaren Lektüre gemacht. Marty Baron hört auf dem Höhepunkt seines Schaffens auf.

Er ist nicht das einzige publizistische Schwergewicht, das dieser Tage in Pension geht. Auch Norman Pearlstine von der «Los Angeles Times» und Stephen Adler von Reuters haben ihren Rücktritt angekündigt. Dean Baquet von der «New York Times» wird den Generationenwechsel in den Chefredaktionen bald komplettieren.

Im amerikanischen Zeitungsgeschäft steht damit ein Umbruch an: Eine neue, jüngere Garde dürfte sich neben Internet-tauglichen Geschäftsmodellen zusehends «woken» und ideologisch aufgeladenen Themen widmen. Was das für die journalistische Objektivität in Redaktionen bedeutet, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass auch die neue Generation einen Job bewältigen muss, der eine Verfügbarkeit von 24/7/365 verlangt.

Pulitzer-Preisträger, Missbrauchsenthüller, Digitaldenker

Martin Baron verabschiedet sich als Chefredakteur der „Washington Post“. Bleibt die Frage: Ist die Zeitung auch bereit für eine Zeit ohne ihn?

Martin Baron hat entschieden, dass es nun genug ist. In einem Schreiben an die Redaktion kündigte der Chefredakteur der Washington Post an, sich Ende Februar zur Ruhe zu setzen. Er sei im Alter von 66 Jahren bereit weiterzuziehen. Die Frage darf gestellt werden: Ist die Washington Post auch bereit für eine Zeit ohne ihn?

Die New York Times nennt den Rückzug wenig zurückhaltend den Abschied eines „Newsroom-Giganten“. Baron hat in seinem Berufsleben, das er selbst niemals Karriere nennen würde, mehrmals den Pulitzer-Preis gewonnen, die wichtigste Auszeichnung im internationalen Journalismus. Er hat die Redaktion durch die Trump-Präsidentschaft gesteuert und sie zu einer der wichtigsten digitalen Medienmarken weltweit gemacht. Mehr als drei Millionen Menschen bezahlen heute, um die Artikel, Podcasts und Datenrecherchen der Post auf dem Smartphone oder dem Notebook zu lesen.

Die von Hollywood verfilmte Recherche seines Teams, „Spotlight“, gewann den Oscar

Als Reporter beim Miami Herald stieg Baron 1976 in den Journalismus ein. Er schrieb unter anderem für die Los Angeles Times und die New York Times. 2001 wurde er Chefredakteur des Boston Globe. Ein von ihm geleitetes Recherche-Team deckte einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Boston auf. Hollywood verfilmte den Stoff Jahre später. „Spotlight“ gewann 2015 den Oscar als bester Film. Seitdem lehnte ein demonstrativ zerknitterter Papp-Oscar in der Ecke von Barons kleinem Büro in der K-Street in Washington, wenige Hundert Meter entfernt vom Weißen Haus. 2013 war der Chefredakteur von Boston zur Washington Post weitergezogen.

Wer ihn dort zum Gespräch traf, hörte schnell drei Sätze. Erstens: „Call me Marty.“ Allerdings so trocken und ohne Lächeln genuschelt, dass wirklich niemand auf die Idee kommen würde, die Spitznamen-Ansprache mit kuscheliger Nähe zu verwechseln. Zweitens: „We are not at war. We are at work.“ Wir sind nicht im Krieg, wir machen unsere Arbeit. Diesen Satz ließen sich manche Redakteurinnen und Redakteure auf T-Shirts drucken, während Donald Trump die liberalen US-Medien verbal attackierte.

Dass sich die Post nie im medialen Krieg mit dem Präsidenten befunden hat, mag mancher Leser anders beurteilen. Dass die gesellschaftlichen Debatten in einem zerrissenen Amerika aber auf der Basis von Fakten stattfinden müssen, und das seriöser Journalismus dazu beitragen muss, dies zu ermöglichen, das ist bis heute Barons Antrieb.

Dritter Satz: „We have to change.“ Als einer der profiliertesten Rechercheure der USA hatte Baron es in Washington zur Chefsache gemacht, seine Redaktion auf die digitalisierte Medienlandschaft einzustellen. Die ehrwürdige Post, die Anfang der 70er-Jahre unter der berühmten Verlegerfamilie Graham und dem Chefredakteur Ben Bradlee die Watergate-Affäre aufgedeckt hatte, war bei Barons Amtsantritt personell und publizistisch geschrumpft. Anzeigenverluste, Sparrunden, Kündigungen.

Entwickler programmierten den „Marty-Bot“ für ihn, der an Abgabezeiten erinnert

Dass der Amazon-Gründer Jeff Bezos im August 2013 die Zeitung für 250 Millionen US-Dollar kaufte und anschließend Millionen in die Redaktion und den Ausbau des digitalen Abo-Geschäftes investierte, machte es Baron nicht schwerer. Bereits vor Jahren wollte der Chefredakteur in Konferenzen nicht mehr nur die Themen des Tages diskutiert haben, sondern las auch die Online-Leserzahlen von seinem Smartphone ab und fragte, zu welchem Zeitpunkt welche Geschichte am meisten Menschen erreicht.

Um diese Zeitpunkte einzuhalten, programmierten Bezos‘ Entwickler den so genannten „Marty-Bot“, eine Software, die im Namen von Marty Baron alle Autorinnen erinnerte, wenn ihre Abgabezeit nahte. Mancher Post-Redakteur erzählt genüsslich davon, dass auch der Chefredakteur selbst wenigstens einmal von diesem Bot erinnert wurde. Gut möglich, dass der Gedanke an ein Leben im Ruhestand an Reiz gewinnt, wenn das digitale Ich einen zur Eile treibt.

„Ahnungen“ lassen Amazons Alexa selbstständig handeln

Amazons Smartspeaker mit der Sprachassistentin Alexa erhalten mit Hunches (Ahnungen) eine neue Funktion, die selbstständig Handlungen ausführt, ohne dass der Nutzer sie auslösen muss. So kann Alexa beispielsweise in Anlehnung an das bisherige Nutzerverhalten das Licht oder die Heizung selbstständig ein- und ausschalten, auf das jeweilige Level stellen und damit proaktiv handeln. Zusätzlich ergänzt Alexa ein Sicherheitsfeature und einen Energiemonitor.

In den USA kann Alexa schon seit 2018 die Gewohnheiten der Anwender analysieren und aus wiederkehrenden Anweisungen regelmäßige Aufgaben zu bestimmten Zeitpunkten ableiten. Alexa unterstützt bei Hunches alle Geräte, die über eine Smart Home Skill API angesprochen werden, hieß es bereits im Dezember 2020 im Amazon Entwickler-Blog.

Bisher hat Alexa immer nachgefragt, bevor eine Aktion ausgeführt wurde. Nun soll dies nicht mehr der Fall sein müssen. Anwender können Alexa in den Einstellungen eine Generalvollmacht erteilen, um selbstständig zu handeln. Zusätzlich ist aber eine Feinabstimmung möglich, welche Hunches Alexa ausführen darf und welche nicht. Unklar ist, wann das Feature in Deutschland ankommen wird.

Guard Plus

Das Sicherheitsfeature Guard Plus wird ebenfalls zunächst den US-amerikanischen Nutzern vorbehalten bleiben. Alexa ermittelt spezifische Geräusche, die auf ein Sicherheitsproblem im Haus hinweisen könnten wie etwa Einbruchsgeräusche, Hilferufe usw. Die Geräusche werden dann von Menschen ausgewertet. Sofern ein Notfall vorliegen könnte, verständigen sie die Polizei oder einen Notdienst. Der Service soll monatlich 4,99 US-Dollar oder jährlich 49 US-Dollar kosten.

Energieverbrauch überwachen

Die Alexa-App erhält ein Energy Dashboard. Mit Alexas Smartspeaker verbundene Geräte, die Energieverbrauchwerte liefern, werden dann in einer Übersicht angezeigt. Darunter fallen beispielsweise smarte Leuchten, Schalt-Steckdosen, Thermostate, TV-Geräte und Amazon Echos. Amazon will in Abhängigkeit der persönlichen Geräte-Nutzung Hinweise geben, wie der Energieverbrauch gesenkt werden kann. Statistiken sollen dem Anwender bei der Auswertung helfen. Eng damit verknüpft sind die Hunches, preist Amazon die neue Funktion an. Demnach können sie ebenfalls dabei helfen, Energie einzusparen, indem Alexa automatisch das Licht deaktiviert oder die Heizung abschaltet, wenn Nutzer beispielsweise nicht zu Hause sind.

„Mopo“-Verleger von Harpe: „Ich mache gerne bis zur Rente weiter“

Die Boulevardzeitung gehört seit Jahrzehnten zum Stadtbild Hamburgs. Die „Hamburger Morgenpost“ liest man in Restaurants, Kneipen, am Kiosk und in Imbissen. Vor rund einem Jahr stand sie wegen schlechter Zahlen auf dem Spiel. Warum der Neu-Verleger es nicht bereut, das Blatt übernommen zu haben.

Als es vor rund einem Jahr schlecht um das jahrzehntealte Boulevardblatt „Hamburger Morgenpost“ stand, starteten Prominente einen Aufruf für den Erhalt der „Mopo“. Dann kam im Februar 2020 Arist von Harpe. Ein branchenfremder Digitalmanager, den niemand so wirklich auf dem Zettel hatte. Warum er mit der Bezeichnung Verleger fremdelt, warum das Blatt mit einer verkauften Auflage von gut 34.000 Stück (drittes Quartal 2020) jetzt mehr Mitarbeiter beschäftigt als vorher und warum seit Monaten wieder schwarze Zahlen geschrieben werden, sagte er im Interview.

Sie haben die „Mopo“ übernommen, als es der Zeitung finanziell schlecht ging. Dann kam auch noch der erste Lockdown in Corona-Zeiten. Direktverkauf in einer Pandemie mit Ladenschließungen?

Arist von Harpe: Der Start ist natürlich ungünstig verlaufen. Ich habe natürlich am Anfang ohnehin etwas Manschetten vor dem Ganzen gehabt, weil das ein risikoreicher Move war: Eine Zeitung zu übernehmen, die zu normalen Vor-Corona-Zeiten nicht profitabel war. In Summe sind die Verkaufszahlen im ersten Lockdown ein ganz schönes Stück nach unten gesackt. Zugleich sind die Abonnenten in der Zeit gestiegen. Aber der Netto-Effekt war, dass wir über den Verkauf mehr verloren haben als wir im Abo hinzugewonnen haben. Ganz einfach, weil wir eine gelernte Kaufzeitung sind. Im Verhältnis sind es 90 Prozent Verkauf und zehn Prozent Abo.

Auf der anderen Seite haben wir im ersten Lockdown bedürftigen Institutionen die Mehrerlöse einer Preiserhöhung gespendet. Das hat die Marke „Mopo“ gestärkt.

Sie haben sich zur gedruckten Ausgabe bekannt. Das hat viele überrascht. Wird es die Printausgabe noch in fünf Jahren geben?

Print ist nach wie vor für den Großteil des Umsatzes verantwortlich, den wir machen. Und diesen Umsatz einfach taumeln zu lassen, halte ich – fernab von Print-Nostalgie – für grob fahrlässig. Darüber hinaus ist es das physische Aushängeschild der „Mopo“. Von daher war es klar, dass wir Print stärken mussten und gleichzeitig digital noch besser und erfolgreicher sein wollen. Und ich glaube schon, dass die Zeitung in fünf Jahren noch da sein wird. Wir stellen uns aber darauf ein, dass die Auflage nicht mehr so hoch ist wie jetzt, da bin ich kein Träumer.

Die „Mopo“ steckte in wirtschaftlichen Schwierigkeiten – was haben Sie umgekrempelt?

Die Fixkosten haben wir signifikant reduziert, wenn man Personal herausrechnet, um knapp 50 Prozent. Wir haben überflüssigen Kram, für den die „Mopo“ Geld ausgegeben hat, einfach weggestrichen. Das Resultat ist: Wir haben jetzt sogar mehr Mitarbeiter. Wir sind jetzt viel leistungsfähiger als vor einem Jahr und können 2021 mit einer deutlich schlankeren Kostenstruktur an Umsatzthemen arbeiten.

Mehr Mitarbeiter?

Es sind grob fünf bis zehn Prozent mehr. Es liegt im Wesentlichen daran, dass wir einige Zeitungsinhalte wieder zurück ins Haus geholt haben, die zuvor vom Voreigentümer DuMont geliefert wurden – zum Beispiel der Bereich Panorama mit Storys aus der ganzen Welt. Wir haben auch in der Vermarktung aufgestockt. Festangestellte Mitarbeiter sind wir um die 80.

Haben wir richtig gehört, rund 50 Prozent Kosten gesenkt? Geben Sie uns bitte Beispiele…

Technische Systeme. Beim Voreigentümer war diese Einheit darauf ausgerichtet, Synergien aus mehreren Zeitungen zu heben. Aber für die „Mopo“ war es eher so, dass für viele Dinge so mehr bezahlt wurde, als es nötig gewesen wäre. In diesem Konstrukt war sie wahrscheinlich zu klein und zu anders, als dass das wirklich funktioniert hätte. Auch bei den Räumlichkeiten haben wir uns verkleinert.

Schreiben Sie wieder schwarze Zahlen?

Auf monatlicher Ebene sind wir seit dem vierten Quartal wieder profitabel. In Summe haben wir die ursprünglich mal gesetzten Umsatzziele für 2020 nicht erreicht, auch wegen der Pandemie mit niedrigeren Verkaufszahlen und geringeren Werbeerlösen. Die schwarzen Zahlen sind im Wesentlichen erreicht dadurch, dass wir kostenseitig schlanker aufgestellt sind.

Sie sind nicht der einzige Neu-Verleger. Das Berliner Unternehmer-Ehepaar Friedrich, das auch in anderen Bereichen tätig ist, übernahm Monate vor Ihnen die „Berliner Zeitung“ von der Mediengruppe DuMont. Setzt sich das weiter fort, sehen Sie einen Trend hin zu branchenfremden Neu-Verlegern?

Das könnte gut sein. Andererseits stehen auch nicht dauernd Zeitungen zum Verkauf. Ich fände es schön, wenn das Leute inspiriert zu sagen: Zeitung machen ist was Cooles.

Treffen Sie sich jetzt häufig mit anderen Verlegern?

Ich habe mich mit vielen in der Branche vernetzt, aber natürlich nicht mit allen. Ich sehe meine Rolle auch weniger als Verleger denn als operativer Geschäftsführer. Das Verlegersein kommt dann eher dadurch, dass ich an niemanden berichten muss, was alle Entscheidungen und Projekte natürlich enorm beschleunigt.

Ausblick 2021: Was sind momentan die größten Baustellen bei der „Mopo“?

Baustellen klingen so negativ, es sind eher total spannende Projekte. Das größte Projekt ist dabei sicherlich unser gesamtes Digital-Angebot. Das werden wir technisch und optisch auf ganz neue Beine stellen. Und es gibt weitere Kooperationen: Seit neuestem ist der Kolumnist Micky Beisenherz Gast-Kommentator bei der „Mopo“.

Wird das digitale Angebot kostenpflichtig? Bislang gibt es keine Bezahlschranke auf der Webseite.

Insgesamt nicht, aber wir arbeiten an einem kostenpflichtigen Angebot, das dann mehr beinhaltet als das kostenfreie. Wir wollen das aktuelle Angebot aber nicht beschneiden, sondern mehr möglich machen für den Leser. Wir wollen eine Welt schaffen: „Einmal ‚Mopo‘ scharf mit alles.“ Optisch und technisch wird sich einiges ändern.

Also ein Digital- oder Plus-Abo, wie es viele andere Medienhäuser bereits eingeführt haben?

Es lehnt sich in Teilen an die Logik von einem Plus-Abo an.

Wollen Sie weitere Zeitungen kaufen?

Nein, aktuell nicht.

Sehen Sie langfristig in Hamburg Platz für mehrere Tageszeitungen? In Berlin ist der Zeitungsmarkt groß, aber er ist angespannt…

Ich glaube schon. Es ist wichtig, dass es mehrere Angebote gibt, weil es den einzelnen Titel aufwertet. Es sind unabhängige Häuser, die die Themen auch durchaus unterschiedlich betrachten. Für die Gesellschaft ist das super.

Bald sind Sie ein Jahr lang „Mopo“-Eigentümer. Haben Sie in dem Jahr das alles einmal bereut?

Nein, bereut überhaupt nicht.

Wie lange wollen Sie „Mopo“-Verleger bleiben?

Mir macht das Ganze unglaublich viel Spaß, vielleicht sogar noch mehr als ich es vorher erwartet habe. Von daher mache ich gerne bis zur Rente weiter.

Medien, die ihre Nutzer kontrollieren – zur zwiespältigen Rolle von Facebook, Twitter und Konsorten

Rechtlich wollen soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook nicht für Inhalte verantwortlich sein. Gleichzeitig nehmen sie sich das Recht heraus, Beiträge nach eigenem Gutdünken zu zensieren. Das ist problematisch.

Die Bedeutung der sozialen Netzwerke ist enorm, nicht nur in der Politik, sondern generell. Sie sind oft hochrentable Unternehmungen und ermöglichen als Betreiber einer Basisinfrastruktur jedermann nahezu überall die Kommunikation – bis vor kurzem auch US-Präsident Donald Trump.

Ihre Wirkungen sind allerdings auch disruptiv. Sie haben klassische Medien in Bedrängnis gebracht und zentrale Gewissheiten erschüttert. Wesentliche Unterscheidungen sind teilweise zusammengebrochen: zwischen öffentlicher und privater, kommerzieller und nichtkommerzieller, individueller und kollektiver (Massen-) Kommunikation; letztlich auch zwischen Medien sowie anderen Trägern und Kanälen.

Plötzliche Trennung von 88 Millionen Followern

Entsprechend stellen sich viele Fragen, aber Recht und Politik tun sich mit dem Phänomen schwer. Sondernormen fehlen; es gibt in der Schweiz kein spezielles Recht der sozialen Netzwerke. Zur Anwendung gelangt das geltende Medienrecht, dessen Normen immer noch die gleichen sind wie in vordigitaler Zeit. Die Politik hat es bis jetzt abgelehnt, neue Normen zu schaffen. Daher sind die Netzwerke unzureichend geregelt.

Diese regulieren sich im Rahmen ihrer Nutzungsbedingungen vor allem selber, und sie bestimmen über die Berechtigung und die Bedingungen der Nutzung. Dies schliesst die Möglichkeit ein, Inhalte oder gar ein Account zu löschen, wie dies bei Donald Trump geschehen ist, der plötzlich von seinen rund 88 Millionen Followern auf der ganzen Welt getrennt wurde.

Kritiker sprechen von Zensur. Aber war Twitter nicht praktisch zu diesem Schritt gezwungen, weil Trump die Plattform für Lügen und Diffamierungen missbraucht hat? Oder stellen sich die Netzwerke über das Recht? Die Durchsetzung geltender Normen, etwa der Persönlichkeitsschutz des Zivilgesetzbuchs oder die Ehrverletzungsdelikte des Strafrechts, stösst auf jeden Fall auf grosse Hindernisse, weil die Konzerne ihren Sitz im Ausland haben.

Man wird sich daher an den Autor einer Veröffentlichung halten, falls dieser identifizierbar ist und in der Schweiz lebt. Sonst wird die Rechtsdurchsetzung schwierig. Aber müssen Netzwerke überhaupt für die über sie verbreiteten Inhalte, die ja von den Nutzern stammen, einstehen? Es wird oft die Auffassung vertreten, die sozialen Netzwerke seien auch rechtlich Medien – und daher sei aus verfassungsrechtlichen Gründen die Haftung für die Verbreitung von Inhalten eine reduzierte.

Strafbar ist einzig der Autor

Bei genauerem Hinsehen kommen aber erhebliche Zweifel auf. Auf Facebook zum Beispiel findet sich ein äusserst buntes Gemisch von journalistischen Beiträgen, PR und Werbung, beliebigen Informationen, Kommentaren und individueller Alltagskommunikation. Unbestreitbar ist zwar, dass alle Netzwerke, so unterschiedlich sie ausgerichtet sein mögen, Öffentlichkeit herstellen, wie das auch klassische Medien tun.

Die Plattformen verbreiten jedoch keine eigenen Inhalte, zudem sind diese nur teilweise öffentlichkeitsrelevant und selten journalistisch-publizistisch aufbereitet. Oft überwiegt das Persönliche in kleineren, beinahe geschlossenen Kreisen und das Interaktive. Die Plattformen selber wollen gemäss ihrem Selbstverständnis rechtlich keine Medien sein und generell keine juristische Verantwortung für die verbreiteten Inhalte übernehmen.

Denn müssten sie dies, so wäre die Konsequenz wohl eine permanente, wahrscheinlich auch präventive Inhaltskontrolle, womit ihr Geschäftsmodell in Gefahr geriete. Bestärkt werden die zumeist amerikanischen Netzwerke durch das amerikanische Recht: Gemäss Artikel 230 der Communications Decency Act gelten Netzwerke nicht als Herausgeber, Verleger oder Verbreiter der über sie publizierten Inhalte, also nicht als Medien. Diese Bestimmung, gegen die Präsident Trump einst Sturm lief, als Twitter gewisse seiner Inhalte vom Netz nahm, entbindet die Netzwerke weitgehend von einer Verantwortlichkeit.

Schwammige und willkürlich durchgesetzte Regeln

In der Schweiz hat das Bundesgericht nun allerdings neulich entschieden, Facebook könne im Bereich des Strafrechts je nach Umständen beziehungsweise Inhalt als Medium qualifiziert werden. Dies bedeutet, dass für einen im Netzwerk veröffentlichten Inhalt allein der Autor strafbar ist und nicht die Verbreitungsplattform, auch wenn der verbreitete Inhalt ehrverletzend ist.

Massgebend für das Gericht war, dass Facebook die Öffentlichkeit schuf. Die Entscheidung ist im Resultat verständlich, aber die Anwendung des Medienprivilegs bei den Netzwerken ergibt wenig Sinn. Das Redaktionsgeheimnis zum Beispiel kann für soziale Netzwerke nicht gelten, weil diese Inhalte weder schaffen noch redaktionell betreuen. Die meisten medienbezogenen Normen wie die besonders strengen Anforderungen für superprovisorische Anordnungen, das Gegendarstellungsrecht oder die Sondervorschriften des Datenschutzrechts gelten ebenfalls für die Inhalte, deren Urheber die Netzwerke gerade nicht sind.

Dass die sozialen Netzwerke rechtlich keine Medien sind, zeigt sich auch darin, wie sie mit den über sie verbreiteten Nutzerinhalten umgehen. Ein journalistisches Medium würde nicht wie ein Netzwerk sehr umfangreiche und zugleich sehr unpräzise formulierte Nutzungsbedingungen mit einer langen Liste unzulässiger, von einer Verbreitung ausgeschlossener Inhalte aufstellen.

Bei Netzwerken sind juristisch unpräzise Tatbestände wie die Verbreitung von Hass, Aufrufe zur Gewalt, die Verbreitung von Falschinhalten und vieles mehr jedoch Grundlage, um routinemässig in Nutzerinhalte einzugreifen. Allein bei Facebook arbeiten, wie vor einiger Zeit die Facebook-Europachefin in diesen Spalten verlauten liess, über 35 000 Mitarbeiter sowie ein Grossaufgebot künstlicher Intelligenz an «Sicherheitsthemen» – so die euphemistische Umschreibung für die Beseitigung unerwünschter Inhalte.

Zwischen April und Juni letzten Jahres sollen es 22,5 Millionen Hasskommentare gewesen sei. Dies macht täglich Hunderttausende bei einem einzigen sozialen Netzwerk aus. Posts werden nach eigenem Gutdünken als Hassrede gelöscht oder als potenzielle Fake-News markiert, Hunderte von Accounts geschlossen. Oft, aber bei weitem nicht immer erfolgt dies auf Beschwerden hin. Praktisch machen sich dadurch die Netzwerke zu Richtern über die verbreiteten Inhalte, auch und vor allem im Bereich der Politik.

Sind Netzwerke Zensoren? Ein zentrales Problem ist, dass die Durchsetzung dieser Standards völlig ausserhalb rechtsstaatlicher Verfahren erfolgt. Während vor nationalen Gerichten lange Prozesse darüber geführt werden, ob ein Post die Persönlichkeit verletzt und daher gelöscht werden sollte, geht solches in den sozialen Netzwerken tausendfach in Sekundenschnelle.

Meinungsfreiheit der Nutzer muss geachtet werden

Oft entscheidet dabei nicht der Mensch, sondern die künstliche Intelligenz. Dies muss aus der Perspektive des Rechtsstaates sehr zu denken geben und ist auch politisch ein Problem. Klar, die sozialen Netzwerke sind primär private Unternehmungen und können Nutzungsbedingungen selber festlegen. Sie sind aber auch Eigner einer globalen Basisinfrastruktur im Bereich der Kommunikation und nehmen damit insoweit eine öffentliche Aufgabe war. Diese ist mit Verantwortung verbunden, nicht nur für die geposteten Inhalte, sondern vor allem für die Freiheit der Nutzer in Bezug auf Meinungsäusserung und Information.

In Deutschland haben Gerichte begonnen, Entscheidungen der Netzwerke über die Löschung von Inhalten oder Accounts auf der Basis der Meinungsfreiheit gemäss Grundgesetz zu überprüfen – ein durchaus erwägenswertes Vorgehen, dem zum Beispiel der amerikanische Supreme Court bis jetzt nicht gefolgt ist.

Letztlich müssen aber der nationale Gesetzgeber sowie regionale Staatengemeinschaften wie die EU und internationale Gremien entscheiden, wie soziale Netzwerke zu regulieren sind. Dabei sind Rechtssicherheit und ein Minimum an Rechtsstaatlichkeit anzustreben. Dies bedeutet klare Grundsätze und einfache Verfahren.

Netzwerke sollten nicht in die Lage kommen, den Zensor zu spielen. Es braucht zwar zweifellos Regeln gegen den überbordenden destruktiven Diskurs, welche die Netzwerke durchsetzen müssen. Aber letztlich sollte öffentliche Kommunikation möglichst frei sein, auch in den sozialen Netzwerken.

Facebook wirkte jahrelang ungewollt als Katalysator von Trumps Politik. Aber man ließ es zu, denn die Aufmerksamkeit war gewiss.

Twitter verbannte Trump zunächst nur für zwölf Stunden von seiner Plattform. Am 08.01. gab der Kurznachrichtendienst schliesslich bekannt, dass das Profil des Präsidenten permanent gesperrt bleiben werde. Auch Facebook blockiert Trumps Konto bis mindestens Mitte Januar. Die sozialen Netzwerke, das liebste Spielzeug des amerikanischen Präsidenten, haben ihren einflussreichsten Nutzer tatsächlich von ihren Plattformen geschmissen.

Diese Entscheidung wird von vielen bejubelt, doch sie ist vor allem eines: Ein noch nie da gewesener Eingriff in die politische Debatte. Das «Deplatforming» des Präsidenten ist ein PR-Coup, Facebook und Twitter handeln opportunistisch. Trump ist ohnehin abgewählt, er verliert seine Relevanz, die Ausschreitungen im Capitol waren das hässliche Ende seiner Amtszeit – er kann jetzt ohne Reue und unter tosendem Applaus für eine gewisse Zeit ausgesperrt werden. Das Problem Trump ist so für die Plattformen, zumindest vorerst, erledigt.

Trump perfektionierte die Facebook-Nutzung

Doch die Probleme, vor allem von Facebook, sie bleiben. Trump ist bei weitem nicht der Einzige, der die sozialen Netzwerke für seine Zwecke nutzt. Politiker und Organisationen in aller Welt tun es ebenso: Sie posten emotionale Inhalte, verdrehen Tatsachen, gehen auf Stimmenfang und buhlen um Aufmerksamkeit. Sie bedienen so gezielt die Logik des Facebook-Algorithmus. Und wenn der Beitrag die gewünschte Wirkung verfehlt, setzen hochprofessionelle Marketingteams Anzeigen auf und bezahlen Tausende von Franken, um die Reichweite zu erhöhen und die Zielgruppe punktgenau zu erreichen. Trump ist nur die Spitze des Eisbergs – das eigentliche Problem ist das Geschäftsmodell von Facebook, das eine Politik wie jene von Trump befördert.

Denn Facebook hat schon seit vielen Jahren ein riesiges Problem mit Hassrede und Falschinformationen. Wer die Anwendung öffnet, wird vor allem mit Negativität konfrontiert: Wut, Frust, Hass. Facebook macht keinen Spass mehr. Ursprünglich konzipiert für das Teilen von Katzenvideos und Ferienbildern, ist der Algorithmus für politische und gesellschaftliche Debatten schlicht nicht geeignet. Die Funktionsweise der Plattform folgt nämlich der Logik, dass Inhalte, die viele Interaktionen und Kommentare auslösen, bevorzugt behandelt werden. Das führte zu Beginn dazu, dass besonders sehenswerte Katzenvideos auch von besonders vielen Nutzern angeschaut werden konnten. Inzwischen führt es aber dazu, dass nicht die süssesten, sondern die aufwühlendsten Beiträge auf grosse Reichweiten kommen.

Dass Facebook die Interaktion der Nutzer ins Zentrum der Anwendung stellte – im Gegensatz beispielsweise zu Instagram, wo die Inhalte der Nutzer das Gerüst bilden –, rächte sich. Erst als der Konzern realisierte, dass die eigene Reputation Schaden nimmt und grosse Werbekunden sich verärgert abwandten, verstärkte er den Kampf gegen den grassierenden Hass. Facebook löscht inzwischen zu Hunderttausenden Inhalte, die zu Gewalt aufrufen oder die Demokratie untergraben, und sperrt Nutzer, die diese Inhalte verbreiten – und zwar so viele wie noch nie. Trotzdem reicht das nirgends hin.

Facebook schaute jahrelang zu

In den «Gemeinschaftsstandards» von Facebook steht unter anderem: «Unser Ziel ist es, potenziellen Schaden in der Offline-Welt zu verhindern, der möglicherweise im Zusammenhang mit Inhalten auf Facebook steht.» Das ist legitim – doch es gilt nicht für alle. Trump reizte die Grenze des Sagbaren aus, seit er seine Präsidentschaftskampagne gestartet hatte. Er nutzte die sozialen Netzwerke virtuos, baute sich eine treue Anhängerschaft auf, trieb die republikanische Partei vor sich her und schaffte es ins Weisse Haus. Facebook und Twitter wirkten ungewollt als Katalysatoren seiner Politik. Aber sie liessen es zu, denn die Aufmerksamkeit war ihnen gewiss. Es ist das gleiche Dilemma, in das auch die Medien gerieten: Trump war ein Ärgernis, aber er brachte Klicks und damit Einnahmen. Die Plattformen sind nicht dafür verantwortlich, was ihre Nutzer posten – aber dafür, wie es sich verbreitet.

TikTok passt Privatsphäreeinstellungen für Jugendliche an

Das insbesondere bei Jüngeren beliebte, soziale Netzwerk TikTok nimmt Änderungen an den Privatsphäreeinstellungen vor. Die Profile aller Nutzer zwischen 13 und 15 Jahren stehen jetzt in der Voreinstellung auf „privat“, was bedeutet, die Inhalte werden nicht öffentlich geteilt. Mit den Änderungen sollen jungen Nutzern die Vorzüge der Privatsphäreneinstellungen nähergebracht werden, erklärt TikTok in einer Pressemitteilung.

Darüber hinaus lassen sich Videos von 13- bis 15-Jährigen nicht kommentieren, es sei denn, diese haben die Kommentarfunktion für die eigene Freundesliste freigeschaltet. Die TikTok-Funktionen „Duett“ und „Stich“ erlauben es, mit dem Content anderer Nutzer zu interagieren. Dies ist ab sofort nur möglich, wenn die entsprechenden Inhalte von Nutzern ab 16 Jahren erstellt wurden. Für alle Nutzer im Alter von 16 bis 17 Jahren konfiguriert TikTok Duett und Stitch standardmäßig so, dass sie nur mit dem Content von Freunden interagieren können.

Kleinteilige Einstellungen

Auf Nachfrage, warum die Einstellungen nicht einheitlich für alle Jugendlichen unter 17 Jahren geregelt sind, erklärt TikTok: „Die Bedürfnisse und Fähigkeiten von Jugendlichen ändern und entwickeln sich, je älter sie werden. Unsere Einstellungen spiegeln diese Entwicklung wider“. Um sich neu bei dem sozialen Netzwerk zu registrieren, müssen Nutzer über eine Maske ihr Alter eintragen. Eine Verifikation des angegebenen Alters findet allerdings nicht statt. TikTok erklärt, Konten zu löschen, wenn sich herausstellt, dass die Nutzer unter 13 Jahren alt sind.

EU-Kommissar Thierry Breton: „Soziale Netzwerke können Verantwortung nicht länger verbergen“

EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton hat nach der Sperrung der Online-Konten von US-Präsident Donald Trump eine Parallele zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA gezogen. So wie dieser Tag einen Paradigmenwechsel für die globale Sicherheit markiert habe, würden wir 20 Jahre später Zeuge eines Davor und Danach mit Blick auf die Rolle digitaler Plattformen in unseren Demokratien. Soziale Netzwerke könnten ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft fortan nicht mehr hinter dem Argument verbergen, dass sie lediglich Hosting-Dienste seien, schrieb der Franzose in einem Gastbeitrag für das Magazin „Politico“.

Am 08.01. hatte der Kurznachrichtendienst Twitter Trumps Konto dauerhaft gesperrt. Auch Facebook sperrte seine Accounts bis auf weiteres auf Facebook und Instagram. Auslöser waren seine Beiträge zum Sturm seiner Anhänger auf das Kapitol in Washington am 13.01.

Die Anbieter hätten ihr Handeln damit begründet, dass Trumps Nachrichten die Demokratie bedroht sowie zu Gewalt und Hass aufgerufen hätten, argumentiert Breton nun. Damit hätten sie ihre Verantwortung, Pflicht und Möglichkeiten anerkannt, die Ausbreitung illegaler Inhalte zu verhindern, hieß es in dem bereits am Sonntag veröffentlichten Beitrag.

Zugleich betont Breton, es sei verblüffend, dass ein Firmenchef ohne Kontrolle den Stecker „aus den Lautsprechern“ des Präsidenten der Vereinigten Staaten ziehen könne. Dies zeige unter anderem die großen Schwachstellen darin, wie der digitale Raum in unserer Gesellschaft organisiert sei. Die vergangenen Tage hätten deutlich gemacht, dass man nicht auf den guten Willen der Plattformen oder ihrer kreativen Interpretation des Gesetzes vertrauen könne.

Breton verwies darauf, dass Europa weltweit der erste Kontinent sei, der den digitalen Raum umfassend reformieren wolle. Dazu hatte die EU-Kommission Mitte Dezember mehrere Gesetzesvorschläge vorgelegt. Sie sehen unter anderem vor, dass digitale Plattformen wie Twitter und Facebook deutlich mehr Pflichten und Verantwortung für die Inhalte übernehmen, die dort veröffentlicht werden. „Was offline illegal ist, sollte es online ebenfalls sein“, schreibt Breton nun.

Ein Sprecher der EU-Kommission betonte am Montag, wenngleich dies Regeln für die EU seien, sollten sie Regierungen weltweit inspirieren. Sie sollten ein Gleichgewicht zwischen dem Respekt von Grundrechten auf der einen sowie mehr Verantwortung für Plattformen auf der anderen Seite schaffen.

SWR-Intendant will SR übernehmen

Herr Gniffke, in den vergangenen Wochen wurde – ausgelöst von der Politik in Sachsen-Anhalt – wieder intensiv über die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen diskutiert. Dazu wollen Sie mit „Strukturüberlegungen“, wie Sie es nennen, einen Impuls geben. Was bedeutet das?

Mir liegt viel an einer vernünftigen und am Ende ergebnisorientierten Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, damit ein exzellentes Medienangebot erhalten bleibt. Da kann es ja nicht schaden, wenn Betroffene mal öffentlich sagen, was sie sich vorstellen könnten und was nicht, weil ich überzeugt bin, dass es Zeit wird, Dinge zu denken, die bislang unvorstellbar gewesen wären.

Das klingt nach Revolution, in der ARD nur schwer vorstellbar.

Wir haben uns angesichts der medienpolitischen Diskussion in den vergangenen Monaten – und seit dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zu unserem Eilantrag – noch einmal intensiver Gedanken gemacht, wie wir knapp unterhalb der staatsvertraglichen Regelung an uns selber arbeiten können. Und das nicht, um nur kurzfristig Geld einzusparen sondern die Diskussion um Auftrag und Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit neuen Impulsen zu bereichern.

Was meinen Sie mit „Strukturüberlegungen“ konkret?

Wir können sehr viel intensiver miteinander kooperieren.

Das ist jetzt noch kein revolutionärer Gedanke…

Das Novum wären Sender-übergreifende Strukturen mit unserem Schwester-Sender im Südwesten der Republik, dem Saarländischen Rundfunk. An einigen Stellen pflegen wir schon heute eine sehr gute Kooperation, aber ich möchte die Kolleginnen und Kollegen des SR einladen, um zusammen darüber nach zu denken, ob wir gemeinsame Direktionen schaffen wollen. Das könnte sich z. B. auf die Produktion, das Justiziariat und auf die Verwaltung beziehen. Hier geht es um institutionell definierte, gemeinsame Strukturen. Ein solcher Vorschlag soll den Sendern ihre redaktionelle Autonomie und Präsenz in ihren Regionen belassen, das ist wichtig. Aber deswegen kann man trotzdem in noch größerem Umfang als bisher zusammen arbeiten.

Wenn Sie vom Abbau von Doppelstrukturen sprechen: Würde auch der SWR zurücktreten?

Ja, wenn wir mit dem SR über sowas reden würden, dann wären es Gespräche auf Augenhöhe. Dann darf es auch keine Tabus geben. Aufgrund der Größenunterschiede bietet sich die Struktur des SWR an einigen Stellen als Grundlage, um Vorteile für SWR und SR zusammen zu erzielen – wenn wir zum Beispiel über den Erwerb von IT-Technik sprechen oder generell eine Einkaufsgemeinschaft bilden würden. Aber das kann genauso umgekehrt gelten.

Synergien bei Einkauf und IT sind jetzt allerdings eher ein Running Gag, der schon in vielen Spar-Runden angeführt wurde. Ihr Vorschlag ginge darüber hinaus?

Erhebliche Potentiale lägen in der gemeinsamen Werbevermarktung, aber es geht weiter: Rechnungswesen, Gebäudemanagement, Buchhaltung, Honorare und Lizenzen sind denkbare Felder. Bis hin zur Überlegung, ob man einzelne Sendungen des SR auch in Studio-Kapazitäten des SWR produzieren könnte. Da geht es um eine klügere Auslastung vorhandener Ressourcen. Es sind ganz viele Punkte, bei denen es aus unserer Sicht lohnenswert wäre, das Gespräch zu suchen.

Das klingt nach einer Fusion ohne es Fusion zu nennen.

Der SWR ist ein Sender, der mit strukturellen Veränderungen schon viele Erfahrungen gemacht hat und auch die Mühen und Beschwernisse einer Fusion kennt. Das heißt nicht, dass ich für immer und ewig eine Fusion ausschließen würde, aber ich weiß wie schwer sie sind und wie viele Jahre sie dauern. Wir müssen aber nun schneller und vor allem pragmatisch agieren, zumal eine Fusion nichts ist, was wir selbst beschließen können.

Glauben Sie, dass eine neue Intendantin oder ein neuer Intendant des SR – die Wahl findet im Februar statt – sich auf so einen Deal einlassen kann, der böswillig betrachtet ein Ausverkauf des SR wäre?

Ihre Frage ist legitim, sie stammt aber aus diesem alten Denken, was einen Sender definiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass es um die Vielfalt von Programmangebot geht, aber sich die Eigenständigkeit eines Senders nicht an der Verwaltung, dem Gebäudemanagement oder Werbeverkauf definiert – alles inklusive entsprechender Führungsposten. Das sind Investitionen, die im Programm nicht hör- oder sichtbar werden. Ich möchte ein Denken anregen, das in den Mittelpunkt stellt, ob über Jahrzehnte etablierte Strukturen nötig sind. Ich glaube, dass unsere Beitragszahlerinnen und -zahler für ihr Geld ein genuines Programm für ihr Bundesland erwarten. Deshalb soll die Programmautonomie nicht angetastet werden, damit eine klare Identität für Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland erhalten bleibt.

Und das halten Sie für machbar?

Ja, weil es genau auf der Linie dessen liegt, was gerade viele Kritiker der Öffentlich-Rechtlichen fordern: Strukturelle Veränderungen. Sehen Sie, was wir gerade zum 1. Februar im SWR realisieren, ist die komplette Veränderung der Nachrichtenstruktur. Dabei sind wir schon erfolgreich aus diesem alten Denken rausgekommen, dass Länder sich aus Standort-politischen Motiven gegen solche Überlegungen sperren. So können wir unsere Hörfunknachrichten künftig an einem Standort produzieren. Wir sind im SWR dabei, erfolgreich auszubrechen aus dem Denken in Ländergrenzen, die uns – sagen wir es doch ganz offen – den Sender früher lange gelähmt hat. Und deswegen glaube ich, wir können noch einen Schritt weiter gehen und im Südwesten noch intensiver zusammenarbeiten, der SWR mit dem SR. Ich sehe zwei Sender, die füreinander bestimmt sind.

Ihr Ansatz wäre – Stichwort Fusion – also ein pragmatischer Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Medienpolitik?

Sie haben mich ertappt: Ich bin ein elendiger Pragmatiker, versuche Dinge zu lösen und das gerne schnell. Wenn ich alles auf die Medienpolitik abschiebe und auf fertige Lösungen warten würde, verschenken wir zu viele Jahre. Ich glaube wir können die Medienpolitik so auch ein Stück weit entlasten, weil nicht das ganz große Rad gedreht werden muss, wenn wir von uns aus vor der eigenen Haustür anfangen.

Streng genommen wollen sie ja eher vor der Tür ihres Nachbarn anfangen…

Nein, das wäre eine böswillige Auslegung, außerdem meine ich den Südwesten. Ich möchte auch nochmal ganz, ganz deutlich sagen: Was der Saarländische Rundfunk unter außerordentlich schwierigen Bedingungen in den letzten Jahren geleistet hat, nötigt mir einen riesengroßen Respekt ab. Thomas Kleist hat den Sender großartig durch bewegte Zeiten geführt, aber die Zeiten werden nicht einfacher. Deswegen mein Appell: Lasst uns überlegen, wie wir zwei eigenständige Sender erhalten und dabei über Dinge nachdenken, die bisher nicht vorstellbar waren. Das sage ich wissend, dass ein solches Vorhaben dem SWR auch nicht nur Freude macht, weil es viel Energie und Arbeit verlangt. Aber wenn wir alle nach der Prämisse agieren „Wie mache ich mir das Leben am leichtesten“, dann werden wir eine Auftrags- und Strukturdebatte erleben, die uns um die Ohren fliegt.

Haben Sie denn schon das Gespräch mit dem SR gesucht?

Ich habe informell mit dem scheidenden Intendanten Thomas Kleist darüber gesprochen. Aber beim SR steht ein großer personeller Wechsel nicht nur in der Intendanz bevor. Deshalb könnten wir mit einer neuen Administration des Saarländischen Rundfunks sehr schnell in Gespräche einsteigen um zu klären, was möglich wäre. Vielleicht will eine neue Intendantin oder ein Intendant diese Idee aufgreifen.

Der Zeitpunkt unseres Gesprächs kommt also nicht von ungefähr: Am Samstag endet die Bewerbungsfrist um die Intendanz des Saarländischen Rundfunks. Klingt als hätten Sie einen Favoriten bzw. eine Favoritin?

Das entscheiden einzig und allein die Gremien des SR. Da haben sich andere Sender, auch der SWR, rauszuhalten.

Zum Zustand der Medienpolitik in Deutschland eine Abschlussfrage: Auftrag und Umfang zu definieren, wäre eigentlich Aufgabe der Medienpolitik, doch statt diese zu gestalten kommen von dort oft falsch adressierte Forderungen an ARD und ZDF. Ärgert oder amüsiert Sie das?

Weder noch, aber in der öffentlichen Debatte werden oft medienpolitische Forderungen erhoben, die außerhalb unseres Kompetenzbereiches liegen. Bei mancher Veröffentlichung wundert man sich und würde empfehlen, sich wenigstens rudimentär mit dem Gesetzestext zu befassen, damit die Kritik mehr Substanz hat. Wenn es um die Reduzierung der Anzahl von Sendern geht, haben wir das nicht in der Hand. Intendantengehälter wäre auch so ein Thema, auch die liegen nicht in unserem eigenen Ermessen. Da müsste die Medienpolitik tätig werden. In 15 Bundesländern beschäftigte man sich ja auch frühzeitig mit der Thematik und hat seine Hausaufgaben gemacht, ein Landtag hat sich der Entscheidung entzogen und wir sind, drin in der Diskussion über Auftrag und Struktur der Öffentlich-Rechtlichen. Wenn unsere Strategie weiterhin darin besteht, nur zu wiederholen und betonen wie angemessen und wichtig der Rundfunkbeitrag ist, gewinnen wir niemanden. Wir haben eine Debatte über Auftrag und Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. In dieser Diskussion würde ich gerne nicht hinterher laufen und getrieben werden, sondern Vorschläge einbringen, die aus den Häusern selbst heraus angegangen werden können.

Corona: Ein Panikorchester in der Endlosschlaufe

Es gab selten ein derart dominantes Medienthema wie die Corona-Krise. Mit ihrer Berichterstattung haben die Journalisten politischen Aktivismus und überzogene Massnahmen begünstigt.

Das Coronavirus, seine Mutationen, das Drama um die Impfstoffbeschaffung und -verteilung sowie die verlängerten und verschärften Lockdowns halten uns weiter in Atem. Es gibt nur einen blinden Fleck: welche Rolle der Journalismus, zuvörderst die Leitmedien und das öffentlichrechtliche Fernsehen, im ersten Pandemiejahr gespielt hat. Das wurde zu wenig ausgeleuchtet. Stattdessen wurden wir fast täglich mit Informationen dazu überschüttet, wie sich in den sozialen Netzwerken Desinformation und Verschwörungstheorien ausbreiten.

Zwar hat die Art und Weise, wie Leitmedien über die Corona-Krise berichten, nicht die Pandemie ausgelöst. Sie hat aber ganz gewiss die Erwartung mit erzeugt, eine Pandemie sei durch politische Massnahmen «kontrollierbar», und sie hat damit die angeblich «alternativlosen» politischen Reaktionen auf Covid-19 in den westlichen Demokratien mitgeprägt.

Herbeigeschriebene Schockstarre

Man braucht nur ein paar gesicherte Erkenntnisse der Medienforschung zusammenzunehmen, um diese These nicht ganz abwegig zu finden. Denn Medien sind mächtig, darin ist sich die Wirkungsforschung seit Jahrzehnten einig – auch wenn Journalisten das zumeist nicht wahrhaben wollen.

Im Frühjahr 2020 absorbierte die Corona-Pandemie innert weniger Tage die mediale Aufmerksamkeit. Es gab Schreckensstatistiken von Infizierten und Toten, dazu rund um die Uhr TV-Bilder von den Leichentransporten in Bergamo oder den Kühlhäusern, in denen Verstorbene in New York zwischengelagert wurden. Der Medienhype liess eine Art Schockstarre entstehen und stellte alles in den Schatten, was wir nach Kriegsende an monothematischer Berichterstattung kannten.

Man kann sich ausmalen, wie die Überdosis Corona-News bei Mediennutzern Unsicherheit, Angst, ja Panik erzeugt hat – und wie sich dies nicht zuletzt in steigender Nachfrage nach Corona-News niederschlug. Medienprofis können heutzutage in Echtzeit messen, welche Nachrichten gefragt sind. In Corona-Zeiten, so haben in den letzten Monaten Journalisten immer wieder versichert, hat sich das Nutzerinteresse fast ausschliesslich auf die Pandemie fokussiert.

Diese Nachfrage wurde nach Kräften bedient, und sie hat eine weitere Nachfrage erzeugt. Wobei sich Journalisten auch stark an dem orientieren, was andere Journalisten machen – solche «Kollegenorientierung» ist seit Jahrzehnten nachgewiesen. Sozialpsychologen und Verhaltensökonomen würden sie als Herdentrieb bezeichnen.

Jedenfalls wird plausibel, weshalb die Corona-Berichterstattung im Frühjahr 2020 plötzlich hochschnellte und wie innerhalb weniger Tage die Trommler im Covid-19-Panik-Orchester die Tonlage vorgaben. Für die Schweiz registrierte das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich, dass sich an einzelnen Tagen bis zu 70 Prozent der Berichterstattung um Covid-19 drehte. In Deutschland bewegte sich im März und April der Anteil der Corona-News in den beiden Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF ebenfalls zwischen 60 und 75 Prozent.

Präferenz für Scharfmacher

Zum Vergleich: Beiträge zur Klimadebatte machten in der Schweiz selbst in Spitzenzeiten kaum je mehr als 10 Prozent der gesamten Berichterstattung aus. Auf diese «Verengung der Welt» machten auch Dennis Gräf und Martin Hennig von der Universität Passau aufmerksam. Die Forscher untersuchten die Sondersendungen zu Corona, die jeweils zur besten Sendezeit von ARD und ZDF ausgestrahlt wurden. Über das Jahr hinweg gab es davon 134, bis zum Abschluss der Forschungsarbeit im Juni waren es 93 innerhalb von 15 Wochen.

Damit ist, wie die Forscher festhalten, aus dem Konzept von Sondersendungen eine «neue Normalität» entstanden. Die «Engführung» entspreche «einer Ausblendung aller anderen gesellschaftlich relevanten Gemengelagen».

Noch krasser ist das Bild bei den Talkshows. 66 von insgesamt 106 solcher Sendungen bei ARD und ZDF beschäftigten sich 2020 mit der Corona-Pandemie. Die US-Wahlen lagen mit 8 Sendungen weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Unter den Gästen belegten fünf Politiker der Regierungsparteien die vorderen Plätze – je 14 Auftritte hatten allein der Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und der Scharfmacher unter den Pandemie-Wellenreitern, der SPD-Politiker Karl Lauterbach.

Dass im Vergleich dazu sachkompetente Experten nicht ganz so wichtig sind, zeigt sich an Auftritten der deutschen Starvirologen: Hendrik Streeck und Alexander Kekulé waren nur sieben Mal dabei, Christian Drosten sogar nur vier Mal.

Wir haben es fraglos mit einem Berichterstattungs-Overkill zu tun. Quantität ist in eine neue Qualität umgeschlagen. Zwar funktioniert so Aufmerksamkeitsökonomie. Aber das Problem dabei ist eben, dass Medienprofis uns über den Weltlauf informieren sollten – und offenbar nicht sehen wollen, was sie mit ihrem Tunnelblick anrichten.

Denn Politik agiert nicht im luftleeren Raum. So wie die Medien liefern, was ihre Nutzer wollen, kümmern sich Politiker um ihre Wähler. Diese wiederum laufen, vom Virus und von den Medien eingeschüchtert, eher dem strammen Markus Söder hinterher als dem vergleichsweise zaudernden Politikertyp eines Armin Laschet.

Politiker im Überbietungsmodus

Die monomane Corona-Berichterstattung signalisierte Entscheidungsbedarf. Die Politiker wussten noch nicht, wie sie handeln sollten, weil es an verlässlicher Information fehlte. Gleichwohl mussten sie Entschlossenheit demonstrieren, und sie fütterten die Medien in einem Profilierungswettbewerb, der schnell zur Bevormundungs-Überbietungskonkurrenz ausartete.

Regierungen verfügen obendrein über mächtige PR-Apparate. So beeinflussen sie die Tonlage der Berichterstattung und stellen ihr Handeln als «alternativlos» dar. Damit war der Weg nicht nur zu den vernünftigen AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) geebnet, sondern auch für die Lockdowns mit ihren oft unverhältnismässigen Ungereimtheiten.

Der Journalismus selbst hat der Flut von PR- und Propagandameldungen – zum Beispiel im Fall von China, wo in Wuhan alles anfing – nur wenig entgegenzusetzen. Denn die Wissenschafts- und Medienredaktionen, auf die es ankäme, sind über Jahre hinweg ausgedünnt oder sogar ganz wegrationalisiert worden.

So können in den Redaktionen allenfalls Einzelkämpfer auf die PR-Trupps der anderen Seite reagieren, aber sie können ihnen kaum Paroli bieten. Statt Statistiken einzuordnen, bombardieren sie uns tagtäglich mit Zahlen zu Corona-Infizierten und -Toten. Letztere sind wenig aussagekräftig, solange wir nicht erfahren, ob Menschen am oder mit dem Coronavirus starben, und beim internationalen Vergleich solcher Statistiken ist das zumeist offen.

Wer nur Tote oder Infizierte nennt, ohne die Genesenen sowie die Gesamtzahl der Tests anzuführen, ist, so Roland Schatz vom Zürcher Forschungsinstitut Media Tenor, «auf dem journalistischen Niveau eines Sportjournalisten, der nach dem Halbfinalspiel Barcelona – Bayern nur die Tore nennt, die Barcelona geschossen hat».

Weitaus weniger eindrucksvoll, aber als Indikatoren brauchbarer, um die Dynamik der Pandemie zu verstehen, sind Daten zur Übersterblichkeit und Statistiken, welche die Verstorbenen in Bezug setzen zur jeweiligen Bevölkerungsgrundgesamtheit. Wer solche Statistiken in Abständen von ein paar Wochen genauer studiert, mag allerdings den Eindruck gewinnen, dass oft der Zufall im Spiel ist, wenn Superspreader wüten und neue Infektions-Hotspots entstehen.

Zwar verursacht die Politik mit ihren Eindämmungsmassnahmen riesige Kollateralschäden, sie vermag dagegen die Ausbreitung des Virus nur sehr bedingt zu kontrollieren. Angst, angesteckt zu werden, haben wohl fast alle von uns bekommen. Über Ansteckungsrisiken war indes wenig zu erfahren. Hätten einige Medien schon vor Jahren mit ihren kühnen Bedrohungsszenarien recht behalten, gäbe es indes gar kein Infektionsrisiko mehr: Die Schweizer und die Deutschen wären dann nämlich bereits wegen Rinderwahn oder spätestens Sars ausgestorben.

Filmförderchef rechnet mit Kinoboom

Weltweit leiden Kinos unter der Coronakrise – nach Einschätzung des deutschen Filmförderchefs Peter Dinges könnte nach der Pandemie aber ein neues Hoch kommen. Derzeit treffe die Krise sowohl kleine als auch große Filmtheater. „Die Kinos zehren im Moment von ihrer Substanz. Und diese Substanz ist endlich“, sagte der Vorstand der Filmförderungsanstalt in Berlin.

Zeit für Renovierungen

Die Kinos bekämen wie andere Unternehmen in Deutschland Soforthilfen. „Aber die Frage ist, wie es weitergeht. Es wird nicht ewig staatliche Hilfen geben“, sagte Dinges der Deutschen Presse-Agentur. Er bewundere den Mut vieler Betreiber, die die Situation insofern nutzten, als dass sie renovierten und sich vorbereiteten.

Dinges geht davon aus, dass die Menschen nach der Pandemie nicht daheim vor Streamingdiensten sitzen bleiben werden. „Die Leute haben das Sofa satt“, sagte Dinges. Das habe man sehr schön am letzten Wochenende, bevor die Kinos erneut geschlossen worden seien, gesehen. Die Leute hätten Schlange gestanden für Tickets.

„Außerdem hatten wir 2019 – also kurz vor der Coronavirus-Pandemie – die weltweit besten Kinoergebnisse, einen Box-Office-Rekord. Und diese 42,2 Milliarden Dollar sprechen ihre eigene Sprache“, sagte Dinges im dpa-Interview. „Warum soll sich das durch die Pandemie geändert haben? Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Wir werden nach Ende der Pandemie einen Kinoboom erleben.“

Stage-Entertainment-Chefin: „Wir sind Opfer eines Berufsverbotes und müssen Klinken putzen“

Der größte deutsche Musical-Anbieter Stage Entertainment würde ohne Geldspritzen der Eigentümer aus den USA nicht überleben. Deutschland-Chefin Uschi Neuss kritisiert die Staatshilfe, die für die Branche meist nicht passend sei.

Im Eingang zur Firmenzentrale von Stage Entertainment in der Hamburger Speicherstadt liegen Prospekte für „König der Löwen“, „Tina Turner“, „Pretty Woman“ oder „Die Eiskönigin“ aus, als wäre es eine ganz normale Winterzeit. Doch sie ist es nicht. Kunden kommen nicht wie in anderen Jahren in Scharen hierher, um Karten zu kaufen. Die Musicaltheater spielen schon seit März nicht mehr. Ein paar Stockwerke über der Eingangshalle sagt Geschäftsführerin Uschi Neuss im Interview, wie sie Deutschlands größten Musicalanbieter durch diese Krise führt und was sie dringend braucht, um Darstellern und dem Unternehmen eine Perspektive für das Leben nach der Pandemie geben zu können. Doch selbst der typischen Rheinländerin fällt es in manchen Momenten schwer, ihre Zuversicht zu bewahren.

WELT: Frau Neuss, Ihre Musicaltheater sind seit März wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Von größeren staatlichen Hilfen für Ihr Unternehmen ist nichts bekannt. Schauen Sie mit gemischten Gefühlen auf die Nachricht, dass Ihr Konkurrent Deutsche Entertainment AG gerade von der Förderbank KfW ein Darlehen über 25 Millionen Euro zur Finanzierung von Betriebsmitteln bekommen hat?

Uschi Neuss: Nein, ich sage DEAG-Chef Peter Schwenkow wie jedem Unternehmen aus unserer Branche „Herzlichen Glückwunsch“, wenn es in diesen Zeiten Gelder erhält. Wer seine Theater schließen muss, braucht Fremdmittel, um die Krise überstehen zu können. Stage Entertainment erfüllt die Kriterien für derartige Kredite nicht, weil unsere Unternehmensstruktur anders ist. Unser Rechtssitz ist in den Niederlanden und wir haben keine Hausbank in Deutschland. Für uns ist diese Tür zu. Bisher konnten wir von unseren Rücklagen leben. Und in diesem Jahr unterstützt uns unser Eigentümer.

WELT: Ihr Eigentümer ist das Familienunternehmen Advance Publications aus New York. Wie viel Hilfe benötigen Sie?

Neuss: Im Moment benötigen wir etwa fünf Millionen Euro im Monat, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können. Es geht mir gar nicht in erster Linie um das Geld. Viel schlimmer und gruselig ist es, dass man sich bei möglichen Hilfen als Bittsteller fühlt. Wir haben ein erfolgreiches Geschäftsmodell und immer gut gewirtschaftet. Jetzt sind wir das Opfer eines Berufsverbotes und müssen Klinken putzen gehen. Zudem war es ein Fehler, dass sich die Politik vor dem Ausarbeiten der Hilfsprogramme nicht mit unserer Branche beraten hat. Deshalb passen die meisten Unterstützungen nicht.

WELT: Was erhält Stage Entertainment an Unterstützung?

Neuss: Im Wesentlichen ist es das Kurzarbeitergeld, was uns auch sehr hilft. Fast alle unserer etwa 1500 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, darunter sämtliche Künstler. In der Verwaltung betrifft das dagegen nur einen kleinen Teil. Wir haben alles probiert, unsere Fachkollegen und Wirtschaftsprüfer haben alle Fördertöpfe geprüft. Doch auf uns passt davon nur wenig. Aus der sogenannten Kultur-Milliarde der Staatsministerin Monika Grütters zeichnet sich zum Beispiel ab, dass wir bis zu 100.000 Euro je Theater erhalten. Das betrifft die durch Corona bedingten Investitionen. Wenn es gut läuft, werden wir am Ende vielleicht einen einstelligen Millionen-Euro-Betrag an staatlicher Hilfe bekommen. Um das einmal in ein Verhältnis zu setzen: Wir werden mindestens ein Jahr den Musicalbetrieb geschlossen haben. Dadurch gehen uns 300 Millionen Euro an Umsatz verloren.

WELT: Und was meinen Sie mit dem erwähnten Aufwand von fünf Millionen Euro im Monat?

Neuss: Wir bemühen uns, den Kostenapparat niedrig zu halten. Nach dem so sehr herbeigesehnten Start wollen wir unsere Schulden schnell zurückzahlen. Aktuell können wir durch das Kurzarbeitergeld die Personalkosten um etwa 80 Prozent senken. In den genannten fünf Millionen Euro sind zum Beispiel Mieten, Steuern oder Energiekosten enthalten. Von unseren acht Theatern im En-suite-Spielbetrieb gehört die Hälfte uns, die andere Hälfte ist gemietet. Für mich ist wichtig, was unsere Künstler gerade durchmachen. Für sie ist es eine Vollkatastrophe, dass sie nicht das tun, was sie können. Ihr Talent liegt brach. Sie brauchen das Miteinander, sie brauchen das Publikum. Diese Situation ist für sie und uns alle absolut unnatürlich.

WELT: Gerade haben Sie erklärt, dass 100 Beschäftigte in der Verwaltung ihre Arbeit verlieren. Wird es Kündigungen geben?

Neuss: Wir werden uns von einem Drittel unserer Verwaltungsmitarbeiter trennen müssen. Wir müssen dauerhaft niedrigere Kosten in der Verwaltung erreichen. Und ja, es wird neben dem Weg über die Rente oder die Fluktuation auch Kündigungen geben. Wir stehen aber erst am Anfang der Verhandlung eines Sozialplans. Für mich persönlich ist das eine der härtesten Aufgaben in meinem Berufsleben überhaupt.

WELT: Mussten Sie nicht auch Tausende Tickets erstatten, die bereits für Shows in diesem Jahr gebucht und bezahlt waren?

Neuss: Unsere Gäste sind unser größter Segen! Wir mussten weniger als fünf Prozent der etwa 600.000 bereits gebuchten Tickets zurückzahlen. Rund 95 Prozent der Kunden nutzen die Gutscheinregel oder warten einfach ab und verschieben ihre Buchung in die Zukunft. Schließlich sind die Tickets endlos gültig.

WELT: Wie hoch muss denn die Auslastung sein, damit ein Theater wiedereröffnen kann?

Neuss: Das lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl bemessen, denn jede Show hat eine andere Wirtschaftlichkeit. Die Häuser sind unterschiedlich groß, im Operettenhaus in Hamburg spielen wir vor 1400 Zuschauern, an der Elbe im „König der Löwen“ vor 2030 Gästen und in Berlin im Bluemax-Theater vor 650 Besuchern. In einigen Theatern brauchen wir eine Anwesenheit nahe der Vollauslastung, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Zwischen 50 Prozent und 80 Prozent Auslastung sind die Untergrenzen, je nach Show und Standort. Bei einer neuen Show setzen wir uns klare Vorgaben. Jedes Musical, ob Eigenentwicklung oder Lizenzübernahme, muss vereinfacht gesagt nach einem Jahr Spielzeit einen Gewinn erzielen können.

WELT: Nach dem Neustart wird es doch sicherlich Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie geben. Worauf stellen Sie sich ein?

Neuss: Wir brauchen etwa acht Wochen Vorlauf und dann werden wir ein Theater nach dem anderen wiedereröffnen. Falls Abstände gefordert werden, würden wir sogenannte Buchungsgruppen zusammensetzen und einen Platz dazwischen freilassen. Im Durchschnitt buchen bei uns 2,8 Personen zusammen einen Musicalbesuch, das nennen wir Buchungsgruppe.

WELT: Können Sie sich vorstellen, dass Fiebermessen am Eingang oder gar ein Impfnachweis zur Pflicht werden?

Neuss: Das denke ich nicht, Fiebermessen hätte nur eine geringe Aussagekraft. Auch eine Impfpflicht für einen Theaterbesuch kann ich mir nicht vorstellen. Natürlich werden unsere Darsteller Corona-Schnelltests machen, sobald es mit Proben und Betrieb wieder losgeht. Ich hoffe sehr, dass das im Frühjahr der Fall sein wird. Im Mai wollen wir in Hamburg in der Neuen Flora mit dem Musical „Wicked“ die erste Wiederaufführung feiern.

WELT: Wie wird es danach weitergehen wie zuvor?

Neuss: Vieles wird anders sein. Ich erwarte einen Innovationsschub. Das betrifft die Digitalisierung und die Frage, wie die Kunden ihre Tickets erwerben und wie wir die Kundenkontakte nutzen. Der direkte Kontakt wird viel stärker sein, unsere Gäste werden sich vorab mehr informieren. Sie werden sich vielleicht Erinnerungsstücke wie eine Kaffeetasse zum Musical oder ein T-Shirt aus dem Internet holen. Die klassische Vorverkaufsstelle wird an Bedeutung verlieren. Auch bei den Musicals selbst wird sich so vieles verändern, wie wir es nur alle 20 Jahre erleben. Die Kreativen werden das Genre mit neuen Stoffen und Ideen befeuern.

WELT: Und was wird aus den früher einmal geplanten neuen Musicaltheatern bei Stage?

Neuss: Es bleibt bei den Plänen, wir wollen weiter wachsen und das vor allem in Hamburg. Bis zum Jahr 2025 wollen wir eine weitere große Eigenentwicklung weltweit spielen. Außerdem entwickeln wir gerade ein neues Format. Wir wollen im Life-Theater die Grenzen des üblichen sprengen und Musicals ganz anders zeigen.

WELT: Könnte es von Stage auch ein Musical über die Pandemie geben?

Neuss: Nein, das glaube ich nicht. Das wäre eine Dokumentation und das ist kein Format für ein Musicaltheater. Im Musical wollen wir das Leben feiern.

ZDF-Intendant: Live-Formate werden in Corona-Zeiten wichtiger

Live-Formate bei TV-Sendern haben in Corona-Zeiten aus Sicht des ZDF-Intendanten Thomas Bellut an Bedeutung gewonnen.

„In diesen Zeiten ist es wichtiger geworden, Politik auch unmittelbar zu vermitteln“, sagte Bellut der Deutschen Presse-Agentur. Das machte er auch an der hohen Zahl von ZDF-Spezialsendungen zur Corona-Pandemie fest. Auch auf digitalen Ausspielwegen im ZDF seien Live-Formate wichtiger geworden.

Auch in anderen Medienhäusern spielen Live-Formate verstärkt eine Rolle. Zwei Beispiele: Die Mediengruppe RTL Deutschland testet verstärkt diese Formate im Internet auf ntv.de und rtl.de zu Nachrichten. Und der Medienkonzern Axel Springer investiert schon länger in eine Live-Video-Strategie bei seiner stärksten journalistischen Marke „Bild“ und nimmt dafür Millionenbeträge in die Hand.

Medienkritik zu Livetickern: Bitte aktualisieren!

2020 war das Jahr der Liveticker. Über ein Format, das entschleunigt vom Ausnahmezustand berichtet.

Irgendwann wird vielleicht mal jemand einen Nachruf auf das Phänomen des Livetickers schreiben. Sie oder er wird wehmütig auf diese digitale und trotzdem sonderbar altmodische Form der Berichterstattung zurückblicken, die Informationen „live“ verspricht, bei der man aber regelmäßig auf „aktualisieren“ klicken muss, um die neuesten Meldungen abzurufen. Man hechelt ewig hinterher, hält den Atem an, während die Seite neu lädt. Ist das Tor schon gefallen? Die Entscheidung über den Brexit schon durch? Joe Biden schon Präsident? Wieder und wieder synchronisiert man die Gegenwart mit sich selbst. Dabei stellt sich eine sonderbare, süchtig machende Seligkeit ein.

Will man diesem Gefühl auf den Grund gehen, muss man sich zunächst angucken, wie Menschen inzwischen Nachrichten im Netz konsumieren. Sie scrollen dabei meist durch einen automatischen Newsfeed. Die Finger und Mauszeiger gleiten sanft über das Weltgeschehen hinweg, was sich, weil man es im eigenen Tempo tut, anfangs wie Kontrolle anfühlt, dann aber, je weiter man scrollt, zunehmend ins Gegenteil umschlägt, denn Nachrichtenfeeds haben kein Ende. Es werden nur immer neue Inhalte am unteren Bildschirmrand geladen. Stets verpasst man noch möglicherweise Wichtiges. Die Digitalkonzerne hinter den Newsfeeds verdienen gut daran, dass ihre Nutzer das Gefühl haben, die Welt nicht mehr zu verstehen und sich deshalb immer noch weiter informieren zu müssen. Sie erzählen eine sich mithilfe von Algorithmen selbst fortschreibende Geschichte über die Gegenwart, der sie nie wirklich etwas wirklich Überraschendes, Neues hinzufügen, denn die Nachrichten sollen den Erwartungen des jeweiligen Nutzers entsprechen. Wodurch sich die Gegenwart, die niemals endet, immer unbestimmter und bedrohlicher anfühlt.

Die unerlöste Endlosigkeit ist gemäß der christlichen Theologie die Hölle. Anfang des Jahres etablierte sich im Netz der Begriff des „Doomscrolling“ für dieses Gefühl, in einem ewigen Nachrichtenschlauch aus Schrecklichkeiten zu stecken, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Liveticker hingegen sind, trotz ihres Versprechens atemloser Dringlichkeit, Entschleunigung pur. Als sie aufkamen, ersetzten sie zunächst in der Sportberichterstattung die Dynamik aufgeregt dauerquasselnder Kommentatoren in Radio und Fernsehen durch den gemächlichen Minutentakt eintröpfelnder Meldungen, bevor sie dasselbe mit politischen Großereignissen taten. Mit einem Liveticker ist man auf dem neuesten Stand, ohne dass sich der neueste Stand von selbst fortschreibt. Wenn man auf „aktualisieren“ klickt, erscheint ganz oben die wichtigste Neuigkeit zu einem vorher festgelegten Thema – oder eben auch nicht, wenn es nichts zu berichten gibt. Zwar tricksen manche Redaktionen gern, weil sie der Versuchung nicht widerstehen können, auch irrelevante Zwischenstände zu verbreiten, also Neuigkeiten, die eigentlich keine sind, aber der Missbrauch verdeutlicht nur sozusagen die hehre, reine Lehre dieser Form der Berichterstattung: Wenn es nichts Neues gibt, herrscht Ruhe im Kanal – aber gleichzeitig vermitteln Liveticker die gespannte Erwartung, dass „es“ jederzeit über einen hereinbrechen kann. Wie ein Alarmlämpchen leuchtet das rote Live-Symbol, während der alte Stand unverändert dasteht. Wann ist es so weit? Alles ist auf das am Horizont heraufziehende Ereignis ausgerichtet. Niemand weiß, wann der große Knall kommt. Jedes Mal, wenn man „aktualisiert“, schaufelt man neue Gegenwart ins System. „Refresh“ heißt die Funktion auf Englisch.

Ein Strang der französischen Philosophie, angefangen bei Henri Bergson, hat darüber geschrieben, dass Welterfahrung sehr konkret etwas mit Zeiterfahrung zu tun hat. Das sollte man ernst nehmen und sich ruhig einmal fragen, was die digitalen Zeitfresser eigentlich genau fressen. Für Alain Badiou hat politische Ordnung etwas mit Zählbarkeit zu tun. Alles hat seinen Platz, taucht in irgendeiner Reihenfolge auf. Der Staat überwacht fortlaufend die Zählung dessen, was er verwaltet. Ein systemveränderndes Moment tritt für Badiou erst dann ein, wenn sich etwas nicht zählen lässt, wenn es nicht aufgeht in der bestehenden Ordnung und diese dadurch infrage stellt. Heute hat der Staat diese repressive Funktion teilweise an die Digitalkonzerne abgegeben. Sie schreiben die Gegenwart entlang algorithmischer Reihen fort. Sie zählen und berechnen alles, was ist.

Liveticker halten, so könnte man sagen, der Welt den Atem an

Nun geht ein eigenartiges Jahr zu Ende, das damit begonnen hat, dass die Welt wie gebannt Infektionszahlen aktualisierte. Viele Medien richteten Liveticker ein, die über neueste epidemische und politische Entwicklungen informierten. Die Zeit schien suspendiert, alles war in der Schwebe und ist es noch immer. Ausgangssperren wurden verhängt, mal eben zentrale volkswirtschaftliche Paradigmen über Bord geworfen. Undenkbares wurde denkbar. Zur US-Wahl aktualisierte man Auszählungsergebnisse. Und vor den Gebäuden, in denen die Stimmen ausgezählt wurden, standen Menschen, die „Stop the Count!“ riefen.

Liveticker halten, so könnte man sagen, der Welt den Atem an, um vom Neuen zu künden. Ihre roten Lämpchen leuchteten viel in diesem Jahr. Alles schien möglich, während die Gegenwart immer wieder ihre Synchronizität mit sich selbst verlor. So viel Dialektik! Halb fürchtet man sich, halb sehnt man sich danach, dass die neue Gegenwart, welche auch immer es sei, endlich beginnen möge.

ZDF-Intendant hält Gebühren-Blockade für kontraproduktiv

Infolge des Beitragsstreits sind viele Ideen in Umlauf, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Zukunft aussehen könnte. Aus Sicht des ZDF führt die Blockade nicht dazu, dass die Debatten vorankommen – im Gegenteil.

Die Blockade eines höheren Rundfunkbeitrags durch Sachsen-Anhalt verzögert aus Sicht des ZDF-Intendanten Thomas Bellut die Debatten über eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. „Ich glaube, dass der notwendige Gang nach Karlsruhe den Dialog eher behindert“, sagte Bellut der Deutschen Presse-Agentur. ARD, ZDF und Deutschlandradio klagen beim Bundesverfassungsgericht, weil Sachsen-Anhalt die Erhöhung des Rundfunkbeitrags von monatlich 17,50 Euro auf 18,36 Euro zum 1. Januar blockiert.

Bellut sagte, ein konstruktiver Austauschprozess zu Rundfunkreformen sei in den Ländern bereits avisiert gewesen. Er zeigte auch Verständnis dafür. „Natürlich wollen alle mitsprechen, wie ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem aussehen kann. Ich bin offen dafür, wenn es beiträgt, Strukturen zu verbessern.“ Der Intendant betonte auch: „Wir haben in Deutschland den digitalen Umbau, und der verlangt ohnehin, dass wir uns weiter entwickeln.“ Der Gang nach Karlsruhe verzögere diesen Reformprozess, „weil jetzt alle warten“. „Das ist das Problem.“

Die Koordinatorin der Länder-Rundfunkkommission und rheinland-pfälzische Medienstaatssekretärin, Heike Raab, hatte unlängst nach einer Sondersitzung der Länder wegen der Blockade aus Magdeburg mitgeteilt, dass man die Beratungen zur Novellierung des Senderauftrags fortsetzen wolle. „Hier hatten wir Ende vergangenen Jahres bereits gute Vorschläge erarbeitet“, sagte die SPD-Politikerin.

Dem Bundesverfassungsgericht liegen Verfassungsbeschwerden der öffentlich-rechtlichen Sender vor. Zudem stießen die Sender im Dezember auch Eilverfahren für eine vorläufige Entscheidung an, bis es in der Hauptsache ein Urteil gibt. Was das genau für die Haushalte in Deutschland heißt, ist unklar. Wann die Karlsruher Richter entscheiden, ist nicht bekannt. In den Eilverfahren könnte das noch in diesem Jahr geschehen.

Das schwarz-rot-grün regierte Sachsen-Anhalt ist das einzige Bundesland, das sich gegen die Erhöhung stemmt. Alle anderen haben dem Staatsvertrag, der ein Beitragsplus von 86 Cent vorsieht, zugestimmt.

In Magdeburg kam es im Landtag erst gar nicht dazu. Dort hätte die CDU mit der AfD-Opposition eine Mehrheit gegen die geplante Erhöhung bilden können. Die Koalitionspartner SPD und Grüne sind für das Beitragsplus – das Ganze hätte zum Bruch führen können. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) nahm den Gesetzentwurf deshalb kurz vor der Abstimmung zurück. Die anderen Länder unterstützen nun die Verfassungsbeschwerden der Sender.

Bellut forderte von Politikern eine „offene und ehrliche Diskussion“ zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und verwies auf die Rollenverteilung der Kompetenzen: Die Länder beschlössen den Umfang des Programms selbst, betonte er mit Blick auf Forderungen nach weniger Programmen. Die Intendantinnen und Intendanten seien aber für die Inhalte zuständig.

Aus Sicht des ZDF-Intendanten ist frühere Kritik aus Ostdeutschland an seinem Sender nachvollziehbar. Vieles sei in der vorigen Beitragsdebatte vor vier Jahren berechtigt gewesen. „Der Osten ist nicht immer ausreichend beachtet worden.“ Es habe zudem zu wenig Karrieren von Mitarbeitern mit Ost-Lebensläufen beim ZDF gegeben. Auch für die Forderung, im Osten mehr Produktionen anzusiedeln, weil dann auch Wirtschaftswert dorthin gehe, zeigte Bellut Verständnis.

Dass solche Kritik in Sachsen-Anhalt nun wieder aufkam, kommentierte Bellut so: „Aber all das haben wir in den letzten Jahren umgesetzt.“ Als Beispiele nannte er in Sachsen-Anhalt das Bauhaus-Jubiläum. Auch das Luther-Jubiläum 2017 sei im Programm breit abgebildet worden. „Wir hatten gute Argumente, es hat mir auch nie jemand widersprochen“, sagte er zu Debatten mit Politikern in Magdeburg. „Aber es hat alles nicht gewirkt.“

Bellut versicherte zugleich, dass sich durch die Blockade nichts am Verhältnis des Senders zu Sachsen-Anhalt ändere. „Wir werden nicht nachlassen, die Zuschauer im Osten und in Sachsen-Anhalt anzusprechen. Es ändert sich also gar nichts dadurch im Umgang mit Sachsen-Anhalt.“ Flankierend sagte er in Richtung Landespolitik: „Ich werde ihnen die nächste Ablehnung sehr schwer machen.“

Privatfernsehen:“Der Markt wird sich wieder zu unserem Vorteil verändern“

Rainer Beaujean, Chef von Pro Sieben Sat 1, glaubt nicht an einen Siegeszug der Streaming-Abos. Im Gespräch erklärt er, worauf seine Sendergruppe in Zukunft setzen will.

Rainer Beaujean, 52, wurde im März mitten in der Corona-Pandemie überraschend neuer Vorstandssprecher von Pro Sieben Sat 1, dem neben RTL größten privaten deutschen Fernsehanbieter. Sein umstrittener Vorgänger Max Conze musste nach nicht mal zwei Jahren und internen Auseinanderstzungen gehen. Beaujean, der nicht aus dem Mediengeschäft kommt, will Pro Sieben Sat 1 jetzt wieder auf das eigentliche Fernsehgeschäft konzentrieren – er glaubt auch, dass nicht alle Streamingdienste überleben werden und die Zuschauer dann zum linearen Fernsehen zurückkommen.

SZ: Herr Beaujean, bislang hieß es immer, selbstproduzierte Nachrichten seien zu teuer und rechneten sich nicht für Pro Sieben Sat 1. Nun haben Sie angekündigt, wieder eine eigene Redaktion aufzubauen. Warum?

Rainer Beaujean: Das ist ein Signal, dass wir es mit unserer neuen Strategie sehr ernst nehmen: Wir konzentrieren uns wieder auf das Kerngeschäft, auf Fernsehen und Entertainment. Und dabei besonders auf lokale und aktuelle Themen, also „local, live and relevant“. Dazu gehören auch Nachrichten als wichtiger Teil unseres Programms.

Aber warum jetzt?

Wir diskutieren das schon länger. Wir haben uns entschieden, den Vertrag mit Springer, der in zwei Jahren ausläuft, nicht mehr zu verlängern. Ab 2023 werden wir unsere Nachrichten selbst produzieren. Dafür starten wir jetzt die Planungen, stellen 60 Journalisten ein, bauen in unserer gerade entstehenden Unternehmenszentrale ein großes modernes Studio und werden auch ein Hauptstadtbüro haben.

Waren Sie unzufrieden mit dem, was Sie von Springer bekommen haben?

Nein. Das war eine Grundsatzentscheidung. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas selbst produziert oder von jemandem einkauft. Wenn wir ernst genommen werden wollen, brauchen wir ein eigenständiges Gesicht. Inhalte, die es so nur bei uns gibt – und Nachrichten gehören dazu. Deshalb steigen wir übrigens auch wieder in die Fußball-Bundesliga ein.

ARD und ZDF sind stark bei Nachrichten, wo ist da noch Platz?

Wir haben ein deutlich jüngeres Publikum. Deshalb sprechen unsere Programme eine andere Sprache. Nehmen Sie unsere investigative Doku „Rechts, deutsch, radikal“ über Rechtsradikale von unserem Reporter Thilo Mischke. Der Stil, das Thema anzugehen, war ganz anders als bei ARD und ZDF. Und wir hatten großen Erfolg damit.

Begrüßen Sie da, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunkbeitrag nun erst einmal nicht erhöht werden kann?

Ich konzentriere mich auf unser Unternehmen. Wir arbeiten mit den öffentlich-rechtlichen Sendern sehr partnerschaftlich. Das Problem sind eher die großen Digitalkonzerne wie Facebook und Google. Wir sind als Medienunternehmen in Deutschland sehr stark reguliert, diese globalen Konzerne jedoch gar nicht. Aus meiner Sicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt gekommen, um endlich eine Gleichbehandlung zu erreichen, denn wir konkurrieren um die gleichen Konsumenten.

Wie sollen denn Nachrichten bei Ihnen künftig aussehen?

Details kann ich Ihnen heute noch nicht nennen, aber was ich verraten kann: Wir wollen neben den Hauptnachrichten auf unseren Sendern und deren Plattformen auch flexibler werden, wenn es um tägliche Sonderberichterstattung und Information geht. Wir werden die Tagesschau nicht kopieren. Im Bereich Information ist gerade in diesem Jahr schon viel auf unseren Sendern passiert: Wir haben das Sat 1-Frühstücksfernsehen verlängert, viele Beiträge im Rahmen der US-Wahl gebracht und hatten zahlreiche Dokumentationen sowie unsere Magazine Galileo, Akte, Taff oder Abenteuer Leben. Übrigens wird auch unsere Fußballberichterstattung anders werden als es der Zuschauer aktuell kennt.

Sie haben die Rechte etwa am Supercup, an ausgewählten Bundesligaspielen und der Relegation gekauft, die bisher im ZDF liefen.

Wir haben von Sommer 2021 an insgesamt neun Spiele pro Saison erworben. Bei uns haben sehr viele Mitarbeiter sehr viel Lust, der Fußballberichterstattung wieder unseren Stempel aufzudrücken, so wie damals bei ran und der roten Jeansjacke von Reinhold Beckmann. Wir haben schon damals bewiesen, dass wir das gut können.

Setzen Sie auf Nachrichten und Fußball, um sich von Netflix und den anderen Streamingdiensten zu unterscheiden?

Klar, auch das ist ein wichtiger Punkt. Wir als Sendergruppe wollen den Unterschied machen und ein Alleinstellungsmerkmal haben. Ich glaube übrigens nicht, dass die vielen neuen Plattformen alle unter dem Strich wirtschaftlich erfolgreich sind. Die Haushaltseinkommen sind in Deutschland begrenzt, wie viele können sich hiervon am Ende 15 Abos leisten? Ich glaube deshalb nicht an den Siegeszug der Abomodelle. Da wird sich der Markt wieder zu unserem Vorteil verändern.

Warum?

Knapp 62 Millionen Menschen schauen in Deutschland unsere Fernsehsender. Wir haben diese große Reichweite und wissen, was unsere Kunden wollen. Gleichzeitig haben wir eigene Inhalte für spezifische Zielgruppen. Nehmen Sie beispielsweise unsere Back-Shows bei Sat 1 oder auf dem Frauensender Sixx, bei denen wir mit Produktplatzierung und Merchandise die Kunden zielgenau ansprechen. Aber wir brauchen für die Zukunft noch mehr Interaktion mit den Zuschauern. Das ist auch für die Werbeindustrie wichtig. Schon heute schaffen wir das, etwa beim Mitraten bei The Masked Singer über die Pro-Sieben-App. Künftig werden dafür auch Quiz-Sendungen und ähnliches einen größeren Stellenwert haben.

Sie haben die Streamingplattform Joyn aufgebaut, unter anderem auch mit einem bezahlpflichtigen Angebot.

Bei Joyn ist der Abobereich nur ein kleiner Bereich. Joyn ist für uns ein wichtiger Distributionskanal, über den wir unsere Inhalte monetarisieren können. Gleichzeitig ist klar geworden, dass die Technologie für uns in diesem Fall kein Differenzierungsmerkmal ist.

Ihr Vorgänger Max Conze wollte Joyn als Plattform groß in andere Länder bringen.

Wir haben viele Gespräche mit möglichen Partnern im Ausland über unsere Technik geführt, aber das Interesse ist ehrlich gesagt nicht groß, da die meisten schon ihre eigenen Plattformen aufgebaut haben. Joyn ist ein Produkt, das gut funktioniert und mit dem wir hier sehr zufrieden sind.

Pro Sieben Sat 1 hat im Frühjahr sehr unter dem Lockdown gelitten. Die Werbeeinnahmen gingen teilweise um 40 Prozent zurück.

Wir haben die Krise sehr früh zu spüren bekommen, aber wir haben dafür auch früh wieder vom Aufschwung profitiert. Der November ist bei den Werbeerlösen sehr gut für uns gelaufen, deutlich besser als im Vorjahr. Der Dezember ist bislang auch gut und wird vermutlich leicht über dem Vorjahr liegen. Wir erwarten für 2020 ein operatives Ergebnis von 600 bis 650 Millionen Euro. Aktuell bewegen wir uns eher am oberen Ende. Aber das hängt natürlich auch von den letzten Tagen des Jahres ab und wie sich der neue Lockdown auswirkt.

Sind Sie auch für 2021 optimistisch?

Ich vermute, dass das erste Quartal 2021 schwächer werden kann, da die Unsicherheit aktuell ja nach wie vor groß ist. Es wird deshalb auch 2021 negative Corona-Effekte geben. Viele gehen momentan davon aus, dass es erst nach Ostern besser werden wird. Wichtig für uns ist: Wir haben in der Krise bislang nicht wie andere Fernsehsender in Europa massiv Investitionen in das Programm gekürzt oder Stellen gestrichen, sondern uns antizyklisch verhalten. Das wird sich 2021 auch wieder auszahlen.

Was sagen Ihre drei Großaktionäre?

Wir wissen, dass alle drei größeren Aktionäre, also Mediaset, die Holding Czech Media Invest des tschechischen Investors Kretinsky und der Finanzinvestor KKR, jeweils unter zehn Prozent der Anteile direkt halten. Mediaset verfügt zusätzlich über das Recht, Aktien zukaufen zu können. Aber das kostet Geld – und umso mehr, wenn der Kurs wie bei uns gerade deutlich gestiegen ist.

Welcher der Drei ist Ihr liebster Aktionär?

Ich behandle alle Aktionäre gleich. Was ich sagen kann: Bisher unterstützen alle drei unsere Strategie. Es hat noch niemand angerufen und etwas anderes gefordert. Mit Daniel Kretinsky und seinen Kollegen sprechen wir oft. Mit Mediaset haben wir gemeinsame europäische Aktivitäten und sehen uns in diesem Rahmen regelmäßig. Mit KKR gibt es aktuell nicht viel Kontakt. Aber wir kennen und schätzen uns.

Disney muss seinen Katalog aufstocken

Noch ist Disney+ das ideale Abo, das wir parallel zu einem bestehenden Netflix- oder Prime-Abo haben wollen. Denn die monatlichen Kosten sind derzeit gering und wir können uns immer wieder Klassiker aus der Filmgeschichte ansehen. Wer kleine Kinder hat, bekommt hier viel geboten. Aber durch die geplante Preiserhöhung von Disney+ wird die entscheidende Frage sein, ob das genügt, dafür ständig ein Abo nebenher laufen zu lassen.

Bisher gibt es bei Disney+ den angenehmen Vorteil, dass bisher keine der großen Disney-Filme in Deutschland aus dem Abo verschwunden sind. Wir können uns also darauf verlassen, dass wir bei dem Anbieter auch das sehen können, was wir wollen. Ob das auch so bleiben wird, ist ungewiss. Denn Disney will auch stärker andere Inhalte lizenzieren, die dann irgendwann wieder aus dem Abo verschwinden werden.

Der Katalog von Netflix oder Prime Video ändert sich bisher viel dynamischer. Täglich kommen neue Inhalte hinzu und es verschwinden wieder welche aus dem Abo. Es kommt dort immer wieder vor, dass ein vorgemerkter Film einige Wochen später nicht mehr verfügbar ist. Denn weder Netflix noch Amazon informieren Kunden aktiv, wenn Inhalte demnächst von ihrer Watchlist verschwinden.

Disney will den Preis für Disney+ im Februar 2021 erhöhen, das Angebot wird dann mit 9 Euro im Monat teurer sein als Prime Video. Zwar verspricht das Unternehmen, dass der Katalogumfang doppelt so groß sein wird. Aber dennoch wird das Sortiment von der Menge her deutlich geringer ausfallen als bei Prime Video und Netflix, die ein Vielfaches an Filmen und Serien im Abo anbieten.

Disney+ bekommt auch Inhalte mit FSK 16 und FSK 18

Disney hat angekündigt, dass im Februar 2021 Spielfilme und auch Serien dazukommen werden. Zum Teil werden es Inhalte sein, die mit FSK 16 oder FSK 18 bewertet sind, die es bislang bei Disney+ gar nicht gibt. Vor allem im Bereich TV-Serien wird der Streamingdienst weiterhin weit abgeschlagen hinter Netflix und Prime Video liegen, die nicht nur viele Eigenproduktionen, sondern auch zahlreiche Lizenztitel im Katalog haben.

Langfristig will Disney vor allem mit Star-Wars- und Marvel-Serien punkten, die es exklusiv bei Disney+ geben wird. Aber die meisten Serien werden erst lange nach der Preiserhöhung erscheinen. Wir bekommen also davon erst einmal nichts zu sehen, müssen aber dennoch schon den höheren Preis bezahlen.

Disney+ bekommt auch Inhalte mit FSK 16 und FSK 18

Disney hat angekündigt, dass im Februar 2021 Spielfilme und auch Serien dazukommen werden. Zum Teil werden es Inhalte sein, die mit FSK 16 oder FSK 18 bewertet sind, die es bislang bei Disney+ gar nicht gibt. Vor allem im Bereich TV-Serien wird der Streamingdienst weiterhin weit abgeschlagen hinter Netflix und Prime Video liegen, die nicht nur viele Eigenproduktionen, sondern auch zahlreiche Lizenztitel im Katalog haben.

Langfristig will Disney vor allem mit Star-Wars- und Marvel-Serien punkten, die es exklusiv bei Disney+ geben wird. Aber die meisten Serien werden erst lange nach der Preiserhöhung erscheinen. Wir bekommen also davon erst einmal nichts zu sehen, müssen aber dennoch schon den höheren Preis bezahlen.

Spielen, Sterben, Schauen

Fußball schauen, heißt sterben lernen. Man verschreibt sich nicht dem Fußball, man wird von ihm geschrieben. Oft kann man nicht einmal sagen, wo man sich angesteckt hat, wo man infiziert wurde. Manche wurden von ihren Vätern in Stadien geschleppt, andere spielten Straßenfußball, manche sahen Fernsehen, andere traten in Vereine ein. Nicht jeder, der heute am Fußballtropf hängt, hat früher selbst gespielt, aber jeder, der dem Fußball seit Jahrzehnten fiebernd folgt, spürt gerade eine Zeitenwende. Nie war der Fußball so perfekt wie heute, nie spürte man deutlicher, dass er stirbt, mit uns, dem Zuschauer, dem Publikum, dem Fan, den Infizierten. Ein Leichentuch wird über den Rasen gezogen. Darunter rollt der Ball immer schneller und schneller.

Horst Szymaniak, 43-facher deutscher Nationalspieler, Teilnehmer an zwei Weltmeisterschaften, öffnete mir die Tür. Etwas Blut an der Lippe. Hatte er gerade versucht, sich zu rasieren, als ich klingelte? Der Betonklotz am Rande von Melle, wo er lebte, machte einen trostlosen Eindruck. Dieser Eindruck fand seine Fortsetzung in der fast leeren Wohnung. Nicht einmal ein Bett war ihm geblieben, nur ein Sofa und ein sehr großer, klobiger Fernseher. Den habe er vom DFB geschenkt bekommen, damit er Bundesliga und Länderspiele sehen könne. Ein alter Schäferhund wich ihm nicht von der Seite, in der Küche stapelten sich Lebensmittelkonserven, Eintöpfe aller Art. Die Fenster waren staubblind, in den Gardinen klebte schimmelndes Licht. Szymaniak (1934-2009) war ein Weltfußballer, ein Star, einer der ersten deutschen Legionäre in Italien und ein Lieblingsspieler von Bundestrainer Sepp Herberger, der mal über ihn sagte: „Über seine Grätsche drehe ich mal einen Lehrfilm.“ Den Film gibt es nicht und Herberger ist schon lange tot.

Das erste Länderspiel, das ich in einem Stadion sah, fand am Samstag, den 22. Dezember 1979, im Gelsenkirchener Parkstadion statt: Deutschland gegen die Türkei. Die Erinnerungsbilder sind so grün und braunstichig wie die siebziger Jahre. Ein Reisebus voller Männer, Bier, Gesänge. Stundenlang auf der A1. Das Stadion eine trübe Schüssel voller Winterluft, Dezemberatem und Flutlicht. Die Spieler waren sehr, sehr klein, die Menschenmenge war sehr, sehr groß. Fast beängstigend groß für mich, einen vierzehnjährigen Jungen im Bundeswehrparka. Im Tor: Norbert Nigbur. Davor: Kaltz, Cullmann, Förster (Bernd), Bonhof, Stielike, Müller (Hansi), Rummenigge, Fischer, Nickel. Das Spiel erinnere ich nicht mehr, nur noch seine mikroskopischen Zeitbahnen stehen mir vor Augen, stecken mir in den Sinnen, im Leib. Das umständliche Einparken des Reisebusses zwischen anderen Bussen, das Hinaufpilgern zum Eingang, das dichte Gedränge, die Hymne im Stadionrund, das sich unendlich langsam leerende Stadion nach dem Schlusspfiff. In dieser deutschen Stadionschüssel aus Beton und Bein, aus Leidenschaft und nationalem Fußballwahn steckte ich fest, stecke ich bis heute.

Das Desaster

Am 17. November 2020, im Ersten Programm der ARD war es live zu verfolgen, verlor die deutsche Fußballnationalmannschaft in Sevilla 0:6 gegen Spanien. Das war sicher eine historische Niederlage, aber anders als gedacht, denn sehr viel eindrücklicher als das Desaster waren die audiovisuellen Signaturen, die fühlbar machten, dass hier möglicherweise etwas zu Ende geht, dass hier eine Transformation stattfindet, und das meint nicht in erster Linie das Kapitel Jogi Löw. Während der Fernsehfußball-Fußballabend wie stets aufs äußerste zerdehnt und überdehnt wurde, zermalmte das wegen Corona leere Stadionrund jedes Zeitgefühl oder besser: Es schuf Sedimente der Vergänglichkeit, der Vergeblichkeit, Schichten voller Kalk und Knochen.

Das Estadio Olímpico de La Cartuja in Sevilla konnte sich nicht leeren, weil es leer war, von Beginn an, es hatte die Zeit geschluckt und spie jetzt rülpsend das Nichts aus. Ein Stadion, aus dem die Zuschauer langsam abziehen, erzählt eine Geschichte, das leere Stadion schweigt dröhnend, es steht da, wie eine Uhr ohne Zeiger, es liegt da wie der Schauplatz eines apokalyptischen Films, es wirkt wie ein Fossil, das von der physischen Zeugenschaft spricht, vom Glanz der Tage, als hier Fahnen wehten, als man schrie, sich in Trikots zwängte, die Wangen bemalte, die Welle machte und ein Ticket löste, das den Zuschauer zum Co-Akteur des Rasenspiels machte. Diese Epoche ist vorbei. Die Spieler haben soeben demonstriert, dass sie auch ohne Zuschauer im Stadion fähig und willens sind, etwas Historisches spielend herzustellen, inmitten eines Gerippes, einer Schüssel aus Stein.

Maradona in Meppen

Die Rasenpflege ist eine hohe Kunst. Wir kämpften mit Maulwurfshaufen, mit Schnee und Eis, mit Pfützen und Staub, wir kämpften mit knöchelhohen Halmen, mit Asche und Bodenwellen. Damals. Früher. Einst. Wer heute ein Bundesliga-Stadion besucht, nehmen wir zum Beispiel den Signal-Iduna-Park, der so heißt, weil Borussia Dortmund sich keinen Mythos mehr leisten kann, wird dort gigantische Rasenbeleuchtungsanlagen vorfinden, die dem Rasen auch im Winter ein sattes Grün schenken. „Diese Wachstumslampen produzieren Licht mit einer Wellenlänge von 400-700 nm (Nanometern), was der photosynthetisch aktiven Strahlung entspricht.“ So steht es in den Richtlinien des europäischen Fußballverbands UEFA. Dort wird auch die Bildbedeutung eines gesunden Fernsehrasens hervorgehoben: „Der Spielfeldzustand wirkt sich zum einen auf die spielerische Qualität aus und wirft zum anderen ein Licht auf den Wettbewerb, das Stadion, den Ausrichterverein bzw. -verband und das Land. Jedes Spielfeld sollte in optischer wie qualitativer Hinsicht mit anderen Spielfeldern von ähnlichem internationalen Standard vergleichbar sein.“ Vom Rasen hat also ein Licht auszugehen, das dem Image des Fußballprodukts dient. Das Fernsehbild ist Teil des Spiels, das Spiel ist immer auch Bild und diese Ikonographie ist bis zum letzten Halm definiert.

Asif Kapadias Dokumentarfilm „Diego Maradona“, der kurze Zeit im Kino lief und jetzt bei Streaming-Portalen abgerufen oder als DVD erworben werden kann, ist das faszinierende Zeugnis einer verlorenen Zeit, einer Fußballepoche, die noch Heilige und Helden kannte, die bei lebendigem Leib von ihren Fans aufgegessen wurden. Wir erleben, wie die Neapolitaner ihren Diego gleichsam in Stücke reißen. Wir sehen diese symbolische Inkarnation geradezu als kannibalischen Akt und zugleich wird Diego in einen Halbgott verwandelt, auch einen Märtyrer, der – anders als die kirchlichen Vorbilder – schon zu Lebzeiten zu einer Reliquie wird, ein Starkörper, dem wir beim Verfalls- und Fäulnisprozess gleichsam zu sehen können. Diese Tragik ist unvergänglich und sie ist lebendiger als die Spiele, in denen Maradona antrat, denn einzelne Tore können zwar als Artefakte genossen, auch Dribblings oder „die Hand Gottes“ als sakrale Momente in der Heldenhalle des Sports aufbewahrt werden, aber der Thrill eines gegenwärtigen Spiels kehrt nie zurück.

Jedes Spiel lässt einen unendlichen Haufen Asche zurück, Pässe, die möglich waren, aber ausblieben, Schüsse, die nicht geboren, Tore, die nicht geschossen, Fouls, die nicht begangen, Flanken, die nicht geschlagen, Einwürfe, die nicht getätigt, Pfiffe, die nicht gepfiffen und Chancen, die nicht ergriffen wurden. Jedes Spiel ist ein Friedhof vertaner Spiele. Aber während das Spiel läuft, birst es vor Unendlichkeit. Wer hätte Maradona sein können, wenn er nicht dem schwarzen Schnee verfallen wäre, wenn ihn nicht die Camorra unter die Fittiche genommen hätte? All diese Tore, die er nicht hat schießen können. Weil der Mensch immer mehr das ist, was er nicht ist, als das, was er tatsächlich ist, ist Maradona auch ein Mensch, der für uns tausendmal gestorben ist, selbst wenn er triumphierte und jubelte und Champagner floss.

Spielermaterial

Am 3. August 1982 passte ich mit der Innenseite zu Diego Maradona. Der FC Barcelona spielte in Meppen und ich war dabei. Es war das erste Spiel des Wunderstürmers in Europa. Das Stadion platzte aus allen Nähten, Menschen hingen in Bäumen, saßen nahe der Eckfahne (wie ich), drängten sich auf improvisierten Bänken, auf dem Rasen. Vor dem Spiel jonglierte das Zirkuskind mit dem Ball über den Platz, verfolgt von unzähligen Bewunderern. Nichts und niemand schützte die Stars vor der neugierigen Masse. Nun gut, wir waren im Emsland, wo die Menschen eher emotionsskeptisch sind, eher wortkarg und affektgekühlt, aber an diesem Tag verwandelte Maradona die Emsländer in selige, träumende, in unsterbliche Kinder. Allen stand klar vor Augen, dass dieser Tag unauslöschlich bliebe in unser aller Leben. Und wenn die Masse das gemeinsam weiß und fühlt, stirbt es sich ein wenig leichter.

Wer einmal versucht hat, einen aktuellen Bundesliga-Profi und Nationalspieler vor die Kamera zu bekommen, um ein ausführliches, etwa einstündiges Interview zu führen, stößt auf einen Kokon aus Beratern, PR-Agenten und Vereinsvertretern, die den jeweiligen Spieler schützen und abschotten wie einen Edelstein. Die Kommodifizierung des Körperkapitals, die sich niederschlägt in Formulierungen wie „Kaderwert“ oder „Spielermaterial“, verbietet es, diesen Warenkörper für renditefreie, journalistische Zwecke preiszugeben. Der Spieler muss auch dann arbeiten, wenn er nicht spielt, Geld sollen möglichst nur die Stakeholder des Vereins und des Spielers mit ihm verdienen dürfen. Die Öffentlichkeit, in der er sich bewegt, ist möglichst hauseigen, jeder Verein hält sich mittlerweile ein Klub-TV, in dem ein Gated-Community-Journalismus gepflegt wird. Die generierten Inhalte sind in der Regel soft, clean, humorvoll, stressfrei und reizarm. Das Spielerprodukt soll nicht durch Äußerungen beschädigt werden, die in dieser dressierten Öffentlichkeit auftauchen. Sportsendungen wie das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF sind an diese kontrollierten Zonen nahezu angeschlossen.

Pils

Wer denkt da nicht zurück an Filme wie Christian Weisenborns und Michael Wulfes’ Langzeitbeobachtung „Profis – Ein Jahr Fußball mit Paul Breitner und Uli Hoeneß“ (1979), eine im Rückblick sensationelle Dokumentation über die beiden Stars des FC Bayern München und die Saison 1978/79. Oder an Reinhart Hoffmeisters Reportage über Franz Beckenbauer (ZDF, 1970). Oder auch an Wolfgang Ettlichs Fußballfilme. Solche Filme, die den Fußball lieben, aber das Geschäft und die Show sezieren, die unabhängig sind und dennoch intime Einblicke bieten, solche Filme gibt es heute nicht mehr. Horst Szymaniak ist einer von Ettlichs Protagonisten in „Im Westen ging die Sonne auf“ (WDR, 2002), einer Dokumentation über den Revierfußball, eine melancholische Archäologie des Potts, des Pöhlens, des Fußballs und seiner Fans. Ein solches Porträt wäre in diesen gegenwarts- und augenblicksfixierten Zeiten kaum zu verkaufen.

Wir tranken Pils. In Syzmaniaks winzigem und ziemlich zerfressenem Auto waren wir zu einer nahen Gastwirtschaft gefahren. Beim zweiten Bier erzählte er, wie er den jungen Franz Beckenbauer 1965 unter seine Fittiche genommen hatte, als sie vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden zusammen auf einem Zimmer lagen. Nach dem Bier waren wir gut gelaunt und fragten uns, ob wir nicht spontan aufbrechen sollten, um den Kaiser im fernen Kitzbühel zu besuchen. Später standen wir schweigend vor dem Auto und verwarfen die Idee. Der rechte Außenspiegel hing abgenickt herunter. Szymaniak, der übrigens bis zu seinem Tod SPD-Mitglied war, hatte schon vor langer Zeit einen prophetischen Satz gesagt: „Wir sind die letzten Helden des 20. Jahrhunderts, nach uns kommen nur noch Spieler aus Kunststoff.“

Knochenmühlen

„Das Leben des Menschen schwindet vom Moment der Geburt an – aber rascher noch schwindet das eines Fußballers: bei den wenigen Jahren, in denen er auf dem Höhepunkt ist, und den vielen Jahren nachher – in der verbrauchten Luft eines Wirtshauses, in der Kabine, wo er dann Handlangerdienste leistet, in einer Fabrik, an einer Baustelle.
Brian Glanville: Der Profi (1965)

Stecken einem – sagen wir mal – 40 Jahre Bundesliga in den Knochen, als Zuschauer und Fernsehkind, dann hat man Spielergenerationen kommen und gehen sehen. Lange Zeit fühlt man sich stets sehr viel jünger als diese Spieler, vielleicht weil sie etwas Heroisches haben, etwas Hartes, Unabweisbares, aber vielleicht auch, weil man sich selbst im Angesicht des Fußballs immer jünger macht und fühlt, weil uns das Spiel infantilisiert und jeder Spieltag die Lebensuhr aufs Neue zurückdreht. So ein Spielerleben ist im Nu vergangen, eben noch Talent und mit 18 drei Tore gegen Bayern München (Olaf Thon 1984 im DFB-Pokalhalbfinale) und plötzlich Abschiedsspiel und feuchte Augen. Die Bundesliga ist eine Knochenmühle für die Spieler und ein Jungbrunnen für den Zuschauer. Jahrgang auf Jahrgang brandet heran, Frischlinge, Top-Talente, die von uns, den Sofahelden, mit vampireskem Lebensdurst angezapft werden. Dabei geht dieser Austausch der Jahrgänge schleichend voran, denn während einer wie der Schalker Klaus „Tanne“ Fichtel ewig und 552 Bundesliga-Spiele bleibt, tanzen andere, wie David Odonkor, nur einen Sommer und schlagen dabei 227 Flanken. Kommen und Gehen.

Wir jedoch sitzen, bleiben, während in uns ein Walhalla der größten Rasenkrieger lebt und wächst, Jahr um Jahr wird die Ruhmeshalle in uns größer und bunter, wimmelnder, derweil wir selbst schrumpfen, grauer werden, kleiner und namenloser. Aber, ach, das versöhnt uns ja mit dem großen Abschied, weil die Spieler auch schon zu Lebzeiten verschwinden und viel schneller als wir abtreten müssen, aussortiert und vergessen werden, sofern nicht wir sie erinnernd retten und revitalisieren. Und jetzt sind wir es, die Alten, die den ebenfalls Alten, den Verschwundenen Blut spenden, den Retrohelden, die zurückkehren dürfen auf YouTube, in Shows, in Artikeln, Jubiläen und Rückblicken. Weil aber dort meist nur der Prominenz gehuldigt wird, liegt es an uns, den Jedermann, den Mitläufer, den Bankdrücker und Einwechselkandidaten auch zu bergen aus dem Malstrom des Vergessens. So kann der Fan selbst dort Individualität kreieren, wo das Produkt Fußball den stromlinienförmigen Rasenhelden zur Schau stellt, herstellt und kontrolliert.

Körperknäuel

Am 2. Mai 1984 wurde der Reporter beinahe zu Tode gequetscht, vor kindlicher Freude. Nachdem sich an diesem Tag Schalke 04 und Bayern München im Halbfinale des DFB-Pokals mit einem 6:6-Unentschieden getrennt hatten und nicht etwa ein Elfmeterschießen das Drama noch an diesem Abend beendete, sondern erst ein Wiederholungsspiel eine Woche später in München – was für ein von heute aus betrachtet unfassbares Procedere, was für ein grandioser Umgang mit Zeit, was für ein absurder Überfluss! –, versuchte der ZDF-Reporter Rolf Töpperwien, ein Schlawiner ersten Ranges, den 18-jährigen Olaf Thon zu interviewen, den „Mann des Tages“, der zuvor drei der Schalker Tore geschossen hatte und nun mit Töpperwien in einem Meer von Fans steckte und von diesen hin- und hergeworfen wurde. Es ist ein Gesamtkörper, bestehend aus einem Journalisten mit angsterfüllten Augen („Macht doch das Bild frei!“), behelmten, aber machtlosen Polizisten, ekstatischen Fans, die zu einem tausendarmigen Monstrum verschmelzen und einem Spieler, der nahezu unauffindbar ist, ein Spieler, von dem man nicht weiß, wo er beginnt oder aufhört.

Wer das damals sah, wettete keinen Pfennig darauf, dass dieses Menschenknäuel jemals wieder entwirrt werden und Olaf Thon seine Karriere als Spieler fortsetzen könnte. Dieses Bild ist denkwürdig, ikonographisch, nicht nur weil sich in ihm ein unfassbarer Fußballabend verdichtete (im Übrigen begann das ZDF an diesem Abend seine Live-Übertragung erst 15 Minuten nach Spielbeginn!) oder ein Jungstar geboren war, sondern auch weil sich eine ganze Fußballära hier abbildete und die Differenz zu heute überdeutlich wird. Der Hochleistungsfußball des 21. Jahrhunderts duldet solche grenzüberschreitenden Körperverbrüderungen nicht mehr, ja, er verbietet sie geradezu bei Strafe, er arbeitet darauf hin, dass die Körperwelten immer weiter voneinander separiert werden. Spieler, Fans und Journalisten bewegen sich in definierten Zonen und haben einem klar reglementierten Bewegungsprotokoll zu folgen.

Segregation

Je professioneller der Profi, desto größer die Körperdistanz zum Fan, desto verschiedener die Physis. Heutige Fußballer sind Totalkörper, keine Partie ihrer Körper bleibt unversorgt, untrainiert, unbeobachtet, der Körper wird vermessen und mit wissenschaftlicher Sachlichkeit optimiert. Früher mochte es Trainer geben, die Schleifer und Generäle waren, Feldwebel und Quälgeister wie Max Merkel, Branko Zebec und Felix Magath, aber das waren Drill-Solisten, während heutzutage ein ganzer Stab von Fitness-Experten das Körperwerk nüchtern verrichtet. Die Fans hingegen müssen ebenso diszipliniert konsumieren, als Pay-TV-Kunden, als Ticketkäufer, als Merchandising-Abnehmer, als Garanten der Einschaltquote im Free-TV, als Bier- und Chips-Fans, als Adressaten der Werbeindustrie und als Enthusiasmus-Masse, die das Produkt Fußball legitimiert.

Der Fußball des 21. Jahrhunderts betreibt eine Körper-Segregation, denn die abgeschotteten Profis dürfen ihren Fans nie zu nahe kommen, weil diese Berührungen den Warenkörper des Fußballers gefährden, weil solche Begegnungen Risiken bergen. Der perverse Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im Jahr 2017 machte die kalte Logik von Finanzmarktgeschäften ebenso augenfällig, wie die Verwandlung der Spieler in Spekulationsobjekte, die sowohl vor irren Attentätern, aber auch vor fanatisch Liebenden geschützt werden müssen. Die Spielerkörper des 21. Jahrhunderts sind so geldwert und kapitalintensiv, dass die emotionale Bewirtschaftung durch den Fan nur aus der Ferne erfolgen darf. Zwischen dem durchschnittlichen Fankörper und dem durchschnittlichen Profikörper liegen heute Welten. Die Spieler früherer Tage waren mitunter kaum von den Fans zu unterscheiden und pflegten nach dem Training, nach dem Spiel nicht selten den gleichen Lebens- und Genussstil. Namen wie Horst Szymaniak, Helmut Rahn, Erwin Kostedde, Wolfram Wuttke und Mario Basler repräsentieren nur die trink- und genussfreudige Spitze von Spielergenerationen, die bisweilen noch zusammen mit den Fans am Tresen standen, die von ihnen in die Luft geworfen, auf den Schultern getragen oder beim Training von ihnen beschimpft oder gehuldigt wurden.

Diese Nahbarkeit musste ausgemerzt werden, um den Profi auf das höchste Performance- und Entertainment-Level zu bringen. Doch die Segregation ruft einen paradoxen Widerspruch hervor: Je größer die Spieler, desto größer die Distanz zum Fan, je perfekter das Spiel, desto eisiger die Luft, die die Player umweht, je heroischer die Leistungen, desto heldenloser der Fan. Aus der Gemeinde, aus der Kirche, aus der Religion Fußball ist etwas ganz Profaneres, etwas Entsakralisiertes geworden, sowohl die Spieler als auch die Fans leiden unter Gefühlen der Heimatlosigkeit und Orientierungslosigkeit, weil man einander nicht mehr bergen und nicht mehr miteinander beten kann.

Die ritualisierten Treuebekundungen der Profis, das ostentative Jubeln und Vorzeigen des Vereinswappens oder gar das Küssen des Trikots oder das Auf-das-Herz-Schlagen nach einem Tor sind symbolische Tagesmünze, schnell vergessen, wenig wert. Treue kann sich in diesem Geschäft kaum noch jemand leisten. One-Club-Player wie Dieter Eilts (Werder Bremen), Francesco Totti (AS Rom) oder Berti Vogts (Borussia Mönchengladbach) wird es in Zukunft nicht mehr geben. Und die immer wilder blühenden Tätowierungen auf den Spielerkörpern wirken wie die Kompensation verlorener Volkstümlichkeit, die Haut als plebejische Leinwand, eine Geste, die umschlägt in Bildhaftigkeit ohne Bodennähe, in die Simulation von Straße. Auf Arm und Bein schießt bildhaft ins Kraut, was Profis früher lebten, heute jedoch allenfalls träumen dürfen.

Die Corona-Pandemie verschärft die Körpertrennung, ein düsteres Zukunftsbild zeichnet sich ab. Die leeren Sitze in den Stadien gleichen Grabsteinen, weshalb sie jetzt zunehmend mit riesigen Werbebannern verhüllt werden. Etwas Obszönes geht von diesen leeren Sitzen aus, sie klagen an. Im amerikanischen Sportfernsehen sind die ersten Zuschauer digital ins Stadion kopiert worden, um den Fernsehzuschauern die Illusion eines gefüllten Stadions zu bieten. Doch warum sollte dieser Trend einseitig sein? Wenn auf lange Sicht der Fan als virtueller Avatar ersetzt werden kann, warum sollten dann nicht auch die Spieler virtuell komponiert und erschaffen werden? Warum die Körper nicht unempfänglich machen für Kreuzbandrisse und Viren, Fieber und Fett? Läuft die Maximaloptimierung der Profis und der Fans nicht darauf hinaus, die Physis gänzlich zu kassieren? Den sterblichen Leib, das mürbe Fleisch? Science-Fiction? Vielleicht – wenn es den Fußball dann noch gibt – wird man in 300 Jahren genauso fasziniert und kopfschüttelnd auf überfüllte Fußballstadien zurückblicken wie wir auf römische Gladiatorenkämpfe. Ins Stadion gehen? Was für ein Gemetzel, was für ein physisches Lotteriespiel!

Epitaph

Die Menschen, schrieb Blaise Pascal, sind unfehlbare Narren, auch deshalb, weil sie sich immer selbst betrügen und zerstreuen, unterhalten lassen, um dem Tod nicht ins Auge sehen zu müssen. Ohne Zerstreuungen geht es nicht, konzediert Pascal, aber dass es ohne nicht geht, ist sehr, sehr schlimm. Die Zerstreuungen meinte er, lassen uns unmerklich dem Tode anheimfallen, sie seien unser Existenznarkotikum. Ich denke, Pascal hat Maradona nie spielen sehen. Maradona spielen sehen, hieß, dem Leben und Sterben beizuwohnen. Dieses knubbelige Kerlchen starb tausend Tode auf dem Rasen und abseits davon.

Dieser Text war bereits geschrieben, als am 25. November die Eilmeldungen aufzuckten: „Gott ist tot“, „Der Fuß Gottes“, „Legende“, „Genie“ oder „Zwischen Himmel und Hölle“. Jetzt kann man noch einmal seine Tricks bewundern, seine Dribblings, hektisch zusammengeschnitten und mit Hymnen-Pop unterlegt. Man staunt, dass Maradona all diese Attentate auf seinen Körper überhaupt überlebt hat. Seine Gegenspieler wirken oft wie Schlächter, die das Genie nicht dulden wollen und können. In ihren Grätschen manifestiert sich Hass, aber auch Bewunderung, weil sie es selbst nicht fassen können, wie man diese Axthiebe überlebt. Diego Armando Maradona steht für eine Fußballära, in der die Körper von Fans und Fußballern noch nicht getrennt waren; auch daran ist er verbrannt, er hat die Sterblichkeit des Menschen versinnbildlicht und tausend Tode gespielt, aber er hat sein eigenes Grab tanzend transzendiert. Seine Dribblings waren immer das Spucken auf Gräber und zugleich troff Vergeblichkeit und Vergänglichkeit in den Rasen. Maradona war alles in einem: Gott und Kokser, Priester und Sünder, Freier und Freund, Betrüger, Säufer, Fresser, Kannibale und Fleisch, er war Fan, sein eigenes Medium und zugleich der Ball. Er war der Ball, das Leder und das Weltrund.

ARD-Vorsitzender Tom Buhrow: „Politiker werden zu Verantwortungsverweigerern“

Fast ein Jahr wirkt WDR-Intendant Tom Buhrow, 62, als ARD-Vorsitzender. In diesem Job hatte er von Anfang an nur ein Thema: die Erhöhung der Haushaltsbeiträge von 17,50 auf 18,36 Euro – ein Projekt, das nun in Sachsen-Anhalt auf Betreiben der dort mitregierenden CDU-Fraktion gescheitert ist.

Buhrow signalisiert nach dem Fiasko Bereitschaft, vieles zu verändern: „Wir graben uns nicht ein – und ich stehe nun wirklich für Reformen.“ Es sei eine neue Zeit, der würden sich die Öffentlich-Rechtlichen stellen – „aber dann muss die Politik auch mutig den Auftrag an uns verändern, wenn sie das will“, so der gelernte Journalist im Interview mit dem Handelsblatt.

Sie gebe im Einklang mit dem Grundgesetz den Auftrag vor, „meine Kollegen und ich setzen das im Programm um“. Sachsen-Anhalt habe jedoch gezeigt, dass „Politiker zu Verantwortungsverweigerern“ würden, sagte Buhrow. Unzulässigerweise hätten CDU-Abgeordnete dort die Ratifizierung des Staatsvertrags mit Programmkritik verknüpft: „Das Bundesverfassungsgericht hat genau diese Übergriffigkeit in der Vergangenheit gerügt.“

Große Hoffnung setzt Buhrow deshalb auf Karlsruhe: „Hier wurde verfassungswidrig in die Rundfunkfreiheit eingegriffen.“ Das Gericht habe in mehreren Urteilen präzisiert, „welches hohe Gut die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor politischer Einflussnahme und politischen Ränkespielen ist“.

Ökonomisch befürchtet der ARD-Vorsitzende, dass ohne die Beitragserhöhung um 86 Cent der Saarländische Rundfunk, Radio Bremen und der Hessische Rundfunk „in kürzerer Frist in richtige Schwierigkeiten“ kämen. Generell würde man im Programm „deutlich sehen und hören“, dass es an Geld fehlt.

Politisch sieht Buhrow nun Sachsen-Anhalt im Kreis der Bundesländer „komplett isoliert“. Alle hätten viel Zeit in die Ratifizierung gesteckt, „alle sind zermürbt“. Jetzt werde über ein neues Verfahren nachgedacht, das die Empfehlungen der unabhängigen Finanzkommission KEF nicht in tagespolitische Konflikte hineinzieht: „Das kann man nicht alle vier Jahre wieder erleben. Das braucht Ressourcen auf, das kostet Vertrauen.“

In Sachsen-Anhalt habe es, resümiert der WDR-Intendant und frühere „Tagesthemen“-Moderator, einen „Pyrrhussieg kurzfristiger politischer Taktik und eines rechten Flügels“ gegeben: „Hier wurde eine Koalition mühsam gerettet auf Kosten der verantwortlichen Behandlung von verfassungsrechtlich eigentlich klar eingegrenzten Fragen.“

Podcast: Drei Szenarien für die Zukunft von ARD und ZDF

Die Kenia-Koalition in Sachsen-Anhalt droht an der Abstimmung über den Rundfunkbeitrag zu zerbrechen. Die Frage, ob der Beitrag erhöht werden sollte oder nicht, eignet sich als perfekter Spaltpilz, denn die Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist in der digitalen Medienlandschaft zunehmend schwer zu vermitteln.

Befürwortern des beitragsfinanzierten Rundfunks stehen diejenigen gegenüber, die für eine fundamentale Reform werben oder die zumindest den Auftrag der Anstalten fokussieren wollen. Und dann gibt es noch diejenigen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk am liebsten komplett abschaffen würden, wenn sie denn könnten.

Über diese Fragen zur Zukunft des Rundfunks sprechen wir in der aktuellen Ausgabe unseres Podcasts „Die Medien-Woche“. Mit im Gepäck haben wir drei Szenarien für Reformen. Unabhängig davon, wie der Landtag in Sachsen-Anhalt Mitte Dezember entscheiden wird.

Außerdem sprechen wir in dieser Folge über Themen, die gerade die ARD bewegen: In einer Videokonferenz haben sich ARD-Vertreter mit einer Gruppe von Kritikern besprochen, die sagen, die ARD berichte zu einseitig über die Corona-Beschränkungen. Was dabei herausgekommen ist, haben die Kritiker aufgeschrieben. Der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer soll Programmdirektor des MDR werden. Und das „Browser Ballett“ von Schlecky Silberstein gibt es jetzt auch als Satireshow im Ersten.

„Die Medien-Woche“ ist ein Podcast über die Welt der Medien und ihre Macher. Christian Meier, Redakteur bei WELT, und Stefan Winterbauer, Redakteur des Branchendienstes Meedia, unterhalten sich immer freitags über die wichtigsten Themen der Woche. Hintergründig, analytisch, unterhaltsam.

Urheberrecht: Döpfner warnt vor „Plattform-Schutzgesetz“

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer und Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) hat die geplante Umsetzung des europäischen Urheberrechts in die nationale Gesetzgebung scharf kritisiert. „Der Vorschlag des Justizministeriums ist absurd“, sagte Döpfner in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hinsichtlich der geplanten Ausnahmen. „Bis zu tausend Zeichen, kurze Bild- und Tonsequenzen sollen erlaubnisfrei genutzt werden dürfen. Der Wortlaut und die Intention der Copyright-Richtlinie werden so in ihr Gegenteil verkehrt.“

Daraus werde „ein Plattform-Schutzgesetz und nicht eines, das faire Wettbewerbsbedingungen etabliert und die Vielfalt der Verlagswelt erhält“, so der BDZV-Präsident weiter. Die Überlegungen des Justizministeriums bezeichnete Döpfner darüber hinaus als „grob EU-rechtswidrig“. Er gehe davon aus, dass es sehr schnell Klagen aus Brüssel geben würde, sollte die Umsetzung wie geplant erfolgen. „Ich glaube aber“, so Döpfner weiter, „dass die Bundesregierung die Kritik ernst nimmt. Es kann nicht sein, dass ausgerechnet Deutschland gegen Europarecht verstößt“.

Der Springer-Vorstandsvorsitzende fordert in der „FAZ“ eine „Eins-zu-eins-Umsetzung der EU-Richtlinie“, Man sollte „auch über Verwertungsgesellschaften nachdenken, damit sich Plattformen nicht dem Recht durch Einzeldeals entziehen. Und man sollte erwägen, einen Schiedsgerichts-Mechanismus nach australischem Vorbild zu etablieren. Wer Verlagsinhalte für kommerzielle Zwecke nutzen will, muss zahlen, das ist das einzige System, das Vielfalt und Wettbewerb garantiert. Wir haben dafür nicht mehr viel Zeit. Wenn sich jetzt, nach zehn Jahren, diese EU-Regelung in Deutschland ins Gegenteil verkehrt und zum Plattformschutzgesetz wird, dann wäre das eine historische Zäsur.“

Das Europäische Parlament hatte im März 2019 die Europäische Urheberrechtsrichtlinie beschlossen, die Unternehmen wie Google und Facebook vorgibt, dass sie für die Verwertung von Urheberrechten Lizenzgebühren entrichten müssen. Die EU-Mitgliedstaaten müssen die Richtlinie bis Juni des nächsten Jahres in die nationale Gesetzgebung aufnehmen. Das Bundeskabinett will dazu angeblich noch im Dezember einen Beschluss fassen.

Piper-Verlagschefin: Im zweiten Lockdown kommen die Leser zurück

Für die Kulturbranche ist der Ausnahmezustand seit Corona der Normalfall.

Für die ganze Kulturbranche? Ausgerechnet der so ausdauernd wie erfolglos totgesagte Buchmarkt scheint von Homeoffice und Lockdown zu profitieren, sagt Felicitas von Lovenberg, Chefin des Münchener Traditionsverlags Piper, im Handelsblatt-Interview.

„Da Kino, Theater, Ausstellungen und Konzerte nicht stattfinden, besinnen sich offenbar doch viele Menschen aufs Buch.“ Trotz schwerer Umsatzeinbrüche im Frühjahr habe die Kundenbindung zuletzt sogar „wieder zugenommen“, beobachtet die 46-Jährige. Nachdem es jahrelang mit den Leserzahlen nur bergab ging, sei dieses Jahr zumindest mit einer Stabilisierung zu rechnen.

Doch der neuerliche Lockdown habe auch Schattenseiten: Den Autorinnen und Autoren brechen die für viele so existenziellen Einnahmen durch Lesungen und andere Live-Events weg.

Frau von Lovenberg, wem geht es derzeit schlechter: den Verlagen oder ihren Autoren?
Ich fürchte, dass es vielen Autorinnen und Autoren derzeit nicht gut geht. Einfach, weil sie den direkten Kontakt zu ihren Leserinnen und Lesern in der Coronakrise zu verlieren drohen. Die Bücher erscheinen zwar, aber der Austausch, die persönliche Resonanz, die Gespräche fehlen wegen der ausbleibenden Veranstaltungen.
Und damit wohl auch die Einnahmen durch Lesungen, oder?
Ganz genau. Unter normalen Umständen würden gerade jetzt auch viele Weihnachtsempfehlungsabende im Buchhandel stattfinden. Digital ist so etwas nicht dasselbe, aber natürlich besser als nichts.

Wie viel Einnahmen brechen Autoren da weg?
Im Schnitt gibt es für eine Lesung ein Autorenhonorar von 500 Euro. Manche bekommen auch mehr, andere weniger. Wer bei einem neuen Buch sonst zehn, zwölf Lesungen macht, die jetzt alle ausfallen, dem bricht ein wichtiger Teil seines Einkommens weg.

Was bedeutet Corona für die Unternehmen wie für die Künstler?
Der neuerliche Lockdown scheint dem Lesen zumindest nicht abträglich zu sein. Die Menschen sitzen zwar nun wieder zu Hause, sind aber etwas strukturierter als im Frühjahr, als viele doch von großer Angst befallen waren. Jetzt kennt man das Virus besser und hat sich ein Stück weit gefangen. Und da Kino, Theater, Ausstellungen und Konzerte nicht stattfinden, besinnen sich offenbar doch viele Menschen aufs Buch. Im Frühjahr war das noch anders. Im ersten Lockdown, als der Großteil der Buchhandlungen geschlossen war, herrschte durchaus die Panik, noch mehr Leser zu verlieren. Doch jetzt hat die Kundenbindung wieder zugenommen, beobachte ich.

Der Branchenumsatz ist in Zeiten der Buchhandelsschließungen im Frühjahr um 64 Prozent abgestürzt. Wird das Echo des ersten Lockdowns noch ein großes Ladensterben sein?
Ja, das Minus im Frühjahr war heftig. Es gab aber einen gewissen Nachholeffekt im Sommer und im Herbst mit deutlich höheren Umsätzen als in den Vergleichszeiträumen des Vorjahres. Insbesondere der Kinderbuch- und Kinderbeschäftigungsmarkt hat enorm von dem Lockdown profitiert. Eltern und Großeltern kauften viel mehr als in den Vorjahren.

Insofern bin ich hoffnungsvoll, auch wenn ein Buchhändler, der schon vor Corona zu kämpfen hatte, jetzt sicher endgültig an seine Grenzen gerät. Aber viele berichten eben auch, dass die Stammkunden noch aktiver sind als zuvor schon und dass sie zahlreiche neue Kunden gewonnen haben, die ihren Buchhändler vor Ort ganz neu zu schätzen wissen.

Was hat der von der Bundesregierung versprochene „Neustart Kultur“ Ihrer Branche gebracht?
Es wurde sehr viel darüber gesprochen, was ja schon mal gut ist. Noch ist es aber zu früh für eine Bewertung, da die meisten Anträge noch in der Bearbeitung sind, soweit ich weiß. Das Programm war und ist vor allem für die kleineren Unternehmen gedacht und nicht für die großen Verlage. Die deutschen Bonnier-Verlage etwa, zu denen auch Piper gehört, haben die Kulturszene selbst unterstützt – mit einem Lesungsfonds, mit dessen Hilfe der unabhängige Förderverein Buch gut 400 Autorenlesungen in mehr als 250 Buchhandlungen unterstützt hat.

Apropos Bonnier: Wie geht es dem schwedischen Familienunternehmen?
Ausgesprochen gut. Im Bereich Buch liefern die deutschen Bonnier-Verlage den stärksten Umsatzanteil. Bonnier Deutschland hatte 2019 ein Rekordjahr. 2020 wird dahinter nicht zurückbleiben.

Inwieweit hilft das E-Book dem Geschäft? Angeblich hält es sich hierzulande bei nur fünf Prozent der Umsätze. Freut Sie das insgeheim als Fan des gedruckten Buches?
Die fünf Prozent sind ein Durchschnitt über alle Warengruppen hinweg. Auch das Kinderbuch, mit verschwindend geringen Anteilen, fließt hier mit ein. Betrachtet man nur die Belletristik, so sind die E-Book-Anteile längst deutlich zweistellig. Abgesehen davon ist für mich das Format zweitrangig. In erster Linie wollen wir Leser erreichen. Ob die das Buch lieber auf Papier oder digital lesen, spielt für uns keine Rolle.

Ihre Branche hat in den vergangenen Jahren schon viele Millionen Euro mit Digitalisierungsprojekten verbrannt, die sich nie rechneten. Hat sich da was geändert?
Wenn aus solchen Investitionen Innovation erwächst, kann es sich durchaus lohnen, selbst wenn es sich erst mal nicht rechnet. Durch Corona sind digitale Veranstaltungsformate ein großes Thema, und viele bemühen sich, hier neue Formate zu entwickeln und anzubieten. Man merkt aber allenthalben, wie schwierig es ist, dafür ein genügend großes Publikum zu gewinnen. Wenn die Kunden den dritten, vierten, fünften Autor vor seiner heimischen Bücherwand bewundern durften, ist der Reiz der Intimität schon nicht mehr so groß.

Schon im vergangenen Jahr sank die Zahl der Buchkäufer um gut eine Million auf nur noch 28,8 Millionen. Was bedeutet Corona fürs Buch an sich?
Wenn jetzt nicht weitere Corona-Jahre kommen, wird man vermutlich rückblickend feststellen: 2020 wird nicht das Jahr sein, in dem die Leserzahlen eingebrochen sind, eher im Gegenteil. Historisch betrachtet hat die Buchbranche Phasen wirtschaftlichen Niedergangs stets relativ unbeschadet überstanden, weil die Menschen gerade in schwierigen Zeiten die Reflexion, die Ablenkung, den Trost und die Information, die das Buch bietet, zu schätzen wissen. Insofern glaube ich, dass manche gerade jetzt zum Lesen zurückfinden.

Lesen die Leute seit Corona anders – oder anderes?
Nicht wesentlich. Es kam nur das völlig neue Genre der „Corona-Bücher“ hinzu, das uns auf jeden Fall noch eine Weile erhalten bleiben wird. Und es wird übrigens auch nicht anders geschrieben: Schriftsteller sind ja im Rückzug geübt, sozusagen schon immer im Homeoffice.

Ihr Piper-Portfolio reicht von Hannah Arendt bis zu Sachbüchern wie „Powerzentrum Beckenboden“. Woran erkennt man ein Piper-Buch?
Jeder Titel, den wir machen, ist auf seine Weise eine Visitenkarte des Verlags, also ein Qualitätsversprechen – egal ob Literatur, Unterhaltung, Sachbuch oder Ratgeber. Für keines unserer Bücher muss man sich schämen.

Im Frühjahr ist bei Ihnen eine Biografie von „Schraubenkönig“ Reinhold Würth erschienen. Funktioniert Wirtschaft als Buchstoff?
Und wie! Gerade bei erfolgreichen Unternehmern möchte man doch wissen, wie die es geschafft haben. Und manchmal taugt die Bekanntheit dann sogar für die Belletristik – schauen Sie sich etwa den Drogerie-Unternehmer Dirk Roßmann an …

… der seinen Öko-Krimi „Der neunte Arm des Oktopus“ derzeit mit einer millionenschweren PR-Kampagne aus eigenen Mitteln flankiert …
… was sich natürlich in Abverkäufen bemerkbar macht. Mehr kann sich ein Verlag doch gar nicht wünschen! Aber im Ernst: Wirtschaft kann als Thema extrem erfolgreich sein, Ratgeber über wirtschaftliche Zusammenhänge können sich zu echten Longsellern entwickeln.

Müssen Sie wegen Corona auch Buchpremieren verschieben – und wenn ja, wohin?
Normalerweise hätten wir im April unsere meisten Neuerscheinungen gehabt. Mitten im Lockdown mussten wir entsprechend viele Titel verschieben. Es waren rund 30 Bücher, knapp zehn Prozent unseres Gesamtprogramms. Manche Erscheinungstermine wurden nur um ein, zwei Monate verschoben, andere in den Herbst, einige auch bis ins nächste Frühjahr.

Man kann die Programme nicht endlos auftürmen. Die Autoren fanden das in eigentlich allen Fällen übrigens richtig. Wir alle haben das ja zum ersten Mal gemacht und mussten innerhalb weniger Tage entscheiden, was für jedes einzelne Werk der beste Weg sein könnte.

Wie geht es Piper generell?
Nach zwei schwächeren Jahren haben wir uns zuletzt gut entwickelt, auch dank einiger sehr erfreulicher Bestseller …

… wie Campinos „Hope Street“ …
… oder „Und erlöse uns von den Blöden“ von Monika Gruber und Andreas Hock oder „Olympia“ von Volker Kutscher. Solche Erfolge tragen uns aktuell durchs Jahr.

Im vergangenen Jahr hat der deutsche Buchhandel 9,3 Milliarden Euro umgesetzt. Wie viel erwarten Sie sich für dieses Jahr?
Ich vermute, dass wir in etwa wieder bei diesem Wert landen werden, auch wenn die Frage bleibt: Werden die Leute kurz vor Weihnachten überhaupt noch zum Shoppen und auch Bücherkaufen in die Innenstädte gehen? Was in diesem Jahr fehlen wird, sind persönliche Empfehlungen. Die Leute sehen sich ja viel weniger. Durch die Digitalisierung, die Videocalls und die omnipräsenten Gesichtsmasken geht natürlich viel Unmittelbarkeit und normale Kommunikation verloren.

Sie scheinen keine Freundin von allzu viel Homeoffice zu sein.
Das funktioniert, aber Funktionieren ist ja nicht alles. Die Verbindlichkeit nimmt ab. Zudem leben wir im Verlag von Kreativität. Diese entsteht vor allem dann, wenn Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig inspirieren. In der heimischen Homeoffice-Wabe kann leichter ein Gefühl von Distanz zwischen sich und der Welt entstehen, glaube ich. Einer Gesellschaft in ihrer Gesamtheit tut das nicht gut. Eine meiner persönlichen Corona-Lehren ist: Menschen brauchen Menschen.

Wieso mischen sich eigentlich so wenig Schriftsteller in die mittlerweile begonnenen Corona-Debatten ein? Immerhin sind da große gesellschaftliche Fragen zu erörtern.
Das stimmt. Allerdings sind viele der großen Fragen unserer Zeit zugleich globale, was es schwieriger macht, sie auf einzelne Debattenbeiträge herunterzubrechen. Vielleicht trägt auch dazu bei, dass es derzeit an Foren fehlt. Podiumsdiskussionen können schlicht nicht stattfinden, und die TV-Talkshows sind oft rein politisch besetzt. In solchen Formaten fühlen sich viele Autorinnen und Autoren ohnehin nicht sonderlich wohl.

Oder wagen Künstler vielleicht auch nicht mehr wie früher, sich mit einem vermeintlichen Mainstream anzulegen?
Wer keinen Shitstorm provozieren will, lehnt sich lieber nicht so weit aus dem Fenster. Da ist schon was dran. Aber es hat sicher auch damit zu tun, dass die wesentlichen Debatten unserer Zeit – Klima, Migration, Globalisierung, die Spaltung von Gesellschaften – so groß und so weltumspannend sind, dass es schlicht sehr schwer ist, sie in Einzelbeiträgen zu greifen.

Gibt es denn die umstrittene „Cancel Culture“ wirklich, in der gern gelöscht wird, was nicht ins Schema passt – von Denkmälern bis Meinungen?
Die Lautstärke und häufig zu beobachtende Unversöhnlichkeit gerade in den sozialen Netzwerken hat da meines Erachtens einiges verschärft. Auch da kann ich nur sagen: Wer Bücher liest, ist toleranter.

Sie sind selbst immer mal wieder als Autorin aktiv und haben vor zwei Jahren im eigenen Verlag eine „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ veröffentlicht. Im Grunde heißt es dort: Lesen macht uns zu besseren Menschen. Wie das?
Leser empfinden und üben Empathie. Sie lassen sich ein auf andere, wenn auch fiktionale Charaktere und deren Leben. Deshalb sind Menschen, die regelmäßig Bücher lesen, kommunikativer, freundlicher, offener – und natürlich klüger. Lesen ist Zähneputzen für den Geist.

Ohne Regionalzeitungen geht nichts

Die Regionalzeitungen kämpfen um ihren Rang. Auf Digitalisierung und Handelskonzentration müssen sie reagieren. Und den richtigen journalistischen Nachwuchs finden.

Was ändert sich gerade im Journalismus und warum? Es sind viele Faktoren, aber zwei haben besonders fatale Wirkung. Sie haben wenig bis nichts miteinander zu tun. Einer wird immer genannt, der andere praktisch nie. Erstens die Digitalisierung – das wird immer gesagt – und zweitens – kaum diskutiert – die Handelskonzentration.

Diese beiden Faktoren haben die Regionalzeitung als Werbeträger niedergeschlagen und damit die einst wichtigste Einnahmequelle erheblich verkleinert. Die Digitalisierung hat erst die Rubrikanzeigen und dann die Angebotsanzeigen verschlungen, die Handelskonzentration hat die Anzahl der Werbetreibenden massiv reduziert und hohe Beträge in andere Werbekanäle wie das Fernsehen verfrachtet. Heute werden drei Viertel aller Kaffeepackungen und Joghurtbecher von fünf Handelsgruppen verkauft. In alphabetischer Reihenfolge: Aldi, Edeka, Lidl, Metro, Rewe. Sie sind alle bundesweit tätig und brauchen deswegen immer weniger regionale Differenzierung – sie gehen raus aus der Regionalpresse und rein ins Fernsehen. Manche gehen auch raus aus der Zeitung und bleiben gedruckt, zum Beispiel in der Prospektsammlung „Einkauf aktuell“ der Deutschen Post. „Einkauf aktuell“ ist ein direkter Anschlag des Bundesunternehmens Post auf die wirtschaftliche Basis der Regionalverlage. Wenn der Finanzminister jetzt die lokale Berichterstattung mit Millionen an Steuern fördern will, dann könnte er viel sparsamer mit der Hauspost sein Referat für Bundesbeteiligungen darum bitten, den Postlern mal zu sagen, sie sollen einfach alles unterlassen, was systemrelevantem Lokaljournalismus schadet und systemschädlichen Plastikmüll schafft.

Diese beiden Faktoren – Digitalisierung und Handelskonzentration – haben die Kassen der Regionalzeitungen in den letzten zwanzig Jahren schwer gebeutelt. Schätzungsweise haben die Regionalzeitungen zwischen einem Viertel und der Hälfte ihres Umsatzes dadurch verloren. Man ahnt, was für Gewinne gemacht worden sein müssen, wenn sie das bis jetzt einigermaßen verkraften konnten.

Man sieht einen stark negativen Trend

Die Zahlen sind Schätzungen. Es ist nicht einfach, verlässliche Zahlen zu bekommen. Die einschlägigen Interessengruppen, die Verleger- und die Journalistenverbände, haben so undeutliche Zahlen zu bieten, dass eine neutrale Medienstatistik überfällig ist. Es gibt so viele Publizistik-Institute, dass sich schon eines finden wird, diese Zahlen zu ermitteln. Vielleicht kann von den geplanten 220 Millionen Euro für Presseförderung ein Promille für die Feststellung der Datenbasis bereitgestellt werden. Zwei Zahlen würden schon viel Erkenntnis bringen. Erstens: Wie viele Menschen arbeiteten im Lokaljournalismus in Deutschland in den Jahren 1990, 2000, 2010 und 2020? Wenn man nur den Berliner Markt nimmt und die Entwicklung in den letzten sieben Jahren, sieht man einen stark negativen Trend. Und zweitens: Wie viel Inhalt haben die verbliebenen Lokaljournalisten produziert? Damit sind Artikel oder Seiten mit eigenständigen Texten gemeint, keine Agenturmeldungen und keine Anzeigen oder Verlags-PR-Texte. Die Zahlen gibt es nicht. Die Verlegerverbände wollen die schleichende Erosion nicht an die große Glocke hängen, und die Journalistenverbände möchten nicht so laut darüber sprechen, dass große Teile ihrer Mitglieder vielleicht einmal unabhängige Journalisten waren, aber heute im Bereich Öffentlichkeitsarbeit oder für Kundenpublikationen oder Anzeigenblätter tätig sind. Auch deren Mitgliedsbeitrag wird diskriminierungsfrei gebraucht. Man darf annehmen, dass Walter J. Schütz’ seliges Zählen der sogenannten publizistischen Einheiten eine Stabilität suggeriert, die in die Irre führt.

Schauen wir auf die Medienpolitik. Europa hat uns vor zwanzig Jahren eine Regulierung gebracht, deretwegen heute zum Beispiel Mandatsträgerinnen auf die dreckigste Art beleidigt werden können, ohne dass dies zu Konsequenzen führt. Die Regulierung heißt „Plattformprivileg“. Es ist heute mutiert zu einem „Plattmachprivileg“, hemmungslos missbraucht von den neuen Monopolen der sozialen Medien, die besser asoziale Medien heißen sollten. Das Plattformprivileg bedeutet, dass eine Plattform das Vorrecht hat, nicht dafür verantwortlich zu sein, was sie verbreitet. Dazu ein unerträgliches, absurdes Beispiel. Wenn ein Schüler in einer Schülerzeitung seinen 500 Mitschülern mitteilt, dass das Mensaessen nach Seife schmeckt und der Unterrichtsausfall eine gute Sache ist, dann muss ein Verantwortlicher im Sinne des Presserechts genannt werden und auch die Druckerei mit Namen und Anschrift.

Wenn derselbe Schüler ein Enthauptungsvideo aus einem Religionskrieg auf einer sozialen Plattform an Tausende Teenager verbreitet, dann ist die einzige Verantwortung der Plattform, dass sie im Fall einer Meldung das Video löscht. Zum Vergleich die Spielregeln für Medien. Sie sind haftbar für alles, was sie veröffentlichen, auch alle Leserbriefe und Anzeigen, und Zeitungen müssen nicht nur löschen, wenn sie Fehler machen, sondern richtigstellen und für Schaden aufkommen. Selbstverständlicherweise! Zur wertvollen Medienfreiheit gehört die Medienverantwortung. Absurderweise gilt das für jede Schülerzeitung, nicht aber für das größte Medium der Welt namens Facebook.

Liebe Medienpolitiker, bitte ändern Sie das

Hier ist ein rechtsfreier Raum entstanden, der Freiheit und Verantwortung entkoppelt mit all den Verwerfungen, die wir von Brasilien bis Brexit beobachten können. Es ist noch schlimmer. Hass lohnt sich. Hassbotschaften sind emotionaler, führen zu mehr Reaktionen und Verweildauer und damit zu mehr Einnahmen.

Liebe Medienpolitiker, bitte ändern Sie das. Auch asoziale Medien sind Medien und sollten damit dem Presserecht unterliegen. Es gibt eine einfache Forderung: Gleiches Presserecht für alle Medien. Punkt.

Einer der Gründe, warum wir in Deutschland noch nicht eine vergleichbar zerrüttete Öffentlichkeit haben wie die Länder, in denen Fox und Facebook wüten, ist unsere immer noch relativ starke Lokalpresse. Sie hat einen erheblichen Wert für das Gemeinwesen. Es gibt inzwischen leider auch in freiheitlichen Ländern wie den Vereinigten Staaten so große Gebiete ohne Lokaljournalismus, dass man belastbare Studien anstellen kann über Kreise mit und ohne Lokaljournalismus. Das Ergebnis ist alarmierend: Ohne Lokaljournalismus geht alles zurück, was uns wichtig ist, vom Zusammenhalt über die Integrität von Institutionen bis zur Wahlbeteiligung.

Die Krise des Lokaljournalismus in Amerika und bei uns ist allerdings älter als die Werbekrise. Das ist eine unbequeme Erkenntnis. Renate Köcher aus Allensbach kann auf das deprimierendste darlegen, dass die Zeitungen seit den achtziger Jahren in kleinen Schritten den Bezug zu den jungen Lesern immer mehr verloren haben. Da war das World Wide Web noch gar nicht erfunden – es scheidet als einfache Ausrede aus. Die Krise des Journalismus wird vierzig.

Eines der Probleme sollten wir genauer ansehen. In bester Absicht haben sich die Strukturen der Redaktionen und der Bevölkerung auseinanderentwickelt. Ein Zeitsprung in die achtziger Jahre, eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik in Eichstätt: Neil Postman und sein Verschwinden der Kindheit waren das Aushängeschild der Veranstaltung. Im Mittelpunkt aber stand die Forderung der Publizistikprofessoren nach der Akademisierung des Journalistenberufs. Das war natürlich vollkommen uneigennützig, und falsch war es auch nicht. Es hat aber dazu geführt, dass in einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt nur ein Volontariat antreten darf, wer vorher ein Studium abgeschlossen hat. Dieser Filter als Berufszugang bedeutet angesichts der unerfreulich hohen Akademiker-Selbstreproduktions-Quote in unserem Land, dass die Lebenswelt großer Teile der Bevölkerung den meisten Journalisten fremd ist.

Das lobenswerte Ziel der Diversität hat in den Redaktionen tatsächlich Homogenität gefördert. Diversity in den Redaktionen heißt: Am Ende bekommt den Job die Sozialwissenschaftlerin aus der Mittelschicht, ohne Fehl, ohne Tadel und ohne Migrationshintergrund. Ich weiß, wovon ich rede. Wenn man einmal vom Geschlecht absieht, bin ich ein Teil des Problems. Manche würde sagen: Mein Geschlecht macht die Sache nur noch schlimmer.

Benötigt wird eine andere Vielfalt

Ein Blick in die aktuellste Statistik der Adenauer-Stipendiaten der Journalistischen Nachwuchsförderung. Zwei Drittel der Stipendiaten sind weiblich. Vier Fünftel sind aus den Sozial- und Kulturwissenschaften. Fünf Sechstel haben keinen Migrationshintergrund. Vor vierzig Jahren, als die Nachrüstungsdebatte kochte, „Lieber rot als tot!“, da war ein Leitmotiv gar nicht so weniger junger Journalisten der rote Stern. Das hat sich geändert. Heute ist es der Genderstern. Das stellt einen erheblichen Fortschritt dar. Geschlechtergerechtigkeit ist ein wichtiges gesellschaftliches Ziel. Aber auch wenn die Zeitungsspalten gendersternhagelvoll wären, die Zeitungen wären dadurch nicht gerettet. Benötigt wird eine andere Vielfalt.

Die jungen Leute, die mit ihren digitalen Erfindungen das System der traditionellen Medien aushebeln, hatten das gar nicht vor! Die Gründer von Google und Facebook sind gar nicht angetreten, um Zeitungen anzugreifen. Es ist ihnen einfach passiert. Alles, was sie brauchten, war technisches Verständnis. Hier liegt ein weiteres fundamentales Strukturproblem. Die heutigen Macher von Zeitungen sind ganz überwiegend technikabgewandt. Das heißt nicht: technikfeindlich. Sie haben kein Interesse. Schauen wir uns noch einmal die aktuelle Statistik der Journalistischen Nachwuchsförderung der Adenauer-Stiftung an. Zwei Prozent der Bewerber letztes Jahr waren Ingenieur oder Ingenieurin. Er oder sie wurde nicht genommen. Alle Naturwissenschaften inklusive Medizin und Landwirtschaft machen etwa ein Zehntel aus. Der eine Jura-Bewerber wurde auch rausgeprüft. Eine weitere Mangelgruppe sind die Wirtschaftswissenschaften, da kam immerhin einer durch.

Der ernste Befund heißt: Der Journalismus wird herausgefordert durch neue Technologie und neue Geschäftsmodelle. Dem begegnen die Journalisten praktischerweise ohne Ingenieure und Kaufleute. Dabei ist es viel einfacher, jemandem, der Physik studiert hat, Journalismus beizubringen, als einem Journalisten Physik. Dafür gibt es auch überzeugende Beispiele in der Politik. Physikerinnen ist leichter Politik beizubringen, als Politikern Physik.

Die Verlage und Medienausbilder sollten lieber gezielt Ingenieure und Computer Scientists einstellen, auch wenn sie sich erst mal krumm ausdrücken. Und wenn sie keine Ingenieure und Kaufleute bekommen, dann können sie immer noch die Sozial- und Kulturwissenschaftler, an denen es nicht mangelt, ertüchtigen in Technik und Wirtschaft. Da dürfen auch ruhig ein paar Gründerkurse dabei herauskommen. Wer sagt denn, dass nur Verlage, die vor Jahrzehnten gegründet worden sind, Qualitätsjournalismus hervorbringen können. Ein Teil der Lösung kann auch eine neue Medien-Gründerzeit sein. Auch hier kann man etwas von den 220 Millionen Euro ausgeben, ohne die Unabhängigkeit der Presse anzugreifen.

Sebastian Turner war sieben Jahre Herausgeber des „Tagesspiegels“ und ist Gründer der Trafo Media Tech GmbH. Der Text beruht auf seiner Festrede anlässlich des 40. Jubiläums des Deutschen Lokaljournalistenpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Fernsehproduktion zur Corona-Zeit: „Wie ein Brandbeschleuniger“

Sinkende Budgets, steigende Kosten und die Konkurrenz durch Streamingdienste – ist der gute alte Fernsehfilm noch zu retten? Produzent Markus Schäfer im Gespräch über das Herzstück des deutschen Fernsehens.

Ein Interview von Lisa Priller-Gebhardt.

Prestigeprojekte wie „Babylon Berlin“ schaffen es in die Schlagzeilen. Doch das wahre Herzstück der Fernsehunterhaltung ist der 90 Minuten lange TV-Film. Jährlich gibt es 200 bis 300 Premieren. Kaum ein Abend, an dem nicht ein bis zwei neue Filme laufen. Das entspricht laut Produzentenallianz einem Auftragsvolumen im deutlich dreistelligen Millionenbereich. Ohne dem TV-Film würden die Programmpläne aussehen wie löchriger Käse. Doch steigende Kosten bei sinkenden Budgets setzen dem Fernsehfilm zunehmend zu. Markus Schäfer ist stellvertretender Vorsitzender der Produzentenallianz, dem Verband, in dem sich rund 270 Unternehmen der Branche zusammengetan haben. Ein Gespräch über den unterfinanzierten Klassiker im deutschen TV.

SZ: Herr Schäfer, ist der deutsche Fernsehfilm in Gefahr?

Markus Schäfer: Er läuft zumindest Gefahr, immer weiter unterfinanziert zu sein. Die notwendig erzielbaren Deckungsbeiträge aus einem 90-Minüter werden ständig kleiner. Gemeint ist damit der Betrag, der einem Unternehmen zur Deckung der Fixkosten zur Verfügung steht. Es ist ein Punkt erreicht, an dem das wirtschaftliche Arbeiten kaum mehr möglich ist. Wenn der Fernsehfilm dauerhaft unterfinanziert bleibt, dann werden Produzenten, die sich auf dieses Genre fokussiert haben, vom Markt verschwinden. Das schränkt in der Konsequenz die kreative Vielfalt ein.

Das klingt danach, als ob die Gelder jetzt schon nicht ausreichen. Was passiert, wenn die Gebührenerhöhung für die Öffentlich-Rechtlichen nicht kommt?

Falls die eingeplante Gebührenerhöhung nicht kommt, steht zu befürchten, dass die Sparziele der Anstalten noch ambitionierter werden. Das wird nicht an den Programmbudgets vorbeigehen. Sie werden massiv betroffen sein.

Nicht nur die Sender ziehen die Budgetschrauben an. Viele Produzenten klagen, dass sich die letzten Arbeitsvereinbarungen kostenerhöhend auswirken.

Mit dem jüngsten Tarifvertrag wurden Produzenten die Grenzen noch enger gesteckt. Beispielsweise wurde die Arbeitszeit stärker limitiert. Das ist aus Sicht der Mitarbeitenden sehr zu begrüßen, denn früher durfte 13 Stunden – in Ausnahmefällen auch mehr – am Stück gearbeitet werden. Heute braucht man für lange Drehtage ein zweites Team für Maske, Kostüm oder Fahrdienste, um das hohe und eng getaktete Drehpensum bewältigen zu können. Das schlägt sich in den Kosten nieder, die beim Sender nicht oder nur teilweise geltend gemacht werden können. Gleichzeitig steigt der Anspruch der Sender und Zuschauer an Produktionen. Stichwort Netflix-Effekt.

Was ist damit gemeint?

Tatsächlich haben sich die Ansprüche der Zuschauer durch die Hochglanz-Serien der Streaming-Dienste stark gewandelt. Die Zuschauer schätzen Look & Feel internationaler Produktionen und erwarten auch bei deutschen Filmen ein Top-Level bei Büchern, Ausstattung und Besetzung. Die Wünsche zur inhaltlichen Ausgestaltung einer Produktion sowie die geforderte Komplexität der Geschichten spiegeln sich nur selten in den Budgets wider.

Auch Corona macht das Produzieren aufwändiger. Springen hier Versicherungen ein?

Nein. Wenn Produktionen durch Corona unterbrochen werden müssen oder ausfallen, beispielsweise weil Darsteller oder Crewmitglieder erkrankt sind, werden diese Schäden nicht von den Versicherern übernommen. Bei einem 90-Minüter entstehen so leicht Kosten im sechsstelligen Bereich.

Aber genau dafür wurden doch zwei staatliche Corona-Ausfallfonds geschaffen.

Richtig. Doch bisher sind nur Gelder für Kino- und High-End-Produktionen geflossen. Der sogenannte Ausfallfonds II für Auftragsproduktionen und damit auch den deutschen Fernsehfilm lässt noch immer auf sich warten. Die zeitliche Verzögerung ist in erster Linie dem Föderalismus geschuldet. Rundfunk- und damit auch die Fernsehproduktion ist Ländersache. 16 Bundesländer und auch die Fernsehsender unter einen Hut zu bekommen, ist zeitintensiv. So wie es aussieht, ist das nun aber gelungen, und der Ausfallfonds II tritt an die Stelle der seit Frühjahr senderseitig bestehenden Schutzschirme, mit denen 50 Prozent der Schadenskosten abgesichert worden sind.

Viele Film- und Fernsehproduzenten monieren, dass sie nicht optimal berücksichtigt wurden. Teilen Sie diese Einschätzung?

Lassen Sie es mich anhand von Zahlen veranschaulichen. Der Ausfallfonds I deckt ein Marktvolumen von geschätzt 500 Millionen Euro ab und ist mit 50 Millionen Euro dotiert. Der Ausfallfonds II deckt ein Marktvolumen von etwa 2 bis 2,4 Milliarden Euro ab und wird sich voraussichtlich in der Höhe nicht groß vom Ausfallfonds I unterscheiden. Die Diskrepanz ist augenscheinlich. Wir begrüßen die Gelder sehr, aber ein Blick nach Großbritannien zeigt, wie es auch gehen könnte. Dort fließen rund 560 Millionen Euro an Produzenten.

Droht hier bei kleinen und mittleren Produzenten eine Insolvenzwelle?

Das steht leider zu befürchten. Die Studie der Produzentenallianz von 2018 zeigt, dass viele Unternehmen jetzt schon an der Rentabilitätsgrenze wirtschaften, ihre Kapitaldecke ist dünn. Meist wird der Gewinn aus der aktuellen Produktion gleich in die Entwicklung der nächsten gesteckt. Wenn diese Produzenten an ihr Kapital gehen müssen, um Schadensfälle oder die sinkenden Margen abzudecken, dann drohen sie, in prekäre und existenzbedrohende Lagen zu rutschen. An der Stelle wirkt die Pandemie wie ein Brandbeschleuniger.

Wenn von Seiten der Sender keine Budgetsprünge zu erwarten sind, aber gleichzeitig die Kosten steigen – müssen sich die Zuschauer dann künftig mit weniger Erstausstrahlungen begnügen?

Eine Lösungsvariante wäre, weniger Filme mit der gleichen Menge Geld zu beauftragen. Doch das wäre gerade im Hinblick auf die veränderte Wettbewerbssituation durch Streaming-Anbieter für die Fernsehsender keine gute Lösung und auch für die Zuschauer unbefriedigend – darf aber dennoch nicht sakrosankt sein.

Bei der Menge sollten also besser keine Abstriche gemacht werden. Was schlagen Sie vor?

Ich würde dafür plädieren, über innovative Produktionsmodelle nachzudenken.

Wie könnten diese aussehen?

Die meisten Filme werden in sich abgeschlossen, sozusagen wie Maßanzüge, produziert. Viele Filme sind aber Bestandteile von Reihen…

…wie zum Beispiel „Sarah Kohr“, „Kommissar Dupin“, „Der Spreewald-“ sowie der „Usedom-Krimi“?

Hier wäre es sinnvoll, mehr Back-to-Back-Produktionen zu realisieren, also zwei bis drei Filme einer Reihe am Stück zu drehen, bis hin zu einer Ausgestaltung der Reihen als sogenannte Mini-Serien. Regie, Kamera und Crew würden dann gleichbleiben. Das heißt natürlich, dass man die künstlerische Freiheit ein Stück weit einschränkt, denn üblicherweise wird für jeden Film ein anderes Team ausgesucht. Doch das wären vertretbare Einschränkungen.

Und wird es dann künftig auch weniger Verfolgungsjagden und keine Massenszenen mehr geben wie zuletzt bei „München Mord“, bei dem mit Hunderten von Fußball-Fans gedreht wurde?

Man kann natürlich Rollen und Motive rausnehmen, also den Film insgesamt schlanker erzählen. Doch das lässt die Erzählung am Ende anders aussehen, und das merkt der Zuschauer. Diese Leistungsreduzierung wäre aus Sender- und Zuschauersicht keine gute Lösung.

Könnte man nicht stattdessen Teile der Fernsehfilmrechte, die bei Auftragsproduktionen automatisch den Sendern gehören, bei den Produzenten belassen?

In Großbritannien ist es üblich, dass alle Rechte – trotz Vollfinanzierung der Sender – bei dem Produzenten verbleiben. Im deutschen Markt gibt es mit den öffentlich-rechtlichen Sendern Vereinbarungen, mit der ARD das sogenannte Schichtenmodell. Es handelt sich dabei um einen Austausch für Budgetanteile. Das bedeutet, es können Finanzierungsanteile gegen Rechte eingetauscht werden. Das ist zwar eine tolle Errungenschaft, sie macht nur nicht überall Sinn, denn meist stehen nur die Auslandsrechte zur Verfügung. Doch nicht für alle Produktionen besteht ein internationaler Markt.

Und was heißt das für die Zukunft?

Ich bin zuversichtlich, dass wir die Krise meistern werden, denn die Produktionsbranche ist sehr leistungsfähig. Sie hat bereits in den vergangenen Jahren eine hohe Flexibilität gezeigt.

Kurzvita Markus Schäfer

Markus Schäfer ist stellvertretender Vorsitzender der Produzentenallianz und CEO von All3Media Deutschland, einem der größten unabhängigen TV-Produzenten in Deutschland. Zum Produktions- und Lizenz-Portfolio zählen Labels wie der „Polizeiruf 110“ aus Rostock, der Münster-„Tatort“ oder „Galileo“ auf ProSieben.

Ufa verpflichtet sich selbst: Wir wollen Diversität anders leben

Seit drei Jahren ist Nico Hofmann Geschäftsführer der Ufa, an der Filmhochschule Ludwigsburg lehrt er seit 1995. Zum Diversitätsplan seines Unternehmens sagt er: „Es geht hier nicht um Quotierung, sondern um Gleichberechtigung und Chancengleichheit, wenn jemand Talent hat.“

Die Produktionsfirma Ufa erlegt sich eine Selbstverpflichtung in Sachen „Diversity“ auf. Dabei geht es um Gender, LGBTIQ, People of Color und Menschen mit Beeinträchtigungen. Geschäftsführer Nico Hofmann erläutert, was es damit auf sich hat. Wird jetzt alles quotiert?

Die Ufa gibt sich eine Selbstverpflichtung für mehr Diversität, einen „Diversity Circle“. Warum?

Das kommt bei mir persönlich aus zwei Ecken. Ich unterrichte seit 1995 an der Filmhochschule in Ludwigsburg, und ich bemerke die Veränderung bei meinen Studierenden. Es gibt Studiengänge, deren Teilnehmer zur Hälfte Migrationshintergrund haben. Es gibt Studiengänge, in denen das Verhältnis zwischen Frauen und Männern erfreulicherweise pari, pari ist, fifty-fifty, ohne jede Quote, aufgrund von Talent. Wenn Sie mit Studierenden arbeiten, erleben Sie die Veränderung unserer Gesellschaft. Alle Bereiche der Diversität, auch was das Geschlecht angeht, zeigen sich auf. Dasselbe erlebe ich in meinem Unternehmen, der Ufa. Die Zusammensetzung der Mitarbeitenden ist heute eine ganz andere als noch vor drei Jahren, als ich die Geschäftsführung übernommen habe. Wir sind in der Ufa ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Deshalb wollen wir Diversität anders leben.

Sie konzentrieren sich auf vier Bereiche: Gender, LGBTIQ, People of Color und Menschen mit Beeinträchtigungen. Nach diesen vier Gruppen fragen Sie bei jeder Produktion – nach Protagonisten, Figuren, Drehbuch, Handlung, Besetzung vor und hinter der Kamera. Da frage ich mich, welcher Freiraum bleibt da für die Kreativität derjenigen, die sich eine Geschichte ausdenken, die sie inszenieren, wenn sie eine lange Liste von Diversitätskriterien abhaken müssen?

Das ist nicht unser Ansinnen. Das Ansinnen ist, mit einem anderen Selbstverständnis auf diese Gruppen zu schauen. Dass alle anderen Gruppen, Familien mit Kindern, ältere Menschen und alle anderen, die in unserer Gesellschaft leben, ebenso souverän und selbstverständlich vorkommen, ist doch gar keine Frage. Aber wenn man sich die vergangenen Jahrzehnte anschaut, muss man feststellen, dass die Gruppen, die Sie genannt haben, gar nicht beachtet oder klischeehaft wahrgenommen wurden. Ich bin kein Freund irgendwelcher Regelungen noch von Diktaten, die die Meinungsfreiheit beschränken oder exakt festlegen, wie Figuren abzubilden sind. Was wir uns in puncto Diversität vornehmen, betrifft die Stoffe, die Besetzung vor und hinter der Kamera und den Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unserem Haus.

Wenn Sie Fragen aufwerfen wie: Wozu dient das Geschlecht einer Figur, ihre Herkunft, ihre sexuelle Orientierung? Könnte dies nicht anders aussehen? Ist die Darstellung herabwürdigend oder diskriminierend? Sind Szenen mit sexuellem Inhalt nötig? Das finde ich – erstaunlich. Ist es nicht selbstverständlich, dass Menschen nicht herabgewürdigt werden? Aber dass man trotzdem Herabwürdigung zeigt, damit jeder erkennen kann, worum es geht? Sollen sexuelle Inhalte tabuisiert werden? Gibt es dann Kriminalfilme ohne Verbrechen?

Das verstehen Sie falsch. Ich nehme mal eine Serie wie „Ku’damm“ im ZDF. Da geht es um Frauenbilder, es geht um Homosexualität, es geht um gesellschaftliche Moralvorstellungen einer bestimmten Zeit. Dort ist das, worüber wir gerade reden, Gegenstand der Betrachtung. Aber wenn ich generell auf Produktionen der letzten zehn, fünfzehn Jahre sehe, finde ich es erstaunlich, mit welchen Klischees da gearbeitet wurde. Mit welcher Selbstverständlichkeit Sexualität und Gewalt vermischt werden, ohne zu reflektieren, was man damit bewirkt. Das hat sehr viel mit Frauen- und Männerbildern zu tun. Es geht um eine Sensibilisierung. Wenn wir mit Stoffen arbeiten, wollen wir im Hinterkopf behalten, womit wir uns da eigentlich beschäftigen, welche Bilder und welche Rollenbilder wir prägen. Darüber habe ich zum Beispiel bei „Solo für Klarinette“, dem letzten Film, bei dem ich Regisseur und nicht der Produzent war, mit den Hauptdarstellern Corinna Harfouch und Götz George nächtelang diskutiert.

Sie sagen in Ihrem Programm, Sie wollten keine „veralteten Narrative“ und Stereotype bedienen. Das klingt so, als habe das Fernsehen, das Kino, als habe die Ufa genau oder nur solche Dinge hervorgebracht und sei noch fleißig dabei.

Wenn Sie sich das deutsche Fernsehen und auch die Ufa-Produktionen ansehen, sei es mit Blick auf People of Color, Migrationshintergrund oder Sexualität, dann finden Sie oft Alibi-Besetzungen, die nicht wirklich vom Klischee abweichen. Das stelle ich fest, wenn ich mir anschaue, was in den letzten 25 Jahren produziert worden ist. Uns geht es darum, das herumzudrehen. Es geht uns um eine neue Selbstverständlichkeit.

Was ist mit Ihren eigenen Programmen? Etwa „Unsere Mütter, unsere Väter“ im ZDF, eines Ihrer persönlichsten Projekte. Der Film „Solo für Klarinette“, den Sie genannt haben. Da geht es um Schicksale, Menschen, Geschichte, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Mein Eindruck vom Film- und Serienmachen heute ist: Vieles wird unseren heutigen Vorstellungen unterworfen, da werden Wunschvorstellungen auf die Vergangenheit projiziert. So sehen dann die Figuren aus, und so klingen die Texte. Würden Sie „Unsere Mütter, unsere Väter“ heute noch so drehen, wie Sie es vor sieben Jahren taten?

Ich würde „Unsere Mütter, unsere Väter“ genauso drehen, weil es eine Betrachtung über die Zeit der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs und über meine Eltern war, über junge Frauen und Männer in dieser Zeit in Deutschland. Aber wir reden über – jetzt. Ich werde aber auch in meinen eigenen Produktionen klischeehafte Frauenbilder finden, die ich heute so nicht mehr darstellen würde. Es geht ganz stark darum, wovon ein Stoff handelt und in welcher Zeit er spielt. Mir geht es um das Bewusstsein dafür, was wir da machen.

Und Sie fürchten nicht, dass über alles eine Folie gelegt wird, damit es zu unseren heutigen Vorstellungen passt? Frauenbilder, Männerbilder, patriarchale Strukturen, Machtverhältnisse, Diskriminierung, Ausgrenzung, das muss man doch darstellen – und zwar so, wie es war oder ist. Ohne dass es zum Traktat wird.

Aber genau darum geht es uns doch. Wenn Sie eine bestimmte Zeit darstellen, muss es in dem Duktus der Zeit spielen. Aber da lässt sich eine Menge machen, nehmen Sie nur die zweite Staffel von „Charité“, die gerade eine International-Emmy-Nominierung erhalten hat. Da wird eine homosexuelle Männerbeziehung erzählt, im Spektrum der damaligen Zeit. Das meine ich mit der Selbstverständlichkeit von Diversität. Es geht um die Haltung zu jeder Figur. Es geht nicht darum, eine Formel durchzustanzen, das wäre fatal.

Wenn es um die Besetzung geht, vor und hinter der Kamera und in Ihrem Haus: Ist das gleichzusetzen mit einer Quote?

Das ist gleichzusetzen mit einer Quotierung nach dem Zensus der Bundesregierung. Dies gilt für unsere Programme, jedoch nicht für das Team. Wobei ich glaube, dass es sich innerhalb der Ufa noch viel stärker niederschlagen wird, weil wir mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenarbeiten. Mit geht es bei unserem Programm ganz stark um die Zusammensetzung der Ufa selbst. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor einem Jahr hatten wir eine junge Frau aus Köln mit multipler Sklerose, die ein ausgezeichnetes Diplom hatte, als Cutterin. Es hat drei Monate gedauert, bis wir es arbeitsrechtlich möglich machen konnten, dass diese junge Frau von zu Hause aus Filme für uns schneiden kann. Das nur als Beispiel für Inklusion. Wenn Sie erleben, welche Hindernisse da aufgebaut werden, verstehen Sie die Welt nicht mehr. Wir prüfen in der Ufa gerade, wie weit wir in diesem Punkt der Inklusion eigentlich sind, und – bauen das Haus teilweise um. Das ist ein Bereich unserer Diversitätsagenda. Wir haben viel zu wenige Stellen, wir haben zu wenig Offenheit für Menschen mit Beeinträchtigungen in dieser Branche gezeigt. Das ist ein Beispiel, mir geht es grundsätzlich darum, wie wir miteinander arbeiten und leben. Es geht hier nicht um Quotierung, sondern um Gleichberechtigung und Chancengleichheit, wenn jemand Talent hat, die es etwa im Verhältnis zwischen Frauen und Männern immer noch zu wenig gibt. Es geht um Strukturen, die Talent fernhalten. Diese Strukturen aufzubrechen, das ist unser Thema.

Sie wollen sich am Zensus der Bundesregierung orientieren. Wenn man sich an diesen hält, ist es dann nicht so, dass die Gruppen, die mit Diversität verbunden werden und die Sie nennen, kleiner sind, als sie erscheinen?

Das mag durchaus sein. Aber das wird sich in den nächsten Jahren massiv verändern. Und diese Veränderung erachte ich nicht als bedrohlich, sondern als spannend und bereichernd. Ich finde, dass Diversität in den vergangenen Jahren wahnsinnig mühsam und verkrampft diskutiert worden ist. In meinem Unternehmen wächst eine jüngere Generation von Achtundzwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen heran, die Diversität auf eine neue Weise einfordert.

Lobbyisten mit Heiligenschein – warum sich Journalisten so gerne von NGO einspannen lassen

Vor Lobbyisten und PR-Menschen gilt es sich in acht zu nehmen. Das wussten kritische Journalisten schon in den 1970er Jahren. Nachzulesen ist das im Buch «Die unheimlichen Patrioten», das eine ganze Generation von Journalisten inspiriert hat – legt es doch die Netzwerke offen, mit denen bürgerliche und rechte Kreise den öffentlichen Diskurs zu dominieren versuchten.

Glaubt man den Autoren Jürg Frischknecht, Peter Niggli, Ueli Haldimann und Peter Haffner, waren die Meinungsmacher überall am Werk: Sie jubelten den Zeitungen als Korrespondentenberichte getarnte Kommentare unter oder belieferten sie gleich mit selbstverfassten Reportagen, über angeblich unbedenkliche Atommülldeponien und Ähnliches.

Besonders schlimm trieben es ihrer Meinung nach die «rechten Polit-Jungtürken» der PR-Agentur Farner, deren Gründer einst gesagt haben soll, mit einer Million Franken könne er einen Kartoffelsack in einen Bundesrat verwandeln. «Farner», so witzeln die Autoren, «tut Gutes für die notleidende Presse und stellt den Zeitungen fixfertige Zeitungsseiten zur Verfügung». Nur: Wer hinter dem atomfreundlichen Artikel stehe, erfahre die Leserschaft nirgends.

Gute PR, schlechte PR

So weit die Lage 1979. Der Filz aus Staat, Verwaltung, Medien und Politik existiert 40 Jahre später zwar immer noch, aber er ist bunter geworden. Zum Beispiel gibt es ihn nun in Rot und Grün. Dies auch, weil die ehemaligen Rebellen Karriere gemacht haben. Jene von Ueli Haldimann führte bis an die Spitze der SRG. Peter Niggli leitet heute das parastaatliche Hilfswerk Helvetas, zuvor war er grüner Politiker und Chef des Hilfswerks Alliance Sud.

Bemerkenswert ist, dass Interessengruppen wie Alliance Sud heute eine ähnliche Rolle spielen für die «notleidende Presse» wie einst Farners PR-Füchse. Denn während sonst jedem Volontär eingeschärft wird, er dürfe sich ja nicht – wie es im Jargon heisst – von PR-Fuzzis instrumentalisieren lassen, gilt PR-Arbeit von Hilfswerken und anderen Nichtregierungsorganisationen (NGO) oft als unbedenklich.

Mehr noch: Wenn sich eine NGO offiziell dem Kampf für die Umwelt, die Dritte Welt oder die Armen verschrieben hat, sind journalistische Prinzipien wie Distanz nicht mehr so wichtig. Offensichtlich wurde das einmal mehr während der gegenwärtigen Abstimmungskampagne für die Konzernverantwortungsinitiative, die vornehmlich von links-grünen NGO geschickt beworben wird.

Gemäss einem Strategiepapier, das der «Tages-Anzeiger» im Juni veröffentlichte, war es die erklärte Absicht der Initianten, ausgewählten Journalisten fixfertige Fälle zuzuspielen. Ein Beispiel dafür war auch in den Tamedia-Titeln selber zu finden. So erfuhren die Leser im selben Monat, dass es aufgrund von NGO-Studien «dringend klare Gesetze für multinationale Unternehmen braucht». Quelle dieser Aussage war ein Sprecher der NGO Public Eye, die im Artikel mehrfach zitiert wurde, ohne jeden Widerspruch.

Einige Wochen später berichtete das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) über eine Studie des Hilfswerks Swissaid, wonach Schweizer Firmen in dreckige Goldgeschäfte verwickelt seien. Eine Firma wird mehrmals namentlich genannt, hat aber keine Möglichkeit, sich zu äussern. Dafür zitiert der Redaktor ausführlich aus der Studie. Und er erklärt, wo Swissaid den grössten «Handlungsbedarf» ortet. Dass es für die Vorwürfe keine eindeutigen Beweise gibt, erfährt man erst am Schluss.

Die Botschaft zwischen den Zeilen ist klar: Um diesen bösen Firmen das Handwerk zu legen, braucht es jetzt radikale Massnahmen. Über die Qualität der Studien ist damit nichts gesagt. Aber wenn ein SRF-Bundeshausredaktor wie letzte Woche in einer Push-Nachricht ganz offen erklärt, die Initianten hätten «bessere Argumente», ist klar, wo die Sympathien liegen.

Caritas oder die Kunst des Forderns

Die Symbiose zwischen NGO und Medienvertretern ist nicht nur vor wichtigen Abstimmungen zu beobachten, und sie funktioniert nach einem einfachen Muster: Eine NGO liefert vorproduzierte Bausteine aus Zitaten, passenden Fakten und den «richtigen» politischen Folgerungen, publiziert wird das Ganze als journalistischer Beitrag. Auf diese Weise sind schon Hunderte Zeitungsartikel entstanden.

Wie das geht, zeigt das Hilfswerk Caritas. Diese zu über 40 Prozent vom Staat finanzierte Organisation ist personell und ideologisch eng mit SP, Grünen und anderen linken Gruppen verbunden. In den Leitungsgremien sitzen Politiker wie Hugo Fasel (csp., Fraktion Grüne) und Ada Marra (sp.); passend dazu klagen in den Caritas-Schriften Autoren wie Cédric Wermuth (sp.), Ueli Mäder (ehemals poch) oder Min Li Marti (sp.) über «Neoliberalismus» und «Sozialabbau».

Ihre finanziellen Mittel nutzt die Caritas für ein permanentes Lobbying in den Medien – für mehr Entwicklungshilfe, mehr Sozialleistungen und andere Ansprüche an den Staat, wie sie auch SP und Grüne fordern. Die Resonanz auf diese Kampagnen ist eindrücklich, wie ein Blick in die Schweizerische Mediendatenbank zeigt.

Dort finden sich unter dem Stichwort «Caritas fordert» über 500 Artikel, von denen hier nur einige Überschriften zitiert seien: Caritas fordert bezahlbaren Wohnraum, Caritas fordert ein garantiertes Grundeinkommen für alle, Caritas fordert mehr Geld fürs Klima, Caritas fordert Ergänzungsleistungen für Familien, Caritas fordert mehr Geld für Sozialpolitik, Caritas fordert mehr finanzielle Ressourcen, oder, ganz einfach: Caritas fordert mehr Geld.

Verlässliche Caritas-Multiplikatoren sind die Agentur SDA und das öffentlichrechtliche SRF. Dort sind die, wie es heisst, «Anwälte der Armen» um den «engagierten Sozialpolitiker» Hugo Fasel regelmässig zu Gast. Mit Fragen wie «Was wäre noch zu tun?» oder «Wird in der Entwicklungshilfe nicht am falschen Ort gespart?» halten die Journalisten dann jenen Kreislauf von Forderungen und noch mehr Forderungen im Gang, der zu den oben zitierten Schlagzeilen führt.

Problematisch ist, dass diese sehr ideologisch motivierten Verlautbarungen meist widerspruchslos zitiert werden, als ginge es um wissenschaftliche Befunde oder unbestrittene Tatsachen. So behauptet die Caritas via «Blick», SRF und andere Medien regelmässig, in der reichen Schweiz würden mehr als eine Million Menschen in Armut leben, um ihre Forderungen zu rechtfertigen.

Diese Zahl basiert jedoch auf äusserst grosszügigen Definitionen des Begriffs «Armut». Das Bundesamt für Statistik zum Beispiel geht von 660 000 Armen aus. Und auch diese Schätzung basiert auf letztlich willkürlichen Grenzwerten. Die «Sonntags-Zeitung» bezeichnete die Armutsberechnungen der Caritas denn auch einmal als «Unfug», «Angstmacherei» und «Politpropaganda». Doch solche Stimmen sind rar.

«Sehnsucht nach Heilsbringern»

Vielmehr ist die Nähe zwischen NGO und Medien so gross, dass sie manchmal selbst bei NGO-Vertretern für Irritationen sorgt. «Viele Medienschaffende», so kritisierte der Aktivist Oliver Classen kürzlich in der «Medienwoche», hätten den NGO einen «Heiligenschein» aufgesetzt, «aus Naivität oder der Sehnsucht nach Heilsbringern». Da Journalisten häufig mit den Zielen von NGO sympathisierten, verhielten sie sich oft unkritisch.

Classen muss es wissen: Er ist Mediensprecher der NGO Public Eye, die den Abstimmungskampf für die Konzernverantwortungsinitiative koordiniert. Tatsächlich braucht es sehr viel, bis die «Heilsbringer» hinterfragt und kritisiert werden, zum Beispiel einen internen Missbrauchsskandal wie beim Hilfswerk Oxfam.

Selbst eine Organisation wie Extinction Rebellion (XR), die im Namen der Klimarettung gegen die angeblich von Eliten beherrschte Demokratie agitiert, darf mit viel medialem Wohlwollen rechnen. «Gesetze brechen für den Klimaschutz», titelte die Tamedia-Presse ehrfürchtig, nachdem XR-Aktivisten die Limmat grün eingefärbt hatten. Das Extremismus-Thema handelten die Journalistinnen ab, indem sie einen Aktivisten verkünden liessen, nicht XR sei radikal, sondern der Rest der Welt.

Die Nähe zwischen NGO und Medien ist nicht nur ideologisch, sondern auch personell bedingt. Eine XR-Aktivistin, die 2021 für den deutschen Bundestag kandidiert, war früher für verschiedene Medien tätig, darunter den «Spiegel». Der Leiter Asylbereich der Schweizerischen Flüchtlingshilfe war früher Journalist bei Tamedia, wo er Kommentare für eine Ausweitung des Asylrechts und des Anspruchs auf Sozialhilfe verfasste.

Das Schweizer «Campaign Camp», das Kampagnen für links-grüne NGO und Parteien entwickelt, arbeitet mit Reporterinnen der «Republik» zusammen. Der Medienverantwortliche von Alliance Sud war früher Journalist bei SRF, nun lässt er sich in SRF-Sendungen wie «Musik für einen Gast» selber befragen. Daneben sitzt er im Vorstand des Vereins «real 21» – ein Projekt, welches das enge Verhältnis zwischen NGO, Staat und Journalismus anschaulich verkörpert.

Auch wer «im Interesse der Menschen» handelt, kann irren

Getragen wird «real 21» von Alliance Sud und der wichtigsten Journalistenschule der Schweiz, dem MAZ in Luzern. Die Rechnung für «real 21» übernimmt die eidgenössische Direktion für Entwicklungshilfe und Zusammenarbeit (Deza), die sich wiederum als Sponsor und Auftraggeber für Hilfswerke wie Caritas und Alliance Sud betätigt.

Das Ziel des Vereins ist es, «fundierte» Auslandsberichterstattung zu fördern, welche die etablierten Medien angeblich vernachlässigen. Pro Jahr werden jeweils mehrere zehntausend Franken für Förderprojekte und Preise ausgeschüttet. Laut der MAZ-Direktorin Martina Fehr ist eine unabhängige Berichterstattung garantiert, weil die Jurys ganz oder mehrheitlich von Journalisten besetzt sind. Gefragt sei denn auch kein «Kampagnenjournalismus», sondern seriöse Recherche.

Das hindert «real 21» allerdings nicht daran, Werbespots für Alliance Sud zu verbreiten. Denn auf der Website des Vereins wird das Hilfswerk unter dem Titel «Alliance Sud – Politik für eine gerechte Welt» vorgestellt. Die journalistische Frage, ob die politischen Rezepte von Alliance Sud die Welt wirklich gerechter machen, ist damit bereits beantwortet. Und man fragt sich, ob ein Artikel über die Nutzlosigkeit von staatlicher Entwicklungshilfe jemals Chancen auf Fördergelder der Deza hätte.

Slogans wie «Politik für eine gerechte Welt» weisen denn auch auf ein grundsätzliches Problem hin. Nüchtern betrachtet sind NGO ganz normale politische Akteure, die zum Teil Hunderte Millionen Franken umsetzen (wie Greenpeace), mit manchmal zweifelhaften Partnern kooperieren (etwa im Nahen Osten) und eine nicht zu unterschätzende Macht besitzen. Die setzen sie nicht immer ganz uneigennützig ein, und sie können irren, wie alle anderen auch.

Um sich unangreifbar zu machen, behaupten NGO-Vertreter jedoch unentwegt, sie würden universelle Ziele verfolgen, gegen die doch kein anständiger Mensch etwas haben könne. In dieser Logik ist auch mediales Lobbying von NGO im «Interesse der Menschen», weshalb man, wie es der Sprecher von Alliance Sud einmal ausdrückte, besser von «Service public» rede. Andere NGO-Vertreter betonen, sie hätten doch die gleichen Interessen wie Journalisten.

Das ist zwar nicht ganz falsch, denn manche NGO-Aktivisten sind ausgezeichnete Rechercheure, die wie Journalisten Missstände und Machenschaften aufdecken. Wenn aber jegliche NGO-Propaganda journalistischer «Service public» sein soll und Journalisten das auch noch glauben, kann man die Berichterstattung gleich den Aktivisten überlassen. So, wie man sie in den 1970er Jahren Farners «Jungtürken» überlassen hat.

Nun also auch Twitter: Eine kurze Erfolgsgeschichte der Stories

Snapchat fing damit an, Instagram machte sie groß, inzwischen gibt es sie sogar auf Twitter: Stories. Was erklärt den Erfolg des Formats?

Ich sitze im Restaurant, vor mir ein Teller leckeres Panang-Curry, hübsch zubereitet in einem riesigen Teller. «Das ist instagramable», denke ich und schieße ein Bild. Während der einladende Teller vor mir steht, öffne ich Instagram, lade das Bild in die Stories, lege einen Filter drüber, markiere das Restaurant und schreibe #Foodporn. Ich poste das Werk und freue mich schon tierisch, dass ich damit meine Freunde eifersüchtig mache.

Eine digitale Diaschau

Ja, diese Stories, sie sind inzwischen überall und omnipräsent, sowohl auf unseren Smartphones wie in den Köpfen. Die grossen Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Facebook nutzen das Format schon länger und sehr erfolgreich, nun folgen immer mehr Nachahmer. Erst diese Woche hat Twitter das Format ebenfalls für alle Nutzer ausgerollt. Mit Fleets sei es nun möglich, spontane Gedanken auszutauschen und es sei noch einfacher, an Gesprächen teilzunehmen, so Twitter.

Die erste Plattform, die das Stories-Format einführte, war 2013 die Messaging-App Snapchat. Es wurde eine Erfolgsgeschichte.

Eine Story funktioniert wie eine digitale Diaschau des eigenen Lebens: Sie kann aus einem einzelnen Beitrag bestehen, der in sich abgeschlossen ist und eine zufällige Situation aus dem Alltag zeigt. Das ist die Mehrheit aller Stories, vor allem bei Privatpersonen. Oder sie kann aus mehreren Beiträgen bestehen, die nacheinander angezeigt werden und so bestenfalls eine Geschichte erzählen. Die Möglichkeit machen sich viele Unternehmen und Kreative zunutze: Dabei gilt die einzige Anforderung, dass jede Seite nur eine Botschaft vermittelt. Der angezeigte Text sollte knapp gehalten werden und zusammen mit dem Hintergrund – ein Bild, ein Video oder eine farbige Fläche – eine Einheit bilden. Zusätzlich können zahlreiche Elemente hinzugefügt werden, von Gifs über Umfragen bis hin zu Musikeinspielern.

Das erste Erzählformat der Smartphone-Generation

Der Erfolg dieser Stories ist auf den ersten Blick bizarr, denn das Produkt ist sehr limitiert: Die einzelnen Beiträge löschen sich automatisch nach 24 Stunden, dürfen maximal 15 Sekunden dauern, und sie funktionieren nur im 9:16-Hochformat. Ausserdem sind sie aufwendig zu erstellen, weil die kreativen Elemente schier unerschöpflich sind. Trotzdem schauen sich alleine auf Instagram mehr als 500 Millionen Nutzer täglich die Stories an, und diese Zahl steigt laufend. Was erklärt den Erfolg des Formats?

Zugänglichkeit: Stories sind das erste Erzählformat der Smartphone-Generation. Der erste und einzige Vertriebskanal, der für Stories sinnvoll ist, ist das Smartphone. Darum ist es auch für dieses Gerät optimiert. Auf dem Desktop beispielsweise sehen Stories miserabel aus.
Einfachheit: Stories zu erstellen, ist keine Wissenschaft. Jeder kann es. Anspruchsvoll wird es erst, wenn das Format professionell oder mit kommerziellen Interessen genutzt wird. Für alle anderen gilt: Foto schiessen, Elemente ausprobieren, posten.
Kreativität: Mit dem vielseitigen Werkzeugkasten, der innerhalb der jeweiligen Apps angeboten wird, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Stories können so zu wahren Kunstwerken werden, weil sie über mehrere Seiten hinweg eine visuell ansprechende Geschichte erzählen.
Aktualität: Der grösste Reiz der Stories ist die Unmittelbarkeit. Besuche ich ein Konzert oder koche ich etwas Tolles, dann kann ich dies sofort mit meinen Followern teilen.

Inzwischen beschäftigen sich auch immer mehr Medienhäuser mit dem Format: Sie haben gemerkt, dass Stories das Potenzial haben, journalistische Geschichten auf eine völlig neue Art zu erzählen, und dass damit auch ein jüngeres Publikum erreicht werden kann. Und letztlich sorgte die Ankündigung von Google, Stories in die Suchergebnisse einzubinden, für Dringlichkeit: Denn auf die Besucher, die dank der Suchmaschine auf der eigenen Seite landen, kann keiner verzichten. Die Erfolgsstory der Stories ist noch nicht zu Ende erzählt.

So könnte das Zusammenleben nach der Pandemie aussehen

In der Coronakrise verschieben sich die sozialen Normen und Werte, sagen Experten. Welche Folgen hat das für den künftigen Umgang miteinander?

„Die Corona-Pandemie ist kulturhistorisch beispiellos“, sagt Cornelius Borck. Der Wissenschaftler muss es wissen. Er ist Direktor des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Uni Lübeck. „Dass alle ihr Verhalten so plötzlich und so umfassend ändern müssen, das hat es noch nie gegeben“, sagt er.

Was aber macht das mit einer Gesellschaft, wenn sich der zwischenmenschliche Kontakt von einem Tag auf den anderen so radikal verändert? Welche Folgen hat das für die Art, wie wir in Zukunft miteinander umgehen, reden und leben werden?

„Das Ritual des Händeschüttelns oder die Praxis der Umarmung wurden von Corona eindeutig gebrochen“, sagt Borck. „Als normale Begrüßungsgeste dürfte beides nicht mehr zurückkehren.“ Nur noch bei speziellen Anlässen, bei einem Vertragsabschluss etwa, werde man sich die Hände schütteln.

Sich freudig um den Hals fallen – das könnte nur noch engen Freunden und Verwandten vorbehalten sein. Von der Geburtstagstorte essen, auf der jemand gerade 30 Kerzen ausgeblasen hat, das werde es künftig kaum noch geben, meint Borck.

Moralische Pionierarbeit

Hansjörg Dilger, Professor an der Freien Uni Berlin mit dem Spezialgebiet Medizinethnologie, glaubt hingegen an die Rückkehr des Händedrucks: „So wie wir gelernt haben, mit dem Virus zu leben, so werden wir uns nach der Krise wieder an den Alltag herantasten müssen.“

Dazu brauche es neue Prozesse des Aushandelns gesellschaftlicher Normen. „Moralische Pionierarbeit“ nennen das die Ethnologen. Wie zu Beginn der Krise werde man auch nach Corona die Grenzen neu festlegen müssen, was als akzeptables Verhalten gilt und was nicht. Party machen ohne Impfung? Mit Husten die Oma im Altersheim besuchen? Viel Stoff für Streit.

Neues Verantwortungsgefühl

Die Coronakrise, sagen die Experten, verschiebe die gesellschaftlichen Werte – mit weitreichenden Folgen. So verändere sich die Vorstellung von Verantwortung, sagt der Medizinhistoriker Michael Knipper von der Uni Gießen.

Bislang habe man Gesundheit als Privatsache betrachtet. Nicht rauchen, wenig Alkohol und viele Vitamine – wer sich daran halte, mache alles richtig, hieß es früher. Knipper sagt dagegen: „Das eigene Verhalten beeinflusst die Gesundheit der anderen. Diese Grundidee kann durchaus zu einem neuen, gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein führen.“ Das könne auch der Klima-Diskussion neuen Schwung geben – und bestimmen, wie die Gesellschaft mit der nächsten Krise umgehe.

Der Medizin-Ethiker Borck sieht in der neuen Hygiene-Moral aber auch eine Gefahr. Die könne zu „einer Art aseptischen Lebensweise führen“, warnt er. „Was nicht hygienisch ist, wird als unmoralisch angesehen.“

Umso wichtiger sei es, nach der Krise „neue Spielregeln für das soziale Leben“ zu finden. „Der Testfall wird sein, ob wir Oktoberfest oder die Berliner Clubszene wieder zulassen wollen – oder ob solche Veranstaltung langfristig in Verruf geraten.“

Borck treibt eine weitere Sorge um: eine mögliche Zunahme der Einsamkeit. In der Pandemie hätten viele die Vorteile der Online-Kommunikation, Videogespräche und Whats-App-Chats, zu schätzen gelernt. „Das wird auch nach der Krise bleiben“, sagt der Forscher. „Die Schattenseite ist, dass wir immer weniger Alltag miteinander teilen. Der Geburtstagsbesuch bei der Oma wird vielleicht auch nach Corona vermehrt per Video stattfinden. Die Einsamkeit könnte zunehmen.“

Keine theologischen Antworten

Unter der Verschiebung der Werte und Normen könnte auch eine historisch bedeutende Institution zu leiden haben: die Kirche. Noch nie habe die Gesellschaft sich so intensiv und lange mit wissenschaftlichen Erkenntnissen befasst wie in Corona-Zeiten, sagt Borck. „Wissenschaftliche Erklärungen bestimmen unseren Alltag wie nie zu vor. Eine Langzeitfolge könnte die weitere Erosion der Religiosität sein.“

Die Menschen vertrauen auf das medizinische Expertenwissen, auch Laien reden heute wie selbstverständlich über R-Werte und Aerosole. Die großen Kirchen hingegen haben nach Ansicht von Borck „bislang keine Sprache gefunden, um die Krise theologisch zu erklären“.