5 Jahre Apple Music: Das uneingelöste Versprechen

Es ist still geworden um Apples Musik-Streaming-Dienst. Fünf Jahre ist der Launch auf den Tag genau her, doch weiter hinkt Apple Music Branchenprimus Spotify hinterher. Von einer Aufholjagd ist nichts zu erkennen – im Gegenteil. Fast scheint es, als hätte Apple die Lust an seinem Musik-Dienst verloren.

Drei bis vier Jahrzehnte später ist davon nichts mehr geblieben. Das liegt zum einen am ersten Teil der Digitalisierung der Musik, der durch das MP3-Format begann und in den Nullerjahren in Musik-Downloads das Ende der CD einläutete – zum anderen am zweiten Teil, der sich mit dem Siegeszug der Streaming-Dienste, vor allem Spotify, vollzog. Plötzlich war es möglich, für ganze 10 Euro im Monat den Zugang zu einer dreißig Millionen Songs schweren Musikbibliothek zu bekommen – ein Schatz, den man nur zu heben verstehen musste.

Apple Music, die distanzierte Nummer zwei des Musik-Streamings

Auch Apple spielt das Spiel, das es mit iTunes selbst gestartet hatte, weiter mit – im Streaming-Zeitalter indes in einer sehr ungewohnten Rolle: als Nummer zwei. Als der Kultkonzern aus Cupertino heute vor genau fünf Jahren mit Apple Music seine Antwort auf Spotify launchte, sah es so aus, als würde es laufen wie immer: Kraft der Marke würde am iKonzern bald kein Weg mehr vorbeiführen, dachte man.

Spotify-Gründer Daniel Ek schien zumindest ziemlich besorgt zu sein und beschwerte sich mehrfach über Apples Monopolstatus, mit dem der iPhone-Hersteller angeblich Spotify den Zugang zur Apple-Welt versperre. Der scheint jedoch nicht mal nötig, denn Spotify beherrscht zwölf Jahre nach dem Start und fünf Jahre nach dem Launch von Apple Music weiter nach Belieben den Markt für Musik-Streaming.

Was wurde aus Apples Aufholjagd?

Dabei sah es phasenweise danach aus, als sollte Apple Music zu einer Aufholjagd starten. So sollte Apple Spotify in den USA bereits überholt haben, war vor genau einem Jahr zu hören. Auf dem Heimatmarkt komme Apple Music auf rund 28 Millionen zahlende Kunden und Branchen-Pionier Spotify auf 26 Millionen, berichtete seinerzeit das Wall Street Journal.

Allein: Auf dem Weltmarkt hat Spotify seinen deutlichen Vorsprung offenkundig weiter ausgebaut. Der schwedische Streaming-Pionier nannte bei Bekanntgabe seiner jüngsten Quartalszahlen Ende April bereits 130 Millionen zahlende Kunden. Im Juni 2019 hatte Apple Music noch 60 Millionen Abonnenten gemeldet, seitdem jedoch – höchst ungewöhnlich – keine Angaben zu den zahlenden Kunden mehr gemacht.

In der Vergangenheit konnte Apple, als noch Musik-Mogul Jimmy Iovine die maßgebliche Verantwortung von Apples Musik-Streaming-Angebot trug, immer wieder mit exklusiven Veröffentlichungen wie Taylor Swifts Konzertfilm zur „1989“-Tour oder vorab veröffentlichten Drake-Alben punkten. Inzwischen zeigen eigentlich für Apple prädestinierte Mainstream-Künstler wie Beyoncé, Taylor Swift und Bruce Springsteen ihre jüngsten Konzertfilme / Biopics lieber exklusiv bei Netflix.

Apple Music verschläft Podcast-Trend

Und damit nicht genug: Auch abseits der Musik scheint Apple neue Trends zu verpassen. Podcasts, die durch den Siegeszug von iTunes überhaupt erst salonfähig gemacht worden sind und ein Jahrzehnt später einen überraschenden Boom erfahren haben, finden in exklusiver Form immer öfter beim Rivalen Spotify statt.

2019 überraschte Spotify mit einer wahren Shopping-Tour: Das 14 Jahre alte Unternehmen übernahm für spektakuläre 230 Millionen Dollar das Podcast-Label Gimlet Media. Zukäufe der App Anchor und des Sport-Podcast-Netzwerks The Ringer folgten. Mit Barack und Michelle Obama, Kim Kardashian und Podcast-König Joe Rogan konnte Spotify zudem Exklusivdeals vereinbaren.

Integrationsmasse für ein Apple Entertainment Bundle?

Ein halbes Jahrzehnt nach dem Launch scheint es fast, als habe Apple die Lust – oder die große Vision – an seinem Musik-Streaming-Service verloren. Das Angebot ist gemacht für Apple-Nutzer, die einfach kein Bedürfnis verspüren, bei Spotify neu anzufangen – oder eben nie Spotify-Kunden waren. Ein erkennbarer Wechselgrund drängt sich für Bestandskunden des schwedischen Streaming-Pioniers in der aktuellen Version von Apple Music indes kaum auf.

Für den wertvollsten Techkonzern der Welt, dessen Zukunft maßgeblich vom Wachstum seines Geschäfts mit Medieninhalten abhängt, ist Apple Music in der aktuellen Version eigentlich zu wenig. Das Gleiche gilt für den neuen TV-Streaming-Dienst Apple TV+, der der Konkurrenz von Netflix und Disney+ sogar meilenweit hinterher hinkt.

Vielleicht ist der Masterplan Cupertinos aber auch ein ganz anderer. Aus ein paar mittelmäßigen Diensten ein großes Entertainment-Bundle zu schnüren, das Apple Music, Apple TV+, Apple News+, Apple Arcade und möglicherweise noch weitere Dienste enthält. Ein solches Angebot gibt es bisher nicht und ließe sich mit entsprechendem Preisschild bekleben.

Verbandschef: Kinos brauchen andere Abstandsregeln

Die Abstandsregeln machen den Kinos nach der Corona-Zwangspause zu schaffen. Ein Verbandschef hat Ideen, was man ändern könnte.

Der Verbandschef und Kinobetreiber Christian Bräuer plädiert dafür, in den Kinos die Corona-Abstandsregeln anders zu gestalten. Statt der 1,50 Meter Abstand hält Bräuer es für sinnvoll, je einen Sitz zwischen den Plätzen frei zu lassen. „Ich glaube, das fühlt sich sehr sicher an“, sagte der Vorsitzende der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater der Deutschen Presse-Agentur.

Ähnlich sei es in Frankreich und vielen anderen Ländern geregelt. Im Kinosaal laufe man nicht umher, spreche nicht, betonte Bräuer. Es stehe jedem frei, im Sitzen die Maske aufzubehalten. Im Kino seien die Sitze zudem definitiv breiter als im Flugzeug, wo die Gäste direkt nebeneinander säßen. Außerdem könnten die Kinos auch auf Kontaktverfolgung setzen, falls es einen Corona-Fall gebe.

In Berlin betreibt Bräuer 14 Programmkinos der Yorck-Gruppe. Die Filmtheater hatten in Deutschland wegen der Pandemie wochenlang geschlossen. In vielen Bundesländern ging es schon wieder los, ab dem Dienstag (30. Juni) dürfen nun auch in Berlin die Kinos unter Auflagen wieder öffnen. Viele Betriebe starten laut Bräuer aber erst am Donnerstag (2. Juli). Im Delphi Lux in Charlottenburg sieht man es an Zetteln an den Kinositzen: Der Saal dürfte wegen der Corona-Auflagen nur spärlich besetzt bleiben.

Bislang sind die Kinos auf 1,50 Abstand eingestellt. Damit ist laut Bräuer ein wirtschaftlicher Betrieb nicht richtig möglich, bei vielen Häusern seien die Zahlen schwach bis katastrophal. Ein Kreislauf setze sich in Gang, der Verleiher und Produzenten treffe. Große Filme starteten nicht.

Gilde-Chef Bräuer setzt darauf, dass die Besucher nach wochenlangem Fernseh-Gucken auf dem Sofa wieder Lust aufs Kino haben. Der Kinogang als schöner Abend, das habe einen anderen Wert als die Frage daheim „Schauen wir noch eine Folge oder nicht?“. Man erinnere sich anders an die Filme, weil man sich anders einlasse, sagte Bräuer. Highlights der Programmkinos zum Neustart sind demnach „Undine“ von Christian Petzold und „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani; beide Filme liefen bei der Berlinale.

In der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater sind nach eigenen Angaben mehr als 300 unabhängige Filmkunst- und Programmkinos in Deutschland zusammengeschlossen.

Medienpolitik: Das muss konkret werden

Carsten Brosda und Wolfgang Schulz haben Vorschläge für eine neue Medienpolitik unterbreitet. Sie denken zu paternalistisch.

Die deutsche Medienpolitik bezieht ihren Auftrag letztlich aus der im Grundgesetz gewährten Garantie der Medienfreiheit für Presse, Rundfunk und Film. Diese drei Massenmedien sind inzwischen in ihren Lebensherbst eingetreten. Die neben ihnen entstandenen Medien- und Kommunikationsplattformen gewinnen an Bedeutung, funktionieren aber nicht wie Massenmedien und können deshalb auch nicht mit den auf sie zugeschnittenen Instrumenten reguliert werden. Diese Erkenntnis im Beitrag von Carsten Brosda und Wolfgang Schulz an dieser Stelle (F.A.Z. vom 10. Juni) weckt die Hoffnung auf Anstöße zu einer medienpolitischen Wende, die dem aktuellen Mediengefüge gerecht wird. Die Hoffnung erstirbt jedoch in einem Ungefähr von abstrakten Ideen.

Die Medienregulierung der letzten Jahrzehnte ist mit der Leitidee der „Vielfalt“ verbunden. Unter Vielfalt verstanden Verfassungsrichter in verschiedenen Urteilen die Repräsentation der Perspektiven und Positionen verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen im Programm des Rundfunks und in den Publikationen der Presse. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollen die Gremien, im privaten Rundfunk ein beaufsichtigter nichtmonopolistischer Markt und in der Presse die Gewerbefreiheit und das Kartellrecht Vielfalt sichern. Diese Grundsätze haben angesichts der eingetretenen Veränderungen eher historischen Wert. Institutionalisierte Perspektiven von „gesellschaftlichen Gruppen“ spielen eine immer geringerere Rolle, private Rundfunkveranstalter stehen im Wettbewerb mit internationalen Plattformen, und die gedruckte Presse kämpft um ihre Reichweite. Dennoch ist die Vielzahl und Vielfalt der Quellen, auf die heutige Mediennutzer ohne Anstrengung zugreifen können, weitaus höher als vor dreißig Jahren, als der Kiosk an der Ecke und die elektronischen Wohnzimmermedien für die Vielfalt zuständig waren.

Brosda und Schulz halten die Leitidee „Vielfalt“ für nicht mehr zeitgemäß. Die Anbietervielfalt auf den Medienmärkten wird seit Jahrzehnten regelmäßig in Studien ermittelt. Dabei scheint Einigkeit darüber geherrscht zu haben, dass Daten zu Marktanteilen sowie zur Häufigkeit und Dauer der Nutzung von Medien ausreichen, um ihnen „Meinungsbildungsrelevanz“ und sogar „Medienmacht“ zuschreiben zu können. Diese Zuschreibung ist zirkulär, wenn Macht mit Reichweite gleichgesetzt wird, und blieb immer evidenzfrei im Hinblick auf die meinungsbildenden Wirkungen. Dennoch wurden aus den Konzentrationsstudien regelmäßig Bedenken mit Blick auf die Gefahren der „Meinungsmacht“ abgeleitet. Es kann vermutet werden, dass Massenmedien zur Bildung politischer und kultureller Positionen einen deutlich geringeren Beitrag leisten als informelle Gespräche und unmittelbare soziale Kontakte.

Das gilt auch für Online-Medien im Verhältnis zu den als „nichtmedial“ bezeichneten privaten Kommunikationen in den sogenannten sozialen Medien.
Letztere haben nach Ansicht vieler Forscher einen höheren Einfluss auf die Heranbildung individueller Meinungen als die Neuigkeiten aus journalistisch-redaktionellen Quellen, die ebenfalls auf Kommunikationsplattformen wie Facebook, Instagram und sogar Tiktok verbreitet werden. Fatal für Regulierungsabsichten ist nicht nur, dass diese einflussreichen Kommunikationen weitgehend unsichtbar sind. Es fehlen tatsächliche Anhaltspunkte für die Existenz der Einflüsse von „Filterblasen“ und „Echokammern“ in den sichtbaren Kanälen. Mit diesen Begriffen sind Behauptungen verknüpft, die durch empirische Studien widerlegt oder zumindest stark eingeschränkt sind. Sie fanden dennoch Eingang in den Common Sense der Politik und den Diskurs der Regulierer.

Das Regulierungsziel „Vielfalt“ soll nach den Wünschen von Brosda und Schulz durch die Orientierung am „Allgemeinen“ ersetzt werden. Sie rufen die von Andreas Reckwitz analysierte „Krise des Allgemeinen“ zwar als Schlagwort auf, folgen aber seiner Diagnose, in der Vorstellungen einer rationalen Ordnung (auch des politischen Diskurses) und einer homogenen Kultur als pure Nostalgie ausgewiesen werden, nicht. Stattdessen machen sie sozial- und medientechnologische Reparaturvorschläge, die wenig Aussicht auf Erfolg haben.

Es geht ihnen um drei Punkte: Die Menschen (als Bürger) sollen wissen, was die anderen wissen, Wahlbeeinflussungen sollen abgewehrt, und wirtschaftlicher sowie technischer Einfluss auf die Möglichkeiten des „gesellschaftlichen Gesprächs“ soll zurückgedrängt werden.

Die „gemeinsame Wissensbasis“ ist als demokratietheoretische Norm Teil des Habermas’schen Wertehimmels, kann aber nicht ernsthaft in einen konkreten Arbeitsauftrag an die Medien, auch nicht an die gemeinschaftlich finanzierten, übersetzt werden. In den allgemeinen Wertekanon aufgenommen wird gewöhnlich nicht, was als Allgemeines adressiert wird. Es ist die Auseinandersetzung mit dem Besonderen, wodurch in der wechselseitigen Wahrnehmung ein – wenn auch schwacher – Konnex zwischen disparaten Teilen der Gesellschaft möglich wird. Auch die Banalität der Konversation in Casting-Shows, die elektronische Tanzmusik der einen und die Volksmusik der anderen Musikfraktion sowie die Einfalt rechter politischer Sprücheklopfer zählen zu diesem Horizont. Dieser darf in einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft nicht unter Konsenszwang gestellt werden.

Zum „Wissen“ über die Interessen und Themen der anderen, von dem Brosda und Schulz schreiben, trägt auch das algorithmische Feedback der sozialen Medien bei, also das Anzeigen der Followerzahl oder Likes. Die im Medienstaatsvertrag formulierte Transparenzpflicht und Diskriminierungsfreiheit sorgen bei Einhaltung durch Intermediäre dafür, dass Mediennutzer die ihnen angebotene Auswahl reflektieren und korrigieren können, wenn sie es denn wollen. Für diese Nutzer durch verordnete Eingriffe in die Anzeige-Algorithmen „die Wahrscheinlichkeit“ zu „erhöhen, dass gesellschaftlich relevante Inhalte in den Aufmerksamkeitskreis gelangen“, ist eine fragwürdige Operation. Das wäre nicht nur Paternalismus, sondern auch eine Attacke auf die Freiheiten von Medienanbietern und Mediennutzern. Für eine Regulierung der Inhalte, die über die in Paragraph 93 des neuen Medienstaatsvertrags formulierte Transparenzpflicht hinausginge, gibt es keine legitime Begründung.

Öffentliche Kommunikation war auch früher konfliktreich und häufig nicht an gemeinsamen Werten orientiert. Statt ein staatlich anerkanntes „Allgemeines“ konsenspflichtig zu machen, sollten die Bemühungen der Medienpolitik dahin gehen, das Abweichende, das Besondere, das Kontroverse als Normalität anzuerkennen und ertragen zu lernen. Die in der Gesellschaft spürbare und durch die Vielzahl der Medienkanäle verstärkte Unsicherheit lässt sich nicht medienpolitisch regulieren.

Die gravierendste Bedrohung unseres gesellschaftlichen Selbstbildes erzeugen die großen Plattformen und Intermediäre durch den „Social Graph“, dessen Möglichkeiten durch personalisierte Werbung erst ansatzweise sichtbar sind. Ein Social Graph bildet das Beziehungsgeflecht aller Individuen einer Gesellschaft ab – soweit die verfügbaren Daten das ermöglichen. Er ist sozusagen das in der öffentlichen Kommunikation verlorengegangene „Allgemeine“, das nun nur noch von Facebook und einigen anderen Datensammlern zum Vorschein gebracht werden kann. Die Aneignung des Allgemeinen durch die internationalen Plattformen kann keine Maßnahme deutscher Medienregulierer verhindern.

Brosda und Schulz wollen auch bei den Programmangeboten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die „Dimension des Allgemeinen, des alle erreichenden Angebots“ verstärken. Die detaillierte Beauftragung einzelner Programme soll aufgehoben und der Rundfunkbeitrag indexiert werden. Dass die notwendige Transformation der Rundfunkanstalten zu Online-Medien dadurch vorangetrieben wird, ist unwahrscheinlich. Auch die Entstehungsgeschichte des Jugendangebots „Funk“ spricht dagegen.

Das Problem der unzeitgemäß aufgestellten Medienaufsicht verschärft sich, wie auch Hans Hege (F.A.Z. vom 23. Juni) feststellt, aber es fehlt an Visionen und Modellen. Ein Vorschlag des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1961 könnte weiterhelfen. Die Richter merkten damals an, dass die Rundfunkanstalten keineswegs öffentlich-rechtlich verfasst sein müssten, sondern auch privatwirtschaftlich organisiert sein könnten – unter Beachtung pluraler gesellschaftlicher Perspektiven. Diese Unternehmen sollten einer Staatsaufsicht „ähnlich etwa der Banken- oder Versicherungsaufsicht unterworfen“ werden. Eine solche Medien-Bafin würde nicht die Programmarbeit, aber das Finanzgebaren, die Kooperationen und die Qualität der organisatorischen und sozialen Strukturen gemeinschaftsfinanzierter und vielleicht auch anderer Medienunternehmen kontinuierlich prüfen. Eine vorurteilslose und offene Debatte über die Chancen solcher Veränderungen, die auch außerhalb der medienregulatorischen Filterblase geführt wird, würde uns weiterbringen.

„Benko passt nicht zu unserer Marke“

Krone-Herausgeber Christoph Dichand über den Gesellschafterstreit bei Österreichs größter Zeitung, das Medienverhalten der Regierung Kurz und eine seltsame Begegnung mit Heinz-Christian Strache vor Veröffentlichung des Ibiza-Videos.

Wer die Krone habe, der habe die Meinungshoheit, sagte Heinz-Christian Strache im Ibiza-Video, das Süddeutsche Zeitung und Spiegel im Mai 2019 veröffentlichten. Strache trat darauf als österreichischer Vizekanzler zurück, die Regierung zerbrach.

13 Monate später tobt ein anderer Kampf um die mit Abstand auflagenstärkste Tageszeitung Österreichs. Auf der einen Seite steht die Familie des 2010 verstorbenen Krone-Machers Hans Dichand. Auf der anderen: die Signa Holding des Tiroler Unternehmers René Benko, der gemeinsam mit der deutschen Funke-Gruppe die anderen 50 Prozent gehören. Christoph Dichand, der Herausgeber und Chefredakteur der Krone, setzt nach wie vor auf Verhandlungen. Der 55-Jährige ist zum Gespräch in die Salzburger Redaktion der Kronen-Zeitung gekommen.

SZ: Herr Dichand, auf dem Ibiza-Video ist zu sehen, wie der Rechtspopulist Heinz-Christian Strache über den scheinbaren Kauf Ihrer Zeitung verhandelt. Kurz vor der Veröffentlichung hatten wir Sie gefragt, ob russisches Geld in der Krone steckt – Sie verneinten. Was haben Sie sich damals gedacht?

Christoph Dichand: Es war klar, dass da etwas auf uns zukommt. Aber Inhalt und Wucht des Ganzen haben dann doch überrascht. Als meine Kollegen und ich in der Wiener Krone-Redaktion am Abend des 17. Mai 2019 die Videosequenzen gesehen und die Texte gelesen haben, war es gespenstisch. Strache hatte sich vor der Veröffentlichung übrigens noch an mich gewandt.

Was wollte der damalige Vizekanzler?

Es war so: Strache tauchte plötzlich bei einer Veranstaltung unserer Anzeigenabteilung am Wiener Naschmarkt auf und nahm mich für ein paar Minuten zur Seite. Da käme etwas Unschönes, meinte er, er sagte etwas von Frauen und einem Video. Für mich hörte sich das nach einer erotischen Geschichte an.

Dabei ging es in der Ibiza-Villa vor allem um die Krone, die Strache – „zack, zack, zack“ – auf seine Linie bringen wollte.

Eine unglaubliche Vorstellung! Da malt sich ein Politiker aus, die Pressefreiheit in Österreich zu biegen und eine unabhängige Zeitung für seine persönlichen Zwecke zu instrumentalisieren – als ob das eine Selbstverständlichkeit wäre. Aber so läuft das nicht. Allerdings versucht ein Immobilienspekulant, jetzt tatsächlich durch die Hintertür hereinzukommen: René Benko, den Strache ja damals vor dem Videoabend auf Ibiza getroffen hatte.

Benko gehören mit seinem Unternehmen Signa Holding zahlreiche Immobilien und die Warenhausgruppe Galeria Karstadt Kaufhof, er krempelt unter anderem in München die Innenstadt um. Und er rüttelt gemeinsam mit der Funke-Gruppe bislang erfolglos am Vertragswerk von 1987, das Ihrer Familie einen Millionengewinn garantiert und das Sagen in der Redaktion einräumt.

Im Mai bestätigte ein Schweizer Schiedsgericht die bestehenden Vereinbarungen. Wie geht es jetzt weiter?

Die Sache ist relativ einfach: Funke will verkaufen, und wir wollen kaufen. Da müsste man sich doch eigentlich treffen können – natürlich auf Grundlage der bestehenden Verträge.

Funke hat angekündigt, trotz des Schweizer Richterspruchs mit einer Ausschlussklage beim Wiener Handelsgericht gegen Ihre Familie vorzugehen. Glauben Sie ernsthaft, dass man geschäftlich zusammenkommt?

Fakt ist: Ein 17 Jahre währender Rechtsstreit geht damit zu Ende! Ein Urteil ist durch ein unabhängiges Gericht endgültig gefällt worden, es gibt keinen Aufschub oder Instanzen. Jetzt wäre es an der Zeit, sich die Hände zu reichen, um zu verhandeln. Mir ist klar, dass Funke noch etwas Zeit braucht, schließlich ist das Urteil noch ziemlich frisch.

Vor wenigen Tagen hat die Gruppe Galeria Karstadt Kaufhof einen beachtlichen Stellenabbau angekündigt. Preschen Sie mit Ihrem Angebot an Funke nun deshalb vor?

Den Zeitpunkt des Urteils habe ich mir ja nicht ausgesucht. Markant ist diese Zeit allerdings durch die Corona-Krise. Die gesundheitlichen Folgen hat man hier in Österreich wie in Deutschland zunächst in den Griff bekommen. Im Medienbereich aber steht die schwierigste Phase noch bevor, gerade was Tageszeitungen betrifft. In so einer Situation müssten alle Gesellschafter Zusammenhalt zeigen, gerade hinsichtlich unserer Mitarbeiter.

Sind bei der Krone Jobs ins Gefahr?

Niemand weiß, wie sich die wirtschaftliche Misere weiter auswirken wird und ob eine zweite Welle an Corona-Infektionen größer ist als die erste. Wir halten in der Krise zu unseren Mitarbeitern: Bei der Krone gibt es keine Kurzarbeit, Beiträge zu Betriebsrenten blieben unangetastet, auch Abfindungen wurden nicht gestrichen – anders als das bei Benkos Warenhausgruppe der Fall war.

Sie haben vorhin nur von Verhandlungen mit Funke gesprochen. Benko sprach davon, die Krone zu „einem international bewunderten Musterbild der digitalen Transformation“ zu machen.

Warum lehnen Sie es ab, sich mit ihm zu arrangieren?

Lassen Sie es mich so formulieren: Wir sind eine unabhängige Zeitung, die Krone hängt nicht an der Leine eines medienfernen Konzerns, einer Partei oder irgendeiner anderen Interessensgruppe. Verpflichtet sind wir einzig und alleine unseren Lesern. Jetzt stellen sie sich mal vor, wenn es anders wäre, wenn ein Konzern tatsächlich Einfluss auf die redaktionellen Inhalte bei der Krone hätte.

Was meinen Sie damit genau?

Das kann ich Ihnen am Beispiel Benko erklären. Leider verlieren nun Tausende ihre Jobs bei Galeria Karstadt Kaufhof. Unsere Aufgabe als größte österreichische Tageszeitung ist es, auch solche Fälle aufzugreifen – das sind wir unseren Lesern schuldig. Ich zweifele daran, dass dies so möglich wäre, wenn Benko Einfluss auf die Krone-Berichterstattung hätte.

Sympathisch scheint Ihnen Benko nicht gerade zu sein.

Das ist keine Frage von Sympathie und Antipathie. Benko passt mit seinen Unternehmungen einfach nicht zu unserer Marke. Meiner Ansicht nach will er unsere Unabhängigkeit als Trophäe in seinen Wirtschaftsladen stellen. Er wollte ja sogar Herausgeber werden. Wer fremde Reputation kauft, um sie sich anzuheften, macht sie damit kaputt. Benko scheint mit dem Griff nach der Krone seine persönliche Eitelkeit befriedigen zu wollen – als Investment macht es zumindest keinen Sinn. Das sei seinen Investoren Roland Berger und Torsten Toeller ins Stammbuch geschrieben.

Benko pflegt exzellente politische Kontakte in Österreich, gerade zu Sebastian Kurz von der ÖVP. Seit der Ibiza-Affäre hat sich daran nichts geändert, die beiden haben sogar – angeblich zufällig – am selben Tag die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in Berlin besucht. Wie werten Sie diese Nähe zwischen Kurz und Benko?

Wie eng die beiden wirklich miteinander zu tun haben, kann ich nicht beurteilen. Was ich sagen kann: Jeder Politiker wäre gut beraten, nicht zu nahe an René Benko anzustreifen. Er hat als einer der Ersten in der Corona-Krise nach staatlichem Geld gerufen – bezeichnenderweise saß er dabei auf der Sonnenterrasse seines Chalets und hat versucht, mit dem Handy entsprechende Hilfen zu ordern. Hier müsste die Politik eigentlich auf gesunden Abstand gehen.

Kurz beschäftigt ein großes Team, das Botschaften und Bilder der Kanzlerpartei in Medien unterbringen soll. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Zeitung tatsächlich unabhängig berichtet?

Ich kann nur sagen, was meine generelle Einstellung dazu ist, die ich nach innen wie nach außen vertrete: Journalisten haben eine besondere Aufgabe, sie müssen Distanz wahren, sie müssen wachsam sein.
Die Politik verfügt in Österreich über einige Instrumente, um Einfluss auf die Presse zu nehmen. Es gibt üppig dotierte Inserate, die staatliche Presseförderung, unlängst erhielt die Krone zudem den größten Batzen aus einem Corona-Hilfspaket.

Hinterlässt so viel Geld keine Spuren?

Bei der Krone nicht, dazu sind wir zum Glück zu groß.

Ihrem Blatt wird trotzdem immer wieder vorgeworfen, tendenziös zu berichten. Was halten Sie dem entgegen?

Schlagen Sie unsere Zeitung auf und Sie werden sehen: Die Krone bietet eine große Bandbreite an Themen und Meinungen. Vielfalt und Unabhängigkeit sind unsere Erfolgsfaktoren, die auf meinen Vater zurückgehen. Der war nach dem Krieg nämlich Chefredakteur der Murtaler Zeitung, die damals SPÖ, ÖVP und KPÖ gehört hat. Er führte das Blatt trotzdem unabhängig von den Parteien, was die Menschen schon bald honoriert haben: Die Auflage stieg immer weiter. Mit demselben Prinzip hat mein Vater später die Krone groß und erfolgreich gemacht. Deshalb hat er auch die redaktionelle Unabhängigkeit in ein Vertragswerk gemeißelt, als die heutige Funke-Gruppe einstieg. Und diese Unabhängigkeit ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Entsprechend eigenständig und frei arbeiten unsere Redakteure.

In der Krone wurde unlängst ein Foto von der ÖVP-Familienministerin veröffentlicht, die einem Baby einen Hundert-Euro-Schein aus dem Corona-Härtefallfonds in die Hand drückt. Später kam heraus: Das Foto war gestellt, die Eltern des Kindes sind mit der Kanzlerpartei verbandelt. Wie passt der Fall zu Ihrem Distanzanspruch zur Politik?
Das Foto war als Symbolbild gedacht und keine Propaganda, eine glückliche Wahl ist hier aber nicht getroffen worden.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ sieht Defizite bei der Pressefreiheit in Österreich. Teilen Sie diesen Eindruck?

Die letzten Monate zeigen zumindest auf besondere Weise, dass journalistische Arbeit schwieriger wird. Teils fanden wegen der strengen Corona-Maßnahmen keine richtigen Pressekonferenzen mehr statt, teils wurden Verlautbarungen nur noch über den ORF oder die Nachrichtenagentur APA ausgeschickt. Bei allem Respekt dafür, wie die türkis-grüne Regierung diese Krise bislang gehandhabt hat: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man Geschmack an dem süßen Gift der Macht gefunden hat. Gerade in dieser unruhigen Zeit und wegen des gestiegenen Informationsbedürfnisses ist es unerlässlich, dass Pressefreiheit gestärkt und nicht geschwächt wird.

Regelmäßig stellt der Presserat Verstöße fest. Besonders oft wird ihr Kolumnist Michael Jeannée gerügt. Dieser schmähte Florian Klenk, den Chefredakteur der Wochenzeitschrift Falter, als „Schmutzkübel- und Anpatzchef“. Warum dulden Sie eine solche Wortwahl?

Jeannée gehört zum Markenzeichen der Krone, in der Wortwahl müssen wir nicht immer übereinstimmen. Mein Vater sagte in solchen Fällen, in einer Zeitung müsste ständig eine kleine Kulturrevolution stattfinden. Natürlich kann man als Herausgeber nicht jeden Tag jede Zeile vorab lesen und manchmal denkt man sich am nächsten Tag schon: Das hätte man anders formulieren können. Wir nehmen Kritik ernst, diskutieren intern und entwickeln uns stets weiter.
Inzwischen ist die erwähnte Causa vor Gericht. Klenk hat die erste Instanz gewonnen, Sie gehen an der Seite von Jeannée den Rechtsweg weiter.

Warum tun Sie das?

Es ist eine Frage der gegenseitigen Solidarität. Ich weiß meine Mitarbeiter an meiner Seite, umgekehrt können sich loyale Kollegen auch auf mich verlassen: Wir halten zusammen. Klenk und Jeannée haben übrigens eine Gemeinsamkeit. Beide spitzen auf ihre Weise zu. Und für den Falter war die Krone seit jeher ohnehin eine Art Reibebaum, der ihm gutgetan hat.

Formel 1 nur im Pay-TV?

Von Schumacher über Vettel bis Rosberg rasten deutsche Piloten bei RTL zu ihren Siegen. Die Formel 1 war sonntags der Lieblingssport der Deutschen. Jetzt legt der Kölner Sender eine Vollbremsung hin.

Der Fernsehsender RTL steigt nach 30 Jahren aus der Liveberichterstattung von der Formel 1 aus. Das teilte der Sender, der von 1991 an die Grand-Prix-Rennen live übertragen hat, am Sonntag mit. Als Begründung für den Ausstieg mit dem Ende der Saison 2020 nannte RTL-Geschäftsführer Jörg Graf die Entscheidung, sich künftig auf „Fußball als TV-Sportart Nummer eins“ konzentrieren zu wollen.

Offenbar erschien dem Kölner Sender der Erwerb der Rechte der wichtigsten Motorsportklasse wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll. „Wenn Konkurrenten im Spiel sind, die bereit sind, das Doppelte zu bieten, muss man sich mit einem Ausstiegsszenario zwangsläufig auseinandersetzen“, sagte RTL-Sportchef Manfred Loppe der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Angesichts des Abschieds von Sebastian Vettel von der Scuderia Ferrari zum Saisonende ist ungewiss, ob im kommenden Jahr ein deutscher Pilot in der Formel 1 am Start ist. Sollte Vettel keinen Vertrag bei einem anderen Team unterschreiben, erscheint wahrscheinlich, dass erstmals seit dem Großen Preis von Großbritannien 1991 kein deutscher Fahrer zu einem Grand Prix gemeldet wird.

RTL war mit der Übertragung des Großen Preis von Frankreich in Magny-Cours am 7. Juli 1991 in die kontinuierliche Live-Berichterstattung eingestiegen und begleitete den Aufstieg der Rennserie zur beliebtesten Sonntags-Fernsehsportart der frisch wiedervereinigten Deutschen, der mit dem Grand-Prix-Debüt von Michael Schumacher am 25. August jenes Jahres in Spa-Francorchamps begann. Jeden der 91 Grand-Prix-Siege Schumachers übertrug RTL, ebenso die 53 Siege Vettels, die 23 Siege Nico Rosbergs, die sechs Siege Ralf Schumachers und die drei Grand Prix, die Heinz-Harald Frentzen gewann.

Nach eigenen Angaben kam RTL im Jahr 2001 auf durchschnittlich 10,44 Millionen Zuschauer pro Rennen. In der vergangenen Saison lag die durchschnittliche Quote bei rund vier Millionen Zuschauern. Künftig wolle man sich auf die Übertragung der Nationalmannschafts-Länderspiele, der Europa League und der ab der Saison 2021/22 erstmals ausgespielten Europa Conference League konzentrieren, heißt es.

Rassismusdebatte: Die Migration erfasst auch die Redaktionen

In den USA erfassen die Proteste gegen Rassismus auch die Medienhäuser. Chefs müssen zurücktreten – ein Vorgeschmack auf kommende Auseinandersetzungen.

In den USA stürzt das Medienpersonal seine Chefs. Die Rücktritte häufen sich. Nicht nur im politischen, sondern auch im unterhaltenden Sektor. Am Mittwoch musste ein Vizedirektor des Großverlags Condé Nast den Posten räumen. Kurz zuvor verlor der Chefredaktor des konzerneigenen Magazins «Bon Appétit», Adam Rapoport, seinen Job. Beim «Philadelphia Inquirer» war der Redaktionsleiter nicht mehr erwünscht, und bei der «New York Times» fiel der Chef des Meinungsressorts in Ungnade.

Der Proteststurm nach der Tötung von George Floyd durch Polizisten hat die Chefs weggefegt. Die Rücktritte erfolgten aus wenig triftigen Gründen. Aus der Ferne drängt sich unweigerlich die Frage auf, wie standfest die wirtschaftlich ohnehin angeschlagenen Medienhäuser bei politischen Aufwallungen sind und ob eine jakobinische Kultur um sich greift, welche Meinungsverschiedenheiten mit der Guillotine beenden will.

Dem Chef von «Bon Appétit» wurde ein 16 Jahre altes Bild zum Verhängnis. Er trat an einem Fest wie ein Puerto-Ricaner auf, was man ihm nun als unstatthafte Aneignung einer anderen Kultur ankreidet. Ob er sich damals braun gefärbt hat, wie es heißt, scheint nicht so klar. Bedenklich stimmt allein die Tatsache, dass man einem derart alten Bild noch so viel Bedeutung zumisst.

Überreizt wirkt auch der Aufruhr beim «Philadelphia Inquirer». Dessen Chef verlor den Rückhalt aufgrund einer Schlagzeile der Architekturexpertin: «Buildings matter, too» – eine Anspielung auf die Parole «Black Lives Matter». Man mag darüber diskutieren, ob dies angesichts der derzeitigen Proteste gegen Rassismus geschickt war. Mit Klarstellungen zur Legitimität von Demonstrationen und zur Illegalität von Plünderungen sollte es möglich sein, Missverständnisse im Nachhinein auszuräumen. Das würde von einer Kultur der Offenheit zeugen. Bei der «New York Times» scheint dies ebenso wenig möglich. Den Chef der Meinungsseiten hielt man nicht mehr für tragbar, weil er es zugelassen hatte, dass ein republikanischer Senator für den Einsatz von Militäreinheiten gegen ausartende Gewalt plädiert hatte. In der Sache kann man verschiedener Meinung sein. Doch die Ausschaltung von missliebigen Positionen schadet dem eigenen Medium als sozialer Vermittlerin.

Allerdings gilt es, Anlass und Ursachen auseinanderzuhalten. In den Protesten der rebellierenden Redaktionen wird ein schon länger bestehender Missmut hörbar. Die Kritiker verweisen auf ungerechtfertigte Lohnunterschiede, auf die Missachtung von Minderheiten in der Redaktion und auf die Themensetzung, welche die gesellschaftliche Realität einseitig widerspiegle.

Der soziale Wandel wird früher oder später alle Redaktionen erfassen. Die Migration bricht die kulturell relativ homogenen Redaktionen auf. Neue Anspruchsgruppen treten auf. Mancher wird sich vor einem Auftrumpfen der politischen Korrektheit fürchten. Doch der Ruf nach Einbezug weiterer Gruppierungen erfolgt ebenso aus wirtschaftlichem Kalkül. Nicht zufällig arbeiten kapitalistisch orientierte Medien derzeit ebenfalls daran, die Frauen in den Publikationen sichtbarer zu machen. Eine gezielte Ansprache auch von Einwanderergruppen und deren Themen scheint demnach naheliegend. Was derzeit in den USA geschieht, könnte demnach ein Vorgeschmack auf hiesige Entwicklungen sein. Möge der Wandel ohne moralischen Rigorismus glücken.

„Der Frexit macht uns keine Angst“

Der Philosoph Michel Onfray gründet eine Zeitschrift und will damit die linken und rechten Souveränisten vereinigen. Schuld am Corona-Debakel ist, natürlich, die Unterwerfung unter das Diktat Brüssels.

Die erste Ausgabe von „Front Populaire“ soll in den kommenden Tagen erscheinen – im Lockdown hat der Philosoph Michel Onfray eine Zeitschrift gegründet. Die Homepage, ein „Parlament der Ideen“, funktioniert bereits. Wie Jean-Paul Sartres „Les Temps modernes“ soll die „Volksfront“ zum int: Onfray will die linken und rechten Souveränisten vereinigen. Und das klingt so: „Der Frexit macht uns keine Angst (. . .) Die Corona-Krise ist das Ende das Maastricht-Staats.“ Der sei für das französische Debakel verantwortlich. Dafür, dass es keine Masken und zu wenig Medikamente gab.

Maastricht, analysiert der Autor, besiegele das Ende der französischen Nation, weil Frankreich sich Brüssel unterworfen habe. Die Kluft zwischen Volk und Elite gehe auf die Abstimmung über eine europäische Verfassung vor fünfzehn Jahren zurück – die Franzosen sagten nein, an der Europa-Politik habe sich nichts geändert.

Einig sind sich die Souveränisten in der Ablehnung des Liberalismus, der nach dem Niedergang von Kommunismus und Gaullismus eine historische Chance zu bekommen schien. Diese Entwicklung ist mit der antitotalitären Ideologiekritik und der Aufarbeitung der Vergangenheit verknüpft. Die Souveränisten hielten an ihrem Deutschland-Bild fest, befürworten den Protektionismus und einen starken Staat, der die Wirtschaft lenkt. Das Corona-Debakel, argumentieren sie, gebe ihnen recht. Vereint sind sie auch im Bekenntnis zur weltlichen und unteilbaren Republik, deren „Restauration“ auf Onfrays Programm steht.

Kampfansage an die „tyrannischen Minderheiten“

Das ist eine Kampfansage an die „tyrannischen Minderheiten“ und ein Bekenntnis zur Nation. „Le Monde“ nannte den Philosophen einen „Guru der Rechtsextremisten“ und sein Projekt eine „Allianz der Roten und Braunen“ – der unverbesserlichen Extremisten, die sich der antitotalitären Ideologiekritik und Aufarbeitung des französischen Faschismus verweigerten. Onfray antwortete mit dem Hinweis auf die Vichy-Vergangenheit des „Monde“-Begründers Hubert Beuve-Méry und die hymnischen Artikel auf Pol Pot und die Roten Khmer.

Der linkslibertäre Michel Onfray muss keine maoistische Vergangenheit bewältigen. Er geißelt die permanente Beschimpfung der Populisten als „braune Pest“ und setzt darauf, dass die antitotalitäre Dynamik verpufft. Doch das Fehlen jeglicher Berührungsängste gegenüber den Rechtsextremisten und sein Hass auf Macron, den er als „Gummipuppe des Kapitals“ vorführt, irritieren.

Marine Le Pen wie Alain de Benoist, der Theoretiker der Neuen Rechten, begeistern sich für seine Volksfront der Populisten. Linksradikale Autoren werden für die Zeitschrift schreiben. Als Aushängeschild präsentiert Onfray den Virologen Didier Raoult, den in Marseille Fußballfans, Taxifahrer und Angestellte der Müllabfuhr als neuen Volkshelden feiern. Raoult ist der Star des französischen Populismus. Der Streit um das von ihm propagierte Chloroquin wurde von beiden Seiten als Religionskrieg geführt. Sein Widerstand gegen Paris wird verglichen mit dem de Gaulles gegen Pétain. Wie Onfray verehrt er Nietzsche. Céline hält er trotz dessen Antisemitismus für den größten Dichter. Raoults Frau und Kinder sind Juden. Nach den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ gehörte er zu den wenigen, die sich über das Ausblenden des Anschlags auf den jüdischen Supermarkt empörten.

Bauer kritisiert Nebeneinander von Fernsehpreis & Akademie

Corona-bedingt fällt die Rückkehr mit großer Gala ins Fernsehen für den Deutschen Fernsehpreis aus, alle Stifter betonen aber, dass das 2021 nachgeholt werden soll. Der Jury-Vorsitzende Wolf Bauer äußert unterdessen Kritik am Nebeneinander zweier Preise.

Wenn es nach dem langjährigen Fernsehpreis-Jury-Vorsitzenden Wolf Bauer geht, dann schon. In einem Interview sagte er nun: „Ich bin fest davon überzeugt, dass für eine wirkungsvolle Kultur der Anerkennung EIN dominanter, glamouröser und besonders begehrenswerter Preis ausgestaltet werden muss. Alle, die dazu einen Beitrag leisten können, sollten dafür an einem Strang ziehen.“

Die Verleihung dieses Preises müsse dann auch unbedingt wieder ins Fernsehen. Geplant war die Rückkehr nach vierjähriger Abstinenz schon in diesem Jahr, corona-bedingt musste sie dann allerdings abgesagt werden. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, betonen Bauer ebenso wie alle vier Stifter. Ein „großes glamouröses Ereignis“, das live in der Primetime im Fernsehen übertragen werde, sei „die richtige Präsentationsform, weil sie den Zuschauern noch einmal vor Augen führt, welche programmlichen Glanzlichter ihnen im Verlauf eines Jahres angeboten worden sind“, so Wolf Bauer.

Sat.1-Chef Kaspar Pflüger räumt zwar ein, dass Preisverleihungen „per se eine Herausforderung“ seien, für die die Relevanz der Preisträger, nominierte und ausgezeichnete Programme für die Zuschauer der Schlüssel sei, über das Konzept seien sich aber alle Stifter weiter einig. Stephan Schäfer, Geschäftsfüher Inhalte & Marken der Mediengruppe RTL, betonte ebenfalls, dass man 2021 auf eine Umsetzung der gemeinsamen Vision der Stifter hoffe. „Für die Zuschauer und die Branche möchten wir einen emotionalen, humorvollen und temporeichen Abend mit vielen beliebten Stars inszenieren. Gleichzeitig werden wir das vielfältige Spektrum, die Exzellenz und den Erfolg der Kreativen und unserer Gattung würdigen. Dabei wollen wir ganz bewusst an vielen Stellen die klassische Dramaturgie einer Preisverleihung aufbrechen und mit neuen Ideen überraschen.“

Zuckerberg verteidigt Entscheidung zu Trump-Statements vor Mitarbeitern

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat vor Mitarbeitern seine Entscheidung verteidigt, anders als Twitter nicht gegen eine umstrittene Äußerung von US-Präsident Donald Trump vorzugehen. Der 36-Jährige stellte sich Fragen von Beschäftigten per Videokonferenz. Er habe dabei unter anderem erklärt, dass die Androhung von Gewalt durch Regierungen von den Facebook-Regeln gedeckt sei.

Bei der Kontroverse geht es um einen Tweet von Trump, der auch auf dessen Facebook-Profil gespiegelt wurde. Darin reagierte der US-Präsident auf erste Ausschreitungen in Minneapolis nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd durch Polizeigewalt. Der Präsident schrieb, man werde die Kontrolle wiederherstellen, und fügte hinzu: „Wenn Plünderungen beginnen, wird geschossen“ – „when the looting starts, the shooting starts“. Der Satz ist ein historisch behaftetes Zitat. Mit diesen Worten hatte 1967 der damalige Polizeichef von Miami ein hartes Vorgehen gegen die schwarze Bevölkerung angekündigt.

Twitter versah Trumps Tweet mit einem Warnhinweis, weil er das Verbot von Gewaltverherrlichung auf der Plattform verletze. Zuckerberg erklärte dagegen bereits vergangene Woche, der Beitrag sei mit Facebooks Regeln vereinbar, auch wenn ihm persönlich solche „spaltende und aufwieglerische Rhetorik“ widerstrebe. „Aber meine Verantwortung ist es, nicht nur persönlich zu reagieren, sondern als Chef einer Institution, die sich der Redefreiheit verschrieben hat“, schrieb er in einem Facebook-Beitrag.

Dieser Argumentationslinie folgte er auch in der Videokonferenz mit den Mitarbeitern. Die Regeln, die Facebook bei dem Trump-Beitrag angewandt habe, sorgten auch dafür, dass das Video von Floyds Tod auf der Plattform bleibe, erklärte er der Technologiewebsite The Verge zufolge.

Warum Donald Trump Twitter droht

Der Kurznachrichtendienst Twitter hat US-Präsident Donald Trump vorgeworfen, Falschinformationen zu verbreiten. Trump schäumt, droht mit der Einstellung der Plattform, die angeblich die freie Meinungsäußerung einschränkt. Was hinter dem Konflikt steckt.

Twitter ist so etwas wie das virtuelle Arbeitszimmer von Donald Trump. Nun hat der US-Präsident feststellen müssen, dass ihm dieses Arbeitszimmer gar nicht gehört, sondern dass er es nur unentgeltlich nutzen darf. Zum beiderseitigen Vorteil von Mieter und Vermieter. Bislang. Denn nun hat Twitter Trump vors Schienbein getreten, ebenfalls natürlich nur rein virtuell.

Der Kurznachrichtendienst, über den Trump mehr als 80 Millionen Abonnenten hat, setzte einen kleinen Text mit einem vorangestellten Ausrufungszeichen unter einen Tweet des Präsidenten, übersetzt lautet er: „Hol dir die Fakten über Briefwahl.“ In dem Tweet hatte Trump behauptet: „Es ist unmöglich, dass Briefwahlen nicht substanziell betrügerisch ausfallen. Briefkästen werden ausgeraubt, die Wahlbögen werden gefälscht und sogar illegal ausgedruckt und in betrügerischer Absicht unterzeichnet.“

Der blaue Text führt über einen Link auf eine Seite, in der Twitter die Nutzer darüber aufklärt, dass der Vorwurf von Trump „unsubstantiated“ sei, also nicht bewiesen, ja sogar unbegründet sei. Dies hätten Faktenchecks von Medien wie CNN und „Washington Post“ ergeben. Das sind freilich Medienmarken, die Trump regelmäßig selbst als Anbieter von Falschnachrichten („fake news“) bezeichnet, sie sind ihm regelrecht verhasst.

Und so dauerte es nicht lange, bis Trump sich Twitter vornahm, um dem Angebot vorzuwerfen, die anstehende Präsidentenwahl zu beeinflussen, und zwar durch die Beeinflussung der freien Meinungsäußerung („FREE SPEECH“ in Großbuchstaben), und er, der Präsident, werde das nicht zulassen. In all den Twitter-Eskapaden des US-Präsidenten dürfte dieser Vorfall zu den spektakulärsten gehören.

Doch nicht das Verhalten von Donald Trump ist bemerkenswert, der Mann verfolgt letztlich seine tägliche Routine, Steine ins digitale Wasser plumpsen zu lassen und zu schauen, wie breit die Kreise werden, sondern das Verhalten des Kurznachrichtendienstes.

Twitter, Facebook und YouTube sind die Plattformen, die am meisten zur Verbreitung von Desinformation beitragen. Seit Jahren werden diese Plattformen von der Politik und einer kritischen Öffentlichkeit dazu angehalten, Hassrede und Falschinformationen, die dort zu Propagandazwecken gepostet werden, effektiv einzudämmen.

Facebook stand immer unter besonderer Beobachtung, hat womöglich auch am meisten getan, zumindest den Anschein zu erwecken, man nehme sich des virulenten Problems an. YouTube und Twitter waren in ihrem Engagement weitaus zurückhaltender, alle drei lassen gerne Statements ihres Managements verbreiten, man wolle sich „verbessern“, wolle etwas für die Demokratie tun, die unbestritten von den Kreisen hinter der Verbreitung von Desinformation attackiert wird. Die massive Verbreitung von Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Coronavirus zeigt aber, dass die Anbieter der Plattformen wenig ausrichten können.

Oder wenig ausrichten wollen? Denn klar ist auch, dass die Währung Aufmerksamkeit wertvoll ist. Je wertvoller, umso lauter die Kakofonie der Töne ist, die uns allen im Netz entgegendröhnt. Die Deutungshoheit hat, wer die Aufmerksamkeit bekommt. Aufmerksamkeit ist darum gewissermaßen das Geschäftsmodell der Plattformen, nur über sie können sie ihre teuren technologischen Investitionen über den Verkauf von Werbung refinanzieren.

Und wer sich dann selber einen Teil seiner Reichweite wegschneidet, weil er tatsächlich konsequent Falschinformationen ausblendet oder löscht, auch solche, die durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind (ganz häufig sind sie das), der muss eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen und fragen: Was bringt mir mehr – die Leute machen zu lassen, weil der Laden dann brummt, oder den Laden sauber zu halten, weil das die anderen Leute gut finden? Bisher war immer die erste die von den Firmen gewählte Variante.

Hat sich das geändert? Twitter verweist auf Nachfrage auf eine Mitteilung vom 11. Mai, die von Yoel Roth mitgeschrieben wurde, dessen Job sich „Head of Site Integrity“ nennt, der also bei Twitter für Integrität zuständig ist. Kein leichter Job vermutlich und hoffentlich nicht nur ein Feigenblatt, auf jeden Fall darf man sich den Mann als eine Art digitalen Sisyphos vorstellen.

Als Reaktion auf die Verbreitung des Coronavirus und die damit einhergehenden Falschinformationen habe man sich jedenfalls für die Einführung von Warnhinweisen unter kritischen Tweets entschlossen, die mehr Kontext herstellen sollen. Ein Team nutze „interne Systeme“, um solche Tweets zu identifizieren.

Es sind vermutlich keine elaborierten Algorithmen nötig, um den Twitter-Account von Donald Trump als eine potenzielle Quelle von Aussagen zu identifizieren, die einen Faktencheck nötig hätten. Und doch gehört zu der Entscheidung, Trump einen solchen Warnhinweis in den Tweet zu schieben, der Wille zum Konflikt mit dem amerikanischen Präsidenten – und es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob man den Mann nun für geistig minderbemittelt hält oder nicht. Der Präsident ist der Präsident, und wer sich mit ihm anlegt, sollte lange ohne Schlaf auskommen können.

Zu Twitters Entscheidung gibt es nun eine idealistische und eine zynische Interpretation. Die idealistische Sichtweise zahlt auf das Narrativ ein, das das Silicon Valley über sich selbst geschrieben hat: So ziemlich jedes Vorhaben ist ein Resultat der Idee, die Welt besser zu machen. Dieses Narrativ widerlegt sich selbst, befasst man sich näher damit, doch es hält sich ebenso wie ein Trump-Tweet – wer daran glauben will, bleibt dabei.

Die zynische Interpretation ist, dass sich Twitter hier gezielt einen Tweet des wichtigsten Zulieferers seiner eigenen Aufmerksamkeitsökonomie ausgesucht hat, um ihn öffentlich der Verbreitung von Desinformation zu beschuldigen – um damit den Beweis zu erbringen, wie ernst man es mit der eigenen Mission, den öffentlichen Diskurs zu gestalten, nimmt.

So gesehen, wäre der Warnhinweis ein rein symbolischer, weil folgenloser Akt, der aber Anerkennung von Medien, Gesellschaft und Politik einbringen wird. Doch erst wenn Reputation wieder messbar mehr wert ist als reine Aufmerksamkeit, kann die zivile Gesellschaft einen Erfolg vermelden.

Nur wenige Stunden nachdem Trump von Twitter gedemütigt wurde, schrieb er auf der Plattform: „Republikaner spüren, dass soziale Medien konservative Stimmen vollkommen zum Schweigen bringen. Wir werden sie hart regulieren oder einstellen, bevor wir das zulassen.“ Trump wird um sein Arbeitszimmer kämpfen, und wenn er es einfach abschließt.

Stürzt der Starjournalist? Ronan Farrow, der den Weinstein-Skandal lostrat, wird attackiert

Er war jung, brillant, hatte für Barack Obama und Hillary Clinton gearbeitet – und brachte dann mit seinen journalistischen Recherchen mächtige Männer zu Fall. Nun aber steht Ronan Farrow selbst wegen tendenziöser Berichterstattung in der Kritik.

Bisher lief alles glatt. Ronan Farrow ist Amerikas Vorzeigejournalist. Am 10. Oktober 2017 hatte sein im «New Yorker» publizierter Artikel «From Aggressive Overtures to Sexual Assault» den Weinstein-Skandal ausgelöst, der wiederum die #MeToo-Bewegung initiierte. 2019 veröffentlichte Farrow zudem das Buch «Catch and Kill», das nicht nur die Recherchen zur Weinstein-Affäre eingehender bespricht, sondern die ungleichen Machtverhältnisse in politischen oder medialen Institutionen anprangert, insbesondere wenn die Macht vom Patriarchat schlechthin, also von weissen, heterosexuellen Männern, ausgeht.

So trugen Farrows Recherchen unter anderem zu der Entlassung des NBC-Reporters Matt Lauer bei, auch hier ging es um sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz. Ein anderer Beitrag belastete im Frühling 2018 Michael Cohen, den ehemaligen Anwalt von Donald Trump, der Schmiergelder zahlte, um frühere Affären des US-Präsidenten zu verheimlichen. Farrow behauptete, Cohens Steuerunterlagen seien aus dem Finanzamt verschwunden – ein Vorwurf, der zum Präsidenten und zu seiner Entourage, die immer wieder wichtige Informationen unterdrücken, zu passen schien.

Fehlende Beweise

Nun wendet sich das Blatt: An Farrows journalistischer Vorgehensweise wird Kritik laut. Mitte Mai veröffentlichte die «New York Times» einen vielbeachteten Artikel des im Januar neu eingestellten Medienredaktors Ben Smith, ehemaliger Chefredakteur des Online-Portals «Buzzfeed», unter dem Titel «Ist Ronan Farrow zu gut, um wahr zu sein?».

Smith ging Farrows Recherchen nach und kommt zum Schluss, dass es für manche Geschehnisse, die Farrow in Reportagen sowie in «Catch and Kill» schildert – wodurch Menschen zu Fall kamen –, keine oder keine ausreichenden Beweise gegeben habe, obwohl Farrow dies behauptete. Manche dieser Ereignisse seien auch schlichtweg falsch dargestellt. So seien Cohens Steuerunterlagen nie verschwunden, sondern lediglich unter Verschluss gehalten worden.

Ebenso fehle es an Beweisen für die «Verschwörung», die Farrow in «Catch and Kill» thematisiert. Ursprünglich sollte die Weinstein-Story auf NBC gesendet werden, doch, so Smith, verweigerten die Redaktoren die Ausstrahlung aus Mangel an Beweisen, auch hätten Zeuginnen gefehlt. Farrow schilderte dies in seinem Buch anders: Harvey Weinstein habe den Nachrichtenchef des Senders erpresst, er selbst habe daher zum «New Yorker» gewechselt und die Story dort publiziert.

Farrow lüge zwar nicht explizit, urteilt Smith, doch seien seine Reportagen tendenziös. Der Journalist spare unliebsame Informationen aus, schleife manche Geschichten so lange zurecht, bis sie «passten» und die Möglichkeit einer klaren Zuweisung von Opfer- und Täterrolle suggerierten.

Prägende Kindheitserfahrung

Unlängst äusserten auch Farrows Vater Woody Allen sowie sein Adoptivbruder Moses Farrow öffentlich Zweifel an der Lauterkeit des Journalisten. So habe Farrow 2018 aktiv die Veröffentlichung eines Interviews mit Allens Frau Soon-Yi Previn im «New York Magazine» verhindern wollen, in dem Previn sich offen zu den Gewalttätigkeiten äusserte, die sie als Kind durch ihre Adoptivmutter Mia Farrow erlitten hatte. Der Artikel erschien auf Druck von Farrows Anwälten hin vereinfacht und geschönt.

Der Hintergrund: 1992 warf Mia Farrow, mit der Allen eine 13 Jahre dauernde Beziehung gehabt, aber nie zusammengelebt hatte, diesem vor, ihre damals 7-jährige Adoptivtochter Dylan Farrow sexuell missbraucht zu haben. Auslöser für die Anschuldigungen war, so sieht es Allen, das Liebesverhältnis zwischen ihm und Farrows damals 21-jähriger Adoptivtochter Previn, mit der er heute noch zusammenlebt.

Allen wurde nach aufwendigen polizeilichen Untersuchungen vom Vorwurf des Missbrauchs freigesprochen. Dennoch ist #MeToo ohne dieses Kapitel in Ronan Farrows Biografie undenkbar. Sowohl der damals Vierjährige als auch Dylan seien nach dem Zwist einer nie abreissenden «Gehirnwäsche» seitens der Mutter ausgesetzt gewesen, dahingehend, dass Allen ein perverses Monster und ein Vergewaltiger sei.

Wellenreiter des Social-Media-Zeitalters

Ist Farrow ein investigativer Journalist, der den Mächtigen mit der Wahrheit zu Leibe rückt, Missstände aufdeckt, Lücken schliesst – oder gehorcht er reflexartig den Denkmustern, die ihm damals eingeprägt wurden? Smith sieht Farrows Karriere nicht zuletzt auch als Produkt der heutigen Medienlandschaft: «Seine Arbeit zeigt die Schwächen eines Widerstandsjournalismus, der im Zeitalter von Donald Trump gediehen ist: Wenn Reporter geschickt auf den Wellenkämmen von Social Media reiten und schädliche Berichte über Personen des öffentlichen Lebens publizieren, die ohnehin schon von den lautesten Stimmen am heftigsten attackiert werden, dann können ihnen die alten Regeln von Fairness und Offenheit eher wie Hindernisse und nicht mehr wie wesentliche journalistische Imperative erscheinen.»

Medien können politische und ideologische Positionen vertreten und für diese freimütig einstehen. Sie können politischen Mächten zuarbeiten oder sich ihnen entgegenstellen; all dies ist möglich, solange Affiliationen offengelegt werden und bei der Darstellung von Sachverhalten die Verpflichtung auf Objektivität, Wahrheit und Faktentreue als oberstes Gebot gilt. Unhaltbar allerdings ist eine tendenziöse Berichterstattung, die für Fehlinformationen oder falsche Suggestionen keinerlei Konsequenzen zu befürchten hat.

Ronan Farrow, 1987 geboren, war talentiert und hochintelligent. In der Schule übersprang er mehrere Klassen, machte mit 15 Jahren den Bachelor am Bard College im Fach Philosophie, studierte Jura in Yale, schloss mit nur 22 Jahren das Studium mit einer Doktorarbeit ab. Er arbeitete für Barack Obama und Hilary Clinton, wurde Journalist. Gibt er selber Interviews, verbittet er sich Fragen nach seinem Privatleben, seiner Herkunft und Geschichte. Wahrheit, so scheint es, bedeutet für ihn vor allem die Einhaltung eines diskursiven Protokolls. Politisch korrekt muss das Gesagte sein, moralischen Standards entsprechen, die Fronten klar aufzeigen. Subjektives, persönliche Motivationen – das bleibt dabei ein blinder Fleck.

Werbemarkt bleibt angespannt

In Australien verschwinden schon im Juni mehr als 100 Regionalzeitungs-Titel aus den Briefkästen und den Auslagen der Händler. Rupert Murdochs News Corp kündigte am Mittwoch an, dass in seiner Heimat 76 Blätter nur noch online erscheinen und 36 sogar ganz eingestellt werden. „Die Ausgaben für Print-Anzeigen, die den Löwenanteil unserer Umsätze ausmachen, gehen immer schneller zurück““, begründete der Chef von News Corp Australasia, Michael Miller, den Schritt. Das Anzeigenaufkommen war in der Coronavirus-Krise auch in Australien eingebrochen. Auch in anderen Ländern sind die Werbeeinnahmen der Zeitungen in der Coronakrise eingebrochen. Die britische Boulevardzeitung „Daily Mail“ berichtete nun schon zwei Monate in Folge von Umsatzeinbrüchen um rund ein Drittel – ohne allerdings den Betrieb der Zeitung insgesamt zu gefährden.

Bereits vor der Coronakrise ging es vielen Zeitungen wegen sinkender Anzeigenerlöse und einbrechender Abonnentenzahlen mehr schlecht als recht. In Deutschland haben viele Medienhäuser mit Kurzarbeit auf einen Einbruch des Anzeigenaufkommens während der Ausgangsbeschränkungen reagiert. Auf die Frage, in welcher Größenordnung durch die Verschärfung der Situation mit Zeitungsschließungen zu rechnen, reagierte Wolff zurückhaltend: „Wir malen jetzt nicht den Teufel an die Wand: Die Verlage sind in einer Transformationsphase und stellen sich immer stärker im Digitalen auf. Das kann aber nur gelingen, wenn in dieser Übergangszeit das traditionelle Geschäft mit den gedruckten Zeitungen stabil bleibt“, sagte der BDZV-Hauptgeschäftsführer. Problematisch seien die enorm gestiegenen Kosten für die flächendeckende Zustellung bei gleichzeitig sinkender Auflagenzahl. „Dies Dilemma macht die Zustellung in immer mehr Gebieten betriebswirtschaftlich sinnlos. Schon jetzt kostet die Zustellung mancherorts mehr als die Abonnementgebühr. Das rechnet sich nicht. Bevor deswegen allerdings ganze Verlage schließen, würden vor Ort zunächst die Zustellbezirke reduziert werden.“

Mit Blick auf die Politik erneuerte der Verband, dem derzeit 286 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 14,3 Millionen verkauften Exemplaren sowie 13 Wochenzeitungen mit knapp einer Million verkauften Exemplaren angehören, seine Mahnung, dass die immens gestiegenen Zustellungskosten dazu führen werden, dass sich diese demokratierelevante Infrastruktur von gedruckten Zeitungen unter wirtschaftlichen Aspekten kaum mehr aufrechterhalten lasse. „Wenn die Politik diese gefährdete Infrastruktur hier nicht signifikant fördert, so wie das in fast allen europäischen Nachbarländern bereits seit Jahren der Fall ist, werden weite Teile der Bevölkerung von der Versorgung mit relevanten Informationen und somit von der Meinungsbildung abgeschnitten“, warnte Wolff. „Das kann kein Demokrat riskieren wollen. Gerade jetzt, wo auf der einen Seite der in der Corona-Krise gestiegene Bedarf nach seriösem Journalismus und sauber recherchierten Fakten steht. Und auf der anderen Seite Verschwörungstheoretiker versuchen, mit Fake News Bedeutung und Relevanz zu erhalten.

Wolff: Corona beschleunigt Strukturwandel

Auf dem Digitalkongress „BeBeta“, der 2019 zum ersten Mal stattfand, wurde am Mittwoch erneut nach Auswegen aus der Krise gesucht. Haben manche Verlage mit der digitalen Transformation zu lange gewartet? Nach Ansicht von Wolff lässt sich das nicht pauschal behaupten. Es sei für alle Verlage und Publisher eine Zeit des Experimentierens. „Jeder Verlag muss seinen eigenen Weg finden und das geht nicht ohne Orientierung an den Wünschen der Menschen vor Ort im jeweiligen Verbreitungsgebiet. Da spielen technische Voraussetzungen ebenso eine Rolle wie demografische Gegebenheiten. Ohne Zweifel wirkt die Corona-Krise auch in der Zeitungsbranche wie ein Beschleuniger für die weitere Digitalisierung von Prozessen und Geschäftsmodellen.“

Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür sei die Bereitschaft der Nutzer, für guten Journalismus auch Geld zu bezahlen. Die Wertigkeit des Qualitätsjournalismus müsse auch in einer digitalen Gesellschaft Akzeptanz finden. Zudem sollte Nachrichtenkompetenz in den Schulen beigebracht werden. „Damit ist nicht der Umgang mit Technologie allein gemeint, sondern mit Inhalten.“

Wie Verschwörungsgeschichten zum „pandemischen Populismus“ beitragen

Verschwörungsgeschichten haben derzeit Hochkonjunktur. Sie werden vor allem über Plattformen wie YouTube und Facebook verbreitet. Welchen Anteil haben daran sogenannte „alternative Medien“? Und was hat der Rapper Sido damit zu tun?

Dass soziale Medien zur Verbreitung von Falschinformationen und Verschwörungsgeschichten beitragen, ist bekannt und belegt. Weniger bekannt ist, welchen Anteil daran sogenannte „alternative Medien“ haben. Gemeint sind publizistische Plattformen und Kanäle, die keine klassischen Verlage oder Sender hinter sich haben.

Ein Team um den Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt hat sich an eine Datenanalyse gemacht, ob und wie diese „alternativen Medien“ in der Coronakrise gearbeitet haben, welche Beiträge veröffentlicht wurden und ob sie Teil eines „pandemischen Populismus“ sind. Im Gespräch mit der „Medien-Woche“ gibt der Kommunikationswissenschaftler einen Zwischenstand.

Außerdem sprechen wir in dieser Ausgabe unseres Medienpodcasts über den Rapper Sido, der mal in einer YouTube-Talkshow Verschwörungsgeschichten verbreitet und ein anderes Mal lustige Videostreiche in der ProSieben-Sendung „Late Night Berlin“ mit Klaas Heufer-Umlauf spielt.

Plus: Das Bundesverfassungsgericht beanstandet das BND-Gesetz. VW blamiert sich mit einem schlechten, manche sagen rassistischen, Werbespot. RTL schickt Oliver Pocher auf „Weltreise“. Und ein ehemaliger Facebook-Manager erinnert sich an StudiVZ.

Die „Medien-Woche“ ist ein Podcast über die Welt der Medien und ihre Macher. Christian Meier, Redakteur bei WELT, und Stefan Winterbauer, Redakteur des Branchendienstes Meedia, unterhalten sich immer freitags über die wichtigsten Themen der Woche. Hintergründig, analytisch, unterhaltsam.

Streit um Rundfunkbeitrag: „Dann wird uns das Verfassungsgericht erklären, wie hoch der Beitrag zu sein hat“

Die für den kommenden Januar geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags könnte noch kippen, wenn nur ein einziges Bundesland seine Zustimmung verweigert. Jan Marcus Rossa, Medienpolitiker der FDP, plädiert zwar für eine Beitragssenkung – aber nicht wegen Corona.
Jan Marcus Rossa ist Landtagsabgeordneter der FDP in Schleswig-Holstein. Mit der Struktur und dem Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hat er sich intensiv beschäftigt – er fordert eine Reform des Systems. Mit der Forderung einiger CDU-Politiker, wegen der Coronakrise die Beitragserhöhung abzusagen, kann er allerdings nicht viel anfangen – auch und vor allem aus verfassungsrechtlichen Bedenken.
WELT: Einige CDU-Politiker fordern, die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags zum Januar 2021 abzusagen oder zumindest zu verschieben. Die FDP setzt sich schon länger für eine Beitragssenkung ein – doch ausgerechnet jetzt sagen Sie: So nicht! Warum?
Jan Marcus Rossa: Als FDP treten wir in der Tat dafür ein, dass die Rundfunkbeiträge auf Sicht sinken. Das ist schon unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten geboten, denn hohe Rundfunkbeiträge führen zwangsläufig dazu, dass den Bürgern weniger Geld für andere Medien bleibt. Deshalb brauchen wir so dringend die von uns seit Langem geforderte Reform von Rundfunkauftrag und Struktur. Ohne diese Reform wird es keine niedrigeren Beiträge geben. Die aktuelle Diskussion ist dabei aber wenig hilfreich.
WELT: Weil?
Rossa: Keiner von den Politikern, die jetzt eine Beitragssenkung fordern, vermag darzulegen, dass die Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch die KEF fehlerhaft gewesen ist. Vielmehr werden jetzt Argumente für eine Verschiebung herangezogen, die sachlich falsch sind, beziehungsweise eigenen Landesinteressen dienen. Das sind Argumente, die mit dem verfassungsrechtlichen Anspruch der Rundfunkanstalten auf eine auskömmliche Finanzierung aber auch gar nichts zu tun haben.
WELT: Das Argument, dass viele Haushalte wegen Corona weniger Geld zur Verfügung haben, zieht nicht?
Rossa: Das Problem sehen wir durchaus. Die Beitragshöhe darf nicht zu einer übermäßigen Belastung der Haushalte führen. Allerdings ergibt sich der Finanzbedarf der Rundfunkanstalten aus dem Rundfunkauftrag und ihrer Struktur, die über den Rundfunkstaatsvertrag gestaltet und festlegt werden. Hier besteht akuter Handlungsbedarf. Das sollte auch von den Politikern verstanden werden, die jetzt lautstark das Einfrieren oder Absenken der Beiträge aus sachfremden Erwägungen fordern.

WELT: Corona ist ein „sachfremdes“ Argument?

Rossa: Natürlich. Die Beitragserhöhung würde ja erst 2021 kommen, wenn die Corona-Krise hoffentlich hinter uns liegen wird. Mit der Festlegung des Finanzbedarfs der Anstalten hat das nichts zu tun.

WELT: Bundesländer wie Sachsen-Anhalt oder Thüringen könnten die Erhöhung durch eine Ablehnung in ihren Parlamenten blockieren.
Rossa: Zumindest kündigen einige Ministerpräsidenten dies zurzeit an, wobei die Motivation dahinter wohl mehr eine taktische als eine inhaltliche sein dürfte. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff versucht offenbar mit seiner Blockadehaltung eine Gemeinschaftseinrichtung der ARD in das eigene Bundesland zu bekommen. Wobei offen bleibt, ob der Landtag der Beitragserhöhung dann auch zustimmen wird.
WELT: Die Gegner der Beitragserhöhung wollen also das aus Ihrer Sicht Richtige, benutzen dafür aber die falschen Mittel?
Rossa: Ja, denn nach dem jetzigen Rundfunkauftrag ist die anstehende Beitragserhöhung nicht zu vermeiden. Wenn es diesen Politikern ernst ist mit ihrer Forderung nach niedrigeren Beiträgen, dann sollten sie gemeinsam mit uns den Rundfunkauftrag und die Strukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks reformieren und das Angebot auf eine neu zu bestimmende Grundversorgung beschränken. Dann wird auch der Finanzbedarf der Rundfunkanstalten niedriger sein und die Beiträge werden in Zukunft wieder sinken. Unser Rundfunkpapier zur Auftrags- und Strukturreform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegt seit Monaten auf dem Tisch. Es wird Zeit, dass wir diese Ideen weiterentwickeln und dann endlich umsetzen.
WELT: Falls jetzt doch ein Länderparlament gegen die Erhöhung stimmt, auch mit Berufung auf Corona und eine vermeintlich nicht zu vermittelnde Erhöhung – was passiert dann?
Rossa: Dann wird uns am Ende das Bundesverfassungsgericht erneut erklären, wie hoch der Beitrag zu sein hat. Und es ist kein Zeichen besonnener und verantwortungsvoller Politik, wenn den Ländern dann wie 2007 wieder einmal bescheinigt würde, dass ihre Entscheidung über die Beitragshöhe einer verfassungsrechtlichen Überprüfung nicht standhalten wird.

Facebook-Chef: In zehn Jahren jeder zweite Mitarbeiter nicht im Büro

Facebook-Chef Mark Zuckerberg geht davon aus, dass die Coronakrise einen langfristigen Wandel hin zur Arbeit außerhalb des Büros angestoßen hat. Er rechne damit, dass in zehn Jahren rund jeder zweite Beschäftigte des Online-Netzwerks so arbeiten werde, sagte Zuckerberg.

Zuvor hatte bereits unter anderem Twitter angekündigt, dass alle Mitarbeiter auch nach dem Ende der Krise ihre Jobs von Zuhause aus fortführen könnten, wenn ihre Aufgaben dies zulassen.
Die Zahl von 50 Prozent sei seine Schätzung, kein Ziel, betonte Zuckerberg. In einer Umfrage habe jeder fünfte Mitarbeiter sich dafür ausgesprochen, dauerhaft von Zuhause aus zu arbeiten, weitere 20 Prozent hätten einiges Interesse daran gezeigt. Bei einigen von diesen 40 Prozent werde das angesichts ihrer Jobs nicht funktionieren – aber er gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren weitere Mitarbeiter eingestellt werden, die von Anfang an von Zuhause arbeiten.

Die Zukunft der journalistischen Geschäftsmodelle

Auch 2020 und darüber hinaus wird sich der unerbittliche Wandel der klassischen journalistischen Geschäftsmodelle beschleunigen. Der Branche stehen schwierige Zeiten bevor. Doch es ist längst nicht alles verloren – es bieten sich auch neue Chancen.
Der Journalismus ist tot, es lebe der Journalismus – so könnte man die gegenwärtige Situation der Medien im Jahr 2020 zusammenfassen. Abgesehen von politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die dem Journalismus jüngst zu schaffen gemacht haben, ist auch die ökonomische Situation der Medien in vielen Ländern nicht leichter geworden, ganz unabhängig von der Corona-Krise. Im Gegenteil. Dabei ist es vielfach weniger eine akute finanzielle Krise, sondern eine chronische, sich langsam, aber beständig entwickelnde, die sich anschickt, immer mehr Medienhäuser in die Knie zu zwingen.

Beim Zeitungsroboter sind wir noch nicht angelangt, doch die Zukunft der Medienunternehmen bleibt ungewiss.

Der Journalismus ist tot, es lebe der Journalismus – so könnte man die gegenwärtige Situation der Medien im Jahr 2020 zusammenfassen. Abgesehen von politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die dem Journalismus jüngst zu schaffen gemacht haben, ist auch die ökonomische Situation der Medien in vielen Ländern nicht leichter geworden, ganz unabhängig von der Corona-Krise. Im Gegenteil. Dabei ist es vielfach weniger eine akute finanzielle Krise, sondern eine chronische, sich langsam, aber beständig entwickelnde, die sich anschickt, immer mehr Medienhäuser in die Knie zu zwingen.
Sagen wir es also gleich ganz zu Anfang so, wie es ist: Auch 2020 steckt der Journalismus weltweit im Zeichen des unerbittlichen Wandels der klassischen Geschäftsmodelle. In der nächsten Dekade wird – aller Voraussicht nach – das TV-Geschäft durch den sich ausweitenden Streaming-Markt zunehmend in die Enge getrieben. Print wird nicht sterben, zumindest nicht in dem Sinne, dass er eines Tages gänzlich aufhört zu existieren und wir forthin an seinem Grabstein stehen werden, um dort zu lesen «Die gedruckte Zeitung, ca. 1600–2040, ruhe in Schnipseln».
Aber zumindest die ehemals recht profitablen Print-Produkte wie Tageszeitungen werden – um die Todesanalogie voll auszureizen – ausserhalb kleinerer und grösserer Nischen, womöglich mit ihrer alternden Leserschaft, langsam aussterben. Das Wachstum im digitalen Bereich – erklärtes Ziel aller vernünftigen Medienorganisationen – geht zwar langsam und stetig voran, wird aber aller Voraussicht nach nie die Einkünfte erzielen können, die in vergangenen Tagen in diesem Geschäft zu machen waren.
Eine Industrie im Zwielicht?
Was harsch klingen mag, spiegelt sich in den Zahlen und Forschungsberichten der letzten Jahre wider. Die Print-Auflage fast aller Druckerzeugnisse stagniert im besten Falle oder schwindet. Auch die Zuschauerzahlen im Fernsehen gehen immer weiter nach unten.
Einen gehörigen Anteil daran hat das Smartphone, das weltweit als Hauptquelle für Nachrichten auf dem Vormarsch ist. Zur selben Zeit droht selbst online die direkte Bindung zwischen Lesern und Medienhäusern weiter zu erodieren. Immer mehr Nutzer ziehen es vor, Nachrichten über Suchmaschinen, Social Media oder Nachrichten-Aggregatoren zu beziehen – und nicht von den Websites und Apps der Verlagshäuser.
Auch die Entscheidung vieler Medienunternehmen (allerdings nicht der NZZ), ihre Inhalte online frei zugänglich anzubieten, hat sich in diesem Kontext als problematisch erwiesen – mit langfristigen Folgen. Einmal geöffnet, ist diese Büchse der Pandora nur schwer wieder zu schliessen, allen Anstrengungen zum Trotz.
Da Konsumenten gewohnt sind, qualitativ hochwertige Information umsonst zu erhalten, ist es für Medienhäuser weiterhin schwierig, zu argumentieren, warum Leser auf einmal wieder dafür zahlen sollten. Doch selbst wenn sie die Transformation schaffen, ist es für sie nicht einfach. Studien zeigen, dass oft ein Abonnement genügen muss – auch hier konkurriert der Journalismus wieder mit anderen Formen des Unterhaltungsangebotes, mit Netflix, Spotify und anderen Anbietern, die Liste ist lang.
Der Wandel im Konsumverhalten ist jedoch nur eine Facette. Was 1995 vergleichsweise harmlos mit der amerikanischen Anzeigen-Website Craigslist begann, hat sich bis 2020 als das vielleicht dringlichste Problem der Medien herausgestellt: Google, Facebook und zunehmend Amazon haben das Hauptgeschäft vieler Medienunternehmen – den Werbe- und Anzeigenmarkt – weitestgehend übernommen, worunter alle Medien leiden. Auf den Plattformen ballt sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und damit auch das Interesse der Werbeindustrie. Gegen ihre Reichweite, Präzision und Preise stellen selbst die grössten Medienhäuser keine Konkurrenz dar. Eine Rückkehr zur «guten alten Zeit» wird es auch hier nicht geben.
Diversifizierung und Überzeugungsarbeit
Wie also wird das Geschäftsmodell der Zukunft aussehen?
Zum einen wird es kein «one size fits all» geben. Was für die «New York Times» funktionieren mag, tut dies nicht zwingendermassen für die NZZ. Ein Modell, das der «TAZ» das Überleben sichert, wird sich vermutlich nicht als die richtige Lösung für die «Offenbach-Post» erweisen. Stattdessen wird das Erfolgsrezept aus einer jeweils individuellen Mischung verschiedener Zutaten bestehen.
Dazu gehören immer noch ein – wenn auch geschrumpftes – Anzeigen- und Werbegeschäft, digitale Abonnements, aber auch Mitgliedschaftslösungen, Leserspenden, die Finanzierung durch Fördergelder, Veranstaltungserlöse oder Beratungsdienstleistungen. Allein wird freilich keines dieser Mittel ausreichen, und natürlich gilt es, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Zusammengenommen können sie eine flexible und schlankere Medienorganisation jedoch tragen.
Niemand sagt, dass all dies leicht wird. Eine derartige Diversifizierung wird die kontinuierliche Arbeit und das Umdenken aller Beteiligten erfordern. Sich zurücklehnen und «einfach ein bisschen Journalismus machen» wird nicht mehr funktionieren. Die eigenen Leser um Spenden zu bitten, kann nur dann gelingen, wenn diese eine Bindung aufbauen konnten, ein Gefühl der Teilhabe haben und dem Fortbestand dieses Mediums verschrieben sind, weil sie einen essenziellen Wert in ihm sehen.
Medienunternehmen müssen, anders ausgedrückt, verstärkt Überzeugungsarbeit leisten, warum sie und ihr Tun von Bedeutung sind. Ein wenig «audience engagement» über soziale Netzwerke, das gelegentliche Beantworten von Lesernachrichten oder Kolumnen, die den alten Zeiten nachtrauern und die Öffentlichkeit um Unterstützung anbetteln, reichen dafür nicht aus.
Doch es kann gelingen. Zum Beispiel durch herausragende investigative Inhalte, die Leser anziehen. Es können aber auch kluge Newsletter sein, die die wichtigsten Ereignisse zielgenau zusammenfassen und durch ihren persönlichen Touch Leser ansprechen. Das sogenannte «Playbook» der 2007 gegründeten Zeitung «Politico» ist eine solche Erfolgsgeschichte. Es kann gelingen, wenn man sich ernsthaft für seine Leser interessiert und sie als Gemeinschaft – nicht bloss als Kunden – versteht, wie zum Beispiel das südafrikanische Magazin «Daily Maverick» gezeigt hat. «Rappler» in den Philippinen wiederum generiert 26 Prozent seines Umsatzes mit Daten- und Analyselösungen für Kunden und arbeitet stetig an seinem Mitgliedschaftsmodell.
Ohne Frage, die Marktsituation ist hart. Der Journalismus konkurriert mit einem extrem reichhaltigen Online-Angebot, in dem Nutzer fast unendliche Auswahlmöglichkeiten haben. Die Macht traditioneller Medienhäuser ist in diesem Umfeld signifikant geschrumpft. Aber es ist nicht unmöglich, sich in dieser Umgebung eine Nische herauszuarbeiten, wenn man Journalismus bietet, der einzigartig und von wert ist, und gleichzeitig bereits ist, geschäftlich neu zu denken.
Es liegen also schwierige, aber keinesfalls hoffnungslose Zeiten vor der Medienindustrie. Die Corona-Krise wird den Strukturwandel, der schon lange im Gange ist, beschleunigen. Vor allem für den Lokaljournalismus könnte es vielerorts brenzlig werden. Der Oxforder Journalismus-Forscher Rasmus Kleis Nielsen hat die Herausforderung noch vor der Krise in einem Essay mit aller nötigen Härte und Klarheit auf den Punkt gebracht: «Viele, die versuchen, den Übergang von Offline zu Online zu schaffen, werden keinen Erfolg haben. Oftmals werden diejenigen, die versuchen, etwas Neues aufzubauen, scheitern. Einige derer, die erfolgreich sind, werden trotzdem ihre Hoffnungen und Bestrebungen nicht erfüllen. Nur wenige werden so viel Umsatz oder Gewinn wie in der Vergangenheit erzielen.»
Es sind nicht die Worte, die viele hören wollen. Aber es sind die Worte, die viele hören müssen. Nichts in der Natur und im Universum ist statisch. Alles kann, ja muss sich verändern und verbessern – auch der Journalismus. Und es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass es funktionieren kann. Worauf es ankommt, ist, ob man dieser Veränderung entschlossen und sehenden Auges entgegentritt. Oder ob man ihr den Rücken zukehrt und davonrennt.

Künftig werden Politiker, Wissenschafterinnen und Künstler ihre eigenen «Sender» haben

Interviews über Zoom oder Skype sind in der Corona-Krise alltäglich geworden. Auch wenn die Qualität heute noch schlecht ist, senden alle live aus dem Home-Office.

Sie benutzte die letzten Sekunden ihres Gespräch in der Sendung «Sternstunde Philosophie», um ihrem Ärger Luft zu verschaffen: Carolin Emcke (52), die deutsche Journalistin und studierte Philosophin. Sie meinte sinngemäss: «Ich fühlte mich während des ganzen Gesprächs unwohl, gar gehemmt. Ich musste mich immer auf den PC-Bildschirm konzentrieren, mein Erscheinungsbild war so düster, ich war schlecht ausgeleuchtet, der Ton war oft nicht so präsent.»

Barbara Bleisch, die Moderatorin, ebenso studierte Philosophin und Journalistin, nahm es kommentarlos hin und leitete über zum nächsten Programmpunkt. Eine halbe Stunde davor war es Harald Welzer (62), der deutsche Soziologe und Politikwissenschafter, der Barbara Bleisch Red und Antwort zur gegenwärtigen Lage stand. Und siehe da, er war brillant ausgeleuchtet, sass, wie jetzt so viele, vor einer beeindruckenden Bücherwand, vermittelte damit Bildung und Kompetenz und sprach druckfrei, frei von der Leber weg.

Eine neue Form der Fernsehberichterstattung

Was klar war: Carolin Emcke wurde über Skype oder Zoom interviewt. Harald Welzer, so der Eindruck, war professionell über eine TV-Kamera und über einen Link mit dem Studio in Zürich verbunden. Oder aber, so meine Vermutung, er nahm über eine bereits technisch gut vorbereitete Aufnahme beziehungsweise Interview-Situation in seiner Wohnung am Gespräch teil. Wohl ausgerüstet mit einem hochtechnisierten PC und einer Web-Kamera, die gut eingestellt, auf einen gut ausgeleuchteten Platz vor der Bücherwand ausgerichtet ist und über eine gute Audio-Ausstattung verfügt. Professionalität zu Hause. Licht und Ton sind bei einer TV-Aufnahme ohnehin das A und O.

Und siehe da: Mit der Corona-Krise werden wir konfrontiert und vertraut gemacht mit einer neuen Form der TV-Berichterstattung, die bei den traditionellen TV-Stationen in die Nachrichten- und Infosendungen bis hin zu Philosophiegesprächen Einzug hält. Die TV-Sender sparen damit nicht nur Kosten und vermeiden Fahrten mit Aufnahme-Equipen, sondern sie sparen auch viel Zeit. Ohne Zeitverzug können so Menschen in der ganzen Welt interviewt, bei Diskussionen einbezogen werden.

Noch steckt diese neue Form der Informationsvermittlung in den Kinderschuhen. Zwar mehrt sich jeden Tag diese Art der Information. Doch die Qualität lässt oft zu wünschen übrig. Zumeist sind die Interviewten überfordert, auf sich selbst gestellt und ohne fachliche Betreuung. Ihnen fehlt ein Gegenüber, ihre technische Ausrüstung ist mangelhaft. Sie sitzen zu sehr im Dunkeln, sind schlecht ausgeleuchtet, wenden sich in der Körperhaltung ab von der Kamera, die meist oberhalb des Bildschirmes ihres PC installiert ist.

Ganz schlimm ist es oft um den Ton bestellt, es ist schlicht zu wenig professionell. Ein abschreckendes Beispiel lieferte die letzte «Arena». Daniel Lampart, der Chefökonom der Gewerkschaften, war bei seiner Zuschaltung zeitweise nicht zu verstehen.

Die Formen der Fernsehinformation haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder fortentwickelt. Vom Start in den 1950er und frühen 1960er Jahren arbeiteten wir bis Ende der 1970er Jahre ganz konventionell mit dem Film. Wenn wir damals über einen Parteitag zu berichten hatten, mussten wir jeweils bereits kurz nach Mittag von Bern nach Zürich zurückfahren, damit der Beitrag in der Hauptausgabe der «Tagesschau» ausgestrahlt werden konnte.

Angekommen im Studio, war es der «Süüri-Meier», wie wir ihn liebevoll nannten, der den Film entwickeln musste. Zu dritt sassen wir Journalisten mit der Cutterin im Schnittraum und sortierten aus. Sie hängte die gewählten, beschrifteten Filmteile an die Nägel einer Dachlatte über und neben ihrem Schnittplatz. Währenddessen stritten wir darüber, welche Protagonisten wir in den Filmbeitrag einbauen wollten: zwei Deutschschweizer, einen Romand oder doch einen Tessiner oder eine Frau aus Romanischbünden?

Zu Beginn der 1980er Jahre kam die Erlösung: ENG, Electronic News Gathering, hiess das Zauberwort. Bei diesem elektronischen Verfahren konnten die Videobänder umgehend gesichtet, geschnitten, bearbeitet und weit zeitnaher zum Ereignis gesendet werden. Der Übergang war damals unter den Reportern sehr umstritten. Die alten Hasen misstrauten der Qualität. Sie hingen an der «alten» Filmproduktion.

Noch umstrittener war die Einführung des Videojournalisten. Der Journalist hatte allein auszurücken und auch selbst den Beitrag zu schneiden. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen taten sich sehr schwer damit. Noch heute ist Videojournalist nicht der begehrteste Job im TV-Business. Etwas später kam die Übertragung durch eine Richtstrahlverbindung und danach die Satellitenberichterstattung, die Satellite News Gathering (SNG), hinzu.

Damit können die vor Ort fertiggestellten Berichte über eine Satellitenverbindung zum Fernsehstudio direkt in eine Sendung übertragen werden. Die technischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren dazu noch massiv verbessert. Die Geräte werden immer handlicher, mobiler. Die zeitverzugslose Berichterstattung wird zur Norm.

Und jetzt kommt die direkte Informationsbeschaffung bei den Protagonisten hinzu. Nur: Die technischen Mittel haben die Interviewten selbst zur Verfügung zu stellen. Die Einrichtung einer eigenen Aufnahmeecke, eines eigenen «Senders», ist nicht mehr so weit von der Realität entfernt, will sich der Politiker, will sich die Expertin, der Wissenschafter, die Künstlerin öffentlich vernehmen lassen.

Sie tragen dann auch zur Kostenreduktion bei den Sendern bei. Und wir Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen einen Blick in die Intimsphäre der Interviewten geschenkt. Leider ist die Qualität oft noch ganz miserabel. Aber das wird sich ändern, wie das bei einem Übergang zu einer neuen Technologie schon immer der Fall war. Die Corona-Krise forciert die Entwicklung jetzt aber weltweit, die Qualität wird zunehmen.

Immerhin: Durch die noch unzulängliche Qualität wird sichtbar, dass ein professionell geführtes Interview, vor allem auch ein Gespräch, mit einer professionellen Ausrüstung von einem professionellen Kameramann aufgenommen, in der Aussagekraft, in der kommunikativen Wirkung von der neuen Form nicht annähernd erreicht werden kann. Zumindest: noch nicht.

SRG-Chef Gilles Marchand: «Wenn es darauf ankommt, wollen sich die Leute bei uns versammeln»

Auch die SRG hat seit der Corona-Krise viel mehr Publikum erreicht als zuvor. Generaldirektor Gilles Marchand erkennt ein Wiederaufleben des Lagerfeuer-Fernsehens. Er zieht auch positive Erfahrungen aus der aussergewöhnlichen Lage, wie er im Interview sagt.

In einem Buchbeitrag schrieben Sie, dass nun neue Radio- und Fernsehformate innert Tagen geschaffen werden konnten, was vorher Wochen dauerte. Waren also die Arbeitsprozesse bisher immer noch zu aufwendig?

Nein, so kann man das nicht sagen. Die Krise zwang uns ein neues Tempo auf. Das Programm musste innert zwei bis drei Tagen neu organisiert werden. Die Ausnahmesituation setzte kreative Energien frei und gab den Zeitplan vor. Wir waren reaktionsschnell und kreativ, was mich sehr gefreut hat. Auch ein grosses Unternehmen wie die SRG kann also flexibel und agil handeln.

«Die Ausnahmesituation setzte kreative Energien frei.»

Wie reagierte das Publikum?

Wir erzielten phänomenale Einschaltquoten wie noch selten. In der Westschweiz verzeichnete die «Tagesschau» bis zu 80 Prozent Marktanteil. Ein europaweiter Vergleich zeigt, dass unsere drei «Tagesschauen» bezüglich Einschaltquoten unter den vier besten rangierten. Nur Island lag noch vor uns. Das nützte uns aber leider nichts bei der Werbevermarktung.

Diese paradoxe Erfahrung machten auch die privaten Medien.

Als bemerkenswert erachte ich die Rückkehr des Live-Fernsehens. Wir wurden zu einem neuen digitalen Dorfplatz. Das heisst: Wenn es darauf ankommt, wollen sich die Leute bei uns versammeln. Das ist eine gute Nachricht. Das lineare Fernsehen bleibt wichtig.

Die meisten Medien konnten in dieser Phase stark zulegen. Was lief bei der SRG vor allem gut?

Erstens die «Tagesschauen». Zweitens die Spezialsendungen zur Corona-Krise. Nach einer Woche stellten wir fest, dass Nachrichten allein nicht genügen. Wir bauten auch die Unterhaltung aus, zeigten mehr Spielfilme und tagsüber mehr Schulfernsehen.

Wie war die Nachfrage beim Radio?

Hier verzeichneten wir keine spektakulären Zuwächse. Die Radionutzung hängt von der Mobilität des Publikums ab. Da weniger Pendler unterwegs waren, wuchs auch die Nutzung weniger.

Unterhaltung fand ebenso mehr Zuspruch?

Ja. Und interessanterweise musste es nicht immer High Quality sein. Im Tessin hat RSI-Direktor Maurizio Canetta eine neunzigminütige Diskussionssendung mit dem Publikum gemacht. Er allein im Studio mit Skype-Schaltungen. Das kam gut an. Bei RTS machten wir einen Unterhaltungsabend, wo Comedians per Skype auftraten. Das war zwar technisch nicht perfekt, schuf aber eine Community. Die Krise hat ein neues Gemeinschaftsgefühl zwischen uns und dem Publikum erzeugt.

«Es kann durchaus legitim sein, manchmal etwas weniger geschliffene Programme zu produzieren.»

Aber diese Rückkehr zum Lagerfeuer-Fernsehen funktioniert wohl nur in Krisen, oder erkennen Sie etwas Nachhaltiges?

Eine interessante Frage. Klar, in Krisen geht das besser, und die Toleranz gegenüber technischer Imperfektion ist grösser. Aber wir können daraus lernen, dass wir nicht immer 5-Sterne-Qualität liefern müssen. Es kann durchaus legitim sein, manchmal etwas weniger geschliffene Programme zu produzieren. Das können wir weiterverfolgen.

Also gibt es noch Sparpotenzial. Könnte man da und dort weniger aufwendig produzieren?

Man kann die Dinge immer anders denken und anders machen. Zwei Beispiele: Wir haben im April eine Serie über ein kleines Spital in Nyon während der Krise realisiert. Nur ein Journalist und ein Regisseur waren dafür im Einsatz in einer kleinen Wohnung in Nyon. Das Resultat war eindrücklich, nah und berührend. Oder SRF hat innerhalb weniger Tage die Samstagabendsendung «Zäme dihei» realisiert. Solche Experimente finde ich spannend.

Eben, die Arbeitsprozesse waren bisher immer noch zu aufwendig.

Jeder Mitarbeiter möchte seine Produktion möglichst gut machen und strebt die beste Qualität an. Das ist eine normale Einstellung. Die Corona-Krise zeigte, dass wir auch anders arbeiten können, wenn es notwendig ist. Das geht natürlich nicht in allen Fällen.

Ein anderes Thema: In der Südschweiz nehmen ein paar RSI-Journalisten Kommunikationsaufgaben für die Kantonsregierung wahr. Schadet das nicht der Staatsunabhängigkeit der SRG?

Das war nicht glücklich, und wir liessen das auch untersuchen. In journalistischer Hinsicht hat RSI gut gearbeitet. Es gab also keine konkreten negativen Auswirkungen. Aber es ist ein Wahrnehmungsproblem. Und das müssen wir ändern.

Zu Beginn der Stilllegung des Landes verbreitete der Bundesrat Mitteilungen über SRG-Kanäle. Schadet dies nicht auch dem Image der SRG als unabhängiger Berichterstatterin?

Wir sind dazu gesetzlich verpflichtet. Für mich ist es okay, wenn absolut klar ist, dass die Mitteilungen nichts mit unserem Angebot zu tun haben.

«Man kann nicht behaupten, dass die SRG und auch andere Medien diese Debatten nicht führen würden.»

Am Anfang hat die SRG ziemlich regierungstreu informiert. Was sagen Sie den Kritikern, die sich in ihrem Vorwurf der allzu grossen Staatsnähe der SRG bestätigt sehen?

Es gibt in solchen Krisensituationen drei Phasen. In der ersten Etappe geht es darum, zu erzählen, was passiert. In der zweiten Phase folgt das Erklären und Begleiten. Und in der dritten Phase folgt nun eine Debatte darüber, was richtig ist, was man hätte besser machen können und was weiter zu tun ist. Man kann nicht behaupten, dass die SRG und auch andere Medien diese Debatten nicht führen würden. Insgesamt haben wir als Service-public-Unternehmen eine sehr korrekte Arbeit gemacht, und ich bin stolz darauf.

Kommen wir aufs Finanzielle zu sprechen. Der Bundesrat hat der SRG fürs nächste Jahr 50 Millionen Franken mehr zugesprochen. Wie haben Sie das geschafft?

Wir haben dem Bundesamt für Kommunikation unsere schwierige Lage dargelegt. Insbesondere sind die Werbeeinnahmen in den vergangenen Jahren sehr stark zurückgegangen. Das ist für uns schwierig, weil unser Auftrag derselbe geblieben ist. Und trotz dieser Unterstützung müssen wir weiterhin sparen.

Wie profitiert das Publikum von diesem Zustupf?

Wir können damit einige harte Sparmassnahmen vermeiden.

«Es bleiben uns nicht mehr viele Sparmöglichkeiten, die keine Wirkung aufs Programmangebot hätten.»

Was hätten Sie denn eingespart, wenn Sie die zusätzlichen Millionen nicht erhalten hätten?

Wir hätten wohl beim Programm kürzen müssen. Es bleiben uns nicht mehr viele Sparmöglichkeiten, die keine Wirkung aufs Programmangebot hätten.

Heisst das, dass Sie insgesamt glimpflich aus der Corona-Krise herauskommen?

Das würde ich so nicht sagen. Die Unterstützung erhalten wir ja erst ab 2021. Viele Werbekunden haben ihre Aufträge sistiert. Sportanlässe und Gross-Events fallen aus – und damit auch unsere Übertragungen. Dafür müssen wir Ersatz schaffen, gerade auch im Sommerprogramm. Es ist allerdings noch zu früh, um genaue Angaben zu den finanziellen Ausfällen machen zu können.

Die zu schaffenden Programme werden wohl billiger sein als die ausfallenden Sportanlässe mit ihren teuren Übertragungsrechten.

Ja und Nein. Die Sportrechte sind teuer. Aber wenn wir Live-Sport senden können, ist die Minute nicht so teuer wie die Herstellung einer Eigenproduktion. Wir sprechen hier nicht von ein oder zwei neuen Sendungen, vielmehr müssen wir im Sommer das Angebot neu aufstellen.

Können Sie nicht beziffern, wie gross die Werbeverluste sind seit der Corona-Krise?

Wir hatten zu Beginn Ausfälle in Millionenhöhe, aber wir wissen noch nicht, wie das weitergeht. Es kommt darauf an, ob die Werbeaufträge zurückkommen. Wenn nicht, wird es sehr schwierig. Ich hoffe, dass die guten Einschaltquoten uns helfen werden, nach dem Sommer wieder mehr Werbung zu verkaufen. Der Trend ist allerdings schwierig für alle Medien. Allein in den letzten drei Jahren haben wir 60 Millionen Werbefranken weniger eingenommen. Und dieses Jahr ist ein Rückgang im zweistelligen Millionenbereich möglich.

«Ich denke, dass es ohne eine SRG-Beteiligung auf dem Schweizer Fernsehwerbemarkt für alle schwierig würde.»

Schauen wir ein bisschen weiter voraus: Verliert die Werbung bei der SRG wie bei der ARD und dem ZDF an Bedeutung? Rechnen Sie gar mit einem Szenario ohne Werbung?

Ganz ohne Werbung hätten wir noch einmal etwa 150 Millionen Franken weniger Einnahmen. Das wäre nicht machbar. Dann brauchten wir einen höheren Anteil der Medienabgabe, um unseren viersprachigen, dezentralisierten Programmauftrag zu erfüllen. Eine SRG mit oder ohne Werbung ist aber eine politische Entscheidung. Und eine Erhöhung des Anteils an der Medienabgabe scheint im Moment nicht realistisch. Ich denke, dass es ohne eine SRG-Beteiligung auf dem Schweizer Fernsehwerbemarkt für alle schwierig würde. Auch die Schweizer Unternehmen hätten kaum Freude daran.

Mit der Auslagerung der Werbevermarktung an Admeira hat sich die SRG einen Bärendienst erwiesen. Wie geht es da weiter?

Admeira hat den Fokus nun auf TV-Werbung. Damit sind wir nun strategisch gut aufgestellt, die Entwicklung ist ermutigend trotz diesem schwierigen Corona-Jahr.

Hat die Auslagerung die Vermarktung der Werbeplätze nicht erschwert?

Bei der Gründung der Werbeallianz vor fünf Jahren fand man, dass es richtig sei, alle Mediengattungen unter einem Dach zu vermarkten. Leider hat diese Vision nicht gut genug funktioniert. Zudem hat sich der Markt anders entwickelt. Der Trend hin zum Digitalen verstärkte sich. Admeira ist nun aber klar auf die Fernsehvermarktung fokussiert und hat ein sehr gutes Team. Deshalb bin ich zuversichtlich.

Bleiben wir noch beim Finanziellen. In den vergangenen Jahren hat die SRG ihren Programm- und Produktionsaufwand deutlich gesenkt, im Vergleich zum Vorjahr um rund 90 Millionen Franken. Gibt es weitere Sparmöglichkeiten?

Die gibt es immer. Wir haben unsere Effizienz aber bereits ganz enorm gesteigert. Wir sind sehr fit.

Sie haben die Verbreitung über DVB-T, also über Zimmer- und Dachantennen, eingestellt.

Ja. Damit konnten wir 10 Millionen Franken einsparen. Nur noch knapp zwei Prozent unserer Zuschauenden nutzten diese Technologie. Und dennoch muss man solche Schritte in der Öffentlichkeit immer sehr gut begründen.

Nun wollen Sie aber eine technisch bessere Version des hochauflösenden Fernsehens einführen. Kostet das nicht mehr Geld?

Wir schauen uns das an, sind aber nicht die Treiber. Da gab es diese Woche etwas irreführende Schlagzeilen. Wir müssen einfach bereit sein, falls sich diese UHD-Technologie durchsetzt. Ich denke, dass die heutige Bildqualität bereits sehr gut ist.

Mit dem Verkauf von Immobilien und Grundstücken hat die SRG in jüngster Zeit die Bilanz stark verbessert. Sind da die Potenziale nun ausgereizt?

Wir konnten mit der angestrebten Reduktion unserer gesamten genutzten Fläche auch einige gute Gewinne erzielen und dieses Geld in moderne Infrastrukturen reinvestieren. Wir erneuern momentan einige unserer alten Gebäude, um die Unterhaltskosten zu reduzieren, die Effizienz zu steigern – weniger Fläche mit mehr Flexibilität. Beispielsweise mit dem Projekt Campus in Lausanne oder dem Newsroom in Zürich Leutschenbach.

Wie sieht es in Bern aus? Die Umstrukturierungen beim Berner Studio stiessen auf heftigen Widerstand. Wie viel kann man nun tatsächlich einsparen?

Ab Ende 2021 erfolgt der Umzug, wobei die Nachrichtenredaktionen nach Zürich ziehen, während die Magazinredaktionen in Bern bleiben, wie es die neue Audiostrategie von SRF vorsieht. Weil der Spareffekt weniger gross ist, müssen rund zwei bis drei zusätzliche Millionen in Bern von der Radioredaktion und der Generaldirektion eingespart werden. Zudem vermieten wir sukzessive einen Teil unseres Gebäudes an der Giacomettistrasse.

«Bern bleibt ein starker journalistischer Standort der SRG.»

Die Generaldirektion wollte von der Giacomettistrasse ins zentraler gelegene Radiostudio umziehen. Geschieht das nun nicht?

Die Generaldirektion bleibt im Ostring. Hingegen zieht unsere Unternehmenseinheit Swissinfo von der Giacometti- an die Schwarztorstrasse in Bern. So entsteht dort ein journalistisches Zentrum mit vielen Synergiemöglichkeiten. Insgesamt also eine gute Lösung. Bern bleibt ein starker journalistischer Standort der SRG.

Insgesamt gesehen: Wird die SRG dieses Jahr wieder rote Zahlen schreiben?

Im vergangenen Jahr lief es operativ gut, aber wir schrieben wegen Rückstellungen für die Sparmassnahmen – wie angekündigt – ein Defizit. Für dieses Jahr können wir noch keine verbindlichen Prognosen machen. Es wird aber wohl ein schwieriges Jahr bleiben. Und für 2021 besteht eine Unsicherheit in Bezug auf die Kosten für die Sportrechte an Veranstaltungen, die dieses Jahr wegen der Corona-Krise ausfallen. Das ist ein Risiko, das wir nicht in unserer Finanzplanung voraussehen konnten. Bisher rechneten wir für 2021 nicht mit einem negativen Geschäftsergebnis.

«Es geht uns ja nicht nur ums Sparen, sondern auch um eine Transformation mit dem Ziel, neues Know-how aufzubauen.»

Vor anderthalb Jahren sagten Sie, dass Sie 250 Stellen abbauen würden. Ist das schon vollzogen, und wie viele Personen wurden entlassen?

Der Prozess und unsere Sparprogramme laufen ja noch. Wir bauten bis jetzt rund 100 Arbeitsplätze ab. Zumeist über natürliche Abgänge und Fluktuationen. Aber auch über Entlassungen. Es geht uns ja nicht nur ums Sparen, sondern auch um eine Transformation mit dem Ziel, neues Know-how aufzubauen.

Ein Blick in die weitere Zukunft: Die SRG hat sich strukturell auf die digitale Publizistik ausgerichtet. Wann reduziert sie ihre linearen Kanäle und stellt noch mehr auf Abrufprogramme um?

In den nächsten fünf Jahren streben wir eine Fifty-fifty-Lösung an: 50 Prozent werden noch via Broadcast genutzt, und 50 Prozent werden individuelle, digitale Nutzung sein. Das wird zu Umlagerungen und Anpassungen bei unseren Sendern führen. Das heisst aber nicht, dass die linearen Kanäle in absehbarer Zeit verschwinden.

Wie sieht es mit dem Projekt eines nationalen Programmangebots aus?

Wir werden dieses Streaming-Portal im Oktober lancieren. Es bietet Dokumentationen, Reportagen, Serien und Filme, aber keine tagesaktuellen News und Sport. Damit schaffen wir eine neue Service-public-Perspektive.

«Es ist das erste Mal in unserer Geschichte, dass wir eine nationale Plattform anbieten.»

Es gibt also ein Angebot zum Abrufen in allen vier Landessprachen?

Die Dok-Filme unserer Sender aus allen Sprachregionen werden mit Untertiteln zur Verfügung stehen, und verschiedene Filme und Serien werden synchronisiert. Innovativ daran ist: Bisher hatten die Zuschauer kaum eine Ahnung davon, was in den anderen Sprachregionen gesendet wurde. Hier können wir nun Brücken bauen. Dank den digitalen Möglichkeiten kann man so den Service public sinnvoll weiterentwickeln. Es ist das erste Mal in unserer Geschichte, dass wir eine nationale Plattform anbieten.

Geht es hier um bereits bestehende Produktionen der sprachregionalen Sender?

Grundsätzlich geht es um Sendungen und Formate, die über die TV-Ausstrahlung hinaus interessant bleiben. Denkbar ist aber auch, eine Dokumentation oder einen Film zuerst auf dieser neuen Plattform zu präsentieren.

Muss man sich für diese Plattform anmelden?

Ja, es braucht ein Login, damit man die Vorteile dieser Plattform vollumfänglich nutzen kann.

Ist das ein Türchen, um bei der Login-Allianz der Verleger mitzumachen?

Wir sind Teil dieser Schweizer Login-Allianz und sind den anderen Medienhäusern mittlerweile nun aber sogar voraus, weil wir bereits im Oktober mit unserer eigenen Lösung starten. Eine Kooperation mit Privaten ist später durchaus vorgesehen. Dazu gab es ja auch bereits intensive Gespräche.

«Wir werden diese persönlichen Daten nicht kommerzialisieren.»

Einwählen muss man sich nur für diese nationale Plattform, nicht für die Nutzung der sprachregionalen Kanäle?

So ist es. Bei den sprachregionalen Programmen, unseren Play-Plattformen, müssen Sie sich nur anmelden, wenn Sie spezifische, persönliche Angebote möchten.

Bei der Streaming-Plattform ist es aber obligatorisch?

Ja. So ist es Ihnen aber möglich, auch aus dem Ausland auf diese Plattform zuzugreifen und unser Angebot zu sehen. Das war bisher nicht möglich. Wir können individuelle Programmempfehlungen aus allen Sprachregionen machen, Eltern wiederum können einen Kinderschutz einrichten. Und Sie können die gewünschte Sprachversion auswählen. Wichtig ist: Wir werden diese persönlichen Daten nicht kommerzialisieren.

Neuer Pro-Sieben-Sat-1-Chef warnt vor langer Flaute auf dem Werbemarkt

Deutschlands größte private Sendergruppe stellt sich auf einen weiteren schwierigen Monat ein. Der Mai könnte ähnlich verlaufen wie der April, sagte der neue Chef von Pro Sieben Sat 1, Rainer Beaujean, dem Handelsblatt. Im Vormonat sind die Werbeumsätze des Medienkonzerns um 40 Prozent eingebrochen.

Die ersten Kunden würden zwar wieder zusätzliche Spots buchen, erläuterte der Manager. Der Durchbruch sei das aber noch nicht. „Viel hängt jetzt davon ab, wie die Öffnungsphase verläuft.“ Wie es im Juni laufe, sei daher jetzt noch überhaupt nicht vorherzusagen. Immerhin: „Viele Buchungen wurden nicht storniert, sondern lediglich verschoben“, sagt Beaujean. Es könne daher sein, dass das vierte Quartal dieses Jahr besonders stark verlaufe. Dies ist ohnehin die beste Zeit für den TV-Konzern.

Bereits Ende April hatte der Unternehmenslenker angekündigt, dass die Anteilseigner wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie dieses Jahr auf ihre Ausschüttung verzichten müssen. Gleichzeitig zog er seine Jahresprognose zurück. So ist der Umsatz im ersten Quartal zwar noch um ein Prozent auf 926 Millionen Euro gestiegen.

Das Umfeld habe sich von Mitte März an jedoch markant eingetrübt. Die margenstarken Werbeerlöse gingen in den ersten drei Monaten des Jahres bereits um vier Prozent zurück. So sank der bereinigte Konzernüberschuss um mehr als ein Drittel auf 58 Millionen Euro.

Sollte das Geschäft stärker einbrechen, will Beaujean seinen Sparkurs verschärfen: „Noch brauchen wir die Kurzarbeit im Kerngeschäft nicht. Aber wir haben den Rahmen dafür verhandelt und könnten jederzeit damit loslegen.“

Der Manager führt Deutschlands größte private Sendergruppe erst seit Ende März. Vorgänger Max Conze musste nach nicht einmal zwei Jahren an der Spitze abrupt gehen. Beaujeans Versprechen zum Amtsantritt: Pro Sieben Sat 1 werde sich stärker auf sein Kerngeschäft konzentrieren: die Unterhaltung. Zur Gruppe gehören die TV-Sender Pro Sieben, Sat 1 und Kabel 1.

Die Konkurrenz leidet auch

Die E-Commerce-Sparte NuCom werde zwar eine wichtige Säule bleiben. Zu ihr gehören unter anderem das Vergleichsportal Verivox, der Parfümversand Flaconi und die Partnervermittlung Parship. „Wenn die Krise vorbei ist und Käufer da sind, werden wir uns auch von Beteiligungen trennen“, betonte Beaujean. Allerdings müsse der Preis stimmen und der Käufer passen. Der ehemalige Chef von T-Online war vor knapp einem Jahr als Finanzvorstand in die Pro-Sieben-Zentrale nach Unterföhring gewechselt.

Der Konkurrenz geht es indes nicht besser. RTL meldete vergangene Woche fürs erste Quartal einen Umsatzrückgang von gut drei Prozent auf knapp 1,5 Milliarden Euro. Schon Anfang April hatte die Bertelsmann-Tochter die Dividende für 2020 gestrichen und die Prognose kassiert. Einen neuen Ausblick gibt der Fernsehkonzern nach wie vor nicht.

Anfang März habe das Unternehmen die ersten Stornierungen für Werbebuchungen und Verschiebungen von Produktionen registriert, sagte RTL-Chef Thomas Rabe. „Dieser Trend hat sich in der zweiten März-Hälfte mit der Einführung weitreichender Schutzmaßnahmen in ganz Europa beschleunigt.“ So schätzt der Konzern, dass der Werbemarkt im ersten Quartal in Deutschland um bis zu 4,5 Prozent geschrumpft ist.

Dabei sind die Angebote der Medienunternehmen derzeit so beliebt wie schon lange nicht mehr. „Mit Zuwachsraten von 30 Prozent in der wöchentlichen Nutzung gegenüber Oktober 2019 erfährt insbesondere das klassische Fernsehen scheinbar eine Renaissance“, urteilten am Donnerstag die Marktforscher von Nielsen. Die Leute würden sich für aktuelle Nachrichten interessieren, aber auch Unterhaltungsformate einschalten.

So würde ungefähr die Hälfte der Bevölkerung jeden Tag vor dem TV-Apparat sitzen. Besonders Personen im Alter von 35 bis 54 Jahren würden wieder mehr Fernsehen schauen. In den vergangenen Jahren hätte diese Gruppe sich stärker Online-Videotheken wie Netflix oder Amazon zugewandt.
Neue Großaktionäre

Beaujean muss sich in den nächsten Monaten zudem mit zwei neuen, mächtigen Großaktionären auseinandersetzen. So ist die italienische Berlusconi-Holding Mediaset bereits im vergangenen Jahr in großem Stil eingestiegen und hat ihren Anteil seither ausgebaut. Der Medienkonzern will eine europäische TV-Allianz unter Beteiligung von Pro Sieben Sat 1 schmieden und hält inzwischen knapp ein Viertel der Anteile.

Ex-Chef Conze hat diese Pläne stets vehement abgelehnt und stattdessen viel Geld in seine eigene Streamingplattform Joyn gesteckt. Es ist nun an Beaujean, den Dialog mit den Südeuropäern zu suchen. Derzeit gebe es aber keine Gespräche über eine strategische Zusammenarbeit. Er sei jedoch offen für alle Vorschläge.

Hinzu kommen die Osteuropäer: Die Metro-Investoren um den tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky haben jüngst den Verfall des Aktienkurses zum Anlass genommen, ihren Anteil an dem Fernsehkonzern aufzustocken. Die Czech Media Invest, hinter der neben Kretinsky Patrik Tkac und der Slowake Roman Korbacka stecken, hält rund zehn Prozent der Anteile.

Die Börse sieht die Berufung Beaujeans und die versprochene Stärkung des Kerngeschäfts positiv. Seit Amtsantritt ist der Aktienkurs um gut ein Fünftel geklettert. „Investoren honorieren eine klare Fokussierung“, meint der Manager. So auch am Donnerstag: In einem freundlichen Umfeld kletterte der Aktienkurs um knapp zwei Prozent auf rund neun Euro.

Medienlandschaft: Vom Ende der Tageszeitungen

Der wirtschaftliche Druck auf Tageszeitungen wird in Deutschland immer größer, vor allem in Lokalredaktionen wird gespart. Doch wer berichtet, wenn Redaktionen immer kleiner oder gar geschlossen werden?

Thomas Engelhardt kommt auch jetzt noch mit dem Fahrrad in die Redaktion gefahren. Bedenken, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken, hat er nicht: „Die Zahl der sozialen Kontakte hält sich in Grenzen. Das ist sowieso wie im Home-Office.“ Nur eine Sekretärin arbeitet vormittags noch in dem Dreizimmerbüro. Sie koordiniert Termine, empfängt Anrufe und Besucher, Dinge, für die der 54-Jährige keine Zeit hat. Engelhardt ist der einzige verbliebene Redakteur der Lausitzer Rundschau in Guben. Die Kleinstadt liegt in der Niederlausitz im Südosten Brandenburgs, gleich an der Neiße, die hier die deutsch-polnische Grenze markiert.

Vor Jahren schon ist die Lokalredaktion vom Obergeschoss ins kleinere Erdgeschoss umgezogen, wo früher das Anzeigengeschäft abgewickelt wurde. Dass Engelhardt hier die meiste Zeit alleine sitzt, hat nichts mit der Pandemie zu tun, sondern vielmehr mit der allgemeinen wirtschaftlichen Situation deutscher Tageszeitungen. Den Zahlen des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) zufolge sinken die Auflagen seit drei Jahrzehnten kontinuierlich. Von Jahr zu Jahr sind es nur zwei, drei Prozent weniger, in der Summe aber entfaltet sich eine Wucht: Verkauften die Verlage Anfang der Neunzigerjahre noch gut 27 Millionen Tageszeitungen, so waren es 2018 nur noch 14 Millionen, rund die Hälfte davon. Im Fall der Lausitzer Rundschau ist der Rückgang noch eklatanter: Sie verlor im gleichen Zeitraum gut zwei Drittel ihrer Auflage, fiel von 230 000 auf 65 000 verkaufte Exemplare heute. Zwar weiten die Zeitungen ihr Onlineangebot aus, die sinkenden Abonnementzahlen und Anzeigenerlöse können sie damit aber nicht kompensieren, Einsparungen sind unausweichlich.

„Man muss aufpassen, dass man nicht verrückt wird. Ich schweige hier die Wand an“, sagt Engelhardt. Sein Kollege wurde vergangenen September in die Zentrale der Lausitzer Rundschau nach Cottbus abgezogen. Er fehlt ihm als Gesprächspartner, als jemand, den er mal nach einer passenden Formulierung fragen kann – und als Arbeitskraft. Eine Seite täglich muss er jetzt fast alleine füllen und an manchen Tagen noch ein bisschen mehr, schließlich gibt es auch eine Wochenendausgabe. Eine freie Mitarbeiterin liefert ihm das eine oder andere Stück dazu. „Die hat aber auch noch einen vernünftigen Job“, sagt Engelhardt und lacht ins Telefon.

Noch zu DDR-Zeiten absolvierte er in Dresden ein Lehrer-Studium. Eigentlich wollte der gebürtige Gubener schon damals Journalist werden, doch dafür hätte er in die Partei eintreten müssen, und das wollte er nicht. Nach der Wende begann er dann für die Lausitzer Rundschau in seinem Heimatort zu schreiben. Drei Redakteure, ein Volontär und er produzierten täglich drei Seiten Lokales und manchmal noch eine vierte Seite Sport. „Es war vielfältiger und bestimmt auch kritischer“, erinnert sich Engelhardt an seine Anfangszeit. Lange ist das her. Heute muss er sich gut überlegen, auf welche Veranstaltung er geht. Und manchmal müssen auch eine Pressemitteilung und ein kurzer Anruf für einen Artikel reichen. Vieles sei ohnehin reine Darstellung, er sehe sich eher als Chronist. „Die große Recherche zu machen, wenn man jeden Tag eine Seite füllen muss, ist nicht möglich.“ Was hat das für Auswirkungen auf den Journalismus? Wer berichtet, wenn Redaktionen immer kleiner werden oder gar schließen?

Regionen, in denen gar keine Berichterstattung mehr stattfindet, gebe es nicht – zumindest noch nicht, sagt einer, der es wissen muss. Horst Röper hat seit den Achtzigerjahren die deutsche Zeitungslandschaft erforscht. „Zeitungssterben, so wie wir es aus den USA oder Großbritannien kennen, das trifft auf Deutschland nicht zu“, sagt Röper. Hierzulande können sich die meisten Tageszeitungen bis jetzt irgendwie halten. Doch der Preis dafür ist hoch. Gerade im Lokaljournalismus: Redaktionen werden schrittweise verkleinert, zusammengelegt oder geschlossen. Oft bleiben die Zeitungstitel als Hülle erhalten, der Inhalt stammt aber nicht mehr aus eigener Feder.

In Dortmund übernehmen Westdeutsche Allgemeine und Westfälische Rundschau den Lokalteil der Ruhrnachrichten, in Düsseldorf unterhält nur noch die Rheinische Post eine echte Lokalredaktion; Westdeutsche Zeitung und Neue Ruhrzeitung bedienen sich bei ihr. Die alten Titel betreiben kleine „Alibi-Redaktionen“, wie Röper sie nennt, die bloß noch Layout, Überschrift und Gewichtung der Stücke verändern und nur selten eigene Texte produzieren. Und auch die überregionale Berichterstattung vereinheitlicht sich zunehmend. Die beiden großen Mediengruppen Dumont und Madsack haben vor zwei Jahren eine gemeinsame Hauptstadtredaktion für Politik und Wirtschaft gegründet, von der aus sie mehr als 50 Zeitungen beliefern. „Kooperation statt Konkurrenz, das ist heute der Trend“, sagt Röper. Es ist dabei nicht zu überhören, dass ihm das nicht gefällt.

Die Lausitzer Rundschau hat vieles davon hinter sich. Redaktionen wurden verkleinert, Arbeitsabläufe zentralisiert: Mittlerweile sitzen meist nur noch zwei bis drei Reporter in den Lokalredaktionen. Sie schreiben ihre Texte online, die Blattmacher bauen dann die Zeitung in Cottbus zusammen. Kooperationen mit anderen Zeitungen sind in Südbrandenburg nicht möglich, da die Lausitzer Rundschau dort die einzige Tageszeitung ist. Dafür bekommt sie den Mantel mit Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur und der Seite für Brandenburg nun von der benachbarten Märkischen Oderzeitung aus Frankfurt an der Oder, von deren Verlag sie 2018 übernommen wurde. Die landespolitischen Entscheidungen werden nicht mehr aus der Region kommentiert, die sie betreffen.

Dass die Lausitz in Brandenburg keine eigene Stimme mehr hat, findet Andreas Oppermann bedauerlich. Er ist Redaktionsleiter des RBB-Studios in Frankfurt (Oder) und hat für beide Zeitungen gearbeitet. Fragt man ihn nach der Zukunft der Tageszeitungen in Brandenburg, atmet er erst einmal tief durch. „Positives gibt es nicht sonderlich viel“, sagt der 52-Jährige. Viele Journalisten würden bei der nächstbesten Gelegenheit in Pressestellen wechseln, es gebe einen massiven „Brain-drain“. Mit anderen Worten: Der Journalismus verliert seine Talente an Rathäuser, die immer hochwertigere Gemeindeblätter herausgeben. Dort verschwimmt die Grenze zwischen PR und Journalismus. „Im Amtsblatt steht eben nicht, wenn der Bürgermeister Mist baut, ein Förderprogramm verschlafen wurde, Personal abgebaut wird oder der Schulentwicklungsplan hinterherhinkt“, sagt Oppermann.

Dörthe Ziemer hat vor drei Jahren die Seiten gewechselt. Früher war sie Journalistin, heute ist sie Pressesprecherin von Lübben, einer kleinen Stadt im Spreewald, südöstlich von Berlin. Begonnen hat sie ihre Karriere als Volontärin bei der Lausitzer Rundschau, 2003 war das. Sie gehörte zu den ersten, die von der Zeitung nicht mehr übernommen wurden. Lange arbeitete sie als freie Journalistin. Den Berufswechsel bereut sie nicht: „Man hat das Gefühl, es gibt wachsende Aufgaben, es geht voran. Beim Lokaljournalismus hingegen fragt man sich: Wohin geht die Reise?“ Ziemer ist oft unzufrieden mit der Berichterstattung der Lausitzer Rundschau: Diskussionen würden bloß wiedergegeben, Positionen zu selten hinterfragt, oft fehlten Informationen, und immer wieder komme es auch zu Fehlern, die nicht korrigiert würden. Außerdem erreiche man über die Zeitung sowieso nur noch die Älteren. Deshalb berichtet Ziemer einmal im Monat selbst im Stadtanzeiger, wie das Stadtparlament über die Beschaffung eines Löschfahrzeugs diskutiert oder wie weit die Planung neuer Geh- und Radwege gediehen ist – Beiträge, die so oder ähnlich auch in der Zeitung stehen könnten. Vor zwei Jahren hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass Kommunen kein Blatt herausgeben dürfen, „wenn dieses presseähnlich aufgemacht ist und redaktionelle Beiträge enthält“. Das Gericht begründete sein Urteil mit dem Gebot der Staatsferne der Presse. Ziemer sieht in ihrem Stadtanzeiger keine Konkurrenz zur Tageszeitung. Die Zeitung sei zwar kein Gatekeeper mehr, entscheidet also nicht mehr darüber, was in die Öffentlichkeit gelangt. Die gesellschaftliche Wächterfunktion liege aber immer noch bei den Medien.

Wie sehr kann eine einzelne Person die Wächterfunktion ausüben? Thomas Engelhardt wiederholt die Frage an ihn laut und hängt ein nachdenkliches „Mh“ ans Ende. Vielleicht ist das auch die falsche Frage. Ob er sich vorstellen könne, das dauerhaft zu machen? Das sei schwierig, vielleicht sei es auch einfach eine Frage der Gewohnheit. Engelhardt rechnet nach: „Ich bin jetzt 54. Bis 67 sind es noch 13 Jahre, da kann noch einiges passieren.“ Es habe auch mal die Idee gegeben, die Redaktion mit einer anderen zusammenzulegen, um sich die Miete fürs Büro zu sparen. Doch das sei wohl nicht mehr aktuell, und irgendwer müsse ja auch die Geschichten aus der Stadt erzählen. Gerade jetzt in Zeiten von Corona könne niemand wirklich wissen, was kommt. Nur bei einer Sache ist Engelhardt sich sicher. „Ich gehe davon aus, dass die gedruckte Zeitung irgendwann nicht mehr existiert.“

Constantin-Chef zur Filmbranche: „Politik bietet keinerlei Perspektive“

Keine Premieren, keine Filmfestivals, keine Besuche bei glamourösen Dreharbeiten – die Welt von Constantin-Film-Chef Martin Moszkowicz ist klein geworden. Derzeit steuert er aus einem Haus im Allgäu das Tagesgeschäft des Münchner Produktionsriesen („Fack ju Göhte“, „Das perfekte Geheimnis“). Seiner Branche geht es ähnlich schlecht wie dem Tourismus oder dem Einzelhandel: Alle Kinos sind geschlossen, neue Produktionen können gar nicht erst gezeigt werden. Der Markt ist tot.

Die Gesamtschäden der Coronakrise werden die Filmindustrie Milliarden kosten, weil der wichtigste Vertriebsweg für Filme durch die Corona-Maßnahmen blockiert ist und Neuproduktionen derzeit weitgehend unmöglich sind. sagt Moszkowicz im Gespräch mit dem Handelsblatt und mahnt, dass die Politik bislang „keinerlei Perspektive“ liefere für einen Ausweg aus dem Shutdown. Der mache ihm „die größten Sorgen“. Jede Woche würden allein bei den deutschen Kinobetreibern Verluste von knapp 20 Millionen Euro auflaufen.

Ein zusätzliches Problem für die Filmwirtschaft: „Das Infektionsrisiko oder das Risiko eines erneuten Shutdowns wird in den klassischen Filmversicherungen und Fertigstellungsversicherungen ausgeschlossen. Banken können mit dieser Risikolage nicht zwischenfinanzieren.“ Der Constantin-Chef schlägt deshalb vor, „dass zum Beispiel die KfW oder Hermes mit Ausfallgarantien einspringen könnten“. Während der Sars-Epidemie habe die US-Regierung „dieses Instrument schon mal erfolgreich übernommen“.

Der 62-Jährige weiter: „Alle werden hart getroffen, aber am dramatischten ist wohl die Situation bei zehntausenden Künstlern und Selbständigen. Viele von denen haben keine großen Reserven und müssen schon im Normalbetrieb eher von der Hand in den Mund leben.“

Er hoffe, „dass die Menschen gerade jetzt verstehen, wie systemrelevant auch Kultur ist… Galerien, Ausstellungen, Museen, Theater, Oper, Ballett, Konzerte, Filme.“ Andererseits habe er „die Befürchtung“, dass die Kunstbranche in den aktuellen Shutdown- und Lockerungs-Debatten generell „hinten runterfallen könnte“.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Moszkowicz, gerade erst haben Sie den deutschen Filmpreis, die „Goldene Lola“, gewonnen für „Das perfekte Geheimnis“ als erfolgreichster deutscher Film 2019. Könnte das auf absehbare Zeit einer der letzten Filme bleiben, die Constantin Film in die Kinos gebracht hat?

Wir werden auch in Zukunft unsere Filme in Kinos präsentieren. An diesem wichtigsten aller Vertriebswege für unsere Kinoproduktionen wird nicht gerüttelt und ich bin sicher, dass unser Publikum sich nach dem Kinoerlebnis sehnt. Aber was mir und der ganzen Filmbranche derzeit die größten Sorgen macht, ist tatsächlich die Unsicherheit darüber, wann es wieder losgehen kann. Es gibt von der Politik bisher leider keinerlei Perspektive oder gar eine klare Ansage, unter welchen Bedingungen die Kinos wieder öffnen können.

Auch Sie wollten sicher noch neue Filme im Frühjahr starten, die nun gar nicht mehr gezeigt werden können.
Wir hatten ein bisschen Glück im Unglück, weil das bisher nur zwei unserer Produktionen betraf. „Ostwind – Der große Orkan“ wird verschoben. Den anderen – „Berlin, Berlin“, ein Film auf Basis der ARD-Kultserie – zeigen wir nun ab 8. Mai bei Netflix. Hier war es eine sinnvolle Einzelfallentscheidung, mit dem Film gleich auf eine Streaming-Plattform zu gehen. Darüber hinaus wollen wir natürlich auch die Produktionen wieder starten, wo wir die Teams jetzt erstmal in Kurzarbeit schicken mussten. Das Thema erreicht gerade auch unsere Zentrale in München.

Was bedeutet Corona für eine Film- und Fernsehgröße wie die Constantin Film?

Wir sind gut gewappnet. 2019 war mit einem Umsatz von 264 Millionen Euro und einem gestiegenen Gewinn eines unserer besten Jahre in unserer langen Geschichte. Unser Eigenkapital liegt bei über 80 Millionen, die Kreditlinien übersteigen klar 150 Millionen Euro.

„Wir können keine seriösen Kinostarts planen“

Welcher Ihrer Geschäftszweige funktioniert wirklich noch?
Das Lizenzgeschäft rund um unsere aktuellen Titel und unsere sogenannte Library. Alle wollen ja jetzt Inhalte, die wir in hoher Qualität liefern können. Viele Produktionen werden jetzt geschnitten und fertiggestellt. Die Projektentwicklung brummt.

Die Streamingdienste gelten als die großen Gewinner der Krise. Zurecht?
Das ist sicher so. Die großen Plattformen – Disney, Amazon, Netflix – boomen gerade sehr, weil die Leute einfach meist zu Hause sind.

Der neue „James Bond“ sollte eigentlich Anfang April starten und war dann einer der ersten Filme, die in den Herbst verschoben wurden. Was kosten solche Aktionen?

Immens viel Geld und hohen Einsatz von Ressourcen. Solche Schritte sind aber nicht zu verhindern. Da die Kinos praktisch weltweit geschlossen sind, gibt es für derart teuer produzierte Filme keine alternative Auswertungsform. Auch wir selbst können derzeit seriös keine internationalen Kinostarts planen, weil sich die Märkte in sehr unterschiedlichen Corona-Stadien befinden. In Schweden zum Beispiel sind noch ein paar Kinos offen, aber die haben natürlich auch keine neuen Filme.

Gibt es Pläne, wie in Zeiten der sozialen Distanz überhaupt wieder Dreharbeiten möglich werden?
Oh ja, obwohl das ziemlich aufwendig wird. Auch am Drehort geht Sicherheit und die Gesundheit der Mitarbeiter vor.

Sicher nicht nur bei den Kuss-Szenen, oder?

Man kann schon vieles ohne direkte körperliche Nähe drehen. In Island, Skandinavien und anderen Ländern wird wieder produziert. Es ist geplant, die Schauspieler in besonders risikobehafteten Rollen in Einzel-Quarantäne zu schicken, wie es etwa die Fußball-Bundesliga ja auch mit den Spielern vorhat. Zudem wird in verschiedenen Teil-Teams gearbeitet, die miteinander nicht mehr in Berührung kommen dürfen, um bei einer doch auftretenden Ansteckung nicht das ganze Projekt zu gefährden. Außerdem wird regelmäßig auf Corona getestet. Die Kapazitäten dazu gibt es aktuell gerade auch in Deutschland, ohne dass wir irgendjemandem etwas wegnehmen würden.

Wann wollen Sie konkret wieder mit Drehs starten?

Wir hoffen in Einzelfällen ab Mai, obwohl auch da die Unsicherheiten groß bleiben und natürlich nur mit einem ausgefeilten Hygiene- und Arbeitsschutzkonzept. Dreharbeiten sind, wenn man von dem künstlerischen Aspekt absieht, im Prinzip durchaus vergleichbar mit der Arbeit auf einer Baustelle oder in einer Großküche, die während der letzten Wochen ja durchgearbeitet haben. Es ist planungstechnisch aufwendig, aber machbar. Ein noch größeres Problem sind allerdings die Versicherungen.

Inwiefern?

Das Infektionsrisiko oder das Risiko eines erneuten Shutdowns wird in den klassischen Filmversicherungen und Fertigstellungsversicherungen ausgeschlossen. Banken können mit dieser Risikolage nicht zwischenfinanzieren. Ich würde mir wünschen, dass zum Beispiel die KfW oder Hermes mit Ausfallgarantien einspringen könnten. Während der Sars-Epidemie hat die US-Regierung dieses Instrument schon mal erfolgreich übernommen. Ansonsten sind gerade die kleineren Produktionsgesellschaften ohne nennenswerte Assets bis auf weiteres gar nicht in der Lage, ihre Arbeit zu machen.

Wen in Ihrer Branche trifft es am härtesten? Die kleinen Produzenten, die Kinobetreiber, die Künstler?

Alle werden hart getroffen, aber am dramatischsten ist wohl die Situation bei zehntausenden Künstlern und Selbständigen. Viele von denen haben keine großen Reserven und müssen schon im Normalbetrieb eher von der Hand in den Mund leben.

Erleben Sie da selbst bei bekannten Schauspielern schon tragische Fälle?

Leider ja. Aber das gilt auch für alle hinter den Kulissen: Regisseure, Aufnahmeleiter, Maskenbildner, Schnitt-Assistenten, Kameraleute und viele andere. Und die deutschen Kinos machen aktuell einen Verlust von knapp 20 Millionen Euro pro Woche, weil ja keinerlei Einnahmen da sind, viele Kosten aber weiterlaufen.

Mal ehrlich, würden Sie selbst sich gleich nach einem Neustart wieder in ein Kino setzen mit ein paar hundert Leuten, dichtgedrängt?

Ja, aber das ist eines der Probleme, die wir noch vor uns haben, klar. Es gibt deshalb auch schon die Überlegung, die Gäste dann wie auf einem Schachbrett versetzt zu positionieren, sozusagen nur auf die weißen Felder. Mit viel Abstand zueinander. Ob das bei all den notwendigen Sicherheitsgedanken dann wirtschaftlich Sinn macht, ist die andere Frage, denn es reduziert ja auch die Kapazität jedes Filmtheaters massiv.

Andererseits dürfte nach einem Ende des Shutdowns weltweit eine enorme Zahl an Premieren in die Kinos drängen, oder?
Stimmt, auch wenn derzeit ja viele Filme nur halbfertig herumliegen und die dann erstmal fertig produziert werden müssten. Insofern werden viele Projekte, die eigentlich in diesem Herbst starten sollten, sicher erst 2021 oder sogar 2022 zu sehen sein.
„Viele Menschen spüren allmählich die kulturellen Lücken“

Wagen Sie eine Prognose, was Corona Ihre Branche kosten wird?

Es geht mit Sicherheit in die Milliarden. Wir werden nach dieser Vollbremsung lange brauchen, bis die Branche sich wieder erholt hat. Wichtig dafür ist, dass wir – wie viele andere Bereiche – dabei unterstützt werden.

Wie könnte ein Ausstiegsplan aus dem gegenwärtigen Shutdown fürs Filmgeschäft aussehen?

Viele Maßnahmen – vom Physical Distancing bis zu den Gesichtsmasken – werden uns noch lange begleiten. Sofern sich die allgemeinen Infektionszahlen weiter so positiv entwickeln, sollten Dreharbeiten mit machbaren Hygiene- und Arbeitsschutzkonzepten durchführbar sein. Die Kinos, wie auch andere Kultureinrichtungen sollten ebenfalls unter bestimmten Auflagen wieder aufmachen. Gleichzeitig müssten endlich bundesweit einheitliche Regeln gelten. Zurzeit kommt mir das aufgrund der föderalen Struktur doch wie ein Flickenteppich vor, wenngleich unser Land die Krisenbewältigung bislang gut hingekriegt hat, finde ich.

Was hat diese Krise nicht nur für die Filmindustrie, sondern für den gesamten Kunst- und Kulturbetrieb für Folgen?

Ich hoffe, dass die Menschen gerade jetzt verstehen, wie systemrelevant auch Kultur ist… Galerien, Ausstellungen, Museen, Theater, Oper, Ballett, Konzerte, Filme – ich habe den Eindruck, diese Lücke spüren allmählich viele Menschen. Und natürlich hoffe ich, dass auch in allen Bereichen der Politik und Verwaltung verstanden wird, wie lebensnotwendig Kunst und Kultur nun mal sind.

Derzeit geht es in Berlin eher um die Zukunft von Eckkneipen und Fußballspielen…
…was ich gar nicht kleinreden will. Aber ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass ausgerechnet wir in diesen Debatten hinten runterfallen könnten. Und das sage ich, obwohl ich Berufs-Optimist bin. Sonst hätte ich nie Filmproduzent werden können.

Slack-Manager: „Wir sind der Klebstoff, der die Menschen im Homeoffice zusammenhält“

Das Tech-Unternehmen Slack ist ein großer Gewinner der Krise: Seit das Coronavirus die Büroangestellten zur Heimarbeit zwingt, sind die Nutzerzahlen um 25 Prozent gestiegen. Denn eines der größten Probleme im Homeoffice ist, sich mit den Kollegen abzustimmen. Und E-Mails an meterlange Verteilerlisten sorgen nur für Chaos. Dienste wie Slack versprechen Abhilfe.

„Wir sind im Moment der Klebstoff, der die Menschen auch an den Heimarbeitsplätzen zusammenhält“, sagt Oliver Blüher, Deutschlandchef von Slack, im Interview mit dem Handelsblatt. Er sieht in der Krise die Chance, dass sich die Arbeitswelt nachhaltig verändern wird – und auch Slack davon profitiert.

„Sicherlich werden die täglichen Nutzerzahlen nach dem Ende der Krise ein wenig zurückgehen, wenn Mitarbeiter sich wieder persönlich austauschen können. Dennoch bin ich sicher, dass wir das Momentum beibehalten können.“

Slack gilt als Erfinder des Team-Messengers. Doch Microsoft läuft dem Unternehmen aus dem Silicon Valley mit seinem Programm Teams den Rang ab, obwohl es erst zwei Jahre später auf den Markt kam. Microsoft spricht von zwölf Millionen neuen Nutzern durch die Pandemie – so viele, wie Slack insgesamt hat. Eine Handelsblatt-Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen zeigt zudem, dass Deutschlands große Konzerne hauptsächlich auf Teams setzen.

„Teams hat den Vorteil, dass es schon in dem verbreiteten Office-Paket von Microsoft integriert ist. Slack muss man extra installieren“, gesteht Blüher ein. Er versteht Teams aber nicht als Konkurrenten, sondern als Partner. Es seien zwei unterschiedliche Tools. „Slack ist eine unternehmensübergreifende, auf Channels basierende Messaging-Plattform, Teams wird hauptsächlich für geplante Anrufe und Videocalls verwendet.“
Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Blüher, eine Handelsblatt-Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen zeigt, dass die Mitarbeiter der großen Firmen immer mehr miteinander chatten. So makaber es ist: Kommt Ihnen die Coronakrise gerade recht?
Zunächst: Die Pandemie ist eine Riesentragödie – unsere Sorge gilt in erster Linie allen Betroffenen. Wir sind froh, dass Slack es dem Einzelnen, Teams oder auch ganzen Unternehmen erleichtert, ihr Tagesgeschäft aufrechtzuerhalten. Dass wir helfen können, sehen wir etwa an einem erheblichen Nutzerzuwachs. Es ist denkbar, dass darunter auch Menschen sind, die vor der Krise nicht unbedingt die Vorteile von Slack erkannt haben.

Ihr CEO Steward Butterfield hat durch Corona ein Nutzerplus von 25 Prozent verkündet – weltweit von zehn auf 12,5 Millionen.
Das sind Nutzer, die tagtäglich gleichzeitig auf unserem System aktiv sind. Das ist eine wichtige Kennzahl. Sie zeigt, dass Slack sehr belastungsfähig ist. Es ist schön, zu sehen, dass sich unsere Investitionen in die Infrastruktur bezahlt machen. Wir bekommen sehr viel positives Feedback.

Glauben Sie, dass Deutschlands Büroangestellte auch nach der Krise miteinander chatten werden – oder doch wieder zum Nachbarn ins Büro gehen, wenn sie eine Frage haben?
Die Krise hat weitreichende Diskussionen zur Digitalisierung des Arbeitsplatzes angestoßen. Wir sind im Moment der Klebstoff, der die Menschen auch an den Heimarbeitsplätzen zusammenhält. So haben wir die Chance, die Arbeitswelt nachhaltig zu verändern.

Sicherlich werden die täglichen Nutzerzahlen nach dem Ende der Krise ein wenig zurückgehen, wenn Mitarbeiter wieder in den Büros sitzen und sich persönlich austauschen können. Dennoch bin ich sicher, dass wir das Momentum beibehalten können, denn viele wollen sich jetzt digital weiterentwickeln.

Slack gilt als Erfinder der Team-Messenger. Doch Microsoft läuft Ihnen mit dem Programm Teams den Rang ab, obwohl es erst zwei Jahre später auf den Markt kam. Microsoft spricht von zwölf Millionen neuen Nutzern durch die Pandemie. Insgesamt sind es 44 Millionen.
Wichtig ist, dass Microsoft nur Anmeldezahlen veröffentlicht. Für uns ist die viel wichtigere Maßzahl, wie viele Personen zeitgleich unser Programm nutzen. Für Slack zählen die aktiven Nutzer, nicht die Karteileichen.

Wie viele Nutzer hat Slack denn insgesamt?
Dazu können wir nichts sagen, wir sind noch jung an der Börse. So viel kann ich Ihnen aber verraten: Vom 1. Februar 2020 bis zum 25. März 2020 hat Slack 9.000 neue zahlende Kunden hinzugewonnen – 80 Prozent mehr als im Quartal davor.

Ärgert Sie, dass Ihr Konkurrent Teams viel stärker von der Krise profitiert als Sie?
Teams ist für uns keine Konkurrenz. Wir sehen Microsoft als Partner, zumal sie mit ihrem Marketing auch Wegbereiter für uns sind.

Als Partner? Bei beiden Diensten können Mitarbeiter chatten.
Slack und Teams sind zwei unterschiedliche Tools, die für verschiedene Zwecke eingesetzt werden. Sicherlich gibt es mit Teams Überschneidungen in der Chatfunktion – aber da sind wir der bessere Anbieter. Slack ist eine unternehmensübergreifende, auf Channels basierende Messaging-Plattform, die für die effiziente Zusammenarbeit von Teams entwickelt wurde und zahlreiche Integrationen bestehender Anwendungen ermöglicht – zum Beispiel von Reisekostenabrechnungen.

Unsere Kunden nutzen Slack zum schriftlichen Austausch, oder für kurze spontane Videobesprechungen und Telkos, wenn sie aneinander vorbeischreiben. Teams wird hauptsächlich für geplante Anrufe und Videocalls verwendet. Es gibt schon genug Anbieter von Videokonferenzen, wir wollen da kein weiterer sein.

Die Dax-Umfrage des Handelsblatts zeigt, dass die meisten Konzerne Teams als konzernweites Tool eingeführt haben. Nicht ein einziger hat uns geantwortet, Slack konzernweit zu nutzen. Slack, wenn überhaupt, sei in IT-Abteilungen und agilen Teams installiert. Warum ist Slack bei den Dax-Konzernen unbeliebt?
Teams hat den Vorteil, dass es schon in dem verbreiteten Office-Paket von Microsoft integriert ist. Slack muss man extra installieren. Unsere Befragungen zeigen, dass wir oft parallel mit Teams existieren, unsere Nutzer Slack aber viel intensiver nutzen als jedes andere Chatprogramm.

Neben den Dax-Konzernen zeichnet sich die deutsche Unternehmenslandschaft durch den Mittelstand aus. Wie wichtig sind diese Firmen für sie?
Deutschland ist nach Großbritannien jetzt schon der zweitgrößte Markt Europas und hat das Potenzial, der größte zu werden – gerade wegen des Mittelstands. In vielen Familienunternehmen finden bald Stabswechsel statt. Die junge Generation fragt sich, wie sie ihr Unternehmen für die moderne Arbeitswelt rüsten kann. Und unsere Technologie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt, dass sich die Wertschöpfung auch in Fertigungsunternehmen immer mehr Richtung Software verschiebt. Im Mittelstand sehen wir deshalb die allergrößten Wachstumschancen.

War das auch ein Grund, im Winter ein Büro in Deutschland zu eröffnen?
Ja, das macht es leichter, potenzielle Kunden direkt anzusprechen.

Warum sind Sie eigentlich nach München gegangen – und nicht in die Start-up-Metropole Berlin?
In Frankreich und England spielt sich alles in den Metropolen Paris beziehungsweise London ab. In Deutschland gibt es ein Luxusproblem: Die Unternehmen sind sehr verteilt. München ist dabei der wichtigste Ort für B2B-Kunden im Bereich Cloud – und damit zum Talentmagnet geworden.

Wie viele Mitarbeiter sind in München beschäftigt?
Wenn wir gerade nicht alle im Homeoffice verstreut wären, säße dort eine Mitarbeiterzahl im unteren zweistelligen Bereich.

Müssen diese die Kunden ständig überzeugen, die Bezahlvariante zu kaufen? Slack nimmt mit der kostenlosen Basisversion ja nichts ein.
Der zahlende Anteil unserer Kunden ist durchaus signifikant. Jeder Nutzer hat für uns einen Wert.

Aber Sie sind nicht die Caritas…
Wir profitieren, wenn unser Netzwerk immer größer wird. Dann dient Slack nicht nur der internen Kommunikation, sondern ganze Projekte mit Kunden können über unsere Plattform ablaufen. Und für uns ist die Basisversion ein wichtiges Marketinginstrument, über die viele Fans zu zahlenden Kunden werden.

Trotz der Chat-Tools: Die E-Mail ist in vielen Konzernen nicht wegzudenken. Schreiben Sie noch Mails?
Ich versuche, das zu vermeiden. Früher hatte ich 180 E-Mails pro Tag, ich habe extrem viel Zeit damit verbracht, sie wegzusortieren und Informationen zu suchen.

Und jetzt verbringen Sie viel Zeit damit, in Ihren Channels die Infos zu suchen?
Sie haben recht, Slack ist kein komplett selbstorganisierendes System. Aber mit der Suchfunktion finde ich alles viel schneller als im E-Mail-Programm.

Nutzen Sie eigentlich Smileys, wenn Sie mit Ihren Kollegen slacken?
Ich bin zwar Mitte 40, aber ein Fan von Emojis, weil sie die Arbeit schneller machen. Zwei Beispiele: Wenn ich unter die Nachricht eines Kollegen den Emoji mit den beiden großen Augen setze, wissen alle, dass ich mir das anschaue. Und was erledigt ist, bekommt einen grünen Haken. Früher haben wir dafür Hunderte Mails geschrieben.

Gert Scobel warnt vor Moderatoren als „Ersatzpolitiker“

Der Journalist und Philosoph Gert Scobel sieht die Gefahr, dass Moderatorinnen und Moderatoren in der Corona-Krise „als Ersatzpolitiker agieren wollen“. Journalisten könnten die Komplexität der Welt nicht allein lösen und auch virologische Debatten kommunikativ nicht allein so aufbereiten, „dass die Politik nur noch dem zu folgen braucht, was in Talkshows verhandelt wird“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Das grundlegend Neue an der Corona-Krise sei, dass Milliarden von Menschen derzeit „sehr hautnah emotional“ erfahren, wie komplex die Alltagswelt ist, sagte der Moderator der Sendung „Scobel“: „Sie haben direkt erfahren, wie eng zum Beispiel Gesundheit mit Wirtschaft verknüpft ist.“

Journalisten seien nicht die Einzigen, die die Komplexität der Geschehnisse für ihre Berichterstattung einordnen müssten, sagte der Journalist. Auch Virologen versuchten auf ihre Art, die Komplexität von Daten und Befunden zu reduzieren. Aufgabe von Journalisten sei es, „möglichst viele dieser Teilantworten und Perspektiven erstens sachgemäß und zweitens verständlich möglichst objektiv zu kommunizieren“. Dazu gehöre auch zu sagen, dass sie bestimmte Dinge nicht wissen, weil sie sie gar nicht wissen könnten.

Insgesamt spiegele der Journalismus seiner Beobachtung nach derzeit viele unterschiedliche Perspektiven wider, sagte Scobel. Die wichtigste Aufgabe sei es, „neue Wege zu finden, gemeinsam mit unterschiedlichen Perspektiven und Komplexität umzugehen“. Journalistinnen und Journalisten müssten auch weiterhin kritisch nachfragen, um „klug und freundlich auszuloten, was das klügste, im Idealfall sogar weise Verhalten ist“.
Die Medien könnten nach Ansicht von Scobel aus der Corona-Krise lernen, dass sie „eine größere Verantwortung haben als gedacht“. Ein Teil des Fernsehens könne lernen, „dass unsere erste Aufgabe nicht die Bespaßung der Republik ist, sondern dass wir gemeinsam versuchen müssen, neue Öffentlichkeiten herzustellen, um damit Freiheit und Gemeinwohl zu fördern“, sagte er.

Jetzt sei eine gute Zeit, Dinge zu verändern: „Lieber mal einen Gast weniger in eine Talkshow einladen und dafür ein intensiveres Gespräch führen. Ein Gespräch, das auch nicht nur dem einen die Kritik des anderen um die Ohren haut, sondern lösungsorientiert ist.“

Scobel, 60, studierte Philosophie und Theologie in Frankfurt am Main und im kalifornischen Berkeley. Seit April 2008 leitet und moderiert er die Sendung „Scobel“ bei 3sat. Seit Mai 2016 ist er Professor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Kaspersky: Hackerangriffe auf Krankenhäuser sind Terroranschläge

Sein Leben habe sich durch die Corona-Krise komplett verändert, bekennt Eugene Kaspersky. Statt rund um den Globus zu Konferenzen und geschäftlichen Treffen zu fliegen, telefoniert er nun und gibt Videokonferenzen. Doch es gehe ihm gut, Frau und Kinder seien auf dem Land, die drei Kühlschränke im Haus gut gefüllt, erklärt der durch Sicherheitssoftware reich gewordene Internetmilliardär mit einem Lachen. Und auch über zu wenig Arbeit kann er sich nicht beklagen. „Die Nachfrage nach unseren Produkten ist sehr groß“, sagt Kaspersky.

Das Thema Netzsicherheit ist durch die Corona-Krise nur noch akuter geworden. Der US-IT-Riese IBM spricht von 6.000 Prozent Wachstum bei Spam-Mails innerhalb eines Monats.

In Russland hat die Zentralbank von Februar bis Anfang April mehr als 2.200 Webseiten gezählt, die den Internetauftritt bekannter Markenzeichen nachahmen. Seien es verschiedene Ministerien, die Verbraucherschutzbehörde, die Internationale Arbeitsorganisation oder diverse Banken. Sie alle spekulieren mit dem Thema Coronavirus, versuchen User mit Fake-News um Daten und Geld zu erleichtern.

Betrugsversuche

Nach Angaben der russischen Staatsbank VTB haben Hacker in der ersten Aprilhälfte 15 Prozent mehr Betrugsversuche gegenüber Bankkunden verübt als noch im gleichen Zeitraum einen Monat zuvor. Ähnliches berichtet die große russische Industriebank Promsvyazbank (PSB): „Die gesteigerte Aktivität der Betrüger hängt auch mit der Corona-Pandemie zusammen – die Menschen sind in einem gewissen Stress wegen der Verbreitung des Virus und der verordneten Selbstisolierung, sind in der Kommunikation mit Freunden und Verwandten eingeschränkt, und das versuchen die Betrüger auszunutzen“, erklärte der Sicherheitschef der PSB, Dmitri Miklucho.

Hackerattacken werden in dieser Zeit aber auch gezielt auf medizinische Einrichtungen und Gesundheitsbehörden gestartet. Und das weltweit. Im tschechischen Brünn legten Hacker ein Krankenhaus lahm, indem sie Daten von Patienten verschlüsselten, sodass die Ärzte nicht mehr darauf zugreifen konnten. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die US-Gesundheitsbehörde sind schon Opfer von Cyberattacken geworden. Unter anderem kam hier die Phishing-Spyware Darkhotel zum Einsatz, die Hacker zuvor größtenteils bei Attacken im asiatischen Raum und in Russland einsetzten.

Falsche Identität

Costin Raiu, Direktor des Global-Research-Teams von Kaspersky, sieht hier das Ziel des Datendiebstahls darin, anderen Opfern eine falsche Identität vorzugaukeln – die Wahrscheinlichkeit, dass Phishing-Mails, die beispielsweise von einem offiziellen Account der WHO kämen, in Firmen geöffnet werden, liegt laut Raiu „bei 100 Prozent“. Somit werden medizinische Einrichtungen als Einfallstor für weitere Betrügereien genutzt. In Italien wurden so Personen von einem Pseudo-WHO-Account angeschrieben. Die Mails enthielten den Trojaner Trickbot, der vertrauliche Daten auf dem Computer stiehlt.

Kaspersky sieht mit dem Angriff auf Krankenhäuser eine rote Linie überschritten: „In dieser schweren Zeit sind Cyberattacken auf medizinische Infrastruktur das gleiche wie Terroranschläge, und die Regierungen sollten ebenso hart darauf reagieren“, forderte er.

Die Behörden sind durchaus gewillt, solidarisch und mit Härte gegen solche Attacken vorzugehen. US-Außenminister Mike Pompeo erklärte nach dem Angriff auf das tschechische Krankenhaus, dass es dafür „null Toleranz“ gebe. Durchschlagenden Erfolg hatte die Suche nach den Hintermännern solcher Angriffe bislang allerdings noch nicht.

Pörksen: „Corona ist ein gigantischer Zivilisationstest“

Umgang mit Hass und Hetze: Hat das Virus die Kommunikation entgiftet? Die Gesellschaft geeint? Das Miteinander verbessert? Nein, nein und nochmals nein, sagt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Mit Verlaub, Herr Pörksen, Ihr Buch wirkt wenige Wochen nach Erscheinen wie aus der Zeit gefallen. Corona scheint die Gesellschaft von Hass und Hetze geheilt zu haben. An ihre Stelle sind Hilfsbereitschaft und Vernunft getreten. Kann man Ihr Buch also getrost ungelesen beiseitelegen? Natürlich nicht. Jeder sollte möglichst schnell mindestens zwei Exemplare hamstern … solange das noch geht. Aber ernsthaft: Sie fragen rhetorisch, oder?

Rettungskräfte werden nicht mehr bespuckt, sondern beklatscht, Politiker geachtet statt diffamiert. Der Mangel an Respekt und Rationalität, den Sie in der öffentlichen Debatte beklagt haben, scheint weitgehend behoben zu sein. Das sehe ich nicht so. Wir sind in eine Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit eingetreten. Ja, es gibt eine Explosion der Solidarität und der künstlerischen Kreativität im Netz. Aber es gibt eben auch Hass und Hetze, etwa gegenüber Asiaten. Es gibt Verschwörungstheorien und Desinformation, gerade über private Kanäle wie Whatsapp oder das Kuriositätenkabinett Youtube. Und auch im Privaten gibt es jede Menge Konflikte durch die plötzlich erzwungene Nähe. Das heißt, die Kunst des Miteinander-Redens wird wichtiger. Und schwieriger.

Auf der Straße lächeln sich wildfremde Menschen beim gegenseitigen Ausweichen scheinbar grundlos an. Nachbarn kaufen für die ältere Dame im ersten Stock einen Extra-Strauß Tulpen. Populisten gelingt kaum ein Trumpf, die AfD verliert. Corona scheint die polarisierte Gesellschaft geeint, die Kommunikation entgiftet zu haben. Natürlich hat diese Weltviruskrise in Teilen der Gesellschaft für eine Abkühlung von Debatten gesorgt. In einer Zeit der Pandemie lässt sich das Realitätsprinzip nun einmal nicht aussetzen, deshalb blieben Populisten mit ihrer Forderung nach einem frühen Exit aus dem Shutdown auch ohne Widerhall. Und eine nur wenige Wochen alte Spektakelpolarisierung um ein Oma-Gate oder die Aufregung um ein paar missglückte Faschingswitzchen wirken wie aus einer vergangenen Zeit, in der wir uns sinnlos über Dinge stritten, die in Wahrheit nicht so wichtig waren. Insofern trägt Corona in manchen Milieus zu einer Mäßigung und zu einer anderen Ernsthaftigkeit bei. Und dennoch: Es gibt nach wie vor Fake News, Falschinformation, enthemmte Aggression.

Und denken Sie nur an die USA. Da ist ein erkennbar überforderter Präsident, der der Strategie folgt: Desinformation durch Rauschen, Censorship through Noise. Pöbeleien auf Twitter, sinnlose Schuldzuweisungen, Attacken in Serie, verwirrende Pressekonferenzen – all das, um jede Menge sinnloses Informationskonfetti zu streuen, das vom eigenen Versagen ablenkt. Bei seinen Anhängern verfängt dies nach wie vor.

Gilt für Trump das Realitätsprinzip nicht? In Ihrem Buch bedauern Sie, wie folgenlos Trumps Lügen seien. Tatsächlich sind die Folgen unübersehbar: Tausende Tote, und das Fernsehen zeigt Bilder, wie auf Hart Island für Covid-19-Tote ein Massengrab ausgehoben wird. Ja, Lügen haben Folgen, und das Abwarten und Leugnen kostet Menschenleben. Aber hat dies auch Konsequenzen für einen delirierenden Präsidenten? Das scheint mir offen, so bedauerlich ich selbst dies auch finden mag. Die Zustimmungswerte für Trump sind jedenfalls erstaunlich stabil. Und man muss spätestens jetzt sagen: Die Wahl in den USA wird auch eine Abstimmung über die Gültigkeit des Realitätsprinzips sein.

Wie anders wirken dagegen die Ansprachen der Kanzlerin oder des Bundespräsidenten. Haben sie einen Beitrag dazu geleistet, dass sich die öffentliche Kommunikation verändert hat? Sie haben mir jedenfalls außerordentlich imponiert. Diese Reden waren Meisterleistungen einer gefahrenbewussten, warnenden Achtsamkeit – ganz so, als seien sie einem Handbuch der Krisenkommunikation entnommen.

Oder aus Ihrem, denn darin steht: Die Kunst des Miteinander-Redens bestehe darin, erstens: das Verstehen zu fördern, in diesem Fall also, wie das Virus arbeitet und die Pandemie verläuft. Zweitens: Verständnis zu wecken, in diesem Fall für den Shutdown. Und drittens: Einverständnis zu erzielen, aktuell also das der Bevölkerung für die Entscheidungen der Politik. Das ist eine sehr charmante Interpretation, aber ich bin mir nicht sicher, ob sich Bundespräsident und Kanzlerin am Abend der Pörksen-Lektüre widmen. Aber noch etwas. Diese Reden waren aus meiner Sicht auch deshalb so stark, weil hier das demokratische Credo – der Appell an die Mündigkeit der Bürger – im Zentrum stand. Allerdings würde ich die Krisenkommunikation der Regierung und die Reaktion des politischen Journalismus in Corona-Zeiten nicht nur in hellen Farben zeichnen.

Weshalb? Es gab drei Phasen. Zuerst die Informationsphase, den Schock über die um sich greifende Pandemie. Hier waren die Appelle der Regierung richtig. Und der Journalismus kam seiner Informations- und Aufklärungsfunktion nach. In der zweiten Phase war die Krisenkommunikation auf der Landes- und Bundesebene vom One-Voice-Prinzip und einer falschen Diskurstabuisierung geprägt. Oberstes Gebot war: Bloß keine Exit-Debatte! Und das war ein Fehler, weil man so die Debatte über die Zukunftsperspektive ebenfalls wegdrängte.

Es geschah aus der Furcht heraus, dass die Bürger zu schnell ungeduldig würden und der Effekt der Kontaktsperre verpuffen könnte. Und genau da ist der Journalismus für mein Dafürhalten zu lange der politischen Linie und der Orientierung an Experten-Monopolen gefolgt. Denn man muss debattieren. Weil diese Krise so lange brauchen wird. Und weil erst die Debatte die breite Akzeptanz der Maßnahmen zu sichern vermag. Ich sage das alles im Übrigen nicht mit der Attitüde des Vorwurfs, vielleicht stand man einfach selbst unter Schock. Jetzt sind wir in der dritten Phase einer breiteren Diskussion: Es geht um das sicherste Exit-Konzept.

Sie müssen aber schon zugeben, dass Corona Behauptungen aus Ihrem Buch Lügen straft. Der Mensch mutiert eben nicht zwingend umso mehr zum Gefühlswesen, je bedrohlicher ein Geschehen erscheint. Wenn es, wie jetzt, darauf ankommt, scheinen wir ganz vernünftig und besonnen zu reagieren, sogar aufeinander aufzupassen und einander zu helfen. Ganz ehrlich und ganz grundsätzlich: Ich genieße es sehr, wie Sie unser kleines, tapferes Buch zerfleddern. Denn die gerechte Perspektive, die nuancierte Betrachtung, die Prüfung eigener Ideen und Thesen – all das gelingt doch erst im Dialog und im Disput.

„Das Nichtwissen ist das eigentliche Problem des Journalismus“

Der Kommunikationswissenschaftler Michael Haller hat sich intensiv mit der Berichterstattung über Corona beschäftigt. Im Podcast „Die Medien-Woche“ übt Haller Kritik, besonders am frühen Umgang der Medien mit dem Virus.

Solange Journalisten mit überprüfbarem Wissen zu tun hätten, es wiedergeben und einordnen könnten, bewegten sie sich auf sicherem Terrain. Wenn es aber ein Journalist mit dem Nichtwissen zu tun bekomme, „fängt er an zu spekulieren und freut sich, wenn er Kontroversen konstruieren kann“. Das sagt der Journalistikprofessor Michael Haller über einen Teil der Corona-Berichterstattung.

In dieser Folge des Podcasts „Die Medien-Woche“ sprechen wir mit Haller, der die Berichterstattung über das Virus analysiert und in einzelne Phasen unterteilt hat. Die Menschen würden mit Meldungen „überfüttert“, kritisiert Haller, gleichzeitig aber „unterversorgt mit zuverlässigen Informationen“. Im Gespräch setzen wir uns mit Haller und seiner Kritik (die er hier auch aufgeschrieben hat) auseinander.

Wir sprechen in dieser Ausgabe auch über Öffentlichkeitsarbeit für die Wissenschaft. Die Firma Storymachine („We power your message“) hat ein Forschungsprojekt des Bonner Virologen Hendrik Streeck via Twitter und Facebook dokumentiert, die Agentur Looping Group entwickelt mit dem Journalisten Klaus Brinkbäumer ein Kommunikationskonzept für ein amerikanisches Projekt namens „Human Vaccines Project“. Fragt sich: Wenn die Arbeit von Wissenschaftlern mehr Öffentlichkeit braucht, auf welchen Wegen stellt man sie dann bestmöglich her?

Außerdem in dieser Folge der „Medien-Woche“: Die amerikanische Medienmarke Buzzfeed will ihren deutschen Ableger loswerden und sucht jetzt einen Abnehmer, doch wie groß sind die Chancen? Und es wird ein Abschaltdatum für das gute alte UKW-Radio gesucht.

Die „Medien-Woche“ ist ein Podcast über die Welt der Medien und ihre Macher. Christian Meier, Redakteur bei WELT, und Stefan Winterbauer, Redakteur des Branchendienstes Meedia, unterhalten sich immer freitags über die wichtigsten Themen der Woche. Hintergründig, analytisch, unterhaltsam.

Journalismus in der Krise: die fünf Defizite der Corona-Berichterstattung

Wir werden sie nie vergessen: Die Särge von Bergamo sind die Bildikone der Corona-Krise. Das Bild signalisierte uns tagelang in den Nachrichten, dass alles getan werden muss, um das Virus zu bekämpfen. Es sind die Ikonen, die sich in komplexen Krisen häufig als Bilder des Todes tief in die Diskurse der Gesellschaft eingraben. So prägte das Flugzeug in den Türmen der World Trade Center mindestens ein Jahrzehnt lang den Kampf gegen den Terrorismus und der tote Junge Aylan Kurdi am türkischen Strand symbolisierte die Flüchtlingskrise. Der Journalismus muss jedoch mehr leisten als die Reduktion von Komplexität in Form von Ikonen.

Omnipräsente Corona-Krise

Die omnipräsente Corona-Krise ist ein Beispiel dafür, wie zumindest in den Anfängen die journalistische Berichterstattung über wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Entscheidungen von fast ängstlicher Zurückhaltung dominiert war, was dazu führte, dass nicht vielfältige Recherche, kritische Distanz und Diskurs den Journalismus prägten. Es waren vielmehr die Verlautbarungen “starker Anführer” und die Rufe nach noch mehr und schnelleren drakonischen Einschränkungen unserer Grundrechte, wie wir sie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr erlebt haben. Mit dieser fast gespenstisch einheitlichen Berichterstattung gewannen Politik und Medien das Vertrauen der Bevölkerung: In einer Umfrage in Deutschland vor zwei Wochen waren 88 Prozent der Befragten mit dem Maßnahmenkatalog einverstanden. #FlattenTheCurve war bisher erfolgreich, die Spitäler und Kliniken in der Schweiz und in Deutschland wurden bislang vor einem Kollaps bewahrt.

Aber wurden und werden wir in dieser Krise tatsächlich hochwertig informiert? Was sind überhaupt ethische und qualitative Maßstäbe für Journalismus in Zeiten großer Unsicherheit, unbekannter Gefahren und unabsehbarer Ausgänge? Wenn die Krise abklingt, wird eine Menge aufzuarbeiten sein. So wird es sicherlich Dutzende von empirischen Studien der internationalen Journalismusforschung geben. Dennoch wollen wir bereits nach gut einem Monat für eine erste grobe Analyse der Berichterstattung innehalten. Wir richten den Blick insbesondere auf Deutschland und die Schweiz.

Uns geht es darum, kritische Denkanstöße zu geben, weil wir denken, dass gerade jetzt im Auge des Orkans ein Blick auf den Journalismus von außen wichtig ist. Unter schwierigen Bedingungen und großem Druck fehlt auch in Redaktionen oft die Zeit für Selbstreflexion. Wir sind genauso wie so viele Menschen jetzt dankbar für die enorme Leistung der Journalistinnen und Journalisten, die fast alle ihre Sendungen und Ausgaben in Telefon- und Videokonferenzen planen und aus der Küche, dem Wohn- oder Schlafzimmer heraus recherchieren und produzieren – mit allen Herausforderungen im persönlichen Umfeld und bei gleichzeitiger Furcht um ihre Arbeitsplätze und die Überlebensfähigkeit ihrer Unternehmen.

1. Die Systemrelevanz des Journalismus
Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig glaubwürdiger Journalismus in Zeiten ist, in denen große Unsicherheit und ein hohes Informationsbedürfnis herrschen. Sprunghafte Zugriffszahlen auf digitale Angebote, neue Aboabschlüsse von Plus-Angeboten der Zeitungsverlage und schwindelerregende Quoten der Nachrichten und Sondersendungen im Fernsehen sowie im totgesagten Radio belegen, dass der Informationshunger der Menschen riesig ist, welche nach aktuellen Zahlen, Informationen und Einordnungen suchen. Sie wenden sich in großer Breite journalistischen Medien zu und teilen auch auf sozialen Plattformen besonders häufig Medienbeiträge.
Die Regierungen mehrerer Bundesländer haben in Deutschland Journalisten seit Ausbruch der Coronavirus-Krise als “systemrelevant” eingestuft, neben Care-Berufen wie Rettungskräften und Supermarktangestellten. Auch in der Schweiz wird der Begriff plötzlich salonfähig. Die Journalismusforschung, Berufsverbände und viele andere weisen seit Langem darauf hin, dass kritischer und unabhängiger Journalismus systemrelevant für die Demokratie und eine offene Gesellschaft ist. Dass er jetzt in der Corona-Krise auf dieselbe Stufe gehoben wird wie Gesundheitsberufe, darauf sollten wir auch nach dieser Krise noch zurückkommen, wenn es darum geht, wie wir als Gesellschaft einen unabhängigen Journalismus auch finanziell langfristig ermöglichen können oder gegen Angriffe von demokratiefeindlichen Gruppierungen schützen.
Dass gerade jetzt, wo Journalismus so dringend nötig ist, manche Verlage und Redaktionen trotz Mehrarbeit in die Kurzarbeit rutschen und freie Journalisten in Existenznöte geraten, ist kein gutes Zeichen. Die Corona-Krise zeigt eben auch mit voller Wucht, wie schwach das Immunsystem derjenigen Medien ist, welche sich teilweise oder sogar vollständig über Werbegelder finanzieren. Und schmerzhaft müssen wir zu Kenntnis nehmen, dass sich Systemrelevanz offenbar nicht auf dem Werbemarkt allein sichern lässt.
2. Güterabwägung zwischen Pflicht- und Verantwortungsethik
Wie kann man begründen, welche Berichterstattung jetzt hochwertig und angemessen ist – und wo sie verbessert werden kann? Wir erleben wie unterm Brennglas jetzt sehr deutlich, vor welchen Herausforderungen Journalismus häufig steht: Journalistinnen und Journalisten müssen eine Güterabwägung zwischen zwei Polen vollziehen. Zwischen einerseits einer Pflichtethik, die von ihnen kritische Distanz, aufdeckende Recherche und einen vielfältigen Diskurs verlangt – und andererseits einer Verantwortungsethik, welche die Folgen des journalistischen Handelns und der Berichterstattung berücksichtigt. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich auch die journalistischen Entscheidungen in der Corona-Krise:
  • Der eine Pol, nach dem sich Journalismus richten sollte, gründet auf der Pflichtethik nach Immanuel Kant: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde”, heißt es in seinem Kategorischen Imperativ. Moralisch akzeptable Handlungen sind demnach nicht situationsabhängig, sondern orientieren sich an Werten, die immer gelten und die als Maximen nicht verhandelbar sind. Journalisten in einer offenen demokratischen Gesellschaft kommt demnach die Pflicht zu, immer und uneingeschränkt Aussagen und Fakten zu prüfen, politische Hinterzimmer-Entscheidungen ans Tageslicht zu bringen, Mächtige zu kontrollieren, investigativ zu recherchieren und vielfältige Perspektiven in öffentliche Diskurse einzuschleusen.
  • Der andere Pol, der auch eine Basis zur ethischen Rechtfertigung journalistischen Handelns ist, entspringt dem Konzept der so genannten Verantwortungsethik, die sich an den Folgen einer Handlung orientiert. Diese Art der ethischen Begründung kennt der Pressekodex zum Beispiel beim Opferschutz, beim Schutz religiöser Gefühle, beim Persönlichkeitsschutz oder der Berichterstattung über Suizide. Nicht alles, was recherchiert werden könnte, nicht alle Perspektiven sollen aus Rücksicht auf mögliche Folgen veröffentlicht werden.

Maßstab für das alltägliche redaktionelle Entscheiden muss immer die Verhältnismäßigkeit sein: Ein rein pflichtethisch orientierter Journalismus schert sich nicht um die Folgen (und unbeabsichtigte Nebenfolgen) – und Journalisten, die ausschließlich nach der Verantwortungsethik handeln, laufen Gefahr, in einen Gefälligkeitsjournalismus oder in Hofberichterstattung abzudriften, wenn sie der Öffentlichkeit keine Konflikte zutrauen und deshalb Tabus schaffen.

Was heißt das jetzt für den Corona-Journalismus?
Nach unseren Beobachtungen fühlte sich der Journalismus in Deutschland und in der Schweiz in den ersten Märzwochen der Verantwortungsethik verpflichtet. Die Medien berichteten weitgehend ohne Distanz im Einklang mit der Kommunikation des Bundes und der Bundesländer. Sie transportierten eher kritiklos und kaum mit eigenen Recherchen flankiert die Analysen und Forderungen weniger dominanter Virologen und die Entscheidungen der Regierungen. In Deutschland wurde die Wegnahme grundlegender Freiheitsrechte in journalistischen Kommentaren größtenteils gefeiert oder sogar noch mehr davon gefordert.

Aber auch in der direkten Demokratie der Schweiz gab es bei Eintritt des Notrechts durch die Landesregierung kritische Einwürfe eher selten. Auch die grundsätzliche Vielfalt und Unsicherheit wissenschaftlicher Einschätzungen wurde nur wenig thematisiert. Die Fragen, ob die Maßnahmen als Ganzes oder im Detail verhältnismäßig und zielführend oder übertrieben und widersprüchlich sind, wurden allenfalls hinter vorgehaltener Hand gestellt. Die Zurückhaltung lässt sich wohl damit erklären, dass die Journalistinnen und Journalisten bei ihren verantwortungsethischen Erwägungen die möglichen Folgen einer allzu kritischen Berichterstattung stark gewichteten. In dieser höchst undurchsichtigen Phase sollten irritierende Vielfalt und Kritik nicht noch mehr zur Verunsicherung beitragen oder das Virus verharmlosen.
Die eher unkritische Berichterstattung in den ersten Märzwochen kann man also verantwortungsethisch durchaus für angebracht halten. Es ging ja primär darum, angesichts der Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus in kurzer Zeit einen Kollaps des Gesundheitssystems zu vermeiden.
Lokaljournalismus bietet einen Teil der Vielfalt
Aber spätestens ab dem zweiten Märzwochenende, als sich in Deutschland einige Ministerpräsidenten mit drakonischen Maßnahmen überboten, und noch vielmehr in den gut zwei Wochen danach, hätten wir vom Journalismus erwarten können, auch unangenehmeren Fragen nachzugehen – und damit ihren Pflichten wieder nachzukommen. Wir denken da beispielsweise an die Frage, inwiefern die Anti-Corona-Maßnahmen im Einzelnen tatsächlich verhältnismäßig sind. Was antwortet man denen, die vermuten, dass die in Wirtschaft und Gesellschaft, Kultur und Familien durch die pauschalen Maßnahmen angerichteten Schäden längerfristig zu mehr ebenfalls ernsthaft Geschädigten führen als die direkt durch das Virus verursachten Opfer?
Die ersten Ansätze von Vielfalt kamen in Deutschland ab Mitte März durch die Redaktionen von Printmedien: teilweise angetrieben durch Gastbeiträge von und Interviews mit Staatsrechtlern, Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Ende März schwappte der offene Diskurs auch ein wenig ins Fernsehen: Die Sondersendungen und Talkshows wurden zum Teil etwas vielfältiger, sowohl was die Bandbreite der Fragestellungen als auch die der wissenschaftlichen Einordnungen betrifft. Erstaunlicherweise fand sich im oft so verschmähten Lokaljournalismus zumindest ein Teil der Vielfalt, die in den nationalen Medien fehlte: das Nachfragen bei lokalen Gesundheitsberufen und in regionalen Kliniken ebenso wie Geschichten über die Probleme und Nebenwirkungen dieses Shutdowns für die Menschen – für Unternehmer, Selbstständige, Künstler, Sportler, Schüler, Lehrer, Eltern, die Auswirkungen auf psychisch Kranke, Behinderte oder Familien in problematischen Verhältnissen.
Auch in der Schweiz ließen sich nach anfänglicher Zurückhaltung ab Mitte März vielfältige und durchaus auch kritische Zugänge sehen. Themen wie beispielsweise die riskanten Zustände in Heimen, Flüchtlingszentren oder auf Baustellen wurden aufgegriffen. Nebenwirkungen der politischen Entscheide wie eine drohende Zunahme häuslicher Gewalt, unverhältnismäßige Maßnahmen oder ungenügende Wirtschaftshilfen wurden thematisiert und Datenjournalisten zogen sämtliche Register, um den Verlauf der Entwicklung auf Basis von Zahlen zu visualisieren.
Fünf Defizite, die es zu beheben gilt
Wir befinden uns spätestens seit Anfang April mitten in einer Phase, in der Journalismus zu seiner Pflicht zurückkehren und mehr Eigenkompetenz, Distanz, Recherche und Vielfalt zeigen muss. Wir haben fünf Defizite ausgemacht, an deren Behebung in beiden Ländern einige Redaktionen schon länger arbeiten als andere, denen aber noch mehr begegnet werden kann:
(1) Der Umgang mit Zahlen: Datenjournalistische Formate und interaktive Grafiken, die Zahlen zur Pandemie darstellen, sind optimal nutzerorientiert aufbereitet – und sie interessieren viele Nutzer auch stark. Aber das führt dazu, dass man diese Zahlen wie Tabellenstände im Sport miteinander vergleicht: Sind wir jetzt schon wie Italien oder Spanien? Wie schneiden die USA ab? Wie stehen die Bundesländer und Landkreise in Deutschland da? Wer überholt wen? Diese Zahlenfixierung erinnert an die sogenannte Horse-Race-Berichterstattung, wobei die Pferde auf ganz unterschiedlichen Rennstrecken unter unterschiedlichen Bedingungen davon galoppieren. Die Zahlen werden für bare Münze in Echtzeit genommen. Aber auch wenn die Zahlen bei wissenschaftlichen Institutionen abgegriffen sind, können sie gar nicht das leisten, was man von ihnen erwartet: nämlich ein getreues Abbild der Wirklichkeit. Diese Zahlen erzählen die Geschichte nur einseitig, schmal und mitunter auch schief. Wenn es zum Beispiel heißt: “Zahl der Infizierten” – dann stimmt das nicht. Es ist die Zahl der bis dahin statistisch erfassten positiven Tests. Die Zahl der positiv Getesteten international zu vergleichen, ergibt gar keinen Sinn. Es gibt Länder, wo nur diejenigen getestet werden, die in die Klinik eingeliefert werden, in Deutschland und in der Schweiz wird dagegen vergleichsweise breit getestet, in anderen Ländern noch breiter. Auch der tägliche oder gar stündliche landesweite Vergleich hinkt: In manchen Regionen dauern die Tests zwei Tage, in anderen fünf bis zehn Tage.
Bei der Zahl der Corona-Toten müsste unterschieden werden zwischen Menschen, die an Corona gestorben sind, und Menschen, die an etwas anderem gestorben sind, bei denen das Virus aber auch nachweisbar war. Medizinisch ist das nicht immer möglich und es wird national nicht statistisch erhoben – aber in der Zahlenberichterstattung wird dieses Problem nicht angesprochen. Man sollte immer wieder darauf hinweisen, welchen Hintergrund und welche Schwächen diese Zahlen haben. Journalisten sollten diese Zahlenfixiertheit hinterfragen und die Gültigkeit der Zahlen relativieren. Das ist natürlich eine Herausforderung für Datenjournalisten, weil sie ja zugeben müssten, dass ihre sehr attraktiven Grafiken auf wackeligen Beinen stehen. Manche haben allmählich den Mut, das zu tun, aber nicht überall ist das bisher sichtbar.
(2) Strukturen statt Einzelfälle: Über die genannten Zahlen hinaus heben die Routinen vor allem des Nachrichtenjournalismus bei Krisen, Konflikten und Katastrophen schon immer den schwerwiegenden Einzelfall hervor, der oft mit Kriegsrhetorik vorgetragen wird. Einordnender Kontext und Gesamtstrukturen sind in kurzer Zeit nur schwer zu recherchieren und sorgen kaum für Aufmerksamkeit. Diese Routinen laufen aber Gefahr, den dramatischen Einzelfall zu pauschalisieren und damit Angst und Panik zu verursachen. Beispiele in der Corona-Krise sind Berichte über Hamsterkäufe oder über einzelne überlastete Kliniken. Dass in Deutschland aber alleine in 975 erfassten Kliniken noch 9.000 Intensivbetten frei sind und ebenso viele in 24 Stunden neu belegt werden können, wird kaum thematisiert – bei etwa 2100 Corona-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung (Zahlen nach Angaben des Robert Koch-Instituts vom 2. April auf Basis des Intensivregisters; neuere und vollständigere Zahlen gibt es erst wieder ab dem Osterwochenende). Fallbeispiele sind im Journalismus wichtig, um Abstraktes zu veranschaulichen und die Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken – aber die Fälle sollten möglichst das Gesamtbild verdeutlichen und nicht verzerren.
(3) Transparente Berichterstattung: Was die Bevölkerung über dieses Virus, seine Gefährlichkeit und die Wirkungen und Nebenfolgen der behördlichen Maßnahmen weiß, weiß sie fast ausschließlich über die Medien. Wieder wird wie durch ein Brennglas jetzt deutlich, wie die durch Journalismus konstruierte Medienrealität die demokratische Gesellschaft und das Leben im Alltag beeinflusst. Es wäre gerade jetzt wichtig, dass der Journalismus seine eigene Rolle in dieser Krise thematisiert und transparent über die Bedingungen, Routinen und Grenzen der Berichterstattung aufklärt. Transparenz ist zu einem zentralen Qualitätsfaktor der digitalen Medienwelt geworden, ist aber gerade jetzt unter die Räder der Routinen gekommen. Die Frage zum Beispiel, warum Redaktionen so berichten, wie sie berichten, und nicht anders, was sie warum unterlassen, erfährt das Publikum selten. Sowohl in Deutschland wie in der Schweiz lassen sich Beispiele finden, wie sich der Medienjournalismus zurzeit eher auf die Darstellung der journalistischen Arbeit im Homeoffice oder der Einsamkeit im Newsroom konzentriert (vgl. NRD Zapp vom 1. April): Es bräuchte mehr Aufklärung statt vor allem Nabelschau.
Und es gäbe so vieles zu thematisieren. In Bayern und im Tessin dürfen an Pressekonferenzen der Landesregierungen keine Journalisten mehr teilnehmen, nur Kameraleute für die Livestreams. Journalisten müssen Fragen per Mail an die Regierungssprecher einreichen – ohne Nachfragemöglichkeit, wenn die Frage nicht ausreichend beantwortet wurde. Das wurde zwischen Staatskanzlei und Landtagspresse so ausgehandelt und öffentlich einfach so hingenommen. Es gab dazu weder von der Landtagspresse noch von den Journalistenverbänden eine öffentliche Debatte, geschweige denn einen Aufschrei. Ob dem Publikum bewusst ist, dass sich die Pressekonferenzen zu Verkündigungs-Livestreams gewandelt haben – mit Journalisten als leicht zu verzichtende Staffage?
(4) Vielfältige Auseinandersetzung: Dass weitreichende politische Entscheidungen mit Eingriffen in die Grundrechte zwischen einzelnen Experten und der Exekutive im Hinterzimmer verhandelt und anschließend an die Bevölkerung distanzlos vermittelt werden, sollte die absolute Ausnahme in der Demokratie sein – und darf sich auch in den nächsten Tagen und Wochen nicht fortsetzen. In einer distanzierten Debatte müssen spätestens jetzt weitreichende Fragen gestellt und recherchiert werden. In der Schweiz dürften wir eine viel stärkere kritische Auseinandersetzung mit dem eingesetzten Notrecht erwarten. Einige Beispiele: Wie lange kann der Bundesrat nun ohne parlamentarische Debatte radikale und weitreichende Entscheide fällen? Was bedeutet dies für den demokratischen Prozess, wenn Milizparlamentarier Homeoffice machen und beispielsweise grüne Volksvertreter nur noch zuschauen können, wie darüber entschieden wird, ob und wie Luftfahrtgesellschaften Finanzspritzen erhalten? Wenn die Exekutive dominiert und die parlamentarische Debatte verstummt, muss der Journalismus besonders wachsam sein. Die Prüfung von Exekutivvoten in Zeiten des Notrechts ist nicht einfach ein weiteres Thema, das man auch mal bringen kann; es ist Pflicht.
Auch für den Katastrophenfall in Deutschland stellen sich weitreichende Fragen. Vor allem war eine offene und vielfältige Debatte über mögliche Exit-Strategien für lange Zeit weitgehend tabuisiert – und viele Medien vermeiden das Thema auch jetzt noch: Wann kehren wir wieder zur Normalität zurück und wovon machen wir das abhängig? Nur von den Fallzahlen? Auch vom Ausmaß der Nebenwirkungen sozialer Isolation? Oder nur von der Zahl der zur Verfügung stehenden Masken, wie es in den letzten Tagen den Anschein hatte? Wie könnte ein schrittweiser Exit aussehen? Diese Fragen müssten gestellt werden, und wir denken, wenn sie seriös recherchiert und nicht sensationalistisch dargestellt werden, tragen sie nicht nur zur Aufklärung mündiger Bürger, sondern auch zur konstruktiven Orientierung bei. Verfassungsrechtler verweisen darauf, dass Eingriffe in die Grundrechte ernsthaft öffentlich diskutiert werden müssen und nicht die drakonischste Maßnahme das Mittel der Wahl ist, sondern das mildest mögliche Mittel. Gerade dann, wenn die Parlamente die Macht weitgehend an die Exekutive übergeben haben, die per Verordnung regiert, und Versammlungen und Demonstrationen verboten sind, muss der offene Diskurs in den Medien stattfinden.
(5) Virologen als unfehlbare Medienstars: Einige wenige Chef-Virologen wurden zu unfehlbaren Medienstars aufgebaut. Doch auch die Studien und Aussagen, Ratschläge und Forderungen der Virologen sind sich im Detail nicht einig, ja können sich in dieser neuen wissenschaftlichen Herausforderung gar nicht einig sein. Eine der wichtigsten Wissenschaftstheorien des 20. Jahrhunderts ist der Kritische Rationalismus, der das Falsifikationsprinzip formuliert hat (nach Karl Popper): Wissenschaftlicher Fortschritt ist vor allem durch das Widerlegen von Theorien möglich und kaum durch dauerhaftes Bestätigen. Wissenschaftler müssen sich irren dürfen. Sie müssen sogar daran arbeiten zu beweisen, dass die Wissenschaft sich geirrt hat. Wissenschaft, also die Suche nach Wahrheit, muss per se mit Unsicherheit leben. Deshalb ist es grundfalsch, einzelne Wissenschaftler als unfehlbare Medienstars aufzubauen. Sie sind damit überfordert. Es ist nicht die Aufgabe ihrer Profession. Der Zweifel ist ihr Prinzip, nicht Gewissheit. Sie haben auch kein demokratisches Mandat.
Die Auswüchse der Berichterstattung zeigen sich in Deutschland beispielhaft, wenn die Zeit Christian Drosten als neuen Bundeskanzler karikiert (“Ist das unser neuer Kanzler?”) oder die Bild über das Vertrauen in die sieben “wichtigsten Kämpfer gegen Corona”, also in Virologen, abstimmen lässt. Und: Wissenschaftler sind Experten in ihrem je eigenen Fachgebiet. Deshalb braucht es in der demokratischen Gesellschaft Journalismus: einen recherchierenden, distanzierten Journalismus, der verschiedene Perspektiven in einem Fach thematisiert, auch verschiedene Fachgebiete befragt. Es ist klar, dass ein Epidemiologe eine Eindämmung um jeden Preis fordern muss. Den Preis zu berechnen und zu begrenzen, ist nicht seine Aufgabe. Das müssen andere Fachleute machen. So muss der Journalismus den Diskurs über Domänengrenzen hinaus organisieren. Beispielsweise indem er unter Rückgriff auf politologische und juristische Expertise notrechtliche Auswüchse thematisiert, mit der Soziologin der Frage nachgeht, wie das Virus Machtverhältnisse oder den Umgang mit Risiken verändert, mit dem Ethikprofessor über medizinische Entscheidungen diskutiert, mit der Psychologin über die Auswirkungen von Quarantäne auf Menschen in labilen Verhältnissen spricht – oder gerne auch mit der Kommunikationswissenschaftlerin die Routinen des Journalismus, die Medienlogik und die Macht der Medien reflektiert.
Alles in allem: Es ist an der Zeit, dass sich der Journalismus auf seine Maximen besinnt und die Folgen des Handelns zwar im Auge behält, aber nicht mehr in den Mittelpunkt redaktioneller Abwägungen stellt. Was viele Menschen jetzt als wohltuend empfinden – dass in der politischen Auseinandersetzung kein Streit allein um des Streits willen provoziert wird wie so oft in den letzten Jahren – könnte durchaus beibehalten werden. Aber ein öffentlicher Streit um des intensiven Austauschs von Argumenten willen gehört zur Demokratie wie Wasser zum Leben.

Mathias Döpfner schwört die Zeitungsverlage auf die Corona-Krise ein

Journalistisch erlebe die Branche derzeit einen Höhenflug, schreibt der BDZV-Präsident in einem Rundbrief an die Mitgliedsverlage des Verbands. Ökonomisch sei die Branche allerdings schwer getroffen. Wer nun anspruchsvolle Inhalte verschenke und nach staatlichen Zuschüssen rufe, schaufle der freien Presse ein Grab.

In dem Rundschreiben an die Mitgliedsverlage des BDZV konstatiert Verbandspräsident Mathias Döpfner: Das Interesse an Journalismus sei hoch wie lange nicht, inhaltlich könne man „von einer Sternstunde wahrheitsgemäßer und verantwortungsvoller Information sprechen“, Journalisten seien wieder „unser Fenster zur Welt.“ Dem gegenüber steht die bittere Erkenntnis: „Die Anzeigenmärkte kollabieren.“

Öffentliche Gelder und staatliche Zuschüsse könnten in dieser Situation wie ein „rettender Strohhalm erscheinen“, schreibt Döpfner: „Doch bei allem Verständnis: Wir müssen unsere journalistische Unabhängigkeit bewahren.“ Wer einmal öffentliche Subventionen beziehe, wolle künftig womöglich nicht mehr darauf verzichten.

Etwas anderes sei die finanzielle Förderung der von der redaktionellen Arbeit getrennten Zustellungsinfrastruktur. An dieser Stelle erneuerte Döpfner den Appell des BDZV an die Politik. Diese Art finanzieller Förderung wäre ein „wichtiger Beitrag zu Meinungsvielfalt und Demokratie.

Vor allem aber mahnt Döpfner in dem Schreiben an die Verlage, journalistische Inhalte nicht zu verschenken. Die entgeltliche Verbreitung sei „der einzige Weg, um die Informationsvielfalt, die Qualität unserer Inhalte und Tausende von journalistischen Arbeitsplätze zu erhalten.“ Wer dieses Prinzip verneine, schaufle der freien Presse ein Grab.

Karmasin: „Medienförderung sollte vor allem Qualität im Fokus haben“

32 Millionen Euro macht die türkis-grüne Regierung locker, um in der Corona-Krise Medien finanziell zu unterstützen. Das Geld soll an kommerzielle Privatsender (15 Millionen), Tageszeitungen (12,1), Wochenzeitungen (2,7) und nichtkommerzielle Privatsender (2) ausgeschüttet werden. Nach dem Verteilungsschlüssel erhält etwa die „Kronen Zeitung“ 2,72 Millionen Euro, „Heute“ und „Oe24“ gut 1,8 Millionen. Der STANDARD kommt auf rund 500.000 Euro.

STANDARD: Kritiker sagen, das Medienhilfspaket ist ein Boulevardförderungsgesetz. Was stört Sie daran?

Karmasin: Einerseits die Frage, warum man das Gesetz so stark auf die Vertriebsförderung, also bedrucktes Papier, fokussieren muss, und warum man nicht auch digitalen Vertrieb mit in den Blick nimmt. Sehr viele Menschen konsumieren ihre Informationen online, und Qualitätsinformation ist genau in diesem Bereich ganz wichtig. Aber dort entstehen auch viele Kosten, etwa bei der Moderation von Foren oder bei der Aktualisierung von Informationen. Zweites ist es eine Quantitäts- und keine Qualitätsförderung. Eine Medienförderung sollte vor allem Qualitätsaspekte im Fokus haben. Und drittens ist es Aufgabe von Medienpolitik, eine Medienkonzentrationskontrolle auszuüben und nicht die Konzentration zu zementieren oder gar zu fördern.

STANDARD: Welche Onlinemedien sollten gefördert werden?

Karmasin: Führt man sich eine aktuelle Gallup-Studie vor Augen, dann beziehen 69 Prozent der STANDARD-Leser, 62 Prozent der „Presse“-Leser, 57 Prozent der „Tiroler Tageszeitung“-Leser oder 39 Prozent der „Salzburger Nachrichten“-Leser ihre Corona-Nachrichten ausschließlich online. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass Online gerade in der Corona-Krise ganz wichtig ist. Natürlich auch aufgrund des Social-Distancing-Prinzips, dass Leute kaum mehr in Trafiken oder zum Kolporteur gehen sollen. Da geht es um Onlineangebote verlegerischer Herkunft aus Österreich und nicht darum, Google oder Facebook zu fördern.

STANDARD: Überall ist von Homeoffice die Rede und vom Digitalisierungsschub, der mit der Corona-Krise mitschwingt, aber Onlinemedien schauen durch die Finger. Können Sie sich diese Haltung erklären?

Karmasin: Das kann ich mir schwer erklären, und es müsste auch die Digitalisierungsministerin (Margarete Schramböck, ÖVP, Anm.) ganz stark darauf drängen, dass digitale Angebote qualitativ gefördert werden. Die Betonung liegt auf qualitativ. Medienförderung sollte erstens zeitgemäß sein, also konvergent sein und Digital im Blick haben, und zweitens Qualität fördern, um gute journalistische Inhalte und möglichst große Vielfalt zu ermöglichen.

STANDARD: Das Medienpaket führt dazu, dass eine Kirchenzeitung 130.000, die Raiffeisenzeitung 112.000 oder ein Reichweitenriese wie „Die Ganze Woche“ mit 130.000 Euro dreimal so viel Geld bekommen wie etwa der „Trend“ mit 43.000 Euro. Und selbst die rechtsextreme „Zur Zeit“ erhält mit 67.000 Euro mehr.

Karmasin: Auch das ist ein Zeichen für die im Kern gute Absicht, aber die problematische Umsetzung im Detail. Wer schnell fördert, kann nicht immer treffsicher sein.

STANDARD: War das Medienförderungspaket ein unüberlegter Schnellschuss?

Karmasin: Es geht sicher darum, angesichts der Medienkrise schnell zu helfen, was fehlt, ist die Treffsicherheit. In der Schnelligkeit kann sie nicht bei 100 Prozent liegen, das ist klar, mittelfristig muss man in der Medienpolitik über ein Post-Corona-Medienpaket nachdenken. Gerade in der Krise werden die medienpolitischen Versäumnisse der Vergangenheit deutlich.

STANDARD: Welche?

Karmasin: Etwa eine zeitgemäße Neuordnung von Publizistik- und Presseförderung, die Förderung von Qualitätsmedien, die Bekämpfung von Konzentration und Crossownerships, ein zeitgemäßes Leistungsschutzrecht. Was mache ich mit der Zuständigkeit des Presserates? Wie kann ich die Selbstkontrolle nicht nur fordern, sondern auch fördern? Dann kommt noch die ORF-Reform ins Spiel und die Privatrundfunkförderung nach Qualitätskriterien und der sogenannte dritte Sektor. Und da habe ich noch gar nicht von öffentlichen Inseraten und der Herstellung von Kommunikation durch Gebietskörperschaften, die über Steuergelder finanziert wird, geredet.

STANDARD: Dann reden wir kurz darüber: An welchen Kriterien soll sich die Vergabe öffentlicher Inserate orientieren?

Karmasin: Die Inserate haben einen Lenkungseffekt im Markt, das ist klar. Bei Beschaffungen für den öffentlichen Bereich haben wir uns ja sonst auch auf das Bestbieterprinzip geeinigt und nicht auf das Billigstbieterprinzip. Da geht es dann nicht um den billigsten Tausend-Kontakte-Preis, sondern es kommen wieder Qualitätskriterien ins Spiel. Und wohl auch, wie setzt man die Maßnahmen miteinander in Beziehung? Stichwort: Gemeindeebene, Stadt-, Land- und Bundesebene.

Es wäre an der Zeit, das Silodenken zu verlassen und von einzelnen Mediengattungen wegzukommen. Welche Tageszeitung hat keinen Onlineauftritt und welcher Privatsender keinen Social-Media-Auftritt? Nicht an einzelnen Stellschrauben sollte isoliert gedreht werden, sondern der Markt als Ganzes betrachtet werden. Vor allem auch, weil der Medienmarkt fast schon als Prototyp für Marktversagen gelten kann und eine so starke Tendenz zur mediengattungsübergreifenden Konzentration hat.

STANDARD: Weil einigen meinen, es sei schwierig, Qualität zu definieren: Welche Parameter zählen für Sie?

Karmasin: Qualität kann man definieren. Es gibt zum Beispiel sehr umfangreiche Berichte zur Lage der Qualität der Medien in Österreichs und der Schweiz. Einerseits geht es um formelle Ansatzpunkte wie ein Redaktionsstatut, die Teilnahme an einer anerkannten Form der Selbstkontrolle wie dem Presserat. Dass man Urteile des Presserats nicht nur respektiert, sondern auch publiziert. Weitere Vorschläge reichen von Leserbeauftragten bis zu einer Korrekturspalte, und dann gibt es inhaltliche Kriterien, die in der Kommunikationswissenschaft seit Jahren gehandelt werden – wie den Trennungsgrundsatz von Nachricht und Kommentar und von redaktionellen und werblichen Inhalten, Quellentransparenz, Recherche et cetera. Andere wiederum fordern die Häufigkeit der Verurteilungen des Presserats als Maßstab ein, und so weiter.

STANDARD: An Kriterien mangelt es also nicht.

Karmasin: Sieht man sich den typischen Medienmarkt an, dann gibt es den Boulevard und die Qualitätsmedien sowie Medien, die irgendwo in der Mitte einzuordnen sind. Es ist keinesfalls gesagt, dass der Boulevard nicht auch den Presserat anerkennt, dass er nicht auch seine Urteile publiziert, sich nicht auch um interne Mechanismen zur Qualitätskontrolle bemüht oder sich um Aus- und Weiterbildungen der Mitarbeiter in ethischer Hinsicht kümmert.

STANDARD: Boulevard und Qualität schließen einander nicht zwingend aus?

Karmasin: In diesem Sinne, dass Regeln eingehalten werden, journalistische Selbstkontrolle geübt wird, Ehrenkodizes anerkannt werden, Kontrollmechanismen eingeführt werden, die Korrektur von Fehlern veranlasst wird und so weiter. All das sind Möglichkeiten für den Boulevard, und es gibt internationale Beispiele, wo das funktioniert. Der Gesetzgeber ist indes im Sinne der regulierten Selbstregulierung gefordert – im Sinne einer Motivation zur Teilnahme an Selbstkontrolle, die über reine Freiwilligkeit hinausgeht, und auch im Sinne einer gesellschaftlichen Aufwertung der Selbstkontrolle – etwa wie es in anderen Berufen und Bereich schon länger der Fall ist.

Das Prinzip der Freiwilligkeit ist gut, aber nicht immer ausreichend, auch wenn die Entwicklung und die Akzeptanz durchaus positiv ist wie auch der Journalismus Report 2020 empirisch nachweist. Der Staat soll aber nicht sagen, was im Ehrenkodex der Presse steht, wie die Selbstkontrolle sich organisiert, aber er soll dafür sorgen, dass sich alle an dieselben Regeln halten. Und da ist Medienförderung ein Ansatz.

STANDARD: Das heißt, Sie würden die Mitgliedschaft im Presserat als Voraussetzung für Medienförderung verankern?

Karmasin: Ja, das hielte ich für sinnvoll. Inhaltlich hat sich der Staat nicht einzumischen, was im Ehrenkodex der Presse steht, es gibt auch ein Zensurverbot und das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber er muss dafür sorgen, dass sich alle an dieselben Regeln halten. Analog zum Presserat für den Printbereich ginge so eine Selbstkontrolle auch im Privatrundfunk.

STANDARD: Mit dem Medienpaket der Regierung erhält der Privatrundfunk 15 Millionen Euro. Vermissen Sie auch hier die Qualitätskriterien analog zu den Printmedien?

Karmasin: Ja, allerdings muss man berücksichtigen, dass es hier mehr unterhaltende Elemente gibt, das ist auch legitim. Man müsste hier schon auch medienspezifische Kriterien definieren. Auch bei der Unterhaltung stellen sich relevante Fragen, etwa ob die Wertschöpfung in Österreich stattfindet. Das betrifft österreichische Produktionen wie die Film- und Kreativwirtschaft. Auch die sind stark von der Corona-Krise betroffen, und man könnte darüber nachdenken, dass man Koproduktionen fördert und dass man immer im Blick hat, dass die Maßnahmen die Wertschöpfung in Österreich maximieren sollen. Es ist nicht so, dass private Rundfunkbetreiber keine Qualität produzieren, das stimmt nicht, gerade im Informationsjournalismus gibt es sehr hochwertige Formate, aber die Förderung sollte auch hier an Qualitätskriterien gekoppelt werden.

STANDARD: Wer sollte über die Vergabe entscheiden?

Karmasin: Generell könnte sich die Vergabe zum Beispiel an der Wirtschaftsförderung orientieren. Also dass die Gelder von Expertenjurys vergeben werden. Man evaluiert dann die Treffsicherheit der Maßnahmen – etwa durch den Rechnungshof, denn die derzeitige Presseförderung hat nicht unbedingt zu einer Erhöhung der Vielfalt und zur Abnahme der Konzentration beigetragen. Es ist sicher nicht so, dass sich Expertinnen und Experten nicht auch irren können, wichtig ist aber eine möglichst politikferne Besetzung und dass Leute darüber entscheiden, die die Zukunft der Branche einschätzen können.

Ziel und Sinn der Medienförderung muss es sein, eine möglichst hohe Qualität der öffentlichen Auseinandersetzung und des öffentlichen Diskurses zu forcieren. Gefördert werden soll, kurz gesagt, was Wertschöpfung in Österreich ermöglicht und was demokratiepolitisch von Wert ist – und das ist mehr oder minder professioneller, qualitätsvoller und in jeder Hinsicht unabhängiger Journalismus in größter Pluralität, der freilich nicht immer auf sogenannte Legacy Media und auf klassische berichtende Formate beschränkt sein muss.

STANDARD: Auch der ORF klagt darüber, dass ihm die Werbeeinnahmen wegbrechen, und prognostiziert, dass heuer 50 Millionen Euro fehlen könnten. Sollte die Regierung auch dem ORF finanziell unter die Arme greifen?

Karmasin: Die Corona-Krise schlägt im Medienbereich brutal zu. Da geht es vor allem einmal um die Gewährleistung von Qualität und Information. Der ORF macht hier einen hervorragenden Job. Das wird auch von der Bevölkerung anerkannt. Auch für eine zukünftige Gestaltung muss man klarerweise den ORF mitdenken und berücksichtigen. Mittelfristig geht es darum, wie man den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk und den freien, nichtkommerziellen Sektor so organisiert, dass eine möglichst hohe Qualität von Öffentlichkeit herauskommt – sowohl im Unterhaltungs- als auch im Informationsbereich.

STANDARD: Mittelfristig gesehen: Wie soll der ORF finanziert werden? Über Gebühren, das Budget oder eine Haushaltsabgabe?

Karmasin: Meine Präferenz ist eine Haushaltsabgabe. Erstens ist sie transparent, zweitens ist die Frage nach der Gesetzeslage zu stellen. Wer den ORF streamt, braucht keine ORF-Gebühren zu zahlen. Das hält an der Fiktion der Terrestrik fest und nicht am digitalzeitlichen Fernsehen. Das geht an den Nutzungsrealitäten vorbei. Gerade auch jüngere Menschen nutzen aktuell den ORF, sie nutzen ihn aber auch zeitlich versetzt und über die digitalen Angebote. Mit einer Haushaltsabgabe ließe sich auch die aktuelle Intransparenz beseitigen. Der ORF erhält ja im Bundesländerschnitt nur circa 67 Prozent der GIS-Gebühren, der Rest geht etwa an die Länder und die Kulturförderung oder ist Umsatzsteuer. Eine Haushaltsabgabe, die an das Einkommen gekoppelt ist, wäre auch gerechter. Und ich bin selbstverständlich sehr dafür, dass auch einkommensschwache Menschen, die sich das nicht leisten können, Zugang zu öffentlich-rechtlichem Fernsehen haben.

STANDARD: Sollten die Gelder für Medienförderung aus der Haushaltsabgabe gespeist werden?

Karmasin: Eher nein. Was ich schon einmal vorgeschlagen habe, ist, die Werbeabgabe für Medienförderung zweckzubinden. Die ist Ländersache, könnte aber im Zuge der Finanzausgleichsverhandlungen – Paragraf 15a – aufs Tapet kommen und diese Sondersteuer für Medien zweckbinden.

STANDARD: Aufgrund der Einbußen am Werbemarkt müssen einige Medien auf Kurzarbeit setzen, was eine Reduktion der Arbeitszeit bedingt. Sehen Sie die Gefahr, dass das Informationsangebot darunter leiden könnte, das gerade in der Corona-Krise so essenziell ist?

Karmasin: Das ist die Problematik und zeigt, wie wichtig qualitätsvolle Information ist. Die Medien leiden genauso wie alle anderen Branchen, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, unter der Corona-Krise, und gerade die Medien sind für qualitätsvolle Information ganz essenziell, und natürlich könnte die Qualitätssicherung aufgrund fehlender Ressourcen oder mangelnder Liquidität schwieriger werden. Deswegen lautet mein Appell, schnell und direkt zu helfen, damit die Liquidität weiter aufrecht bleibt und Medien weiter einen guten Job machen können. Dass man dafür in Kauf nimmt, dass man ein paar fördert, die es nicht verdient hätten, und ein paar vergisst, die es verdient hätten, das kann in der Geschwindigkeit passieren, sollte aber mittelfristig in einer Post-Corona-Medienpolitik korrigiert werden.

EU geht mit Drohnen auf Einbrecherjagd

Europäische Polizisten gehen mit kaum sichtbaren Drohnen gegen Einbrecherbanden vor. Beteiligt ist auch das BKA.

Beschafft wurden die Drohnen für das EU-Projekt „Spectre“, das von der französischen Nationalpolizei, dem BKA und einem speziellen Büro der litauischen Kriminalpolizei geleitet wird. Ziel des Projektes ist es, grenzübergreifend operierende Banden zu schnappen, insbesondere in den Bereichen Diebstahl, Geldwäsche und Korruption. Der EU zufolge wurden im Rahmen des Projekts bis Dezember 2019 insgesamt 450 Verdächtige festgenommen und zwölf Millionen Euro beschlagnahmt.

Insgesamt wurde für das Spectre-Projekt Technik für 200 000 Euro gekauft. Neben den Nano-Drohnen wurden auch 40 GPS-Ortungsgeräte bestellt, mit denen sich der Standort von Verdächtigen in Echtzeit verfolgen lässt. Außerdem wurden laut der Auflistung der Bundesregierung auch Geräte beschafft, mit denen Ermittler feststellen können, ob Kriminelle Frequenzstörgeräte, sogenannte Jammer, einsetzen. Kriminelle auf der Flucht können mit Jammern Funk und Handysignale in ihrem Umkreis blockieren, etwa wenn sie befürchten, dass ihre Handys von der Polizei getrackt werden oder dass in gestohlenen Autos Funkmelder verbaut sind.

Filmproduzent Nico Hofmann sieht große Chancen im Umbruch der Medienlandschaft

Der Filmproduzent und Ufa-Geschäftsführer Nico Hofmann sieht die Medienlandschaft im größten Umbruch seit Einführung des Privatfernsehens vor gut 25 Jahren. „Ich empfinde das als große Chance, weil es nun natürlich wesentlich mehr Anbieter von Bewegtbildern und damit auch mehr Abnehmer für unsere Produktionen gibt“, sagte Hofmann der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Auf diese Weise ergeben sich für die gesamte Branche unfassbar viele Möglichkeiten.“

Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF hätten sich in den vergangenen Jahren massiv darum bemüht, inhaltlich eine gewisse Marktdominanz zu erringen, und verzeichneten in den Mediatheken eindrucksvolle Abrufzahlen.

Die Rundfunkgebühr von 17,50 Euro (demnächst wohl 18,36 Euro) sehe er bei den Abokosten von Bezahldiensten angesichts der Bandbreite des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit seinen 18 Programmen und dem riesigen Hörfunkangebot als „ein echtes Schnäppchen“, sagte Hofmann.

Constantin-Chef glaubt an Comeback des Kinos

„Es wird wieder Sehnsucht nach Kino geben“, sagte er. „Ich glaube an ein großes Comeback des Kinos.“ Die Zeit bis dahin werde allerdings hart für die Branche, sagte der Filmproduzent („Fack ju Göhte“). „Kredite allein helfen da nicht. Einem Kinobesitzer irgendwo in der Provinz nutzt es nichts, wenn er jetzt ein paar Tausend Euro bekommt, die er in ein paar Monaten zurückzahlen muss. Dazu wird er nicht in der Lage sein.“

Auch die Constantin habe Schwierigkeiten. Die Produktion von mehr als 30 Filmen, Shows und Serien stoppe. Moszkowicz rechnet mit Mehrkosten von mehreren Millionen Euro. „Die Politik hat lange gezögert, klare Ansagen zu machen“, kritisierte er. „Und dann ging auf einmal alles sehr schnell. Da war kaum Zeit zu reagieren.“ Was der Branche jetzt helfen würde, sei das Ausrufen des nationalen Notstandes. „Das hätte massive Veränderungen im Haftungsverhältnis zur Folge. Dann müsste der Staat für die Kosten aufkommen.

Moszkowicz kritisierte auch die Versicherungen. Sie hätten sich „rausgezogen und gesagt, dass sie nicht zahlen wollen“. Es gebe Klauseln, die Pandemien und Epidemien ausschließen. „Unfassbar, wie sich einige in der Versicherungsbranche jetzt verhalten.“

Die Rückkehr der Autokinos?

Seit Jahrzehnten war fast alles, was man über Autokinos las, ein Nachruf. Nun, da die Viren fliegen, sind sie plötzlich wieder da. Und die amerikanische Geschwisterschaft der Fahr-rein-Unternehmer macht uns Mut.

Lauter längst vergangen geglaubte Dinge kommen gerade zurück. Wer hätte noch vor kurzem gedacht, das Wort „Passierschein“ habe mehr als eine historische Bedeutung? Oder die Rationierung von Lebensmitteln? Und dann ist da noch das Autokino. Seit Jahrzehnten war fast alles, was man über Autokinos las, ein Nachruf. Jetzt berichten verschiedene amerikanische Zeitungen über die Wiederkehr des Verdrängten. Hier nämlich kann man soziale Distanz leben und trotzdem ausgehen beziehungsweise -fahren, Popcorn inklusive.

Laut der „United Drive In Theater Owners Association“ (UDITOA), dem Verband amerikanischer Autokino-Besitzer, gibt es 305 Autokinos in der Vereinigten Staaten. Bislang hätte man „noch“ gesagt, jetzt denkt man sich: immerhinque! Die Internetseite der UDITOA hält dann sogar eine nach Bundesstaaten aufgeschlüsselte Statistik parat, und siehe da: In Nebraska gibt es leider wirklich nur noch ein Autokino, in Pennsylvania hingegen sagenhafte 28, mit insgesamt 45 Leinwänden. Das „mission statement“ auf der Internetseite klingt plötzlich wie eine Abwandlung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „To form a strong brotherhood (and sisterhood) of drive-in owners“. Die Geschwisterschaft der Fahr-rein-Unternehmer soll einander bei Problemen helfen und die Öffentlichkeit bilden und erziehen.

Zugegeben, das „Blue Starlite Mini Urban Drive-In“ in Austin, Texas, das in einem Revival-Artikel der „New York Times“ beschrieben wird, sieht auf dem dazugehörigen Bild aus, als habe es noch ordentlich Luft nach oben: ein abgehalfterter Parkplatz mit Kleinstleinwand, auf der ausgerechnet der ultimative Tunix-Film „The Big Lebowski“ gezeigt wird. Auch so ein altes Wort: „Tunix“. Aber für die Luft nach oben, den Stoff der Träume, den wir alle gerade so brauchen, bietet die Homepage der UDITOA ihrerseits Raum. In ihrem Inhaltsverzeichnis entdeckt man zwischen „About Us“ und „Members“ tatsächlich auch eine Kategorie „For Sale“. Neugierig klickt man darauf – und siehe da: Ein „schönes Fünfhundert-Autos-eine-Leinwand-Drive-in unterhalb der Smoky Mountains“ steht zum Verkauf. Auf halbem Weg zwischen Knoxville and Chattanooga. Mit „radio sound“, das heißt, die Tonspur des Films wird auf einer eigenen Radiofrequenz übertragen, mit digitaler Projektion und „in gutem Zustand“.

Kann man sich eine romantischere Verkaufsanzeige denken? Ein Land der Möglichkeiten. In Deutschland, war gerade im Regionalteil dieser Zeitung zu lesen, bleiben auch Autokinos nicht von den Quarantäne-Maßnahmen verschont. Das Autokino Gravenbruch bei Neu-Isenburg etwa, das demnächst sechzigsten Geburtstag feiert, ist derzeit geschlossen.

Buzzfeed: Die Corona-Pandemie wird für die Verlagsbranche schlimmer als die Finanzkrise

Unter dem Titel “Das Coronavirus ist ein Mediensterbe-Ereignis” skizziert BuzzFeed News-Reporter Craig Silverman ein nahezu apokalyptisches Szenario für die Verlagsbranche. “Die Finanzkrise 2008 hat 19 Prozent der Zeitungsumsätze ausradiert – die nie wiederkamen. Das Coronavirus gestaltet sich schlimmer”, schreibt Silverman.

Das Problem der Branche: Die Medienindustrie war bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie im dreifachen Würgegriff des digitalen Paradigmenwechsels. Einerseits leidet der Journalismus unter der zähen Monetarisierung der Inhalte im Digitalzeitalter, andererseits ist es der Branche nie gelungen, die aus dem Print-Segment wegbrechenden Anzeigenenerlöse online auch nur annähernd zu kompensieren.

Corona-Krise trifft angeschlagene Verlagsbranche besonders schwer

Abermals erschwert wurde die Situation der Verlage durch den Siegeszug der Digitalchampions Google, Facebook und zuletzt auch noch Amazon, die bei der Verteilung der Werbegeldern “den Sauerstoff aus dem Raum saugen” (Scott Galloway).

Und nun kommt auch noch die Corona-Krise, die die Welt in einen seit dem Zweiten Weltkrieg nie dagewesenen Stillstand versetzt – und damit das Umfeld für Anzeigen eintrübt. “Alle Werbeschaltungen aus dem Unterhaltungs- und Restaurantbereich sind komplett verschwunden, auch Werbung aus dem Automobilsektor ist betroffen”, merkt etwa Alan Fisco, Finanzchef bei der Seattle Times gegenüber BuzzFeed an.

“Leider glaube ich, dass wir (durch die Corona-Krise – A.d.R.) mehr Einstellungen von Zeitungen und als Ergebnis mehr Nachrichtenwüsten sehen werden”, schlägt in Alan Fisco in die gleiche Kerbe.

Die Alarmsignale für den scharfen Einbruch auf den Werbemarkt waren bereits in den vergangenen Wochen von Branchenschwergewichten zu hören. Anfang März warnte die New York Times wegen “Unsicherheit und Angst vor dem Virus” vor einer “Verlangsamung der internationalen und nationalen Anzeigenbuchungen”. Gestern kassierte Social Media-Pionier Twitter seinen Ausblick auf das laufende Quartal und stellte nun rückläufige Umsätze und einen operativen Verlust in Aussicht.

Disney-Streamingchef im Interview

Disney+ startet am 24. März in Europa. Mit der Macht des Medienkonzerns im Rücken will der Streamingdienst zum härtesten Konkurrenten für Marktführer Netflix aufsteigen. Der Mann hinter der Expansionsstrategie ist Kevin Mayer. Im Interview erklärt der Manager, mit welchen Inhalten Disney+ auch die deutschen Nutzer überzeugen will.

Herr Mayer, die Coronakrise hat die ganze Welt im Griff. Wie wirkt sich das auf Ihr aktuelles Großprojekt, den Europastart Ihres Streamingdienstes Disney+, aus?
Zuallererst wollen wir garantieren, dass unsere Mitarbeiter sicher sind, und haben zum Beispiel unser Launch-Event in London vor zwei Wochen abgesagt. Andererseits ist es aber schön, dass viele Menschen in Europa in dieser schweren Zeit nun unsere ermunternden Inhalte von zu Hause aus sehen können.

Für einen Streamingdienst sind das ja gute Zeiten. Die Leute gehen nicht ins Café oder ins Kino, sondern schauen zu Hause fern. Zeigt sich das bereits in den Zahlen von Disney+?
Wir veröffentlichen keine Zahlen dazu. Sie können sich aber denken, was es bedeutet, wenn Menschen weltweit zu Hause bleiben und sich unterhalten wollen.

Vergangene Woche musste Disney einen Dreh für die im August anlaufende Marvel-Serie „The Falcon and the Winter Soldier“ in Prag abbrechen, weil die tschechische Regierung Veranstaltungen mit mehr als 100 Menschen verboten hat. Wird so etwas jetzt öfter passieren?
Schwer zu sagen. Aktuell glauben wir nicht, dass die Serie lange verzögert wird, aber mal sehen. Wir werden nichts tun, was die Gesundheit unserer Crews gefährdet, nur um einen Starttermin einzuhalten.

Sie hatten einen starken Start in den USA mit zuletzt 28,6 Millionen Abonnenten und der Star-Wars-Hitserie „The Mandalorian“. Man hört aber nicht viel über andere neue Serien oder Filme. Wie wollen Sie Ihre Abonnenten bei der Stange halten?
Wir investieren im ersten Jahr eine Milliarde Dollar in neue Inhalte für Disney+, im vierten Jahr wird es das Doppelte sein. Wir sind aber nicht der Streamingdienst, der jede Woche einen neuen Titel hat. Disneys Philosophie ist es, weniger zu produzieren, aber dafür auf höchstem Niveau. Außerdem haben wir einen gewaltigen Katalog, der ständig wächst. All die Filme, die bisher an Netflix gingen, laufen künftig auf Disney+.

Von Ihren Erfahrungen an der Kinokasse: Welche Disney-Inhalte funktionieren denn in Deutschland besonders gut?
Deutsche lieben Star Wars, definitiv. Marvel, Pixar und all unsere Marken haben eine große Fangemeinde in Deutschland, aber Star Wars sticht richtig heraus. Also rechne ich damit, dass „The Mandalorian“ und die Filme besonders gut funktionieren werden.

Ihre Konkurrenten Netflix und Amazon produzieren immer mehr Inhalte in Europa. Disney bald auch?
Ja. Wir haben das Glück, dass unsere Marken eine globale Anziehungskraft haben. Aber warum sollten wir nicht etwas in Deutschland produzieren können, das dann Fans auf der ganzen Welt findet? Mit dieser Philosophie werden wir unsere europäischen Produktionen angehen.

Sie werden bald auch nicht mehr darum herumkommen. Die EU plant, Streamingdiensten eine 30-prozentige Quote für lokale Inhalte vorzuschreiben. Netflix hat sich gerade erst dazu durchgerungen, die deutsche Filmabgabe zu bezahlen. Wie wird Disney das halten?
Wir halten uns immer an die lokalen Gesetze. Wir finden es zwar besser, wenn der freie Markt vorgibt, welche Inhalte produziert werden. Aber wir respektieren die kulturellen Regeln in Europa.

Sie waren ein Favorit für die Nachfolge von Disney-Chef Bob Iger. Nun ist es Bob Chapek geworden, der zuvor die Freizeitpark-Sparte leitete. Was heißt das für die Bedeutung von Disney+ im Konzern?
Ich kenne Bob Chapek sehr lange, wir sind sehr gute Freunde. Ich bin froh, dass er in dieser Rolle für Disney arbeitet. Der Wechsel an der Spitze wird unsere Streamingstrategie kein bisschen verändern. Er braucht mich, um diese Strategie umzusetzen, und das werde ich tun.

IT-Experte Felix von Leitner: “Die Drosselung bei Netflix und Co ist blinder Aktivismus”

Der IT-Experte Felix „Fefe“ von Leitner kritisiert die Ankündigung von Netflix, YouTube und Co, ihre Datenmengen drosseln zu wollen, um das Netz zu entlasten. Dies sei „illusorisch“. Der EU wirft Leitner „blinden Aktivismus“ vor – und macht einen Gegenvorschlag.

MEEDIA: Herr von Leitner, Netflix hat angekündigt, die Datenübertragung zu drosseln. Mit der Maßnahme soll das Netz entlastet werden. Eine sinnvolle Maßnahme?
Felix von Leitner: Nein. Das war sinnloser Aktivismus eines EU-Kommissars. Ein Internetprovider wie die Telekom hat ein eigenes Netz, mit dem die ganzen DSL- und Mobilfunk-Kunden zusammengeschlossen werden. Die Struktur des Netzes kann man sich wie einen Baum vorstellen. An den Ästen hängen DSL-Kunden und je weiter man zum Kern kommt, desto dicker werden die Leitungen. An mehreren Stellen gibt es Übergangspunkte zwischen dem Telekom-Netz und anderen Netzen. Sie können sich das wie Stromleitungen vorstellen. An den Einspeisepunkten kommen Daten von außen, also von Google, Amazon und dem Rest des Internets rein. Diese Einspeisepunkte sind überprovisioniert, das heißt, wenn alle Telekom-Kunden gleichzeitig ihre volle Bandbreite nutzen wollen, wäre nicht genug Außenanbindung vorhanden.

Mit welchem Effekt?
Das führte in der Vergangenheit dazu, dass YouTube ruckelte oder ganz stehen blieb. Diese Situation war für alle Seiten nachteilig. YouTube verkaufte keine Werbung, die Telekom sah wie ein schlechter Internetprovider aus und die Telekom-Kunden waren schlecht gelaunt. Daher setzte man sich zusammen und fand eine naheliegende Lösung.

“Der Sender merkt, dass er zu schnell sendet, und sendet langsamer”

Wie sieht diese Lösung aus?
YouTube stellt bei der Telekom ein paar Schränke mit Festplatten voller Videos hin. Die Telekom schließt das direkt – und ohne über einen der großen Internet-Knotenpunkte zu gehen – an ihr Netz an, und dann ruckelt da nichts mehr. Wichtig ist: Diese Schränke sind für zukünftiges Wachstum dimensioniert. Da sind mehr Netzwerk-Buchsen dran, als aktuell benötigt werden. Wenn der Provider also in eine Corona-Pandemie reinläuft und plötzlich mehr Kunden Netflix gucken wollen, dann kann der einfach ein weiteres Kabel anschließen und die Kuh ist vom Eis.

Wie muss ich mir diese Deals vorstellen?
Die genauen Details dieser Deals sind nicht öffentlich, aber das läuft im Allgemeinen so, dass Google oder Netflix für den Schrank, die Festplatten und die Bespielung des Schranks mit aktuellem Content zahlt und der Internetprovider zahlt für den Rechenzentrumsplatz, Strom und Kühlung.

Und dann läuft es?
Es könnte natürlich auch Kapazitätsengpässe an den internen Trassen geben, wie es ja auch im Stromnetz Engpässe zwischen Nord- und Süddeutschland gibt. Leider sind die Details über die internen Datenkapazitäten im Gegensatz zum Stromnetz nicht öffentlich. Die Internetprovider reden da auch nicht gerne drüber. Wenn sie darüber reden, dann mit Durchhalteparolen, wie aktuell die Telekom, die lauthals beteuert, dass sie genug Kapazität vorhält, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein.

Wie groß ist die Gefahr dieser Kapazitätsengpässe, wie Sie es nennen, wirklich?
Auch da muss man sich keine Sorgen machen, denn das Internet ist selbstregulierend. Das war die zentrale Innovation von TCP/IP, dem Basisprotokoll des Internets. Die Datenübertragung ist paketbasiert, das heißt, da werden kleine – Standard ist bis zu 1500 Bytes – Datenhaufen durch die Gegend geworfen. Wenn das Netz überlastet ist, dann kommen ein paar davon nicht an. Das merkt der Empfänger natürlich sofort und fordert dann eine Neuübertragung an. Der Sender merkt dann, dass er zu schnell sendet, und sendet langsamer.

Können Sie das konkretisieren?
Wenn sich Netflix nicht automatisch an die Netzgegebenheiten anpassen könnte, hätte es zum Beispiel in den Anfangstagen über
Mobilfunk nicht funktioniert. Dann hätte man warten müssen, bis Netflix eine Netflix-Infrastruktur für Mobilfunknetze gebaut hat. Und sie müssten eine pro Land und Netzanbieter bauen. Aber YouTube und Netflix passen sich sehr gut an, denn bei Videostreaming hält die Sendeseite die Inhalte in verschiedenen Qualitätsstufen vor. Wenn das Abspielgerät merkt, dass es immer wieder pausieren und auf Neutransmissionen warten muss, schaltet es automatisch auf eine kleinere Qualitätsstufe runter. Das passiert vollautomatisch, dafür muss niemand irgendwas tun. Wenn jetzt also bei der Telekom das Netz überlastet wäre – mal als Gedankenexperiment – und die in ihrer Netzwerküberwachung feststellen, dass YouTube 90 Prozent des Traffics ausmacht, dann könnten die einfach eines der Kabel zwischen ihrem Netz und YouTube ziehen. Die Abspielgeräte würden dann weniger Daten empfangen, einige würden sich runterregeln, und alles wäre wieder gut.

“Der Gartenschlauch kann nicht beurteilen, wie es hinter seinem Ende weitergeht”

Welchen Einfluss können Netflix oder YouTube überhaupt darauf nehmen, wie stark oder wie schwach ein Netz belastet wird?
Netflix hat da einen Schrank stehen und ansonsten keine Einsichten in das Telekom-Netz. Alles, was die sehen können, ist, ob ihre angeschlossenen Netzwerkleitungen alle voll ausgelastet sind. Aber wenn sie das sehen, können sie nichts an der Situation ändern. Das wäre an der Telekom, dann da hin zu gehen und ein weiteres Kabel anzuschließen. Stellen Sie sich das vor wie einen Gartenschlauch. Der Gartenschlauch kann nicht beurteilen, wie es hinter seinem Ende weitergeht. Der kann nur messen, ob das Wasser mit voller Wucht rausströmt oder nicht.

Wenn, wie Sie sagen, das alles nur blinder Aktionismus war. Warum, glauben Sie, haben sich die Beteiligten überhaupt darauf verständigt?
Hier hat ein EU-Kommissar eine PR-Aktion gemacht, damit die Reaktion der EU nicht ganz so hilflos aussieht. Und Netflix hat mitgemacht, weil die keine Lust hatten, in der Presse als Bösewicht beschimpft zu werden, der den Notfallkräften und Telearbeitern die Bandbreite verstopft.

Welche Maßnahmen wären sinnvoll, um das Netz zu entlasten?
Es ist aus meiner Sicht illusorisch, das Netz entlasten zu wollen. Das Netz wächst von Anfang an exponentiell vor sich hin. Selbst wenn man ein Land komplett mit Bandbreite über Mobilfunk abgedeckt hat, dann kommt direkt der nächste Funkstandard, der nochmal die Bandbreite erhöht. Das ist so, weil der Bedarf auch die ganze Zeit steigt. Da ist kein Ende in Sicht. Ich habe ja bereits erklärt, wie sich die Dienste selber drosseln, wenn sie merken, dass das Netz überlastet ist. Wenn Sie also an irgendeiner Stelle etwas einsparen, dann fährt jemand anderes automatisch seine Selbstdrosselung zurück, und sie haben unter dem Strich nichts erreicht.

Der bessere Ansatz wäre deshalb?
Den Ausbau von Breitband-Internet mit Anreizen oder zur Not auch gesetzlichen Vorgaben zu erzwingen. Betriebswirtschaftlich wird die Anfangsinvestition für die Anbindung eines kleinen Dorfes in Brandenburg nie attraktiv genug aussehen, dass die Telekom das freiwillig tut. Leider sind die bisherigen gesetzlichen Regelungen kontraproduktiv. Die sehen vor, dass, wenn einer den Boden aufstemmt, dass er dann auch alle anderen ihre Leitungen verlegen lassen muss. Das setzt die Anreize genau falsch herum. Wieso sollte ich als Provider hier das Aufstemmen des Bodens bezahlen, wenn ich auch warten kann, bis für jemand anderen der Leidensdruck zu stark wird? Ich weiß ja, dass mir niemand anderes Konkurrenz machen wird, denn auf den ersten Konkurrenten warte ich ja gerade. Kurz gesagt: Entlastung funktioniert nicht. Wir brauchen Ausbau.

Zur Person:
Felix von Leitner, Jahrgang 1973, ist ein deutscher IT-Experte und unter dem Pseudonym “Fefe” bekannt. Der IT-Spezialist war lange Jahre Mitglied des Chaos Computer Clubs (CCC) Berlin und gilt als einer der renommiertesten IT-Blogger Deutschlands. Auf “Fefes Blog” schreibt er bereits seit 2005 über vieles, vor allem über IT-Themen und Datenschutz.

Hinweis: Da von Leitner Datenschutzaktivist ist, hat er darum gebeten, kein Foto vom ihm zu veröffentlichen. Dieser Bitte sind wir nachgekommen. Das Interview wurde per Mail geführt.

Livestreams von Künstlern: Dürfen die das?

In der Corona-Krise spielen Pianisten Twitter-Konzerte und Autorinnen halten Online-Lesungen ab. Medienrechtlich waren solche Livestreams bislang heikel – was vor allem bei Gamern für Ärger sorgte. Was sich nun ändert.

Jasmin Schreiber hat gerade viel Zeit zum Telefonieren. Die geplanten Lesungen ihres Romans Mariannengraben wurden wegen der Corona-Pandemie abgesagt. „Nachdem ich gesehen habe, das geht jetzt die nächsten Monate so weiter, habe ich überlegt, wie ich trotzdem mein Buch promoten kann“, erzählt die Autorin. Viele Menschen im Kulturbetrieb beschäftigen derzeit ähnliche Fragen: Was bleibt Schauspielern ohne Theatervorführungen, Musikern ohne Konzerte? Insbesondere für die weniger bekannten Künstlerinnen und Künstler kann die Frage schnell existenziell werden. „Ich bin Debütantin und habe keine Stammleserschaft“, sagt Schreiber. Ihre Lösung, Lesungen im Live-Stream zu veranstalten, dürfte auch einem Publikum gefallen, das zuhause nicht auf Kultur verzichten will. Bis Freitagmittag war diese Lösung medienrechtlich allerdings heikel. In der Krise wird nun aber sogar das bisher sehr streng ausgelegt Rundfunkrecht von den Medienhütern lockerer interpretiert.

Am 12. März kündigt Jasmin Schreiber auf Twitter eine Online-Lesung für den nächsten Tag an, per Stream auf Twitch. „Wir werden Pyjamas tragen“, ergänzt sie einige Minuten später. 4500 Menschen schauen zu. „So eine große Lesung hätte ich nie hingekriegt“, meint sie. Die Anfragen von Autorinnen und Autoren, die mitmachen oder selbst streamen wollen, werden nun immer mehr. Die Kulturszene entdeckt gerade den Livestream als virtuellen Auftrittsort: Nicht nur der Pianist Igor Levit spielt jeden Abend Hauskonzerte, Saša Stanišić liest im Stream, Hasnain Kazim, Hatice Akyün und Anja Rützel ebenfalls, das Münchner Marionettentheater zeigt die Zauberflöte und Musiker um Max Giesinger veranstalten ein „Wir bleiben Zuhause“-Festival, natürlich per Livestream. Die Videospielszene bespielt diese digitale Bühne seit Jahren. Es waren Jahre voller Unverständnis darüber, dass streamende Gamer rechtlich gesehen als Rundfunk gelten und eine Genehmigung brauchen.

Es mag kleinlich sein, das in der aktuellen Situation zu fragen, aber: Dürfen die das? Die Krise konfrontiert die breite Masse mit einem Problem der deutschen Mediengesetze, das bisher eher in Nischen für Ärger sorgte. „Aktuell dürften tatsächlich viele Live-Streams dem klassischen Rundfunk ähneln“, schreibt der Medienrechtsanwalt Christian Solmecke auf Nachfrage: „Insofern wäre bei zahlreichen Live-Streams durchaus an eine Sendelizenz zu denken.“

Noch am Montag konnten die Medienanstalten, die für die Rundfunkaufsicht zuständig sind, auf Nachfrage keine konkrete Antwort geben, wie sie mit den Kulturstreamern umzugehen gedenken. Nun setzen sie die Lizenzpflicht von kulturellen oder religiösen Veranstaltungen sowie von Bildungsangeboten vorerst bis zum 19. April aus. Einfach los streamen darf man allerdings auch weiterhin nicht. Die Medienanstalten erklären, ab wann ein Stream Rundfunk ist: „Handelt es sich um lineare, also zeitgleich ausgestrahlte Bewegtbildangebote, die journalistisch-redaktionell gestaltet sind und im Rahmen eines Sendeplans verbreitet werden“, heißt es auf ihrer gemeinsamen Website: „dann sind sie wie Fernsehen zu behandeln und bedürfen einer Zulassung.“ Wer Videos nur zum späteren Abruf anbietet, ist also nicht betroffen. Die Streams macht aber gerade der Reiz der Livesituation attraktiv. Wenn man schon auf das Erlebnis der Präsenz gezwungenermaßen verzichten muss, möchte man doch wenigstens das Gemeinschaftsgefühl behalten, einem einmaligen Ereignis zu folgen.

„Wenn jetzt alle selbst streamen, greift das natürlich ein bisschen Funk und Fernsehen an“, sagt Jasmin Schreiber: „Aber es ist Nothilfe.“ Sie hat mit Gleichgesinnten den Twitter-Account Streamkultur ins Leben gerufen. Dort sammelt sie die wachsende Zahl an Angeboten, „damit man mittags immer schon weiß, was abends sozusagen im Kulturfernsehen im Internet läuft“. Ein Sendeplan liegt bereits dann vor, wenn ein Stream angekündigt wird. Wer etwa auf Twitter schreibt, dass er morgen um 20 Uhr streamt, erfüllt dieses Kriterium. „Wenn Igor Levit mit seinem Hauskonzert live geht oder ich mich auf meinen Sessel setzte und eine Lesung mache, dürfte es schwierig sein, nachzuweisen, dass wir redaktionell arbeiten“, lacht Jasmin Schreiber. Doch für die Medienhüter waren bisher mitunter schon Schnitte und Zooms, spätestens Kommentare und Moderationen redaktionelle Gestaltung.

Große Gaming-Streamer wie Gronkh oder Piet Smiet mussten sich deshalb Rundfunklizenzen besorgen. Nun genügt, der zuständigen Landesmedienanstalt einen geplanten Livestream vorab anzuzeigen. Nötig sind nur Name, Adresse und Kontaktdaten, der Inhalt des Streams und wie er umgesetzt werden soll. Damit geht diese „pragmatische Lösung mit Augenmaß“, wie sie der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten Wolfgang Kreißig nennt, sogar noch weiter als der kommende Medienstaatsvertrag.

Der soll ab September den alten Rundfunkstaatsvertrag ersetzen. Dann würde nur noch Streamer mit durchschnittlich mehr als 20 000 Zuschauern eine Genehmigung brauchen. Jetzt dürfen zunächst etwa einen Monat lang alle frei streamen, denn die Ankündigung der Medienanstalten enthält keine Obergrenze für Zuschauer.. Beachten müssten sie aber weiterhin den Jugendschutz und die journalistische Sorgfaltspflicht. Rechtlich handelt es sich lediglich um eine Duldung mit einem vereinfachten Verfahren. Corona macht offensichtlich Ausnahmen möglich.

Tiktok: „Hässliche“ Menschen?

Das chinesische Portal „Tiktok“ hat seine Moderatoren angewiesen, Posts von „hässlichen“, armen oder Nutzern mit Behinderung zu verbergen. Das geht aus Dokumenten hervor, die der Enthüllungsplattform „The Intercept“ vorliegen. „TikTok“ ist ein Netzwerk mit mehreren hundert Millionen Nutzern weltweit, bei dem selbstgedrehte Videos mit Musik unterlegt werden.

Die sogenannte „ugly content policy“ von „Tiktok“, also Richtlinie über hässliche Inhalte, diskriminiert übergewichtige Nutzer, Menschen mit Bauch oder einem „hässlichen“ Gesicht. In einem von zwei Dokumenten, die „The Intercept“ zugespielt wurden, gibt es genaue Hinweise zu Missbildungen im Gesicht. Videos solcher Nutzer seien weniger attraktiv und es nicht wert, neuen Nutzern empfohlen zu werden. Das heißt: Solche Videos erscheinen nicht in dem „For-You-Feed“ von „Tiktok“, der Millionen Nutzer erreicht, und werden für die meisten unsichtbar.

Auch Videos mit einer „hässlichen“ Umgebung sollen nicht erscheinen, etwa solche, die in Slums aufgenommen wurden oder ländlicher Umgebung. „Schöne, ländliche Naturlandschaften könnten davon ausgenommen sein“, heißt es. Die Moderatoren sollten Ausschau halten nach heruntergekommenen Häusern, einem Riss in der Fassade oder „hässlicher“ Dekoration. Eine solche Umgebung sei wenig ansprechend und ungeeignet für neue App-Nutzer. Ein weiteres Dokument belegt die politische Zensur in Livestreams von „Tiktok“. Vor allem Material, dass die „Nationale Sicherheit“ gefährden könnte, ist betroffen. Live-Aufnahmen von Polizeieinsätzen zum Beispiel führten dazu, dass Nutzer auf der Plattform gesperrt wurden.

Der Mutterkonzern von „Tiktok“ ist „Byte Dance“, eine chinesische Firma, die von der amerikanischen Regierung wegen ihrer Verbindungen zur kommunistischen Partei beobachtet wird. Ein Sprecher von „Tiktok“ teilte „The Intercept“ mit, „die meisten“ Anweisungen würden „entweder nicht länger benutzt“ oder seien „nie in Kraft getreten“. Regelungen, die Unattraktive, Behinderte und arme Menschen betreffen, repräsentierten „einen frühen Versuch, Mobbing vorzubeugen“, seien aber schon nicht mehr wirksam gewesen, als „The Intercept“ die Dokumente erhalten habe. Den Quellen des Enthüllungsportals zufolge galten die Richtlinien jedoch bis ins späte Jahr 2019. Im vergangenen Jahr sei die Livestream-Vorgabe auch erst verfasst worden. Die Plattform „Netzpolitik“ hatte im vergangenen Dezember berichtet, dass „Tiktok“ den Zugriff auf Videos von behinderten, übergewichtigen und LGBT-Nutzern unterdrücke. Auch damals hieß es von „Tiktok“, man wolle Mobbing vorbeugen. Eine solche Intention geht aus den Dokumenten jedoch nicht hervor.

Facebook-Vizechefin Sandberg zur Coronakrise: “Die Marketingbranche wird den Einschlag spüren”

Sheryl Sandberg hat gegenüber dem Finanzinformationsdienst Bloomberg deutlich gemacht, dass sich die Coronakrise nachhaltig auf die Geschäftsentwicklung des Social Media-Pioniers auswirken dürfte. Die Investmentbanking-Beratungsfirma Evercore rechnet unterdessen mit weiteren heftigen Kursabschlägen bei Facebook, das gestern mit einem Minus von mehr als 14 Prozent den zweitgrößten Kursrutsch aller Zeiten verkraften musste.

Klare Worte von Facebooks Nummer zwei. “Dies wird kein Business as usual”, hat Facebooks Vizechefin Sheryl Sandberg gegenüber Bloomberg Stellung zu den Folgen der Coronakrise für Facebook bezogen. “Die Marketingbranche wird zweifelsohne den Einschlag spüren. Wie groß der sein wird, weiß heute wohl noch niemand. Wir werden sehen”, erklärte Sandberg im Gespräch mit dem Finanzinformationsdienst.

Gleichzeitig betonte die nach Mark Zuckerberg wichtigste Managerin des Social Media-Pioniers, dass Facebook selbst weit von einer Krise entfernt wäre. “Wir wissen, dass wir weiter unsere Angestellten bezahlen können, unsere Auftragnehmer, wir wissen, dass wir das Licht anlassen können.”
Facebook erleidet schwere Kursverluste

Sandbergs Äußerungen kommen nach Wochen immer weiter beschleunigter Verluste an den Weltbörsen, denen sich der drittwertvollste Internetkonzern der Welt nicht entziehen kann. Im Gegenteil: Mit einem Minus von 29 Prozent seit Jahresbeginn hat Facebook noch schlechter abgeschnitten als die Vergleichsindizes Nasdaq-100 oder S&P 500.

Allein gestern verbuchte die Facebook-Aktie mit einem Minus von 14 Prozent den größten Tagesverlust seit den Eskapaden um Cambridge Analytica. Die Warnsignale waren unterdessen seit Wochen von Analysten zu hören. “Werbung ist ein Bereich, den man in unsicheren und volatilen Zeiten leicht reduzieren kann”, gab etwa Collin Colburn, Senior-Analyst beim Marktforscher Forrester Research, zu bedenken.

Facebook leidet überproportional unter dem Einbruch der Tourismus-, Unterhaltung- und Konsumgüterindustrie

Needham-Analystin Laura Martin sekundierte mit dem Verweis, dass Anzeigen aus den Bereichen Reisen, Einzelhandel, schnelllebige Konsumgüter und Unterhaltung, die insgesamt für 30 bis 45 Prozent von Facebooks gesamten Umsätzen verantwortlich sind, im Zuge des Coronavirus-Ausbruchs zurückgegangen sind.

Während die Coronakrise zu immer größeren Verlusten an den Weltbörsen führt, sind einige GAFA-Konzerne offenkundig mehr betroffen als andere. Neben Facebook hat auch Google wegen seiner Abhängigkeit vom Werbemarkt mit einem Minus von 30 Prozent stärkere Kursverluste zu beklagen als die Benchmark.

Apple, das sich trotz der massiven Produktionsausfälle in China bemerkenswert robust an der Wall Street schlägt und Amazon, das durch die Verlagerung zum Online-Shopping profitiert, sind mit Kursverlusten von 23 bzw. 26 Prozent unter den GAFA-Konzernen dagegen bislang die beiden Outperformer der Corona-Pandemie.

Fernsehen auf Abruf

Mit dem Markteintritt neuer Streaming-Anbieter, darunter der Branchenriese Disney, dessen Plattform Disney plus ab dem 24. März auch in Deutschland nutzbar sein wird (vgl. MK-Meldung), dürften sich die Kräfteverhältnisse auf dem neuen Markt für nicht-lineares Fernsehen verschieben. Das große Angebot wird damit noch unübersichtlicher werden. Ist das, so lässt sich nun fragen, überhaupt ein Problem oder ist es ein Zeichen neuer Vielfalt?

Beim Versuch, diese Frage zu beantworten, stößt man auf ein seltsames Phänomen. Seit dem Start der Streaming-Angebote hierzulande vor gut fünf Jahren lässt sich eine symptomatische Zweiteilung der medialen Wahrnehmung beobachten. Artikel in Wirtschaftsteilen und Meldungen in Branchenfachdiensten berichten auf der einen Seite regelmäßig über die rasant steigende Anzahl von Netflix-Abonnenten und die parallel dazu in schwindelerregende Höhen kletternden Budgets, die vor allem von Netflix in sogenannten „Content“ investiert werden. Auf der anderen Seite haben sich in Tageszeitungen und Programmzeitschriften neue Rubriken gebildet, in denen – ähnlich wie in den 1990er Jahren, als die Tages- und auch Wochenpresse Medienseiten etablierten, um nach Einführung des Privatfernsehens den gestiegenen Informationsbedarf über die Medienbranche zu befriedigen – Rezensionen über den „Content“ der Streaming-Anbieter ausgeweitet werden. Wobei die Besprechungen neuer Serien interessanterweise zwischen dem Feuilleton und den Medienseiten hin- und hervagabundieren. Darüber hinaus gibt es in dem vom WDR verantworteten ARD-Spartenkanal One seit November 2019 mit dem Format „SERIöS – Das Serienquartett“ (vgl. MK-Kritik) sogar eine monatliche Talksendung, in der vier Experten nach dem Vorbild des „Literarischen Quartetts“ (ZDF) über ihre Lieblingsserien debattieren, vorwiegend aus dem Streaming-Sektor.

Um eine halbe Dekade Streaming (oder auch: Video-on-Demand/VoD) zu rekapitulieren, müssen diese beiden Aspekte, der wirtschafts- und medienpolitische, wie auch der Gesichtspunkt der Qualität der neuen fiktionalen Inhalte aufeinander bezogen werden. Dabei stellt sich die Frage, warum das klassische lineare Fernsehen mit seinen unendlich vielen Krimis, Dokus, Talkshows und den obendrein in Mediatheken verfügbaren Angeboten nicht ausreicht. Was bewegt immer mehr Zuschauer dazu, neben der Versorgung durch das öffentlich-rechtliche und private Fernsehen wie auch das alte Pay-TV à la Sky noch kostspielige Zusatzangebote wahrzunehmen? Zeigen Anbieter wie Netflix und Amazon Prime Video Inhalte, die im linearen Fernsehen nicht vorkommen?

1. Warum Serien?

Warum eigentlich sind es überwiegend Serien, die Anbieter wie Netflix und Amazon Prime Video für ihre Kunden attraktiv machen? Serien gab es schon immer. Die Serie, eigentlich das fernsehspezifische Genre schlechthin, hatte lange Zeit nicht den besten Leumund. Evelyn Hamanns unvergessener Sketch über eine typische englische Serie entstellte die monotone Beliebigkeit seriellen Erzählens bis zur Kenntlichkeit. Serien galten als Trash. Doch dank Streaming-Produktionen hat sich seither einiges verändert. Das stetig wachsende Interesse an den „neuen“ Serien wie „The Crown“ (Netflix), „Mozart in the Jungle“ (Amazon Prime Video), oder „Chernobyl“ (Sky/HBO) antwortet auf ein Bedürfnis, das unter anderem durch ein inhaltlich-ästhetisches Defizit im Kinosektor befördert wurde.

Das Vakuum auf der großen Leinwand geht einher mit der Konzentration auf die Überwältigungsästhetik einschlägiger Blockbuster – die auch zunehmend in Serie präsentiert werden. Die lärmende Überpräsenz von finanzkräftig promoteten Event-Reihen wie die „Pirates-of-the-Caribbean“-Filme, die „Transformers“-Folgen, die monumentalen „Herr-der-Ringe-“ und „Harry-Potter“-Reihen, vor allem aber um die Inflation der Marvel-Adaptionen führte zu einer Infantilisierung bzw. eine „Nerdisierung“ des populären Films. Obwohl die Anzahl anspruchsvoller Arthouse-Filme eher noch zugenommen hat, ziehen mittlere und kleine Produktionen, die gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen und Debatten anstoßen können, zunehmend weniger Aufmerksamkeit auf sich. Im Zuge dieser Entwicklung hat das Kino seine Position als Leitmedium verloren.

Diese Funktion hat eine neue Form von Serie übernommen, die durch Streaming-Produktionen runderneuert wurde. So haben die genannten Pionierserien des nicht-linearen Fernsehens zwar formal das Rad nicht neu erfunden. Aber: „House of Cards“ besetzte das Thema Politik auf eine überaus fesselnde Weise, „Transparent“ – im Kern eine klassische Familienserie – beleuchtete das Queer-Thema in einer zuvor selten gesehenen Radikalität und „Orange is the New Black“ hat gezeigt, dass Feminismus ohne erhobenen Zeigefinger unterhaltsam sein kann. Die mit diesen Pilotprojekten angesprochene Zielgruppe hat sich in den vergangenen fünf, sechs Jahren mit mehr oder weniger intelligenten Genre-Produktionen beständig erweitert.

2. Die neue Unübersichtlichkeit

Dabei zeichnete sich eines ab: Die Anzahl der neuen Eigenproduktionen ist seit dem Start des Streaming-Angebots sehr unübersichtlich geworden. Kino- und Medienredakteure reagieren zuweilen gereizt. Die genervte Frage, wer sich das noch alles ansehen soll, ist jedoch falsch gestellt. Zu diskutieren wäre eher, inwiefern die klassische Gatekeeper-Funktion des Medienkritikers, der den Überblick behält, sich nicht in Auflösung befindet. Wie problematisch der Versuch ist, allein die wichtigsten Serien der vergangenen fünf bis sechs Jahre zu überblicken, führte Georg Seeßlen in seinem im November 2019 in der Wochenzeitung „Jungle World“ veröffentlichten Essay „Serialize it!“ vor Augen.

Mit seiner akribisch erstellten Liste hakte der prominente Filmkritiker gefühlt alle Streaming-Serien ab, um nachzuweisen, dass sie jeweils in der Tradition des Kinos stehen. In dieser Perspektive hätten Streaming-Anbieter nichts wirklich Neues geschaffen. Aus der Sichtweise der politischen Ökonomie betrachtet, gehe es ihnen darum, „vor allem neue Kommunikationswege“ zu verkaufen. Angesichts dieser Angebote werde der Serienkonsument zur bloßen Marionette: „Ein großer Irrtum indes wäre es“, so Seeßlens Fazit, „sich das zu holen, was man ‘will’. Man kann sich nur holen, was die Echokammer vom eigenen Geschmack und den eigenen Wünschen wiedergibt.“

Diese Kritik geht Hand in Hand mit der des britischen Autors und Regisseurs Peter Kosminsky, dessen Serie „The State“ über die Terrororganisation Islamischen Staat gut besprochen wurde. Die Serie war im Programm National Geographic zu sehen, empfangbar über den Pay-TV-Sender Sky. Doch Produktionen wie „The State“, die „eher informieren als unterhalten“, hätten bei Netflix, so Kosminskys Vorwurf, keine Chance. In einem Interview mit „Zeit Online“ behauptet er daher, Streaming-Anbieter würden derzeit den Markt übernehmen und dabei Kreative exklusiv an sich binden, die nirgendwo anders mehr arbeiten dürften. Kosminsky wirft diesen Anbietern „kulturellen Imperialismus“ vor und moniert, dass sie sich auf populäre Themen fixieren und formal einen „amerikanischen TV-Look“ präferieren würden: „Es gibt keine Düsternis oder Tiefe.“ Sind diese Vorwürfe haltbar?

3. Hollywood-Regisseure und amerikanischer Look?

Auf den ersten Blick scheint es, als habe Peter Kosminsky durchaus Recht. So können Streaming-Anbieter jene Gelder, mit denen öffentlich-rechtliche Anstalten ihre Vollprogramme mit einem aufwendigen Netz an Nachrichtenkorrespondenten und journalistischen Dokumentationen finanzieren, in die exklusive Verpflichtung namhafter Hollywood-Regisseure wie beispielsweise Woody Allen, Martin Scorsese, Alfonso Cuarón und Ridley Scott investieren. Letzterer hat mit aufwendigen Amazon-Serien Kinoformate für den Fernsehschirm geschaffen. Seine Produktionen „The Man in the High Castle“ und „The Terror“ haben durchaus einen amerikanischen Look. Insofern hat Kosminsky Recht. Mangelnde Düsternis oder Tiefe kann man aber weder den Serien von Ridley Scott noch denen von Sacha Baron Cohen („Highston“), Nicole Holofcener („One Mississippi“) oder David Fincher („Mindhunter“) vorwerfen.

4. Regionale Vielfalt

Ein Blick auf die thematische und ästhetische Bandbreite der weltweit kulturell unterschiedlichen Serienangebote (nicht nur bei Netflix) zeigt, dass Streaming-Produktionen keineswegs einen stromlinienförmigen amerikanischen Look aufweisen. Globalisierung führt bei Streaming-Anbietern nicht zwangsläufig zu einer niveaulosen Uniformisierung serieller Massenprodukte. Stattdessen setzt besonders die kalifornische Online-Videothek auf eine stilistisch breitgefächerte Kultivierung regionaler Vielfalt. „Wir wissen genau“, so die bei Netflix für Serien verantwortliche Cindy Holland in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, „dass unsere Zuschauer ein großes Interesse an ‘Diversity’ haben.“ „Und unsere Nutzer zeigen“, so Kelly Luegenbiehl, seit 2014 bei Netflix Produzentin für internationale Eigenproduktionen, bei prisma.de, „dass Storytelling keine Ländergrenzen kennt, denn sie schauen sich immer mehr Content an, der außerhalb ihres Heimatlandes und nicht in ihrer Muttersprache produziert wurde.“

Dieses strategische Interesse an regional fokussierten Geschichten ist zweigleisig. So gibt es zum einen Serien wie die spanische Produktion „La casa de papel“ („Haus des Geldes“), die zunächst ohne Beachtung im dortigen Fernsehen lief und erst durch die Netflix-Verwertung zu einem internationalen Streaming-Hit avancierte. Das gilt ebenso für das israelische Politdrama „Fauda“, das die Dynamik des Nahostkonflikts in einer neuen Perspektive zeigt und von der „New York Times“ zu einer der besten Serien des Jahres 2017 gekürt wurde.

Neben solchen Kaufprogrammen realisiert der Streaming-Anbieter aber auch zahlreiche eigene Projekte jenseits der USA, darunter etwa „The Rain“ (Dänemark), „Marseille“ (Frankreich), „Suburra“ (Italien), „Las chicas del cable“ („Die Telefonistinnen“, Spanien), „Club de Cuervos“ und „Ingobernale“ (beide Mexiko), „Collateral“ (England/USA), „Secret City“ (Australien), „Sacred Games“ (Indien) – und „O Mecanismo“, neben „3 %“ die zweite Schlüsselserie aus Brasilien.

In „O Mecanismo“ durchleuchtet José Padilha, der auch hinter dem lateinamerikanischen Netflix-Erfolg „Narcos“ steht, die 2014 aufgedeckte Betrugsaffäre, die in Brasilien einen Jahrhundertprozess nach sich zog. Ein Kartell aus korrupten sozialistischen Politikern und Wirtschaft benutzte eine unscheinbare Tankstelle als heimlichen Umschlagplatz für milliardenschwere Geldströme – daher erhielt der Korruptionsskandal den Namen „Lava Jato“, was so viel heißt wie Autowäsche. Linke Politiker witterten eine gestreamte Verschwörung und riefen unter dem Twitter-Hashtag #CancelaNetflix zu einem Boykott auf – nicht nur gegen die politisch unbequeme Serie, sondern gleich gegen den kompletten Streaming-Anbieter Netflix. „Erfolgreiche Programme“, so Kelly Luegenbiehl, „haben überall auf der Welt etwas gemeinsam: Geschichten müssen authentisch erzählt sein. Lokale Inhalte müssen von lokalen Schriftstellern und Drehbuchautoren stammen und mit lokalen Schauspielern besetzt sein. Und wir wollen Stoffe, die zwar überall verstanden werden, die aber starke regionale Bezüge haben“.

Die Bedenken von Georg Seeßlen und Peter Kosminsky, Streaming-Anbieter würden alten Wein in neuen Schläuchen anbieten und dabei vorwiegend einen amerikanischen Look bevorzugen, sind nicht ganz falsch, greifen aber aus zwei Gründen zu kurz. Zum einen sehen US-Produktionen wie beispielsweise die Serie „Living with Yourself“ – in der Paul Rudd als schluffiger Werbefachmann seinen Platz in der Welt von seinem eigenen Klon streitig gemacht wird – oftmals gar nicht so amerikanisch aus. Zum anderen bieten Netflix und Amazon Prime Video zahlreichen lateinamerikanischen, europäischen und asiatischen Filmschaffenden die Möglichkeit, eine länder- und regionalspezifische Ästhetik zu erproben. Dass diese Freiheit, wie etwa in der ersten deutschen Streaming-Serie „You Are Wanted“ (Amazon Prime Video) von und mit Matthias Schweighöfer (vgl. MK-Kritik), dazu verwendet wird, um den amerikanischen Look akribisch nachzuahmen, ist nur eine Seite der Thematik. Dagegen führt „Dark“ von Baran bo Odar, Jantje Friese und Martin Behnke vor Augen, inwiefern eine Serie mit einem Atomkraftwerk, saurem Regen und griesgrämigen Gesichtern ausgesprochen deutsch aussehen kann, mit ihrem kunstvoll verflochtenen Zeitreise-Drama aber zugleich internationale Standards des seriellen Erzählens erfüllt. Bisher gibt es zwei Staffeln von „Dark“ (vgl. diese MK-Kritik und diese MK-Kritik), die geplante dritte soll den Abschluss bilden.

5. Addition der Nischen: Die „long tail theory“

Mit derartigen regionalspezifischen Produktionen folgt Netflix einer veränderten Ökonomie des Streaming-Markts. Marginale fiktionale Angebote wie die deutsche Serie „Dark“, die in ihren jeweiligen Ländern allein zu wenig Zuspruch erreichen würden, finden durch die Möglichkeit des internationalen Zugriffs neue Zuschauergruppen. Addiert man die versprengten Nischengruppen, so wird durch sie jeweils das Profil des Anbieters insgesamt gestärkt.

Diese Strategie entspricht der sogenannten long tail theory, einem ökonomischen Ansatz, den der Amerikaner Chris Anderson 2004 im Magazin „Wired“ vorstellte. Ihm zufolge wird im Internet durch den Verkauf kleinerer Stückzahlen, aber vieler Nischenprodukte auf Dauer ein zumindest annähernd vergleichbarer Profit erwirtschaftet wie mit dem massenhaften Absatz weniger Premium-Produkte. Diese Entwicklung markiert den Unterschied zwischen einer prädigitalen Ökonomie und dem Handel mit virtuellen Gütern, zu denen auch Fernsehinhalte zählen. Bestseller, Blockbuster und Quotenhits wird es dieser Theorie zufolge weiterhin geben – sie sind aber nicht mehr das einzige Geschäftsmodell. Diese Entwicklung führt bei Streaming-Plattformen zumindest mittelfristig zu einem vielfältigeren Angebot, das aus ökonomischen Gründen verstärkt kleinere Zielgruppen anvisiert. Die sukzessive Ausdifferenzierung von Nischeninteressen und die Bedienung marginaler Minderheitsthemen durch Streaming-Portale markiert gemäß der long tail theory eine Zäsur, die durch die digitale Medienentwicklung entstand.

6. Die „Uberisierung“ des Fernsehmarkts?

Diese Zäsur lässt sich aber auch aus einer anderen Perspektive betrachten. So kritisiert Peter Kosminsky Streaming-Anbieter nicht nur ästhetisch, sondern auch medienpolitisch. Netflix und andere VoD-Anbieter, so seine Befürchtung, förderten eine „Uberisierung des britischen Fernsehens“. Dieser schlagwortartige Vorwurf, den man auf deutsche Verhältnisse übertragen kann, spielt darauf an, dass der Personentransport-Dienstleister Uber durch die Nutzung moderner Internet-Kommunikation dezentrale Strukturen schafft. Auf die gleiche Weise, wie diese Uberisierung die Monopolstellung traditioneller Taxi-Unternehmen untergräbt, würden traditionelle, lineare Sender strukturell geschwächt.

Kosminsky befürchtet, dass Netflix und andere Streaming-Anbieter „keine Koexistenz mit den heimischen Sendern anstreben, sondern diese zerstören möchten“. Aus diesem Grund müsse der Markt eingeschränkt werden: „Die Streaming-Dienste werden derzeit überhaupt nicht reguliert. […] Ich finde, Streaming- und VoD-Dienste sollten verpflichtet werden, in den Ländern, in denen sie senden wollen, mindestens 25 Prozent ihrer Produktionen in Zusammenarbeit mit den nationalen Sendern umzusetzen.“

7. Reaktionen der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender

Wie würde eine solche gesetzliche Regulierung des Streaming-Markts wohl praktisch aussehen? Würde ein Fernsehredakteur, der für die freitags um 20.15 Uhr im ARD-Programm ausgestrahlten Degeto-Filme verantwortlich ist, Baran bo Odar hineinreden, so dass die Serie „Dark“ möglichst auch das traditionelle Publikum des linearen Fernsehens erreicht? Kosminskys Kritik, so viel wird deutlich, blendet jene Grundsatzproblematik aus, die durch die Streaming-Anbieter in den vergangenen fünf bis sechs Jahren offenbar wurde: Das lineare Fernsehen strahlt Programme aus, die sich – entsprechend seiner Verbreitungsstruktur und seines Auftrags – an potenziell alle Zuschauer gleichzeitig adressieren. Aus diesem Grund verständigen sich Verantwortliche für fiktionale Erzählinhalte darauf, ihre Programme so zu konzipieren, dass sie es auch möglichst allen Zuschauern recht machen. Dieser aus der Strukturvorgabe erwachsene Kompromiss führt bekanntlich dazu, dass man es niemandem recht macht.

Dennoch gibt es (Ko-)Produktionen, mit denen die Öffentlich-Rechtlichen derzeit zumindest eine Annäherung erproben zwischen linearem Fernsehen und Angeboten, die ästhetisch Streaming-Produktionen ähneln. Von der Fernsehkritik gelobt wurde die ZDF-Serie „Bad Banks“ (vgl. MK-Kritik), die gerade und besonders bei der nicht-linearen Ausspielung großen Zuspruch fand. Doch ähnlich wie der ZDFneo-Mehrteiler „Parfum“ (vgl. MK-Kritik), die ambitionierte Serienversion von Patrick Süskinds Bestseller, bleibt auch die ZDF-Serie über die Bankenkrise mit der Erzählweise und der Charakterzeichnung noch der konfektionalisierten Ästhetik des linearen Fernsehens verhaftet. Zwischen einer Frauenfigur wie Paula Beer als ehrgeizige Bankerin, die zwischen ihren beruflichen Ambitionen und ihren vernachlässigten Mutterpflichten hin- und hergerissen wird – also wieder das überkommene Rollenverständnis einer Frau transportiert –, und einer Mrs. Maisel, die in der gleichnamigen Amazon-Produktion die Schwächen ihres Ehemanns auf den Kabarettbühne veralbert, um so Karriere als Stand-up-Comedian zu machen, liegen Welten.

Im direkten Vergleich zwischen zwei Serien, die Frauen im Reporterberuf thematisieren, zieht das ZDF gegenüber einem Streaming-Anbieter ebenfalls den Kürzeren. So zeichnet die Amazon-Serie „Good Girls Revolt“ differenziert nach, wie selbst qualifizierte Frauen in der Redaktion des Nachrichtenmagazins „Newsweek“ bis Ende der 1960er Jahre ihre eigenen Recherchen nicht in Artikeln unter ihrem Namen publizieren durften. Der ambitioniert inszenierte Mehrteiler nach einer wahren Begebenheit verdeutlicht, wie mühsam es für Frauen war, sich von verinnerlichten Rollenzuschreibungen als Assistentinnen männlicher Redakteure zu befreien.

Im themengleichen ZDF-Mehrteiler „Zarah – Wilde Jahre“ (vgl. MK-Kritik) nimmt hingegen eine feministische Bestsellerautorin, die den schmerzlichen Prozess der Emanzipation übersprungen zu haben scheint, als bereits fertig durchemanzipierte Kämpferin in der Chauvi-Redaktion der Zeitschrift „Relevant“ – eine Anspielung auf den „Stern“ – eine Stelle an, um ihre männlichen Kollegen aufzumischen. Diese aufwendig inszenierte Serie, die nach zwei Folgen aus dem ZDF-Hauptprogramm verbannt wurde, verdeutlicht auch, dass qualitative Defizite nicht immer auf ein geringes Budget zurückzuführen sind. Auch bei der ARD/Sky-Koproduktion „Babylon Berlin“ (vgl. diesen MK-Artikel) liegt das Problem nicht in der produktionstechnischen Beschränkung. Dieser Versuch, den Streaming-Anbietern etwas Vergleichbares entgegenzusetzen, zeigt mit seiner plakativen Kulissenschieberei und seinen eindimensional bleibenden Charakteren jene strukturellen Beschränkungen, denen öffentlich-rechtliche Anstalten sich bei der Konzeption fiktionaler Inhalte auch in Koproduktionen mit Privatsendern freiwillig unterwerfen.

Ambitionierte Mehrteiler, die ganz außerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems entstanden, offenbaren vergleichbare Defizite. So spart die anfangs gut besprochene Serie „4 Blocks“ (TNT; vgl. MK-Kritik) über einen arabischen Clan in Berlin die Schlüsselthematik der Religion weitgehend aus und schönt die Rolle der Frauen in libanesischen Großfamilien. Der ambitionierte Mehrteiler „Das Boot“ (Sky; vgl. MK-Kritik) führt eine Vielzahl von Charakteren und Schauplätzen ein, gibt aber dadurch die dramaturgische Geschlossenheit der filmischen Vorlage von Wolfgang Petersen preis.

Ausnahmen bestätigen die Regel: So ist die Serie „Pastewka“, in der der Komiker Bastian Pastewka sich selbst als Comedian veralbert, der seine eigenen klischeehaften Schwulenparodien nicht mehr ertragen kann, einerseits ein typisches Produkt des linearen Fernsehens. Sieben Staffeln wurden vom Privatsender Sat 1 ausgestrahlt. Nach moderaten Quotenrückgängen wurde „Pastewka“ abgesetzt, woraufhin die Rechte für eine Fortsetzung von einem Streaming-Anbieter erworben wurden und aus dem Stand heraus für das „beste Startwochenende aller Zeiten einer Comedy-Serie auf Amazon Prime Video in Deutschland“ gesorgt habe, wie der Anbieter nach Veröffentlichung der achten Staffel mitteilte. Mit der zehnten Staffel, die seit dem 7. Februar 2020 abrufbar ist, wurde die „Pastewka“-Serie nun beendet.

Ein ähnliches Schicksal teilt die von Nico Hofmann (Ufa) produzierte RTL-Serie „Deutschland 83“ (vgl. MK-Kritik). Noch vor ihrer Ausstrahlung hierzulande lief der rasant und humorvoll in Szene gesetzte Spionage-Thriller über einen DDR-Agenten im Westen, der die Stationierung der Pershing-Raketen ausspioniert, im Original mit Untertiteln im US-Fernsehen, wenn auch nur beim kleinen Abo-Sender Sundance TV. Der Anschluss an internationale Standards, so die Kritiker einhellig, war geglückt. Allein das RTL-Publikum verschmähte die Serie, worauf Amazon mit der Finanzierung der Fortsetzung „Deutschland 86“ sein Portfolio mit deutschen Qualitätsprogrammen um eine ambitionierte Produktion erweiterte. Zuschauer des linearen Fernsehens, so das ernüchternde Fazit, sind offenbar noch nicht bereit für serielles Erzählen jenseits jahrzehntelang zementierter Klischees.

8. Neue Wege

Welche neuen Wege der Streaming-Markt eröffnet, zeigt das ungewöhnliche Format „Der Lack ist ab“, dessen Episoden jeweils nur zehn Minuten dauern. Erfunden wurde die Serie von dem Schauspieler Kai Wiesinger („Kleine Haie“), der die Hauptrolle spielt und Regie führt. Der selbstironische Tonfall, in dem Wiesinger sich als Werbeprofi an der Seite einer Kinderbuchautorin immer wieder in der Rolle eines alternden Alphamännchens um Kopf und Kragen redet, schließt die X-Box- und auch die Smartphone-Generation als Zielgruppe aus. Das bewusst als Nischenformat konzipierte Projekt startete 2015 beim Streaming-­Portal MyVideo, einem mit YouTube vergleichbaren VoD-Anbieter, der mittlerweile in die Pro-Sieben-Sat-1-Streaming-Tochter Maxdome (gegründet 2006) integriert wurde.

Nachdem Wiesinger 15 Jahre lang erfolglos für das Projekt geworben hatte, wurde die Serie erst durch neue Finanzierungsquellen möglich. So unterstützten Opel und Vodafone die ersten drei Staffeln: „Indem wir auf das Geld und die Strukturen von den Fernsehsendern verzichten, haben wir hier ganz andere Freiheiten als früher“, erklärte der Schauspieler in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Die inzwischen vierte Staffel der Serie – seit Dezember 2017 im Angebot von Amazon Prime Video – ist mit englischer Synchronisierung in 200 Ländern abrufbar.

Ähnlich wie in „Der Lack ist ab“ basiert auch der Erfolg der tiefenscharf beobachtenden Comedy-Serie „Fett und fett“ (vgl. MK-Kritik) auf einer Distanz zum traditionellen Fernsehen und seinen tradierten Formaten. Die Serie über luxuriöse Nöte postadoleszenter Jugendlicher, die den Anschluss ans Erwachsenenleben verpasst haben, wurde gerade deshalb möglich, weil sie zunächst außerhalb des öffentlich-rechtlichen Apparats konzipiert wurde. In den Jahren 2015 bis 2017 produzierte Jakob Schreier, Drehbuchautor für die ZDFneo-Serie „Blockbustaz“, zusammen mit der Regisseurin Chiara Grabmayr zunächst ein Prequel. Nach dem Publikumserfolg der ersten fünf Episoden, die längenmäßig zwischen neun und 19 Minuten variierten und als Webserie auf Vimeo publiziert wurden, kam die ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ mit an Bord.

Das Gegenbeispiel zu „Fett und fett“, eine der Serien-Überraschungen 2019, ist „Deutsch-Les-Landes“. Die aufwendige französisch-deutsche Koproduktion, mit der der Telekom-Anbieter Magenta TV den Streaming-Markt austesten wollte, entstand ebenfalls außerhalb des linearen Fernsehens. Trotz hochkarätiger Besetzung mit Christoph Maria Herbst und Sylvie Testud sowie namhafter Autoren erwies die komplett synchronisierte Produktion sich laut „Spiegel Online“ als „Serienfiasko“, das „inhaltlich, ästhetisch und humortechnisch eine Rolle rückwärts aus der Serien-Gegenwart“ vollziehe.

Vom Streaming zum Mainstream?

Streaming, so zeichnet sich ab, ist – zumindest bislang – mehr als nur ein neuer technischer Verbreitungsweg. Während die Qualität fiktionaler Inhalte im linearen Fernsehen aufgrund struktureller und hausgemachter Probleme oft zu wünschen übriglassen, ermöglichen Streaming-Plattformen teilweise eine kreative Erneuerung. Nach gut fünf Jahren mit einem bemerkenswerten Potenzial an formalen Experimenten deutet sich nun allerdings eine Tendenz zur Konsolidierung an. Dies hängt mit dem Markteintritt neuer Anbieter zusammen. Insbesondere die Offensive des weltgrößten Medienkonzerns Disney, dessen Streaming-Angebot in den USA vom Start weg etwa 10 Mio Abonnenten gewinnen konnte (vgl. MK-Meldung), wird eine ökonomische und ästhetische Verschiebung der Kräfte nach sich ziehen.

Zwei Aspekte verdeutlichen jedoch, dass sich die Angebote von Disney plus an eine Zielgruppe richten, die sich von den bisherigen Streaming-Nutzern unterscheidet. So versieht der Mickey-Mouse-Konzern seine eigenen Klassiker mit folgender Warnung: „Diese Inhalte werden in ihrer unveränderten Originalform präsentiert. Sie können veraltete kulturelle Darstellungen enthalten.“ Wie die Zigarettenpackung, die Nikotinkonsumenten über mögliche Krebsrisiken informiert, verbirgt sich hinter dem Begriff „veraltete kulturelle Darstellungen“ der verschämte Hinweis darauf, dass in alten Zeichentrickfilmen wie „Das Dschungelbuch“ oder „Aristocats“ Tiere zuweilen mit afroamerikanischen oder ostasiatischen Stereotypen dargestellt wurden, die aus heutiger Distanz als rassistisch gelten.

Jenem Zielpublikum, dem die Auseinandersetzung mit der kulturellen Vergangenheit nicht zugemutet werden soll, offeriert Disney plus im selben Atemzug etwa die 100 Mio Dollar teure „Star-Wars“-Serie „The Mandalorian“ – also genau jene oben angesprochene Form von Hochglanzinhalt, der im vergangenen Jahrzehnt dafür sorgte, dass das Publikum sich solchen Kinofilmen ab- und dem Streaming-Sektor zuwandte und so auf seine Weise den Serienboom mit befeuerte.

Um mit solchen Disney-Angeboten zu konkurrieren, sind auf dem Streaming-Markt in jüngster Zeit vermehrt ambitionierte, aber nicht durchweg überzeugende Großproduktionen zu beobachten. So wird in der aufwendigen, starbesetzten Amazon-Produktion „Carnival Row“ die Flüchtlingskrise in eine viktorianisch anmutende Fantasy-Parallelwelt übertragen. Dieser Trend setzt sich fort mit der eintönigen HBO/Sky-Serie „His Dark Materials“ und der Produktion „The Witcher“, mit der Netflix an den Erfolg der Serie „Game of Thrones“ anzuknüpfen versucht.

Streaming, so das Zwischenfazit nach gut fünf Jahren, ist keine Konkurrenz für die Kernkompetenz des linearen Fernsehens. Durch die Überwindung landesspezifischer Grenzen und die damit verbundenen systemisch bedingten Selbstbeschränkungen machen VoD-Anbieter jedoch Defizite der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender bei der Konzeption fiktionaler Inhalte offenbar. Das letzte Wort über den Streaming-Markt ist aber längst noch nicht gesprochen. Dafür ist das neue Geschäftsmodell des Fernsehens auf Abruf noch zu jung. Aber speziell im Schlüsselmarkt USA redet man derzeit von nichts anderem mehr als von Streaming, und die klassischen Networks haben darunter mehr zu leiden denn je.

Medien in Zeiten von Corona: Geisterfernsehen

Kein Publikum, keine richtige „Sportschau“, keine Stunde ohne Virusexperten, mehr Schule via Bildschirm: Wie Corona unsere Fernseh-Gewohnheiten ändert.

Ein Samstag ohne richtige „Sportschau“ mitten in der Saison. Wann hat es das in fast 60 Jahren Bundesliga-Fernsehen gegeben? Ein Samstagabend, der fünf Millionen Fußballfans Phantomschmerzen bereitet haben dürfte – der Anfang von dem, was in den nächsten Bundesliga-freien Wochen kommt: Fernsehen ohne Sport in Zeiten von Corona.

Das betrifft nicht nur den Fußball oder den Wintersport, den das Erste am Wochenende großflächig durch Dokus ersetzen muss. Fernsehen in Zeiten von Corona heißt auch: Live- Aufzeichnungen ohne Publikum. Das Studio der „heute-show“ am Freitagabend blieb leer. Feuerwehr, Hausmeister und Autoren klatschten mühsam zu Welkes Witzen über die „Stunde der Virologen“ in den Medien, ganz im Sinne von Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der in der „Zeit“ sagte, die Corona-Krise sei das „Ergebnis einer globalisierten medialisierten Welt“. Die Menschen litten „an einer Überdosis Weltgeschehen“ und müssten lernen, Informationen über die Pandemie richtig zu verarbeiten. Da hat Welke seinen Beitrag leisten können.

Wie fast alle Medien in diesen Tagen. Der Bayrische Rundfunk (BR) beispielsweise bereitet sich auf massive Einschränkungen durch Corona vor, sagt Chefredakteur Christian Nitsche im BR und erzählt, wie das Programm aufrechterhalten wird und warum der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerade in Krisenzeiten einen Versorgungsauftrag und daher eine besondere Verantwortung habe, die „fast genauso wichtig ist wie die Krankenhäuser“. Eine Verantwortung, der auch die Zeitungen samt digitalen Angeboten nachkommen.

News sind das eine. Sport und Unterhaltung drumherum das andere. Danach sehnen sich die Menschen auch, gerade in diesen Zeiten. Wie attraktiv ist das Ersatzprogramm? Wie aktuell sind die Archive?

Verbessert die Mediathken, öffnet die Archive!

Ein kleiner Anfang ist gemacht: 3sat ersetzt am 27. März die abgesagte Verleihung der Grimme- Preise 2020, indem das Programm zwei preisgekrönte Dokumentationen zeigt: „Dark Eden“ über Fracking in den USA und „Die Tochter von…“ zur Frauenbewegung in Argentinien.

Da kann mehr gehen, schließlich gewannen 16 TV-Produktionen Grimme- Preise. Die Fernsehsender gehören zu den „Gewinnern“ in den Coronavirus-Wirren. Die Nutzung steigt, und je mehr Menschen zu Hause sein müssen, desto drängender stellt sich die Frage: Was mache ich jetzt?
Fernsehen ist eine Antwort. Also muss in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken die unverändert verwirrende Praxis, welcher Beitrag wann und wie lange eingestellt wird, aufgekündigt werden. In einem zweiten Schritt gilt es, die Archive zu öffnen. Das Angebot kann größer, breiter, besser werden.

Und RTL & Co? Die Privaten sollten die Nutzung ihrer Mediatheken gratis stellen. Kostet was, wird sich aber in späteren Zeiten auszahlen.

Offensiv gedacht und gemacht kann Corona-TV zur Stunde des Fernsehens werden.

Sender machen Schule und Wissen

Den Sendern stellen sich indes weitere Fragen: Wie viele Werbemillionen versanden, wenn die exklusive „Sportschau“ nicht gesendet wird? Wie viel Bildungsfernsehen und Kultur (der RBB macht’s vor) passt ins Programm, wenn Theater, Kinos, Kitas, Schulen schließen? Vor dem Hintergrund baut der WDR zum Beispiel seine Programmangebote für Kinder und Jugendliche aus. Das WDR Fernsehen wird ab kommendem Mittwoch „Die Sendung mit der Maus“ täglich ausstrahlen.

Der Bayerische Rundfunk stellt in Partnerschaft mit dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus unter dem Motto „Schule daheim“ ein besonderes Angebot zum Lernen zuhause auf ARD-alpha, in der BR Mediathek und dem Infoportal „mebis“ bereit.

Ab Montag laufen täglich SWR3 Morningshow Visual Radio, Tigerentenclub Spezial, Planet Schule und Planet Wissen im SWR Fernsehen. Eine „Corona-Taskforce“ für alle Programme wurde gebildet.

Und weiter gefragt: Wie viele Corona-Sondersendungen sind nötig, wo sich jeden Abend nach der „Tagesschau“ Millionen Menschen vorm Bildschirm versammeln? Alles Fragen, mit denen sich Senderverantwortliche herumschlagen.

Natürlich auch die nach der Sicherheit der Studiobesucher. ProSieben zeichnet Shows ohne Publikum auf: „The Masked Singer“, „Late Night Berlin“, „Wer schläft, verliert!“ und „Joko & Klaas gegen ProSieben“. Ebenso die RTL-Sender, mit „Let’s Dance“ oder „DSDS“.

Am Donnerstag lief ZDF „Maybrit Illner“ vor leeren Zuschauerbänken, wie dann auch „Das aktuelle Sportstudio“, „heute-show“, „Morgenmagazin“ und „Aspekte“. Nicht anders die ARD: Sendungen wie die „NDR Talkshow“ und „Anne Will“ werden in gleicher Weise produziert.

Das verändert die Rezeption. Fernsehen ohne Publikum ist anderes Fernsehen, auf jeden Fall ungewohnt. In den Showhallen fehlen Begeisterung und Stimmung, in den Talkstudios Atmosphäre. Bei diesen Sendungen sind die anwesenden Zuschauer nicht unbedingt Frau und Herr ihrer selbst. Immer steht da jemand, der die Anwesenden zu einer Reaktion herausfordert – die Kameras sollten nicht in gelangweilte Gesichter schauen müssen.

Wenn es gar nicht funktioniert, werden Lachen und Toben vom Band eingespielt. Fernsehen muss dem Studiopublikum immer ungeheuren Spaß machen, damit ist der Heimseher selber schuld, wenn er schlechte Laune bekommt. Geisterfernsehen birgt Vorteile: Das Medium und seine Macher sind sich selbst überlassen.

Was beim Talk bewirken könnte, dass die Diskutanten nicht um des Applaus wegen die Stimme erheben, sondern nur zur Sache reden. Fernsehen derart konzentriert, als würde permanent Phoenix oder der „Presseclub“ laufen. Das Corona-TV kommuniziert direkt mit dem Publikum am Bildschirm. TV pur! Ich freue mich.

Werbefenster Live-Konferenz entfällt

Weniger freuen sich Sportfans, nicht nur im Fußball oder Wintersport. Das Auftaktrennen der Formel-1-Saison in Melbourne wurde abgesagt, weil es im Team von McLaren einen Coronavirus-Fall gibt. Dabei wäre gerade der Motorsport dazu prädestiniert weiterzulaufen. Anders als im Fußball werden die Fahrer weniger stark von den Zuschauern an der Rennstrecke zum Sieg getragen. Zudem ist für diese Sportart die Werbewirkung der Teamsponsoren entscheidendes Kriterium.

Die Millionen an den Bildschirmen weltweit sind im Vergleich viel wichtiger als bei nationalen Sportevents. Das ist zugleich das große Manko. Das für den 19. April geplante Rennen in China wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Wie es nach der Absage von Australien weitergeht, ist kaum vorherzusagen.

An diesem Wochenende müssen RTL und Sky ihr Programm drastisch ändern. Der Pay-TV-Sender hat den Ausfall der Bundesliga-Live-Konferenz zu verkraften, die am Samstag für alle werbewirksam freigeschaltet werden sollte. Der Fußball steht still, das darf dem Pay-TV-Sender nicht passieren. Auf Sky Sport News HD wurde am Samstag stundenlang mit Reporter Uli Köhler diskutiert.

Und was sah der Fußballfan, der abends reflexartig im Ersten auf die Bundesliga-„Sportschau“ wartete? Erst eine verkürzte Ausgabe mit Moderatorin Jessy Wellmer und Experten wie Thomas Broich, in der viel zu lange über die jüngste Vergangenheit (wer hat wann warum entschieden, wann der Spieltag abgesagt wird?) und viel zu kurz über die jetzt wirklich spannenden Fragen diskutiert wurde (was passiert mit dem Rest dieser Saison? wird zu Ende gespielt?) und dann die Komödie „Miss Sixty“: über eine Molekularbiologin, die in Rente geschickt wird. Eine Molekularbiologin, ausgerechnet.

Fernseher statt Stadion

Fernseher statt Stadion heißt es nun für viele Fans, die Fußballpartien nun nicht mehr am Fußballplatz verfolgen können, wenn Stadionbesuche als Vorsichtsmaßnahme wegen der Corona-Krise verboten werden. Am Mittwoch hat Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln gespielt, es war das erste Geisterspiel der Bundesligageschichte – und weitere folgen. Jetzt reagiert der Bezahlsender Sky: An den kommenden zwei Spieltagen soll ein kleiner Teil der Partien für alle Fans frei empfangbar zu sehen sein, teilte das Unternehmen aus Unterföhring bei München mit.

Übertragen wird auf dem Free-TV-Sender Sky Sport News HD aber lediglich die „Konferenz“, der Live-Zusammenschnitt der Samstagspartien in der ersten Bundesliga und der Sonntagsbegegnungen in der zweiten Liga. Der Sky-Chef Devesh Raj sagte, es sei „für uns selbstverständlich, unseren Teil dazu beizutragen, indem wir diese Spiele mit allen teilen, sodass möglichst viele Fußballfans die Bundesliga live erleben können“. Und dann war da noch sein (medizinisch fragwürdiger) Satz: „In herausfordernden Zeiten müssen wir alle zusammenstehen.“

Am Samstag spielt unter anderem Borussia Dortmund gegen den FC Schalke 04. Die Einzelspiele live und in voller Länge sind aber weiterhin nur für zahlende Sky-Kunden zu sehen, darunter auch die Begegnung zwischen Union Berlin und dem FC Bayern München am Samstag. Den Großteil der Bundesliga-Spiele zeigt Sky live, einige wenige Partien am Freitag oder Montag sind beim Streamingdienst Dazn zu sehen. Sowohl Sky als auch Dazn haben von der Deutschen Fußball Liga (DFL) lediglich Bezahlrechte an der Bundesliga erworben – für sehr viel Geld.

Sky zahlt fast eine Milliarde Euro in dieser Saison, die Kosten müssen vor allem über Abogebühren refinanziert werden. Sind Bezahlspiele nun, wenn auch nur teilweise, frei zu sehen, käme dadurch das Erlösmodell ins Wanken. Das wäre auch für die DFL schwierig, die gerade eine Auktion startet für die Bundesligarechte von 2021/22 an, und wieder mit hohen Einnahmen rechnet. Die Rechte sind in verschiedene Pakete aufgeteilt, für die Interessenten bieten können. Eine Entscheidung soll wohl bis Mai fallen.

Dazn macht dem Publikum den Zugang ohnehin recht leicht: Es gibt ein kostenloses Probeabo für einen Monat, danach kann man monatlich kündigen. Sky hat vor allem längerfristige Abos im Angebot, daneben Sky Ticket, wo man einzelne Spiele gegen Bezahlung buchen kann. Nicht ausgeschlossen also, dass sich Sky mit der Aktion für die bevorstehenden Rechteauktion in gutem Licht präsentieren will. Denn der Sender braucht die Bundesligarechte dringend, nachdem er bei der Versteigerung der Übertragungsrechte für die Champions League leer ausgegangen ist.

Die DFL muss in jedem Fall erst einmal zustimmen, wenn sich Sky oder Dazn dazu entscheiden, weitere Spiele für alle frei empfangbar zu zeigen.

“Ich mache den Berliner Verlag als Hobby” – Holger Friedrich kritisiert “überalterte Denkstrukturen” in der Branche

Mehr Kooperation, mehr Technologie oder mehr Qualitätsjournalismus? Ein Expertenforum in Berlin sucht nach Strategien gegen den Niedergang der Regionalzeitungen. Verleger Holger Friedrich attestiert den Wettbewerbern dabei veraltete Denk- und Management-Strukturen.

Die Krise der regionalen Tageszeitungen in Deutschland hat viele Facetten. Schrumpfende Anzeigenerlöse und die Konkurrenz digitaler Gratis-Angebote sind dabei nur die offensichtlichsten aber bei weitem nicht einzigen Probleme, wie ein Expertenforum des Medientreffpunkts Mitteldeutschland (MTM) in Berlin offenbarte. Für die zur Funke-Gruppe gehörende Mediengruppe Thüringen verschärfen sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zurzeit nicht etwa dadurch, dass die Kunden ins Netz abwandern, sondern dass sie an ihren Print-Abos festhalten.

“Fünfzig Prozent unserer Leser leben im ländlichen Raum, sechzig Prozent sind älter als sechzig Jahre. Aus unserer Markforschung wissen wir, dass deren Interesse an E-Paper und Podcasts ziemlich gering ist”, berichtet Michael Tallai, Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen, die mit der “Thüringer Allgemeinen”, der “Ostthüringer Zeitung” und der “Thüringischen Landeszeitung” die größte Zeitungsgruppe des Bundeslandes bildet. “Was uns wirtschaftlich den Hals bricht, sind die Logistikkosten, die sich seit Einführung des Mindestlohnes stark erhöht haben. Auf dem Land sind die Zustellungskosten durch den Abo-Preis häufig nicht mehr gedeckt”, so Tallai, der den Mindestlohn dadurch jedoch nicht in Frage gestellt sehen will.

“Wenn wir nicht mehr drucken müssten, würden wir gut verdienen.”

Das immer noch intakte Abo-Print-Geschäft der Zeitungsgruppe empfindet er vor diesem Hintergrund jedoch eher als Bürde: “Wenn wir nicht mehr drucken und zustellen müssten, würden wir gut verdienen.” Eine partielle Substitution der Print-Abos durch digitale Abos sei keine Lösung, da die Auslieferungskosten pro verbliebenem Print-Abo dann noch weiter steigen würden. Den Zeitungsverlagen gehe es nicht anders als Supermarktketten oder Banken, die ihre Dienstleistungen im sich ausdünnenden ländlichen Raum kaum noch rentabel anbieten könnten. Chancen für eine Rückkehr zur Rentabilität sieht Tallai in einer stärkeren Kooperation der im ländlichen Raum präsenten Dienstleister und sich daraus ergebender Synergien: Effizienzgewinne könnten erzielt werden, wenn etwa die 900 Zustellerfahrzeuge der Zeitungsgruppe, die bisher exklusiv für die Zeitungsauslieferung unterwegs sind, auch Waren anderer Anbieter auslieferten.

Für Holger Friedrich, seit 2019 gemeinsam mit Ehefrau Silke Eigentümer des Berliner Verlages, ist die Krise der Regionalzeitungen weit grundsätzlicherer Natur. Der IT-Unternehmer und Branchenneuling erklärte im Gegensatz zu früheren Interview-Aussagen: “Ich mache den Berliner Verlag als Hobby.” Früher hatten die Friedrichs betont, dass der Verlag eben kein Hobby sei. Holger Friedrich diagnostizierte seinen Wettbewerbern überalterte Management- und Denkstrukturen, die zur Krisenbewältigung ungeeignet seien. “Die Bereitschaft Neues zu lernen nimmt mit dem Alter ab. Die Probleme sinkender Einnahmen, schrumpfender Margen und schwindender journalistischer Glaubwürdigkeit sind jedoch drei Herausforderungen, die neues Denken und größere technologische Offenheit erfordern”, so der Unternehmer. Ungenutzten Handlungsspielraum sieht Friedrich vor allem auf der Ebene der Margenverbesserung. Die anhaltende Innovationsdynamik der digitalen Technologien eröffne auch den Verlagen neue Chancen, diese würden jedoch kaum genutzt.

Friedrich will IT-Kosten massiv senken

Durch den Aufbau einer neuen IT-Architektur für den Berliner Verlag sowie einer Vernetzung sämtlicher Verlagsprojekte mit Cloud-Diensten will Friedrich die laufenden IT-Kosten in seinem Haus kurzfristig um 73 Prozent senken und auf diese Weise den anderen Abteilungen des Verlages größere finanzielle Spielräume eröffnen. Zu aktuellen Vorgängen um den Berliner Verlag äußerte sich der Unternehmer zurückhaltend. Einen Bericht der “Welt am Sonntag”, der dem Verlegerpaar vorgeworfen hatte, in der Schweiz die Existenz einer GmbH vorgetäuscht zu haben, quittiere Friedrich achselzuckend. Er habe den Text nicht gelesen, jedoch halte er sich stets an alle rechtlichen Vorschriften, die in der IT-Branche zudem weit strikter seien als in der Verlagsbranche. Die Kündigung von Chefredakteur Matthias Thieme nach nur drei Wochen hat den Verlag jedoch offenbar unvorbereitet getroffen: “Ich habe davon erst auf Spiegel Online erfahren”, ließ Friedrich wissen.

Wege aus der Glaubwürdigkeitskrise der Regionalzeitungen skizzierte der Unternehmensgründer Jan Hildebrandt. Der Gründer von abgeordnetenwatch.de initiierte 2013 das hyperlokale Nachrichtenportal “Eimsbütteler Nachrichten”, das sich an die Bewohner des gleichnamigen Hamburger Stadtteils wendet und unabhängigen lokalen Qualitätsjournalismus anbieten will. “Das Projekt ist mein persönliches Labor und entstand als Antwort auf die Krise des Print-Journalismus”, so der Gründer, der das Objekt mittlerweile in die Rentabilität geführt hat. Der Online-Titel finanziert sich über Anzeigen lokaler Gewerbetreibender, inzwischen erscheint im dreimonatlichen Rhythmus auch eine Print-Ausgabe. “Der Print-Titel ist beliebt, schafft Aufmerksamkeit und erschließt neue Anzeigenkunden”, so Hildebrandt. Basis des Erfolgs sei jedoch der Anspruch an den Journalismus: “Gründlichkeit ist für uns wichtiger als Schnelligkeit. Wir machen keine PR und keinen Boulevard, sondern glaubwürdige Nachrichten für die Nachbarschaft. Wir recherchieren selbst und suchen den Dialog mit Leserinnen und Lesern”, so der Gründer, der sich überzeugt zeigte, dass auch die von Sparzwängen gebeutelten Lokalredaktionen mit derartigen Tugenden wieder zurück in die Erfolgsspur finden können.

Auch Leif Kramp, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung der Universität Bremen, hält es für geboten, den engeren Austausch mit den Lesern zu suchen. Wer jüngere Zielgruppen erreichen wolle, dürfe sich jedoch keinen Illusionen hingeben: “Menschen unter dreißig sind im Netz oft nicht mehr in der Lage, journalistische Inhalte als solche zu erkennen und von nicht-journalistischen Inhalten zu unterscheiden”, warnte der Experte.

Kanadas öffentlich-rechtlicher Rundfunk CBC/Radio-Canada im Fokus

CEO und Präsidentin Catherine Tait im Interview über öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Kanada, Netflix und schwindendes Vertrauen.

Frau Tait, Sie haben als CEO für Canadian Broadcasting Corporation/Radio-Canada einen Kooperationsvertrag mit dem ZDF unterzeichnet. Was soll diese Zusammenarbeit bringen?
Wir verbinden damit drei Ziele. Erstens ist es ein gutes Geschäft. Partnerschaften und Koproduktionen mit dem ZDF, der BBC oder der australischen ABC helfen uns, die Qualität unserer Inhalte zu maximieren und den Bekanntheitsgrad kanadischer Autoren, Schauspieler und Regisseure zu erhöhen. Zweitens stehen alle öffentlich-rechtlichen Sender vor den gleichen Herausforderungen – das Konzept des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss aktiv verteidigt werden. Umso besser, wenn wir da mit einer Stimme sprechen. Die Kooperation mit dem ZDF bedeutet zudem die gemeinsame Entwicklung von Inhalten – Fiktion, Live-Events, Dokumentationen – auf allen Plattformen und Zusammenarbeit beim Kampf gegen Fake News.

Das ZDF wird wie der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland über einen Beitrag von 17,50 Euro im Monat, den alle Haushalte bezahlen müssen. Beneidenswert, oder?
Wir leisten eine Menge für weniger Geld. Jeder Kanadier zahlt im Jahr rund 23 Euro für Hörfunk, Fernsehen, Online von CBC/Radio-Canada. Unser Jahresbudget beläuft sich auf etwa 1,2 Milliarden Euro. Das ist nicht üppig. Unter 18 OECD-Staaten liegt Kanada, was die öffentliche Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angeht, auf Platz 16, Deutschland auf Platz vier. Dabei arbeiten wir für sechs Zeitzonen, in zwei offiziellen Sprachen – englisch und französisch – sowie in acht indigenen Sprachen.

 

Geld aus der Staatskasse

Der Etat für CBC/Radio-Canada kommt vornehmlich aus der Staatskasse. Schränkt das die Unabhängigkeit ein?
Nein, der „Broadcasting Act“ garantiert unsere Unabhängigkeit per Gesetz, speziell werden Journalismus, Programmierung und kreative Aktivitäten respektiert und geschützt. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind keine Staatsangestellten. Wir sind ein öffentlicher Rundfunk – kein Staatsrundfunk. Ich als CEO zum Beispiel kann nicht ohne sehr guten Grund aus dem Amt entfernt werden.

Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland sind unter Druck. Da sind die Streamingdienste, da sind populistische Parteien wie die AfD, die die Etats deutlich kürzen, wenn nicht ARD, ZDF und Deutschlandradio abschaffen wollen. Ist diese Situation vergleichbar mit der von CBC/Radio-Canada?
Die Disruption betrifft unsere gesamte Industrie, nahezu alle öffentlich-rechtlichen Anstalten sind weltweit unter Druck. Aber es ist nicht so, dass die Digitalgiganten wie Netflix nur unsere Feinde sind. Sie bringen uns allen unglaubliche Inhalte, sie ermöglichen – wie beispielsweise Netflix mit „Schitt’s Creek“ – Storys und Produktionen aus Kanada weltweite Verbreitung und Beachtung.

Unsere Aufgabe ist natürlich die Unterstützung, die Entwicklung kanadischer Künstler und Autoren, das Aufzeigen und Darstellen kanadischer Perspektiven, kanadischer Kultur – das ist unser Job als nationaler Rundfunk.

 

Prinzipien sind unabhängig von der Politik

Der britische Premierminister Boris Johnson plant, die Fernsehgebühr für die BBC durch ein Abo-Modell zu ersetzen. Zugleich sollen Programme entfallen. Planen die Konservativen in Kanada ähnliches, sobald sie wieder an der Macht sind?
Egal, welche Partei die Regierung stellt – unsere Prinzipien und Prioritäten bleiben unverändert, also die Nachrichten und die Demokratie zu stärken, junge und diverse Kanadier für unsere Programme und Inhalte zu gewinnen. Sehen Sie, 84 Prozent aller Kanadierinnen und Kanadier nutzen wenigstens einmal im Monat unsere Services. Jeder Kanadier hat eine Meinung zu CBC/Radio Canada – ich liebe das.

Die öffentlichen Medien sind auch ein wichtiger Wachstumsfaktor. Jeder Dollar, der in CBC/Radio Canada investiert wird, löst drei Dollar an Investitionen aus. Das sind die Fakten, an die wir die Bürger und die Regierung immer wieder erinnern müssen.

In einem Artikel für die „Financial Times“ haben Sie geschrieben: „Eine Welt ohne öffentlich-rechtliche Medien wäre ein dunklerer Ort.“ Vor diesem Hintergrund: Warum hat auch CBC/Radio-Canada mit einer Erosion an Unterstützung zu kämpfen?
Die wahre Herausforderung für unsere Demokratien ist der Einfluss des Internets und der sozialen Medien, die den öffentlichen Diskurs auf Plattformen treibt, die für kommerzielle Ziele optimiert sind. Zudem werden die über Gebühren, Beiträge und Steuern finanzierten Sender überall auf der Welt der politischen Voreingenommenheit bezichtigt – trotz unserer robusten Sicherungsmaßnahmen für unsere journalistischen Standards und Praktiken.

Natürlich müssen wir uns unserer glaubwürdigen Nachrichtenquellen ständig versichern und das Vertrauen in der Öffentlichkeit stabilisieren und ausbauen. Vertrauen ist die wichtigste Qualität überhaupt für zukunftsfähige Medienunternehmen.

Das ist das eine. Wie reagiert CBC/Radio- Canada auf den Aufstieg von Streaming-Plattformen? Der Marktanteil des CBC-Fernsehens im englischsprachigen Teils von Kanada liegt bei sieben Prozent, im französischsprachigen Teil bei 28 Prozent. Wo das US-amerikanische Netflix auftaucht, wird es für das öffentlich-rechtliche Fernsehen schwierig.
Ja, Netflix wächst in Kanada weiter. Und öffentlich-rechtliche Sender müssen sich der Herausforderung ausländischer Originals stellen, wir reden da von einer Herausforderung von 120 Milliarden Dollars. Aber da eröffnen sich auch Chancen: Ein globales Publikum kann via Streaming authentisch kanadische Stoffe kennenlernen – siehe „Kim’s Convenience“ oder jetzt bei der Berlinale „C’est comme ca que je t’aime“. Dann gehören unsere Podcasts zu den weltweit erfolgreichsten.

 

Fake News als Herausforderung

Hat auch Ihr Sender mit Fake News zu kämpfen? Wie sieht es mit der Glaubwürdigkeit beim Publikum aus?
Ja, Desinformation ist für CBC/Radio-Canada eine echte Herausforderung. Andererseits werden unsere Programme als die glaubwürdigste Nachrichten- und Informationsquelle überhaupt beurteilt. Überprüfung und Faktencheck sind die Säulen unserer Berichterstattung.

Wie steht es um Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, beides wachsende Probleme in der deutschen Gesellschaft?
Zur Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört auch, eine Pluralität der Stimmen und der Sichtweisen zu befördern und zu ermutigen. Wir müssen Menschen zueinander bringen und vernetzen. Zudem müssen wir klarmachen, was wir gemeinsam haben und was uns trennt – sprich die Diversität, die Rassen und die sexuelle Orientierung der Menschen reflektieren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss ein sicherer Platz sein für den zivilen, zivilisierten Austausch unter und zwischen den Bürgern. CBC/Radio Canada ist ein elementarer Teil der kanadischen Kultur.

Wie viele Abos brauch’ ich?

Poker mit Sky, Dazn, Telekom & Co: Die Fußball-Bundesliga ist begehrt wie nie. Nun startet die neue Medienausschreibung.

Klaus Hofmann ist ein romantischer Mensch. Der Präsident des FC Augsburg hat sich gegen eine Vergabe der TV-Rechte der Fußball-Bundesliga an Streamingdienste wie Dazn und Amazon Prime ausgesprochen. „Am liebsten wäre es mir, wenn man alle Spiele im Fernsehen sehen könnte, ohne dass man Streamingdienste braucht“, sagte Hofmann im Interview der „Augsburger Allgemeinen“.

Für die Zuschauer in Deutschland dürfe die Bundesliga nicht teurer werden. Daher sei es schön, „wenn wir den Übertragungsweg auf eine technische Plattform reduzieren, auch wenn es verschiedene Anbieter sind“. Gut gemeint, aber wohl weit an der Realität vorbei. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat die Ausschreibung der Medienrechte für die Bundesliga angekündigt.

Zu vergeben sind die Medienrechte an den Spielen der Bundesliga, der 2. Bundesliga, des Supercups sowie der Relegation für vier Spielzeiten von 2021/22 bis 2024/25. Es ist davon auszugehen, dass der Fußballfan weiter mindestens zwei Abos benötigen wird, wenn er alle Spiele live sehen will. Tendenz: Es werden mehr Abos benötigt.

Der derzeit laufende Vertrag für vier Spielzeiten bringt den Vereinen 4,64 Milliarden Euro ein. Der Pay-TV-Sender Sky ist seit Jahren wichtigster Partner und Finanzier der Liga. Auch Dazn zeigt bereits Bundesliga-Spiele und hat, wie aus Bieterkreisen zu hören ist, Ambitionen auf mehr. Zuletzt hatte der erst seit 2016 aktive Streamingdienst Dazn bei der Champions League Sky überboten, auch Amazon sicherte sich ein Paket. Sollte es in der Bundesliga zu ähnlichen Umwälzungen kommen, wird es eng für den Pay-TV-Sender, der – bei aller Liebe zu Serien wie „Babylon Berlin“ – vor allem von seinen exklusiven Sportrechten lebt.

Man hört von zwölf interessierten Marktteilnehmern

In den Startlöchern stehen Dazn, Amazon, Netflix, vielleicht auch Google, Apple und die Telekom, die sich die Rechte für die EM in Deutschland 2024 gesichert haben. Weil es so viele mögliche Bewerber wie noch nie gibt – man hört von zwölf interessierten Marktteilnehmern –, rechnet Bayern-Boss Rummenigge mit einem „Schritt nach oben“. Für die Fans könnte es unübersichtlich werden. Insider glauben, dass mehr als zwei Pay-Erwerber zum Zuge kommen.

In England benötigt man derzeit gleich drei Abos, um die Premier League verfolgen zu können: Sky, BT und Amazon. Offenbar plant die Premier League einen eigenen Streamingdienst, der mit Netflix vergleichbar wäre. Von so einem Modell ist die DFL aber noch entfernt.

Seifert sagte, er würde gern ein Abo-Chaos vermeiden. „Wenn man drei Abos benötigt, um die Liga komplett zu konsumieren, würde das die Schwelle des Erträglichen aus unserer Sicht stark strapazieren. Aber das entscheiden wir nicht allein.“

Das Kartellamt besteht darauf, dass nicht ein Anbieter alle Pakete alleine erwerben könne. Denkbar ist beispielsweise, dass sich Amazon oder die Telekom das Top-Spiel am Samstagabend holen, Sky die Samstags-Konferenz sowie die Spiele am Freitag und Sonntag live überträgt.

Auch im Free TV wird am Eingemachten gerührt. Wie man hört, ist die DFL mit dem Produkt ARD-„Sportschau“ und ihren fünf Millionen Zuschauern am frühen Samstagabend recht zufrieden. Das Format verliert aber Marktanteile bei den 14- bis 49-Jährigen. Eine neue Generation schaut anders Fußball. Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass die Erstberichterstattung der Highlights ab 2021 bei der ARD bleibt. Im Gegensatz zur Mopsfledermaus, so Seifert, stehe die „Sportschau“ nicht unter Naturschutz.

Auch RTL ist in der Lage, eine Highlight-Sendung auf die Beine zu stellen. Am Dienstag will die DFL in Frankfurt bekannt geben, was wie verkauft werden soll. Auf dem Tisch liegen laut Kay Dammholz, ehemaliger DFL- und Dazn-Manager, sieben Live- und sieben Highlight-Pakete. Ein unübersichtlicher Poker. Wahrscheinlich werden sich Anbieter öffnen müssen für Kooperationen untereinander.

Fest steht, dass eine „Sportschau“ am Samstag, welcher Art auch immer, nicht vor 18 Uhr 30 läuft, was die Exklusivität der Live-Pakete vom Nachmittag hält. Im Mai dürfte dann klar sein, wie teuer das Vergnügen Bundesliga live für Fans wird: 40, vielleicht 50 Euro Abo-Kosten könnten das im Monat sein. Klaus Hofmann wird es nicht freuen.

Hubert Burda appelliert an die nächste Generation: „Macht einfach weiter!“

Der Verleger spricht im Interview über schwierige Familienunternehmen, seine Lebensbilanz, die Übermacht der Internetgiganten und die Zukunft des Journalismus.
Kurz vor seinem 80. Geburtstag am kommenden Sonntag zieht der Münchener Medienunternehmer Hubert Burda Bilanz. „Meine Botschaft an die junge Generation ist: Ich bin so viel auf die Schnauze gefallen, macht einfach weiter!“, sagt der Verleger von „Bunte“ und „Focus“ in einem Gespräch.
In einer Dynastie gehe es um die „Weitergabe von Begabung“. Es dürfe nicht jenes Wissen verloren gehen, das durch unendliche Kämpfe entstand. Seine Eltern Franz und Aenne Burda beispielsweise hätten sich gegenseitig immer getrieben und nie etwas geschenkt: „Da war so viel Zunder in der Bude.“
Der ideale Verleger müsse die Technologie verstehen und beherrschen, führt Burda weiter aus, der in dritter Generation aktiv ist. Früher sei es um Druckmaschinen gegangen, heute werde die moderne Medienindustrie weitgehend durch Software bestimmt. Burda: „Die größten Fehler in Verlagen passieren, wenn Verleger keine Ahnung von Technik und Journalisten keine Ahnung vom Verlag haben.“
Alarmiert zeigt sich Burda im Handelsblatt-Gespräch über die Macht von Facebook, Google, Apple, Amazon und Microsoft: „Größere, wertvollere Unternehmen hat es nie gegeben. Ich bin völlig ratlos, warum die Linke nicht aufsteht und brüllt! Warum sie nicht sieht, dass fünf Firmen die Öffentlichkeit privatisiert haben!“
Europa spiele im Netz leider keine Rolle: „Die Chinesen und Amerikaner nehmen uns Europäer nicht ernst, weil wir im Internet nicht vorkommen. Es kann ja sein, dass Donald Trump eines Abends so sauer ist, dass er den Deutschen einfach mal das blöde Internet abstellt.“
Hoffnung setzt Burda auf die neue EU-Kommission, die in Digitalfragen viel schlagkräftiger sei und die künftig größere Allianzen ermöglichen müsse: „Entweder wir kriegen richtige Firmen in der Digitalwirtschaft hin oder Europa bleibt in der Hutschachtel. SAP reicht da nicht.“ Ohne Partner könnte Burda keine Suchmaschine gegen Google setzen.
Zur Nachfolge erklärt der Unternehmer, seine Kinder Jacob und Elisabeth seien mittelfristig dazu entschlossen, die Rolle als „mittelständischer Eigentumsverleger“ zu übernehmen. In den nächsten fünf Jahren werde sich viel verändern. Sein Sohn Jacob sei immer wieder in San Francisco und Los Angeles, wo die besten Softwareschreiber säßen: „Er muss die richtigen Leute kennenlernen. Sollte er bei einer Lokalzeitung Journalismus lernen?“
Herr Burda, zum 65. Geburtstag bekamen Sie intern eine Zeitung aus Ihrem Reich geschenkt mit dem Aufmacher: „Burda kauft Bertelsmann“. Welche Schlagzeile würden Sie aktuell zum 80. am liebsten über sich lesen?
Es gibt zurzeit nichts Größeres zu kaufen. Wissen Sie, die Antwort ist im Grunde einfach. Ich will Burda. Und das habe ich auch bekommen.
Vorausgegangen waren heftige Dispute mit Ihren älteren, mittlerweile verstorbenen Brüdern Franz und Frieder. Nach dem Tod Ihres Vaters im September 1986 konnte der Burda-Konzern nicht mehr erhalten werden.
Diese Realteilung war eine Meisterleistung. Zu dritt hätten wir nichts hingekriegt. Franzl hielt mich für einen problematischen Typen, mit einem Faible für Kunst und linken Freunden wie Michael Krüger und Peter Handke. Zudem ging er davon aus, dass ich lieber zehn Zentimeter wachsen sollte. Aber das war ja mein Vorteil: Die haben auf mich herabgeschaut, und ich konnte mich flink bewegen. Ich bin im besten Sinne unterschätzt worden.
Wie viele Selbstzweifel hatten Sie bei der Übernahme des Verlags mit Zeitschriften wie „Bunte“, „Freizeit-Revue“ oder „Mein schöner Garten“?
Ich habe mir ein Herz genommen. Es war eine große Zumutung – und ein Geschenk des Himmels. Meine Frau Maria Furtwängler, mit der ich damals gerade erst befreundet war, unterstützte mich dabei sehr.
Was macht Ihrer Meinung nach den idealen Verleger aus? Und das in einer Medienwelt, die von immer neuen Internetkanälen erschüttert wird?
Er muss die Technologie verstehen und beherrschen. Früher ging es um die Druckmaschinen. Deshalb habe ich in den Semesterferien während meines Studiums in der Druckerei gearbeitet. Die Burdas haben mit bedrucktem Papier und Farbe ihr Geld gemacht.
Und so kamen Sie in den frühen 1960er-Jahren in ein Unternehmen, das mit Illustrierten und Schnittmusterbögen aus Offenburg und Lahr zum Symbol des Wirtschaftswunderlands geworden war.
Mein Vater hatte eine Farbdruckmaschine bei einem Bauern eingestellt und sie so über den Krieg gerettet. Das Druckbenzin hatte er im Garten vergraben. Deshalb konnte er nach 1945 rasch neu starten. Er wollte eine Welt mit farbigem Abglanz. So kam es zu Modezeitschriften und zur Umbenennung von „Das Ufer“ in „Bunte“. Als mir mein Vater später 1975 in London bei der Firma Crosfield mit Begeisterung die ersten Entwicklungsstufen eines digitalen Scanners zeigte, ahnte ich: Irgendwann sind Retuscheure überflüssig. Die größten Fehler in Verlagen passieren übrigens, wenn Verleger keine Ahnung von Technik und Journalisten keine Ahnung vom Verlag haben.
Heute ist das Internet sozusagen die Druckmaschine der Welt.
Die moderne Medienindustrie wird weitgehend durch Software bestimmt. Die besten Softwareschreiber sitzen nicht in Europa, sondern in Kalifornien, bei Google, Apple oder Amazon. Deswegen ist mein Sohn Jacob immer wieder in San Francisco oder Los Angeles. Er muss die richtigen Leute kennen lernen. Sollte er bei einer Lokalzeitung Journalismus lernen?
Oder bei der „Bunten“, wo Sie zwölf Jahre lang Chefredakteur waren?
Tempi passati. Für mich war es gut, ich hatte es mit einem journalistischen Kontext zu tun.
Ihr Haus lebt doch immer noch auch von Journalismus.
Natürlich, und so soll es auch bleiben. Aber man kann doch nicht verkennen, dass jeden Monat wichtige neue Software geschrieben wird. Was zählt, ist, diese neuen Wege zu vernetzen mit dem, was man hat. Gedruckte Nachrichtenmagazine sind von diesen Veränderungen am stärksten betroffen. Kommt eine tolle Nachricht, ist sie sofort online. Ich freue mich, dass Focus.de mittlerweile monatlich mehr Nutzer hat als Bild.de und ‧Spiegel.de. Wir brauchen eine große Website, um andere Geschäfte zu fördern.
Schön und gut. Aber inmitten des Hypes um Algorithmen und Software zählt doch, wovon Verlage im Kern leben: Geschichten zu erzählen.
Dafür haben wir heute das neumodische Wort „Narrativ“. Wie erzählst du deine Geschichte? Das führt zum Markenaufbau. Das Spiel entscheidet aber, was sich als Aufschreibsystem der Zukunft durchsetzt. Die Generation der 20- bis 25-Jährigen ist beispielsweise nur noch per Video unterwegs. Schreibmaschinen waren das Herrschaftssystem meiner Jugend. Aber der Text als Aufschreibsystem hatte seinen Höhepunkt schon mit Goethe und dem Fortsetzungsroman „Wilhelm Meister“. Das war eine der großen Thesen des Mediensoziologen Friedrich Kittler, der mich sehr beeinflusst hat.
Einspruch. Die Kriterien des Qualitätsjournalismus wie Recherche, Neugier oder Erzählkunst bleiben in jedem Aufschreibsystem wichtig.
Es ist richtig, den Qualitätsjournalismus voranzutreiben, wie es Angela Merkel einmal mir gegenüber betont hat. Und Neugier ist das große Incentive. Aber wie kann es dann dazu kommen, dass beim „Spiegel“ 14 gefälschte Geschichten trotz einer angesehenen Dokumentation durchgehen? Es kommt sehr auf das Know-how der verantwortlichen Redakteure an – und eine kritische Haltung auch sich selbst gegenüber.
Fake News sind am meisten nicht im Journalismus, sondern bei Facebook und den Tochterfirmen Instagram und WhatsApp verbreitet. Damit werden sogar Wahlen beeinflusst.
Die Technologie hat über Social Media dazu geführt, dass heute jeder ein Sender ist. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg trägt dafür eine große Verantwortung. Es war abzusehen, dass der Missbrauch bei seiner Software solche großen Ausmaße erreicht.
Macht Ihnen die Macht von Facebook, Google, Apple, Amazon und Microsoft im Internet Angst, weil für traditionelle Medienunternehmen zu wenig übrig bleibt?
Größere, wertvollere Unternehmen hat es jedenfalls nie gegeben. In meiner Jugend war das Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Jürgen Habermas in der linken Szene en vogue. Es beschreibt Auf- und Abstieg der bürgerlichen Öffentlichkeit. Ich bin heute völlig ratlos, warum die Linke nicht aufsteht und brüllt. Warum sie nicht sieht, dass fünf Firmen die Öffentlichkeit privatisiert haben. Wo, lieber Herr Professor Habermas, gibt es im Netz den öffentlichen Raum, der nicht in der Hand dieser großen Technologieplattformen ist?
Welche politischen Gegenmaßnahmen, welche Regulierung fordern Sie?
Das ist das Thema unseres Vorstandsvorsitzenden Paul-Bernhard Kallen in Brüssel. Die Chinesen und Amerikaner nehmen uns Europäer nicht ernst, weil wir im Internet nicht vorkommen. Es kann ja sein, dass Donald Trump eines Abends so sauer ist, dass er den Deutschen einfach mal das blöde Internet abstellt. Die neue EU-Kommission mit Ursula von der Leyen und den Kommissaren Margrethe Vestager und Thierry Breton ist in Digitalfragen immerhin viel schlagkräftiger geworden. Die haben umgeschaltet.
Noch einmal: Was soll konkret passieren?
Was ist denn mit unserer digitalen Souveränität? Entweder wir kriegen richtige Firmen in der Digitalwirtschaft hin, oder Europa bleibt in der Hutschachtel. SAP reicht da nicht. Die EU muss sich die Kartellgesetze anschauen, denn alles ist eine Frage der Allianzen. Ohne Partner können wir keine neue Suchmaschine gegen Google setzen.
Heute wird viel von „Fehlerkultur“ geredet. Was waren in Ihrer langen Karriere schmerzliche Niederlagen, die Sie geprägt haben?
Sicherlich das Männermagazin „M“, das ich im Sommer 1970 nach nur einem Jahr einstellen musste. Mein Vater hatte das Gefühl, es ginge gegen ihn. Die Erfahrung hat mehr als zehn Millionen Mark gekostet, aber es war wichtiges Lehrgeld. Ohne den Blechschaden wäre ich 1976 nicht fähig gewesen, „Bunte“-Chefredakteur zu werden.
Fast übermütig war es, 1991 mit der Ost-Boulevardzeitung „Super“ das Flaggschiff „Bild“ aus dem Hause Axel Springer anzugreifen.
Das ist mein zweites großes Scheitern. Es kostete mich 70 Millionen Mark, weshalb mein damaliger Partner Rupert Murdoch wirklich ein im engeren Wortsinne teurer Freund ist. Er brauchte damals eine Börsenstory. Leider hatte uns der langjährige „Bild“-Chefredakteur Günter Prinz verlassen, um Springer-Vorstandschef zu werden. Mit ihm wäre das Projekt ein voller Erfolg geworden, mit Ablegern in Hamburg, Köln und München. Wir waren im Osten so stark …
… und brachten Schlagzeilen wie: „Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen. Ganz Bernau ist glücklich, dass er tot ist.“
Dafür wurde ich gleich gefedert. Ich hatte ein Heer von Feinden, auch Springer-Großaktionär Leo Kirch und dessen Freund Helmut Kohl. Aber eines ist doch geblieben: „Super-Illu“. Damit verkaufen wir im Osten mehr als „Stern“, „Spiegel“ und „Focus“ zusammen.
Immerhin klappte der nächste Angriff auf ein Pressemonopol. Mit „Focus“ setzten Sie sich 1993 neben den „Spiegel“.
Die Wetten standen 1:99, die „Super“-Pleite war ein so schlechter Schem, wie es im Jüdischen heißt. Doch mit „Focus“ war das Geld schnell wieder da. Ich wusste immer, dass Helmut Markwort der bessere Chefredakteur ist, ich aber der bessere Verleger. 2000 haben wir mit dem Magazin 100 Millionen Mark Gewinn gemacht.
Seitdem hat unter anderem Google die Werbegelder aus dem Pressemarkt abgezogen. Eine unvermeidliche Entwicklung?
Was habe ich für einen Fehler gemacht, dass ich alles von Print in Online übersetzt habe! Google war einst meine Wunderkammer, nachdem mir die Gründer Sergey Brin und Larry Page 1998 in Davos beim Weltwirtschaftsforum ihre Suchmaschine erklärt hatten. Doch dann wurden sie zu raffiniert. Als wir die Zeitschrift „Cinema“ übernahmen, hatten wir kurzzeitig den größten Kinoführer im Netz. Und plötzlich war aber Google Movie Nummer eins und wir nur Fünfter. Als einmal ein Google-Manager schwärmte, er würde uns aus der Vermarktung 7,4 Millionen an Burda überweisen, rechnete ich ihm Kosten der Redaktion von 34 Millionen vor. Ein Freund gab mir den Rat: „Nennen Sie die nicht immer Freunde. Die bringen Sie um!“
Heute sorgen bei Burda die An- und Verkäufe von Internetbeteiligungen für satte Extragewinne. Besitzen Sie in Wahrheit eine Investmentbank mit angeschlossenem Verlagsbetrieb?
Unsinn. Vorstand Philipp Welte macht mit dem deutschen Verlagsgeschäft ein sehr profitables Geschäft. Unsere Modemagazine sind führend in Deutschland, und das gelingt uns auf dem deutschen Markt auch in anderen Segmenten bis hin zu den Kinderzeitschriften. Und „Bunte“ ist unter den aktuellen Magazinen der stärkste deutsche Titel im Einzelverkauf, und das wird auch so bleiben. Ob ich allerdings noch einmal einen größeren Verlagstitel machen würde, glaube ich weniger. Wir haben jetzt seit mehr als 20 Jahren Erfahrung darin, uns an jungen digitalen Firmen zu beteiligen. Mit dem Verkauf von Zooplus haben wir etwa viel Geld verdient, das wir sofort wieder investiert haben.
Also doch: Portfolio first.
Ja, und? Wir haben Dutzende Geschäftsmodelle. Unser Lebenselixier ist, mit Gründern in Kontakt zu kommen. Über Burda Principial Investments halten wir mit dem Onlinemodehändler Zilingo eine Beteiligung an einem Unicorn, genauso an Vinted in Berlin, das sein Geschäft mit Secondhand-Kleidern macht. Aber der zuständige Vorstand Martin Weiss hat mit Immediate Media und seinen alten BBC-Zeitschriften auch einen respektablen Verlag akquiriert. Wir sind schön diversifiziert.
Herr Burda, in vielen deutschen Familienunternehmen steht die Nachfolge an. Mal übernimmt, wie bei Fielmann, der 30-jährige Filius, mal zieht sich die Familie wie bei Bahlsen in das Aufsichtsorgan zurück. Wie ist das bei Burda?
Ein mittelständischer Eigentumsverleger, und so sehe ich mich, muss die Nachfolge aus der Familie heraus regeln. Meine Kinder Jacob und Elisabeth sind dazu mittelfristig entschlossen. Aber erst mal soll CEO Kallen so lange wie möglich weitermachen. Er weiß alles über das Internet.
Und wann tauchen die Kinder im Management auf?
Das ist nicht ausgemacht. Sie müssten das ganze Unternehmen erkunden. In den nächsten fünf Jahren wird sich viel verändern. Aber noch bin ich in der Birne bestens beieinander. (Lacht).
Welche unternehmerischen Vorbilder haben Sie?
Eindeutig die schwäbischen Familienunternehmer wie Berthold Leibinger oder Hans Peter Stihl. Mit Reinhold Würth habe ich letzte Woche hier zu Mittag gegessen. Oder denken Sie an Carl Laemmle aus Laupheim, der zum Hollywood-Studioboss wurde. Das sind so Kerle, die ich im Kopf habe. Leute, die wissen, wo das Licht ist!
Sie sind jetzt in der dritten Generation des Familienunternehmens aktiv, das seinen Ursprung im Badischen hat, in Offenburg groß wurde und inzwischen auch in München sitzt. Wie wichtig ist Ihnen eigentlich der Gedanke der Dynastie?
Sehr wichtig. Es geht doch um Weitergabe von Begabung. Ich weiß zum Beispiel gar nicht, wer von meinen Eltern der größere Verleger war. Aenne oder der Vater? Beide haben sich gegenseitig getrieben und nie etwas geschenkt. Da war so viel Zunder in der Bude! Es darf nicht jenes Wissen verloren gehen, das durch unendliche Kämpfe entstand. Meine Botschaft an die junge Generation ist: Ich bin so viel auf die Schnauze gefallen, macht einfach weiter!
Sie wurden größer, weil die anderen Sie kleingeredet haben. Das war Ihre Erfolgsformel?
Mit 12, 13 Jahren wollte ich Künstler werden und malen wie Cézanne. Mein Vater war geschickt genug, mich dann an langer Leine Kunstgeschichte studieren zu lassen. So kam ich auf Bilder und die Bildsprache. Ich wusste immer: Unternehmer ist für mich ein Künstlerberuf. Er hat dann Erfolg, wenn er sensitiv ist und vor allen anderen erahnt, welche Entwicklung Geschäfte nehmen.
Wenn Sie zurückschauen: Gibt es etwas, was Sie bedauern, etwas, was Ihnen nicht geglückt ist?
Die Tragik meines Lebens ist der Tod meines Sohnes Felix. Danach kann es nichts Schlimmeres geben. Wir haben insgesamt, gegen alle Zweifler und Skeptiker, ein starkes Unternehmen gebaut. Ich hätte auch andere Wege gehen können. Einmal bat der „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius meinen Vater: „Ich habe keinen Nachfolger. Sie aber haben drei Söhne und brauchen doch nicht alle. Geben Sie mir den jüngsten!“ Er hatte mich 1966 in Bad Boll über Illustrierte reden hören. Aber mein Vater hat Bucerius – trotz aller Spannungen, die wir hatten – abgesagt. Stellen Sie sich das mal vor: Burda ohne mich!

Neues Buch warnt vor Instagram-Abhängigkeit

2018 knackte Instagram die magische Marke von einer Milliarde User weltweit. Allein in Deutschland sind es rund 15 Millionen. Viele nutzen die Plattform jeden Tag, um Fotos von sich zu präsentieren – oder Bilder von anderen anzuschauen. Ein neues Buch warnt nun Instagram-Nutzer. Das soziale Netzwerk habe ein großes Suchtpotenzial, schreibt die Autorin Nena Schink.

Schink, die sich als Wirtschafts-Journalistin mit Instagram und dem Phänomen Influencer befasst hat, kommt zu drastischen Urteilen: „Ich vergleiche meine Instagram-Aktivität gerne mit meiner Vorliebe für Zigaretten“, schreibt sie. „Die eine Angewohnheit schadet meiner Seele. Die andere meinem Körper.“

Im Interview fügt sie hinzu: „Facebook wurde gegründet, um mit Freunden in Verbindung bleiben zu können, LinkedIn, um beruflich voranzukommen. Aber auf Instagram gibt es nichts anderes als die Aufmerksamkeit der anderen zu gewinnen. Deswegen mutieren wir alle eigentlich zu Arschlöchern und es herrscht nichts vor als soziale Angeberei.“

Nach Angaben des 2017 gegründeten Bundesverbandes Influencer Marketing (BVIM) stand die Branche im vergangenen Jahr kurz davor, die Milliarde zu knacken. Der Verband geht davon aus, dass der Branchenumsatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz 2020 bei 990 Millionen Euro liegen wird. Schätzungsweise verdienen im deutschsprachigen Raum bis zu 165 000 Menschen mit Instagram, Blogs oder Youtube-Videos Geld.

Und so ist ein großes Thema in Schinks Buch auch – der Kommerz. Schink seziert das Geschäftsmodell Influencerin, schreibt, wie entzaubernd es sein kann, die Frauen, die ein perfektes Instagram-Leben inszenieren, in der echten Welt zu treffen. Ein eigenes Kapitel widmet sie dem „Influencer-Wahnsinn auf dem Oktoberfest“.

Snapchat-Gründer sieht TikTok als großen Herausforderer

Snapchat-Gründer Evan Spiegel sieht das soziale Video-Netzwerk TikTok als großen Herausforderer, streut dem Mitbewerber aber Rosen. „Ich liebe TikTok. Ich bin ein großer Fan“, bekannte Spiegel bei einem Auftritt auf der Innovationskonferenz DLD in München. Er verbringe gern Zeit bei TikTok und sei nicht sauer, dass Facebook seine Ideen kopiert habe.

Zudem schloss er auf Nachfrage nicht aus, dass die zum chinesischen Bytedance gehörende Videoplattform mit der Zeit größer werden könnte als Facebooks Instagram.

Snapchat war ursprünglich für seine von allein verschwindenden Fotos bekanntgeworden. Später führte der Dienst die sogenannte „Stories“-Funktion ein, in der Nutzer Bilder und Videos für einen Tag mit ihren Freunden teilen können. Instagram und andere Facebook-Dienste kopierten die Funktion und hängten Snapchat bei der Nutzerzahl noch weiter ab. Auf die Frage, ob ihm das zusetze, antwortete Spiegel: „Viel mehr ärgern würden wir uns, wenn wir nicht noch mehr Ideen hätten.“ Vielmehr helfe das, die Idee in der Gesellschaft zu verbreiten. „Wir betrachten Kopieren nicht als Einschränkung für das Wachstum unseres eigenen Geschäfts.“

Instagram hat inzwischen mehr als eine Milliarde Nutzer, Snapchat kam zuletzt im Herbst auf rund 210 Millionen täglich aktive Mitglieder. TikTok hat nach jüngsten Informationen von Herbst mehr als 500 Millionen aktive Nutzer und wächst schnell. Die App hat einen extrem hohen Anteil junger Nutzer – viele sind jünger als 13, das Alter, ab dem man sich bei der App eigentlich anmelden dürfte. TikTok-Kritiker warnen deshalb vor Risiken beim Jugendschutz – sowie bei der Datensicherheit, unter Hinweis darauf, dass die Betreiberfirma aus China kommt. So wurde vor kurzem US-Soldaten verboten, auf Dienst-Telefonen TikTok zu nutzen.

Ein Markenzeichen von TikTok sind selbstgemachte Videos, in denen die Nutzer sich beim Tanzen filmen oder die Lippen zu populären Songs bewegen. Bytedance hatte 2018 die App Musical.ly übernommen, die auf Lipsync-Videos spezialisiert war. Gerade in diesem Bereich sieht Spiegel die langfristige Stärke von TikTok. Man könne sich die Nutzungsszenarien von Plattformen für soziale Medien wie eine Pyramide vorstellen – am breitesten sei die Nutzung von Werkzeugen zur Kommunikation, darauf folge die schmalere Schicht von Anwendungen, bei denen es um Status etwa mit „Likes“ geht.

Eltern sollten Cybergrooming nicht totschweigen

Fremde Erwachsene, die sich im Netz Kindern nähern – oft mit Missbrauchsabsichten: Das sogenannte Cybergrooming ist ein Alptraum vieler Eltern. Totschweigen sollte man das Thema aber nicht, im Gegenteil. „Wir raten Eltern immer, mit ihren Kindern offen darüber zu reden“, sagt Kristin Langer von der Initiative „Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht“.

Cybergrooming kann Mädchen wie Jungen gleichermaßen treffen, sagt die Expertin. Gefährdet sind Kinder theoretisch in dem Moment, in dem sie selbstständig und privat im Netz unterwegs sind – also zum Beispiel mit dem ersten eigenen Smartphone. Einfallstor für die Cybergroomer sind in der Regel Chats, sei es in Messenger-Apps oder anderswo, in Videospielen etwa.

Von dieser Gefahr müssten Kinder wissen, sagt Langer. Das kann dann etwa so klingen: „Du musst davon ausgehen, dass im Netz Menschen unterwegs sind, die dir oder uns nichts gutes wollen.“

Gut ist, wenn Kinder zudem wissen, wie die Masche Cybergrooming genau funktioniert – also zum Beispiel, dass sich die Täter manchmal als Gleichaltrige ausgeben, manchmal als Casting-Agenten oder Modelscouts. Typisch für solche Anbahnungsversuche ist, dass die Täter nur positiv kommunizieren – mit vielen Versprechen und übertrieben viel Lob.

Schützen können sich Kinder, indem sie sparsam mit Infos über sich umgehen, vom Wohnort über das Alter bis zur Handynummer. „Für Kinder ist es etwas tolles, wenn sie ein eigenes Smartphone und eine eigene Nummer haben, die sie weitergeben können“, so Langer. „Da müssen Eltern entsprechende Aufklärungsarbeit leisten.“

Dazu brauchen Kinder eine Vertrauensperson, an die sie sich bei Fragen oder einem komischen Bauchgefühl wenden können – auch und gerade, wenn das Verhältnis zu den Eltern pubertätsbedingt etwas angespannt ist. „Dann kann das vielleicht ein Patenonkel oder eine Patentante sein, auch eine gleichaltrige Freundin“, so Langer.

Friedensnobelpreisträger kritisiert Tech-Riesen und Eliten

Kapitalismuskritik und eine klare Warnung: Das Streben nach Gewinn und Wachstum hat die Welt an den Rand des Abgrunds geführt, sagt Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus auf der Bühne der Innovationskonferenz DLD in München. „Es ist eine tickende Zeitbombe, sozial, politisch, wirtschaftlich. Es kann so nicht weitergehen.“ Auf der Konferenz, die einst von Begeisterung für das Silicon Valley geprägt war, trat in diesem Jahr tiefgreifendes Misstrauen gegenüber den Technologieriesen zutage. So warnte der CDU-Europapolitiker Axel Voss, Europa könne zur „Digital-Kolonie“ Chinas und der USA verkommen.

Yunus kritisierte, alle wüssten, dass es für ein Umsteuern fast zu spät sei und doch machten alle weiter wie bisher. „Das ist enorm frustrierend.“ Verantwortung dafür tragen aus Sicht von Yunus vor allem die Mächtigen in Politik und Wirtschaft – also auch diejenigen, die sich einmal im Jahr kurz vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos in München auf Einladung des Medienunternehmens Burda in der bayerischen Hauptstadt treffen.

Doch nicht nur Yunus hielt den Teilnehmern einen Spiegel vor. Die philippinische Journalistin Maria Ressa bezichtigte Netzwerke wie Facebook , ihre Plattformen förderten den Aufstieg autoritärer Politiker. Ressa berichtet über Menschenrechtsverletzungen im sogenannten Anti-Drogen-Krieg der philippinischen Regierung. Sie wurde in den vergangenen Jahren festgenommen und bedroht. Facebook gebe Regimekritikern zwar auch die Möglichkeit, ihre Botschaften zu veröffentlichen. Aber: „Wut und Hass verbreiten sich schneller.“ Diese Einschätzung unterstützte der US-Forscher Sinan Aral, der ein umfassendes Archiv von Twitter-Beiträgen ausgewertet hatte.

Darüber, dass Technologie jede Mengen Chancen bietet, herrschte Einigkeit. So eröffneten Entwicklungen wie Quantencomputer der Menschheit nach Ansicht von Merck-Chef Stefan Oschmann Chancen für beispiellosen Fortschritt. Doch die Aufgaben, die dafür gelöst werden müssten, seien ebenso enorm, sagte der Chef des Darmstädter Pharma- und Technologiekonzerns. Das betreffe die technischen Probleme, den Energieverbrauch und nicht zuletzt ethische Fragen, für die es bisher keine eindeutigen Antworten gebe. „Wir müssen die Folgen neuer technischer Lösungen diskutieren“, sagte Oschmann. Es brauche einen neuen Zugang, um neue Technologien zu dem zu machen, was sie sein sollten: keine Bedrohungen, sondern Werkzeuge.

Die Menschen sollten Eigentümer ihrer Daten sein – und heutige Schwergewichte, die die Infrastruktur kontrollieren, müssten aufgespalten werden, sagte der Piraten-Politiker und Mitgründer der Website Pirate Bay, Peter Sunde. Er beklagte die Naivität der Web-Pioniere, die eine utopische Vorstellung von einer freien globalen Netz-Community gehabt hätten. In Wirklichkeit habe sich herausgestellt, dass das Internet dann von denen kontrolliert werde, die über Infrastruktur verfügten.

EU-Kommissar Thierry Breton versprach in München, er werde sich mit Macht für die Interessen der europäischen Technologieunternehmen einsetzen. „Denn schließlich geht es um die Zukunft Europas.“

Die Computerwissenschaftlerin Joy Buolamwini warnte, Diskriminierung und Rassismus im Alltag spiegelten sich auch in künstlicher Intelligenz wider – und könnten bestehende Vorurteile verfestigen. Das sei aus verschiedenen Gründen eine Gefahr. „Zusammen mit meinen Kollegen wollte ich herausfinden: Wie gut können Services wie IBM , Microsoft oder Face++ das Geschlecht eines Gesichts erraten“, sagte Buolamwini in München. Dabei sei herausgekommen: Am schlechtesten funktionieren die Systeme bei schwarzen Frauen. Es gebe Anbieter, die ihre Fähigkeiten Behörden zur Verfügung stellen, um bestimmte ethnische Gruppen in Videos zu identifizieren. Auch das könne Rassismus fördern, sagte Buolamwini.

Wenn einem die ganzen Warnungen noch nicht reichen sollten, müsse man es auf eine Frage reduzieren, sagte Yunus: „Was für ein Leben wünscht ihr euch für eure Enkel?“ Doch es passiere nichts. „Unsere Enkel werden nicht das Leben leben können, das wir kennen.“ Neben den katastrophalen Folgen der Erderwärmung gelte das auch für die soziale Ungerechtigkeit weltweit. Yunus ist Gründer der Bank Grameen, die Mikrokredite an meist arme Frauen vergibt. Dafür bekam der Wirtschaftsforscher 2006 den Friedensnobelpreis.

Die jährlich vom Medienkonzern Burda veranstaltete DLD-Konferenz (Digital Life Design) will eine Brücke zwischen Technologie, Wirtschaft und Kultur schlagen. Zu den zentralen Themen gehören in diesem Jahr der Klimawandel, künstliche Intelligenz und Quantencomputer. Das Motto ist diesmal „What are you adding?“ – etwa: „Was bringst Du ein?“. Die Frage soll zur aktiveren Beteiligung am aktuellen Wandel durch die Digitalisierung animieren.

Das diesjährige Motto sei ihm zunächst fast ein bisschen aggressiv vorgekommen, sagte der Chef der Burda Media Group, Paul-Bernhard Kallen, bei der Eröffnung der seit Jahren auch weltweit beachteten Veranstaltung am Samstag. Doch da man über Gefahren für unsere Demokratien sprechen müsse, sei das Motto genau richtig. Es gehe darum, was jeder tun könne. Das gelte für viele der großen Probleme, egal ob für den enormen Hass in sozialen Netzwerken oder den Klimawandel.

Linux-Erfinder Torvalds: Finger weg von Oracles ZFS

Oracles ZFS gilt als eines der modernsten Dateisysteme. Ursprünglich von Sun für Solaris entwickelt, wurde es zwischenzeitlich als Open Source freigegeben und lässt sich so auch bei anderen Unix-Varianten sowie unter Linux nutzen. Bei Ubuntu geht man dabei in der aktuellsten Version sogar so weit, die Installation der Systemdateien auf ZFS zu unterstützen. Der wohl prominenteste Linux-Verfechter hält von all dem allerdings herzlich wenig.

Finger weg

In einem Foreneintrag findet Linux-Gründer Linus Torvalds recht deutliche Worte zur Nutzung von ZFS: „Benutzt kein ZFS. So einfach ist das“. Als zentralen Grund verweist er dabei auf die Lizenzproblematik. Mit der CDDL verwendet ZFS eine Lizenz, die nach Ansicht vieler Experten inkompatibel mit der GPL2 des Kernels ist. Entsprechend sei es unmöglich, ZFS in den Kernel aufzunehmen, so lange Oracle nicht umdenke. Wenn er einmal ein offizielles Schreiben von Oracles Rechtsabteilung oder noch besser von Oracle-Boss Larry Ellison persönlich erhält, könne man ja dann wieder neu diskutieren.

Von Brückenlösungen, die ZFS extern einbinden, hält Torvalds ebenfalls nicht. Diese würden bei Änderungen am Kernel immer wieder zu Problemen führen. Ganz abgesehen davon, dass man hier das Lizenzproblem nicht umschiffe sondern nur an eine andere Stelle verschiebe.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg: “Die 20er werden die Durchbruch-Dekade für AR-Brillen”

Klare Ansage von Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef skizzierte in seinem Neujahrespost, der auf die bisher charakteristischen Jahresherausforderungen verzichtet, seine Vision der technologischen Entwicklungen in den 20er-Jahren. Ganz vorne dabei: Augmented Reality, der dank geeigneter Brillen endlich der Durchbruch gelingen würde. Zuckerberg schwärmt bereits von der „bisher sozialsten und menschlichsten sozialen Tech-Plattform, die bisher erschaffen wurde.“

Jahresherausforderungen sind so Zehnerjahre. Jahr für Jahr verkündete Facebook-Chef Mark Zuckerberg stolz, welcher neuen Herausforderung er sich diesmal stellen wolle – vom Erlernen von Mandarin über das wöchentliche Lesen eines neuen Buches bis zur Herausforderung, die gesamte USA zu bereisen.

Anders im Januar 2020. Mit dem Anbruch des neuen Jahrzehnts verabschiedete sich der 35-Jährige vom mitunter seltsam anmutenden Konzept, jedes Jahr etwas Neues ausprobieren zu wollen. Stattdessen skizzierte Zuckerberg in einem 1500 Worte langen Post seine Vision für die neue Dekade.

Zuckerberg: Augmented Reality-Brillen erleben in den 20ern den Durchbruch

In Bezug auf die technologischen Entwicklungen der Dekade sieht Zuckerberg im Augmented Reality-Bereich das größte Potenzial. “Die Technologie-Plattform der 10er-Jahre war das Smartphone. Während ich glaube, dass Smartphones für den längsten Teil des Jahrzehnts immer noch unsere bevorzugten Geräte sein werden, werden wir irgendwann in den 20er-Jahren den Durchbruch von Augmented Reality-Brillen erleben”, schreibt der Facebook-Chef.

Zuckerbergs Vision von einer Augmented und Virtual Reality-basierten Zukunft ist nicht neu. 2014 unterstrich Facebook die eigenen Ambitionen mit der Übernahme des 3D-Datenbrillen-Anbieters Oculus für zwei Milliarden Dollar.

Milliarden-Übernahme von Oculus als Fingerzeig

“Oculus hat die Möglichkeit, die sozialste Plattform aller Zeiten zu werden, die den Menschen ganz neue Möglichkeiten eröffnen wird, zu arbeiten, zu spielen und zu kommunizieren“, hatte Zuckerberg die ungewöhnliche Übernahme, für die am Ende nach Bonuszahlungen gar 3 Milliarden Dollar fällig wurden, seinerzeit begründet.

Gleichzeitig räumte Zuckerberg bereits 2014 ein, dass das Investment „eine Wette auf die Zukunft der Kommunikation“ sei. „Wir wollen uns darauf konzentrieren, die nächste große Computing-Plattform nach dem Mobile-Zeitalter zu erschaffen“, erklärte der Facebook-Chef seinerzeit.

Sechs Jahre später hat diese Zukunft indes immer noch nicht begonnen, wie Zuckerberg zugibt, doch der 81-fache Dollar-Milliardär bleibt optimistisch. “Auch wenn einige der bisherigen Geräte klobig daherkamen, wird dies (Augmented Reality – A.d.R.) die bisher sozialste und menschlichste Tech-Plattform, die bisher erschaffen wurde”, ist sich Zuckerberg 2020 sicher.

Apple soll bereits mit Hochdruck an einer AR-Brille arbeiten

Auch anderen Digital-Giganten werden im Augmented Reality-Bereich große Ambitionen nachgesagt. So prognostizierte Gene Munster, der sich über ein Jahrzehnt als Analyst für Piper Jaffray ein Namen gemacht hat, ehe er 2017 den Wagnisfinanzierer Loup Ventures mitgründete, bereits vor Jahren den Launch einer Augmented Reality-Brille von Apple als Nachfolgeprodukt für das iPhone.

Der gut vernetzte Apple-Analyst Ming-Chi Kuo rechnet mit einem Launch der Smartbrille für Augmented Reality-Anwendungen, die Apple Glass heißen könnte, bereits 2020, Munster inzwischen 2021, während andere Quellen auf Zeitfenster zwischen 2022 und 2023 verweisen.

Döpfner warnt vor „Tod der Pressefreiheit“ durch Subventionen

Wenn der Staat Tageszeitungen subventioniert, bedeutet das für Mathias Döpfner „das Ende von unabhängigem Journalismus und damit letztlich den Tod der Pressefreiheit“. Die Bundesregierung will er von seinem Plan für die Zeitungszustellung überzeugen.

Die deutschen Zeitungsverleger lehnen direkte staatliche Subventionen ab und verlangen stattdessen eine andersgeartete Unterstützung bei der Zeitungszustellung. Das betonte der Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Mathias Döpfner, in einem Rundschreiben an seine Mitgliedsverlage.

Jeder Einstieg in die staatliche Förderung von Tageszeitungen bewirke „das Ende von unabhängigem Journalismus und damit letztlich den Tod der Pressefreiheit“, betonte Döpfner, der gleichzeitig Chef des Springer-Verlags ist. Das gelte auch für Stiftungsmodelle, wie sie zum Erhalt der Pressefreiheit diskutiert würden.

Der Bundestag hatte Ende November mit den Stimmen der großen Koalition aus Union und SPD beschlossen, die Zustellung von Tageszeitungen und Anzeigenblättern im Jahr 2020 mit 40 Millionen Euro zu fördern. Hintergrund der Maßnahme sind die seit Jahren rückläufigen Auflagenzahlen der Zeitungen. Die Auszahlung der 40 Millionen Euro ist allerdings gesperrt, bis ein Gesamtkonzept zur Förderung vorliegt. Das Ganze soll eine Hilfe bei der Transformation hin zu digitalen Unternehmen sein und die lokale Vielfalt der Medien sicherstellen – nach bisherigen Vorschlägen zeitlich begrenzt auf fünf Jahre.

Döpfner schlug in seinem Brief als „einzig sinnvoll“ eine „vollständig getrennte Zustellungs-Infrastrukturförderung“ vor. Sie müsse eine verlässliche Versorgung der Bevölkerung mit Tageszeitungen sicherstellen. Gleichzeitig dürfe damit kein staatlicher Einfluss auf Verlage und Redaktionen verbunden sein.

Die von der Bundesregierung zur Verfügung gestellte Summe von 40 Millionen Euro nannte Döpfner einen „viel zu geringen Betrag“. Die Probleme der Tageszeitungen würden „nicht annähernd gelöst“, klagt der Zeitungsverleger-Präsident. Er kündigte weitere Bemühungen an, die Politik von den BDZV-Vorstellungen zu überzeugen.

Die Zeitungsverleger hatten schon bei der Verabschiedung der Infrastrukturförderung im Parlament die zu geringe Höhe der Zuwendungen bemängelt. So verursache allein der Mindestlohn für die 100.000 Zeitungszusteller jährliche Mehrkosten von 400 Millionen Euro für die Medienunternehmen, heißt es in einem BDZV-Branchenbericht. Die Zusteller sind überwiegend als geringfügig Beschäftigte angestellt.

Schrems gegen Facebook, Staffel 2

Wäre dieser Fall eine Fernsehserie, dann stünde die zweite Staffel kurz vor dem Finale: An diesem 19.12. legt der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH) sein Gutachten zu „Schrems II“ vor, wie der Fall C311/18 intern auch heißt. Zum zweiten Mal geht es dabei um die Frage, ob der österreichische Datenschützer Max Schrems einen Erfolg vor dem höchsten europäischen Gericht erzielen kann. Zum zweiten Mal darum, ob Datenschutzabkommen zwischen der EU und den USA so löchrig sind, dass sie gekippt werden müssen.

Ein bindendes Urteil wird zwar erst in einigen Wochen erwartet, doch die Gutachten der Generalanwälte zeigen in der Regel, zu wessen Gunsten es ausfallen wird. Im Extremfall müssten zentrale Absprachen über den Datenaustausch zwischen Europa und den USA noch einmal neu verhandelt werden.

Um den Fall zu verstehen, muss man sechs Jahre zurückgehen. Im Juni 2013 legte Max Schrems eine Beschwerde bei der irischen Datenschutzbehörde DPC ein. Kurz zuvor hatte Edward Snowden mit seinen Enthüllungen gezeigt, dass die amerikanischen Geheimdienste mithilfe des Spionageprogramms Prism die Daten von Internetnutzerinnen und -nutzern massiv überwachen. Darunter auch Daten, die von Facebook kamen, wo Schrems selbst Mitglied war. Seine Argumentation: Angesichts dieser Tatsache dürften seine Daten gar nicht in die USA übertragen werden, weil es dort kein „ebenbürtiges Datenschutzniveau“ gibt, wie es nach EU-Recht erforderlich ist. Die Datenschutzbehörde in Irland, wo Facebook sein europäisches Hauptquartier hat, sollte deshalb prüfen, ob die Übertragung legitim sei.

Die Behörde lehnte die Beschwerde ab. Sie berief sich auf das Safe-Harbor-Abkommen zwischen der EU und US-Firmen aus dem Jahr 2000. Es erlaubt die Übermittlung personenbezogener Daten an US-Unternehmen, sofern diese sich verpflichten, bestimmte Vorgaben einzuhalten. Etwa indem sie Nutzerinnen darüber informieren, welche Daten erhoben werden. Die meisten großen US-Unternehmen, darunter Facebook, Microsoft und Google, hielten sich an die Safe-Harbor-Vorgaben und durften folglich Daten aus der EU in die USA schicken. Und weil es das Abkommen gebe, unterliege es nicht dem irischen Datenschutzbeauftragten, die Übermittlung infrage zu stellen, sagten diese.

Aus Safe Harbor wird Privacy Shield

Nach einer gerichtlichen Überprüfung in Irland landete der Fall „Schrems I“ schließlich 2015 vor dem Europäischen Gerichtshof – und endete in einer bemerkenswerten Entscheidung. Die Richter entschieden nämlich, dass das Safe-Harbor-Abkommen ungültig ist. „Eine Regelung, die es den Behörden gestattet, generell auf den Inhalt elektronischer Kommunikation zuzugreifen“, verletze „den Wesensgehalt des Grundrechts auf Achtung der Privatsphäre“, hieß es in der Urteilsbegründung. Anders gesagt: Solange es in den USA Gesetze gebe, die Safe Harbor aushebeln, sei das gesamte Abkommen hinfällig.

Mit dem Urteil endete 2015 die erste Staffel der Saga. Datenschützer bewerteten das Urteil zwar als Erfolg, wirklich viel änderte sich aber nicht. Nicht einmal ein Jahr später gab es mit Privacy Shield nämlich schon die nächste Absprache, die den Datenaustausch zwischen der EU und den USA rechtlich regeln sollte, obwohl sie auf ähnlich wackeligen Füßen steht. Zwar enthält Privacy Shield einige Verschärfungen, etwa, dass sich US-Unternehmen bereit erklären müssen, die Daten von EU-Bürgern schneller zu löschen, sowie das Benennen einer Ombudsperson im US-Außenministerium. An der grundsätzlichen Annahme der USA, dass das bloße Sammeln von Daten noch keine Überwachung darstellt, änderte sich aber nichts.

Zudem blieb die Frage unbeantwortet, mit der alles begann: Max Schrems hatte immer noch keine Antwort der irischen Datenschutzbehörde DPC erhalten, ob Facebook die Daten europäischer Nutzerinnen einfach an die USA weiterleiten darf. Das EuGH-Urteil zu „Schrems I“ bestätigte der Behörde nämlich nur, das prinzipiell prüfen zu dürfen.

Hier kommt nun der, um im Serienjargon zu bleiben, Plot-Twist: Wie Schrems Organisation noyb auf ihrer Website schreibt, will Facebook sich weder auf Safe Harbor noch den Nachfolger Privacy Shield bei seiner Datenübertragung verlassen haben. Sondern auf die sogenannten Standardvertragsklauseln (Standard Contractual Clauses, SCC), ein weiteres EU-Instrument, das die Datenübermittlung eines europäischen Unternehmens (etwa Facebook Irland) in Drittländer (etwa die USA) vertraglich regelt. Soll heißen: Das Ende von Safe Harbor vor dem EuGH war eigentlich bloß ein Beifang. Schrems ursprüngliche Beschwerde bezüglich der Datenübertragung von Facebook musste noch einmal komplett neu geprüft werden.

Das bringt uns zu „Schrems II“: Nachdem der Österreicher seine Beschwerde angepasst hatte, landete der Fall auf juristischen Umwegen im Sommer dieses Jahres erneut vor dem EuGH. Kurioserweise sind nun sowohl Schrems als auch Facebook gemeinsam die Beklagten, obwohl sich Schrems Beschwerde ja ursprünglich gegen Facebook richtete. Diesmal soll der EuGH klären, ob die Übermittlung personenbezogener Daten von EU-Bürgerinnen und -Bürgern in die USA auf Basis der Standardvertragsklauseln und des Privacy Shield rechtmäßig ist.

Wohlgemerkt geht es dabei nur um jene Daten, die theoretisch einer Massenüberwachung, etwa durch Geheimdienste, unterliegen. Also nicht um Bank- oder Handelsdaten, sondern vor allem um Daten in Cloudspeichern und Diensten, die der Allgemeinheit offenstehen. Schrems selbst bezieht sich in seiner Beschwerde konkret auf Facebook, ein Urteil des EuGH wird aber auch für alle anderen sozialen Netzwerke und in den USA ansässigen Unternehmen wirksam sein, die europäische Nutzerinnen und Nutzer haben.

Die Ausgangssituationen ist nach einer Anhörung im Juli folgende:

  • Die irische Datenschutzbehörde argumentiert, dass sie keine Entscheidung treffen kann, solange sich Facebook auf die Standardvertragsklauseln der EU beruft. Diese müssten angesichts der Überwachungspraktiken in den USA für ungültig erklärt werden. Wie schon im ersten Verfahren weist die Behörde also die Verantwortung von sich.
  • Facebook und die US-Regierung argumentieren, dass die US-Überwachungsgesetze nicht über das hinausgehen, was laut EU-Anforderungen legal ist, und somit und eine Datenweitergabe zur „zielgerichteten Überwachung“ legitim sei: „Die nationale Sicherheit erfordert dieses Screening, sonst wäre es unmöglich, Gefahren zu erkennen“, sagte Facebooks Anwalt Paul Gallagher laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung.
  • Max Schrems argumentiert, dass die Standardvertragsklauseln nicht abgeschafft werden müssten, weil diese erlaubten, „einzelne Datenübermittlungen zu unterbinden“. Also etwa die von Facebook in die USA, wenn das Unternehmen von der Datenschutzbehörde dazu verpflichtet werden sollte. Anders sieht es beim Privacy Shield aus: Weil die Absprache ebenso wenig wie Safe Harbor die Realität der Überwachungsmaßnahmen in Betracht zieht, muss nach Ansicht Schrems Privacy Shield für ungültig erklärt werden.

Der Datenaustausch in Drittländer wird hinterfragt

Welcher Argumentation die EU-Generalanwälte in ihrem Gutachten am Donnerstag folgen, ist ungewiss. Im Extremfall könnten sie dafür plädieren, die Standardklauseln für ungültig zu erklären. Sollten die Richter der Einschätzung folgen, hätte das weitreichende Folgen für den Datenaustausch zwischen der EU und anderen Ländern: Ohne das Verfahren könnte es rechtliche Unsicherheit geben; die Datenübermittlung müsste möglicherweise erst einmal komplett eingestellt werden. Der Branchenverband Bitkom warnte deshalb schon im Juli vor Einschränkungen: „Der internationale Datenaustausch ist essenziell für die Wirtschaft. Wenn Unternehmen personenbezogene Daten außerhalb der EU verarbeiten lassen, greifen die allermeisten auf Standardvertragsklauseln zurück.“

Allein aufgrund des potenziellen Chaos und den Folgen für die Wirtschaft scheint die Abschaffung der Standardklauseln unwahrscheinlich. Denkbar ist aber, dass der EuGH einzelne Teile davon kippt und somit die EU-Kommission verpflichtet, diese noch einmal hinsichtlich der Überwachung in Drittländern zu überarbeiten oder weitere Einschränkungen einzuführen. Etwa, indem noch klarer festgelegt wird, dass Übermittlungen in Drittländern wirklich nur dann stattfinden dürfen, wenn die Datenverarbeitung technisch nicht ausschließlich in Europa stattfinden kann. Ein Beispiel dafür könnte sein, dass eine E-Mail an eine Person in den USA geschickt wird. Sollten Sender und Empfänger in Europa sitzen, wäre eine „Umleitung“ über Server in den USA dann aber nicht erlaubt.

Auch die Zukunft von Privacy Shield ist offen. Folgt das Gutachten der Argumentation im Fall von Safe Harbor, müsste es eigentlich ungültig erklärt werden. Denn auch Privacy Shield ändert nichts an den bestehenden US-Überwachungsgesetzen, über die Geheimdienste weiterhin auf private Daten zugreifen können. Und wenn das Gericht wie in „Schrems I“ entscheidet, dass es in den USA weiterhin kein der EU „ebenbürtiges Datenschutzniveau“ gibt und die Ombudsperson nicht als Beschwerdeinstanz ausreicht, könnte auch das Privacy Shield bald Geschichte sein. Möglicherweise spielt Privacy Shield aber im Gutachten des Generalanwalts nur eine untergeordnete Rolle.
Spätestens dann stellt sich die Frage, ob und wie sich der grundsätzliche Graben zwischen der Massenüberwachung in den USA und den Datenschutzregeln in Europa überhaupt schließen lässt. Die Antwort kann und wird der EuGH auch dieses Mal nicht liefern. Aber er könnte veranlassen, dass sich die irische Datenschutzbehörde, sechs Jahre nach der ersten Beschwerde von Max Schrems, vielleicht endlich einmal genau guckt, welche Nutzerdaten das soziale Netzwerk überhaupt in die USA überträgt.

Nicht auszuschließen, dass die Erkenntnisse dann in einigen Jahren wieder vor dem Europäischen Gerichtshof landen: „Schrems III“ – jede Saga braucht schließlich eine Trilogie.

Länder beraten weiter über ARD und ZDF

Kommt Zeit, kommt Reform: Die Bundesländer haben vor, weiterhin über die Struktur und die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu verhandeln. Allerdings sehen sie sich nicht unter Zeitdruck. Das sagte die Medienstaatssekretärin von Rheinland-Pfalz, Heike Raab (SPD), im Gespräch mit dem Blog „medienpolitik.net“. „Wir haben überhaupt keinen Zeitdruck oder Reformzwang. Wir befinden uns in einem anerkannten Verfahren. Der Entwurf der Kef-Empfehlung liegt vor“, sagte Raab.

Es gehe um sehr viel mehr als die Frage der Finanzierung, eine Reform der Sender dürfe angesichts der „Herausforderungen der digitalen Transformation“ nicht auf das Finanzielle reduziert werden. Es gelte, den Auftrag weiterzuentwickeln, eine Plattformstrategie zu finden und das Modell eines an einen Index gebundenen Rundfunkbeitrags zu prüfen.

Auf ein solches hatten sich die Länder nicht einigen können. Oliver Schenk (CDU), Chef der Sächsischen Staatskanzlei, hatte dies Anfang November in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 8. November) verkündet. Es gehe darum, „den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für eine sich immer schneller verändernde Medienlandschaft langfristig fit zu machen und gleichzeitig die Akzeptanz in der Bevölkerung durch mehr Effizienz und hohe Qualität zu stärken“, sagte Schenk. Über das Ziel seien sich die Länder einig, nicht aber über den Weg dorthin.

Die Höhe des Rundfunkbeitrags wird somit weiter von der Finanzkommission Kef vorgeschlagen, die den „Finanzbedarf“ der Sender prüft. In ihrem Zwischenbericht hat die Kommission vor ein paar Tagen ihre Einschätzung mitgeteilt, dass der Rundfunkbeitrag vom 1. Januar 2021 an auf monatlich 18,36 Euro steigen soll. Der Vorschlag war in der Politik auf wohlwollende Zustimmung, bei den Sendern hingegen erwartungsgemäß auf Ablehnung gestoßen, insbesondere beim ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm, der bemängelte, dass dies nicht einmal die Teuerung ausgleiche und eine „Umverteilung“ zugunsten des ZDF und des Deutschlandradios vollzogen werde.

Urheberrecht ist keine Waffe gegen die Pressefreiheit

Behörden bringen das Urheberrecht vor Gericht in Stellung, um Berichterstattung zu verhindern. Das ist ein Missbrauch. Für missverstandenen Geheimnisschutz ist das Recht nämlich nicht da.

In einem demokratischen Rechtsstaat kommt der Information der Öffentlichkeit eine besondere Bedeutung zu. Jeder Bürger und jede Bürgerin hat das Recht, aus allgemein zugänglichen Quellen Informationen zu schöpfen, die er oder sie zur Bildung einer eigenen Position im demokratischen Meinungsbildungsprozess benötigt. Dieses gesellschaftspolitische Verständnis gehört zu den Konstanten bundesrepublikanischer Grundrechtsdogmatik. Es ist unverzichtbar in einer pluralistischen Gesellschaft. Auf europäischer Ebene wird dies gleichermaßen durch die EU-Grundrechtecharta sichergestellt.

Die Presse erfüllt dabei die unentbehrliche Funktion eines Watchdogs: Sie verschafft Informationen über staatliches Handeln, die zur Erreichung des öffentlichen Informationsziels erforderlich sind, und erfüllt dadurch eine wichtige Kontrollfunktion – nicht immer zur Freude der betroffenen Institutionen.

Mit dem Ziel der Transparenz staatlichen Handelns wurden zudem bereits vor einiger Zeit auf Bundes- und Landesebene Informationsfreiheitsgesetze geschaffen, die es jedem Einzelnen erlauben, unter bestimmten Bedingungen von Behörden konkrete Informationen aus deren Handlungsfeld zu verlangen. Hier ist der Bürger selbst unmittelbare Kontrollinstanz. Ein Recht, die von der Behörde übermittelten Informationen der Allgemeinheit zugänglich zu machen, gewähren die Informationsfreiheitsgesetze jedoch nicht.

Von diesem gesetzlich vorgesehenen Informationszugang ist das Leaken von Informationen zu unterscheiden, also die zielgerichtete Enthüllung nicht zur Veröffentlichung bestimmter Dokumente durch Insider. Solche Whistleblower sind wichtige Informationsquellen für die Presse. Zum anderen werden geleakte Informationen auch unmittelbar veröffentlicht, etwa auf einschlägigen Internetportalen. Die Betreiber solcher Portale nehmen dann eine presseähnliche (Kontroll-)Funktion war.

Informationen sind allerdings in der Regel nicht im „Rohzustand“ von allgemeinem Interesse. Sie erlangen eine besondere Aussagekraft, wenn sie aufbereitet, erläutert und in eine Wertung eingekleidet werden. Besonders geeignet zur Befriedigung des öffentlichen Informationsbedürfnisses sind gerade die Kontextualisierung von Daten und Fakten, deren Veranschaulichung und die Inbeziehungsetzung etwa von empirischen Beobachtungen mit bestimmten Vorverständnissen, politischen Ansichten oder Zielrichtungen sowie die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen.

An dieser Stelle tritt das Urheberrecht auf den Plan. So gelangen heute zunehmend Streitfälle vor die Gerichte, in denen zu klären ist, ob das Urheberrecht als Hebel benutzt werden darf, um die Veröffentlichung bestimmter Dokumente zu verhindern. In diesen Fallkonstellationen kollidiert das Urheberrecht mit den Kommunikationsgrundrechten der Presse- und Informationsfreiheit. Denn wissenschaftliche Texte, aber auch solche Texte, die einen bestimmten Gebrauchszweck verfolgen, nämlich zu informieren, zu beraten, können als Sprachwerke urheberrechtlich geschützt sein. Der Schutz greift nicht automatisch, die konkrete sprachliche Darstellung ist aber immer dann als urheberrechtliches Werk geschützt, wenn sie eine persönliche geistige und damit schöpferische Leistung darstellt. Solche sprachlichen Schöpfungen entstehen, sobald ein kreativer Gestaltungsspielraum (etwa durch eine bestimmte Auswahl und Gewichtung) ausgenutzt wird. Folgt der Text dagegen einem vorgegebenen Schema oder einer den allgemeinen Denkgesetzen folgenden Logik, werden etwa bloße Fakten aneinandergereiht, kommt ein urheberrechtlicher Schutz nicht in Frage. Die Trennlinie zwischen einem kreativ geschaffenen Text und einer bloß handwerklichen und daher nicht schutzfähigen Zusammenstellung von Informationen ist freilich nicht immer leicht zu ziehen.

Ob dem Urheberrecht aber die Funktion zukommt, die unliebsame Veröffentlichung von Informationen zu verhindern, darf bezweifelt werden. Das Urheberrecht verfolgt das Ziel, die schöpferische Leistung des Urhebers zu schützen und damit den Ausdruck seiner Persönlichkeit im Werk. Es soll die Realisierung seiner geistigen und persönlichen wie verwertungsrechtlichen Interessen am Werk gewährleisten. Dem Urheber stehen die Früchte seiner schöpferischen Arbeit als seiner geistigen Leistung zu, und er darf sich gegen Entstellungen seines Werks wenden. Er allein soll entscheiden, ob, wann und wie sein Werk aus seiner persönlichen Geheimsphäre heraus in die Öffentlichkeit gelangt. Durch diesen relativ stark ausgestalteten gesetzlichen Schutz soll die Produktion von Urheberwerken stimuliert werden. Neben diesem Schutz von Individualinteressen erfüllt das Urheberrecht damit nicht zuletzt auch eine kulturfördernde Funktion.

Diese Zwecksetzungen dürfen nicht in urheberrechtsfremde Richtungen umgelenkt werden. Das Urheberrecht darf nicht missbraucht werden. Dabei gilt es zu differenzieren. Erstens sind die Fälle zu nennen, in denen es um die Formierung eines urheberrechtlichen Schutzschilds primär gegen die Pressefreiheit, sekundär aber auch gegen die Informationsfreiheit der Bürger geht. So wurden 2012 auf dem Internetportal der WAZ die sogenannte „Afghanistan-Papiere“ veröffentlicht. Diese von Ministerialbeamten „nur für den Dienstgebrauch“ erstellten Lageberichte über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr waren an die Presse durchgestochen worden. Unter Berufung auf das Urheberrecht ging die Bundesrepublik Deutschland gegen die Funke Mediengruppe als Betreiberin des Portals vor.

Hier stellt sich schon die Frage, ob die Bundesrepublik Inhaberin des Urheberrechts sein kann. Wegen des strengen Schöpferprinzips ist dies zu verneinen: Urheber können nur diejenigen Personen sein, die das Sprachwerk tatsächlich verfasst haben, also die betreffenden Mitarbeiter in den Ministerien. Dass diese ihrem Dienstherrn jeweils Rechte eingeräumt haben, um gegen die Veröffentlichung der Texte vorzugehen, ist zu bezweifeln, weil diese Texte eben gerade nicht veröffentlicht werden sollten. Problematisch ist diese Konstellation auch deshalb, weil sich der Staat als Grundrechtsverpflichteter auf das Urheberrecht beruft, um die Kommunikationsgrundrechte zu beschränken.

In der zweiten Fallgruppe geht es nicht um den Staat, der sich gegen die Herausgabe von Informationen wehrt, sondern um Einzelpersonen, die versuchen, mit Hilfe des Urheberrechts die Preisgabe missliebiger Informationen zu verhindern. Typischerweise agieren diese Personen in der Öffentlichkeit, was eine bestimmte Aufmerksamkeit mit sich bringt und für ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit spricht. So ging der Grünen-Politiker und ehemalige Bundestagsabgeordnete Volker Beck unter Berufung auf seine Rechte als Urheber gegen „Spiegel Online“ vor. Dort war 2013 ein Manuskript Becks aus den 1980er Jahren mit dem Titel „Reformistischer Aufbruch und Abschied von einer ,radikalen‘ Forderung – Plädoyer für eine realistische Neuorientierung der Sexual- (Strafrechts-) Politik“ veröffentlicht worden. Darin hatte sich der Autor für eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ausgesprochen. Von diesem Standpunkt hatte sich Beck in späteren Jahren eindeutig distanziert. Veröffentlicht wurde der Text jedoch ohne entsprechenden Distanzierungsvermerk. Auch hier kollidiert das Urheberrecht mit der Pressefreiheit sowie der Informationsfreiheit der Leser, was einmal mehr die Frage nach dem Verhältnis dieser Rechte zueinander aufwirft.

Zu beiden Konstellationen hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Juli dieses Jahres jeweils Grundsatzentscheidungen getroffen, die allerdings die konkrete Auflösung der beschriebenen Kollision den deutschen Gerichten überlassen. Im Fall „Afghanistan-Papiere“ hält der EuGH die Berufung auf das Urheberrecht – soweit es denn infolge der (zweifelhaften) Schutzfähigkeit der militärischen Lageberichte überhaupt greift – zwar nicht per se für sachfremd oder missbräuchlich. Doch kann die Einbindung in eine tagesaktuelle politische Berichterstattung den Urheberrechtsschutz beschränken, so dass der Pressefreiheit Vorrang einzuräumen wäre. Insoweit hatten die deutschen Instanzgerichte noch strengere Maßstäbe angelegt.
Mit der grundsätzlichen Frage, ob das Urheberrecht in solchen Fällen überhaupt eine taugliche Rechtsgrundlage darstellt, hat sich aber – leider – auch der EuGH nicht befasst. Dass die Verhinderung der Veröffentlichung sicherheitsrelevanter Informationen nicht Aufgabe des Urheberrechts sein kann, sondern dem Verwaltungsrecht vorbehalten bleiben muss, liegt jedoch auf der Hand.

Im Fall „Reformistischer Aufbruch“ hängt die Zulässigkeit der Veröffentlichung davon ab, ob die Herausgabe des Volltextes ohne Distanzierungsvermerk erforderlich ist, um den Informationszweck zu erfüllen. Insgesamt lässt der EuGH auch hier eine starke Gewichtung der Pressefreiheit erkennen. So ist die Verwendung geschützter Werke in der Berichterstattung über Tagesereignisse ohne Zustimmung des Urhebers möglich. Die deutschen Gerichte hatten dies bisher anders gesehen und die Gebotenheit einer derartigen vergütungslosen Werknutzung jedenfalls für den Fall, dass dies möglich und zumutbar ist, an die vorherige Einholung der Zustimmung des Rechtsinhabers geknüpft.

Noch nicht höchstrichterlich entschieden ist über eine dritte Fallgruppe. Bei dieser geht es um die erfolgreiche Geltendmachung der Informationsansprüche nach dem jeweils einschlägigen Informationsfreiheitsgesetz durch Bürger. Brisant wird es dann, wenn die an die Anspruchsteller zu deren eigenem Gebrauch übersandten Dokumente später auf Plattformen wie „fragdenstaat.de“ veröffentlicht werden – so geschehen beim Glyphosat-Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung. Hierin wird ein Bericht der Internationalen Agentur für Krebsforschung zitiert, aus dem hervorgeht, dass das Pflanzenschutzmittel Glyphosat für den Menschen „wahrscheinlich krebserzeugend“ ist. Auch in diesem Fall ging die betreffende Behörde auf urheberrechtlicher Grundlage gegen die Online-Veröffentlichung des Dokuments vor. Dabei wurde das urheberpersönlichkeitsrechtliche Erstveröffentlichungsrecht in Stellung gebracht. Wie bei den „Afghanistan-Papieren“ darf jedoch auch hier bezweifelt werden, ob einer Behörde – letztlich also wiederum dem Staat – ein solches Recht überhaupt zustehen kann. Aber auch wenn dies der Fall sein sollte, könnte das Recht dadurch verbraucht sein, dass ein großer Teil der Öffentlichkeit bereits Kenntnis vom Inhalt des betreffenden Dokuments erhalten hat, nämlich durch die erfolgreiche Geltendmachung von Informationsansprüchen. Darüber werden die Gerichte noch zu entscheiden haben. Die Beantwortung der Frage, ob durch die Veröffentlichung Verwertungsrechte der Behörde verletzt worden sind, hängt wiederum davon ab, ob der Behörde solche Rechte durch die Urheber zuvor eingeräumt wurden.

Im Ergebnis sind die genannten Fälle nur scheinbar ein Zeichen dafür, wie effektiv Urheber ihre Rechte durchsetzen können. Denn darum geht es – wie gezeigt – in aller Regel überhaupt nicht. Wollte man eine derartige Instrumentalisierung des Urheberrechts zu urheberrechtsfremden Zwecken erlauben, würde dies dem Urheberrecht allenfalls einen Bärendienst erweisen. Das Urheberrecht darf nicht zum Vehikel eines missverstandenen Geheimnisschutzes degradiert werden. Es würde dadurch als Institution geschwächt und dies ginge zu Lasten anzuerkennender urheberrechtlicher Belange. Zusätzlich wird denjenigen, die ohnehin gern vom „Zensururheberrecht“ sprechen, durch solche Fälle unnötig Munition geliefert – zum Nachteil des ohnehin einem ständigen Rechtfertigungsdruck ausgesetzten Urheberrechts.

Eva Inés Obergfell ist Professorin für Urheberrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin des Humboldt-Forschungsinstituts Eigentum und Urheberrecht in der Demokratie.

ist Gastprofessor für Urheberrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin und stellvertretender Direktor des Humboldt-Forschungsinstituts Eigentum und Urheberrecht in der Demokratie.

Womöglich kehrt die Champions League ins Free-TV zurück

Jürgen Klopp erfreut sich großer Beliebtheit in Deutschland, obwohl er schon vor vier Jahren der Bundesliga den Rücken gekehrt hat. Damals gab er seinen Job bei Borussia Dortmund auf, heuerte im Oktober 2015 beim FC Liverpool und war mit den „Reds“ erfolgreich, was seine Popularität hierzulande eher noch steigerte. So war die Aufregung in Deutschland im vergangenen Mai auch groß, als der Liverpool-Sieg im Champions-League-Finale nicht im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen war, sondern ausschließlich im Bezahlfernsehen.

Dass das in Zukunft nicht mehr vorkommt, dafür hat die Uefa, der europäische Fußballverband, jetzt vorgesorgt. An diesem Dienstag endet die Frist für die Ausschreibung der deutschen Fernsehrechte an der Champions League. Es ist ein Millionenpoker, der da läuft. Denn die Ware Fußball ist für die Fernsehanbieter wichtig. Es gibt kaum noch große Live-Ereignisse, die viele Menschen interessieren und für gute Einschaltquoten oder für den Abschluss langjähriger Abonnementverträge sorgen – die europäische Königsklasse, in der die besten Mannschaften der jeweiligen nationalen Ligen spielen, gehört dazu.

Bei der aktuellen Ausschreibung für die deutschen Fernsehrechte geht es um einen Zeitraum von drei Jahren, nämlich von der Saison 2021/22 bis 2023/24. In der laufenden und der kommenden Saison bleibt also erstmal alles, wie es ist: Die Spiele sind nahezu ausschließlich im Bezahlfernsehen zu sehen – bei Sky und bei dem Streaminganbieter Dazn. Kommt danach der europäische Fußball ins frei empfangbare Fernsehen zurück? Möglicherweise – und zumindest ein wenig, doch das hängt von vielen Faktoren ab.

Die Ausschreibung sieht nach SZ-Informationen mehrere Rechtepakete vor, für welche die Interessenten einzeln oder zusammen bieten können. Das Paket D umfasst danach nur die Rechte für das Endspiel, dies kann also alleine von frei-empfangbaren Sendern ersteigert werden – es ist das erste Mal, dass nur ein Spiel in einem Rechtepaket ist. Schafft es übrigens eine deutsches Mannschaft ins Champions-League-Endspiel, würde der Rundfunkstaatsvertrag greifen – eine Übertragung im frei empfangbaren Fernsehen wäre dann zwingend.

Daneben gibt es zwei weitere Rechtepakete der Klasse C, wer diese erwirbt, darf Zusammenfassungen der Höhepunkte der beiden Champions-League-Spieltage Dienstag und Mittwoch zeigen – und zwar relativ bald nach dem Abpfiff der Begegnungen. Auch diese Rechtepakete wären für das frei empfangbare Fernsehen interessant; damit könnten Zuschauer ohne Pay-TV-Abo künftig am späten Abend wenigstens die Höhepunkte sehen.

ZDF und RTL gelten als Interessenten für eine Lösung, bei der Höhepunkte gezeigt werden

Als mögliche Interessenten gelten dabei ZDF und RTL, der Privatsender aus Köln hat zuletzt mit dem Übertragungen von Länderspielen Quotenerfolge erzielen können. Ob auch Pro Sieben Sat 1 mitbietet, ist fraglich. Konzernchef Max Conze sagte zuletzt zwar, man schaue sich alle Ausschreibungen „sehr genau“ an, fügte aber auch an: „Die Realität ist, dass der Erwerb dieser sehr teuren Rechte ökonomisch schwierig zu vertreten ist.“ Interessant sind die Rechtepakete gleichzeitig auch für Online- oder Streaminganbieter.

Im Angebot sind daneben die deutlich größeren und wertvolleren Rechtepakete der Klassen A und B. Letzteres umfasst fast alle Live-Rechte eines Spieltages. Bei A darf der Bieter jeweils eine Top-Partie an den Spieltagen Dienstag und Mittwoch auswählen und diese dann exklusiv zeigen. Interessenten für diese Live-Pakete dürften vor allem Sky und Dazn sein, die sich schon jetzt nach einem bestimmten Schlüssel die Übertragung teilen. Daneben könnte es weitere Bieter geben wie Amazon oder die Deutsche Telekom.

Bei der letzten Ausschreibung hatten die frei empfangbaren Sender übrigens das Nachsehen, die Rechte gingen damals an die Bezahlanbieter. So ist die Champions League seit der Saison 2018/19 nur noch dort zu sehen. Davor hatte das öffentlich-rechtliche ZDF sechs Jahre lang Spiele gezeigt. „So bitter das für das ZDF ist, wir können bei dieser Preisspirale nach oben nicht immer weiter mitmachen“, sagte damals ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann, als klar war, dass der Sender nicht mehr zum Zug kommt. Der Verlust der Champions-League-Spiele schmerze, fügte er an. Zuletzt wurde wieder Interesse signalisiert – „zu vertretbaren Konditionen“.

Ob die Preise allerdings wirklich „vertretbar“ sind, darf bezweifelt werden. Die Champions-League-Fernsehrechte für Deutschland bringen der Uefa derzeit geschätzt bis zu 200 Millionen Euro im Jahr ein. Experten halten jetzt eine Steigerung um etwa 20 Prozent in der laufenden Ausschreibung für möglich. Diese wird im Auftrag der Uefa von der Sportrechteagentur Team ausgerichtet, die ihren Sitz in Luzern in der Schweiz hat und zum Medienunternehmen Highlight Communication gehört. „Die schauen nur auf das Geld“, kritisiert ein Beteiligter, Team sei also auf eine Maximierung des Erlöses aus. Andere Aspekte würden dem untergeordnet. Das sind etwa die Wünsche der Fans oder das Interesse von großen Sponsoren. Diese sind an einer stärkeren Präsenz im frei empfangbaren Fernsehen interessiert, weil sie dort mehr Menschen erreichen. So brachte es das ZDF auf bis zu neun Millionen Zuschauer bei wichtigen Spielen des FC Bayern München. Bei Sky sind es deutlich weniger. In Großbritannien beispielsweise ist die Champions League auch nur gegen Bezahlung zu sehen, beim Telekommunikationsunternehmen BT und bei Sky. Dort sind die Einnahmen der Uefa noch höher, die TV-Rechte an der Champions League bringen etwa 470 Millionen Euro im Jahr ein.
Im nächsten Jahr werden dann die Rechte an der Bundesliga vergeben: für noch mehr Geld

Nach der Ausschreibung ist vor der Ausschreibung: Im kommenden Jahr wird die Deutsche Fußball Liga (DFL) die TV-Rechte an der Bundesliga neu vergeben. Diese bringen deutlich mehr Geld ein, derzeit etwa 1,3 Milliarden Euro pro Saison. Derzeit prüft noch das Kartellamt, möglicherweise werden schon in den ersten Wochen des neuen Jahres die Unterlagen mit den konkreten Rechtepaketen an Interessenten versendet. Bis zum Frühsommer könnte der Zuschlag erfolgen. Auch hier gilt: Sky und die Streaming-Plattform Dazn sind dringend auf die Rechte angewiesen, um für ihre Abonnenten attraktiv zu bleiben. Daneben gibt es weitere Interessenten wie ARD, ZDF, RTL, Amazon, die Deutsche Telekom (die zuletzt die Rechte an der Fußball-EM 2024 erwarb) und einige weitere.

Medienprofessor Pörksen über die Krise der Presse

Der Tübinger Medienprofessor Bernhard Pörksen hat der Politik vorgeworfen, die Probleme der Zeitungsbranche größtenteils zu ignorieren. „Weite Teile der Politik besitzen überhaupt kein Bewusstsein für die drohende Existenzkrise des seriösen Journalismus. Und sie haben keine Vorstellung davon, wie man dieser Krise politisch begegnen könnte“, sagte Pörksen dem Reutlinger „General-Anzeiger“.

“Einzelne Milieus vertrauen den Medien nicht mehr, und es hagelt pauschale und unbegründete Lügenpresse-Vorwürfe – bis weit in das bürgerliche Lager hinein.” Bei der Frage, wie das MediumTageszeitung in Zukunft zu retten sei, seien “die unterschiedlichsten Kräfte gefragt”. Der Medienwissenschaftler sieht neben Journalisten auch die Politik, die Verlage, die Zivilgesellschaft und die akademische Welt mit in der Verantwortung. Diese Akteure hätten bisher “das Schicksal der Zeitungen mit einem Höchstmaß an dümmlicher Ignoranz begleitet, ganz so, als könnte man irgendwann mit den eigenen Themen zu RTL 2 umziehen.”

Was helfe, so Pörksen, sei die Subventionierung von Zustellungskosten. Der Einstieg des Staates in die Förderung speziell der Zustellkosten für Zeitungsverlage wird voraussichtlich noch in dieser Woche im Bundestag behandelt. Was man diskutieren könne sei außerdem, politikferne Stiftungen zur Zeitungsfinanzierung hinzuzuziehen. Kritischer, unabhängig recherchierender Journalismus müsse unbedingt erhalten werden, so Pörksen: “Unabhängiger Journalismus ist systemrelevant, zumindest in einer Demokratie.”

Merkel: Internet muss global frei und öffentlich bleiben

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eindrücklich vor den Folgen einer Abschottungspolitik im Internet gewarnt. „Wir würden ein zunehmend zersplittertes Internet haben“, sagte Merkel am Dienstag auf dem Internet Governance Forum (IGF) der Vereinten Nationen in Berlin. Die globale Infrastruktur könne dann instabil und anfällig für Attacken werden. Folgen seien auch eine stärkere Überwachung der Bürger, staatliches Filtern und eine Zunahme der Zensur von Informationen. Es sei dann sogar möglich, dass das Internet und Mobilfunknetze abgeschaltet würden, um die Kommunikation der Bevölkerung zu verhindern.

Merkel: Kern des Internets muss als globales öffentliches Gut geschützt werden

Solche Angriffe könnten den Menschen die Grundrechte auf Information und Kommunikation vorenthalten, warnte Merkel. „Das führt die grundlegende Idee des Internets, die Idee der Erfinder, der Urväter, ad absurdum.“ Die Regierungschefin forderte die Delegierten des Forums auf, den Kern des Internets als globales öffentliches Gut zu schützen. Um ein grenzüberschreitendes dezentrales Internet zu erhalten, müsse man über die Grenzen von Nationen hinweg handeln.

Die Zukunft des Internets dürfe aber auch nicht allein von Staaten und Regierungen gestaltet werden, sagte Merkel. „Denn die Grundsatzfragen rund um das Internet betreffen letztlich jeden einzelnen von uns.“ Sie plädierte für eine umfassende Beteiligung der Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. „Das Internet geht alle etwas an.“

CH: Der Journalismus braucht mehr Wertschätzung, sagt die Medienkommission

Die Eidgenössische Medienkommission sorgt sich um die Rolle des Journalismus in der digitalen Mediengesellschaft. Die Anbieter von aktuellen Informationen hätten unter den neuen Marktbedingungen zusehends Schwierigkeiten, ihre spezifischen Leistungen dem Publikum kenntlich zu machen. Das sei gefährlich, weil ein demokratisches Gemeinwesen auf verlässliche journalistische Erzeugnisse angewiesen sei.

Nicht zuletzt geht es dabei um ein wirtschaftliches Problem. «Es ist für die Einzelnen nicht ersichtlich, was Journalismus und die damit verbundenen Leistungen kosten», schreibt die Kommission in einem am Donnerstag veröffentlichten Papier. Den Medienhäusern fällt es denn auch schwer, ein zahlungswilliges Publikum zu finden.

Der Preis der Werbefinanzierung

Hier manifestiert sich nach Ansicht des Expertengremiums auch eine historische Last. Die Anbieter profitierten im vordigitalen Zeitalter von einem technologisch begrenzten Markt, der das Angebot verknappte und es den Unternehmen erlaubte, höhere Preise durchzusetzen. Zudem wurden die Erzeugnisse in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich durch Werbeerträge finanziert. Diese Einnahmen brechen nun auf dem globalisierten Markt weg, sind aber schwer zu kompensieren, weil das Publikum jahrzehntelang an vergleichsweise tiefe Preise gewöhnt wurde. Wegen der Mischfinanzierung sei für die Konsumenten «kein transparenter Leistungsmarkt entstanden», hält das 19-seitige Papier fest.

Auch die sozialen Netzwerke zersetzen die Medienbranche. Denn ihr Erfolg bei den Internet-Nutzern bedeutet, dass die Informationsanbieter ihre «Bündelungskompetenz» verlieren. Was heisst: Es gelingt ihnen zusehends weniger, kompakte Angebote zu fixen Preisen zu verkaufen. Vielmehr müssen sie ihre Produkte zerstückeln und im Datenstrom der sozialen Netzwerke dauernd um die Aufmerksamkeit der Konsumenten kämpfen. Das schwächt die Medienmarken und lockert die Bindung zu den Kunden.

Die sozialen Netzwerke förderten die Individualisierung der Gesellschaft, und sie verschafften einer breiten Masse neue Artikulationsmöglichkeiten. Die neuen Plattformen sind gleichzeitig ein attraktives Spielfeld für obskure Akteure, die das Publikum für ihre Zwecke zu beeinflussen versuchen. Für diese Probleme haben die Informationsanbieter noch keine Lösungen gefunden, die wirtschaftlich tragfähig wären. Die Medienkommission formuliert es so: «Massenmedien und der etablierte Journalismus entsprechen den Anforderungen der digitalen Dienstleistungsgesellschaft immer weniger.»

Kritik an den Verlagen

Die Kommission übt gleichzeitig Kritik an den Verlagen. Als gefährlich erachtet sie die Praxis, der Wirtschaft unter dem Stichwort «Native Advertising» auf den hauseigenen Plattformen Kommunikationsmöglichkeiten anzubieten, die inhaltlich und gestalterisch den redaktionellen Angeboten höchst ähnlich sind. Das erschwere es, dem Publikum die spezifische Leistung des Journalismus verständlich zu machen. Die Rezipienten hätten jedoch «ein Anrecht darauf, unzweideutig und sofort erkennen zu können, ob ein Inhalt kommerzieller und interessengeleiteter Natur ist».

Der Schweiz attestiert die Kommission im internationalen Vergleich noch relativ stabile mediale Verhältnisse. Den weltweiten Trend hält sie jedoch für gefährlich. Darum macht sie in ihrem neuen Papier Vorschläge dazu, wie das Bewusstsein der Öffentlichkeit für journalistische Leistung gestärkt werden könnte.

Empfohlen: eine Zertifizierung

In diesem Sinn empfiehlt die Kommission Folgendes:

  • Die Berufsverbände, die Arbeitgeberorganisationen, die Wissenschaft und die Bildungsinstitutionen sollen die Öffentlichkeit für die genannten Probleme sensibilisieren. Ferner hätten es die Medien und die einzelnen Journalisten in der Hand, «durch ihre Tätigkeit beispielhaft Leistung und Relevanz des Journalismus zu betonen». Voraussetzung dafür sei ein hohes Mass an Professionalität und Sorgfalt bei der Einhaltung der Berufsregeln.
  • Die Bildungsinstitutionen sollen frühzeitig – also schon in der Volksschule – dazu beitragen, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, kritisch mit Medienangeboten umzugehen.
  • Es braucht eine kontinuierliche öffentliche Reflexion und eine kritisch-konstruktive Bewertung der Leistung des Journalismus. Die bestehenden Instrumente zur Qualitätssicherung berücksichtigen kaum die Perspektive der Nutzer. Das ist ein Manko. Der Dialog mit dem Publikum könnte beispielsweise mit «Bürgerinnen-Foren» oder «Tagen der offenen Redaktion» verbessert werden. Ein besserer Austausch mit der Wissenschaft wird ebenso empfohlen.
  • Das Berufsbild des Journalismus muss geschärft werden. Wünschenswert wäre eine Zertifizierung durch eine unabhängige Instanz, welche von allen Interessengruppen der Branche getragen wird. Zu klären ist, wie Regelverstösse geahndet werden sollen und ob Zulassungen suspendiert oder gar zurückgezogen werden können. Der bereits bestehende Journalisten-Kodex bietet eine gute Basis.
  • Wenn journalistische Erzeugnisse auf sozialen Netzwerken oder anderen Plattformen von Dritten angeboten werden, könnte man sie durch Labels oder Gütesiegel kennzeichnen.
  • Kommerzielle und redaktionelle Angebote müssen klar unterschieden werden.
  • Durch steuerliche Anreize sowie indirekte oder direkte Fördermassnahmen soll die Finanzierung von Journalismus verbessert werden.
  • Mit Anreizen könnte die Nutzung journalistischer Angebote gefördert werden, etwa durch steuerliche Freibeträge oder durch Gutscheine für die Mediennutzung.
  • Rechtliche Massnahmen zur Stärkung des Journalismus sind weder notwendig noch wünschenswert. Doch müssten auch die Betreiber von sozialen Netzwerken und global tätige Intermediäre «stärker in die gesellschaftliche Verantwortung eingebunden werden». Eine Koordination auf europäischer oder internationaler Ebene ist sinnvoll.

Bauer will Wachstum jenseits des Mediengeschäfts

Achter Stock in Hamburg, ganz oben im Familienunternehmen Bauer, dem auflagenstärksten Zeitschriftenverlag Europas. Veit Dengler hat gerade Tiroler Journalistenschülern die eigenen Prinzipien erklärt. Er ist in Vermittlungslaune. In seinem ersten großen Interview erklärt der einstige Manager, Berater und österreichische Politiker Veit Dengler, wie sich der Bauer-Konzern ändert. Immer wieder weist er in seinem Büro auf die Titel des Hauses, die auch aus Australien, Polen und England stammen.

Herr Dengler, Ihr Unternehmen ist als Zeitschriftenhaus groß geworden. Nun nennen Sie sich „Multi-Business-Unternehmen“. Nichts daran erinnert an Medien. Ist Ihnen Ihre Abstammung peinlich geworden?

Nein. Publishing ist weiter ein extrem solides Geschäft, genauso wie unsere mehr als 100 Radiobeteiligungen in vielen Ländern. Insgesamt geht es darum, fallende Umsätze bei klassischen Medien durch neue Aktivitäten zu kompensieren. Dabei setzen wir auf Onlinevergleichsportale sowie auf digitale Services für Klein- und Mittelunternehmen, in Zukunft möglicherweise auch andere. Vielleicht haben wir in einigen Jahren nicht vier, sondern fünf, sechs Geschäftsfelder.

Trotz aller Aktivitäten: Der Umsatz stagniert bei rund 2,3 Milliarden Euro.

Wir jammern ungern und jagen keinen Moden nach. Wichtig ist uns der nüchterne Blick, unsere Stärken liegen im Exekutieren. Im Internet sind wir vielleicht spät dran, haben aber auch viele Fehler vermieden. Wir wollen intelligente Manager sein, die dazukaufen, wenn wir Chancen sehen – die aber auch verkaufen, wenn es nicht mehr anders geht.

Klingt nach Portfoliomanagen ohne Sentimentalitäten.

Nein, das ist kein reines Beteiligungsgeschäft. Und Sentimentalitäten gibt es natürlich auch. Heinz Bauer und die Generationen vor ihm haben beeindruckende Geschäfte aufgebaut. Entscheidend ist: Wir lieben unsere Produkte und sind sehr auf unsere Kunden ausgerichtet.

Von 2013 bis 2017 haben Sie den Wandel der Gruppe rund um die „Neue Zürcher Zeitung“ voran‧getrieben. Was können Sie hier in Hamburg tun, was Ihnen in Zürich versagt blieb?

Bauer hat mehr unternehmerischen Mut und ist schlicht größer. Yvonne Bauer leitet das Unternehmen, wir haben im Executive Board extrem kurze Entscheidungswege, das heißt, die Governance unterscheidet sich maßgeblich. Es herrscht ein sehr offenes Gesprächsklima, alles ist auf die Sache fokussiert, es gibt keine Politik. Einen Verwaltungsrat oder Aufsichtsrat gibt es nicht. Im Übrigen zählt der Glamourfaktor hier nicht. Das ist kein Ego-Betrieb.

Sie haben – wie einige andere neu geholte Topmanager – kaum Zeitschriftenerfahrung. Ist das ein Experiment?

Wir wollen Wachstum jenseits des Mediengeschäfts. Da braucht man eine Mischung von Menschen mit vielen Fähigkeiten. Manchmal hilft der „fremde Blick“.

Jenseits des Mediengeschäfts bauen Sie beispielsweise Vergleichsportale auf. Mit welchem Erfolg? Hierzulande dominieren längst Check24 und Verivox.

In Deutschland wartet keiner auf uns. Der Markt für Vergleichsportale hat sich hier früh entwickelt. Dadurch ist der Markt sehr kompetitiv, und wir sind der Meinung, dass man nicht mit Vollgas in jeden schwierigen Markt gehen muss. Märkte wie Skandinavien, Spanien und Osteuropa sind da für uns aktuell lukrativer.

„Powerpoint haben wir verbannt“

Dienstleistungen für Mittelständler sind Ihr neuester Hoffnungsbereich. Was machen Sie da genau?

Mittelständische Unternehmen müssen von Kunden und Lieferanten im Netz gefunden werden. Dabei helfen wir. Das neue Angebot von Bauer ist, wenn Sie so wollen, eine Art Generalunternehmer fürs Internet. Wir bauen Webseiten, richten Suchwort-Marketing ein, kümmern uns um Social Media. Wir haben in Polen, in Dänemark und in Israel entsprechende Unternehmen gekauft. Diese Firmen werden expandieren.

Bauer ist ein über 17 Länder weitgespanntes Medienimperium, von den USA bis Australien. Wie steuert man das?

Früher managten wir nach Ländern, inzwischen managen wir nach Geschäftsbereichen, und zwar über Staatsgrenzen hinweg. Das Radio-Business wird von London aus geleitet, das Zeitschriftengeschäft von einem multinationalen vierköpfigen Team. Operativ müssen die Verantwortlichen möglichst frei sein. Zentral kümmern wir uns um Strategie und um größere Investments.

Was ist, wenn jemand in Melbourne eine Idee hat?

Dann reden wir darüber. Wir klären vieles in Gesprächen und schreiben Memos. Powerpoint haben wir verbannt. Neu eingeführt haben wir zum Beispiel auch eine „International Publishing Group“: In zehn Arbeitsgruppen tauschen wir uns über Ländergrenzen hinweg aus, etwa zu Quiz- oder TV-Magazinen und deren Synergiepotenzialen sowie zu lokalen Learnings. Wir reden viel stärker als früher über Silogrenzen hinweg über unsere Formate. Unser Ziel ist im Übrigen eine technische Infrastruktur, mit der wir unkompliziert über Länder hinweg zusammenarbeiten oder Content teilen können.

Sie sind „Globalisierer“.

Das wäre mir zu hoch gegriffen. Wir sind ein europäisches Medienunternehmen mit 70 Prozent Auslandsumsatz, das über Grenzen hinweg handelt. Im Kern handelt es sich um jeweils nationales Geschäft. Übrigens sind wir nicht happy über den Brexit. Als europäisches Unternehmen glauben wir, dass eine enge Zusammenarbeit und Partnerschaft zwischen den europäischen Ländern viele Vorteile für unser Unternehmen und unsere Verbraucher bringt.

Noch hängen Sie am tendenziell rückläufigen Zeitschriftengeschäft. Sparen Sie hier?

70 Prozent unserer Umsätze kommen aus dem Publishing. Und für fast die Hälfte davon sorgt Deutschland. Kostensenken ist jedoch ‧keine Strategie, sondern Alltag. Wir müssen produktiver werden und überlegen uns dafür im Rahmen des Transformationsprozesses neue Arbeitsweisen. Hierfür investieren wir unter anderem in ein neues Redaktionsmanagementsystem. Irgendwann wollen wir dann auch Machine-Learning einsetzen.

Wann werden die Zeitschriften nur 50 Prozent zum Geschäft beisteuern?

Das ist nicht planbar. Da können Sie auch mit Darts werfen! Das Wichtigste ist, sich schnell anpassen zu können. In Großbritannien büßt unser Zeitschriftengeschäft nur ein bis zwei Prozent pro Jahr ein, in Australien dagegen haben wir gut zweistellige Fallraten. Und doch haben wir dort jüngst die Nummer zwei im Markt gekauft sowie in Frankreich die Programmzeitschrift „Télécâble Sat Hebdo“. Wir müssen für alles gerüstet sein.

Gibt es Tabus bei Ihren Anpassungen?

Nein. Tabus haben mit Religion zu tun, religiös sind wir nicht.

Familienunternehmen haben ungeschriebene Gesetze.
Auf Dauer Geld zu verlieren, das geht wahrscheinlich nicht.

Wie groß ist Ihre Kriegskasse?

So etwas gibt es hier nicht. Unsere Finanzierungskraft ist stark und richtet sich nach den Gelegenheiten.

Was haben Sie 2018 investiert?

Das sagen wir nicht. Es ist das Vorrecht der Familie, bestimmte Zahlen nicht zu kommunizieren.

Wann werden gedruckte Zeitschriften verschwinden?

Gedruckte Magazine werden Sie und mich überleben. Das Auto existiert schon 100 Jahre – und es gibt noch immer Pferdezüchter. Was sich verändern wird, ist die Auswahl an Magazinen; viele Blätter wird es natürlich nicht mehr geben. Was uns aber immer wieder positiv überrascht, ist, dass Genres wie zum Beispiel TV-Magazine unglaublich stabil sind.

Und das trotz des Erfolgs neuer Streamingdienste?

Es gibt eben nicht nur jüngere Zielgruppen. Jugendzeitschriften stehen natürlich unter Druck, in Spanien haben wir uns daher auch aus dem Kids-Segment zurückgezogen. Unsere „Bravo“ ist heute stark in Social Media und verkauft immer noch viele CDs. Schwierig wird es aber auch für werbeabhängige Hochglanzmagazine. Die Rückgänge im Werbemarkt sind einfach schneller als die im Lesermarkt.

„Wir wagen immer wieder Experimente“

Sie verlegen doch selbst „Madame“ und „Cosmopolitan“.

Diese Zeitschriften entwickeln sich auch gut, dennoch müssen wir hart kämpfen. In Australien hat der Konkurrenztitel „Vogue“ viel Erfolg mit dem Aufbau eines ganzen Ökosystems rund um die Zeitschrift, mit Events und Digital-Innovationen. Wir sind uneitel und scheuen uns nicht, vom Wettbewerb zu lernen. In Großbritannien entwickeln wir zum Beispiel gerade ähnliche 360-Grad-Projekte rund um die Special-Interest-Themen Motorradfahren und Reiten.

Wo gibt es weiße Flecken auf der Landkarte der Magazine?

Große freie Segmente gibt es nicht. Aber wir wagen immer wieder Experimente. Zum Beispiel haben wir jetzt in Deutschland einen Ableger von „Gourmet Traveller“ aus Australien gestartet und bedienen so eine neue Nische im Food-Segment.

Der letzte größere Flop in Ihrem Haus war „People“ in Deutschland.

Das Schicksal ist bekannt, das war vor meiner Zeit. Ich mag das Wort „Fehlerkultur“ nicht, Fehler sollte man vermeiden. Bauer hat eine Testkultur. Man muss Dinge ausprobieren, und wenn es nicht funktioniert, macht man eben wieder zu.

Die Bauer Media Group besitzt in Magdeburg die Regionalzeitung „Volksstimme“. Stimmt es, dass Sie sich für jene Regionalpresse-Objekte interessieren, die die Kölner DuMont-Gruppe abstoßen will, vor allem die „Mitteldeutsche Zeitung“ in Halle?

Dazu kann ich nichts sagen. Wir schauen uns vieles an. Regionalzeitungen sind rückläufig und kein einfaches Geschäft.

Medieninhalte sind vermehrt bei Google und Facebook zu finden. Wie ist Ihr Verhältnis zu den globalen Plattformen?

Die Plattformen sind wichtig und mächtig. Zu den besten Freunden von Facebook und Google gehören ironischerweise Kartellämter. Die haben noch immer ziemlich kuriose Marktdefinitionen. Im vorigen Jahr wollten wir in Großbritannien einen Konkurrenten kaufen, der sich – so wie wir unter anderem auch – mit Range Rovern und Land Rovern beschäftigt. Das Kartellamt hätte das nicht zugelassen. Mit der Begründung, dadurch hätten wir den Markt für Range-Rover- und Land-Rover-Magazine dominiert. Das ist absurd. Die Ämter sind nicht auf der Höhe der Zeit, was das Medienverhalten der Menschen betrifft. Das führt dazu, dass Zeitschriftenverlage ihre Portfolios nicht effizient managen oder auch konsolidieren können. Das kann sie schneller umbringen.

Was fordern Sie von der Politik?

Vernünftige Marktdefinitionen. Und nicht solche, die aus den 1990er-Jahren stammen.

Der Gesetzgeber hat den Verlagen mit einem Leistungsschutzrecht geholfen. Danach müssten Facebook und Google Geld zahlen für Presseinhalte. Hilft das?

Das Leistungsschutzrecht halte ich für eine Fehlinvestition von politischem Kapital. Es bringt uns Verlagen wirtschaftlich nur Peanuts, wenn überhaupt.

„Mit Podcasts verdient man kein Geld“

Wo beeinflussen die Tech-Konzerne Ihr Geschäft unmittelbar?

Wir spüren die Effekte auf dem Werbemarkt. Facebook ist ein Monopolist, ein Publisher, und beeinflusst uns im politischen Diskurs. Deshalb sollte das Unternehmen auch dieselben Rechte und Pflichten haben wie jedes andere Medienunternehmen. Facebook muss für die Inhalte verantwortlich sein – so, wie wir es auch sind.

Auch in der Yellow Press stimmt nicht jedes Wort …

Wenn wir etwas schreiben, das nicht stimmt, dann können Sie klagen – und manchmal werden wir verurteilt. Wir unterliegen dem Presserecht. Es gibt eine rechtliche Verantwortung im System. Die fehlt bei Facebook.

Sie erwähnen nur Facebook. Was ist mit dem Google-Konzern und seiner Videoplattform Youtube?

Das sind zwei Unternehmen mit völlig unterschiedlichen Interessen. Google will – sieht man von Youtube ab – ein freies Internet ermöglichen; Facebook hat einen Walled Garden, ein geschlossenes Ökosystem. Deshalb halte ich Facebook für problematischer als Google. Sie wollen Nutzer zu sich ziehen und auf ihren Plattformen behalten.

Wie viel Potenzial steckt im Radiogeschäft?

Wir sind der größte Radiobetreiber in Europa. Das Geschäft ist erstaunlich resilient, mit nach wie vor einstelligen Wachstumsraten. Und es transponiert gut in die digitale Welt, zum Beispiel für Smartspeaker wie „Echo“ von Amazon.

Podcasts sind Radiosendungen für jedermann. Ist der Boom nachhaltig?

Podcasts sind ein journalistisches Medium. Von der Hörerzahl her explodieren sie – aber niemand verdient damit Geld. Podcasts sind nicht mehr als eine zusätzliche Dienstleistung, die zunehmend auch kostengünstig automatisiert erstellt werden kann. Das ist nichts für uns als losgelöstes Geschäftsmodell.

Mediengeschäft ist traditionell ein Familiengeschäft. Bleibt das so? Oder kommen zunehmend Stiftungsmodelle?

Der einzige Garant der Unabhängigkeit ist der wirtschaftliche Erfolg. Stiftungen wären die weiße Flagge, das Signal, dass wir es nicht schaffen. Zeitungen und Zeitschriften haben absolut eine große Zukunft – auch wenn sie eines Tages nicht mehr auf bedrucktem Papier stattfinden sollte.

Wie hoch ist eigentlich der Digitalisierungsanteil bei Bauer?

Ich halte diese Kennzahl für grundfalsch. Sie ist für den Kapitalmarkt erfunden worden und soll zeigen, wie cool ein Unternehmen ist, wie wenig es sich mit dem langweiligen Papiergeschäft beschäftigt. Aber das ist doch keine Kundensicht! Wir sind immer beides – analog und digital, so wie unsere Kunden.

Bertelsmann-Boss Rabe fordert gleiche rechtliche Bedingungen für alle

Thomas Rabe, Chef von Bertelsmann und der RTL Group, hat bei der Association of Commercial Television eine Rede gehalten und darin eine Reform der rechtlichen Rahmenbedingungen gefordert. Rabe sieht die Branche gegenüber Tech-Giganten im Nachteil.

Vor 30 Jahren ist die Association of Commercial Television in Europe (ACT) gegründet worden, seither vertritt die Organisation die Interesseren von kommerziellen Fernsehsendern auf EU-Ebene. Dabei vertritt man 28 Sender aus 28 Ländern. Zu den Geburtstagsfeierlichkeiten der ACT hat Bertelsmann- und RTL-Group-Chef Thomas Rabe eine Rede gehalten.

Darin hat Rabe noch einmal den Stellenwert der europäischen Medienhäuser betont. So würden kommerzielle Sender in Europa 15 Milliarden Euro jährlich in Inhalte investieren. Die gesamte audiovisuelle Medienbranche, also der TV- und Radiowerbemarkt sowie das Pay-TV und die öffentlich-rechtlichen Anstalten, sei zusammengenommen 112 Milliarden Euro schwer. Die Medienbranche sei eine Säule der Demokratie. Man liefere vertrauenswürdige Nachrichten, die auf „hohen redaktionellen Standards“ basieren würden, so Rabe in seiner Rede.

Dennoch befinde sich die Branche im Wandel und traditionelle Medienhäuser würden „zig Milliarden Dollar“ ausgeben, um sich gegen Tech-Giganten zu wehren. Diese Konzerne aus den USA hätten „Positionen von beispielloser Macht und Dominanz eingenommen“. Geschafft hätten sie das dank global skalierbarer Geschäftsmodelle, nahezu unbegrenztem Zugang zu Daten und neuen Technologien. Man wolle sich angesichts der Situation nicht beschweren und die eigenen Stärken ausbauen. Das müsse aber in einem fairen und modernen Rechtsrahmen geschehen, der die heutigen Marktrealitäten widerspiegele. Rabe fordert: Gleiches Recht für alle.

Dass dieses gleiche Recht für alle Unternehmen heute noch nicht die Realität sei, würde auch an einer Medienregulierung liegen, die in vielen Bereichen auf das analoge Zeitalter des letzten Jahrhunderts zurückgehe, so Rabe. So kritisiert der Bertelsmann-Boss, dass TV-Sender in Sachen Werbezeit trotz der Reform der AVMD-Richtlinie künftig viel restriktiver reguliert seien als große US-Techfirmen. Auch das Wettbewerbsrecht sei nach wie vor veraltet. Hier verweist Rabe noch einmal auf die vom Kartellamt untersagte Zusammenarbeit zwischen der Mediengruppe RTL und ProSiebenSat.1 vor einigen Jahren, als Netflix in Deutschland noch nicht einmal aktiv war. Das stehe einer „sinnvollen und notwendigen Zusammenarbeit und Konsolidierung“ im Wege und spiegele auch nicht mehr die Marktrealitäten wieder. Und während der Deal zwischen Mediengruppe RTL und ProSiebenSat.1 verboten wurde, habe Facebook erst Instagram und später Whatsapp übernehmen dürfen, klagt Rabe.

„Neben einer fairen und modernen Regulierung sind mehr Zusammenarbeit und Partnerschaften zwischen europäischen Rundfunkveranstaltern erforderlich, um mit den Technologiegiganten zu konkurrieren“, sagt Rabe, der dann auch noch einmal auf die Anstrengungen der RTL Group in diesem Bereich verweist. So will man künftig vor allem in den Bereichen Werbetechnologie, VoD-Technologie und in der internationalen Werbevermarktung mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten. Dafür hat man auch schon einige Dinge angestoßen: So entwickelt die französische M6 Gruppe die technologische Plattform für Salto – den gemeinsamen Streamingdienst mit TF1 und France Télévisions, der 2020 starten soll. Smartclip bringe derweil Werbetechnologien voran. In beiden Fällen sei man offen für neue Partner, betont Rabe.

Gruner+Jahr-Chefin Jäkel: „Der Hunger nach Inhalten ist gewaltig“

Bertelsmann sieht sich auf gutem Weg, mit einer Bündelung seiner vielfältigen Medienaktivitäten den großen US-Plattformen Paroli zu bieten: „Die Bertelsmann Content Alliance investiert in Deutschland jedes Jahr zwei Milliarden Euro in Kreativität, das ist einzigartig. Außer vielleicht Disney bündelt wohl niemand so viel Power in seinem Heimatmarkt“, sagte Julia Jäkel, Chefin der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr sowie Vorsitzende des Boards der neuen Inhalte-Allianz.

Unter anderem wolle die neue Plattform „den Wachstumsmarkt Podcast und Audio erobern“. Jäkel weiter: „Unser Orchester ist sehr vielfältig. Und jetzt spielen alle zusammen.“ Da sei man bereits jetzt „nationaler Champion. Das stärkt unsere Position im Kampf um die Aufmerksamkeit, besonders gegenüber den großen Plattformen.“

Jäkels Fazit: „Je globaler die Welt wird, desto bedeutsamer entwickelt sich der nationale, ja sogar regionale Content.“ Das sei eine „riesige Chance“ für Bertelsmann. Und weltweit sei der „Hunger nach Inhalten gewaltig. Auch Netflix und Amazon haben gemerkt, dass sie in die regionalen Märkte hineinkommen müssen, doch da haben wir einen gewaltigen Vorteil“, erklärte Jäkel dem Handelsblatt.

Zu der Inhalte-Allianz gehören seit Anfang des Jahres so unterschiedliche Bertelsmann-Divisionen wie Random House (Buch), RTL (Hörfunk und Fernsehen), Ufa (Film), BMG (Musik) und G + J (Zeitschriften). Darüber hinaus wird in einer Ad Alliance bereits das Werbegeschäft gebündelt. Jäkel machte auch da klar: „Die Werbepartner sehnen sich nach kraftvollen Akteuren, die eine Alternative zu den US-Plattformen bilden können.“

Döpfner beklagt Sprache, „die an Ehrlichkeit verliert“

In einem langen „Spiegel“-Interview hat Mathias Döpfner über die Meinungsfreiheit in Deutschland sowie die Debattenkultur im Land gesprochen. Der Springer-Chef stand nach dem Anschlag in Halle selbst in der Kritik, weil er in einem Artikel Medien und Politik vorwarf, zu oft zu beschwichtigen und verharmlosen, wenn es beispielsweise um Flüchtlinge gehe. Dafür bekam er auch von Rechtsaußen Applaus. Im „Spiegel“ sagt er dazu: „Auch das muss man aushalten. Einmal Applaus von der falschen Seite, und man ist raus, die ganze Argumentation diskreditiert? So geht es nicht! Das ist Antidebatte.“

Grundsätzlich vermisse er „lebendige Debatten und überraschende Positionen“, so Döpfner, der meint, der „Diskurs ist politisch korrekt sediert“. In Deutschland könne jeder das sagen, was sie oder er denkt. Das würden sich aber immer weniger Menschen trauen. „Meine paradoxe Beobachtung: Je weniger Mut es kostet, seine Meinung zu sagen, desto weniger Mut ist vorhanden. Unter Hitler und Stalin haben Menschen ihr Leben riskiert. In Deutschland 2019 riskiert man einen Shitstorm. Und kaum einer traut sich. Das ist nicht gut. Widerspruch ist der Humus einer demokratischen, offenen Gesellschaft.“

Derzeit erlebe man einerseits eine maximale Polarisierung und Verrohung der Sitten – „vor allem in den sozialen Netzwerken“. Die Sprache vieler Politiker, Journalisten, Wirtschaftsführer, Künstler im öffentlichen und veröffentlichten Raum werde dagegen immer vorsichtiger und steriler. „Es wird immer riskanter, unvorbereitet und ungescripted etwas zu sagen“, so Döpfner. Die Menschen würden aber merken, dass immer mehr Politiker und auch Medien eine Sprache benutzen würden, „die an Saft und Kraft und Ehrlichkeit verliert“. Der Springer-Chef: „Der öffentliche Diskurs folgt den rhetorischen Regeln der Political Correctness. Man beschreibt Dinge eher so, wie sie sein sollten, und vor allem so, dass jeder Anstoß vermieden wird. Das sorgt gerade im politischen Raum dafür, dass Menschen das Gefühl haben: Die sagen nicht, was sie denken, und tun nicht, was sie sagen.“

Zuletzt hat die „Bild“-Zeitung eine große Kampagne gefahren und darin auch Politikern wie Claudia Roth Antisemitismus unterstellt. Roth traf sich mit dem iranischen Parlamentspräsidenten, der den Holocaust relativiert. Dazu sagt Döpfner, Roth unterstütze damit indirekt Antisemitismus. Roth habe keinen Grund gehabt, diesen Termin wahrzunehmen und es sei die Aufgabe von Journalisten, darauf hinzuweisen, dass damit Antisemitismus verharmlost werde. „Auch die indirekte Verharmlosung oder Relativierung von Antisemitismus ist für mich außerhalb des demokratischen Konsenses.“

Die Verschärfung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes ist für Döpfner der falsche Weg, um den Diskurs im Netz wieder in richtige Bahnen zu lenken. Das habe das Potenzial dazu, die Meinungsfreiheit zu beschränken, warnt der Springer-Chef. „Wenn demnächst ein Algorithmus entscheidet, welche Formulierung verletzend, beleidigend oder falsch ist, finde ich das problematisch. Die Hauptursache für Hate Speech, für Fake News und für die zunehmende Emotionalisierung und Polarisierung der Gesellschaft ist doch die Existenz anonymer Accounts.“ Wenn eine Person im Netz identifizierbar sei, sei es Aufgabe der Staatsanwaltschaft zu entscheiden, ob Grenzen überschritten worden seien oder nicht. „Ich finde, ein Account muss auch Accountability, also Verantwortlichkeit, bedeuten“, sagt Döpfner.

Facebook soll neuen Nachrichten-Tab starten

Facebook plant den Launch eines speziellen Tabs namens „News“, über den die Nutzer Zugriff auf Nachrichten von Hunderten von Nachrichtenorganisationen haben sollen. Das berichtet die Washington Post. Nach dem bisherigen Fokus auf den Austausch privater Beiträge würde Facebook mit einer eigenen News-Kategorie in die Nachrichtenbranche zurückkehren – wo vor allem Google aber auch Twitter bisher die Platzhirsche sind.

Eine offizielle Bestätigung der Pläne gibt es bisher nicht. CEO Mark Zuckerberg hatte jedoch im Rahmen seiner Befragung vor dem US-amerikanischen House Committee on Financial Services erste Hinweise auf einen verstärkten News-Fokus durchblicken lassen. So sagte Zuckerberg, Facebooks Dienste hätten die Möglichkeit, innerhalb des Netzwerks einen Platz wie einen Tab zu bieten, wo die Nutzer auf kuratierten Qualitätsjournalismus zugreifen könnten.

Kampf gegen Fake News

Die Einrichtung einer eigenen News-Kategorie dürfte wohl auch mit Facebooks Bemühungen zusammenhängen, der Verbreitung von Falschnachrichten etwas entgegenzusetzen. Bereits im Sommer 2019 war bekannt geworden, dass sich das Netzwerk mit verschiedenen Nachrichtenplattformen wie der Tageszeitung Washington Post, dem Sender ABC News oder der Nachrichtenagentur Bloomberg in Lizenzverhandlungen für die Einblendung ihrer Inhalte befinde.

Wie Europa gegen Facebook und Google kontern könnte

„Es ist unverzichtbar, dass sich Europa seine Souveränität auch im Digitalen bewahrt“, erklärte der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm auf den Medientagen in München. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach sich für eine alternative EU-Internetplattform aus.

Im Kampf gegen die Übermacht von US-Internetkonzernen helfen nach Einschätzung von Medienexperten und Politikern nur bessere Zusammenarbeit in Europa – und bessere Werte. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich am Mittwoch zum Start der 33. Medientage München für eine alternative europäische Internetplattform aus: „Entweder sind wir bereit, den Wettbewerb anzunehmen, oder wir werden am Ende nur Konsumenten sein von anderen Wettbewerbern.“

Söder warf in seiner Eröffnungsrede deutschen Medienhäusern und besonders der Medienpolitik mangelndes Reformtempo vor. Vieles gehe zu langsam. „Bis wir ein Fußballspiel anpfeifen, haben die anderen schon drei Ligen gespielt.“ Die deutsche Medienordnung sei „anachronistisch“ und „altbacken“. Aber: „Wenn eine Welle da ist, dann muss man sie reiten.“

Er kritisierte eine „unendliche Staatsvertrags-Mäanderei“ und sprach sich für eine umfassende Reform der deutschen Medienordnung jenseits des gegenwärtig verhandelten neuen Medienstaatsvertrages aus. „Deutschland zögert“ – und werde darum zunehmend abgehängt.

Die türkischstämmige Tech-Soziologin Zeynep Tufekci, Professorin an der Universität von North Carolina in den USA und Journalistin unter anderem für die „New York Times“ zog gar Parallelen zum Kalten Krieg. Der Westen haben diesen gegen den Ostblock gewonnen, weil er einfach die besseren Werte, das bessere Lebensmodell angeboten habe. Dem seien die Menschen gefolgt. Ähnlich könne man das in der digitalen Welt mit Alternativen schaffen. Aus Sicht der Wissenschaftlerin haben die GAFA „autoritäre“ Strukturen geschaffen, die derzeit „noch“ für Kommerz und nicht für autoritäre Politik genutzt werden.

Ein Gegenmodell, das Gleiches anbiete aber keine Daten sammle, sei die einzig denkbare Alternative, um die Macht der Konzerne zu zerschlagen. Vor allem eine Plattform wie YouTube, die Menschen mit dem Algorithmus hinter automatischen Videovorschlägen nicht nur in ihren Ansichten bestätige, sondern zunehmend radikalisiere, sei eine große Gefahr. „Wir werden auseinandergerissen – Bildschirm für Bildschirm“, sagte Tufekci.

Andreas Briese, Director YouTube Partnerships Central Europe, betonte in einer anderen Gesprächsrunde, dass die Algorithmen von YouTube in den vergangenen Jahren verändert worden seien. Ursprünglich sollten Videos gefördert werden, die viele Klicks erzielen. Danach seien Videos mit langen Sehzeiten favorisiert worden. Jetzt gehe es darum, Inhalte zu fördern, die breit und vielfältig und nicht in Nischen sind.

Im Frühjahr habe es ein Update gegeben, das sich dem Problem von Hassreden, der sogenannten Hate-Speech, widme.

Der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm betonte: „Es ist unverzichtbar, dass sich Europa seine Souveränität auch im Digitalen bewahrt.“ Nahezu alle Plattformen sozialer Netzwerke über Cloud-Services werden demnach von Anbietern außerhalb Europas bestimmt. „Damit werden auch die Relevanz und Sichtbarkeit von Inhalten von Algorithmen gesteuert, deren Funktionsweise allein in den Händen von privaten Unternehmen liegt und deren Geschäftsmodell vor allem auf die gezielte Platzierung von Werbung ausgerichtet ist“, sagte Wilhelm.

Trumps neues Aufbäumen gegen kritische Medien

Das Weiße Haus empfiehlt allen staatlichen Bundeseinrichtungen, ihre Abonnements der beiden US-Tageszeitungen New York Times und Washington Post zu kündigen. Das hat die Sprecherin des Weißen Hauses, Stephanie Grisham, mehreren Medien bestätigt. Wie CNN berichtet, begründet sie den Schritt mit einer Kostenersparnis für Steuerzahler. Mehrere Hunderttausend Dollar könnten so eingespart werden. Präsident Donald Trump allerdings gab in einem Interview auf seinem Lieblingssender Fox News andere – deutlich persönlichere – Gründe an.

Dass der US-Präsident die beiden Zeitungen nicht ausstehen kann, hat er oft genug verdeutlicht. Für Trump sind sie „Fake“. Im Gespräch mit Moderator Sean Hannity hat Trump sich bereits am Montag erneut über einzelne US-Medien und ihre Berichterstattung zur Ukraine-Affäre ausgelassen und die Abbestellungen erwogen. „Die Medien sind korrupt“, behauptete er. An seinen Fox-News-Interviewer Hannity gewandt fügte er allerdings schnell hinzu: „Nicht alle Medien. Es gibt auch großartige Leute, Sie eingeschlossen.“

Die New York Times aber sei „eine Fake-Zeitung, die wollen wir selbst im Weißen Haus nicht mehr“, schimpfte Trump weiter. Er werde sie vermutlich kündigen – und die Washington Post gleich mit. Als Begründung fügte er hinzu: „Du schaust dir die Art von Berichterstattung an, die sie machen, und es stellt sich heraus, es ist alles falsch!“ Schon im Wahlkampf habe die zweitgrößte US-amerikanische Tageszeitung ihn „schlecht dargestellt“. Seit er Präsident ist, sei alles noch schlechter geworden. Überhaupt – so holt Trump im Interview weit aus – würden Menschen, „die falsche Dinge berichten“, sogar Pulitzerpreise bekommen.

Trump selbst hatte im vergangenen Jahr erst einen eigenen Medienpreis ins Leben gerufen: einen Schmähpreis namens „Fake News Award“. Auf Platz eins landete damals ein Kolumnist der New York Times: der Nobelpreisträger Paul Krugman. Dieser nämlich habe, so begründete Trump die Entscheidung, in einem Kommentar behauptet, die US-Wirtschaft würde sich nicht „erholen“, dabei boome sie.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Abbestellungen der Zeitungen weniger als Sparmaßnahme, denn als weiteres wütendes Aufbäumen des Präsidenten gegen kritischen Journalismus. Der erste US-Präsident, der eine Zeitung im Weißen Haus abbestellt, ist er damit allerdings nicht. Schon John F. Kennedy soll Politico zufolge 22 Abos der New York Herald Tribune gekündigt haben.

Wie Facebook mit Watch zu Youtube aufschließen will

Facebook will mit seiner Video-Plattform Watch zur ersten Anlaufstelle für Videos werden. Nun greift man Youtube mit neuen Kooperationen erneut direkt an.

Vor rund einem Jahr ist Facebook Watch nach einer einjährigen Testphase in den USA global an den Start gegangen. „Unser Ziel ist es, gemeinsame Erlebnisse rund um Bewegtbild zu erschaffen“, hieß es damals großspurig. Seither hat sich einiges getan, so kommt Facebook Watch mittlerweile auf weltweit rund 720 Millionen User im Monat, 140 Millionen davon sollen jeden Tag mindestens eine Minute Inhalte auf der Plattform schauen. Durchschnittlich beträgt die Sehdauer laut Facebook 26 Minuten – detaillierte Zahlen für Deutschland veröffentlicht das Unternehmen nicht. Anders als Netflix und Prime Video setzt man nicht nur auf eigenproduzierten Content, sondern auch wie Youtube stark auf von den Usern hochgeladene Videos.

So gab man bei Facebook zwar eigene Dramaserien in Auftrag, bei Facebook Watch sehen die Nutzer aber auch lustige Tiervideos und andere schräge Inhalte. Bei diesem Mix wird es auch bleiben. „Wir sind eine offene Plattform, das unterscheidet uns von anderen. Jeder, der eine Facebook-Seite betreibt, kann Videos hochladen. Das soll auch in Zukunft so bleiben“, sagt Matthew Henick, Head of Content Planning and Strategy bei Facebook.

Zuletzt hatte man bereits Partnerschaften mit verschiedenen deutschen Medienhäusern bekanntgegeben. So produziert ProSiebenSat.1 seit dem Sommer Behind-the-scenes-Material für Facebook Watch und nutzt die Plattform auch für die Ausspielung von Archivware. Auch RTL II, Burda, Springer und G+J sind Kooperationen mit Facebook eingegangen. Nun dreht man beim Social-Media-Riesen das Rad noch etwas weiter – und greift Youtube direkt an.

So will man in einem neuen Programm bekannte Influencer und Social-Media-Stars mit großen Medienhäusern zusammenbringen, um diese gemeinsam an neuen Inhalten arbeiten zu lassen. In den USA hat man das bereits getestet und zeigt sich zufrieden, nun also der Start in Europa. In Deutschland sind zum Start Brainpool und Burda mit dabei, weitere Partner sollen in den kommenden Monaten folgen. Sie bringt Facebook dann wie gesagt mit Influencern zusammen – und finanziert dann auch einen Teil der neuen Formate.

Wieso das ein direkter Angriff auf Youtube ist? Bei den Social-Media-Stars setzt Facebook sehr auf Namen, die schon bekannt sind – und die ihren Schwerpunkt von Youtube zu Facebook Watch verlagern könnten. So bringt man etwa Joyce Ilg mit Brainpool zusammen. Auf Googles Video-Plattform kommt sie mittlerweile auf mehr als 1,2 Millionen Abonnenten. Mit Brainpool macht sie nun das Format „Fake Date“. Dabei handelt es sich um ein Versteckte-Kamera-Format, bei dem sich zwei Menschen zu einem Date treffen. Die Frau muss aber das tun, was Ilg ihr über einen In-Ear-Kopfhörer sagt. Ein weiteres Format von Brainpool ist „Ek is back“ mit Rapper Eko Fresh, der auf fast 500.000 Abonnenten bei Youtube kommt. In den jeweils vierminütigen Folgen setzt sich Eko Fresh mit alten Branchenkameraden zusammen und erinnert sich an alte Zeiten. Darüber hinaus macht Brainpool jeweils ein neues Format mit Teddy Teclebrhan („Antoine Undercover“) und Michael Schulte („Let the movie speak“).

Burda, ganz konkret bunte.de, bringt man mit Ilka Bessin, Monica Ivancan, Isabell Horn, Natascha Ochsenknecht, Betty Taube und Kim Gloss zusammen, die fast alle bei Instagram und/oder Youtube viele Follower haben. Bessin, besser bekannt als Cindy aus Marzahn, trifft in dem Format „Ilka – Extra scharf“ Promis an einem Currywurst-Stand und spielt mit ihnen „Wahrheit oder Pflicht?“. Ex-„DSDS“-Teilnehmerin Kim Gloss präsentiert auf der Video-Plattform künftig eine Art Rankingshow, in der es um die besten Social-Media-Posts von Stars und Sternchen geht. Monica Ivancan, Isabell Horn und Natascha Ochsenknecht machen außerdem „No Drama, Mama“. Das soll ein „temperamentvolles Gruppengespräch“ werden, bei dem Zuschauer Fragen über das Elternsein stellen können. Und Betty Taube hat „Ein Herz für Streuner“ und versucht in der Reihe ein Zuhause für Hunde aus dem Tierheim zu finden.

Darüber hinaus hat Facebook auch noch Kooperationen mit Influencern und Medienhäusern in Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien bekanntgegeben. Inhaltlich sollen die Macher die volle redaktionelle Kontrolle über die Formate haben, Facebook will ihnen also nicht reinreden. Was dem US-Unternehmen aber wohl ohnehin wichtiger ist, ist das Geld. Hier schneidet Facebook nämlich wie gewohnt mit. Während Facebook 45 Prozent der Werbeeinnahmen erhält, die die Publisher mit den Videos machen, geht der Rest an eben diese.

Langfristige Business-Modelle für alle Seiten?
„Wir wollen den Menschen mehr lokale Inhalte anbieten. Das geht nur, wenn wir wissen, was sie sehen wollen und auch nur dann, wenn unsere Partner die volle Kontrolle über ihre Inhalte haben und behalten“, sagt Matthew Henick. Jens-Uwe Bornemann, Director of Media Partnerships Central and Eastern Europe bei Facebook, ergänzt im Gespräch: „Mit dem neuen Programm wollen wir unseren Medienpartnern die Möglichkeit geben, neue Formate auszuprobieren. Das passiert mit dem Ziel, dass sie daraus langfristig nachhaltige Business-Modelle gestalten können.“ Und ganz nebenbei hofft man natürlich, dass die Influencer künftig Facebook Watch zu ihrer Bewegtbild-Plattform Nummer eins machen.

Wie langfristig diese Business-Modelle aber sein werden, sollte Facebook irgendwann mal kein zusätzliches Geld hinzu schießen, muss sich erst noch zeigen. In diesem ersten Schritt profitieren sowohl Medienhäuser als auch Influencer von Facebooks Ziel, Youtube endlich das Wasser abzugraben. „Wir sind die erste Anlaufstelle für alle Videoinhalte-Anbieter, die ihr bestehendes Publikum sowie neue Menschen erreichen wollen“, sagt Bornemann. Auch ein Jahr nach dem weltweiten Rollout von Facebook Watch sind die Ansprüche also nicht kleiner geworden.

Ist Netflix nur der Türöffner für die großen Konzerne?

Diese These wird von niemand geringerem als der Chefin der weltgrößten TV-Messe Mipcom vertreten. Eins ist aber schon jetzt klar: Der Streamingmarkt wird sich 2020 sehr verändern.

Die Branchenexpertin Laurine Garaude betonte zum Beginn des Branchentreffs am Montag im französischen Cannes, der Überzeugung zu sein, dass Netflix lediglich als Wegbereiter in die Streaming-Historie eingehen wird.

Disney, Warner und Apple wollen noch in diesem Jahr ihre eigenen Video-on-Demand-Portale starten. Während die beiden ersteren Unternehmen über ein riesiges Archiv mit unzähligen Blockbustern – darunter „Star Wars“ – verfügen, ist Apple ein Technologie-Gigant, der über die Verbreitung seiner Endgeräte sofort Hunderte Millionen Konsumenten direkt erreichen kann.

Diese Hintergründe fehlen Netflix beide, beziehungsweise man wird in Zukunft noch mehr dazu gezwungen einen eigenen Katalog an Inhalten aufzubauen. Disney zog sein Programm zu Gunsten des eigenen Dienstes ab.

„Innerhalb der nächsten zwölf Monate wird sich der gesamte Streaming-Markt stark verändern“, prophezeite auch der Produzent Oliver Berben („Schuld“). Er sagte der dpa in Südfrankreich: „Unter anderem über unsere Niederlassung in Los Angeles verhandeln wir bereits seit längerer Zeit mit sämtlichen großen Playern über konkrete Groß-Projekte.“ Nicht nur für ihn sei die Zusammenarbeit besonders interessant, weil diese Plattformen direkt den ganzen Weltmarkt im Blick haben. Aktuell bereitet Produzent Berben die Serie „Resident Evil“ für Netflix vor.

Auch Michael Souvignier von der Produktionsfirma Zeitsprung hat die aufwändige ARD–Serie „Oktoberfest“, die an der Cote d’Azur unter dem Titel „Empire Oktoberfest“ angeboten wird, direkt mit Blick auf die globale Vermarktung konzipiert: „Wir haben den Film mit internationalen Standards gedreht und das Oktoberfest ist ja mittlerweile eine Marke wie Coca-Cola, jeder auf der Welt kennt es.“

Für sein nächstes internationales Serien-Großprojekt „German Moon“ über die Mitarbeit deutscher Wissenschaftler an der Mondlandung gab der Kölner Souvignier nun auch den Regisseur bekannt: Achim von Borries, der bereits für die erfolgreiche Serie „Babylon Berlin“ Buch und Regie verantwortete.

Robert Greenblatt jedenfalls, als Boss von Warner Media einer der mächtigsten Medienmanager der Welt, formulierte es am Vorabend der Mipcom so: „Die Erschütterung der kompletten Medienwelt ist nicht Teil unserer Arbeit, sie ist unsere Arbeit.“

Die Mipcom in Südfrankreich zeigt bis Donnerstag, was schon bald in Millionen Wohnzimmern über die Bildschirme flimmert. Mehr als 11.000 Verantwortliche von Sendern, Produktionsfirmen, Programmvertrieben, Internetplattformen und Medienkonzernen aus aller Welt kommen zusammen.

Influencer auf den Spuren der Porno-Industrie

Die Privatsphäre erodiert weiter vor sich hin. Instagram versucht aber trotzdem, die neue Anwendung – in einem Blogeintrag mit reichlich rhetorischer Dreistigkeit – als Sicherheitsfeature zu vermarkten. „Threads wurde im Sinne der Privatsphäre entwickelt“, heißt es dort. Schließlich könnten nur ausgewählte enge Freunde den computergenerierten Status sehen.

Die Bedeutung des Wörtchens „Freund“ hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten ja ohnehin einen dramatischen Wandel hingelegt, der noch immer anhält. Galt es bis vor wenigen Jahren noch als möglichst erstrebenswert, so viele Freunde und Follower wie möglich auf den unterschiedlichen Social-Media-Profilen anzuhäufen, hat inzwischen eine Gegenbewegung eingesetzt. Heutzutage wird streng nach Qualität der Kontakte unterschieden.

Trend auf Instagram

Eine junge Frau namens Caroline Calloway hat es in dieser Disziplin zur Großmeisterschaft gebracht. In einschlägigen Kreisen ist sie durch konsequente Selbstentblößung bekannt, die ihr einen Buchdeal von einer halben Million Dollar eingebracht hat, der platzte, nachdem sie den Vorschuss schon verjubelt hatte. Im vergangenen August machte sie ihren knapp 800 000 Followern das Angebot, für zwei Dollar im Monat Zugang zu ihrem inneren Kreis zu erhalten. Wer 100 US-Dollar bezahlt, steigt dann sogar in die Kategorie „Engste Freunde“ auf. Es winkt als Gegenleistung immerhin ein einstündiges Skype-Telefonat mit der bezahlten Freundin.

In letzter Zeit reicht es Influencern nicht mehr, in ihren Postings Produkte anzupreisen. Weil heutzutage jeder eine Marke ist, vermarkten sie ihre Freundschaft. Calloway ist eine von vielen Instagram-Promis, die gegen Bezahlung persönliche Zuneigung versprechen. Private Nachrichten, Fotos mit Widmung, personalisierte Sprachaufzeichnungen. Das zumeist junge Publikum ist es ohnehin gewohnt, dass sich auf der Plattform alles ums Geld dreht. Wenn soziale Beziehungen zur Handelsware werden, ist das nur der konsequenteste Auswuchs der sogenannten Aufmerksamkeitsökonomie. Nur geht es nicht mehr darum, die Aufmerksamkeit der Nutzer zu gewinnen. Nein, auch sie selbst wollen nun Beachtung, der Warenstrom kehrt sich um. Und das erlernte Verhalten lautet: bezahlen. Die Monetarisierung von Intimität ist ein Phänomen, das man eher in der Pornoindustrie verorten würde. Und weil die traditionell eine Vorreiterrolle für die Tech-Branche innehat, lautet hier der Trend schon lange: Exklusivität. Glaubt man der Kolportage, ist es für die Darsteller lukrativer, private Webcam-Shows vor wenigen zahlenden Zuschauern zu streamen, als sich für die üblichen Filme herzugeben.