Was aus Crowdfunding geworden ist

Eine Zeit lang schossen Crowdfunding-Projekte wie Pilze aus dem Boden. Für die eigene Radiosendung, Smartwatches und sogar Dokufilme: Doch geben Leute dafür immer noch Geld aus? Und lohnt es sich, mitzumachen?

Das Prinzip: Wer genug Leute für seine Belange begeistern kann, bekommt von seinen Unterstützern finanzielle Zuschüsse für sein Projekt, entweder auf Spendenbasis oder gegen ein Dankeschön. Filme smarte Uhren, verpackungsfreie Läden und Start-ups haben so ihr Budget aufgebessert. Funktioniert das auch heute noch?

Jein, lautet die Antwort. „Crowdfunding ist es in Deutschland nicht wirklich gelungen, sich durchzusetzen“, sagt Michael Gebert. Er ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Crowdsourcing Verbandes.

Vor allem der Ursprungsgedanke, kreative Ideen mit Geld zu unterstützen, habe sich nur bedingt etabliert, so Gebert. Zwar kannten 2018 laut Crowdfunding-Barometer fast zwei Drittel der Befragten das Konzept – deutlich mehr als noch vier Jahre zuvor. Die investierten Summen wachsen aber nicht.

Klassisches Crowdfunding eher mit lokalem Bezug

Was hingegen gewachsen ist, ist eine Form der Geldanlage über die Crowd: Beim Crowdinvesting finanzieren Teilnehmer ein Projekt und werden an dessen Rendite beteiligt. Gefragt sind bei dieser Form vor allem Immobilienprojekte – die sind greifbar, und man bekommt Zinsen.

Ist es mit dem Sammeln für kreative Ideen abseits des Investmentmarktes also vorbei? Das klassische Crowdfunding gibt es zwar weiterhin, allerdings auf weniger Plattformen und eher mit einem lokalen Bezug. „Viele Sparkassen haben eine Crowdfunding-Plattform, die lokale Projekte finanziert“, erklärt Oliver Gajda vom European Crowdfunding Network.

Der Markt für Websites wie Startnext, Kickstarter oder Indiegogo, auf denen man Crowdfunding-Projekte schalten und unterstützen kann, ist übersichtlicher geworden. „Das Risiko, eine falsche Plattform zu finden, ist geringer geworden“, sagt Michael Gebert. Einen Überblick gibt zum Beispiel das Informationsportal „Crowdfunding.de“.

Die Ausrichtung der Anbieter ist verschieden: Auf Kickstarter finden sich zum Beispiel haufenweise kreative Projekte, vom Comicbuch über die Modekollektion bis zum Musikalbum.

Crowdfunding ist insgesamt professioneller geworden, sowohl was die Plattformen angeht als auch die Projekte. „Es kommen mehr Leute als früher“, sagt Anja Thonig, die bei der Gesellschaft Crowdfunding Campus Kunden beim Sammeln für deren Projekte berät. Thonig führt das auch darauf zurück, dass die Menschen sich inzwischen bewusster seien, wie viel Arbeit in erfolgreichen Kampagnen steckt. „Man kann nicht einfach ein Projekt auf eine Plattform stellen, mit dem Finger schnippen, und dann läuft es.“

Spende oder Gegenleistung

Beim Sammeln unterscheidet man unter anderem spendenbasierte Kampagnen und Projekte, bei denen Unterstützer nach erfolgreicher Finanzierung ein Dankeschön bekommen – etwa eine Tasse, ein T-Shirt, das fertige Produkt oder die Einladung für eine Veranstaltung.

Dieses Dankeschön ist das einzige Risiko, dass Unterstützer tragen. Denn bei dieser Form des Crowdfunding, auch vergütungsbasiert (reward based) genannt, schließen Unterstützer eine Art Kaufvertrag ab – mit der eingezahlten Summe ermöglichen sie das Projekt und kaufen sich gleichzeitig das Dankeschön, wie Thonig erklärt.

Erreicht das Projekt die gewünschte Zielsumme nicht, wird das Geld an die Unterstützer einfach wieder zurückgezahlt.

Revolution im Schneckentempo

Wenn es um große gesellschaftliche Umbrüche geht, um echte Revolutionen, dann sieht es in der Rückschau ja immer so aus, als wären sie über Nacht passiert. Als hätte es plötzlich diesen einen entscheidenden, donnernden, gewaltigen Moment gegeben und dann sei alles anderes gewesen als zuvor.

Wenn man mittendrin ist in der Revolution, ist es ein deutlich weniger gewaltiges Erlebnis, zumindest wenn es um die Revolution in den Führungsetagen der deutschen Print- und Onlinemedien geht. Die Organisation Pro Quote setzt sich in der Branche dafür ein, dass mehr Frauen die Top-Jobs in den Redaktionen besetzen, am Donnerstag präsentierte sie ihre jährliche Zwischenbilanz. Man kann sagen: Es ist nicht so, dass sich gar nichts bewegen würde. Aber der gewaltige, große Umbruch, auf den der Verein hofft? Bislang ist es eher eine Schneckenrevolution.

Vor allem bei den deutschen Regionalzeitungen ist die Lage düster. Betrachtet man die Chefredaktionen dieser Medien, stehen hundert Männern nur acht Frauen gegenüber. Von diesen acht sind zudem drei Teil einer Doppelspitze mit einem männlichen Kollegen. Die Zahl der Frauen, die in Deutschland alleinverantwortlich die Redaktion einer Regionalzeitung führen lautet also: fünf.

Der „Frauenmachtanteil“ der Zeitungen

Pro Quote misst den Einfluss von Frauen in den Medien nicht an deren Anteil an den Führungspositionen insgesamt, sondern gewichtet nach Führungsebene: Eine Frau in der Chefredaktion bedeutet einen höheren Anteil an der Macht als eine stellvertretende Ressortleiterin. Dieser „Frauenmachtanteil“ hat sich bei den Regionalzeitungen in den vergangenen drei Jahren marginal entwickelt, er beträgt nun für diese Mediengattung im Schnitt 10,2 Prozent.

Bei den zehn größten überregionalen Zeitungen liegt dieser Wert bei 25,1 Prozent, wobei nur die Berliner Tageszeitung taz mit 50,8 Prozent die Macht zwischen den Geschlechtern ausgeglichen verteilt. Den geringsten Frauenmachtanteil verzeichnen das Handelsblatt mit 16,1 Prozent und die FAZ, die genau wie ihre Sonntagszeitung FAS bei unter 17 Prozent bleibt. Die Süddeutsche Zeitung wird in der Statistik 32,1 Prozent Frauenmachtanteil auf Platz drei geführt – allerdings wurden die Werte im vergangenen Juni erhoben, als Julia Bönisch noch Mitglied in der SZ-Chefredaktion und Chefredakteurin der Onlineausgabe war. Sie hat das Haus mittlerweile verlassen, ihre Nachfolge ist noch ungeklärt. Bei den großen Magazinen liegt der Stern klar vorne, dort werden Frauen mit 45,8 Prozent der Macht ausgestattet. Auch, weil im April 2014 jedes Ressort gezielt paritätisch mit je einem Mann und einer Frau an der Spitze besetzt worden ist.

Eine bessere Atmosphäre für mehr Frauen

Was kann man also machen, damit die Revolution an Tempo gewinnt? Darüber wurde im Anschluss an die Präsentation der Zahlen diskutiert. Die Chefin des Gruner + Jahr-Verlags, Julia Jäkel, unter deren Verantwortung also auch der Stern erscheint, sagt, es gelte vor allem auf die Atmosphäre in einem Unternehmen zu achten: „Wie sind die Sprüche, wie sind die Witze, wie ist die Weihnachtsfeier?“, fragt Jäkel. Frauen müssten sich wohlfühlen, es brauche Rollenvorbilder, die verdeutlichen wie weibliche Führung aussehen könne. Wenn das gelinge, seien nicht nur die Frauen angetan, das ganze Unternehmen profitiere von einer diversen Führungsebene: „Ich kenne keine Männer, die in einer Monokultur arbeiten wollen“, sagt Jäkel, „zumindest keine, die ich ernst nehme“.

Marion Horn will das nicht recht glauben. Sie ist die Chefredakteurin der Bild am Sonntag und sagt, aus der Sicht eines Mannes sei heute jede Frau „eine Bedrohung für seine eigene Karriere“. Vor ein paar Jahren hätten männliche Mitarbeiter in einer internen Bewertung ihren Führungsstil kritisiert – sie würde Frauen bevorzugen, lautete der Vorwurf. Dafür erinnert sie sich umso besser daran, dass in ihren Anfängen bei der Bild eine Rollenverteilung herrschte „wie bei Mad Men: Frauen gab es nur in jung und hübsch und als Sekretärinnen“.

Die klassische Rollenverteilung findet man übrigens auch heute noch in der Statistik, wenn man etwa auf die Führungspositionen bei den Publikumszeitschriften schaut. Da gibt es in den Segmenten Frauenmagazine, Lifestyle, Haus und Garten viele Frauen in Führungsjobs, bei Motorpresse, Wissen und Technik und auch bei Wirtschaft sieht es aber mau aus.

Liegt das am mangelnden Interesse von Frauen an diesen Themen? Oder daran, dass die Männerbande dort besonders eng geknüpft sind? Darauf geben die Zahlen keine Antwort. Juliane Seifert, die Staatssekretärin des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, berichtet jedenfalls, dass es nicht nur in der Medienbranche ein zäher Weg sei zur gleichen Verteilung von Macht. Aber immerhin, kleine Fortschritte gebe es auch anderswo: So gebe es 2019 erstmals mehr Frauen in den Vorstandsetagen der großen deutschen Konzerne als Männer, die Thomas oder Michael heißen. „Das sieht man natürlich auch, von welchem Ausgangsniveau wir kommen“, sagt Seifert.

Marion Horn will da noch abschließend anmerken, dass man sich eben von den Selbstzweifeln, „die Frauen auch so wunderbar machen“, nicht abhalten lassen dürfe vom Weg an die Spitze. „Wer mit den großen Jungs spielen will, darf nicht nur mit Wattebäuschen werfen.“

Gruner+Jahr-Chefin Jäkel: „Der Hunger nach Inhalten ist gewaltig“

Bertelsmann sieht sich auf gutem Weg, mit einer Bündelung seiner vielfältigen Medienaktivitäten den großen US-Plattformen Paroli zu bieten: „Die Bertelsmann Content Alliance investiert in Deutschland jedes Jahr zwei Milliarden Euro in Kreativität, das ist einzigartig. Außer vielleicht Disney bündelt wohl niemand so viel Power in seinem Heimatmarkt“, sagte Julia Jäkel, Chefin der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr sowie Vorsitzende des Boards der neuen Inhalte-Allianz.

Unter anderem wolle die neue Plattform „den Wachstumsmarkt Podcast und Audio erobern“. Jäkel weiter: „Unser Orchester ist sehr vielfältig. Und jetzt spielen alle zusammen.“ Da sei man bereits jetzt „nationaler Champion. Das stärkt unsere Position im Kampf um die Aufmerksamkeit, besonders gegenüber den großen Plattformen.“

Jäkels Fazit: „Je globaler die Welt wird, desto bedeutsamer entwickelt sich der nationale, ja sogar regionale Content.“ Das sei eine „riesige Chance“ für Bertelsmann. Und weltweit sei der „Hunger nach Inhalten gewaltig. Auch Netflix und Amazon haben gemerkt, dass sie in die regionalen Märkte hineinkommen müssen, doch da haben wir einen gewaltigen Vorteil“, erklärte Jäkel dem Handelsblatt.

Zu der Inhalte-Allianz gehören seit Anfang des Jahres so unterschiedliche Bertelsmann-Divisionen wie Random House (Buch), RTL (Hörfunk und Fernsehen), Ufa (Film), BMG (Musik) und G + J (Zeitschriften). Darüber hinaus wird in einer Ad Alliance bereits das Werbegeschäft gebündelt. Jäkel machte auch da klar: „Die Werbepartner sehnen sich nach kraftvollen Akteuren, die eine Alternative zu den US-Plattformen bilden können.“

Döpfner beklagt Sprache, „die an Ehrlichkeit verliert“

In einem langen „Spiegel“-Interview hat Mathias Döpfner über die Meinungsfreiheit in Deutschland sowie die Debattenkultur im Land gesprochen. Der Springer-Chef stand nach dem Anschlag in Halle selbst in der Kritik, weil er in einem Artikel Medien und Politik vorwarf, zu oft zu beschwichtigen und verharmlosen, wenn es beispielsweise um Flüchtlinge gehe. Dafür bekam er auch von Rechtsaußen Applaus. Im „Spiegel“ sagt er dazu: „Auch das muss man aushalten. Einmal Applaus von der falschen Seite, und man ist raus, die ganze Argumentation diskreditiert? So geht es nicht! Das ist Antidebatte.“

Grundsätzlich vermisse er „lebendige Debatten und überraschende Positionen“, so Döpfner, der meint, der „Diskurs ist politisch korrekt sediert“. In Deutschland könne jeder das sagen, was sie oder er denkt. Das würden sich aber immer weniger Menschen trauen. „Meine paradoxe Beobachtung: Je weniger Mut es kostet, seine Meinung zu sagen, desto weniger Mut ist vorhanden. Unter Hitler und Stalin haben Menschen ihr Leben riskiert. In Deutschland 2019 riskiert man einen Shitstorm. Und kaum einer traut sich. Das ist nicht gut. Widerspruch ist der Humus einer demokratischen, offenen Gesellschaft.“

Derzeit erlebe man einerseits eine maximale Polarisierung und Verrohung der Sitten – „vor allem in den sozialen Netzwerken“. Die Sprache vieler Politiker, Journalisten, Wirtschaftsführer, Künstler im öffentlichen und veröffentlichten Raum werde dagegen immer vorsichtiger und steriler. „Es wird immer riskanter, unvorbereitet und ungescripted etwas zu sagen“, so Döpfner. Die Menschen würden aber merken, dass immer mehr Politiker und auch Medien eine Sprache benutzen würden, „die an Saft und Kraft und Ehrlichkeit verliert“. Der Springer-Chef: „Der öffentliche Diskurs folgt den rhetorischen Regeln der Political Correctness. Man beschreibt Dinge eher so, wie sie sein sollten, und vor allem so, dass jeder Anstoß vermieden wird. Das sorgt gerade im politischen Raum dafür, dass Menschen das Gefühl haben: Die sagen nicht, was sie denken, und tun nicht, was sie sagen.“

Zuletzt hat die „Bild“-Zeitung eine große Kampagne gefahren und darin auch Politikern wie Claudia Roth Antisemitismus unterstellt. Roth traf sich mit dem iranischen Parlamentspräsidenten, der den Holocaust relativiert. Dazu sagt Döpfner, Roth unterstütze damit indirekt Antisemitismus. Roth habe keinen Grund gehabt, diesen Termin wahrzunehmen und es sei die Aufgabe von Journalisten, darauf hinzuweisen, dass damit Antisemitismus verharmlost werde. „Auch die indirekte Verharmlosung oder Relativierung von Antisemitismus ist für mich außerhalb des demokratischen Konsenses.“

Die Verschärfung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes ist für Döpfner der falsche Weg, um den Diskurs im Netz wieder in richtige Bahnen zu lenken. Das habe das Potenzial dazu, die Meinungsfreiheit zu beschränken, warnt der Springer-Chef. „Wenn demnächst ein Algorithmus entscheidet, welche Formulierung verletzend, beleidigend oder falsch ist, finde ich das problematisch. Die Hauptursache für Hate Speech, für Fake News und für die zunehmende Emotionalisierung und Polarisierung der Gesellschaft ist doch die Existenz anonymer Accounts.“ Wenn eine Person im Netz identifizierbar sei, sei es Aufgabe der Staatsanwaltschaft zu entscheiden, ob Grenzen überschritten worden seien oder nicht. „Ich finde, ein Account muss auch Accountability, also Verantwortlichkeit, bedeuten“, sagt Döpfner.

Empörung über „Back to black“-Ausgabe von „Elle“

Bei den Star-Wars-Filmen war wahrscheinlich irgendwann mal einer der Verantwortlichen so sensibel, zu bemerken, dass es bei Teilen des Publikums schlecht ankommen könnte, wenn das Böse im Film mit dem Adjektiv „schwarz“ versehen würde. Die Antagonisten im Star-Wars-Universum sind also auf der „Dunklen Seite der Macht“. Selbst wenn Yoda von der „schwarzen“ Seite gesprochen hätte, hätte er mindestens geäußert, dass die Bedrohung nicht gleichzusetzen sei mit schwarzen Menschen. Yoda war weise. Diese Gedanken hat man sich bei der deutschen Ausgabe der Frauenzeitschrift Elle nicht gemacht.

Die Novemberausgabe trägt den Titel „Back to Black“, in der Unterzeile heißt es „Schwarz ist wieder da: Unwiderstehlich“. Damit sind nicht nur Pumps und Hüte gemeint: Auf Seite 82 des Heftes sind sechs „Models of Colour“ abgebildet. Darüber die Worte: „Black is back“. Die reichlich absurde Botschaft: Schwarz ist angesagt – bei Klamotten und Hautfarbe. In dieser Saison.

„Auf alle Arten und Weisen zutiefst beleidigend“

Als wäre das nicht befremdlich genug, war eines der abgebildeten Models Naomi Chin Wing – nicht, wie es die Bildbeschreibung vermeldet, deren Kollegin Janaye Furman.

Das Ganze hat nach der Veröffentlichung in den sozialen Netzwerken international gewaltig für Wirbel gesorgt und der deutschen Elle eine Aufmerksamkeit verschafft, die sie seit Jahren nicht mehr hatte. Supermodel Naomi Campbell adressierte die deutsche Chefredakteurin Sabine Nedelchev in einem Instagram-Post direkt. Wenn man beim Heft Hilfe in Sachen Diversität brauche, so Campbell, so helfe sie gerne, der Vorfall sei „auf alle Arten und Weisen zutiefst beleidigend“, der Titel irritierend und missverständlich. „Ich habe schon unzählige Male gesagt, wir sind kein Trend“, schreibt Campbell.

Chefredakteurin Nedelchev veröffentlichte am Mittwoch eine Art Entschuldigung. „Es war falsch, die Coverzeile ,Back to Black‘ zu verwenden, die so missverstanden werden könnte, als seien schwarze Individuen eine Art Fashion-Trend. Das war nicht unsere Absicht und wir bedauern es, nicht sensibler mit den möglichen Interpretationsweisen umgegangen zu sein.“ Auch die Verwechslung des Models bedauert die Chefredakteurin in ihrem Statement, das mit der Bemerkung schließt, dies sei eine „Lernerfahrung“ gewesen.

Abgesehen von der Wirkung in der internationalen Öffentlichkeit bleibt abzuwarten, wie sich das Debakel dieser Lernerfahrung auf den Anzeigenverkauf des Blattes auswirkt. Der Valentino-Designer Pierpaolo Piccioli jedenfalls hat Naomi Campbells kritischen Instagram-Post zum Thema schon mal mit einem Herz versehen.

Sabine Nedelchev, seit 2002 Chefredakteurin, wird sich beim Münchner Burda-Verlag, der die deutsche Elle herausgibt, unbequemen Fragen stellen müssen. Ebenso unangenehm dürfte ihre missglückte Novemberausgabe bei der Hearst-Mediengruppe in New York auffallen, die die Lizenzen für Elle vergibt.

Zudem häufen sich seit der Veröffentlichung im Internet Anekdoten, in denen Menschen verletzt bis wütend von Begegnungen mit Sabine Nedelchev erzählen, die sich von der Chefredakteurin diskriminiert oder niedergemacht fühlen. Auf irritierende Weise stellt sich Nedelchev unterdessen selbst in der aktuellen Ausgabe ihres Heftes dar. Sie führt in einem Artikel wortreich aus, dass das Erkunden der eigenen „dunklen Seite“ der Schlüssel zum Glück sei und liefert eine gleißende Selbstbeschreibung. Sie sei „gern ein guter Mensch, lese Buddha, übe Yoga, meditiere, versuche Menschen mit liebenden Augen zu sehen.“ Sie gebe sich „Mühe, möglichst eine Freude“ für ihre Umwelt zu sein. Ein Freund habe ihr gesagt, sie sei ihm „fast ein bisschen zu heilig“, schreibt sie über sich selbst. Auf die Titelseite des Heftes „Back to Black“ hat die Chefin das dänische und ziemlich weiße Covermodel Gertrud Hegelund gesetzt. Als Schwarz-Weiß-Fotografie.

Spionage-Krimi um Whatsapp

Die NSO Group ist berühmt-berüchtigt. Die wohl von ehemaligen Hackern der israelischen Armee mit gegründete Cybersicherheitsfirma verkauft Spionage-Software an Regierungen. Berühmt ist NSO, weil ihre Software extrem gut sein soll. Berüchtigt ist sie, weil sie bei der Auswahl ihrer Kunden offenbar nicht zimperlich ist.

Die verschwiegene Firma aus Herzliya nahe Tel Aviv gilt als verlässlicher Käufer sogenannter Zero Day Lücken, also bisher unentdeckter Sicherheitslücken in weit verbreiteter Software wie iOS, Android oder Microsoft-Betriebssystemen, sowie Programmen und Apps. Die Firma verwandelt diese Lücken dann in Angriffswerkzeuge, damit ihre Spionagesoftware „Pegasus“ auf den Geräten nichtsahnender Opfer installiert werden kann.

Jetzt hat die Facebook-Tochter Whatsapp die Firma vor einem kalifornischen Gericht verklagt: wegen Computerbetrugs, Hausfriedensbruchs und eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen von Whatsapp. Sie will NSO den Zugang zu Whatsapp verbieten und fordert Schadenersatz in unbekannter Höhe. Spannend ist die Klage Whatsapps vor allem, weil NSO Group stets behauptet hatte, lediglich Software zu verkaufen. Auch in einem Statement gegenüber der SZ hatte NSO im Mai erklärt, dass die Firma beim Betrieb der Software durch ihre Kunden nicht beteiligt ist. Die Logik dahinter: So bleibe man sauber, auch wenn die Programme zu unmoralischen oder gar illegalen Zwecken eingesetzt werden. Whatsapp-CEO Will Cathcart behauptet nun in einem Gastbeitrag in der Washington Post, Beweise zu haben, dass NSO Group gelogen hat.

NSO soll unter anderem daran beteiligt gewesen sein, Whatsapp-Konten anzulegen, um seine Spionagesoftware „Pegasus“ auf den Geräten der Opfer zu verteilen. Auch beim Betrieb der Kontrollserver für den Trojaner soll NSO – anders als behauptet – seine Finger im Spiel gehabt haben. Über diese Server können infizierte Geräte von den Angreifern kontrolliert werden und von den Geräten heimlich verschickte Daten empfangen werden. NSO Group hat die Vorwürfe in einem Statement zurückgewiesen und angekündigt, sich zur Wehr setzen zu wollen.

Whatsapp: NSO an den Späh-Aktionen direkt beteiligt

Die Sicherheitslücke, um die es nun in der Klage geht, war im Mai dieses Jahres öffentlich geworden. Der Klage zufolge konnten NSO-Mitarbeiter Whatsapp so manipulieren, dass Pegasus über einen Whatsapp-Anruf auf den Geräten der Opfer verteilt wurde. Besonders perfide: Der manipulierte Anruf wurde den Opfern nicht einmal angezeigt. Damit der Späh-Angriff funktionierte, mussten NSO-Mitarbeiter die Whatsapp-Software jedoch entscheidend verändern und auch Whatsapp-Infrastruktur wie Server in Kalifornien manipulieren – behauptet zumindest Whatsapp in der Klage. Das wäre dem zufolge ein Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen und gegen Computerbetrug-Gesetze in den USA. Whatsapp schloss die Lücke am 13. Mai mit einem Not-Update. Kurz darauf schrieb ein NSO-Mitarbeiter laut Klagetext: „Ihr habt unsere wichtigste Remote-Lücke für Mobiltelefone geschlossen… es ist überall in den Nachrichten.“

Der Deutschland-Chef der Organisation „Reporter ohne Grenzen“, Christian Mihr, nannte die Klage Whatsapps ein „entscheidendes Signal gegen Überwachungsexzesse“ und forderte andere Technologieunternehmen auf, sich Whatsapp zum Vorbild zu nehmen. Mihr erneuerte in dem Zusammenhang seine Kritik an den immer wieder geforderten Hintertüren in Messengern für Sicherheitsbehörden: „Jede Schwachstelle in solchen Produkten stellt nicht nur die Privatsphäre von Millionen oder gar Milliarden Menschen infrage, sondern setzt auch Journalistinnen und ihre Informanten unabsehbaren Gefahren aus.“

Ein Handy mit Pegasus-Software ist besser als jede Wanze

Die 127-seitige Klageschrift gibt auch zum ersten Mal detaillierte Einblicke in die Fähigkeiten eines der mächtigsten staatlichen Hackertools. An die eigentliche Klage angehängt, findet sich die Produktbeschreibung des Trojaners Pegasus sowie ein Vertrag über den Verkauf der Software an die Nationale Kommunikationsbehörde Ghanas. Für acht Millionen Dollar plus etwa zwei Millionen für Support bekamen die Ghanaer demnach ein Spionagewerkzeug mit weitreichenden Möglichkeiten. Die Software könne vom Nutzer unbemerkt über stille Push-Nachrichten installiert werden und überlebe sogar ein komplettes Zurücksetzen des Geräts. Einmal auf dem Smartphone oder Tablet hatten die Spitzel Zugriff auf nahezu alle Daten und konnten zudem Fotos machen und das Mikrofon der Telefone als Wanzen nutzen.

NSO hatte noch kleine zusätzliche Features eingebaut. Durch Überwachung des GPS-Signals des Geräts konnten sich die Spitzel einen Alarm zuschicken lassen, wenn das Opfer einen bestimmten Bereich betrat. Und sie konnten sich von dem Programm benachrichtigen lassen, wenn sich zwei Opfer miteinander trafen.

NSO Group hat wieder und wieder beteuert, dass die Firma ausschließlich an staatliche Stellen verkauft und sämtliche Käufer vorher überprüft. Länder, von denen Menschenrechtsverletzungen zu erwarten sind, bekämen demnach keine Lizenz. Doch selbst wenn diese Prüfungen stattfinden, besonders effektiv scheinen sie nicht zu sein. So behauptet die Bürgerrechtsorganisation Citizen Lab, dass die NSO-Software Pegasus unter anderem für die Bespitzelung von Journalisten in Mexiko, Menschenrechtsanwälten in den Vereinigten Arabischen Emiraten und saudischen Dissidenten eingesetzt wurde. In der Klage Whatsapps ist nun auch vom Königreich Bahrein als Kunde von NSO die Rede.

Der NSO-Trojaner Pegasus soll Medienberichten zufolge auch im Vorfeld der Ermordung des saudischen Washington-Post-Kolumnisten Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul 2018 eine Rolle gespielt haben. NSO hatte in der Folge bestritten, dass ihre Software „direkt“ an der Bespitzelung Khashoggis beteiligt war, stellte aber die Geschäftsbeziehung zur saudischen Regierung öffentlichkeitswirksam ein.

Netto-Werbeumsätze der Medien: alles Richtung Google

In welche Kanäle fließen künftig die Marketingbudgets der Unternehmen? Angesichts der nach wie vor großen Abhängigkeit von Werbeerlösen gibt es derzeit wohl kaum eine Frage, die Medien und Vermarkter so umtreibt wie diese. Eine sehr ausführliche Antwort darauf hat jetzt PwC abgeliefert. Das Beratungsunternehmen hat neben eigenen Marktdaten auch solche von Branchenverbänden wie ZAW, BDZV und VDZ ausgewertet und wagt nun gemeinsam mit dem Marktforscher Ovum einen Blick in die Zukunft.

Dass die Umsatzkurve bei den Printmedien seit Jahren nach unten zeigt, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Die TV-Konzerne kamen lange Jahre dagegen ungeschoren davon. Glaubt man PwC, dann ändert sich das jetzt – zumindest im Kerngeschäft des linearen Fernsehens. Genau wie die im Frühjahr 2019 vorgelegte Jahresbilanz des ZAW zeigen die Zahlen des Beratungshauses, dass die Nettoinvestitionen in lineare TV-Werbung bereits im vergangenen Jahr gesunken sind – nämlich um 1,2 Prozent auf 4,54 Milliarden Euro.

PwC und Ovum gehen nicht davon aus, dass dies ein einmaliger Ausrutscher war. Für dieses Jahr wird ein noch deutlicheres Minus in Höhe von 2 Prozent vorhergesagt. Somit sollen 2019 netto 4,45 Milliarden Werbe-Euro in den Kassen der TV-Konzerne landen. In den kommenden vier Jahren sollen die Werbeumsätze im Schnitt um 1,4 Prozent pro Jahr sinken – auf 4,2 Milliarden Euro im Jahr 2023. „Dennoch wird lineare TV-Werbung noch lange die größte Umsatzquelle im TV-Werbemarkt bleiben“, sagt Werner Ballhaus, Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC Deutschland.

Des einen Leid ist des anderen Freud. Wenig überraschend kann vor allem Online von den Budgetkürzungen bei den klassischen Medien profitieren. Die Gesamtspendings, hier sind auch Ausgaben für Social Media berücksichtigt, sollen in den kommenden Jahren jeweils deutlich zulegen – auf netto 10,3 Milliarden Euro im Jahr 2023. Auch dann wird noch ein Großteil der Budgets – nämlich 8,2 Milliarden Euro – in stationäre Onlinewerbung fließen. Die Investitionen in mobile Onlinewerbung werden stetig steigen – auf dann 2,2 Milliarden Euro. „Bereits 2021 wird mobile Werbung laut unserer Prognose und am Umsatz gemessen das zweitstärkste Teilsegment im Onlinewerbemarkt sein“, sagt PwC-Experte Ballhaus.

Glaubt man PwC, dann werden sich die Investitionen in Suchmaschinenmarketing in diesem Jahr allein im Desktop-Bereich auf 3,85 Milliarden Euro summieren. Weitere 212 Millionen Euro fließen bei der mobilen Onlinewerbung in Search. Heißt: Von den 8,5 Milliarden Euro, die 2019 insgesamt in Onlinewerbung fließen, landen rund vier Milliarden Euro im von Google dominierten Search-Marketing. Vor rund zwei Jahren hatte die Organisation der Mediaagenturen (OMG) den Search-Umsatz von Google in Deutschland noch auf netto drei Milliarden Euro geschätzt. Weitere Umsätze erzielt Google mit der Display-Vermarktung und der Video-Werbung, namentlich Youtube.

Beim Suchmaschinenmarketing ist das Ende der Fahnenstange bei weitem noch nicht erreicht. In den kommenden Jahren sollen die Search-Ausgaben weiter steigen – auf insgesamt 4,7 Milliarden Euro im Jahr 2023. Auch die Spendings für Display Advertising sollen zulegen – von 1,65 Milliarden Euro in diesem Jahr auf 1,74 Milliarden Euro in vier Jahren. Das Classifieds-Geschäft, also Rubrikenanzeigen, soll dagegen mehr oder weniger stagnieren. Für dieses Jahr sagt PwC einen Umsatz in Höhe von 1,02 Milliarden Euro voraus, im Jahr 2023 sollen es 1,05 Milliarden Euro sein. Deutlich stärker zulegen soll Online-Bewegtbildwerbung. Hier soll der Umsatz von 693 Millionen Euro (2019) auf 959 Millionen Euro (2023) anwachsen.

Die Außenwerbung zeigt, dass Verluste im klassischen Geschäft durchaus vom Wachstum im Digitalen ausgeglichen werden können. Ja mehr noch: Dank der Boom-Disziplin Digital Out of Home (DOOH) legt Außenwerbung insgesamt sogar deutlich zu. Setzten Vermarkter wie Ströer, Wall & Co 2014 noch 926 Millionen Euro um, werden es in diesem Jahr bereits 1,2 Milliarden sein. Und die Erfolgsgeschichte geht munter weiter. Glaubt man PwC, dann werden die Werbungtreibenden im Jahr 2023 satte 1,35 Milliarden Euro netto in Außenwerbung investieren.

Medienhaus Naspers: Wer steckt hinter dem Konzern, der 31 Prozent am chinesischen Giganten Tencent hält?

Eine Bieterschlacht ist in Gang. Eigentlich schien die Fusion vom niederländischen Lieferdienst Takaway.com und dem britischen Pendant Just Eat so gut wie besiegelt. Plötzlich macht die in Amsterdam ansässige Prosus ein unmoralisches Angebot: 5,7 Milliarden Euro möchte man für den Essenslieferanten bezahlen, der neben dem Vereinigten Königreich auch Märkte in Mittel- und Südamerika bedient. Für Prosus sind das Peanuts: Am 11. September sammelte man über 100 Milliarden Euro an der Amsterdamer Börse ein. Prosus hält bereits Anteile an Delivery Hero. Takeaway.com wiederum ist die Mutter von Lieferando.

Der Kampf um die Vorherrschaft im Liefergeschäft bzw. das versuchte Verhindern einer Fusion zwischen Just Eat und Takeaway.com ist die erste große Initiative von Prosus seit dem Börsengang. Das Unternehmen zeichnet sich durch ein breites Portfolio an Beteiligungen in unterschiedlichen Geschäftsbereichen aus. Neben Lieferdiensten gehören Kleinanzeigen, Payment und das russische Universal-Portal Mail.ru dazu. Doch die wichtigste Beteiligung ist die an Tencent, dem chinesischen Betreiber von WeChat. 31 Prozent von Tencent gehören Prosus und das sind aktuell rund 111 Milliarden Euro. An der Amsterdamer Börse wird etwa ein Viertel des Unternehmens gehandelt. Dreiviertel bleiben bei der Mutter Naspers.

Naspers ist ein Mediengigant in Südafrika – und nicht nur dort. Das über 100 Jahre alte Unternehmen verlegt im Heimatland Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, betreibt Kabelsender und bietet Internet-Zugang und – Dienstleistungen an. Im Fiskaljahr 2019 erwirtschaftete der Konzern 19 Milliarden US-Dollar Umsatz. In Afrikaans, einer der elf Landessprachen, hat die Naspers-Tochter Media24 praktisch ein Monopol.

Und das hat es in sich. Afrikaans war die Sprache der Buren und die wiederum waren bis Mitte der 90er-Jahre die Träger und Befürworter der Apartheid. Das Medium “Quartz” berichtete, dass der erste farbige Reporter bei Media24 von seinem Büro aus zwei Blocks laufen musste, um Waschräume aufzusuchen. Die Toiletten im eigenen Bürogebäude waren ihm verwehrt.

Das ist über zwanzig Jahre her, hängt dem Unternehmen aber bis heute nach. 1995 initiierte Nelson Mandela die TRC (Truth and Reconciliation Commission) mit Pfarrer Desmond Tutu an der Spitze. Die Aufgabe der TRC war es vor allem, Transparenz zu schaffen. Unternehmen sollten ihre Vergangenheit mit dem Apartheidsregime dokumentieren und sich davon distanzieren. Naspers und Media24 hielten sich raus. Erst 2015 entschuldigte sich die damalige Media24-Chefin Esmare Weideman öffentlich für Fehler in der Vergangenheit. Das war präzise ein Jahr, nachdem sich Unternehmenspatriarch Koos Bekker aus dem operativen Geschäft von Naspers zurückgezogen hatte.

Jenseits des medialen Geschäfts verfolgt der Konzern seit 30 Jahren eine umsichtige, internationale Expansionspolitik. Zunächst investierte man in andere Medienhäuser auf dem afrikanischen Kontinent und erweiterte das Kerngeschäft um technische Dienstleistungen. Und Ende der 90er-Jahre begann man strategisch in Internet-Firmen zu investieren, die vor allem Märkte in Schwellenländern bedienen. Neben vielen Fehlinvestitionen waren auch einige Perlen dabei. Der Anteil an Tencent kostete 2001 beispielsweise lediglich 32 Millionen Dollar.

Florian Heinemann, Geschäftsführer von Project-A und ehemaliger CEO von Rocket Internet, hält große Stücke auf das Geschäftsmodell von Naspers. “In Industrieländern wird es immer schwieriger, mit Startups Geld zu verdienen, wenn man nicht entweder sehr schnell skaliert oder eine gute Nische findet. In Schwellenländern ist man im jeweiligen Geschäftsfeld oft noch der Einzige”, so der Berliner.

Er lernte Koos Bekker kennen, als zur Debatte stand, ob sich Naspers an Project-A beteiligt. Während Naspers aber das Investment in fertige Geschäftsmodelle und bereits wachsende Startups favorisierte, lag Heinemanns Fokus auf Inkubation. “Wir wollen den Startups, in die wir investieren, mit unseren Ressourcen und unserer Erfahrung helfen.”

“Ich war sehr beeindruckt vom Charisma von Bekker. Ich will nicht sagen, dass er und sein Team aggressiv auftraten, aber sie waren sehr klar und willensstark. Da war viel Testosteron im Spiel”, erinnert er sich. Seiner Auffassung nach verfolgt Naspers mit der Ausgründung von Prosus vor allem das Ziel, den Kapitalmärkten mehr Stabilität in Sachen Währungsschwankungen zu signalisieren. Außerdem sei der aktuelle Chef, Bob van Djik, “eben” Niederländer.

Er erwartet nicht, dass Prosus verstärkt im operativen Bereich innerhalb Europas sichtbar wird. “Bei Beteiligungen in international tätige Unternehmen, nehmen sie das Europa-Geschäft mit. Der Kernfokus bleibt aber vermutlich bei den Emerging Markets”, glaubt Heinemann.

Das mit dem Testosteron fehlt Deutschland in Sachen Investitionen im Tech-Sektor. “In den Pensions- und Rentenkassen ist so viel Kapital gebunden, das sollte man hinterfragen”, sagt der Berliner. Für Heinemann fehlt es zwar nicht an Kapital, doch viel kommt aus dem Ausland und dahin wandert auch die Wertschöpfung, wenn das jeweilige Unternehmen erfolgreich ist. Privat würde Florian Heinemann in Prosus investieren. “Die Strategie ist gut. Es kommt darauf an, wie das gemanagt wird.”

Das Internet feiert 50. Geburtstag

Das Internet hat viele Väter und Mütter. Dementsprechend gibt es viele Geburtstage zu feiern. Einer dieser Feiertage ist der 29. Oktober. Im Jahre 1969 versuchte Charley S. Kline sich an diesem Tag im Computer Lab der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) in einen Computer am Stanford Research Institute (SRI) einzuloggen. Kline war damals Doktorand und Assistent des Informatik-Professors Leonard Kleinrock. Er betreute in seinem Auftrag ein paar Forschungsrechner.

Rund 20 Personen waren anwesend, als Kline die Verbindung von einem Computer über eine Telefonleitung und einen Hilfscomputer zum anderen Computer nach Stanford schaltete.

„Lo“ als allererste Nachricht

Als die Befehlszeile des SRI-Rechners auf Eingabe wartete, versuchte Kline den Befehl „Login“ zu übermitteln. Über „Lo“ kam er nicht hinaus, denn das g kam nicht an, dann brach die Verbindung ab. Aber die erste Host-zu-Host-Kommunikation hatte stattgefunden und war um 22:30 von Kline unter dem Kürzel CSK im Logbuch dokumentiert worden. Bald wurde ein weiterer Rechner an der Westküste in Santa Barbara angeschlossen und eine erste Langstrecke nach Utah installiert: Das ARPANET nahm langsam seine Arbeit auf. Das von der Forschungsbehörde ARPA finanzierte Vernetzungsprojekt war mindestens ebenso wichtig wie die Mondlandung von 1969, bei der die Bodenstationen auf den US-Schiffen untereinander noch mit Fernschreibern kommunizieren mussten.

Die ARPA war nach der Abspaltung der Weltraumagentur NASA eine Behörde, die mit dem Information Processing Techniques Office (IPTO) die künftige Nutzung von Computern erforschte. Dazu gehörte neben dem ARPANET die Forschung an Time-Sharing-Systemen zur besseren Ausnutzung von Rechnerkapazitäten. So finanzierte die IPTO mit zwei Millionen Dollar das Project MAC am Massachusetts Institute of Technology (MIT). In diesem Projekt entwickelten MIT-Wissenschaftler wie Corby Corbator zusammen mit Ingenieuren der Telefongesellschaft Bell das Betriebssystem Multics, aus dem später Unix hervorging.

Frühzeitig kam man hier auf die Idee, dass Benutzer nicht nur an direkt angeschlossen Terminals arbeiten, sondern sich über Telefonleitungen einloggen können. Leonard Kleinrock, damals noch Student, veröffentlichte 1961 die Grundlagen dieser Kommunikation, bei der Datenpakete verschickt wurden, unter dem Titel Information Flow in Large Communication Nets. 1965 gelang Kleinrock der experimentelle Nachweis mit der Verbindung eines Computers am MIT zu einem nach Kalifornien. Immerhin: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung feierte Leonard Kleinrock an diesem Wochenende als den Neil Armstrong des Internets. Er landete gewissermaßen auf dem Netzmond.

Ein Netzwerk der Universität

Im Jahr 1962 wurde dann J.C.R Licklider Leiter der IPTO. Der gelernte Psychologe skizzierte erstmals das Vorhaben, alle großen Computer jener Universitäten zusammenzuschließen, die für die ARPA forschten. Sein Nachfolger Robert Taylor] steckte 1966 eine Million Dollar in das Projekt ARPANET, das Licklider zuvor in aller Großartigkeit Intergalactic Computer Network genannt hatte. Für die Arbeit am ARPANET wurde der MIT-Forscher Lawrence Roberts eingestellt. Als Roberts und Kleinrock ihre Idee eines Computernetzwerkes 1967 auf einer Konferenz der ACM vorstellten, mussten sie feststellen, dass andere Forscher die gleiche Idee hatten: Die Briten Donald Davies und Roger Scantlebury hatten am National Physical Laboratory den Plan eines National Communications Service for On-line Data Processing entwickelt. Und sie wussten überdies, dass ein weiterer US-Amerikaner sich mit der Vernetzung beschäftigte, wenn auch aus einem anderen Grunde.

Im Auftrag der Air Force beschäftigte sich Paul Baren bei der RAND Corporation mit Kommunikationsnetzen. Am 27. Mai 1960 veröffentlichte RAND Barans Überlegungen Reliable Digital Communication Systems Using Unrealiable Repeater Nodes, in denen er seine Idee paketvermittelter Kommunikation und besonders das „hot potato routing“ erklärte. Im September 1962 folgte Barans erste Fassung von On Distributed Communications, in der er sich mit der Frage der Adressierung von Datenpaketen und dem Verlust von Daten beim Routing beschäftigte. Obwohl für die Air Force geschrieben, waren beide Paper nicht als geheim klassifiziert und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich, im Unterschied zu Barans elf späteren Arbeiten von 1964, die heute als On Distributed Communications bekannt sind.

Darin behandelte Baran Themen wie verschlüsselte Kommunikation und erörterte physikalische/logistische Schwachstellen in den damals existierenden Kommunikationsketten der Air Force. Außerdem geht es um Überlegungen, mit wieviel beteiligten unterschiedlichen Computern ein solches Netz so gestaltet werden kann, dass ein angreifender Feind die Kommunikation nicht abwürgen kann. Er schrieb; „But a real-life system is a collection of compromises, and this system is no exception. The author believes, though, that it represents an acceptable price to have to pay for a national communication system able to meet the extreme demands of survivability in the face of a determined enemy.“ („Aber ein reales System ist eine Sammlung von Kompromissen und dieses System ist da keine Ausnahme. Der Autor glaubt jedoch, dass es einen akzeptablen Preis darstellt, der gezahlt werden muss für ein nationales Kommunikationssystem, das den extremen Anforderungen an die Überlebensfähigkeit angesichts eines entschlossenen Feindes gewachsen ist.“)

Ein universales Kommunikationsnetz

Von den Pionieren, die später das ARPANET errichteten, hatten nur Licklider und Kleinrock Zugriff auf die damals als geheim klassifizierten Überlegungen von Baran. Sie beschäftigte aber gar nicht der Gedanke an den „Russen“, sondern die Grundannahme, dass das Netz unzuverlässig ist und jeder Teil des Netzwerkes mal ausfallen kann, die Kommunikation aber trotzdem stabil bleiben sollte. Egal ob ein gefräßiger Bagger ein Kabel kappt oder eine Funkstrecke gestört ist. Zusammen mit seinem IPTO-Nachfolger Bob Taylor machte sich Licklider daran, die Dimensionen dieses Forschungsnetzes zu berechnen. Sie kamen zu dem Schluss, dass das Forschungsnetz bis 1978 etwa 14 Universitätscomputer und 2000 Wissenschaftler miteinander verbinden könnte. Das war schon ganz ordentlich.

Den beiden Vernetzungs-Enthusiasten ging es auch darum, die Idee eines universalen Kommunikationssystems einem breiteren Publikum zu vermitteln. Im Jahre 1968 erschien ihr Aufsatz The Computer as a Communication Device als Teil einer Broschüre, mit der man bei Digital Equipment (DEC) die Zukunft des Computers beschrieb. Die Schrift, illustriert mit Zeichnungen des Karikaturisten Roland Wilson, befasste sich erstmals mit dem Gedanken des „vernetzten Lebens“ in einer Informationsgesellschaft, wenn alle Menschen über Konsolen miteinander verbunden sind und ihre Freundschaften weltweit entwickeln können, befreit von der zufälligen Nachbarschaft eines Wohnortes.

Wie sich die künftige Informationsgesellschaft entwickeln kann, hänge zentral von der Frage ab, ob die Möglichkeit „On-Line“ zu sein, ein Privileg weniger oder das Recht Aller sein werde, schrieben Licklider und Taylor ganz im Geiste der herrschenden Fortschrittsgläubigkeit. Ihr Text endete optimistisch: „Unemployment would disappear from the face of the earth forever, for consider the magnitude of the task of adapting the network’s software to all the new generations of computer, coming closer and closer upon the heels of their predecessors until the entire population of the world is caught up in an infinite crescendo of on-line interactive debugging.“ („Arbeitslosigkeit würde von der Erde verschwinden, angesichts der Herausforderung die Netzwerksoftware an all die neuen Generationen von Computern anzupassen, die in immer kürzeren Abständen auf ihre Vorgänger folgen. Bis am Ende die ganze Bevölkerung der Welt in fortwährend Beschleunigung im Online-Debugging gefangen ist.“) Ein Leben lang debuggen, wer will das nicht?

Ein Netzwerk entsteht

Damit höchst unterschiedliche Host-Computer wie die in Stanford und Los Angeles miteinander in einem Netzwerk kommunizieren können, bedarf es eines Kommunikationsprozessors, der die Datenpakete in das Format des Host-Betriebssystems umwandelt. Für den Aufsatz von Licklider und Taylor zeichnete Wilson ein Netz von Nervenzellen, in dem um jeden Netzknoten ein solcher Message Prozessor als Zwischenschicht existiert, die mit anderen Knoten verbunden ist und skizzierte, wie eine Nachricht von Knoten zu Knoten wandern kann (Abbildung). Technisch exakt wurde die Umsetzung von einem Team unter Leonard Kleinrock beschrieben und als Communication Nets: Stochastic Message Flow and Delay veröffentlicht.

Danach schickte die ARPA einen „Request for Quotation“ heraus, mit detaillierten Anforderungen, was ein solcher Vermittlungscomputer leisten soll. Jeder Node sollte mit einer Leistung von 50 kbps arbeiten, also Datenpakete senden und empfangen können. Die Ausschreibung zu diesem Interface Message Processor (IMP) wurde im Dezember 1968 von der jungen Firma Bolt, Beranek & Newman (BBN) gewonnen, selbst eine Ausgründung von ARPA-Forschern. Ein Team um den Cheftechniker Frank Heart entschied sich dafür, den kühlschrankgroßen Mini-Computer Honeywell DDP-516 zum Message Prozessor umzubauen. Gefordert war ein System, das unbeaufsichtigt Nachrichten (zunächst Postcards genannt) empfangen, zwischenspeichern und senden bzw. weitersenden sowie aus der Ferne gewartet werden konnte.

Nach den schließlich erfolgreichen Tests, die bis Ende 1969 mit IMPs und Hosts an den vier Standorten Stanford (SDS 940), Los Angeles (SDS Sigma 7), Santa Barbara (IBM System /360) und Utah (PDP-10) durchgeführt wurden, blieb der fünfte IMP bei BBN in Cambridge stehen und sah mit umgebauten Frontend so aus. Von Cambridge aus sollten alle Wartungsarbeiten durchgeführt werden, während man gleichzeitig eine Art Serienproduktion aufbaute. BBN, im Sprachgebrauch der ARPAnetler fortan nur „The Factory“ genannt, baute bis 1972 insgesamt 30 Honeywell-Rechner zu IMPs um. Einige von ihnen wurden per „Airmail“ ausgeliefert: ein Hubschrauber hievte dann die Kühlschrankgroßen Rechner in die Rechenzentren, in denen die Host-Computer standen. Während die Host-Computer weiter mit ihren jeweiligen Betriebssystemen bzw. Multiuser-Systemen arbeiteten, entwickelte man bei BBN ein eigenes Betriebssystem namens TENEX.
E-Mail – die erste Killerapplikation

Im Jahre 1971 schrieb der BBN-Mitarbeiter Ray Tomlinson das Programm NETML (Netmail) für TENEX, mit dem man sich kleine Nachrichten zuschicken konnte. Zur Adressierung nutzte Tomlinson seinen Usernamen, das unter TENEX freie Zeichen @ und den Namen des Hosts: die E-Mail war geboren. Am Anfang der Mail-Verschickerei mussten beide Teilnehmer „online“ sein, erst mit dem später entwickelten SMTP entstand die E-Mail im heutigen Sinne. Was Tomlinson in seiner ersten Mail von tomlinson@bbn-tenexa nach tomlinson@bbn-tenexb schrieb, ist nicht bekannt. Es wird wohl etwas wie QWERTY gewesen sein. Als Tomlinson und seine Gruppe 1972 die nächste Version von TENEX fertiggestellt und ausgeliert hatten, entdeckten sie erstaunt, dass die neue „Net-Mail“ das beliebteste Programm unter den Anwendern war. Es dauerte kein halbes Jahr, bis alle anderen Hostsysteme ebenfalls ein Net-Mail-Äquivalent bekamen.

Im Oktober 1972 fand in Washington die International Conference on Computer Communication (ICCC) statt. Bei der ARPA entschloss man sich, im Hilton-Hotel einen temporären ARPANET-Node mit einem Host und 50 Terminals zu installieren und damals erstmals öffentlich zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt bestand das ARPANET aus 29 Knoten. Jeder Konferenzteilnehmer sollte sich im Netz auf einem Host seiner Wahl einloggen können. Zur ersten Demonstration loggte sich Leonard Kleinrock auf dem Knoten in Los Angeles ein, holte dort eine Datei und ließ sie auf dem Host am MIT berechnen mit dem Befehl, als Ausgabe einen Drucker zu benutzen, der neben ihm auf der Bühne stand.

Alles lief zunächst nach Plan, doch als der Ausdruck anstand, schwieg der Drucker. Stattdessen begann eine kleine weiße Tonne namens Turtle wirr auf der Bühne hin und herzufahren – jemand hatte den Druckeranschluss und den Kabelanschluss für den von MIT-Forscher Tom Callahan gebauten Roboter vertauscht. Turtle verarbeitete die Druckerbefehle. Dennoch beeindruckte die Demonstration die Anwesenden nachhaltig. Dies gilt auch für die erste europäische Netz-Anschaltung: Am 10. September 1973 zeigten Vint Cerf und Bob Kahn, letzterer neuer Leiter der ARPA an der Universität von Sussex in Brighton, wie sie sich auf einem Computer im fernen USA einloggten und einander eine E-Mail schrieben.

Der Wechsel auf TCP-IP

Als Forschungsnetzwerk gestartet, hatte das ARPANET von Beginn an eine recht egalitäre Struktur, in der alle Beteiligten Informatiker die Ideen anderer kommentieren konnten. Der Prozess wurde durch einen „Request for Comment“ (RFC) eingeleitet, der zunächst per Papier, später per E-Mail zirkulierte. Mit dem RFC 1 vom 7. April 1969 begann Steve Crocker das Verfahren, indem er unter dem Titel „Host Software“ die angedachte Funktionsweise beschrieb, wie ein Host Computer mit dem IMP kommuniziert und ihm zugedachte Nachrichten zusammensetzt. Crocker wurde Leiter der Network Working Group im ARPANET, die sich 1971 bis 1972 daran machte die Funktionsweise der IMPs von BBN als Software-Stack nachzubauen, der direkt in ein Host-Betriebssystem integriert werden kann. Auf diese Weise entstand das Network Control Protocol (NCP), das nach und nach von vielen Hosts übernommen wurde. Es ermöglichte, dass erste Internet-Anwendungen geschrieben werden konnten.

Doch das NCP wurde unter der Prämisse entwickelt, dass die korrekte Übermittlung der Daten durch die IMPs gewährleistet wird, das ARPANET selbst also fehlerfrei ist. Sollte das Netz weiterwachsen und Übergänge zu anderen Netzen ohne IMPs an den Nodes gestatten, musste ein fehlerkorrigierendes Protokoll her. Die größte Diskussionsflut und IT-mäßige Übersetzung besorgte im Jahre 1974 RFC 675, mit dem bis zum Dezember 1974 TCP/IP spezifiziert wurde. Vint Cerf machte sich zusammen mit Ray Tomlinson und Peter Kirstein daran, mit TCP/IP eine Lösung für ein Netz-zu-Netz-Protokoll zu entwerfen, das fehlertolerant ist den Ausfall eines Kommunikationsknoten verkraftet. Innerhalb eines Jahres entwickelten die drei Teams drei Versionen von TCP/IP, die interoperabel waren.

Robert Kahn hatte nach der Demonstration in Großbritannien mit Überlegungen begonnen, wie ein internationales Netzwerk aussehen könnte, das Kontinente überbrückt. Auch mobile Netze zu beweglichen Computern gehörten zu seinen Zukunftsplänen. Ab 1973 finanzierte ARPA den SATNET-Versuch, wobei über einen speziellen Terminal Interface Processor (TIP) eine Satellitenverbindung mit 9,6 kbps zu seinem Gegenstück in Großbritannien aufgebaut wurde und die Daten via Glasfaser zum norwegischen Forschungsnetzwerk NORSAR weitergeleitet wurden. Hier unterhielt die ARPA eine Außenstelle zur Messung von Erdbeben und Atombombenversuchen. Ein weiterer Versuch trug den Namen PRNET, abgeleitet von der Funktechnik Packet Radio. Schließlich war absehbar, dass Computer bald in einen Transporter passen würden und mobil werden.
Die eigentliche Geburtsstunde

Neben der eigentlichen Spezifikation und der Entwicklung von TCP/IP wurde somit der 22. November 1977 zum großen Tag, weil über einen „Mobilcomputer“ in einem Van via PRNET eine Verbindung zum ARPANET hergestellt wurde, die Kommunikation via SATNET nach London wanderte und von dort weiter nach Norwegen. Für viele Techniker wie etwa Vint Cerf war dieses experimentelle Dreier-Netzwerk die eigentliche Geburtsstunde des weltumspannenden Internet. Während die direkt geschickten Kontrolldaten knapp 650 Kilometer reisten, legten die Daten im TCP/IP-Experiment 153.000 Kilometer zurück. Über die Nachricht oder die Datei, die durch drei unterschiedliche Netze wanderte, gibt es keine Angaben. In der Erinnerung von Vint Cerf war es eine Parodie auf die Mondlandung anno 1969, irgendetwas mit kleinen und großen Schritten. Das Experiment erbrachte jedenfalls den Nachweis, das TCP/IP im großen Stil funktioniert.

Die große Umschalte wurde schließlich auf den 1. Januar 1983 gelegt und mit RFC 801 beschrieben. An diesem Tag wurde NCP abgeschaltet und durch TCP/IP ersetzt. Das ARPANET wurde so zum Internet umgestaltet. Wie viele Hostrechner von der Aktion betroffen waren, ist unklar, die Zahlen schwanken zwischen 200 und 400 Hosts. Die beteiligten Systemadministratoren bekamen eine Anstecknadel: I survived the TCP/IP transition. Dass TCP/IP ein großer Erfolg werden würde, war beim großen Switch nicht abzusehen. Neben den Forschern im ARPANET und Milnet, dem militärischen Teil des ARPANETs, gab es erhebliche Anstrengungen von Konzernen wie AT&T, 1983 einen eigenen Paket-Datendienst namens Accunet anzubieten.

AT&T wurde jedoch von der US-amerikanischen Regulierungsbehörde FCC ausgebremst. Sie befand 1985, dass AT&T als Telefonkonzern seine Monopolstellung bei Sprachdiensten unzulässig benutze, um kostengünstig Datendienste anbieten zu können. Ähnlich erfolglos bot IBM sein SNA und Xerox das XNS an. In Europa stieß TCP/IP auf ganz andere Vorbehalte. Universitäten, IT-Firmen und Regierungen forcierten ein „Eurosinet“ auf Basis des OSI-Standards (Open System Interconnection) mit X.400 als Mail-Standard.

Das Internet wird kommerzialisiert

Ab Mitte der 70er Jahre entstanden weitere Netze nach dem Vorbild des ARPANET, zunächst das MFEnet (Magnet Fusion Energy) und das HEPNet (High Energy Physic) des US-amerikanischen Energieministeriums. Die Weltraumbehörde NASA folgte mit SPAN, dem Spaca Analyisis Network, und das CSNET wurde geschaffen um kommerzielle wie akademische Forschung im Bereich der Computer Science zu vernetzen. Während diese Netze für bestimmte Nutzergruppen errichtet wurden und zuvorderst die Anwendungen Telnet und E-Mail bedienten, entwickelte sich ab 1980 ein völlig anderes Konzept, bedingt durch die Integration von TCP/IP in BSD Unix und dem frei verfügbaren AT&T Unix. Das Usenet entstand, basierend auf dem UUCP-Protocol und mit dem von Ira Fuchs und Greydon Freeman entstand das BITNET (Because It’s Time NETwork), das Universitäten aller Art verlinkte und sich nicht an bestimmte Forschergruppen wandte. Die Idee, dass das Netz allen Wissenschaftlern und Studenten auf jedem Campus der westlichen Welt zur Verfügung stehen sollte, wurde 1984 zuerst bei der Konzeption des britischen JANET und 1985 bei der Einrichtung des US-amerikanischen NSFnet formuliert. Bei der National Science Foundation (NSF) als Nachfolgerin der ARPA war die Nutzung von TCP/IP obligatorisch.

Während alle Netze explosionsartig wuchsen, wurde deutlich, dass das Verzeichnis aller verfügbaren Rechner nicht länger als Datei lokal gespeichert werden kann. Paul Mockapetris erfand 1983 das Domain Name System als offenes Adressbuch des Internets. Mit RFC 985 wurde durch die NSF die Technik der Internet Gateways standardisiert. Die NSF veröffentlichte 1985 eine Acceptable Use Policy (AUP), die die Nutzung der großen Backbones für Anwendungen „not in support of Research and Education“ strikt untersagte. Dies sollte privaten Unternehmen ermöglichen, mit eigenen Backbones kommerzielle Netzdienstleistungen zu verkaufen. In einer Serie von NSF-Konferenzen unter dem Titel „Commercialisation and Privatization of the Internet“ wurden Geschäftsmodelle mit interessierten Unternehmen diskutiert. In rascher Folge entstanden kommerzielle Internet-Provider wie PSI oder UUNET, während sich Telefongesellschaften wie MCI zu Providern umbauten.

1988 berief die NSF ein Expertengremium unter Vorsitz von Leonard Kleinrock, das einen Report unter dem Titel Towards a National Research Network veröffentlichte. In dem Papier tauchte erstmals der Begriff „information superhighway“ auf, der unter dem Präsidentschaftskandidaten Al Gore eine rasante Karriere machte – Lickliders Vision von der Informationsgesellschaft wurde langsam Wirklichkeit. Selbst der deutsche DFN-Verein schwärmte in seinen Papers von der „European Data Autobahn“, freilich nach dem OSI-Standard. Als das Expertengremium unter Kleinrock im Jahre 1994 einen weiteren Report unter dem Titel Realizing the Information Future veröffentlichte, empfahl es dem NFS, die Finanzierung der Backbones einzustellen und das Internet kommerziellen Unternehmen zu überlassen. Das geschah im April 1995. Von 1986 bis 1995 hatte die NSF 200 Millionen US-Dollar für die Entwicklung des Netzes ausgegeben.

Endlich normale Sätze!

Wenn die mächtigste Suchmaschine der Welt an ihren Algorithmen schraubt, dann halten Menschen auf der ganzen Welt den Atem an. Verleger und SEO-Experten zum Beispiel, also Menschen, die daran arbeiten, dass die eigenen Inhalte möglichst weit oben in den Trefferlisten der großen Suchmaschinen landen. Eine winzige Änderung der Kriterien, nach denen Google seine Ergebnisse sortiert, kann enorme Auswirkungen auf die Sichtbarkeit – und damit auf die Werbeeinnahmen von Nachrichtenseiten haben. Doch das größte Technologie-Update seit fünf Jahren, das Googles für die Such-Technologie zuständiger Vizepräsident Pandu Nayak jetzt auf Googles offiziellem Blog verspricht, betrifft offenbar weniger aktuelle Nachrichten, als die gewöhnliche Suche nach Informationen: Google soll lernen, Menschen besser zu verstehen.

Nayak zu Folge haben sich Nutzer in den vergangenen Jahren bei Google-Suchen eine Art Spezialsprache antrainiert, die Google-Mitarbeiter „keyword-ese“ genannt haben. Anstatt normale menschliche Sätze zu googlen, reihen Suchende Substantive, Adjektive und Verben im Infinitiv aneinander. „Gluten, schädlich, Gesundheit“ – wäre wohl so ein Beispiel. Zumindest im deutschen Sprachraum ist ein Grund für diese Such-Taktik, dass Fragen wie „Ist Gluten schädlich für die Gesundheit?“ oft nicht zu seriösen Informationen, sondern schnell zu einem Suchergebnis bei „Gutefrage.net“ führen. Das neue Google-Update soll jetzt auch bei normalen Fragen häufiger direkt zu brauchbaren Ergebnissen führen.

Update zunächst nur bei Suchen auf Englisch

Gelingen soll das mit einer Technologie, die Google BERT getauft hat, und die der Konzern vergangenen Herbst zur Open-Source-Technologie gemacht hat, also auch Mitbewerbern zur Verfügung stellt. Im Kern geht es bei BERT darum, dass künstliche Intelligenz lernen soll, normale menschliche Sprache besser zu verstehen. Anstatt die Bedeutung einzelner Wörter zu erfassen, sollen Maschinen mithilfe der Technologie trainiert werden, die Beziehung der Wörter untereinander zu „verstehen“. Als Beispiel nennt Nayak die englische Suchanfrage: „Kann man Medikamente für jemanden abholen, Apotheke“. Spuckte Google bisher allgemeine Regeln für die Abholung vom Arzt verschriebener Medikamente aus, so verstehe die Technologie jetzt die besondere Bedeutung des Satzteils „für jemanden“ und verweise sofort auf eine entsprechende Behördenseite. Eine von zehn Suchanfragen werde durch die neue Technologie verbessert, verspricht Nahak. Außerdem sollen durch die Technologie auch die sogenannten Snippets besser werden, also die kompletten Antworten, die Google direkt auf der Such-Seite anzeigt.

Zunächst soll die Veränderung nur im englischen Sprachraum kommen. Theoretisch, so die Google-Forscher, sollten die Modelle, die durch das Training des Google-Algorithmus im englischen Sprachraum entstehen, auch beim Verständnis anderer Sprachen helfen. Wann das Update auch für den deutschen Sprachraum kommen soll, steht aber noch nicht fest.

Gartner-Analyse: Top-Technologie-Trends für 2020

Welche Tech-Trends werden das kommende Jahr prägen? Dieser Frage hat sich Gartner angenommen. Bei seinem IT-Symposium Xpo 2019 hat das amerikanische Forschungs- und Beratungsunternehmen die zehn wichtigsten strategischen Technologietrends vorgestellt, mit denen sich Unternehmen im Jahr 2020 beschäftigen sollten. Zu den Trends gehören unter anderem Hyper-Automatisierung, Multi-Experience sowie die Demokratisierung von Fachwissen. Wir stellen die Trends im Detail vor.

Seiner Prognose hat Gartner die sogenannten Smart Spaces zugrunde gelegt. „Smart Spaces bauen auf der Idee auf, personenorientiert zu sein. Ein Smart Space ist eine physische Umgebung, in der Menschen und technologiebetriebene Systeme in zunehmend offenen, verbundenen, koordinierten und intelligenten Ökosystemen miteinander interagieren, sagt David Cearley, Vice President und Gartner Fellow. Vielfältige Elemente – wie Menschen, Prozesse, Services und Dinge – kämen in einem Smart Space zusammen und würden eine „eindringlichere, interaktive und automatisierte Erfahrung“ kreieren.

„Wenn wir den Menschen in den Mittelpunkt der Technologiestrategie stellen, wird einer der wichtigsten Aspekte der Technologie hervorgehoben – wie sie sich auf Kunden, Mitarbeiter, Geschäftspartner, die Gesellschaft oder andere Schlüsselgruppen auswirkt. Alle Handlungen der Organisation wirken sich direkt oder indirekt auf diese Personen und Gruppen aus. Das ist ein Ansatz, der sich am Menschen orientiert“, sagt Cearley.

Die Top 10 der strategischen Technologie-Trends für 2020

  1. Hyper-Automatisierung
    Hierbei handelt es sich um die Kombination von multiplem Machine Learning, Software-Paketen und Automatisierungs-Tools für Arbeitsprozesse. Hyper-Automatisierung bezieht sich nicht nur auf den Umfang der Palette an Werkzeugen, sondern auch auf alle einzelnen Automatisierungsschritte (entdecken, analysieren, entwerfen, automatisieren, messen, abbilden und erneut überprüfen). Die Bandbreite von Automatisierungsmechanismen zu erfassen – wie sie zueinander in Beziehung stehen, wie sie kombiniert und koordiniert werden können – ist ein Hauptfokus von Hyper-Automatisierung. Ausgelöst wurde dieser Trend von der Roboter-Prozessautomatisierung (RPA). Hyper-Automatisierung braucht eine Kombination von Werkzeugen, die dabei helfen, menschliches Zutun bei einer Aufgabe nachzubilden.
  2. Multi-Experience
    Bis 2028 wird die User Experience eine signifikante Veränderung dahingehend erleben, wie Nutzer die digitale Welt wahrnehmen und mit ihr interagieren: Soziale Plattformen definieren hierbei die Art, wie Menschen mit der digitalen Welt interagieren. Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und Mixed Reality (MR) verändern hingegen die Art, wie Menschen die digitale Welt wahrnehmen. Aus der Kombination beider Veränderungen entsteht die künftige multisensorische und multimodale Erfahrung. „Das Modell wird sich von technologiegebildeten Menschen zu menschengebildeten Technologien verschieben. Die Last, Intentionen zu übersetzen, wird vom Nutzer auf den Computer übergehen“, sagt Brian Burke, Vice President in der Forschung bei Gartner.
  3. Demokratisierung von Fachwissen
    Demokratisierung ist darauf ausgerichtet, Menschen den Zugang zu technischer Expertise (wie Machine Learning und Anwendungsentwicklung) oder Geschäftsbereichs-Expertise (wie den Verkaufsprozess und die ökonomische Analyse) zu ermöglichen – durch eine radikal vereinfachte Erfahrung und ohne umfangreiches oder teures Training erforderlich zu machen. Gartner geht davon aus, dass sich bis 2023 vier Schlüsselaspekte des Demokratisierungstrends beschleunigen werden: die Demokratisierung von Daten und Analytik, die Demokratisierung von Entwicklung, die Demokratisierung von Design und die Demokratisierung von Wissen.
  4. Menschliche Steigerung
    Dieses Feld untersucht, wie Technologie genutzt werden kann, um kognitive und physische Verbesserungen als wesentlichen Teil der menschlichen Erfahrung freizusetzen. Physische Steigerung entwickelt Menschen weiter, indem deren naturgegebenen physischen Fähigkeiten durch die Implantierung oder das Tragen eines Tech Devices im oder am Körper verändert werden. Kognitive Steigerung kann erreicht werden durch den Zugang zu Informationen und das Ausschöpfen von Anwendungen für traditionelle Computersysteme, indem die daraus hervorgehende Multi-Experince-Verbindung in Smart Spaces übertragen wird. Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden erhöhte Level von physischer und kognitiver Steigerung beim Menschen vorherrschend sein, da Individuen stets persönliche Erweiterung anstreben, prophezeit Gartner.
  5. Transparenz und Nachverfolgbarkeit
    Verbraucher sind sich zunehmend darüber bewusst, dass ihre persönlichen Informationen wertvoll sind und verlangen nach Kontrolle. Organisationen erkennen das steigende Risiko der Sicherung und des Managements von persönlichen Daten, während Regierungen strikte Gesetzgebungen einführen, um sicherzustellen, dass Organisationen mit Daten verantwortungsvoll umgehen. Transparenz und Rückverfolgbarkeit sind entscheidende Elemente, die die digitalen Ethikansprüche und das Bedürfnis nach Privatheit unterstützen. Sie beziehen sich auf eine Bandbreite an Einstellungen, Handlungen und unterstützende Technologien sowie Praktiken, die alle entworfen wurden, um Regulierungsanforderungen gerecht zu werden, einen ethischen Ansatz in Bezug auf Künstliche Intelligenz und andere Zukunftstechnologien zu bewahren und den wachsenden Vertrauensverlust in Unternehmen aufzufangen.
  6. „The Empowered Edge“
    Edge computing ist eine EDV-Struktur, in der Informationsverarbeitung und Inhaltssammlung sowie -ausspielung näher an die Quellen, Speicher und Konsumenten der Information herangebracht werden. Das System versucht, den Datenstrom und die -verarbeitung an einem Ort zu halten, um die Wartezeit zu reduzieren, die Möglichkeiten des Edge-Verfahrens auszuschöpfen und größere Autonomie zu gewährleisten. Burke sagt hierzu: „Edge computing wird ein dominierender Faktor in quasi allen Industrien und Anwendungsbereichen werden.“ Komplexe Edge Devices wie Roboter, Dronen, autonome Fahrzeuge und Operationssysteme werden seiner Meinung nach diese Entwicklung beschleunigen.
  7. Dezentralisierte Cloud
    Damit ist die Verteilung von öffentlichen Cloud-Services auf verschiedene Orte gemeint, während der ursprüngliche Provider der öffentlichen Cloud Verantwortung für die Durchführung und Steuerung übernimmt sowie für Updates und Entwicklung von Services. Dies repräsentiert eine signifikante Verschiebung weg vom zentralisierten Modell der meisten öffentlichen Cloud-Services und wird laut Gartner zu einer neuen Ära der Cloud-EDV führen.
  8. Autonome Dinge
    Gemeint sind Geräte, die mittels Künstlicher Intelligenz Funktionen automatisieren, die bislang von Menschen ausgeführt wurden. Die am besten erkennbaren Formen von autonomen Dingen sind Roboter, Drohnen, autonome Fahrzeuge und Geräte. Ihre Automatisierung geht über jene von starren Programmierungsmodellen hinaus und sie nutzen KI, um fortgeschrittene Verhaltensweisen freizusetzen, die in natürlicher Weise mit ihrer Umgebung und mit Menschen interagieren. Da die Möglichkeiten von Technologie sich verbessern und auch dank Regulierung sowie steigender sozialer Akzeptanz werden autonome Dinge zunehmend in unkontrollierten öffentlichen Plätzen eingesetzt werden, so die Gartner-Prognose.
  9. Angewandtes Blockchain
    Blockchain hat das Potenzial, Industrien umzuformen, indem über Unternehmens-Ökosysteme Vertrauen generiert, Transparenz bereitgestellt und Werteaustausch ermöglicht wird. Potentiell werden dadurch Kosten gesenkt, die Zeit für Transaktionseinigungen reduziert und der Cash Flow verbessert. Güter können zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden, was die Möglichkeiten zur Substitution mit gefälschten Waren signifikant reduziert. Die Nachverfolgung von Gütern ist auch in anderen Bereichen von Wert, wie bei Lebensmitteln, deren Produktionskette leichter rückverfolgt werden kann, um beispielsweise den Ursprung einer Verunreinigung auszumachen oder einzelne Teile zu tracken, im Zuge von Rückrufaktionen. Auch beim Identitätsmanagement hat Blockchain Potenzial. Smart Contracts können in ein Blockchain programmiert werden, wo bestimmte Ereignisse bestimmte Handlungen hervorrufen. Zum Beispiel wird eine Zahlung freigegeben, wenn eine Ware erhalten wurde.
  10. Die Sicherheit Künstlicher Intelligenz
    KI und Meachine Learning werden fortschreitend dafür genutzt werden, menschliche Entscheidungen in verschiedensten Anwendungsbereichen zu verbessern. Während dies einerseits tolle Möglichkeiten schafft, um Hyper-Automatisierung zu ermöglichen und autonome Dinge wirksam einzusetzen, wird der Fortschritt andererseits erhebliche neue Herausforderungen für Sicherheitsteams und Risikoführer mit sich bringen – durch eine massive Zunahme von potentiellen Angriffspunkten für das Internet der Dinge (IoT), für Cloud-EDV-Systeme sowie für Mikroservices und komplex vernetzte Systeme in Smart Spaces. Nach Einschätzung von Gartner sollten Sicherheits- und Risikoführer sich auf drei Kernbereiche fokussieren: KI-betriebene Systeme zu schützen, KI zum Schutz von Abwehrmechanismen einzusetzen und den Missbrauch von KI durch Angreifer vorherzusehen.

Die Politik der digitalen Intimität – wie Instagram die politische Kommunikation fundamental verändert

Live-Streams, Sticker und Elizabeth Warren beim Biertrinken. Die Politik hat Instagram für sich entdeckt. Warum immer mehr Politiker die Plattform nutzen – und welche Folgen dies für die politische Kommunikation hat.

«Es gibt kein Geheimrezept. Du musst einfach nur gut darin sein, Dinge zu erledigen», sagt die junge Frau in die Kamera ihres Handys, während sie in einer Küche steht und Mac’n’Cheese zubereitet. Im Hintergrund läuft Musik, und immer wieder bricht sie in spontane Tanzbewegungen aus, während ein Gewitter an verschiedenen Emojis und Kommentaren über ihren Bildschirm zieht.
Es ist der 9. November 2018. Bei der jungen Frau handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Influencerin, die mit ihren Followern kommuniziert, sondern um die 29-jährige Alexandria Ocasio-Cortez. Nur drei Tage zuvor hat sie die Wahl zur demokratischen Kongressabgeordneten von New Yorks 14. Distrikt haushoch gewonnen. Jetzt aber beantwortet sie so gelassen Fragen zu ihrer Politik und zum Rezept, als ob man bei einer Dose Bier mit ihr im Raum stünde.

Fast trügt die Lässigkeit über die Tatsache hinweg, dass zu diesem Zeitpunkt fast jeder in den USA ihren Namen kennt. Das hat die New Yorkerin nicht nur ihrem spektakulären Underdog-Wahlkampf zu verdanken, sondern auch ihrer Art, mit Unterstützern und Wählern zu kommunizieren. Wenn Donald Trump der erste wahre Twitter-Politiker ist, dann ist Ocasio-Cortez unangefochten die erste Instagram-Politikerin der Welt.

Vom Rednerpult zur digitalen Plattform

Die Politik hat Instagram für sich entdeckt und mit ihr eine neue Form der Intimität – und das wird Folgen haben für die Art und Weise, wie Politiker sich zukünftig präsentieren und mit der Öffentlichkeit in Kontakt treten.

Für viele jüngere Menschen hat es Facebook als Plattform der Wahl längst abgelöst. Die Nutzung von Instagram hat sich weltweit seit 2015 etwa verdoppelt. Facebook und Twitter stagnierten im Vergleich. Kein Wunder also, dass sich auch die Politik zunehmend für die Plattform interessiert und viele auf den fahrenden Zug aufspringen wollen.

Dass eine wahre Goldgräberstimmung herrscht, bestätigt auch Erik Bucy, Professor für politische Kommunikation an der Texas Tech University. «Politiker werden sich zunehmend bewusst, dass die Wähler nicht bereit sind, Zeit in die Suche nach relevanten Informationen über ihre Politik zu investieren, also versuchen sie, die Menschen auf den Plattformen zu erreichen, die jene bereits für andere Zwecke nutzen.»

Besonders in den USA ist dieser Trend derzeit gut sichtbar. Vor den Präsidentschaftswahlen 2020 hoffen viele Kandidaten darauf, so besonders bei der jüngeren Wählerschaft zu punkten. Im Wettrennen um die demokratische Nominierung sah man jüngst Elizabeth Warren bei einem Bier von ihrer heimischen Küche aus mit Fans plaudern, während im Hintergrund ihr Mann durchs Bild huschte. Auch Golden Retriever Bailey darf wiederholt auf dem Kanal der Senatorin auftreten (Hunde gehen immer). Der Texaner Beto O’Rourke wiederum sendete nicht lange vor Bekanntgabe seiner Präsidentschaftskandidatur über Instagram Botschaften von seinem Zahnarztbesuch. So kann Nähe zur Basis eben auch aussehen.

Digitale Intimität als Schlüssel zum Erfolg?

Intimität und Authentizität, oder zumindest der Eindruck davon, sind auf Instagram oft der Schlüssel zum Erfolg. Die Plattform eignet sich hervorragend, um sich als öffentliche Person zu präsentieren, deren Privatleben von anderen gewissermassen «konsumiert» werden kann.

Influencer interagieren mit ihren Followern, als ob sie gute Freunde wären. Scheinbar persönliche Momente werden geteilt und besprochen, die Fans dürfen hinter die Kulissen blicken – oder werden zumindest in dem Glauben gelassen. Diese strategische Intimität, wie die Medienwissenschafterin Alice Marwick argumentiert, wird von Influencern oft eingesetzt, um besser anzukommen und die eigene Beliebtheit zu steigern. Wen überrascht es da, dass auch Politiker auf diesen Trichter gekommen sind?

Doch was bei O’Rourke und Warren zum Teil arg gestelzt wirkt, kommt bei jemandem wie Ocasio-Cortez natürlich rüber. Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern hat sie den einzigartigen Kommunikationsstil Instagrams vollends übernommen. Während bei Kollegen oft die Mitarbeiter posten und Bilder von professionellen Fotografen aufgenommen werden, nimmt das jüngste Mitglied des Kongresses die Dinge noch gerne selber in die Hand.

Wie kaum jemand nutzt sie die Unmittelbarkeit und Vergänglichkeit von Live-Chats und «stories», um Intimität und Authentizität zu erzeugen und so ihr Unterstützernetzwerk zu erweitern. Unverblümt und oft mit einem Augenzwinkern zeigt sie auf Instagram den Alltag im amerikanischen Kongress und wie es sich anfühlt, als Newcomer in Washington unterwegs zu sein.

Ihre Anhänger bekommen so das Gefühl, sie würden in ihr Leben eingeladen. Der Erfolg gibt der jungen Abgeordneten recht. Instagram hat es Ocasio-Cortez erlaubt, sich ihre eigene loyale Zuhörerschaft zu schaffen und so die Maschinerie der Demokratischen Partei und der Fernsehsender zu umgehen – die deswegen nur umso mehr an ihr interessiert sind.

Ob das alles real und «wirklich authentisch» ist, mag dabei als Frage spannend sein, ist aber als Kritik wenig hilfreich. Natürlich bestimmt Ocasio-Cortez am Ende grösstenteils die Regeln der parasozialen Interaktion mit ihren Fans. Der freie Fluss der Unterhaltung ist zu einem gewissen Grad eine Illusion. Sie entscheidet, wen sie ignoriert und wem sie antwortet, wie lange ein Live-Stream andauert und was sie in ihren Bildern und Videos (nicht) zeigt.

Bei jeder Form von Kommunikation mit anderen handelt es sich um eine Performance, bei der wir je nach (imaginiertem) Publikum verschiedene Aspekte herauskehren – auch wenn wir im Kern wir selber bleiben. Aus anthropologischer Perspektive sind alle Aspekte unserer Identität und Kommunikation intrinsisch vermittelt durch kulturelle und soziale Normen. Es gibt kein wahrhaft «authentisches Ausserhalb» – weder auf Instagram noch mit Freunden im Café an der Ecke.

Was ist für die Demokratie drin?

Im Wesentlichen handelt es sich auch bei der zunehmenden Beliebtheit von Instagram unter Politikern nur um eine weitere Stufe in der natürlichen Entwicklung der politischen Kommunikation vom Rednerpult zu neuen Technologien wie dem Smartphone. Politiker, die solche Entwicklungen meistern, haben einen Vorteil gegenüber Gegnern, die diese nicht zu schätzen wissen.

Ob der Wandel gut für die Demokratie ist, lässt sich gegenwärtig nur schwer beantworten. Etwas wird anders sein, so viel steht fest. Der neue diskursive Stil dürfte zum einen Menschen näher an die Politik heranbringen und Politiker menschlicher machen – mit positiver Wirkung für beide Seiten.

Auch Becca Lewis, die in Stanford und am Data & Society Institute in New York forscht, sieht diese Möglichkeit, ist jedoch skeptisch: «Instagram birgt sowohl das Potenzial für positives politisches Engagement als auch für schädliche Manipulationen. Positiv ist, dass es Politikern helfen kann, näher an die Wähler zu rücken. Vor allem durch die Story-Funktion können sie ausführlich über die Politik sprechen, die ihnen wichtig ist. Auf der anderen Seite können Plattformen wie Instagram Charisma- und Geltungsdrang über einen echten politischen Dialog stellen. Und sie können bestimmten Akteuren helfen, Desinformationen zu verbreiten sowie extremistisches Gedankengut und radikale Figuren durch Influencer-Taktiken zu normalisieren.»

Erik Bucy zweifelt ebenfalls. «Soziale Netzwerke wie Instagram ermöglichen es den Kandidaten auch, intensive politische Diskussionen zu vermeiden und sich selber eine grössere Attraktivität zu verleihen. Obwohl interaktiver und scheinbar authentischer, umgehen diese neuen Formen der Wähleransprache die traditionellen Medien und verringern die Rolle der Journalisten als öffentliche Wächter und Vermittler. In gewisser Weise stellt diese Verlagerung auf soziale Kommunikationsformen eine größere Schwierigkeit für den Einzelnen bei der Bewertung und Beurteilung von Kandidaten dar, obwohl dies wahrscheinlich nicht so gesehen wird.»

Am Ende ist aber auch Instagram nur das neueste Beispiel einer Individualisierungstendenz in der Politik, befeuert durch neue Technologien. Für diejenigen, die sich in den sozialen Netzwerken wie ein Fisch im Wasser bewegen, ist es ein Glücksfall, erlauben diese ihnen doch im Zweifelsfall auch außerhalb der etablierten Parteistrukturen den politischen Aufstieg.

Gut möglich, dass in diesem Prozess auch einige auf der Strecke bleiben und eine ständig wachsende Ungleichheit zwischen Politikern entsteht. Immerhin: Die naive Vorstellung von einst, dass durch soziale Netzwerke nur demokratische Kräfte profitierten, ist im öffentlichen Diskurs mittlerweile ad acta gelegt worden. Nicht nur die Ocasio-Cortez dieser Welt können Social Media, sondern eben auch die Bolsonaros, Trumps und Dutertes. Es gibt wissenschaftliche Hinweise darauf, dass sie sogar überproportional stark davon profitieren.

In Zukunft werden mehr Politiker aller Couleur das volle Spektrum von Instagram nutzen, um sich selber zu promoten und sich zu propagieren. Visuelle Kommunikation ist bereits jetzt ein politisches Schlachtfeld. Und der Kampf um die Präsenzhoheit hat gerade erst begonnen.

Facebook soll neuen Nachrichten-Tab starten

Facebook plant den Launch eines speziellen Tabs namens „News“, über den die Nutzer Zugriff auf Nachrichten von Hunderten von Nachrichtenorganisationen haben sollen. Das berichtet die Washington Post. Nach dem bisherigen Fokus auf den Austausch privater Beiträge würde Facebook mit einer eigenen News-Kategorie in die Nachrichtenbranche zurückkehren – wo vor allem Google aber auch Twitter bisher die Platzhirsche sind.

Eine offizielle Bestätigung der Pläne gibt es bisher nicht. CEO Mark Zuckerberg hatte jedoch im Rahmen seiner Befragung vor dem US-amerikanischen House Committee on Financial Services erste Hinweise auf einen verstärkten News-Fokus durchblicken lassen. So sagte Zuckerberg, Facebooks Dienste hätten die Möglichkeit, innerhalb des Netzwerks einen Platz wie einen Tab zu bieten, wo die Nutzer auf kuratierten Qualitätsjournalismus zugreifen könnten.

Kampf gegen Fake News

Die Einrichtung einer eigenen News-Kategorie dürfte wohl auch mit Facebooks Bemühungen zusammenhängen, der Verbreitung von Falschnachrichten etwas entgegenzusetzen. Bereits im Sommer 2019 war bekannt geworden, dass sich das Netzwerk mit verschiedenen Nachrichtenplattformen wie der Tageszeitung Washington Post, dem Sender ABC News oder der Nachrichtenagentur Bloomberg in Lizenzverhandlungen für die Einblendung ihrer Inhalte befinde.

Was der Quantencomputer-Durchbruch bedeutet

Es gab bis vor Kurzem nur wenige Menschen, die das Prinzip des Quantencomputers erklären konnten. Was vor allem damit zu tun hat, dass diese Maschinen auf der Funktion von subatomaren Partikeln beruhen, die sich nicht an die gewohnten Naturgesetze halten. Tatsachen wie, dass zwei solcher Partikel auch von entgegengesetzten Enden des Universums zusammenwirken können, oder dass ein sogenanntes Qubit bei einem Rechenvorgang alle Möglichkeiten der Resultate gleichzeitig beinhaltet, entziehen sich zunächst einmal der menschlichen Logik.

Die Quantenphysikerin Shohini Ghose von der kanadischen Wilfrid Laurier University gehörte zu ihnen. Sie zeigt in Workshops mithilfe von mehrfarbigen Schokolinsen in Plastikdöschen, wie man mit Quantencomputern in der Zukunft Daten so verschlüsseln kann, dass niemand jemals den Code knacken kann. Oder sie führt mit einem schlichten Münzwerfspielchen vor, dass zwischen Mensch und Maschine bei herkömmlichen Computern noch Chancengleichheit besteht. Sobald ein Mensch aber gegen einen Quantencomputer antritt, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch gewinnen kann, auf theoretisch null. Was einiges erklärt und vor allem eine Ahnung davon gibt, was „Quantum Supremacy“ (Quantenüberlegenheit) bedeuten könnte. Der Professor für theoretische Physik John Preskill hatte sich diesen Begriff vor sieben Jahren ausgedacht. Er meinte damit den Punkt, an dem ein Quantencomputer Dinge tun kann, die kein normaler Computer schafft.

Genau diese Quantenüberlegenheit beansprucht nun der Digitalkonzern Google mit seinem Sycamore-Prozessor für sich. Und damit auch den historischen Beginn eines neuen Technologiezeitalters. Da spielt es kaum eine Rolle, dass das Konkurrenzunternehmen IBM schon vorgerechnet hat, dass die Behauptung gar nicht stimme, Sycamore habe in dreieinhalb Minuten einen Rechenvorgang ausgeführt, für den der IBM-Supercomputer 10 000 Jahre brauche. Es seien nur zweieinhalb Tage.

Wenn die Quantensatelliten kreisen

Das war nur ein Schlagabtausch unter Konkurrenten. Denn die Entwicklung von Quantencomputern ist ein Wettforschen, bei dem Alt gegen Jung angetreten ist (IBM gegen Google), West gegen Ost (Amerika gegen China). Viel relevanter ist die zwei Jahre alte Meldung, China entwickle schon ein Quanten-Internet, habe schon Quantenspeicher und einen Quantensatelliten im Einsatz. Denn da geht es nicht um Anwendungen, bei denen Quantencomputer in Zukunft einmal zum Wohle der Menschheit zum Einsatz kommen.

Das wird zum Beispiel die Möglichkeit sein, Medikamente zu entwickeln, die ganz auf den einzelnen Patienten abgestimmt sind. Oder Materialien, die ganz anders beschaffen sind als alles, was es bisher gab. Ein Quanten-Internet hätte für den Normalnutzer kaum merkbare Vorteile. Es wäre aber so etwas wie eine uneinnehmbare digitale Festung und dann auch ein digitaler Rammbock. Da kommt das dritte Anwendungsfeld der Quantentechnologie ins Spiel, die Sicherheit. Und die macht aus dem Wettforschen auch ein Wettrüsten.

Noch ist es viel zu früh für die Frage, mit der Sicherheitsfirmen schon werben: „Wie können Sie Ihr Unternehmen vor Angriffen mit Quantencomputern schützen?“ Denn wenig schadet der Debatte über eine neue Technologie so sehr wie halbinformierte Angst. Oder aber blinde Fortschrittsbegeisterung. Das konnte man in den vergangenen zwanzig Jahren am Verlauf der Digitalisierung beobachten. In den USA hat die Euphorie zu einer Entfesselung der digitalen Technologien und Konzerne geführt. In Europa zu einer Zögerlichkeit, die den Kontinent weitgehend abgehängt hat.

Quantencomputer werden bis auf weiteres kein Konsumprodukt sein

Wenn nun Googles Sensationsheischen aber dazu führt, dass erst einmal Journalisten lernen, so etwas Abstraktes wie die Quantentechnologie zu erklären, gibt es die Hoffnung, dass sich die Zivilgesellschaft frühzeitig mit diesem Thema beschäftigt, das langfristig gewaltige Auswirkungen haben könnte. Gerade weil Quantencomputer bis auf Weiteres kein Konsumprodukt sein werden. Das erlaubt die Technik nicht. Mal davon abgesehen, dass die komplizierten Rechenvorgänge, die Quantencomputer bewältigen, keine Alltagsfunktion haben. Doch erste Start-ups gibt es schon, die ( noch nicht ganz so überlegene) Quantencomputer für die Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) nutzen, also für Computer, die eigenständig lernen und dann Entscheidungen fällen können. Und im Gegensatz zum Quantenrechnen ist KI längst Teil des Alltags, auch wenn sie nicht immer so genannt wird.

Wie wichtig es aber ist, dass Zivilgesellschaften früh und vernünftig über wissenschaftliche Entwicklungen diskutieren, zeigen auch die beiden entscheidenden Debatten des 20. Jahrhunderts. Über Atomenergie wurde viel zu spät, über Biotechnologie rechtzeitig diskutiert. Ersteres führte zu Katastrophen – Zweiteres zu meist sinnvollen Fortschritten.

Mit einem neuen Album feiert Asterix 60. Geburtstag

Asterix ist nicht irgendein Comic-Heftchen. Die Geschichten aus Gallien gelten als die kommerziell erfolgreichste Comic-Reihe der Welt, vom japanischen Manga-Markt einmal abgesehen. 380 Millionen verkaufte Alben seit 1959, Übersetzungen in 111 Sprachen und Dialekte und ein gutes Dutzend Filme, die auf den Asterix-Alben basieren. Das muss erst einmal jemand nachmachen.

Vor 60 Jahren entwickelten René Goscinny und Albert Uderzo die Idee zu Asterix und veröffentlichten in 15 Jahren zwei Dutzend Bände. Dann die Zäsur. 1977 stirbt Goscinny unerwartet bei einem Belastungs-EKG. Uderzo, heute 82 Jahre, versucht nach dem Tod seines Kompagnons zunächst, die Reihe allein weiterzuführen und arbeitet dann mit Assistenten weiter. Doch die Kritiker zerfleischen den greis gewordenen Zeichner immer wieder.

„Gallien in Gefahr“, einer der letzten Uderzo-Bände, verkaufte sich zwar sehr ordentlich, gilt bei Liebhabern der Reihe aber bis heute als umstritten, weil er wenig von den alten Asterix-Abenteuern hat. An einer Stelle tauchen sogar Aliens auf.

Kurze Zeit später zieht sich Uderzo erst aus der Vermarktung zurück und legt wenige Jahre später seinen Zeichenstift komplett nieder. „Er hatte sich praktisch die Hand kaputtgezeichnet“, sagt Zeichner Conrad über seinen Vorgänger.

Und Ferri erinnert sich: „Eigentlich dachte ich: ‚Eine Fortsetzung von Asterix? – Das geht doch gar nicht!‘“ Aber um sich nicht lächerlich zu machen, habe er dann doch noch „eine kleine Idee“ beim Verlag eingereicht – „reine Höflichkeit“, wie der Autor beteuert.

Uderzo wittert Potenzial – auch wenn er sich mit überschwänglichem Feedback an seine Nachfolger zurückhält. Heute sei der Austausch da, wenn auch selten. „Man hat schon damals gemerkt, dass er sich zurückziehen will“, erinnert sich Ferri.

Wie in jedem Familienunternehmen üblich, gibt es auch im Asterix-Kosmos einen Nachlassverwalter – oder genauer gesagt, eine Verwalterin. Es ist Anne Goscinny, die einzige Tochter des Asterix-Schöpfers. Zusammen mit Urvater Uderzo kann die 51-Jährige bei jedem neuen Asterix-Band den Daumen heben oder senken. Der Verlag versorgt die beiden mit Exposés, gibt Zeichnungen weiter und räumt Möglichkeiten zum Widerspruch ein.

Eine Hommage an Greta Thunberg?
„Das sind aber nie große Eingriffe“, wie Texter Ferri erklärt. In den ersten zwei Conrad/Ferri-Bänden seien Anne Goscinny etwa zu viele Fußnoten platziert gewesen. „Das haben wir dann geändert.“

Ansonsten stehe man „nicht im Wettbewerb mit Madame Goscinny und Monsieur Uderzo“, so Ferri. Letztens habe Goscinny das Macherduo sogar zum Essen eingeladen. Man habe gut gesprochen.

Und in einem Interview zum neuesten Band sagte die sonst medienscheue Goscinny-Erbin, dass sie die 44 Seiten „als wahre Hommage an all jene Geschichten empfinde, die mein Vater und Albert Uderzo gemeinsam erschaffen haben“. Klingt tatsächlich mehr nach Abnicken als Absägen.

„Die Tochter des Vercingetorix“ ist nun der 38. Band der von Goscinny und Uderzo geschaffenen Reihe – und der vierte, den Conrad und Ferri gestaltet haben. Fünf Millionen Exemplare beträgt die Erstauflage, davon 1,6 Millionen allein hierzulande. „Damit ist Deutschland nach Frankreich direkt der wichtigste Markt für Asterix“, sagt Wolf Stegmaier, Redaktionsleiter bei Egmont Comic Collection, jenem Verlag, der Asterix auf Deutsch herausbringt.

Wie schafft man es bei einer so alten Serie, nach so langer Zeit immer noch etwas Neues zu finden, Messieurs? Die Antwort stecke doch schon in der Frage, sagt Zeichner Conrad. „Die meisten Asterix-Bände sind in den 60er-Jahren entstanden. Das ist jetzt ein halbes Jahrhundert her. Die Gesellschaft hat sich seitdem stark weiterentwickelt“ – und so könne auch Asterix heute Themen aufgreifen, die damals gar nicht existierten.

Im aktuellen Band steht die pubertierende Tochter des Vercingetorix, Adrenaline, im Mittelpunkt. Wegen ihrer rebellischen Art haben erste Vorableser schon geunkt, dass die neue Heldin mit den markanten roten Zöpfen der Klimaaktivistin Greta Thunberg nachempfunden sein dürfte.

Stimmt das? „Alles reiner Zufall“, beschwichtigt Ferri. Die Geschichte war fertig, weit bevor Greta Thunberg im medialen Scheinwerferlicht stand. Aber so sei es nun einmal mit Comics: „Die Leute interpretieren immer Aktuelles in die Geschichten hinein.“

Dabei haben Ferri und Conrad in der Vergangenheit durchaus beabsichtigt, politische Bezüge in ihren Storys eingewebt. So ist etwa die Figur Polemix im 36. Band „Der Papyrus des Cäsar“ Wikileaks-Gründer Julian Assange gewidmet. Was nicht heiße, dass Asterix für eine bestimmte politische Richtung stehe.

Denn das würde dem Wertekonzept der Urväter widersprechen. „Wenn Politik bei Asterix vorkommt, dann nur in einem sehr allgemeinen, globalen Zusammenhang“, so Autor Ferri.

In diesem Jahr sind übrigens nicht nur Asterix und Obelix 60 geworden, sondern auch Ferri und Conrad. Ob es noch in 60 Jahren neue Abenteuer der Gallier geben wird? „Wir bilden unsere Kinder dafür aus“, witzelt Ferri. Wie in einem richtigen Familienunternehmen eben.

Gewinneinbruch bei Amazon verschreckt die Wall Street

Jeff Bezos ist seit 24.10. nicht mehr der reichste Mensch der Welt. Ein schwerer Kurssturz bei Amazon kostete ihn den Titel, Erholung ist nicht in Sicht.

Amazon-Gründer und Vorstandschef Jeff Bezos hat immer wieder betont, er werde in die langfristige Zukunft von Amazon investieren, auch wenn es kurzfristig wehtun sollte – Investoren eingeschlossen. Seit April arbeitet der Weltmarktführer im Onlinehandel und größte Cloudcomputing-Anbieter der Welt an der Strategie, so vielen seiner zahlenden Prime-Kunden wie möglich die Lieferung der bestellten Ware schon am Folgetag zu ermöglichen. Dafür investiert das Unternehmen Milliarden in Logistik, Warenhäuser, Frachtflugzeuge, Prozessoptimierung und Mitarbeiter.

Nun hat Bezos die Rechnung dafür präsentiert. Eine Rechnung, die der Wall Street deutlich übler aufgestoßen ist als erwartet. Nach der Veröffentlichung der Zahlen zum dritten Quartal 2019 brach der Aktienkurs nachbörslich zeitweilig um mehr als neun Prozent ein. Zuletzt lag er um gut sechs Prozent niedriger bei 1660 Dollar. Die Aktionäre verloren in der Spitze bis zu 80 Milliarden Dollar Börsenkapitalisierung.

Während der Umsatzanstieg mit plus 24 Prozent auf 70 Milliarden Dollar noch den Erwartungen entsprach, verhagelten die Kosten zur Umrüstung der Liefer- und Lagerstrukturen den Nettogewinn. Dazu kam ein unerwartetes Problem: Die Cloudcomputing-Tochter AWS, die mehr als 66 Prozent zum operativen Gewinn des Konzerns beisteuert, zeigte ein weiter verlangsamtes Wachstum. Ein Problem, das am Vortag bereits Konkurrent Microsoft getroffen hatte, aber AWS erwischte es noch härter.

Der Nettogewinn von Amazon sank im Quartal auf 2,13 Milliarden Dollar. Im Vorjahr waren es noch 2,88 Milliarden Dollar. Es ist das erste Mal seit Anfang 2017, dass der Nettogewinn im Jahresvergleich der Quartale zurückgeht.

Für das laufende vierte Quartal – Weihnachtszeit eingeschlossen, in dem der Handel einen Großteil von Umsatz und Gewinn erzielt – wird nur noch mit einem operativen Gewinn von 1,2 bis 2,9 Milliarden Dollar gerechnet. Die Zeiten, in denen der Nettogewinn sich wieder der Nulllinie nähern könnte, hatten die Anleger eigentlich schon vergessen. Jetzt sind sie zurück.

Das Weihnachtsquartal wird nach Prognosen des Konzerns auch nicht mehr so kräftig den Umsatz steigern wie früher. Er wird auf 80 bis 86,5 Milliarden Dollar geschätzt. Das träfe im besten Fall nicht einmal die Schätzungen der Wertpapierexperten, die die Messlatte auf 87 Milliarden Dollar legen wollten.
Rückschläge beirren Bezos nicht

Wie sehr der Totalumbau im Handelssystem das Ergebnis belastet hat, zeigen zwei weitere Zahlen. Im dritten Quartal stiegen die operativen Ausgaben um 26 Prozent auf 66 Milliarden Dollar, so stark wie seit einem Jahr nicht mehr. Die Versandkosten schossen um 46 Prozent auf 9,6 Milliarden Dollar in die Höhe.

Finanzvorstand Brian Olsavsky machte im Analystengespräch zudem klar, dass das nicht die einzige Baustelle im Unternehmen ist. Weiterhin wird mit Hochdruck in die hochprofitable Cloud-Tochter AWS investiert, teure Rechenzentren werden gebaut oder gemietet, es wird in Marketing und Vertrieb für das Hardwaregeschäft und die Videotochter Prime investiert. Die Zahl der Voll- und Teilzeitkräfte weltweit stieg im Jahresvergleich um 22 Prozent auf rund 750.000.

Der Umsatz bei AWS, die Cloud-Infrastruktur und -Services an Firmen verkauft, kletterte zwar weiter um 35 Prozent auf knapp neun Milliarden Dollar. Doch das lag unter den Prognosen von 9,19 Milliarden Dollar. Microsoft hatte am Vortag ein Umsatzplus von 59 Prozent für sein Konkurrenzangebot Azure bekannt gegeben. Die Nummer zwei im Markt holt also immer weiter auf und auch Google zeigt hier aggressives Wachstum. Der Amazon-Konkurrent will am 28. Oktober seine Quartalszahlen präsentieren.

Doch die aktuellen Rückschläge beirren Jeff Bezos nicht. „Die Kunden lieben die Umstellung von Zwei-Tages-Lieferung auf Lieferung am nächsten Tag.“ Es seien bereits Milliarden von Produkten mit kostenloser Lieferung am Folgetag geordert worden. „Es ist ein gigantisches Investment und es ist aus Kundensicht langfristig genau die richtige Entscheidung.“ Die Prime-Kunden zahlen eine einmalige Jahresgebühr und damit sind alle Liefergebühren abgegolten.

Zumindest eines kann man Jeff Bezos dabei nicht vorwerfen: Er lässt nicht nur andere bezahlen für das, was er zu verantworten hat, sondern trägt auch persönlich die Konsequenzen. Laut dem Milliardärs-Index von Bloomberg lag sein Buchvermögen am Donnerstagabend, auf dem Tiefststand der Amazon-Aktie, um fünf Milliarden Dollar unter dem von Microsoft-Mitgründer Bill Gates, der damit wieder an der Spitze liegt. Doch Jeff Bezos setzt auf eine langfristig orientierte Strategie.

Wie Europa gegen Facebook und Google kontern könnte

„Es ist unverzichtbar, dass sich Europa seine Souveränität auch im Digitalen bewahrt“, erklärte der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm auf den Medientagen in München. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach sich für eine alternative EU-Internetplattform aus.

Im Kampf gegen die Übermacht von US-Internetkonzernen helfen nach Einschätzung von Medienexperten und Politikern nur bessere Zusammenarbeit in Europa – und bessere Werte. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich am Mittwoch zum Start der 33. Medientage München für eine alternative europäische Internetplattform aus: „Entweder sind wir bereit, den Wettbewerb anzunehmen, oder wir werden am Ende nur Konsumenten sein von anderen Wettbewerbern.“

Söder warf in seiner Eröffnungsrede deutschen Medienhäusern und besonders der Medienpolitik mangelndes Reformtempo vor. Vieles gehe zu langsam. „Bis wir ein Fußballspiel anpfeifen, haben die anderen schon drei Ligen gespielt.“ Die deutsche Medienordnung sei „anachronistisch“ und „altbacken“. Aber: „Wenn eine Welle da ist, dann muss man sie reiten.“

Er kritisierte eine „unendliche Staatsvertrags-Mäanderei“ und sprach sich für eine umfassende Reform der deutschen Medienordnung jenseits des gegenwärtig verhandelten neuen Medienstaatsvertrages aus. „Deutschland zögert“ – und werde darum zunehmend abgehängt.

Die türkischstämmige Tech-Soziologin Zeynep Tufekci, Professorin an der Universität von North Carolina in den USA und Journalistin unter anderem für die „New York Times“ zog gar Parallelen zum Kalten Krieg. Der Westen haben diesen gegen den Ostblock gewonnen, weil er einfach die besseren Werte, das bessere Lebensmodell angeboten habe. Dem seien die Menschen gefolgt. Ähnlich könne man das in der digitalen Welt mit Alternativen schaffen. Aus Sicht der Wissenschaftlerin haben die GAFA „autoritäre“ Strukturen geschaffen, die derzeit „noch“ für Kommerz und nicht für autoritäre Politik genutzt werden.

Ein Gegenmodell, das Gleiches anbiete aber keine Daten sammle, sei die einzig denkbare Alternative, um die Macht der Konzerne zu zerschlagen. Vor allem eine Plattform wie YouTube, die Menschen mit dem Algorithmus hinter automatischen Videovorschlägen nicht nur in ihren Ansichten bestätige, sondern zunehmend radikalisiere, sei eine große Gefahr. „Wir werden auseinandergerissen – Bildschirm für Bildschirm“, sagte Tufekci.

Andreas Briese, Director YouTube Partnerships Central Europe, betonte in einer anderen Gesprächsrunde, dass die Algorithmen von YouTube in den vergangenen Jahren verändert worden seien. Ursprünglich sollten Videos gefördert werden, die viele Klicks erzielen. Danach seien Videos mit langen Sehzeiten favorisiert worden. Jetzt gehe es darum, Inhalte zu fördern, die breit und vielfältig und nicht in Nischen sind.

Im Frühjahr habe es ein Update gegeben, das sich dem Problem von Hassreden, der sogenannten Hate-Speech, widme.

Der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm betonte: „Es ist unverzichtbar, dass sich Europa seine Souveränität auch im Digitalen bewahrt.“ Nahezu alle Plattformen sozialer Netzwerke über Cloud-Services werden demnach von Anbietern außerhalb Europas bestimmt. „Damit werden auch die Relevanz und Sichtbarkeit von Inhalten von Algorithmen gesteuert, deren Funktionsweise allein in den Händen von privaten Unternehmen liegt und deren Geschäftsmodell vor allem auf die gezielte Platzierung von Werbung ausgerichtet ist“, sagte Wilhelm.

Trumps neues Aufbäumen gegen kritische Medien

Das Weiße Haus empfiehlt allen staatlichen Bundeseinrichtungen, ihre Abonnements der beiden US-Tageszeitungen New York Times und Washington Post zu kündigen. Das hat die Sprecherin des Weißen Hauses, Stephanie Grisham, mehreren Medien bestätigt. Wie CNN berichtet, begründet sie den Schritt mit einer Kostenersparnis für Steuerzahler. Mehrere Hunderttausend Dollar könnten so eingespart werden. Präsident Donald Trump allerdings gab in einem Interview auf seinem Lieblingssender Fox News andere – deutlich persönlichere – Gründe an.

Dass der US-Präsident die beiden Zeitungen nicht ausstehen kann, hat er oft genug verdeutlicht. Für Trump sind sie „Fake“. Im Gespräch mit Moderator Sean Hannity hat Trump sich bereits am Montag erneut über einzelne US-Medien und ihre Berichterstattung zur Ukraine-Affäre ausgelassen und die Abbestellungen erwogen. „Die Medien sind korrupt“, behauptete er. An seinen Fox-News-Interviewer Hannity gewandt fügte er allerdings schnell hinzu: „Nicht alle Medien. Es gibt auch großartige Leute, Sie eingeschlossen.“

Die New York Times aber sei „eine Fake-Zeitung, die wollen wir selbst im Weißen Haus nicht mehr“, schimpfte Trump weiter. Er werde sie vermutlich kündigen – und die Washington Post gleich mit. Als Begründung fügte er hinzu: „Du schaust dir die Art von Berichterstattung an, die sie machen, und es stellt sich heraus, es ist alles falsch!“ Schon im Wahlkampf habe die zweitgrößte US-amerikanische Tageszeitung ihn „schlecht dargestellt“. Seit er Präsident ist, sei alles noch schlechter geworden. Überhaupt – so holt Trump im Interview weit aus – würden Menschen, „die falsche Dinge berichten“, sogar Pulitzerpreise bekommen.

Trump selbst hatte im vergangenen Jahr erst einen eigenen Medienpreis ins Leben gerufen: einen Schmähpreis namens „Fake News Award“. Auf Platz eins landete damals ein Kolumnist der New York Times: der Nobelpreisträger Paul Krugman. Dieser nämlich habe, so begründete Trump die Entscheidung, in einem Kommentar behauptet, die US-Wirtschaft würde sich nicht „erholen“, dabei boome sie.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Abbestellungen der Zeitungen weniger als Sparmaßnahme, denn als weiteres wütendes Aufbäumen des Präsidenten gegen kritischen Journalismus. Der erste US-Präsident, der eine Zeitung im Weißen Haus abbestellt, ist er damit allerdings nicht. Schon John F. Kennedy soll Politico zufolge 22 Abos der New York Herald Tribune gekündigt haben.

Frankreich holt Fußball ins Staatsfernsehen zurück

Frankreichs Fußballfans sind frustriert. Drei, vom kommenden Jahr an vier Rechteinhaber verkaufen ihnen die Spiele der französischen und europäischen Meisterschaften sowie der Champions League. Das kommt sie teuer zu stehen und ist kompliziert: Der führende Telekomanbieter Orange etwa weigert sich, die Programme des Rivalen „sfr“ aufzuschalten. Nur die Länderspiele werden im frei empfangbaren Privatfernsehen übertragen. Wenn Paris Saint-Germain gegen die europäischen Spitzenmannschaften antritt, sind in Frankreich manchmal weniger als eine Million Zuschauer vor dem Bildschirm dabei. In den öffentlich-rechtlichen Anstalten kommt Spitzenfußball nicht mehr vor: Ihnen war gerade noch der Liga-Cup verblieben, der eingestellt wird.

Diesen Notstand will der von Napoleon begründete Conseil d’Etat beheben. Seine Aufgabe ist es, die Regierung zu beraten, die ihn ihrerseits bei neuen Gesetzen konsultieren muss. Macron und sein Kulturminister Franck Riester sind dabei, die öffentlich-rechtlichen Sender zu reformieren. Der Präsident hatte sie nach Amtsantritt als „Schande der Republik“ bezeichnet, Riester sprach sich für ein komplettes Werbeverbot aus – seit Sarkozy dürfen sie nach zwanzig Uhr keine Spots mehr senden. Sparen müssen sie jetzt schon. Sie haben zwar die Rechte für die Olympischen Spiele 2024 in Paris erworben, sind aber kaum in der Lage, sie zu finanzieren. Verblieben sind ihnen die Tour de France und das Tennistournier Roland-Garros – für das sich Amazon interessiert.

In diesem Kontext muss man die eher überraschende Initiative des Conseil d’Etat verstehen. In einem Bericht „für eine ehrgeizige staatliche Sportpolitik“ macht er 21 Vorschläge. Zum Beispiel erwägt er die Aufhebung des Werbeverbots nach zwanzig Uhr rund um Sportübertragungen. Budgetminister Gérard Darmanin möchte das Werbeverbot ganz aufheben, auch wenn er deshalb mit dem Kollegen von der Kultur in Konflikt kommt: Zu Riesters Entsetzen hat Darmanin die Abschaffung der Gebühren versprochen, in einem ersten Schritt senkt er sie um einen Euro – pro Jahr.

Werbung für Sport soll es dem staatlichen Sender „France 2“ ermöglichen, die Rechte für die Nationalmannschaft zu bekommen. Die Übertragungen auf Europas größtem Privatsender „tf1“ sind nicht sehr bekömmlich, weil es zu viel Werbung gibt. So wird der Sport zur Speerspitze der Reform von France Télévision, mit der die Regierung die Quadratur des Kreises anstrebt: den Staat entlasten, den Wählern die Gebühren erlassen und ihnen gleichzeitig attraktivere Programme mit Spitzenfußball offerieren – auf Kosten der privaten Sender.

Zeitdruck erschwert 72 Prozent der Journalisten die Arbeit

In zunehmendem Zeitdruck sehen 72 Prozent der österreichischen Journalisten die größte Herausforderung bei ihrer Arbeit. Es folgen mit 52 Prozent die tägliche Informationsflut und mit 48 Prozent die aufwendige Aufbereitung der Inhalte für unterschiedliche Kanäle. Das geht aus dem aktuellen Journalistenbarometer hervor, einer Studie von Marketagent in Kooperation mit Ecker & Partner, für die 511 Journalisten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz befragt wurden. Aus Österreich nahmen 152 Journalisten teil.

Außer Zeitdruck und Informationsflut erschweren Fake-News die Arbeitsbedingungen von Journalisten. Jeder Dritte hat laut Journalistenbarometer Probleme, falsche Nachrichten als solche zu erkennen. Besonders kritisch stufen 59 Prozent der Befragten auch die Erfüllung der Kontrollfunktion der Medien als vierte Gewalt im Staat ein. Nicht zuletzt aufgrund der sozialen Medien sei es schwieriger geworden, diese Aufgabe zu erfüllen.

Die Netzwerke werden zwar als nützliches Recherche-Instrument, von 40 Prozent aber auch als Konkurrenz gesehen. 96 Prozent der Journalisten gebrauchen zumindest einen Social-Media-Kanal zur Recherche. 77 Prozent verbreiten darüber eigene Beiträge, und zwar über Facebook (69 Prozent), Twitter (29 Prozent) und Instagram (27 Prozent). Bei Recherchezwecken liegt Youtube mit 68 Prozent an erster Stelle.

Geht es darum, sich aktiv über Politik zu informieren, nimmt bei den Österreichern (befragt wurden im September 500 Österreicherinnen und Österreicher zwsichen 16 und 69 Jahren) das Fernsehen mit 68 Prozent den Spitzenplatz ein. Es folgen mit 55 Prozent das Gespräch in der Familie, mit Freunden oder Bekannten, 46 Prozent drehen das Radio auf. Social-Media-Profile von Parteien oder Politikern werden von 18 Prozent der Bevölkerung als Quelle genützt, aber nur zehn Prozent stufen sie auch als glaubwürdig ein. Die höchste Glaubwürdigkeit bei politischen Themen genießt das Fernsehen mit 53 Prozent Zustimmung, gefolgt von Radio (42 Prozent) und Nachrichtenwebsites (39 Prozent).

Wie die Elektronengehirne die Welt eroberten

Eines Morgens waren die Elektronengehirne plötzlich da. Über Nacht waren sie gekommen. Die Menschen taten so, als hätten sie sie schon lange erwartet und begrüßten sie freundlich.

Es war eine lange Nacht gewesen. Nach sechs Jahren Krieg lag die Welt in Trümmern. Doch zwischen Schutthaufen und Trümmerbergen wurde Neues sichtbar. Im Keller einer Bäckerei im südlichen Allgäu lagerte in Kisten eine elektromechanische Maschine. Der Z4 genannte Computer war von Konrad Zuse in Berlin gebaut worden. In den USA an der Harvard-Universität in Cambridge war ein fünf Tonnen schwerer, schlicht Mark 1 genannter elektromechanischer Computer seit 1944 im Einsatz, er war auch von den Physikern benutzt worden, die sich mit dem Bau von Atombomben beschäftigten. In Philadelphia, an der elektrotechnischen Abteilung der Universität, waren Techniker fieberhaft mit der Fertigstellung eines Electronic Numerical Integrator and Computer (Eniac) beschäftigt. Die Techniker wurden von der amerikanischen Armee bezahlt, ihre Maschine sollte die Berechnung von Artillerie-Tabellen beschleunigen. Doch als die 20 000 Elektronenröhren, die diesen Computer ausmachten, Ende 1945 zum ersten Mal aufleuchteten, war der Krieg vorbei.

Der Computer war da, noch bevor ein neues Wort für ihn bereitgestellt werden konnte. Während kurzer Zeit herrschte Sprachlosigkeit. Das Wort «Computer» konnte damals nicht verwendet werden, denn es bezog sich auf Menschen. Noch während des Zweiten Weltkriegs, als es darum ging, für die Bedienung des Eniac mathematisch gebildete weibliche Hilfskräfte anzuwerben, wurden in Stellenausschreibungen «Computer» gesucht.

Als im Februar 1946 der Eniac anlässlich einer Pressekonferenz sein öffentliches Debüt erlebte, sahen sich nur wenige Journalisten in der Lage, diese Neuerung ohne Bezugnahme auf das eigene Gehirn zu beschreiben: «30 Tonnen schweres Elektronengehirn denkt schneller als Einstein» («Philadelphia Evening Bulletin»), «Elektronengehirn berechnet 100-Jahr-Problem in zwei Stunden» («New York Herald Tribune»), «Electronic Super Brain» («Washington Post»), «Giant Brain», «Wunder-Gehirn», «Zauber-Gehirn». Die amerikanische Computerwissenschafterin Dianne Martin hat mehrere Dutzend Zeitungsartikel gesammelt, die in den Jahren 1946 und 1947 über den Eniac publiziert wurden, und darunter nur wenige gefunden, die im Titel keinen Bezug zum Denkapparat des Menschen herstellten. Einzig die Wissenschaftsjournalisten blieben gelassen, im «Scientific American» und in «Nature» ist von Rechenmaschinen die Rede. Doch als die britische «London Times» den Bericht von «Nature» übernahm, wurde aus der «electronic calculating machine» wieder ein «electronic brain». Bald eroberten die «electronic brains» auch den deutschsprachigen Sprachraum. «Das Elektronengehirn ähnelt dem menschlichen so sehr», so berichtete «Die Zeit» 1949, «dass es, wenn man ihm zu viel zumutet, eine Art ‹Nervenzusammenbruch«›» erleidet, denselben Gedanken immerfort wiederholt oder Kauderwelsch hervorbringt.»

Bereits 1949 beklagte sich ein Journalist der «New York Times», die «electronic brains» hätten sich so sehr vermehrt, dass es schwierig sei, da noch einen Überblick zu bewahren. Nun gab es aber damals in den USA nur ein gutes Dutzend Computer. Es können deshalb nicht die real existierenden Computer gewesen sein, die dem Journalisten den Kopf verdrehten, sondern es waren die vielen Ankündigungen, Projekte, Absichtserklärungen und Hoffnungen, die sich um die Elektronengehirne rankten.

Wörter sind mehr als nur Etiketten, die man den Dingen anhängt, sie sind Schlüssel, die Assoziationsräume aufschliessen und Denkzusammenhänge schaffen; Begriffe sind Werkzeuge, die das zu Begreifende formen. Die Redeweise vom Elektronengehirn schuf die Voraussetzungen dafür, dass Computerwissenschafter, die Intelligenz künstlich herstellen wollten, oder Psychologen, die den Menschen als «informationsverarbeitendes System» interpretierten, auf Verständnis hoffen durften. Das «Elektronengehirn» – auch wenn der Duden dieses Wort inzwischen als veraltet bezeichnet – bestimmt bis heute die Erwartungen, die wir an den Computer stellen. Es ist uns bei der Beurteilung von Computertechnik nicht mehr möglich, aus diesem Deutungsraster auszubrechen.

Der österreichische Medienphilosoph Erich Hörl hat die Assoziationen von Computer und Gehirn eine «Epochengleichung» genannt, die das «kybernetische Bild des Denkens» präge und darüber hinaus die «Wissenslandschaft» der Nachkriegszeit und überhaupt: die Bedingungen des Menschseins im ausgehenden 20. Jahrhundert. Doch dass die Menschen sich selber gerne «sub specie machinae» betrachten, ist – das Altsprachliche deutet es an – keine neue Eigenart. Uhren, Pumpwerke, Telefonzentralen: Stets haben die Menschen die avancierteste ihnen zur Verfügung stehende Technik auch dazu benutzt, die Funktionsweise des Gehirns zu erklären.

Beim «electronic brain» sind nun aber anfänglich die Positionen von Vorbild und Abbild vertauscht. In der Mitte der «Epochengleichung» steht nicht ein Gleichheitszeichen, sondern ein Pfeil, der immer wieder die Richtung ändert. Das Gehirn soll als Metapher zunächst helfen, die neuen, raren, schwer zugänglichen Computer besser zu verstehen. Später dann werden die Maschinen dazu benutzt, das Gehirn zu erklären. Die «Epochengleichung» verbindet zwei Unbekannte; es ist der Versuch, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Zur Frage, wer den Computer erfunden hat, gibt es viele Antworten, jede Nation hat hier ihre Helden. Wer aber hat das «Elektronengehirn» erfunden, wer hat diese Metapher in Umlauf gebracht?

Der britische Mathematiker Charles Babbage, der als Erster die Konstruktion eines Computers im modernen Sinn ins Auge gefasst hatte, nannte die zentralen Komponenten seiner «engine» (Maschine) «mill» (Mühle) und «store» (Lager). In mehreren Patentanmeldungen hat Zuse ab 1936 versucht, seine Innovationen beim Bau einer «programmgesteuerten Rechenmaschine» zu beschreiben. Er charakterisiert seine «Rechenvorrichtung» als «Aggregat» von verschiedenen «Einzelvorrichtungen». Die Zusammenarbeit des «Rechenwerks» und des «Planwerks» wird durch ein «Leitwerk» gesteuert, die Verbindung zwischen «Rechenwerk» und «Speicherwerk» wird durch das «Wählwerk» hergestellt. John William Mauchly und sein Mitarbeiter John Presper Eckert haben 1949 ein Patent beantragt, das ihnen 1964 zugesprochen und 1973 wieder aberkannt wurde. In den Patentanträgen und in andere Berichten über ihre Erfindungen lassen sie keine Neigung zu einer menschelnden Ausdrucksweise erkennen.

Die Konstrukteure der ersten Computer haben nicht an biologischen Systemen Mass genommen. Es waren Aussenstehende, die diesen Zusammenhang herstellten. John von Neumann beispielsweise: Der ungarische Wissenschafter, der in Budapest und Göttingen Mathematik und an der ETH Zürich Chemie studiert hatte, war in den USA während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des sogenannten Manhattan-Projekts massgeblich an der Entwicklung der Atombombe beteiligt. Er interessierte sich auch für die Möglichkeiten der programmierbaren Rechenmaschinen. Als er 1944 von Eniac erfuhr, war das Projekt fast abgeschlossen. Doch von Neumann unterstützte die Leiter des Projekts, John William Mauchly und John Presper Eckert, beim Design eines Nachfolgemodells, das Electronic Discrete Variable Arithmetic Computer (Edvac) genannt wurde. Von Neumann war es auch, der im Sommer 1945 eine Beschreibung dieses Computers publizierte.

Der knapp 50-seitige «First Draft of a Report on the Edvac» ist in vielerlei Hinsicht bedeutsam, unter anderem auch deshalb, weil er, um den Computer zu beschreiben, Bezüge zur Biologie herstellt. Die Bestandteile des Computers werden hier «Organe» genannt, die Beziehungen zwischen ihnen, so heisst es, funktionierten ähnlich wie das menschliche Nervensystem. «Es ist einfach zu erkennen, dass Neuronenfunktionen durch Telegrafenrelais oder durch Vakuumröhren imitiert werden können.» Von Neumann bezieht sich dabei auf das MacCulloch-Pitts-Modell. Der Mediziner Warren MacCulloch und der Logiker Walter Pitts hatten in einem berühmten Aufsatz 1943 gezeigt, wie ein neuronales Netzwerk beschaffen sein muss, um sich als Rechenmaschine zu bewähren. Der «first draft» wurde im Sommer 1945 zunächst nur wenigen amerikanischen Wissenschaftern zugänglich gemacht, doch er verbreitete sich rasch.

Von Neumann beschäftigte sich noch in den letzten Tagen seines Lebens intensiv mit den Beziehungen zwischen Computerarchitektur und Nervensystem. Davon zeugt das postum erschienene Buch «The Computer and the Brain» (1958). Er stellt Berechnungen an, um zu zeigen, dass das Gehirn den Computern in Sachen Integrationsdichte oder Energiedissipation weit überlegen sei; er weist darauf hin, dass die Nachrichtenübertragung innerhalb des Nervensystems auf einer statischen Auswertung von Impulsen beruhe. Das Buch endet mit der Erkenntnis: «Die Sprache des Gehirns ist nicht die Sprache der Mathematik.» Computer und Gehirn sind verschieden, aber beide sind «Automaten». Anstatt von Computern schreibt von Neumann etwa auch von «künstlichen Automaten», das Gehirn ist ihm dagegen ein «natürlicher Automat». Worauf es von Neumann letztlich abgesehen hat, ist nicht eine Vermehrung von neurophysiologischen oder computertechnischen Kenntnissen, sondern die Schaffung einer übergeordneten Automatentheorie.

Von Neumann ist mit diesem Bestreben nicht allein. Er weiss einige der bedeutendsten Wissenschafter seiner Zeit an seiner Seite: Norbert Wiener beispielsweise oder Claude Shannon. Es ist ein interdisziplinäres Projekt, das nicht nur Mathematiker und Informatiker, sondern auch Sozialwissenschafter, Ethnologen und Psychologen begeistert. Es scheint, als könne eine mathematisch solide abgestützte Kommunikationstheorie zwischen den Wissenschaftsdisziplinen Brücken bauen.

Und dann hat eine kleine Gruppe von jungen Mathematikern die Fahne gestohlen, um sich selber zur Avantgarde einer neuen Wissenschaft zu erklären. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der menschlichen Intelligenz wurde aus dem Bezugsrahmen von Mathematik, Psychologie, Biologie und Elektrotechnik herausgelöst, die Beziehungen, welche die «Epochengleichung» schafft, wurden zerstört. Was als Kybernetik oder Automatentheorie ein breit abgestütztes, interdisziplinäres Forschungsprogramm war, wird nun zu einem Teilbereich der Computerwissenschaft; eine internationale Bewegung wird zu einem Projekt einiger weniger amerikanischer Universitäten; eine Wissenschaft, die einst Hardware ebenso wie auch Software und theoretische ebenso wie auch angewandte Aspekte umfasste, wird nun auf Softwareentwicklung zurückgestutzt.

Die treibenden Kräfte der neuen Bewegung waren die damals noch nicht 30-jährigen Mathematiker John McCarthy und Marvin Minsky. Was sie einte, war weniger ein Programm als ein Antiprogramm: nicht Kybernetik, keine Regelkreise weg von Wiener. Die Redeweise von «Elektronengehirn» gefiel den jungen Mathematikern nicht, in ihren Kreisen war das Wort Gehirn verpönt, sie redeten lieber von «mind» – Geist. Diese «Vergeistigung» ist auffällig. Für den amerikanischen Wissenssoziologen Paul Edwards reflektiert der Ersatz der Computer-Gehirn-Analogie durch die Computer-Mind-Entsprechung einen politisch-kulturellen Wandel. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der amerikanischen Politik des «containment» deutet er die Hinwendung zum Geist als Rückzug in ein Reduit.

Aufstieg und Fall der von McCarthy und Minsky begründeten symbolischen KI fallen zusammen mit dem Anfang und dem Ende des Kalten Krieges. Als der Mathematiker und MIT-Professor Seymour Papert 1988 den Versucht unternahm, die Gründe für den sich abzeichnenden Paradigmenwechsel in einem wissenschaftlichen Aufsatz zu benennen, hielt er sich nicht lange mit technischen Erörterungen auf, sondern bemühte «soziologische Erklärungen»: Nicht der Zuwachs an Rechenleistung hätte die Renaissance der neuronalen Netzwerke ermöglicht, sondern «kulturelle Strömungen», die eine Abkehr vom «scharfkantigen» Rationalismus der 1960er Jahre herbeigeführt hätten.

Es war der Kalte Krieg gewesen, der diesen «scharfkantigen» Rationalismus geformt hatte. Nachdem Ende der 1940er Jahre bekanntgeworden war, dass die Sowjets über Atomwaffen verfügten, sahen sich amerikanische Militärstrategen mit der Frage konfrontiert, wie die USA auf einen überraschend erfolgenden russischen Atomangriff schnell und angemessen reagieren könnten, auch dann, wenn wichtige Entscheidungsträger nicht mehr handlungsfähig wären. Zunächst ging es um eine Beschleunigung der Informationsübertragung, bald schien auch eine Automatisierung der Entscheidungsprozesse unumgänglich. KI-Systeme sollten nach einem atomaren Überraschungsangriff das Kommando übernehmen.

Die symbolische KI ist als wissenschaftliches Forschungsprogramm bedeutungslos geworden. Aber die Grundannahmen dieses Paradigmas prägen ausserhalb der Fachwelt bis heute das Nachdenken über KI: Man stellt sich KI vor als Softwareprogramm, das Algorithmen für die Bearbeitung von logischen Symbolen zur Verfügung stellt. So ist die symbolische KI noch immer allgegenwärtig. Und auch der Kalte Krieg ist wieder zurück. Es häufen sich jüngst Diskussionsbeiträge, die die wissenschaftliche Erforschung der KI mit dem Wettbewerb zwischen den politischen Blöcken in einen Zusammenhang bringen.

«KI ist Militärtechnik», schrieb der deutschstämmige, in den USA erfolgreiche Computerunternehmer Peter Thiel im August in einem Gastbeitrag für die «New York Times». Wegen der militärischen Bedeutung der KI sei es «schockierend», dass Google in diesem Bereich die Zusammenarbeit mit dem Pentagon beendet und gleichzeitig ein KI-Forschungslabor in China eröffnet habe.

Der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt hat zusammen mit dem Politologen Henry Kissinger und dem Computerwissenschafter Daniel Huttenlocher ebenfalls über die geopolitische Bedeutung der KI nachgedacht. Ihr Aufsatz erschien im August in der amerikanischen Monatszeitung «The Atlantic». In einer Passage, die die Handschrift Kissingers trägt, wird über ein Wettrüsten mit KI-Waffen nachgedacht. Dieses Wettrüsten sei gefährlich, da herkömmliche Formen der Rüstungskontrolle, in den Zeiten des Kalten Kriegs entwickelt, nicht mehr funktionierten. Der Fortschritt in der KI sei schnell und «undurchsichtig», das heisst: nicht voraussehbar, für Aussenstehende nicht nachvollziehbar. Diese «Undurchsichtigkeit» gefährde den Frieden. Mit anderen Worten: Nicht so sehr die Fähigkeiten der KI sind bedrohlich, sondern die Unfähigkeit der Menschen, sich von den Fähigkeiten der KI ein Bild zu machen.

Reselling: Wenn aus Retouren ein florierendes Geschäft wird

Für den Online-Handel sind Retouren ein Problem, Ralf Hastedt macht daraus ein florierendes Geschäft. Täglich bringen 15 bis 20 Lastwagen Waren zu seiner Handelsfirma Avides in das Dorf Hemsbünde zwischen Hamburg und Bremen. Vieles davon haben Verbraucher an große Versandhändler wie Amazon zurückgehen lassen, manchem Stück hätte die Entsorgung im Müll gedroht.

„Wir sehen uns als Lebenszyklenverlängerer“, sagt Hastedt. Avides prüft die Waren, verpackt sie neu und bringt sie doch noch an die Frau oder den Mann. 10.000 bis 15.000 Notebooks, etwa 20.000 Fernseher, 300.000 Kleidungsstücke wandern jährlich über den Hof.

Beim Aufschwung des Online-Bestellens ging es in den ersten Jahren um ein garantiertes Rückgaberecht und sicheres Bezahlen für die Kunden. Nun geht es um die Flut der Retouren. Dabei ist die Ware meist völlig in Ordnung. Doch die Kunden bestellen drei Hosen verschiedener Größen und lassen die zwei zurückgehen, die nicht passen. Oder die Wunschkamera findet sich billiger auf einem anderen Portal.

Jedes sechste Paket geht zurück

Jedes sechste Paket, jeder achte bestellte Artikel wurde 2018 laut der Studie Retourentacho der Universität Bamberg zurückgeschickt. Das waren 487 Millionen Artikel, die umsonst durch die Republik gekarrt wurden. Die Bearbeitung jedes Artikels kostete die Händler im Schnitt 11,24 Euro. „Das ist für die Umwelt übelst“, sagt Hastedt über die Retouren, selbst wenn sie sein Geschäft sind. Die ökonomischen und ökologischen Kosten beschäftigen mittlerweile auch die Politik.

In den meisten Fällen verkaufen die Versandhändler die zurückgegebene Ware selber. Wenn aber Lagerung, Transport und Arbeit zu teuer werden, kommen sogenannte Reseller wie Avides ins Spiel. „Diese Dienstleister können durch bessere Auslastung die Fixkosten besser verteilen. Sie finden mit ihrem Fachwissen effizient andere Verwerter“, sagt Björn Asdecker vom Forschungsschwerpunkt Retourenmanagement in Bamberg. „Ich betrachte das Geschäftsmodell eher positiv, weil man damit eine weitere Stufe der Verwertung hat.“

Hastedt und sein Partner Christoph Burmester fingen 1997 an, im Netz CDs und DVDs zu verkaufen. „Wir waren Pioniere im Internet-Handel.“ 2000 gründeten sie eine AG, weil sie sich „von den Garagenfirmen abheben“ wollten. 2002 stiegen sie ins Reselling (Wiederverkauf) ein. Seitdem ist Avides gewachsen, Filialen entstanden in Großbritannien und Polen. 2017 machte die Avides Media AG mit 173 Mitarbeitern einen Umsatz von 54,2 Millionen Euro, so der Jahresabschluss.

„Wir sind zu einer Drehscheibe geworden“

Nicht alle Reseller haben das gleiche Geschäftsmodell. Rebuy in Berlin kauft gebrauchte Elektronik, Bücher und CDs bei Privaten und verkauft sie wieder. Retourenking in Birkenfeld (Baden-Württemberg) verkauft teils an privat. Für Händler gibt es billig Paletten unsortierter Retouren oder Restposten – Weiterverkaufswert ungewiss.

Bei Avides werden Mischposten aufgelöst. Die Kunst liegt darin, für jeden Artikel den richtigen Abnehmer zu finden. „Wir sind zu einer Drehscheibe geworden“, sagt Hastedt. „Der eine braucht Grafikkarten, der andere Turnschuhe.“ An Endverbraucher verkauft Avides unter dem Namen Sediva auf Plattformen wie Amazon oder real.de.

„Mit Apple werden wir uns nicht anlegen“

Die Waren werden in riesigen Hallen nach Qualitäten sortiert. „In der Elektronik sind das 70 oder 80 Kategorien“, so Hastedt. Da gibt es neue Handys originalverpackt. In einen zweiten Karton wandern neue Handys mit beschädigter Packung, in einen dritten Geräte mit leichten Gebrauchsspuren – auch das können einige Händler brauchen. Und bei noch einer Kategorie müssen einzelne Geräte repariert werden. Deren Abnehmer sitzt dann oft nicht in der EU, sondern etwa in der Ukraine.

Mehrere Männer sortieren auch Flaschen harter Alkoholika – eine Folge dessen, dass Amazon vermehrt Lebensmittel und Getränke verkauft. Aber nicht alle Waren bei Avides sind Retouren. Auch wenn Produzenten die Modelle wechseln oder die Lager räumen, bringt Hastedt Restbestände „nicht marktstörend“ unter, zum Beispiel eine Partie Schlagbohrer.

Elektroschrott wird entsorgt und auch Plagiate fliegen auf den Müll, so haufenweise Apple-Ohrhörer AirPod. „Mit Apple werden wir uns nicht anlegen“, sagt Hastedt. Berichte über das massenhafte Wegwerfen zurückgegebener Waren haben zuletzt Wellen geschlagen.

Influencer Fraud: Wie Marken und Berater auf die falschen Freunde bei Instagram & Co. reagieren

Wer Social Media für einen wichtigen Teil seines privaten oder beruflichen Selbstbilds hält, der unterliegt mitunter der Versuchung, sich künstlich wichtig zu machen. Beim Kauf von Followern ist der Grat zwischen Kavaliersdelikt und Betrug schmal.

Beim alljährlichen Treffen der Schönen und Reichen aus der Werbebranche in Cannes, Südfrankreich, ging es 2018 etwas ruppiger zu als sonst. Das liebste Kind der Online-Werber – Influencer-Marketing, stand plötzlich in Verdacht, eine große Seifenblase zu sein, in der Glücksritter und Möchtegerns das schnelle Geld wittern und die Marken am Ende die Zeche bezahlen. Keith Weed, der damalige globale Marketingleiter des FMCG-Riesen Unilever sprach von bis zu 20 Prozent Verlust durch Reichweitenbetrug. Einige Influencer blähten ihre Follower-Basis mit fragwürdigen Methoden auf, so Weed. Im Hintergrund sei längst eine regelrechte Betrugs-Industrie entstanden.

Alles nur ein Kavaliersdelikt?

Der Kontext dieser Äußerungen war, dass die “New York Times” ein großes Betrugsnetzwerk enttarnt hatte. Und auf der Kundenliste von diesem Netzwerk namens Devumi standen nicht nur Internet-Influencer, sondern allerhand Prominente aus Sport, Hollywood und Politik.

Und Weeds Zahl deckt sich mit Analysen der Points North Group. Auch hier hat man gemessen, dass nur vier von fünf Followern echt sind. 3,5 Millionen gefälschte Accounts und über 200 Millionen Twitter-Follower hat allein Devumi vermittelt, sagt die “NYT”.

Der Skandal war groß, aber bei Prominenten handelt es sich so lange um ein Kavaliersdelikt mit “Gschmäckle”, so lange der Account nicht aktiv genutzt wird, um Werbung zu verkaufen. Verfolgt der betreffende Prominente oder Influencer einen kommerziellen Zweck, kann es sich um strafbaren Betrug handeln, wenn er mehr Reichweite vorgaukelt, als er sich organisch erworben hat.

Medienanwalt Stefan Schicker ordnet das Phänomen für den deutschen Markt ein: “Bislang ist noch kein prominenter Fall bekannt geworden, der es zu Gericht geschafft hätte. Eine mögliche Handhabe wäre aber § 5 I 2 Nr. 1 UWG, dem zufolge eine geschäftliche Handlung irreführend ist, wenn sie zur Täuschung geeignete Angaben über die wesentlichen Merkmale der Dienstleistung enthält. Kurz gefasst: Ein Influencer, der dank Tausender eingekaufter Follower einen Werbevertrag schließt, täuscht den Werbetreibenden durch seine hohen Followerzahlen über seine Eignung als Werbepartner und handelt somit unlauter – denn hinter gekauften Followern stehen eben keine echten, potentiellen Kunden des werbenden Unternehmen. Entsprechend könnte man auch über strafrechtliche Konsequenzen (z.B. Betrug oder Täuschung) nachdenken.”

Mal schnell wachsen

Seit Jahren empfehlen Marketing-Berater, dass man zur Qualitätsmessung in Social Media doch bitte nicht die bloße Anzahl an Followern heranziehen möge. Das gilt für die eigenen Accounts ebenso, wie für die Zusammenarbeit mit Influencern. Viel besser eignen sich Metriken, die das Engagement der User in den Mittelpunkt stellen. Daraus lässt sich nicht nur ablesen, ob ein Account lebendig ist, sondern auch, wie die einzelne Maßnahme und Kampagne im Gegensatz zu einer anderen funktioniert. Das Like-Verbot auf Instagram zielt genau in diese Richtung.

In der Praxis sieht das leider häufig ganz anders aus. Vor allem in großen Unternehmen nutzt man nach wie vor bestimmte Schwellenwerte bei der Followerzahl, um die Leistungsfähigkeit der Abteilung oder Agentur zu bewerten. Und nicht selten kommt es zu “Dezemberfieber”. Wenn kurz vor Jahresende die Zielgrößen noch nicht erreicht wurden, dann kauft man sich die fehlenden Follower eben dazu. Die plumpen unter den Marketern greifen auf eine der vielen Follower-Faktories zurück. Die etwas klügeren veranstalten noch mal schnell ein Gewinnspiel mit Preisen, die tunlichst einer breiten Zielgruppe gefallen könnten, und bewirbt das mit Mediageld.

Die richtig klugen Marketer loben im Gewinnspiel solche Preise aus, dass sich nur User mit Kundenpotential wirklich dafür interessieren. Oder sie knüpfen die Teilnahme an eine Leistung des mitspielenden Users: Ein Design-Wettbewerb, eine Foto-Competition. In diesem Fall sind die neuen User zwar immer noch gekauft, aber sie passen halt zur Zielgruppe. Nur ist dieses Vorgehen eben komplexer und funktioniert auch nicht so schnell, wie der reine Follower-Kauf.

Indizien für Betrug

Was bei Marken einfach nur mangelnde taktische Klugheit ist und dem Unternehmen im Grunde monetär schadet, kann im Influencer-Marketing kühles nüchternes Kalkül sein. Denn auch hier dienen allzu oft die schieren Reichweiten als Qualitätsindiz. “Ich musste Shooting machen mit Models, die für den Job komplett ungeeignet waren, nur weil sie viele Follower hatten”, beschwert sich Cameron-James Wilson, ehemaliger Modefotograf aus London.

Christoph Kastenholz, Gründer und Geschäftsführer der Influencer-Agentur Pulse, fordert allerdings eine genaue Analyse: “Nicht immer kann der Influencer wirklich etwas dafür. Fan-Verkäufer spielen schon mal selbständig 5000 Fans zusätzlich in den Account und schreiben dann eine Mail mit der Anfrage, ob man nicht mehr davon haben will.”

Pulse, Indahash oder Takumi sind Influencer-Agenturen, die inzwischen sehr genau hinschauen, wer sich bei ihnen bewirbt. Ein sprunghafter Anstieg der Followerzahlen ist fast immer ein Indiz dafür, dass etwas falsch läuft. Es kommt aber in der Praxis auch immer seltener vor. Die professionellen Follower-Verkäufer wissen, dass nach solchen Mustern gesucht wird und streuen das zusätzliche Wachstum über einen längeren Zeitraum, der organisch wirkt.

Die Methoden werden subtiler. Die Länder aus denen die neuen Follower kommen, passen besser zum Influencer. Die Engagements und Kommentare werden von Bots in immer besserer Qualität eingespielt und ein Follower der Engagement zeigt, kann doch nicht gefälscht sein? Doch kann er. Takumi lehnt eigenen Angeben zufolge 93 Prozent aller Bewerbungen ab. Nicht nur wegen Fraud-Verdacht, aber auch.

Mix aus KPI, Markenwerte und harter Performance

Chris Jungjohann, Chef von Takumi, ist allerdings der Auffassung, dass man das Problem weitgehend lösen kann. Es ist ohnehin alternativlos, die Influencer, mit denen man arbeiten will, im Vorfeld auf Herz und Nieren zu prüfen. Das gilt ja nicht nur für die Reichweite, sondern auch für den Umgangston, der im Account gepflegt wird oder die Kreativleistung, die der Influencer zu erbringen in der Lage ist.

Und bei der Reichweite empfiehlt Jungjohann, man möge doch einen Mix aus KPI verwenden, der sowohl Markenwerte als auch harte Performance-Kennzahlen hat. Die selbstbewussten unter den Influencern lassen sich auch auf Provisionsdeals ein. Das kann aber freilich teuer werden, wenn es sehr gut läuft.

Jungjohann gibt Marken folgende 10 Tipps zur Prüfung

  1. Der Influencer sollte mindestens 50 Posts abgesetzt und 1000 Follower haben
  2. Sein erster Post sollte mindestens 3 Monate alt sein.
  3. Der Influencer muss aus einem zum Unternehmen passenden Land kommen.
  4. Sein Profil muss öffentlich zugänglich sein.
  5. Die Qualität und Authentizität der Follower werden über Stichproben geprüft.
  6. Die Engagement Rate sollte mindestens bei einem Prozent liegen.
  7. Die verwendeten Hashtags müssen überprüft werden. Dabei geht es um korrekte Werbekennzeichnung aber auch um dubiose Methoden des Reichweitenaufbaus wie „#follow4follow“.
  8. Er sollte mindestens doppelt so viele Follower haben wie abonnierte Accounts.
  9. Die Anzahl der Posts passt zur Menge der Follower.
  10. Die Qualität des Contents ist konsistent hoch.

Werbe-Duopol Google und Facebook im Netz wird immer größer

Google und Facebook dominieren den Markt für Anzeigen im Internet. Eine neue Untersuchung zeigt: Im kommenden Jahr werden sie drei Viertel der Einnahmen in Deutschland für sich beanspruchen. Ein neues Gesetz könnte ihnen bald gefährlich werden.

Facebook und Google wissen auf fast alles eine Antwort. Nicht nur auf die neuesten Gerüchte rund um die RTL-Sendung „Bachelor in Paradise“ und den Kurs der Wirecard-Aktie – mit über 100.000 Suchanfragen sind die beiden Themen nämlich die aktuell meistgefragten Eingaben beim US-Suchmaschinenbetreiber.

Aber Facebook und Google wissen noch mehr. Sie wissen etwa, wer sich gerne Computerspiele kauft, wer sich heimlich für eine Kreuzfahrt interessiert und mit dem Gedanken spielt, sich ein neues Auto zu kaufen. Alle vier Beiträge erscheint im aktuellen Nachrichtenstream von Facebook eine Werbeanzeige. Und wer bei Google zum Beispiel nach dem Begriff Smartphone sucht, der wird gleich mit einer ganzen Bildergalerie voller Anzeigen versorgt.

Die Europäische Union (EU) und ihre kritische Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager hatten in den vergangenen Jahren vor allem die Dominanz von Google ins Auge gefasst: Im März verhängten die EU-Wettbewerbshüter zum dritten Mal eine Milliardenstrafe gegen den Konzern.

Der Vorwurf: Ein Teilangebot der Suchmaschinenwerbung habe andere Anbieter unerlaubt behindert. Das Unternehmen wurde zu einer Strafe von rund 1,49 Milliarden Euro verdonnert. Zwei Jahre zuvor musste Google wegen eines Missbrauchs seiner marktbeherrschenden Stellung bei Produktanzeigen in Suchergebnissen bereits eine Strafe von 2,42 Milliarden Euro hinnehmen.

Den Expansionshunger des Unternehmens bricht das aber nicht. Das zeigen neue Berechnungen der digitalen Marktforscher von eMarketer, die wie WELT zu Axel Springer gehören. Sie kommen zu dem Schluss, dass das Werbe-Duopol von Google und Facebook weiterhin wachsen wird. Laut einer bisher unveröffentlichten Prognose werden die beiden Unternehmen im laufenden Jahr insgesamt 74,5 Prozent des digitalen Anzeigenmarktes in Deutschland abdecken, der insgesamt 7,79 Milliarden Euro schwer ist. Im kommenden Jahr, so die Schätzung, werde der Anteil sogar 75 Prozent erreichen.

40 Milliarden Euro im deutschen Werbemarkt

Werbetreibende in Deutschland würden die rechtlichen Herausforderungen für die Tech-Konzerne zwar kritisch beäugen, „aber die beiden Plattformen bieten immer noch eine enorme Reichweite und Flexibilität für Vermarkter“, sagt Karin von Abrams, Chef-Analystin bei eMarketer. „Egal, was andere Unternehmen tun: Eine sichtbare Präsenz bei Facebook und Google ist zu einem essenziellen Bestandteil des digitalen Marketings geworden.“

Je stärker die beiden Tech-Konzerne ihre Marktmacht ausbauen, desto besser können sie ihr umfangreiches Wissen über ihre Nutzer mit zielgerichteter Werbung verbinden. Je nachdem wie die zuständigen Behörden den zugrundeliegenden Werbemarkt abgrenzen, sei das wettbewerbsrechtlich aber trotzdem noch unproblematisch, sagt Peter Kenning, Ökonom und Verbraucherschutzexperte an der Universität Düsseldorf.

„Im deutschen Werbemarkt werden jährlich etwa 40 Milliarden Euro investiert. Die Marktanteile von Google und Facebook liegen somit noch unter den wettbewerbsrechtlich relevanten Grenzwerten.“ Faktisch, so Kenning, kämen Werbetreibende im Netz aber kaum noch an den beiden Anbietern vorbei. Doch selbst wenn die beiden Unternehmen jeweils Marktmacht hätten, müsste man einen konkreten Missbrauch nachweisen – etwa wenn Google oder Facebook Unternehmen daran hindern würden, an anderer Stelle im Netz Werbung zu treiben.

Google bleibt der dominante Konzern

Doch schon bald könnte es leichter werden, der Werberiesen habhaft zu werden, erklärt Kenning – mit der zehnten Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen nämlich, die aktuell entsteht.

Danach soll das Kartellamt künftig Unternehmen mit überragender marktübergreifender Bedeutung für den Wettbewerb unter die Lupe nehmen können, und zwar „ohne im Einzelnen Marktmacht oder wettbewerbsschädliche Auswirkungen prüfen zu müssen“, so der Ökonom. „Dieses Instrument könnte dann auch auf Google und Facebook Anwendung finden – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Anzeigengeschäft“, erklärt Kenning weiter.

Bis dahin können sich die beiden Tech-Riesen aber weiterhin über volle Kassen freuen: Bis Ende 2021 werden die digitalen Netto-Werbeeinnahmen von Google in Deutschland von 3,53 Milliarden auf dann 4,16 Milliarden Euro steigen. Der Marktanteil werde zwar leicht, um insgesamt 0,8 Prozentpunkte, sinken – Google bleibe aber auch in den kommenden zwei Jahren der dominante Konzern in diesem Sektor. „Suchanfragen bleiben ein zentrales Verhalten für alle Internetnutzer, das Google noch immer abdeckt“, so Karin von Abrams. Weltweit soll Googles Marktanteil sogar weiter steigen: Die digitalen Nettoeinnahmen werden sich in diesem Jahr weltweit auf 95,5 Milliarden Euro belaufen.

Auch die Einnahmen des sozialen Netzwerks Facebook dürften eMarketer zufolge in Deutschland weiter steigen: um 15,5 Prozent auf 1,89 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Erstmals wird der Anbieter hierzulande mehr als ein Viertel der digitalen Werbeausgaben auf sich vereinen. Weltweit soll das Wachstum sogar bei 26,5 Prozent liegen, hier werden die Einnahmen über 63 Milliarden Euro umfassen.

Wie Facebook mit Watch zu Youtube aufschließen will

Facebook will mit seiner Video-Plattform Watch zur ersten Anlaufstelle für Videos werden. Nun greift man Youtube mit neuen Kooperationen erneut direkt an.

Vor rund einem Jahr ist Facebook Watch nach einer einjährigen Testphase in den USA global an den Start gegangen. „Unser Ziel ist es, gemeinsame Erlebnisse rund um Bewegtbild zu erschaffen“, hieß es damals großspurig. Seither hat sich einiges getan, so kommt Facebook Watch mittlerweile auf weltweit rund 720 Millionen User im Monat, 140 Millionen davon sollen jeden Tag mindestens eine Minute Inhalte auf der Plattform schauen. Durchschnittlich beträgt die Sehdauer laut Facebook 26 Minuten – detaillierte Zahlen für Deutschland veröffentlicht das Unternehmen nicht. Anders als Netflix und Prime Video setzt man nicht nur auf eigenproduzierten Content, sondern auch wie Youtube stark auf von den Usern hochgeladene Videos.

So gab man bei Facebook zwar eigene Dramaserien in Auftrag, bei Facebook Watch sehen die Nutzer aber auch lustige Tiervideos und andere schräge Inhalte. Bei diesem Mix wird es auch bleiben. „Wir sind eine offene Plattform, das unterscheidet uns von anderen. Jeder, der eine Facebook-Seite betreibt, kann Videos hochladen. Das soll auch in Zukunft so bleiben“, sagt Matthew Henick, Head of Content Planning and Strategy bei Facebook.

Zuletzt hatte man bereits Partnerschaften mit verschiedenen deutschen Medienhäusern bekanntgegeben. So produziert ProSiebenSat.1 seit dem Sommer Behind-the-scenes-Material für Facebook Watch und nutzt die Plattform auch für die Ausspielung von Archivware. Auch RTL II, Burda, Springer und G+J sind Kooperationen mit Facebook eingegangen. Nun dreht man beim Social-Media-Riesen das Rad noch etwas weiter – und greift Youtube direkt an.

So will man in einem neuen Programm bekannte Influencer und Social-Media-Stars mit großen Medienhäusern zusammenbringen, um diese gemeinsam an neuen Inhalten arbeiten zu lassen. In den USA hat man das bereits getestet und zeigt sich zufrieden, nun also der Start in Europa. In Deutschland sind zum Start Brainpool und Burda mit dabei, weitere Partner sollen in den kommenden Monaten folgen. Sie bringt Facebook dann wie gesagt mit Influencern zusammen – und finanziert dann auch einen Teil der neuen Formate.

Wieso das ein direkter Angriff auf Youtube ist? Bei den Social-Media-Stars setzt Facebook sehr auf Namen, die schon bekannt sind – und die ihren Schwerpunkt von Youtube zu Facebook Watch verlagern könnten. So bringt man etwa Joyce Ilg mit Brainpool zusammen. Auf Googles Video-Plattform kommt sie mittlerweile auf mehr als 1,2 Millionen Abonnenten. Mit Brainpool macht sie nun das Format „Fake Date“. Dabei handelt es sich um ein Versteckte-Kamera-Format, bei dem sich zwei Menschen zu einem Date treffen. Die Frau muss aber das tun, was Ilg ihr über einen In-Ear-Kopfhörer sagt. Ein weiteres Format von Brainpool ist „Ek is back“ mit Rapper Eko Fresh, der auf fast 500.000 Abonnenten bei Youtube kommt. In den jeweils vierminütigen Folgen setzt sich Eko Fresh mit alten Branchenkameraden zusammen und erinnert sich an alte Zeiten. Darüber hinaus macht Brainpool jeweils ein neues Format mit Teddy Teclebrhan („Antoine Undercover“) und Michael Schulte („Let the movie speak“).

Burda, ganz konkret bunte.de, bringt man mit Ilka Bessin, Monica Ivancan, Isabell Horn, Natascha Ochsenknecht, Betty Taube und Kim Gloss zusammen, die fast alle bei Instagram und/oder Youtube viele Follower haben. Bessin, besser bekannt als Cindy aus Marzahn, trifft in dem Format „Ilka – Extra scharf“ Promis an einem Currywurst-Stand und spielt mit ihnen „Wahrheit oder Pflicht?“. Ex-„DSDS“-Teilnehmerin Kim Gloss präsentiert auf der Video-Plattform künftig eine Art Rankingshow, in der es um die besten Social-Media-Posts von Stars und Sternchen geht. Monica Ivancan, Isabell Horn und Natascha Ochsenknecht machen außerdem „No Drama, Mama“. Das soll ein „temperamentvolles Gruppengespräch“ werden, bei dem Zuschauer Fragen über das Elternsein stellen können. Und Betty Taube hat „Ein Herz für Streuner“ und versucht in der Reihe ein Zuhause für Hunde aus dem Tierheim zu finden.

Darüber hinaus hat Facebook auch noch Kooperationen mit Influencern und Medienhäusern in Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien bekanntgegeben. Inhaltlich sollen die Macher die volle redaktionelle Kontrolle über die Formate haben, Facebook will ihnen also nicht reinreden. Was dem US-Unternehmen aber wohl ohnehin wichtiger ist, ist das Geld. Hier schneidet Facebook nämlich wie gewohnt mit. Während Facebook 45 Prozent der Werbeeinnahmen erhält, die die Publisher mit den Videos machen, geht der Rest an eben diese.

Langfristige Business-Modelle für alle Seiten?
„Wir wollen den Menschen mehr lokale Inhalte anbieten. Das geht nur, wenn wir wissen, was sie sehen wollen und auch nur dann, wenn unsere Partner die volle Kontrolle über ihre Inhalte haben und behalten“, sagt Matthew Henick. Jens-Uwe Bornemann, Director of Media Partnerships Central and Eastern Europe bei Facebook, ergänzt im Gespräch: „Mit dem neuen Programm wollen wir unseren Medienpartnern die Möglichkeit geben, neue Formate auszuprobieren. Das passiert mit dem Ziel, dass sie daraus langfristig nachhaltige Business-Modelle gestalten können.“ Und ganz nebenbei hofft man natürlich, dass die Influencer künftig Facebook Watch zu ihrer Bewegtbild-Plattform Nummer eins machen.

Wie langfristig diese Business-Modelle aber sein werden, sollte Facebook irgendwann mal kein zusätzliches Geld hinzu schießen, muss sich erst noch zeigen. In diesem ersten Schritt profitieren sowohl Medienhäuser als auch Influencer von Facebooks Ziel, Youtube endlich das Wasser abzugraben. „Wir sind die erste Anlaufstelle für alle Videoinhalte-Anbieter, die ihr bestehendes Publikum sowie neue Menschen erreichen wollen“, sagt Bornemann. Auch ein Jahr nach dem weltweiten Rollout von Facebook Watch sind die Ansprüche also nicht kleiner geworden.

Ist Netflix nur der Türöffner für die großen Konzerne?

Diese These wird von niemand geringerem als der Chefin der weltgrößten TV-Messe Mipcom vertreten. Eins ist aber schon jetzt klar: Der Streamingmarkt wird sich 2020 sehr verändern.

Die Branchenexpertin Laurine Garaude betonte zum Beginn des Branchentreffs am Montag im französischen Cannes, der Überzeugung zu sein, dass Netflix lediglich als Wegbereiter in die Streaming-Historie eingehen wird.

Disney, Warner und Apple wollen noch in diesem Jahr ihre eigenen Video-on-Demand-Portale starten. Während die beiden ersteren Unternehmen über ein riesiges Archiv mit unzähligen Blockbustern – darunter „Star Wars“ – verfügen, ist Apple ein Technologie-Gigant, der über die Verbreitung seiner Endgeräte sofort Hunderte Millionen Konsumenten direkt erreichen kann.

Diese Hintergründe fehlen Netflix beide, beziehungsweise man wird in Zukunft noch mehr dazu gezwungen einen eigenen Katalog an Inhalten aufzubauen. Disney zog sein Programm zu Gunsten des eigenen Dienstes ab.

„Innerhalb der nächsten zwölf Monate wird sich der gesamte Streaming-Markt stark verändern“, prophezeite auch der Produzent Oliver Berben („Schuld“). Er sagte der dpa in Südfrankreich: „Unter anderem über unsere Niederlassung in Los Angeles verhandeln wir bereits seit längerer Zeit mit sämtlichen großen Playern über konkrete Groß-Projekte.“ Nicht nur für ihn sei die Zusammenarbeit besonders interessant, weil diese Plattformen direkt den ganzen Weltmarkt im Blick haben. Aktuell bereitet Produzent Berben die Serie „Resident Evil“ für Netflix vor.

Auch Michael Souvignier von der Produktionsfirma Zeitsprung hat die aufwändige ARD–Serie „Oktoberfest“, die an der Cote d’Azur unter dem Titel „Empire Oktoberfest“ angeboten wird, direkt mit Blick auf die globale Vermarktung konzipiert: „Wir haben den Film mit internationalen Standards gedreht und das Oktoberfest ist ja mittlerweile eine Marke wie Coca-Cola, jeder auf der Welt kennt es.“

Für sein nächstes internationales Serien-Großprojekt „German Moon“ über die Mitarbeit deutscher Wissenschaftler an der Mondlandung gab der Kölner Souvignier nun auch den Regisseur bekannt: Achim von Borries, der bereits für die erfolgreiche Serie „Babylon Berlin“ Buch und Regie verantwortete.

Robert Greenblatt jedenfalls, als Boss von Warner Media einer der mächtigsten Medienmanager der Welt, formulierte es am Vorabend der Mipcom so: „Die Erschütterung der kompletten Medienwelt ist nicht Teil unserer Arbeit, sie ist unsere Arbeit.“

Die Mipcom in Südfrankreich zeigt bis Donnerstag, was schon bald in Millionen Wohnzimmern über die Bildschirme flimmert. Mehr als 11.000 Verantwortliche von Sendern, Produktionsfirmen, Programmvertrieben, Internetplattformen und Medienkonzernen aus aller Welt kommen zusammen.

App soll Patientendaten an Dritte verschickt haben

Wenn es um Gesundheitsdaten von Patienten geht, gelten strenge Datenschutzregeln in Europa. Doch Berichten zufolge soll die Gesundheits-App Ada sensible Daten an Facebook und Analysefirmen in den USA übermittelt haben.

So soll die Anwendung des Berliner Start-ups Ada Health auf Android-Smartphones unter anderem den Nutzernamen und die Krankenkasse an Facebook überträgen. Die App gebe an Facebook außerdem Informationen darüber weiter, ob man rauche, erhöhten Blutdruck habe oder Diabetes. Das haben sowohl „Heise online“ als auch Kuketz durch Analysen des Datenverkehrs nachgewiesen.

Die App soll Nutzern helfen, Krankheitssymptome zu deuten. Ein Bot befragt die Patienten nach Beschwerden wie Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Fieber. Aus den Antworten ermittelt eine Software, welche Erkrankung vorliegen könnte und ob der Patient zu einem Arzt gehen sollte. Die App ist im Google-Play-Store bereits mehr als fünf Millionen Mal heruntergeladen worden.

Kuketz, der bereits im vergangenen Jahr in der Gesundheits-App Vivy Datenschutzmängel entdeckt hatte, schreibt: „Im Grunde genügt ein Blick in die Datenschutzerklärung, um um die App einen großen Bogen zu machen.“ An Facebook würden bereits Daten gesendet, bevor der Nutzer überhaupt die Chance hat, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu lesen. Außerdem seien zwei weitere Tracker während der Chat-Befragung durch eine frühere Ada-Version aktiv gewesen.

Neben Facebook würden so auch Informationen an die Analysefirmen Amplitude und Adjust geschickt. An Amplitude würden demnach die sensibelsten Details übertragen: die Symptome. Der Sicherheitsexperte entdeckte in den versendeten Daten seine Testeingabe „Inkontinenz“, die er der App anvertraut hatte. Erst in der Ada-Version 2.49.1., die nach der Konfrontation der Entwickler durch „Heise“ veröffentlicht wurde, war keine Datenübertragung an Amplitude mehr zu sehen.

Die Ada-Entwickler wehren sich vehement gegen die Vorwürfe. „Dritte haben ohne die ausdrückliche Zustimmung der Nutzer keinen Zugang zu persönlichen Gesundheitsinformationen“, teilte ein Sprecher am Freitag auf Anfrage des SPIEGEL mit. „Facebook oder Amplitude erfahren folglich nicht, ob ein User beispielsweise angibt, Bluthochdruck zu haben oder wo er versichert ist.“

Man werde eine „sofortige und formelle Richtigstellung verlangen und weitere rechtliche Schritte in Erwägung ziehen“. Man erfülle alle Anforderungen der Datenschutzgrundverordnung und sei ein Medizinprodukt mit CE-Prüfsiegel der Klasse eins. Neben hausinternen Kontrollen habe auch das Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin die App geprüft und dabei „keine Verstöße gegen Qualitätsstandards und geltendes Recht festgestellt“.

„Heise“ kritisiert an der App unter anderem, dass die sogenannte Android-Advertising-ID mitgeschickt werde. Damit sei es möglich, Nutzer zu identifizieren. Der Grund: Die Werbe-ID könne zwar geändert werden, was aber wenige Nutzer machten. Damit sei es möglich, die wahre Identität der Patienten anhand zusätzlicher Daten wie Geburtstag, Wohnort und Hobbys zu ermitteln.

Seit rund einem Jahr unterstützt die Techniker Krankenkasse (TK) die App und empfiehlt ihren Kunden den virtuellen Symptomcheck. Auf eine Anfrage des SPIEGEL teilte eine Sprecherin mit: „Es werden zu keiner Zeit Daten zwischen Ada und der TK ausgetauscht.“ Basis für die Zusammenarbeit sei die verbindliche Einhaltung der Datenschutzrichtlinie und die vertraglich gesicherte Zusage, dass „keine personenbezogenen Daten an Dritte weitergegeben werden“.

Ein Spezialist habe diese Aussage überprüft. Den Vorwürfen werde man so schnell wie möglich nachgehen. „Wir haben bereits von der Ada Health GmbH eine vollständige Offenlegung der Datenstrukturen angefordert“, schreibt die Sprecherin in einer E-Mail. „Bestätigen sich die Vorwürfe, werden wir die Kooperation mit Ada sofort beenden.“

So verändert KI den Fußball

Künstliche Intelligenz ist einer der großen Zukunftsthemen, über deren Potenzial und Einsatzmöglichkeiten nicht zuletzt in der Marketingbranche viel diskutiert wird. Aber auch im Sportbusiness finden KI und Machine Learning in immer mehr Bereichen Anwendung. Vor allem im Fußball gibt es wegweisende Beispiele.

Jiri Pavlenka gehört zu den zuverlässigsten Torhütern in der Fußball-Bundesliga. Der Tscheche vereitelte in der vergangenen Saison so viele Großchancen wie kein anderer Schlussmann der Liga. In der Spielzeit zuvor wehrte er über 73 Prozent der Schüsse ab, die auf sein Tor kamen. Auch dieser Wert wurde von keinem anderen Keeper überboten. Seit Pavlenka 2017 von Slavia Prag zu Werder Bremen wechselte, hat sich sein Marktwert vervierfacht und liegt aktuell bei 12 Millionen Euro

Für seine Vorderleute auf dem Feld ist Pavlenka der große Rückhalt und für seinen Verein ein echter Glücksfall. Bemerkenswert ist aber vor allem die Tatsache, dass die Bremer Verantwortlichen ohne den Einsatz einer künstlichen Intelligenz wohl nie einen Transfer des 27-Jährigen in Betracht gezogen hätten.

Daten spielen im Profifußball eine immer größere Rolle. Für die Analyse von Taktik, Stärken und Schwächen des Gegners sowie den Leistungen der eigenen Spieler haben heute alle Clubs eigene Experten im Trainerteam. Auch im Scouting wird auf den reichen Datenschatz zurückgegriffen, der heute über sämtliche Spieler in beinahe allen Profiligen der Welt gesammelt wird. Und wenn es an die komplexe Auswertung dieser Millionen von Daten geht, kommt immer häufiger künstliche Intelligenz ins Spiel.

Wertvolle Basis für tiefergehende Detailanalyse
Werder Bremen nutzt dazu die KI-Plattform des ortsansässigen Start-ups Just Add AI. Der „JAAI Scout“ ist ein intelligentes Scouting-Tool, das Daten aus unterschiedlichen Quellen aggregiert und relevante Erkenntnisse aus unstrukturierten Daten extrahiert. Um mehr als 100000 Scouting-Berichte automatisch analysieren und zusammenfassen zu können, ist das KI-System Watson von IBM in den „JAAI Scout“ integriert. Zudem kann das Tool „Watson Personality Insights“ Persönlichkeitsprofile von Spielern erstellen und in Verbindung mit „Watson Analytics for Social Media“ relevante Informationen über den jeweiligen Spieler aus sozialen Netzwerken, Foren und News-Seiten herausfiltern.

So liefert das Scouting-Tool den Anwendern eine wertvolle Basis für eine tiefergehende Detailanalyse zu den Stärken und Schwächen von Fußballprofis. Im Fall von Jiri Pavlenka hat dies dazu geführt, dass Werder Bremen auf dem Transfermarkt eine echte Verstärkung zum Schnäppchenpreis gefunden hat, von der der Club langfristig profitiert.

So liefert das Scouting-Tool den Anwendern eine wertvolle Basis für eine tiefergehende Detailanalyse zu den Stärken und Schwächen von Fußballprofis. Im Fall von Jiri Pavlenka hat dies dazu geführt, dass Werder Bremen auf dem Transfermarkt eine echte Verstärkung zum Schnäppchenpreis gefunden hat, von der der Club langfristig profitiert.

Sicher im Stadion dank Deep Learning
Mehr Sicherheit im Fußballstadion dank künstlicher Intelligenz: Zu diesem Zweck hat der FC Bayern München im Frühsommer eine Partnerschaft mit dem kanadischen Sicherheitsunternehmen Liberty Defense Holdings geschlossen. Das Versprechen: Ein Deep-Learning-Algorithmus mit dem Namen „Hexwave“ soll – wenn auch zunächst nur im Rahmen einer Beta-Testreihe – unerlaubte Objekte und gefährliche Gegenstände unter den Zuschauern in der Münchner Allianz Arena erkennen. Das System kann laut Hersteller sowohl metallische als auch nicht-metallische Gegenstände mit Gefahrenpotenzial identifizieren. „Hexwave“ liefert die Ergebnisse in Echtzeit. Der Clou: Die KI-Technologie kann sogar außerhalb des Sichtbereichs in Wänden, hinter Schildern oder Bildschirmen integriert werden. Mithilfe von 3D-Bildern kann das System Waffen auch unter Kleidung und in Taschen erkennen.

Dass ohne KI und Datentechnologien im Profifußball heute so gut wie nichts mehr geht, weiß man auch bei SAP. Der deutsche Software-Riese hat bereits vor einigen Jahren mit „SAP Sports One“ eine cloudbasierte Lösung entwickelt, die sowohl der Deutsche Fußball-Bund (DFB) für die Nationalmannschaft als auch mehrere Bundesligisten einsetzen. Die Software sammelt und bündelt Daten aus Millionen von Informationen mit dem Ziel, die Spielweise eines bestimmten Gegenspielers exakt zu analysieren und die Leistungen der eigenen Mannschaft und Spieler zu steigern. Die KI hilft dabei, Daten zu kategorisieren, sodass Trainer ihr Team gezielt anhand von Spielsequenzen vorbereiten können. Zudem kann die Lösung auch Maßnahmen zur Prävention von Verletzungen anbieten.

Zu den berühmtesten Anwendern von „SAP Sports One“ zählt der amtierende englische Meister Manchester City. Der Club des spanischen Erfolgstrainers Pep Guardiola nutzt die „SAP Challenger Insights“. Die App wird via Tablet genutzt und ermöglicht Trainern und Analysten den Zugriff auf Auswertungen zur Taktik, dem Spiel des Gegners sowie zu Aufstellung, Offensiv- und Defensivverhalten. Diese Daten und Analysen lassen sich in Echtzeit vor, während und nach einem Spiel nutzen. In den großen US-Sportarten American Football und Baseball gehören KI-Anwendungen im Talentscouting und der Match- und Gegneranalyse ebenfalls zum Alltag.

Die Beispiele von Just Add AI und SAP sind nur zwei von vielen, die die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz im Sport (speziell im Fußball) unter Beweis stellen. „Das Thema KI hat im Sportbusiness, wie auch in allen anderen Branchen, das Potenzial, in den kommenden Jahren zum echten Game Changer zu werden“, sagt Hendrik Fischer, Geschäftsführer von Onezero X, einer auf KI im Sportbusiness spezialisierten Agentur in Wiesbaden. „Die exponentiell fortschreitende Technologisierung der Sportbusiness-Branche sowie die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen sind und werden immer mehr spürbar – im Spitzen- wie im Breitensport.“ Allerdings werde der Spitzensport früher und intensiver von den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz profitieren als der Breitensport.

Ein noch größeres Potenzial als den Anwendungsbereichen Scouting und Spielanalyse schreibt Fischer dem Sportbusiness selbst zu – also dem wirtschaftlichen Ökosystem rund um den Sport. „Die modernen Machine-Learning- und KI-Lösungen, die heutzutage bereits bei großen Konzernen entwickelt und implementiert werden, lassen sich auf viele Fragestellungen der Vereine im Sportbusiness übertragen“, so der Onezero-X-Chef. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass jeder Marktteilnehmer profitabel und effizient wirtschaften muss, bieten Machine Learning und KI massive und bis dato ungenutzte Potenziale, um signifikante Ertragssteigerungen zu erzielen.

Einsatzmöglichkeiten bestehen zum Beispiel im dynamischen Preismanagement, der Berechnung von No-Show-Raten bei Business Seats und den präzisen Prognosen von Umsatzerlösen durch Spielertransfers. „Der Grundstein für diese Anwendungen sind Daten“, so Fischer. „Und genau hier muss die Sportbusiness-Industrie noch stärker und systematischer vorgehen. Das heißt: Nicht nur Daten sammeln, sondern diese auch intelligent speichern und zugänglich machen.“

KI hilft, die Auslastung zu optimieren
Ein Beispiel für einen solchen Case liefert der FC Barcelona. Der spanische Vorzeigeclub optimiert mithilfe von Machine Learning die Stadionauslastung im Camp Nou. Dabei wird durch KI-Prognosemodelle die Anzahl verfügbarer Sitzplätze in Abhängigkeit von verschiedenen Einflussfaktoren wie kalendarischen Effekten (Monat, Wochentag, Ferien), der Wettervorhersage oder der jeweiligen Attraktivität des Gegners berechnet. Anschließend kann über gezielte Pricing- und Ticketing-Logiken die Auslastung optimiert werden. Auch in Deutschland ist eine solche Anwendung nicht mehr weit von der Praxis entfernt: Laut eigenen Angaben arbeitet Onezero X aktuell mit einem Pilotpartner aus der Bundesliga an einem entsprechenden Projekt.

KI dient im Sport(-Business) in vielen Fällen schon heute als wertvoller strategischer Assistent für Funktionäre und Trainer. Eine funktionierende KI sucht nach Mustern, die dabei helfen, die besten Entscheidungen zu treffen – und zwar über das Bauchgefühl der Verantwortlichen hinaus. „KI macht aus Big Data Smart Data“, fasst Fadi Naoum, Head of Development for Sports & Entertainment bei SAP, zusammen. Technologie ist in der Fußballwelt von heute, in der das Ausruhen auf dem Erfolg von gestern schon den nächsten Sieg kosten kann, ein entscheidender Faktor. „Innovative Technologien, die auf Smart Data, Datenanalysen, virtueller Realität, maschinellem Lernen, biometrischen Sensoren und künstlicher Intelligenz basieren, geben Mannschaften, Trainern und Athleten die Details an die Hand, die über Sieg oder Niederlage entscheiden können.“

Das Thema kommt in der Politik an
Allerdings nützt der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Sport nicht nur den Verantwortlichen der jeweiligen Clubs und Unternehmen. Auch den Fans kommen einige der KI-Anwendungen direkt zugute. So arbeitet die Deutsche Fußball-Liga (DFL) mit einem israelischen Unternehmen namens WSC Sports zusammen, das eine Technologie entwickelt hat, mit der sich auf Grundlage verschiedener Parameter automatisiert Highlight-Clips von Bundesligaspielen erstellen lassen. Dabei werden im Vorfeld spezifische Zielgruppen definiert, die zu den jeweiligen Lizenznehmern der DFL passen.

So erhalten Lizenznehmer aus Japan vornehmlich Highlight-Clips mit Szenen von japanischen Bundesligaspielern. „KI und maschinelles Lernen sind eine sinnvolle Ergänzung unserer Content-Produktion, mit der wir die Bedürfnisse unserer Kunden genauso wie die verschiedenen Fansegmente individuell bedienen und für die Inhalte der Bundesliga begeistern können“, sagt Andreas Heyden, Executive Vice President Digital Innovation bei der DFL.

Ganz ähnlich funktioniert eine Kooperation von Microsoft mit der PGA Tour, dem größten Golf-Unternehmen in den USA und Ausrichter der gleichnamigen, höchstdotierten Turnierserie der Welt. Auf der Basis von PGA-Statistiken aus mehr als 20 Jahren und mehreren Tausend Stunden Bewegtbild-Inhalten des PGA-Digitalarchivs hat Microsoft eine KI-Anwendung angelernt, damit diese während der Live-Übertragung Statistiken einblendet, die zum Geschehen auf dem Grün passen. Das Ganze passiert automatisch und in Echtzeit. Die Bewegungen und Haltungen der Golfer werden in einem ersten Schritt von sogenannten „Pose Estimation Models“ erkannt. Hierbei handelt es sich um Deep-Learning-Modelle, die die verschiedenen Gliedmaßen, Gelenke und deren Position zueinander aus einem (Video-)Bild erkennen können. Im zweiten Schritt wird dann die dazu passende Statistik ausgespielt.

Die genannten Beispiele zeigen, dass die Einsatzmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz und Smart Data schon heute vielfältig sind – insbesondere im Spitzensport und im Fußball. Dabei steht die Entwicklung noch ganz am Anfang, die Verbreitung und Implementierung von KI-Anwendungen im Sportbusiness werden in den nächsten Jahren rasant zunehmen.

Zu der wachsenden Bedeutung von sportspezifischer KI in der öffentlichen Wahrnehmung passt auch, dass das Thema mittlerweile in der Politik angekommen ist. Vor wenigen Monaten hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) die Initiative „Digital Sports Hub“ ins Leben gerufen. Dahinter steckt ein Team, das unter anderem aus Experten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Lehrstuhl Maschinelles Lernen und Datenanalytik, dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft und SAP besteht. Das Ziel des Digital Sports Hub ist der Aufbau eines deutschen Ökosystems und Industrial Sports-Data Space für präventionsbezogene Sport-, Fitness- und Gesundheitsdaten.

Im Mittelpunkt steht dabei der Aufbau einer für KI-Geschäftsmodelle optimierten und auf Spitzen- und Breitensportdaten basierenden Datenbank. Der Digital Sports Hub soll die Effizienzpotenziale deutscher wie europäischer Unternehmen stärken und als Treiber für innovative Wertschöpfungsketten im Bereich digitaler Sportdaten dienen. Dabei wird es dem Digital Sports Hub gerade auch darum gehen, den Breitensport fit für die Smart-Data-Zukunft zu machen. Die vielen Beispiele aus dem Profifußball sind da ganz sicher eine willkommene Inspiration.

Wie es mit der Mopo weitergehen könnte

Susan Molzow, die Geschäftsführerin der Hamburger Boulevardzeitung, verhandelt über ein Management-Buy-out. Der Name, unter dem das Projekt firmiert, lautet Mars. Er ist womöglich inspiriert von der wirtschaftlichen Situation des Verlags.

Bei der Hamburger Morgenpost haben sich schon viele ausprobiert: Chefredakteure wie Wolfgang Clement und Mathias Döpfner ebenso wie wechselnde Eigentümer, darunter die SPD, Gruner + Jahr und der Investor David Montgomery. Jeder hinterließ bei dem Blatt Blessuren; Döpfner räumte jüngst in der Sonderausgabe zum 70. Geburtstag sogar ein: „Ich war eine Fehlbesetzung.“

DuMont, der derzeitige Besitzer, sucht seit einem Jahr einen Ausweg aus dem Zeitungsgeschäft im Allgemeinen und dem Hamburger Boulevard im Besonderen. Ein Management-Buy-out (MBO) könnte die Lösung sein. Für die Kölner wird sie wohl nur umzusetzen sein, wenn sie eine Mitgift zahlen. Der zunächst bereitstehende Vermarktungschef Martin Stedler hat bereits entnervt gekündigt, nun wird mit der Geschäftsführerin Susan Molzow verhandelt. Mars lautet der Name, unter dem das Vorhaben firmiert.

Molzow hat sich verpflichtet, auf eigene Rechnung zu agieren. Sie ist demnach nicht Teil eines Konsortiums, über das in der Hansestadt seit einiger Zeit spekuliert wird. Mithilfe des Medienunternehmers Frank Otto, so heißt es, könnte ein Gebilde aus Zeitung, Digital-Auftritt, Audio und TV geformt werden. Womöglich kam der Name des Versandhauserben aus anderen Gründen ins Spiel. Zum einen war er von 1999 an schon einmal Eigentümer der Mopo – damals zusammen mit dem 2015 gestorbenen Bildhauer-Erben Hans Barlach; zum anderen ist seine ältere Schwester Ingvild, eine Kunstsammlerin, verheiratet mit Stephan Goetz, dessen Münchner Beratungsunternehmen Goetzpartners im Auftrag von DuMont 2018 den Verkaufsprospekt für die Regionalmedien erstellte.

Publizistisch ist die Mopo längst nicht mehr die Anti-Bild, die der links wählende Hamburger schon am Vorabend auf dem Heimweg von der Kneipe liest. Wirtschaftlich ist sie defizitär, wie eh und je. Rund 15 Millionen Euro setzt der Verlag noch um. Und unterm Strich stehen Zahlen, die so rot sind wie der Planet, nach dem das Projekt benannt ist. Auf rund 1,4 Millionen Euro summiert sich der Jahresfehlbetrag. Schuld ist auch die rückläufige Print-Auflage. Im Einzelverkauf werden knapp 37.000 Exemplare abgesetzt. Die 3.000 Abonnenten fallen kaum ins Gewicht. Digital dagegen ist Mopo.de Reichweitenführer im Norden. Wäre also die Einstellung der gedruckten Zeitung eine Lösung?

Der Gedanke kursiert. Nicht ohne Grund wurde der taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch um Rat gefragt, nachdem er angekündigt hatte, mittelfristig auf die werktägliche Print-Zeitung verzichten zu wollen. Im Gespräch mit HORIZONT sagte Ruch: „In deren Situation möchte ich nicht stecken: Boulevardzeitung, kein Marktführer in Hamburg, keine treuen Abonnenten und ein maues Anzeigengeschäft, aber aufs Internet hoffen? Na ja.“

Der Verzicht auf Print würde zwar auch bei der Mopo Zustellkosten einsparen. Allerdings erwirtschaftet Print immer noch rund 9 Millionen Euro Vertriebserlöse. Das Digitalgeschäft bringt dagegen magere 2,5 Millionen Euro. Eine Redaktion lässt sich damit nicht finanzieren, das wird auch Susan Molzow wissen.

Die 53-Jährige arbeitete lange für G+J, bevor sie 2010 Geschäftsführerin der Mopo wurde. Ein Management-Buy-out ohne die lukrative 5-Prozent-Beteiligung an Radio Hamburg, die DuMont gern behalten würde, und einige Millionen Euro Mitgift werden kaum realistisch sein. Ende November könnte es Klarheit geben.

Viel RT.com auf „EP Today“: Unter fremder Flagge

Die Webseite von „EP Today“ macht einen höchst offiziellen Eindruck. Neben dem Logo im Blau der EU-Flagge mit zwölf gelben Sternen für die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union bezeichnet sich die englischsprachige Publikation selbst als „Monatsmagazin für das Europäische Parlament“. In der Selbstbeschreibung heißt es, „EP Today“ transportiere nicht wie andere Medien nur tägliche Nachrichten, vielmehr würden hier Meinungen von Mitgliedern des Europäischen Parlaments veröffentlicht. Nach einer Untersuchung des Europäischen Auswärtigen Dienstes würde dies jedoch nur dann stimmen, wenn das EU-Parlament mehrheitlich aus russischen Abgeordneten bestünde.

Genauer angesehen hat sich „EP Today“ die Kampagne „EU vs Disinformation“. Sie wird betrieben von der East StratCo-Task-Force, die wiederum zum Europäischen Auswärtigen Dienst, also dem auswärtigen und diplomatischen Dienst der Europäischen Union, gehört. Die Task Force wurde gegründet, nachdem sich die Staats- und Regierungschefs der EU entschlossen haben, etwas gegen die russischen Desinformationskampagnen zu unternehmen. „Wie bekomme ich das Europa-Parlament dazu, Russia Today zu lesen?“, heißt der Beitrag ironisch, der sich mit „EP Today“ befasst.

18 000 Texte untersucht

Die StratCom-Taskforce hat sich zwei Jahre lang die Artikel auf „EP Today“ angesehen. Insgesamt handelte es sich um annähernd 18 000 Texte in der Zeit zwischen April 2017 und August 2019. Dabei stellte sich heraus, dass kaum ein Beitrag auf „EP Today“ auch wirklich von dieser Plattform stammte. Bei 47 Prozent der untersuchten Artikel handelte es sich demnach vielmehr um wörtliche Kopien von Beiträgen, die zuvor auf RT.com – also von Russia Today – erschienen waren. Nur 25 Artikel auf „EP Today“ stammten tatsächlich von Abgeordneten oder anderen Entscheidungsträgern des Europäischen Parlaments – umgerechnet also deutlich weniger mal ein Prozent aller Beiträge. An Stelle einer eigenen Redaktion gelangten die meisten Beiträge zudem komplett automatisiert aus fremden Quellen auf die Webseite.

Aktuell nimmt ein Beitrag unter der Überschrift „Keine Kampfflugzeuge oder Panzer: Russisches Militär veröffentlicht Entspannungs-Video vom malerischen arktischen Archipel“ einen großen Raum auf der Webseite ein. Es geht um eine 44-tägigen Arktis-Expedition nach Franz Josef Land, die vom russischen Verteidigungsministerium, der Russian Geographical Society und dem Russian Arctic National Park organisiert wurde – mit friedlichen Eisbären und dösenden Walrossen. Unter dem Text wird auf RT.com verwiesen. Wie anders da doch die Amerikaner in einem anderen Beitrag von „EP Today“/RT.com mit der Überschrift „Tolles Spiel in der Arktis: USA wollen Militärhafen gegen Russland und China am Nordpol“ beschrieben werden.

CORRESPONDENI: Entschleunigte Nachrichten für engagierte Leser

Unbreaking news“ statt schneller Schlagzeilen: Diese Form der Nachrichtenkost verspricht die Website „The Correspondent“, die seit vergangener Woche online ist. Es dürfte sich dabei um einen der derzeit interessantesten Versuche handeln, mit Journalismus im Internet Geld zu verdienen. In einer großangelegten Crowdfunding-Kampagne hatte „The Correspondent“ knapp 2,4 Millionen Euro von seinen künftigen Abonnenten eingesammelt, diese sollen auf dem Internetportal vor allem längere Recherchen und Hintergrundstücke bekommen – und zwar werbefrei. „Wir werden nicht atemlos dem Nachrichtenkreislauf hinterherrennen, sondern über die grundlegenden Kräfte berichten, die unsere Welt gestalten“, heißt es dramatisch formuliert auf der Seite. Die niederländische Schwesterseite „De Correspondent“ tut dies bereits seit sechs Jahren.

Offenbar mit Erfolg: Sie hat rund 60 000 Mitglieder, also Unterstützer, die den Betrieb der Plattform mit ihren monatlichen Abo-Beiträgen am Laufen halten. Über die Höhe der Beiträge darf der Abonnent laut „Correspondent“ selbst entscheiden. Angefügt ist nur ein Richtwert: „Wenn Sie nicht wissen, wie viel Sie zahlen wollen, können Sie einfach den nationalen, monatlichen Durchschnitt von 10 $ bezahlen.“ Im deutschsprachigen Raum haben sich ähnliche Angebote wie „Krautreporter“, „Perspective Daily“ oder die schweizerische „Republik“ in der Nische etabliert. Sie wurden zum Teil durch das niederländische Original „De Correspondent“ inspiriert. Nun versucht das vom Journalisten Rob Wijnberg mitgegründete Medien-Start-up mit seinem Ableger den Fuß in die Tür des internationalen Marktes zu bekommen. Nicht nur, aber auch in Amerika.

45 000 neue Mitglieder aus mehr als 130 Ländern haben „The Correspondent“ mit ihrem Geld möglich gemacht – und die haben gewisse Erwartungen, wie die Monate nach der erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne und vor dem Launch der neuen Seite zeigten: Zunächst hatten sich die Gründer nämlich einen veritablen Shitstorm in den sozialen Medien mit der Ankündigung eingehandelt, kein eigenes Büro in New York zu eröffnen, sondern weiterhin von Amsterdam aus zu operieren. Die vielen aufwendigen PR-Aktionen vor dem Start hatten jedoch genau den Eindruck erweckt, man habe es vor allem auf den amerikanischen Markt abgesehen.

Unter anderem war Wijnberg in der Satiresendung „The Daily Show“ aufgetreten, dazu wurden über Social Media immer wieder Bilder eines roten Übertragungswagens mit dem Schriftzug „Unbreaking news“ vor amerikanischen Gebäuden veröffentlicht, darunter vor dem Weißen Haus in Washington. Die Erwartung, dass hier ein Medienangebot entsteht, das sich in erster Linie an amerikanische Leser richtet, war also naheliegend. Die erste Neueinstellung für Amerika, Zainab Shah, die als Projektmanagerin das globale Mitgliederwachstum steuern sollte und von der Nachrichtenseite „Buzzfeed“ abgeworben worden war, fühlte sich ebenso getäuscht wie viele Nutzer und schmiss im März dieses Jahres via Twitter-Tweet hin. Die Gründer von „The Correspondent“ veröffentlichten als Reaktion einen Brief an ihre Mitglieder mit der Überschrift „Wir haben Mist gebaut“, in dem sie sich für die mangelhafte Kommunikation entschuldigten. Angesprochen auf die Fehler im Vorfeld des Launches sagte Rob Wijnberg dieser Zeitung: „Wir haben gelernt, offener mit unseren organisatorischen Entscheidungen umzugehen, und haben bereits damit begonnen, das auch in die Tat umzusetzen.“

Tatsächlich erschien kürzlich ein Artikel auf der Plattform, der die Finanzen des Medienunternehmens offenlegt, inklusive einer Erläuterung der laufenden Kosten bis zum Ende des ersten Jahres (2,9 Millionen Euro) und der Frage, wofür diese Summen investiert werden (52,8 Prozent fließen künftig in die Redaktion). Diese Transparenz ist Teil des Versprechens, nahe an den Lesern zu sein, sie nicht nur als passive Konsumenten zu behandeln. Und ihnen auch einen direkten Zugang zu den Journalisten zu ermöglichen: Fünf Vollzeit-Redakteure wurden zum Start benannt, freie Autoren sollen das Netzwerk von Korrespondenten auf der ganzen Welt erweitern.

Doch welche Art von Artikeln finden zahlende Leser auf der Plattform? Die ersten vier Texte zum Start umfassten einen 13 000-Zeichen-Bericht eines Autors über seine Depression und wie die Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen umgeht, ein neurowissenschaftlich angehauchtes Stück darüber, wie die ersten 1000 Tage des Lebens einen Menschen prägen, und eines über „Othering“, also das, was passiert, wenn man andere etwa aufgrund des Geschlechts, der Religion oder der ethnischen Zugehörigkeit ausgrenzt. In einem weiteren Artikel beschreibt ein Journalist, wieso es einem nicht egal sein kann, wenn Wirbelstürme die Bahamas verwüsten, und inwiefern der Klimawandel auch eine zwischenmenschliche Komponente in sich trägt. Der Verfasser, Klima-Korrespondent Eric Holthaus, ist ehemaliger Kolumnist des „Wall Street Journal“ und der einzige feste Autor mit Sitz in den Vereinigten Staaten. Gemeinsam haben all diese Artikel, dass sie Themen behandeln, deren Dringlichkeit dem Leser wohl eher auf den zweiten Blick einleuchtet. Hier deutet sich tatsächlich an, dass „The Correspondent“ sich nicht zuvorderst den Schlagzeilen widmet und wenn es um ein aktuelles Thema geht – Stichwort Klimawandel, versucht wird, diesem einen neuen Dreh zu geben. Was zum Auftakt völlig fehlt, sind exklusive Enthüllungsgeschichten. In den Texten selbst werden Quellen und weiterführende Artikel verlinkt, im Kommentarbereich reagieren die Autoren auf Rückmeldungen der Community. Die Leser, so die Vision, sollen sich selbst einbringen können, mit der Redaktion interagieren und ihre Expertise zu bestimmten Themen beisteuern.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie groß der Bedarf für ein solches Angebot auf dem umkämpften Markt ist. Gründer Rob Wijnberg jedenfalls ist euphorisiert, die ersten Rückmeldungen der Mitglieder seien positiv: „Es fühlt sich wirklich unglaublich an, solch engagierte Leser aus der ganzen Welt zu haben.“

Influencer auf den Spuren der Porno-Industrie

Die Privatsphäre erodiert weiter vor sich hin. Instagram versucht aber trotzdem, die neue Anwendung – in einem Blogeintrag mit reichlich rhetorischer Dreistigkeit – als Sicherheitsfeature zu vermarkten. „Threads wurde im Sinne der Privatsphäre entwickelt“, heißt es dort. Schließlich könnten nur ausgewählte enge Freunde den computergenerierten Status sehen.

Die Bedeutung des Wörtchens „Freund“ hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten ja ohnehin einen dramatischen Wandel hingelegt, der noch immer anhält. Galt es bis vor wenigen Jahren noch als möglichst erstrebenswert, so viele Freunde und Follower wie möglich auf den unterschiedlichen Social-Media-Profilen anzuhäufen, hat inzwischen eine Gegenbewegung eingesetzt. Heutzutage wird streng nach Qualität der Kontakte unterschieden.

Trend auf Instagram

Eine junge Frau namens Caroline Calloway hat es in dieser Disziplin zur Großmeisterschaft gebracht. In einschlägigen Kreisen ist sie durch konsequente Selbstentblößung bekannt, die ihr einen Buchdeal von einer halben Million Dollar eingebracht hat, der platzte, nachdem sie den Vorschuss schon verjubelt hatte. Im vergangenen August machte sie ihren knapp 800 000 Followern das Angebot, für zwei Dollar im Monat Zugang zu ihrem inneren Kreis zu erhalten. Wer 100 US-Dollar bezahlt, steigt dann sogar in die Kategorie „Engste Freunde“ auf. Es winkt als Gegenleistung immerhin ein einstündiges Skype-Telefonat mit der bezahlten Freundin.

In letzter Zeit reicht es Influencern nicht mehr, in ihren Postings Produkte anzupreisen. Weil heutzutage jeder eine Marke ist, vermarkten sie ihre Freundschaft. Calloway ist eine von vielen Instagram-Promis, die gegen Bezahlung persönliche Zuneigung versprechen. Private Nachrichten, Fotos mit Widmung, personalisierte Sprachaufzeichnungen. Das zumeist junge Publikum ist es ohnehin gewohnt, dass sich auf der Plattform alles ums Geld dreht. Wenn soziale Beziehungen zur Handelsware werden, ist das nur der konsequenteste Auswuchs der sogenannten Aufmerksamkeitsökonomie. Nur geht es nicht mehr darum, die Aufmerksamkeit der Nutzer zu gewinnen. Nein, auch sie selbst wollen nun Beachtung, der Warenstrom kehrt sich um. Und das erlernte Verhalten lautet: bezahlen. Die Monetarisierung von Intimität ist ein Phänomen, das man eher in der Pornoindustrie verorten würde. Und weil die traditionell eine Vorreiterrolle für die Tech-Branche innehat, lautet hier der Trend schon lange: Exklusivität. Glaubt man der Kolportage, ist es für die Darsteller lukrativer, private Webcam-Shows vor wenigen zahlenden Zuschauern zu streamen, als sich für die üblichen Filme herzugeben.

Kogels Pläne mit Leonine: “Haben zum ersten Mal die Chance, aus Deutschland heraus nachhaltig für den Weltmarkt zu produzieren”

Erstmals seit sich mit Leonine ein neues Medienunternehmen formiert hat, äußert sich dessen CEO Fred Kogel ausführlich zu den Plänen und dem Geschäftsmodell dahinter. Über das mögliche Wachstum verrät der Medienmanager unter anderem: „In den nächsten zwei Jahren wollen wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz organisch wachsen.“

Über das Frühjahr und den Sommer verging fast keine Woche, in der es nicht neue Nachrichten um das Medienunternehmen Leonine gab. Die Holding von Fred Kogel und Finanzinvestor KKR, zu dem die frühere Tele München Gruppe, Universum Film, i&u TV und Wiedemann & Berg Film gehören, ließ sich allerdings darüber hinaus nicht in die Karten blicken. Das hat nun ein Ende. Der Medienmanager Kogel hat sich erstmalig ausführlich über die Pläne mit Leonine geäußert und sich dafür ausgesucht.

Das Geschäftsmodell sei auf die Zukunft ausgerichtet. Denn die sei digital, so Kogel. “Wir sehen klar die Chancen, die die disruptiven Umbrüche im Markt bieten, und wollen sie konsequent nutzen. Sie kennen die Marktsituation ja so gut wie ich: Aktuell ändert sich die Art und Weise, wie die Konsumenten den Content nutzen, radikal und irreversibel.” Trotz aller damit verbundenen Risiken, wolle das Team die Chancen nutzen und den Markt gestalten.

Heute sei es grundlegend, “mit den Produktionen, Film- oder TV-Rechten, die man besitzt, eine stimmige Wertschöpfungskette zu bilden”, erläutert Kogel. “Für uns geht es dabei um Kino, TV, Fiction und Entertainment fürs digitale Zeitalter.” Mit dem Aufbau des Unternehmens schaffe man einen “‘One-Stop-Shop’ für Premiuminhalte aller Art”. Er präzisiert: “Wir haben zum ersten Mal die Chance, aus Deutschland heraus nachhaltig für den Weltmarkt zu produzieren.”

Zu den Kunden zählen langjährige Partner wie ARD, ZDF, ProSiebenSat.1 und RTL. Aber auch Firmen wie Amazon Prime, Netflix, die Deutsche Telekom und YouTube gehören dazu. Axel Springer, gibt Kogel zu, sei ein interessanter, potenzieller Kunde. Der Berliner Medienkonzern möchte ins TV-Geschäft einsteigen und hat mit KKR denselben Partner bzw. Investor wie Leonine. U.a. soll die “Bild” auch als TV-Format etabliert werden, hieß es bei Springer.

Neben dem TV-Markt spielt vor allem das Kino-Geschäft eine wichtige Rolle, sagt der Manager gegenüber DWDL.de. “Das Kino ist auch heute noch die Königsdisziplin für eine filmische Erzählung. Wir lieben Kino – als Produzenten und Lizenzhändler.” Ab dem Kinojahr 2020/21 wolle man um die 20 Filme jährlich ins Kino bringen, darunter zwei bis drei nationale Eigenproduktionen sowie zwei bis drei Ko-Produktionen und 15 Lizenzfilme.

Wie Hongkongs Aktivisten mit iPhones die Behörden austricksen

Der Nutzer „Hongkong, Freiheit“, will 27 Fotos mit dir teilen. Annehmen? Ein Klick – und die Dateien landen im Fotoordner des eigenen Handys. Dutzende Menschen kriegen in der gleichen Sekunde das Protestmaterial auf ihre Handys gesendet. Sie nehmen an einem Marsch durch die Hongkonger Innenstadt teil. Einer der Demonstranten hat die Bilder geschickt. Nur weiß man nicht, wer.

Versendet wurde das Material per Airdrop, einer Apple-Technologie zum drahtlosen Übertragen von Daten. Seit im Juni in der Sonderverwaltungszone gegen den wachsenden Einfluss Chinas demonstriert wird, hat sich die Funktion des US-Herstellers zum ersten Mal zu einem zentralen Kommunikationsmittel zwischen Aktivisten entwickelt. Eigentlich ist die Technologie dafür gedacht, unkompliziert große Datenpakete zwischen Apple-Geräten zu versenden. Die Übertragung funktioniert über Wlan und Bluetooth. Eine Netzverbindung ist nicht notwendig. Ein Vorteil, weil das Netz bei Massenveranstaltungen häufig zusammenbricht. Jedes Dokument kann zudem beliebig oft und kostenfrei geteilt werden. Die Technologie verbraucht kein Datenvolumen. Der Empfänger muss dafür weder eine App herunterladen noch Ahnung von Verschlüsselungstechnologie haben.

Sender und Empfänger müssen sich auch nicht kennen, sondern lediglich in der Nähe voneinander sein. In der südchinesischen Megametropole ist das eher die Regel als die Ausnahme. Im Bus, der U-Bahn oder in den Straßen zwischen den engen Häuserschluchten erreichen Aktivisten meist Dutzende Apple-Geräte gleichzeitig.

Auch bei den Protesten selbst wird die Technologie genutzt

Wer in Hongkong in diesen Tagen auf dem Laufenden gehalten werden will, muss auf dem Weg zur Arbeit oder beim Einkaufen nur Airdrop aktivieren. Gesendet werden Marschrouten, Zeitpläne für Protestwochenenden oder ein U-Bahn-Plan mit alternativen Strecken, wenn bestimmte Stationen kurzfristig geschlossen werden. Auch bei den Protesten selbst wird die Technologie genutzt: Soll eine Schweigeminute stattfinden, kündigen Teilnehmer diese kurz vorher per Bildnachricht an. Wenn die Polizei anrückt, warnen sich die Demonstranten über die drahtlose Verbindung.

Entscheidend bei der Technologie ist, dass bei der Übermittlung keine Daten des Senders gespeichert werden. Es wird nur der Name des Sendegeräts angezeigt. Dieser kann beliebig geändert werden. Zuletzt hat die Hongkonger Polizei mehrere Betreiber von Chatforen festgenommen. Diese sind häufig über ihre Internetverbindung und ihre Telefonnummer identifizierbar. Bei Airdrop ist das anders. Da einige Arbeitgeber ihren Mitarbeitern die Teilnahme an Protestmärschen verbieten, ist das Verteilen der digitalen Flugblätter auch ein Weg, sich ohne Gefahr zu engagieren.

Apple hat bisher nicht auf die kreative Nutzung seiner Technologie reagiert. Das Unternehmen hat mehrfach dem Druck der Behörden in China nachgegeben und Funktionen für chinesische Nutzer entfernt. Seit Kurzem fehlt auf der Tastatur für Emojis, den kleinen Bildchen fürs Chatten, bei Hongkonger Geräten von Apple die Taiwan-Flagge. In Festlandchina ist die Flagge des Nachbarstaats, auf den Peking immer noch Anspruch erhebt, seit Langem gelöscht.

Speeddating am TV

Immer wenn es darum geht, das Ende vom Fernsehen als Kulturerlebnis einzuläuten, wird das Bild vom gemeinschaftsstiftenden Lagerfeuer beschworen, das seine Wärme verloren habe. Erst war es die zerstörerische Kraft des Privatfernsehens (wer soll das alles ansehen!), dann das Internet (keiner guckt mehr fern!), dann das Pay TV (Sport nur noch für Ausgewählte!). Und jetzt sind Video-on-Demand und Streaming-Abos (SVoD) schuld an der Misere.

Dabei hat die zunehmende Fragmentarisierung dem Medium nie geschadet, es immer nur angespornt. Nie gab es so viel belangvolles Fernsehen wie heute, da war es nur eine Frage der Zeit, bis wie beim Büchermarkt über das Überangebot oder wie beim Kino über die Preise geklagt wird. Fernsehen kann zu viel Fernsehen werden, von dem sich die Zuschauer geblendet und erschöpft abzuwenden drohen.

Wenn Masse und Klasse sich nicht mehr ausschließen, dann liegt die Herausforderung darin, die richtige Auswahl zu treffen. Schwierig, wenn es schon keine typische „Netflix-Show“ gibt, wie Ted Sarandos, der Chief Content Officer, also der oberste Programmplaner,dem „New York Magazine“ gesagt hat. „Unsere Marke ist vielmehr die Personalisierung“ – gleichzeitig war es Sarandos, der die ersten Eigenproduktionen wie „House of Cards“ initiierte. Bereits der DVD-Versand, als der Netflix 2007 in den USA startete, begann damit, seinen Kunden personalisierte Filmempfehlungen zu geben, die auf Wertungen basierte, die die Abonnenten im Internet abgaben, bevor sie sich die nächste DVD schicken ließen.

Mehr TV-Shows als Kinofilme

Längst übertrifft das Angebot an Fernsehshows das an Kinofilmen, aber es ging Netflix nie darum, das Fernsehen selbst zu revolutionieren – sondern die Art, wie wir fernsehen. Glaubt man den Experten, geht es nicht mehr darum, das eine große Lagerfeuer anzufachen, sondern jedem Zuschauer sein perfektes Kaminfeuer zu bereiten – und dafür zu sorgen, dass er davor sitzen bleibt.

Dazu gehört zum einen die Exklusivität. Das „New York Magazine“ hat ausgerechnet, dass Netflix inzwischen mehr eigene Inhalte produziert als jeder der traditionellen Fernsehsender. Noch vor Apple, das gerade seine TV-App überarbeitet und mit Eigenproduktionen unter anderem von M. Night Shyamalan, Steven Spielberg, Oprah Winfrey, Reese Witherspoon eigene Inhalte bei Apple+ anbieten will, hat der Dienst die Quotengaranten Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“) und Ryan Murphy („Glee“) mit Hundert-Millionen-Dollar-Exklusivdeals an sich gebunden, allein 2018 sollen insgesamt über acht Milliarden Dollar für Originalinhalte ausgegeben worden sein.

Das Abo-Modell erlaubt den Anbietern, Nischen zu bedienen – ohne die ambitionierte Dokumentation zur Erderwärmung oder den türkischen Frauenfilm im Nachtprogramm verstecken zu müssen.

Zur Personalisierung gehört außerdem der Audience Flow. Fernsehsender verwenden diese Strategie, bei der gerne ähnliche Formate in einer Reihe ausgestrahlt werden, bei ihrer Programmplanung schon lange, weil ein Comedy-Fan sich liebend gern drei Sitcoms hintereinander anschaut, während er bei einem Thriller dazwischen womöglich erschrocken aus- oder gar umschalten würde. Die Funktion des Autoplay, die dafür sorgt, dass im Anschluss an eine Folge gleich die nächste abgespielt wird, was sich nur manuell und relativ umständlich abschalten lässt, ist nur der simpelste Trick der Streamingdienste. Schließlich verfügen sie über genaue Daten darüber, wer was wann und wie lange geschaut hat, was ihnen geradezu hypnotisierende Macht über die Zuschauer verleiht.

Nach dem Prinzip der Dating-Apps

Während Fernsehsender darauf angewiesen sind, möglichst viele gleichzeitig vor dem Bildschirm zu versammeln, funktioniert ein Streamingdienst eher nach dem Prinzip einer Dating-App. Die Partnervermittlung beziehungsweise den Audience Flow perfektioniert hat Netflix mit seinem beneideten Algorithmus. Über die klassischen werberelevanten Zielgruppen wie 14 bis 49 Jahre kann man dort nur lachen, und das nicht nur, weil man sich nicht durch Werbung finanziert.

Während Amazon zugab, bis vor Kurzem auf Prime Video bei den „persönlichen“ Empfehlungen in erster Linie auf etablierte und beliebte Klassiker gesetzt zu haben, ordnet Netflix seine Abonnenten unabhängig von Alter oder Geschlecht „taste communities“ zu, sprich Geschmacksgruppen. In rund 2000 solcher „Cluster“ hat Netflix seine Shows unterteilt, wobei eine Serie zum Beispiel sowohl in der Kategorie „Schwarze Komödie“ als auch „Übernatürliches“ eingeordnet wird und Fans beider Kategorien empfohlen werden kann.

Und wenn die Datenanalytiker feststellen, dass Zuschauer, die sarkastische Alien-Shows mögen, außerdem gerne zynische Politserien schauen, wird einem nach „Black Mirror“ das nächste Mal „House of Cards“ vorgeschlagen. Und danach weitere Shows der Kategorie „Politserie“. Auch die „Thumbnails“, die Miniaturbilder, die auf dem Startbildschirm von Netflix erscheinen, sind personalisiert: Wer Thriller und romantische Filme mag, könnte zum Beispiel für die neue Staffel „Mindhunter“, die von den kriminalpsychologischen Anfängen des FBI in den Siebzigern handelt, ein Bild des Hauptdarsteller-Paares sehen, wer dagegen auf Thriller und Übersinnliches steht, dem wird die Serie mit einem Rorschach-Motiv schmackhaft gemacht. Gerade einmal 90 Sekunden darf es dauern, hat Netflix außerdem herausgefunden, seinen Zuschauern einen überzeugenden Vorschlag zu machen, bevor sie sich woanders umschauen.

Bellingcat: Ein Recherche-Netzwerk irritiert Mächtige

Wer dunklen Kräften auf die Schliche kommen will, braucht keine grossen Apparate. Das zeigt die Filmdokumentation über das Recherche-Netzwerk Bellingcat anschaulich.

Dieser Film stimmt zuversichtlich. Er zeichnet ein Gegenbild zu den Schwarzmalern, welche nur die Gefahren der digitalen Revolution wahrnehmen. Der niederländische Regisseur Hans Pool macht in seiner Dokumentation sichtbar, wie die neuen Technologien jeden Einzelnen wie nie zuvor dazu befähigen, sich für die Sache der Aufklärung einzusetzen und Verborgenes ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Große Investitionen und Infrastrukturen sind nicht mehr unerlässlich. Es genügen ein handelsüblicher Computer und ein Internetanschluss sowie die Bereitschaft, beharrlich, genau und kooperativ zu arbeiten.

Das mag nicht immer ausreichen. Doch dem kleinen Recherchier-Netzwerk Bellingcat ist es mit diesen wenigen Voraussetzungen gelungen, Informationen zu gewinnen, welche die russische Regierung in Verlegenheit brachten. Aufsehen erregte es insbesondere mit seinen Recherchen zum Absturz des Passagierflugzeuges MH17 über der Ostukraine und mit seinen Enthüllungen zu den Hintergründen des Giftanschlags auf den ehemaligen russischen Agenten Sergei Skripal und dessen Tochter.

Kollektives Puzzlespiel

Hans Pool besuchte sechs Mitglieder des vor fünf Jahren gegründeten Netzwerks, die als «Heimwerker» in Großbritannien, den Niederlanden, in Finnland, Deutschland, den USA und in Syrien leben und sich via Computer über alle Grenzen hinweg verständigen. Ihr Arbeitsplatz ist öfters in der Küche, einige betreuen nebenbei ihren Nachwuchs. Der Zuschauer kann ihnen bei ihrem kollektiven Puzzlespiel über die Schultern schauen.

Die digitalen Detektive durchforsten die sozialen Netzwerke, sie analysieren Satellitenbilder und Aufnahmen von Amateuren, sie suchen nach Auffälligkeiten und Gemeinsamkeiten, vergleichen den Schattenwurf von Raketentransportern auf Bilddokumenten, ermitteln anhand eines Tankstellen-Preisschilds den Tag der Aufnahme, um schliesslich die Informationen Stück für Stück zusammenzusetzen und damit eine Antwort zu gewinnen auf die Frage, wer MH17 abgeschossen hat. Und das allein auf der Basis von öffentlich zugänglichen Daten. In diesem Sinn entsprechen die Netzwerker ihrem Namen: Sie hängen der Katze eine Glocke um (belling the cat), um jene für alle sichtbar zu machen.

Das Mitteilungsbedürfnis so vieler Zeitgenossen erleichtert den Rechercheuren die Arbeit erheblich. Die Outputs unzähliger Smartphones erweisen sich als wahre Schatztruhe. Es liegt, so scheint es, derart viel Material auf den digitalen Straßen und Plattformen herum, dass man nur genau hinschauen muss, um die Wahrheit hinter dem Wirrwarr an fragmentarischen Wirklichkeiten zu erkennen. Nicht zuletzt verblüfft, wie militärische Verschwiegenheit an den Plaudereien von Truppenangehörigen auf sozialen Netzwerken scheitert. Für Rechercheure öffnen sich Türen. Die weitverbreitete digitale Geschwätzigkeit mag manchen Kulturpessimisten verdrießen, doch hat sie ihre guten Seiten, wie das Beispiel zeigt. Sie erschwert lichtscheuen Hintermännern das Leben.

Manipulierte Videos

Weitere Analysen des kleinen Netzwerks animieren den Betrachter dazu, noch vorsichtiger zu sein beim Konsum von Nachrichten und angeblich authentischen Videodokumenten, deren Inszenierung für Laien praktisch nicht erkennbar ist. Wenn manipulierte Aufnahmen zudem den Radar von Nachrichtenagenturen unterlaufen, ist die Gefahr für das allgemeine Publikum umso größer. Bellingcat führt dies am Beispiel eines angeblichen Autobombenanschlags im Irak vor Augen. Die Rechercheure belegen, dass der Gewaltakt ein bloßes Schauspiel war.

Gleichzeitig wird durch die Arbeit von Bellingcat offensichtlich, dass Journalismus sich nicht mehr auf das herkömmliche Mediengewerbe eingrenzen lässt. Vielmehr befruchten Quereinsteiger das Geschäft. Das Sammeln, Analysieren und Bewerten von Informationen bleibt zwingend ein freier Beruf.

Abos im Internet: Was Anbieter dürfen und was nicht

Abos sind im Internet einfach abzuschließen – manchmal unfreiwillig einfach. Bei all den Verträgen für Portale, Streaming-Dienste, Online-Magazine und Co. verlieren viele jedoch den Überblick. Sie wundern sich beim Blick auf den Kontoauszug mitunter über bestimmte Beträge, die seit Monaten abgebucht werden.

Besonders versteckte Abo-Verträge und automatische Vertragsverlängerungen können für Überraschungen sorgen. Gut zu wissen: Anbieter dürfen solche Klauseln nicht im Kleingedruckten verstecken. „Wie lange ich den Vertrag schließe, muss direkt bei Vertragsschluss sichtbar sein“, erklärt Josephine Frindte von der Verbraucherzentrale Berlin. Bei Handyverträgen sei eine zweijährige Mindestlaufzeit üblich, bei anderen Diensten eine kürzere. Auch die Kosten sollten in den Vertragsdetails vorne stehen.

Die Angaben zur Vertragsverlängerung müssen in den AGB deutlich hervorgehoben sein. „Anbieter dürfen in den Geschäftsbedingungen nicht etwas verstecken, was ich wissen muss“, erklärt Horst Leis, Fachanwalt für Informationstechnologierecht und Vorstandsmitglied beim Deutschen Anwaltverein.

Die Experten raten daher, AGB und Vertragsbestimmungen genau zu lesen, bevor man kauft. Frindte: „Die wichtigsten Fragen sind: Wie lange ist die Vertragsdauer, wie lange ist meine Kündigungsfrist, welchen Preis habe ich zu bezahlen und was kaufe ich?“

Apps helfen beim Kündigen von Verträgen

Ein weiteres Problem: Man verliert leicht den Überblick darüber, welches Abo wann zu kündigen ist, bevor es in die Verlängerung geht. Wer einen Vertrag abschließt und weiß, dass der nur für drei Monate benötigt wird, sollte nach dem Abschluss direkt die entsprechende Kündigung schicken, rät Frindte. Viele Dienste schicken auch Erinnerungsmails, bevor ein Vertrag verlängert wird.

Wer keine Abo-Liste führen will, kann mit digitalen Hilfsmitteln den Überblick behalten – etwa mit Vertragskündigungs-Apps wie Aboalarm ( iOS/ Android) oder Volders ( iOS/ Android). Sie informieren über über das nahe Ende oder die Verlängerung des Vertrages. Ein weiterer Vorteil ist, dass man Verträge direkt in der AppBusiness-Partner und Dienstleister kündigen kann – allerdings gegen Gebühr. Die Website kündigen.de bietet einen ähnlichen kostenpflichtigen Service an.

Kündigung muss dokumentiert sein

Auf welchem Weg die Kündigung eingereicht werden muss, steht immer in den AGB. Allgemein gilt: „Eine Kündigung sollte man auf jeden Fall immer nachweisbar erklären“, sagt Frindte. Man müsse beweisen können, dass sie beim Vertragspartner eingegangen sei. „Entweder man kündigt postalisch per Einschreiben, oder per Fax, wenn man eine Faxnummer hat“, rät sie.

Bei Verträgen, die online abgeschlossen wurden, gelten unter Umständen Sonderregeln: „Wenn eine E-Mail-Adresse auf der Webseite steht, und die Kommunikation per E-Mail normal ist, dann geht auch eine Kündigung per E-Mail“, so Frindte. Bei Angeboten, die per SMS oder Messenger-Chatnachricht abgeschlossen werden, sei die Kündigung über den jeweils gleichen Kanal möglich.

Kann man nur über ein Online-Kontaktformular kündigen, empfiehlt Anwalt Leis, Bildschirmfotos zu machen. Von der Kündigung per Telefon sei abzuraten, da man sie schwer nachweisen könne. „Immer dokumentieren, was Sie getan haben“, betont er.

Mit Sperre vor Abo-Fallen schützen

Besonders ärgerlich sind Abo-Fallen, in die Smartphone-Nutzer oft ungewollt tappen. Mitunter reicht hier schon ein Fingertipp auf ein Werbebanner und man schließt ein Abo ab, dass über die Rechnung des Mobilfunkanbieters abgerechnet wird. Nicht selten merkt man das erst nach Monaten. Schutz davor bietet eine Drittanbietersperre, die man sich beim Provider einrichten kann.

Auch sonst ist Vorsicht geboten: Immer wieder berichten Verbraucherschützer über dubiose Online Shops oder -Portale, wo man mit einer angeblich kostenlosen Registrierung ein kostenpflichtiges Abo abschließt.

Alexa: Das allgegenwärtige Ohr Amazons

Die kürzlich angekündigten Echo-Produkte bringen Amazons Sprachassistentin Alexa auf die Straße und damit Datenschutzprobleme in die U-Bahn oder in bisher Alexa-freie Wohnzimmer. Mehrere Landesdatenschutzbeauftragte haben Golem.de erklärt, ob und wie die Geräte eingesetzt werden dürfen.

Die Brille ist mit Mikrofon und Lautsprecher ausgestattet und soll Amazons Sprachassistentin Alexa mobil machen. Raus aus dem Wohnzimmer, raus auf die Straße. Die mobile Alexa sitzt in der U-Bahn, im Büro oder wandert in bisher Alexa-freie Wohnzimmer. Damit drängen jedoch all die Datenschutzprobleme, die der Eigentümer in seinen Privaträumen hinnehmen oder akzeptieren kann, ebenfalls auf die Straße und in die Intim- und Privatsphäre anderer Menschen.

Die Brille sei zwar noch nichts für den Massenmarkt – ein sogenanntes Day1-Produkt – zeigt aber bereits, wohin die Reise geht, nämlich raus. Auch in einen Ring und in Hörstöpsel hat Amazon seine Sprachassistentin integriert. Der Ring nimmt allerdings nur auf Knopfdruck auf, die Stöpsel und die Brille lauschen, sofern sie eingeschaltet sind, kontinuierlich nach einem der Triggerworte. Ertönt das Wort, wird die Aufnahme an Amazon-Server zur Auswertung gesendet. Dazu sind die Geräte mit dem Smartphone gekoppelt. Allerdings nehmen sie auch alle Geräusche oder Gespräche in der Umgebung auf, sei es in der Öffentlichkeit oder in Privaträumen. Ein Datenschutzproblem.

Doch die Sprachassistenten sind längst nicht nur in speziellen Geräten untergebracht, sondern werden von vielen mit dem Mikrofon des Smartphones benutzt – was durchaus dazu führen kann, dass sich mitten in einem Gespräch das Smartphone zu Wort meldet und erklärt, dass es einen Sprachbefehl nicht verstanden habe. Denn Fehlaktivierungen gehören bei Sprachassistenten zum Alltag. Die Sprachbefehle und Fehlzündungen werden zudem von Amazon-Mitarbeitern transkribiert. Noch mehr Datenschutzprobleme. Wir fragen die Datenschutzbeauftragten aus Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern sowie die Bürgerrechtsorganisation Digitalcourage um Rat.

Einsatz in der Öffentlichkeit nicht verboten

„Es liegt in der Verantwortung der Nutzer, derartige Geräte nur so und nur dort einzusetzen, wo Dritte nicht in ihren Rechten verletzt werden“, sagt der Landesdatenschutzbeauftragte aus Baden-Württemberg Stefan Brink. Grundsätzlich sei es möglich, Sprachassistenten – die selbst datenschutzkonform sein müssen – in der Öffentlichkeit zu nutzen, sagt Andreas Sachs, Vizepräsident des Bayerischen Landesamtes für Datenschutzaufsicht. Allerdings müsse der Sprachassistent im üblichen Rahmen eingesetzt werden, also zum Beispiel zum Absetzen eines Sprachbefehls auf der Straße oder in der U-Bahn. „Im öffentlichen Bereich unterhält man sich eher so, dass ein gewisses Mithören von Dritten erwartet wird. Dies gilt auch für den Einsatz eines datenschutzkonformen Sprachdienstes, bei dem die maschinelle Interpretation eines Sprachbefehls dann sozusagen Beiwerk ist“, erklärt Sachs.

„Anders würde es aussehen, wenn die Produkte gezielt eingesetzt würden, um ein sogenanntes nichtöffentlich gesprochenes Wort (zum Beispiel die absichtliche Aufnahme vertraulicher Gespräche von zwei anderen Personen) verdeckt aufzuzeichnen. Dies wäre dann eine Straftat und damit auch nicht datenschutzkonform“, sagt Sachs. Ein Einsatz, bei dem ein nicht unerhebliches Risiko bestehe, dass das nicht-öffentlich gesprochene Wort von dritten Personen aufgenommen würde, sei damit problematisch, ergänzt der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar.

„Die Nutzer von automatischen Sprachassistenzsystemen sollten daher darauf achten, dass diese bei Anwesenheit von unbeteiligten Personen ausgeschaltet sind oder betroffene Personen darauf hingewiesen werden, dass ein automatisches Sprachassistenzsystem im Hintergrund läuft“, sagt Caspar. Dies gelte auch für Sprachassistenten auf Smartphones, für die prinzipiell die gleichen Regeln gelten wie für spezialisierte Geräte, fügt Sachs hinzu. Doch wie ist die Situation im heimischen Wohnzimmer?

Es könnte zu Ausschreitungen kommen

„In Privaträumen – zum Beispiel im Wohnzimmer – greift das sogenannte Haushaltsprivileg, was bedeutet, dass die Datenschutzgrundverordnung nicht anwendbar ist“, erklärt Sachs. Ein Besucher, der sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sieht, müsste dann zivilrechtlich gegen den Anwender eines Sprachassistenten vorgehen.

„Jedenfalls kann die (auch beiläufige) Aufzeichnung des nicht öffentlich gesprochenen Wortes Dritter eine Straftat darstellen – Betroffenen steht insoweit ein Notwehrrecht zu“, sagt Brink. Er erinnert an die Debatte und die Reaktionen rund um die Google Glass. Träger der Brille durften manche Orte nicht betreten oder wurden beschimpft. Wenn man Personen dazu auffordert, ihren Sprachassistenten zu deaktivieren, habe dies ein gewisses Eskalationspotenzial, sagt Brink. Zudem könne man nie wissen, ob der Assistent wirklich deaktiviert wurde.

Auch Padeluun von der Datenschutzorganisation Digitalcourage erinnert die Brille von Amazon an die Google Glass. „Hier steht zu befürchten, dass Nutzer solcher Techniken, so sie denn erkannt werden, Aggressionen hervorrufen werden. Das könnte also regelrecht zu einem kleinen ‚Bürgerkrieg‘ auf den Gehsteigen und Gaststätten der Republik führen“, sagt er Golem.de.

Doch neben der potenziellen Verletzung von Persönlichkeitsrechten sowie möglichen Auseinandersetzungen gibt es noch einen ganz banalen Grund, warum Sprachassistenten nicht in der Öffentlichkeit beziehungsweise dauerhaft aktiviert betrieben werden sollten. Denn die Geräte reagieren nicht nur auf die Sprachbefehle ihrer Besitzer und können durchaus auch von Personen in der Umgebung oder von Medieninhalten, wie zum Beispiel Radiobeiträgen oder Videos aktiviert werden. Denn mit der Brille und den Ohrstöpseln lassen sich auch jede Menge Geräte im Smart Home triggern – und wer möchte schon, dass Umstehende das Licht oder die Heizung zu Hause einschalten können – oder ein Puppenhaus kaufen. Mit einer neuen Funktion lassen sich die Aufnahmen per Sprachbefehl von den Amazon-Servern löschen. Beim verlassen einer U-Bahn könnte also auch der Satz „Alexa, lösche alles, was ich heute gesagt habe“ die eigenen Persönlichkeitsrechte schützen.

„Voice ist das nächste Mobile“

Die digitale Sprachtechnologie wird den Werbemarkt noch einmal stark verändern, darüber sind sich Experten einig. Frank Bachér, Geschäftsleiter Digitale Medien beim Hamburger Audio-Vermarkter RMS, sagt über die Zukunft von Voice Advertising: „Voice ist das nächste Mobile. Vor dem Hintergrund der rasant steigenden Nutzung müssen sich Unternehmen mit Voice Marketing auseinandersetzen. Skills werden sich – parallel zur Nutzung von Apps – als nächste Plattform auf Smartphones und Smart Speakern etablieren.“

Als Beispiel für sprachbasierte Werbeformate nennt Bachér Native Audio Advertising. „Dem Nutzer wird während des Hörens eines Radiostreams über ein digitales, sprachsteuerbares Gerät wie gewohnt ein Spot ausgespielt“, erklärt er. „Anders als bisher hat der Hörer aber die Möglichkeit, auf die Werbebotschaft zu reagieren und durch entsprechende Aufforderung an seinen Smart Speaker zu einem Podcast zu gelangen, der das Thema zum Beispiel in Form von Interviews oder Infobeiträgen weiterverfolgt. In diesem Werbeformat steht nicht die Marke im Fokus, sondern der inhaltliche Mehrwert für den Hörer.“

Send me a Sample als Beispiel für Voice Controlled Ads

Neben Native Advertising arbeitet RMS auch an Voice Controlled Ads, also Werbemittel, mit denen über einen Sprachbefehl interagiert werden kann. Als Beispiel für Voice Controlled Ads haben wir in der new business-Printausgabe 37/2019 ‚Send me a Sample‘ genannt. Das Produkt wurde fälschlicherweise als Produkt von Mediascale und RMS dargestellt. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um ein Produkt von Send me a Sample Ltd. aus Großbritannien.

‚Schick mir eine Probe‘ (‚Send me a Sample‘) ist ein Beispiel, wie durch Skills und Actions neue Marketingkanäle entstehen. ‚Schick mir eine Probe‘ ist ein Produkt-Sampling-Skill von Send me a Sample Ltd., mit dem sich Nutzer per Sprachbefehl Produktproben über den Smart-Speaker bestellen können. In UK arbeiten bereits Marken wie Benefit Cosmetic und Nutella mit dem Angebot für Produkt-Proben auf Zuruf.

Wie geht es nach dem Verkauf der „Berliner Zeitung“ weiter?

Der Verkauf des Berliner Verlags an ein Ehepaar aus Berlin hat für Aufsehen über die Medienbranche hinaus gesorgt. In der „Medien-Woche“ sprechen wir über die Hintergründe und mögliche Folgen. Außerdem: die Zukunft des Streaming.

In der vergangenen „Medien-Woche“ beschäftigte uns der Verkauf des Berliner Verlags samt „Berliner Zeitung“ bereits intensiv – in dieser Woche schauen wir ein wenig in die Zukunft. Bevor das Kartellamt den Verkauf an eine Holding des Unternehmer-Ehepaares Silke und Holger Friedrich nicht genehmigt hat (das gilt aber als Formsache), gibt es zwar noch keine gesicherten Erkenntnisse über die künftige Strategie für die Zeitung. Aber es darf fundiert spekuliert werden.

Klar ist: Einfach wird die Mission Berliner Verlag auf keinen Fall, schon gar nicht mit einer angeschlossenen Druckerei. Die hatte die Mediengruppe DuMont, die derzeit nach Käufern sucht, erst gar nicht in ihre Verkaufsbroschüre gesetzt. Und klar ist auch – DuMont, ein einst stolzer Zeitungsverlag, ringt um seine Identität. Was bleibt, wenn die Zeitungen alle verkauft sind, oder eben auch nicht?

Wir beschäftigen uns in dieser Ausgabe unseres Medien-Podcasts ebenfalls mit der Zukunft des Streaming. Welchen Einfluss hat diese Form des Medienkonsums auf das lineare Fernsehen? Wer gewinnt den Kampf der Streaminganbieter? Und was macht das eigentlich mit uns Nutzern?

Außerdem: Was ist los bei der „Süddeutschen Zeitung“, deren Online-Chefredakteurin angeblich in den permanenten Urlaub gegangen ist? Wie wehrt sich Google in Frankreich gegen das neu eingeführte Verlegerrecht? Und warum wird der investigative Reporter Rafael Buschmann nun doch nicht vom „Spiegel“ befördert?

Hotline: Drogenhandel im Netz wird professioneller

Berufsbilder ändern sich im Internet-Zeitalter rasend schnell. Der Drogendealer ist keine Ausnahme. Stand er vor ein paar Jahren noch hinter dem Bahnhof, agiert er schon heute zunehmend im Netz. Einzelne Rauschgifthändler arbeiten sogar mit richtigen Arbeitsverträgen. „Ob sie es glauben oder nicht: Wir haben bei der Durchsuchung tatsächlich einen Arbeitsvertrag mit einem garantierten Urlaubsanspruch gefunden“, berichtet Jörg Beyser, Leiter des Drogendezernats beim Landeskriminalamt in Bayern und damit oberster Drogenfahnder im Freistaat.

Mit Kollegen aus 22 Ländern hat er sich im fränkischen Fürth über die internationale Polizei-Zusammenarbeit in einem rasch wachsenden Delikt-Spektrum ausgetauscht. Ihre Kenntnisse über Mengen und Märkte beruhen naturgemäß vor allem auf Schätzungen – aber diese sind alarmierend. „Der Drogenmarkt wächst im Jahr um sechs bis sieben Prozent“, sagt Thomas Pietschmann, Mitautor des UN-Weltdrogenberichtes. „Der Markt im Darknet wächst um 50 Prozent pro Jahr.“

Hervorragender Kundenservice

Auch wenn der stationäre Drogenhandel derzeit noch größer ist und der Internethandel noch als Ergänzung gesehen wird: Ginge es nicht um kriminelle Machenschaften, oft genug sogar um Leben und Tod der Abnehmer, könnten die Drogen-Firmen durchaus als vorbildliche Online-Händler durchgehen. „Der Kundenservice ist hervorragend“, sagt Beyser.

Sie verfügen über Call-Center und Rabattsysteme, schicken bei Verlust auf dem Postweg anstandslos Ersatz, betreiben Beschwerde-Hotlines, engagieren Kuriere und Finanzmanager für die Abwicklung des Geldverkehrs. Und sie liefern – zumindest im Sinne der Szene – immer häufiger Top-Qualität, sprich: hohe Wirkstoffkonzentration mit entsprechendem Rauschpotenzial. „Die Bewertungen sind das A und O für denjenigen, der den Web-Shop betreibt“, betont Beyser. Wer von den Kunden weiterempfohlen wird, gilt in dem sensiblen Feld der Drogenkriminalität als verlässlich.

Strafverfolgung

Irgendwo in dem weit verzweigten System von Produktion, Weiterverarbeitung, Verpackung und Versand der illegalen Ware gibt es Schnittstellen zwischen virtueller und realer Welt. „Dort greifen wir an“, sagt Beyser. Wenn Händler etwa virtuelle Währungen in echtes Geld tauschen müssen. Oder wenn die im Netz bestellte Ware tatsächlich in einen Postkarton wandert und sich auf den Weg zum Abnehmer macht. „Hier sind auch die Postdienste gefragt“, betont Daniel Lichtenegger, beim österreichischen Bundeskriminalamt für Rauschgiftbekämpfung zuständig. Die Paketdienste müssten genauer darauf schauen, was sie zustellen.

Die Drogenkriminalität richtet einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden in aller Welt an. Allein der Umsatz mit Rauschgiften aller Art geht in die Milliarden. Die Kosten für die Polizeiarbeit, die Justiz, die Prävention, die Behandlung von Abhängigen, die Versorgung von arbeitslos gewordenen oder Berufsunfähigen – all das muss die Allgemeinheit stemmen und ist da noch nicht mitgerechnet.

Die Drahtzieher brauchen dagegen keine finanziellen Unterstützer. 60.000 Euro pro Monat soll zum Beispiel ein Drogendealer verprasst haben, der im großen Stil mit NPS-Drogen – sogenannten „legalen“ Rauschmitteln – gehandelt hat. Diese werden allerdings von der Polizei als hochgefährlich und häufig tödlich eingestuft. 87 Kilogramm NPS (Neue psychoaktive Stoffe) – trugen die Ermittler zusammen, den Verkauf von 1,2 Tonnen, verbunden mit einem Millionenumsatz, konnten sie nachweisen. Der 32 Jahre alte Wahl-Münchner gab bei seinem Prozess am Landgericht Ansbach an, er habe die von ihm selbst verhökerten Substanzen nicht angerührt. „Viel zu gefährlich“, räumte er ein, wegen der Schwankungsbreite bei der Wirkstoffkonzentration.

Ansteigende Produktion

Die Drogenproblematik in Europa wird – so hat es den Anschein – trotz der Anstrengungen der Fahnder eher größer als kleiner. Kokain erlebt einen Boom, wie der jüngste Drogenbericht der EU ausweist. Auch der Weltmaßstab gibt Grund zur Sorge. 2018 sind mehr als eine halbe Million Menschen am Drogenkonsum und dessen Folgen gestorben, wie der Welt-Drogenbericht der Vereinten Nationen aussagt.

Die Ursprungs-Substanzen kommen aus weiter Ferne. Afghanistan ist weiter das Hauptproduktionsland für Opium, das auf dem Transportweg nach Europa häufig in der Türkei oder im Iran zu Heroin raffiniert wird, wie UN-Drogenexperte Thomas Pietschmann sagt. Die Produktionsmengen sind auf Rekordniveau und nehmen weiter zu, die Preise fallen, die Märkte werden überschwemmt. Die Vertriebsorganisation übernehmen oft Albaner, die Großhändler operieren von Holland aus.

„Das einzige was man jetzt machen kann, ist diesen Angebotsschock, der jetzt kommt, ein bisschen zu reduzieren“, sagt Pietschmann. Derzeit nehmen die Behörden bei Opiaten geschätzt etwa jedes dritte Kilogramm aus dem Markt – eine Verdreifachung der Sicherstellungsquote im Vergleich zu vor 20 Jahren. „Das ist die Polizeiarbeit, die sich verbessert hat“, betont der Experte.

Xing im Umbruch – Neuer Name, neue Chefin

Für das Karrierenetzwerk Xing stehen zwei wichtige Veränderungen an. Zum einen heißt das Hamburger Unternehmen künftig New Work; zum anderen gibt es einen Wechsel an der Führungsspitze: Petra von Strombeck löst im kommenden Mai den bisherigen CEO Thomas Vollmoeller ab. Das Unternehmen, dessen Geschäftsmodell das Vernetzen von berufstätigen Menschen und das Verbreiten neuer Arbeitsformen ist, ist damit eines der wenigen deutschen Tech-Unternehmen, das von einer Frau geführt wird.

Die Ablösung von Vollmoeller überrascht weniger. Er ist seit 2012 CEO des börsennotierten Unternehmens, das mehrheitlich dem Münchener Medienunternehmen Burda gehört. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Manager seinen Abschied angekündet. Mit der nächsten Hauptversammlung im Mai 2020 soll der Chefwechsel vollzogen werden. Von Strombeck fängt bereits Anfang Januar 2020 bei Xing an, zunächst als Vorstandsmitglied.

Die 50-Jährige verfügt über fundierte Kenntnisse in der deutschen Internetwirtschaft. Seit 2012 ist die Diplom-Kauffrau Vorstandsvorsitzende der Lotto 24 AG. In dieser Zeit kippte das Verbot von Internet- und TV-Werbung für Lotto 24, und der Börsenkurs der Firma stieg rasch an. In ihrer Amtszeit hat sich die Marktkapitalisierung des Unternehmens mehr als verzehnfacht.

Zuvor war von Strombeck zwei Jahre lang Vorstand der Tipp 24 SE. Sie war zudem Geschäftsführerin der Serpie S.A.S., einer französischen Tochter der Tchibo GmbH, verantwortete den E-Commerce bei der Tchibo Direct GmbH und leitete drei Jahre lang bei Premiere Medien (heute Sky Deutschland) das Marketing.

Von Strombeck „verfügt über eine langjährige und ausgewiesene Expertise in den Bereichen Online und E-Commerce. Ihre Erfolgsbilanz ist beeindruckend“, sagte Stefan Winners, Aufsichtsratsvorsitzender von New Work.

In der Karrierenetzwerk-Welt ist die Managerin allerdings ein Neuling. Doch die Branche und das Unternehmen erfinden sich gerade neu. Dies ist einer der Gründe, warum das Unternehmen Xing, das 2003 von dem Internetunternehmer Lars Hinrichs unter dem Namen Open BC gegründet wurde, künftig New Work, neue Arbeit, heißt.
Vollmoeller hinterlässt ein gut bestelltes Haus

Es besitzt Kununu, eine Online-Plattform für Arbeitgeberbewertungen, und HalloFreelancer, eine Webportal für Freiberufler. „Die New Work SE ist hervorragend positioniert und besetzt mit ihren Produkten und Aktivitäten rund um die ‚Zukunft der Arbeit‘ ein Thema von großer gesellschaftlicher Relevanz“, teilte die designierte Chefin mit.

Vollmoeller hinterlässt ein gut bestelltes Haus. So hat sich in seiner bisherigen Amtszeit der Börsenkurs mehr als versechsfacht, Umsatz und Gewinn legten rund um das Vierfache zu. Die Anzahl der Xing-Mitglieder stieg von rund sechs auf 17 Millionen, die der Mitarbeiter von 500 auf etwa 1 800 am Ende des Jahres 2019.

Die Karriereplattform Xing vernetzt nicht nur Berufstätige miteinander, sie dient auch als Plattform für Branchennachrichten. Mit dieser Positionierung rivalisiert Xing mit dem Wettbewerber Linked-In, der ebenfalls auf eine breit angelegte Content-Strategie setzt.

Doch bis heute konnte Linked-In, das 2015 von dem Tech-Konzern Microsoft gekauft wurde, dem deutschen Wettbewerber nicht die Marktführerschaft streitig machen. Das US-Netzwerk zählt etwa 13 Millionen Mitglieder im deutschsprachigen Raum.
Das große Wachstumsfeld der Firma heißt E-Recruting – das Vermitteln von Fachkräften über die Onlineplattform. Um diesen Bereich auszubauen, hat Xing in diesem Jahr etwa das Berliner Start-up Honeypot gekauft.

Auf seinem Xing-Account schrieb Vollmoeller am Montag über die neue Form des Arbeitens. So meinte der Firmenchef, der einst Schlagzeilen mit der Meldung machte, er würde ein mehrmonatiges Sabbatical einlegen: „Wer will denn bitte wirklich noch in restriktiven, patriarchalischen Unternehmen große Teile der eigenen Lebenszeit und Energie investieren?“ Die Kultur einer Firma sei inzwischen ein „wesentlicher Erfolgsfaktor“.

Queer: Ein Magazin im Kreuzfeuer

Seit einiger Zeit zuckt die Redaktion zusammen, wenn das Faxgerät piept: Das Online-Magazin „Queer.de“ wird mit juristischen Klagen überhäuft – aus recht unterschiedlichen Richtungen.

Die Mitarbeiter von Queer.de kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Sie sind es gewohnt, dass ihr Online-Magazin – das sie selbst als „Zentralorgan der Homo-Lobby“ bezeichnen – angefeindet wird. Der kleine Verlag mit Sitz in Köln prangert Ungerechtigkeiten an und berichtet etwa über die Versuche der Palästinensischen Autonomiebehörde, homosexuelle Menschen zu kriminalisieren oder darüber, wie die „Kießling-Affäre“ von 1984 über den angeblich homosexuellen Vier-Sterne-General Günter Kießling bis heute in den Strukturen der Bundeswehr nachwirkt. Zwischen harter Kost gibt die Webseite Tipps für Filmfeste und berichtet über das Baby des schwulen Abgeordneten Tamati Coffey, das im neuseeländischen Parlament vom Präsidenten gefüttert wurde.

Über sich selbst schreibt die Redaktion nie. Kürzlich aber machte Geschäftsführer Micha Schulze eine Ausnahme. „In eigener Sache“ war ein Artikel von ihm überschrieben, und er begann mit einem bildhaften Einstieg. Die meisten Einladungen und Terminhinweise erreichten die Redaktion per Mail, schrieb Schulze, dennoch verfüge man noch über eine Faxnummer. Jedes Mal, wenn sich dort ein Fax mit Klingelton ankündigt, zucke man zusammen. Denn die einzigen Schreiben, die Queer.de dort erreichten, seien Briefe von Rechtsanwälten.

„Noch nie“, sagt Micha Schulze, „haben wir so viele Abmahnungen erhalten.“ Allein in diesem Jahr hätten die Redaktion fast jede Woche Abmahnungen und Aufforderungen zur Abgabe von Unterlassungserklärungen erreicht. Gleichzeitig mit den Faxen kommen „saftige Rechnungen“. Die Redaktion habe für dieses Jahr eigens ein Budget für Rechtsanwaltskosten eingerichtet, das allerdings bereits schon jetzt aufgebraucht sei, sagt Schulze. Woher aber kommt sie, die plötzliche Klagewelle?

Eine Klägerin ist die christlich-fundamentalistische Organisation „Teenstar“, die an Schulen in Deutschland und Österreich Aufklärung betreibt. Vor dem Kölner Landgericht muss sich Queer.de verteidigen, da das Magazin geschrieben hatte, die Aktivitäten des Vereins an Schulen stelle eine Gefahr für Kinder und Jugendliche dar. Der Artikel hatte Bezug genommen auf Dokumente, die der Homosexuellen Initiative Salzburg, kurz HOSI, von einer Teenstar-Kursleiterin zugespielt worden waren. Darin wurde Sex vor der Ehe als Sünde und Masturbation als Problem beschrieben, und der Eindruck erweckt, Homosexuelle litten an einem Identitätsproblem.

In Österreich ist der Verein seit der Veröffentlichung der Dokumente in Verruf. Dort hatte der Bildungsminister im April die Empfehlung ausgesprochen, „Teenstar“ nicht mehr an Schulen vorzulassen, nachdem auch die österreichische Wochenzeitung Falter berichtet hatte. In den Dokumenten hieß es auch, homosexuelle Menschen könnten durch eine Kombination von Therapie, Selbsthilfegruppen und geschulter Seelsorge das eigene „heterosexuelle Potential“ entwickeln. Auch in Deutschland ist „Teenstar“ aktiv. Der Lesben- und Schwulenverband Sachsen fand heraus, dass die Initiative dort an zwei Schulen tätig war, und erklärte in einer Stellungnahme: „Eine ultrakonservative Sexualmoral hat an sächsischen Schulen nichts zu suchen. Die sächsische Landesregierung hat dafür zu sorgen, dass ,Teenstar‘ der Zugang zu Bildungseinrichtungen verwehrt wird und Lehrkräfte wie Verwaltung vor diesen Angeboten gewarnt werden.“

Für „Teenstar“ in Deutschland wirbt etwa die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Internetseite. Die Offensive Junge Christen (OJC), dem auch das „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“ angeschlossen ist, unterstützt den Verein.
Das Thema, Homosexuelle zu Heterosexuellen umzupolen, ist gerade auch in Deutschland sehr aktuell: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will Konversionstherapien gesetzlich verbieten lassen. „Homosexualität ist keine Krankheit und nicht therapiebedürftig“, sagt er. „Ich bin sicher, dass die Fachkommission dazu gute und tragfähige Lösungsansätze entwickeln wird. Auf dieser Grundlage werden wir dann schnell entscheiden, wie und was wir in Deutschland umsetzen können.“ Das Verbot könnte Ende 2019 kommen.

Unter den Abmahnern, die Queer.de beschäftigen, ist auch ein bekannter deutscher Soziologie-Professor. Er wollte dem Magazin verbieten, in Bezug auf seine Person zu schreiben, dass er „in Zusammenhang mit Homosexualität von Perversen“ spreche. Obwohl der Professor „nachweislich genau dies getan hatte“, sagt Chefredakteur Micha Schulze.

Auch Tagesschau-Sprecher Jens Riewa klagt gegen Queer.de – weil die Redaktion über eine Sendung von Jan Böhmermann berichtet hatte, in der Riewa als homosexuell beschrieben wurde. Mitte Mai hatte Böhmermann in der ZDF-Show Neo Magazin Royale eine Runde „Wer bin ich?“ mit Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni gespielt. Er musste erraten, welcher Nachrichtensprecher auf Böhmermanns Stirnband zu sehen war: Jens Riewa. Gegen Ende fragte Böhmermann: „Weiß man nicht so ganz so genau, ob ich Hetero oder Homo bin?“, was zu größerem Gelächter führte und Zamperoni sichtlich Schwierigkeiten bereitete. „Ich glaube, man weiß es eigentlich“, antwortete der schließlich. Wenige Fragen später sagte Böhmermann: „Dann bin ich Jens Riewa.“ Die Sendung ist bei Youtube und in der ZDF-Mediathek zu sehen.

Die Anwälte von Riewa allerdings haben Queer.de verboten, einen Artikel zu der Böhmermann-Sendung zu veröffentlichen. In dem Artikel erwähnt das Portal auch Riewas zahlreiche frühere Klagen gegen schwule Medien, die darüber spekuliert hatten, ob er homosexuell sei. Vor dem Landgericht Hamburg erwirkte Riewa wenige Wochen nach Ausstrahlung der ZDF-Sendung im Frühjahr 2017 eine einstweilige Verfügung. Diese verbietet es Queer.de, die Artikel-Überschrift, den Teaser zum Artikel sowie mehrere Zitate anderer Zeitungen und aus einem Dossier des Bundesverbands Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ), die ebenfalls in dem Artikel vorkommen, weiterzuverbreiten. Queer.de beantragte daraufhin die Aufhebung der Einstweiligen Verfügung. Seit zwei Jahren zieht sich das Verfahren nun hin, inzwischen ist es sogar zu einer Hauptverhandlung gekommen. Sollte das Verfahren durch alle Instanzen gehen, würde das Queer.de teuer zu stehen kommen. Mit bis zu 20 000 Euro Verfahrenskosten rechnet Geschäftsführer Schulze. „Das können wir uns eigentlich gar nicht leisten, aber wir müssen den Prozess führen, stellvertretend für alle Lesben und Schwule in Deutschland.“

Einstweilen ist der Artikel nur noch in einer entsprechend verstümmelten Version zu lesen. Geschäftsführer Schulze möchte das nicht hinnehmen. „Es ist doch völlig egal, ob Jens Riewa homo oder hetero ist“, sagt er. „Das Thema ist nicht seine sexuelle Orientierung, sondern seine notorische Homopanik.“ Man habe die Plauderei bei Neo Magazin Royale aufgegriffen, um an Riewas „skandalöse Prozesse vor fast zwanzig Jahren zu erinnern“. Es sei für seine Generation ein „prägender Schock“ gewesen, sagt Schulze, „dass jemand 50 000 Mark Schmerzensgeld haben wollte, nur weil er irrtümlich als schwul bezeichnet worden war.“ Schulze sagt: „Wir wehren uns gegen Riewas Klage, weil Homosexualität nicht ehrenrührig ist.“

Springer-Medienkonzern: „Da bleibt kein Stein auf dem anderen“

Bei „Bild“-Zeitung und „Welt“ stehen umfangreiche Strukturprojekte an. In den kommenden drei Jahren werde man zugleich sparen und investieren, kündigte der Medienkonzern Axel Springer am Montag in Berlin an. Demnach ist ein Personalabbau in Verlag, Redaktionen, Vertrieb und Vermarktung geplant. Die Redaktionen von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ würden „noch weiter zusammengeführt“. Die werktäglichen Ausgaben der „Welt Kompakt“ und der „Welt Hamburg“ werden eingestellt.

Die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ solle sich künftig ganz auf regionale Inhalte konzentrieren, die sie auch für den Berlin-Teil der „Bild“-Zeitung zuliefere. Umgekehrt steuere die „Bild“-Redaktion die überregionalen Inhalte für die „B.Z.“ bei. Das Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ wird redaktionell mit der „Welt“ zusammengeführt.

Zur Personalreduzierung setzt Springer den Angaben zufolge auf Vorruhestandsregelungen und Fluktuation. Daneben soll ein Freiwilligenprogramm mit finanziellen Anreizen und individuell zugeschnittenen Qualifizierungsmöglichkeiten für die betroffenen Mitarbeiter aufgelegt werden.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fordert Unternehmensleitung und Gesellschafter des Springer-Konzerns auf, die massiven Umbaupläne ohne betriebsbedingte Kündigungen umzusetzen. „Einer der größten Medienverlage Europas strukturiert so massiv um, dass kein Stein auf dem anderen bleibt“, sagt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Nach Informationen des DJV sollen so 20 Prozent der Arbeitsplätze in den betroffenen Unternehmensbereichen gestrichen werden.

Springer wollte diese Zahl weder bestätigen noch dementieren. „Das ist keine Reform, sondern ein grundlegender Umbau, der viele bewährte und qualifizierte Journalistinnen und Journalisten auf der Strecke lässt“, sagte Überall. Es sei im Grunde richtig, starke und erfolgreiche Medienmarken mit Augenmaß weiterzuentwickeln. Der DJV befürchte aber, Springer gehe auf dem Rücken der Belegschaft ein zu hohes Risiko ein, um die Renditeerwartung des neuen Gesellschafters KKR zu erfüllen. Während bei den Druckerzeugnissen massiv gespart werden soll, wolle man „Bild“ zur „attraktivsten Live-Plattform für News, Entertainment und Sport“ machen und auch auf die TV-Bildschirme bringen. Bei der „Welt“ würden die Bezahlangebote im Internet ausgebaut. Ein gemeinsames „Sport-Kompetenzzentrum“ solle auf die jeweiligen Marken zugeschnittene Inhalte für „Welt“, „Bild“ und „Sport Bild“ produzieren.

Insgesamt soll im Konzern-Segment News Media National, zu dem „Welt“ und „Bild“ gehören, in den kommenden drei Jahren mehr als 100 Millionen Euro investiert werden. Zugleich solle die aktuelle Kostenbasis um 50 Millionen Euro gesenkt werden. Die Springer-Zeitungen verlieren seit Jahren drastisch an Auflage. Zu konkreten Personalentscheidungen wurden keine Angaben gemacht. Am Wochenende hatte der Mediendienst „Horizont“ berichtet, dass „Bild“ und „BamS“ unter Führung von Gesamtchefredakteur Julian Reichelt fusionieren werden und die bisherige „BamS“-Chefredakteurin Marion Horn bereits mit dem Springer-Vorstand über die Modalitäten ihres Ausscheidens verhandle.

Queer: Ein Magazin im Kreuzfeuer

Seit einiger Zeit zuckt die Redaktion zusammen, wenn das Faxgerät piept: Das Online-Magazin „Queer.de“ wird mit juristischen Klagen überhäuft – aus recht unterschiedlichen Richtungen.

Die Mitarbeiter von Queer.de kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Sie sind es gewohnt, dass ihr Online-Magazin – das sie selbst als „Zentralorgan der Homo-Lobby“ bezeichnen – angefeindet wird. Der kleine Verlag mit Sitz in Köln prangert Ungerechtigkeiten an und berichtet etwa über die Versuche der Palästinensischen Autonomiebehörde, homosexuelle Menschen zu kriminalisieren oder darüber, wie die „Kießling-Affäre“ von 1984 über den angeblich homosexuellen Vier-Sterne-General Günter Kießling bis heute in den Strukturen der Bundeswehr nachwirkt. Zwischen harter Kost gibt die Webseite Tipps für Filmfeste und berichtet über das Baby des schwulen Abgeordneten Tamati Coffey, das im neuseeländischen Parlament vom Präsidenten gefüttert wurde.

Über sich selbst schreibt die Redaktion nie. Kürzlich aber machte Geschäftsführer Micha Schulze eine Ausnahme. „In eigener Sache“ war ein Artikel von ihm überschrieben, und er begann mit einem bildhaften Einstieg. Die meisten Einladungen und Terminhinweise erreichten die Redaktion per Mail, schrieb Schulze, dennoch verfüge man noch über eine Faxnummer. Jedes Mal, wenn sich dort ein Fax mit Klingelton ankündigt, zucke man zusammen. Denn die einzigen Schreiben, die Queer.de dort erreichten, seien Briefe von Rechtsanwälten.

„Noch nie“, sagt Micha Schulze, „haben wir so viele Abmahnungen erhalten.“ Allein in diesem Jahr hätten die Redaktion fast jede Woche Abmahnungen und Aufforderungen zur Abgabe von Unterlassungserklärungen erreicht. Gleichzeitig mit den Faxen kommen „saftige Rechnungen“. Die Redaktion habe für dieses Jahr eigens ein Budget für Rechtsanwaltskosten eingerichtet, das allerdings bereits schon jetzt aufgebraucht sei, sagt Schulze. Woher aber kommt sie, die plötzliche Klagewelle?

Eine Klägerin ist die christlich-fundamentalistische Organisation „Teenstar“, die an Schulen in Deutschland und Österreich Aufklärung betreibt. Vor dem Kölner Landgericht muss sich Queer.de verteidigen, da das Magazin geschrieben hatte, die Aktivitäten des Vereins an Schulen stelle eine Gefahr für Kinder und Jugendliche dar. Der Artikel hatte Bezug genommen auf Dokumente, die der Homosexuellen Initiative Salzburg, kurz HOSI, von einer Teenstar-Kursleiterin zugespielt worden waren. Darin wurde Sex vor der Ehe als Sünde und Masturbation als Problem beschrieben, und der Eindruck erweckt, Homosexuelle litten an einem Identitätsproblem.

In Österreich ist der Verein seit der Veröffentlichung der Dokumente in Verruf. Dort hatte der Bildungsminister im April die Empfehlung ausgesprochen, „Teenstar“ nicht mehr an Schulen vorzulassen, nachdem auch die österreichische Wochenzeitung Falter berichtet hatte. In den Dokumenten hieß es auch, homosexuelle Menschen könnten durch eine Kombination von Therapie, Selbsthilfegruppen und geschulter Seelsorge das eigene „heterosexuelle Potential“ entwickeln. Auch in Deutschland ist „Teenstar“ aktiv. Der Lesben- und Schwulenverband Sachsen fand heraus, dass die Initiative dort an zwei Schulen tätig war, und erklärte in einer Stellungnahme: „Eine ultrakonservative Sexualmoral hat an sächsischen Schulen nichts zu suchen. Die sächsische Landesregierung hat dafür zu sorgen, dass ,Teenstar‘ der Zugang zu Bildungseinrichtungen verwehrt wird und Lehrkräfte wie Verwaltung vor diesen Angeboten gewarnt werden.“

Für „Teenstar“ in Deutschland wirbt etwa die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Internetseite. Die Offensive Junge Christen (OJC), dem auch das „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“ angeschlossen ist, unterstützt den Verein. „Teenstar“ reagierte auf eine Anfrage der SZ nicht.

Das Thema, Homosexuelle zu Heterosexuellen umzupolen, ist gerade auch in Deutschland sehr aktuell: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will Konversionstherapien gesetzlich verbieten lassen. „Homosexualität ist keine Krankheit und nicht therapiebedürftig“, sagt er. „Ich bin sicher, dass die Fachkommission dazu gute und tragfähige Lösungsansätze entwickeln wird. Auf dieser Grundlage werden wir dann schnell entscheiden, wie und was wir in Deutschland umsetzen können.“ Das Verbot könnte Ende 2019 kommen.

Unter den Abmahnern, die Queer.de beschäftigen, ist auch ein bekannter deutscher Soziologie-Professor. Er wollte dem Magazin verbieten, in Bezug auf seine Person zu schreiben, dass er „in Zusammenhang mit Homosexualität von Perversen“ spreche. Obwohl der Professor „nachweislich genau dies getan hatte“, sagt Chefredakteur Micha Schulze.

Auch Tagesschau-Sprecher Jens Riewa klagt gegen Queer.de – weil die Redaktion über eine Sendung von Jan Böhmermann berichtet hatte, in der Riewa als homosexuell beschrieben wurde. Mitte Mai hatte Böhmermann in der ZDF-Show Neo Magazin Royale eine Runde „Wer bin ich?“ mit Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni gespielt. Er musste erraten, welcher Nachrichtensprecher auf Böhmermanns Stirnband zu sehen war: Jens Riewa. Gegen Ende fragte Böhmermann: „Weiß man nicht so ganz so genau, ob ich Hetero oder Homo bin?“, was zu größerem Gelächter führte und Zamperoni sichtlich Schwierigkeiten bereitete. „Ich glaube, man weiß es eigentlich“, antwortete der schließlich. Wenige Fragen später sagte Böhmermann: „Dann bin ich Jens Riewa.“ Die Sendung ist bei Youtube und in der ZDF-Mediathek zu sehen.

Die Anwälte von Riewa allerdings haben Queer.de verboten, einen Artikel zu der Böhmermann-Sendung zu veröffentlichen. In dem Artikel erwähnt das Portal auch Riewas zahlreiche frühere Klagen gegen schwule Medien, die darüber spekuliert hatten, ob er homosexuell sei. Vor dem Landgericht Hamburg erwirkte Riewa wenige Wochen nach Ausstrahlung der ZDF-Sendung im Frühjahr 2017 eine einstweilige Verfügung. Diese verbietet es Queer.de, die Artikel-Überschrift, den Teaser zum Artikel sowie mehrere Zitate anderer Zeitungen und aus einem Dossier des Bundesverbands Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ), die ebenfalls in dem Artikel vorkommen, weiterzuverbreiten. Queer.de beantragte daraufhin die Aufhebung der Einstweiligen Verfügung. Seit zwei Jahren zieht sich das Verfahren nun hin, inzwischen ist es sogar zu einer Hauptverhandlung gekommen. Sollte das Verfahren durch alle Instanzen gehen, würde das Queer.de teuer zu stehen kommen. Mit bis zu 20 000 Euro Verfahrenskosten rechnet Geschäftsführer Schulze. „Das können wir uns eigentlich gar nicht leisten, aber wir müssen den Prozess führen, stellvertretend für alle Lesben und Schwule in Deutschland.“

Bei einem Verfahren wegen Artikeln über Moderator Jens Riewa geht es um 20 000 Euro

Einstweilen ist der Artikel nur noch in einer entsprechend verstümmelten Version zu lesen. Geschäftsführer Schulze möchte das nicht hinnehmen. „Es ist doch völlig egal, ob Jens Riewa homo oder hetero ist“, sagt er. „Das Thema ist nicht seine sexuelle Orientierung, sondern seine notorische Homopanik.“ Man habe die Plauderei bei Neo Magazin Royale aufgegriffen, um an Riewas „skandalöse Prozesse vor fast zwanzig Jahren zu erinnern“. Es sei für seine Generation ein „prägender Schock“ gewesen, sagt Schulze, „dass jemand 50 000 Mark Schmerzensgeld haben wollte, nur weil er irrtümlich als schwul bezeichnet worden war.“ Schulze sagt: „Wir wehren uns gegen Riewas Klage, weil Homosexualität nicht ehrenrührig ist.“

Jetzt wird das Geschäft mit der Reiselust neu verteilt

Die Pleite des britischen Tourismuskonzerns Thomas Cook freut einige seiner Rivalen. Denn für sie eröffnen sich jetzt neue Chancen. In Deutschland könnten vor allem zwei Konzerne profitieren.

Ahoi, Ihr Halunken! Und ein herzliches Hallo an alle Sportbegeisterten!“ So locker begrüßt das Surferhotel „Bretterbude“ in Heiligenhafen auf seiner Website mögliche Gäste. Das Angebot: Konzerte, Poetry Slam sowie „Abbaden zum Saisonende“. Und überall trifft man auf Gleichgesinnte.

Das Haus am Ostseestrand ist ein Beispiel dafür, wie die Zukunft der Reisebranche aussehen könnte. Statt touristischer Hausmannskost nach dem Motto „eine Woche Bräunen am Pool plus Vollpension im Dreisternehotel ab 336 Euro“ sind Deutschlands Reiselustige zunehmend auf der Suche nach Spektakulärem und Speziellem.,

Golfreisen für Aufstiegsorientierte, Radtouren für Umweltbewegte, Luxusaufenthalte für Betuchte verzeichnen hohe Zuwächse. Mit durchschnittlichen Themen und durchschnittlichen Produkten könnten sich Anbieter im heutigen Wettbewerb nicht mehr durchsetzen, schreibt der Wormser Professor Roland Conrady.

Thomas Cook hatte kein klares Geschäftsmodell

Damit dürfte er die Kurzformel für die Ursache der Thomas-Cook-Pleite gefunden haben, schon bevor der britische Reisekonzern Insolvenz anmelden musste. Thomas Cook hat es nach Einschätzung von Branchenkennern versäumt, sein Geschäftsmodell klar zu definieren.

Einige Unternehmen wie Europas größter Reisekonzern TUI konzentrieren sich darauf, stark in eigene Hotels zu investieren, oder sie stecken Milliarden in Kreuzfahrtschiffe. Dafür haben sie im Idealfall große Teile der Wertschöpfungskette vom Verkauf bis zum Aufenthalt der Gäste selbst im Griff. Andere verzichten auf diese „Vertikalisierung“ und setzen auf einen starken Vertrieb, wie etwa die Rewe-Tochter DER Touristik. Thomas Cook hat sich für keines der Geschäftsmodelle konsequent entschieden.

Dazu kam ein Bündel weiterer Fehlentscheidungen, die letztlich den Reisegiganten in seinem 176. Geschäftsjahr zu Fall brachten. Überteuerte Firmenkäufe, viel zu hohe Kosten bei den drei hauseigenen Fluglinien, zögerliche Anpassung an den wackeligen britischen Stammmarkt sind Beispiele.

Einige freuen sich über die Pleite

Die Folgen sind fatal. Weltweit saßen zunächst 600.000 Urlauber fest, rund 21.000 Beschäftigte bangen um ihre Jobs, davon Tausende in Deutschland. Die deutsche Tochter Condor musste beim Staat um Hilfe bitten und kann erst einmal weiterfliegen, dank einer Bürgschaft über 380 Millionen Euro.

Nicht alle sind traurig über das Aus für den lange strauchelnden Riesen Thomas Cook. „Der Markt wird neu verteilt. In dieser Konsolidierung wird es auch Gewinner geben“, sagte DER-Chef Sören Hartmann WELT AM SONNTAG und ergänzte: „Ich denke, die DER Touristik gehört dazu, wie auch TUI und manche Mittelständler.“

Cooks Insolvenzversicherer Zurich hat DER unterdessen beauftragt, die Rückflüge der Reisenden aus der Dominikanischen Republik zu organisieren. Man rechne mit einer vierstelligen Zahl an betroffenen Gästen, teilte DER mit.

„Es wäre schade, wenn Condor unterginge“

Ob die Rewe-Tochter DER mit der Übernahme von Teilen aus dem untergehenden Thomas-Cook-Reich liebäugelt, ließ Hartmann offen, ebenso eine mögliche Beteiligung an der Airline Condor. Deren Komplettübernahme durch DER schloss der Manager, der auch im Vorstand der Rewe-Group sitzt, zwar aus, sagte aber: „Es wäre sehr schade, wenn Condor unterginge.“ In der Reisebranche werde es viele Unterstützer für den Erhalt der Fluglinie geben. „Deshalb glaube ich an die Zukunft dieser Airline, zumal sie ein gutes Management hat“, so Hartmann.

Sollte Condor verschwinden, würde dies nach Ansicht von Kennern die ganze Branche treffen, am stärksten kleine und mittelgroße Veranstalter. Ihnen würden auf vielen Strecken schnell verfügbare, freie Flugkapazitäten fehlen, die keine andere Airline biete. „Die Lufthansa“, so glaubt Hartmann, „würde eben nicht direkt von München in die Dominikanische Republik oder von Hamburg nach Sri Lanka fliegen.“

Eigentlich gilt Condor in der Branche als profitabel. Das Problem, so sagt es ein Firmenkenner, sei gewesen, dass die Gesellschaft ständig Geld an die klamme britische Mutter abführen musste. Dieses Geld habe gefehlt, um die Flugzeugflotte zu modernisieren. „Das Problem kam ganz klar aus England.“ Das könnte die Suche nach einem neuen Eigentümer erschweren. Der britische Rivale Ryanair hat schon abgewunken. „Wir sind an Condor nicht interessiert, sondern nur an ihren Kunden“, sagte Marketingchef Kenny Jacobs.

Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen

Um weitere Pleiten zu vermeiden, fordert Jacobs Stresstests für Tourismusfirmen, wie sie für Banken längst üblich sind. Er begründet das unter anderem damit, dass allein die britische Regierung 600 Millionen Pfund (678 Millionen Euro) Steuergeld ausgegeben habe, um Thomas-Cook-Passagiere wieder in die Heimat zu bringen. Die Condor-Bürgschaft kritisiert der Manager dagegen eher milde. Das Vorgehen sei zwar fragwürdig, aber das Aus des Ferienfliegers würde den Wettbewerb auf dem deutschen Markt weiter schwächen. „Die Kunden müssen die Wahl haben“, forderte Jacobs.

Die Reiselust scheint so schnell nicht zu vergehen, da sind sich die Experten sicher. „Für die Deutschen stehen nach Deckung ihrer Lebenshaltungskosten Ausgaben für Urlaub an erster Stelle“, sagt Fred Hogen, Handelsexperte bei der Nielsen-Marktbeobachtung. Sie gäben deutlich mehr Geld aus als noch vor fünf Jahren. Und im vergangenen Jahr sind die Tourismusausgaben um fünf Prozent gestiegen. Das ist weit mehr als bei den meisten anderen Konsumgütern.

Bittere fünf Buchstaben für die FPÖ

Auf Ibiza hatte Heinz-Christian Strache noch von einer Übernahme der Kronen Zeitung getönt, nun ist seine Partei bei der Wahl abgestürzt. Und das Blatt schickt einen hämischen Gruß.

„Wenn du die Krone hast, hast du die Meinungshoheit“, hat Heinz-Christian Strache mal gesagt. In einer Villa auf Ibiza erläuterten der frühere FPÖ-Chef und sein Adlatus Johann Gudenus Wodka-Bull-beseelt, wie sie nach und nach die Kronen Zeitung übernehmen und zu einem Parteiorgan ausbauen wollen. Dafür wolle man unter anderem auch „zack, zack, zack“ unliebsame Redakteure austauschen.

Aber der verhängnisvollere Satz, der in dem Gespräch mit der angeblich russischen Investorin fiel, lautete:

„Wenn dieses Medium auf einmal uns pusht, dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent.“

Nun ist die FPÖ bei den vorgezogenen Nationalratswahlen auf ein Rekordtief von 17,3 Prozent gefallen. Und die Krone versieht das Zitat Straches via Twitter, zack, zack, zack, mit fünf Buchstaben: Sorry.

Manchen mag das wie ein schlechter Witz aus dem zuständigen Social-Media-Team vorkommen. In Wahrheit ist es ein fein gespielter, vergifteter Gruß an einen, mit dem man mal sehr eng war.

Lange Zeit haben sich die Krone und die Freiheitlichen gegenseitig beflügelt. Sie hetzten gemeinsam gegen Flüchtlinge und den Islam, und wo das Blatt FPÖ-genehme Themen – oder Strache privat im „Papa-Monat“ – lancierte, verschaffte die Partei mit Facebook-Posts über die Krone weitere Leser. Besonders FPÖ-nah war die Onlineausgabe des Blattes. In einem Interview mit dem österreichischen Magazin Fleisch brüstete sich der frühere Chefredakteur, Richard Schmitt, mit seinem „Doppelspiel“ mit Strache und irritierte viele in Wien mit diesem Verständnis von Journalismus.

Aber dann kam Ibiza und die Krone konnte nicht anders, als sich von der FPÖ zu distanzieren. Schmitt musste seinen Posten räumen und das Blatt verkündete, man wolle online bei Flüchtlingsthemen behutsamer berichten. In Österreich heißt es, gegen die Krone wolle niemand regieren. Und man kann nie wissen,auf welche politische Seite sich die Zeitung als nächstes schlägt. Sorry.

Zum amerikanischen Wahlkampf lockert Facebook die Regeln für Politiker

Wer sich auf Facebook nicht an die Community-Regeln hält, dem droht die Sperrung seines Kontos. Für Politikerinnen und Politiker gilt dies jedoch nicht mehr. Alles erlauben dürfen sich die Mächtigen der Welt aber dennoch nicht.

In den USA ist der Wahlkampf um die Präsidentschaftswahl 2020 in vollem Gange. Im 21. Jahrhundert treibt dieser seine Blüten zu großen Teilen auf Social Media und das nicht immer auf rühmliche Weise. So forderte der amerikanische Präsident Donald Trump auf Twitter vier junge Abgeordnete der Demokraten jüngst dazu auf, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Dies, obwohl drei der vier Frauen gebürtige Amerikanerinnen sind.

Während Twitter dank neuen Nutzungsbestimmungen solch umstrittene Beiträge künftig als Regelverstoß markieren kann, hat Facebook nun die Regeln für Politiker mit Blick auf die amerikanische Präsidentschaftswahl gelockert. Die Community-Standards, welche unter anderem das Verbreiten von Hetze untersagen, gelten für sie nicht mehr. Das erklärte der ehemalige britische Politiker Nick Clegg, der seit einem Jahr als Kommunikationschef für Facebook arbeitet, am Dienstag in einer Rede am Atlantic Festival in Washington, D. C. Am Mittwoch legte Clegg mit einer Presseerklärung nach.

Öffentliches Interesse überwiegt
Facebook begründete diesen Schritt mit dem Nachrichtenwert, die Beiträge von Politikern hätten. Bereits seit drei Jahren dürfen Posts auf Facebook gegen die Community-Regeln verstoßen, wenn sie von öffentlichem Interesse sind. Dieses ist laut Facebook bei Beiträgen von Politikerinnen und Politikern generell gegeben. Das öffentliche Interesse wird bei ihnen höher gewichtet als die Risiken, die von ihren Beiträgen ausgehen könnten. Schon seit längerem gelten für Politiker Sonderregeln. So werden ihre Beiträge nicht auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Sie sind vom «Fact Checking» der Seite ausgenommen.

Wie Clegg in seiner Rede vom Dienstag darlegte, wäre ein Eingriff in den politischen Diskurs nicht mit den Prinzipien von Facebook vereinbar. Die freie Meinungsäußerung sei ein Grundpfeiler der Firmenphilosophie. Facebook habe zwar die Verantwortung, die Plattform vor Einflussnahme von außen zu schützen und politische Werbung so transparent wie möglich zu machen. «Es ist aber nicht unsere Aufgabe, einzugreifen, wenn Politiker sprechen», so Clegg. Ein Privatunternehmen dürfe kein Schiedsrichter in der Politik sein. Mit der Regelanpassung wolle man auch den Vorwürfen entgegentreten, dass hinter der Löschung gewisser Beiträge eine politische Motivation stecke.

Umsetzung noch unklar
Doch es gibt auch Ausnahmen von der neuen Regel. Gefährden Beiträge von Politikern beispielsweise andere Menschen an Leib und Leben, werden die Posts gelöscht.

Verlage und Start-ups entdecken Mobilitäts-Magazine für sich

Benzin im Blut – das war einmal. Der Automarkt steht zunehmend unter Strom, neue Technologien rücken in den Fokus, vor allem Elektro-Antriebe. Am großen E kommt niemand mehr vorbei – und da tut sich ein Markt für Medien auf. Rund ein Dutzend ernstzunehmende Magazine und Infodienste tummeln sich im deutschsprachigen Raum, die meisten erscheinen zweimonatlich oder quartalsweise, zusammen verbreiten sie eine Auflage von rund 400000 Exemplaren. Hinzu kommen Onlineportale und Blogs wie Electrive.net, Elektroauto-news.net oder Emobly.com, das TV-Moderator und Journalist Richard Gutjahr mitgegründet hat und nun als Chefredakteur leitet.

Was auffällt: Es sind überwiegend kleinere Verlage und Start-ups, die sich mit eigenständigen Publikationen der modernen Mobilität widmen. Das gilt inzwischen auch für Edison, das vor drei Jahren unter dem Geburtsnamen E-Vision innerhalb der Handelsblatt-Familie mit großem Aufschlag startete: Als Supplement lag es dem Handelsblatt und verwandten Titeln wie Wirtschaftswoche, VDI Nachrichten, Zeit und Tagesspiegel bei. Gesamtauflage 1,1 Millionen Stück, Reichweite 3,5 Millionen Leser.

Die Resonanz darauf sei prima gewesen, der Tenor: „Wann kommt die nächste Ausgabe?“, berichtet Franz W. Rother, der die Idee mit dem damaligen Verlagschef Gabor Steingart umsetzte. Im September 2017 feierte dann Edison mit gedruckten 80000 Exemplaren Premiere. Ein Blitzstart gelang nicht, die zwischenzeitliche Neuaufstellung der Handelsblatt Media inklusive Steingart-Abgang tat ein Übriges – und nun haben die Düsseldorfer das Licht ausgeknipst.

Für Edison geht’s trotzdem weiter: Chefredakteur Rother übernimmt den Titel im Management-Buy-out zum 1. Oktober in die Edison Media in Köln. „Wir erklären, wie man Mobilität neu und nachhaltig denkt, wie das konkret funktionieren und im Alltag aussehen kann.“ Er ist überzeugt, dass „Edison als Innovations- und Zukunftsmagazin noch viel Potenzial hat“. Der Copypreis bleibt bei 8,50 Euro, die Frequenz bei vierteljährlich.

Rother baut auf Erfahrungen aus der Anfangszeit. „Der Bedarf an persönlichem Austausch über dieses Thema ist riesig“, sagt er. Zusammen mit Partnern hat er bislang schon 25 „Edison Talks“ veranstaltet, ein Format, das anfangs eher als Marketing-Plattform gedacht war und nun zum relevanten Geschäftsfeld wurde. Zudem sollen weitere Edison-Konferenzen stattfinden, Pläne für eine Academy und Ideen für Consulting gedeihen.

Das Jahr 2017 war ein gründungsreiches für die Medien der „Generation E“. Erstmal erschienen auch Arrive, Electrified, eTecMag und Vision Mobility. Schon 2013 hatte Matthias Herbig ein fertiges Konzept in der Schublade, dann „war die Zeit reif“, sagt der Eigentümer und CEO von Electrified Media. Bei einer Druckauflage von 35.000 Stück entwickelt sich das Magazin eher stetig, aber leicht über Plan. Den Übergang vom Nischen- zum Multi-Milliarden-Markt rund um Mobilität erwartet Herbig in den nächsten fünf Jahren, entsprechend werde die Nachfrage nach Medien wachsen. „Als einer der Pioniere sind wir durch unsere Kompetenz gut positioniert“, so Herbig.

Dazu hat er in Frank Mertens einen erfahrenen Chefredakteur verpflichtet, der daneben weiterhin sein eigenes Onlineportal Autogazette betreibt. „Wir legen Wert auf eigenrecherchierte Storys und starke Haptik. Es geht darum, die Geschichten in den Alltag unserer Leser zu transportieren.“ In diesem Ansatz ähneln sich Edison und Electrified sehr. Herbig und Mertens sind sicher, dass das Thema moderne Mobilität auf Papier gut aufgehoben ist. „Inhalte vertiefen, Dinge erklären, dafür muss man sich Zeit nehmen – und das funktioniert in Printmedien einfach besser.“

Ihre Zielgruppe, in der Mehrheit höher gebildet, kaufkräftig, ökologisch orientiert, ist digital geprägt, aber nicht printabstinent. „Wir sprechen Menschen an, für die Nachhaltigkeit der neue Lifestyle ist“, sagt Herbig. In der Regel sind bis zu einem Zehntel der über 100 Seiten einer Ausgabe Anzeigen, sie stammen überwiegend von bekannten Automarken und -zulieferern. „Das Interesse ist groß, wir laufen offene Türen ein“, erklärt der Magazingründer.

Dazu hat er in Frank Mertens einen erfahrenen Chefredakteur verpflichtet, der daneben weiterhin sein eigenes Onlineportal Autogazette betreibt. „Wir legen Wert auf eigenrecherchierte Storys und starke Haptik. Es geht darum, die Geschichten in den Alltag unserer Leser zu transportieren.“ In diesem Ansatz ähneln sich Edison und Electrified sehr. Herbig und Mertens sind sicher, dass das Thema moderne Mobilität auf Papier gut aufgehoben ist. „Inhalte vertiefen, Dinge erklären, dafür muss man sich Zeit nehmen – und das funktioniert in Printmedien einfach besser.“

Ihre Zielgruppe, in der Mehrheit höher gebildet, kaufkräftig, ökologisch orientiert, ist digital geprägt, aber nicht printabstinent. „Wir sprechen Menschen an, für die Nachhaltigkeit der neue Lifestyle ist“, sagt Herbig. In der Regel sind bis zu einem Zehntel der über 100 Seiten einer Ausgabe Anzeigen, sie stammen überwiegend von bekannten Automarken und -zulieferern. „Das Interesse ist groß, wir laufen offene Türen ein“, erklärt der Magazingründer.

Hast du eine Zeitung, bist du jemand

Millionäre und Milliardäre kaufen Zeitungen. Sie tun es aus gemeinnützigen Gründen, sagen sie. Eitelkeit und Eigeninteresse spielen auch mit. Wer Medien besitzt, gewinnt Glanz und Gloria.

Ein gequälter Seufzer war am Dienstag unter Medienleuten zu vernehmen. Warum, um Himmels willen, jemand heutzutage noch einen Presseverlag kaufe, fragten einige, als sie die Nachricht hörten, ein Unternehmerpaar wolle die Berliner Zeitung erwerben. Zweifellos gäbe es rentablere Investitionsobjekte. Doch Silke und Holger Friedrich, die künftigen Eigentümer, stehen mit ihrem Engagement keineswegs als Exoten da. Die Krise der Presse hat etliche Quereinsteiger angelockt, die in anderen Industriezweigen zu Geld kamen.

Das prominenteste Beispiel ist die «Washington Post», wo im Jahr 2013 der Amazon-Gründer das Steuer übernahm und die ratlose Besitzerfamilie von ihren Sorgen befreite. Jeff Bezos wie auch Holger Friedrich sind im Technologiesektor aufgestiegen; dasselbe gilt für den Tech-Milliardär Marc Benioff, der den Cloud-Computing-Anbieter Salesforce aufbaute und vor einem Jahr das «Time Magazine» kaufte. Oder die Witwe des Apple-Mitbegründers Steve Jobs, die das Politikmagazin «The Atlantic» kontrolliert sowie bei den Medien «Axios», «Pop-up» und «Sunday Magazine» einstieg.

Die Neureichen des IT-Sektors können sich das nicht nur leisten, ihre Engagements beruhen auch auf einer industriellen Logik. Die technischen Entwicklungen trieben die klassischen Medienanbieter in die Krise, die nun vom Wissen und von den Marketingfähigkeiten der neuen Besitzer profitieren können.

Es interessieren sich nicht nur IT-Unternehmer für die Medienbranche – Millionäre und Milliardäre aus anderen rentablen Branchen zeigen ebenfalls ein Herz für den Journalismus. Der im Pharmasektor aufgestiegene Chirurg Patrick Soon-Shiong erwarb Anfang 2018 die «Los Angeles Times». In der Schweiz unterstützt die Roche-Erbin Beatrice Oeri alternative Medienangebote, Christoph Blocher wurde zum Grossverleger von Gratisblättern.

Privatbankier rettet Linke

In Paris rettete vor vierzehn Jahren der Privatbankier Edouard de Rothschild das im linksalternativen Milieu geborene Blatt «Libération» vor dem Untergang. Er ist dessen Hauptaktionär. Bei der kriselnden, lange Zeit selbstverwalteten «Le Monde» übernahmen 2010 der Modeunternehmer Pierre Bergé, der Banker Matthieu Pigasse sowie der Internetunternehmer Xavier Niel das Steuer. Nun ist die Redaktion in Aufruhr, weil sich der im Handels- und im Energiebereich aufgestiegene Tscheche Daniel Kretinsky einkaufte. Die Belegschaft sieht die redaktionelle Unabhängigkeit in Gefahr.

Nach dem Fall der Mauer entdeckten auch Oligarchen ihre Liebe zur Medienbranche. Der Russe Alexander Lebedew etwa übernahm die defizitäre britische Zeitung «The Independent» und erwarb den Londoner «Evening Standard». Alexander Pugatschew wiederum engagierte sich beim Blatt «France Soir».

Im Osten eroberten Oligarchen ohnehin eine starke Position im Mediensektor – klar mit der Absicht, politischen Einfluss zu gewinnen. In den demokratischen Staaten des Westens machen die Neuverleger gemeinnützige Motive geltend. Sie wollen dazu beitragen, die Gesellschaften mit verlässlichen Informationen zu versorgen. Bei einigen Investitionen spielen gewiss Eitelkeit und Eigeninteresse mit. Wer Medien besitzt, gewinnt Glanz und Gloria, verschafft sich den Nimbus von Macht. Dafür verzichtet man auf hohe Renditen. Die Marktgesetze werden aber auch Mäzene nicht ignorieren können.

Fernsehbranche sucht bei Medientagen den Sinn in Partnerschaften

Keine Krisenstimmung bei den österreichischen Medientagen 2019, aber auch keine Euphorie. Pragmatische Töne prägten den ersten Tag des traditionellen Medien-Herbstevents. Die TV-Landschaft stand im Zentrum, und hatte das Match „Privat gegen ORF und umgekehrt“ früher durchaus brutale Aspekte, reichte es heuer gerade mal für ein wenig Geplänkel. Vielfach beschworen wurde dagegen Kooperation.

Auch und gerade bei hochwertigem fiktionalen Content gelte es, zusammenzuarbeiten, waren sich die am „TV-Gipfel“ vereinten Branchengrößen einig. Christine Scheil nannte „Babylon Berlin“ als Beispiel. Katharina Behrends von NBC Universal International Networks ortete eine „Qualitätsexplosion“ und goldene Zeiten für hochwertige Produktionen. Für das neue Projekt „Prost Mortem“ hat man mit Puls 4 zusammengearbeitet. Für Markus Breitenecker, Chef von ProSiebenSat1Puls4, ein gutes Beispiel für eine „Allianz“, die dem österreichischen Privaten den Einstieg in die Fiction ermöglicht.

Lokale Inhalte und Werbekooperationen
„Wir brauchen lokalen, das heißt österreichischen Inhalt, um uns zu unterscheiden“, nämlich von den „Silicon Valley-Giganten“, ist Breiteneckers Motto. Julia Reuter von der RTL Group nannte wiederum Werbekooperationen als weiteres erfolgreiches Beispiel. Man müsse Bequemlichkeit für User und Werbekunden schaffen. „Keiner möchte sich in fünf verschiedene Apps einloggen. Die Kunden möchten einfach buchen können.“

Max Conze, Vorstand der ProSiebenSat1-Gruppe, verwies auf die Streamingplattform Joyn als Beispiel für zeitgemäße TV-Partnerschaften. Zappn, das Projekt der Österreich-Tochter, „war für uns der Ausprobiercase“, berichtete er im Bühnen-Talk. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz kündigte die Umsetzung wesentlicher Teile des ORF-Players für Mitte 2020 an. Denn „nur mit gestreamten klassischen Fernsehprogrammen allein“ könne ein Unternehmen wie der ORF nicht „vom Public-Service-Broadcaster zur Public-Service-Plattform“ werden. Und es bräuchte dafür eine Änderung des ORF-Gesetzes.

Dem widersprach Breitenecker getreu der derzeitigen Linie des Privatsenderverbands VÖP. Alles, was öffentlich-rechtlich sei und nicht den Wettbewerb verzerre, könne der ORF ohnehin bei der Medienbehörde KommAustria zur Genehmigung einreichen. Und bis Mitte 2021 sei schon etwas sehr lang, so Breitenecker sinngemäß. Wrabetz konterte: Behördenverfahren würden oft Jahre dauern, und jenes zur Frage Flimmit etwa habe „Netflix in seinen Marktchancen nicht wirklich beeinträchtigt“.

Etwas Tempo erhielt der Schlagabtausch zwischen Breitenecker und Wrabetz, als der ORF-Chef kritisierte, der VÖP wolle ORF-Sender „erst kaputt machen und dann vielleicht verscherbeln“. „Schlicht unrichtig“ sei das, sagte Breitenecker empört. Nach kurzem Hick-hack warf dann Reinhard Scolik, einst ORF-Manager und nun Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, trocken ein: „Ich glaube, mit Verlaub, dass das die internationalen Player nicht beeindrucken wird.“ Er habe solche Konfliktlinien im österreichischen Markt schon als „überwunden“ betrachtet. Bei der Suche nach „sinnvollen“ Partnerschaften müsse stets auch die eigene Marke und deren Stärkung berücksichtigt werden, betonte er.

Der Smartphone-Boom ist passé – faltbare Smartphones dürften daran wenig ändern

Das Geschäft war scheinbar rund eine Dekade lang ein Selbstläufer. Mit der Einführung des iPhones durch Apple hatte 2007 eine vermeintlich ewig währende Smartphone-Bonanza eingesetzt; Jahr für Jahr konnten die Hersteller in der Folge den weltweiten Absatz ihrer Geräte steigern. Daraus auf paradiesische Zustände für die einzelnen Produzenten zu schliessen, wäre indessen ein Irrtum. Denn gerade das rasante Wachstum des Marktes machte diesen attraktiv für Newcomer.

Vor allem chinesische Anbieter wie Huawei, Xiaomi oder Oppo konnten sich mittlerweile beachtliche Stücke des Kuchens sichern. Sie profitieren zum einen von der gestiegenen Kaufkraft der technologie-affinen Bevölkerung in ihrem Heimmarkt. Zum anderen gelingt es ihnen, sich in wohlhabenden Ländern durch ein vorteilhaftes Preis-Leistungs-Verhältnis als Alternativen zu Apple, Samsung und Co. positionieren.
Kaum wahrgenommene Innovation

Der zunehmende Konkurrenzdruck befeuerte zwar stets den Innovationswettlauf unter den Anbietern. Doch zumindest aus der Perspektive der Smartphone-Nutzer hatten die Neuerungen lange zumeist inkrementellen Charakter. Das heisst: Grosse Würfe mag es auf technologischer Ebene zwar durchaus gegeben haben. Doch diese waren für die Konsumenten kaum als solche zu erkennen. Das war offenbar auch nicht unbedingt nötig: Die allermeisten Smartphones meisterten und meistern alltägliche Aufgaben zur Zufriedenheit der Kunden – und viel mehr scheint man gar nicht von ihnen zu verlangen.

Solange der Zustrom von Smartphone-Erstkäufern unter dem Strich für eine steigende Nachfrage sorgte, war die Genügsamkeit der Nutzer kein allzu grosse Problem für die Hersteller. Doch mittlerweile hat der Wind gedreht: Der Anteil der Smartphone-Neulinge unter den Käufern geht zurück; und jener der Käufer, die ihr altes durch eine neues Smartphone ersetzen, nimmt zu. Der Markt weist deutliche Anzeichen der Sättigung auf. So konnten 2018 erstmals weniger Smartphones abgesetzt werden als im Jahr zuvor.

Noch mehr Megapixel genügen nicht

Die Hersteller erscheinen dagegen etwas hilflos. Um die Konsumenten dazu zu bewegen, sich ein neues Smartphone zuzulegen, genügt eine Kamera mit noch mehr Megapixeln und etwas mehr Speicherplatz nicht aus. Gefragt ist eine stärkere Differenzierung. Und genau diese Überlegung dürfte hinter der Renaissance des Klapp-Handys stecken.

Anfang des Jahres sorgte Samsung mit dem «Galaxy Fold» für Aufsehen, das sich dank dem faltbaren Display zu einem Tablet aufklappen lässt. Fast zeitgleich hat auch Huawei ein Falt-Handy angekündigt. Das «Mate X» hat in zusammengefalteten Zustand einen Bildschirm auf der Vorder- sowie auf der Rückseite und wird nach aussen aufgeklappt.

Bei ersten Praxistests kam es beim Gerät von Samsung binnen weniger Tage zu schweren Defekten, weshalb die Markteinführung verschoben werden musste. Und das «Mate X» von Huawei wird entgegen den ursprünglichen Plänen zunächst nur in China verfügbar sein. Der Grund dafür ist, dass die US-Regierung Huawei auf eine schwarze Liste gesetzt hat. Seither dürfen auf den Geräten der chinesischen Firma keine Google-Dienste mehr vorinstalliert werden. Offenbar hält es Huawei unter diesen Umständen nicht für sinnvoll, sein Vorzeigemodell ausserhalb Chinas auf den Markt zu bringen.
Zu teuer für den Massenmarkt

Die Frage stellt sich, wie grosse das Potenzial abgesehen von solchen Schwierigkeiten ist. Die Marktforscher der amerikanischen Firma Gartner sind diesbezüglich wenig euphorisch. Sie gehen davon aus, dass 2023 weltweit nur rund 30 Millionen faltbare Geräte verkauft werden dürften. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr sollen etwa 2 Milliarden Smartphones ausgeliefert werden. Der Marktanteil der Klapp-Handys läge demnach bei etwa 1,5%. Dass eine solche Stückzahl nicht ausreicht, um die mittlere Nutzungsdauer der Geräte wahrnehmbar zu drücken, liegt auf der Hand. Gartner geht im Gegenteil davon aus, dass diese sich im oberen Preissegment von derzeit 2,6 auf 2,8 Jahr verlängern wird.

Dass die Nachfrage nach faltbaren Smartphones in den kommenden fünf Jahren bescheiden bleiben dürfte, hat mehrere Gründe. Der offensichtlichste davon ist der Preis: Das «Galaxy Fold» von Samsung wird offenbar rund 2000 Franken kosten. Für das «Mate X» von Huawei müssen gar 2500 Franken auf den Tisch gelegt werden. Der Massenmarkt lässt sich mit solchen Preisen nicht erobern. Denn mit mit der gleichen Summe könnte man sich ein – nicht klappbares, aber leistungsfähigeres – Smartphone und ein Tablet zulegen.

Gleiche Wette aus verschiedenen Gründen

Die beiden Flaggschiffe von Samsung und Huawei dürften folglich Nischenprodukte bleiben. Mögliche Abnehmer könnten nebst technologie-begeisterten «early adopters» etwa zahlungskräftige Pendler sein, die nicht mehrere Geräte mitschleppen möchten – und nebenbei mit ihrem faltbaren Smartphones ihren sozialen Satus signalisieren können. Erst wenn die Preise fallen und sich die Technik im Alltag bewährt hat, ist mit einer breiten Nachfrage zu rechnen.

Ob die Hersteller mit ihren Falt-Smartphones auf das richtige Pferd gesetzt haben, wird sich erst in ein paar Jahren weisen. Auch wenn ein Erfolg alles andere als garantiert ist, hat es durchaus seine Logik, dass einige die Wette eingehen. Den einen Produzenten geht es wie Samsung: Sie müssen etwas riskieren, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Den anderen geht es wie Huawei vor der Eskalation des Konflikts mit den USA: Sie können etwas wagen, weil sie die finanziellen Mittel dafür haben.

Teamviewer: Ein schwäbisches Digitalwunder

Teamviewer ist nicht irgendeine Provinzklitsche, die den lokalen Handwerksbetrieben die Website aufhübscht oder Daten von verreckten Laptops rettet. Sondern ein schwäbisches Technologieunternehmen, das mehr als 230 Millionen Euro Umsatz pro Jahr macht. Das etwa 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Dessen Softwareprogramm auf Millionen Rechnern weltweit läuft. Und das am Mittwoch mit einer Bewertung von 5,25 Milliarden Euro an die Börse gegangen ist.

Dass die Firma von der breiten Öffentlichkeit lange übersehen wurde, liegt möglicherweise an ihrem Produkt. Teamviewer ist nicht ständig präsent, die Software arbeitet eher im Hintergrund – mit einem simplen Zweck: Systemadministratoren und Kindern klickwütiger Eltern die geistige Gesundheit zu retten.

„Da geht was nicht an meinem Computer, kannst du mir helfen?“ So harmlos diese Frage klingt, oft ist sie der Beginn eines längeren Telefonats. Weil dann meist an einem Ende der Leitung jemand sitzt, der eben einfach schnell das „kaputte Internet“ repariert haben oder den Cursor bei Word wiederfinden will. Und am anderen Ende jemand, der das Problem binnen weniger Minuten lösen könnte – wenn er sein Gegenüber nicht blind durch ein Labyrinth von Dropdown-Menüs und Fenstern navigieren müsste.

Genau dieses Problem erkannte Mitte der Nullerjahre eine kleine Softwarefirma aus dem schwäbischen Göppingen – und schrieb ein Programm, mit dessen Hilfe man aus der Ferne auf das Gerät einer hilfesuchenden Person zugreifen konnte, um ihr Computerproblem schnell zu lösen. Screensharing, also „Bildschirm teilen“, heißt die Methode, die das möglich macht. Und Teamviewer heißt die Software, die das Göppinger Unternehmen dafür bastelte – und sich gleich auch noch danach benannte.

Die Ersten werden die Größten sein

So naheliegend diese Idee auch rückblickend scheinen mag: Teamviewer zählte damals zu den Ersten, die Screensharing umsetzten. Privatmenschen konnten ihren Angehörigen und Freunden so auch noch nachts die Rechner wieder fit machen. Und Firmen entdeckten die Businessversionen, weil die IT-Abteilung dadurch nicht mehr ständig vor Ort sein musste, sondern auch aus der Ferne dem digital etwas weniger kundigen Beschäftigten bei seinen Computerproblemen helfen konnte. Klingt banal, spart aber Kosten. Heute zählen laut Teamviewer etwa 50 Prozent der Fortune-500-Unternehmen zu den Kunden.

Teamviewer, das ist ein Technologieunternehmen, das auch international etwas zu melden hat. Das ist selten in Deutschland. Sehr selten. Gut, es gibt SAP, manche zählen auch noch den Halbleiterhersteller Infineon hinzu oder den Onlinemodehändler Zalando. Aber das war es dann auch fast schon. Wie reiht sich ein kleines Unternehmen aus Baden-Württemberg in diese Auflistung ein?

In dieser Kleinstadt haben wir ein Einhorn versteckt

Besuch in Göppingen, wenige Tage vor dem Börsengang von Teamviewer. So kurz vor dem großen Ereignis ist die Führungsriege ausgeflogen, sie ist unterwegs, um Investoren für ihr Unternehmen zu begeistern. Geblieben sind zwei PR-Managerinnen, die durch die Firmenzentrale führen und durch die Geschichte von Teamviewer, die in ihrer offensiven Bodenständigkeit etwas wahrhaft Exotisches hat.

Silicon-Valley-Firmen wie Uber oder Facebook stellen Gewinne oft erst einmal hintenan. Stattdessen verkaufen sie Unternehmensanteile und investieren dieses Geld in ihr Wachstum. Skalieren nennt man das in Gründersprech. Die Idee: Im Digitalen ist es erst einmal wichtig, möglichst schnell möglichst groß zu werden, weil viele Branchen sogenannte Monopolmärkte sind – oft ist es nur ein Unternehmen, das sich etabliert und wirklich erfolgreich wird. So wie Google bei den Suchmaschinen, Amazon im Onlinehandel und Facebook bei den sozialen Netzwerken. Gewinne, so das Kalkül, kommen dann schon noch.

Teamviewer dagegen ist ein Unternehmen, das sich stets selbst finanziert hat. „In Deutschland wachsen neue Unternehmen oft eher langsam“, sagt die Startup-Forscherin Andrea Hermann. Als Professorin an der Universität Utrecht hat sie gemeinsam mit anderen Forschern 300 Startups aus Deutschland zu ihren Gründungen befragt. „Man überlegt sich zweimal, ob man einen Schritt geht oder nicht“, resümiert sie über die deutsche Startup-Mentalität. Typischerweise seien deutsche Firmen daher schnell profitabel. So außergewöhnlich die Geschichte von Teamviewer auch ist – gemessen an diesem Satz ist das Unternehmen typisch deutsch.

Stück für Stück hat Teamviewer seine Produktpalette erweitert. Heute gibt es dort weit mehr als nur das klassische Screensharing von Bildschirm zu Bildschirm: Unternehmen können mit Teamviewer IoT ihre Industrieroboter überwachen und rechtzeitig eingreifen, wenn irgendetwas nicht funktioniert. Wer mit seinem Auto liegenbleibt, kann sich von einem Freund über Teamviewer Pilot per Smartphone anleiten lassen, wie er den platten Reifen reparieren kann. Und mit Blizz können Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der ganzen Welt per Video konferieren. Das Grundprinzip ist immer noch dasselbe: aus der Ferne miteinander kommunizieren.

Nur mit Bodenständigkeit wäre man allerdings wohl auch bei Teamviewer nicht so weit gekommen. Schon 2009 verkaufte der Gründer Tilo Rossmanith seine Firma, fünf Jahre später ging sie an das Private-Equity-Unternehmen Permira – für rund eine Milliarde Dollar. In der Startup-Szene nennt man ein so hoch bewertetes Technologieunternehmen ein Einhorn, zu diesem fabelhaften Kreis zählen auch Airbnb oder Wework.

Der Verkauf von Teamviewer an Permira sei wichtig gewesen, sagt eine der Sprecherinnen: So habe man ein professionelles Management etablieren, neue Abteilungen und Strukturen für den künftigen Erfolg aufbauen können. Permira habe etwa die Rechtsabteilung vergrößert, die Finanzabteilung professionalisiert und die Internationalisierung unterstützt. Obwohl der Hauptsitz in Göppingen geblieben ist, sind weltweit etliche Standorte hinzugekommen: Singapur, Tokio, Jerewan, Madrid, Karlsruhe, Stuttgart.

Das sparkassigste Startup der Welt

Auch in der Firmenzentrale schwankt alles zwischen diesen zwei Polen: hier moderne Startup-Optik, dort behördenartige Provinzialität. An den Wänden im zweiten Stock kleben in bunten Farben die Firmenwerte auf Englisch: Passion. Trust. Security. Simplicity. Diversity. Customer First. Das ist Gründerprosa in Reinform. Es gibt Büros, die sich Dutzende Menschen teilen – schön getrennt durch Wände, die sowohl als Sichtschutz als auch als Pinnwand dienen. Das wirkt dynamisch und agil. Und ganz anders als die verwinkelten Gänge, in denen die Ästhetik einer Sparkassenfiliale vorherrscht. Schon allein wegen der riesigen Pflanzen im zweiten Stock.

Sich derartig nicht einzuordnen, nicht irgendeinem Image hinterherzulaufen, auch das passt zu Teamviewer: Es ist schwer, das Unternehmen einer Kategorie zuzuordnen. Es ist noch jung, aber eigentlich nicht mehr jung genug, um noch als Startup zu gelten. Die Firma ist irgendwie familiär, aber als Beteiligung eines Private-Equity-Unternehmens auch nicht das, was man sich unter typisch deutschem Mittelstand vorstellt. Sie ist nicht klein, aber auch noch weit entfernt von der Größe eines DAX-Konzerns. Das liegt natürlich auch an den Bezeichnungen: Startup, Mittelständler, Konzern – das sind dehnbare Begriffe. Im Zeitverlauf gesehen gebe es keine klare Grenze, wann ein Startup aufhöre und ein Mittelständler anfange, sagt Wissenschaftlerin Hermann.

Vielleicht ist der Erfolg von Teamviewer auch mit dieser Mischung aus Pioniergeist und Professionalität zu erklären. Permira habe Strukturen aufgebaut, sagt eine der Sprecherinnen. Die Kultur des Unternehmens ähnle dagegen noch mehr immer der eines Startups. Von Bürotüren, die auch bei den Chefs immer geöffnet seien, bis hin zu sogenannten Insights-Sessions, in denen Mitarbeiter die Führungsriege alles fragen können. Zum Beispiel, wann die nächste Party stattfindet.

Totale Unterbesetzung, viele Altlasten und Druck

Allerdings herrscht auch bei Teamviewer nicht immer Partylaune. 2017 verließen binnen eines Jahres drei Manager aus der Chefetage das Unternehmen, darunter der Geschäftsführer Andreas König. Auf Anfrage von Zeit Online will keiner von ihnen seinen Weggang kommentieren. Nur: Dass gleich so viele Führungskräfte auf einmal gehen, spricht nicht gerade für Harmonie.

Kaum hatte der neue Geschäftsführer Oliver Steil die Arbeit aufgenommen, geriet auch er in die Kritik. 2018 bemängelte er in einer E-Mail den Krankenstand in der Firma. Sieben bis neun Krankheitstage im Jahr seien pro Mitarbeiter „ziemlich ungewöhnlich“, hieß es darin. Man wolle „von nun an Abwesenheiten wegen Krankheit genau kontrollieren“.

Misstrauen gegen die eigenen Mitarbeiter – das ist keine gute Arbeitsgrundlage. Das Portal Gründerszene bekam die Mail zugespielt und veröffentlichte sie. Auf der Arbeitgeberbewertungsplattform kununu beschwerten sich damals Menschen über den Ton in der E-Mail. Das Managementteam habe eine „hohe Zustimmung“, das habe die letzte Mitarbeiterbefragung gezeigt, sagt eine der Sprecherinnen.

Doch auf kununu werden auch andere Kritikpunkte laut, die weit über Steils Nachricht hinausgehen. Immer wieder finden sich zwei Kritikpunkte: hoher Druck und hohe Arbeitsbelastung. „Wer bei Teamviewer nicht ordentlich funktioniert und immer ans Leistungslimit geht, wird motiviert, zu gehen“, heißt es dort. Oder: „Es gibt durch totale Unterbesetzung, fehlende oder schlechte Prozesse, viele Altlasten und vor allem den Druck, weil einfach alles immer sehr hohe Priorität hat und vorgestern fertig sein soll, eine zu hohe Arbeitslast.“

Diese Belastung wird auch auf den Eigentümer Permira zurückgeführt. Auf kununu beschweren sich Menschen anonym, dass die Firma „komplett vom Investor gesteuert“ sei oder der Investor sich zu stark in die Firma einmische. Das ist erst einmal nicht verwunderlich. Wie jeder Investor will auch die Private-Equity-Gesellschaft ihr investiertes Geld vermehren.

Beim Börsengang deutet sich allerdings an, was daran möglicherweise problematisch sein könnte. Der komplette Erlös aus den verkauften Anteilen geht an Permira – rund zwei Milliarden Euro. Normalerweise sind Börsengänge für ein Unternehmen ein Weg, um neues Kapital für weiteres Wachstum zu sichern. Teamviewer geht dagegen leer aus. Dabei hätte die Firma das Geld nötig – sie war im ersten Halbjahr 2019 mit mehr als 726 Millionen Euro verschuldet.

Von Teamviewer heißt es, dass man nicht auf die Erlöse aus dem Börsengang angewiesen sei. „Wir haben bereits in Vorbereitung auf unseren Börsengang damit begonnen, unsere Finanzverbindlichkeiten konsequent zu reduzieren“, sagte Firmenchef Steil in einem Interview mit Börse Online. Man sei auf einem „sehr guten Weg“.
Größe auf den zweiten Blick

Ob das gelingt, wird man sehen. Der nächste Wachstumsschritt steht jedenfalls schon an: Bald wird die ehemalige Sparkassenfiliale zu klein sein für Teamviewer, das Unternehmen baut daher an einem neuen Gebäude mitten in Göppingen. Schon jetzt kreisen die Kräne über der Stadt.

Wechselt man die Perspektive, dann wirkt übrigens auch die Göppinger Firmenzentrale von Teamviewer ganz anders. Plötzlich ist er nicht mehr zu übersehen – der dicke Teamviewer-Schriftzug, der auf die ehemalige Sparkassenfiliale montiert ist. Was ganz gut zur Geschichte von Teamviewer passt: Größe, die man erst auf den zweiten Blick erkennt.

Warum US-Medien Facebooks News-Vorstoß mit Skepsis begegnen

Mit seiner Ankündigung, einen zusätzlichen Bereich für professionellle Medieninhalte einzuführen, um künftig als seriöse News-Zentrale wahrgenommen zu werden, hat Facebook zuletzt für mächtig Aufsehen gesorgt. Während deutsche Medienhäuser dem News Tab grundsätzlich positiv gegenüberstehen, überwiegt im Facebook-Heimatmarkt USA die Skepsis.

Die Columbia Journalism Review, sicher einer der schärfsten Branchenbeobachter der USA, zeigte sich wenig beeindruckt. So richtig neu, bemerkte das Journal der renommierten Columbia Journalism School, sei das nicht, was Facebook da in der vergangenen Woche als Innovation auftischte. „Die Idee, Journalisten anzuheuern, um Nachrichten zu kuratieren, fällt definitiv in die Kategorie der Dinge, die Facebook immer und immer wieder probiert.“ Die vergangenen Versuche von Facebook, in das Nachrichtengeschäft vorzustoßen, seien ein Fiasko gewesen. Und deshalb ist die Skepsis, ob es nun funktioniert, beträchtlich.

Die Rede ist von den Facebook Tabs, die in diesen Tagen nicht nur in den USA in aller Munde sind und die in den kommenden Wochen das Nachrichten-geschäft hierzulande auf den Kopf stellen sollen. Mit den Tabs möchte Facebook nun endlich erreichen, was mit vorangegangenen Initiativen misslungen ist – „ein integratives Verhältnis zwischen der Plattform und Nachrichtenorganisationen herzustellen“, wie CJR schreibt

Der letzte solche Versuch, die „Trending Topics“, war spektakulär gescheitert. Die Nachrichtenkuratoren wurden beschuldigt, anti-konservative Vorurteile zu hegen. Die extern beschäftigten Redakteure wurden entlassen, eine Untersuchung wurde eingeleitet. Das Feature musste wieder eingestellt werden.

Es war der Tropfen, der für Facebook das Fass zum Überlaufen brachte. Es schien, als könne man bei dem noch immer bedeutsamsten sozialen Netzwerk im Nachrichtengeschäft einfach nicht gewinnen. Nach der Wahl 2016 wurde Facebook vorgeworfen, russische Wahlsabotage ermöglicht und im Allgemeinen extremen Stimmen zur Legitimität verholfen zu haben. Hinzu kam der Vorwurf, den Tod traditioneller Nachrichtenorganisationen zu beschleunigen.

So beschloss Facebook Anfang 2018, sich erst einmal aus dem Nachrichtengeschäft zurückzuziehen und sich auf sein Kerngeschäft zu besinnen. Man erinnerte beim Rebranding an die ursprüngliche Mission von Facebook, die Welt ein Stückchen enger zusammenzubringen.

Doch ganz will man es mit den Nachrichten dann offenbar doch nicht lassen, zumal die Mitbewerber Apple und Google ihre eigenen Formen der Nachrichtendistribution pflegen. Und so treten die Tabs mit neuem Schwung sowie mit dem Versprechen an, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden: Anders als zuvor heuert Facebook diesmal zur Auswahl der Top-News Vollzeit-Nachrichtenprofis an, was die Auswahl der News weniger angreifbar macht. Auch macht das Netzwerk – anders als beim Experiment Instant Stories – nicht mehr ganze Nachrichtenangebote auf Facebook verfügbar. Es wird ordentlich verlinkt, um den Traffic und somit den möglichen Werbe-ertrag den Urhebern zuzuführen. Der Vorwurf, Facebook sei der Totengräber der klassischen Nachrichtenorganisationen, will man so entkräften. Dazu passt, dass den ausgewählten Partnern gutes Geld für ihre Angebote bezahlt wird. Mit der handverlesenen Selektion der kooperierenden Medien will Facebook zudem dem Fake-News-Problem entgegenwirken.

Im Grunde könnten sich die Verteidiger des seriösen Journalismus also freuen. „Die Medienpartner erhalten zusätzliche Einnahmequellen und behalten trotzdem ihre Autonomie“, schreibt die Columbia Journalism Review. Und doch ist die Skepsis groß. So sagte der Geschäftsführer der New York Times, Mark Thompson, in einem Interview mit Reuters: „Wir sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, unsere Leser daran zu gewöhnen, unseren Journalismus anderswo zu finden. Außerdem machen wir uns Sorgen darum, in einem Megamix mit dem Journalismus aller anderen zusammengerührt zu werden.“ Die Teilnahme der Times an dem Projekt, das Gerüchten zufolge auch der Washington Post, Bloomberg und dem Wall Street Journal angeboten wurde, ist also fraglich. Die anderen potenziellen Facebook-Kunden haben sich noch nicht geäußert.

Die Times legt indes ohnehin seit Jahren Wert darauf, ihr Geschäftsmodell von Multiplikatoren wie Facebook zu entkoppeln. Die steigenden Abonnements-Zahlen und digitalen Werbeeinnahmen haben der Zeitung recht gegeben. Das hat man natürlich auch anderswo in der Branche registriert. Und so dürfte die Begeisterung für Zuckerbergs Vorstoß eher verhalten ausfallen. Erst kürzlich ergab eine Studie der Columbia School of Journalism, dass das Verhältnis zwischen Verlagen und sozialen Netzwerken aufgrund der vergangenen Erfahrungen deutlich zurückhaltender geworden ist. „Es herrscht eine Atmosphäre der Desillusionierung und des Misstrauens“, schreibt Emily Bell in der Columbia Journalism Review. Das dürfte sich nun bemerkbar machen. Es fällt den Verlagen schwer, an Zuckerbergs Sorge um den Journalismus zu glauben. Bleibt die Frage, ob sie seinen Angeboten widerstehen werden.

Talktransfer – vom Dritten ins Erste

Für den Produzenten Friedrich Küppersbusch ist die Sache mit dieser ewigen Lust auf Talkshows klar. Talkshows seien Angebote für Traumfamilien, virtuelle Verlängerungen des eigenen Bekanntenkreises. Klassische Talks seien veraltet, solange man noch Bekannte, Freunde, Cliquen habe und selbst rausgehe, brauche man diese psychologische Dienstleistung nicht.

Ein hartes Verdikt – die ARD sieht das etwas anders. Sie startet am Dienstagabend eine kleine Programmreform – mit noch mehr Talkshows. Und bedient sich dabei gleich bei sich selbst. Der „Talk am Dienstag“ bringt die erfolgreichen Freitagsformate aus den Dritten Programmen fast allesamt ins Erste, am einzigen bislang Talkshow-losen ARD-Tag unter der Woche.

Den Start machen Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt mit der „NDR Talk Show“ (ARD, 22 Uhr 45) Im wöchentlichen Wechsel folgen „Kölner Treff“, „3 nach 9“ und, gleich am nächsten Dienstag, die neue Sendung „Hier spricht Berlin“ mit Jessy Wellmer und Eva-Maria Lemke. Freitagabend-Gefühle jetzt also schon mitten in der Woche.

Wenn eine Runde Prominenter unterschiedlicher Disziplinen zusammensitzt und sich bei Rotwein und Käsehäppchen im TV unterhält – wie heute Stephanie zu Guttenberg, Michael Mittermeier, Franziska van Almsick, Felix Neureuther und Roland Kaiser –, weiß man seit Jahrzehnten, dass es jetzt Zeit für entspannte Promi-Plaudereien ist.

Die Talkshows im Dritten haben in der ARD große Tradition. Vor 45 Jahren lief Deutschlands dienstälteste Fernseh-Talkshow erstmals über den Bildschirm: „3nach9“ aus Bremen. Auch die „NDR Talk Show“ aus Hamburg feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen, am Freitag, 11. Oktober. Ebenso „regionaler“ Kult, der über die Landesgrenzen von NRW hinausreicht: das Format „Kölner Treff“ mit Bettina Böttinger, welches es auf 500 Sendungen bringt.

Von daher leuchtet der Formattransfer ein, wenn er jetzt auch nicht vom ganz großen programmatischen Mut der ARD zeugt. Die Devise: vier bekannte Talks nach zehn, wechselweise. „NDR Talk Show“ und „3nach9“ werden dabei nicht wiederholt, sie produzieren neue Ausgaben am Freitag für die Dritten Programme. „Hier spricht Berlin“ und der „Kölner Treff“ hingegen werden am Freitags in den Dritten noch einmal gesendet.

Allzu viel Vertrauen scheint man in der ARD in dieses Konzept allerdings noch nicht zu haben. Vom „Talk am Dienstag“, heißt es aus dem Senderverbund, seien insgesamt acht Ausgaben bis Mitte November in wöchentlicher Ausstrahlung geplant. Darüber hinaus gebe es noch keine weiteren Pläne. Ein erstaunlich kurzer Testlauf – schwierig auch für die Moderatoren, zumindest was ihre Terminpläne 2020 betrifft.

Vielleicht wird es doch mal Zeit, eigene, neue Talkformate abseits klassischer Pfade zu finden – bei allem Erfolg und Publikumszuspruch von „3nach9“ & Co. im Dritten. Die Talkgemeinde – ein geschlossener Zirkel? Wer bei den Öffentlich-Rechtlichen um 22 Uhr am Freitagabend ein Talkformat vornehmlich für junge Leute machen wollte, der würde wohl scheitern.

Am Dienstagabend sähe das vielleicht anders aus. Wie, das zeigt jeden letzten Dienstag im Monat ein Mann, der heute – parallel zum zweistündigen Talk im Ersten – aus der Sommerpause wiederkehrt: Serdar Somuncu, auf n-tv ab 23 Uhr 30. Nicht unbedingt ein psychologischer Dienstleister. Kann durchaus sein, dass da ein Minister auch mal wieder mit Wasserpistole und Zaubertinte attackiert wird, wie einst Hans Matthöfer bei „3nach9“.

Recht auf Vergessenwerden gilt nicht global: Wo Europa an seine Grenzen stößt

Es war ein großes, ein kühnes Urteil, mit dem der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Jahr 2014 das Recht auf Vergessenwerden aus der Taufe gehoben hatte. Die Suchmaschine Google mit ihrem so mächtigen wie gnadenlosen digitalen Gedächtnis konnte fortan gezwungen werden, sensible Informationen aus ihren Ergebnislisten zu tilgen – beispielsweise Nachrichten über angeblich kriminelle Verwicklungen einer Person, die längst überholt sind. Die Grundsatzentscheidung stand sogar Pate für die Aufnahme dieses Rechts in die Datenschutz-Grundverordnung, die vergangenes Jahr endgültig in Kraft getreten ist. Nun hat der EuGH erneut über das Recht auf Vergessenwerden entschieden. Aus Sicht des baden-württembergischen Datenschutzbeauftragten Stefan Brink ist das Ergebnis allerdings verzagt und enttäuschend ausgefallen.

Zwei Urteile hat der EuGH verkündet, das wichtigere davon handelt von der Reichweite des Löschanspruchs. Setzt ein Nutzer gegenüber Google durch, dass eine bestimmte Website aus den Suchergebnissen getilgt werden muss, dann gilt das laut EuGH europaweit – aber eben nicht darüber hinaus. Google muss also die betreffenden Seiten in den europäischen Länderversionen der Suchmaschinen „auslisten“, aber nicht anderswo, also beispielsweise in google.com. „Das widerspricht dem Grundgedanken der Datenschutzgrundverordnung“, kritisiert Brink im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Der EuGH hat zwar noch auf der Grundlage der früheren Datenschutz-Richtlinie entschieden, hatte aber die seit 2018 geltende Verordnung bereits im Blick. Und eine der wesentlichen Stärken der Verordnung sei, dass sie eben nicht territorial, sondern auf weltweiten Schutz angelegt sei, sagt Brink.

Zwar hat der EuGH in einem zweiten Schritt versucht, den Datenschutz doch noch über Europa hinaus auszudehnen. Die Betreiber von Suchmaschinen müssten „hinreichend wirksame Maßnahmen ergreifen“, um zu unterbinden, dass europäische Nutzer über nichteuropäische Suchmaschinen doch noch die geschätzten Informationen aufstöbern. Gemeint ist damit offenkundig das sogenannte Geoblocking, das europäische IP-Adressen identifiziert und für sie die nötigen Sperren errichtet. „Man muss kein Hellseher sein, um festzustellen, dass das technisch schwierig bis unmöglich ist“, sagt Brink. Es sei „kinderleicht“, Geoblocking mithilfe von verschleierten Adressen oder VPN-Tunnels zu umgehen.

Damit konterkariert der EuGH aus Sicht des Datenschützers seinen mutigen Schritt von 2014. Im damaligen Urteil sei es angelegt gewesen, den Schutz sensibler Daten aus einer regionalen Verankerung zu lösen – weil die digitale Welt sich nun mal über Länder und Regionen hinwegsetze. Soll heißen: Wenn die Gefährdung der Privatsphäre sich nicht mehr lokal oder regional manifestiert, sondern global, dann darf rechtlicher Schutz ebenfalls nicht in nationalen und regionalen Grenzen stecken bleiben. Mit der neuen Google-Entscheidung falle der EuGH hinter den Geist seines damaligen Urteils zurück. Er vollziehe gleichsam eine Rückkehr ins Regionale, sagt Brink.

Bleibt noch das nationale Recht. Hier hat der EuGH scheinbar eine Tür für einen höheren Datenschutz-Standard aufgemacht. Das EU-Recht schreibe zwar nicht vor, dass Google bestimmte sensible Informationen weltweit aus all seinen Suchmaschinen entfernen müsse – aber es verbiete dies eben auch nicht. Daher seien die EU-Staaten befugt, die Abwägung zwischen Datenschutz und Informationsfreiheit vorzunehmen und Google eine weltweite Auslistung vorzuschreiben. Beim Bundesverfassungsgericht harrt derzeit ein Fall zum „Recht auf Vergessenwerden“ der Entscheidung. Stefan Brink hält einen nationalen Schutz jedoch für bloße Theorie: „Wir können als Datenschützer nicht mehr auf nationale Standards setzen. Wir sind europäisch durchreguliert.“

Für Huawei wird es eng

Die Vorstellung von Huaweis Mate-30-Serie dürfte für viele trotz beeindruckender Technik enttäuschend gewesen sein: Die neuen Geräte wurden gar nicht erst für Deutschland angekündigt, zudem kommen sie ohne Google-Apps. Für Huawei wirken sich die US-Sanktionen immer dramatischer aus.

Huaweis neues Mate 30 Pro hat eigentlich das Zeug zum Verkaufsschlager: Die Kamera ist die erste, die mit zwei 40-Megapixel-Sensoren parallel arbeitet, das Gerät unterstützt 5G, im Inneren ist einer der modernsten Mobile-SoCs verbaut. Trotz alledem hat das Smartphone auch das Zeug zum Ladenhüter, was an einem einzigen Punkt liegt: Es fehlen die Google-Apps.

Bisher konnte sich Huawei aufgrund von Ausnahmen und Sonderregeln noch vor allzu harten Konsequenzen aus dem von der US-Regierung auferlegten Boykott des Unternehmens herauswinden. Geräte wie das P30 Pro oder das Mate 20 Pro verwenden weiterhin Googles Play-Dienste und Apps wie Youtube oder Maps, da sie vor der Ankündigung der Strafmaßnahmen bereits auf dem Markt gewesen sind.

Das Mate 30 und das Mate 30 Pro hingegen sind die ersten Smartphones von Huawei, die ohne Google-Apps erscheinen – und bislang hat Huawei auch noch keine Informationen dazu veröffentlicht, ob diese in Zukunft einfach nachinstallierbar sein werden. Das wird sich für den Hersteller zu einem großen Problem entwickeln.

Die neuen, leistungsfähigen Geräte dürften für einen Großteil der Zielgruppe Huaweis ohne Google schlichtweg uninteressant sein. Zwar betonte der Hersteller während und nach seiner Pressekonferenz, dass der eigene App-Store App Gallery stark aufgewertet wurde – einen Ersatz für die äußerst beliebten Google-Apps und das gesamte dahintersteckende Ökosystem hat Huawei aber einfach nicht.

Zu viele Nutzer haben sich an die tägliche Verwendung von Maps, Youtube, Gmail, dem Google-Sprachassistenten, dem Play Store und der Standortdienste gewöhnt. Zudem ist nicht zu unterschätzen, dass viele Nutzer Geld für Apps im Play Store ausgegeben haben; ohne diesen können sie die Anwendungen nicht wieder installieren. Und in Huaweis App-Store müssten die Anwendungen wohl noch einmal gekauft werden – so sie denn überhaupt verfügbar sind.

Huawei versucht, dem Google-Ökosystem etwas entgegenzusetzen, und natürlich wäre es sehr wünschenswert, wenn Huawei zusammen mit anderen Herstellern eine vielleicht sogar offene Ökosystem-Alternative zu Google aufbauen würde. In naher Zukunft ist aber nicht zu erwarten, dass diese die gleiche Nutzererfahrung wie die Google-Apps bieten kann – wahrscheinlich auch nicht mittelfristig.

Die Entwicklung von Android in den vergangenen zehn Jahren zeigt, dass der überwiegende Großteil der Nutzer Googles Version für „das Android“ hält und die freie Version AOSP meist nicht einmal kennt. Entsprechend ist eine Android-Version ohne Googles Zusätze kein „richtiges Android“ und somit uninteressant. Dass es zu dieser Entwicklung gekommen ist, mag man kritisieren – diese Kritik ändert aber im Endeffekt nichts an der aktuellen misslichen Lage Huaweis.

Wichtig an diesem Punkt ist die Tatsache, dass für Unternehmen wie Huawei der durchschnittliche Nutzer ausschlaggebend ist. Die Gruppe von Usern, die lieber ein Smartphone ohne Google-Dienste haben möchte und entsprechende Huawei-Geräte vielleicht sogar ganz gut fände, dürfte nicht nur für Huawei, sondern für die meisten großen Hersteller vom wirtschaftlichen Standpunkt aus uninteressant sein. Wichtig ist die Nutzergruppe, die den meisten Umsatz bringt – da darf man sich im heutigen Wirtschaftssystem keine Illusionen machen.

Die Nutzer auf ein anderes Ökosystem umzugewöhnen, dürfte auch an der mannigfaltigen Konkurrenz scheitern: Es gibt einfach zu viele gute Smartphones im Android-Bereich, die für den gleichen Preis oder sogar weniger für den durchschnittlichen User ein vergleichbares Nutzererlebnis bieten. Huaweis Kamerasysteme sind im Fotobereich das Nonplusultra, und das Mate 30 Pro scheint auch im Videobereich tolle Funktionen zu bieten – wir bewegen uns bei der Kritik aber auf einem sehr hohen Niveau. Ein Galaxy S10 oder ein Oneplus 7 Pro machen vielleicht nicht ganz so scharfe Fotos wie das Mate 30 Pro, der Unterschied ist in der alltäglichen Nutzung häufig aber marginal.

e einfachste und mittelfristig wohl einzige Lösung für Huawei wäre wohl, wenn die Sanktionen aufgehoben würden – Huawei soll in diesem Fall bereit sein, die Google-Anwendungen binnen kürzester Zeit auf die Smartphones zu bringen. Ansonsten wird der Hersteller die Folgen ab sofort sehr deutlich zu spüren bekommen – trotz des chinesischen Heimatmarktes, auf dem die Geräte generell ohne Google-Apps angeboten werden. Je länger die Sanktionen andauern, desto mehr wird die Marktposition von Huawei geschwächt werden.

Aber auch all die Nutzer, die an technisch hochwertigen und innovativen Smartphones interessiert sind, werden in Zukunft um einige Auswahlmöglichkeiten beraubt. Durch das Google-Verbot werden tolle Smartphones quasi vom Markt genommen – die Innovationen müssen bald vielleicht von anderen Herstellern kommen.

Google Cloud Summit: Digitalisierung ist nur mit der Cloud zukunftsorientiert

Google vergrößert sein Team in der DACH-Region und stellt sich neu auf. Die Ausrichtung wird branchenspezifischer. Immer mehr Kunden sollen für die Cloud erwärmt werden. Dabei helfen können Lösungen wie etwa die Multi-Cloud-Plattform Anthos.

Gemeinsam mit Partnern und Kunden präsentierte das Unternehmen verschiedene Szenarien und Einsatzmöglichkeiten der Google Cloud. Der vorherrschende Konsens dabei lautete, wer die Digitalisierung zukunftsorientiert gestalten will, kommt gar nicht an der Cloud vorbei. Je weniger dabei On-Premise abläuft und je mehr in der Datenwolke, desto besser. Es werde zwar noch einige Zeit in Anspruch nehmen und Umwege über hybride Lösungen seien durchaus wahrscheinlich, so Maier. Aber irgendwann wird kaum noch ein Unternehmen einen eigenen Server oder gar ein ganzes Rechenzentrum betreiben, ist sie sich sicher.

Für die Unternehmen liegen die Vorteile einer reinen Cloud-Umgebung laut Google klar auf der Hand: Wenn sich die Mitarbeiter nicht mehr um den Betrieb, die Wartung und die Sicherheit der Hardware kümmern müssen, bleiben mehr Ressourcen, um sich auf das eigentliche Kerngeschäft zu fokussieren. IT-Spezialisten brauche es aber dennoch. Diese könnten sich dann aber ausschließlich auf die Entwicklung und Bereitstellung von Software kümmern, statt die Hardware zu pflegen.

Anthos für Multi-Cloud-Umgebungen

Eines der größeren Einzelthemen, das Google für seinen DACH-Cloud-Summit im Gepäck hatte, ist Google Anthos. Erste Informationen dazu wurden bereits im April dieses Jahres bekannt. Anthos ist eine Multi-Cloud-Plattform, die es ermöglicht, die verschiedensten Anwendungen zwischen multiplen Clouds sowie On-Premise hin und herzuschieben.

Häufig setzen Unternehmen auf zwei oder mehrere Cloud-Anbieter. Einerseits wird so die (funktionale) Abhängigkeit von einem einzelnen Dienst verringert, andererseits sind die Auswirkungen bei einem Ausfall des Cloud-Dienstes nicht so gravierend, wenn es eine Ausweichmöglichkeit gibt. Problematisch hierbei ist allerdings, dass zahlreiche Anwendungen bisher nur schwer in unterschiedlichen Datenwolken betrieben werden konnten. Google will dies mit Anthos nun behoben haben. Unabhängig davon, für welche Cloud-Plattform ein Programm geschrieben wurde, Anthos „verpackt“ die Lösung so, dass alle Dienste damit umgehen können.

Um diesen und andere Dienste auch den Kunden in Europa beziehungsweise im DACH-Raum besonders gut anbieten zu können, wurde das Team von Google innerhalb der vergangenen zwei Jahre annähernd vervierfacht, so Maier. Auch die Ausrichtung des Konzerns habe sich grundlegend verändert. Google will sich verstärkt horizontal und branchenspezifisch aufstellen.

So will Jeff Bezos Amazon als Klima-Pionier neu erfinden

Der Amazon-Chef verliert keine Zeit mit Plaudereien, sondern steigt direkt mit einer Warnung ein: „Vielleicht kennen Sie diesen Planeten“, sagt Jeff Bezos vor der Projektion einer Erdkugel. „Es ist die Erde, es ist der beste Planet im Universum.“ Doch die Realität und Rasanz des Klimawandels überträfen mittlerweile „die schlimmsten Prognosen“, sagt Bezos. Im Schnelldurchlauf präsentiert er Daten und Diagramme, die in Rekordzeit schmelzende Polkappen, sich erhitzende Ozeane und den heißesten Sommer aller Zeiten illustrieren.

Nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt sitzt Donald Trump im Weißen Haus – der Präsident, der die USA aus dem Pariser Klimaabkommen herauslöste. Man kann Bezos‘ Auftritt also durchaus als Protest gegen Trump verstehen, auch wenn der Amazon-Chef betont: „Hier geht es nicht um Politik“. Stattdessen stellt er eine Art Selbstverpflichtung vor, den sogenannten „Climate Pledge“. Amazon verspricht damit, die Ziele des Pariser Klimaabkommens „zehn Jahre früher“ umzusetzen.

Bereits vor zwei Jahren hatte Amazon angekündigt, seine globale Infrastruktur zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie versorgen zu wollen. Nun wird der Konzern konkreter: Er verspricht, bereits im Jahr 2024 zu 80 Prozent auf erneuerbare Energien zu setzen, und im Jahr 2030 das 100-Prozent-Ziel bei Sonnen- und Windenergie zu erreichen.

Bis 2040, so Bezos, will Amazon komplett CO2-neutral operieren. Teil der Initiative ist es auch, den Logistikbetrieb mit 100.000 elektrischen Lieferfahrzeugen umzuwälzen. Amazon sprach von der größten jemals gemachten Bestellung elektrischer Fahrzeuge. Sie werden von der Firma Rivian im US-Bundesstaat Michigan produziert, in die Amazon nach eigenen Angaben 440 Millionen Dollar investiert hat. Geplant ist zudem eine 100-Millionen-Dollar-Investition in die Wiederaufforstung von Wäldern.

Wie glaubwürdig Amazons Versprechen ist, ist allein aus der Ankündigung allerdings nicht abzusehen. Denn bisher hat sich der Konzern nicht als besonders umweltfreundlich oder nachhaltig hervorgetan. Auf Grund der vielen Einzellieferungen bis vor die Haustür hat der größte Onlinehändler der Welt einen hohen CO2-Ausstoß.

Auch Bezos‘ Investitionen in die Weltraumfahrt haben wenig mit Umweltschutz gemein. Greenpeace hat erst vor einem Monat die neuen wattierten Plastikumschläge von Amazon kritisiert. Auch viele Mitarbeiter meinen, dass ihr Arbeitgeber mehr tun sollte: Im April haben 6000 Amazon-Angestellte in einem gemeinsamen Brief das Management aufgerufen, das Unternehmen nachhaltiger aufzustellen und unter anderem die Emissionen zu reduzieren.

Der Zeitpunkt für den Vorstoß scheint nicht zufällig gewählt. Am Montag findet der Klimagipfel der Vereinten Nationen statt, für den morgigen Freitag sind globale Klimaproteste geplant. Die Bilder von brennenden Regenwäldern in Brasilien haben in den vergangenen Wochen viele Menschen erschüttert.

Allerdings scheint in den USA die Begeisterung für den Klimaschutz gebremster als in Teilen Europas. Die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg ist gerade auf Tournee in den USA. Sie wurde freundlich empfangen, auch im US-Kongress, doch zu ihren Auftritten in New York und Washington kamen nur wenige hundert Anhänger.

Bezos grenzt sich von Trump ab

Bezos sendet nun immerhin das Signal, dass die Verantwortung, etwas gegen die drohende Klimakatastrophe zu unternehmen, nicht allein beim Verbraucher liegt. Der Amazon-Chef verweist auf die weite Verzweigung der Geschäftsfelder, auf die globale Marktreichweite, auf zehn Milliarden ausgelieferte Pakete pro Jahr. „Wenn wir das können, kann das jedes Unternehmen“, betont er.

Bezos rief in Washington andere Konzerne auf, Amazons Beispiel zu folgen. Nur dann könne man „ein gigantisches Signal an den Markt“ senden und im großen Stil nachhaltige Investitionen in Produkte und Dienstleistungen mit niedrigem CO2-Ausstoß fördern.

Offene Fragen bleiben dennoch. Für den Einsatz der 100.000 Elektro-Vans gibt es noch kein Datum, räumt Bezos ein, erste Prototypen sollen im kommenden Jahr auf die Straße gehen. Außerdem arbeitet der Konzern mit zahlreichen Zulieferern und externen Logistik-Firmen zusammen. „Die müssen auf Dauer natürlich auch CO2-neutral werden“, fordert Bezos.

Geschätzt ein Drittel der auf Amazon vertriebenen Waren stammt aus der Produktion des Klimasünders China – diese dürfte der Konzern wohl kaum boykottieren. Und wie nachhaltig kann ein Konzern überhaupt sein, dessen Geschäftserfolg auch vom Boom der Wegwerfgesellschaft profitiert? Bezos räumt ein, dass er nicht für alle Probleme eine Lösung hat. „Wir müssen uns erstmal auf die Dinge konzentrieren, auf die wir direkten Einfluss haben.“ Und er ist davon überzeugt, dass schnelle Ein-Tages-Lieferungen unterm Strich klimafreundlicher seien, „weil der Transport per Luftfracht weitgehend wegfällt und die Depots näher am Kunden sein müssen“.

Eines ist für den Moment klar: Finanziell leiden wird Amazon durch seine Klima-Initiative nicht. Amazon ist in den USA der mit Abstand größte Online-Händler und kommt laut dem Marktforschungsunternehmen Emarketer auf einen Anteil von 37 Prozent.

Jeff Bezos ist mit einem geschätzten Vermögen von 131 Milliarden Dollar laut Forbes der reichste CEO der Welt. Dabei hängt sein Reichtum stark von dem Amazon-Aktienkurs ab. Schließlich hält er bisher 16 Prozent an dem Unternehmen, das an der Börse mehr als 900 Milliarden Dollar wert ist. Auch nach der Scheidung von seiner Frau hält er weiterhin 12 Prozent der Aktien, was einem Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar entspricht.

Der Konzern profitierte zudem stark von Trumps Senkung der Unternehmensteuer. Ansonsten ist es mit einer Freundschaft zwischen Bezos und dem US-Präsidenten nicht weit her. Trump attackiert die „Washington Post“, die Bezos 2013 kaufte, regelmäßig. Im Frühjahr stand Bezos im Mittelpunkt einer Schlacht um politische Deutungshoheit und Macht. Bezos warf damals dem Medienmogul und engen Trump-Freund David Pecker Erpressung im Zusammenhang mit intimen Fotos vor.

Auch wollen US-Regierung und Kongress die Marktmacht von Tech-Giganten wie Amazon, Google und Facebook stärker regulieren. Stoff für Konflikte gibt es in Zukunft genug – und mit seinem Klimaversprechen hat sich Bezos nun erneut von Trump abgegrenzt.

Was die neuen Eigentümer des Berliner Verlags antreibt

Silke und Holger Friedrich greifen nach dem Berliner Verlag. Das Unternehmer-Ehepaar aus Berlin scheint auf den ersten Blick völlig branchenfremd. Doch Holger Friedrich ist im Mediengeschäft tiefer verankert, als es auf den ersten Blick aussieht. Er hatte zuletzt bis Anfang des Jahres als Produktchef maßgeblich zum Aufbau der Login-Allianz Verimi beigetragen, mit der sich Axel Springer & Co. gegen die Übermacht von Google, Facebook & Co. wappnen will.

Zwischen Checkpoint Charlie und dem Brandenburger Tor befindet sich das E-Werk, ein denkmalgeschütztes Umspannwerk mit viel Vergangenheit. Vor fünfzehn Jahren verwandelte Silke Friedrich den hier in die Jahre gekommenen Techno-Club in eine smarte Party- und Eventlocation. Das Konzept kommt offenbar an: Ob Tagungen, Gala Dinners oder Dreharbeiten – rege werden die Räume des Industriebaus von Privatleuten und Firmen gebucht.

Nun steht das Unternehmer-Ehepaar vor einer ihrer größten Herausforderungen: Überraschend haben die beiden Ost-Berliner den Berliner Verlag übernommen. Dabei hatten Experten lange fest daran geglaubt, dass ein Medienhaus wie Madsack oder Funke die “Berliner Zeitung” und den “Berliner Kurier” schlucken. Nun kommt es anders: Zwei Branchenfremde erwerben die Zeitungen des 1946 gegründeten Printhauses, das die Kölner Zeitungsgruppe DuMont nach zehn Jahren nicht mehr haben will.

In Branchenkreisen macht die Runde, dass die neuen Besitzer nur einen symbolischen Kaufpreis für den Berliner Verlag gezahlt haben sollen. An anderer Stelle ist von einem zweistelligen Millionen-Betrag die Rede. In jedem Fall ist die Übernahme für das gut betuchte Paar ein Kraftakt. Denn die Familienholding erwirbt gleichzeitig auch die zum Berliner Verlag gehörende Druckerei mit 100 Mitarbeitern. Daran wollen die beiden Geschäftsleute offenbar festhalten, denn sie planen, die “Berliner Zeitung” und den “Berliner Kurier” als gedruckte Ausgaben zu erhalten – trotz des hart umkämpften Markts der Hauptstadtzeitungen. Das erzählen zumindest Teilnehmer der Mitarbeiterversammlung, auf der sich die neuen Eigentümer gestern vorstellten. Dort erklärten sie , dass das “Schrifttum eine 5.000 alte Kulturtechnik” sei. An solchen Relikten wolle man nicht rütteln.

Diese Print-Passion passt so gar nicht zum Lebenslauf der Eheleute – vor allem nicht zu Holger Friedrich. Der gründete nach seinem Informatikstudium zunächst das Institut für Theoretische Informatik an der Universität Potsdam. Wenig später wurde er auch unternehmerisch aktiv und rief den IT-Dienstleister SPM Technologies ins Leben, den er 2003 an die SAP-Gruppe veräußerte. Hier arbeitete er noch zwei Jahre als Senior Vice President, dann wechselte er zu McKinsey & Company und später in den Vorstand der Software AG.

2009 macht er beruflich einen Sprung. Er gründete die Strategieberatung Core, eine Art Think Tank für neue Technologien. Zugleich verhalf er als Geschäftsführer der Login-Allianz Verimi zum Start, an der sich Core beteiligt. Als Produktchef entwickelte er hier neue Softwarelösungen. Sie sollen der deutsche Großindustrie und Finanzwirtschaft helfen, sich gegen die Übermacht von Google, Facebook & Co. zu stemmen. Mit seinem Job bei Verimi baut er auch geschäftlich sein Netz aus. Denn zur Allianz zählen große Anteilseigner – darunter der Medienriese Axel Springer, die Deutsche Telekom, die Allianz, die Bundesdruckerei, Daimler, Deutsche Bahn, Deutsche Bank sowie Volkswagen.

Anfang des Jahres gab der Familienvater von drei Kindern laut einem Verimi-Sprecher planmäßig seinen Posten bei dem Berliner Startup ab. Für Friedrich ein idealer Zeitpunkt, um geschäftlich etwas Neues anzufangen, nämlich der Einstieg ins Verlagsgeschäft. Bei der Belegschaft des Berliner Verlags kommt der neue Eigentümer mit dem markanten Bart gut an. Jahrelang hatte das Berliner Printhaus große Probleme, geeignete IT-Dienstleister zu finden. Nun hoffen die Mitarbeiter, dass sich mit dem neuen Investor die Zeiten ändern. Denn die Geschäftsführung des Berliner Verlags hat viel vor: Erst vor wenigen Tagen hatte sie verkündet, dass der Berliner Newsroom künftig nach der Digital First-Strategie arbeiten soll. Dazu gehört auch ein neues Print-Team, das die Inhalte der gedruckten Ausgabe nach den Leserinteressen im Netz ausrichtet.

Damit wollen die Chefredakteure Jochen Arntz (“Berliner Zeitung”) und Elmar Jehn (“Berliner Kurier”) den jahrelangen Auflagenrückgang der Hauptstadt-Publikationen stoppen. Ob die neuen Besitzer an der Führungsspitze und deren Plänen festhalten, wird sich zeigen. Eins haben Silke und Holger Friedrich gestern aber deutlich gemacht. Sie sehen ihr Engagement wohl nicht nur unter reinem finanziellen Gesichtspunkten. Vielmehr schwingt auch ein Funken Idealismus mit. Anders ist ihr Statement zur Übernahme des traditionsreichen Berliner Verlags nicht zu werten: “Wir verstehen diesen Schritt als zivilgesellschaftliches Engagement in bewegten Zeiten und freuen uns auf diese Aufgabe sowie die Zusammenarbeit mit dem Team.”

Die Landwirtschaft wird digital

Die Agrarwirtschaft ist zum Vorreiter der digitalen Transformation geworden. Die Beispiele reichen von Robotern auf dem Acker über KI im Kuhstall bis hin zur Blockchain in der Eierproduktion.

Die Landwirtschaft hat aufgrund der Produktion von Lebensmitteln für eine wachsende Weltbevölkerung eine enorme gesellschaftliche Bedeutung. Diese Aufgabe kann sie nur mit einem kontinuierlich steigenden Wachstum erfüllen.

Strukturell hat sich im Agrarbereich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. So lag der Anteil der in der deutschen Land- und Forstwirtschaft Erwerbstätigen nach Angaben des Deutschen Bauernverbands (DBV) zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts noch bei rund 38 Prozent. Anfang der 50er-Jahre war er bereits auf 24 Prozent gesunken. 2017 hat er dann den zuletzt erfassten Tiefpunkt von 1,4 Prozent erreicht. Neben der zunehmenden Industrialisierung ist auch die rasante Entwicklung des Dienstleistungssektors für diese Veränderungen mitverantwortlich.

Trotz des Rückgangs bei den Beschäftigten in der Landwirtschaft weisen die Landwirte beeindruckende Produktionssteigerungen vor. So lag etwa der Hektarertrag für Weizen vor gut 100 Jahren noch bei rund 1,8 Tonnen. In den Jahren 2010 bis 2015 betrug er mit durchschnittlich 7,7 Tonnen mehr als das Vierfache. Die Landwirtschaft ist aber auch von der Zunahme extremer Wetterverhältnisse und dem Klimawandel betroffen. Das macht fortlaufende Anpassungen der Produktionsverfahren nötig.

Dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbands (DBV) Joachim Rukwied zufolge geht die Entwicklung jetzt eindeutig in Richtung Digitalisierung. Mit moderner Sensortechnik und der Nutzung Künstlicher Intelligenz könne „eine neue Dimension von Ressourcen-Schonung und Tierwohl erreicht werden, die zugleich die Wettbewerbsfähigkeit sichert“, schreibt Rukwied im Vorwort des aktuellen „Situationsberichts 2018/19“.

Als wesentliche Voraussetzungen der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit nennt er eine leistungsfähige digitale In­frastruktur auf dem Land sowie einen Ausbau der Glasfaser- und Mobilfunknetze. „Wir Bauern brauchen dringend ein flächendeckendes, hochleistungsfähiges Breitbandnetz, auch um den steigenden Anforderungen beim Klima- und Umweltschutz gerecht zu werden“, betont Rukwied.

Nach Angaben von Schmidt wird das Testfeld nach und nach auf eine Fläche von bis zu 2.000 Quadratkilometern ausgebaut. Das entspricht etwa 80 Prozent der Fläche des Saarlands. Experten des Landesamts für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) werden den Aufbau begleiten und analysieren. Ihre Messergebnisse sollen online gestellt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Das LfULG wird in Köllitsch vor allem in den Bereichen Pflanzenbau, Tierhaltung, Umwelttechnologie, Nachhaltigkeit sowie Natur- und Klimaschutz forschen. Beteiligt sind außerdem die Technische Universität Dresden mit dem Institut für Naturstofftechnik und der Professur für Agrarsystemtechnik, die Vodafone-Stiftungsprofessur für mobile Nachrichtensysteme, die Fraunhofer-Gesellschaft mit drei Instituten und das 5G Lab Germany. Die Teilnehmer beabsichtigen auch, neue Sensoren für die Bodenanalyse und die Automatisierung zu entwickeln. Ein Agricultural Dataspace (ADS) soll eine übergreifende Datennutzung gewährleisten.

Mit Nachrichten kann man Geld verdienen

Die deutschen Privatfernsehsender haben den Medienwandel lange verschlafen. Bis vor kurzem brummte ihr Kerngeschäft – der Verkauf von Werbeplätzen in den klassischen Kanälen. Die Veranstalter konnten gleichzeitig hohe Renditen erzielen. Ihre digitalen Plattformen behandelten sie aber stiefmütterlich. Das Publikum, welches Fernsehsendungen unabhängig vom fixen Programmraster anschauen wollte, bedienten sie schlecht. Nun geraten sie unter Handlungsdruck. Die Konsumenten verändern zusehends ihr Verhalten, und die Einnahmen aus der Fernsehwerbung fließen nicht mehr so selbstverständlich in die Kassen der Sender. Sie richten sich neu aus, und dabei entdecken sie ein verschmähtes Genre neu: die Nachrichten.

Dieser Tage startete die Mediengruppe ProSiebenSat.1 in Österreich den Nachrichtensender Puls 24. Er dient als Test für ein ähnliches Angebot in Deutschland. Das bedeutet eine Kehrtwende. Vor Jahren hatte ProSieben das Informationsangebot zurückgefahren und 2010 den hauseigenen Nachrichtensender N24 verkauft. Nun sagte der Chef des Konzerns in einem Interview: «Nachrichten, die nicht Fake-News sind, sind von großer Bedeutung in dieser Welt.»

Die RTL-Gruppe – der hochrentable Geschäftszweig von Bertelsmann – setzt auf dasselbe Pferd. Am Mittwoch informierte sie über die Verstärkung ihrer journalistischen Einheiten und zitierte ihre Chefin der Zentralredaktion, Tanit Koch, so: «In einer immer größeren Flut an Information und Desinformation wollen wir die Quelle sein, der die Menschen vertrauen.»

Wer News anbietet, kann also die Glaubwürdigkeit seines Unternehmens stärken. In diesem Sinn startete RTL im Dezember 2018 die News-Site rtl.de, die seit kurzem mit einer Imagekampagne beworben wird. Deren Chefredaktor sagte zum Start in einer Mitteilung geradezu staatsmännisch: «Jeder weiß, dass Nachrichten nicht immer positiv sind. Unser journalistischer Leitgedanke ist es dennoch, immer mit positiver Grundhaltung einen konstruktiven Blickwinkel aufzuzeigen.»

Schaut man sich das real existierende Angebot von rtl.de an, verblasst der Anspruch auf eine sogenannt konstruktive Einstellung. Boulevardeske Beiträge prägen das Angebot. Informationen über einen heimtückischen Mord, den Missbrauch eines Mädchens in einer Wohngruppe, über einen durch einen E-Bike-Akku verursachten Hausbrand oder über fehlgebildete Babys sind eine schlechte Voraussetzung dafür, das Publikum in eine fröhliche Stimmung zu versetzen. Rätselhaft bleibt zudem, wie sich solche Ereignisse «konstruktiv» vermitteln ließen. Gerade die gehäufte Verbreitung von Berichten über Unfälle und Verbrechen trägt dazu bei, dass ein Medienanbieter ein Klima der Negativität schafft.

So oder so kann man aber festhalten: Nachrichten sind ein nützlicher Stoff, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aktualitäten garantieren Action, sie beleben einen Internetauftritt, der ohne sie schnell statisch und langweilig wirkt. Insofern scheint ein News-Angebot auch für nichtpublizistische Websites attraktiv. Für Fernsehsender sind Textnachrichten wiederum ein Lockmittel, das den Aufbau des Online-Geschäfts fördert. Über News lässt sich das Publikum zu hauseigenen Video-Beiträgen lenken, wo ihm Werbespots vorgesetzt werden. Kurz und gut: News mögen nicht besonders rentabel sein, aber ohne sie läuft das Mediengeschäft schlechter.

Unabhängigkeitskrise bei „Le Monde“

Bisher erfüllte der Name „Le Monde“ die internationale Medienwelt immer mit Ehrfurcht, galt die französische Tageszeitung doch als ein Vorbild für seriösen, unabhängigen Journalismus. Doch nun macht sich die Prestigeredaktion Sorgen um ihre redaktionelle Unabhängigkeit. Sie fürchtet den Einfluss des tschechischen Milliardärs und Metro-Interessenten Daniel Kretinsky, der in Europa aggressiv Medienbeteiligungen aufkauft, gleichzeitig aber sehr aktiv im Energiesektor ist und zahlreiche Kohlekraftwerke besitzt, was Konflikte mit Redaktionen schaffen könnte.

Im Oktober 2018 war der Einstieg des 44-jährigen Kretinsky bei „Le Monde“, die eine Auflage von 330 000 Exemplaren hat, bekannt geworden. Präsident Emmanuel Macron hatte damals erklärt, der Staat wache über die Unabhängigkeit der Journalisten, war aber nicht gegen den Kauf, weil es sich um einen Europäer handelt. Kretinsky hatte von Bankier Matthieu Pigasse 49 Prozent von dessen Anteilen seiner Holding „Le Nouveau Monde“ übernommen, der Gesellschaft, über die dieser bei „Le Monde“ aktiv ist. Es war die erste große Bewegung im Kapital der Zeitung, seit diese 2010 von einer Gruppe von Privatinvestoren, dem 2017 verstorbenen Pierre Bergé, Xavier Niel und Matthieu Pigasse, aufgekauft wurde. Die Minderheitseigner, darunter Journalisten und Leser, waren nicht vorher darüber informiert worden. Wie viele Anteile die einzelnen Investoren an „Le Monde“ halten, geben die Anteilseigner nicht bekannt, insgesamt halten sie 75 Prozent, die Minderheitseigner 25 Prozent.

Rund 460 Journalisten haben Kretinsky und Pigasse vor einer Woche aufgefordert, einer Vertretung von Journalisten, Mitarbeitern, Lesern und Minderheitsaktionären der Zeitung ein Vetorecht im Hinblick auf Veränderungen in der Eigentümerstruktur einzuräumen. Sie hatten als Ultimatum Dienstag genannt. Der wichtige Anteilseigner Xavier Niel hat laut „Le Monde“ die Vereinbarung schon unterschrieben. Pigasse erklärte, er wolle die Mehrheitsanteile von seiner Gesellschaft Le Nouveau Monde behalten. Kretinsky bliebe Minderheitsaktionär. Das wird von den Journalisten von „Le Monde“ bezweifelt, zumal Pigasse in einem Interview mit „Le Figaro“ und in einem Brief an die Journalisten am Wochenende betonte, er wolle die Forderung so nicht unterschreiben. Sie spekulieren, dass Kretinsky ein Vorkaufsrecht für die restlichen Pigasse-Anteile hat. Kretinsky soll das Vetorecht mit Skepsis sehen.

Die Journalisten haben in der Zwischenzeit prominente Unterstützung bekommen. Rund 500 bekannte Persönlichkeiten sprachen sich für die Forderung nach dem Mitspracherecht der Redaktion aus. „In dieser Zeit, in der selbst Fakten infrage gestellt werden, sind Freiheit und Unabhängigkeit der Presse öffentliche Güter, die wertvoller sind als je zuvor“, so die Stellungnahme, die „Le Monde“ veröffentlichte. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem Whistleblower Edward Snowden, Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, Schriftsteller Paul Auster, die Schauspielerinnen Isabelle Huppert und Juliette Binoche, Sängerin Jane Birkin, Schriftsteller Salman Rushdie, Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, aus Deutschland unter anderem Philosoph Jürgen Habermas.

Da Kretinsky sein Vermögen mit Energiegeschäften gemacht hat, vor allem in stark verschmutzende Kohlebergwerke investiert hat, könnte es Konflikte mit Redaktionen geben, die über die Klimadebatte berichten, befürchtet die Redaktion von „Le Monde“. Die Tageszeitung „Libération“ thematisierte dieses ebenfalls und beschrieb ihn als „einen der größten Verschmutzer des Kontinentes“. Mit dem Einstieg in „Le Monde“ öffne er sich auch eine Tür für Europa und die Diskussionen zwischen Paris und Brüssel. Es wird spekuliert, dass er es auf Gas-Anteile von Versorger Engie abgesehen hat. Der französische Staat, der mit rund 23 Prozent daran beteiligt ist, könnte eines Tages seine Anteile verkaufen. Mit dem Einkauf in „Le Monde“ sorgt Kretinsky für seine Imagepflege. Er ist gelernter Anwalt und hat in Dijon studiert, daher seine Affinität zu Frankreich. Er ist Chef der Energiegruppe EPH und der wichtigsten Mediengruppe seines Landes „Czech Media Invest (CMI)“. Er ist außerdem Eigner der französischen Zeitschriften „Marianne“ und „Elle“ sowie „Télé 7 jours“, „Ici Paris“und „France Dimanche“.

Seine Gruppe CMI besitzt drei wichtige Zeitungen in Tschechien, zudem 29 Magazine und Frauenzeitschriften. CMI entstand 2013 durch den Aufkauf von Aktiva von Axel Springer und der Schweizer Gruppe Ringier in Tschechien. Seine Energiegruppe ist in Osteuropa mächtig, hat aber auch Aktiva in Deutschland, Großbritannien und Italien. Zu seinem Imperium gehören rund 50 Kraftwerke.

Ist die Party bei den Personality-Magazinen schon vorbei?

Personality-Magazine liegen im Trend. Mittlerweile sind mehr als ein Dutzend dieser Zeitschriften, für die ein Promi Pate steht, am Kiosk erhältlich. Auf der anderen Seite gibt es bereits die ersten Einstellungen, wie zuletzt JWD von Gruner + Jahr und Joko Winterscheidt. Wie geht es mit dem Genre weiter? Ist der Hype bereits vorbei oder gibt es noch Luft nach oben?

Die Heilkünstler sind auf dem Vormarsch. Nachdem zu Beginn des vergangenen Jahres Eckart von Hirschhausen, praktizierender Humorist und promovierter Mediziner, durch seine Patenschaft das Stern-Kind Gesund leben aufgepäppelt hat, wird in Kürze ein weiterer Hochkaräter die publizistische Bühne bereichern: Professor Dietrich Grönemeyer tritt als Editor-at-Large beim namensgleichen Magazin der Funke Mediengruppe an.

Am 11. Oktober erscheint der Erstling (Copypreis 6,90 Euro), 100.000 Exemplare werden gedruckt, fürs kommende Jahr sind vier Ausgaben geplant. Allzu viele Details sind noch nicht bekannt, nur so viel, dass Grönemeyer nicht nur sein Gesicht verleiht, sondern „als Ideengeber, Autor, Interviewer und Ratgeber große Teile des Heftinhaltes prägt“.

Funkes Gesundheitsmagazin reiht sich ein in ein Genre, das vor vier Jahren noch gar nicht existierte. Zuvor stand Jamie, das Magazin des britischen Starkochs Jamie Oliver, allein auf weiter Flur. Der von Gruner + Jahr betriebene Lizenztitel eines englischen Verlags debütierte im März 2011 und wurde 2018 eingestellt. Abgesehen von solch einzelnen, an ausländische Vorbilder angelehnten Versuchen haben Persönlichkeitsmagazine hierzulande keine Tradition.

Dass sich das gerade ändert, hat viel mit Barbara Schöneberger und Gruner + Jahr zu tun. Mitte Oktober 2015 erschien erstmals Barbara mit dem Versprechen, „kein normales Frauenmagazin“ zu sein. Nun feiert die Zeitschrift mit der Moderatorin bald ihren 4. Geburtstag, die nächste Ausgabe wird schon Nummer 40 sein. Mit jahresdurchschnittlich sechsstelliger Auflage und einem Abo-Zuwachs auf rund 20000 Hefte ist Barbara fest im Markt verankert. Mehr noch: Sie begründete ein Segment mit, das zum Nachahmen angestiftet hat und inzwischen knapp 20 Titel zählt.

Rund ein Drittel stammt von Gruner + Jahr. „In der Kraft der Persönlichkeitsmagazine liegt deutlich mehr, als wir damals selbst gehofft haben“, sagt Sabine Grüngreiff, Leiterin der Markenkommunikation. Sehnsucht nach Identifikation, glaubt man bei G+J, sei ein wesentlicher Grund für den bisherigen Erfolg. Ob Schöneberger oder von Hirschhausen, Modeschöpfer Guido Maria Kretschmer, Entertainer Joko Winterscheidt oder Deutschlands inzwischen bekanntester Förster Peter Wohlleben: Sie treffen offensichtlich einen Nerv, können Menschen begeistern und „geben viel von sich selbst in ihre Magazine“, so Grüngreiff.

Die Anzeigenvermarktung, teilt G+J mit, „funktioniert ausgezeichnet“. Die Kunden seien überzeugt von den Leistungswerten und den individuellen Konzepten der Titel. Thematisch gehören die Magazine in ganz unterschiedliche Kategorien, von Gesundheits- über Frauen- bis zu Lifestyle- und Naturzeitschriften. Susanne te Poel lobt die Redaktionen dafür, dass sie die zuvor unbekannte Konstellation, mit einer prominenten Person ein Magazin zu entwickeln, gekonnt umsetzen. Vielfach sei „eine neue, frische Schreib- und Darstellungskultur entstanden, die dem Markt guttut“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Agentur Crossmedia. Nicht jeder Personality-Titel bewegt sich im Premiumsektor. Aber als mediale Werbeträger, über die sich gehobene Zielgruppen erreichen lassen, „sind für mich Barbara, Lafer und Guido die Gewinner“, so te Poel.

Kritischer beäugt Roland Köster die Entwicklung. „Das eine Magazin für gehobene Zielgruppen unter der Schirmherrschaft eines Prominenten gibt es noch gar nicht“, stellt der Geschäftsführer der JOM Group fest. Dietrich Grönemeyer und Eckart von Hirschhausen sprächen natürlich eine andere – und wahrscheinlich gehobenere – Leserschaft an als beispielsweise Daniela Katzenberger, jedoch: „Die Personality-Zeitschriften sind zurzeit nichts anderes als Special-Interest-Titel aus Gesundheit, Fitness, Sport oder Living mit einem Prominenten im Namen.“

Skeptisch blickt Köster auf die Idee, Figuren aus dem Social Web ein Print-Patronat zu übertragen, wie beispielsweise bei Soul Sister, Living at Home + Holly und Sophia Thiel Magazin – das letztgenannte erschien bekanntlich nur einmal, weil das Fitnessmodel unerwartet eine persönliche Auszeit nahm. „Durch einen Printtitel heben sich Influencer kurzfristig aus der Masse ab, aber warum soll ein Follower 5 Euro oder mehr für ein Magazin ausgeben, wenn er täglich kostenlos News auf sein Smartphone bekommt“, fragt sich der Agenturchef.

Influencer stellen bislang nur einen Bruchteil an Prominenten mit eigener Publikation. In der Mehrheit sind es Menschen, die durchs Fernsehen oder als Bestseller-Autor bekannt wurden. G+J bekräftigt, dass in den nächsten Monaten keine weiteren Magazinstarts geplant seien. Zwischen dem Launch von Pilawa und Wohllebens Welt im April und dem für Oktober angekündigten Debüt von Dietrich Grönemeyer wird rund ein halbes Jahr vergangen sein.

Edward Snowden sagt Facebook und Google den Kampf an

Der Whistleblower Edward Snowden hat davor gewarnt, den Aufstieg von Politikern wie Donald Trump, Boris Johnson oder der AfD in Deutschland nur als vorübergehende Abweichung von der politischen Norm zu betrachten.

„Überall haben Politiker und Unternehmer verstanden, dass sie Technologien nutzen können, um die Welt auf einem neuen Level beeinflussen zu können“, sagte der 36-Jährige in einem Gespräch mit dem SPIEGEL in Moskau. „Trump ist nicht das Problem. Er ist ein Produkt des Problems.“

Er bereue, dass er „Teil eines Systems werden konnte, das meine Fähigkeiten nutzt, um globalen Schaden zu verursachen“, sagte Snowden, dessen biografisches Buch „Permanent Record“ am 17. September weltweit veröffentlicht wird. Heute führe er in seinem russischen Exil ein weitgehend normales Leben, sagte Snowden, er halte jedoch absichtlich einen gewissen Abstand zur russischen Gesellschaft: „Ich mache keine Selfies vor dem Kreml, weil die US-Regierung das nutzen würde, um meine Arbeit zu diskreditieren.“

Russland habe „ziemlich sicher“ Wahlen manipuliert, sagte Snowden in dem Gespräch. Dasselbe gelte jedoch auch für die USA. „Jedes Land, das größer ist als Island, wird versuchen, in entscheidende Wahlen einzugreifen, und alle werden das immer leugnen, weil Geheimdienste das so machen“, sagte Snowden.

„Wir müssen die massenhafte Datensammlung stoppen“, forderte der Ex-Spion, der heute Präsident der Stiftung Freedom of the Press ist. Das gelte aber nicht nur für Geheimdienste, sondern auch für Daten-Konzerne wie Facebook und Google. In einem ersten Schritt gelte es, etwa für jeden Smartphone-Nutzer „sichtbar zu machen, wie sehr wir auf Schritt und Tritt verfolgt werden“, erläuterte Snowden in dem SPIEGEL-Gespräch. Die Nutzer müssten selbst entscheiden können, welche Funktionen des Smartphones aktiv sind. „Und wenn niemand sonst eine Alternative entwickelt, dann werde ich das verdammt noch mal selbst tun.“

Wie die Öffentlich-Rechtlichen ihre eigene Relevanz riskieren

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben den Anspruch, die gesamte Gesellschaft zu erreichen – unabhängig von der politischen Einstellung. Jetzt zeigt eine Studie: Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Vor allem drei relevante Gruppen werden nicht mehr angesprochen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa hat Probleme, jüngere und schlechter gebildete Menschen mit digitalen Nachrichtenangeboten zu erreichen. In Deutschland, das zeigt eine neue Studie, stehen ARD und ZDF trotz einer vergleichsweise hohen Reichweite insgesamt vor einem Generationenabriss, was die Vermittlung von Nachrichten und Informationen angeht.

Mit ihren digitalen Angeboten dringen sie nur unzureichend zu den Menschen unter 25 Jahren vor, ebenso ungenügend zu Menschen mit einer formal niedrigen Bildung. Zudem bedienen die beitragsfinanzierten deutschen Sender ein Publikum, das sich selbst mehrheitlich links der Mitte verortet – das Vertrauen konservativ-rechter Zuschauer in ihre Angebote ist deutlich geringer ausgeprägt.

Die Studie des Reuters Institute, das an der Universität von Oxford beheimatet ist und von der Stiftung des Medienunternehmens Thomson Reuters gegründet wurde, liefert eine Bestandsaufnahme der Nachrichtenvermittlung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in acht europäischen Ländern.

Kernfrage: Gelingt es den Sendern, ihren Anspruch zu erfüllen, die gesamten Bevölkerungen ihrer jeweiligen Länder zu erreichen? Die Finanzierung der Sender durch die Bürger – im Englischen werden die öffentlich-rechtlichen Sender „public service media“ genannt, also dem Dienst der Öffentlichkeit verpflichtet – erfordert geradezu einen Ansatz, der das gesamte Spektrum der Bevölkerung anspricht.

Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Das positiv gewendete Fazit der Untersuchung könnte laut den Autoren der Studie folgendermaßen lauten: Die öffentlich-rechtlichen Sender in Europa erreichen mit ihren Informationssendungen gebildete, je nach Land auch politisch unterschiedlich positionierte Menschen (dies ist für Deutschland aber nur bedingt zutreffend) im fortgeschrittenen Alter. Negativ gewendet liest sich das Fazit aber auch so: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben Probleme, jüngere und schlechter gebildete Menschen zu erreichen, womit sie letztlich ihre eigene Relevanz riskieren.

Dieser alarmierende Befund bezieht sich auch und gerade auf Deutschland, letztlich aber mit nationalen Eigenheiten auf alle untersuchten Senderangebote in Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, Finnland und der Tschechischen Republik. Wenn es einen Anbieter gibt, der eine deutlich bessere Figur macht als der Rest, dann ist es die britische BBC.

Was sind nun die großen Probleme der öffentlich-rechtlichen Sender, hier im Speziellen von ARD, ZDF und Deutschlandradio, die von der Studie auf Basis von Befragungen herausgefiltert wurden? In die Wertung einbezogen wurden „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ (ARD), „heute“, „heute-journal“ und „heute+“ (ZDF), öffentlich-rechtliche Radionachrichten sowie die Onlinedienste, darunter „Tagesschau.de“ und „heute.de“.

Erstens: Es gelingt den Sendern nicht ausreichend, neue Zuschauer über digitale Verbreitungswege zu gewinnen. So erreichen die deutschen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote über alle Plattformen hinweg 69 Prozent der Menschen. Offline, also auf dem konventionellen linearen Verbreitungsweg, sind es 66 Prozent.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die zusätzlich über digitale Kanäle erzielte Reichweite nur bei drei Prozent liegt. Die Reichweite der digitalen Nachrichtenangebote liegt zwar bei 17 Prozent, aber der größte Teil dieser Menschen ist eben sowohl off- wie online unterwegs. Mit anderen Worten: Man erreicht diejenigen, die ohnehin schon Nutzer der Öffentlich-Rechtlichen sind. Doch fest steht auch: Der Nachrichtenkonsum über lineares Fernsehen hat langfristig keine große Zukunft, er nimmt ab.

Zweitens: Die Reichweite der digitalen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote bei jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren ist mit 19 Prozent niedrig. Sie ist im Vergleich zu 2016 sogar um zwei Prozentpunkte gefallen. Einzig die BBC kann hier mit 56 Prozent eine stattliche Reichweite in der jungen Zielgruppe vorweisen. Ganz düster sieht es beispielsweise bei den französischen Sendern aus, die auf nur sieben Prozent Reichweite in dieser Zielgruppe kommen.

Doch haben ARD und ZDF nicht vor einer Weile das digitale Angebot „Funk“ für junge Zielgruppen gestartet, das auch nachrichtenähnliche Formate hat? Auf WELT-Nachfrage antwortet Anne Schulz, Mitarbeiterin des Reuters Institute und Co-Autorin der Studie, die Nutzung von „Funk“ habe man tatsächlich erhoben, aber nicht in der Auswertung berücksichtigt. Die Gesamtreichweite von „Funk“ liege demnach bei zwei Prozent, bei den Nutzern unter 25 Jahren bei sechs Prozent – die digitale Gesamtreichweite der Angebote bei Menschen unter 25 Jahren liege damit bei 22,6 Prozent.

Drittens: Eine schlechte Bilanz haben ARD, ZDF und Deutschlandradio auch, was ihre Nachrichtenvermittlung an schlechter gebildete Menschen über digitale Kanäle angeht. Laut der Studie nutzen nur 13 Prozent der Menschen mit einem formal niedrigen Schulabschluss mindestens einmal die Woche die Onlineangebote der öffentlich-rechtlichen Nachrichten.

In der Gesamtbevölkerung tun dies, wie oben erwähnt, 17 Prozent. Die BBC kommt mit 34 Prozent auf einen deutlich besseren Wert – auf noch schlechtere Werte kommen dagegen die entsprechenden italienischen (elf Prozent), spanischen (neun Prozent) und französischen (acht Prozent) Angebote.

Viertens: Die deutschen Sender bedienen ein Publikum, das sich nach eigener Einschätzung mehrheitlich politisch links von der Mitte verortet. Die politische Mitte wird nur minimal gestreift. Als Gegenprobe haben die Medienwissenschaftler die politischen Positionen der Zuschauer der Nachrichtensendung „RTL Aktuell“ abgefragt, die sich demgegenüber rechts von der Mitte einordnen.

Gleichzeitig ist das Vertrauen der Zuschauer, die sich politisch rechts der Mitte einordnen, gegenüber ARD, ZDF und Deutschlandradio signifikant weniger ausgeprägt als bei den Zuschauern, die sich links von der Mitte oder in der Mitte verorten. Dies ist beispielsweise bei den Zuschauern der BBC oder bei denen von France Télévisions anders, beziehungsweise: ausgewogener.

Während sich das Bild in Frankreich bei den Zuschauern ähnelt – öffentlich-rechtliche Angebote von France Télévisions sprechen Menschen links der Mitte an, private Nachrichtenanbieter rechts davon –, ordnen sich die Zuschauer der BBC gleichermaßen rechts wie links der Mitte ein. Im Ländervergleich sehen sich die Zuschauer der meisten öffentlich-rechlichen Sender eher links – ganz deutlich ist dies in Griechenland der Fall –, und nur bei den Zuschauern des tschechischen Fernsehens gibt es eine leichte Tendenz nach rechts.

Fünftens: Die deutschen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote haben mehrheitlich Zuschauer, die populistischen Argumenten gegenüber nicht sehr empfänglich sind. Umgekehrt bedeutet das auch: Zuschauer, die für solche Argumente empfänglich sind, stehen ARD, ZDF und Deutschlandradio eher skeptisch gegenüber.

Um abzuschätzen, welche der Befragten zum Lager der „Populisten“ gehören, wurde die Zustimmung zu zwei Aussagen abgefragt: „Das Volk sollte bei allen wichtigen Entscheidungen gefragt werden“ und „Die meisten gewählten Offiziellen kümmert es nicht, was Leute wie ich denken“. Die Methode werde in der wissenschaftlichen Forschung eingesetzt, um populistische Einstellungen zu messen, heißt es auf Nachfrage.

Zwar zeige die Studie, dass viele Zuschauer den öffentlich-rechtlichen Sendern vertrauen – in vielen Fällen auch mehr als privaten Sendern –, sagt Mitautorin Anne Schulz. Dennoch hätten die Macher der Angebote ein Problem. Schulz: „Populistische Bürger haben nicht aufgehört, diese Sender zu nutzen, aber sie vertrauen ihnen weniger.“

Entsprechend lässt sich aus der Untersuchung nicht nur ein digitaler Generationenabriss und eine Bildungskluft ableiten, sondern auch eine drohende Spaltung entlang der politischen Einstellungen der Zuschauer. Zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender als Informationsvermittler warnt Medienwissenschaftlerin Schulz darum: „Wenn diese Nachrichtenmarken ihre Online-Reichweiten nicht verbessern, riskieren öffentlich-rechtliche Medien den Niedergang und letztlich ihre Irrelevanz für den Großteil der Öffentlichkeit.“

Trotz der fortgeschrittenen Digitalisierung seien die Sender – nicht nur in Deutschland – im Kern weiter Rundfunkanbieter, während sich das Nutzungsverhalten vor allem der jungen Bevölkerung längst auf digitale Angebote verlagere. Das Beispiel der BBC zeigt indes, wie mit weniger Beitrag (rund 172 Euro gegenüber 210 Euro in Deutschland) eine größere digitale Reichweite von Nachrichten vor allem bei jungen Zielgruppen erreicht werden kann.

ARD und ZDF betonen derweil seit einer Weile ihr Selbstverständnis als sogenannte Gemeinwohlmedien, die dem öffentlichen Interesse dienen. Um diese Positionierung in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken, hatte die ARD vor einer Weile ein „Framing-Manual“ in Auftrag gegeben, um diese Ziele besser zu kommunizieren – und handelte sich damit den Vorwurf ein, die Beitragszahler mit rhetorischen Tricks zu manipulieren.

So verbreiten ARD und ZDF in einer aktuellen repräsentativen Auswertung über die Mediennutzung der Deutschen beispielsweise folgende recht pauschale positive Selbstbeschreibung: „Im Gegensatz zu den Privatsendern werden ARD und ZDF sowie die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme für Glaubwürdigkeit, hohe journalistische Qualität, regionale Berichterstattung und Zuverlässigkeit geschätzt.“ Und weiter: „Vor allem unter 30-Jährige beurteilen die öffentlich-rechtlichen Programmleistungen besonders positiv.“

Die auffallend geringen Werte bei der tatsächlichen Nutzung der digitalen Nachrichtenangebote vor allem in dieser jungen Altersgruppe lassen das Eigenlob in einem etwas matter glänzenden Licht scheinen.

Facebook-Investor McNamee rechnet mit den US-Tech-Konzernen ab

Roger McNamees Wandel ist durchaus bemerkenswert, hat er doch vom System rund um Facebook jahrelang profitiert. Mittlerweile ist er aber einer der größten Kritiker und mahnt die Marktmacht der US-Tech-Konzerne an. So auch am zweiten Tag der Dmexco, wo der den Besuchern ins Gewissen redete – und eine Werbelegende ihm in manchem Punkt widersprach.

Im Januar 2016 hatte er erste Zweifel bekommen, also bereits einige Monate vor der US-Präsidentschaftswahl, in der auch Facebook eine nicht unwichtige Rolle spielte, erzählte Roger McNamee im Gespräch mit Edward Roussel, Chief Innovation Officer bei Dow Jones. Dies war der Beginn seiner Reise vom Cheerleader zum Abtrünnigen, der vor den sozialen Gefahren von Facebook, Google, Amazon & Co. warnt.

Sehr schlaue Leute mit großen Träumen, so McNamee

Auf der Congress Stage erzählte der kalifornische Risikokapitalgeber und einer der frühen Facebook-Investoren von seinen Bedenken gegenüber den US-Tech-Firmen – und warum sich die in Köln versammelte Branche große Sorgen um ihre Zukunft machen sollte. Er wisse natürlich nicht, ob er Recht behalte, aber er verfolge die Unternehmen seit langer Zeit. Facebook, Amazon, Google & Co. offerierten niedrige Preise und Bequemlichkeit für die Nutzer. Es handele sich um schlaue Leute, die ihre großen Träume in einem unregulierten Markt verfolgen können.

“Ich kann verstehen, wie toll die Tech-Konzerne für euch sind. Allerdings werden sie euch in naher Zukunft nicht mehr brauchen. Darüber mache ich mir Sorgen.” Damit spielte er darauf an, dass sich die Konzerne mit neuen Geschäftsbereichen immer breiter und tiefer aufstellen. Man blicke nur auf Google im Transportwesen oder im Finanzbereich auf Facebook (Stichwort Libra). Warum, so seine These, sollten sie dann vor dem Marketing- und Agenturbereich Halt machen?

Außergewöhnlich ist McNamees Wandel vor allem wegen seiner Vergangenheit, denn er hat durchaus eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Facebook gespielt. Dem CEO Mark Zuckerberg hat er 2006 davon abgeraten, sein junges Unternehmen für eine Milliarde Dollar an Microsoft zu verkaufen. Und er hat ihm seine Geschäftsführerin Sheryl Sandberg vermittelt.

Derzeit führt er gemeinsam mit U2-Sänger Bono die Investment-Firma Elevation Partners. Seine These, dass Facebook die größte Gefahr unserer Zivilisation sei, hat er in dem Buch “Zucked” auf über 300 Seiten festgehalten, das im Dezember auf Deutsch erscheint. Zum Erscheinen der englischen Ausgabe gab es im Frühjahr bereits ein ordentliches Medienecho.

Auf der Dmexco-Bühne rief er dem Publikum zu, dass die Entwicklungen in der Branche schlecht für die gesamte Wirtschaft seien. Facebook, Google & Co. seien nicht Freunde, sondern letztlich Monopolisten. Derzeit würden die Tech-Firmen und ihre Algorithmen die Regeln festlegen. “Es muss mehr Alternativen geben”, forderte der Kritiker, “deshalb müssen sich unsere Regierungen dafür einsetzen.”

Sir Martin Sorrell widerspricht seinem Vorredner

Mit seiner scharfen Kritik wird McNamee sicher nicht alle Gäste vor der Congress Stage überzeugt haben, wenngleich die Marktmacht der US-Unternehmen unbestritten ist. Schade, dass sich der Abtrünnige nicht mit einem Vertreter von Facebook, Google oder Amazon zu den Themen Datenschutz und Marktmacht austauschen durfte.

Interessant wäre zudem an vielen Stellen ein Gespräch zwischen McNamee und Sir Martin Sorrell gewesen, der direkt im Anschluss auf die Bühne der Dmexco kam und von Ex-“Bild”-Chefredakteur und Storymachine-Mitgründer Kai Diekmann interviewt wurde. Dort ging es freilich um seine Zeit bei seinem früheren Arbeitgeber sowie den Veränderungen im Werbe- und Agenturgeschäft.

Der britische Unternehmer hatte 1986 die Werbeholding WPP gegründet und leitete diese als CEO bis 2018, bevor er wegen “persönlichen Fehlverhaltens” das Unternehmen verlassen musste. Mittlerweile ist er Chef von S4 Capital, die bald in Deutschland starten soll, wie Sorrell im Gespräch verriet.

“Facebook und Google verstehen langsam, dass sie verantwortlich sind”

Er sieht das Verhältnis mit den “Frenemies” jedenfalls deutlich entspannter als sein Vorredner. “Ich glaube nicht, dass sie Agenturen ersetzen wollen.” In dieser Hinsicht sehe er bei den US-Unternehmen keine Bestrebungen. “Sie wollen nicht ins Lager der Dienstleister wechseln”, sagte er und nahm damit Bezug auf McNamees Thesen. Bezüglich der viel kritisierten Datenmacht widersprach Sorrell dem Facebook-Investor ebenfalls. Die Masse an Zahlen und Informationen sei durchaus eine enorme Hilfe für Agenturen und die Kreation.

Dennoch, die Macht sei groß und daher könne den Tech-Konzernen das Schicksal einer Zerschlagung ereilen. Allerdings erläuterte Sorrell mit Blick auf die Rolle der US-Konzerne in der Wirtschaft und Demokratie: “Facebook und Google sind nicht taub hinsichtlich der Probleme. Sie verstehen langsam, dass sie verantwortlich sind.”

So wird Mark Zuckerberg zum Chefredakteur

Es ist der Satz, der Mark Zuckerberg viel Verantwortung abnimmt. „Wir sind ein Technologie-Unternehmen“, sagte er vergangenes Jahr im US-Kongress, als ihn Abgeordnete zu Facebooks Datenschutzproblemen befragten. Die Programmierer seien die zentralen Leute in seinem Konzern. Ein Technologie-Unternehmen also, kein Medienunternehmen – denn als letzteres müsste Facebook volle Verantwortung übernehmen für die Inhalte, die in dem Netzwerk verbreitet werden. Auch für Lügen und politische Manipulation. Stattdessen präsentiert Zuckerberg seinen Konzern als Durchlauferhitzer für Inhalte und Interessen seiner Nutzer. Ob die Inhalte problematisch sind, ob die Algorithmen die wüstesten Lügen nach oben spülen, weil die am meisten Klicks sammeln, ist nach dieser Logik nicht so wichtig.

Von Herbst an sollen die Programmierer Kollegen aus einer anderen Berufsgruppe bekommen: Weil Facebook eben doch irgendwie am Nachrichtengeschäft teilhaben will, wird der Konzern laut eigenen Angaben selbst Redakteure einstellen. In einer neuen News-Rubrik sollen – zunächst in den USA – auch menschliche Mitarbeiter Artikel auswählen und den Lesern prominent vorsetzen. Nun wurde bekannt, nach welchen Kriterien sie die News-Beiträge auswählen sollen, die dann Millionen Menschen in ihren Timelines sehen werden . The Information, ein investigatives Branchenportal aus dem Silicon Valley, zitiert ein internes Dokument mit jenen Vorgaben.

Es wird demnach eine „weiße Liste“ geben, auf der von Facebook als seriös eingestufte Medien stehen werden. Erst, wenn zwei von ihnen eine „Breaking-News-Story“ bestätigen, soll diese für die News-Sektion akzeptiert werden. Redakteure würden keine Artikel wählen, die „konstruiert wurden, um zu provozieren, zu spalten und zu polarisieren“. Als faktisch korrekt eingestufte Artikel, die journalistischen Standards entsprechen, dürften dann aber sehr wohl „spalten“ und würden redaktionell berücksichtigt. Überschriften mit obszönen Worten seien tabu. Artikel mit namentlich genannten Quellen würden gegenüber solchen mit anonymen bevorzugt. Gehe es um den Konzern selbst, soll es laut Bericht keine Zensur geben: Die Redaktion könne „unparteiisch Artikel über Facebook, Facebook-Manager“ verbreiten. Derzeit laufen Tests, The Information zufolge mit Artikeln verschiedener internationaler Medienangebote wie Wall Street Journal, CBS, National Geographic und BBC. Facebook wollte der SZ zu dem Bericht „nichts Konkretes“ sagen.

Verlage machten sich abhängig von Facebook

Seit der US-Präsidentenwahl 2016 steht Facebook wegen seiner Rolle als Nachrichten-Plattform in der Kritik. Liberale und Linke werfen dem Konzern vor, Falschnachrichten im Sinne des Wahlkampfes von Donald Tump an Abermillionen Menschen gestreut zu haben (etwa die Schlagzeile: „Papst spricht sich für Trump aus“). Konservative beklagen, dass Facebook in der polarisierten US-Medienlandschaft „ihren“ Portalen weniger Aufmerksamkeit von Nutzern verschaffe.

Die Wirkung der „Desinformation“ ist bislang unklar, und auch die Konservativen bleiben Beweise für ihre Theorie schuldig. Facebooks Nachrichtenmacht beschäftigt Medienunternehmen auf der Welt vor allem deshalb, weil es ihnen Leser und Zuschauer abgraben kann. Wie abhängig sich manche Verlage von der Plattform gemacht hatten, zeigte sich 2017, als Facebook Medieninhalte in seinem Algorithmus schwächer gewichtete. Daraufhin brachen die Besucherzahlen einiger Nachrichtenseiten ein, weil das Netzwerk ihnen viel weniger Leser zuführte als zuvor.

Weniger als zehn „journalistische Veteranen“ sollen einem Bericht der New York Times vom August zufolge für Facebook Artikel auswählen. Dann wäre Zuckerberg nicht nur Technologie-Unternehmer, sondern darüber hinaus auch ein Chefredakteur, der mitbestimmt, was mehr als zwei Milliarden Menschen lesen.

iPhone 11: Grosses Kino im «Steve Jobs Theater»

Apple hat am Firmenhauptsitz in Cupertino neue Tablet-Computer, Armbanduhren und Smartphones vorgestellt. Die wichtigsten Verbesserungen betreffen die Fotografie.

Bereits der erste Hinweis auf das neue iPhone stellte einen Bezug her zum Thema Innovation. Auf der Einladung, mit der Apple Ende August der Firma wohlgesinnte Journalisten zur iPhone-11-Premiere in das «Steve Jobs Theater» einlud, war nicht etwa «by invitation only» zu lesen, sondern «by innovation only».

Doch mit grundlegenden technischen Innovationen konnte Apple nicht aufwarten. Es gab keine Überraschungen, die Verbesserungen waren vorhersehbar. Die wichtigste Neuerung beim iPhone 11 ist eine leistungsfähigere Kamera. Sie kombiniert in den Pro-Modellen drei Sensoren hinter drei Linsensystemen. Mithilfe der Software können mehrere Aufnahmen von mehreren Sensoren kombiniert werden, so dass Fotos oder Videos mit einer deutlich besseren Qualität möglich werden. Allerdings: Die wichtigsten Konkurrenzprodukte von Samsung oder Huawei verfügen ebenfalls über Multi-Kamera-Systeme. Ob Apple in Sachen Bildqualität nicht nur die Vorgängermodelle aus dem eigenen Haus, sondern auch die Topmodelle der Mitbewerber auszustechen vermag, wird sich zeigen müssen.

Blinde Helden

Wenn auch die Produkte keine Überraschungen boten – die Dramaturgie der Präsentation war ungewohnt. Wenn es bei Apple anlässlich von Produktankündigungen Filme zu sehen gab, waren das Werbeclips für die neuen Produkte. Doch am Dienstag gab es im «Steve Jobs Theater» grosses Kino: Auf der Grossleinwand wurde der Trailer gezeigt für eine Science-Fiction-Serie namens «See», die der Regisseur Francis Lawrence mit prominenten Schauspielern wie Jason Momoa, Yadira Guevara-Prip und Sylvia Hoeks gedreht hat.

Dieser Trailer sollte vorführen, dass Apple in Zukunft vermehrt mit Dienstleistungen und nicht mehr nur mit Produkten Geld zu verdienen hofft. «See» ist ab November exklusiv für Kunden des Streaming-Dienstes Apple TV+ zu sehen. Für diesen Dienst, der weltweit in mehr als 100 Ländern zu haben ist, sind monatlich 6 Franken zu bezahlen.

Es ist schon etwas seltsam, dass die Vorstellung von neuen iPhones, die sich durch neue Foto-Funktionen auszeichnen, mit einem Film eingeleitet wird, bei dem es um Blindheit geht. «See» handelt von einer Zukunft, in der die Menschen ohne Augenlicht auskommen müssen. Es gab dann im «Steve Jobs Theater» doch noch Werbefilme zu sehen. Zur Apple Watch, die nicht mehr so sehr als Lifestyle-Gadget, sondern als medizinisches Gerät präsentiert wurde, oder zum neuen iPhone 11, mit dem man nun auch Slofies herstellen kann. Das sind Video-Selfies in Zeitlupe.

Verkaufsstart am 20. September

Das iPhone 8 gibt es weiterhin zu kaufen, auch das iPhone XR bleibt noch im Angebot. Bei den drei neuen iPhones, dem iPhone 11, 11 Pro und 11 Max Pro, ist alles ein bisschen besser: die Prozessorleistung, die Ausdauer der Batterie, die Bildschirmqualität, die Kamera. Doch keine dieser Neuerungen dürfte die Kunden so sehr begeistern, dass sie – wie das früher bei neuen iPhones üblich war – eine Nacht vor dem Laden ausharren, um dann am Morgen zu den Ersten zu gehören, die ein neues iPhone kaufen können.

Die jüngsten Smartphones von Apple sind ab dem 20. September erhältlich. Das billigste iPhone 11 mit 64 GByte Speicherplatz gibt es für 809 Fr. Beim Top-Modell, dem iPhone 11 Max Pro werden bis zu 512 GByte Speicherplatz geboten. Dieses Modell kostet 1719 Franken. Die Bildschirmgrösse hat sich gegenüber den Vorgängermodellen nicht verändert. Das iPhone 11 hat ein 6,1-Zoll-LCD, beim iPhone 11 Pro kommt ein Oled-Display zum Einsatz, die Diagonale misst hier 5,8 oder – bei der Max-Variante – mit 6,5 Zoll.

Es ist nicht so, dass Apple jemals bescheiden gewesen wäre, als es darum ging, die eigene Innovationskraft zu würdigen. Doch die Kunden zeigten sich von den Superlativen in jüngster Vergangenheit unbeeindruckt. Laut amerikanischen Marktforschungsfirmen hat sich das zwei Jahre alte iPhone 8 im zweiten Quartal besser verkauft als das neueste und beste, allerdings auch viel teurere iPhone X.

Mehr als drei Viertel aller iPhones, die im Einsatz stehen, seien älter als zwei Jahre, berichten die Marktforscher. In diesen zwei Jahren hat Apple ein halbes Dutzend neue iPhones herausgebracht, doch diese boten offenbar nicht die Art von Innovation, die Besitzer älterer Geräte hätten überzeugen können, sich ein neues Gerät zu beschaffen.

Stagnierende Verkäufe

Der Markt für Smartphones könnte neue Impulse gut gebrauchen. Marktforscher wie Gartner oder IDC melden seit mehreren Quartalen rückläufige Verkaufszahlen. Für das laufende Jahr sollen laut Gartner weltweit 1,5 Milliarden Smartphones verkauft werden. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine Reduktion um 2,5%.

Während Huawei und Samsung als marktführende Hersteller ihre Position halten oder ausbauen konnten, hat Apple Marktanteile verloren. Im ersten Quartal 2018 kontrollierte die kalifornische Firma 14,1% des Weltmarktes, jetzt sind es noch gut 10%. In Europa ist Apples Marktanteil laut den Zahlen von Canalys um 17% geschrumpft, während Samsung um 20% zulegen konnte. Laut Gartner geht es im kommenden Jahr wieder aufwärts, dann soll die 5. Generation der Mobilfunktechnik (5G) die Verkäufe ankurbeln. Apple hat allerdings vorerst keine 5G-Geräte im Angebot.

Studie: Warum der Drogenhandel von der Straße auf Social Media wandert

Der Drogenhandel verlagert sich zunehmend von der Straße auf Social-Media-Plattformen.

Studie mit 2006 Befragten

Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Marktforschungsinstituts Survation, das von der Lobbygruppe Volteface beauftragt wurde. Letztere setzt sich dafür ein, Cannabis zu legalisieren.

Für die Studie wurden 2006 Menschen befragt. Sie waren zwischen 16 bis 24 Jahre alt. Jede vierte Person davon habe bereits einmal gesehen, wie ein Dealer illegale Drogen auf Social Media anbietet. 56 Prozent der Ja-Sager bekamen dies schon einmal auf Snapchat mit, 55 Prozent auf Instagram und 47 Prozent auf Facebook. In 63 Prozent dieser Fälle wurde Cannabis beworben. Dahinter folgen Kokain (26 Prozent) und Ecstasy (24 Prozent).

Niedrigere Hemmschwelle, gleiche Gefahren

„Sky News“ hat daraufhin mit drei 17-Jährigen die Ergebnisse der Studie besprochen. Ein Mädchen meint, dass die Hemmschwelle online niedriger sei. „Früher haben junge Leute dreimal überlegt, ob sie es wirklich riskieren sollen, auf die Straße zu gehen. Online tauchen die Drogen in ihrer Timeline auf.“

Eine andere Befragte stimmt zu: „Auf Plattformen wie Instagram und Snapchat können Dealer ihr junges Zielpublikum erreichen. Leute scherzen schon, dass sie mit ihrem Drogendealer befreundet sind. Früher war er noch die vermummte Person auf der Straße“.

Der ehemalige Drogendealer Niko Vorobyov sieht dies als Gefahr: „Nur weil es auf Social Media stattfindet, ist es noch lange nicht ungefährlicher. Am Ende des Tages kannst du noch immer an den falschen Typen geraten. Du weißt auch nicht, was du kaufst“. Nur für den Dealer sieht er Vorteile. Dieser müsse sich nicht mehr so oft mit potentiellen Käufern persönlich treffen und ginge damit weniger Risiko ein.

Kein Gefahren-Bewusstsein

Besonders bedenklich ist laut Studie, dass beinahe die Hälfte der Unter-18-Jährigen im illegalen Drogenverkauf auf Social Media kein Problem sieht. Die Plattformen selbst sehen das naturgemäß anders. Instagram, Facebook und Snapchat tolerieren keinen illegalen Drogenverkauf. „Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen und investieren in neue Technologie, um verdächtige Codewords und Bilder aufzuspüren“, heißt es von Facebook und Instagram. Snapchat ruft dazu auf, „illegalen Inhalt zu melden.“

Vorobyov: „Wenn Instagram den einen Hashtag löscht, gibt’s noch genügend andere“. Der Kampf gegen den Drogenhandel muss also künftig auch vermehrt online geführt werden.