Die Fernbedienung wird 65

Gerade zwei Jahre war das Nachkriegsfernsehen alt, da sorgten 1954 die ersten KabelFernbedienungen für Aufsehen. Zunächst als Schöpfung modernster Technik gefeiert, erhielten sie allerdings schon schnell überlegene Konkurrenz: 1956 erschienen erste drahtlose Modelle mit Ultraschall-Technik.

Damals gehörten Fernbedienungen noch nicht zur Standardausstattung und wurden separat verkauft. Erst 1975 kamen die ersten Fernsehgeräte auf den Markt, die serienmäßig mit Fernbedienungen ausgestattet waren. Die noch nicht sehr zuverlässige Ultraschall-Technik gehörte jedoch auch schnell zum alten Eisen. Sie wurde durch Infrarot- und Funk-Übertragung abgelöst.

Aber auch die Aufgaben und Möglichkeiten der Fernbedienung haben sich deutlich verändert. Sie gehört heute als Selbstverständlichkeit zu jedem stationären Audio-, Video- und TV-Gerät ebenso zu jeder Heimkinoanlage. In vielen Fällen dient sie aber auch als Steuerelement im vernetzten, intelligenten Heim.

Die gfu geht davon aus, dass sich in den deutschen Haushalten aktuell weit mehr als 150 Millionen Geräte der Unterhaltungselektronik mit klassischer Fernbedienung befinden: beispielsweise Fernseher, HiFi-Komponenten, DVD- und Blu ray-Player und Videospiel-Konsolen.

Kein Wunder, dass sich die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Industrie den Eingabegeräten mit besonderer Aufmerksamkeit widmen. Das betrifft ebenso das Design wie die Bedienfreundlichkeit. Neben Original-Fernbedienungen vom Hersteller gibt es auch separat erhältliche Universal-Fernbedienungen von Drittparteien. Sie beherrschen die Steuerbefehle für alle erdenklichen Gerätemodelle unterschiedlicher Hersteller. 2018 wurden mehr als 900.000 Stück dieser vielseitigen Fernbedienungen wurden 2018 verkauft, beispielsweise für ältere Menschen mit größeren Knöpfen.

Die sicherlich interessanteste und aktuellste Weiterentwicklung der Fernbedienung ist die Sprachsteuerung. Digitale Assistenten mit Spracherkennung sind stark im Kommen. Neben digitalen Assistenten sind auch Fernbedienungen mit Sprachsteuerungs-Funktion erhältlich. So lassen sich immer mehr Geräte im Haushalt mit Sprache steuern: zum Beispiel Lautsprecher und Lampen aber auch Geschirrspüler oder Kaffeemaschinen.

So gehen die Einsatzmöglichkeiten von Fernbedienungen aller Art heute weit über die Steuerung von Geräten der Consumer Electronics hinaus. Das vernetzte Haus mit all seinen Möglichkeiten und Annehmlichkeiten ist ohne die Steuerung durch vielseitige, flexible Fernbedienungsgeräte überhaupt nicht denkbar. Hierbei kommen vielfach auch Smartphones oder Tablet-PCs zum Einsatz.

Trotzdem geht die Fernbedienung auch 65 Jahre nach ihrer Erfindung noch lange nicht in den Ruhestand. Im Gegenteil: Für die Fernbedienung entstehen immer wieder neue Anwendungsszenarien.

Virulente Erdäpfel

Die neueste Bedrohung in der internationalen Cyber-Spionage heißt „Topinambour“. Sie besorgt Experten weltweit. Und es könnte sein, dass sich mit der „Malware“ die gefährlichste Hackertruppe der Welt zurückmeldet.

Mit einem befangenen Experten für Cybersicherheit zu telefonieren ist keine leichte Angelegenheit. Man kann schnell dem Eindruck verfallen, Sprache sei ein höchst unpräzises Kommunikationsmittel. Kurt Baumgartner, ein weltweit geschätzter Sicherheitsanalyst in Diensten des russischen Antivirus-Dienstleisters Kaspersky Lab, spricht so, als bereite es ihm körperliche Schmerzen. Er windet sich um jede konkrete Formulierung. Eine PR-Angestellte ist mit in der Leitung und passt auf, dass er ja nichts Falsches sagt. Sie teilt vorab mit, man werde keinerlei Aussagen zu den letztjährigen Angriffen auf die Datenbanken der Bundesregierung machen.

Dass es heute um die neueste Volte ebenjener Hacker-Gruppe gehen soll, die auch damals beschuldigt wurde, tut nichts zur Sache. Jede informationelle Preisgabe ist politisch höchst sensibel, wird genau abgewogen. Das gehört zum Business. Das Sicherheitsunternehmen Kaspersky Lab und seine größten Konkurrenten um Symantec, Eset oder Norton & Co. sind ein Teil der unheimlichen Trias, die in der globalen Cyberspionage den Ton angibt. Die zweite Gruppe sind die schutzbedürftigen Auftraggebenden, also Verteidigungsministerien, Botschaften, das Militär, Großkonzerne, Forschungseinrichtungen. Die dritte Gruppierung sind natürlich die Ganoven – Hacker, Spione, Söldner, Agenten der Unterwelt.

Raffinierte Fallensteller

Gerade dreht sich alles um Turla, eines der ältesten, professionellsten, besten Cyberspionage-Kollektive der Welt. Echte Bösewichter. Trotz aller Zurückhaltung kann Sicherheitsexperte Baumgartner seine Bewunderung für Turla nicht verbergen. Denn Hacker sind keine Allmächtigen, sondern raffinierte Fallensteller. Ihr neuester Schlag sei so gewieft, die Lösung so innovativ, das Vorgehen von so hoher Disziplin und Organisation bestimmt, das gebe es selten. Vor wenigen Tagen hatte Kaspersky Lab unter Baumgartners Feder eine vielbeachtete Analyse über Turla veröffentlicht. Eine neue Schadsoftware wurde entdeckt, die viel Bekanntes in den Schatten stellt. Auf einem nicht näher beschriebenen Regierungscomputer war eine infizierte Datei aufgefallen, die fast unauffindbare Spionage ermöglicht.

„Topinambour“ heißt der Übeltäter, auf Badisch übersetzt „Erdapfel“, nicht zu verwechseln mit der Wiener Kartoffel. „Topinambour“ reiht sich ein in eine Liste berüchtigter Schadsoftwares, die in der Branche als „Malware“ bezeichnet werden. Andere heißen „Carbon“ oder „Snake“ und haben so manchem Sicherheitsbeauftragten, Systemadministrator oder Innenminister schon schlaflose Nächte bereitet, denn sie greifen unentdeckt auf alles zu, was ein Computer an Peripherie hergibt: Mikrofon, Bildschirm, Tastatur, Kamera. Sie zielen vor allem ab auf die Infiltrierung militärischer und politischer Einrichtungen.

Spätestens jetzt erweitert sich diese Gruppe der Gefährdeten noch um politische Dissidenten. „Topinambour“ nämlich, die Malware, die von den Analysten bei Kaspersky Lab gerade entdeckt wurde, zielt auf politische Akteure, die unentdeckt im Internet kommunizieren wollen. Um dies tun zu können, müssen diese sich üblicherweise mit sogenannter VPN-Software versorgen. Der Zugang zu dieser Art von Programm ist in manchen Ländern aber von der staatlichen Zensurbehörde blockiert. Bedürftige müssen also über Umwege an ihre VPN-Software kommen und dabei auf weniger vertrauenswürdige Quellen zurückgreifen als die von der Regierung gesperrten Websites der Programmhersteller.

Wo genau das Ziel von „Topinambour“ liegt, bestätigt offiziell übrigens niemand. Kurt Baumgartner spricht nur von einem zentralasiatischen Staat mit starker Netzzensur, in dem der Vorfall entdeckt worden sei. Da es sich dabei eigentlich nur um Usbekistan oder Turkmenistan handeln kann, bestätigt der Befund die ohnehin weitläufige Vermutung, Turla stehe der russischen Regierung sehr, sehr nahe. Die Gebiete, auf die sich das Hackerkollektiv hier zu konzentrieren scheint, sind postsowjetische Vasallenstaaten Moskaus, in denen Dissidenten verfolgt werden. Das passt. Ebenso wie die bisherigen Angriffsziele der dubiosen Gruppe. Mit den zuvor erwähnten „Carbon“ und „Snake“-Viren wurden seit den frühen zweitausender Jahren vor allem militärische, politische, wissenschaftliche oder infrastrukturelle Ziele in Ost- und Zentraleuropa, Nordamerika und dem Nahen Osten ausgespäht.

Gezielte Lauschangriffe

Fast immer geht es bei Turlas Angriffen um sehr gezielte Lauschangriffe gegen einzelne Zielpersonen. Frühere Angriffe liefen über korrumpierte PDF-Dateien oder Excel-Dokumente in E-Mail-Anhängen. Diese enthielten winzige Programme, die sich auf den Festplatten der Betroffenen einnisteten und dann den Kontakt zu entfernten Rechnern herstellten. Von diesen Servern aus wurde dann ein größeres Programm heruntergeladen, welches den vollständigen Zugriff auf das infizierte System ermöglichte. Im Fall von „Topinambour“ haben die Spione eine neue Variante entwickelt, die so noch nie vorgekommen ist. Man kann sich das wie den neuen Aufsatz auf einer Bohrmaschine vorstellen. Nur anders als in den bisherigen Fällen ist der neue Aufsatz in der Lage, das System zu infizieren, ohne überhaupt etwas auf der Zielfestplatte zu installieren oder Spuren zu hinterlassen. Die Schadsoftware agiert „fileless“ – dateienlos.

Besonders auffällig an den Hacks von Turla ist, dass große Vorkehrungen getroffen werden, um nur genau die beabsichtigten Systeme zu infiltrieren. Jeder Infektion voraus geht eine vielschichtige Identifikationsbestätigung. Entweder, um die Möglichkeit der Entdeckung zu minimieren oder um den tatsächlichen Überwachungsaufwand überschaubar zu halten. Auch beides zusammen erscheint sinnvoll und deutet darauf hin, wie Turla organisiert sein könnte. Denn um derart genau zu wissen, welches Ziel man auszuhorchen gedenkt, sind weitreichende Kenntnisse des Zielumfelds notwendig. Nur große, staatliche Nachrichtendienste verfügen über derartige Möglichkeiten zur physischen Überwachung. Dazu passt, dass bei gezielter digitaler Spionage auch weniger Personen bei der Auswertung zum Einsatz kommen müssen. Turla ist zwar breit aufgestellt, aber um Hunderte Menschen fortlaufend digital zu observieren, bräuchte man auch Hunderte Analysten. Unwahrscheinlich in einer Szene, in der nur die Allerbesten gut genug sind, um unerkannt zu bleiben.
Unterschiede zu anderen Hacker-Gruppen

Spekulieren über die Größe der Gruppe will Kurt Baumgartner von Kaspersky Lab nicht. Er lässt sich nur zu ein paar generellen Überlegungen hinreißen. Turla sei in der seltenen Lage, sich nach Bedarf lange Zeit, teilweise über Jahre, auf einzelne Regionen zu konzentrieren. Das allein mache sie zu einem der „Big Boys“. Sie seien in der Lage, ohne Rückgriff auf externe Ressourcen zahlreiche Aktionen gleichzeitig zu fahren, was sie von fast alle anderen weltweiten Hacker-Gruppen abhebe. Also zum Beispiel gleichzeitige Abhörattacken auf Bundestagsabgeordnete, Forschende und Aktivisten in vielen Ländern. Wer derart gut informiert ist, kann viel Unruhe stiften auf dem internationalen Parkett.

Wie umfassend die neue Malware „Topinambour“ bisher auch in anderen Ländern und Feldern zum Einsatz gekommen ist, wisse niemand. Kaspersky Lab hat nur Einblick in die Computer, die Kaspersky-Antivirus nutzen, und dort habe man noch nichts entdeckt. Man gehe aber davon aus, dass in naher Zukunft weitere Varianten des neuen Abhörwerkzeugs an weiteren Einsatzorten entdeckt werden.

Ebenso wisse man nicht, welche Informationen mit dem neuen Virus abgefangen worden seien. Da kommt Baumgartner wieder ins Stocken. Ja, es sei prinzipiell schon möglich, Teile der Daten abzufangen und einzusehen, aber Kaspersky Lab tue das nicht. Was soll er auch sonst sagen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch im Hause Kaspersky Lab ein Informationsstand existiert, mit dem man zum Beispiel die russische Regierung auf Abstand hält, die man ja mit Analysen wie der aktuellen in Bedrängnis bringt.

Amüsanterweise gibt auch der penibel geschriebene Quellcode öfter Aufschluss über die Kultur innerhalb der kriminellen Organisationen. Zentrale Stellen sind mit Eigennamen benannt, zum Beispiel „TrumpTower“, oder „RocketMan“. Derartige Benennungen sind von humorlosen NSA-Leuten ebenso wenig zu erwarten wie von den Mitarbeitern Horst Seehofers. Diese würden vielleicht „Bavaria One“ auswählen, als Seitenhieb auf Markus Söders Weltraumtraum. Wer weiß, vielleicht entdeckt ja bald wieder jemand was im Bundestag.

Materialschlacht der Streamingportale

Es gibt seit 15 Jahren keine neuen Folgen der Sitcom über sechs New Yorker mehr. Netflix bezahlt in diesem Jahr trotzdem 80 Millionen Dollar für die Rechte auf dem US-Markt. Und dann ist da noch die Nachricht, dass eine andere abgesetzte Serie mit stolzem Jahresgehalt abwandern wird: NBC Universal (NBCU) sicherte sich von 2021 an für 100 Millionen Dollar pro Jahr die Streamingrechte an The Office.

Natürlich wird Netflix für eigene Produktionen wie House of Cards, Stranger Things und The Crown mit Preisen überhäuft und als Revolutionär der Unterhaltungsbranche bewundert. Allerdings hat das Marktforschungsinstitut Nielsen kürzlich herausgefunden, dass die fünf erfolgreichsten Serien des Anbieters im vergangenen Jahr Zukäufe waren: The Office, Friends, Grey’s Anatomy, Navy CIS und Criminal Minds. Demnach verbringen die Abonnenten zwei Drittel ihrer Zeit mit Inhalten, die Netflix nicht selbst produziert hat.

Führt das langfristig zu Problemen für das Unternehmen, womöglich zu existenziellen? In einem Artikel in der Finanz-Zeitschrift Forbes mit dem Titel „Der schlimmste Albtraum für Netflix wird gerade wahr“ stellte Autor Stephen McBride, Analyst beim Portal Riskhedge Report, eine düstere Prognose auf: einen Kursverfall der Aktie um 40 Prozent in den kommenden beiden Jahren – im besten Fall.

Wie sehr der Rückgang seinen Lauf nimmt, zeigen am Mittwoch veröffentlichte Quartalszahlen: Die Finanzen sahen zwar ordentlich aus, der Umsatz lag mit 4,92 Milliarden Dollar im Bereich der Erwartungen. Aber der Zuwachs der weltweiten Abonnenten (2,83 Millionen) lag deutlich unter den Prognosen (4,81 Millionen). Und auf dem US-Markt ist die Abonnentenzahl erstmals in der Firmengeschichte zurückgegangen, es gab ein Minus von 126 000 Dollar. Die Aktie, die in diesem Jahr bislang um 37 Prozent an Wert zugelegt hat, fiel im nachbörslichen Handel um zwölf Prozent. „In den kommenden zwölf Monaten werden Disney, Apple, WarnerMedia, NBCU und andere Firmen Streaming-Unterhaltung anbieten, so wie es Hulu, Amazon, BBC, Hotstar, Youtube, Netflix und viele andere bereits tun“, heißt es dazu im Brief an die Investoren. „Das Werben um die Freizeit der Leute wird von allen Unternehmen hart geführt werden.“

Das klingt wieder nach Profisport und der Prognose, dass der Titelkampf spannend werden dürfte. Das Problem für Netflix: Viele Konkurrenten verfügen dabei über Waffen, die das Unternehmen gerade verloren hat oder bald verlieren dürfte.

Denn das Programm funktioniert nach demselben Prinzip wie Disney-Freizeitparks. Dort laufen nicht nur die Klassiker Micky Maus, Donald Duck und Goofy herum, sondern auch: die Avengers-Superhelden, die Prinzessinnen aus Frozen, die Stormtrooper aus Star Wars, die Piraten aus Fluch der Karibik, die Fee aus Maleficent. Der Tresor an eigenen Inhalten füllt sich ständig. Die finanziell jeweils erfolgreichsten drei Kinofilme der vergangenen drei Jahre sind allesamt von Disney. Die Filme aus 2017 und 2018 sind derzeit bei Netflix zu sehen, das dafür 150 Millionen Dollar im Jahr bezahlt. Vom kommenden Jahr an werden sie dort allerdings fehlen. Weil sie dann bei Disneys Portal landen.

HBO, über den Verkauf der Mutterfirma Warner Media nun Teil des Telekommunikationskonzerns AT & T, hat neben dem Wechsel von Friends verkündet, auf dem Portal nicht nur aktuelle Hits wie zum Beispiel Big Little Lies und Game of Thrones verfügbar zu machen, sondern auch Klassiker wie The Sopranos oder Sex and the City. Hulu, seit dem Verkauf von 21st Century Fox Teil des Disney-Konzerns, bekommt Zugang zu Inhalten des Senders FX wie Atlanta und Fargo. Amazon Prime kann aus dem Füllhorn des Konzerns Amazon Milliarden-Dollar-Projekte wie eine Herr der Ringe-Serie finanzieren. Und Apple gibt laut Berichten bis zu 15 Millionen pro Folge für die Jason-Momoa-Serie See aus.

Im Netflix-Schreiben an die Investoren heißt es, dass der Abgang von Serien dazu führen würde, dass man mehr Geld in eigene Inhalte investieren könne. Das klingt allerdings wie ein Fußballverein, der nach dem Wechsel von Stars behauptet, auf junge Talente setzen zu wollen. In diesem Jahr wird das Unternehmen etwa 15 Milliarden Dollar für Inhalte ausgeben und 2,9 Milliarden für Marketing. Der Verlust dürfte damit bei mehr als drei Milliarden liegen. „Netflix wird in Ermangelung eines eigenen Inhalte-Tresors höhere Risiken eingehen müssen“, sagt Michael Nathanson von der Analysefirma Moffett Nathanson: „Der Verlust externer Inhalte dürfte jedoch nicht so schmerzen wie befürchtet.“

The Office ist zwar die meistgesehene Serie bei Netflix 2018, die Sehdauer (52 Millionen Minuten) macht jedoch nur 0,86 Prozent der Streamingzeit aus. Natürlich braucht es Alleinstellungsmerkmale wie die gefeierten Serien Stranger Things und Orange is the new Black, es braucht aber auch eine Masse an Inhalten, damit möglichst viele Leute ihre Abos behalten. „Wir haben das bei anderen Shows, die wir nicht mehr angeboten haben, ebenfalls beobachtet“, sagt Netflix-Chef Reed Hastings, der einst das Bedürfnis der Zuschauer nach Schlaf als größten Konkurrenten ausgemacht hat: „Die Leute haben dann eben andere Serien bei uns geguckt.“

Der Machtkampf der Streamingportale könnte am Ende also entschieden werden wie Mannschaftssport: Den Titel holt nicht unbedingt der Verein mit den tollsten Einzelspielern, sondern der mit dem besten Ensemble. Wer das in fünf Jahren sein wird, ist derzeit so schwer zu beantworten wie die Frage nach dem Champions-League-Sieger im Jahr 2024.

DAB+: Debatte um die Zukunft des digitalen Radios reißt nicht ab

Acht Jahre nach der Einführung des Digitalradios DAB+ ist das Sendernetz gut vorangekommen. Experten sehen inzwischen den vollständigen Ausbau als fast erreicht an. Insbesondere entlang den Autobahnen gibt es quasi keine weißen Flecken mehr. Doch trotz dieser Fortschritte bei der Netzabdeckung mit dem frei empfangbaren Digitalradio flackert immer wieder eine Grundsatzdebatte auf, ob DAB+ tatsächlich der richtige Standard für die digitale Zukunft des Radios ist.

Die Kritiker von DAB+ stellen gar nicht den Digitalisierungstrend infrage, sehen aber stattdessen im Internet den geeigneten digitalen Übertragungsweg. So sprach sich vor einem Monat der Landtag in Niedersachsen einstimmig dafür aus, die öffentliche finanzielle Förderung für DAB+ zu beenden – “zugunsten des Aufbaus zukunftsoffener Technologien”. Dabei setzen die Niedersachsen vor allem auf den kommenden Mobilfunkstandard 5G, mit dem man über das Internet Live-Streams hören oder Podcasts und andere Mediathek-Inhalte herunterladen könne.

Das Internet als allgegenwärtiges Netz für die Übertragung der Radioprogramme kam Ende der 80er Jahre noch nicht in Frage, als die Grundlagen der Rundfunk-Digitalisierung in internationalen Gremien besprochen wurden. Um eine größere Sendervielfalt und bessere Klangqualität als auf analogen UKW-Kanälen zu gewährleisten, wurde mit DAB (Digital Audio Broadcasting) ein klassischer Sendestandard für den terrestrischen Empfang entwickelt – eben wie das bewährte UKW, nur digital statt analog. DAB wurde dann 2011 in das verbesserte Verfahren DAB+ überführt und gilt seitdem als technisch ausgereift.

Nach einem Start in Schneckentempo nahm DAB Plus zuletzt an Fahrt auf. Im vergangenen Jahr wurden nach Zahlen des Marktforschers gfu in Deutschland allein 1,4 Millionen DAB-Plus-Empfänger verkauft. Fast jeder zweite Neuwagen wurde mit einem DAB-Plus-Radio ausgeliefert. Und auch bei der Infrastruktur geht es voran. So wächst das Sendernetz in diesem Jahr um 13 zusätzliche Standorte auf insgesamt 137.

Öffentlich-rechtliche Sender wie das Deutschlandradio treiben DAB Plus voran, weil sie damit eine größere technische Reichweite bundesweit erreichen als auf den analogen UKW-Kanälen. Außerdem sind die Kosten für den technischen Betrieb niedriger als bei UKW. Gleichzeitig baut der öffentlich-rechtliche Rundfunk aber auch auf eine Internet-Übertragung. Mit dieser „hybriden Strategie“ aus DAB Plus und Internet will man irgendwann auch UKW ablösen, denn die Spareffekte stellen sich erst dann richtig ein, wenn die UKW-Sender wie in Norwegen abgeklemmt werden.

„Das Internetradio hat Zukunft, ohne Zweifel, vor allem im stationären Betrieb, als Teil des großen globalen und digitalen Medienangebots“, sagt Stefan Raue, Intendant des Deutschlandradios. „Aber zu einem frei zugänglichen, kostengünstigen, stabilen und qualitativ hochwertigen Standard wie DAB Plus gibt es keine Alternative.“

Kritisch gesehen wird DAB Plus vor allem von privaten Hörfunkstationen, die ihr Publikum vor allem über UKW erreichen und Reichweitenverluste bei einer UKW-Abschaltung befürchteten. Außerdem schrecken sie die Kosten für den Umstieg ab. „Anders als die ARD-Anstalten, die für ihren Umstieg auf DAB Plus 2017 bis 2025 rund 600 Millionen Euro aus dem Rundfunkbeitrag erhalten, müssen die Privaten ihre Investitionen hier komplett aus ihren Werbeerlösen aus der UKW-Verbreitung finanzieren“, erklärte der Privatsenderverband Vaunet. „Das ist de facto nicht zu stemmen.“

Vor diesem Hintergrund plädierten im Niedersächsischen Landtag vor allem die Liberalen für einen Ausstieg aus DAB Plus, die nur eine Übergangstechnologie sei. In dem FDP-Antrag „Für eine digitale Radiozukunft“ heißt es: „Wer in Deutschland die Vorteile des digitalen Radios nutzen will, kauft sich meist keinen neuen Rundfunkempfänger, sondern wechselt stattdessen auf Radio via Internet über das bereits vorhandene Gerät wie Smartphone, Smart Speaker, Tablet PC, Laptop oder PC.“ Radio via Internet werde von rund 38 Prozent der Bevölkerung gehört, bei den 14- bis 29-Jährigen seien es fast 60 Prozent.

Das Plädoyer für den Radioempfang über des Internet bleibt aber selbst in Niedersachsen nicht unwidersprochen. Die Linke, die bei der Landtagswahl knapp den Einzug ins Parlament verpasst hat, weist darauf hin, dass 5G auf absehbare Zeit nur in Ballungsgebieten flächendeckend verfügbar sein werde und auch nur dort wirtschaftlich betrieben werden könne. „Dies ist für ein Flächenland wie Niedersachsen fatal.“ Und im Gegensatz zum Radio hören über das Internet fielen bei DAB Plus keine laufenden Kosten an, sondern es werde nur der einmalige Anschaffungspreis für einen geeigneten DAB-Plus-Empfänger fällig.

Deutschlandradio-Intendant Raue kann sich eine Wende nicht vorstellen: „DAB Plus ist längst ein europäisches Projekt, in den meisten Ländern Europas ist DAB Plus energisch auf dem Vormarsch, auch hier ist der „Point of no Return“ längst überschritten.“ Auch für den Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), Siegfried Schneider, gibt es keinen Weg zurück: Wie Raue spricht er vom „Point of no Return“, den DAB Plus erreicht habe. In Bayern ist DAB Plus besonders populär, weil dort nicht nur der öffentlich-rechtliche Bayerische Rundfunk auf den Standard setzt, sondern auch besonders viele Privatsender auf DAB Plus senden.

Weiteren Schub könnte DAB Plus durch die EU bekommen. Im vergangenen November stimmte das Europäische Parlament für die Übernahme des neuen European Electronics Communication Codes (ECC). Danach müssen Autoradios in Neuwagen künftig neben UKW den digitalen terrestrischen Radioempfang ermöglichen. Bis 2021 – nach Ablauf einer Übergangsfrist – wird die Übernahme dieser Regelung auch in Deutschland verpflichtend.

Die Räume für chinesische Verlage sind eng, Nischen aber bleiben

Publizieren war in China nie einfach, doch seit Xi Jinping die ideologische Schraube angezogen hat, ist es mit der Zensur noch schwieriger geworden. Eine Reise, auf der es darum ging, die Verlagslandschaft kennenzulernen, hinterlässt zwiespältige Eindrücke. Die Zuneigung für Chinas große Kultur bleibt – nicht jedoch, ohne Schaden zu nehmen.

Als in Hongkong die Massen auf die Straße gingen, blieb es in Peking ruhig. «Wird in China denn auch einmal demonstriert?», fragte ich eine unserer Gastgeberinnen in Peking frei heraus. Es war um den Tiananmen-Jahrestag. Amnesty International meldete, dass einzelne Aktivisten verhaftet worden seien oder sich zeitweise nicht in Peking aufhalten dürften. Doch in der Stadt war davon nichts zu bemerken. Weder deuteten sich Proteste an, noch war eine besondere Polizeipräsenz spürbar. Auf meine Frage hin musste die Chinesin herzlich lachen und rief: «In China demonstriert doch niemand!»

2019 ist ein heikles Jahr für die Volksrepublik, die im Juni nicht nur den dreißigsten Jahrestag des Tiananmen-Massakers zu überstehen hatte, sondern im Oktober auch ihr 70-jähriges Bestehen begeht. Deshalb wurde das Internet frühzeitig eingeschränkt. Das merkte auch die achtköpfige Gruppe aus deutschen Verlagsmitarbeitern und Literaturagenten, die vom Buchinformationszentrum (BIZ), dem Pekinger Büro der Frankfurter Buchmesse, zu einer einwöchigen Visite bei chinesischen Verlagen eingeladen worden war und die ich begleitet habe. Kaum im Hotel angekommen, klappte jeder seinen Laptop auf und sah, dass einige internationale Nachrichtenseiten blockiert waren, außerdem Google, Facebook und Twitter sowie aus aktuellem Anlass Wikipedia.

Es ist ein zwiespältiges Gefühl, China zu besuchen. Ich selbst bin dem Land und seiner Geschichte außerordentlich zugetan und besitze eine ganze Regalwand voll chinesischer Literatur. Doch bevor ich einreisen durfte, musste ich beim Visacenter unterschreiben, dass Daten über meine «rassische und ethnische Herkunft, religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen, biometrische Daten, Gesundheitsdaten oder Daten zur sexuellen Orientierung» an verschiedene chinesische Dienststellen weitergeleitet werden dürfen. Außerdem stand da, dass meine Daten «möglicherweise über den eigentlichen Zweck der Auftragserfüllung hinaus verarbeitet werden und von Dritten erlangt werden» und dass ich meine «Auskunftsrechte gegenüber der Botschaft, dem Generalkonsulat und dem Außenministerium der Volksrepublik China möglicherweise nicht nachhaltig durchsetzen» könne. Wer China besuchen will, muss das in Ordnung finden. Und auch eine mehrfache fotografische Erfassung am Ankunftsflughafen, des Gesichts sowie der Abdrücke aller zehn Finger.

«Gut, dass sie mich im Visacenter nicht gefragt haben, wen wir alles verlegen», seufzte Myriam Alfano in Peking im Taxi zum Hotel. Sie ist Lizenzhändlerin beim Verlag S. Fischer. «Fischer verlegt schließlich viele Dissidenten!» Dazu gehören Liao Yiwu und der inzwischen verstorbene Liu Xiaobo. Allerdings publiziert der Fischer-Verlag auch einige prächtig aufgemachte chinesische Klassiker wie «Die drei Reiche», den Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian sowie den brillanten und in China sehr erfolgreichen Yu Hua.

Fischers Buchauswahl ist typisch für den deutschsprachigen Buchmarkt. Es gibt ein breites Sortiment an vormodernen Klassikern, einige ganz hervorragende Erzählungen aus dem frühen 20. Jahrhundert, etwa von Lu Xun oder von Eileen Chang, sowie etliche bitter-groteske Romane über Landreform, Hungersnot und Kulturrevolution aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein besonders breites historisches Panorama umfassen die Romane von Literaturnobelpreisträger Mo Yan, dessen sprachgewaltige Burlesken chinesische Geschichte von der Kolonialzeit bis zur Ein-Kind-Politik erzählen. Und dennoch: Die Gegenwart in ihrer ganzen Unfertigkeit fehlt oft in den Büchern, die ins Deutsche übersetzt werden. Denn mit den augenblicklich so beliebten Science-Fiction-Romanen von Cixin Liu und Hao Jingfang liest man sich schon weit in der Zukunft und hat die Gegenwart in hohem Bogen übersprungen.

China in seiner wuseligen Augenblicklichkeit ist mir fremd. Trotz den vielen Büchern. Ich würde gerne mehr Geschichten vom Hier und Jetzt lesen, die das Burleske hinter sich lassen und gegenwartsrealistischer sind. Keine Dissidentenliteratur mit vornehmlich politischer Botschaft, sondern Geschichten aus dem unübersichtlichen Alltag in diesem unübersichtlichen Land. Allein die knapp 11 000 Verlage in China – fast 600 staatliche und gut 10 000 private – machen staunen. Zusammen produzieren sie rund 200 000 Neuerscheinungen pro Jahr, zu denen 2018 übrigens auch 1678 Übersetzungen aus dem deutschen Sprachraum gehörten. Damit ist China für uns der wichtigste Lizenzkäufer weltweit.

«Es gibt zwei rote Linien in China, die man nicht überschreiten darf», erzählte mir ein Franzose, der schon seit vielen Jahren in Peking lebt, «und diese Linien heißen Politik und Sex.» Wir saßen auf der Dachterrasse der unabhängigen Buchhandlung «Bookworm». Es war ein lauer Abend. Aus den Boxen drang leichte Lounge-Musik, und über die Waben-Fassade des angrenzenden Hotels Intercontinental flackerten bunte Lichtspiele. Auf der Straße wand sich der Verkehr vorbei: niemals völlig regelkonform, aber immer geschmeidig im Flow der Masse. Viel geschmeidiger als bei uns. Gehupt wird kaum. «Wenn du diese beiden roten Linien nicht überschreitest», sagte der Franzose, «läßt es sich hier wunderbar leben.»

Die politische Linie schützt das Herrschaftsmonopol der Kommunistischen Partei und die Sex-Linie eine Art öffentliche Sittlichkeit. Schwierig für die LGBT-Community. Und auch schwierig für MeToo-Debatten, die teilweise massiv unterdrückt wurden, da sie auch das Fehlverhalten von Parteikadern aufgriffen. «Manchmal verschwinden Leute», sagte der Franzose. «Manchmal tauchen sie nach kurzer Zeit wieder auf und müssen sich dann öffentlich für irgendwas entschuldigen.»

Was ist erlaubt, was ist verboten? Drei Tabuthemen wurden für dieses Jahr offiziell durchgegeben: Um die Chinesische Republik vor Mao, die DDR und das Thema Religionen macht man in diesem Jubiläumsjahr besser einen großen Bogen. Alle chinesischen Publizisten, die wir trafen, kannten die Tabus. Manche umschiffen sie still und ohne viel Aufhebens. Andere beschäftigen eine ganze Armada an Kontrolleuren. Die extrem erfolgreiche Hörbuch-Plattform Himalaja FM etwa, auf der auch jeder eigene Aufnahmen hochladen kann, hat außerhalb von Peking 200 junge Leute, die alle Uploads durchhören und Brisantes blocken. Auch Stimmendetektoren würden verwendet, um Wiederholungstäter qua Audioanalyse sofort ausfindig machen zu können, erfuhren wir bei unserem Besuch in der Pekinger Firmenzentrale.

Und dennoch: «Dies ist China! Es gibt Spielräume!», lachte der hochrangige Angestellte einer der größten staatlichen Verlagsgruppen. Auf der hauseigenen Herrentoilette hatte er sich gerade gutgelaunt eine Zigarette angesteckt, als Andreas Rötzer, Verleger von Matthes & Seitz, hereinkam. Natürlich rauchte Rötzer eine mit, erzählte er später, schließlich kannte man sich ja schon. Kurz zuvor hatte der chinesische Publizist den deutschen Kollegen den 13. Fünf-Jahres-Plan für seine Verlagsgruppe vorgestellt, eingeleitet von einem Mao-Zitat. Andere Verlage und Buchhandlungen, auch private, präsentierten uns sogar 50- und 100-Jahres-Pläne, was selbst den zuversichtlichsten Hegelianer verblüffen muss. In China aber suggerieren optimistische Zukunftsvisionen auch eine dauerhaft potente Führung und vermitteln somit ein Gefühl von Sicherheit.

Innerhalb eines so streng gesetzten Rahmens ist aber auch viel Beweglichkeit möglich, findet Thomas Derksen, der kurze Zeit später zur Verlegergruppe stieß. «Man gibt sich hier in China ganz den Veränderungen von außen hin. Man lebt im Fluss der Möglichkeiten», schwärmte er. Der Deutsche lebt in Schanghai und dokumentiert seinen Alltag höchst humorvoll auf Youtube, wodurch er in China zur Internet-Celebrity wurde. Inzwischen liegt auch ein Buch von ihm vor. «In China lebt man völlig anders als in Europa», bekräftigte er. «Am besten hat man keine Bedenken und geht einfach durch die Türen, die gerade offenstehen.»

Beobachtet wird man dabei von mehreren Millionen Überwachungskameras. Bis 2020 sollen 626 Millionen Kameras in Peking installiert sein, Gesichtserkennung inklusive. Sie hängen vor Gebäuden, an Kreuzungen und selbst in Parks. Auch in den Gängen unseres Hotels sind alle zehn Meter 360-Grad-Kameras angebracht. Ist dieses Land paranoid? Was zum Beispiel befürchten diejenigen, die die vier Kameras in dem Hörsaal installieren ließen, in dem Anfang Juni die alljährlich vom BIZ organisierte Konferenz «StoryDrive» stattfand? Schon am Eingang zur Messe wurden die deutschen Verleger bildlich erfasst. Im Hörsaal dann hatten zwei Kameras die Bühne im Blick, die anderen beiden das Publikum.

Auf der Bühne saß der Autor Erlend Loe und kam auf das Thema Vertrauen zu sprechen. Als Norweger vertrat er das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse, stellte zunächst seine Romane vor und erzählte dann von Norwegen, das – dünn besiedelt, ruhig temperiert und zutiefst demokratisch – von China aus betrachtet klein und sonderbar wirkt. Das Publikum stellte viele Fragen. Schnell ging es um die Anschläge von Oslo und Utøya. Ob man einen Attentäter wie Anders Breivik 2011 nicht viel härter hätte anfassen müssen, statt ihm eine Drei-Sterne-Zelle zu buchen, fragte eine Zuschauerin mit aggressivem Unterton.

Loe – mit Rauschebart und Trekkinghose – blieb entspannt. Die besonnene Reaktion von Premierminister Jens Stoltenberg sei herausragend gewesen, entgegnete er. Die norwegische Antwort auf Gewalt sei, hatte Stoltenberg damals in einer legendären Ansprache gesagt, «mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität». Und wie ist es in China? Diese Frage hing für ein paar lange Sekunden im Raum, und ich überlegte, ob Kameras auch Ungesagtes registrieren können. «In Norwegen gibt es übrigens auch keine Todesstrafe», fügte Erlend Loe noch hinzu. Zum Vergleich: Bei China geht Amnesty International von Tausenden Hinrichtungen pro Jahr aus, mehr als im Rest der Welt zusammen.

Wie hält man ein 1,4-Milliarden-Volk in Schach? Die Kontrolle der Presse gehört dazu: Reporter ohne Grenzen sieht China im weltweiten Ranking auf Platz 177 von 180. Und auch im Buchsektor flüsterten uns einige zu, dass es so arg wie unter Xi Jinping schon lange nicht mehr zuging. Andere wiederum raunten, dass viel mehr gehe, als man meinen möchte. Als ich anreiste, hatte ich ein Buch von Liao Yiwu im Handgepäck. Wie hart die Kante ist, die er der chinesischen Regierung zeigt, wurde mir erst im wendigen Peking bewusst. Liao Yiwu ist in China deshalb komplett verboten, und ich wurde im Vorhinein instruiert, seinen Namen lieber nicht zu erwähnen, wenn wir bei staatlichen Verlagen zu Gast sind. Dass ich ein Buch von ihm dabei hatte, interessierte bei der Grenzkontrolle aber wiederum niemanden.

Erst zahlen, dann chatten

Seit einem Jahr gibt es in Uganda nun die Soziale-Medien-Steuer. Kritiker sehen darin einen Eingriff in die Redefreiheit und klagen.

Die Steuer OTT (Over the Top Tax), auch Soziale-Medien-Steuer genannt, wurde in Uganda letztes Jahr eingeführt. Um Plattformen wie Facebook, WhatsApp, Dating-Webseiten und ähnliche Anwendungen nutzen zu können, müssen die Ugander täglich 200 Schillinge (ungefähr 0,04 Euro) über ein Onlinesystem an die Steuerbehörde zahlen, bevor sie auf diese sozialen Dienste zugreifen können.

„Wir haben als Regierung festgestellt, dass mehr Leute mittlerweile online kommunizieren, als sie telefonieren“, erklärt Vincent Semura, Sprecher von Ugandas Steuerbehörde (URA), den Grund der Steuereinführung. Dies führe ein Staatshaushalt zu Lücken, weil die Telekommunikationsfirmen, immerhin die größten Steuerzahler im Land, bislang auf den Datenkonsum keine Steuern zahlen. Die OTT-Steuer solle dies ändern. Doch ein Jahr nach der Einführung muss auch Semura zugeben: Es wurden nur 17 Prozent der Steuern eingenommen, die eigentlich angepeilt waren. Der Grund, so Semura: „Viele Leute benutzen VPN oder reduzieren ihr Internetverhalten“.

Ugandas Telekommunikationsbehörde UCC hat seit Einführung der Steuer einen Rückgang der Internetnutzer verzeichnet: um über 30 Prozent – das sind rund drei Millionen Menschen. Dabei ist das Ziel der Regierung eigentlich die Verbreitung des Internets, vor allem in den ländlichen Regionen. Landesweit werden derzeit Glasfaserkabel verlegt. „Die Bevölkerung realisiert nicht, dass wir in den Ausbau der Infrastruktur investiert haben, dies muss auch finanziert werden“, so Semura.

Die Steuer war von Anfang an umstritten, und die Opposition rief vergangenen Juli zu Protesten auf. Die Polizei feuerte Tränengas und Gummigeschosse auf die Demonstranten. Viele gingen frustriert nach Hause und entschieden sich, wie Fahrer Kawenja, für einen Boykott. „Ich finde die Steuer einfach nicht fair“, erklärt er. Für viele arme Familien, die ohnehin nur 4.000 Schillinge (umgerechnet knapp 1 Euro) pro Tag zum Leben haben, seien 200 Schilling pro Tag eine „Herausforderung“, so Kawenja.

Journalisten und Menschenrechtsorganisationen haben gegen die Steuer Klage beim Verfassungsgericht eingereicht. „Das ist der letzte Schritt der Regierung, die Redefreiheit einzuschränken, vor allem die Kritik an der Regierung“, so Anwalt Eron Kiiza, der die Kläger vertritt.

Wie so oft kam die Idee der Steuer von Präsident Yoweri Museveni. Er hatte sich in einer Rede beklagt, dass Ugandas Jugend zu viel „chatte“ und damit „Gerüchte verbreite“. Doch: „Es gibt keine Gesetzesgrundlage, die das Verbreiten von Gerüchten illegal macht“, sagt Kiiza. Für den Menschenrechtsanwalt ist die Steuer ein weiterer Schritt, Proteste, die über sozialen Medien organisiert werden, zu unterbinden.

Ugandas Regierung hat eine lange Geschichte, das Internet zu blockieren. So wird gegen Regimekritiker mit Gesetzen, wie dem Computer-Missbrauch-Gesetz, vorgegangen. 2011 wurde es gegen die Aktivistin Stella Nyanzi eingesetzt, die auf Facebook ein erotisches Gedicht über die Präsidentenfamilie veröffentlicht hatte. „Es gibt deutliche Indizien, dass diese Steuer nicht nur dazu da ist, Geld einzutreiben, sondern ein politisches Instrument ist, die Meinungsfreiheit einzuschränken“, so Kiiza.

Kurz nach Steuereinführung hatten sich Abgeordneten im Parlament beschwert, dass die Steuer auch für sie zu teuer sei – dabei gehören sie zu den Spitzenverdienern. Die Regierung hatte erst angekündigt, die Kosten für sie zu bezahlen. Doch vergangene Woche hieß es dann: Die Mehrheit der Parlamentsmitglieder habe für das Steuergesetz gestimmt – dann müssten sie nun auch die Kosten tragen.

Zeitung des deutschen Bundestags sucht neue Leser

Demokratie kann ermüdend sein. Jörg Biallas sitzt in einem heruntergekühlten Glaskasten mit 23 Gymnasiasten aus Bad Kreuznach und spricht über Fraktionen, Fachausschüsse und Verordnungen. Einer der beiden Lehrer versucht, die Schüler mit kleinen Gesten wach zu halten. Einmal hält er ganz demonstrativ seine Augenlider auf, unten der Daumen, oben der Zeigefinger. Bitte! Nicht! Schlafen!

Jörg Biallas, grüne Hose, weißes Hemd, spricht vorn weiter, er kennt das. Seit 2011 ist er Chefredakteur des Parlaments, der Zeitung des deutschen Bundestags. Und irgendwie auch deren Botschafter, immer wieder melden sich Klassen an, die ihn hier im Jakob-Kaiser-Haus im Regierungsviertel besuchen.

Fast alle Fragen kommen von drei Schülern. Eine ist richtig gut, rührt sie doch an ein heikles Thema: „Hat ihre Zeitung einen Instagram-Account?“ Nein. Das sei auch gar nicht so einfach, weil der Bundestag sich gerade mit der Frage beschäftige, wie er sich auf den sozialen Medien präsentieren könne. In anderen Worten: Vielleicht gibt es irgendwann mal einen, aber das kann dauern.

Mitte Mai sprach sich die Innere Kommission des Ältestenrates einstimmig dafür aus, soziale Medien bei der Öffentlichkeitsarbeit des Bundestags künftig stärker zu nutzen. Aber: Neueinstellungen soll es dafür nicht geben. Seither wird wild spekuliert. Müssen ein paar von Biallas‘ zehn Redakteurinnen und Redakteure bald auch Instagram und Twitter bespielen? Bedeutet das vielleicht sogar das Ende der gedruckten Parlamentszeitung? Plötzlich hieß es in Medienberichten, eine mögliche Einstellung der wöchentlich erscheinenden Zeitung könnte bevorstehen.

Vor einigen Wochen erst hat eine Studie gezeigt, dass junge Menschen zwischen 18 und 24 Nachrichten am häufigsten über die Fotoplattform Instagram mitbekommen – zwischen Burgerbildern und Strandpanoramen. Im Prinzip beschäftigen Biallas und sein Parlament damit jene großen Fragen, die sich jede Zeitungsredaktion sowie Unternehmen vieler anderer Branchen stellen müssen. In diesem Fall ganz konkret: Wie transformiert man einen Laden mit 709 Abgeordneten und sechs Fraktionen? Wie macht man diesen Riesen fit für die Öffentlichkeit im Netz?

Wer Jörg Biallas, 57, in seinem Büro besuchen möchte, muss erst durch den Sicherheitscheck. Am Eingang werden Taschen, Rucksäcke und Menschen durchleuchtet. Es gibt in Deutschland wahrscheinlich nur wenige Redaktionen, die so gut geschützt sind. Jakob-Kaiser-Haus, erster Stock, beste Aussicht. Dort hat der Chefredakteur ein Eckbüro mit Blick auf den Reichstag. Im Hintergrund läuft der Fernseher ohne Ton, Donald Trump, Wetter, Werbung.

Wie geht es also weiter mit der Zeitung? Und mit den sozialen Medien im Bundestag? „Ich finde man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen“, sagt Biallas. Er will weiter das gedruckte Wochenprodukt anbieten, aber auch Social Media voranbringen. Wie das konkret aussehen soll, müsse politisch entschieden werden. Der Chefredakteur ist in einer heiklen Lage. Er kann nicht auf jede Frage antworten. Wenn es brenzlig wird, spricht er leiser, das heißt: bitte nicht wörtlich zitieren.

Die Lage ist auch deshalb so brisant, weil das Blatt ein besonderes ist. Denn das Parlament hat 709 Herausgeber. So viele Abgeordnete sitzen aktuell im deutschen Bundestag. Konservative, Sozialdemokraten, Grüne, Liberale, Linke, Populisten. Und wenn in der Zeitung über eine Debatte im Bundestag berichtet wird, dann müssen alle sechs Fraktionsparteien zitiert werden. Auch dann, wenn ein Abgeordneter mehr oder weniger dasselbe sagt, wie sein Vorredner. „Das macht unsere Texte nicht immer sexy“, gibt Biallas zu.

Vor seiner Zeit als Chefredakteur sei das aber noch extremer gewesen, erzählt er. Früher hätten Fraktionen wohl Praktikanten beauftragt, nach Veröffentlichungen Zeilen zu zählen. Um zu prüfen, ob die eigene Partei auch genug Platz bekommen hat. Es gibt noch andere Besonderheiten beim Parlament: Jörg Biallas und seine zehn Redakteure schreiben keine Kommentare. Meinungsstücke kommen nur von Gastautoren. „Wir sind Protokollanten des politischen Geschehens.“ Die Texte: sachlich, nüchtern, schnörkellos.

Biallas ist aber kein Unparteiischer ohne Haltung, natürlich nicht. Das merkt man zum Beispiel, wenn er darüber spricht, dass er sich vor ein paar Jahren mit dem damaligen türkischen Parlamentspräsidenten angelegt hat. Damals ging es um eine Türkei-Ausgabe seiner Zeitung, Erdoğan-Kritik inklusive. Der Beschwerdebrief kam direkt aus Ankara. Jörg Biallas schrieb persönlich zurück, „dann war Ruhe“, sagt er und grinst, als wäre ihm gerade ein genialer Streich gelungen.

Das Parlament gibt es seit 1951. Die Zeitung hat eine Auflage von 57 000, davon werden 14 000 Exemplare verkauft, der Rest liegt in Schulen, Bibliotheken, Universitäten und Kasernen aus. Das Erstaunliche: Im Gegensatz zum bundesweiten Print-Rückgang wächst die Auflage sogar leicht. Leser seien vor allem ältere Menschen, sagt Biallas, die sich sehr für Politik interessieren und weniger mit dem Internet anfangen können. „Das sind keine 18-Jährigen, die uns abonnieren.“

Die Büros sind in der Bundestagsverwaltung, manche Redakteure sind verbeamtet – auch Biallas. „Wir sind letztlich eine öffentlich-rechtliche Zeitung“, sagt er. Links von seinem Schreibtisch steht ein Bild von zwei Männern im Regal. Der eine ist Hans-Dietrich Genscher, der andere Jörg Biallas, der damals für die Mitteldeutsche Zeitung im Einsatz war. Dort hat er vor dem Bundestag gearbeitet. Und davor? „Ich war Profivolleyballer und habe mich mit Anfang 20 am Knie verletzt.“ Volontariat bei den Westfälischen Nachrichten, dann Redakteursdienst, später zog es ihn zur Mitteldeutschen, wo er auch Chefredakteur war.

Das Parlament wolle anderen großen Blättern keine Konkurrenz machen, sagt Biallas nun in seinem Büro, das sei bei manchen Themen ohnehin nicht möglich. Wie viele Leser hat wohl ein Text über die 23. Runde im Landwirtschaftsausschuss über die Ferkelkastrationsverordnung schon?

Man muss sich diese Frage stellen, um zu verstehen, dass es nicht leicht ist, das Parlament auf Instagram zu präsentieren. Demokratie lässt sich schlecht bebildern, Ausschüsse haben wenig Hochglanzpotenzial. Klar ist aber auch, Biallas und sein Team machen längst nicht mehr nur Zeitung. Sie haben ein E-Paper, liefern Texte für die Webseite des Bundestags und schreiben circa 1000 Newsletter im Jahr.

Nicht nur Biallas Arbeit hat sich also in den vergangenen Jahren stark verändert. Wer aber nach seinen Social-Media-Profilen sucht, findet: nichts. Darauf angesprochen sagt er, dass er sich wegen seines besonderen Jobs lieber mit Meinungen zurückhalte. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Biallas skeptisch ist. Immer wieder spricht er von „sogenannten“ sozialen Medien, als wäre das ein Fremdwort.

Warum hat der Bundestag eigentlich immer noch keinen Facebook-Account? Für den Chefredakteur gibt es vor allem zwei Baustellen. Soziale Medien seien auf Interaktion ausgelegt. Aber was soll der Bundestag antworten, wenn er nach einer Einschätzung zu einem Thema gefragt wird? „Es gibt mindestens so viele politische Meinungen, wie es Fraktionen gibt.“

Das andere Problem ist der Datenschutz. Das Bundesland Sachsen-Anhalt hat seine Facebookseite erst vor Kurzem wieder vom Netz genommen. Als Begründung wird eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs genannt. Demnach ist der Betreiber einer professionellen Facebook-Seite gemeinsam mit Facebook für die Verarbeitung der Daten der Besucher der Seite verantwortlich und kann zur Verantwortung gezogen werden. „Ich finde das ein starkes Argument“, sagt Biallas. Twittern sei unproblematischer. Er lässt es trotzdem lieber.

Jeden Dienstag wird beim Parlament um halb zwei konferiert. Dafür geht es in den Glaskasten im Erdgeschoss, wo sonst auch die Besucherklassen sitzen. Der Reihe nach erzählen die erfahrenen Redakteure und wenigen jungen Redakteurinnen, was für die Seiten geplant ist. Untersuchungsausschuss, Treuhand, Grundsteuer, Organspende-Reform. Irgendwann womöglich auch so, dass auch ein junges Publikum bitte nicht einschläft.

Der schöne Schein – Influencer

Immer mehr Kinder- und Jugendzimmer sind Arenen für ungezügelten Konsum und für ein Weltbild voller Mädchen mit Size-Zero-Figuren und Designer-Taschen. Lehrer und Eltern übersehen die Macht der Influencer, Kontrolleure unterschätzten sie. Beides ist fatal.

Der Mediensoziologe Lutz Frühbrodt und die Historikerin Annette Floren haben für die Otto Brenner Stiftung unter dem Titel „Unboxing Youtube“ die nach Zahl ihrer Abonnenten führenden deutschen Youtube-Kanäle genauer angesehen. Ihr Befund: Kommerz und fragwürdige Unterhaltung dominieren. Influencer, die digitalen Meinungsführer und Stars vieler Kinder und Jugendlicher, bespielen 15 der 20 deutschen Top-Kanäle. I

hre Hauptbotschaften: Kaufen macht froh, ein intellektueller Horizont von Duschgel bis Lidschatten ist eines Mädels Lebenssinn. Frühbrodt und Floren kritisieren, dass die Medienanstalten viel zu nachsichtige Kontrolleure seien, die sich auch bei gerichtlichen Auseinandersetzungen tendenziell auf die Seite der Videoproduzenten und auf die der werbetreibenden Wirtschaft stellten. Hinter vielen erfolgreichen Youtubern stehen Agenturen und Netzwerke, die bei der Produktion der Videos bis zur Vermarktung der Inhalte professionelle Hilfe leisten.

Und eine Art Geschäfts- und Erfolgsgeheimnis bewahren: Influencer treten auf wie Video-Amateure, die einfach teilen, was sie echt, uneigennützig und ehrlich mögen und nutzen. Sie sind „Stars“ einer Zielgruppe, die teilweise unter 14 und damit rechtlich zu jung ist für eigene Kaufentscheidungen, beeinflussbar und daher besonders geschützt durch Regulierungen und Werbekodex-Richtlinien. Regeln, die bislang nicht systematisch auch werbetreibende Influencer einschließen – obwohl viele von ihnen reichweitenstarke Geschäftsprofis sind.

Wie ahnungslos zudem oft Eltern und Lehrende sind, belegt eine unter Federführung der Verfasserin durchgeführte, unveröffentlichte Studie am Beispiel des reichweitenstarken Kanals „Bibis Beauty Palace“ mit nicht Volljährigen als Hauptzielgruppe. Es geht hier um eine Strategie für mehr Werbekompetenz, aber letztlich um eine überfällige Grundsatzdebatte: Wie wollen wir den digitalen Raum verantwortungsorientiert gestalten und regulieren?

„Eine App, sie alle zu knechten“ – James Griffiths

Chinas „Große Firewall“ soll im Internet nicht nur Inhalte unterdrücken. Sie soll vor allem Solidarität verhindern. Dafür sorgt das Netzwerk „WeChat“. Es dient totaler Überwachung. Der Hongkonger CNN-Reporter James Griffiths im Gespräch mit Cornelius Dieckmann.

Sie haben ein Buch über die Internetzensur in China geschrieben. Ein Kapitel heißt „Eine App, sie alle zu knechten“. Sie meinen damit „WeChat“, eine App, die den Alltag der Chinesen durchdringt. Was hat es damit auf sich? Ist es zu spät, um WeChats Macht einzudämmen?

Das Problem ist, dass die Regierung keinerlei Interesse daran hat. Es ist sehr nützlich für sie, wenn sie sich nur an ein einziges Unternehmen wenden muss, um umfassende Personendaten einzusehen. Alle möglichen Funktionen, von der Taxizentrale bis zur Stromrechnung, sind bei WeChat versammelt. Selbst wenn eine Person keine Nachrichten über die App verschickt, ist sie ständig mit WeChat in Berührung. Tencent, das Mutterunternehmen von WeChat, behauptet zwar, es würde keine Informationen an den chinesischen Staat weitergeben, aber es ist sogar gesetzlich dazu verpflichtet, wenn die Regierung eine solche Aufforderung ausspricht. Hinzu kommen vermutlich außerrechtliche Wege, um an die Daten zu gelangen. Für das von der Regierung angestrebte Sozialkreditsystem erleichtert das die Erstellung von Profilen, auf deren Basis Menschen belohnt oder bestraft werden sollen.

Es gibt gar kein Ausweichen?

Das beste Beispiel für die Unumgänglichkeit von WeChat ist die tibetische Diaspora – eine Gemeinschaft, die nicht nur zu den am stärksten von chinesischen Hackern anvisierten überhaupt gehört, sondern sich äußerst bewusst ist, dass sie überwacht wird. Trotzdem benutzen viele Tibeter im Ausland WeChat, weil es die einzige Möglichkeit ist, mit ihren Verwandten in China zu kommunizieren.

Interessiert sich WeChat für westliche Märkte?

Wo eine große Nutzerbasis existiert, besteht immer Interesse. Bisher hat Tencent international aber keine guten Erfahrungen gemacht. Vor ein paar Jahren wurde versucht, WeChat in Südamerika zu etablieren, wofür sogar Lionel Messi als Markenvertreter gewonnen wurde. Das war eher erfolglos, was zeigt, dass WeChat sehr auf den chinesischen Markt zugeschnitten und nicht besonders anpassungsfähig ist. Chinesische soziale Netzwerke tun sich schwer damit, wenn sie in den Wettbewerb müssen. Vor allem gegen Facebook ist in vielen Ländern fast kein Ankommen.

Facebook ist in China gesperrt. Dennoch umschmeichelt Mark Zuckerberg Peking und schielt gen China. Ist Facebooks Vorhaben, seine eigene Kryptowährung einzuführen, ein Versuch, den Erfolg von WeChats Modell „Soziale Medien plus Bezahlen“ nachzuahmen?

Es überrascht jedenfalls nicht, dass ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell auf dem Aufsaugen von Daten beruht, sich für die Zahlungsvorgänge seiner Nutzer interessiert. Die Datenmassen, an die man herankommt, wenn man in Einkäufe sehen kann, wie es in China WeChat und Alipay tun, ist riesig. Außerdem blickt Facebook vermutlich einigermaßen neidisch in Richtung Amazon.

Auch Amazon hat, wie Google und Twitter, erfolglos versucht, sich in China durchzusetzen. An deren Stelle gibt es ähnliche Dienste, die aber den Zensurkriterien entsprechen. Genügen diese Plattformen der Bevölkerung?

Einer der Hauptgründe für den Erfolg der Großen Firewall ist, dass sie ein starkes technologisches Binnensystem umgrenzt. Aus der reinen Verbraucherperspektive sind die Dienste, die ähnlich zu westlichen Netzwerken verfügbar sind, angenehm zu benutzen. Wenn nicht, wäre das Verlangen viel größer, über die Firewall zu springen und Alternativen zu suchen. Mittlerweile sind viele Chinesen mit WeChat aufgewachsen und daran gewöhnt – so wir es mit Facebook sind.

Welche Rolle spielt Weibo, das vom Prinzip her Twitter ähnelt?

Weibos Potential für demokratische Mitbestimmung – etwa indem Nutzer korrupte Lokalpolitiker anprangerten oder die urbane Luftverschmutzung kritisierten – ist Vergangenheit. Anfangs gewährte die Regierung Weibo eine lange Leine, um den Nutzern ein Ventil zu geben, denn wenn jemand die Möglichkeit hat, sich online zu beschweren, ist er mitunter weniger versucht, wirklich tätig zu werden. Ein Stück weit ist das simulierte Partizipation, obwohl in den genannten Fällen tatsächliche Resultate erzielt wurden. Sobald Nutzer sich auch offline organisieren wollten, wurde das umgehend unterbunden.

Sehen andere Regimes das als Rezept, ihre Bevölkerung trotz Zensur zufriedenzustellen?

Verschiedene Länder, wie etwa Uganda, haben Chinas Sichtweise auf das Internet übernommen. Die meisten können es sich jedoch nicht leisten, Facebook oder Twitter zu blockieren, weil ihr heimischer Markt nicht stark genug ist. Die Ausnahme ist Russland, wo es die Plattform VK gibt. Ein kleines Land mit ein paar Millionen Einwohnern hingegen kann nicht mal eben sein eigenes WeChat hochziehen, um mächtige unliebsame Dienste aus dem Verkehr zu ziehen.

Sie sagen in Ihrem Buch: „Silicon Valley wird euch nicht retten“. Microsoft, Cisco und andere amerikanische Firmen spielen Chinas Zensur in die Karten. Der frühere Google-Chef Eric Smith sagte, auf einer „evil scale“ wäre das schlimmere Übel, Google in China gar nicht anzubieten. Schlimmer als die Zensur zu billigen?

Die meisten Firmen aus dem Silicon Valley rechtfertigen ihre Kooperation mit chinesischen Behörden als unvermeidbare Bedingung für die Geschäftstätigkeit. Viele Unternehmen können sich schlicht kein Szenario vorstellen, in dem ihr Produkt die Welt nicht automatisch verbessert. Das nimmt ihnen die Entscheidung ab, ob sie sich China beugen sollen – praktischerweise eine Entscheidung, die auch ihren Finanzen zugutekommt.

Auf Seiten der Medien hat China gerade Publikationen wie die F.A.Z. und „Spiegel Online“ gesperrt. Steckt ein System dahinter, oder haben manche Medien einfach mehr Glück als andere?

China geht in letzter Zeit verstärkt gegen ausländische Medien vor. Das Jahr 2019 ist ein höchst empfindliches für die Kommunistische Partei, auch dank verschiedener runder Jubiläen: die Flucht des Dalai Lama aus Tibet 1959; das Tiananmen-Massaker 1989; der Aufstand in Urumqi durch Uiguren 2009; das siebzigste Jubiläum der Volksrepublik China. Ganz zu schweigen von den aktuellen Entwicklungen in der Provinz Xinjiang und den Protesten in Hongkong. Trotzdem gibt es keine wirkliche Logik dafür, welche Medien wann gesperrt werden. Fast jedes große ausländische Medienhaus hat schon über Themen berichtet, die von China ungern gesehen werden. Aber die Regierung weiß auch, dass zu viele Sperrungen auf einmal schlechte PR bedeuten – obwohl das vollständige Blockieren ausländischer Presse nicht undenkbar ist.

Sie schreiben: „Chinas Zensoren interessieren sich nicht für das Blockieren von Inhalten; sie interessieren sich für das Blockieren von Solidarität.“ Warum?

Eines der größten Missverständnisse ist die Annahme, die Große Firewall existiere, um zu verhindern, dass Menschen von bestimmten Themen erfahren. Das ist eine ihrer Aufgaben, aber nicht ihr Hauptzweck. Sie muss beim Sperren von Inhalten auch nicht hundertprozentig zuverlässig sein. Oft wird dem sehr viel Bedeutung beigemessen, wenn Posts über das Tiananmen-Massaker es durch die Firewall schaffen. Dabei geht es der Zensur nicht primär darum, Tiananmen totzuschweigen – denn fast jeder weiß von Tiananmen –, sondern darum, den letzten, viel wichtigeren Schritt zu verhindern: dass Menschen handeln. Die Vorstellung, eine Information allein genüge, um Veränderung in Gang zu setzen, ist falsch. Solange Peking verhindern kann, dass Menschen Solidarität bekunden, um sich zu organisieren, muss es sich nicht allzu sehr darum sorgen, was sie wissen.

In der Provinz Xinjiang werden nach UN-Schätzungen mehr als eine Million Uiguren in Lagern festgehalten. Können Uiguren im Internet Solidarität aufbauen und wahrnehmen?

Uigurische Websites, die sich mit Politik, Sprache und Kultur befassen, wurden 2009 nach dem Aufstand in Urumqi, als dessen Konsequenz das Internet in Xinjiang fast ein Jahr ausgeschaltet war, vollständig gelöscht. Seitdem wird das uigurische Internet so rigoros überwacht, dass ein Austausch zwischen Uiguren unmöglich ist. Das Internet als Plattform ist für deren Gemeinschaft komplett weggefallen.

In Hongkong protestierten Hunderttausende Menschen gegen ein Gesetz, das Auslieferungen in die Volksrepublik erlauben würde. Spielt das in den chinesischen Medien eine Rolle?

Es gibt in den Festland-Medien traditionell nur ein Narrativ über Hongkong, und das handelt von arroganten ehemaligen kolonialen Subjekten, die nicht wissen, wie gut sie es haben. Bei den aktuellen Protesten hat China aber ein Dilemma. Einerseits soll prinzipiell nicht über Proteste berichtet werden. Andererseits sollen die Bilder aus Hongkong als Beweise dafür verwendet werden, dass feige westliche Mächte die Stadt in Gewalt versetzen, wenn nicht ordentlich durchgegriffen wird. China möchte am liebsten beides.

James Griffiths ist CNN-Reporter in Hongkong. Sein Buch „The Great Firewall of China. How to Build and Control an Alternative Version of the Internet“ ist bei Zed Books erschienen.

Seniorenheime müssen umdenken: Die „Silver Surfer“ kommen

Seniorenheime stehen in Sachen Internet häufig noch am Anfang, dabei ziehen immer mehr internetaffine „Silver Surfer“ ein. Diese wollen nicht auf die digitale Verbindung zur Außenwelt verzichten. Aber auch den Einrichtungen selbst dürfte die Digitalisierung nutzen.

Die Verbände und Heimbetreiber sind sich einig: Die Bedeutung von WLAN und Internet in den Pflegeeinrichtungen steigt, weil die ersten internetaffinen Senioren, nach ihrer Haarfarbe „Silver Surfer“ genannt, ins Pflegealter kommen. „Ältere Menschen, die heute schon viel mit digitalen Technologien umgehen, wollen auch im hohen Alter nicht darauf verzichten“, heißt es beim Digitalverband Bitkom. Senioreneinrichtungen müssten diesen Ansprüchen gerecht werden.

Ob bei der Wahl des Pflegeheims künftig der Internetzugang zu einem entscheidenden Kriterium wird, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Für die BAGSO ist Nachfrage nicht das wichtigste Argument: „Der Punkt ist, dass gerade die, die im Heim leben und nicht mehr mobil sind, nicht mehr soviel am Leben teilnehmen können“, sagt Röhricht. Für diese Senioren sei das Internet „das Tor zur Welt“.

Die Nachfrage nach Internet steige, sagt Gerald Fischer, Leiter des Käthe-Richter-Hauses. „Wir merken das vor allem bei Kurzzeitpflegegästen und bei Menschen, deren Familie weiter auseinanderlebt.“ Nutzungsbeschränkungen gebe es in seinem Haus nicht. Wer ein Ticket für zehn Euro im Monat erwirbt, kann es nutzen, wie er will: online bestellen, Reisen buchen, surfen, Fernsehen gucken oder Filme streamen. Letzteres werde aber eher selten genutzt; die „Netflix“-Generation ist in den Heimen noch nicht angekommen.

Laut der BAGSO sind es vor allem Mitarbeiter und Heimleiter, die die Verbreitung von WLAN und Internet vorantreiben. Doch auch Betreiber haben die Zeichen der Zeit erkannt: „Wir erleben bereits, dass die Generation ‚Silver Surfer‘ mit Smartphone, Tablet oder Laptop bei uns einzieht und einen Internetanschluss als wichtig empfindet“, sagt Swen Klingelhöfer, Sprecher der AWO Hessen-Süd.

Auch die Arbeit in den Pflegeeinrichtungen kann von WLAN und Internet profitieren. Nach BAGSO-Angaben werden spezielle Angebote zum Beispiel zur Beschäftigung der Bewohner oder Betreuung Demenzkranker eingesetzt. Selbst der Austausch medizinischer Daten oder die Vernetzung mit Gebäude- oder Zimmertechnik ist vorstellbar. „Smart Home wird ein Thema werden“, sagt Einrichtungsleiter Fischer.

Rupert Murdoch: Der Aufstieg und die Krise eines Medienzaren

Wie ein Monument ragt Rupert Murdoch aus einer Medienlandschaft heraus, welche die Internetrevolution zusehends zertrümmert. Der Medienzar war selber lange Zeit ein Agent des Umbruchs. Nun steigen andere Mächte auf. Aber der 88-Jährige will noch nicht loslassen.

Es war ein böser Unfall in einer höchst prekären Phase. Im Januar 2018 machte Rupert Murdoch mit seiner vierten Ehefrau, Jerry Hall, in der Karibik Ferien. Der Medienmagnat benutzte die luxuriöse Jacht seines Lieblingssohns Lachlan. Mitten in der Nacht stolperte der fast schon 87-Jährige im Badezimmer und brach sich mehrere Rückenwirbel. Er musste eine dauerhafte Lähmung befürchten. Ein Spital in Los Angeles operierte ihn sogleich. Seine Familie rechnete bereits mit seinem Tod. Doch er hatte Glück, er erholte sich relativ schnell. Rückblickend witzelte er, ihm sei erst bewusst geworden, wie ernst die Lage gewesen sei, nachdem sich alle seine Kinder um ihn versammelt hätten. So erzählte es jüngst die «New York Times» in einer aufwendigen Recherche.

Zerstrittene Brüder

Eigentlich hatte es Rupert Murdoch anders machen wollen als einer seiner Konkurrenten, der acht Jahre ältere Medienunternehmer Sumner Redstone (Viacom), der selbst im greisen Alter den Chefsessel nicht verlassen wollte. Doch nun sass auch Murdoch weiterhin am Ruder eines weitläufigen Imperiums, das er seit den siebziger Jahren von Australien aus in den USA und Grossbritannien aufgebaut hatte. Seine beiden Söhne Lachlan und James, die Favoriten für die Nachfolge, verstanden sich schlecht. Sie hatten gegensätzliche Vorstellungen davon, wie es weitergehen sollte mit dem Medienkonzern, der in einer heiklen Lage steckte.

Das Unternehmen war immer wieder in Schwierigkeiten geraten. Murdoch verfolgte in den achtziger Jahren eine aggressive Wachstumsstrategie. Er erkannte die Chancen, welche die neuen Techniken im Fernsehgeschäft schufen. Es war eine Zeit, als die Satellitenübermittlung die regional und national geprägten Märkte aufzubrechen begann. Der Erbe eines kleineren australischen Pressehauses expandierte darum in den audiovisuellen Sektor, kaufte rentable Sender, um wiederum leichter an Kredite für ein weiteres Wachstum heranzukommen. Es war auch die Zeit, als die Boulevardblätter ihren wirtschaftlichen Höhepunkt erlebten. Davon profitierte Murdoch nicht zuletzt dank der britischen «Sun», die er 1969 relativ günstig erworben hatte und aus der er ein politisch mächtiges Schlachtschiff machte. Die Werbeeinnahmen sprudelten, was das weitere Wachstum seines Konzerns News Corp erleichterte. Die hohe Schuldenlast drohte aber zuweilen zur ernsthaften Gefahr zu werden.

Nahe bei den Mächtigen

Zur Zeit seines gefährlichen Unfalls hatte Murdoch zudem politische Sorgen. Bis dahin hatte er es immer verstanden, sich mit den politisch Mächtigen gut zu stellen. Mit seinen reichweitenstarken Organen erleichterte er ihnen den Zugang zur Wählerschaft, während er im Gegenzug auf wachstumsfreundliche, ihm nützliche Mediengesetze hoffen konnte. Meist liebäugelte Murdoch mit konservativen Politikern. Wenn es unternehmerisch opportun war, fand er auch den Draht zu den Sozialdemokraten. Davon profitierte etwa der ehemalige britische Premierminister Tony Blair, der jüngst die Kooperation mit der Murdoch-Presse als notwendiges Übel bezeichnete.

Doch 2017 und 2018 stiess Murdoch in Grossbritannien auf Widerstand. Er wollte den Abonnementssender Sky, den er in den vergangenen dreissig Jahren aufgebaut und mit dem er den Fernsehmarkt dynamisiert hatte, vollständig übernehmen. Die Behörden sträubten sich. Sie befürchteten eine unzulässige Konzentration von Medienmacht. Und in der Öffentlichkeit meldeten sich Kritiker zu Wort. Sie erinnerten den Magnaten an den Skandal um abgehörte Telefone, welcher den Konzern im Jahr 2011 erschüttert hatte.

Ein Skandal

Der «Guardian» machte damals publik, wie Murdochs Sonntagsblatt «News of the World» systematisch die Telefone von Prominenten abhörte, um an Boulevard-News heranzukommen. Ein riesiger öffentlicher Aufschrei war die Folge. Es wurde manifest, wie verfilzt die britische politische Elite und die mächtigen Medienleute waren. Murdoch und sein Sohn James mussten – was einer Demütigung gleichkam – vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission antraben. Die Politiker berieten über eine schärfere Medienkontrolle. Die umfangreichen Analysen und Verbesserungsvorschläge des Sonderrichters Brian Leveson verliefen allerdings im Sand. Die meisten britischen Pressehäuser machten einen Schulterschluss und wehrten sich erfolgreich gegen eine stärkere Regulierung. Aber Murdoch sah sich gezwungen, die «News of the World» zu schliessen, und der Skandal kostete ihn mehr als 200 Millionen Franken.

Kurz vor dem Ausbruch des Skandals hatte der vor Selbstvertrauen strotzende James Murdoch, der sich als Sky-CEO in einer guten Position als Nachfolger sah, eine vielbeachtete Rede gehalten, in welcher er die moralische Kraft kapitalistischer Unternehmen herausstellte und die Rolle der öffentlich finanzierten BBC infrage stellte. Nun mussten die Murdochs zu Kreuze kriechen. Die schon damals angestrebte vollständige Kontrolle über Sky blieb ihnen verwehrt.

Verloren

Nach etlichen Vorbehalten und Widerständen gab die britische Regierung im Jahr 2018 überraschenderweise den Murdochs doch noch grünes Licht, aber nun waren diese mit einem neuen Hindernis konfrontiert. Der amerikanische Kabelnetzbetreiber Comcast nahm Sky ins Visier und gewann schliesslich den Bieterwettbewerb. Murdoch sah sich gezwungen, ein attraktives Geschäftssegment aufzugeben.

In den USA harzte es ebenfalls. Dort hatte Murdoch mit den 1996 gegründeten Fox News einen einflussreichen Fernsehsender aufgebaut, der auf dem Zuschauermarkt den Pionier CNN überflügelte, höchst rentabel war und vor allem vom konservativen, ländlicheren Publikum als Alternative zu den etablierten Informationsangeboten geschätzt wurde.

Verantwortlich für diesen Erfolg war insbesondere Roger Ailes, der früher die Präsidenten Nixon, Reagan und Bush senior beraten hatte. Er verfügte über den Instinkt für publizistische Entscheidungen, die sich geschäftlich auszahlten. Mit seinem Programm kokettierte er mit den konservativen Milieus, ohne sich diesen gänzlich anzupassen. Doch 2016 musste er zurücktreten, nachdem ihn mehrere Mitarbeiterinnen der sexuellen Belästigung beschuldigt hatten. Trotzdem bekam er eine millionenschwere Abfindung. Der Moderator Bill O’Reilly, ein altgedientes Schlachtross der Konservativen, verlor kurz darauf ebenfalls seinen Job, nachdem Vorwürfe wegen sexueller Belästigung publik geworden waren und Dutzende Unternehmen deswegen ihre Werbespots sistiert hatten.

Ein Sohn will Fox News reformieren

Für James Murdoch war klar, dass der Sender eine Reform brauchte. Er störte sich nicht grundsätzlich an dessen konservativer Ausrichtung, aber an den rüden publizistischen Praktiken. Dem politisch moderaten Nachkommen des Patriarchen schwebte ein stilvolleres Profil vor, das weniger aneckt, keine politische Agenda enthält und das sich als Basis einer multimedialen, globalen Plattform für Nachrichten und Unterhaltung eignen würde. Sein konservativerer Bruder Lachlan hingegen unterstützte die rechtslastige Ausrichtung von Fox, dessen Programm die Themen Migration, nationale Identität und Klimaskepsis prägten.

Lachlans Meinung deckte sich mit jener des Vaters. Zudem waren sich die beiden Brüder uneins, ob die Filmproduktionsfirma 20th Century Fox verkauft werden sollte. James wehrte sich dagegen, doch er unterlag. Vater Rupert verkaufte die Filmgesellschaft – und schenkte jedem seiner sechs Kinder zwei Milliarden Dollar. Für den 46-jährigen James war Ende 2018 der Zeitpunkt gekommen, um sich aus dem jahrelangen Wettstreit mit seinem ein Jahr älteren Bruder zurückzuziehen, den Konzern zu verlassen und eigene Wege zu gehen. Zusammen mit seiner Frau schuf er Anfang 2013 die 500 Millionen Dollar schwere Stiftung Quadrivium, die philanthropische Zwecke verfolgt.

Damit scheint die Nachfolge in Murdochs Imperium geregelt. Aber noch immer steht der inzwischen 88-jährige Patriarch an der Spitze eines der weltweit grössten Medienkonzerne. Wie ein Monument ragt er heraus als Repräsentant eines Ökosystems von Massenmedien, das in den vergangenen zwanzig Jahren durch Techno-Riesen wie Google, Facebook, Amazon aus dem Gleichgewicht gebracht wurde.

Ende des 20. Jahrhunderts war Murdoch selber der Eindringling, der die regional verwurzelten Pressehäuser aufschreckte und dem 2007 mit dem Kauf des «Wall Street Journal» ein sensationeller Coup gelang. Der Milliardär, der sich als Aussenseiter wahrnahm, eroberte eine Bastion des Kapitalismus. Das noble Wirtschaftsblatt war jahrzehntelang in der Hand einer traditionsbewussten Familie, die jedoch vom Medienwandel überrascht wurde und für die schliesslich das Undenkbare unumgänglich wurde: der Verkauf an einen Mann, dem man lange mit tiefer Skepsis begegnete.

Der Konsument zuerst

Der unzimperliche Murdoch förderte eine an den Konsumenten orientierte Journalismuskultur; er nahm den Trend vorweg, den nun die von Daten getriebene Internetpublizistik weiter vorantreibt. Der Autor Michael Wolff formulierte den Umbruch in seinem fulminanten Murdoch-Buch (2008) auf drastische Weise: «Die Vorstellung von einer höheren Berufung, von ‹Verantwortung› oder anderem Mist dieser Art wird von einer bestimmten Klasse von Journalisten gehegt, die damit den Job bedeutungsvoller zu machen versuchen, als er in Wirklichkeit ist. Sie verhindert, dass Nachrichten unverblümt, packend und unterhaltsam gestaltet werden.»

Wie Christian Prudhomme das Millionen-Spektakel Tour de France managt

Seit zwölf Jahren leitet der einstige Journalist das größte Radsportevent der Welt.

 

Es ist ein legendärer Moment, jedes Jahr Anfang Juli: Das rote Auto mit der Nummer 1, das vor annähernd 200 Radprofis herfährt, der Mann, der zum Dachfenster hinausschaut und irgendwann dem Peloton der Tour de France freie Fahrt signalisiert: Am 06.07.19 beim „Grand Départ“ in Brüssel war es im 13. Jahr Christian Prudhomme, der die kleine gelbe Fahne schwenkte.

Es war der Beginn eines des größten Sportereignisse der Welt – und zugleich das Ende eines auf Höchstleistung getrimmten Vorbereitungsprozesses, an dem Millionenbeträge hängen. An die zwölf Millionen Menschen werden die Etappen live am Straßenrand verfolgen, wohl mindestens noch mal doppelt so viele weltweit vor Bildschirmen, jedes Jahr jedes Jahr werden es mehr.

Entsprechend attraktiv sind die Plätze für Sponsorennamen auf den Trikots der Sieger – und steigen die Einnahmen für das Unternehmen, das das Spektakel organisiert, mit Christian Prudhomme an der Spitze.

Seit 2017 ist der heute 58-Jährige Direktor der Tour de France und Chef der Amaury Sport Organisation (ASO) mit Sitz nahe Paris, die neben der Tour de France auch Ereignisse wie die Rallye Dakar oder den Paris Marathon ausrichtet. 2017 machte sie damit mehr als 220 Millionen Euro Umsatz – geschätzt drei Viertel davon mit der Tour de France.

Die ASO wiederum gehört zur Amaury-Gruppe mit insgesamt etwa 440 Millionen Euro Umsatz im Besitz der gleichnamigen französischen Familie. Der unternehmerische Ursprung der Verlagsgruppe liegt 1944 in der Résistance.

Émilien Aumery, aktiv im Widerstand gegen die deutschen Besatzer, gründete seinerzeit „Le Parisien“, den die Gruppe noch heute herausgibt – ebenso wie die später hinzugekaufte Sportzeitung „L’Équipe“, die eine größere Auflage hat als die deutsche „Bild“-Zeitung und die in Frankreich verehrt wird als Bibel der Radsportberichterstattung.

Wachstum erzielen heute allerdings zuvorderst die Aktivitäten der ASO, und die Gruppe expandiert mit der wachsenden steigenden Sport- und Freizeitbegeisterung. So übernahmen die Amaurys vor zwei Jahren zum Beispiel die Mehrheit am Teambuilding- und Sport-Incentive-Anbieter Durat Concept.

Die Verbindung zur Person Prudhomme, der zwar immer mal wieder auf Rennrad oder Mountainbike zu sehen ist, aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern nie Sportprofi war, liegt dennoch nahe an den unternehmerischen Wurzeln der Amaurys: Der Absolvent der höchst renommierten Journalistenschule in Lille arbeitete mehr als 20 Jahre lang als Sportjournalist fürs Fernsehen, kommentierte Rugby, Skifahren und seinen geliebten Radsport, bevor er 2007 Manager des Mega-Events wurde, das in Frankreich den Status eine Nationalguts innehat.

Prudhomme verweist in Interviews gern auf die unternehmerische Verantwortung der Amaurys, allen voran „la patronne“, die 79-jährige Clan-Chefin Marie-Odile Amaury, Schwiegertochter des Firmengründers und Witwe des verstorbenen Erbens.

Doch Prudhomme ist das Gesicht der Tour de France: Ihn und seine Entourage müssen Bürgermeister, die wie Düsseldorf vor zwei Jahren den „Grand Départ“, also den „großen Start“, der dreiwöchigen Rundfahrt ausrichten wollen, umwerben – und sie reißen sich darum, obwohl sie dafür zweistellige Millionenbeträge zahlen müssen. Aber die Vorstellung, dass die Bilder der herausgeputzten Städte um die Welt gehen und später Touristen anlocken, ist verlockend. Und die ASO rechnet gern vor, dass dieses Marketing noch weit mehr wert ist.

 

Wachsende Radsportbegeisterung in Asien

 

Aus deutscher Sicht mag das verwundern, tief saß die Skepsis gegenüber dem Sport nach den schweren Dopingfällen um die Jahrtausendwende. Aber bei den Radsportnationen Frankreich, Belgien oder Großbritannien bist dies Skepsis längst verflogen, und im Nahen Osten, in Asien und in Mittelamerika blüht die Begeisterung erst richtig auf. Aber die ASO expandiert auch in Deutschland, richtet seit 2017 den auf den 1. Mai datierten Radklassiker Frankfurt-Eschborn aus.

„Herr Prudhomme hat es geschafft, die Tour de France zu einem wirtschaftlichen und medialen globalen Mega-Event zu entwickeln – und zu einer globalen Marke, immer mehr auch in Asien“, sagt Eduard Dörrenberg, Chef und Miteigentümer der Bielefelder Dr.-Wolff-Gruppe. Das Unternehmen unterstützt mit seiner Shampoo-Marke Alpecin seit 70 Jahren den Radsport, ist Sponsor eines der großen Tour-Teams und hat parallel zum Radsport seine Bekanntheit in Asien enorm gesteigert.

Mehr noch, erzählt Dörrenberg, habe Prudhomme auch 2015 bei der Alpecin-Teampräsentation die wieder erstarkende Bedeutung des deutschen Marktes für den Radsport betont, „und die Notwendigkeit, gemeinsam daran zu arbeiten, die Tour wieder in das deutsche Fernsehen und auch Live wieder nach Deutschland zu bringen – was ja beides gelang“.

Dabei bedient Prudhomme selbst gern das in Frankreich geliebte Bild des enthusiastischen Machers, spart in seiner Biografie weder an Pathos noch an Eigenlob. Es ist aber tatsächlich auch ein Verdienst der ASO, dass der Sport heute sauberer ist: In keiner anderen Sportart werden Athleten so engmaschig und häufig kontrolliert. Prudhomme bindest zudem die französische Dopingaufsicht ein, die strenger ist und härter gegen Sünder vorgehen kann als die Weltantidopingagentur Wada.

Ob das je reichen kann in einem Business, in dem für die Sponsoren der Teams am Ende nur Siege zählen, weil die Trikots und die Firmennamen der Zweit- und Drittplatzierten die TV-Kameras nicht interessieren, bleibt dahingestellt. Doch wer die Verquickung von professionellem Radsport und Wirtschaftsinteressen beklagt, verkennt dessen Ursprünge, denn er entwickelte sich überhaupt erst auf Grund wirtschaftlicher Interessen.

So wollte der Initiator der Tour de France, der Journalist Henri Desgrange, 1903 mit einer Etappenrundfahrt durch Frankreich die Auflage seiner Zeitung „L’Auto“, Vorläufer von „L‘Équipe“, steigern – und kalkulierte mit der Unterstützung von Fahrradkonstrukteuren wie Peugeot oder Reifenherstellern wie Dunlop.

Die wiederum begnügten sich nicht damit, Fahrer auszustatten und Anzeigen mit Lobpreisungen ihrer Produkte zu schalten, sondern manipulierten von Beginn an. Lange war Doping nicht verboten – sondern in den Regularien festgehalten, dass sich hier jeder selbst kümmern müsse.

Die anderen Shooter

Die Fußball-WM der Frauen ist mit dem Titelgewinn der US-Amerikanerinnen gelaufen und auch die EM der U21-Männer hat mit Spanien einen Sieger. Anfang August findet allerdings noch eine andere Weltmeisterschaft statt: der Fifa eWorld Cup. Im Gegensatz zum klassischen Fußball wird der Ball dabei nicht mit dem Fuß ins gegnerische Tor befördert, vielmehr sitzen die Spieler in dieser Sportart wie bei sämtlichen E-Sport-Events an ihren Spielekonsolen. Und übertragen wird der Wettbewerb, für den sich bereits drei deutsche E-Sportler qualifiziert haben, vom Spartensender Sport 1 und seinem Ableger eSports1, dem ersten reinen E-Sportsender in Deutschland.

Die Erwartungen sind groß, nachdem bereits die Ausscheidungswettkämpfe von der E-Sport-Community mit Interesse verfolgt wurden. Bis zu 130 000 Zuschauer wurden bei Sport 1 in der Spitze gemessen. „Mit diesen Zuschauerzahlen befinden wir uns im Massenmarkt“, meint denn auch Sport-1-Geschäftsleitungsmitglied Daniel von Busse. „Es gibt andere klassische Sportübertragungen, die solche Werte nicht erreichen und sich über so viele Zuschauer freuen.“

Das Geschäftsmodell von eSports1 basiert neben der Free-TV-Übertragung auf Sport 1 auf dem Pay-TV-Modell über die eigene App sowie die Bereitstellung der E-Sport-Events über die Angebote der Partner, die dann auch noch andere E-Sportarten und -Ligen wie „Dota 2“ oder „League of Legends“ oder „Counterstrike“ enthält. Zusammen mit seinen Plattform-Partnern erreicht eSports1 bis zu zwei Millionen Haushalte in Deutschland. Dem TV-Streaminganbieter Zattoo zufolge, einem der Partner, war eSports1 im März sogar der meistgenutzte Sportsender.

Die Ausstrahlung im Free-TV hat nicht zuletzt die wichtige Schaufenster-Funktion für eSports1, um auf den im Januar gestarteten Sender aufmerksam zu machen. Als kommerzieller Sender lebt Sport 1 aber nicht zuletzt von der Werbung, auch bei den E-Sport-Übertragungen. „Wir sind noch nicht ausgebucht, verspüren aber eine große Nachfrage“, berichtet von Busse. Man sei in vielen konkreten Gesprächen, auch wenn es noch nicht den einen großen Partner gebe. Von Busse denkt dabei durchaus sportlich an Kunden vom Kaliber großer Dax-Unternehmen, die die Chancen im E-Sport-Bereich bereits erkannt haben.

Aus den Erfahrungen der ersten Monate hat der Sender gelernt, dass der E-Sport-Markt nicht auf das lineare Fernsehen gewartet hat. In der Vergangenheit haben E-Sport-Fans vor allem Plattformen wie Twitch genutzt, um sich live oder on-Demand über ihre favorisierten Sportarten zu informieren. Um neue, über diesen Kreis hinausgehende Zielgruppen zu erreichen, braucht es eine andere Ansprache. „Wir sind noch erklärender geworden, gehen mit dem Thema noch journalistischer um.

Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigt das Magazin „Inside eSports“, das sowohl auf eSports1 als auch im Free-TV ausgestrahlt wird. Die reichweitenstärkste Sendung Ende März sahen 250 000 Zuschauer im Schnitt und bis zu 300 000 Zuschauer in der Spitze. Der Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Männer lag nach Senderangaben „bei sehr starken sechs Prozent“.

Die ganz großen Quoten sind jedoch nicht mit allen eSports-Ligen zu erreichen. Das gilt auch für die sonst so erfolgreiche TV-Sportart Fußball, in diesem Fall die Virtuelle Bundesliga. Im Frühjahr zeigte ProSieben Maxx zur besten Sendezeit die Topspiele der Club Championship. In der Fußballsimulation „Fifa 19“ duellierten sich 22 eSports-Abteilungen der Profiteams aus der ersten und zweiten Bundesliga. Das ganz große Zuschauerinteresse blieb jedoch aus, wie der Mediendienst Quotenmeter herausfand. In der Spitze lag die Quote bei der Begegnung Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC Berlin bei 100 000 Zuschauern (14 bis 49 Jahre). Der durchschnittliche Marktanteil der Virtuellen Bundesliga lag nach Senderangaben bei 0,6 Prozent. Deutlich besser lief es für „Counter Strike live – Blast Pro Series Sao Paulo“ mit 1,6 Prozent Marktanteil. Das wöchentliche „ran eSports – Professional. Gaming. Magazine“ liegt bei den 14- bis 49-Jährigen mit 1,7 Prozent sogar über dem Senderschnitt von 1,6 Prozent. Und der nächste große Wettbewerb ist ebenfalls bereits in Sicht: Am 21. Juli lädt ProSieben Maxx zu „Counter Strike Live @ IEM Chicago“. Bleibt nur noch die Frage, wann „Sportschau“ und „Sportstudio“ regelmäßig über E-Sport berichten?

Böses Internet? Vom Verschwinden von Humor-Institutionen

Binnen kurzer Zeit verschwinden mit „MAD“ und den Karikaturen der „New York Times“ gleich zwei humoristische Institutionen – und schuld soll in unterschiedlicher Weise das Internet sein. Dabei ist es vielmehr die fehlende Antwort der Verlage darauf. Ein Kommentar.

 

Es gab in meiner Kindheit nur selten Momente, in denen ich Strafen oder Verbote erteilt bekommen habe. Mir wurde nie Hausarrest gegeben oder das Fernsehen untersagt. Und doch erinnere ich mich an eine einzige Situation meiner Kindheit ganz genau, in der meine Eltern mal autoritär wurden: Als sie mir im Alter von 8 Jahren meine heiß geliebten „MAD“-Magazine genommen haben mit dem Hinweis, dass ich sie an meinem sechzehnten Geburtstag wiederbekommen werde. Erst dann sei ich alt genug, um die von pubertären Kalauern nur so strotzenden Witze im Heft zu verstehen. Zuvor hatte sich die Mutter eines Klassenkameraden bei meinen Eltern beschwert, dass ich die satirischen „Schmuddelhefte“ mit zu ihnen nach Hause gebracht hatte.

Natürlich half das Verbot nichts. Ich hatte meine „MAD“-Hefte längst auswendig gelernt, die prägenden Zeichenstile der amerikanischen Künstler wie Don Martin oder Tom Richmond hatten bereits tiefen Eindruck hinterlassen und so illustrierte ich trotz der Beschlagnahmung meiner „MAD“-Sammlung in meinem Religionsheft der dritten Klasse die Jünger Jesu als Charlie Brown, Bugs Bunny und Biene Maja. Wie ich es aus „MAD“ gelernt hatte.

In der letzen Woche wurde nun bekannt gegeben, dass aufgrund schwindender Auflage die Produktion neuer „MAD“-Inhalte nach 67 Jahren eingestellt werden soll, was nur als ein schmerzlicher Verlust einer humoristischen Institution gewertet werden kann. Man wächst schnell aus dem „MAD“-Humor heraus, weshalb auch ich lange keine Hefte mehr gekauft und zu „MAD“ die gleiche Beziehung entwickelt habe wie zu einer Großtante, die seit Ende der 80er am anderen Ende Deutschlands wohnt: Man hatte lange keinen Kontakt mehr, aber jetzt, wo sie tot ist, trifft es einen doch.

 

Nun verlieren wir mit dem „MAD“-Magazin gleich die zweite humoristische Institution in kürzester Zeit: Vor einem Monat kündigte die „New York Times“ an, keine politischen Karikaturen mehr drucken zu wollen, nachdem ein antisemitischer Cartoon zurecht eine Welle der Entrüstung hervorbrachte. Immer häufiger kommen Meldungen, dass Karikaturisten entlassen werden. Auch wenn es für diese Entwicklung unterschiedliche Gründe geben mag, verschwinden die alteingesessenen satirischen Formate in einer Epoche, die seit dem Einzug Trumps ins Weiße Haus eigentlich als eine „goldene Zeit für Satire“ bezeichnet wird.

Wenn für dieses Phänomen ein Sündenbock gefunden werden soll, können sich die meisten Print- Leute schnell einigen: Das Internet ist schuld! „Heul, heul, das Internet macht unsere Auflage kaputt!“ „Jammer, jammer, im Internet ist kein Geld zu verdienen!“ „Schluchz, schluchz, das Internet mit seiner bösen Political Correctness kritisiert uns, wenn wir antisemitische Karikaturen veröffentlichen! Und deshalb veröffentlichen wir lieber GAR KEINE Karikaturen mehr, anstatt nur auf die ANTISEMITISCHEN zu verzichten!“ Es ist sowas von zum Verzweifeln.

Bei der Verleihung des deutschen Karikaturpreises im letzten November plädierte einer der Gewinner des Abends, Achim Greser (vom Karikaturistenduo Greser & Lenz), an die jungen Leute, dass sie mehr Zeitungen kaufen sollen, da sonst der Berufsstand kaputt gehe. Doch leider ist das keine Einbahnstraße, denn ich habe eine schlechte Neuigkeit an alle Leute, die ausschließlich im kultigen Branchenzweig Print arbeiten: Das Internet geht nicht mehr weg! Nicht die jungen Leute müssen sich zu den Verlagen bewegen, sondern die Verlage müssen endlich im digitalen Zeitalter ankommen.

 

Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt klinge wie ein TikTok-liebender Speaker auf der re:publica: Komische und satirische Formate müssen auch crossmedialer und in der Besetzung diverser gedacht werden. Um langfristig zu überleben, hätte „MAD“ im Internet frühzeitig den Stellenwert einer Seite wie 9GAG einnehmen müssen, die im Besten Fall sogar als Community funktioniert. Komik muss da stattfinden, wo die Leute sind und es ist gerade für junge Medienschaffende so ermüdend, dass die allermeisten Verlage und Rundfunkanstalten dem Internet mit der Souveränität eines bekifften Pelikans begegnen.

Leider hängt die Internetpräsenz noch zu häufig am Engagement einzelner Künstler. Comiczeichner wie Alex Norris mit seinem „Oh no“-Strip oder Tommy Siegel machen es im englischsprachigen Raum vor, wie man eine nischige Kunstform über das Netz für eine breite Masse produzieren kann. In Deutschland sind Hauck & Bauer, Sarah Burrini und Ralph Ruthe beliebte Künstler im Internet. Doch alle machen es ohne eine Redaktion, einen Verlag oder eine Rundfunkanstalt im Hintergrund. Es ist ein zusätzlicher Job, der eigentlich nicht ihrer sein sollte, den sie aber meistern, um wahrgenommen zu werden.

Es müssen von Verlagen und Redaktionen Geschäftsmodelle für professionelle komische Kunst gefunden werden, die ausschließlich online stattfinden oder zumindest analoge wie digitale Medien gleichzeitig bedienen. Formate, die an das Tempo der heutigen Zeit angepasst sind, die das Internet nicht als Konkurrenz und Miesmacher, sondern als Chance und Teil von sich verstehen und nicht bloß geklaute Tweets auf Tafeln abschreiben, um sie dann auf Instagram zu posten.

Sonst enden wir noch wie die CDU und das kann nun wirklich keiner wollen! Aber wahrscheinlich ist das alles sowieso viel zu kulturpessimistisch gedacht. Zu idealistisch. Und von der eigenen Bedeutung eingenommen. Naja, auch egal jetzt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre es ausgerechnet das „MAD“-Maskottchen Alfred E. Neumann, das im Angesicht des Todes unter diesen Text bloß zwei Worte kommentieren würde. Und die wären schlicht und einfach „Na und…?“

 

Miguel Robitzky zeichnet seit fünf Jahren Karikaturen fürs Medienmagazin DWDL.de. Er ist Autor beim „Neo Magazin Royale“.

Amazon versus Google: Kraftprobe der Giganten

Die Rivalitäten zwischen Amazon und Google nehmen jährlich neue Formen an. Der Marktplatz macht zwar Schlagzeilen, doch die Suchmaschine ist längst nicht abgehängt.

Genau an dieser Stelle und zu dieser Zeit haben wir vor einem Jahr die Giganten Amazon und Google aufeinanderprallen lassen. Auslöser war damals der Ausstieg des Online-Händlers aus den Shopping-Anzeigen von Google und der Angriff der Suchmaschine auf den von Amazon dominierten Markt der Smart Speaker.

Wie zu erwarten war, hat sich inzwischen viel geändert: Amazon macht Schlagzeilen, während Google mit einem kleinen Feature nach dem nächsten an die Öffentlichkeit geht. Daher lohnt es sich, dieses Kräftemessen erneut anzusehen und die Entwicklungen aus einem Jahr genau zu betrachten.

Derzeit stehen beide Konzerne aufgrund ihrer ausufernden Marktmacht im Visier. Kartellbehörden auf der ganzen Welt wollen der Tech-Giganten Herr werden und suchen nach Lösungen, diese zu regulieren. Ein Grund für die Diskussionen sind ohne Frage die unfassbar hohen Umsätze, die die beiden Weltkonzerne generieren, und die vorherrschende Meinung, dass davon nicht genug an die Länder, in denen sie ihr Geld verdienen, zurückgegeben wird ein Problem, das grundsätzlich auch auf Apple und Facebook zutrifft.

Im Gegensatz zu 2018 ist Amazon mit geschätzten 316 Milliarden US-Dollar heute die wertvollste Marke der Welt, Google und Apple machen mit einem Markenwert von 309 bis 310 Milliarden US-Dollar derzeit Platz zwei unter sich aus. Doch das ist nur ein Teil vom Ganzen.

Versucht man nämlich, den Unternehmenswert der Global Player zu ermitteln, müssen diese Zahlen mindestens verdoppelt werden. Im September 2018 lag der Börsenwert von Amazon kurzzeitig bei einer Billion US-Dollar, die Google-Mutter Alphabet war bereits nahezu 900 Milliarden US-Dollar wert. Grund dafür sind die operativen Geschäfte der Konzerne in nahezu jeder Ecke der Welt. So erzielte Amazon 2018 einen Jahresumsatz von 232,89 Milliarden US-Dollar, bei einem Gewinn von 10,1 Milliarden. Google setzte in dieser Zeit insgesamt 136,22 Milliarden US-Dollar um, erwirtschaftete davon aber 30,7 Milliarden US-Dollar für sich. Und obwohl die Welt groß ist, Firmen also im Prinzip ohne Unterlass weiter wachsen können, kommen sich Google und Amazon immer wieder in die Quere.

Obwohl man erwarten würde, dass Google aufgrund seiner Geschichte näher dran am Thema Cloud Computing ist als Amazon, haben diese den Weg für die Technologie geebnet. Bevor Google hier Fuß fassen konnte, hatte Amazon schon einen ­ordentlichen Vorsprung herausgearbeitet, der bis heute Bestand hat.

Amazon Web Services (AWS) bleibt somit Weltmarktführer bei Cloud-Lösungen und lässt der Konkurrenz so wenig Raum wie nur möglich: Um den Produktinitiativen von Google und noch viel mehr von Microsoft Azure zu begegnen, hat AWS kürzlich Amazon Personalize für alle Kunden verfügbar gemacht. Damit lassen sich Aktivitäts-Streams und personalisierte Prognosen von Usern erstellen, die dann für die Produktausspielung im ­Internet genutzt werden können.

Google hinkt etwas hinterher, bietet mit seiner Technologie aber im Bereich Big Data sowie Machine Learning fokussierte Lösungen und ist darüber hinaus wegen seiner großen Rechenzentren in der Cloud-Leistung gut skalierbar. Mit der Übernahme des Datenspezialisten Looker will der Suchmaschinen-Konzern weiter aufholen und seine Cloud-Lösungen um eine End-to-End-Analytics-Plattform erweitern. So sollen sich auch Daten von „AWS und Azure sammeln, kombinieren, analysieren und visualisieren lassen“, erklärte Google-Cloud-CEO Thomas Kurian kürzlich. Google wird hier gewiss nicht nachlassen, braucht das Unternehmen, vielmehr die Konzernmutter Alphabet, doch eine weitere große Einnahmequelle neben der Online-Werbung. Doch auch beim Thema Advertising stehen sich Amazon und Google ­gegenüber.

Für 250 Dollar pro Stunde lernen, wie man Kinder ohne Smartphone erzieht

Kaum eine andere Technologie hat unseren Alltag so nachhaltig umgekrempelt wie das Smartphone. Ob wir es wollen oder nicht, die kleinen Geräte von Apple, Samsung und Co nehmen mittlerweile eine zentrale Rolle ein. Und zwar eine, die für viele nicht mehr wegzudenken ist. Diese Erkenntnis führt nun zu einem neuen Phänomen, das gleichermaßen auf den ersten Blick verblüffend bei näherer Betrachtung aber auch durchaus konsequent ist.

Eltern in den USA heuern zunehmend Berater an, um zu lernen, wie man Kinder ohne Smartphones aufzieht. Viele Eltern wollen ihren Nachwuchs vom Smartphone fernhalten, wissen aber nicht wie. Genau das sollen ihnen die Experten nun beibringen. Zu diesem Zweck kommen sie zu Eltern nach Hause oder auch in die Schule oder Kirche, um diesen beizubringen, wie man Kinder in der Prä-Smartphone-Ära erzogen hat.

Was dabei so erzählt wird, erläutert Rhonda Moskowitz, die 30 Jahre Erfahrung in Schulen mitbringt und nun Eltern trainiert. Oft gehe es um sehr einfache Ideen. So frage sie oftmals, ob irgendwo ein Stück Stoff herumliegt, das man als Cape benutzen kann. Oder einfach nur, ob ein Ball vorhanden ist, mit dem man statt dem Smartphone spielen könnte. In vielen Fällen gehe es auch darum, die Eltern daran zu erinnern, wie sie selbst als Kinder gespielt hätten. Viele hätten sich so an ihre Smartphones gewöhnt, dass sie all diese Erfahrungen mittlerweile vergessen hätten.

Was zunächst nach einem Scherz klingen mag, ist derzeit tatsächlich eine immer stärker nachgefragte Dienstleistung. So hat Gloria DeGaetano zunächst als privater Coach einzelne Familien dabei beraten, wie sie ihre Kids von Smartphones wegbekommen können. Mittlerweile betreibt sie das Parent Coaching Institute, das auf ein Netzwerk von 500 Trainern zurückgreift. Für eine Stunde werden dabei in ländlichen Regionen 80 Dollar verlangt, in größeren Städten können es schon mal bis zu 250 Dollar werden. Üblicherweise buchen Eltern acht bis zwölf solcher Sitzungen.

Viele der Coaches betonen allerdings, das es nicht mit ein paar einfachen Ratschlägen getan ist. Bei vielen Familien bedarf es eines grundlegenden Wandels des Lebenswandels, der sich mittlerweile komplett um Smartphones orientiert habe. So verrät etwa Richard Halpern, der mittlerweile ebenfalls solche Trainings anbietet, einen von ihm oft gegebenen Ratschlag: „Legt euch eine Haustier zu und lernt von diesem“. Einer Katze sei es egal, wenn man ihre einen Bildschirm vor ihre Nase halte. Und auch für die Kinder sei es einfach netter mit einem echten Hund zu spielen anstatt sich Fotos davon auf einem Smartphone anzusehen.

Sky ist 10 – Meilensteine und wie alles begann

Das ehemalige Premiere heißt seit mittlerweile 10 Jahren Sky. Am 4. Juli 2009 erfolgte die Umbenennung – knapp anderthalb Jahre nach dem Einstieg von Rupert Murdoch und nur noch Monate vom eigenen 20. Jubiläum entfernt. Murdochs News Corporation war zu dem Zeitpunkt mit der Marke Sky schon in Großbritannien, Irland und Italien präsent und hatte seit längerem auch ein Auge auf den deutschen Pay-TV-Markt geworfen.

Unter der neuen Ägide wurde zuerst einmal Tabula Rasa gemacht. Neue Chefs, eine Korrektur der tatsächlichen Kundenzahl nach unten um über 1 Millionen (Grund hierfür waren wohl Karteileichen u.ä.), Verlustankündigung, Kursturz an der Börse, wo man seit 2005 notiert war, ein Sanierungsprogramm inklusive Investitionen von knapp 1 Milliarde Euro und natürlich die Abkehr vom Namen Premiere.

Die Konsolidierung dauert rund die erste Hälfte der nun zehnjährigen Ära an. Grundpfeiler und Meilensteine der Sky-Historie sind vor allem die Übertragungsrechte für Fußball- und andere Sport-Events, wie der Formel 1 oder Wimbledon. 2010 hatte man beispielsweise als einziger Anbieter in Free-TV und Pay-TV alle 64 Spiele der WM in einer Hand.

2015 folgte nach einer Erhöhungen der Anteile von News Corp am Unternehmen die Umwandlung in die Sky Deutschland GmbH. Bis 2016 können die Kundenzahlen mit einem Zwischenstand von 4,53 Millionen von der Übernahme an gerechnet verdoppelt werden (letzter Stand: 5,2 Millionen).

In den letzten Jahren wurde es nicht minder turbulent um den Platzhirsch im deutschen Pay-TV. Eigen- beziehungsweise Ko-Produktionen wie „Babylon Berlin“, „Das Boot“ und aktuell „Chernobyl“ sorgen für Furore. Auf der Seite der so wichtigen Sportrechte ist und bleibt natürlich die Bundesliga das absolute Zugpferd, die man bei allen Rechte-Vergaben immer nahezu komplett im Programm halten konnte. Die Champions Leage holte man sogar exklusiv ins Pay-TV, verkaufte eine Sublizenz daran aber die Online-Konkurrenz DAZN und teilt sich seitdem quasi den Wettbewerb untereinander auf. Die englische Premier League verlor man zwischenzeitlich an ebenjenen aufkommenden Online-Rivalen. Ab August ist die beste Liga der Welt aber wieder zurück bei Sky – exklusiv und ausgewählte Spiele auch in UHD.

An der Formel 1 verlor man für das Jahr 2018 das Interesse, da die neuen Inhaber von Liberty Media keine Pay-TV-Exklusivität in einem wichtigen und eigenartigen Markt wie Deutschland zugestehen wollte. Bei Sky änderte man aber seinen Ansprüche und teilt sich seit diesem Jahr wieder wie eh und je mit RTL die Rechte.

Seit letztem Jahr bietet man auch Sky Q in Deutschland an. Mit dem neuen Fernseherlebnis will man sich für die Zukunft wappnen und den Kampf mit Streaminganbietern möglichst potent antreten. Klugerweise hat man sich dabei den Konkurrenten Netflix zum Mitstreiter gemacht und ins Abo-Angebot integriert. Die App war auf jeden Fall ein lang herbei gesehnter Schritt in Richtung zeitgemäßerem und zukunftsfähigerem TV-Konsum und Bedienung – Stichwort Smart-TV.

Aus dem Anlass des 10 Geburtstags wird in Kürze auch ein Extra Pop-up-Channel gestartet. Bei Sky Serien und Shows HD feiert der Pay-TV-Sender sich vom 12. bis 21. Juli mit einem großem Portfolio an Eigenproduktionen selbst.

Revival der Fernsehshows: Sender lassen die Puppen tanzen

Das deutsche Privat-TV erwacht aus der Streaming-Schockstarre. Es wird gesungen, gekocht und um die Wette gerannt wie schon lange nicht.

Rund 25.000 haben die Onlinepetition gegen Heidi Klum schon unterzeichnet. Mitglieder der queeren Szene stoßen sich an Klum als Moderatorin der Realityshow Queen of Drags wegen mangelnder Nähe zur Drag-Community und werfen dem Ex-Model „kulturellen Missbrauch“ vor. ProSieben schweigt unterdessen – und genießt.

Bis zum Ausstrahlungstermin im Winter darf die öffentliche Erregung gerne noch einmal zulegen. Etwas Besseres kann nach Aufmerksamkeit heischenden TV-Sendern gar nicht passieren.

Noch dazu, wo der Schaulauf der Dragqueens Teil eines Show-Schubs ist, der die deutschen Privatsender gegenwärtig erfasst. Als Antwort auf die Serienmassen produktion von Streamingplattformen besinnen sie sich auf alte Stärken und werfen in den nächsten Monaten Unterhaltungsprogramm en masse unters Volk. Ob Casting, Wettlauf, Scripted Reality -mit neuen Spielarten von seit Jahren bekannten Formaten sollen die Zuschauer zur Pause vom Serienschauen verführt werden. Das Entertainmentkarussell dreht sich schnell wie schon lange nicht.

Rasant zum Beispiel bei ProSieben. Mit The Masked Singer tönen schon jetzt donnerstags zehn prominente Profi- und Hobbysänger als Engel, Kakadu und Oktopus um Stimmen von Zuschauern und Jury. Die rätseln, ob Stefan Raab, Axel Prahl oder Lilly Becker hinter den Masken stecken, während die Quote steigt.

Verlierer können sich bei Jochen Schweizer anmelden. Der ehemalige Stuntman sucht für seine (ProSiebenSat1 gehörende) Firma ab 9. Juli einen Geschäftsführer. Die Bewerber müssen halsbrecherische Eignungstests bestehen.

Parcoursläufe stehen seit Ninja Warrior hoch im Kurs. ProSieben kündigt Renn’ zur Million! … wenn du kannst an. Bei Puls in einem Auto zu sitzen, das im Teich versinkt, erinnert an Wünsch dir was mit Pulsuhr. Nähe zu Takeshi’s Castle hat Total Knock Out. Ein Kandidat kämpft sich durch einen Spaßparcours, während Gegner das durch Wurf- und Schießapparaturen zu verhindern versuchen. Gut für Showunterhaltung sind Joko und Klaas, wieder mit Talk of Nation im Nahkampf gegen den Sender.

Fiktionale Eigenproduktionen verräumt ProSieben in die hauseigene Streamingplattform Joyn, zum Beispiel Check Check mit Klaas Heufer-Umlauf als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma auf einem Provinz-Flughafen. Ins TV, fürs Frühjahr 2020 geplant, kommt Neun Tage wach nach dem Bestseller von Eric Stehfest.

Ob die Zuschauer es so lange bei Big Brother schaffen, ist die Frage. Schwestersender Sat1 stellt 20 Jahre nach dem Debüt den Container neu auf -sicherheitshalber schon im Vorabend. Und weil die Kulisse schon einmal da ist, sitzt in einer weiteren Ausgabe auch Semiprominenz ein. Dazu wartet Scripted Reality: gemeinsames Musizieren in 300, Blind Date im Auto in Nächste Ausfahrt Liebe, dazu Promis unter Palmen.

Die RTL-Sender ziehen mit. Dschungel, Bachelor, Bachelorette und Superstars sind verlässliche Lockmittel. Im Herbst feiert Günther Jauch mit Wer wird Millionär? seine ersten zwanzig Jahre. RTL gratuliert mit der Wissensshow Bin ich schlauer als Günther Jauch?

Und was wäre das Leben ohne Kochshows? Vox hält diese Tradition hoch: In Ready to Beef! greifen Tim Mälzer und Tim Raue ins Fleisch, erfolgserprobt ist Grill den Henssler über den Sommer.

25 Jahre Amazon: Vom Online-Buchladen zum Billionen-Konzern

Mit 30 Jahren hat Jeff Bezos bereits eine steile Karriere an der Wall Street gemacht, aber das reicht ihm nicht. Als Vizepräsident der Investmentbank D.E. Shaw & Co steht ihm zwar die Finanzwelt offen, doch Bezos ist fasziniert vom Internet und er hat eine große Vision. Gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau MacKenzie trifft er eine gewagte Entscheidung und tauscht sein Büro in einem New Yorker Wolkenkratzer gegen eine Garage in Seattle. Hier beginnt die Geschichte von Amazon, dem größten Online-Händler der Welt.

„Unsere Vision ist es, das kundenorientierteste Unternehmen der Welt zu sein, wo Menschen alles finden können, was sie im Internet kaufen wollen“, lautet Bezos‘ Leitbild für Amazon. Davon ist er anfangs aber noch weit entfernt: Am 5. Juli 1994 gründen Jeff und MacKenzie Bezos einen Online-Buchhandel. Das Unternehmen heißt zunächst Cadabra, wird jedoch rasch in Amazon umbenannt. Laut der Bezos-Biographie „Der Allesverkäufer“ von 2013, klang Cadabra zu sehr nach Kadaver.

Nach rund einem Jahr Anlaufzeit wurde am 16. Juli 1995 das erste Buch an einen externen Kunden verkauft, ein mehr als 500 Seiten dicker Wälzer über das Denken. Heute ist ein Exemplar davon am Eingang des Amazon-Hauptgebäudes in Seattle ausgestellt. Was mit Büchern begann, entwickelte sich über die Jahre zum größten Internetkaufhaus der Welt. Heute ist Amazon noch viel mehr als das und hält mit seinen Cloud-Services, die etwa Start-ups IT-Anwendungen und Speicherplatz im Netz bieten, unzählige Firmen am Laufen. Mit Whole Foods betreibt der Konzern zudem seine eigene US-Supermarktkette.

Und Bezos hat noch lange nicht genug: Im Streaming-Geschäft versucht Amazon mit seinem Prime-Dienst Marktführer Netflix Konkurrenz zu machen; mit dem Aufbau einer eigenen Lieferlogistik setzt der Konzern Paketzusteller wie UPS, Fedex oder DHL unter Druck. Niemand weiß so recht, welche Branchen Bezos als nächstes aufmischen wird. Anfang Juni erst führte Amazon eine Lieferdrohne vor, die bereits in einigen Monaten die ersten Pakete zustellen soll. Das vollautomatische und vollelektrische „Prime Air“-Fluggerät soll zunächst testweise kleinere Haushaltswaren wie etwa Zahnpasta oder Rasierer bringen.

An der Börse hatte der rasant expandierende Bezos-Konzern wegen chronisch roter Zahlen indes lange Zeit einen schweren Stand. Doch seit Bezos zuverlässig Gewinne liefert, ist er zum Liebling der Wall Street geworden. Im ersten Quartal liefen die Geschäfte prächtig: Dank des florierenden Internethandels und boomender Cloud-Dienste wuchs der Überschuss im Jahresvergleich um überraschend starke 125 Prozent auf 3,6 Milliarden Dollar (3,2 Mrd Euro) – so viel verdiente Amazon noch nie zuvor in einem einzelnen Vierteljahr.

Im vergangenen September gelang es Amazon als zweite Aktiengesellschaft nach dem iPhone-Giganten Apple, zeitweise die magische Marke von einer Billion Dollar beim Börsenwert zu knacken. Der Konzern war damit mehr wert als die zwölf größten Dax-Unternehmen zusammen. Im Frühjahr folgte ein Ritterschlag von US-Staranleger Warren Buffett, dessen berühmte Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway erstmals Amazon-Aktien kaufte. Der 88-Jährige Börsen-Guru hatte Bezos zuvor schon in höchsten Tönen gelobt. Was dieser mit seinem Konzern geschafft habe, „komme einem Wunder nah“.

Für Amazon-Gründer Bezos zahlt sich der Ansturm der Anleger auf sein Unternehmen auch persönlich aus, da er der größte Aktionär ist. Seit Jahren dominiert der 55-Jährige deshalb die Reichenlisten. Dem „Bloomberg Billionaires Index“ zufolge beträgt sein Vermögen derzeit rund 120 Milliarden Dollar. Damit blieb er trotz einer teuren Scheidung von MacKenzie, durch die diese Aktien im Wert von aktuell knapp 40 Milliarden Dollar erhielt, der reichte Mensch der Welt.

Abseits der Börse hat Amazon jedoch längst nicht nur Fans. Wegen umstrittener Arbeitsbedingungen gibt es immer wieder Kritik, zudem wird dem Konzern vorgeworfen, mit seiner großen Marktmacht und seinen Niedrigpreisen den Einzelhandel zu zerstören. Amazons mächtigster Feind sitzt indes im Weißen Haus. US-Präsident Donald Trump schießt immer wieder gegen den Konzern, den er unter anderem für die Finanznöte der US-Post verantwortlich macht.

Als Hauptgrund für Trumps Argwohn gilt jedoch eher, dass er mit der US-Zeitung „Washington Post“ auf Kriegsfuß steht, die häufig kritisch über ihn berichtet. Das Blatt befindet sich im Privatbesitz von Bezos.

Prinzip Netz-Kiosk

Die Landesanstalt für Medien NRW hat ein Whitepaper über die „Zahlungsbereitschaft für digitaljournalistische Inhalte“ herausgegeben, um Abhilfe bei der „Gratismentalität“ im Netz zu schaffen. Hierzu wurden sechstausend Menschen zu ihren Einstellungen in puncto digitalem Journalismus und ihrem Mediennutzungs- und -kaufverhalten befragt. Das eigentliche Erkenntnisziel der Umfrage aber treibt zurzeit alle um, die mit Presseangeboten im Netz Geld verdienen wollen: Wie kann man die Zahlungsbereitschaft der Nutzer von Online-Journalismus erhöhen?

Erste Ernüchterung schon in der Pressemitteilung: „Über 75 Prozent der Befragten geben an, dass es die Grundidee des Internets sei, kostenlos an Informationen zu gelangen.“ Deshalb benennt die Erhebung fünf Punkte, die von Medienunternehmen zu beachten seien, wenn es darum geht, die Zahlungsbereitschaft der Nutzer im Internet anzusprechen. Erstens erklärten Nutzer, am ehesten dann Geld für Online-Inhalte auszugeben, wenn diese für sie persönlich relevant sind – zum Beispiel zur politischen Meinungsbildung – oder einen praktischen (Service-)Mehrwert besitzen. Bei Sport- und Kulturinhalten sei die Bereitschaft, zu zahlen, am geringsten. Zweitens wird auf die Idee des „One-stop-Shops“ verwiesen, eine Art digitaler Kiosk, der Inhalte aus unterschiedlichen Quellen zum direkten Einzel-Abruf anbietet. So wie es sich auch schon bei Netflix und Spotify bewährt habe. Die Studie hat bestätigt, dass ein Großteil der Nutzer sich journalistische Inhalte gern in ihrem eigenen „Medienmenü“ aus verschiedenen Angeboten zusammenstellt, statt mehrere Abonnements von verschiedenen Anbietern abschließen zu müssen. Eine solche Journalismus-Plattform würde sich vor allem für kleine Medienhäuser und Start-ups lohnen. Darin, sind sich die Urheber der Studie sicher, liege die Zukunft des Online-Journalismus.

Die andere ernüchternde Erkenntnis lautet: Bei zehn Euro pro Monat für Online-Abonnements liegt bei den Leserinnen und Lesern die Schmerzgrenze. Mehr sind die meisten nicht bereit zu zahlen. Ein Blick in die Angebote führender Tages- und Wochenzeitungen aber zeigt: Kaum eine Publikation liegt unter den besagten zehn Euro. Doch liegt es nicht nur in der Darreichung der Inhalte. Denn wichtig ist den Nutzern laut Umfrage auch Transparenz bei Zahlungsmodalitäten und die Möglichkeit eines unkomplizierten Vertragsausstiegs. Selbst kostenlose Probewochen (das Pendant zum Probe-Abo) seien beliebt – doch diese Werbestrategie werde ohnehin schon von den meisten zahlungspflichtigen Medien genutzt.

Zu guter Letzt betont die Studie, dass öffentlich-rechtliche Institutionen, aber auch private Medienunternehmen qualitativ-hochwertige Informationen auch also solche erkennbar machen müssten. Dazu sei Aufklärungsarbeit notwendig, denn grundsätzlich bestehe eine hohe Wertschätzung für „demokratisch wertvollen Journalismus“, auch wenn das Misstrauen angesichts von Fake News im Netz sehr groß sei.

D: Upgrade für die deutschen Spieleentwickler

Die deutsche Bundesregierung will die Computerspieleentwickler in diesem Jahr mit 50 Millionen Euro fördern. Warum werden Computerspiele gefördert?

Im Moment haben wir die Situation, dass die Entwicklung von Computerspielen in Deutschland bis zu dreißig Prozent teurer ist als beispielsweise in Frankreich, Großbritannien oder Kanada. Wenn ich als Computerspieleentwickler in Baden-Württemberg für meine Spieleentwicklung 30 Prozent mehr bezahlen muss als wenn ich 50 Kilometer weiter in Frankreich sitze, dann bremst das die Entwicklung. Um das zu ändern, können bestimmte Entwicklungskosten, ganz besonders Personalkosten, die den Großteil der Entwicklungskosten ausmachen, gefördert werden. Der Fonds sieht vor, dass Projekte von kleineren Entwicklern mit bis zu 50 Prozent gefördert werden können und diese Förderquote bis auf einen Wert von 25 Prozent bei richtig großen Produktionen sinkt. Dadurch können die Entwicklungskosten entsprechend auf ein Niveau gebracht werden, das mit anderen Standorten vergleichbar ist.

Im Haushalt für 2020 tauchen diese Mittel überraschenderweise nicht auf. Was bedeutet das für den Erfolg des Projekts?

Das ist für uns auch noch unklar. Es gab aus vielen Richtungen ein klares Bekenntnis für die langfristige Förderung der Games-Branche in Deutschland. Daher ist es irritierend, dass die Bundesregierung die Fördermittel nicht auch in den Haushalt schreibt. Die Förderung wird ja nicht komplett in Frage gestellt, denn das Förderbudget kann auch über das parlamentarische Verfahren noch kommen. Aber die Bundesregierung hat hier die Chance verpasst, ein ganz klares Signal zu setzen.

Warum ist dieses Signal für die Branche so wichtig?

Es herrscht Verunsicherung. Die Bundesregierung muss jetzt klarmachen, dass nicht das ganze Projekt in Frage gestellt wird.

Wie realistisch ist es, dass die Förderung noch nachträglich im parlamentarischen Verfahren eingeführt wird?

Alles andere wäre irrwitzig. Man kann nicht eine Förderung auf die Beine stellen, die ja im Herbst überhaupt erst anläuft, um sie dann zwei Monate später gleich wieder abzuschaffen. Das würde die Konzeption und die Bekenntnisse der Bundesregierung generell in Frage stellen. Deswegen bin ich überzeugt, dass das im parlamentarischen Verfahren noch korrigiert wird, was auf Ebene der Bundesregierung misslungen ist.

Wie ist die bisherige Resonanz auf das Förderangebot?

Die Resonanz ist groß. Es gibt viele, die sagen, dass sie die Förderung auf jeden Fall in Anspruch nehmen, wenn ihnen das ermöglicht wird. Wir sehen das sowohl in der Pilotphase, bei der eine ganze Menge Anträge eingehen, als auch bei der sogenannten Interessensbekundung für das größere Förderprogramm ab Herbst beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Im Ministerium hat man sich überlegt, mit einer sogenannten De-minimis-Förderung anzufangen, das heißt 200 000 Euro Förderung innerhalb von drei Jahren. Diese muss im Vergleich zu höheren Beträgen nicht EU-notifiziert werden. So konnten wir bereits Anfang Juni loslegen, bis es dann langfristig eine automatisierte, umfassende Games-Förderung gibt, die auch für höhere Budgets funktioniert.

Was heißt denn EU-Notifizierung, und wozu braucht es die?

Für eine kulturwirtschaftliche Förderung braucht es ein Notifikationsverfahren, bei dem die EU-Kommission das Förderkonzept freigibt. Dafür muss das Programm bestimmten Kriterien entsprechen, zum Beispiel einen sogenannten Kulturtest implementieren. Das alles muss von der EU freigegeben werden, bevor es tatsächlich in die Tat umgesetzt werden kann. Dieser gesamte Prozess soll laut Ministerium in diesem Herbst abgeschlossen werden, so dass es dann mit der Förderung losgehen kann.

Was ist das für ein Kulturtest?

Bei Computerspielen handelt es sich nicht um ein reines Wirtschaftsgut, sondern um ein kulturwirtschaftliches Gut. Der Kulturtest umfasst beispielsweise Fragen zu Innovationskraft, kulturellem Inhalt oder auch den verschiedenen Auswirkungen der Produktion für den jeweiligen Standort. Das sind alles abgefragte Kriterien, durch die der Kulturtest eine zuverlässige Bewertung ermöglicht. Wenn ich als Computerspieleentwickler den Test erfülle und beispielsweise 17 von 32 Punkten bekomme, dann ist mir die Förderung so gut wie sicher.

Im Vorschlag Ihres Verbands für einen Deutschen Games-Fonds steht, dass „kulturell und pädagogisch wertvolle Spiele“ gefördert werden sollen. Was heißt das für die Spiele?

Die kulturwirtschaftliche Bedeutung ist Voraussetzung für die Förderung in der EU. Bei dem pädagogischen Aspekt sieht es etwas anders aus. Es sollen natürlich auch pädagogisch wertvolle Spiele gefördert werden, aber es ergibt sich daraus keine Festlegung. Und es soll sich auch keine ergeben. Es geht bei der Förderung nicht darum, Spiele zu entwickeln, die die Politiker gut finden oder die irgendwie pädagogisieren, sondern es geht um eine inhaltsunabhängige Förderung. Das ist unerlässlich, denn die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag dafür ausgesprochen, die Entwicklung von Computerspielen zu fördern, und das ist eben per se erst mal inhaltsunabhängig. Die Entscheidung, welche Spiele wir hier produzieren wollen, sollte den Entwicklern überlassen werden. Dann kann auch in Deutschland die ganze Vielfalt und Bandbreite von Spielen entstehen, die wir weltweit sehen.

Wer entscheidet denn, was gefördert wird?

Das muss durch die Kriterien des „Kulturtests“ entschieden werden. Im Moment ist die Pilotphase noch so gestaltet, dass das zuständige Ministerium nach bestimmten Kriterien entscheidet. Aber das ist eine Übergangsphase. Langfristig soll ein System entstehen, bei dem allein durch den Kulturtest entschieden wird, ob ein Projekt Fördergelder erhält oder nicht. Somit sind keine Gremien mehr notwendig, die Unsicherheit in den Prozess bringen und die Planbarkeit verringern würden – was wiederum dazu führen würde, dass weltweit agierende Verleger oder Entwickler es sich nochmal überlegen, ob sie hier in Deutschland ein Studio aufbauen. Es ist wichtig, dass es da Planungssicherheit gibt – und die gäbe es mit dem Kulturtest, der in allen anderen europäischen Ländern schon praktiziert wird.

So eine Förderung muss sich erst etablieren.

Sie muss auf Langfristigkeit angelegt sein. Erstens dauert so eine Spieleentwicklung Jahre, und zweitens sollen die Kompetenzen und Fachkräfte, die da zusammenfinden, möglichst lange zusammenarbeiten. Die langfristige Umsetzung ist eine Aufgabe, die der Bundesregierung obliegt. Durch die aktuelle Situation braucht sie jetzt auch noch einmal zusätzlich die Unterstützung durch das Parlament.

In welcher Form soll die Förderung konkret umgesetzt werden?

Das können wir zurzeit noch nicht genau sagen. Der Game-Verband hat dem Ministerium ein mit allen Entwicklern und Verlegern abgestimmtes Konzept vorgelegt. Das Ministerium hat bisher auch schon Ankerpunkte veröffentlicht, die weitestgehend unseren Vorschlägen entsprechen. Dazu gehört beispielsweise die Förderung in Form eines Zuschusses, der nicht zurückgezahlt werden muss. Das genaue Konzept des Ministeriums ist aber noch nicht öffentlich, da gibt es noch Abstimmungen innerhalb der Bundesregierung, bevor es auch noch zur EU-Kommission muss.

Wo setzt die Förderung an?

Der Fonds ermöglicht die Entwicklung von Computerspielen, also die Produktion und die Erstellung von Prototypen. Letztere sind ein erster Schritt, um die Umsetzbarkeit und den Nutzen des Konzepts zu testen, ein zweiter Schritt ist dann die Produktion des Spiels, beides soll unterstützt und gefördert werden.

In Ihrem Papier zum Games-Fonds steht, dass eines der Kriterien des Kulturtests die Weiterentwicklung der deutschen Spieletradition ist. Was macht die deutsche Spieletradition aus?Die Games-Branche ist eine globale Branche, deswegen sind regionale oder nationale Eigenständigkeiten nicht so stark sichtbar wie bei anderen Medien. Im Bereich der Simulation oder der Aufbaustrategie beispielsweise waren deutsche Entwickler schon immer stark. Das zeigt sich bei Spielen der „Anno“- oder „Die Siedler“-Reihe. Auch bei den mobilen Spielen haben wir Stärken. Dort haben sich einige Entwickler in den letzten Jahren mit Titeln hervorgetan, die auch über Deutschland hinaus erfolgreich geworden sind.

Welchen Stellenwert hat das Storytelling im deutschen Förderprogramm?

Das Storytelling gehört ganz wesentlich zur Computerspieleentwicklung dazu, hat aber in der Förderung keine eigenständige Position. Es wird nicht die Geschichte oder die Art der Erzählung im Einzelnen geprüft, das wäre ja auch schon wieder ein Eingriff in die Inhalte durch die Politik, was ja gerade nicht sein soll. Wichtige Ankerpunkte sind dagegen so etwas wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Spiele eine USK-Freigabe brauchen oder dass indizierte (als jugendgefährdend eingestufte, A.d.R.) Spiele von der Förderung ausgenommen sind.

Was muss in den nächsten Jahren passieren, damit sich Deutschland als ernstzunehmender Gaming-Standort etablieren kann?

Mit der Förderung ist jetzt ein wichtiger Grundstein gelegt, der uns, wenn die Fördermittel langfristig eingeplant werden, ermöglicht, in den nächsten Jahren aufzuholen. Auch wir als Branchenverband müssen natürlich dafür sorgen, dass da etwas in Bewegung kommt. Wir brauchen qualifizierte Fachkräfte, auch aus dem Ausland. In ein paar Jahren muss man natürlich sehen, ob die erwünschten Effekte sich auch wirklich eingestellt haben, und möglicherweise das Budget weiter erhöhen.

Bei 34 Millionen Computerspielern in Deutschland und diesem großen Wachstum in der Branche stellt sich natürlich auch die Frage: Was hat ein Computerspiel den anderen Medien voraus?

Die ganz einfache Antwort ist: ganz viel mehr – es ist interaktiv. Das ist der wichtigste Unterschied zu anderen Medien. Das bieten andere Medien nicht, auch deswegen sind Computerspiele zum wichtigsten Leitmedium des 21. Jahrhunderts geworden.

Alles an Libra ist gewaltig: Ambition, Potenzial und Risiko

Im Juni 2019 ist Facebook endgültig zu einem eigenen Staat geworden. In den vergangenen Wochen stellte das Unternehmen Pläne für ein externes Expertengremium vor, das über strittige Fragen wie die Auslegung der Meinungsfreiheit entscheiden soll – eine Art Verfassungsgericht. Facebook veröffentlichte den Bericht einer Arbeitsgruppe, die untersucht, wie die Plattform Grundrechte schützen kann. Das betrifft auch die Gemeinschaftsstandards, also Facebooks Verfassung.

Der dritte und wichtigste Schritt zur Staatswerdung heißt Libra. Damit will Facebook eine eigene Währung schaffen – und zwar nicht nur für seine rund 2,7 Milliarden Nutzer, sondern für alle Menschen auf der Welt. Für Libra wird kein Facebook-Konto nötig sein, es ist offen für andere Unternehmen, Banken, Organisationen und Staaten.

Die ersten beiden Ereignisse zeigen, welch rasante Entwicklung Facebook hinter sich hat. Binnen 15 Jahren ist aus einem studentischen Start-up die wichtigste Kommunikationsplattform der Menschheit geworden. Spät, vielleicht zu spät, hat Mark Zuckerberg erkannt, dass mit großer Reichweite auch große Verantwortung einhergeht. Institutionen wie ein Quasi-Verfassungsgericht sind nur konsequent, weil Facebook damit anerkennt, dass es längst ein staatsähnliches Gebilde ist.

Libra dagegen ist mehr als das Anerkennen des Status quo: Es ist eines der ambitioniertesten Projekte in Facebooks Unternehmensgeschichte. Kurzfristig könnte es Geldtransfers zwischen Nutzern drastisch vereinfachen und mittelfristig das digitale Bezahlen grundlegend verändern. Nachrichten, Fotos und Videos lassen sich kostenlos und in Sekundenbruchteilen verschicken. Überweisungen brauchen teils Tage und sind teuer, sobald Grenzen überschritten werden und unterschiedliche Währungen ins Spiel kommen.

Langfristig sind noch drastischere Auswirkungen möglich. Libra könnte nicht nur einzelne Transaktionen, sondern das gesamte Geldsystem auf den Kopf stellen. Im Moment gibt es nationale und supranationale Geldräume, Zentralbanken kontrollieren die Geldschöpfung. Falls Libra den Durchbruch schaffe, könne das „weltweite makroökonomische Folgen“ haben, sagt Eric Posner, Jura-Professor der Universität Chicago. Facebook und die anderen an Libra beteiligten Unternehmen könnten damit künftig Geldpolitik betreiben.

„Im Moment ist Libra mehr ein Traum als ein Plan“
Ob es tatsächlich so weit kommt, ist unklar. Als Facebook die Libra-Pläne Mitte Juni vorstellte, räumte Vize-Chefin Sheryl Sandberg ein, dass man noch einen langen Weg vor sich habe. Das ist vorsichtig ausgedrückt. Das zwölfseitige Whitepaper, mit dem Facebook das Vorhaben skizzierte, wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. Im aktuellen Stadium taugt Libra vor allem als eine Art Rorschachtest: Das Projekt kann alles sein, was man darin sehen will, und was man aus dem digitalen Tintenklecks herausliest, sagt vermutlich mehr über den Betrachter als über Libra.

„Der Teufel steckt im Detail, und in diesem Fall ist der Teufel überall“, sagt Stanford-Professor Joseph Grundfest. „Im Moment ist Libra mehr ein Traum als ein Plan.“ Nicht einmal Facebook selbst wisse, in welche Richtung sich Libra entwickeln werde. Neben Facebook sind bislang knapp 30 Unternehmen und Organisationen Teil der Libra-Association, darunter Zahlungsdienstleister wie Mastercard, Paypal und Visa, Tech-Konzerne wie Ebay, Uber und Spotify, Blockchain-Unternehmen, Investoren und NGOs. Mit Apple, Amazon, Google, Twitter und Microsoft fehlen Konkurrenten, die teils eigene Blockchain-Projekte und Zahlungsplattformen entwickeln oder im Fall von Twitter auf Bitcoin setzen. Auf der Liste findet sich auch keine einzige Bank, deren Kerngeschäft Facebook mit Libra direkt bedroht.

Die Blockchain ist bislang nur PR
Diese bunte Mischung spiegelt sich im Whitepaper wider, aus dem noch nicht einmal hervorgeht, was Libra genau ist: eine Kryptowährung mit einer Blockchain im Hintergrund – oder doch ein weitgehend zentral kontrolliertes Zahlungssystem, bei dem die Mitglieder der Libra Association alle wichtigen Entscheidungen treffen? Bislang basiert Libra auf einer einzigen Datenbank und widerspricht damit der klassischen Definition einer dezentralen Kryptowährung.

Außerdem sei das Libra-Whitepaper inkonsistent und stelle teils falsche Behauptungen auf, sagt Mustafa Al-Bassam, der an der Universität London zu IT-Sicherheit und dezentralen Systemen forscht. Er war an der Gründung des Blockchain-Start-ups Chainspace beteiligt, das später von Facebook übernommen wurde. „Wir glauben nicht, dass es eine dezentrale Lösung gibt, die stabil und sicher genug für Milliarden Menschen und Transaktionen weltweit ist“, schreiben die Autoren des Whitepapers. Deshalb will die Libra-Association eine mögliche Dezentralisierung erst in fünf Jahren angehen. „Damit ignorieren sie, was im vergangenen Jahrzehnt zu diesem Thema an Forschung stattgefunden hat“, sagt Al-Bassam.

Die Libra-Gründer machen noch weitere fragwürdige Versprechen. Eine der zentralen Botschaften lautet, dass Libra den 1,7 Milliarden Menschen ohne Konto helfen werde. Doch ein Großteil dieser Menschen besitzt kein Konto, weil sie kein Geld haben, das sie dort einzahlen könnten.

Facebook glaubt, ein soziales Problem mit technischen Mitteln lösen zu können. Dabei bräuchte es keine Programmierer, die eine App entwickeln, sondern lokale Unterstützung für jeden Betroffenen. Das ist mühsam und skaliert nicht. Dieser Trugschluss ist im Silicon Valley üblich: Statt im Kleinen zu beginnen, denkt man sofort global – und scheitert oder schafft eine Reihe neuer Probleme.

Der wichtigste Grund, warum Libra Erfolg haben könnte, heißt: Facebook.
Und der wichtigste Grund, warum Libra scheitern könnte, heißt: Facebook.
Kein Unternehmen hat eine vergleichbare Reichweite. Kein Unternehmen hat einen so schlechten Ruf bei Nutzern und Regulatoren.

Natürlich weiß Facebook das selbst. Die offene Libra-Association, in der Facebook nur eine Stimme hat, soll den Eindruck verhindern, dass Zuckerberg allein seine Währung kontrolliert. Der Facebook-Chef beteuert, wie wichtig Privatsphäre und Sicherheit bei Libra seien. Facebook werde die Finanzdaten von Libra strikt von den Nutzerdaten seiner anderen Apps trennen. Um beide Profile zu verknüpfen, sei ausdrückliche Zustimmung nötig.

Das erinnert an die Übernahme von Whatsapp und Instagram. Damals hieß es, dass die beiden Apps unabhängig bleiben und keine Nutzerdaten ausgetauscht werden sollten. Das Ehrenwort hatte nur wenige Jahre Bestand. Falls der Staat Facebook keine Dystopie werden soll, muss die Facebook-Regierung Versprechen halten.

Von Simon Hurtz

Technik ist Opium für das Volk

Die Innovationen des Silicon Valley stützen die Mächtigen, von Bolsonaro bis zu Trumps Republikanern. Wir brauchen endlich menschliche Technik – für Rebellen.

Da Facebook sich einer Form von Datensucht nun fast schuldig bekennt, seine Online-Sünden eingesteht und sich als datenschutzbewusster Bewohner eines globalen Dorfes neu zu erfinden versucht, scheinen die Grundlagen einer kulturellen Hegemonie von Big Tech plötzlich unsicher. Ferner erscheinen sie nicht in Europa oder Lateinamerika, sondern in den Vereinigten Staaten, der Heimat des Silicon Valley, am schwächsten.

In Zeiten politischer Polarisierung und riskanter Handelskriege schließt sich die nationalistische Rechte Amerikas – verkörpert in Trumps Ausbrüchen gegen eine Zensur durch Social-Media-Plattformen – nun der Linken von Elizabeth Warren und Bernie Sanders an, indem sie Big Tech als Bedrohung für Amerika präsentiert.

Kümmert das aber die Silicon-Valley-Mogule? Wahrscheinlich nicht. Die jüngste Entscheidung von Warren Buffet, einem der erfolgreichsten, konservativsten Investoren Amerikas, seine Zurückhaltung zu überwinden und in ausgefallene Technologieaktien zu investieren – er entschied sich für Amazon -, ist ein besserer Indikator dafür, was die Technologieriesen mittelfristig erwartet: üppigere Börsengänge, mehr saudisches Geld und mehr Versprechen, künstliche Intelligenz einzusetzen, um jene Probleme zu lösen, die durch künstliche Intelligenz entstehen werden.

Leider hat sich die Debatte über Big Tech mehr als ein Jahr nach dem Cambridge-Analytica-Skandal nicht von den Kategorien befreit, in denen sie ursprünglich geführt wurde: Markteffizienz, Steuerhinterziehung und abscheuliche Geschäftsmodelle, die eine Internetabhängigkeit „absichtlich“ herbeiführen. Diese Kategorien, die zwar für Wähler attraktiv sind, helfen wenig dabei, eine alternative Zukunft zu gestalten, in der die Bürger die Möglichkeit haben, eine Vorliebe für andere soziale Institutionen zu entwickeln als die Fabrik und den Supermarkt.

Wenn sich die Lage verschlechtert, wird Survival Tech gedeihen
Die beiden politischen Lager sind sich trotz ihrer vermeintlichen Übereinstimmung in dieser Frage natürlich nicht einig. Diejenigen auf der rechten Seite, die behaupten, Big Tech zu hassen, erklären nicht sehr lautstark, wie genau sie die Dinge ändern wollen, geschweige denn, warum sich jemand überhaupt die Mühe machen sollte. In dem Maße, wie sie sich nach der Rückkehr einer konservativen und korporatistischen Gesellschaft sehnen, die von Kräften regiert wird, die außerhalb der gewählten Institutionen sitzen, ist das Silicon Valley mit seiner digitalen Infrastruktur für „Soft Governance“ ihr Verbündeter.

Im internationalen Kontext bekommt das Beharren auf Erlösung durch Big Tech eine zusätzliche Wendung, da es so viel mehr Erlösung und nationale Entwicklung zu bewirtschaften gibt. Dies beflügelt einige populistische Führer zu der Fantasie, ihr ganzes Land in effizient geführte Lehen eines Big-Tech-Oberherren zu verwandeln. So hat die brasilianische Regierung von Bolsonaro angekündigt, dass sie davon „träumt“, dass Google oder Amazon die nationale Post übernehmen solle.

Das krisenanfällige Brasilien verweist auf eine weitere wichtige, aber kaum wahrnehmbare politische Dimension unserer Abhängigkeit von den Technologieriesen: deren Bereitschaft, den Status quo durch revolutionäre und disruptive Lösungen zu festigen. Nirgendwo wird dies deutlicher als bei der Nutzung digitaler Technologien zur Bewältigung der brennendsten sozialen Probleme.

Als dort die Kriminalitätsraten in die Höhe schnellten, ist etwa Brasilien zu einer Brutstätte für Innovationen in einem Bereich geworden, den wir „Survival Tech“ nennen. Oftmals bedeutet dies nichts anderes, als mit den vorhandenen Instrumenten die Sicherheit bestimmter Straßen und Viertel zu überprüfen oder eine Gemeinschaftsaktion zu koordinieren.

So informiert Waze, eine beliebte, von Google betriebene Navigations-App, diejenigen, die in Großstädten wie Sao Paulo oder Rio de Janeiro unterwegs sind, darüber, ob sie einen riskanten Stadtteil betreten. Die Herkunft der Daten, die solche Empfehlungen liefern, ist bestenfalls trüb. Ebenso nutzen Bewohner, die sich mit der Kriminalitätsrate in ihrer eigenen Nachbarschaft beschäftigen, Tools wie Whatsapp, um Hinweise auf verdächtige Aktivitäten in der Umgebung zu auszutauschen.

Wenn sich die Lage verschlechtert, nicht nur in Brasilien, wird Survival Tech gedeihen. Denn es ermöglicht den Bürgern, angesichts sämtlicher Widrigkeiten zurechtzukommen, ohne Verbesserungen ihrer sozialen Verhältnisse zu fordern. Tatsächlich lässt sich der gesamte Technologieboom nach der Finanzkrise besser aus dieser Sicht erklären. Erst kamen Risikokapitalgeber, später dann Staatsfonds, beide subventionieren die Massenproduktion von Survival Tech für die enteigneten und unzufriedenen Massen vorübergehend.

Natürlich hat das niemand so genannt. Stattdessen diskutierten wir über die „Sharing Economy“ mit Start-ups, die den Armen helfen zu überleben, indem sie unsichere Arbeitsplätze annehmen oder ihren Besitz vermieten. Wie reden von „Smart Cities“, den Städten, die ihre technologische Souveränität im Austausch für vorübergehend kostenlose Dienste an die digitalen Riesen abgeben. Man spricht von „Fin Tech“, von Kleinkrediten der nächsten Generation, die auf Benutzerdaten basieren und als Revolution in der „finanziellen Integration“ vermarktet werden.

Heute werden progressive Slogans von deprimierend konservativen Standpunkten aus formuliert
Wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verbessern, werden die Regierungen ihr unausgesprochenes Bündnis mit der Technologieindustrie fortsetzen: Nur so können die Massen, die mit den massiven Steuer- und Verhaltensaufopferungen zunehmend unzufrieden sind, zumindest ein Minimum an Sicherheit und Wohlstand erhalten, wenn auch nur kurzfristig. Die Aussicht auf höhere Umweltsteuern hatte ja bereits zu Unruhen in Europa geführt.

Damit kommen wir zu dem paradoxen Ergebnis, dass 99 Prozent der sogenannten „disruptiven“, technologischen Störungen nur dazu dienen, sicherzustellen, dass nichts Substanzielles gestört wird. Die Pathologie aber bleibt bestehen: Wir passen uns einfach nur besser an, mit Sensoren, Karten, KI und Quantencomputern. Das wahre Prinzip heutiger Big Tech, von Regierungen sanktioniert und gefeiert, ist Innovation um der Erhaltung willen.

Solche Programme mögen unter dem Banner der „digitalen Transformation“ gestartet und gefeiert werden, aber in Wirklichkeit implizieren sie sehr wenig bewusste und gesteuerte soziale Transformation. Vielmehr ist das, was unter diesem Label verkauft wird, genau das Gegenteil. Es ist die Vorstellung, dass Einzelpersonen und Institutionen sich an die technologische Welt um sie herum anpassen, sie jedoch nicht mehr verändern müssen.

Die Visionen der heutigen Progressiven, die Auflösung von Big Tech oder sogar die Umverteilung der gesammelten Daten, könnte einige echte Probleme lösen.

Aber es ist schwer zu erkennen, dass solche Maßnahmen die Dominanz von Survival Tech tatsächlich brechen werden. Schließlich können Hunderte von Start-ups eine solche virtuelle Ausrüstung besorgen, nicht nur Microsoft oder Amazon.

Im Gegensatz dazu können wir uns jedoch eine alternative Zukunftswelt von Rebel Tech vorstellen, das soziale Bedingungen eben nicht als in Stein gemeißelt hinnimmt, die man trotz modernster Technologien akzeptieren muss. Stattdessen setzt Rebel Tech maßgeschneiderte Technologien ein, um zu verändern, zu gestalten und um gegen festgefahrene soziale Bedingungen zu rebellieren.

Die Unterschiede zwischen Survival Tech und Rebel Tech sind massiv, nicht bloß philosophisch; eine kluge Politik kann uns mehr von letzterem und weniger von ersterem bringen.

Wenn die Menschen sich an die Welt anpassen, muss sie ja nicht mehr verändert werden
Es ist notwendig, die technologischen Giganten zu zerschlagen, sie einen angemessenen Teil der Steuern zahlen zu lassen und ihre Daten zu nutzen. Das ist aber leider nicht die Voraussetzung für eine effektive soziale Transformation. Heute werden ja die nominell progressiven Slogans oft von deprimierend konservativen Standpunkten aus formuliert. Sie implizieren, dass wir, solange die Technologieindustrie ihre Verantwortung als im besten Fall umweltfreundlicher Motor des Wirtschaftswachstums wahrnimmt, irgendwann in die komfortable und prosperierende, eigentlich sozialdemokratische Welt der Sechziger- und Siebzigerjahre zurückkehren können.

So ansprechend diese Vision auch erscheint, sie tarnt lediglich das Fehlen strategischen Denkens auf Seiten jener der fortschrittlichen oder auch sozialdemokratischen Kräfte, die sie unterstützen. Der Aufstieg von Big Tech ist eine Folge und nicht die Ursache unserer politischen und wirtschaftlichen Krisen; wir werden sie nicht lösen, wenn wir Big Tech loswerden oder ihre Operationen einschränken.

Small und Humane Tech könnten hilfreich sein. Ohne eine übergreifende Vision und einen konkreten Plan für die Abschaffung von Survival Tech und die Aufnahme von Rebel Tech haben progressive Kräfte jedoch nicht viel über Technologie zu sagen – und damit leider auch nicht über die zeitgenössische Politik. Small Tech kann es sich nicht leisten, so kleinlich zu sein.

Wie die DFL den Bieter-Wettbewerb anheizen will

Anfang 2020 kommen die nationalen Bundesliga-Medienrechte für die vier Spielzeiten ab der Saison 2021/22 auf den Markt. Das Ziel der Deutschen Fußball-Liga muss es sein, die Erlöse für die begehrten Rechte erneut in die Höhe zu treiben. An welchen Stellschrauben hat die Liga-Organisation dafür bei der Ausschreibung gedreht?

Gefühlt war es erst gestern, dass mit Eurosport und DAZN zwei neue Player die Bundesliga-Berichterstattung aufnahmen. Dabei ist es in Wirklichkeit bereits zwei Jahre her. Und vielleicht wird bald schon wieder alles anders, denn: Ab der Saison 2021/22 wird für vier Spielzeiten lang ein neuer Rechtezyklus gelten.

Der Ausschreibungsprozess ist bereits gestartet: Zu Beginn des Jahres hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) das vorläufige Konzept beim Bundeskartellamt vorgelegt, von dort wurde es an ausgewählte Marktteilnehmer verschickt. Diese können das Papier nun kommentieren, anschließend geht die DFL in die Detaildiskussion mit dem Kartellamt. Das Magazin Sponsor’s veröffentlichte die Pläne vor wenigen Wochen im Detail. Demnach soll der Pitch Anfang 2020 starten.

Die Vergabe der nationalen Medienrechte für die vier Spielzeiten von 2017/18 bis 2020/21 bringt der DFL insgesamt 4,64 Milliarden Euro beziehungsweise durchschnittlich 1,16 Milliarden Euro pro Saison. Das bedeutet ein Wachstum von rund 85 Prozent gegenüber dem vorherigen Zyklus. Natürlich muss es das Ziel der Liga sein, ihre Medienerlöse weiter zu steigern, will sie künftig auch international konkurrenzfähig bleiben. Die Strategen um Holger Blask, DFL Direktor für Audiovisuelle Rechte, und Geschäftsführer Christian Seifert haben die nächste Ausschreibung daher an entscheidenden Stellen verändert.

Stellschraube Nummer eins
Bei der 1. Bundesliga sind statt wie bislang fünf nur noch vier Live-Pakete für das Pay-TV vorgesehen. In den Paketen enthalten sind die Live-Konferenzen am Samstag sowie in den englischen Wochen (Paket A), die Einzelspiele am Samstagnachmittag beziehungsweise Dienstagund Mittwochabend (Paket B), das Top- Spiel am Samstagabend (Paket C) sowie die Freitags- und Sonntagsspiele (Paket D).

Das Kalkül dahinter: Durch eine Verknappung des Angebots werden Live-Rechte attraktiver, was die Preise in die Höhe treiben soll. Wer also ernsthaft um Bundesliga-Live-Rechte pitchen will, muss dafür ordentlich in die Tasche greifen. „Hier können, sollen und müssen Sky und andere potenzielle Bieter wohl All-in gehen“, sagt Marcus Hochhaus, Managing Partner bei der Beratungsfirma Sportheads.

Das eröffnet nicht zuletzt finanzkräftigen Online-Unternehmen die Möglichkeit, mit einem hohen Gebot für eines der Pakete endlich Live-Rechte an der Bundesliga zu ergattern. „Zum Beispiel könnte Amazon nach der Testrunde mit den Radiorechten mit dem Erwerb eines Paketes einen Wirkungstreffer im deutschen Markt erzielen“, so Hochhaus. Auch DAZN-Deutschlandchef Thomas de Buhr hatte bereits angekündigt, dass man sich die Live-Pakete genau ansehen werde – sofern es wirtschaftlich darstellbar sei.

Stellschraube Nummer zwei
Künftig soll es ausreichend sein, die Live-Bilder der Bundesliga auf mindestens zwei Verbreitungswegen zur Verfügung zu stellen. Es wäre also theoretisch möglich, nur Web-TV und Mobile-TV zu bedienen. „Für den Erwerb eines werthaltigen Pakets müssen die OTT-Anbieter nun nicht mehr mit einem Drittanbieter zwecks Verbreitung über Satellit oder Kabel zusammenarbeiten“, so Hasenbein. Das vergrößert den Handlungsspielraum für digitale Plattformen enorm.

An diesem Thema zeigt sich, wie sehr sich der Markt seit der letzten Ausschreibung geändert hat. „Grundsätzlich bevorzugt die Ausschreibung ‚große‘ Anbieter, wobei der Verbreitungsweg nichts über die Größe aussagt“, so Hasenbein. „Amazon, DAZN/Perform, Pro Sieben Sat 1 oder auch RTL gelten sicherlich nicht als ‚kleine‘ Anbieter, wenn sie bei der Ausschreibung Ernst machen.“

Stellschraube Nummer drei
Weiteres Erlöspotenzial gibt es bei den Highlight-Rechten. Hier hat die DFL wohl vor, das Paket, das derzeit DAZN hält und eine On-Demand-Berichterstattung ab 40 Minuten nach Spielende ermöglicht, in Pay- und Free-Rechte zu splitten. Demnach hätten bis zu drei Käufer die Möglichkeit, nach dem Wochenende nicht-exklusiv und frei zugänglich Bundesliga-Highlights zu zeigen.

Saboteure im Internet der Dinge

Eine zerstörerische Schadsoftware treibt im Internet of Things ihr Unwesen. Hinter den Angriffen wird ein Teenager vermutet.

Aggressive Angriffe
Laut dem für das Softwareunternehmen Akamai tätigen Sicherheitsforscher Larry Cashdollar wurde Silex vor zwei Tagen aktiv und hat innert weniger Stunden 2000 IoT-Geräte unbrauchbar gemacht. Angriffe würden auf sämtliche Unix-artige Systeme abzielen. Dabei versuche die Malware, sich über die voreingestellten Identitäten und Passwörter Zugriff auf die Systeme zu verschaffen.

Einmal eingedrungen, löscht Silex Firewalls und die Netzwerkkonfiguration, überschreibt Daten und schaltet das attackierte Gerät aus. Der Ausfall des Geräts ist für Nutzer nicht notwendigerweise als Resultat eines Hackerangriffs zu erkennen, sondern kann aussehen wie ein Hardwareproblem. Bestenfalls kann die Funktionsfähigkeit durch eine Reinstallation der Firmware wiederhergestellt werden.

In die Welt gesetzt hat die Schadsoftware gemäss dem Bericht ein 14-jähriger Coder, der unter dem Pseudonym «Light Leafon» auftritt. Der Teenager habe angegeben, das Projekt aus Langweile begonnen zu haben und es nun jedoch mit noch weiteren Schadfunktionen verbessern zu wollen.
Zerstörerische Therapie

Der jüngste Angriff ähnelt insbesondere einer Attacke, die im April 2017 als „Brickerbot“ bekannt wurde. Auch dabei war die Zerstörung ungesicherter IoT-Geräte das Ziel. Insgesamt soll «Brickerbot» bis Ende 2017 etwa zehn Millionen Geräte beschädigt haben. Der Entwickler des Codes hatte seinen Zerstörungsangriff auf das IoT als „Chemotherapie für das Internet“ bezeichnet. Agierend unter dem Namen „The Doctor“, wollte der Coder nach eigenem Bekunden das Internet von unsicheren Systemen befreien, die Cyberkriminellen als Einfallstor dienen würden.

Googles Chrome-Update macht Metered-Paywalls das Leben schwerer

Bislang war es Publishern möglich, jene Nutzer herauszufiltern, die mit dem Inkognitomodus im Chrome-Browser versuchten, eine Paywall zu umgehen. Damit macht Google nun bald Schluss.

Konkret erlaubte die FileSystem API im Chrome-Browser über Jahre das zuverlässige Erkennen von Nutzern, die eine Webseite im Inkognitomodus ihres Browsers ansteuern. Wichtigstes Features dieses Modus: Es werden keine Cookies erstellt. Für eine “reguläre” Webseite insofern ein Problem, als dass nicht mehr zielgenau Werbung ausgespielt werden kann.

Folgenschwerer ist der Geheim-Modus für Publisher mit einer Metered-Paywall. Denn eine solche Webseite erkennt eigentlich auf Basis von Cookies, wie viele Artikel ein Nutzer gelesen hat, um ihm dann nach einer bestimmten Menge den Zugriff zu verwehren und ihn vom Abschluss eines kostenpflichtigen Zugangs zu überzeugen. Mit dem Aufkommen neuer Paywalls nahm in jüngster Vergangenheit auch die Zahl von Browsererweiterungen zu, die sich den “Inkognito-Hack” zunutze machten.

Das hatten auch Publisher, darunter die “New York Times”, die “Washington Post”, der “Boston Globe” und die “Los Angeles Times”, erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen: Sogenannte Inkognito-Detektiv-Skripte waren auf Basis der FileSystem API in der Lage, jene Nutzer im Inkognitomodus herauszufiltern und ihren Zugriff zu blocken. Ein für Ende Juli angekündigtes Update für Chrome ändert das grundlegend.

Was für Publisher ein Weg war, um die Zahl der Digitalabonnenten zu erhöhen, betrachtetet Google als Sicherheitslücke, die geschlossen werden muss. Getreu dem Motto: Ein Inkognito-Modus, der von anderen erkannt werden kann, ist nicht wirklich inkognito.

Aus Sicht der Publisher reißt Google damit allerdings wieder ein Loch in den Paywall-Zaun, das man mühsam geflickt hatte. Einigen Medien war es sogar möglich, über diese Inkognito-Blocker Nutzer zu Abonnenten zu konvertieren.

Das Chrome-Team begann laut Medienberichten Ende April damit, die Änderungen zu testen. Etliche Publisher hatten sich bereits im Februar bei Google darüber beschwert. Anlass war, dass erstmal ein Chrome-Entwickler vorschlug, die Änderung zu testen. Laut der News Media Alliance, quasi der VDZ bzw. BDVZ der USA, wusste Googles News-Partnership-Team nichts von den Tests.

Dass sich Publisher mit den Veränderungen befassen und gegebenenfalls ihr Business anpassen müssen, steht außer Frage. Denn Chrome ist mit weitem Abstand der meistgenutzte Browser weltweit: 69 Prozent verwenden die Google-Software auf dem Desktop, 59 Prozent auf dem Smartphone.

Wirklich belastbare Zahlen zur Nutzung des Inkognito-Modus gibt es hingegen nicht: Eine Studie von Duck Duck Go aus dem Jahr 2017 ergab, dass 46% der Internetnutzer mindestens einmal im privaten Browsermodus gesurft waren, aber nur etwa 11% der Befragten nutzten ihn wöchentlich – in erster Linie, um zu vermeiden, dass “peinliche Suchen” auf ihren Geräten gespeichert wurden. Stichwort: Pornografie.

Mit dem Update auf die neue Version, Chrome 76, wird sich zeigen, wie hoch die Dunkelziffer wirklich ist. Die Konsequenzen sind noch nicht wirklich abzusehen. Fakt ist aber: Die Metered-Paywall wird damit zunehmend obsolet, wenn immer mehr Nutzer den Inkognito-Modus kennenlernen und Publisher wiederum keine Möglichkeit haben, diese Nutzer herauszufiltern.

Eine Beta-Version von Chrome 76 steht bereits zur Verfügung – ebenso wie umfangreiche Guidelines, wie sich damit Paywall umgehen lassen. Piano, einer der größten Paywall-Provider weltweit, sieht dem Update aber gelassen entgegen: “Trittbrettfahrer sind nicht derart wertvoll; es ist eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie jemals bezahlen werden, also warum nicht”, erklärt Michael Silberman, SVP Strategy bei Piano, gegenüber WNIP.

Ein weiteres geplantes Update für den Chrome-Browser beschert Google ebenfalls heftige Kritik – allerdings seitens der Entwickler-Community. Der Konzern hat erst kürzlich die Pläne für das neue Chrome-Manifest bestätigt. Dabei geht es Google ebenfalls vorrangig darum, die Sicherheit der Nutzer im Browser zu erhöhen. Allerdings hat das Auswirkungen auf Werbeblocker. Das sorgt in der Entwickler-Community für “erhöhten Gesprächsbedarf”.

Konkret geht es um eine neue Programmierschnittstelle, die die webRequest API ersetzen soll, die bislang von den Werbeblockern verwendet wurde. Die webRequest API erlaubte es, den Ladevorgang einer Webseite komplett zu stoppen. Währenddessen prüfte die Browser-Extention den Inhalt dieser Seite und konnte so beispielsweise Werbung entfernen. Zu diesem Zweck gewähren Nutzer der Software die Berechtigung, jegliche Netzwerkanfragen abzufangen. Das will Google unterbinden.

So soll in Folge die “Declarative Net Request API” auch die “webRequest API” ablösen. Größter Unterschied: Die neue Programmierschnittstelle stellt einer Erweiterung nicht mehr den vollständigen Inhalt einer Website zur Verfügung, sondern verfährt vielmehr nach einem Regelwerk, das der Browser liest und auf jede Website anwendet, bevor sie geladen wird. Die Folge: Die Erweiterung erhält keine Daten mehr von der Webseite, die Änderungen nimmt der Browser vor. Das greift natürlich die Kernfunktionalitäten eben jener Adblocker an. Gleichwohl spielt es dem Konzern in die Karten, der in erster Linie mit Onlinewerbung Geld verdient. Die Kritik an den geplanten Änderungen ist laut.

So sieht es ganz danach aus, als ob Google mit Blick auf den Chrome-Browser künftig weniger Daten zur Verfügung stellt – zum Vorteil der Nutzer, aber zum Nachteil ganzer Ökosysteme.

Medienkonzerne setzen auf Web-Portale und „Streaming-Champions“

Egal ob ProSiebenSat.1., Axel Springer oder die RTL-Gruppe: Alle Medienhäuser investieren in neue Erlösquellen neben ihrem klassischen Geschäft mit Fernsehsendern oder Zeitschriften und Zeitungen. Dabei setzen sie vor allem verstärkt auf eigene Videoinhalte für ihre Online-Streaming-Dienste, streben eine bessere Vernetzung von TV und Online für ihre Werbekunden an und wollen ihre digitalen Rubrikenportale ausbauen.

Die Konkurrenz fürs TV-Programm, etwa in Form von Netflix, Amazon Prime oder Apple TV, gewinnt vor allem viele junge Zuschauer für sich. Außerdem wandern Werbekunden zu Google oder Facebook ab, statt ihre Anzeigen im Fernsehen oder der Zeitung zu schalten.

Kooperation in Sachen Werbung
ProSiebenSat.1 will mit seiner jüngst gestarteten Streaming-Plattform Joyn der Konkurrenz etwas entgegensetzen. Zum Beginn wirbt Joyn unter anderem mit der dritten Staffel der Serie „Jerks“ mit Christian Ulmen und Fahri Yardim um Zuschauer.

RTL hatte bereits zuvor begonnen, seinen Streaming-Dienst TV Now deutlich auszubauen. In Sachen Werbevermarktung wollen die beiden Rivalen bald auch gemeinsam Geschäfte machen: Sie gründeten eine Plattform, die Kunden zielgenauere Werbung ermöglichen soll. Das Vorhaben steht allerdings noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch das Bundeskartellamt.

Über seine Nucom Group ist ProSiebenSat.1 sowohl auf Dating-Portalen als auch auf anderen Online-Plattformen vertreten, zum Beispiel bei Verivox, wo Verbraucher Tarife etwa im Bereich Energie, Versicherungen und Finanzen vergleichen können. Das Portalgeschäft des Medienkonzerns macht rund ein Fünftel des Umsatzes aus. In den nächsten rund fünf Jahren peilt Unternehmenschef Max Conze eine Verdopplung der Erlöse der digitalen Handelsplattformen an.

Was am Ende von den Einnahmen übrig bleibe, seien aber im Vergleich zum klassischen Werbemarkt „fast Peanuts“, wie Aktionärsvertreterin Daniela Bergdolt von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz bei der Hauptversammlung kritisierte.

Stepstone ist ein Wachstumstreiber
Der Medienkonzern Axel Springer setzt nicht zuletzt auf Online-Portale für Immobilien und Jobs. Die Stellenbörse Stepstone ist ein Wachstumstreiber. Durch die Rubrikenangebote, die unter der Unternehmenssparte Classifieds Media zusammengefasst werden, will das Medienunternehmen („Bild“ und „Welt“) das rückläufige Geschäft im Zeitungsbereich ausgleichen.

Gleichzeitig hofft der Konzern auf zunehmend mehr Kunden bei den Digitalabos von „Bild plus“ und „Welt plus“. Mit seinen digitalen Aktivitäten erzielte der Konzern im vergangenen Jahr mehr als 70 Prozent seines Umsatzes und mehr als 80 Prozent seines bereinigten Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen.

Springer-Chef Mathias Döpfner will das Digitalgeschäft in Zukunft noch stärker vorantreiben und den Medienkonzern zu einem „weltweit führenden Anbieter von digitalem Journalismus und digitalen Rubrikenangeboten“ machen. Der geplante Einstieg des Finanzinvestors KKR, der für mindestens fünf Jahre am Unternehmen beteiligt bleiben will, soll dabei helfen.

RTL fährt eine andere Strategie
Von den drei großen auf dem deutschen Markt aktiven Medienhäusern hält sich nur die RTL-Gruppe bei Rubrikenangeboten zurück. Die Luxemburger, deren Deutschlandzentrale in Köln ist, fahren eine andere Strategie. „Total Video“ heißt die Unternehmenslosung, was für eine Ausrichtung auf Videoinhalte steht.

Zentral dafür ist der Ausbau der Streaming-Plattform TV Now. RTL-Chef Thomas Rabe will in den europäischen Ländern mit starken Senderfamilien, wie Deutschland und Frankreich, „nationale Streaming-Champions“ aufbauen. Dabei soll auch die eigene Filmproduktionsfirma Fremantle helfen, bei der zum Beispiel die Fantasy-Serie „American Gods“ entsteht.

Dass Investitionen in neue, digitale Angebote nicht immer von Erfolg gekrönt sind, zeigt die Entwicklung von Stylehaul. RTL hatte seine Anteile an dem auf YouTube aktiven Netzwerk aus Mode- und Beauty-Bloggern 2014 erhöht und es 2017 vollständig übernommen – insgesamt gab der TV-Sender dafür rund 100 Millionen Euro aus. Weil das Geschäftsmodell nicht aufging, soll Stylehaul nun in der zweiten Jahreshälfte 2019 eingestellt werden. Stattdessen will sich RTL auf die Berliner Videovermarkter Divimove und die schwedische United Screens konzentrieren.

Der Wettlauf um Ideen und Innovationen rund um die Videovermarktung wird durch Quibi angeheizt: Der Videodienst will die Lücke zwischen YouTube und Netflix füllen und Filme auf das Smartphone zuschneiden. Hinter Quibi stehen der Filmproduzent Jeffrey Katzenberg, der die Dreamworks Animationsfilmstudios mitgründete und das grüne Monster „Shrek“ in die Kinos brachte, und die ehemalige eBay- und HP-Chefin Meg Whitman. „Etwas Cooles kommt aus Hollywood und dem Silicon Valley“, kündigt die Webseite des Unternehmens aus Los Angeles an. In den Ohren traditioneller Fernsehsender dürfte es eher nach einer Drohung klingen.

Gekaufte Wahrheiten auf Wikipedia?

Wer eine Reise plant, sucht das Ziel meist auf Google. Das Bild, das die Suchmaschine in ihrer Trefferliste anzeigt, entstammt Wikipedia. Denn Google extrahiert Informationen aus der Online-Enzyklopädie, um möglichst genaue Ergebnisse anzeigen zu können. Diesen Mechanismus hat sich die Werbeagentur des Outdoor-Ausrüsters „The North Face“ zunutze gemacht: Sie platzierte im Wikipedia-Eintrag eines brasilianischen Nationalparks ein Werbefoto, das einen Wanderer mit North-Face-Produkten vor malerischer Landschaft zeigt. Wer also nach dem Nationalpark googelte, sah: Schleichwerbung.

Auch bei anderen Landschaften wie den Cuillin Hills in Schottland oder Huayna Picchu in Peru schmuggelte die Agentur Werbematerial in Wikipedia-Artikel. Und brüstete sich hinterher in einem Video damit: „Wir haben die Resultate gehackt, um einen der schwierigsten Orte der Welt zu erreichen: die Spitze der weltgrößten Suchmaschine.“ Danach hagelte es Kritik von allen Seiten.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Online-Lexikon Ziel von PR-Kampagnen wird. Vor einigen Wochen hatte ein Nutzer unter dem Namen „Verlagsleitung BILD Gruppe“ im Wikipedia-Eintrag zur Bild am Sonntag kritische Absätze gelöscht und werbliche Aussagen hinzugefügt. Zum Beispiel: „Ziel der Bild am Sonntag ist es, bereits am Sonntag die Themen zu setzen, über die Deutschland in der Woche spricht.“ Außerdem wurden die Auflagenverluste aufgehübscht. Der Fall, den das Watchblog bildblog.de publik gemacht hat, zeigt, wie anfällig Wikipedia für Manipulationen ist. Zwar konnte die ursprüngliche Version wiederhergestellt werden, was auf ein robustes Moderations- und Deliberationsverfahren hindeutet, ein Hinweis unter der Rubrik „Kritik“ sorgt für Transparenz. Dennoch sind bezahlte Autoren, Paid Editors, ein ernsthaftes Problem für die Glaubwürdigkeit der Enzyklopädie.

Wikipedia ist eines der basisdemokratischsten und partizipativsten Wissensprojekte, die es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hat: Jeder kann an dem Lexikon mitschreiben. Das ist aber zugleich das Problem: Denn nicht jeder tut dies aus idealistischem Motiv wie die tausenden ehrenamtlichen Editoren. Unternehmen heuern reihenweise PR-Schreiber an, die in ihrem Auftrag Wikipedia-Einträge schönen oder kritische Textstellen entfernen. Und Agenturen wie Wiki-PR oder WikiExperts haben sich auf das Erstellen und Ändern von Wikipedia-Artikeln spezialisiert.

Eine Recherche des Journalisten Marvin Oppong zeigt, wie Unternehmen, Verbände und Politiker verifizierte Accounts systematisch nutzen, um Wikipedia-Artikel zu manipulieren. Er beschreibt, wie der WWF Deutschland im Juli 2015 den Wikipedia-Eintrag über den globalen Dachverband WWF änderte. So wurde etwa die Kritik an der Vertreibung indigener Völker abgeschwächt. Und er beschreibt, wie die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag wegen „spamartigen Einsetzens von Weblinks“ sogar auf der Vandalismus-Meldeseite landete.

Oppong hat bereits 2014 in einer Studie für die Otto-Brenner-Stiftung den Einfluss von Konzernen auf das Lexikon untersucht. So wurde von einer IP-Adresse, die dem Energiekonzern RWE zuzuordnen ist, Änderungen an den Wikipedia-Einträgen „Kernkraftwerk Biblis“, „RWE“ und „Brennelementbehälter“ vorgenommen.

Aus „Export von Atommüll“ wurde „Rückführung von Brennstäben“, aus „Störfall“ ein „meldepflichtiges Ereignis“. Im Artikel „Daimler AG“ wurden von einer firmeneigenen IP-Adresse Passagen zur NS-Vergangenheit des Automobilherstellers gelöscht.

Peter Wuttke ist Profi für diese Art der Imagepolitur. Mit seiner Agentur „Einfach machen Hamburg“ hat er „Auftragsedits“ für zahlreiche Unternehmen durchgeführt wie Edeka, Holidaycheck, Vorwerk und den Burda-Verlag. Auf der Agenturwebseite heißt es über Wuttke: „Mit seinem Know-how berät er Unternehmen, wie sie ihr Unternehmen unter Berücksichtigung aller Wikipedia-Regeln seriös darstellen können.“ Wuttke schreibt in der deutschsprachigen Wikipedia auch unter dem Pseudonym „Atomiccocktail“, wo er nach Recherchen von Oppong entgegen seiner Behauptung auch Aufträge annimmt.

Für den Glücksspielanbieter Lottoland legte „Einfach machen Hamburg“ im Juni 2017 einen Artikel an. Das ist nur in einem winzigen Vermerk in der Versionsgeschichte ersichtlich: „Paid Edit. Auftraggeber ist Lottoland Limited, Gibraltar.“ Denn die in dem Steuerparadies registrierte Gesellschaft ist in Deutschland nicht lizenziert. Der Versionsgeschichte ist zu entnehmen, wie „Einfach machen Hamburg“ immer wieder versucht, den Glücksspielstaatsvertrag, der Lottoland an einer Konzession hindert, zu diskreditieren. Werbelinks werden als Referenz getarnt, schönfärberische Korrekturen vorgenommen, Leser, die neutrale Informationen erwarten, getäuscht.

Die Wikipedianer wehren sich, indem sie die Änderungen immer wieder rückgängig machen. Doch die PR-Schreiber sind hartnäckig – und revidieren ihrerseits die Änderungen. So geht das hin und her wie in einem endlosen Ping-Pong-Spiel.

Schon 2006 warnte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales: „Das große Problem mit Paid Editing auf Wikipedia ist nicht, dass jemand Geld fürs Schreiben bekommt, sondern dass dies einen offenkundigen Interessenkonflikt und den Anschein von unangemessenem Verhalten erzeugt.“ Wales hatte damals mit dem Dienst MyWikiBiz telefoniert, der Wikipedia-Artikel für weniger als 100 Dollar anbot.

2012 wurde bekannt, dass der PR-Berater Roger Bamkin seinen Posten als Wikimedia-Vorstand nutzte, um seinen Kunden, das Fremdenverkehrsamt Gibraltar, prominent auf der Startseite von Wikipedia zu platzieren. Im August 2012 tauchte das kleine britische Überseegebiet gleich 17 Mal in der Rubrik „Schon gewusst?“ auf. Nach dem Skandal musste Bamkin gehen, 2014 hat Wikipedia seine Regeln verschärft: Bezahlte Auftragsarbeiten müssen offengelegt werden. Geändert habe sich seitdem nicht viel, kritisiert die Arbeitsstelle Wiki-Watch von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder): Die Pflicht für bezahlte Schreiber, sich als solche auszuweisen, habe „keine substanzielle Besserung gebracht“.

Bei Wikimedia Deutschland sieht man das gelassener. „Seit dem Start von Wikipedia gab es immer wieder Versuche, auf den Inhalt Einfluss zu nehmen“, teilt Sprecher Jan Apel auf Anfrage mit. PR-Aktionen wie die Bearbeitungen des Wikipedia-Artikels zur Bild am Sonntag seien zwar „eine Belastung für die Freiwilligen-Community, die sich möglichst großer Neutralität in ihrer Darstellung der Welt verschrieben“ habe.

Sie zeigten aber auch, „wie effektiv das Community-Prinzip vor Einflussnahme und Beschönigung schützt“. Freiwillige hätten „schnell reagiert und nicht-neutrale Bearbeitungen zurückgesetzt“. Wikipedia habe nicht den Anspruch, stets „alleingültiges Wissen“ darzustellen. „Die Community aus ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren ist es, die das Rückgrat bei der Einhaltung und Durchsetzung der Wikipedia-Prinzipien bildet.“

Das Problem ist nur: Die Online-Enzyklopädie verliert Autorinnen und Autoren. Die Zahl der Artikel, die Wikipedia selbst als veraltet kennzeichnet, steigt. Immer weniger Menschen haben Zeit und Lust, Artikel zu schreiben oder Vandalismusversuche abzuwehren. Das Lexikon steckt also in einem Dilemma: Es muss nolens volens PR-Schreiber ins Autorennetz integrieren.

NewsGuard: Dubiose US-Firma spielt Medienwächter

Im Kampf gegen „Fake News“ will NewsGuard entscheiden, was Leser glauben dürfen. Doch die bisherigen Bewertungen wecken Zweifel an der Neutralität.

Falschmeldungen und Desinformation gelten als große Bedrohung für die Demokratie. Ausländische Mächte könnten damit Verwirrung stiften und Wahlen manipulieren. Kurz vor den Wahlen zum EU-Parlament nahm das US-Unternehmen NewsGuard nun auch hierzulande als neuer Wächter seine Arbeit auf.

Bis Ende Juni sollen 90 Prozent der insgesamt 150 in Deutschland als wichtig eingestuften News-Websites erfasst sein. Zehn Mitarbeiter werden anhand von neun Kriterien den „guten“ Seiten ein grünes Häkchen und den „schlechten“ ein rotes Ausrufezeichen verpassen. Zum Team, das die Einstufungen vornimmt, gehören auch Studenten mit nicht abgeschlossener journalistischer Ausbildung.

Beurteilungskriterien sollen unter anderem sein, ob journalistische Standards eingehalten, Fehler regelmäßig korrigiert, die Besitzverhältnisse offengelegt und die Autoren der Beiträge genannt werden. Allerdings nimmt NewsGuard nur eine Quelleneinstufung vor und keine Prüfung der Fakten. So passiert es durchaus, das Falschmeldungen auf „vertrauenswürdigen“ Seiten ein grünes Häkchen bekommen und wahre Meldungen auf „verdächtigen“ Seiten ein rotes Warnschild.

Noch befindet sich das Projekt in der Startphase. Bislang hat nur Microsoft in seinem Edge-Mobile-Browser die Bewertungen lizenziert. Weitere Erweiterungen bietet NewsGuard für Chrome, Firefox und Safari an.

Werbung als Hebel
NewsGuard ist in den USA bereits seit August 2018 aktiv. Rund 50 Beschäftigte bewerten dort 2000 Nachrichtenseiten, die der Firma zufolge für 96 Prozent des englischsprachigen Informationsangebots in den USA stehen. Neben Deutschland gibt es weitere Ableger in Großbritannien, Italien und Georgien. Bis Ende des Jahres soll ein Großteil Osteuropas hinzukommen.

Für einzelne Nutzer ist der Dienst kostenlos. Dennoch will das Unternehmen bald Gewinn erwirtschaften. Größter Geldgeber ist laut „New York Times“ die Werbeholding Publicis. Mit der Transparenz, die NewsGuard von Nachrichtenseiten einfordert, nimmt es das Start-up selbst nicht so genau: Finanzielle Unterstützung gewähren neben Microsoft weitere nicht genannte Stiftungen und Investoren. Zahlen sollen künftig vor allem Werbefirmen, die ihre Online-Reklame nicht neben fragwürdigen oder gar terroristischen Inhalten wiederfinden möchten. Für die bewerteten Webseiten birgt das im Umkehrschluss die Gefahr, Werbeeinnahmen zu verlieren, sollten sie von NewsGuard kein grünes Häkchen bekommen.

Ein genauerer Blick in die bisherigen Bewertungen weckt Zweifel an der Neutralität. So wird die Website von Donald Trumps Lieblingssender „Fox News“ mit sechs von neun möglichen grünen Häkchen als vertrauenswürdig angepriesen. Noch besser kommen die für ihre reißerischen Schlagzeilen und ihren lockeren Umgang mit der Wahrheit berüchtigten britischen Boulevardblätter „The Sun“, „Daily Mirror“ und „Daily Mail“ weg. In Deutschland erreicht Bild.de acht von neun möglichen grünen Häkchen. Das kritische Bildblog.de, das der Bild-Zeitung nahezu täglich grobe Recherchefehler nachweist, wurde bislang nicht eingestuft.

In den USA warnt NewsGuard zwar vor „Breitbart“, attestiert der rechtspopulistischen Postille aber immerhin, dass sie keine wiederholten Lügen verbreiten oder irreführende Überschriften verwenden würde. Die negativen Bewertungen konzentrieren sich ansonsten auffallend häufig auf eher linksliberale und russlandfreundliche Webseiten wie die Enthüllungsplattform „Wikileaks“, das US-Portal „Daily Kos“ oder die Seite von „Russia Today“. Selbst die Medienkritiker „Media Matters“ wurden in vier von neun Kriterien negativ bewertet. Die Seite hatte unter anderem „Fox News“ in einer Studie zahlreicher Falschmeldungen überführt.

Die politische Ausrichtung von NewsGuard spiegelt sich in dessen Advisory Board wider. Hier finden sich illustre Leute wie der ehemalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, der frühere CIA-Direktor und einstige NSA-Chef General Michael Hayden, George W. Bushs Homeland-Security-Minister Tom Ridge sowie Elise Jordan, ehemalige Redenschreiberin von Condoleezza Rice – Personen, die bislang nicht als journalistische Tugendwächter aufgefallen sind, sondern als Spezialisten für militärische Aufgaben und die nationale Sicherheit der USA.

Huawei verspricht allen Kunden das volle Android-Programm

Aktuelle Smartphones des chinesischen Herstellers sollen trotz des geplanten Google-Boykotts die nächste Version von Android bekommen. In einigen Ländern verspricht der Konzern sogar eine Geld-zurück-Garantie.

Der Smartphone-Hersteller Huawei müht sich, Nutzer und Käufer seiner Geräte zu beruhigen. Auf seiner Webseite www.huaweiantwortet.de macht das Unternehmen nun eine Zusage für Nutzer der neueren Smartphones: Sie sollen auch die nächste Version des mobilen Betriebssystems von Google mit der Bezeichnung Android Q bekommen. Das gilt für 17 Modelle, unter anderem auch für die P30-Serie und für das Mate 20 Pro.

Nach Angaben von Huawei werden alle Smartphones des Herstellers auch in Zukunft Zugang zu den Anwendungen bekommen, den sie in der Vergangenheit hatten. Die Smartphones und Tablets von Huawei werden demnach auch weiterhin Sicherheits-Patches und Android-Updates bekommen.

Der chinesische Konzern reagiert damit auf eine deutlich gesunkene Nachfrage nach den Huawei-Geräten außerhalb Chinas. Unternehmensgründer Ren Zhengfei sprach in der vergangenen Woche von einem Verkaufsrückgang von etwa 40 Prozent außerhalb Chinas.

Damit dürfte Huawei das Ziel verfehlen, noch in diesem Jahr Samsung von Platz eins der größten Smartphone-Hersteller der Welt zu verdrängen, wie es ursprünglich geplant war. Zuletzt hatte Huawei den US-Konzern Apple von Platz zwei verdrängt.

Huawei steht auf schwarzer Liste
Nachdem US-Präsident Donald Trump im Handelsstreit mit China den nationalen Notstand in der Telekommunikation ausgerufen hatte, nahm das Handelsministerium Huawei auf eine schwarze Liste der Unternehmen, mit denen US-Firmen ohne Genehmigung keine Geschäfte mehr machen dürfen.

Das betrifft zum einen Chiphersteller wie Qualcomm und Intel, aber auch Software- und Diensteanbieter wie Google und Facebook. Google hatte angekündigt, seine Dienste künftig nicht mehr für Huawei-Smartphones und -Tablets zur Verfügung zu stellen. Derzeit läuft ein dreimonatiger Aufschub dieser Maßnahme.

Nutzer von Huawei-Geräten befürchten seitdem, auf wichtige Apps, darunter Gmail und Google Maps, aber auch Facebook, WhatsApp und Instagram, sowie auf Android-Updates verzichten zu müssen. Huawei widerspricht dem auf seiner Webseite.

In anderen Ländern geht Huawei noch einen Schritt weiter, um die Kaufzurückhaltung zu brechen. So verspricht das Unternehmen auf den Philippinen, den Gerätenutzern den Kaufpreis zurückzuzahlen, wenn sie nicht mindestens zwei Jahre lang weiter Zugang zu Googles Play Store, Gmail, YouTube, Facebook, Instagram und WhatsApp bekommen.

Vielleicht gibt es doch noch Geld
Das Versprechen gilt demnach sowohl für Smartphones als auch für Tablets von Huawei, die auf den Philippinen verkauft wurden oder sich bereits im Handel befinden. Mehr als 30 Handelspartner beteiligen sich an dem Programm.

Eine solche Geld-zurück-Garantie hat der Konzern für Deutschland noch nicht eingeführt. Intern werden derzeit verschiedene Optionen durchgespielt. Zu konkreten Plänen wollte man sich nicht äußern.

Trotz aller Garantien und Versprechungen arbeitet Huawei längst an einer Android-Alternative. Das System mit der Bezeichnung Hongmeng soll Huawei zufolge in wenigen Monaten einsatzbereit sein und wird in China bereits getestet.

Ob ein solches System allerdings auch außerhalb Chinas Erfolg haben könnte, ist fraglich. Dort werden Google-Dienste wie Gmail oder der Google Play Store von Nutzern nicht vermisst, weil sie in der Volksrepublik gar nicht verfügbar sind. Viele Smartphone-Nutzer erledigen ihre Alltagsaufgaben über die Anwendung WeChat. Das darunter liegende Betriebssystem spielt dabei keine große Rolle.

Ein Podcast speziell für Muslime

Ungewohnte Einblicke mit einer Wettbewerbssiegerin: Merve Kayikci produziert den ersten Podcast speziell für Muslime.

Jeder hat das schon mal erlebt, beim Nachdenken über Sprache: wie sich ein Begriff mehr und mehr ins Gehirn bohrt und mit Bedeutung auflädt. „Mashallah!“ ist so ein Wort. Ein arabischer Ausruf, der auf Deutsch „Wie Gott wollte“ oder „Wie es Gott beliebte“ bedeutet. In dem Sinne lässt sich der Ausruf mit „großartig“ übersetzen, er wird in der Regel verwendet, um Dank, Anerkennung und Freude für eine Person oder ein Ereignis auszudrücken. Viel Semantik also. Verheißungsvoller konnte Merve Kayikci ihren Podcast nicht nennen, mit dem sie im Mai den von Deezer und der re:publica ausgeschriebenen Wettbewerb „Originals gesucht“ gewonnen hat.

Seitdem ist die 24-Jährige in Sachen Podcast unterwegs. Podcasts haben einen neuen Boom des Geschichtenhörens ausgelöst, fiktional, dokumentarisch, als Ratgeber. Ständig werden neue Formate befördert. Umso erstaunlicher, dass dabei noch keine Produktion für Muslime herausgekommen ist, ähnlich dem, wie es Constantin Schreiber mit der deutsch-arabischen Sendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ fürs Fernsehen gemacht hat. Nun also „Maschallah!“ – in der Eindeutschung ist ein Buchstabe hinzugekommen –, dabei will Merve Kayikci mit Klischees brechen, indem sie Muslime aus dem Alltag erzählen lässt.

Kopftuch, geschminkt, stylishe Kleidung – wenn man Merve Kayikci gegenübersitzt und sie erzählen hört, vermittelt sich dieses Gefühl: in beziehungsweise zwischen zwei Welten zu sitzen. „Ich trage immer Kopftuch, ich finde aber auch, dass man ohne Kopftuch eine gute Muslimin sein kann.“ Sie zeige mit ihrem Outfit, dass sie Westeuropäerin, Deutsche ist. Dass sie in beiden Welten lebe, in Mühlacker geboren.

„Ich bin stolze Baden-Württembergerin. Als Muslim in einer Region lebend, die nun nicht gerade von Moscheen geprägt ist, bekommst du einen anderen Zugang zu deinem Glauben und zur deutschen Gesellschaft.“ Bekannt wurde sie 2013 mit dem Blog primamuslima. Später hat sie Journalismus in Stuttgart studiert, geschrieben für „Spiegel online“ und „Politico“. Derzeit absolviert Merve Kayikci in Aarhus ein „Europe in the world“-Programm, ist aber hauptsächlich in Deutschland unterwegs, um bis zum Starttermin im Herbst den Muslim-Podcast für Deezer fertigzustellen.

Die Kosten werden, über das Preisgeld von 5000 Euro hinaus, vom Streamingdienst getragen. Sie sucht Themen und Gäste. Diese seien bislang „leider alle weiblich“. Vorschläge für interessante Männer wären gut. „Ich kenne natürlich nicht alle Muslime in Deutschland, mir ist es wichtig, ihre Vielfalt abzubilden.“ Sie wolle dabei auch über „unerhörte Sachen“ sprechen, über Vegan-Sein oder über Sexualität. „Aber nicht aus einer Empörungsperspektive. Ich möchte nicht, dass jetzt alle Muslime anfangen, ihre wilde Seite zu entdecken. Sie sollen sich so zeigen können, wie sie sind.“

Klar, professionell soll es natürlich auch sein. Deezer will einen guten Podcast haben. Dafür steht Katrin Rönicke, die Produzentin, sehr podcast-erfahren. Merve ist für die Inhalte verantwortlich. „Ich bin sehr gut vernetzt, via Facebook, Instagram und Twitter mit 5000 Followern. Aber bei den meisten ist diese Brille schon da. Meine Aufgabe ist es, die Brille abzulegen und nicht die Leute zu befragen, die schon von 30 Journalisten befragt wurden.“

Ihre Podcast-Hörer, Muslime und Nicht-Muslime, sollen mitbekommen, dass Muslime genauso facettenreich sind wie andere Menschen. „Wir wollen Menschen eine Bühne geben, die über Sachen sprechen, die sie normalerweise nicht gefragt werden.“ Cem Özdemir zum Beispiel sei schon oft interviewt worden. „Zum Thema Türkei würde ich mit ihm nicht reden, eher darüber, ob er wirklich Muslim ist oder nicht, und welche Rolle Religion in seinem Leben spielt.“

In gewissem Sinne ist das dann auch Fortbildung für Kollegen. Sie habe in ihrem Blog öfters schon Journalisten kritisiert wegen ihrer Berichterstattung über Muslime. „Die fragen mich dann: ,Wie sollen wir es denn machen?’ Dann sage ich: ,Macht’s einfach normal.’ Oder demnächst: ,Höre dir meinen Podcast an, dann siehst du, wie man es richtig macht.’“

Mascolo: US-Internetfirmen bedrohen mit ihrem Kurs die Demokratie

Der renommierte Journalist Georg Mascolo schreibt US-Internetgiganten wie Facebook eine Mitschuld dafür zu, dass sich auch in Deutschland immer mehr Menschen von Fake News beeinflussen lassen. Das Geschäftsmodell von Facebook sei es, bei seinen Nutzern gezielt auf Emotionalisierung zu setzen. Der Konzern registriere durch das Verhalten des Einzelnen, wofür sich ein Mensch interessiere, was er anschaue und kommentiere, sagte der Ex-“Spiegel“-Chefredakteur und jetzige Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ am Freitag beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund. „Kurz gesagt: Wenn Sie sich für Müll interessieren, wird Ihnen auch verlässlich immer mehr Müll zugestellt.“ Dadurch würden diese Menschen auf den großen sozialen Plattformen automatisch von mäßigenden Einflüssen abgeschnitten, „von anderen Meinungen und vielleicht auch von der Wahrheit“.

Mascolo sagte, die US-Internetgiganten erklärten stets, „keine Medien zu sein und deshalb auch keine Verantwortung zu übernehmen“ für das, was auf ihren Plattformen stattfinde. „Aber keine Verantwortung zu übernehmen, ist auch eine Haltung, und zwar immer die falsche.“

Die sich beschleunigende Verbreitung von Fake News sorge dafür, dass die Demokratie an sich in Gefahr gerate. „Lange haben wir gedacht, dass Cyberattacken sich gegen unsere Strom-, Elektrizitäts- und Wasserversorgung richten würden. Nun stellen wir fest, dass sie auch eine Bedrohung sind für die kritischste Infrastruktur, die wir in unserem Land haben: und das ist die Demokratie selbst.“

In einer Gesellschaft dürfe „jeder seine eigene Meinung haben, aber nicht seine eigenen Fakten“. Der Kampf gegen gesellschaftszersetzende Akteure und der Kampf für verlässliche Informationen sei nicht weniger wichtig wie der Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung und zu sauberem Wasser, sondern ein „Grundrecht“.

Native Advertising: Erkundungen in den Grauzonen der Medienwirtschaft

Etliche Medienhäuser verbreiten Werbung, die sich visuell kaum von redaktionellen Beiträgen unterscheidet. Das Internet hat ihnen neue Spielmöglichkeiten eröffnet. Damit setzen sie jedoch ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel.

Gabor Steingart, ehemaliger Chefredaktor und «Handelsblatt»-Herausgeber mit prononcierten Ansichten, hält wenig von Werbung in den Medien. Diese Art von Medienfinanzierung passe nicht mehr in unsere Zeit, sagte er jüngst dem Fachorgan „Horizont“. Weiter meinte er: „Ich kenne keine Leserin und keinen Leser, die sich Sponsored Content, Native Advertising, gekaufte Themenbeilagen und Schleichwerbung wünschen.“

Steingart ist derzeit dabei, in Berlin mit Unterstützung von Axel Springer ein Medienunternehmen neuen Typs aufzubauen. Was er genau vorhat, ist derzeit noch eher rätselhaft. Doch sein Geschäft soll offenbar ohne Werbeeinnahmen funktionieren. Damit unterscheidet sich Steingarts Idee von der Praxis der meisten Medienhäuser. Zwar müssen die im Pressesektor groß gewordenen Verlage seit der Jahrtausendwende drastische Einnahmenverluste bei der Werbung verkraften, doch spielt diese immer noch eine bedeutende Rolle in ihrem Geschäft.

Sieht aus wie Journalismus
Um die Erosion des Werbegeschäfts zu stoppen, halten die Medienhäuser nach neuen Dienstleistungen für die Werbewirtschaft Ausschau. Vor etwa fünf Jahren tauchte ein vielversprechendes Losungswort auf: Native Advertising. Es geht hier um kommerzielle Kommunikation, die in einem „heimischen“ Umfeld erfolgen soll. Oder anders gesagt: Das Angebot sieht aus wie Journalismus, dient aber gleichzeitig geschäftlichen Zwecken von Dritten.

Einige Branchenbeobachter erkennen viel Potenzial in diesem Werbeverfahren. Der Weltverband der Verleger, WAN-IFRA, stellte kürzlich in einer länderübergreifenden Analyse fest, dass die Informationsanbieter im Jahr 2017 bereits 20 Prozent ihrer Werbeeinnahmen mit Native Advertising erwirtschaftet hätten. Dieser Anteil soll bis 2021 gar auf durchschnittlich 36 Prozent steigen.

„Heimische“ Werbung im Trend
Die Situation sieht allerdings in den einzelnen Medienunternehmen recht unterschiedlich aus. Einige geben an, bereits 50 bis 70 Prozent des Werbeumsatzes mit Native Advertising zu machen. Das sind überraschend hohe Zahlen. Die Umfrageresultate von WAN-IFRA muss man mit einer gewissen Vorsicht interpretieren, da es in der Branche keinen klar definierten Begriff für diese Werbeform gibt.

In der Schweiz jedenfalls ist die derzeitige Situation weniger spektakulär, als es die WAN-IFRA-Zahlen nahelegen. Aber man erkennt Wachstumschancen, wie auf Nachfrage bei größeren Medienunternehmen zu erfahren ist. Ringier zählt Native Advertising zum artverwandten Content-Marketing, dessen Umsatzanteil substanziell sei. 2018 betrug der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr 15 Prozent. Man rechnet im laufenden Jahr mit einer ähnlich hohen Steigerung.

Bei Tamedia liegt der Anteil an den Gesamteinnahmen im „einstelligen Prozentbereich“. Man äußert sich sehr zufrieden über die Entwicklung. Sogenannte Inhaltswerbeformen hätten in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen, und dieser Trend setze sich fort. Bei der NZZ, wo man ebenfalls den Begriff Content-Marketing vorzieht, liegt der Anteil bei einer tiefen einstelligen Prozentzahl, Tendenz steigend. Bei der Website Watson macht Native Advertising bereits einen relevanten Anteil aus. Das Segment wachse und werde zunehmend von der Werbewirtschaft nachgefragt, sagt Geschäftsführer Michael Wanner.

Unaufmerksame überlisten
Eine völlig neue Erfindung stellt Native Advertising keineswegs dar. In der vordigitalen Ära hieß die vergleichbare Werbeform „Advertorial“ oder „Publireportage“. Die entsprechenden Artikel pflegen ebenfalls einen journalistischen, informierenden Stil, der die Abwehrhaltung des Publikums gegenüber Werbung minimieren oder überlisten soll. Produktewerbung ist hier nicht das Ziel; vielmehr will man Aufmerksamkeit schaffen für ein Themenfeld, welches die Angebote eines Auftraggebers betrifft.

Dank den digitalen Techniken lassen sich nun Netzwerkeffekte erzeugen. Die Angebote sollen so gestaltet sein, dass die Nutzer Herzchen verteilen, Kommentare hinterlassen oder die Beiträge in ihren Freundeskreisen weiterverbreiten. Dies wiederum erhöht die Verweildauer der Konsumenten und stärkt die Beachtung der Botschaften. Gemäß Marktstudien sind entsprechende Wirkungen klar erkennbar.

In diesem Sinn scheint Native Advertising eine attraktive Alternative zur sogenannten Display-Werbung zu sein, der digitalen Version von Empfehlungsinseraten in der Presse. Das Geschäft mit dieser Werbeform harzt nämlich, wie die Verlage seit einiger Zeit erkennen müssen. In der Schweiz war der Umsatz im vergangenen Jahr erstmals gar rückläufig (–0,5 Prozent auf 263 Millionen Franken).

Die Verlage betonen, dass sie auch bei Native Advertising eine klare Trennlinie zwischen Redaktionellem und Kommerziellem ziehen. Sofern die Angebote für die jeweiligen Auftraggeber im eigenen Haus hergestellt werden, sind dafür separate Verlagsabteilungen zuständig. Eine Ausnahme stellt die Website Watson dar. Dort erstellen Redaktoren auch Native-Advertising-Angebote. Sie erfahren dabei aber nur, welches Thema sie bearbeiten sollen, nicht aber den Namen der Auftraggeber.

Verhaltenskodex der Branche
Die Medienbranche weiß, dass sie sich hier in einer heiklen Zone bewegt. Wenn sich im Publikum der Verdacht der Käuflichkeit und Intransparenz festsetzt, gefährdet dies die Glaubwürdigkeit der Redaktionen. Der Verlegerverband verfasste vor zwölf Jahren einen Verhaltenskodex. Gemäß diesem muss für den Medienkonsumenten „immer klar erkennbar“ sein, welche Beiträge in redaktioneller Unabhängigkeit entstehen und welche Inhalte kommerziell beeinflusst, also von Dritten bezahlt sind. Ferner dürfen Anzeigen durch ihre Gestaltung nicht den Eindruck erwecken, sie seien redaktioneller Bestandteil des Mediums. Im Zweifelsfall muss das Werbemittel „klar und in ausreichender Größe“ entsprechend gekennzeichnet werden.

Im selben Sinn hält auch der Presserat in der Richtlinie 10.1. fest: „Inserate, Werbesendungen und bezahlte oder durch Dritte zur Verfügung gestellte Inhalte sind gestalterisch von redaktionellen Beiträgen klar abzuheben.“

Der Presserat hat immer wieder auf Widersprüche zwischen Theorie und Praxis aufmerksam gemacht, in jüngster Zeit öfters. Mitte Mai kritisierte er eine in Tamedia-Zeitungen erschienene zweiseitige Publikation, die Swisscom finanziert hatte. Der im üblichen Redaktionslayout erschienene Artikel war oben groß mit „sponsored“ und darunter klein mit „Anzeige“ überschrieben. Rechts unten wurde festgehalten, dass der Beitrag vom Team „commercial publishing“ in Kooperation mit Swisscom realisiert worden sei. Diese Deklaration genügte dem Presserat nicht.
Der kommerzielle Hintergrund sei zu wenig sichtbar gemacht worden, schrieb das medienethische Organ. Zudem vermisste es die Kennzeichnung mit „Werbung“. Diesbezüglich urteilte der Presserat etwas beckmesserisch. Zumindest älteren Medienkonsumenten dürfte der Begriff Anzeige als Hinweis auf eine Werbebotschaft noch geläufig sein.

Großer Interpretationsspielraum
Die Frage, ab wann eine Werbebotschaft genügend klar deklariert ist, eröffnet in der Praxis viel Interpretationsspielraum. Wenn jedoch von Dritten finanzierte Beiträge im Layout der redaktionellen Angebote erscheinen, begibt man sich systembedingt auf eine Gratwanderung. Man rechnet bewusst mit der Unaufmerksamkeit des Lesers, der erst im Nachhinein erkennt, dass er bei der Lektüre eines jeweiligen Beitrags den redaktionellen Sektor verlassen hat.

Im Internet sind die Abgrenzungen noch schlechter als im Gedruckten erkennbar. Teilweise muss man sie mit der Lupe suchen. Eine einheitliche Kennzeichnung über die einzelnen Medien hinaus ist kaum erkennbar. Jedes Medium pflegt seine eigenen Codes. Bezahlte Beiträge sind teilweise mit einer Oberzeile gekennzeichnet, doch diese unterscheidet sich oft weder farblich noch gestalterisch von Oberzeilen redaktioneller Angebote. Englische Begriffe wie „paid post“, «brand studio» oder „native“ scheinen eher dazu zu dienen, die Tatsachen zu kaschieren.

Auffällig ist, dass die Kennzeichnung in Inhaltsverzeichnissen oft höchst diskret ist und eine deutlichere Deklaration erst nach dem Anklicken eines Beitrags erfolgt, womit der Konsument bereits zum bezahlten Produkt hin geschubst worden ist.

Intransparenz bei Suchmaschinen
Noch intransparenter sind die Verhältnisse bei Suchmaschinen. Wer ein Suchwort eingibt, erhält eine Liste von Ergebnissen, die keine gestalterischen Unterschiede zwischen redaktionellen Artikeln und Native Advertising machen. Nur wer die Internetadressen der einzelnen Beiträge seziert, vermag Unterschiede zu erkennen – wenn etwa in der Adressenwortreihe „native“, „brand studio“ oder „paid post“ auftaucht. Solche kleinen Unterschiede nimmt nur eine Minderheit wahr.

Diese Tricks sind kein Zufall, sondern gehören zum Werbekonzept und werden von Verlagen angeboten. Es geht genau darum, die Native-Advertising-Produktionen den journalistischen gleichzustellen, so dass sie bei Erfolg gar unter Rubriken wie „Meistgelesen“ auftauchen. Spätestens hier muss man feststellen: Diese Art von Werbung widerspricht den Normen, die sich der Schweizer Verlegerverband selber gesetzt hat.

Das Problem der Publisher mit Alexas “Flash Briefings”

Amazon hat mit der Einführung von Alexa vor rund vier Jahren ein neue Branche begründet: Voice. Etliche Publisher versuchen sich seit geraumer Zeit an den sogenannten „Flash Briefings“. Allerdings regt sich nun Kritik.

Egal ob Facebook, Instagram, Newsletter oder Webseite: Wo auch immer Publisher ihren Content verbreiten, wird die Performance auch analysiert. Eine Devise lautet: Kenne Deine Zielgruppe!

So beklagen sich aber Publisher angesichts von Alexas Flashbriefings über die spärlichen Daten, die Amazon ihnen zur Verfügung stellt. Alles, was sich abrufen lässt, sind die Installationen eines Flash Briefings sowie die Information, wie oft ein solches Briefing abgerufen wurde.

Wer da eigentlich zuhört, wie häufig und über welches Endgerät, dazu schweigt sich der Konzern trotz angeblich häufiger Anfragen seitens der Publisher aus. “Es ist sehr schwer zu verstehen, wen man erreicht”, sagte Bret Kinsella, Herausgeber von Voicebot. “Wir müssen als Unternehmen in der Lage sein, das Nutzungsverhalten zu verstehen. Wir brauchen auch Alter und Geschlecht unserer Nutzer.” Allerdings: “Es scheint keine Bewegung in der Sache zu geben, uns das auch zu ermöglichen.”

Dabei hat Amazon erst vor Kurzem angekündigt, seinen “Briefing”-Service weiter auszubauen: Ein neues Feature lässt Nutzer längere Nachrichten und Berichte anhören. “Long-form news” heißt die Funktion, die zum Start in den USA von Bloomberg, CNBC, CNN, Fox News, Newsy und NPR angeboten wird.

Zumindest laut einer Adobe-Studie soll die bisherige News-Funktion “Flash-Briefings” bei 46 Prozent der Befragten besonders beliebt sein. Für Alexa gibt es aktuell mehr als 5.000 sogenannte Skills aus dem Nachrichtensektor. Allerdings scheint den Nutzern die kurze Präsentation der Nachrichten nicht immer zu genügen. Ob dem so ist bzw. was Nutzern nun an dezidierten Skills bzw. “Flash Briefings” missfällt, weiß wohl nur Amazon.

Richtig rund scheint auch der neue Dienst nicht zu laufen: Fragen Nutzer Alexa zum ersten Mal nach Nachrichten, werden diese zunächst nach ihren bevorzugten Anbietern gefragt. Es gibt jedoch noch Konfigurationsprobleme, wie zwischen den Bereichen “Flash-Briefings” und “Long-form news” unterschieden werden kann. Wenn ein “Flash Briefing”-Nutzer nach den Nachrichten fragt, spielt Alexa die bereits gespeicherten Angebote ab. Sollen allerdings die ausgiebigen Berichte abgespielt werden, muss das Kommando spezifisch ausgerufen werden, also beispielsweise “Alexa, play the news from CNN”.

Das US-Unternehmen ist sich dieser Ungereimtheiten bewusst und möchte weiter an der Verbesserung des Angebots arbeiten. Dafür warte man allerdings das Kundenfeedback ab. Allerdings scheint Amazon dieses Feedback derweil nicht an die Developer der Skills bzw. die Publisher weiterzugeben. Es mangelt an Austausch, den ein so stetig wachsendes Ökosystem wie das von Alexa dringend bräuchte.

Einige Publisher gehen nach dem Trial-and-Error-Prinzip vor: Dadurch, dass sie täglich “Flash Briefings” produzieren, können sie besser verstehen, wann Nutzer auf den Service am liebsten zugreifen. Ein solches Vorgehen kann dabei helfen, den eigenen Service näher am Kunden auszurichten. Allerdings haben etliche Publisher auch ein Interesse daran, die neue Reichweite entsprechend zu vermarkten. Hierzu braucht es verlässliche, umfangreiche Daten, die Amazon bislang schuldig bleibt.

Wikipedia reißt Hierarchien nieder

Wikipedia erfüllt einen Traum: Wissen für alle. Kostenlos, mit einem Handstreich. Während Universitäten ihre Studierenden vor diesem ungehüteten Wissen warnen, bündelt Wikipedia seit nunmehr 18 Jahren uralte Menschheitsutopien, moderne Sehnsüchte und Zivilisierungsvisionen, vom Nürnberger Trichter bis zum schreibenden Bergbaukumpel. Das Wichtigste an diesem Wissenswunderwerk ist womöglich der Egalitätsfuror, mit dem es Hierarchien niederreißt.

Für die wenigsten Menschen war zuvor ein Lexikon in steter Reichweite. Nun aber haben alle die größte Enzyklopädie der Welt im Smartphone – in der Tasche. Da Wikipedia zu den am meisten genutzten Websites gehört, steht es nicht nur zur Verfügung, sondern verleitet ganz offensichtlich so viele Menschen wie noch nie zum Lesen eines Nachschlagewerks. Alles prüfe der Mensch. Wikipedia führt meistens weiter und manchmal sogar zurück an die Wurzeln: Wer sich etwa über die aufklärerische „Encyclopédie“ informieren will, findet auf Wikipedia gleich den Link zur sorgsam aufbereiteten Online-Ausgabe des Werks.

Wikipedia egalisiert aber auch die Produktion von Wissen. Wissen ist Macht – das wussten die privilegierten weißen Männer von Francis Bacon über Friedrich Nietzsche bis Michel Foucault. Wissen reglementiert das Handeln, Denken und Fühlen. Wer darüber bestimmt, welches Wissen geschöpft wird, wer Wissen selbst erzeugt und wer dirigiert, was als wissenswert gilt, der gehört zu den Mächtigen dieser Welt. Wikipedia unterhöhlt diese Herrschaftsbastionen.

Subversive Kraft
Die Volkswagen AG muss ertragen, dass ihre Betrügereien für alle nachlesbar sind, die Odenwaldschule wird ihre Missbrauchsfälle nie vergessen machen können. Hans Globke, Chef des Bundeskanzleramtes unter Adenauer, bleibt der Nachwelt als Antisemit und verbrecherischer Verwaltungsjurist der Nazis in Erinnerung – weil kein schöngefärbtes Parteienlexikon das öffentliche Gedächtnis prägt, sondern Wikipedia.

Überall wirkt die subversive Kraft von Wikipedia gegen alte Wissenshierarchien. Herkömmliche Enzyklopädien hatten natürlicherweise eine beschränkte Anzahl an Lemmata, die in aller Regel von einigen wenigen ausersehen wurden. Nun aber legt ein Handwerker einen Artikel über sein Fachwissen an, eine Doktorandin erklärt die Welt, und Nerds bringen ihre Spezialkenntnisse unter die Menschheit. Frauengeschichte muss kein Nischenthema bleiben, immer mehr Lebensläufe von People of Color sind zugänglich. Die Schlagworte auf Wikipedia wachsen täglich an, mittlerweile gibt es in deutscher Sprache über zwei Millionen Artikel, weltweit sind es fünfzig Millionen in 300 Sprachen.

Damit schwankt die selbstverständliche Souveränität von bildungsbürgerlichem Wissen. Als ein Eintrag zu Kate Middletons Brautkleid umgehend gelöscht werden sollte, erhob sich Protest. Warum sollte, was offensichtlich viele Menschen interessiert, nicht von Relevanz sein? Seither lässt sich in neun Sprachen nachlesen, dass im Mieder der von Sarah Burton entworfenen Robe die Nationen des Vereinigten Königreichs dargestellt sind; und zwar mit einer irischen Klöppeltechnik der 1820er-Jahre.

Das Verhältnis von Wikipedia zur Wissenschaft ist freilich ein spezielles. Früher gehörte zur arkanen Fachgelehrsamkeit ganz wesentlich ein feines Netz des Wissens darüber, wie Kenntnisse zu erwerben seien: In welchem Lexikon findet sich was, in welchem Institut steht dieses Lexikon, welche Abkürzungen kennzeichnen welches Nachschlagwerk? Allein diese doch rein technische Wissensaneignungskompetenz diente als unerbittliches Exklusionsinstrument. Mittlerweile steht Wissen nicht nur Hinz und Kunz und Krethi und Plethi in aller Fülle zur Verfügung, sondern es wird kaum noch eine Wissenschaftlerin geben, die nicht rasch für Jahreszahlen Wikipedia aufruft.

Doch Wikipedia ersetzt selbstverständlich keine Wissenschaft, denn die folgt einem anderen Code. Wikipedia kann kein akademisches Werk aufwiegen, es erinnert allenfalls daran, wie unklug es wäre, aus Arroganz das Internet zu meiden und Terrain im Wissensfeld zu verspielen. Die Online-Nachschlagewerke „Docupedia-Zeitgeschichte“ zum Beispiel oder das Deutsche Digitale Frauenarchiv bieten in ihrem beschränkten Feld ein problemorientiertes, strukturiertes Wissen, mit dem Wikipedia nicht konkurrieren kann. Ihre Wirkung erzielen sie aber nicht zuletzt dadurch, dass sie online und frei zugänglich sind. Klugerweise verlinken sie sich auf Wikipedia.

Gravierende Probleme
Richtig ist allerdings auch: Wikipedia hat mit gravierenden Problemen zu kämpfen. Manche Artikel sind veraltet (wenn auch nicht im Ausmaß wie die Einträge im Brockhaus mit Goldschnitt). Noch häufiger als in analogen Nachschlagwerken finden sich auf Wikipedia Fehler, denn die alten Gatekeeper des Wissens hatten ja einen durchaus purifizierenden Effekt; immerhin werden die Fehler online schneller getilgt. Besonders problematisch ist die Autorenschaft bei Wikipedia. Sie ist überwiegend männlich, oft von Welterklärungswillen beseelt, manche Autoren sind ermächtigt, Neueinträge zu löschen, und sie sorgen immer wieder einmal dafür, andere Stimmen doch nicht zu Wort kommen zu lassen. Und so mancher kühlt seinen Zorn und stillt seinen Neid, indem er Prominente oder Kollegen auf Wikipedia denunziert. Es fehlt an neuen Autorinnen.

Doch Wikipedia entwickelt sich weiter und schafft Regeln. Eine Löschung muss nun ausführlich diskutiert werden. Und von den Sünden anderer Plattformen wie Facebook oder Youtube ist Wikipedia nicht besessen: Es bietet keine Nazipropaganda im großen Stil und ist weitgehend frei von Verschwörungstheorien.

Alles in allem bleibt die Onlineenzyklopädie ein Mysterium: von einem Kollektiv für alle geschaffen, gratis, omnipräsent. Mit Wikipedia explodiert das Wissen. Die Allerweltsenzyklopädie bringt in Erinnerung, wie radikal Demokratie in ihrer Gleichheitsforderung ist. Und sie zeigt, wie wenig sich Gleichheit gerade in Wohlstandsgesellschaften auf Ökonomie reduzieren lässt – wenn Reichtümer wie Wissen einfach da sind wie die Luft zum Atmen.

Apple bekämpft Nepp mit Apps

Weil Software heutzutage nichts kosten darf, sehen sich manche Software-Entwickler gezwungen, beim Geldverdienen neue Wege zu gehen. Manchmal geraten sie dabei auf Abwege.

Apps für Android-Smartphones werden im Internet hauptsächlich über den Google-Play-Store vertrieben, für iOS-Anwendungen ist seit 2008 der App Store von Apple die erste Anlaufstelle. Apple publiziert keine Zahlen über die Umsätze des App Store, Branchenkenner vermuten aber, dass die kalifornische Firma im vergangenen Geschäftsjahr mit dem Online-Vertrieb von Software rund zwölf Milliarden Dollar umgesetzt hat. Die wichtigste Einnahmequelle für Apple ist der Verkauf von iOS-Hardware, von iPhones und iPads. Nicht zuletzt auch deshalb kann die Firma an der „Appzocke“ kein Interesse haben.

Das böse Wort von der „Appzocke“ verweist auf die Schattenseiten der neuen App-Ökonomie. Noch in den späten 1990er Jahren kostete Standard-Software für Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation knapp Tausend Euro Heute sind viele Anwender nicht mehr bereit für Software überhaupt etwas zu bezahlen. Doch so etwas wie Gratis-Software gibt es nicht. Wenn die Anwender nicht bezahlen wollen, dann muss halt ein Webetreibender einspringen. Oder der Anwender bezahlt mit persönlichen Daten. Manchmal bezahlt er auch mit seiner Kreditkarte, ohne es zu wissen, und gibt Geld aus für eine Software, die er gar nicht benutzt.

Dass krumme Geschäfte mit iOS-Apps oft vorkommen und ein grundlegendes Problem darstellen, bestätigt Apple mit der Ankündigung, dass die nächste Version des iPhone- und iPad-Betriebssystems Funktionen bieten wird, um sich gegen die „Appzocke“ zu wehren. Eine weitverbreitete unseriöse Verkaufsstrategie ist die „Abofalle“: Dem Anwender wird eine kostenlose Demo-Software angeboten, für die dann aber bezahlen muss, wer im Kleingedruckten den Hinweis übersehen hat, dass mit der Installation der Software ein Abonnement abgeschlossen wurde. Dieses Abo verlängert sich unter Umständen automatisch Jahr für Jahr, und für die Benutzung der Software werden Beträge von der Kreditkarte abgebucht auch dann, wenn die App gelöscht worden ist. Es gibt Berichte von Anwendern, die auf diese Weise im App Store vierstellige Beträge ausgeben haben. Beispielsweise kostete eine einst populäre iPhone-App namens „Crazy Ringtones“ 2600$ pro Jahr.

Die nächste Version 13 der iOS-Basissoftware bringt einen „Dark Mode“ und mehr Licht in die Randbereiche des App Store. „Dark Mode“ heißt eine Neuerung von iOS 13, auf die Apple besonders stolz zu sein scheint: Hier zeigt sich die Benutzeroberfläche größtenteils in dunklen Farben. Das soll abends die Augen schonen.

Viel wichtiger aber dürften die Veränderungen sein, die das Einkaufen im App Store betreffen: Es soll nicht mehr möglich sein, versehentlich eine App herunterzuladen, die dann Kosten verursacht. Insbesondere wird iOS 13 die Anwender warnen, wenn sie eine App löschen, die mit einem Abonnement verknüpft wird. Sie werden aufgefordert, auch das Abo zu kündigen.

BBC: Von allen Seiten gebeutelt

Im Drama um den EU-Austritt bleibt so manche Gewohnheit und so manche Institution, mit denen die Briten ihre Angelegenheiten regeln, auf der Strecke. Die traditionell gemäßigte Streitkultur ist durch hässliche Tiraden abgelöst worden, vor allem in den Netzwerken des Internets. Der Brexit reisst Gräben auf: zwischen Jung und Alt, urbanen Metropolen und der Provinz, weißen Briten und ethnischen Minderheiten und zwischen verschiedenen Bildungsschichten. Die britische Politik, lange gelobt für ihre pragmatische Lösungssuche, erscheint gleichzeitig chaotisch und regungslos. Den Volksparteien laufen die Wähler davon. Neue Parteien drängen in den Vordergrund: Die Rechtspopulisten von Nigel Farage wollen einen kompromisslosen Brexit erzwingen, die Liberaldemokraten den EU-Austritt abblasen. Die Positionen sind unvereinbar, aber beide Parteien kommen zu dem Schluss, dass das „System zerbrochen“ sei.

Die Kritik wird unberechenbar
Kein Wunder, gerät in dem Brexit-Sturm auch die British Broadcasting Corporation (BBC) ins Hintertreffen. Die vor 97 Jahren gegründete öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt gilt als Vorbild und Gradmesser für fairen Journalismus. Programmmacher sind gehalten, ausgewogen zu berichten und die Fakten nach bestem Wissen und Gewissen abzuwägen.

Kritik habe es immer gegeben, sagt ein erfahrener Präsentator der Sendeanstalt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Aber früher sei klar gewesen, woher die Beanstandungen gekommen seien, sagt er im Gespräch. Rechte Kreise hätten reklamiert, wenn die BBC kritisch über den Falklandkrieg oder den Nordirlandkonflikt berichtet habe, Linken seien Sendungen über die Friedensbewegung oder die Wahlplattform der Labour-Partei aufgestoßen. „Neu beim Brexit ist, dass wir gleichermaßen von beiden Seiten angegriffen werden“, sagt der Journalist, „und, dass die Vorwürfe auch vom politischen Zentrum her auf uns einprasseln.“

Ein solcher Kritiker ist Andrew Adonis. Der ehemalige Minister unter Tony Blair, der als Lord Adonis im Oberhaus sitzt, ist ein gemäßigter Labour-Politiker und Anhänger der britischen EU-Mitgliedschaft. Der 56-Jährige bezeichnet sich selber als Mainstream-Politiker. Aber wenn es um die BBC geht, wird er rabiat. Der Sender verletze die Neutralitätspflicht, räume Farage zu viel Sendezeit ein und habe wenig unternommen, um in der Brexit-Debatte auf den Unterschied zwischen Fakten und Lügen hinzuweisen.

Verschwörungstheorie eines Gemäßigten
Ginge es nach Adonis, müssten Moderatoren ihre Interviewpartner konsequent unterbrechen, wenn diese, wie vor drei Jahren Boris Johnson im Brexit-Abstimmungskampf, von wöchentlich 350 Millionen Pfund gefaselt hätten, die für den Nationalen Gesundheitsdienst ausgegeben werden könnten, statt nach Brüssel abzufließen. Auch die Behauptung, bald würden sieben Millionen Türken in den Genuss der Personenfreizügigkeit kommen, sei eine glatte Lüge gewesen.“Es wäre Aufgabe der BBC gewesen, die Behauptung jedes Mal zu widerlegen“, sagt Adonis. Tatsächlich taten BBC-Journalisten dies häufig, wenn auch nicht immer. Der Brexit-Propaganda wurde in BBC-Programmen und in der Öffentlichkeit widersprochen, niemand wurde unschuldig ihr Opfer.

Adonis geht so weit, der BBC die Schuld für den Brexit-Sieg im Referendum von 2016 zu geben. Unter dem Hashtag #BrexitBroadcastingCorporation führt er eine Kampagne gegen den Sender. Im letzten Jahrzehnt seien Euroskeptiker wie Robbie Gibb in die BBC „eingeschleust“ worden, sagt er. Gibb war Leiter der Parlamentsberichterstattung der BBC, bevor er 2017 als Theresa Mays Kommunikationschef ins Premierministeramt wechselte.

Laut Adonis gibt es zwischen Brexit-Hardlinern und der BBC einen „direkten Draht“. Als Beweis führt er an, dass der Rechtspopulist Farage schon 33 Mal in „Question Time“ aufgetreten sei, einer wöchentlichen Politiksendung am BBC-Fernsehen. Der Sender mache sich nicht nur einer euroskeptischen Tendenz schuldig; Farage werde auch so häufig eingeladen, weil er polarisiere und die Einschaltquoten hochtreibe. Das sei nicht Aufgabe der BBC.

Adonis fordert nichts Geringeres, als die BBC abzuschaffen und durch eine andere öffentlichrechtliche Anstalt zu ersetzen. „Wenn es zum Brexit kommt und dies auf die BBC zurückzuführen ist, sollten wir dem Unglück einen Riegel schieben“, sagt er. Er habe wegen seiner Haltung viele Freunde verloren. „Sie vertreten die Ansicht, die BBC sei besser als die Alternative, ein weiterer kommerzieller Sender. Aber wir haben die Alternative schon, sie besteht darin, dass die BBC von Brexit-Anhängern unterwandert wird.“ Die BBC weist die Vorwürfe zurück; über Brexit-Themen werde unparteiisch diskutiert, es werde ein Spektrum an Meinungen berücksichtigt, sagt ein Sprecher.

Programmmacher im Kreuzfeuer
Rechtskonservative Kreise stoßen ins gleiche Horn wie Adonis, aber andersherum. In einem letztes Jahr veröffentlichten Bericht nimmt der rechtsliberale Think-Tank Civitas die Berichterstattung über die EU und die Brexit-Debatte unter die Lupe. Danach äußerten sich in der morgendlichen News- und Hintergrundsendung „Today“ des BBC-Radios lediglich knapp über 3 Prozent der Interviewpartner zugunsten eines EU-Austritts des Landes. Die Analyse ist wenig aussagekräftig, da nicht jeder Beitrag über die EU die britische Mitgliedschaft in dem Bündnis behandelt. Außerdem untersuchen die Autoren das Programm von 2005 an, also bevor die Debatte über den EU-Austritt ernsthaft begann.

Auf festerem Grund stehen die Autoren bei der Analyse einer anderen Newssendung in den Monaten unmittelbar vor dem Brexit-Entscheid von 2016. Danach wurden BBC-Radiohörer häufiger den Meinungen von Gegnern des Brexits ausgesetzt (45 Prozent) als jenen von Befürwortern (30 Prozent; der Rest wurde als neutral eingeschätzt). Die Autoren untersuchten außerdem die Gewichtung von Interviewpartnern, die gegen die Mehrheitsmeinung in ihrer Partei argumentierten. Demnach kamen konservative Proeuropäer doppelt so oft zum Zug als linke Euroskeptiker. Der Befund überrascht niemanden: Es gibt – besser: gab vor drei Jahren – nun einmal mehr wirtschaftsfreundliche, proeuropäische Tory-Wähler als Altlinke, die die EU als Kapitalistenklub abtun bzw. abtaten.

Die Zukunft der Objektivität
Bei Veranstaltungen von Farages Brexit-Partei buht das Publikum aus voller Kehle, wenn Vertreter auf dem Podium höhnisch die Journalisten der BBC begrüßen. „Wenn in der BBC-Tagesschau vom Brexit die Rede ist, höre ich einfach weg“, meinte Anfang Mai die Teilnehmerin einer Kundgebung der Farage-Partei in Peterborough. Beim Bashing durch Brexit-Hardliner werden BBC-Journalisten nicht nur wegen ihrer Meinung angegriffen, sondern auch wegen ihrer sozialen Herkunft. Laut Rod Liddle, einem ehemaligen BBC-Mitarbeiter, der heute Kolumnen für das konservative Wochenmagazin „Spectator“ schreibt, stammen zu viele BBC-Journalisten aus dem Mittelstand und den wohlhabenden Metropolen. Als Folge werde die Anstalt durch den linksliberalen Mainstream unterwandert.

Von allen Seiten angeschossen – ist das nicht der Beweis, dass die BBC etwas richtig macht? Der eingangs zitierte Präsentator hält nichts von der Selbstgefälligkeit; sie verkenne, dass die Kritik aus unerwarteten Richtungen komme. Bei der täglichen Arbeit fühlten sich er und seine Kollegen und Kolleginnen nicht beeinträchtigt. Aber er befürchtet, die BBC werde beschädigt aus der Kontroverse hervorgehen, wenn sich denn einmal der Staub über den Brexit gelegt hat. Laut dem Journalisten ist das Brexit-Dilemma im Mitarbeiterkreis ein Thema, man diskutiere etwa darüber, ob man einem Brexit-Anhänger jedes Mal ins Wort fallen müsse, wenn er oder sie von staatlicher Souveränität spreche, als gäbe es diese in ungeteilter Form. „Man kann es nicht tun, die Interviews würden nirgendwohin führen.“

Auch auf Management-Ebene arbeitet die BBC an neuen Empfehlungen über Sinn und Grenzen der Unparteilichkeit. Bei welchen Themen und wie ist der Grundsatz anzuwenden? Bei der Transsexualität, dem Klimawandel, dem Brexit? Wie steht es bei der Nutzung von digitalen Netzwerken durch die Mitarbeiter? Die Debatte ist in vollem Gang.

Ludovic Le Moan fordert mit „Null G“ die Telekom heraus

Der Mobilfunk steht vor einem tiefgreifenden Wandel. In Europa, den USA und Asien wird über die Chancen der Zukunftstechnik 5G gesprochen. Der neue Standard soll immer bessere Netze ermöglichen. Das Netz soll alles mit allem verknüpfen können.

In den USA, China, Österreich und der Schweiz werden die Netze für den Echtzeitmobilfunk ausgebaut. In Deutschland ging die Versteigerung der Frequenzen vergangene Woche nach fast drei Monaten zu Ende. Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica versuchen, sich gegenseitig mit Ankündigungen für das Netz der Zukunft zu übertreffen.

Abseits des großen Wettrennens tüftelt ein europäisches Unternehmen an einer ähnlichen Idee – allerdings mit einem völlig anderen Konzept. Das Unternehmen aus Frankreich heißt Sigfox. Statt auf ein besonders schnelles Netz wie 5G setzt CEO Ludovic Le Moan auf einen besonders kostengünstigen Ansatz mit freien Frequenzen.

Die können zwar niemals mit der Geschwindigkeit von 5G mithalten – nicht mal mit den langsameren Generationen wie 4G oder 3G. Dafür verbraucht das Netz von Le Moan besonders wenig Strom und kann zu niedrigen Preisen genutzt werden. Folglich nennt er seinen Ansatz 0G statt 5G.

Der 55-Jährige sieht sich als Vorkämpfer: „Das ist die größte Wette für Europa seit einiger Zeit. Wir wollen ein weltumspannendes Netz für Telekommunikation erschaffen.“

Das klingt nach einer großen Herausforderung. Schließlich werden die Frequenzen für den Mobilfunk in den meisten Ländern der Erde teuer versteigert. Die Bundesnetzagentur überwacht die Auktionen in Deutschland. Bei der Vergabe der 5G-Frequenzen mussten die Firmen am Ende 6,5 Milliarden Euro zahlen.

Le Moan umgeht dieses Problem, indem er ein Niedrigfrequenznetz errichtet, für das er in vielen Ländern der Welt nicht extra Lizenzen erwerben muss. Das sind Frequenzen, die etwa auch für Autoschlüssel, Kopfhörer oder WLAN eingesetzt werden können. Dadurch muss Sigfox in der Regel kein Geld für die Nutzung der Frequenzen bezahlen.

Le Moan ist Ingenieur und beschreibt sich selbst als begeisterten Radio- und Funk-Fachmann. Schon lange habe er sich mit der Idee beschäftigt, die globalen Mobilfunknetze verändern zu wollen. Dann lernte er Christophe Fourtet kennen, der ebenfalls an neuen Funkkonzepten tüftelte und bereits die Idee zu einem globalen Netz entwickelt hatte.

Gemeinsam gründeten Le Moan und Fourtet 2010 Sigfox. Heute steht das Netzwerk in 60 Ländern. Das Unternehmen hat Niederlassungen in München, Madrid, Boston, Dallas, San Francisco, Dubai, Singapur, São Paulo und Tokio. Und bislang konnte die Firma bereits mehr als 300 Millionen Euro an Investorengeldern einsammeln.

Geringer Stromverbrauch
Der Vorteil von Le Moans Ansatz ist der geringe Energieverbrauch. Dank des Ansatzes von Sigfox lassen sich Millionen von Geräten verbinden, ohne dass ständig Batterien getauscht werden müssen. Der Nachteil des Konzeptes ist, dass sich nur sehr wenige Daten übertragen lassen. „Mit unserer Technik werden Sie niemals Videos übertragen können. Aber das wollen wir auch gar nicht“, sagt Le Moan.

Sein Ziel bestehe eher darin, viele kleine Geräte an ein Netz anzubinden, die nur selten Informationen übertragen müssen. Das können beispielsweise Rauchmelder sein, die in Tausenden Wohnungen verteilt sind. Es reicht, wenn die Sensoren eine Nachricht schicken, sobald ein Brand ausbrechen sollte. Zusätzlich könnten sie täglich eine Information senden, ob alles funktioniert oder Störungen vorliegen.

„Dank unserer Technik kann die Batterie in so einem Gerät mehrere Jahre halten“, sagt Le Moan. In Frankreich, Deutschland, Spanien und den USA betreibt Sigfox das Netz selbst. In anderen Staaten setzt Sigfox auf Partner, um das Netz auszubauen.

Mit geringen Kosten will Sigfox die Vernetzung von Milliarden von Geräten möglich machen. Von Mülleimern, die melden, sobald sie voll sind, über Feinstaubsensoren bis hin zu vernetzten Parkplätzen will Sigfox eine bessere Steuerung der Städte möglich machen. Firmen sollen Produkte entlang der Lieferkette verfolgen, Bauern die optimale Versorgung ihrer Felder mit Wasser und Dünger ermitteln können.

Damit dringt Sigfox in einen Bereich vor, den eigentlich die Netzbetreiber wie Deutsche Telekom, Vodafone oder Telefónica besetzen wollen. Auch sie hoffen auf die Chancen des Internets der Dinge. Auf der Hannover Messe stellte die Großkundentochter der Telekom, T-Systems, eine Reihe von Konzepten vor, wie die Vernetzung den Handel effizienter machen soll. „Wir werden alles mit allem verbinden können“, sagte T-Systems-CEO Adel Al-Saleh.

Mittlerweile haben die Netzbetreiber auch ein eigenes Konzept auf den Weg gebracht, um den Vormarsch von Sigfox zu stoppen. Mit einem Schmalbandnetz, auch Narrowband genannt, bieten die Netzbetreiber eine eigene Lösung, die sehr stromsparend ist. Und sie haben einen Vorteil, denn sie können auf ein bestehendes Netz zurückgreifen, um die neue Technik auszurollen. Sowohl die Telekom als auch Vodafone versorgen bereits große Teile Deutschlands mit ihrem Netz.

Antwort der Konkurrenz
Genau hier liegt ein Problem für Sigfox und andere Konkurrenten, die die etablierten Betreiber herausfordern. „Alle diese Netze sind im Aufbau und haben noch große Lücken. Das kann nun nicht anders sein“, sagt Telekommunikationsberater Bernhard Demuth. „Die Frage ist: Wie zuverlässig und motiviert und mit welcher Geschwindigkeit wird an dem Netz gebaut?“

Was Demuth beschreibt, ist das klassische Henne-Ei-Problem. Start-ups wie Sigfox brauchen ein weitverzweigtes Netz, um lukrative Dienste anbieten zu können. Dafür brauchen sie Kunden, um den Aufbau zu finanzieren. Doch die kommen vor allem dann, wenn es ein gutes Netz gibt.

Le Moan setzt auf Kooperationen, um das Netz zu erweitern. Nach eigenen Angaben ist das Empfangssystem der Firma in 60 Ländern „verfügbar“ und erreicht weltweit mehr als eine Milliarde Menschen. Künftig soll auch noch ein Satellit helfen, die Abdeckung zu verbessern. 2011 startete die erste Antenne in Frankreich. Heute sollen laut Firmenangaben mehr als sechs Millionen Geräte an das Netz angeschlossen sein. Speditionsfirmen wie Dachser, der Energiekonzern Total oder der Reifenproduzent Michelin sind Partner von Sigfox.

Das Wettrennen um die dominante Technik beim Internet der Dinge hat gerade erst begonnen. Sigfox will die großen Netzbetreiber herausfordern. Ob der Firma das gelingt, wird sie in den nächsten Jahren unter Beweis stellen müssen.

Verlorenes Sat.1-Jahr: Die Baustellen werden größer

Sat.1 war in der zurückliegenden Saison nicht vom Erfolg geküsst: Der Vorabend rutschte ins Bodenlose ab, neue Serien fielen beim Publikum durch und plötzlich schwächelte sogar „The Voice“. Größer war die Not in Unterföhring vermutlich selten…

Sollte man in Unterföhring davon geträumt haben, Sat.1 wieder ein Stück weit Richtung Zweistelligkeit treiben zu können, so hat man sich bitter getäuscht. Die zurückliegende Saison war für den Privatsender in gleich mehrerlei Hinsicht eine enttäuschende: In sieben von neun Monaten lag Sat.1 unter dem Vorjahreswert und in gleich fünf Monaten schaffte man nicht mal mehr acht Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. Die Gründe für die schlechte Performance sind vielfältig, doch am augenscheinlichsten ist die große Schwäche am Vorabend. Dort hat man sich inzwischen zwar komplett von der Scripted-Reality-Farbe getrennt, doch ab 18:00 Uhr stürzen die Quoten regelmäßig ins Bodenlose.

Auch nach Monaten haben die Sat.1-Zuschauer keinerlei Gefallen am Tandem aus „Endlich Feierabend“ und „Genial daneben – Das Quiz“ gefunden, an schlechten Tagen erzielen das Magazin und die Show nur Werte um drei Prozent. Selbst kleine Sender wie Nitro und ZDFneo liegen nicht selten vor Sat.1. Man kann Sat.1 nicht vorwerfen, hier keinen langen Atem bewiesen zu haben – doch belohnt wurde das nicht. Am gestrigen Dienstag wurde nun bekannt, dass zumindest für „Endlich Feierabend“ Ende Juli Schluss ist.

Das Problem: Was immer Sat.1 derzeit am Vorabend startet, es wird kaum wahrgenommen. Bestes Beispiel dafür war die Soap „Alles oder nichts“, die der Sender zu Jahresbeginn nach nur 50 Folgen aus dem Programm nahm, als die Marktanteile bei weniger als zwei Prozent lagen. Auch eine Weihnachts-Doku und eine Erfinder-Show brachten nicht den gewünschten Erfolg. Dass Sat.1 in der Bilanz nicht noch schlechter dasteht, hat man ein Stück weit der Konkurrenz aus Köln zu verdanken. Seit RTL am Nachmittag fast komplett auf Scripted Reality verzichtet, steigen die Quoten von „Auf Streife“ und „Klinik am Südring“, sodass zumindest hier vorerst kein Handlungsbedarf besteht. Hinzu kommt das „Frühstücksfernsehen“, das weiterhin hervorragend läuft.

Verlassen kann sich Sat.1 zudem am Wochenende auf Formate wie „The Biggest Loser“, „Das große Backen“ oder „Hochzeit auf den ersten Blick“. Doch das war’s dann auch beinahe schon mit den Stützpfeilern. Selbst „The Voice of Germany“ geriet in der zurückliegenden Saison in eine ernstzunehmende Krise und hielt sich zwischenzeitlich nur mit Mühe im zweistelligen Marktanteils-Bereich. Die latente „Voice“-Müdigkeit wirkte sich zudem auf die Ableger der Musikshow aus, zu denen inzwischen neben „The Voice Kids“ auch „The Voice Senior“ zählt. Die Senioren-Castingshow legte zwar einen guten Start hin, blieb zum Ende hin aber ebenso einstellig wie die jüngste Kids-Staffel. Das peinliche Finale, das ohne Coaches und große Bühne auskommen musste, machte die Sache nicht besser.

Wenig Erfolg für Serien- und Show-Neustarts

Auch der Wunsch, mit „Dancing on Ice“ neuen Schwung in den Sonntagabend zu bringen, erfüllte sich allenfalls bedingt. Dass die aufwendig produzierte Show ausgerechnet in der Dschungelcamp-Zeit lief, erschwerte das Unterfangen zusätzlich. Durchwachsene Quoten gab’s in aller Regel auch für die Shows am Mittwoch, der Neustart „Top Chef Germany“ fiel zudem komplett durch. Und auch die Show-Offensive am Freitagabend ist trotz mehrerer Neustarts vorerst verpufft. Bülent Ceylans „Game of Games“ geriet ebenso zur Enttäuschung wie „Big Blöff“ und auch die neue Balder-Show „Was für ein Jahr“ konnte mit den ersten beiden Folgen noch nichts reißen.

Damit nicht genug: „Die Martina Hill Show“ erwies sich nach gelungenem Start ebenfalls als Flop. Wie gut, dass sich Sat.1 auf Luke Mockridge verlassen kann, dessen Shows weiterhin funktionieren – sofern er denn auch selbst eine zentrale Rolle darin spielt. Die Parcours-Show „Catch!“ holte gute Quoten, als Mockridge selbst teilnahm, geriet später aber unter die Räder, als er nur noch abseits des Spielfelds zu sehen war. Hier müsste Sat.1 im Falle einer Fortsetzung also nachbessern.

Und dann waren da auch noch die Serien: Während die US-Produktionen inzwischen fast durchweg einstellige Marktanteile verzeichnen, versagten die beiden Eigenproduktionen „Einstein“ und „Der Bulle und das Biest“ auf ganzer Linie und erhalten daher auch keine Fortsetzung. Einmal mehr muss Sat.1 in diesem Segment also wieder bei Null beginnen. Etwas besser schlugen sich zumeist die zuletzt vom Dienstag auf den Montag geschobenen Spielfilme – zweistellige Marktanteile blieben aber auch hier die Ausnahme. Meistgesehener Film war der Auftakt zur neuen „Julia Durant“-Reihe, doch auch der blieb letztlich bei kaum mehr als acht Prozent Marktanteil in der Zielgruppe hängen.

Entsprechend bitter fällt das Saison-Fazit aus: Die bestehenden Baustellen haben sich vergrößert und Neues hat Sat.1 – anders als die Kollegen bei ProSieben – kaum etablieren können. Das Fragezeichen, was das Publikum bei Sat.1 sehen möchte, ist angesichts dessen größer denn je. Wie heißt es so schön: Eine wahrhaft herausfordernde Ausgangslage für den Herbst.

Google mit eigenem RCS

Unter dem Namen Rich Communication Services (RCS) ist bereits seit einiger Zeit ein offizieller Nachfolger für SMS und MMS spezifiziert. Die Idee dahinter: Im Gegensatz zu klassischen Messengern wie WhatsApp oder Signal soll RCS nicht an ein einzelnes Unternehmen gebunden sein, sondern auf Provider-Ebene implementiert werden.

Google will RCS künftig direkt in seinem SMS/MMS-Client Android Messages anbieten – und zwar unabhängig davon, ob der eigene Provider diesen Service auch unterstützt. Die neue Funktionalität soll in den kommenden Wochen zunächst Usern in Frankreich und Großbritannien zur Verfügung gestellt werden, bevor nach und nach andere Länder bedient werden. Dies berichtet The Verge, wo man von Google über die eigenen Pläne informiert wurde.

RCS bietet gegenüber SMS und MMS deutlich erweiterte Möglichkeiten, die mit klassischen Messengern vergleichbar sind. Es ist also möglich Videos und animierte Bilder zu verschicken oder auch Lesebenachrichtigungen zu erhalten.

Ganz generell ist einer der Kritikpunkte an RCS, dass Nachrichten zwar verschlüsselt übertragen werden, aber der jeweilige Anbieter theoretisch mitlesen könnte. Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist im offiziellen Standard nicht vorgesehen. Google versichert nun, dass man dafür eine Lösung finden wolle. In Zukunft könnten also RCS-Nachrichten Ende-zu-Ende-verschlüsselt werden – also zumindest solange beide Seiten Android Messages verwenden. Einen konkreten Zeitplan für die Verfügbarkeit eines solchen Features nennt Google derzeit ebenfalls nicht.

Wie Facebook mit eigener Kryptowährung seine Macht ausbaut

Schon jetzt ähnelt Facebook einem Staat mit riesiger Einwohnerzahl, eigenen Gesetzen, eigener Polizei und eigenen Diplomaten. Die eigene Währung, die das Unternehmen heute vorgestellt hat, passt dazu.

Am 18.06. hat Facebook seine Pläne für eine eigene Kryptowährung veröffentlicht. Diese wird – in Anlehnung an das lateinische Wort für frei – Libra heißen und zuerst für Zahlungen in Facebooks drei Messenger-Apps eingesetzt werden. Berichten zufolge ist aber geplant, die Währung auch außerhalb von Facebook zu handeln. Die beteiligten Unternehmen, darunter Uber und Ebay, dürften schließlich daran interessiert sein, ihre eigenen Zahlungsprozesse über diesen neuen Weg abzuwickeln.

Hierzu hat Facebook in Genf eine neue Organisation, die „Libra Association“, gegründet und für den Anfang rund 30 andere Unternehmen überzeugt, jeweils bis zu zehn Millionen Dollar zu investieren, um Teil des Libra-Ökosystems zu werden. Unter ihnen sind Zahlungsdienstleister wie Mastercard, Visa, PayPal und Stripe, aber auch Firmen wie Spotify.

Warum macht Facebook so etwas? Als Spekulationsobjekt wie Bitcoin taugt Libra jedenfalls nicht. Denn die Kryptowährung soll an mehrere echte Währungen gebunden werden, ein Libra-Token wird also immer einen definierten Wert in Euro haben. Zudem sollen die anfallenden Transaktionsdaten von den Werbeprofilen der Nutzer getrennt bleiben. Es geht Facebook also um mehr.

Facebook ist mehr wert als der Bundeshaushalt
Das Unternehmen übernimmt im Internet zunehmend eine quasi-staatliche Rolle: Der Facebook-Account kann zum Login oder zur Überprüfung der eigenen Identität genutzt werden, ähnlich wie ein Personalausweis. Die Regeln, die Facebook für Inhalte auf seiner Plattform definiert, setzen sich mitunter über nationale Gesetze und Normen hinweg und legen fest, welche Texte, Fotos oder Videos akzeptabel sind. Die Tausenden Moderatoren, die Facebook überall auf dem Planeten bezahlt, kommen Polizisten und Richtern gleich, wenn es um die Standards auf Facebooks Seiten geht. Facebooks Management um CEO Mark Zuckerberg verhandelt und kommuniziert mit Staaten und internationalen Organisationen auf einer Ebene – was allerdings für jeden Konzern gilt.

Mit fast 2,4 Milliarden aktiven Nutzern (Stand April 2019) ist das Konstrukt Facebook fast doppelt so bevölkerungsreich wie die Volksrepublik China. Der Wert der Facebook-Aktien am Markt beträgt mehr als 450 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt 2019 umfasst etwa 356 Milliarden Euro.

Facebook ist kein Staat, aber es ist aufgrund seiner Größe und seines Wertes als Unternehmen so einflussreich wie einer. Und nun schafft Facebook – mit der Unterstützung anderer – eine neue Währung, die perspektivisch überall im Internet gelten soll.

Diejenigen, die Facebook schon früher mit einem Nationalstaat verglichen haben, sprachen von einem Königreich oder einer Autokratie. Eine kleine Gruppe von Menschen entscheidet über die Regeln für Milliarden, ohne dass diese Einfluss oder das Recht auf Widerspruch hätten. Als Gesellschaft akzeptieren wir das, weil Facebook als Unternehmen gesehen wird, welches Dienstleistungen oder eine Plattform anbietet. Aber es scheint, dass mit dieser Charakterisierung seine Machtposition nur unzureichend beschrieben wird.

Nur das Konsortium wird Zugriff auf die Daten haben
Und es entsteht zunehmend der Eindruck, dass Facebook seine Machtposition nicht nur wahrnimmt, sondern bewusst ausbaut. Die neue Währung des Internets zu etablieren passt ins Schema. Sie wird nicht irgendeine Fantasiewährung sein, gedacht einzig für das Bezahlen von Anzeigen oder anderen Dienstleistungen. Der Ansatz, den das Unternehmen verfolgt, geht viel weiter. Es geht darum, den bestehenden politischen Strukturen, den Staaten und Staatsbündnissen ihre Gestaltungs- und Regulierungsmacht zu nehmen.

Dass die neue Währung auf Blockchain-Technologien basiert, ist dabei vor allem eine PR-Entscheidung: Es sollen der aktuelle Hype um Blockchain für Aufmerksamkeit genutzt und die Idee von Offenheit und Transparenz suggeriert werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nach dem aktuellen Kenntnisstand wird die Software, die eingesetzt werden soll, zwar im Quellcode offen sein, es werden aber nur Mitglieder der Libra Association, also des Konsortiums aus IT-Giganten und Start-ups, direkten Zugriff auf die Daten innerhalb der Blockchain haben.

Es wird aber interessant sein zu sehen, wie das Libra-Konsortium die praktischen Probleme von Blockchain-Systemen lösen möchte: Insbesondere die Tatsache, dass Transaktionen niemals gelöscht werden können, stellt sich in realen Blockchain-Systemen immer wieder als Problem heraus, wenn ungewollte oder betrügerische Transaktionen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Auch die Skalierung auf große Mengen von Transaktionen macht den Einsatz von Blockchains in der realen Welt architekturbedingt schwer. Und ob die Nutzer begeistert darüber sein werden, dass eine so große Zahl von Unternehmen Zugriff auf alle ihre Bezahlvorgänge haben wird, ist auch noch offen.

Die bequemste Lösung setzt sich durch
Was Facebook mit dem Libra-Projekt aufbaut, ist aber keine rein technische Lösung, sondern ein alternatives und weitgehend unreguliertes Bankensystem. Dass Visa, Mastercard und PayPal mitmachen, ist konsequent, da ihnen am Ende egal ist, wo sie als Gatekeeper für den Zugang zu Finanzdienstleistungen fungieren.

Auf den ersten Blick schmieden Facebook und andere Tech-Unternehmen nur eine wirtschaftliche Allianz, am Ende könnte eine neue Währung stehen, die nicht durch politische, geschweige denn demokratische Prozesse, sondern durch die Interessen der beteiligten Unternehmen gesteuert wird.

„Convenience is king“, heißt es: Die bequemste Lösung setzt sich durch. Wie viel bequemer wäre es, an der Supermarktkasse, im Restaurant, im Kino einfach mit dem Facebook-Account zu zahlen, ohne noch Kredit- oder EC-Karten mit sich herumtragen oder überhaupt besitzen zu müssen? Wie lange würde es dauern, bis diese digitale Währung ihren Weg in unseren Alltag findet? Was aus Bequemlichkeitsperspektive verlockend wirken mag, wird viel problematischer, wenn man sich die Frage stellt, wie garantiert wird, dass auf Transaktionen die korrekten Steuern abgeführt werden. Oder wie sichergestellt werden soll, dass die Libra-Tokens nicht zum Beispiel für Geldwäsche oder den Handel mit illegalen Waffen eingesetzt werden.

Das Libra-Projekt ist natürlich kein Selbstläufer und es besteht die Möglichkeit, dass es – wie so viele Blockchain-Projekte vor ihm – im Nichts verpufft. Was es aber illustriert, ist der wachsende Wille von Unternehmen wie Facebook, selbst quasi-staatliche Aufgaben und Machtpositionen einzunehmen und weiterzuentwickeln. Ohne dass die betroffenen Menschen eingreifen, mitreden oder Kontrolle ausüben können.

Ein Armband, das Gefühle verstehen soll

Freude, Trauer, Ärger: Amazon entwickelt ein Gadget, das menschliche Gefühle erkennen soll. Auch andere Unternehmen wollen Technik „emotionale Intelligenz“ verleihen.

Laut internen Dokumenten soll das Gerät am Handgelenk getragen werden. Über Mikrofone werde eine Software den Gefühlszustand des Trägers auswerten. Die Technik soll helfen, „effektiver“ mit den Mitmenschen zu interagieren – was auch immer darunter in der Lesart von Amazon zu verstehen ist. Unterschieden werde dabei zwischen „Freude, Ärger, Trauer, Angst, Langeweile“ und noch einem halben Dutzend anderer Empfindungen. Aus dem entsprechenden Patentantrag, der im vergangenen Jahr eingereicht wurde, geht hervor, dass Amazon seine Produktempfehlungen an die von „Dylan“ gelieferten Informationen anpassen könnte. Wer Freude empfindet, würde vielleicht ein Angebot für Popmusik oder ein Trampolin bekommen. Bei Sorge oder Trauer stünden wahrscheinlich rezeptfreie Stimmungsaufheller ganz oben auf der Liste.

Noch ist unklar, wie weit das Projekt mit dem Codenamen „Dylan“ bereits gediehen ist oder ob es jemals auf den Markt kommt. Bei Amazon lässt man den Entwicklern viele Freiräume für Gedankenspiele. Jede Idee, die nicht sofort wieder verpufft ist, scheint zum Patent angemeldet zu werden. In den letzten paar Jahren fand man etwa Skizzen zu autonomen Drohnenschwärmen, tunnelbasierten Liefersystemen oder Unterwasser-Logistikzentren auf der Liste. Die Einreichungen bewegen sich irgendwo zwischen ganz normaler Silicon-Valley-Hybris und 007-Superschurken-Niveau.

Dass Computer durch Videoaufnahmen oder Sprachaufzeichnungen die Gefühle von Menschen decodieren, ist in der Science-Fiction ein beliebtes Motiv. In der Realität nennt sich das Feld Affective Computing und scheint zu gleichen Teilen aus Psychologie, künstlicher Intelligenz und Voodoo zu bestehen.

Bislang war die Disziplin vor allem das Spielfeld von ambitionierten Start-ups und nicht von Tech-Monopolisten. Mittlerweile versprechen sich Unternehmer und Investoren aber ein Milliardengeschäft. Eine Firma, die sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht hat, nennt sich naheliegenderweise Affectiva. Sie verkündete vor Kurzem die Entwicklung einer neuen Software namens Human Perception AI. Man wolle der Technik „emotionale Intelligenz“ verleihen, so die Entwickler.

Dabei geht es nicht nur um basale Zustände wie Angst oder Ärger, sondern um komplexere Empfindungen. Dazu werden neben Sprache auch Gesichtsausdrücke analysiert. Die zuständigen PR-Abteilungen schaffen es dreist, das als Akt der Humanisierung darzustellen: Um noch nützlicher zu werden, müsse Technik in der Lage sein, ihre Nutzer auf einer tiefen menschlichen Ebene zu verstehen. Um die dabei aufkommenden ethischen Fragen werde man sich zu einem späteren Zeitpunkt kümmern.

Anders als bei Amazon zielt man bei Affectiva nicht nur auf schnöde Konsumentscheidungen. Sondern auf die totale Dekodierung menschlichen Empfindens. Durch die Omnipräsenz entsprechender Sensoren könnte ein Smartphone erkennen, ob sich der Nutzer wirklich konzentriert – so wie Autos ihre Fahrer jetzt schon überwachen und bei Müdigkeit warnen. Im für die Zukunft wahrscheinlichen Fall, dass es sich um ein autonomes Fahrzeug handeln sollte, wüsste das Vehikel auch, ob seinen Insassen aufgrund der Fahrweise schlecht wird.

Europa soll Internet Offensive starten

Ein Expertenrat der UN, angeführt von Melinda Gates und Jack Ma, schlägt vor, wie globale Internetprobleme zu lösen sind. Die Regierungen müssen sich bewegen. Für Deutschland und Europa bietet sich eine Chance.

Lässt sich das Internet global ordnen? Da das weltweite Netzwerk an vielen Stellen kränkelt, treibt diese Frage seit Jahren vor allem Politiker um. Entwürfe für Rahmenrechtsordnungen liegen zu Hauf auf dem Tisch. Nun hat sich ein von UN-Generalsekretär António Guterres berufenes Gremium mit einem weiteren Vorschlag für die Gestaltung des „Zeitalters der wechselseitigen digitalen Abhängigkeit“ gemeldet. Angeführt wird die Gruppe von Melinda Gates von der Microsoft Stiftung und Jack Ma vom Internetgiganten Alibaba. Wie viele ihrer Vorgänger glänzt die Gruppe mit exzellenter Diagnose. Die von ihr empfohlene Therapie birgt allerdings Klippen.

Die Internetwelt ist verletzlich. Das hängt mit ihrer Entstehungsgeschichte zusammen. Die Väter der Netzwerke wollten Daten grenzenlos von A nach B schicken. Kommunikationssicherheit war keine Priorität. Da unterschieden sich die Internetpioniere nicht von den Pionieren der Autowelt. Erst als die Zahl von Unfällen zunahm, wurden verbindliche Verkehrsregeln eingeführt. Beim Internet geht es um Macht und Geld. Auch dort verursachen Dysfunktionen Schäden, spalten Gesellschaften und treiben die Weltwirtschaft in eine Abwärtsspirale. Was die Verschmutzung der geistigen Umwelt, was Hetze, Zensur und Überwachung mit Menschen machen, kann man am Kulturverfall politischer Debatten ablesen.

Bald sind fünf Milliarden Menschen online und Trillionen von Objekten vernetzt. Da alles mit allem verbunden ist, wachsen die Fenster der Verwundbarkeit. Kein Mensch weiß, welche Folgen der Einsatz autonomer, internetbasierter Waffensysteme in einem hybriden Krieg hat. Niemand weiß, was passiert, wenn Sand ins Getriebe des Datenflusses kommt oder IP-Adressen und Domainnamen, Server und Router nicht mehr machen, was ihnen die Internetprotokolle sagen. Lässt man alles laufen, so die Experten, marschiert die Menschheit in ein digitales Desaster, das schlimmer sein kann als der Klimawandel.
Die Experten – zu denen der französische Nobelpreisträger Jean Tirole, die ehemalige Schweizer Präsidentin Doris Leuthard, Estlands Ex-Außenministerin Marina Kaljurand, der „Vater des Internets“ Vint Cerf und der frühere Icann-Chef Fadi Chehade zählen – geben fünf Empfehlungen: Jedermann soll bis 2030 ans Netz und von den Vorteilen des digitalen Zeitalters profitieren. Menschenrechte, Sicherheit und Vertrauen im Cyberspace sollen gestärkt und Mechanismen für eine globale digitale Zusammenarbeit geschaffen werden. Die Umsetzung der Empfehlungen soll sich auf neun universelle Werte – unter anderem Respekt, Menschlichkeit, Transparenz, Nachhaltigkeit und Harmonie – gründen. Alle sollen sich zu einer „Erklärung der wechselseitigen digitalen Abhängigkeit“ bekennen. Für die ins Auge gefassten „Mechanismen der digitalen Zusammenarbeit“ werden gleich drei Modelle zur Diskussion gestellt.

Das klingt gut, neu ist es nicht. Man muss der Gruppe aber Respekt dafür zollen, dass sie in turbulenten Zeiten Vorschläge unterbreitet, die mittelfristig an den Dogmen des internationalen Politikbetriebes rütteln. Dabei steckt der Teufel im Detail beziehungsweise die Innovation in den Nuancen. Das betrifft sowohl die völkerrechtliche Natur der vorgeschlagenen Instrumente als auch die Konstruktion der zur Debatte gestellten Mechanismen.

Der Bericht formuliert die klare Botschaft, dass man Regulierung braucht. Er sagt aber auch, dass die Zeit traditioneller völkerrechtlicher Verträge vorbei sei. Guterres sprach sich in New York natürlich gegen jede Form des Unilateralismus aus, der die Gefahr einer Fragmentierung des Internets in sich trägt. Der UN-Generalsekretär machte aber auch deutlich, dass der Multilateralismus der Zukunft nicht mehr nur eine Sache der Regierungen, sondern auch eine aller nichtstaatlichen Akteure sein müsse. Im Text des Berichts heißt es, dass „Multilateralismus“ und „Multistakeholderismus“ koexistieren und sich gegenseitig ergänzen.

Die Feststellung spiegelt die Wirklichkeit im Internet-Governance-Ökosystem wider. Regierungen verhandeln nach wie vor am liebsten nur untereinander. Das Multistakeholderprinzip ist nicht neu. Es wurde beim UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft 2005 eingeführt. Die meisten Regierungen sind aber bis heute nicht über das Lippenbekenntniss, sie unterstützten das Modell „an sich“, hinausgekommen. Wird es konkret, wird oft gekniffen. Eine gemeinsame Ausarbeitung zur Lösung einer Vielzahl von Internetproblemen setzt aber die Bereitschaft voraus, staatliche Entscheidungsmacht mit nicht-staatlichen Akteuren zu teilen. Doch welche Regierung teilt schon gern die Macht?

Regierungen müssten sich auch an die Idee eines neuen globalen Mechanismus zur digitalen Kooperation gewöhnen. Der UN-Bericht bietet drei Optionen: eine dezentrale Ko-Governance-Struktur; themenbasierte, aber vernetzte Miniorganisationen und eine Erweiterung des Internet Governance Forum, genannt „IGF Plus“.

Das IGF war vom UN-Weltgipfel 2005 als Multistakeholder-Diskussionsplattform geschaffen worden. Ein Verhandlungsmandat hat es nicht. Das IGF ist nützlich als Forum zur Klärung vieler Sachfragen. Es blieb aber ein Papiertiger, weil es kein Verfahren gibt, das die Ideen, die dort geboren werden, in zwischenstaatlichen Verhandlungen kanalisiert.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl zwischenstaatlicher Internetverhandlungen: In den UN geht es um autonome Waffensysteme, staatliche Verhaltensnormen und vertrauensbildende Maßnahmen im Cyberspace. Bei der Welthandelsorganisation WTO geht es um Datenhandel, im UN-Menschenrechtsausschuss um Meinungsfreiheit und Datenschutz im digitalen Zeitalter, und bei den G 7 und G 20 geht es um Künstliche Intelligenz. Obwohl im Internet alles mit allen verbunden ist, finden diese Verhandlungen isoliert voneinander statt. Das ist ein erhebliches Defizit des gegenwärtigen Systems. Ein „IGF Plus“ könnte helfen, die Verhandlungen zu verknüpfen und nichtstaatlichen Akteuren die Türen zu diesem sehr dezentral organisierten Verhandlungsprozess öffnen.

Das Experten-Panel war weise genug, seine Empfehlungen nicht gleich der UN-Vollversammlung zur Abstimmung vorzulegen. UN-Generalsekretär Guterres will eine weltweite Diskussion starten, die das Bewusstsein für die Dringlichkeit erweiterter digitaler Zusammenarbeit fördert. Ein neu zu ernennender UN-Technologie-Botschafter soll dabei helfen. Stichtag für das Ende der Diskussion ist der 24. Oktober 2020 – der 75. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen wäre ein gutes Datum für die Verabschiedung einer „Digitalen UN-Charta“, die nicht nur von den 193 Regierungen der UN-Mitgliedstaaten, sondern auch von wesentlichen Akteuren aus der Wirtschaft, Zivilgesellschaft und technischen Community mitgetragen würde.

Deutsche waren an der Arbeit des UN-Panels nicht direkt beteiligt. Überraschen kann das nicht. Deutschland hat sich bisher kaum als Internet-Champion hervorgetan. Für die Bundesregierung aber könnte der UN-Bericht ein Geschenk werden, wenn sie die Steilvorlage aus New York nutzt für einen Treffer in Berlin: Im November veranstalten die Vereinten Nationen ihr vierzehntes IGF in der deutschen Hauptstadt. Da könnte man ein Angebot unterbreiten, das die internationale Internet-Community nicht ablehnen kann. Das Engagement für einen Multi-Stakeholder-Pakt zum Schutz des öffentlichen Kerns des Internet wäre ein solches Projekt.

Beim 13. IGF im vergangenen Jahr in Paris brannte der französische Präsident Macron ein ganzes Feuerwerk von Vorschlägen zur Reglung des Internets ab. Herausgekommen ist immerhin der „Paris Call“, mit dem die Sicherheit im Netz gestärkt, und der „Christchurch Call“, mit dem der Missbrauch des Internets für Terrorismus eingedämmt werden soll. Das waren wichtige Schritte, weitere müssen folgen. Das Berliner IGF ist eine Möglichkeit, ein Stückchen Welt-Internet-Geschichte zu schreiben.

Wolfgang Kleinwächter ist emeritierter Professor für Internetpolitik der Universität Aarhus und Mitglied der Global Commission on the Stability of Cyberspace.

Zur Klarstellung! Erklärung österreichischer Chefredakteure

Vor vier Wochen veröffentlichten die „Süddeutsche Zeitung“ und „Der Spiegel“ das sogenannte Ibiza-Video. Seither haben sich die Ereignisse überstürzt. Eine Übergangsregierung führt das Land und die Ursache für den Sturz der Regierung ist fast in Vergessenheit geraten. Die Suche nach den Urhebern, so wichtig sie ist, überdeckt die demokratiegefährdenden Aussagen, die das Video dokumentiert.

Leicht gerät in Vergessenheit, dass da der FPÖ-Chef unmissverständlich erläuterte, wie man ausländische Geldspenden an Kontrollorganen vorbei seiner Partei zukommen lassen könnte; vergessen scheinen seine Erklärungen, wie seine Partei dem Spender zu profitablen staatlichen Aufträgen verhelfen wollte; vergessen der Plan, eine große Zeitung mithilfe russischer Investoren in den Griff zu bekommen, auch, um unliebsame Journalistinnen und Journalisten zu entfernen.

Dass Politik vom direkten Zugriff auf Medien träumt, ist in Österreich keine besondere Eigenschaft einer einzigen Partei. Wer Macht hat oder will, sucht auch nach Wegen, die Kontrollore dieser Macht zu kontrollieren. Wohin das führt, können wir in Ungarn beobachten, einem Land, das der damalige FPÖ-Chef in dem Video ausdrücklich als Vorbild nennt.

Unabhängige Medien sind in einer liberalen Demokratie kein Instrument des Machterwerbs und Machterhalts einer Partei oder mächtiger Interessensgruppen, kein Instrument zur Manipulation der Leserinnen und Leser. Bei allen Mängeln, die man ihnen vorhalten kann, sind sie ein wichtiges Korrektiv der Politik. Wer, wenn nicht diese „vierte Macht“, könnte Missstände und Machtmissbrauch sichtbar machen?

Wer die Grenze zwischen Journalismus und Politik missachtet, gefährdet die Grundlagen der Demokratie. Da diese Selbstverständlichkeit offenbar in Frage steht, ist es uns wichtig, in aller Klarheit daran zu erinnern.

Johannes Bruckenberger (APA), Christoph Dichand (Kronenzeitung), Walter Fahrnberger, Daniel Lohninger (Niederösterreichische Nachrichten), Kathrin Gulnerits (News), Walter Hämmerle (Wiener Zeitung), Christian Haubner (Oberösterreichisches Volksblatt), Klaus Herrmann (Kronenzeitung), Florian Klenk (Falter), Martin Kotynek (Der Standard), Gerald Mandlbauer (Oberösterreichische Nachrichten), Rudolf Mitlöhner (Die Furche), Rainer Nowak (Die Presse), Hubert Patterer (Kleine Zeitung), Manfred Perterer (Salzburger Nachrichten), Christian Rainer (Profil), Gerold Riedmann (Vorarlberger Nachrichten), Martina Salomon (Kurier), Alois Vahrner, Mario Zenhäusern (Tiroler Tageszeitung), Andreas Weber (Trend).

Rezo empfiehlt der Politik „weniger Scheiße zu bauen“

Die vielleicht wichtigste Botschaft des Abends für den Berliner Politikbetrieb: Rezo plant keine politische Karriere. Aber er kann sich durchaus vorstellen, irgendwann nochmal ein politisches Video zu machen, so wie „Die Zerstörung der CDU“. Am 13.06. plauderte der zurzeit wohl gefragteste Youtuber im Neo Magazin Royale ein lockeres Viertelstündchen mit dem ZDF-Satiriker Jan Böhmermann.

Böhmermann begrüßte seinen Gast mit den Worten „Hey, Rezo, du alter Zerstörer!“ Dies war eine Anspielung auf CDU-Jungspund Philipp Amthor. Der 26-jährige Bundestagsabgeordnete hatte bei Markus Lanz gesagt, in seinem nie veröffentlichten Reaktionsvideo auf Rezo hätte er eben diese Begrüßung als ersten Satz gesagt.

„Die Zerstörung der CDU“, veröffentlicht kurz vor der Europawahl, ist inzwischen fast 15 Millionen Mal geklickt worden. Rezo wurde danach wohl in so ziemlich jede Talkshow eingeladen, entschied sich aber für Böhmermann, wie dieser nicht ohne Stolz verkündete. Aufgezeichnet wurde die Show bereits am 12.06. wie immer in einem abgewrackten ehemaligen Teppichgeschäft in einem Hinterhof in Köln-Ehrenfeld – wo die Grünen bei der Europawahl 40 Prozent holten.“Ich grill‘ dich heute Abend richtig“, versprach Böhmermann in einem vorab verbreiteten Kurzvideo. Zwar könne er die Kritik an Rezo eigentlich nicht recht nachvollziehen, sehe dahinter eher gekränkten Stolz und verletzte Eitelkeit, aber dennoch wolle er versuchen, „auch kritische Fragen zu stellen“.

Der „Zerstörer“ – mit wie gehabt blauem Haarkamm, aber diesmal im blass pinken statt orangefarbenen Kapuzenpulli – ging dann aber eher im sicheren Hafen vor Anker. Die „Greta Thunberg des Internets“ – wie er in einer Einblendung bezeichnet wurde – konnte sich der Sympathie des Gastgebers sicher sein. Auffallend am Rande: Manchmal spricht Rezo mit verblüffend hoher Stimme, von Böhmermann treffend als „Hund-im-Raum-Stimme“ bezeichnet.

Der Aachener, „Sternzeichen Löwe“, versicherte, dass er die Resonanz seines Videos nicht im entferntesten vorhergesehen habe. Mit der CDU habe er kein Mitleid. Er kritisierte „dies Hin und Her (…) von den CDU-Leuten, also zum einen dieses Mix aus ‚Ich will den Typen schlecht reden, aber irgendwie muss ich auch zeigen, dass ich reden will‘.“ So habe CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak zunächst gesagt, dass seine Quellen in dem Video eine Vermischung von Pseudofakten seien, dann wiederum, dass die Quellen gut gewesen seien.

Das Video habe er aus reinem Interesse gemacht und sei weder von Unternehmen noch von den Grünen dafür bezahlt worden, stellte er klar. Überhaupt nicht verstanden habe er, was die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer mit ihrem „Meinungsmache“-Vorwurf und ihrer Forderung nach Regeln im Internet gemeint habe. „Hätt ich’s jetzt ausgedruckt, denselben Text, und wär auf den Marktplatz gegangen, hätt‘ ich das auch machen dürfen. Da gibt’s ja keine Regel, die da jetzt gegen spricht.“

Der Politik insgesamt empfahl er: „Einfach ein bisschen menschlicher und klarer werden in der Sprache.“ Und außerdem „weniger Scheiße bauen“.

„Wer wird als nächstes zerstört?“, fragte Böhmermann. „Gar keiner“, bekam er zur Antwort. Die letzten Wochen seien doch „saustressig“ gewesen. „Ich mach das, was mein Job ist, nämlich zu unterhalten. Das ist hauptsächlich mein Ding so. Und das werde ich auch die nächste Zeit erstmal sehr verstärkt tun.“

Die Resonanz auf den Auftritt fällt unterschiedlich aus. Während Kai-Hinrich Rinner in der Berliner Morgenpost einen „Abend der Kontraste“ sieht und auf die Kulturuntertschiede eingeht, arbeitet sich Michael Hanfeld in der FAZ am anderen Politikverständnis des Youtubers ab. Theresa Hein (Süddeutsche Zeitung) wiederum findet zwar die letzte Folge vor der Sommerpause „brillant“, zeigt sich aber von Rezo enttäuscht: „Ein erfolgreicher Youtuber ist nicht automatisch ein eloquenter und gewitzter Talkshowgast“. Rezo selbst hatte das ja bereits selbst eingestanden (und die vielen Schnitte seiners Zerstörer-Videos legen diesen Schluss auch nahe): Im Spiegel wird Rezo zitiert, „da er ein Problem mit Stottern habe, möchte er ‚kein Hauptbeteiligter in einer Diskussion sein“.

Gmail, WhatsApp und Co. entgehen deutscher Regulierung

Nach einem Richterspruch darf der Google-Dienst Gmail nicht wie ein klassischer Telekommunikationsanbieter reguliert werden. Die Entscheidung hat Auswirkungen auf die gesamte Tech-Branche.

2012 hatte die deutsche Netzagentur den Google-Dienst angeschrieben und aufgefordert, sich wie ein Telekommunikationsdienstleister anzumelden – damit hätte Google weitreichende Pflichten wie etwa die Öffnung der Nutzer-E-Mails für Ermittlungen der Polizei erfüllen müssen.

Dementsprechend wehrte sich Google in den vergangenen Jahren durch diverse Instanzen hindurch gegen das Ansinnen der Bonner Behörde und bekam nun recht.

Die EuGH-Richter begründeten ihren Spruch damit, dass Google eben nicht die Kriterien erfülle, die einen Anbieter wie etwa die Telekom ausmachen: Google betreibe keine eigene Netzinfrastruktur, sondern nutze für die Signalübertragung zum Nutzer die Netze der klassischen Provider. Die Richter folgten damit Googles Verteidigung, dass Gmail die vorhandene Infrastruktur des Internets nutze.

„Die Entscheidung der Richter ist nicht nur für Google relevant, sondern für alle Anbieter internetbasierter Kommunikation“, erklärt Laurent Meister, Fachanwalt für IT-Recht bei der Kanzlei Ebner Stolz. „Auch WhatsApp und ähnliche verschlüsselte Messengerdienste können sich nun auf den EuGh-Spruch berufen, wenn deutsche Behörden die Offenlegung von Nutzerkommunikation verlangen.“ Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, hatte in Interviews vor dem Urteilsspruch bereits angedeutet, dass auch WhatsApp mit Regulierung rechnen müsse – zumindest vorerst ist ihm dieser Weg nun versperrt.

Damit steht den Anbietern künftig frei, die Kommunikationsinhalte ihrer Kunden weitergehend auszuwerten – etwa für Werbung im Kontext, erklärt Marc Störing, Partner bei der Kanzlei Osborne Clarke. „Denn bislang hing immer das Damoklesschwert des Fernmeldegeheimnisses über den Anbietern – wer dagegen verstößt, macht sich sogar strafbar. Doch das ist mit dem EuGh-Spruch nun vom Tisch. Damit können die Anbieter künftig freier mit den Inhalten von Mails ihrer Nutzer arbeiten.“

BBC zieht jetzt auch bei den Älteren Gebühren ein

Die Entscheidung der BBC, Senioren über 75 Jahre künftig nicht mehr von der Rundfunkgebühr zu befreien, es sei denn, dass sie Rentenbeihilfeempfänger sind, hat Wellen der Empörung und neuerliche Kritik an den übermäßig hohen Löhnen und Spesenausgaben des Senders hervorgerufen.

Zurzeit profitieren geschätzte 4,6 Millionen Haushalte von der Entlastung, die im Jahr 2000 von der Labour-Regierung beschlossen wurde. Damals trug das Ministerium für Arbeit und Renten die Kosten der Altersfreigabe. Bei den Verhandlungen über die Erneuerung der dem Rundfunkstaatsvertrag entsprechenden Royal Charter vor vier Jahren hat der damalige konservative Schatzkanzler Osborne diesen Posten jedoch geschickt auf den öffentlich-rechtlichen Sender abgewälzt.

Von 2020 an müsste die BBC die 745 Millionen Pfund, etwa ein Fünftel ihres Haushaltes, aus eigenen Kräften dafür aufbringen. Stattdessen hat sie beschlossen, nur die Bedürftigsten von der Jahresgebühr zu befreien. Zwar sind rund 1,5 Millionen Senioren beihilfeberechtigt, doch nehmen nur 62 Prozent von ihnen die Unterstützung in Anspruch, sei es aus Scham oder wegen des bürokratischen Aufwands. Alleinstehende Frauen wären von der Änderung besonders betroffen.

Kritiker bemängeln, dass verletzbare, einsame, ans Haus gefesselte Rentner riskierten, wegen Nichtzahlung der Gebühr in Höhe von 154,50 Pfund vor Gericht gestellt zu werden oder auf das Fernsehen zu verzichten, das für viele den Hauptkontakt zur Außenwelt darstelle. Dem wird der verschwenderische Umgang mit den Einnahmen aus der Rundfunkgebühr entgegengesetzt.

Die BBC verweist darauf, dass sie Fernseh- und Hörfunkkanäle schließen müsste, um den gegenwärtigen Stand aufrechtzuerhalten. Die Einschränkung sei die gerechteste Option für die Gesamtheit der Gebührenzahler. BBC-Generaldirektor Tony Hall verband seine Rechtfertigung mit scharfer Kritik an der Regierung. Sie habe die Erneuerung der königlichen Charter ohne öffentliche Anhörung oder parlamentarische Überprüfung vorgenommen. Es dürfe nicht noch einmal geschehen, dass der Prozess zur Bestimmung der Rundfunkgebühr im Schutze der Dunkelheit vorgenommen werde. Ein Sprecher der Übergangspremierministerin teilte mit, die Regierung habe eindeutig erwartet, dass der Sender die Altersfreigabe fortsetzen werde. Der Schachzug Osbornes lässt das jetzige Bekunden von Enttäuschung über das Vorgehen der BBC aus Downing Street allerdings etwas scheinheilig wirken.

Mit KKR bei Axel Springer entsteht eine neue Medienmacht

Axel Springer setzt im Kampf gegen Google und Co. auf die Finanzfirma KKR. Die Amerikaner bekommen erheblichen Einfluss auf das deutsche Mediengeschäft.

Zu den härtesten Akteuren der Weltwirtschaft gehört Henry Kravis. Die von ihm 1976 gegründete Private-Equity-Firma KKR hält Beteiligungen in vielen Ländern. „Wir gehen dorthin“, sagt Kravis dann gern, „weil wir den Bedarf sehen.“ Den hat der 75-Jährige nun bei der börsennotierten Axel Springer SE in Berlin erkannt.

KKR offeriert allen freien Aktionären – gegen einen fetten Aufpreis von 32 Prozent auf den aktuellen Kurs – die Übernahme ihrer Anteile. Mit Verlegerwitwe Friede Springer (42,6 Prozent) sowie CEO Mathias Döpfner (2,8 Prozent), die ihre Anteile behalten wollen, planen die Amerikaner im Konsortium allerlei Investitionen – die Zukunftssicherung in der digitalen Ära.

Als der Deal anstand, der ihr Unternehmen nachhaltig verändern könnte, wollte es Friede Springer genauer wissen. Also informierte sich die Großaktionärin der Axel Springer SE, wie Vertraute berichten, an vielen Stellen.

Offenbar bekam sie mit, wie in Gütersloh gedacht wurde, im Medienkonzern Bertelsmann und von dessen Eigentümerin Liz Mohn. Dort hatte man schon eigene Erfahrungen mit KKR gemacht – gute. Der Wiedereinstieg ins Musikgeschäft mit der Bertelsmann Music Group (BMG) sei vor einigen Jahren deshalb geglückt, bekam Springer mit.

KKR habe „uns sehr konstruktiv dabei unterstützt, den Aufbau von BMG mit hoher Dynamik voranzutreiben“, verbreitete Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Rabe im Jahr 2013: „Gemeinsam haben wir unsere ambitionierten Ziele nicht nur erreicht, sondern deutlich übertroffen.“

Die Recherche half der Witwe des legendären Verlegers Axel Cäsar Springer (1912–1985) offenbar bei der Entscheidung, dem Kurs des Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner zu folgen. Der promovierte Musikwissenschaftler, inzwischen seit 17 Jahren im Amt, hat die Geldgeber von KKR als wichtiges Bataillon im Kampf gegen die digitalen Supermächte aus den USA – von Google bis Facebook – ausgemacht, die sein Geschäft bedrohen. Mit den Milliarden der Private-Equity-Spezialisten, so sein Kalkül, könne er das eigene Haus besser absichern.

Wachsende Bereiche wie das Jobportal Stepstone, die digitalen Publikationen „Business Insider“, „Upday“ und „Politico“ sowie das digitale Immobiliengeschäft benötigten Investitionen. Und so kam es zu einer weitreichenden Investorenvereinbarung, wonach KKR den freien Aktionären ein Übernahmeangebot macht.

Am Ende sollen dann die Beteiligungsspezialisten, die das im Fonds „Traviata II“ geparkte Geld von Investoren anlegen, zusammen mit Friede Springer (Aktienanteil: 42,6 Prozent) und CEO Döpfner (Anteil: 2,8 Prozent) in einem Konsortium den Kurs bestimmen.

Der anstehende Deal, wenn er denn zustande kommt, ist auf mindestens fünf Jahre mit einem erheblichen Bedeutungszuwachs für eine ohnehin mächtige Finanzfirma aus Manhattan verbunden. Sie mischt auf einmal in einem sensiblen Markt mit, auf dem es auch um Meinungen, Informationen und Vielfalt geht – eine Schlüsselzone der Demokratie.

Denn schon Monate vor dem Projekt Springer hatte sich KKR dem deutschen Film- und Fernsehgeschäft zugewandt. In vielen Gesprächen eruierte KKR die die Möglichkeit, in dem oft kleinteiligen Geschäft Produzenten zu akquirieren. Viermal kam KKR zum Zuge, vor allem bei der Tele-München-Gruppe, die der österreichische Unternehmer Herbert Kloiber nach seiner Zeit bei Medienpionier Leo Kirch (1926–2011) aufgebaut hatte; auch eine Beteiligung am TV-Sender RTL 2 ist Teil des Sortiments.

Nun soll unter diesem Dach ein schlagkräftiger Verbund entstehen, die Regie dabei hat Ex-Kirch-Manager Fred Kogel. Aus dem Bertelsmann-Reich kam die Firma Universum hinzu, Starmoderator Günther Jauch stieß seine Firma I&U TV („Stern-TV“, „Ich weiß alles“) ab, und auch der in der Kinoszene hochgeschätzte Betrieb Wiedemann & Berg („Das Leben der Anderen“) verkaufte.

KKR könnte vier Milliarden Euro bereithalten

Mindestens vier weitere Deals sind in der Pipeline. „Die kaufen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist“, sagt ein Produzent. Das Risiko im Produktionsgeschäft sei hoch, insbesondere bei Großauftraggebern wie Amazon, erklärt ein TV-Spitzenmanager.

„Die Strategie wirkt so, als würde man aus der Retorte eine kleine Sendergruppe erschaffen wollen“, sagt Ufa-Chef Nico Hofmann. „Man überlegt sich, welche Teile man braucht, und kauft sie am Markt zusammen.“ Es komme aber auf die Unternehmenskultur an: „Geld regiert nicht alles. Es ist mehr denn je eine Frage der Qualität der Mitarbeiter, der Führung und eben der Kultur.“

Aber Geld bedeutet in diesen Zeiten schon sehr viel, in denen über viele Jahre bewährte Mediengeschäfte radikal herausgefordert werden: seien es Vertrieb und Anzeigenvermarktung der Presse oder das „lineare Fernsehen“ mit festen Programmplätzen einzelner TV-Stationen. Insgesamt dürfte KKR für das Medieninvestment schätzungsweise mehr als vier Milliarden Euro bereithalten.

Springer-Chef Döpfner dementiert Spekulationen, wonach das eigene Haus ein Teil dieses Bewegtbild-Imperiums werden könne: „Das hat in unseren Gesprächen überhaupt keine Rolle gespielt.“ Keiner habe die Idee gehabt, dass man da etwas kombinieren solle: „Für KKR ist das eine andere Baustelle.“

„KKR hat in 20 Jahren rund fünf Milliarden US-Dollar Eigenkapital in Deutschland investiert. Das ist ein Vertrauensbeweis. Es gibt international einige Zweifler, wir aber stehen sehr positiv zum deutschen Markt“, erklärt Philipp Freise. Er ist Partner und Head of European Media & Digital Investments mit Sitz in London – und der Mann hinter den vielen Mediendeals. Im Bertelsmann-Konzern erzählte ihm der damalige CEO Thomas Middelhoff vor 20 Jahren, das Internet sei die Zukunft der globalen Medienbranche, und so stieß der einstige McKinsey-Mann Anfang 2000 im Umfeld des Gütersloher Unternehmens als Co-Gründer zur Venturepark AG in Berlin.

Nach deren Scheitern lebte er die Medienaffinität bei KKR aus. Er war es, der operativ bei BMG das Geschäft mit Melodie und Harmonie belebte und dem Schweizer Verleger Michael Ringier half, das Geschäft mit Online-Marktplätzen zu beleben. Das Mediengeschäft sieht Freise zweifach bedrängt: einerseits von Silicon-Valley-Plattformen mit unlimitiertem Kapital, andererseits von Vorgängen auf dem abgeschotteten chinesischen Markt, der auch Internetschwergewichte hervorgebracht habe. „Unsere Aufgabe ist es“, sagt er, „mittelgroßen Unternehmen, die ihr Geschäft bereits vor Jahrzehnten aufgebaut haben, in dieser Lage zu helfen. Wir setzen auf Partnerschaften.“

Auf Springer-Seite ist Vorstandschef Döpfner ihm bestens vertraut, gemeinsam saß man einst im Aufsichtsrat des TV-Konzerns Pro Sieben Sat 1. Man traf sich hin und wieder zu Gesprächen, so wie der Verlagschef auch den Kontakt mit KKR-Europachef Johannes Huth hielt und natürlich mit Henry Kravis, dem Gründer der Private-Equity-Firma, der sich intensiv mit Springer-Managern austauschte.

Natürlich geht es aktuell um ein paar wichtige Manöver gegen Google und Co. Es sei ein „Meta-Thema“, dass der US-Konzern nun in den europäischen Markt der Jobanzeigen dränge, offenbart KKR-Mann Freise, das gefährdet zum Beispiel Springers Angebot Stepstone. „2019 und 2020 wollen wir erst einmal schauen, wie wir unsere Produkte noch besser machen können“, fährt der Medienspezialist fort: „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen.“ Offenbar sind erst für die Zeit danach Zukäufe geplant. Von einem Einstieg bei Ebay jedenfalls, von dem Börsianer schon schwadronierten, ist nichts zu sehen.

Ohnehin wirkt die ganze Prozedur nach einigem Nachdenken auch so, als sei der angestrebte Rückzug von der Börse der eigentliche Clou. Das „Delisting“ bewirkt, dass sich das Springer-Management nicht mehr lästige Fragen nach Vergütung oder Reisekosten anhören muss. Man wäre nach einem solchen Abschied vom Parkett wieder unter sich, was der Haupteigentümerin Friede Springer gefallen könnte.

Auch Bertelsmann-Strategin Liz Mohn hat aus ähnlichen Gründen einen Börsengang gescheut. Zusammen mit ihrer Vertrauten, der Juristin Karin Arnold, kümmert sich Friede Springer derzeit en détail um die Gestaltung des Unternehmens für die Zukunft. Für ihren Topmanager Döpfner entfiele die Möglichkeit, sein Paket an der Börse zu versilbern.

Döpfner sieht sich in der Rolle des „digitalen Verlegers“

KKR wiederum dürfte sich das Engagement – wie in solchen Fällen üblich – über exakte Bestimmungen zum späteren Ausstieg („Exit“) von vornherein vorteilhaft organisiert haben. Einzelheiten sind nicht zu erfahren. „Unsere Rolle im deutschen Medienmarkt ist jene, die Jogi Löw bei der Nationalmannschaft ausfüllt“, erklärt KKR-Medienchef Freise lediglich: „Wir sind Ideengeber, die Tore müssen die anderen schießen. Unserer Verantwortung sind wir uns dabei sehr bewusst.“

Döpfner betont, sein Haus führe seit Jahren einen strikten Digitalisierungskurs. 74 Prozent des Umsatzes und 87 Prozent des Gewinns entstammen inzwischen aus digitalen Geschäften – auch eine Folge des Großverkaufs von Zeitungen („Hamburger Abendblatt“, „Berliner Morgenpost“) und Zeitschriften („Hörzu“) an die Essener Funke-Gruppe. Diese Radikalität begeisterte viele in der Finanzbranche, die die Zukunftsaussichten des Journalismus jedoch oft als sehr mau ansehen.

Döpfner hingegen, der auch Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger ist, sieht sich in der Rolle eines „digitalen Verlegers“. Bei KKR erklärt Freise: „Wir teilen die Überzeugung von Mathias Döpfner, dass Menschen digitale Medienprodukte kaufen wollen. Sonst gäbe es diese Transaktion nicht.“ Es stärke den Journalismus, dass Springer und KKR gemeinsam in die Zukunft investieren.

Was das für die Boulevardzeitung „Bild“, lange Zeit das Aushängeschild, und die Gruppe rund um die „Welt“ bedeutet, ist nicht ausgemacht. An vielen Orten ist von einem strikten Sparkurs zu hören. Bei insgesamt 3,2 Milliarden Euro Gesamtumsatz im Konzern ist das analoge Geschäft mit Medienmarken schwierig geworden.

Nun kassierte Springer sogar die Umsatz- und Gewinnprognose fürs laufende Geschäftsjahr ein. Die Erlöse würden im niedrigen einstelligen Prozentbereich sinken, auch der Betriebsgewinn gehe in diesem Ausmaße zurück. Im nächsten Jahr wird sich die Rentabilität aufgrund der geplanten Investitionen weiter verschlechtern. Kostenanpassungen in allen Bereichen kündigt CEO Döpfner an, man habe einen „gut trainierten Kostenmuskel bei Axel Springer“.

Doch ein Investor wie KKR sieht das Licht am Ende des Tunnels. Die Erfolge der „Disruption“, der Erschütterung des Geschäfts, sind schon eingepreist. Und wer weiß, welche Möglichkeiten des Kaufens und Verkaufens sich noch bieten. „Denen kommt es auf eine Wertsteigerung innerhalb von fünf Jahren plus an“, sagt Springer-Finanzvorstand Julian Deutz. Man sieht sich bei KKR wahlweise als Architekt oder als Baumeister, als jemand, der Macht auf Zeit ausübt. Und als jemand, der am Ende mit gutem Gewinn von dannen zieht.

Joyn: Der Netflix-Herausforderer von Pro Sieben Sat 1

Mit dem Streamingdienst Joyn wollen die Münchener die amerikanischen Internet-Riesen schlagen. Was der neue Service alles bietet – und was noch fehlt.

Das genaue Datum hält Joyn-Chef Alexandar Vassilev bislang geheim. Aber klar ist: Noch im Juni wird Joyn starten, die neue Streaming-Plattform von Pro Sieben Sat 1. Es ist das wichtigste Zukunftsprojekt des Medienkonzerns, um junge Kunden von Amazon und Netflix zurückzuholen.

Die 250 Mitarbeiter haben sich Gewaltiges vorgenommen: „Wir bauen die Zukunft des deutschen Entertainments“, sagte Co-Geschäftsführerin Katja Hofem bei der Präsentation der Plattform in München. Mehrere tausend ausgewählte Testnutzer schauen derzeit schon Filme und Serien auf Joyn. Wenn Max Conze, Vorstandschef von Pro Sieben Sat 1, recht behält, werden es in zwei Jahren zehn Millionen sein.

Zum Start seien auf Joyn mehr als 50 Sender live zu sehen, erläuterte Hofem. Das entspräche rund zwei Drittel des gesamten deutschen Fernsehangebots. Dazu gehören natürlich die Kanäle von Pro Sieben Sat 1, aber auch ARD und ZDF. Dazu kommen auch die Sender des US-Konzerns Discovery, etwa Eurosport. Discovery besitzt die Hälfte am Gemeinschaftsunternehmen Joyn. Die Zuschauer haben zudem Zugriff auf den Sender „Welt“ von Axel Springer und „Sport 1“. Elf Mediatheken stünden darüber hinaus zur Verfügung, das sind die TV-Archive der Sender.

Viele Inhalte seien auf Joyn zu sehen, bevor sie im herkömmlichen Fernsehen laufen, versprach Hofem. Zudem biete die App selbst produzierte Serien und Shows. Zehn eigene Serien seien geplant, sogenannte „Originals“; darunter „Check Check“ mit Klaas Heufer-Umlauf und „Frau Jordan stellt gleich“ mit Katrin Bauerfeind. Das Joint-Venture startet zudem zwei Sender: „Motor Trend“ und „Food Network“. Weitere Themenkanäle sollen folgen.

Der deutsche Streamingdienst ist kostenlos

Joyn ist für die Nutzer zunächst kostenlos und läuft auf Smartphones, Computern und natürlich auf dem Fernseher. Die App soll sich über Werbung finanzieren. Pro Sendung werde es allerdings nicht mehr als eine Unterbrechung geben, beteuerte das Management.

Noch sind die Entwickler mit der Arbeit aber nicht ganz fertig. Downloads sind zunächst unmöglich. Erst im Dezember soll das zusätzliche, kostenpflichtige Angebot stehen. Die Abonnenten sollen dabei Zugriff auf exklusive Sportinhalte bekommen. So hält Discovery einige Bundesliga-Rechte. Zudem wird auch Maxdome zum Bezahlangebot gehören, die Online-Videothek von Pro Sieben Sat 1. Mit Maxdome versuchte der Konzern über Jahre hinweg vergeblich, Netflix und Amazon Konkurrenz zu machen. Der größte deutsche Rivale im Privatfernsehen, RTL, macht erst einmal nicht mit und setzt auf sein eigenes Online-Angebot, „TV now“.

Die Führungsspitze von Joyn hat hohe Ansprüche. „Wir wollen der lokale Champion werden in Deutschland“, sagte Managerin Hofem. Die vielen deutschsprachigen Sender und Sendungen seien der größte Vorteil gegenüber den großen US-Konzernen. „Das kann keine ausländische Plattform bieten“, so CEO Vassilev. Andererseits können die Amerikaner ungleich mehr Geld für Inhalte ausgeben, weil sie die meist weltweit ausstrahlen.

Inhaltlich ist die App ähnlich aufgebaut wie die Angebote von Amazon und Netflix. Es dürfte den Nutzern daher nicht schwer fallen, sich zurecht zu finden. Zudem stehen 40 Mitarbeiter bereit, um Nutzerfragen zu beantworten.

Joyn ist das wichtigste Vorhaben des erst seit einem Jahr amtierenden neuen Vorstandschefs von Pro Sieben Sat 1, Max Conze. Sein Ziel ist es, vor allem die jungen Zuschauer für Joyn zu begeistern. Daher versucht er, die potenziellen Zuschauer nicht nur im TV, sondern auch auf
Smartphones oder Computern anzulocken und die Werbeeinnahmen über alle Verbreitungswege zu steigern

„Wir investieren in die Zukunft unseres Geschäfts und konzentrieren uns auf unsere Prioritäten: Unsere einzigartige Streaming-Plattform Joyn spielt hier eine entscheidende Rolle“, sagte Conze, als er jüngst die Quartalszahlen vorlegte. Bis zu 50 Millionen Euro werde es dieses Jahr kosten, Joyn zum Laufen zu bringen. 120 Millionen fließen zusätzlich in deutschsprachige TV-Produktionen.

Vor allem der Aktienkurs von Pro Sieben Sat 1 könnte ein wenig Schub gut brauchen: Binnen Jahresfrist ist der Wert der Papiere um gut 40 Prozent gefallen. Auch wenn Börsenfernsehen in den Planungen von Joyn bislang keine Rolle spielt.

Warum IP Deutschland und Seven-One Media ein Joint Venture gründen

Ein großer Schulterschluss: IP Deutschland und Seven-One Media gründen ein Joint Venture für den Betrieb einer Demand Side Platform (DSP) für Video. Auf der DSP, deren Name noch nicht feststeht, soll das Video- und Addressable-TV-Inventar vieler deutscher TV-Sender zu finden sein. Das Kartellamt muss der Kooperation noch zustimmen. In der Vergangenheit hatte die Behörde eine Zusammenarbeit der großen TV-Vermarkter im Bereich Content verhindert. Bei Adtech dürften die Chancen besser stehen, zumal auch die Behörde Google und Facebook mittlerweile als relevanten Wettbewerber einzustufen scheint.

Jahrelang haben Sie befürchtet, dass man Ihnen unterstellt, Sie schmieden ein Kartell, wenn Sie miteinander sprechen…

Matthias Dang: Wir würden hier nicht zusammen sitzen, wenn wir nicht einen guten Grund dafür hätten.

Thomas Wagner: Sagen wir mal so: Natürlich arbeiten wir nicht erst seit gestern an diesem Projekt…

Der Anlass für das Zusammentreffen ist ein Besonderer: Seven-One Media und IP Deutschland, die beiden mächtigen TV-Vermarkter, werden kooperieren und zwar im Bereich Adtech. Was planen Sie?

Wagner: Wir gründen ein Joint Venture im Bereich AdTech, das die Weichen für die künftige TV-Vermarktung stellt und damit ein Meilenstein für die programmatische Bewegtbildvermarktung ist. IP und Seven-One werden jeweils die Hälfte halten.

Dang: Das Joint Venture soll eine gemeinsam genutzte Demand Side Platform (DSP) für den Einkauf von Videoinventar steuern. Sie wird technisch auf Active Agent aufsetzen. Die neue Gesellschaft ist eine Art Beratungsfirma und hat die Aufgabe, aktiv den Ausbau dieser DSP zu begleiten, das heißt etwa die Produktentwicklung voranzutreiben und den bestmöglichen Kundenservice zu garantieren.

Wagner: Wir verfolgen mit dem Joint Venture zwei Ziele: Zum einen etablieren wir einen neuen Buchungs-Standard für Addressable TV. Damit hören wir auf die Wünsche unserer Kunden, die – vertreten durch die Organisation Werbungtreibende im Markenverband (OWM) – gefordert haben, dass Reichweite und Produktangebot von Addressable TV über eine Plattform buchbar werden. Das setzen wir jetzt um. Durch die gemeinsame Nutzung der Plattform gewinnt Addressable TV an Attraktivität und Volumen, so können wir den Markt stärker entwickeln.

Dang: Die OWM hat sich außerdem eine Plattform gewünscht, über die Onlinevideo und Addressable TV übergreifend gebucht werden können. Wir schaffen nun eine programmatische Plattform, über die Onlinevideoinventar gekauft werden kann. Sie ist explizit offen für andere Anbieter – im Gegensatz zu den Walled Gardens der großen US-Player. Wir treffen also eine Infrastrukturentscheidung: Wir bauen ein Stück Autobahn, das wir gemeinsam mit anderen nutzen können, um Vorteile für die Werbekunden zu schaffen. Die bekommen künftig mehr Angebot und deutlich höhere Reichweiten – 100 Prozent brandsafe und auf einen Klick.

Wie wird die Gesellschaft heißen? Wo wird sie sitzen und von wem geführt?

Dang: Organisatorische Entscheidungen wie diese treffen wir nach der Zustimmung des Kartellamts. Beide Häuser werden ihr Wissen und ihre Interessen eingebringen.

Zu der DSP gibt es eine Vorgeschichte: Seit August 2015 kann Youtube-Inventar nur noch über Googles DSP Double Click Bid Manager – heute DV360 – gebucht werden. Google hat auch noch eine Sell Side Platform. 2016 und 2017 hatten Sie den Eindruck, dass der DBM das Inventar von Double Click für Publishers – jetzt Google Ad Manager – bevorzugt – und haben ihr Inventar von der DBM genommen.

Dang: Wir empfinden es generell als Schieflage, dass Kunden über den heutigen DV360 alle möglichen Inventare buchen können, aber Google das Youtube-Inventar ausschließlich über DV360 zur Verfügung stellt. Diese Einbahnstraße tut dem Markt nicht gut. Was unser Inventar betrifft, würde ich es offener formulieren: Wir wissen nicht, ob Youtube-Inventar bevorzugt wurde. Wir haben nur gesehen, dass Inventare von unseren TV-Sendern benachteiligt wurden. Ein Beispiel: Super RTL hat den härtesten Jugendschutz. Trotzdem wurde das Inventar von DBM als ‚nicht brandsafe‘ eingestuft. Unser Inventar konnte dann nicht so eingesetzt werden, wie die Kunden es erwarteten. Wir haben viel Zeit damit verbracht, gemeinsam mit den Kunden herauszufinden, warum der Inventarkauf bei uns nicht funktioniert.

Was haben Sie dann gemacht?

Dang: Wir bieten unser Inventar nicht mehr über DV360 an und lassen jede DSP, die bei uns angeschlossen ist oder sich anschließen will, einen Check durchlaufen. Nur wenn dieser positiv ausfällt, sind sie dabei.

Über DV360 können die Kunden seither kein Inventar von IP oder Seven-One einkaufen, richtig?

Wagner: Ja. Bei uns war es ähnlich. Wir konnten uns nicht erklären, warum relativ wenig unseres Inventars beim Kunden ankam. Wir konnten uns keine Transparenz verschaffen und haben dann gesagt: Wir müssen einen eigenen Weg anbieten, um unser Inventar zugänglich zu machen. Seither haben wir einen Zertifizierungsprozess, der offen ist für alle DSPs.

Dang: Wir hätten nichts dagegen, unser Inventar darüber zu verkaufen, aber wir wollen eine vernünftige Anbindung, um unser Inventar technisch und mit Daten angereichert gut zu vermarkten. Genau das ermöglicht Google uns nicht.

Wagner: Ohne Sicherheit und Transparenz bleibt das Gefühl zurück, dass man einen eigenen Weg beschreiten muss. Das tun wir jetzt.

Wird das IP und Seven-One-Inventar dann nur noch über die eigene DSP verkauft?

Wagner: Addressable TV wird exklusiv auf Active Agent sein, Video nicht.

Was ist mit Display?

Wagner: Alle Inventare werden über Active Agent verfügbar sein, so wie heute auch schon.

Dang: Der Fokus wird im Rahmen unserer Total-Video-Strategie klar auf Video liegen. Unser Display- und Videoinventar ist auch heute schon über Active Agent buchbar. Es wird immer Produkte geben, für die Kontaktoptimierung über alle Werbemittel sinnvoll ist. Warum klein denken?

Google und Facebook haben ihre eigenen Walled Gardens. Mit dem Joint Venture bauen Sie einen weiteren auf. Kann das der richtige Weg sein?

Dang: Wir bauen ausdrücklich keinen Walled Garden. Werbetechnologie sollte aber eine Schlüsselkompetenz auch für Inhalteanbieter sein. Deshalb nehmen wir unsere Zukunft selbst in die Hand. Die Werbekunden hätten am liebsten nur eine einzige DSP, über die sie die Inventare steuern. Die Forderung der OWM, die Mauern einzureißen, ist verständlich. Aber in den Gesprächen, die wir führen, haben wir eher den Eindruck, dass die amerikanischen Konzerne noch in die letzte Ritze Mörtel schmieren. Und außerdem: Was macht die OWM denn, wenn ihre Forderungen von den US-Playern nicht erfüllt werden?
Vermutlich nichts…

Wagner: Eben. Deshalb glauben wir, dass Partnerschaften immer wichtiger werden. Und was die Walled Gardens betrifft: Das stimmt so ja nicht, unsere Plattform ist offen.

Was sagt denn das Kartellamt zu Ihrer Partnerschaft?

Wagner: Das Kartellamt hat Kooperationen, die auf technischer Ebene Effizienzen schaffen, in der Regel begrüßt. Wichtig ist: Wir bleiben Wettbewerber beim Vertrieb der Produkte, wir bleiben Wettbewerber im Werbemarkt. Das Kartellamt muss der Gründung des Joint Ventures noch zustimmen.

Dang: Wir definieren technische Standards für die einfache Buchbarkeit unserer Produkte – zum Vorteil unserer Kunden. Im Pricing dagegen bleiben wir völlig unabhängig.

Vor sieben Jahren haben Pro Sieben Sat 1 und die Mediengruppe RTL mit Amazonas versucht, eine Plattform für Inhalte zu bauen. Das hat das Kartellamt verboten. Was stimmt Sie nun optimistisch?

Wagner: Wir gehen offen auf das Kartellamt zu und meinen, dass es einen realen Blick auf die Marktsituation und die Rolle der globalen Player hat. Im Videomarkt reden wir nicht von Marktbeherrschung. Davon sind wir ganz weit weg.

Dang: Wir gehen davon aus, dass die damaligen Prognosen nicht nur des Kartellamts zur Konvergenz von TV und Video heute Realität sind. Wenn wir von Total Video sprechen, meinen wir das auch so. Zudem haben „Amazonas“ und unser jetziges Vorhaben nichts gemeinsam, außer das Thomas Wagner und ich wieder zusammen hier sitzen. Wir wollen diese Autobahn bauen und möglichst viel Verkehr darauf bringen. Wir als Ad Alliance wollen das schnellere Auto darauf fahren. Wer den Wettbewerb gewinnt, ist offen.

Wagner: Dafür fahren wir einen SUV, in den wir für unsere Kunden eine Menge reinpacken können. Wann wollen Sie starten?

Dang: So schnell wie möglich. Wenn alles klappt, werden wir noch im Sommer erste Produkte vorstellen. Addressable TV soll im 4. Quartal kommen.

Partnerschaften im Adtech-Bereich haben beide Häuser in verschiedenen Interviews 2017 und 2018 angeregt. Die Überlegung war: Baut man erst eine europaweite Plattform mit Verbündeten aus dem Ausland oder schafft man eine deutsche Lösung zwischen Konkurrenten. Warum nun der deutsche Weg?

Dang: Innerhalb der RTL Group investieren wir bekanntlich seit rund fünf Jahren verstärkt in Werbetechnologie. Jetzt gehen wir den nächsten Schritt: Wir wollen in Deutschland einen Erfolgscase bauen. Alle Broadcaster in Europa haben die gleiche Diskussion und sind unglücklich mit Googles Adtech-Stack. Wenn zwei bedeutende europäische Broadcaster sagen, sie investieren in eine gemeinsame Plattform, um unabhängig von Google zu sein, kann das Vorbildcharakter haben.

Gibt es solche positiven Signale auch aus der European Boradcaster Exchange (EBX)?

Wagner: Ja. Wir haben alle mit denselben Herausforderungen zu tun. Wenn es hier in Deutschland gut läuft, rollen wir das Modell international aus.

Kooperationen und Allianzen sind derzeit in aller Munde. Die von IP und G+J gegründete Ad Alliance nimmt nun auch Springer auf. Pro Sieben Sat 1 kooperiert mit Burda. An Virtual Minds ist auch United Internet mit 25,1 Prozent beteiligt. Diese Unternehmen haben auch alle Videocontent. Sind sie auch potenzielle Partner für das Joint Venture?

Dang: Alle relevanten TV-Sender sind schon jetzt angeschlossen, einerseits durch uns als IP Deutschland direkt, andererseits durch smartclip, die viele kleinere Sender vermarkten.

Wagner: AddressableTV wird exklusiv über Active Agent buchbar sein. Für programmatisches Videoinventar bauen wir eine offene Plattform und freuen uns, wenn sich weitere Partner anschließen.

Werden Kunden und Agenturen geschult?

Dang: Unbedingt! Wenn wir die Produkte standardisieren, werden wir die Agenturen nicht nur entsprechend informieren, sondern intensiv schulen. Das ist ein zunehmend wichtiger Wettbewerbsfaktor, und wird eine der wesentlichen Aufgaben des Joint Venture sein. Wenn man Agenturen heute fragt, was für sie wichtig ist, dann sagen sie: Service. Klar muss die Technik funktionieren und viel Inventar aus einem reichweitenstarken Portfolio verfügbar sein. Aber wichtig ist, dass immer jemanden da ist, wenn es Fragen gibt. Dafür braucht es erstklassigen Service. Und genau den werden wir liefern: Menschen, keine Maschinen.

Wagner: Dass man die Inventare beider großen Vermarktergruppen targeten kann, ist der große Schritt in Richtung Smart Reach. Und das muss man in die Agenturen hineintragen.

Für Targeting brauchen Sie Daten. Wo kommen diese her?

Dang: Wir haben schon eine große Kooperation: Die European Net ID Foundation. Die Net ID ist auch ein Stück Infrastruktur. Wir werden prüfen, welchen Bedarf die Einkäufer haben, beispielsweise für übergreifendes Frequency Capping. Dafür kann man User-IDs abgleichen. Wir prüfen, wie wir das technisch und auch juristisch korrekt umsetzen können.

Wagner: Ein großes Bedürfnis des Marktes ist auch die Konvergenz von TV, Addressable und Video über Cross-Device-Daten. Deshalb ist es so wichtig, dass die Häuser an datengetriebenen Konvergenzlösungen auf einer Tech arbeiten.

Wieviel investieren Sie in die DSP?

Dang: Viel Leidenschaft, Expertise und Manpower.

Wagner: Über Geld sprechen wir wie immer nicht

Dang: Unser großer Vorteil ist, dass es eine bestehende technologische Plattform ist. Nun geht es darum, die Spezifika von Onlinevideo und Addressable TV darüber abzubilden. Die Autobahn ist schon da. Wir bauen nun noch zusätzliche Spuren und ergänzen die Leitplanken.

Wagner: Nur die Geschwindigkeitsbegrenzung sparen wir uns.

In der Fußball-WM der Frauen wittert Nike das große Geschäft

Ein zehnjähriges Mädchen und mehr als ein Dutzend berühmte Fußballspielerinnen aus aller Welt: Sie stehen im Mittelpunkt des Videoclips, der anlässlich des Starts der Fußball-WM der Frauen gedreht wurde. Die Nachwuchsfußballerin Makena Cook reist dabei an der Hand ihrer Idole durch die Stadien dieser Welt – und träumt davon, selbst auf dem Platz zu stehen.

Bei dem Clip handelt es sich um eine äußerst aufwendige Produktion. Natürlich ist es kein Zufall, dass der weltweit führende Turnschuh-Hersteller Nike die Fußball-WM in Frankreich nutzt, um die Sportlerinnen in den Mittelpunkt zu stellen.

„Wir sehen bei den Frauen gewaltige Möglichkeiten“, sagte Nike-Managerin Amy Montagne dem Handelsblatt. Die Amerikanerin ist bei dem Adidas-Konkurrenten für das Kerngeschäft verantwortlich, für Sportarten wie Fußball, Basketball, Laufen, Fitness und eben für die Frauen-Produkte.

Nike nennt keine detaillierten Zahlen. Aber nicht einmal ein Viertel vom gesamten Umsatz stammt derzeit aus speziell für Frauen gemachten Shirts, Shorts und Schuhen. Um bei den Frauen zu wachsen, nehme Nike viel Geld in die Hand, beteuerte Montagne: „Wir haben Ressourcen umgeschichtet hin zu den Frauen.“

Es geht um riesige Summen. Nike beziffert die Werbeetats für das Frauengeschäft zwar nicht. Alle großen Sportkonzerne geben aber rund zwölf Prozent vom Umsatz für Marketing und Sponsoring aus. Bei Nike entspricht das fast vier Milliarden Euro. Fährt der Konzern also eine weltweite Kampagne für Frauen, gibt das Unternehmen dreistellige Millionenbeträge dafür aus.

Zudem habe Nike in die Entwicklung investiert, so Montagne. Im März präsentierte der Konzern zuletzt einen neuen Sport-BH, das Kernprodukt aller Frauen-Kollektionen. Für das weltweit größte Aufsehen hatte vor zwei Jahren das Sport-Kopftuch für muslimische Athletinnen gesorgt.

Dass der US-Konzern mit Frauenfußball wirbt, hat besondere Gründe: In den USA ist Fußball bei Sportlerinnen ausgesprochen beliebt. In ihrer Heimat sei „Frauenfußball aufregender als Männerfußball“, meint Montagne. Dazu kommt, dass Nike Ausrichter Frankreich einkleidet sowie 13 weitere Nationalmannschaften. Damit dominiert das Label bei dem Turnier: Insgesamt treten 24 Teams an.

Nicht nur Nike hat die Frauen ins Visier genommen. Auch Puma investiert nach Aussage von Vorstandschef Björn Gulden viel in den Frauen-Fußball. Gemessen an den Erlösen kann das deutsche Unternehmen aber kaum mit dem US-Konkurrenten mithalten: In einem Quartal erzielt Nike fast doppelt so viel Umsatz wie die Marke aus Herzogenaurach im ganzen Jahr.

Trotzdem haben die Franken die derzeit beste Frau auf dem Platz weltweit unter Vertrag: die Norwegerin Ada Hegerberg. Im Finale der Champions League gelang ihr innerhalb von nur 16 Minuten ein Hattrick, also drei Tore hintereinander. Pech für Puma: In Frankreich wird Hegerberg keine Rolle spielen, weil sich die 23-Jährige im Streit mit dem norwegischen Verband aus der Nationalmannschaft zurückgezogen hat.

Deutsche engagieren Showbusiness-Stars

Weit mehr als Nike setzen die deutschen Verfolger Adidas und Puma indes auf Stars aus dem Showbusiness, um die weibliche Zielgruppe zu erreichen. Adidas nahm erst dieses Frühjahr die Sängerin Beyoncé unter Vertrag. Puma arbeitete jahrelang mit Rihanna zusammen und hat vergangenes Jahr das Supermodel Adriana Lima neu verpflichtet.

Fußball ist nicht der einzige Sport, in dem Nike die Frauen derzeit besonders umwirbt. Im Frühjahr hat die Marke von der amerikanischen Westküste erstmals eine Yoga-Kollektion in die Geschäfte gebracht. Auch im Frauen-Basketball greifen die Amerikaner an, insbesondere in der amerikanischen Top-Liga WNBA. Und gemeinsam mit Tennis-Star Serena Williams entstand gerade eine Lifestyle-Kollektion.

Dass Männer für die Bewerbung der Marke bislang ungleich wichtiger sind als Frauen, hat mehrere Gründe: Männer geben ohnehin viel Geld aus für ihre Ausrüstung in Teamsportarten wie Fußball, American Football oder Basketball, in denen das Label traditionell sehr stark ist. Zudem spülen Trikotverkäufe der von Nike gesponserten Profiklubs Milliarden in die Kasse.

Mit der Werbeoffensiver versucht Nike auch, auf Frauen spezialisierten Marken wie Lululemon Konkurrenz zu machen. Das Label aus Vancouver hat seine Wurzeln in der amerikanischen Yoga-Szene.

Zudem tritt Nike gegen Reebok an, die US-Tochter von Adidas. Reebok konzentriert sich auf Fitness – und damit auf die in den Studios überproportional vertretenen Frauen. Damit unterscheidet sich das Label aus Boston von der deutschen Mutter, die wie Nike bisher eher in männlich dominierten Sportarten vertreten ist.

Nike-Werbung dürfte viele Zuschauer erreichen

Die Werbung zur Frauen-WM könnte durchaus Beachtung finden, zumindest in Deutschland. Drauf deutet eine Studie der Sportberatungsgesellschaft SLC Management hin. Die Nürnberger haben mehrere tausend Fußball-Fans hierzulande befragt. Demnach werden knapp zwei Drittel aller Fußball-Interessierten WM-Spiele im Fernsehen anschauen.

Die markigen Reklamesprüche des deutschen Teams seien vielen Anhängern in jüngster Zeit nicht entgangen, so die Experten von SLC. Vier von fünf Befragte würden die Statements der Spielerinnen mögen wie „Wir brauchen keine Eier – wir haben Pferdeschwänze“. Partner des deutschen Teams ist Adidas.

Ist Nike aber überhaupt glaubwürdig unter Sportlerinnen? Die Leichtathletin Alysia Montano sorgte jüngst mit einem Beitrag für die „New York Times“ (NYT) für Aufsehen. Die junge Mutter klagte darin über das aus ihrer Sicht schäbige Verhalten des Unternehmens.

Die Sportlerin fühlte sich von Sponsor Nike unter Druck gesetzt, hochschwanger zu Rennen anzutreten und schnell nach der Entbindung schon wieder zu starten. Sonst hätte sie ohne Einkommen dagestanden. Andere Spitzenläuferinnen sprangen ihr bei. „Wir müssen die Marken in die Pflicht nehmen“, forderte die sechsfache Olympiasiegerin Allyson Felix.

Die Botschaft scheint angekommen zu sein. „Wir unterstützen weibliche Athleten während der Schwangerschaft“, beteuerte Managerin Montagne. Die Verträge seien angepasst und ergänzt worden.
Nach der Weltmeisterschaft soll die Frauen-Offensive nicht enden. Die auf Athletinnen zugeschnittenen Kampagnen würden fortgesetzt, so Montagne. Dieses Frühjahr hat Europa-Chef Bert Hoyt den Vertrag als Sponsor der Frauen-Europameisterschaft 2021 unterschrieben.

Google Stadia startet im November

Die Spielkonsole im Wohnzimmer, der teure Gaming-PC unterm Schreibtisch oder eine Nintendo Switch für unterwegs – wenn es nach Google geht, braucht bald niemand mehr spezielle Geräte für Videospiele kaufen. Den Marketingversprechen des Unternehmens zufolge steht die nächste Gaming-Revolution im November an.

Dann startet Stadia – so nennt Google seine neue Gaming-Plattform – in 14 Ländern weltweit. Neben den USA, Kanada und einigen weiteren europäischen Staaten wird sie auch in Deutschland verfügbar sein. Das hat der Konzern auf einem eigens dafür einberufenen Event einige Tage vor der Computerspielemesse E3 angekündigt.

Diese Spiele sind zum Start verfügbar

Stadia soll so etwas wie das Netflix oder Spotify für Videospiele werden. Die Gaming-Plattform ist cloud-basiert. Ohne dafür besondere Hardware zu benötigen, ein Spiel herunterzuladen oder updaten zu müssen, sollen Nutzer Spiele streamen können. Die Spiele laufen auf dafür speziell eingerichteten Servern, Video und Ton werden auf den Computer (oder auch das Smartphone) des Spielers gestreamt.

Google ist allerdings nicht der einzige Anbieter von Cloud-Gaming. „Geforce Now“ vom Chiphersteller Nvidia befindet sich aktuell in der Testphase, verfügbar ist dagegen schon der Dienst „Shadow“ des französischen Unternehmens Blade. Und Microsoft tüftelt derzeit noch an seinem Streaming-Dienst „Project Xcloud“.

Noch ist nicht entschieden, welcher Anbieter sich durchsetzen und den Krieg der Portale für sich entscheiden wird. In diesem Zusammenhang wird mitentscheidend sein, welche Spiele auf welcher Plattform verfügbar sein werden. Google hat bereits eine Liste von mehr als 30 Spielen von teilweise namhaften Publishern ankündigt, die von Anfang an auf Stadia spielbar sein werden. Dazu gehören:

Doom Eternal, Rage 2, The Elder Scrolls Online (Bethesda)
Destiny 2 (Bungie)
Baldur’s Gate 3 (Larian Studios)
Shadow of the Tomb Raider (Square Enix)
Assassin’s Creed Odyssey, Tom Clancy’s The Division 2 (Ubisoft)

So viel kostet Google Stadia

Ebenfalls wichtig wird sein, ob der Streaming-Dienst flüssig läuft und die Befehle des Nutzers an das Spiel ohne große Verzögerungen übertragen werden. Googles Servernetz bietet eine gute Infrastruktur, aber auch die Nutzer müssen über eine einigermaßen schnelle Internetleitung verfügen. Jack Buser, Leiter der Abteilung Spiele bei Stadia, sagt, dass eine Übertragungsrate von 10 Megabit pro Sekunde ausreiche, um Spiele in HD flüssig darzustellen. Für das volle Programm – 4K-Auflösung, High Dynamic Range (HDR) und Surround-Sound – werden etwa 35 Megabit pro Sekunde benötigt.

Um Spiele in 4K, HDR und mit Surround-Sound zu streamen, müssen Nutzer knapp zehn Euro pro Monat zahlen. Als „Stadia Pro“-Abonnenten erhalten sie außerdem kostenlosen Zugang zu einigen Spielen wie Destiny 2 und Rabatte auf Spielekäufe. 2020 soll das Angebot um das Abo „Base“ erweitert werden, mit dem Nutzer in HD spielen können und für Games den vollen Preis zahlen müssen. Was die billigere Variante kosten wird, ist noch nicht bekannt.

Wer Stadia nutzen kann

Ein spezielles Stück Gaming-Hardware gibt es dann doch für Stadia (das aber nicht zwingend zum Spielen benötigt wird): Rund 70 Euro soll der eigens für den Dienst entwickelte Controller kosten, der an eine Mischung aus den entsprechenden Geräten für Playstation und Xbox erinnert.

Wer bereits ab November Stadia nutzen möchte, muss dafür die sogenannte Founder’s Edition erwerben. Diese kostet knapp 130 Euro. Enthalten sind ein Controller, Googles Streaminggerät Chromecast und drei Monate des Abonnements „Pro“. Außerdem können Käufer ein weiteres dreimonatiges Probeabo an einen Freund weitergeben. Nur ein Abo kann zunächst nicht abgeschlossen werden. Wann sich Stadia für Kunden öffnen wird, die nicht das Paket kaufen möchten, sagt Google bislang nicht. Angesichts der dreimonatigen Abonnements der Founder’s Edition zum Start dürfte es aber auf Februar 2020 hinauslaufen.

Youtube verschärft Upload-Regeln

Auf den ersten Blick geht es Youtube blendend. Die Videoseite erreicht als größtes Bewegtbildmedium der Welt jene Zielgruppen, die sich von linearen Medien längst verabschiedet haben. Die Plattform ist ein kultureller Treiber und Ideenverbreiter. Und die generierten Werbeumsätze tragen wohl maßgeblich dazu bei, dass der Mutterkonzern Alphabet seinen Aktionären weiteres Wachstum versprechen kann.

Und doch geriet Youtube zuletzt immer wieder in die Negativschlagzeilen: Automatisierte Empfehlungen, die trotz gegenteiliger Versprechen zu Verschwörungstheorien und Desinformation führen. Algorithmen, die Heimvideos von Kindern Pädophilen zuführen. Die Debatte, ob ein Netzwerk rechtsreaktionärer Polit-Influencer die Aufmerksamkeitsmechanismen der Seite ausnutzen konnte, um zur Radikalisierung der politischen Atmosphäre beizutragen.

Die kalifornische Firma justierte häufig nach; begrenzte für einige Kategorien Empfehlungen, schaltete die Kommentarfunktion ab oder priorisierte Inhalte etablierter Nachrichtenquellen. Dabei zog sie aber die Kritik auf sich, man reagiere nur.

Das könnte sich nun ändern. Am Mittwoch kündigte Youtube an, die Hausregeln zum Umgang mit „Hassrede“ in diesem Jahr global zu verschärfen. Künftig seien Videos verboten, die andere Gruppen nach Eigenschaften wie Alter, Geschlecht, Rasse, Kaste, Religion oder sexueller Orientierung ausgrenzten, um die eigene Gruppe als überlegen darzustellen.

Beispiele, die aus der Firmenzentrale in San Bruno angeführt werden, sind Videos mit Botschaften wie „Homosexualität ist eine Geisteskrankheit“. Zudem löscht Youtube nun weltweit Videos, in denen der Holocaust oder andere geschichtliche Ereignisse geleugnet werden. Damit reagiert die Plattform auch darauf, dass bei größeren Gewalttaten und Terrorangriffen binnen Minuten Verschwörungsvideos online gehen.

Druck von verschiedenen Seiten

Auch die Software, die in den USA seit Januar Probleminhalte herunterpriorisiert, soll im Lauf des Jahres in weiteren Ländern ausgerollt werden. Dem Vernehmen nach rechnen die Verantwortlichen damit, dass es in den kommenden Monaten zu lebhaften Diskussionen darüber kommt, was aus welchen Gründen im Filter hängenbleibt. „Youtube ist nicht zu beneiden“, sagt Chris Stokel-Walker, der den Aufstieg der Plattform in seinem Buch Youtubers beschreibt: „Wären sie früher eingeschritten, hätten weniger drastische Maßnahmen genügt, um das Thema einzudämmen. Aber sie sind jahrelang untätig geblieben und waren relativ naiv, wie die Plattform genutzt werden könnte.“

Youtube steht inzwischen von verschiedenen Seiten unter Druck. Werbekunden wollen ein Umfeld ohne extreme Inhalte und lassen bei Kontroversen durchblicken, ihre Budgets zurückhalten zu können. Youtuber beklagen dagegen, dass das Portal die Schwelle, ab der die Videoproduzenten an der Werbung mitverdienen, erhöht hat und mittlerweile Prominente wie Will Smith bevorzugt.

Konservative in den USA warnen vor Einmischung

In verschiedenen Ländern denken Politiker zudem laut darüber nach, ob die Seite ähnlich wie mit dem deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz reguliert werden kann. Und im Heimatmarkt USA warnen konservative Politiker unverhohlen: Je stärker Youtube Inhalte bevorzugt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, künftig als Medienunternehmen reguliert zu werden – und damit für jeden einzelnen Inhalt verantwortlich gemacht zu werden.

„Youtube will Verantwortung übernehmen, aber ohne Haftbarkeit“, beschreibt Stokel-Walker die Strategie der Selbstregulierung. Inzwischen soll eine fünfstellige Zahl von Menschen damit beschäftigt sein, gemeldete oder vom Algorithmus gefundene Probleminhalte zu prüfen. Die neuen Hausregeln könnten die Debatte, welchen Einfluss die Plattform damit global nimmt, allerdings eher befeuern als beenden.

Das sind die Sollbruchstellen der digitalen Monopole

Die Lobbyisten des Silicon Valley haben jetzt reichlich zu tun. Die US-Politik bereitet einen Angriff auf die Marktmacht der großen Tech-Konzerne Alphabet (Google), Amazon, Apple und Facebook vor – der bis zur Zerschlagung gehen könnte.

Noch ist zwar nicht entschieden, ob die Kartellbehörden formelle Ermittlungen einleiten und welche Richtung diese nehmen würden. Sie haben sich aber schon einmal die Kompetenzen aufgeteilt: Das Justizministerium knöpft sich Apple und Google vor, die Handelskommission FTC ist für Amazon und Facebook zuständig. Im Februar schon hatte die FTC eine Taskforce gebildet, mit Experten für Online-Werbung, mobile Betriebssysteme und soziale Netze – und der Ansage, notfalls auch vergangene Firmenübernahmen wieder rückabwickeln zu wollen.

Zugleich leitet der Kongress eigene Ermittlungen ein. Der Wortführer der Demokraten im Kartellausschuss, David Cicilline, fordert eine Art „Trennbankengesetz“, wie es nach der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren eingeführt wurde: Wer digitale Plattformen betreibt, darf darauf keine eigenen Inhalte liefern.

Politische Rückendeckung gibt es aus beiden Parteien, die sich sonst fast nie einig sind. Präsident Donald Trump von den Republikanern unkt schon seit Jahren, Amazon und Co. wären ein Fall für das Kartellrecht. Herausforderin Elizabeth Warren von den Demokraten hat im März einen konkreten Zerschlagungsplan vorgelegt, und ihre Wettbewerber ziehen nach.

Das Kartellrecht der vergangenen Jahrzehnte, das Marktmacht tolerierte, wenn sie nur für sinkende Verbraucherpreise sorgte, scheint überholt. Die Stimmen mehren sich, dass Amerika an die alte Tradition anknüpfen solle, nach der die neuen Monopole ebenso vom Staat zu beseitigen seien wie einst die von Standard Oil oder AT&T. Wenn es tatsächlich so kommt, würden die USA die heimischen Großkonzerne wesentlich härter angehen, als es bisher die Europäer tun. Deren Verfahren haben immerhin schon aufgezeigt, an welchen Stellen die vier großen Konzerne besonders angreifbar sind. Hier eine Übersicht:

Amazon „ungeheuer böse“ – Marketplace soll öffentlicher Versorgungsbetrieb werden

Donald Trump sei „besessen von Amazon“, berichten Insider. Als Motiv wird neben den politischen Aktivitäten von Konzernchef Jeff Bezos, der auch die „Washington Post“ besitzt, vor allem die Rolle Amazons beim Sterben der alten Einzelhandelsketten und Shopping-Malls gesehen – ein Problem für Baulöwe Trump und seine Immobilienentwickler-Freunde.

Doch auch Liberale wie Warren kritisieren, dass der halbe Online-Handel über Amazons Marketplace laufe, Tendenz steigend. Schriftsteller Jonathan Franzen setzte jüngst im SPIEGEL-Gespräch Amazon Börsen-Chart zeigen auf Platz eins seiner Konzern-Hassliste. Der Gigant sei „ungeheuer böse“, und es gebe „kein Entrinnen mehr“. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das „Stadium des Töte-alle-Konkurrenz“ einer „Ära der Kundenvergewaltigung“ mit dann doch steigenden Preisen weiche. Er wünsche sich, „dass die Aufsichtsbehörden Amazon in zwölf Teile zerschlagen, die dann miteinander konkurrieren“.

Wegen der „Doppelrolle“, die allmächtige Handelsplattform bereitzustellen und darauf – zum Nachteil aller Konkurrenz – selbst Waren anzubieten, hat auch das deutsche Bundeskartellamt bereits im November ein Missbrauchsverfahren eingeleitet. Auch EU-Kommissarin Vestager berichtete von „sehr fortgeschrittenen“ Analysen zu Amazons Marktmacht, die sie gerne noch vor Ende ihrer Amtszeit im Sommer in formelle Ermittlungen überführen würde.

Eine Zerschlagung ist aus Europa nicht zu befürchten, aus Amerika aber schon. Warrens Plan sieht vor, Amazon Marketplace als reguliertes „öffentliches Versorgungsunternehmen“ zu behandeln. Geschäfte mit Eigenmarken wie Amazon Basics wären davon strikt zu trennen, also in eigene Unternehmen abzuspalten. Auch Übernahmen von Einzelhändlern wie Whole Foods oder Zappos will Warren rückgängig machen.

Google hat schon drei große Kartellstrafen der EU hinter sich

Das „Wall Street Journal“ will aus den Kartellbehörden erfahren haben, Washington nehme besonders Google und Facebook ins Visier. Deren Angebote nähmen bereits mehr als 70 Prozent des Internet-Traffics in den USA in Anspruch, kritisiert Elizabeth Warren. Wegen dieser Dominanz gebe es kaum noch erfolgreiche Start-ups. Ans einstige Firmenmotto „Don’t be evil“ glaubt kaum noch jemand.

Google steht auch im Mittelpunkt der EU-Ermittlungen. Die Brüsseler Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager hat gleich dreimal seit 2017 (noch nicht rechtskräftige) Milliardenstrafen gegen den heutigen Alphabet-Konzern verhängt: wegen Marktmissbrauchs in der Verquickung der Suchmaschine Google Search mit Google Shopping, wegen der Gebühren zur Benutzung des mobilen Betriebssystems Android, und wegen Behinderung des Wettbewerbs im Kerngeschäft mit Werbung (Google AdSense).

Die Geldstrafen sind zwar teuer und die Auflagen schränken die ungebremste Entfaltung des Netzdominators ein. Komplett auflösen müsste sich jedoch die Holding, ginge es nach Elizabeth Warren: Die mit Abstand meistgenutzte Suchmaschine will sie ebenso als öffentliches Gut behandeln wie die Anzeigenbörse. Die bisherige politische Hauptsorge um Datenschutz würde fast nebenher erledigt. Kein Wunder, dass Google im vergangenen Jahr mit Lobbyausgaben von 21 Millionen Dollar in Washington die Silicon-Valley-Aktivitäten anführte.

Facebook soll sich von WhatsApp und Instagram trennen

Facebook steht zwar politisch im Feuer, weil die sozialen Netzwerke zentral für die Meinungsbildung sind. Der Gedanke, die Plattform für andere eigene Geschäfte zu missbrauchen, liegt hier weniger nahe – die Plattform ist ja das Geschäft.

Dafür ist im Fall Facebook klarer, welche Übernahmen nachträglich kassiert werden könnten: Mit dem Kauf von WhatsApp und Instagram habe der Konzern das Entstehen rivalisierender sozialer Netzwerke verhindert. Die beiden Unternehmen wieder aus Facebook herauszulösen, ist fast schon Konsens in der neuen Anti-Monopol-Bewegung.

Einen sanfteren Weg zeigt das Bundeskartellamt mit seiner Entscheidung von diesem Februar: Facebook sei mit 95 Prozent der täglich aktiven Nutzern marktbeherrschend in Deutschland, entschied die Behörde – und folgerte daraus, die Trennung der Nutzerdaten von Facebook, WhatsApp und Instagram zu verfügen. Würde das international Schule machen, wäre der geschäftliche Sinn der Integration in einen Konzern dahin.

Apple: Lachender Vierter oder doch mit iOS und App Store im Visier?

Etwas abseits steht Apple. In Elizabeth Warrens Pamphlet „Es ist Zeit, Amazon, Google und Facebook zu zerschlagen“ hat es nicht für einen Eintrag im Titel gereicht. Auch gemessen an den Lobbyausgaben von sechs Millionen Dollar 2018 scheint Apple im Vergleich zu den anderen Großkonzernen unter dem Radar zu laufen. Konzernchef Tim Cook sprach lieber ab und zu persönlich bei Trump vor, und erreichte, dass neue Zölle nicht für aus China gelieferte Apple-Geräte gelten.

Auf der Liste des Justizministeriums steht der Konzern trotzdem. Die Zusammenfassung mit Google in eine Gruppe suggeriert, dass es vor allem um die Marktmacht bei mobilen Betriebssystemen geht: entweder Googles Android oder Apples iOS, so sieht es heute aus.

Um Missbrauch könnte es vor allem über den App Store gehen. Darauf zielt auch die Klage von Spotify. Der Musikstreaming-Dienst sieht sich wegen der von Apple verlangten Gebühren im Nachteil gegenüber Apple Music. EU-Kommissarin Vestager deutete immer wieder an, aus der Klage würde auch ein Verfahren entstehen. Offiziell bestätigt ist es bisher aber nicht.

Ufa-Chef kritisiert „viel zu viel Mittelmaß“ bei Streamingdiensten

Nico Hofmann, Chef der Produktionsfirma Ufa („Ku’damm 59“, „Charité“), bemängelt die Qualität vieler Produktionen von Streamingdiensten: „Es gibt viel zu viel Mittelmaß“, sagte er. „Die Zuschauer werden mehr denn je überlegen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Am Ende abonnieren sie maximal zwei Plattformen – nicht fünf oder sechs. Es wird jedenfalls einen starken Verdrängungswettbewerb geben.“

Hofmann plädiert in der Medienbranche für mehr Zusammenarbeit. „Abschottung und Abhängigkeit führt erwiesenermaßen ins Niemandsland“, sagte er im Hinblick auf US-Konzerne wie Disney, die ihre Inhalte nur noch im eigenen Kosmos vermarkten wollen. Die Ufa habe schon immer unabhängig am Markt agiert, 70 Prozent des Umsatzes werde außerhalb der RTL Group generiert. Die Produktionsfirma gehört zu RTL, das wiederum eine Tochter des Gütersloher Familienunternehmens Bertelsmann ist.

Hofmann sieht einen eindeutigen Trend im Filmmarkt: „Die Filmmärkte werden wieder lokal. Die Zuschauer verabschieden sich vom amerikanischen Lizenzprodukt und fordern eigenständige Produktionen“, sagte Hofmann. Seiner Ansicht nach ist es „absolut richtig, wenn sich RTL-Dienste wie TVNow auf ihre Heimatmärkte konzentrieren und dort attraktive Angebote anbieten“.

Mit TVNow versucht RTL, sich einen Platz im boomenden Streamingmarkt zu erkämpfen, der bislang von den Tech-Konzernen Netflix und Amazon dominiert wird. Die Ufa profitiert von dem Kampf der Plattformanbieter, die allesamt Inhalte benötigen: „Unser Umsatz ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent gestiegen“, sagte Hofmann. „Wir spüren definitiv einen Wachstumsmarkt und arbeiten sowohl mit den wichtigsten Fernsehsendern, als auch mit allen wichtigen Streaming-Anbietern zusammen. Es wird extrem spannend zu beobachten sein, wie sich unsere Partner künftig voneinander abgrenzen werden.“

Apple: Ein neuer Mac für Profis und das Ende von iTunes

Nun bekommt das iPad mit iPadOS ein eigenes, wenn auch stark an iOS angelehntes Betriebssystem. Der neue Mac Pro überrascht mit einem im Vergleich zum Vorgänger komplett neuen Außen- und Innenleben.

Die kommende Software für das Apple TV unterstützt auch die Game-Controller der XBox und der Playstation, außerdem eine Mehr-Nutzer-Verwaltung mit personalisierten Empfehlungen.

Softwarechef Craig Federighi kündigte wie erwartet einen Dark Mode für das nächste iPhone-Betriebssystem iOS 13 an.

Viel Arbeit scheint in ein Update der Karten-App Apple Maps geflossen zu sein. Sie soll es künftig beispielsweise ermöglichen, Sammlungen von Lieblingsorten anzulegen. Vor allem aber enthält sie eine neue Look-around-Funktion, die an Googles Street View erinnert.

Im Smart Home will Apple mit neuen Home-Kit-Funktionen auftrumpfen. So soll die Smart-Home-Software beispielsweise Aufnahmen von Heimüberwachungskameras so verschlüsseln, dass sie zwar in iCloud hochgeladen, aber nur vom Eigentümer angesehen werden können.

iPadOS heißt das neue Betriebssystem für Apples Tablets. Es baut auf iOS auf, ist aber speziell auf die wesentlich größeren Displays ausgelegt. Damit sollen das Multitasking und der Umgang mit mehreren Fenstern sehr viel einfacher und intuitiver werden als bisher. In einer ersten Vorführung von Craig Federighi sah das schlüssig aus.

iPadOS wird vom Mac gewohnte Elemente wie einen Download-Manager und einen Desktop-Browser auf das iPad bringen – und auch USB-C-Sticks kann man künftig mit dem Apple-Tablet verwenden.

Catalina nennt Apple seine kommende macOS-Version, nach der Insel Santa Catalina vor der kalifornischen Küste. Das vielleicht Wichtigste daran: iTunes stirbt mit Catalina. Ersetzt wird die von vielen als überfrachtete und kompliziert empfundene Software durch Apple Music, Apple Podcasts sowie die Apple-TV-App.

Das ehemals intern „Marzipan“ genannte Projekt zum unkomplizierten Umwandeln von iPad- in macOS-Apps heißt jetzt offiziell Catalyst. Eines der ersten Ergebnisse wird eine native Twitter-App für macOS sein.

Für die neuen Betriebssysteme gilt: Ab sofort sind sie für registrierte Entwickler als Vorschau verfügbar, die öffentliche Betaphase für tvOS, macOS Catalina, iOS 13 und iPadOS wird noch im Juni starten. Ab Herbst werden die System allen Nutzern zur Verfügung stehen.

Youtube wird Softcore-Pädophilie nicht los

Die Youtube-Funktion heißt „Nächstes Video“, doch in den vergangenen 18 Monaten ist sie immer wieder mit einem Strudel verglichen worden: Zuschauer, die über automatisch abgespielte Videos von Nachrichten zu Desinformationskampagnen geleitet werden. Kinder, die plötzlich verstörende Videos zu Gesicht bekommen. Minutenschnell produzierte Verschwörungsvideos, die sich bei aktuellen Ereignissen viral verbreiten.

Erst im Januar hat die Plattform angekündigt, seine Empfehlungsmechanismen zu ändern. Doch eine neue Recherche der New York Times zeigt die weiterhin bestehende Schwäche auf.

Die Reporter berichten über eine Beobachtung, die Forscher am „Berkman Klein Center for Internet and Society“ der Universität Harvard gemacht haben. Demnach leitet der Youtube-Empfehlungsalgorithmus Zuschauer von erotischem Content nach einiger Zeit auch auf Videos weiter, die leicht bekleidete Teenager oder auch Kinder in Badesachen oder beim Spagat zeigen.

„Jedes Video mag für sich genommen unschuldig erscheinen. Ein Heimvideo eines Kindes in einem zweiteiligen Badeanzug oder Schlafanzug“, beschreibt Reporter Max Fisher auf Twitter das Prinzip. „Aber jedes hat drei gemeinsame Eigenschaften: Das Mädchen ist weitgehend unbekleidet oder kurz nackt zu sehen. Sie ist nicht älter als acht Jahre. Ihr Video wird stark vom Youtube-Algorithmus angepriesen.“

Eine brasilianische Mutter, die im Artikel zu Wort kommt, fand so heraus, warum ein eigentlich langweiliges Video ihrer Tochter inzwischen mehr als 400 000 Aufrufe hat. Nachdem die New York Times Youtube mit den problematischen Video-Ketten konfrontiert hatte, stellte der Algorithmus andere Empfehlungen zusammen.

Das Thema, das unter dem Schlagwort „Softcore-Pädophilie“ firmiert, ist nicht völlig neu. Im Februar hatte es bereits eine ähnliche Kontroverse gegeben.

Damals hatte der Youtuber Matt Watson herausgefunden, dass pädophile Nutzer die Kommentarspalten von Videos nutzen, um zum Beispiel auf Szenen kleiner Mädchen hinzuweisen, die diese beim Spagat zeigten. Der Algorithmus der Seite hatte bei entsprechendem Nutzungsverhalten solche Inhalte schnell auch als „Nächstes Video“ vorgeschlagen.

„Höchste Priorität“
Daraufhin hatten Medienberichten zufolge Firmen wie Disney, Nestle und der Fortnite-Produzent Epic Games Werbekampagnen vorläufig gestoppt. Youtube reagierte, indem es die Kommentare bei Millionen von Videos mit kleinen Kindern abschaltete. Die Plattform löschte 400 Kanäle. Außerdem reduzierte Youtube die Werbemöglichkeiten und die Auffindbarkeit von Videos Minderjähriger in „riskanten Situationen“.

Nach der Veröffentlichung der New York Times betonte Youtube-Sicherheitsbeauftragte Jennifer O’Connor, dass der Kinderschutz „die höchste Priorität“ genieße. In einem Blogeintrag listete die Plattform die bisherigen Aktivitäten auf.

Neben den bereits bekannten Maßnahmen habe die Google-Tochter allein im ersten Quartal dieses Jahres in diesem Zusammenhang 800 000 Videos gelöscht, die meisten, bevor sie mehr als ein Dutzend Mal angesehen wurden. Zudem habe man in den vergangenen Monaten festgelegt, Livestreams von Minderjährigen nur noch in Begleitung von Erwachsenen zu erlauben.

Die Erwachsenenklausel trägt der Tatsache Rechnung, dass „Familien-Vlogging“ sich als erfolgreiches Genre etabliert hat. Eltern stellen dabei in der Regel inszenierte Videos aus dem Familienleben online und schaffen es in einigen Fällen, gemeinsam mit dem Nachwuchs zu Influencern zu werden und Partnerverträge mit Youtube abzuschließen.

Diese Content-Produzenten sehen Kommentare und Empfelungen in der Kategorie „Nächstes Video“ als Möglichkeit zur Reichweiten- und damit Werbeeinnahmensteigerung – entsprechend kritisch beäugt diese Gruppe mögliche Einschränkungen der Funktionen.

Genau wegen dieser Produzenten folge man nicht dem Wunsch, das Empfehlungssystem für Kindervideos komplett auszuschalten, so Youtube zur New York Times. Die Technologie zur Identifizierung würde allerdings existieren.

Ein anderer Faktor ist das fehlende Bewusstsein bei Nutzern: Eltern, die Videos ihrer Kinder für Verwandte oder Bekannte oder ohne feste Zielgruppe hochladen, aber das Video nicht als privat markieren, also nur per Direktlink aufrufbar machen.

Hemmungslos optimiert
Kritiker heben jedoch hervor, dass Youtube seinen Algorithmus lange völlig hemmungslos auf drei Ziele ausgerichtet hat: höchstmögliche Video-Aufrufzahlen, maximale Verweildauer und möglichst viele Interaktionen wie Likes und Kommentare. Die Nebenwirkungen sind bekannt.

In einem Bloomberg-Artikel vom April meldeten sich dazu mehrere Ex-Mitarbeiter zu Wort. Demnach sei der Strudel, der Nutzer geräuschlos in dunkle Gefilde führt, intern früh und mehrmals angesprochen worden. Youtube-Chefin Susan Wojcicki und das Management hätten das Thema aber abmoderiert, um das Wachstum nicht zu gefährden. Die Firma bestreitet dies.

Während Facebook inzwischen deutlich aktiver die Probleme angehe, verhalte sich Google eher reaktiv, merkte jüngst Chris Stokel-Walker an, der ein Buch über die Plattform geschrieben hat. „Sie nehmen jeden Skandal, wie er kommt, und versuchen die Sachen zu reparieren, wenn sie passieren.“

Wie sich die Filmtheater gegen Heimkino und Streaming wehren

In München wurde der erste deutsche Kinosaal mit „Dolby Cinema“-Ausstattung eingeweiht. Das ist nur einer der vielen Ansätze, mit denen die Kinobranche die Oberhand gegen Netflix & Co. behalten will.

Die Kinobranche schwankt in den vergangenen Monaten zwischen Verzweiflung und Euphorie: Den Klagen zu Jahresbeginn, 2018 hierzulande so wenige Tickets verkauft zu haben wie seit Jahrzehnten nicht mehr, folgte der Jubel über das herausragende Einspielergebnis des Films „Avengers: Endgame“.

Ähnlich zwiegespalten sind die Einschätzungen zur Zukunft des Kinos. Nur in einem sind sich alle einig: Die größte Bedrohung fürs Kino sind Videostreamingdienste – allen voran Netflix mit eigenproduzierten Filmen wie „Bird Box“ und „The Highwaymen“, die früher auf der großen Leinwand gelaufen wären. Damit nicht genug, erhält man die Blockbuster bei Netflix in 4K-Auflösung, mit erweitertem Farbraum und erhöhtem Kontrastumfang (High Dynamic Range, HDR) und 3D-Sound. Dadurch ist die Bild- und Tonqualität im liebevoll ausgestatteten Heimkino besser als im durchschnittlichen Kino.

Die Kinobetreiber müssen sich also etwas einfallen lassen, um weiterhin Besucher anzulocken. Seit einiger Zeit sind sogenannte „Premium Large Format“-Säle (PLF) stark im Kommen. Sie bieten große, vom Boden bis zur Decke reichenden Leinwände, ausgefeilte Rundum-Sound-Systeme, bequeme Sessel und andere Annehmlichkeiten. 2018 gab es rund 3370 PLF-Leinwände weltweit.

Auch in Deutschland ist der Trend spürbar: Mitte Mai eröffnete im Münchener Mathäser Palast der erste Kinosaal in Deutschland, der nach den Vorgaben von Dolby zu einem „Dolby Cinema“ umgebaut wurde. Kurz zuvor hatte IMAX – mit einem derzeitigen Weltmarktanteil von knapp 65 Prozent klar an der PLF-Spitze und auch hierzulande bereits an fünf Standorten vertreten – angekündigt, bis 2020 in Leonberg bei Stuttgart die größte Leinwand der Welt zu installieren.

Die neuen Filmpaläste
Kinobetreiber können heute zwischen praktisch schlüsselfertigen PLF-Systemen unzähliger Ausrüster wählen. Viele Namen dürften deutschen Kinobesuchern im Unterschied zu IMAX und Dolby aber kein Begriff sein. So ist die chinesische Firma CGS als Nummer 2 des Weltmarkts vor allem in seiner Heimat vertreten.

In diesem Jahr sind aber einige alte Bekannte hinzugekommen: So feierte Sony mit seinem „Sony Digital Cinema“ im Januar im „Galaxy Theatre“ in Las Vegas Weltpremiere. THX, früher mit dem gleichnamigen Gütesiegel eine echte Hausnummer im Kino, will sich mit „THX Ultimate Cinema“ wieder etablieren: Ende März kündigte das Unternehmen an, dass bis zum Sommer ein nach seinen Vorgaben eingerichteter Saal des „Regency Village Theatre“ in Los Angeles öffnet. THX hat dafür CGS als Partner gewonnen.

Eine allgemein gültige Regel, ab welcher Größe eine Leinwand unter die „Large Format“-Kategorie fällt, lässt sich schwer aufstellen. So ist das Modell im Münchener Dolby Cinema rund 15,7 Meter breit, während die Leinwand im Dolby Cinema in Eindhoven auf 20 Meter und die des Sony Digital Cinema in Las Vegas auf 21 Meter kommt. IMAX spricht hingegen erst ab einer Breite von knapp 23 Metern von „großen Wänden“, das Modell in Leonberg soll sogar rund 38 Metern breit sein.

Hinzu kommt, dass IMAX für sein analoges 70-mm-Format seinerzeit ein Bildformat mit einem Seitenverhältnis von 1,43:1 entwickelte, das besonders hohe Leinwände benötigt. Auch wenn die digitalen Varianten des Systems heute nur noch 1,90:1 als Alternative zum üblichen digitalen Breitwandformat 2,39:1 bieten, ist der Höhenunterschied beim Bild immer noch beträchtlich: Auf eine Breite von 20 Metern beträgt er 2,10 Meter.

Aktuell arbeiten alle Systeme mit Projektion, üblich ist eine Doppel-Laser-Installation, um bei den großen Leinwänden – auch bei 3D-Filmen – eine brauchbare Helligkeit zu erreichen. Teilweise sollen zusätzlich proprietäre Techniken das Maximum aus der Lasertechnik herauskitzeln.

Dolby Cinema
Dolby hat sein PLF-System als Gesamtpaket konzipiert: Den Kinobesucher will man schon vor Filmbeginn in eine andere Welt entführen. Daher betritt man den Saal nicht direkt, sondern durch eine kleine Passage, in der wandfüllend ein zum Film produzierter Clip mit passendem Sound projiziert wird.

Die „Dolby Vision“ genannte Bildtechnik umfasst an den beiden 4K-Projektoren eine spezielle Technik, die für einen komplett freien Lichtweg sorgen. Es kommen also weder Filter zum Einsatz, noch wird etwas vor die Linse montiert. Im Ergebnis erhält man laut Dolby eine maximale Helligkeit von rund 106 Candela pro Quadratmeter (cd/m2), umgerechnet 31 foot-Lambert (f L).

Konventionelle 2D-Projektoren erreichen meist nur knapp 48 cd/m2 (14 f L), was sich in der Empfehlung der Digital Cinema Initiatives (DCI) niederschlägt. Bei 3D-Projektion bleibt bestenfalls die Hälfte übrig. Im Dolby Cinema laufen 3D-Filme hingegen mit rund 48 cd/m2. Das erlaubt einen entspannten 3D-Genuss, da die Augen in dunklen Szenen nicht so strapaziert werden.

Ein zumindest ebenso wichtiger Faktor ist der Kontrast, der das Verhältnis vom dunkelsten bis zum hellsten Signalpegel beschreibt. Der liegt bei einer gewöhnlichen Kinoprojektion mit Xenon-Lampen bei circa 2000:1 und reicht auch mit Lasern oft nur bis 3000:1. Mit Dolby Vision schaffen die Projektoren nach Angaben von Dolby über eine Million zu eins.

Um Streulicht zu vermeiden, sind Saal und Einrichtung in Anthrazit/Schwarz gehalten; nur ein blauer Lichtstreifen an den Wänden und blaue Lampen an den Stufen sorgen vor der Vorstellung für Beleuchtung. Ebenso wird darauf geachtet, dass die den Weg zu den Ausgängen weisenden Lichtstreifen am Boden nicht ungünstig strahlen. Schließlich unterstützen die Projektoren für sattere Farben den erweiterten BT.2020-Farbraum.

Beim Ton setzt Dolby erwartungsgemäß auf sein neuestes, objektorientiertes Surround-System „Dolby Atmos“ mit bis zu 64 separaten Kanälen. Damit lassen sich die sonst üblichen seitlichen und rückwärtigen Lautsprecher-Arrays auflösen und die Surround-Boxen stattdessen einzeln ansteuern. Hinzu kommen Deckenlautsprecher für Höheneffekte.

IMAX with Laser
IMAX wagte bereits 2008 unter der Bezeichnung „IMAX Digital“ den Sprung vom analogen 70-mm-Film zur Digitalprojektion. Die Umsetzung erntete aber Kritik, da das System zwei Xenon-Projektoren mit einer Auflösung von jeweils nur 2K nutzte. Vor einigen Jahren brachte das Unternehmen mit „IMAX with Laser“ eine überarbeitete Fassung mit 4K-Modellen heraus. Diese Technik kommt in Berlin, Karlsruhe und Sinsheim zum Einsatz und soll auch in Leonberg verwendet werden.

Geblieben ist der Ansatz, die Bilder beider Projektoren überlagert mit einem winzigen Versatz zu projizieren und die empfundene Auflösung zu erhöhen – ein wichtiger Punkt bei den großen Leinwänden. In IMAX-Sälen mit Laserprojektoren werden wieder Leinwände in 1,43:1-Format installiert, um beispielsweise digitale Fassungen der „klassischen“ 70-mm-Produktionen zeigen zu können.

Laut IMAX kommt ihr Laser-Projektionssystem im 2D-Betrieb auf eine Helligkeit von 22 f L (rund 75 cd/m2) und liegt damit deutlich über der DCI-Empfehlung von 14 f L (48 cd/m2), aber hinter Dolby Cinema mit seinen 31 f L (106 cd/m2, siehe oben). Danach befragt, erklärte IMAX-CTO Brian Bonnick gegenüber c’t, dass „IMAX with Laser“ dafür ein schärferes Bild liefere, das zudem einen höheren Kontrast innerhalb des Bildes aufweise.

Erreicht werde dies durch hochwertige Objektive und eine eigene Projektionstechnik. Sie verzichtet komplett auf das Glasprisma, das ansonsten in jedem Projektor mit Xenon-Lampe oder Laser vor dem Mikrospiegelarray (DMD) montiert ist. Vom DMD wird das Licht dann wieder durch das Prisma zur Leinwand gelenkt.

IMAX schickt stattdessen das rote, grüne und blaue Laserlicht in einem patentierten Lichtgehäuse direkt auf die Spiegel – und erreicht so, dass die hellen Stellen im Bild die dunklen nicht aufhellen. Das Gehäuse ist zudem aus Invar gefertigt, einer sehr hitzebeständigen Eisen-Nickel-Legierung. Diese Konstruktion lässt sich laut Bonnick wesentlich besser kühlen, sodass es nicht zu den ansonsten üblichen Verformungen an den Spiegelaufhängungen und den damit verbundenen Unschärfen kommt.

Ebenso wichtig ist laut Bonnick, dass sich das IMAX-System zwischen den Vorstellungen automatisch kalibriert. Die Technik im Saal ist zudem rund um die Uhr mit dem IMAX-Service-Center verbunden, das alle Systemkomponenten überwacht und bei Problemen Techniker schickt.

Die automatische Kalibrierung umfasst auch das 12-kanalige Tonsystem, das IMAX für die „IMAX with Laser“-Säle entwickelte. Konkret arbeitet es mit sieben Vollbereichslautsprechern (statt der typischen Kombination aus Satellitenboxen und Subwoofern) auf der unteren Ebene, vier Höhenlautsprechern (Deckenlautsprechern) und einem Height Center. Letzter ist sinnvoll, weil sich bei den sehr hohen IMAX-Leinwänden auch Effekte anbieten, die vom unteren zum oberen Center laufen. Laut Bonnick hat das System ausreichend Reserven, um beispielsweise den Ausfall eines Tieftöners (automatisch) so zu kompensieren, dass die Zuschauer keine Einschränkung bei der Tonwiedergabe bemerken.

ScreenX
Einen Sonderrolle nimmt das „ScreenX“-System der koreanische Unternehmensgruppe CJ ein, das ein 270-Grad-Seherlebnis verspricht. Dafür wird die gewöhnliche Leinwand nach rechts und links um weiteren Projektionswände erweitert – idealerweise in einem Verhältnis von Front (Breite der Leinwand) zu den Seiten (vorderer Rand bis letzte Sitzreihe) zwischen 1:1,5 und 1:2. Rund 200 umgerüstete Kinosäle in 18 Ländern gibt es bereits, darunter in der Schweiz und Frankreich. Deutsche Kinos sind bislang noch nicht dabei.

Seit 2018 biete CJ ScreenX auch in Kombination mit seinem zuvor separat angebotenen „4DX“-System an, bei dem sich passend zum Geschehen auf der Leinwand die Kinositze bewegen und andere Effekte wie Wind und Nebel ausgelöst werden.

Ende Februar gab CJ bekannt, dass kommenden ScreenX-Kinos exklusiv das 3D-Soundsystem DTS:X nutzen werden. Diese Vereinbarung wirkt sich jedoch nicht auf die 200 bestehende Installationen weltweit aus, die weiterhin an kein bestimmtes Soundsystem gebunden sind.

Cinema LED Screen
Die allgemeine Gleichung „Beste Bildqualität nur mit Doppel-Laserprojektion“ gilt seit zwei Jahren nicht mehr: Da öffnete der erste Kinosaal, in dem statt Projektionstechnik eine DCI-zertifizierte LED-Bildwand zum Einsatz kommt. Beim „Cinema LED Screen“, den Samsung unter dem Namen „Onyx“ vermarktet, dürfte mancher an die schon mehrfach auf Messen präsentierte Bildwand „The Wall“ denken. Tatsächlich sind beide aus einzelnen Modulen zusammengesetzt, The Wall zielt aber auf den Heim- und Büromarkt und arbeitet mit kleineren LEDs.

Onyx startete mit einem 10,3 Meter breiten und 5,4 Metern hohen Modell, das auch in zwei deutschen Kinosälen zu finden ist (im „Kinopolis Main-Taunus“ in Sulzbach und im „Traumpalast Esslingen“). Seit Ende 2018 läuft in einem Pekinger Kino aber auch eine 14 Meter breiten Ausführung – womit sich abzeichnet, dass LED-Bildwände künftig in der PLF-Kategorie mitspielen dürften.

Die Bildfläche der Pekinger LED-Wand ist fast doppelt so groß wie die des kleineren Modells, an der 4K-Auflösung hat sich indes nichts geändert. Die maximale Helligkeit gibt Samsung für die 14-Meter-Version mit 88 f L (rund 300 cd/m2) an. Die Bildwand läuft aber nur bei 3D-Filmen auf vollen Touren, für 2D-Vorführungen reichen rund 67 f L (230 cd/m2). Das ist immer noch mehr als das Doppelte des 2D-Wertes von Dolby Cinema. Zudem schlägt der Screen laut Samsung das für Dolby Cinema angegebene Kontrastverhältnis von über einer Million zu eins.

Die guten Helligkeits- und Kontrastwerte haben noch einen weiteren Vorteil außerhalb des Filmbetriebs: Die Bildwände lassen sich für Konferenzen und E-Gaming-Events nutzen, bei denen der Saal nicht komplett abgedunkelt werden kann.

Beim Ton gibt sich Samsung offen. Der Hersteller bietet Kinobetreibern zwar eine passende Lösung seiner Tochter Harman an, in Peking kommt jedoch erstmals ein 3D-Soundsystem vom Typ DTS:X zum Einsatz. Das arbeitet wie Dolby Atmos mit Audioobjekten und Höhenkanälen.

Samsung dürfte nicht der einzige Anbieter bleiben. Sony präsentierte bereits 2017 den Prototypen einer Kino-Bildwand auf einer Kinomesse. Auch NEC, Barco, Christie und LG sollen Bildwände als potenzielles Geschäftsfeld im Auge haben.

Passendes Material
Alle Laserprojektionssysteme und Bildwände eint ein Problem. Zwar ist jede Filmkamera aus dem Kinobereich in der Lage, ein HDR-Bild zu liefern. Spielt man über die Systeme jedoch die aktuell verfügbaren DCI-Kopien ab, erhält man nur ein Bild mit gewöhnlichem Kontrastumfang (Standard Dynamic Range, SDR). Insofern müssen spezielle Fassungen her, um zeigen zu können, was die Lösungen wirklich leisten.

Für Dolby Cinema werden dafür Versionen von Filmen mit Bild im HDR-Format Dolby Vision sowie 3D-Ton in Dolby Atmos gefertigt. Für 2019 sind bislang 40 Filme angekündigt. Nicht verwechseln darf man dies mit Titeln, die lediglich Dolby-Atmos-Ton bieten, da diese auch in gewöhnlichen Kinos laufen.

IMAX muss schon deshalb mehr Aufwand treiben, weil die Filme auf das eigene Seitenverhältnis von 1,91:1 gebracht werden – wobei anzumerken ist, dass manche Filme im Hinblick auf diese Verwertung heute bereits zumindest teilweise passend produziert werden. IMAX’ proprietäres „DMR“-System (Digital Media Remastering) umfasst daneben einen Rauschunterdrückungsalgorithmus, da das Filmkorn auf der großen Leinwand in HDR störend wirken kann. Der IMAX-CTO betonte im Interview jedoch, die Filmemacher würden entscheiden, ob und in welchem Maße der Entrauscher zum Einsatz komme.

THX rechnet für „THX Ultimate Cinema“ nach US-Medienangaben mit 30 speziell gemasterten Filmen. Für Sony Digital Cinema fehlt es noch an einer konkreten Ankündigung, der Chef von Sonys Kinosparte erklärte jedoch bereits, dass man die Möglichkeiten aktuell auslote. Von speziellen Filmfassungen für Samsungs LED-Bildwand ist bislang nichts bekannt.

Bei ScreenX ist der Aufwand erwartungsgemäß größer und die Zusammenarbeit mit den Studios noch wichtiger, da es Material für die seitliches Leinwände benötigt, das die Filmemacher im Idealfall bei den Dreharbeiten gleich mitproduzieren. Die Inhalte müssen dann in der Postproduktion an den Look des Hauptbildes angepasst und zusammen mit diesem (ebenfalls verschlüsselt) ausgeliefert werden. Zu den Filmen, von denen ScreenX-Varianten angefertigt wurden, zählen unter anderem „Captain Marvel“, „Shazam!“ und aktuell „Pokémon Detective Pikachu“.

HDR-Initiative
Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass Hollywood nicht nur einen HDR-Standard fürs Kino schaffen will, sondern auch die Bildwände im Auge hat. So veröffentlichte die DCI, hinter der Disney, Paramount, Sony Pictures, Universal and Warner steht, im November 2018 parallel gleich zwei Entwürfe: einen zur Erweiterung der Digitalkino-Spezifikation um HDR und einen zu HDR auf Kino-Bildwänden (hier „Direct View Displays“ genannt).

Diese Kopplung spielte Branchenvertretern in die Karten, die argumentieren, dass nur LED-Bildwände die nötige Kombination aus Helligkeit und Kontrast aufweisen, um sie als HDR-tauglich zu bezeichnen. Bei Projektion, auch mit Doppel-Laser, sprechen sie bestenfalls von einem erweiterten Kontrastumfang (Enhanced Dynamic Range, EDR).

Nachdem die Projektorhersteller Unmut über dieses Vorgehen geäußert hatte, schob die DCI Ende März eine Erklärung nach, in der sie betont, dass eine neue Version der digitalen Filmkopien (Digital Cinema Package, DCP) mit HDR-Informationen eben nicht nur auf Bildwände, sondern auch auf HDR-taugliche Projektionssysteme zielen würde.

Hollywoods Wunsch nach einem HDR-Standard ist nachvollziehbar: Kein Studio dürfte mehr unterschiedliche Fassungen für alle möglichen Wiedergabesysteme anfertigen wollen. Dazu passt, dass sich Samsung beim HDR-Format für Onyx betont offen gibt, obwohl das Unternehmen fürs Heimkino HDR10+ als Konkurrenzformat zu Dolby Vision entwickelt hat.

Fazit
Alles in allem treiben offenbar die neueren Entwicklung rund um Videostreaming und Heimkino-Technik auch die Innovationen im Kinobereich voran. Den Kinobesucher kann es an sich freuen: Statt „Schuhkastenkinos“ gibt es mehr und mehr Filmtheater, die diese Bezeichnung auch verdienen. Andererseits müssen die Kinobetreiber die beträchtlichen Investition in große Säle und moderne Technik wieder hereinholen. Insofern bleibt auch spannend, wie sich über die kommenden Jahre die Preise für Tickets entwickeln werden – und für Getränke, Popcorn und Co. im Kino.

Wie Mark Getty sein Fotoimperium wieder auf Kurs bringen will

Der Spross der legendären US-Milliardärsfamilie hat das Unternehmen Getty zurückgekauft. Die zehn Jahre unter Finanzinvestoren sieht er als verlorene Zeit.

Nun will er das Wachstum von Getty Images wieder beschleunigen und den Schuldenberg weiter verringern. „Die vergangenen zehn Jahre waren wir langsam“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt, „dabei gibt es so viele Wachstumsmöglichkeiten.“

Natürlich sei der Rückkauf der Firma auch eine Herzensangelegenheit gewesen, sagt Getty. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, Emotionen hätten keine Rolle gespielt.“ Schließlich hatte er Getty Images 1995 selbst gegründet, als er gemeinsam mit dem Arbeitskollegen Jonathan Klein eine der weltweit führenden Fotoagenturen, Tony Images, kaufte und mit zahlreichen weiteren Akquisitionen den Markt konsolidierte.

Dabei hatte er eine wahrlich ernst zu nehmende Konkurrenz: Bill Gates hatte bereits 1989 die Fotoagentur Corbis gegründet. „Gates ist sehr reich und unglaublich intelligent“, sagt Getty. Zusammen revolutionierten Corbis und Getty Images die Welt der Fotografie mit ihren Mega-Agenturen. Heute verfügt Getty Images über mehr als 300 Millionen Bilder und Videoclips.

Als Gründer hänge man am Unternehmen, sagt Getty. „Doch rein emotionale Entscheidungen funktionieren in der Wirtschaft nicht.“ Er sei zwar persönlich an Kunst und Fotografie interessiert. Doch sei ihm auch „kommerzielle Disziplin“ wichtig. Wirtschaftliche Gründe hätten daher am Ende den Ausschlag für den Rückkauf gegeben. Er glaube vor allem weiterhin fest an die Story und die Mission von Getty Images: „die Welt mit kraftvollen Bildern zu bewegen“.

Die Familie ist eine der bekanntesten in den USA. Vom „traurigsten Milliardärs-Clan der Welt“ schrieb einmal der „Stern“. Mark Getty ist Enkel des US-Ölmilliardärs Paul Getty, des einst reichsten Mannes der Welt. Sein Vater war drogen- und alkoholsüchtig und verlor eine spätere Frau durch eine Überdosis Heroin.

Mark selbst wuchs mit seinen drei Geschwistern und der Mutter in der Toskana auf, um ein normales Leben zu führen, als sein Bruder entführt wurde. Die Kidnapper schnitten ihm ein Ohr ab, weil der für seinen Geiz bekannte Großvater nicht gleich zahlte. Seine Schwester wurde kokainsüchtig und starb an Aids.

Mark Getty ist frei von Skandalen und entwickelte Getty Images lange mit Erfolg. 2008 verkaufte er die Mehrheit für 2,3 Milliarden Dollar an die Finanzinvestoren Hellmann & Friedman. „Ich glaubte, dass sie gute Investoren sind, und war glücklich, auf dem Rücksitz zu sitzen“, sagt Getty heute. Doch im Wirtschaftsabschwung im Zuge der Finanzkrise litten die Werbeagenturen, damals noch die Hauptkunden von Getty Images, ganz besonders. Die Geschäftspläne der Finanzinvestoren gingen nicht auf, 2012 übernahm mit Carlyle der nächste Finanzinvestor.

Die Firma war hochverschuldet

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten hemme es die Flexibilität, wenn ein Finanzinvestor perspektivisch den Exit suche, sagt Getty. Zudem musste die Firma zu einem guten Teil den Kaufpreis stemmen und war daher in der Spitze mit 2,4 Milliarden Dollar hochverschuldet. In disruptiven Zeiten, in denen sich Technologien und Geschäftsmodelle rasant verändern, rächt sich das. „Wir haben viele Chancen verpasst.“ Die Umsätze von zuletzt geschätzten 850 Millionen Dollar stagnierten über viele Jahre, während neue Konkurrenten wie Shutterstock, gegründet und geführt von Jon Oringer, 2003 emporstiegen.

Ein Einzelfall ist Getty Images nicht. Nicht jedem Familienunternehmen bekommt der Wechsel in die Hand von Finanzinvestoren gut. Gesellschafter von Familienunternehmen wollten der nächsten Generation eine intakte Firma übergeben, sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen, dem Handelsblatt. Sie wirtschafteten deswegen mit entsprechend langer Perspektive. „Am Kapitalmarkt hingegen gelten andere Spielregeln. Da geht es oft darum, den maximalen Profit in einer kurzen Zeitspanne zu erzielen.“

Nun aber soll Getty Images wieder neuen Glanz bekommen. Die Schulden hat Getty bereits auf 1,8 Milliarden Dollar gedrückt, aus dem in der Branche üppigen Cashflow sollen sie weiter reduziert werden. „Nun haben wir wieder Spielräume“, sagt Getty. Er wolle mindestens so schnell wachsen wie Shutterstock, das im prozentual hohen einstelligen Prozentbereich zulegt, die Umsatzmilliarde dürfte damit mittelfristig in Sicht sein.

Einfach wird die Aufgabe nicht. „Der Bildmarkt ist extrem hart umkämpft“, sagte Stefan Ploghaus, beim Bundesverband professioneller Bildanbieter und Geschäftsführer bei Mauritius Images. Die Geschäfte sind nicht besser geworden. Er gehe davon aus, dass viele Agenturen Umsatzverluste mit Mehrverkäufen zu günstigeren Honoraren kompensieren.

Dies treffe sowohl auf nationale Bildagenturen als auch auf die drei großen globalen Anbieter Adobe Stock, Getty Images und Shutterstock zu. Auch die kostenlosen Anbieter trügen zum Preisverfall bei. Für Bildsuchende seien diese auf den ersten Blick attraktiv. Doch wüssten heute viele, dass „durch den Rattenschwanz an Rechteklärung und Lizenzierungsunsicherheit diese Angebote auch ein unkalkulierbares Kostenrisiko in sich bergen“.

Getty will den neuen Anlauf im umkämpften Markt wagen – und er hat ja auch nicht nur ein rein finanzielles Motiv. Nein, Geld mache nicht glücklich, sagt Getty, der ein leidenschaftlicher Leser ist und gern in den Dolomiten klettert. Das Jetset-Leben früherer Gettys war seine Sache nie. Geld sei etwas Unpersönliches, so wie dieses Hustenbonbon, das er vor sich liegen hat.

Getty lebt in Rom, er ist unentwegt auf Reisen und hat sich im regnerischen München eine Erkältung geholt. Er habe auch ein Boot und nutze manchen Luxus. Doch habe er früh gelernt, dass man selbst etwas unternehmen müsse. Es seien die persönlichen Themen, die glücklich machen, die Kinder natürlich zuallererst. Aber auch ein Purpose bei der Arbeit. Davon sprechen ja auch viele Manager und Unternehmen gerade, dass es wichtig sei, dass eine Firma einen gesellschaftlichen Zweck habe.

Und da hat Getty mit Getty Images noch viel vor. Die weltgrößte Bilddatenbank will er weiter ausbauen. Dabei seien auch weitere Übernahmen nicht ausgeschlossen, schließlich sei die Firma mit Akquisitionen groß geworden. Den moralischen Kompass, der ihm wichtig ist, will er dabei nicht verlieren. Pornografie und Paparazzi-Fotos zum Beispiel lehnte er früh ab.

Zuletzt sorgte Getty Images mit einer Initiative für „ehrliche“ Stockfotos für Aufsehen. Klischeehafte Rollenbilder sollen auf den Symbolfotos nicht mehr verbreitet werden. Getty Images will als weltweit erste Bildagentur keine Bilder mehr von Models in die Datenbank nehmen, deren Körperform retuschiert wurde, um sie schlanker oder fülliger erscheinen zu lassen.

Gates verkaufte seine Agentur

In der Branche ist Getty Images inzwischen eines der ältesten Unternehmen. Dafür könne man sich nichts kaufen, sagt Getty. Für die Plakette an der Wand, vor wie viel Dekaden eine Firma gegründet worden sei, interessiere sich heute niemand mehr. „Eher ist interessant, wie viele Monate es her ist.“ Mit zahlreichen Start-ups also muss Getty Images konkurrieren. „Dein Geschäftsmodell ist immer unter Druck. Du musst dich ständig ändern“, sagt der Gründer.

Aktuell sind es vor allem viele Portale, die kostenlose Fotos anbieten. Mit denen muss Getty Images konkurrieren, um als Partner bei den Premium-Angeboten zum Zug zu kommen. Zudem will Getty den Videobereich, der derzeit 100 Millionen Dollar groß ist und aus etwa 8,5 Millionen Videoclips besteht, ausbauen. Der wachse derzeit überproportional.

Der alte Konkurrent Bill Gates hat seine Agentur Corbis vor einigen Jahren an Visual China verkauft. Getty Images profitierte von dem Deal: Die Chinesen vertreiben die Bildrechte von Getty in China, im Rest der Welt ist es umgekehrt. Die Partnerschaft funktioniere gut. Die chinesischen Behörden kontrollierten sicher, welche Bilder Medien in China verwenden dürften, doch das sei ein Thema für die Kunden.

Vom chinesisch-amerikanischen Handelskonflikt sei Getty Images als Unternehmen nicht betroffen. Privat habe er seine eigene Meinung, und die, lässt er durchblicken, ist durchaus radikal konträr zum Abschottungskurs von US-Präsident Donald Trump.

Nun ist Getty Images also wieder im Besitz der Familie, und Mark Getty kann sich vorstellen, dass es so bleibt. Wenn die Kinder einmal in die Firma einsteigen wollten, müssten sie aber unten anfangen. So wie der Vater, der einst neun Monate auf einer Ölplattform arbeitete, ohne seinem Arbeitgeber zu sagen, wer er wirklich ist.

Rezo und die neue Generation Subito

Mit einer Hochgeschwindigkeitsrede wirbelte Rezo die Politik auf. Seine Performance spiegelt auch den Widerspruch zwischen Sein und Schein der informellen Youtube-Publizistik. Von Rainer Stadler.

Wer in den herrschenden politischen und gesellschaftlichen Milieus verankert ist, hatte bis vor zwei Wochen wohl noch nie den Namen Rezo gehört. Eltern von Heranwachsenden wussten vielleicht halbwegs, dass der knapp 27-jährige Youtube-Unternehmer Musik- und Comedy-Videos publiziert. Nun ist er kurz vor den EU-Wahlen mit seinem Anti-CDU-Video – gleichsam einem audiovisuellen Leitartikel – schlagartig ins Scheinwerferlicht der grösseren Öffentlichkeit geraten. Seine Intervention machte den Medienwandel augenfällig.

Die Etablierten reagierten allzu hysterisch auf Rezos abrupten Auftritt in der politischen Arena. Sie überschätzen die Wirkung der einstündigen Hochgeschwindigkeitsrede gegen die Realpolitik. Die vielfach herumgereichte Information, das Video sei 13 Millionen Mal angeschaut worden und habe damit die Reichweite von Fernsehsendungen übertroffen, muss man relativieren. Die Zahl sagt nichts Verlässliches darüber aus, wie viele Leute wie lange tatsächlich zugeschaut haben. Die grosse Resonanz des Videos in den Massenmedien erzeugte allerdings einen Kumulationseffekt, der das politische Gewicht der Botschaft deutlich steigerte.

Rezo erklärte in einer Twitter-Botschaft sein Desinteresse an Live-Diskussionen, weil er ein Problem mit Stottern habe. Dieses Bekenntnis kontrastiert scharf mit seiner Video-Performance, die einen routinierten Schnellredner zur Schau stellt, welcher scheinbar locker und spontan in die Kamera redet – so, wie es dem ungezwungenen Stil eines Youtubers entspricht. Der Widerspruch macht die Künstlichkeit bzw. die Professionalität der Produktion des Videos manifest. Hier sind keine Laien am Werk.

Auch wenn Rezo in ein Werbenetzwerk des Konzerns Ströer eingebunden ist, gibt es dennoch keine überzeugenden Anhaltspunkte, um Rezo unlautere bzw. kommerzielle Absichten zu unterstellen oder eine Instrumentalisierung durch Hintermänner zu vermuten. Vielmehr scheint es sich um ein zivilgesellschaftliches Engagement zu handeln, das auf der von Greta Thunberg ausgelösten grünen Welle reitet. Die von über 90 anderen Youtubern unterstütze Aktion erinnert an die Zürcher Jugendbewegung der achtziger Jahre, welche unter dem Schlachtruf «Subito» Sofortlösungen verlangte – nur geht es jetzt um ein wichtigeres Anliegen als damals (autonome Jugendhäuser).

Wenn ein bis anhin politisch unbekannter Internetaktivist kurz vor Wahlen beispielsweise mit einem höchst migrationskritischen Video aufgetreten wäre, hätte die medienpolitische Debatte ziemlich sicher einen anderen Dreh erhalten. Die Befürworter von neuen Regulierungen hätten mehr Applaus bekommen. Es gibt jedoch keinen Grund für Interventionen, denn es herrscht Wettbewerb um Informationen und Meinungen im Kommunikationssektor. Die journalistischen Medien spielen zudem immer noch eine prägende Rolle.

Dennoch verdient die Entwicklung kritische Aufmerksamkeit. Die Entgrenzung des Journalismus durch die digitalen Techniken erschliesst auch undurchsichtigen Akteuren neue Möglichkeiten. Zu beobachten ist eine Art Tarnkappen-Publizistik: Akteure mit kommerziellen oder politischen Interessen nutzen teilweise sehr geschickt journalistische Gestaltungsformen. Wenn sie dabei ganz kurz vor Wahlen und Abstimmungen aktiv werden, vermögen sie bedrohliche Hebelwirkungen zu erzeugen – gerade in politisch labilen Situationen.

Lieber rollen als falten: Bildschirme als Meterware

Fast alle wichtigen Hersteller von mobilen Computern haben faltbare Bildschirme angekündigt. Aber ob auf die bejubelten Prototypen bald kommerziell erfolgreiche Produkte folgen, ist unsicher. Doch auch ohne Klappmechanismus stehen bei den Bildschirmen große Veränderungen an.

Der Fortschritt der Digitalisierung wird an der Papierlosigkeit gemessen – oder aber an der Papierhaftigkeit. Die Papierlosigkeit kommt nur sehr langsam voran: Der Slogan vom papierlosen Büro stammt aus den 1970er Jahren, aber noch immer stapeln sich überall neben den Computerbildschirmen die Papiere.

Die Papierhaftigkeit ist die Fähigkeit von elektronischen Anzeigen, Informationen so wiederzugeben, als seien sie auf Papier gedruckt. Dazu gehört, dass die Darstellung dem menschlichen Auge gefällt, dass sie nicht flimmert und nicht spiegelt, dass sie bei der Wahl des Betrachtungswinkels große Freiheit bietet und dass sie bezüglich Farbigkeit und Kontrast höchsten Ansprüchen gerecht wird; dazu gehört aber auch, dass sie gut in die Hände passt, dass sie leicht ist und weich, dass sie sich biegen und rollen und sogar falten lässt.

Knifflige Probleme

In der Schweiz werden pro Jahr und Kopf 139 Kilogramm Papier verbraucht. Das ist weniger auch als schon – der Papierverbrauch erreichte 2010 seinen Höhepunkt –, aber noch lange keine Papierlosigkeit. Bei der Papierhaftigkeit wurden jüngst Fortschritte gemacht: Mit Ausnahme von Apple haben alle wichtigen Hersteller von Smartphones oder von mobilen Computern Prototypen von Geräten vorgeführt, die faltbare Bildschirme besitzen. Es gibt nicht nur Prototypen, sondern auch Kleinstserien, Testgeräte für Journalisten sowie konkrete Angaben bezüglich Preis und Verfügbarkeit. Doch nach wie vor ist unklar, ob eine Kommerzialisierung der faltbaren Bildschirme in absehbarer Zukunft gelingt.

Die Ursprünge der Papierhaftigkeit liegen in China. Gemäß alten Chroniken unternahm es ein Hofbeamte namens Cai Lun (auch Tsai Lun oder Ts’ai Lun), zu den gängigen, aber teuren oder unpraktischen Schreibmaterialien aus Seide oder Bambusholz eine Alternative zu entwickeln. Im Jahr 105 soll Cai Lun dem Kaiser das Papier und ein Verfahren zu seiner Herstellung präsentiert haben. Die Technologie der Papierherstellung gelangte durch Industriespionage entlang der Seidenstraße von Osten nach Westen. Die ersten europäischen Papiermühlen wurden im 12. Jahrhundert in Italien und Spanien errichtet.

Gegenverkehr auf der Seidenstraße

Die Flachbildschirme nahmen den umgekehrten Weg: Die Flüssigkristallanzeigen (LCD) wurden zu Beginn der 1960er Jahre in den USA in den RCA Laboratories erfunden und dann in der Schweiz im BBC-Forschungslabor in Baden-Dättwil und bei Roche in Basel zu einem marktgängigen Produkt weiterentwickelt. 1974 begann BBC in Lenzburg mit der Serienproduktion von Aktiv-Matrix-LCD. Die wichtigsten Kunden waren japanische Elektronikfirmen wie Casio oder Oki. Die erhofften Bestellungen der Schweizer Uhrenindustrie blieben aus. 1983 wurde die Produktion von LCD eingestellt, die japanischen Firmen hatten gelernt, eigene LCD herzustellen.

Flüssigkristalle sind für eine kontrastreiche Darstellung auf eine Hintergrundbeleuchtung angewiesen. Das macht die Konstruktion von Bildschirmen kompliziert. Flüssigkristalle funktionieren wie Schleusen, die Licht sichtbar machen oder es verbergen. Im Gegensatz dazu sind organische Leuchtdioden – wie der Name sagt – Leuchten. Sie leuchten zwar nicht so stark wie anorganische Leuchtdioden (LED), aber sie lassen sich mithilfe der Dünnschichttechnik auf ein sehr dünnes, biegbares oder sogar faltbares Substrat aufbringen. Die den Oled-Bildschirmen zugrunde liegenden elektrochemischen Prinzipien wurden in den 1950er Jahren in Frankreich entdeckt, wichtige Entwicklungsschritte wurden durch Forschungsaktivitäten an der Cambridge University und in den Labors von Kodak ermöglicht.

Der Bildschirm des Jahres

Inzwischen gibt es LCD- und Oled-Bildschirme nur noch aus asiatischer Produktion. Firmen aus Japan (Sony), Taiwan (AU Optronics, Innolux), Südkorea (Samsung, LG) und China (BOE Technology, CSOT, Tianma, Visionox) dominieren auch die jährlich von der amerikanischen Society for Information Display (SID) ausgerichtete Display Week. Diese wichtigste Fachkonferenz für den Austausch von Informationen über neue Bildschirm-Technologien wurde heuer zum 25. Mal durchgeführt und lockte Mitte Mai rund 8000 Experten ins kalifornische San Jose. Die aufstrebenden Firmen aus China haben den Wettbewerb intensiviert und den Preisdruck erhöht. Deshalb haben derzeit nicht Qualitätsverbesserungen, sondern billigere Herstellungsverfahren höchste Priorität.

Zu den von einer Experten-Jury als „Bildschirme des Jahres“ prämierten Produkten gehören Micro-LED-Bildschirme von Sony und Samsung. Diese neue Bildschirmtechnik verspricht bezüglich der Bildqualität eine bessere Papierhaftigkeit. Es ist zudem vorstellbar, dass man die anorganischen LED auf einem flexiblen Kunststoff-Substrat aufbringt. So ließen sich biegbare und vielleicht auch faltbare Bildschirme fertigen. Interessant ist, dass diese Bildschirme in fast beliebigen Größen und auch auf Bahnen hergestellt werden können. Man würde dann in Zukunft einen Fernseher so kaufen, wie man heute Vorhänge kauft: als Meterware.

Es gibt bei der Herstellung von Micro LED aber noch einige knifflige Probleme zu lösen. Das ist der Grund, warum Patrick Galliker Mitte Mai nach San Jose gereist ist. Er führt die Zürcher Jungfirma Scrona, die ein hochauflösendes Druckverfahren entwickelt hat. Das ETH-Spin-off erregte 2015 Aufsehen, als es mit dem kleinsten je gedruckten Farbbild Eingang ins Guinness-Buch der Rekorde fand. Das Bild ist nur 80 mal 115 Mikrometer groß. Jetzt möchte Galliker seine Technik für die Herstellung von Micro-LED-Bildschirmen fruchtbar machen. Sie soll sich bei der Beschichtung der winzig kleinen LED bewähren.

Auf Biegen und Brechen

Die Erfindung des Papiers, das zeigen archäologische Funde, ist älter, als die Berichte über Cai Lun vermuten lassen. Die Geschichte der elektronischen Papierhaftigkeit reicht mehrere Jahrzehnte zurück. In den 1970er Jahren entwickelten Forscher des Xerox Palo Alto Research Center (Parc) ein Gyricon genanntes „elektronisches Papier“. Andere Forscher experimentierten später mit Elektrophorese, bistabilen LCD, Elektrobenetzung (Electrowetting), mikromechanisch gesteuerter Interferenz-Modulation oder Liquid-Powder-Technik. Nach Gyricon LLC waren Bridgestone, E-Ink Corporation, Liquavista oder Plastic Logic die Namen von Firmen, die der elektronischen Papierhaftigkeit zum Durchbruch verhelfen wollten. Sie scheiterten alle.

Seit mehreren Jahren nährt Samsung mit immer wieder neuen Prototypen die Hoffnung, dass faltbare Oled-Bildschirme bald ein Alltagsprodukt sein könnten. Im Februar kündigte die Firma die unmittelbar bevorstehende Markteinführung eines Serienprodukts an: Ein Smartphone namens Galaxy Fold mit aufklappbarem Bildschirm hätte Ende April zu einem Preis von gut 2000 Franken in den Handel kommen sollen. Daraus wurde nichts. Der Vorstoß endete in einem Debakel. Journalisten entdeckten bei Testgeräten gravierende Mängel. Man werde die Sache untersuchen, ließ Samsung verlauten. Die Markteinführung wurde verschoben.

Die wesentlichen Komponenten eines Oled-Bildschirms sind zwischen zwei Schutzfolien eingeklemmt. Sind diese Folien weich wie Papier, gehen sie schnell kaputt; sind sie hart wie Stein, sind sie nicht biegbar. Was tun? Roman Ostholt glaubt eine Lösung für faltbare Glas-Displays zu kennen. Der Ingenieur leitet innerhalb der deutschen LPKF Laser & Electronics AG den Bereich Dünnglas-Mikrobearbeitung. Hier wurde eine Lösung entwickelt, die Ostholt in San Jose anläßlich der Display Week potenziellen Kunden vorführte: Durch sehr präzise und sehr feine Schnitte im Glas lässt sich ein „Festkörper-Gelenk“ verwirklichen. Vorerst eignet sich dieses Verfahren nur für die Rückseite eines faltbaren Bildschirms, weil das Glas durch die Schnitte trüb wird. Man arbeite aber auch an Lösungen für die Vorderseite, berichtet Ostholt. Es sei denkbar, die Einschnitte durch ein weiches Polymer auszufüllen, das denselben Brechungsindex besitze wie Glas. So wäre das Gelenk durchsichtig.

Bald ist alles Bildschirm

Auch wenn vielleicht nicht faltbar, so werden die Bildschirme der Zukunft doch flexibel sein, sehr dünn und sehr, sehr billig. Einer der neuen Slogans, die heuer an der Display Week die Teilnehmer begeisterten, hieß „Display of Things“. Die Losung verweist auf eine Zukunft, in der billige Bildschirme als Aushang, Billett, Einwickelpapier, Etikett, Hinweisschild, Label, Plakat, Schutzumschlag, Tapete oder Zifferblatt allgegenwärtig sind.

Uber: Ende des Preiskriegs mit Lyft?

Bei Uber könnten die Zeiten der supergünstigen Fahrten mit dem Ridesharing-Dienst könnten bald vorbei sein. Im Analystengespräch nach der Vorlage der Zahlen zum ersten Quartal 2019 – die ersten Quartalszahlen seit dem verpatzten Börsengang – deutete Vorstandschef Dara Khosrowshahi eine Abschwächung des Preiskampfes der großen Anbieter Uber und Lyft an: „Wir sehen derzeit eine Fokussierung des Wettbewerbs auf Marke und Produkte statt auf finanzielle Anreize.“

Dieser Trend habe sich im zweiten Quartal fortgesetzt. Man glaube, dass dies eine gesunde Entwicklung für die Branche sei. Die Aktionäre hören das gerne.

Beide Unternehmen melden pro Quartal riesige Verluste, Uber etwa hat in den ersten drei Monaten 2019 eine Milliarde Dollar verloren, so viel wie in noch keinem anderen Quartal – bei einem Umsatz von 3,1 Milliarden Dollar, rund 20 Prozent über dem Vorjahr.

Steigende Verluste bei einem abgeschwächten Umsatzwachstum sind kein Rezept für eine erfolgreiche Zukunft. Überhaupt zeigte sich Finanzvorstand Nelson Chai bei der Prognose für das laufende Quartal sehr schmallippig. Es gab praktisch keine Vorhersagen für klassische Anhaltspunkte wie Umsatz oder Gewinn pro Aktie.

Der bereinigte Umsatz der Kernplattform werde sich in jedem Quartal 2019 verbessern, hieß es. Das ist der Umsatz des Kernbereichs Ridehailing und Essensauslieferung durch Uber Eats. Bereinigt wird dieser allerdings um wichtige und erhebliche Kosten, wie Anreize für Fahrer. Vor allem für Uber Eats zahlt das Unternehmen seinen Fahrern Zuschüsse, damit sie sich beteiligen.

Zum Vergleich: Im ersten Quartal 2019 war dieser Kernumsatz bei konstanten Währungskursen um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Im ersten Quartal 2018 war er gegenüber dem Vorjahr noch um 78 Prozent gestiegen. Die abnehmende Dynamik ist unverkennbar. Und die Ausgaben für finanzielle Anreize für die Fahrer waren im ersten Quartal fast doppelt so hoch wie im Jahr davor.

Bei den Regionen wies Uber durchgängig Wachstum beim Umsatz aus, mit einer erwähnenswerten Ausnahme: Das Lateinamerikageschäft, bislang stabiler Wachstumsmotor, brach um 13 Prozent ein. Hier macht sich die Konkurrenz durch den chinesischen Wettbewerber Didi bemerkbar.

Das gesamte Zahlenwerk lag im Rahmen der Erwartungen, die zum Börsengang gegeben wurden. Es bleibt die Frage, wie sich das Unternehmen in den Gewinnbereich manövrieren könnte.

Verluste häufen sich

Trotz 1,55 Milliarden absolvierten Fahrten im Quartal, 36 Prozent mehr als im Jahr zuvor, häufen sich die Verluste. Viel hängt davon ab, ob Uber und Lyft tatsächlich Fahrpreisdisziplin zeigen und die durchschnittlichen Preise kontinuierlich anheben können.

Die „Gross Bookings“, eine viel beachtete Messzahl, die den Umsatz vor Bezahlung der Fahrer angibt, stiegen um 36 Prozent auf 14,65 Milliarden Dollar. Die „Take Rate“ wiederum, die Summe, die Uber als Umsatz zählt, nachdem die Fahrer bezahlt wurden, sank aber auf 18 Prozent des bereinigten Umsatzes. In den Jahren vor dem Börsengang lag die „Take Rate“ noch bei bis zu 30 Prozent, im Vorjahr bei 22 Prozent.

Ein langfristiges Problem für Uber ist die Entwicklung im Bereich „Autonomes Fahren“. Seit einem tragischen Unfall mit Todesfolge ist der Ruf Ubers ramponiert, die Technologie hinkt hinter denen anderer Wettbewerber wie Waymo (Google) oder Tesla hinterher. Tesla hat bereits einen eigenen Uber-Konkurrenten mit Tesla-Fahrzeugen angekündigt.

Im Endeffekt deutet alles darauf hin, dass sich Uber, um schnell aufzuschließen, einen Technologiepartner einkaufen muss. Das wiederum bedeutet aber geringere Gewinnmargen. Die Geschichte einer goldenen Zukunft ohne teure Fahrer hatte Uber den künftigen Aktionären verkauft. Sie müssten nur lange genug durchhalten.

Quoten für TV und Mediatheken: Warum sie wichtig bleiben

Wie gut Fernsehen ist, lässt sich nicht messen – aber die Zahl der Zuschauer. Allerdings sitzen nicht mehr alle wie früher vor dem Fernseher, manche gucken schon vorab am Laptop, andere sämtliche Folgen einer Serie in der Mediathek am Stück. In der klassischen Einschaltquote tauchen sie nicht auf. Ist die Quote also Quatsch?

„Früher sprach man von der Leitwährung, auf deren Gültigkeit sich alle geeinigt hatten“, sagt Prof. Volker Lilienthal, Medienwissenschaftler an der Universität Hamburg. „Diese Leitwährung unterliegt einer Erosion, die ausgelöst wird durch die vielen digitalen Empfangsplattformen, die in die Messung nicht einbezogen sind. Das ist zweifelsohne ein großes Problem.“ Wäre denkbar, ganz darauf zu verzichten? „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Lilienthal. „Denn die Einschaltquoten braucht man nicht nur, um Werbepreise zu rechtfertigen, sondern auch für die Programmplanung.“

Dem Hype um Streamingdienste und dem Erfolg der Mediatheken zum Trotz, ist die TV-Ära noch nicht vorbei: „Im Jahr 2018 betrug die Fernsehnutzung in Deutschland bei den Gesamtzuschauern immer noch durchschnittlich 217 Minuten pro Tag“, sagt Kerstin Niederauer-Kopf, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Videoforschung (AGF) in Frankfurt, die im Auftrag der Sender die Nutzung von Bewegtbildinhalten erfasst.“Zeitgemäß sind die Einschaltquoten noch, so lange es klassische Fernsehzuschauer gibt. Und es gibt immer noch eine ganze Menge“, sagt auch Camille Zubayr, Leiter der ARD-Medienforschung. Das lineare Fernsehen, bei der die Zuschauer die Sendung am Fernseher zur angekündigten Zeit am Fernseher gucken, mache nach wie vor 96, 97 Prozent der gesamten Bewegtbildnutzung aus.

„Wenn wir 9 Millionen „Tatort“-Zuschauer haben, sind es 90 000, die noch hinzukommen im Live-Stream und in den Mediatheken“, so der ARD-Medienforscher. „Zur Hälfte werden die Mediatheken genutzt, um Sendungen im Nachhinein zu gucken, zur anderen Hälfte, um sie live während der TV-Ausstrahlung auf dem Laptop oder dem Tablet zu verfolgen.“

Uwe Hasebrink, Leiter des Leibniz-Instituts für Medienforschung in Hamburg, sieht diese Entwicklung genauso: „Es wird immer noch linear ferngesehen, aber nicht mehr nur, das heißt, an den Rändern geht uns etwas verloren. Einschaltquoten seien deshalb zwar noch das Mittel der Wahl – „aber nicht mehr so aussagekräftig wie vor einiger Zeit“.

Und deshalb besteht Handlungsbedarf: „Wir können nicht das eine Maß über den Haufen werfen, weil man damit nicht mehr so genau messen kann“, sagt Hasebrink. „Aber wir müssen uns Gedanken machen, wie wir zusätzlich erfassen, was an anderer Stelle dazukommt.“

Und das passiert auch: „Unser Ziel ist es, die gesamte Bewegtbildnutzung zu erfassen“, sagt Niederauer-Kopf. Längst wird die zeitversetzte TV-Nutzung einbezogen: Wenn sich ein Teilnehmer des AGF-Panels für die Datenmessung den „Tatort“ mit dem Festplattenrekorder aufzeichne und ein paar Stunden später gucke, werde das mitgezählt, sagt die AGF-Geschäftsführerin.

Bereits seit 2017 wird zusätzlich die Mediathekennutzung am PC und Laptop ausgewiesen. Seit Mitte Mai weist die AGF auch die Bewegtbildnutzung über Smartphones oder Tablets aktuell aus. Seitdem setzt die AGF eine neue Version seiner Auswertungssoftware ein, mit der die Daten der zusätzlichen Mediathekennutzer schneller öffentlich gemacht werden: Die Tagesdaten stehen nun schon nach acht Tagen, nicht erst einen Monat nach Monatsende zur Verfügung.

Schon seit 2015 arbeiten die AGF und Youtube zusammen. Im März hat die AGF – für den Oktober 2018 – zum ersten Mal Daten veröffentlicht, die die Youtube-Nutzung einschließen. Außen vor bleiben Streamingdienste wie Netflix. Den Überblick zu behalten, welche Bewegtbildangeboten wie genutzt werden, bleibt also schwierig. Die Zeiten, in denen dafür ein paar wenige Zahlen ausreichten, kommen wohl nicht wieder.

Deutsche Telekom steigt mit Flugsicherung ins Drohnengeschäft ein

Die Deutsche Telekom und die Flugsicherung wollen mit ihrem neu gegründeten Gemeinschaftsunternehmen Droniq den Markt für Drohnen weiter entwickeln. Künftig sollen durch die Technik des Joint-Ventures Drohnenflüge auch außerhalb der Sichtweite des Piloten möglich sein. „Droniq bietet einen Einstieg in den kommerziellen Betrieb von unbemannten Fluggeräten“, sagte der Chef der Deutschen Flugsicherung (DFS), Klaus-Dieter Scheurle. Bislang sind Drohnenflüge nur in Sichtweite der steuernden Person erlaubt.

Kern des Geschäftsmodells von Droniq ist die Ausstattung der unbemannten Fluggeräte mit Mobilfunk-Sim-Karten und einem GPS-System. Durch das Netz der Deutschen Telekom soll die Ortung der Geräte ermöglicht werden. Zunächst werde sich Droniq auf den deutschen Markt konzentrieren, sagte Telekom-Chef Tim Höttges. Märkte im europäischen Ausland sollen schrittweise folgen.

Gehälter der Streaming-Stars

Es gibt ja in Hollywood diese Listen, welche Schauspielerin zum Beispiel gerade wie viele Millionen Dollar pro Film bekommt, wer als gar schreckliches Kassengift gilt und wer als König Midas, und 25 Jahre lang führte Tom Hanks die Liste mit den cleversten Deals der Unterhaltungsbranche an: Er verzichtete für seine Rolle als Forrest Gump im gleichnamigen Film auf seine Gage, um die aufwendige Produktion mit einem Budget von 55 Millionen Dollar nicht zu gefährden – er wollte jedoch an den Einnahmen beteiligt werden. Hanks erhielt letztlich nicht nur den Oscar als bester Hauptdarsteller, sondern auch mehr als 60 Millionen Dollar.

Das ist wichtig zu wissen, wenn man die Zahlen betrachtet, die das Branchenmagazin Variety kürzlich veröffentlicht hat. Ryan Reynolds erhält für seine Rolle im Actionfilm Six Underground vom Streamingportal Netflix 27 Millionen Dollar. Das sind 35 Prozent mehr als das in Hollywood übliche Superstar-Salär von 20 Millionen Dollar, das etwa Dwayne Johnson (Fast & Furios Presents: Hobbs & Shaw) oder Robert Downey Jr. (The Voyage of Doctor Dolittle) bekommen – und das George Clooney vor 20 Jahren persiflierte, indem er Julia Roberts bei den Verhandlungen zur Gaunerkomödie Ocean’s Eleven einen 20-Dollar-Schein mit der Notiz „Ich habe gehört, dass du 20 pro Film kriegst“ schickte.

Es gibt kaum noch Beteiligungen an möglichen Erfolgen. Für wen lohnt sich diese neue Welt?

Streamingportale haben den Konsum von Filmen und Serien revolutioniert, aber auch die Produktionsbedingungen und damit die Gehälter von Schauspielern, Autoren, Regisseuren und Serienerfindern. Sie vertreiben ihre Inhalte weltweit größtenteils selbst, bei Netflix gibt es weder Kinokasse (außer bei Filmen wie Roma, weil eine Kinoaufführung zu den Bedingungen für die Oscarnominierung gehört) noch Werbung, das Unternehmen muss deshalb keine Einschaltquoten veröffentlichen. „Es gibt kein Dogma“, sagte Geschäftsführer Reed Hastings kürzlich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Wir wollen transparenter werden, aber wir müssen einen Weg finden, der für uns sinnvoll ist.“

Im April veröffentlichte Netflix Zahlen zum Thriller Triple Frontier (von 52 Millionen Accounts für mindestens 70 Prozent der Spielzeit aufgerufen), zum Krimi The Highwaymen (40 Millionen) und zur Dokuserie Our Planet (25 Millionen), in dieser Woche gab es dann eine Liste ohne Zahlen mit den erfolgreichsten Produktionen in Großbritannien für den Monat April. Auf den ersten Plätzen: Our Planet, The Highwaymen und die Teenieromanze The Perfect Date. Diese Top-Ten-Liste stammt wie die Zahlen für ausgewählte (und stets sehr erfolgreiche) Projekte von Netflix selbst.

Dieser reduzierte Umgang mit Zahlen führt zunächst mal zu einem Informationsvorsprung für Netflix und andere Portale, die zwar detaillierte Daten erheben, sie aber nicht mit Zuschauern, Investoren oder Agenten teilen. Es führt auch dazu, dass es für Kreative bei Streamingportalen kaum noch Beteiligungen an möglichen Erfolgen gibt. Die 27 Millionen Dollar für Reynolds etwa sind garantiert, ob Six Underground nun jemand sehen will oder nicht, und das führt zur Frage, für wen sich diese neue Welt lohnt. In Hollywood kursiert die Geschichte über einen Agenten, der seinen Klienten nach einem Deal mit einem Streamingportal einen Zettel unterschreiben ließ, auf dem stand: „Ich werde niemals enttäuscht über diesen Vertrag sein.“

„Es gibt schon die Sorge, dass die kreativen Leute langfristig darunter leiden könnten“, sagt der Anwalt P. J. Shapiro, der Schauspielerin Emma Stone und Regisseurin Elizabeth Banks vertritt. Die aktuellen Verträge enthalten teils aberwitzige Garantiesummen (Ryan Murphy, Erfinder von American Horror Story, hat voriges Jahr einen 300-Millionen-Dollar-Netflix-Deal abgeschlossen), dennoch sagt Shapiro: „Wer eine Serie wie Friends entwirft, kann nun keine zusätzliche Einnahmen über die Zweitverwertung mehr generieren.“

Im traditionellen TV sind die Verträge derart gestaltet, dass ein Sender die Exklusivrechte nur für einen gewissen Zeitraum kauft. Im Dezember hat Netflix 100 Millionen Dollar gezahlt, um Friends auch dieses Jahr zeigen zu dürfen. Die letzte Folge der Sitcom ist vor knapp 15 Jahren gelaufen.

Auch da gibt es freilich eine Liste in Hollywood, und die wird noch immer angeführt von der Sitcom Seinfeld. Die Produzenten hatten einst damit gerechnet, dass sie alleine über den Verkauf der internationalen Rechte und Wiederholungen bis zu 800 Millionen Dollar einnehmen könnten – am Ende waren es mehr als vier Milliarden Dollar, und es heißt, dass Hauptdarsteller und Produzent Jerry Seinfeld mehr als 350 Millionen Dollar verdient hat. „Second Windows“ werden diese Möglichkeiten der Zweitverwertung in Hollywood genannt, und auf Streamingportalen sind diese Fenster nun erst einmal geschlossen.

Dass eine Serie zum Sechser im Lotto wird, wie einst „Friends“, ist so kaum noch möglich

Beim Kampf um die gefragtesten Stars gibt es nun die „Cost-Plus-Formel“. „Apple, Netflix und Amazon bezahlen eine Beteiligung am möglichen Erfolg schon vorher“, sagt Ari Greenburg. Der Präsident der Agentur William Morris Endeavor hat kürzlich den 400-Millionen-Dollar-Deal für Serienerfinder Greg Berlanti mit Warner Bros. Television verhandelt. Die Portale bezahlen zusätzlich zu Gehalt oder Produktionskosten eine Vorabprämie von 30 bis 40 Prozent – was die sieben Extramillionen für Reynolds erklärt: „Es gibt nun mehr Geld vorab und auch mehr Sicherheit für Kreative, es ist aber im Gegenzug nicht mehr möglich, dass diese eine Serie zum Sechser im Lotto wird.“

Das alles führt nun zu diesem Vertrag, der Tom Hanks von der Spitze der cleversten Branchendeals verdrängen könnte. Nein, es geht nicht darum, dass weibliche Stars wie Gal Gadot (zehn Millionen Dollar für Wonder Woman 1984) und Emily Blunt (13 Millionen für A Quiet Place 2) sowie Showrunnerin Shonda Rhimes (mehr als 100 Millionen Dollar von Netflix) endlich ordentliche Gehälter erhalten – es geht um Will Smith: Ende 2017 hatte Netflix den Fantasykrimi Bright veröffentlicht, der von Kritikern geschmäht wurde.

„Die einzige Maßeinheit für Erfolg ist, ob die Leute einschalten und einen Film mögen“, sagte Netflix-Chef Hastings damals – und es folgte sogleich der Hinweis des Unternehmens, dass Bright zum damaligen Zeitpunkt der am meisten gesehene Film der Netflix-Geschichte war. Im Sommer beginnen die Dreharbeiten für eine Fortsetzung, und völlig egal, ob die Kritiker den Film vernichten oder wie viele Leute einschalten werden: Smith ist eine Gage in Höhe von 35 Millionen Dollar sicher.

Die „Krone“ im Abwehrkampf gegen Eigentümer

Die Funke-Gruppe scheint keineswegs von ihrem Vorhaben abzulassen, Christoph Dichand als Herausgeber und als Chefredakteur abzusetzen und ihn mit sofortiger Wirkung zu entlassen.

Die Funke-Gruppe hat Gründer Hans Dichand und seiner Familie beim Einstieg in Österreichs weitaus größte Tageszeitung Vorrechte eingeräumt, damit der sie an Bord der damaligen Goldgrube Kronen Zeitung holt. Garantierte Gewinne unabhängig vom Geschäftsgang von zumindest hohen einstelligen Millionenbeträgen pro Jahr. Alleinige Verfügungsgewalt über die Redaktion. Stimmrechtsbindung im Verlag mit dem Kurier, der Mediaprint.

Nach drei Jahrzehnten, großteils im Streit, will die Funke-Gruppe möglichst nichts mehr mit den Dichands zu tun haben. Sie will ihre Anteile an den Immobilienmilliardär Benko verkaufen. Der ist Ende 2018 bei der Funke-Beteiligungsholding für die österreichischen Blätter Krone und Kurier eingestiegen. Wenn die Vorrechte der Dichands fallen – ein Schiedsgericht dürfte bis Herbst über die Kündigung der Verträge entscheiden -, dürfte Benko die Funke-Anteile an Krone und Kurier, jeweils rund 50 Prozent, komplett übernehmen.

Wie schon in früherem Streit mit den deutschen Gesellschaftern setzt die Krone in dieser publizistischen Auseinandersetzung vor allem auf eine Argumentationslinie: Es gehe um die Unabhängigkeit der Zeitung und ihrer Redaktion.

Nun sollen die Wirtschaftsprüfer von Deloitte die Bücher und Abrechnungen der Krone aber neuerlich durchsehen. Wieder geht es, wie schon einmal vor Monaten, um Reise- und andere Spesen, die Herausgeber Dichand der Kronen Zeitung verrechnete.

Nach der ersten großen Prüfung – etwa Reisen nach Kitzbühel – erklärte Dichands Anwältin Huberta Gheneff im Frühjahr auf Anfrage: All die relevierten Punkte seien „mehrfach geprüft und als betriebsnotwendig im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Chefredakteurs anerkannt“.

Die Funke-Gruppe verwies auf eine Betriebsprüfung der Finanzbehörden, die einige dieser Abrechnungen als nicht betriebsnotwendig beanstandet hätten.

Die Ablöse-Anträge scheiterten im März am Gleichstand der Gesellschafter: Die vier Erben von Hans Dichand besitzen gemeinsam 50 Prozent, die Funke-Gruppe ebenso. Die Abstimmungen endeten im Patt.

Dagegen geht die Funke-Gruppe beim Handelsgericht Wien vor. Für Streit der Krone-Gesellschafter ist ein Schiedsgericht zuständig, halten die Dichands dagegen. Solange das aktuell tagende Schiedsgericht die Krone-Verträge nicht aufhebt, die auch das regeln.

Onlinehändler wehren sich gegen die Amazonisierung des Konsums

Er galt als Wunderkind des E-Commerce. Einen Shoppingclub hatte Roman Kirsch erfolgreich aufgebaut und für einen Millionenbetrag an den US-Marktführer Fab verkauft. Mit dem Geld wollte er nicht weniger als den Onlinehandel revolutionieren: Sein Start-up Lesara sollte Fast Fashion, also das Geschäftsmodell von H&M und Zara, ins Internet übertragen – und mittels Künstlicher Intelligenz auf eine ganz neue Stufe bringen.

Doch nach beeindruckenden Anfangserfolgen ist Lesara jetzt Geschichte. Unter anderem folgten der vermurksten Einführung eines neuen Lagers Lieferprobleme. Die Kunden zeigten wenig Loyalität und waren mit einem Klick bei der Konkurrenz. Das Unternehmen rutschte in die Insolvenz und ist seit Kurzem abgewickelt.

Das Beispiel Lesara zeigt: Auch im Onlinehandel wird die Luft immer dünner. Galt es bisher als gesetzt, dass der stationäre Handel leidet und der E-Commerce boomt, müssen jetzt auch mehr und mehr Onlinehändler aufgeben. Die schärfer werdende Konkurrenz und die Übermacht von Amazon verzeihen keine Fehler mehr.

„Es ist eindeutig eine zunehmende Dominanz der Amazon-Plattform im Onlinehandel zu beobachten“, sagt Eva Stüber vom Handelsforschungsinstitut IFH in Köln. „Viele kleinere Onlineshops können da nicht mithalten und müssen aufgeben“, weiß die Expertin für Digitalisierung im Handel.

Aktuelle Marktzahlen, die das IFH jetzt erhoben hat, belegen das. Beherrschten die vier großen Plattformen Amazon, Ebay, Otto und Zalando im Jahr 2013 schon 52 Prozent des deutschen E-Commerce, waren es im vergangenen Jahr sogar 61 Prozent. Tendenz: weiter steigend.

Diese Konzentration hat Folgen. „Wir sehen eine Amazonisierung des Konsums: Ein immer größerer Teil des Kaufprozesses läuft direkt über die Amazon-Plattform, selbst die Produkt- und Preisrecherche startet oft schon bei Amazon“, erklärt Handelsexpertin Stüber. „Das Verhalten der Kunden verändert sich nachhaltig.“

Das ist auch vielen Onlinehändlern sehr bewusst. „Onlinehändler werden dieselben Probleme bekommen wie der stationäre Handel“, warnt Renata DePauli. „Denn auch Onliner müssen immer stärker um die Frequenz kämpfen“, sagt die Gründerin und Chefin des Internetshops Herrenausstatter.de. Die Münchenerin hat ihren Internetladen schon vor mehr als 20 Jahren gegründet. Sie will Männern das unliebsame Shoppen so bequem wie möglich machen.

Es werde zunehmend schwerer, aus der Masse der Anbieter im Netz herauszustechen, stellt die Unternehmerin fest. „Alle Onlinehändler müssen sich fragen, wie sie sich differenzieren“, so die Geschäftsfrau. Viele Internetläden säßen zwar auf einem Berg von Informationen über ihre Kunden, wüssten aber nichts damit anzufangen, beobachtet DePauli. Überleben werde auch im Netz nur, wer die Nutzer möglichst individuell bediene.

Das macht beispielsweise Limango. Der Shoppingclub für junge Familien bietet Sonderposten bekannter Marken an: Jeweils für zwei, drei Tage findet sich auf der Internetseite oder der App Aktionsware, die Unternehmensangaben zufolge bis zu 70 Prozent günstiger ist als der Normalpreis. Mal sind T-Shirts von Adidas zu haben, dann wieder Kinderschuhe von Geox.

„Die Konsumenten finden bei uns gute Ware zu sehr guten Preisen“, erläutert Gründer Sven van den Bergh. Wer sich anmeldet, erhält jeden Tag neue Angebote; wer mag, bekommt die Schnäppchen vorsortiert nach den eigenen Wünschen. Es gebe nicht immer alles und auch nicht in unbegrenzter Menge, schränkt van den Bergh ein. Zudem werde nicht sofort geliefert, sondern meist erst nach einer Woche. Aber übers Jahr gesehen könne sich eine Familie bei der Tochterfirma des Versandhauses Otto komplett ausstatten.

Service-Leistung als Chance. Ein offenbar erfolgreiches Konzept.
Seit 2012 hat sich der Umsatz auf 229 Millionen Euro mehr als verdreifacht, die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate liege bei 23 Prozent. Familien seien eine ausgesprochen loyale Zielgruppe, hat van den Bergh festgestellt. Mehr als einmal die Woche schauen die Konsumenten normalerweise bei Limango im Netz vorbei. „Die Kundin kommt wieder, weil wir es ihr leicht machen“, erklärt van den Bergh.

Der einfachste Weg für Onlinehändler ist es, als Verkäufer auf den Marktplatz von Amazon zu gehen. Das vergrößert zwar die Reichweite, zieht aber die Händler auch in eine gefährliche Abhängigkeit von Amazon. Wenn Händler wie Limango es wagen, ihren ganz eigenen Weg zu gehen, um gegen den Onlineriesen zu bestehen, dann gibt es nur eine Devise: Sie müssen aus der Masse der Konkurrenz im Internet herausstechen.

Wie das geht, demonstriert Philipp Simon. Der 38-Jährige hat sein Studium vor 15 Jahren abgebrochen, um im Service des Onlineversenders Bike-Components anzuheuern. Heute ist er Geschäftsführer des Radbedarfsversands und sieht seine große Chance in einer hervorragenden Beratung der Kunden.

Der Mittelständler aus Aachen beschäftigt 180 Mitarbeiter, „überwiegend Rad-Enthusiasten“ wie er selbst, so Simon. Das ist wichtig, denn die Firma hält 70.000 Artikel von 350 Marken auf Lager. Meist wissen die Konsumenten nicht so genau, was für ihr Velo passt. Viele Kunden schicken auch einfach ein Foto des Teils, das sie ersetzen wollen. „Es geht nicht ohne Service“, hat Simon festgestellt.

Sein Ziel: Bike-Components „soll Europas zuverlässigster Partner für sportliche Biker“ sein. Es ist ein umkämpfter Markt, in dem neben Amazon auch Spezialisten wie Bike 24 oder Bike Discount um die Radler werben. Dieses Frühjahr hat Simon daher den Webshop umgebaut und die Filterfunktion so verbessert, dass die Radfahrer mit zwei Klicks weniger zum gewünschten Ersatzteil kommen. „Wir haben das selbst entwickelt“, erklärt der Manager. „Eine Lösung von der Stange hätte es nicht getan.“

Bike-Components wächst und kommt inzwischen auf 80 Millionen Euro Umsatz. Dass der Service im Vordergrund stehe, sei der Schlüssel zum Erfolg, bestätigt Jürgen Siegwarth, Geschäftsführer des Radtaschen-Herstellers Ortlieb und damit einer der wichtigsten Lieferanten.

„Die haben eine ausgezeichnete Kundenberatung. Da können sich viele andere etwas abschauen“, sagt der Manager. Bike-Components liegt im Trend. Konsumenten scheinen immer häufiger bereit, sich online beraten zu lassen. 23 Prozent der Internetkäufer hätten sich schon einmal von Mitarbeitern eines Internetstores unterstützen lassen, fand der IT-Branchenverband Bitkom jüngst in einer Umfrage heraus. Vor drei Jahren seien es noch 19 Prozent gewesen.

Gerade die Begeisterung für das Produkt und die Bildung einer Community, zu der sich die Kunden zugehörig fühlen, macht einen Großteil des Erfolgs von Unternehmen wie Bike-Components aus. „Wichtig ist, das Produkt und den Verkaufsprozess zu emotionalisieren. Der Händler muss Teil des Lebensumfeldes seiner Kunden werden, ihren Lifestyle bedienen“, sagt Handelsexpertin Stüber.

Influencer steigern E-Commerce
Auf die Spitze treiben das häufig Influencer, die sich erst eine Fangemeinde auf Instagram aufgebaut haben und dann in den E-Commerce einsteigen. „Für sie gelten eigene Regeln. Da sind Kunden sogar bereit, wochenlang auf ein Produkt zu warten, nur um es zu bekommen“, so Stüber. Durch die Inszenierung ihrer Produkte und die hohe Kundenbindung entgehen sie dem Wettbewerb mit dem Branchenführer Amazon, der mit seinen immer kürzeren Lieferfristen viele Onlinehändler in den Wahnsinn treibt.

Exemplarisch betreibt das Carmen Kroll, die unter dem Namen Carmushka einen Instagram-Account mit 532.000 Abonnenten aufgebaut hat. Zusammen mit einer Geschäftspartnerin führt sie seit dem vergangenen Jahr den Modehandel „Oh April“. Der Shop hat eigene Kollektionen, die über die Social-Media-Kanäle beworben werden. Durch den massiven Hype auf Instagram war gleich die erste Kollektion sofort ausverkauft.

Wichtig war auch, dass den Kundinnen von vorneherein klar war, dass es die Produkte nur eine begrenzte Zeit gibt. Seit Kurzem hat „Oh April“ auch einen eigenen Shop in Köln. Wenn der Verkauf einer neuen Kollektion startet, reisen Kundinnen aus der gesamten Bundesrepublik an und stehen vor dem Laden Schlange – um nichts zu verpassen.

Ein Rezept, das nach Ansicht von Experten auch auf andere Onlinehändler übertragbar ist. „Diese künstliche Verknappung funktioniert gut, beispielsweise mit limitierten Auflagen oder Sondereditionen. Das erzeugt beim Kunden das Gefühl, schnell zugreifen zu müssen“, beobachtet Eva Stüber.

Im Grunde macht auch die Otto-Tochter Limango mit ihren Aktionsartikeln nichts anderes. Gründer van den Bergh ist deshalb überzeugt, dass er auch künftig gegen Amazon bestehen kann. „Wir wollen das Tempo halten“, sagt er. Muss er auch, denn trotz ihrer gewaltigen Größe sind die Amerikaner in Hochform.

Vergangenes Jahr ist der Umsatz in Deutschland um gut 17 Prozent auf knapp 17,4 Milliarden Euro gestiegen. Und dabei sind die Umsätze der Dritthändler auf dem Amazon-Marketplace noch nicht einmal mitgerechnet, die schneller wachsen als der Konzern selbst. So wächst die Konzentration im deutschen E-Commerce weiter – und nur die besten unter den selbstständigen Webshops werden die Auslese überleben.

Mehr: An Amazon kommt man in Deutschland sowohl als Händler als auch als Kunde kaum vorbei. Eine Studie zeigt, wie der Online-Riese diese Abhängigkeit erreicht und festigt.

Digital in Südkorea

Wer das Internet sehen und womöglich sogar mal anfassen will, muss in Seoul nur auf die Straße gehen. Südkorea belegt nicht nur seit Jahren einen vorderen Platz im ICT genannten Digitalierungs-Index der Vereinten Nationen, laut „State of the Internet“-Report surfen die Menschen auch nirgendwo auf der Welt so schnell im Internet wie hier: Durchschnittlich 28,6 Megabit in der Sekunde hat der Dienstleister Akamei in seinem jährlichen Report ermittelt.

Zum Vergleich: In Deutschland – auf Platz 25 in der Auswertung – kommt man gerade mal auf die Hälfte. Wer also wissen will, wie es irgendwann in naher oder ferner Zukunft mal sein könnte, wenn das Internet allgegenwärtig ist, der muss nur nach Südkorea reisen. Am besten gleich nach Seoul. Das liegt an der sehr hochwertigen Infrastruktur, die Südkorea seit den 1990er Jahren aufgebaut hat. Und diese kann man in der Hauptstadt tatsächlich sehen: Sie hängt schlicht über der Straße. Die Glasfaserkabel, die das schnelle Internet ermöglichen, sind in Seoul häufig nicht unter dem Bürgersteig verlegt, sondern wie Stromkabel über die Straße gespannt.

Dass man das Internet in diesen Straßen sehen kann, hat aber noch mindestens zwei weitere Gründe: Einerseits dauert es sehr lange, bis man in der Stadt jemanden sieht, der kein mobiles Endgerät bei sich trägt. Auf 100 Einwohner kommen in Südkorea durchschnittlich 120 Mobilfunk-Verträge, das bemerkt man im Straßenbild durchaus. Und schließlich erkennt man das Internet in Südkorea an seinen kindlich großen Augen, den niedlichen Hasenohren und seinem alles in allem tapsigen Auftreten. Denn das Internet in Südkorea ist auch in Form von unübersehbaren Figuren im Straßenbild präsent, die dem äußerst bekannten Messenger Kakao Talk entstiegen sind.

Kakao ist die koreanische Variante von WhatsApp, und die so genannten „Kakao-Friends“ sind Sticker, die man in dem Messenger auf dem Smartphone nutzen kann, um Botschaften emotional zu unterstreichen. Sie sind vergleichbar mit den Emojis, die viele Menschen hierzulande in Programmen wie WhatsApp oder Threema nutzen. Doch die „Kakao-Friends“ haben für ihre Macher einen Vorteil gegenüber den Emojis: Sie gehören der Firma, sie kann mit ihnen Geschäfte machen. Und das ist in dem Fall wörtlich gemeint. Denn die Figuren haben tatsächlich über mehrere Etagen angelegte Ladengeschäfte.

Im Stadtteil Gangnam, der durch den Song des Sängers PSY selber große Internet-Berühmtheit erlangte, gibt es beispielsweise einen „Kakao Friends“-Laden, in dessen dritter Etage ein Ryan-Café zum Verweilen einlädt. Ryan ist ein Löwe, der wegen fehlender Mähne ein wenig aussieht wie ein Bär. Der Stofftier gewordene Messenger-Sticker, der hier als mannshohe Figur auf einem der Sofas in dem Cafe hockt, ist einer der Garanten für den Erfolg. Er wurde 2016 auf den Markt gebracht. 2017 wählten 2,2 Millionen Koreaner die Löwenfigur als Symbol auf ihrer Kreditkarte bei der mit Kakao kooperierenden Online-Bank. Außerdem strahlt Ryan die Besucher des Flagship-Stores von Bechern, Taschen, Mousepads und unzähligen weiteren Gebrauchsgegenständen an. Der „Kakao-Friends“-Laden hat einen Teil des Internets von den Endgeräten emanzipiert und dem Anbieter Kakao, der 2014 mit der zweitgrößten südkoreanischen Netzanbieter Daum fusionierte, eine völlig neue Form des Online-Geschäfts erschlossen: die Offline-Welt.

Es gibt diese Flagship-Stores nämlich nicht nur vom Anbieter Kakao, auch der Konkurrent Line, der zum größten südkoreanischen Netzbetrieber Naver gehört, bietet seine Messenger-Sticker als Figuren zum Kauf in großen Läden an. Und das nicht nur in Seoul, sondern auch in Tokio, Shanghai und New York. Es gibt keine offiziellen Zahlen, aber die staatliche „Korea Creative Content Agency“ schätzte den Markt für solche Figuren und deren Folgeprodukte auf umgerechnet mehrere hundert Millionen Euro. Dazu muss man wissen, dass die Friends nicht nur in ihren eigenen Geschäften verkauft werden, sie geben ihre Gesichter im Lizenzgeschäft auch her, um Toilettenpapier, Lebensmittel oder Bankkarten zu vermarkten.

Die nächste Stufe des Internets
Der besondere Erfolg der Friends-Figuren hängt dabei mit einer Eigenheit der südkoreanischen Internetkultur zusammen. Sogenannte Webtoons sind hier seit Jahren so beliebt, dass sie mittlerweile den japanischen Mangas Konkurrenz machen. Es handelt sich dabei um Cartoons, die übers Web verbreitet werden. Die großen Anbieter Naver und Daum, die auch hinter den Messenger-Diensten stehen, vertreiben die Webtoons schon seit Anfang des Jahrhunderts mit sehr großem Erfolg. Experten sehen in ihnen eine Art Vorläufer der Friends-Figuren. Auf jeden Fall hat ihre Bekanntheit den Aufstieg der Friends begünstigt.

Wenn im Silicon Valley davon gesprochen wird, dass die nächste Stufe des Internets sich vom Bildschirm emanzipieren wird, dann geht es meist um intelligente Sprachanwendungen wie Siri, Alexa oder Cortana, die antworten, wenn man mit dem Computer spricht.

Ein paar Straßen vom Kakao-Laden in Gangnam entfernt, arbeitet die große koreanische Technikfirma Samsung gerade daran, ihre Sprachanwendung Bixby demnächst auch auf deutsch anzubieten. Auch Bixby wird dazu beitragen, dass die eigene Stimme zum Eingabeinstrument für digitale Geräte wird. „Voice“ (englisch für Stimme) ist deshalb das große Schlagwort, wenn es um die Zukunft im Internet geht.

Dabei bestätigt auch die Gegenwart im südkoreanischen Internet: Es gibt bereits jetzt eine Form der Emanzipation vom Bildschirm, die ebenso wichtig ist. Die Kombination von digitalen und analogen Anwendungen, für welche die Kakao- und Line-Friends sicher das niedlichste Beispiel sind, ist hier eine äußerst lukrative nächste Stufe des Digitalen. Wenn das Internet so selbstverständlich in den Alltag integriert ist wie in Südkorea, ergeben sich weitere Kombinationen fast automatisch, weil vielen gar nicht mehr auffällt, dass sie gerade das Internet nutzen.

Vielleicht ist das neben Geschwindigkeit und Verbreitung der dritte wichtige Unterschied zum Internet in Deutschland: In Südkorea diskutiert kaum jemand darüber, ob man es benutzen soll. Es ist einfach da und verbindet sich ganz selbstverständlich mit der Offline-Welt.

D: Minister Seehofer will Whatsapp, Telegram & Co. zum Entschlüsseln zwingen

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will staatlichen Ermittlern den Zugang zu verschlüsselten Chats und Telefonaten ermöglichen. Dazu sollen Messengerdienste wie Whatsapp und Telegram verpflichtet werden, die Kommunikation ihrer Kunden mitzuschneiden und an Behörden zu schicken – in lesbarer Form, also unverschlüsselt. Ein Richter müsste das allerdings anordnen.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums bestätigte entsprechende Pläne. Allerdings befinde sich das Vorhaben noch in der Planungsphase zwischen Bundesinnen- und Wirtschaftsministerium. „Es geht darum, dass Provider den Sicherheitsbehörden auf richterlichen Beschluss die lesbare Kopie einer ursprünglich verschlüsselten Kommunikation aushändigen sollen“, sagte der Ministeriumssprecher. Kommen Kommunikationsunternehmen dieser Aufforderung nicht nach, sollen sie nach Seehofers Plänen von der Bundesnetzagentur gesperrt werden können.

Kritiker befürchten, dass so eine Regelung eine massive Einschränkung starker Verschlüsselung (Ende-zu-Ende-Verschlüsselung) bedeuten könnte, die Apps wie Whatsapp, Signal, oder Threema bieten. Milliarden Menschen weltweit nutzen sie für Chats und Anrufe. Auch IT-Fachleute warnen seit langem davor, Verschlüsselung auf diese Weise aufzuweichen. Dieser Schritt könne alle Nutzer des Dienstes treffen, nicht nur die Verdächtigen.

Nicht die Behörden, sondern die Unternehmen sollen entschlüsseln
Der Sprecher des Innenministeriums wies solche Befürchtungen zurück. Es sei nicht geplant, dass Sicherheitsbehörden künftig in die Lage versetzt würden, Ende-Zu Ende-Verschlüsselung selbst zu entschlüsseln – und damit womöglich Zugriff zu den Daten aller Kunden eines Anbieters zu bekommen. Vielmehr soll nur eine lesbare Kopie der verdächtigen Kommunikation angefordert werden. Die eigentliche Entschlüsselung solle den Anbietern überlassen bleiben. „Es kann keine Pauschalgenehmigung geben, die gesamte Kommunikation auf einem Server zu entschlüsseln“, so der Sprecher. Auch sei man sich durchaus darüber im Klaren, dass das Vorhaben „kein rechtlich einfaches Terrain“ betreffe. Vorbeugung gegen „Missbrauch“ sei Teil der Überlegungen.

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist derzeit eine der besten Sicherungen digitaler Kommunikation gegen Lauschangriffe. Ihr Einsatz macht es Kriminellen, aber auch Polizei und Geheimdiensten unmöglich, abgefangene Chats und Gespräche zweier Parteien zu entschlüsseln. Denn den Schlüssel, der codierte Nachrichten lesbar macht, kennen nur die entsprechenden Chat- oder Telefonie-Programme auf den Geräten von Sender und Empfänger. Das bedeutet, dass nur Sender und Empfänger den unverschlüsselten Text lesen können, aber kein Dritter, auch nicht der Anbieter selbst, etwa Whatsapp. Ein Richter kann die Unternehmen zwar zwingen, die verschickten Daten an die Polizei zu geben, aber die Ermittler können sie dann nicht lesen. Sie sehen nur Zeichensalat.

Um zu wissen, was ein Verdächtiger auf Whatsapp schreibt, müssen Ermittler bislang sein Handy gezielt mit Späh-Software infiltrieren. Den Vorgang nennt man Quellen-TKÜ (Telekommunikationsüberwachung).

Datensicherheit für alle Nutzer würde eingeschränkt
Unklar bleibt, wie genau die Unternehmen die verschlüsselten Daten lesbar machen würden. Eine Möglichkeit wäre, die Verschlüsselung bei dem jeweils Verdächtigen gezielt abzuschalten. Das würde wohl einen aufwändigen technischen Umbau der Software bedeuten. Und Nutzer könnten sich dann nicht mehr 100-prozentig darauf verlassen, dass die ihnen als sicher angezeigte Verbindung auch tatsächlich sicher ist. Die andere Alternative würde bedeuten, dass das Unternehmen selbst die verschlüsselte Kommunikation mitlesen kann – und sie damit praktisch zerstört. In beiden Fällen wäre es keine echte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mehr, und Nutzer deutlich unsicherer.

Die Bundesregierung versucht nun erstmals konkret, Verschlüsselung von Chat-Apps zu schwächen. Und das, obwohl sich Deutschland oft als Standort für sichere Kommunikation präsentiert. Hier soll besonders sichere Verschlüsselung entstehen und Standortfaktor sein. 1999 verabschiedete Rot-Grün die „Eckpunkte der deutschen Kryptopolitik“. In denen heißt es: „Die Bundesregierung beabsichtigt nicht, die freie Verfügbarkeit von Verschlüsselungsprodukten in Deutschland einzuschränken. Sie sieht in der Anwendung sicherer Verschlüsselung eine entscheidende Voraussetzung für den Datenschutz der Bürger, für die Entwicklung des elektronischen Geschäftsverkehrs sowie für den Schutz von Unternehmensgeheimnissen.“

Im Koaltionsvertrag von Schwarz-Rot heißt es, man wolle „Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für jedermann verfügbar machen“. Zugleich drängten in den vergangenen Jahren Sicherheitsbehörden weltweit darauf, dass Unternehmen dem Staat „Hintertüren“ in ihre Verschlüsselungs-Algorithmen bauen sollten, um Ermittlern Zugriff auf Gespräche zu ermöglichen.

Protest von den betroffenen Unternehmen
Bei den betroffenen Unternehmen ruft Seehofers Vorhaben Protest hervor. Mehrere Apps bieten ihren Kunden Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und haben bislang selbst keinen Zugriff auf die Nachrichten, die über ihren Dienst versendet werden. Eine dieser Firmen ist Threema, eine App aus der Schweiz mit mehreren Millionen Anwendern im deutschsprachigen Raum. „Absolute Vertraulichkeit der Kommunikation“ sei „in der DNA von Threema“, sagte ein Firmensprecher dem Spiegel. „Wir sind nicht bereit, dabei irgendwelche Kompromisse einzugehen.“ Man besitze in Deutschland keine Infrastruktur, falle deshalb auch nicht unter deutsches Recht. Sollte Deutschland die Nutzung von Threema verhindern wollen, „würde sich das Land nahtlos in die Reihen totalitärer Staaten wie China oder Iran einreihen“.

EU zieht positive Bilanz über ein Jahr Datenschutz-Grundverordnung

Die EU-Kommission ist mit der EU-weiten Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zufrieden, deren Inkrafttreten sich am 25. Mai zum ersten Mal jährt. Fast 145.000 Beschwerden von Bürgern seien seither bei den Datenschutzbehörden der EU-Länder eingegangen, hieß es in Brüssel.

Den Menschen mehr Kontrolle über ihre persönlichen Daten zu verleihen, sei das Hauptziel der Richtlinien, erklärten EU-Justizkommissarin Vera Jourova und der für den Digitalen Binnenmarkt zuständige EU-Kommissionsvizepräsident Andrus Ansip. Fast sieben von zehn befragten Personen geben demnach an, von der neuen Datenschutz-Grundverordnung gehört zu haben und fast sechs von zehn Personen wissen nun, dass eine Datenschutzbehörde in ihrem Heimatland existiere. 2015 seien es nur knapp vier gewesen, teilte die Kommission mit und bezeichnete das steigende Bewusstsein für Datenschutz als „sehr ermutigendes Zeichen“.

Unternehmen meldeten laut den Informationen der Kommission fast 90.000 Fälle, in denen in ihrer Verantwortung liegende Daten versehentlich oder unrechtmäßig weitergegeben wurden. Die neue EU-Datenschutzbehörde habe zudem bisher mehr als 400 grenzüberschreitende Fälle registriert, hieß es.

Die DSGVO verleiht den Datenschutzbehörden das Recht, Strafen in Höhe von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes eines Unternehmens zu verhängen. So wurde in Frankreich Google zu 50 Millionen Euro wegen fehlender Zustimmung zu Werbung verurteilt, in Deutschland ein sozialer Netzwerkbetreiber zu 20.000 Euro wegen fehlender Sicherung von Benutzerdaten, und in Österreich ein Wettbüro wegen illegaler Videoüberwachung zu 5.280 Euro.