Medien in Frankreich: Monopoly der Milliardäre

Auf Paris Match kann Emmanuel Macron sich verlassen. Das bunte und zugleich prestigereiche Magazin behandelt ihn stets wohlwollend: Einst begleitete es seinen Aufstieg mit ausladenden Fotoreportagen, die auch Einblick ins Private gewährten. Heute, da Macron Präsident ist, zeigt das Blatt ihn gern als entschlossenen Macher. Ein anderer einflussreicher Wochentitel aus der Mediengruppe Lagardère wiederum, das Journal du Dimanche (JDD), lässt sich vom Staatschef hoch exklusiv die „Geheimnisse“ seiner Corona-Politik flüstern – und gibt sie dann eins zu eins an die Leser weiter.

Beide Zeitungen haben bevorzugten Zugang zum Präsidenten. Finanziell zahlt sich das jedoch nicht aus. Dem Lagardère-Konzern geht es schlecht. Deshalb deutet alles darauf hin, dass die zwei Titel demnächst verkauft werden, ebenso wie der Lagardère-Radiosender Europe 1.

Mächtige, schwerreiche Männer wittern in diesem Umbruch eine Chance. Bertelsmanns Verkaufswille und Lagardères Verkaufszwang haben unter Frankreichs Milliardären eine Art Medien-Monopoly ausgelöst, in dem es nicht zuletzt um gesellschaftlichen Einfluss und um die politische Ausrichtung der Medien geht. In einem Jahr ist Präsidentschaftswahl. „Und am Ende werden wir den Milliardären danken, weil sie die Pressevielfalt retten“, prophezeit der Branchenexperte Jean-Clément Texier. Er berät ausländische Investoren am französischen Markt.

Im Mittelpunkt des Spiels um die Geschäfte von Lagardère und Bertelsmann stehen Bernard Arnault und Vincent Bolloré, zwei berüchtigte Taktiker: Arnault, Herrscher über den Luxuskonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) und laut Forbes zweitreichster Mann der Welt, hat sein Vermögen mit teuren Handtaschen gemacht. Er besitzt schon einige Redaktionen, zum Beispiel die Wirtschaftszeitung Les Echos. Sein Kontrahent Bolloré, unter anderem als Hafenbetreiber in Afrika reich geworden, ist Hauptaktionär des Bertelsmann-Rivalen Vivendi. Weitere Mitspieler sind der Telekom-Milliardär Xavier Niel, Eigner von Le Monde und Lebensgefährte von Arnaults Tochter Delphine; sowie der Baumagnat Martin Bouygues, der den größten französischen Fernsehsender TF1 kontrolliert. Schon länger gelten Medien im Allgemeinen und Journalismus im Besonderen in Frankreich nicht mehr als Metier, das wirtschaftlich eigenständig sein müsste.

Der Einfluss, der den zum Verkauf stehenden Lagardère-Medien Paris Match, JDD und Europe 1 zugeschrieben wird, korreliert nicht mit ihrem finanziellen Zustand. Im Elysée-Palast wird das Taktieren um die angeschlagenen Titel daher ebenso aufmerksam verfolgt wie der Verkauf der profitablen und wesentlich reichweitenstärkeren Bertelsmann-Sender. Macron ist als Medienjunkie bekannt. „Die höchsten Machtzirkel verfolgen die Branche traditionell ganz genau“, sagt Texier.

Bolloré, der Mann hinter Vivendi, wird im Elysée besonders kritisch beäugt. Der stille Bretone, der aus der elterlichen Papierproduktion für Bibeln und Zigaretten ein Milliardenimperium gemacht hat, könnte durch Zukäufe einem stramm rechtskonservativen Journalismus in Frankreich mehr Raum geben, so die Befürchtung. Den Vivendi-Nachrichtensender CNews hat er schon nach dem US-Vorbild Fox News umpositioniert. Mit antimuslimischen Hasstiraden erzielt CNews stetig steigende Quoten. Rechte Polemik ist ein Geschäft in einem Land, in dem die Nationalistin Marine Le Pen für den Stichentscheid bei der Wahl 2022 so gut wie gesetzt ist. Bolloré selbst gilt zwar nicht als rechtsextrem – aber als wenig skrupelhafter Entrepreneur. Schon der Erwerb von Europe 1 würde es ihm erlauben, sein zweifelhaftes Erfolgsmodell auszuweiten.

Bernard Arnault ist Macron deshalb genehmer. Zum LVMH-Chef pflegt der Präsident ein gutes Verhältnis. Man kennt sich, man hilft sich: Brigitte Macron unterrichtete einst Arnaults Kinder an einem Pariser Gymnasium. Und Macrons Regierung unterstützt die Geschäftsinteressen von LVMH im Ausland mit besonderem Eifer. Mit Arnaults Schwiegersohn Xavier Niel verbindet den Staatschef eine jahrelange Freundschaft.

Wie es aussieht, werden sich Arnault und Bolloré die Medienaktivitäten von Lagardère bald einvernehmlich aufteilen. Als Lagardère 2020 in Schwierigkeiten geriet, gaben beide zunächst den Helfer: Erst rief der schuldengeplagte Firmenerbe Arnaud Lagardère den Bolloré-Konzern Vivendi, um sich gegen einen aggressiven Investmentfonds zu wehren. Doch – Überraschung! – Bolloré verbündete sich mit dem Fonds. Daraufhin stieg auch Arnault bei Lagardère ein. Auf Wunsch von Macron, wie in der Branche kolportiert wird, da sich so zunächst die Zerschlagung durch Bolloré verhindert ließ.

Inzwischen aber führen die Rivalen „friedliche Diskussionen unter Aktionären“, wie es der düpierte Lagardère ausdrückt. Während sich LVMH-Boss Arnault die Macron-freundlichen Titel Paris Match und JDD sichern will, hat es Bolloré auf Europe 1 abgesehen. Und auf Hachette, Europas größte Buchverlagsgruppe, den einzig profitablen Teil von Lagardère.

Bertelsmann will schnell verkaufen

Dem Konkurrenten Bertelsmann kauft Bolloré über Vivendi gerade schon den Magazinverlag Prisma ab, in dem etwa die Frankreich-Ausgaben von Capital, Geo und Gala erscheinen. Für die Bertelsmann-Sender M6 und RTL bietet Bolloré selbstverständlich auch mit. Hier steht er in Konkurrenz zum Baulöwen Bouygues und dessen Sender TF1 sowie zu Telekom-Tycoon Niel. Zwar lässt Bertelsmann eine Präferenz für TF1 erkennen – „was Macron sicher passen würde“, sagt Experte Texier. Allerdings will der Konzern aus Gütersloh das Geschäft auch schnell abschließen. Das wird beim Verkauf an TF1 schwierig, weil eine lange wettbewerbsrechtliche Prüfung anstünde. Das wiederum eröffnet Macron-Freund Niel Perspektiven. Einen Fernsehsender hat der noch nicht.

Das Medien-Monopoly ist in vollem Gang. Es bringt eine Konzentration im Markt der klassischen Medien mit sich: Zwei Akteure, Lagardère und Bertelsmann, scheiden aus. Unterdessen aber fließen die Einnahmen im digitalen Zukunftsgeschäft, wie in Deutschland, an US-Riesen wie Google und Netflix. Das richtig große Spiel – es erwartet die Milliardäre noch.

Mai Thi Nguyen-Kim: „Ich bin doch kein Freak“

Wenn’s stinkt und kracht, ist’s Wissenschaft? Nicht bei Mai Thi Nguyen-Kim. Die promovierte Chemikerin hat einen Raketenstart als Wissen-Erklärerin hingelegt. Sie kann sogar Krebs vertanzen. Das dürfte ihren neuen Haussender ZDF sehr freuen.

Im Seuchen-Talk von Markus Lanz war es, Ende März, da konnte man, liebe Freunde der Sonne, bestaunen, wie die sonst so bedacht auftretende Mai Thi Nguyen-Kim aus ihrer Haut fuhr, als hätte sie zehn Tassen schwarzen Tees intus: Der Virologe Hendrik Streeck saß da und beklagte sich gerade, die Medien hätten Schuld an der Lagerbildung in Team Öffnung und Team Vorsicht. Da hakte sie, die Wissen-Erklärerin und ehemalige NaWik-Dozentin, ein und haute ihm, dem Heinsberg-Forscher, mit dem Satz „Sie sind, mit Verlaub, schrecklich naiv“ eigenes Verschulden durch Kommunikationsversagen um die Ohren, dass es in denselben klingelte. Den darauf folgenden Beef zwischen den beiden stoppte jäh der Sendungsschluss, der Nguyen-Kim einmal mehr frustriert zurückließ: Nein, Talkshows und sie, das ist eine Hassliebe, weil konstruktives Streiten kaum möglich ist.

Nun wird die Lanz-Nummer sehr wahrscheinlich nicht ihr letzter Ausflug ins Talk-Gemetzel gewesen sein. Schon gar nicht auf jenem Sender, der die vielfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin vom „Quarks“-WDR abgeworben und vertraglich an sich gebunden hat als zweiten Fixstern im hauseigenen Wissenschaftsuniversum neben Harald Lesch. Der promovierte Physiker steht im ZDF seit 2008 für die populäre Vermittlung von harter Naturwissenschaft. Mit der promovierten Chemikerin Nguyen-Kim bekommt er nun eine Rakete an die „Terra X“-Seite.

Wie in einer Kettenreaktion reiht sich bei ihr rasant Erfolg an Erfolg. Um aufzuzählen, was dieser disziplinierte Geist mit Harvard-Background allein in den letzten Monaten geschafft hat, muss man Luft holen: Bundesverdienstkreuzträgerin, Merkel-Reden-Inspiratorin, „Journalistin des Jahres“, erfolgreichste Youtuberin des Jahres, Förderpreisträgerin des Deutschen Fernsehpreises, Bestseller-Autorin, Meinungsgeberin in „Tagesthemen“ und „heute-journal“. Und neuerdings auch noch Mutter. Sie selbst kann’s kaum fassen. Und ihr Vater erst recht nicht, wie sie in der kuscheligen „NDR-Talkshow“ erzählte: Chemiker wie sie, war der Papa perplex, als sie ihm nach dem Doktor eröffnete, ich mach‘ nicht weiter mit Chemie, ich mach‘ jetzt Youtube: Ist Reden über Wissenschaft denn auch ein Beruf? Und ob.

Noch während sie die Doktorarbeit schrieb, traute sie sich raus aus dem Labor. 2015, da war die Tochter vietnamesischer Eltern aus Hemsbach an der Bergstraße 28, startete sie ihren ersten Youtube-Kanal, „The Secret Life of Scientists“, und zwar ohne die stereotypen Accessoires weißer Wissenschaftskittel und blubbernde Erlenmeyerkolben, sondern mit Hotpants und Hiphop-Beats: In „Dancing Drug Delivery“, ihrem allerersten Video, vertanzte die Doktorandin Wirkstoffe gegen Krebs, an denen sie forschte. Also ganz das Gegenteil von dem verrückten Professor Konrad Stöckel („Wenn’s stinkt und kracht, ist’s Wissenschaft“) aus Luke Mockridges Schul-Show. Nguyen-Kim war schon damals der Überzeugung: Ich bin doch kein Freak. Wissenschaft ist massentauglich und kein Nerd-Wissen, worüber man in seiner Freizeit staunen kann wie über eine Schmetterlingssammlung, ach wie schön, aber jetzt packen wir die mal wieder weg.

Nein, Wissenschaft ist nach Nguyen-Kims Definition ein wesentlicher Teil unseres alltäglichen Lebens, das vor großen Herausforderungen steht: Wie schützen wir das Klima? Wie ernähren wir die Welt nachhaltig? Was ist mit grüner Gentechnik, was mit Künstlicher Intelligenz? All diese Themen seien gesellschaftlich, ethisch, moralisch und politisch hochinteressant, und es lägen ihnen komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge zugrunde. Leider, hört man ihren Stoßseufzer aus der großen weiten Skype-Welt, fehle es den meisten Menschen an wissenschaftlicher Allgemeinbildung, „und das ist derzeit fatal: Wenn ich gar nicht weiß, was ein Virus eigentlich ist, dann kann mir ein veganer Koch das Blaue vom Himmel erzählen“.

Inzwischen ist aus Nguyen-Kims Hobby Youtube einer der meistabonnierten Wissenskanäle Deutschlands geworden, fast gleichauf mit dem ZDF-bekannten „MrWissen2go“ Mirko Drotschmann; „maiLab“ läuft ebenso unter dem öffentlich-rechtlichen Dach von funk. Das aus den Videos bekannte Holzregal vor türkisgrüner Wand erkennt man sofort, als sich Nguyen-Kim aus dem eigenen Kellerstudio nahe Frankfurt meldet. Und, na klar, der obligatorische Tee, stets ein wichtiges Youtube-Requisit, darf nicht fehlen. Ganz schnöder Früchte- oder Kräutertee ist meist drin. Um vor der Kamera auf Touren zu kommen, braucht Nguyen-Kim nix Aufputschendes.

Einen dritten promovierten Wissenschaftler hat die teetrinkende Akademikerin in diesem Jahr in ihr Rechercheteam von funk eingefordert und weniger Sendezeit dazu. Sie hat all das bekommen, Corona macht’s möglich. „Wir sind Profiteure dieser Krise“, gibt die Frontfrau von maiLab zu, deren Erklärvideo „Corona geht gerade erst los“ vor ziemlich exakt einem Jahr ihrem Kanal einen Boost über die Eine-Millionen-Abonnenten-Grenze verschaffte. Aber es gibt auch viel mehr zu tun. Mit der Größe des Kanals ist nicht nur Nguyen-Kims Bekanntheit gewachsen, sondern auch die Verantwortung, wissenschaftlich korrekt zu informieren. Auf ihrer Plattform könne sie Zusammenhänge erklären und so tief ins Detail gehen, wie sie es für notwendig halte, und „Sachen loswerden, die ich loswerden muss“. Das sei auch der Grund für ihre „Hassliebe“ zu Talkshows: Im wichtigsten Moment, wenn man ansetzt zum konstruktiven Streit, kommt der coitus interruptus.

Dass Corona-Koryphäen wie Christian Drosten und Sandra Ciesek solche Rederunden scheuten, kann Nguyen-Kim „sehr gut nachvollziehen“. In deren NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ könnten sie die Grautöne zeichnen und differenziert erklären. „Wo sie es nicht können, gehen sie nicht mehr hin.“ Medienschaffenden „sollte es zu denken geben, wen sie da verprellen“, findet die Post-Doc-Wissenschaftlerin, „wir können froh sein, dass es so harte Knochen gibt wie Melanie Brinkmann, die immer noch die Nerven haben, in die Talkshows zu gehen.“

Sie selbst geht dann aber doch ab und an hin. Weil sie sich denkt: „Im Zweifelsfall sitze lieber ich dort als jemand anderes, der die große Reichweite für irgendeinen Unsinn ausnutzt.“ Da hält es Nguyen-Kim mit Harald Lesch, der schon vor Jahren in einem Interview sagte: „Was Unsinn ist, muss als Unsinn benannt werden. Dafür nehme ich jedes Medium, das ich kriegen kann.“ Auf heute übersetzt im Mai Thi-Sprech: „Am besten sind wir Wissenschaftsvermittler überall. Am besten sind wir auch eine Seuche.“ Mehr von ihrer Sorte, also von wissenschaftsjournalistischer Expertise, täte politischen Redaktionen generell gut: „Wissenschaftsjournalisten sind keine Fachexperten, aber sie können sehr wohl den wissenschaftlichen Konsens erkennen und Aussagen von Experten, die sich oft als Autoritäten gerieren, entsprechend einordnen und hinterfragen.“

Aber natürlich redet ein Youtube-Star wie Nguyen-Kim umso lieber bei Lanz & Co., wenn sie für ein neues Buch werben kann. Da hat die Wissenschaftsdurchblickerin die verkaufsfördernden Mechanismen des PR-Systems Talkshow schon sehr gut durchblickt.

Wie viel „Markus Lanz“ oder die „NDR Talkshow“ dazu beigetragen haben, egal. „Die kleinste, gemeinsame Wirklichkeit“ stürmt gerade die Sachbuchverkaufshitliste. Es handelt von der Schädlichkeit von Drogen („Kein Alkohol ist auch keine Lösung“) und Videospielen („Auf die Größe kommt es an“), der Erblichkeit von Intelligenz („Die große Matschepampe aus Genen und Umwelt“), den biologischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern („Gewollt, aber nicht gekonnt?“) oder der Sicherheit von Impfungen („There’s no glory in prevention“). Vordergründig geht es darin nicht um Corona – Vertrag und Exposé des Buchs waren schon 2019 fix und fertig. Aber natürlich taugt dieser „fundamentale Faktencheck“ auch für die derzeit größte aller Streitfragen.

Grundthese ist, um es mal auf den saloppen Nenner zu bringen: Streiten ist echt kompliziert und unspaßig geworden. Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß. Aber hey, da sind noch andere Farben. Die finden wir aber nur, wenn wir von einem gemeinsamen Faktenfundament ausgehen. Die Erde ist eine Scheibe? Weg mit dem Quatsch. Damit hat schon Galileo genug Zeit vergeudet. Lasst uns vorwärts streiten und dort, wo Zahlen und wissenschaftliche Erkenntnisse noch fehlen, gemeinsam um die beste Lösung ringen. „Vielleicht“, endet Nguyen-Kims gedrucktes Plädoyer, „macht Streiten so auch wieder Spaß.“

Schön wär‘s. Definitiv ein Riesenspaß war Nguyen-Kims Show-Einlage in einem Sketch mit Carolin Kebekus. „Auch Wissenschaftler haben Gefühle“ hieß der und wurde, aus Corona-technischen Gründen, vorigen Mai in ihrem Wohnzimmer aufgenommen. Die „Caro“ drückt darin die Gefühle aus, die Wissenschaftler wie Nguyen-Kim eigentlich nicht zeigen dürfen. Sprich: Sie führt sich wie ein Urwaldaffe auf. Das, was später bei Lanz passierte und Nguyen-Kim als „Maximum an Contenance verlieren“ bezeichnet, war dagegen lauwarm. „Caro war so laut. Wir mussten meine Nachbarn vorwarnen“, erinnert sich ihre Sketch-Partnerin.

Die „Caro“ wird sie im Übrigen dabei unterstützen, sich bühnentechnisch weiterzuentwickeln. Denn Nguyen-Kim soll ja nicht nur im ZDF-Hauptprogramm bei „Terra X“ tüfteln, sondern ab Herbst auf ZDFneo auch was Eigenes moderieren. Seit Jahren spuken ihr dafür Ideen im Kopf herum. Und sie hätte nie gedacht, „dass ich mal ein Team finde, wo wir auf einer Wellenlänge viben und meine Ideen zusammen umsetzen“. Zum Team gehört die bildundtonfabrik, die ehemalige Böhmermann-Clique. Was völlig Neues fürs lineare Fernsehen soll da entstehen, mit „Aktionen“ und so. Aber, erklärt die Show-Chefin: `“Wir nehmen die wissenschaftsjournalistische Arbeitsweise sehr, sehr ernst. Wir wollen die Leute nicht influencen und auch niemanden auflaufen lassen. Wir wollen in erster Linie wissenschaftlich korrekt informieren.“ Solange beim Inhalt keine Kompromisse gemacht werden, nichts verkürzt und unverständlich wird, ist sie „für so viel Spaß zu haben, wie es nur geht“. Von der legendären „Knoff-Hoff-Show“ mit Joachim Bublath und Dixie-Band im ZDF dürfte Nguyen-Kims Show-Ding allerdings ziemlich weit entfernt sein.

Bleibt zum Schluss die Frage: Wie steht es eigentlich um ihren jetzigen Beziehungsstatus zum WDR?

2018 wurde Mai Thi Nguyen-Kim Nachfolgerin von Ranga Yogeshwar in der Moderation von „Quarks“ (im Wechsel mit Ralph Caspers). Mit den Kollegen sei sie „sehr gut und sehr traurig auseinandergegangen“. Dass sie die Chance ergriffen habe, im ZDF eine eigene Show aufzuziehen, bei der sie auch noch die inhaltliche Hoheit habe und nicht nur das Gesicht hinhalte, hätten dort alle verstanden. „Niemand war mir böse.“ „Quarks“ sei eine „wirklich tolle Redaktion“. Sie finde aber, „sie könnten ein paar mehr Ressourcen haben“. Deshalb war sie froh, dass Range Yogeshwar bei „Zapp“ Tacheles redete, man müsse sich nicht wundern, wenn bei Wissenschaftsredaktionen eingespart werde. „Das sehe ich ähnlich. Man braucht die Leute, die Wissenschaftsjournalismus finanziell möglich machen.“

Alles also mal wieder eine Frage des Geldes. Da kann man so lange vorwärts streiten, wie man will, liebe Freunde der Sonne.

Streaming: Bots bekämpfen Bots – Piraterie wird automatisiert eingedämmt

Die Popularität von Streaming-Diensten war noch nie so hoch wie heute. Millionen von Menschen sitzen in ihren Häusern und sehnen sich nach Unterhaltung. Die Anbieter von Streaming-Diensten sehen dieses Publikum allerdings nicht als selbstverständlich an. Sie investieren Rekordsummen, um innovativ zu sein, das Benutzererlebnis zu verbessern und ihre Content-Angebote wettbewerbsfähiger zu gestalten. In diesem umkämpften Markt dürfen sie jedoch nicht zulassen, dass die Sicherheit ihrer Inhalte zu einem blinden Fleck wird.

Früher konzentrierten sich Cyberattacken auf Datenbestände und -dienste, aber das ändert sich. Im Streaming-Zeitalter haben es die Bösewichte zunehmend auf geistiges Eigentum, Streaming-Infrastruktur und Inhaltsdienste abgesehen. Untersuchungen zeigen, dass Piraterie die Anbieter digitaler Inhalte jährlich bis zu 71 Milliarden US-Dollar kostet, Tendenz steigend. Auch der illegale Austausch von Zugangsdaten ist ein gefundenes Fressen für Cyberkriminelle: 33 Prozent der deutschen Verbraucher geben zu, ihre Zugangsdaten für Streaming-Dienste mit anderen zu teilen.

Die Pandemie verfrachtet zwar alle Büromitarbeiter ins Homeoffice, doch Hacker haben definitiv keine Pause eingelegt. Sie machten sich mit Hochdruck an die Arbeit, als die Mitarbeiter die relative Sicherheit des Büronetzwerks verließen. Ransomware und DDoS-Angriffe über Bots bleiben mächtige Werkzeuge, um Online-Dienste zu unterbrechen oder zu überlasten, bis das Opfer den Forderungen nachgibt. Auch Streaming-Dienste werden nun wie Gaming-Plattformen beliebte Angriffsziele. Dieses Risikos müssen sich Anbieter von Streaming-Diensten bewusst sein und mit höheren Sicherheitsstandards und Tools dagegenwirken.

Der Cyber-Krieg der Bots

Wenn es um den Schutz der Streaming-Infrastruktur geht, müssen Anbieter erkennen, dass sie es mit einem anonymen Feind zu tun haben, dessen Taktiken sich ständig ändern und weiterentwickeln. Cyberkriminelle verlassen sich seit langem auf autonome Bots, um einen Großteil ihrer Arbeit zu erledigen und ihre Angriffe zu skalieren. Es sind diese bösartigen Bots, die DDoS-Attacken, Web-Scraping und Kontoübernahmen durchführen. Diese Vorgehensweisen stellen im Allgemeinen das größte Sicherheitsrisiko für Streaming-Dienste dar. Hinzu kommt, dass diese Bots stets weiterentwickelt werden und immer schlechter zu identifizieren sind.

CAPTCHA hat sich in den letzten Jahren zu einer weit verbreiteten Anti-Bot-Maßnahme entwickelt, die den Anfragenden dazu zwingt, Aufgaben auszuführen, die nur ein Mensch erledigen könnte. Dies wird nun jedoch durch „Captcha as a Service“ umgangen, bei dem ein bösartiger Bot Captcha-Herausforderungen an ein menschliches Team weiterleiten kann, das die Beantwortung für ihn übernimmt.

Kriminelle Organisationen nutzen auch zunehmend Künstliche Intelligenz (KI) und fortschrittliche maschinelle Lernfunktionen, um ihre Bots menschlicher erscheinen zu lassen. Zwar nutzen Content-Anbieter „gute Bots“, um verdächtige Verhaltensweisen von Nutzern zu überwachen. Doch sie sind selten ausgereift genug, um zwischen echten menschlichen Nutzern und Bots zu unterscheiden. Denn gefährliche Bots verhalten sich mittlerweile fast genauso menschlich. Infolgedessen verschleiern Kriminelle ihre laufenden Angriffe, stehlen Inhalte und überlasten Streaming-Dienste mitunter bis zum Ausfall des Webservices.

Guter Bot, böser Bot

Bösartige Bots verändern sich ständig, da Cyberkriminelle mit den Anbietern von Sicherheitslösungen Katz und Maus spielen. Sobald ein Anbieter eine Art von „Bad Bot“ erkennt und dagegen schützt, finden Hacker neue Wege, diese Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen. Gleichzeitig wird über die Hälfte des gesamten Internetverkehrs von Bots generiert – sowohl von legitimen Bots wie Suchmaschinen als auch von bösartigen Varianten. Streaming-Dienste würden ohne die sogenannten Beneficial Bots zum Stillstand kommen und hätten Schwierigkeiten, die Suchanfragen von Nutzern zu prüfen und verdächtige Aktivitäten zu überwachen.

Content-Anbieter benötigen eine intelligente Bot-Management-Lösung, die sich an die wechselnden Taktiken der Cyberkriminellen anpassen kann und einen schädlichen Bot von einem guten unterscheiden kann. Um dies zu erreichen, müssen sie zwangsläufig die gleichen KI- und maschinellen Lernlösungen nutzen, die auch Bösewichte einsetzen, um sich der Erkennung zu entziehen. Daher sind Funktionen wichtiger denn je, die eine kontinuierliche Überwachung des Nutzerverhaltens und die ständige Anpassung der Bot-Management-Richtlinien ermöglichen. Maschinelles Lernen ist hier eine entscheidende Komponente, da es Systemen ermöglicht, zu lernen und sich anzupassen, wenn die Angreifer ihre Bot-Methoden ändern. Solche Sicherheitssysteme benachrichtigen bei Erkennung die Sicherheitsverantwortlichen, sodass diese schnellstmöglich eingreifen und einen laufenden DDoS-Angriff abwenden können. Dieser Ansatz kann durch Verschlüsselungstools wie Digital Rights Management (DRM) und leistungsstarke Edge-Funktionen wie forensische Wasserzeichen ergänzt werden, um Inhalte vor illegaler Vervielfältigung und Nutzung zu schützen.

Legitimes Nutzerverhalten richtig erkennen

Ein solch ausgeklügeltes Bot-Management unterstützt die allgemeine Integrität und Zuverlässigkeit des Dienstes. Aber Streaming-Anbieter müssen sich auch mit dem Teilen von Zugangsdaten auseinandersetzen, um ihre Inhalte zu schützen. Da in erster Linie Personen für die illegale Weitergabe ihrer Konten an andere verantwortlich sind, erfordert die Schadensbegrenzung mehr als nur Bot-Management.

Das Verständnis des Nutzerverhaltens und die Erkennung von Missbrauch von Zugangsdaten sind hochkomplexe Aufgaben. Eine einzige falsche Schlussfolgerung kann dazu führen, dass ein unschuldiger Nutzer vom Zugriff auf bezahlte Dienste ausgeschlossen wird. Erst wenn sich verdächtiges Verhalten öfter wiederholt, kann der Dienstanbieter sicher sein, dass tatsächlich ein Missbrauch vorliegt und eine Sperrung erfolgen sollte. Da diese Aktivität ohne zusätzliche Eingaben des Benutzers wie Captcha oder Sicherheitsfragen durchgeführt wird, erleben legitime Benutzer keine Verzögerungen oder „Unstimmigkeiten“. Auch eine Multi-Faktor-Authentifizierung der Nutzer kann Streaming-Providern helfen, ihre Kunden sicherer als legitime Anwender zu identifizieren.

Sicherheit ist ein Dauerjob

Es gibt kein Allheilmittel für die Sicherheit von Web-Inhalten. Aber Anbieter von Streaming-Diensten benötigen einen Ansatz, der flexibel ist und sich weiterentwickeln kann, um mit Kriminellen Schritt zu halten. Die Pandemie hat vieles in unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur verändert, die Spielregeln bleiben jedoch bestehen. Streaming-Anbieter müssen KI mit KI bekämpfen und mit ihren CDN-Partnern (Content Delivery Network) zusammenarbeiten, um ihre Inhalte vor Video-Piraterie und Missbrauch von Zugangsdaten zu schützen.

Nokia: Sechs neue Smartphones, bis zu drei große Android-Updates und ein Mobilfunkangebot

Nach einer eher unerfreulichen Episode bei Microsoft steht der traditionsreiche Markenname Nokia seit einigen Jahren im Besitz des finnischen Unternehmens HMD Global. Mit einem Fokus auf schlanke Softwareausstattung und einem starken Update-Versprechen hat man sich rasch einen guten Namen unter Android-Fans gemacht. Mittlerweile wurde man in letzterer Hinsicht aber von anderen Anbietern überflügelt – allen voran Branchenprimus Samsung. Also ist es Zeit nachzubessern, und genau das tut der Hersteller nun.

X, G und C

HMD Global hat eine ganze Palette neuer Smartphones in der Preisregion zwischen 140 und 400 Euro vorgestellt. Dabei gibt man das alte Namensschema auf und wechselt nun auf Buchstaben, um die verschiedenen Preisregionen zu kennzeichnen. Von den C-Modellen geht es aufwärts über die G-Reihe bis in die Mittelklasse, die durch Nokia X abgedeckt wird. Genau diese ist es dann auch, wo das erweiterte Update-Versprechen zum Tragen kommt.

Updates, mehr davon

Statt den bisherigen zwei großen Android-Versionssprüngen soll es bei den Nokia-X-Modellen künftig drei Upgrades geben. Das heißt, die jetzt vorgestellten Modelle, die mit Android 11 ausgeliefert werden, sollten noch Android 14 erhalten. Die monatliche Auslieferung von Sicherheitsaktualisierungen über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg bleibt hingegen unverändert.

Mobilfunker

Am Rande der Vorstellung neuer Smartphones konnte HMD aber noch mit einer anderen interessanten Ankündigung aufwarten: Das Unternehmen will nämlich zum Mobilfunkanbieter werden. An den Aufbau eines eigenen Netzes denkt das Unternehmen dabei natürlich nicht, stattdessen versucht man sein Glück als virtueller Netzbetreiber (MVNO) – zunächst – in Großbritannien. Firmenchef Florian Seiche wirbt vor allem mit Flexibilität und niedrigen Preisen.

Das Angebot soll bereits Ende April starten, als Partner hat man den britischen Provider EE auserkoren. Das Startangebot liegt bei 6,50 Pfund (7,50 Euro) für 1 GByte Daten und unlimitierte Anrufe und SMS innerhalb Großbritanniens und auch in die EU. Tarife mit mehr Daten sollen aber ebenfalls angeboten werden.

Ferdinand von Schirach: Sollten Grundrechte Instrumente der Politik sein?

Ferdinand von Schirach ruft Europa dazu auf, sechs neue Grundrechte zu proklamieren. Doch damit erweist er seinem politischen Anliegen einen schlechten Dienst.

So viele berühmte Twitterer und sogar Rechtsprofessoren haben sich für die jüngste Aktion des Schriftstellers Ferdinand von Schirach schon ins Zeug gelegt, noch bevor das offizielle Buch („Jeder Mensch“, Luchterhand Verlag) am Dienstag erscheinen wird, dass man eher an sich selbst zweifeln mag als an diesem Angebot, mittels Smartphone-Klick „den nachfolgenden Generationen etwas Glückliches, etwas Strahlendes“ zu hinterlassen. Schirach fordert dazu auf, einen Appell „Für neue Grundrechte in Europa“ digital zu unterzeichnen – neue globale Entwicklungen machten eine Erweiterung der bisherigen Charta notwendig.

Konkret geht es um die Bereiche Umwelt („Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben“), digitale Selbstbestimmung, Künstliche Intelligenz, Wahrheit („Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen“) und globalisierter Handel; ein sechster Artikel betrifft das Recht, wegen „systematischer Verletzungen“ der neuen Charta bei europäischen Gerichten Klage zu erheben.

Zur Kampagne selbst gehört der Vorbehalt, die vorgeschlagenen Formeln könnten als zu einfach, zu naiv, zu utopisch erscheinen – ein Einwand, der dann gleich ausgeräumt wird: „Genau darin könnte ihre Kraft liegen.“ Doch diese Sprachregelung legt eine falsche Fährte. Nicht die Einfachheit oder der Idealismus der Charta werfen Fragen auf, sondern die Art und Weise, mit der sie „Kraft“ entwickeln soll. Es geht nicht darum, ob Ziele wie Umweltschutz, digitale Selbstbestimmung oder fairer Handel richtig sind und aller Mühe wert (natürlich sind sie das); es geht darum, ob politische Ziele zutreffend beschrieben und wirkungsvoll befördert sind, indem man sie zu „Grundrechten“ erklärt.

Eine moralische Wellness-Oase für Europa

Die Website des Appells bezeichnet die vorgeschlagenen Grundrechte als „mächtige Instrumente, um unsere Zukunft in Europa zu gestalten“: Ihre Einklagbarkeit soll zum Hebel ihrer politischen Durchsetzung werden. Schirach stellt dieses Programm in die Tradition der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, die zu ihrer Zeit auch noch Utopien gewesen seien, da die dort postulierte Gleichberechtigung zunächst noch keineswegs Realität war. Doch er unterschlägt, dass die Grundrechte in diesen Deklarationen eine ganz andere Funktion haben: Sie sollen den Staat dadurch definieren, dass sie als „Endzweck jeder politischen Einrichtung“ dem instrumentellen Bereich der Politik und sogar der Einzelgesetze gerade entzogen sind. Als Kriterium dieser Sphäre staatlicher Selbstbegrenzung nennt die Erklärung von 1789, dass es sich um „natürliche, unveräußerliche und heilige Rechte des Menschen“ handele.

Dieser strikte Maßstab würde unter den von der Kampagne genannten Themen nur auf die Selbstbestimmung zutreffen. Bei den anderen spiegeln die praktischen Schwierigkeiten, auf die die Einklagung etwa einer gesunden Umwelt oder der Wahrhaftigkeit von Amtsträgern treffen würde, die systematische Überdehnung des Grundrechtsprinzips – getrieben von der Sehnsucht nach einer höheren Macht, die von den größer werdenden politischen Ungewissheiten in Europa enthebt, eine Art moralische Wellness-Oase. Das wäre noch nicht weiter schlimm. Doch es schadet auch. Wenn die vorpolitische Zone, die der liberale Staat zum Schutz der Freiheit der Einzelnen eingerichtet hat, zum Instrument des politischen Aktivismus würde, verlöre sie zusehends ihre paradoxe politische Kraft. Und die Gerichte, die durch die an sie delegierte Politik hoffnungslos überfordert wären, ebenso.
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Deutsche Kette Flash Coffee will Starbucks in Asien Konkurrenz machen

David Bruniers Kampfansage an Starbucks erstrahlt in grellem Gelb zwischen Bangkoks grauen Häuserschluchten. Es ist ein regnerischer Tag, die Wolken hängen tief in der thailändischen Millionenmetropole. Die in leuchtenden Signalfarben gestaltete Filiale von Flash Coffee sticht auf einen Blick aus der Szenerie heraus. Eine neue Marke muss bereits aus großer Entfernung auffallen, sagt der 30 Jahre alte Gründer aus Deutschland – je größer der Knalleffekt, umso besser.

In Asiens Großstädten ragt das Start-up aber nicht nur aus optischen Gründen hervor. Bemerkenswert ist vor allem die hohe Geschwindigkeit, mit der Flash Coffee in der Region expandiert. Im Januar 2020 startete Brunier mit seiner ersten Niederlassung in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Inzwischen ist die Kaffeekette in Thailand, Indonesien und Singapur bereits mit rund 50 Filialen vertreten.

Jetzt will Brunier das Wachstum weiter beschleunigen: Für dieses Jahr plane er 300 zusätzliche Niederlassungen, sagt der Unternehmer dem Handelsblatt. Bis Jahresende will er mit Flash Coffee in sieben weiteren asiatischen Märkten präsent sein. Die Umsätze sollen seinen Prognosen zufolge bis zum Jahresende um das 24-Fache zulegen, 1850 Mitarbeiter will das Unternehmen dann beschäftigen.

Den Turbostart verdankt Brunier zwei namhaften Unterstützern, die Erfahrung damit haben, Länder in Asien blitzschnell mit ihren Geschäftsmodellen zu überziehen: Rocket Internet und Delivery Hero. Die beiden Konzerne aus Berlin gehören zu den Investoren der ersten Stunde.

Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer, der in Südostasien zuvor unter anderem den inzwischen an Alibaba verkauften E-Commerce-Konzern Lazada aufgebaut hatte, habe ihn persönlich zur Firmengründung ermutigt und ihm bei der Ausarbeitung des Geschäftsmodells geholfen, erzählt Brunier.

Auch bei ihrem finanziellen Engagement legen die Partner nun noch einmal nach: Mit ihren Risikokapitalfirmen Global Founders Capital und DX Ventures beteiligen sich Rocket Internet und Delivery Hero an einer 15 Millionen Dollar schweren Investitionsrunde, wie Flash Coffee an diesem Mittwoch offiziell bekanntgeben will. Weitere Geldgeber sind White Star Capital aus den USA und der deutsche Finanzinvestor Cornelius Boersch.

Software spart Mitarbeiter

Insgesamt haben Brunier und sein Co-Gründer Sebastian Hannecker damit seit dem Start 20 Millionen Dollar an Investorengeldern eingesammelt – für ein Kaffeeunternehmen eine stolze Summe. Brunier, der an der Wiesbadener Privatuniversität EBS studierte und vor seiner Gründung als Marketingchef von Delivery Hero in Asien im Einsatz war, sieht sein Unternehmen aber weniger als Gastronomiebetrieb, sondern eher als Technologie-Start-up.

Kern seines Geschäftsmodells ist eine App, mit der Kunden ihren Kaffee bestellen und bezahlen können, während sie noch im Büro sitzen – ein paar Minuten später steht das Getränk dann am nächstgelegenen Flash-Coffee-Tresen bereit. Im Hintergrund bestellt das Softwaresystem des Unternehmens auch automatisch Nachschub, wenn in einem Laden die Kaffeebohnen ausgehen oder die Milch knapp wird.

Bruniers Start-up braucht so weniger Mitarbeiter vor Ort und kann damit Personalkosten sparen. Während bei Starbucks meist ein ganzes Team im Einsatz ist, kommen Flash-Coffee-Läden schon mal mit nur einem Mitarbeiter aus.

Auch bei der Gestaltung der Läden will sich der Gründer absetzen: Im Gegensatz zur Konkurrenz, die Kunden mit Wohnzimmeratmosphäre anlockt, begrenzt sich Flash Coffee auf zehn bis 15 Quadratmeter mit höchstens einer Handvoll Stühle. „Auch bei Starbucks kaufen 80 Prozent der Kunden ihren Kaffee nur zum Mitnehmen“, sagt Brunier. Großräumige Filialen machen für ihn unternehmerisch deshalb keinen Sinn: „Wir haben erhebliche Ersparnisse bei den Mietkosten und können sie an die Kunden weitergeben.“

Preislich hebt sich Flash Coffee deutlich vom Marktführer ab: In Thailand kostet ein kleiner Cappuccino-Eiskaffee bei einem der rund 400 Starbucks-Läden umgerechnet 3,25 Euro – das entspricht mehr als einem Drittel des lokalen Mindestlohns pro Tag. Bei Brunier ist das Getränk für 1,35 Euro zu haben – ohne bei der Kaffeequalität Abstriche zu machen, verspricht der Gründer. „Wir können damit in Asien einen riesigen Markt erschließen mit einer großen Mittelschicht, die sich die Premiumpreise bei Starbucks einfach nicht leisten kann.“

Brunier erwägt auch Expansion nach Europa

Zu den neuen Märkten, in die Flash Coffee in diesem Jahr expandieren möchte, gehören die Schwellenländer Malaysia, die Philippinen und Vietnam. Zudem plant das Start-up auch Niederlassungen in Hongkong, Taiwan, Japan und Südkorea.

Bei der Expansion hilft die Partnerschaft mit Delivery Hero, das in der Region unter der Marke Foodpanda aktiv ist: Die Bestelldaten von Foodpanda können Flash Coffee wertvolle Hinweise liefern, welche Gegenden mit Coffeeshops noch unterversorgt sind. „Wir freuen uns, Flash Coffee bei der rasanten regionalen Expansion zu unterstützen“, sagt Brendon Blacker, Partner bei Delivery Heros Investmentarm DX Ventures.

Bruniers Pläne gehen noch weiter: Nach der nächsten Finanzierungsrunde könnte er das Geschäft auch nach Europa bringen, sagt er. Bewährt habe sich das Modell bereits: Die Mehrzahl der Niederlassungen sei schon profitabel. Betrieben werden die Lokale komplett in Eigenregie – ein Franchisemodell kommt für Brunier derzeit nicht infrage.

Ganz ohne Schwierigkeiten läuft das rasante Wachstum aber nicht: Von dem technologiegetriebenen Ansatz ist in Thailand noch nicht viel zu spüren. Die App, die in Indonesien bereits verfügbar ist, ist für Thailand nicht rechtzeitig fertig geworden. Beim Besuch einer Filiale nahe dem Bangkoker Botschaftsviertel sind die einzige sichtbare Technik die Flachbildschirme mit der Preisliste – und eine Digitaluhr am Tresen, die mehrere Stunden vorgeht und als Datum den 28. Januar zeigt, obwohl es schon April ist.

Irritierend ist zudem ein Teil der Werbestrategie: Flash-Coffee-Mitarbeiter haben bei Google Maps reihenweise Fünf-Sterne-Bewertungen für ihre eigenen Läden veröffentlicht: „Ich liebe ihren Kaffee wirklich“, schrieb der Marketingchef. In der Branche sei das ein typisches Vorgehen, sagt Brunier.

Flash Coffee ist bereits seine zweite Gründung: Nach dem Studium betrieb er in Berlin einen Onlinehändler für Weinspezialitäten. Die Welt des Genusses und des Luxus ist ihm seit Längerem nahe. Mit 17 arbeitete er eine Zeit lang als Model, lief auf der „Paris Fashion Week“ und lernte bei dem Job unter anderem US-Rapper Kanye West kennen.

Das Leben als Start-up-Chef scheint nun weniger glamourös zu sein – was auch an der Coronakrise liegt: Im vergangenen Jahr saß Brunier nach einer Deutschlandreise wegen Einreisesperren in Asien fast ein halbes Jahr in Berlin fest und musste sein Unternehmen mit sechs Stunden Zeitunterschied aus 10.000 Kilometer Entfernung lenken. Im Team habe man ihm den Spitznamen „Vampir“ gegeben, weil er immer nachts arbeitete, sagt er.

Corona-Lockdowns brachten der Kette nur einen kurzen Rückschlag. Zwar musste die erste Filiale in Jakarta schon wenige Wochen nach dem Start wieder schließen – doch inzwischen profitiere das Unternehmen davon, in einer Region aktiv zu sein, die die Pandemie vergleichsweise gut eingedämmt habe, sagt Brunier.

Dass die konjunkturellen Aussichten in einigen Märkten dennoch trübe sind, stört ihn nicht besonders: „Wir kommen jetzt immerhin sehr günstig an Ladenflächen.“

Pressefreiheit in Italien : Staatsanwalt hört Journalisten ab

Die sizilianische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen private Seenotretter. Nun wurde aufgedeckt, dass sie dabei Journalisten systematisch belauschte und überwachte. Die Justizministerin ist alarmiert.

Bei Ermittlungen gegen private Seenotretter hat die Staatsanwaltschaft auf Sizilien systematisch Journalisten abhören lassen. Mit der Sache befasst sich jetzt die Justizministerin Marta Cartabia. Auch das Parlament in Rom dürfte einen Untersuchungsausschuss einsetzen. Es geht um den „Lauschangriff“ auf mehrere italienische Journalisten, veranlasst 2017 von der Staatsanwaltschaft der sizilianischen Hafenstadt Trapani.

Aufgedeckt hat die Angelegenheit der Investigativ-Journalist Andrea Palladino von der Tageszeitung „Domani“ kurz vor Ostern. Danach befindet sich in den umfangreichen Akten im Zusammenhang mit der Anklage gegen private Seenotretter – vorab die Berliner Organisation „Jugend Rettet“ – wegen des Verdachts der Beihilfe zur illegalen Einwanderung auch ein umfangreiches Dossier mit den abgehörten Gesprächen von mindestens sieben italienischen Journalisten.

Hauptziel der Abhöraktion war die freie Journalistin Nancy Porsia, die sich seit Jahren mit der Migration über das Mittelmeer von Nordafrika nach Europa befasst. Sie ist mit einem Libyer verheiratet und hält sich selbst immer wieder in Libyen auf. In Italien werden ihre Beiträge unter anderem von der Tageszeitung „La Repubblica“, dem privaten Nachrichtensender Sky Tg24, dem Nachrichtenportal TPI und der Mailänder Denkfabrik ISPI veröffentlicht. Zu ihren internationalen Auftraggebern gehören „Al Dschazira“ und der „Guardian“.

Über die Ostertage hatte Nancy Porsia Gelegenheit, das von ihrem Kollegen Andrea Palladino beschaffte Dossier zu sichten. Die Lektüre der rund dreihundert Seiten hat sie schockiert: „Mindestens 150 Seiten bestehen aus Abschriften meiner abgehörten Telefongespräche. Sie haben alles transkribiert.“ Die Abhöraktion begann im Juni 2017, als Porsia sich an Bord eines Rettungsschiffes von „Ärzte ohne Grenzen“ befand, um über deren Tätigkeit im zentralen Mittelmeer zu berichten. Das letzte Abhörprotokoll datiert nach Porsias Angaben vom Dezember 2017. Zu den abgehörten Gesprächen gehört auch ein Telefonat der Journalistin mit ihrer Anwältin Alessandra Ballerini. Außerdem wurden verschiedene ihrer Reiserouten dokumentiert, mittels der Verbindungsdaten ihres Mobiltelefons.

Rechtsstaat in Gefahr

In den Mitschriften der Ermittler von Trapani tauchen die Namen weiterer sechs Journalisten auf: von den Tageszeitungen „Il Giornale“, „Il Fatto Quotidiano“ und „Avvenire“, von der Wochenzeitschrift „L’Espresso“ sowie vom Fernsehsender Rai Tre und von Radio Radicale. Andrea Di Pietro, Rechtsanwalt bei „Ossigeno per l’informazione“, dem Pressefreiheits-Watchdog des Journalistenverbands, sprach von „einem der schwersten Angriffe auf die Presse in der Geschichte unseres Landes“. Giuseppe Giulietti, Präsident der Journalistengewerkschaft FNSI, prangerte besonders die Verletzung des Anwaltsgeheimnisses an und verlangte vom Justizministerium in Rom Aufklärung darüber, wer diese Abhöraktion befohlen habe. Sergio Scandura, der abgehörte Mitarbeiter von Radio Radicale, klagte: „So stirbt nicht nur die Pressefreiheit, sondern der Rechtsstaat insgesamt.“ Grundsätzlich ist nach geltendem Recht die Überwachung von Journalisten möglich, sofern ein konkreter Verdacht auf eine begangene Straftat besteht und ein Richter die Abhöraktion genehmigt. Doch keiner der im Zusammenhang mit den Ermittlungen von Trapani überwachten Journalisten ist je angeklagt worden. Ausgangspunkt des „Lauschangriffs“ auf die Journalisten waren die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Trapani gegen „Ärzte ohne Grenzen“, „Jugend rettet“ und „Save the Children“. Die Organisationen standen – und stehen – unter dem Verdacht, bei Rettungseinsätzen vor der libyschen Küste mit Schlepperbanden zusammengearbeitet zu haben.

Ermittlungen gegen private Seenotretter gab es seit 2017 in verschiedenen sizilianischen Städten – es war die Zeit unmittelbar nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im zentralen Mittelmeer mit bis zu 180.000 Bootsmigranten, die in den Jahren 2015 und 2016 jeweils Italiens Küsten erreicht hatten. Italiens Innenminister, der Sozialdemokrat Marco Minniti, hatte von Januar bis März 2017 mit der Regierung in Tripolis sowie mit Stämmen und Milizen im Westen Libyens Abkommen zur Kontrolle der Flüchtlingsrouten geschlossen. Aus Italien floss viel Geld nach Libyen, um den Flüchtlingsfluss nach Italien zu bremsen. Gewissermaßen komplementär wurden private Seenotretter von den italienischen Behörden verstärkt unter die Lupe genommen. Das Narrativ, die privaten Rettungsschiffe seien so etwas wie „Taxis über das Mittelmeer“, wurde genährt.

Die meisten Ermittlungen gegen die privaten Seenotretter verliefen im Sande. Nicht jedoch die von Trapani: Nach gut dreieinhalb Jahren Ermittlungen erhoben die Strafverfolger unter Leitung von Oberstaatsanwalt Maurizio Agnello Anfang März Anklage gegen 21 Personen wegen des Verdachts der Beihilfe zur illegalen Einreise. Im Falle eines Schuldspruchs drohen bis zu zwanzig Jahre Gefängnis. Bei den Angeklagten handelt es sich um zehn ehemalige Besatzungsmitglieder des Rettungsschiffes „Iuventa“ von „Jugend Rettet“: Die übrigen Angeklagten sind Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ und „Save the Children“. Die Ankläger werfen den Helfern vor, sich mit Lichtzeichen vor der libyschen Küste mit den Schleusern verständigt zu haben. Die Migranten seien mithin nicht aus Seenot gerettet, sondern direkt von den Schleusern übernommen worden. Die Hilfsorganisationen sehen in dem Verfahren eine „politische Kampfansage mit der Absicht, Solidarität zu kriminalisieren“.

Den Ermittlern von Trapani gelang es, mehrere Informanten in den jeweiligen Besatzungen der Rettungsschiffe zu plazieren. Offenbar gehörte auch die Überwachung von Journalisten, die regelmäßig über Migration, den Maghreb und die Arbeit von privaten Hilfsorganisationen berichteten, zur Ermittlungstaktik.

Oberstaatsanwalt Agnello versicherte, die Mitschriften der abgehörten Telefonate der Journalisten würden in dem Verfahren nicht verwendet. Der frühere Innenminister Minniti, der zum Zeitpunkt der Aufnahme der Ermittlungen von Trapani gegen die Hilfsorganisationen und während der Abhöraktionen gegen die Journalisten alle Aspekte der italienischen Migrationspolitik kontrollierte, wollte sich auf Anfrage der Zeitung „Domani“ zu dem „Lauschangriff“ nicht äußern.

Bibel-Magazin: Frohe Botschaft in Infografiken

Am Anfang war ein Nachtkastl. Und auf diesem lag eine Bibel. Die brachte Journalist Oliver Wurm einmal seinem Kompagnon Andreas Volleritsch mit: „Dann hat er mich gefragt, ob man daraus auch ein Magazin machen könnte.“ Für Volleritsch war die Bibel kein unbekanntes Metier: „Ich bin neben einer Kirche aufgewachsen, mein Opa war Leiter von dem Kirchenstandort, meine Mutter beim Pfarrgemeinderat, meine Großtante ist Nonne – also natürlich weiß ich, was da drin steht.“ Aber die Frage, ob man ein Magazin daraus machen könnte, darauf war die Antwort erst mal „Puh.“

Und warum das? „Normalerweise, wenn man ein Magazin macht, sind die Texte verhandelbar – was die Länge betrifft oder wie man einen Titel ausstattet“, erklärt der Creative Director. „Aber ich kann ja nicht bei Lukas oder Matthäus nachfragen.“ Und trotzdem haben Wurm und Volleritsch es durchgezogen – bereits vor zehn Jahren. In den vergangenen Jahren sind sie mit zwei anderen Projekten beschäftigt gewesen – nicht minder komplexen Texten, aber nicht ganz so weitreichend in der Wirkung. Sie brachten sowohl das deutsche Grundgesetz als auch die österreichische Verfassung in Magazinform heraus.

Theater zum Blättern

Im Zuge der Aufmerksamkeit interessierten sich auch wieder mehr Menschen für das Bibel-Magazin, also eigentlich das Neue Testament als Magazin. Ein Neudruck kam nicht in Frage, da sich in der Zwischenzeit die Einheitsübersetzung geändert hatte. Also machte das Verlagsteam – bestehend aus nur drei Personen, Volleritsch, Wurm und Michaela Pernegger – einen kompletten Neustart. Den Text bekamen sie als Lizenz vom Bibelwerk und Volleritsch steckte 700 Arbeitstunden hinein, sich die Evangelien und Co so anzueignen, dass er sie in eine neue, leserfreundliche Form gießen konnte. Das passiert in „Das Neue Testament als Magazin“ vor allem durch typographische Aufbereitung. „Wir sehen das auch wie eine theatralische Inszenierung. Wenn jemand auftritt, wird er lauter. Wir haben uns etwa entschieden, dass, wenn der Name Jesus zum ersten Mal vorkommt, er wirklich ganz groß da steht.“ Die Hervorhebungen führen nicht nur dazu, dass man bekannte Zitate schnell findet, sondern auch zu einer neuen Form des Lesens: „Man bleibt bei den Kernsätzen hängen und arbeitet sich dann rundherum.“

Auch die Fotos strukturieren den Text. Sie stammen aus dem Film „Jesus cries“ von Brigitte Maria Mayer. Er holt das Neue Testament in die Gegenwart: „Da kommt dann statt römischen Soldaten ein Sondereinsatzkommando“, so Volleritsch. Zur Abrundung des Magazinösen gibt es am Ende des Hefts – das man kaum so nennen kann bei 350 Seiten und einem Kilo Gewicht – einen Infografikteil. Der widmet sich zum Beispiel in einer hochinteressanten Grafik den Frauen, die im Neuen Testament eine Rolle spielen. Es sind ziemlich viele.

„Das Neue Testament“ ist ein einzigartiges Projekt – was Volleritsch überraschte, gibt es doch die Bibel in jeder vorstellbaren Version weltweit. Nur einer hatte jemals eine ähnliche Idee: „In Schweden hat einer nur das Lukas-Evangelium herausgegriffen und wie eine ‚Gala‘ oder ‚Bunte‘ gestaltet.“

Wegscheider: ‚Nur weil man mehr bietet, bekommt man so einen Bewerb nicht‘

Sportrechte-Coup von ServusTV. Der Salzburger Privatsender im Eigentum von Dietrich Mateschitz holt sich die Übertragungsrechte für die Fußball-Europameisterschaften 2024 und 2028 exklusiv. Was Sender-Intendant Ferdinand Wegscheider dazu sagt.

Branchenkennern zufolge wird ServusTV rund 50 Millionen Euro ins neue Rechtepaket investieren, beinahe das Doppelte von dem, was der ORF bislang für die vergleichbaren Rechte aufbringt. Servus-Intendant Ferdinand Wegscheider selbst will sich zu Zahlen nicht äußern, ihm geht es um anderes …

Weil ein Sportthema, die Sportreporterfrage zum Einstieg: Was fühlen Sie nach Abschluss des Rechte-Deals mit der UEFA: Triumph, Stolz, Genugtuung?

Primär große Freude, weil es durchaus ein Meilenstein ist.

Das größte Investment des Senders bisher …

Über Zahlen will ich ganz bewusst nicht sprechen. Erstens ist das unsere Philosophie, zweitens vereinbart man das mit den Partnern.

Sie sprechen von einer neuen Ära für ServusTV. Inwiefern?

Eine Europameisterschaftsendrunde ist nochmal etwas anderes als der Fußballalltag. Da geht es uns sicher allen gleich: Bei EM und WM herrscht ein Monat lang Ausnahmezustand. Auch Leute, die sonst keine Fans sind, werden da mitgezogen. Man sitzt in Gastgärten, bei Public Viewings und und und … Das ist das Sahnehäubchen im Fußball. Das den Österreichern als Privatsender bei zwei Europameisterschaften zu bieten, ist aus meiner Sicht schon der Beginn einer neuen Ära.

Was ist die Strategie dahinter: Wachstum um jeden Preis?

Der Mitbewerb muss sich jetzt rechtfertigen, und jeder will plötzlich einen Preis wissen. Aber es ist nicht so, wie sich das der kleine Maxi vorstellt: dass ein frischg’fangter Sender einen Rucksack Geld auf den Tisch stellt und die Rechte bekommt. Das ist naiv und kündet davon, dass man vom Sportrechtebereich keine Ahnung hat. Nur mit Geld oder weil man mehr bietet, bekommt man so einen Bewerb nicht.

Ihr Sportrechte-Chef David Morgenbesser meinte bei den Österreichischen Medientagen, dass es beim Rechtekauf immer auf das Gesamtpaket ankäme. Wie sieht das im Fall der UEFA-Euro aus?

Genau, es geht immer ums Paket, und wie das Produkt bestmöglich bei den Zuschauern ankommt. Das macht uns schon sehr stolz, dass wir uns als relativ junger Sender international den Ruf erarbeiten konnten, dieses bestmögliche Paket für die Zuschauer anbieten zu können. Ich denke, dass wir das in der Vergangenheit – von der MotoGP bis zuletzt bei der Formel1 – unter Beweis gestellt haben. Und was nützt das beste Marketing, wenn der Inhalt nicht überzeugt?

Die Frage nach einer Refinanzierung – ob monetär oder in Imagewerten ausgedrückt – stellt sich dennoch.

Es geht auch aus Sicht des Senders darum, das beste Gesamtpaket zu schnüren, um den Sender erfolgreich zu machen und weiter zu wachsen. Aber Wachstum um jeden Preis ist es eben genau nicht. Wir schwimmen nicht auf der „Koste es, was es wolle“-Welle, sondern die Kosten-Nutzen-Relation muss passen, und das Produkt gleichzeitig zu unserem Senderbild. Wenn das gegeben ist, bemühen wir uns um solche Rechte. Wobei wir nach wie vor weit davon entfernt sind, ein Sportsender zu sein. Aber natürlich weiß man, dass attraktive Sportrechte einen Sender ordentlich nach vorne bringen können. Letztlich haben attraktive und große Sportrechte dafür gesorgt, dass der ORF jahrzehntelang seine gute Performance hatte. Österreich war eines der letzten Länder, wo sich alle großen Sportrechte beim öffentlich-rechtlichen Sender befanden.

Insofern also eher der Schlusspunkt einer Ära?

Ja.

Ist eine Sublizensierung von Teilen Ihres Rechtepaketes denkbar? Und falls ja, lieber ORF oder Fellner?

Wie wir mit allfälligen Parallelspielen in der Vorrunde der EM umgehen, werden wir sehen. Aber grundsätzlich: Jeder seriöse Partner ist uns willkommen.

Next step dann die Rechte an der Fußball-WM 2026?

Die ist nicht ausgeschrieben. Aber, Sie kennen unseren Satz dazu: An attraktiven Sportrechten sind wir immer interessiert (lacht).

Inwieweit müssen Sie jetzt bei anderen Programmgenres wie Information, Serie oder Show sparen?

Auch hier geht’s um ein wohlaustariertes Gesamtpaket. Wir müssen nirgendwo kürzen, um uns den Fußball leisten zu können. Das war nie unser Ansatz.

Aktuell kommt ServusTV auf 3,5 Prozent Marktanteil. Wie sieht Ihr konkretes Szenario für das Senderwachstum aus? Wie soll sich die Quotenkurve mit Formel 1, Fußball und Co. in den nächsten fünf Jahren entwickeln?

Natürlich bergauf, und durchaus – wenn ich’s mir wünschen darf – steil bergauf. Aber in Zahlen ist das immer schwer auszudrücken. Unsere Planungen, Hoffnungen und Wünsche bei der Formel 1 zum Beispiel sahen vor, dass wir zu Ende der Saison bei den Rennen die Flughöhe des ORF erreichen. Das haben wir schon am ersten Rennwochenende geschafft – und hätten wir nie zu träumen gewagt. Wenn das so weiter geht, könnte natürlich schon ein ordentlicher Sprung drinnen sein.

Zuletzt zum Thema Corona-Berichterstattung bei ServusTV. Ihr Sender hat unbestritten Erfolg, Sie bauen an einer Alternative zum ORF. Setzt man mit der Einladung von sogenannten Corona-Leugnern in Talk-Formate hier nicht mutwillig Image aufs Spiel – oder ist das eine bewusste Strategie?

Ich glaube nicht, dass das unser Senderimage beschädigt. Abgesehen von Einzelfällen. Es ist aber auch keine bewusste Strategie im Sinne einer Marketingstrategie. Wie damals bei meinem Hungerstreik gegen ORF-Monopol und Sendeverbot ist das ein spontanes Reagieren. Als Journalist – und nicht als Marketingexperte oder Senderleiter – sage ich: Wenn mehr als 90 Prozent aller Medien in eine Richtung berichten, dann ist es für mich ein journalistisches Erfordernis, auch die andere Seite zu hören.
Das passt für mich in die aktuelle demokratiepolitische Diskussion. Wir leben in einer Zeit, wo an den Universitäten – eigentlich ein Hort der freien Meinungsäußerung und der offenen Diskussion – gewisse Gruppierungen aus ideologischen Gründen es verweigern, mit Andersdenkenden zu sprechen oder zu diskutieren. Hier wird es eng in einer Gesellschaft. Das erklärte Ziel unseres Senders ist es aber, diese offene Diskussion zu ermöglichen. Bei allen Themen, auch bei Corona. Wir werden keine Sprechverbote erlassen.

Der rasante Einhorn-Aufstieg des deutschen Zehn-Minuten-Lieferdienstes

Der Berliner Lieferdienst Gorillas hat 245 Millionen Euro eingesammelt. Hochrangige Investoren bewerten den Lebensmittel-Lieferanten jetzt mit einer Milliarde Dollar. Doch gleichzeitig gibt es Beschwerden von Mitarbeitern über die Arbeitsbedingungen.

Damit ist der Zehn-Minuten-Lieferdienst nur neun Monate nach der ersten Bestellung bereits ein Unicorn. Das hat bisher noch kein deutsches Start-up geschafft.

Neu dabei ist der chinesische Tech-Konzern Tencent, der hierzulande etwa beim Fintech Clark und dem Flugtaxi-Bauer Lilium beteiligt ist. Neben kleineren Fonds sind sämtliche Altgesellschafter mitgegangen, auch der Seed-Investor Atlantic Food Labs hat Geld aufgetrieben.

Eine Gorillas-Sprecherin wollte das Investment auf „Gründerszene“-Anfrage zunächst nicht kommentieren. Erst im Dezember steckten Investoren 36 Millionen Euro in das Start-up, allen voran der New Yorker Hedgefonds Coatue und die Private-Equity-Firma DST Global, bekannt für Investments in Facebook und Auto1.

Hunderte Stellen bei Gorillas ausgeschrieben

Einschließlich des Seed-Investments von Atlantic Food Labs im Sommer hat der Blitzlieferdienst nun rund 250 Millionen Euro eingesammelt. Dabei ist die Idee von Chef Sümer erst gut ein Jahr alt, die finale Eintragung im Handelsregister erfolgte sogar erst im Mai 2020.

Und seitdem ging es heiß her: Mitgründer Jörg Kattner hat das Unternehmen bereits im Januar verlassen. Gleichzeitig holte Sümer weitere Geschäftsführer an Bord. Ex-Deliveroo-Deutschlandchef Felix Chrobog hat im Dezember den Posten als Chief Operating Officer übernommen.

Der ehemalige Lidl-Chef für den britischen Markt Ronny Gottschlich wurde als Chief Commercial Officer eingestellt, der frühere Director von Delivery Hero Canberk Donmez kümmert sich nun um die Expansion.

Und die schreitet voran. Das Start-up ist in 13 Städten aktiv, unterhält 40 Standorte. Mittlerweile eröffnet der Lieferdienst wöchentlich mindestens ein neues Lager. Mehr als 250 Stellen hat Gorillas momentan auf seiner Website ausgeschrieben plus zahlreiche Fahrerjobs.

Im Februar hieß es noch, dass die Berliner Firma etwa 1000 Mitarbeiter beschäftigt. Einen Monat später dürften es weitaus mehr sein. Das Herzstück seien die Kurierfahrer, heißt es immer wieder vom Unternehmen und den Investoren. Gründer Sümer sagt, er sei leidenschaftlicher Fahrradfahrer, teste den Verkehr und die Strecken selbst aus, bevor er einen neuen Stadtteil in seiner App aufnimmt.

Er verstehe sich als einer von ihnen, ein Fahrer, der selbst ein Unternehmen gegründet hat. Daher setze Gorillas nicht auf auffällige Taschen und Kleidung, sondern auf eine moderne Ausrüstung.

Initiative Gorillas United

Laut der Website bekommen Kuriere einen Stundenlohn von 10,50 Euro plus Trinkgeld – ohne Hinweis auf einen Bonus, wie es etwa Foodora früher ab einer bestimmten Anzahl an Fahrten anbot. Die E-Bikes stellt die Firma, obendrein gibt es einen monatlichen Zuschlag für die Internetgebühren von höchstens 15 Euro.

Der junge Berliner Konkurrent Flink zahlt laut Jobbeschreibung ebenfalls 10,50 Euro plus Bonus, so auch das Restaurantportal Lieferando. Die Takeaway-Tochter und ihre Fahrer führen seit mehreren Jahren einen Streit über die Arbeitsbedingungen. Das könnte nun auch auf Gorillas zukommen.

Kuriere des Start-ups vereinen sich unter der Initiative Gorillas United, die auf Twitter laut auf sich aufmerksam macht. Als es in Deutschland Anfang Februar Minusgrade und Schnee gab, stellte der Online-Supermarkt den Service nach eigenen Angaben aus Sicherheitsgründen ein.

Laut der Fahrergemeinschaft geschah dies allerdings nicht aus Empathie, sondern weil sich die Kollegen geweigert hätten, bei den vereisten und schneebedeckten Straßen Einkäufe auszufahren. Gorillas stritt das auf Nachfrage des Supermarktblogs ab.

Gorillas-Kuriere planen Betriebsrat

Über Twitter haben die Fahrer ein Protokoll veröffentlicht, das ein Treffen mit dem Flottenmanager abbildet. Demnach beschweren sich die Mitarbeiter unter anderem darüber, dass die Fahrer-App den Standort nachvollziehen könne, auch wenn sie nicht arbeiten. Gorillas widerspricht dem laut der Mitschrift.

Außerdem seien die Bezahlung und die Kommunikation schlecht, Verbesserungsvorschläge würden nicht angenommen. Das Gewicht der Einkäufe sei zu schwer. Ähnliche Anschuldigungen, wie sie auch die Lieferando-Kuriere seit Jahren anführen. In einem offenen Brief an die Gründer weist die Vereinigung darauf hin, dass die Mitarbeiter einen Betriebsrat bilden wollen, und fragen nach dem Einverständnis der Chefs.

Die Macher des Twitter-Profils Riders United Gorillas wollen anonym bleiben. Die Texte auf dem Kurznachrichtendienst haben einen aggressiven Ton. Das Profilbild zeigt eine erhobene Faust, die das Gorillas-Logo spaltet.

Fortbestand der „Wiener Zeitung“ unwahrscheinlich

Eine E-Mail des Geschäftsführers der „Wiener Zeitung“ an die Belegschaft zeichnet eine negative Zukunft. Finanziell wäre eine Fortführung der Zeitung in der heutigen Form nicht mehr möglich.

Der Fortbestand der „Wiener Zeitung“ als gedruckte Tageszeitung ist in weite Ferne gerückt. Das geht aus einer E-Mail des Geschäftsführers Martin Fleischhacker an die Belegschaft hervor. Darin schreibt er von einer „heiklen Situation“. Es sei davon auszugehen, dass die finanziellen Rahmenbedingungen die Fortführung einer Tageszeitung in der heutigen Form nicht mehr möglich machen, so Fleischhacker.

Auslöser ist die im Regierungsprogramm vorgesehene Abschaffung der Pflichtinserate im Amtsblatt der „Wiener Zeitung“, die einen großen Teil der Einnahmen ausmachen. Vor zwei Jahren seien bereits Konzepte für eine Fortführung der Tageszeitung unter geänderten Rahmenbedingungen, aber auch alternative Konzepte für ein Medium dem Aufsichtsrat präsentiert worden. Man wolle nun Konzepte, „die einer geringeren Finanzierung bedürfen“, weiter ausarbeiten und diese mit den „bestmöglichen Ressourcen“ ausstatten, schrieb Fleischhacker.

„Noch nichts vom Tisch“

Der Geschäftsführer präzisierte, dass „noch nichts vom Tisch“ sei. „Ich muss mich den Rahmenbedingungen stellen und auch Alternativen erarbeiten“, sagte Fleischhacker. Gute Ideen seien für den Erhalt als Tageszeitung, aber auch für alternative Modelle vorhanden. Wenn ihn noch weitere Konzepte erreichen, würden diese auch ausgearbeitet. Sein Ziel sei jedenfalls, das Beste für das Unternehmen und die Angestellten aus der Situation zu machen.

„Es ist sehr ernst“, sagte Walter Hämmerle, Chefredakteur der „Wiener Zeitung“, im Gespräch mit der APA. „Wenn der E-Mail des Geschäftsführers Glauben zu schenken ist, dann ist die Tageszeitung vom Tisch“, erklärte er. Glauben wolle er das aber noch nicht. Ihm sei mitgeteilt worden, dass es im Aufsichtsrat einen Aufruf gab, erneut nachzudenken und Optionen zu prüfen. Die äußerst irritierte Redaktion wolle weiterkämpfen und erarbeite Konzepte.

Bis Ende 2022 solle nichts mit der Redaktion passieren, hieß es laut Ö1-Morgenjournal von der ÖVP-Seite in der Bundesregierung. Der Kommunikationswissenschafter Josef Trappel von der Universität Salzburg hoffte im Gespräch mit dem Radiosender, dass es noch nicht zu Ende sei. „Wir haben gestern Hugo Portisch verloren, jetzt können wir unmöglich auch noch die ‚Wiener Zeitung‘ verlieren“, meinte er mit Verweis auf einen „nicht überbesetzten Qualitätszeitungsmarkt“ in Österreich. „Die Zeitung einfach einzustellen, hielte ich für ein fatales Zeichen“, so der Medienexperte. Man solle sich überlegen, welche Möglichkeiten noch offen stehen – etwa eine öffentlich-rechtliche Finanzierung.

Gewerkschaft: „Geschäftsführer ungeeignet“

Die Journalistengewerkschaft in der GPA forderte angesichts des Schreibens Konsequenzen für den Geschäftsführer. Er sei für diesen Job ungeeignet, wurde Eike-Clemens Kullmann, Vorsitzender der Journalistengewerkschaft in der GPA, in einer Aussendung zitiert. Aufsichtsrat und Eigentümer sollten Konsequenzen ziehen, meinte Kullmann und forderte die Bundesregierung auf, den Fortbestand der „Wiener Zeitung“ in Printform abzusichern.

Auch Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich setzte sich in einer Aussendung für den Erhalt der ältesten Tageszeitung der Welt ein. „Auf dem ohnehin sehr kleinen und nur 14 Titel umfassenden Tageszeitungsmarkt Österreichs darf ein besonderes Medium wie die ‚Wiener Zeitung‘, die für qualitativ hochwertige und ausgewogene Berichterstattung steht, nicht einfach wegfallen“, so RSF-Österreich-Präsidentin Rubina Möhring. Sie zeigte sich irritiert über die E-Mail Fleischhackers: „Damit lässt er die redaktionellen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Regen. Von einem Geschäftsführer muss man sich mehr Kampfbereitschaft erwarten dürfen.“

Abschaffung der Pflichtinserate als Auslöser

Das Ende der republikseigenen „Wiener Zeitung“ als Tageszeitung bzw. in gedruckter Form steht seit mehreren Wochen im Raum. Das Regierungsprogramm sieht eine Abschaffung der Pflichtinserate im Amtsblatt der Zeitung vor, wodurch ein großer Teil der Einnahmen für das Qualitätsblatt wegfallen würde. Eine von der Regierung ins Treffen geführte EU-Richtlinie, die eine zentrale Stelle für die Dokumentation von Unternehmensinformationen vorsieht, sei jedoch keine rechtliche Hürde, meinte der Chefredakteur der „Wiener Zeitung“, Walter Hämmerle, jüngst bei einer Diskussion des Presseclub Concordia.

„Es läuft darauf hinaus, ob es einen politischen Willen gibt, die Zeitung zu erhalten oder nicht“, betonte Hämmerle am Freitag erneut gegenüber der APA. Eine Digitalisierung des Amtsblatts erachtet er als richtig. „Die Frage ist nur, muss das zwingend zum Tod der Zeitung führen?“, fragte der Chefredakteur. Dass der Eigentümer keine Freude an der Zeitung hat, liege aber mittlerweile auf der Hand, meinte er.

Hugo Portisch: „Instanz der politischen Aufklärung“

Viele heimische Politiker und Journalisten kondolierten der Familie und den Freunden der Journalistenlegende Hugo Portisch, dessen Ableben im 95. Lebensjahr Donnerstagnachmittag bekannt geworden war. Der ORF trauert um einen „seiner klügsten Journalisten, Analytiker des Weltgeschehens und einen der vehementesten Proponenten für einen reformierten Rundfunk“.

Ohne ihn wäre die Institutionalisierung des unabhängigen Journalismus jahrelang Chimäre geblieben, teilte das größte Medienunternehmen des Landes in einer Aussendung mit. „Hugo Portisch war einer der bedeutendsten Journalisten in der Geschichte der Zweiten Republik und eine der prägendsten und wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte des ORF“, so ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sah in Portisch eine „der ganz großen Persönlichkeiten unseres Landes“. Mit ihm verliere Österreich einen „Jahrhundertjournalisten“. Portisch sei für Generationen der Erklärer der Nation gewesen. „Er hat nicht nur Zeitgeschichte erzählt und erklärt, Hugo Portisch selbst ist ein Teil österreichischer Zeitgeschichte“, so der Bundeskanzler.

Einen der „ganz Großen“, einen „herausragenden Journalisten, der uns die Welt ins Wohnzimmer gebracht hat“ habe man verloren, bedauerte Vizekanzler Werner Kogler (Grüne). „Er war eine Instanz der politischen Aufklärung und eine engagierte Stimme, die den demokratischen Aufbruch in Osteuropa begleitet hat“, würdigte ihn Kogler. „Wir werden seine Stimme und Analysen vermissen.“

Der Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) sprach von einem traurigen Tag für Österreich. „Hugo Portisch hat die Politik Österreichs und der Welt den Menschen ins Wohnzimmer geliefert. Er hat Politik so erklärt, dass sie jeder verstanden hat“, so Sobotka.

Eine große, schmerzende Lücke hinterlasse der Tod von Hugo Portisch, reagierte SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner. „Ein Jahrhundert-Journalist, eine moralische Instanz, ein standhafter Humanist. Uns alle hat er bereichert“, so Rendi-Wagner. Die Stadt Wien sichert dem „Journalisten-Doyen“ ein Ehrengrab, wie der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) in einer Aussendung mitteilte. „Er war ein Vorbild für Generationen kritischer Journalisten. Keine und keiner erklärte so gut wie er komplizierte politische Zusammenhänge“, sagte Ludwig.

„Österreich II und später Österreich I haben bei vielen jungen Menschen, wie auch bei mir persönlich, das Interesse für die Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte geweckt und gefördert. Wir verlieren in ihm einen großen Analysten und Kenner der österreichischen Politik, geschätzt und verehrt weit über die Grenzen Österreichs hinaus“, ließ Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) wissen. Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) erinnerte sich in einer Aussendung, wie er als junger Bub vor dem Fernseher saß und nicht zuletzt durch Portisch unsere Geschichte kennenlernte. Sein Tod hinterlasse eine Lücke, die nicht zu schließen sei. „Für all das, was er für unser Land geleistet hat, können wir ihm nicht genug danken“, meinte der Außenminister.

In Gedanken bei seinen Angehörigen ist auch Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne): „Es ist selten, dass journalistische Beobachter den öffentlichen Diskurs so stark prägen, dass man von einem eigenen Genre, einer eigenen Kunstform sprechen kann. Hugo Portisch hat das vor allem, aber nicht nur mit den Fernsehserien ‚Österreich I‘ und ‚Österreich II‘ geschafft, und er hinterlässt Österreich damit einen großen – auch kulturellen – Schatz.“

„Ich habe wie viele österreichische Journalistinnen und Journalisten einen Freund verloren, die Bevölkerung hat mit dem Tod von Hugo Portisch ihren Geschichtslehrer verloren. Ich darf im Namen der NEOS, aber auch ganz persönlich, der Familie dieses großartigen Menschen unser herzlichstes Beileid ausdrücken. Er war uns allen ein großes Vorbild“, würdigte ihn NEOS-Nationalratsabgeordneter Helmut Brandstätter.

Als einer „der wichtigsten und prägendsten Journalisten Österreichs“ wurde Portisch am Donnerstag von Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) bezeichnet. Darüber hinaus sei Portisch ein für viele Generationen unverzichtbarer Begleiter und hochkompetenter Erklärer gewesen und habe „unser Geschichtsbewusstsein und unser Weltbild“ geprägt.

Warum der Rückzug von G+J-Chefin Julia Jäkel konsequent ist

Der Abgang von Julia Jäkel zeigt, dass Gruner + Jahr als eigenständiges Zeitschriftenhaus bei Bertelsmann keine Chance mehr hat. Mit Stephan Schäfer an der Spitze wird der Verlag zum Anhängsel beim TV-Konzern RTL. Jäkels Rückzug ist daher konsequent.

Julia Jäkel steht für Gruner + Jahr wie keine andere Managerin. Jahrelang war die Medienfrau in der Branche das Aushängeschild für ein traditionsreiches Haus, das mit dem „Stern“ als publizistisches Flaggschiff glänzte. Energisch verteidigte sie den Qualitäts-Journalismus. Sie setzte sich mit Initiativen gegen Fake-News ein, stellte das Medienhaus digitaler auf. Doch der Strukturwandel überrollte sie. Erst die Printkrise, dann die wachsende Marktmacht der Tech-Riesen Google, Facebook & Co. – immer schwerer fiel es ihr, sich gegen den radikalen Umbruch im Mediengeschäft zu behaupten.

Vom Mutterkonzern Bertelsmann konnte sie kaum Rückendeckung erwarten. Als 100-prozentige Tochter von Bertelsmann hängt der Kurs bei G+J von den Vorgaben der Konzernzentrale in Gütersloh ab. Und Konzernchef Thomas Rabe hatte bereits zu Beginn ihrer Amtszeit als G+J-Geschäftsführerin andere Pläne mit dem Verlag. Unter dem Eindruck schwindender Renditen im Mediengeschäft wurde am Baumwall immer mehr gespart. Rabe setzte lieber Schwerpunkte jenseits des klassischen, werbefinanzierten Verlagsgeschäfts. Er investierte lieber in Geschäftsfelder wie das Buchgeschäft oder RTL, die mehr Gewinn erwirtschaften. Daher gab es keine Zukäufe in größerem Stil aus, die G+J zu altem Glanz hätten verhelfen können.

Jäkel blieb nichts anderes übrig, als den Rückwärtsgang einzulegen. Erst zog sie bei der „Financial Times Deutschland“ die Reißleine, dann trennte sie sich von diversen Tochterfirmen. Sukzessive hat die Geschäftsführerin G+J im In – und Ausland von einem Großverlag zu einem Mittelständler zusammengekürzt. Dadurch verlor das Printhaus im Wettbewerb gegen Branchenriesen wie Axel Springer, Burda, Bauer & Co. immer mehr an Bedeutung und Reputation.

Vor zwei Jahren machte Bertelsmann-Chef Rabe den langjährigen Produktchef Stephan Schäfer dann überraschend zum neuen Inhalte-Chef von Gruner + Jahr und RTL, der mit neuen Printideen wie „Barbara“ und „Guido“ in Gütersloh punktete. Damit brachte er sich bei Rabe in Position, das Zepter am Baumwall zu übernehmen. Jetzt geht der Bertelsmann-Chef einen weiteren Schritt. Er wünscht sich, RTL und Gruner + Jahr zu einer Einheit zu verschmelzen. Ein Prozess, den Schäfer begleiten soll. Dass sich Jäkel jetzt in dieser Gemengelage aus der Führung von G+J zurückzieht, ist daher nur konsequent.

Wie es weitergeht, ist klar. Bertelsmann-Chef Rabe bringt vermutlich die letzten renditestarken Firmenteile wie die „Stern“-Gruppe in das RTL-Geflecht ein. Alles andere wird verkauft oder muss aufs Abstellgleis. Und die Kommunikation über die Reste des einstigen G+J-Printimperiums wird künftig von Köln aus gesteuert. Damit bliebe für Jäkel nichts mehr übrig, wofür sie einst antrat. Sie wäre nur noch ein kleinen Rädchen im Getriebe von RTL. Das ist wohl kaum in ihrem Sinne.

Newsletter-Boom: Mit Abonennten gegen Algorithmen

In Amerika machen prominente Journalisten mit E-Mail-Newslettern spektakuläre Umsätze. Kann der Direktverkauf von Texten an Abonnenten auch bei uns funktionieren?

Es klingt, als hätte jemand die Uhr zurückgedreht, fünfzehn, zwanzig Jahre. Wie zu den Zeiten, in denen die Entwicklung der Blogs als Emanzipation von alten Medieninstitutionen euphorisch begrüßt wurde, soll wieder einmal der Diskurs befreit werden, soll alles freier, direkter, unabhängiger werden. „Newsletter“ heißt das neue Zauberwort: Jeder kann sein eigener Verleger werden, versprechen Plattformen namens Substack oder Steady. Was, einerseits, keine besonders spektakuläre Neuigkeit ist, schließlich braucht man schon lange keine besonderen Ressourcen mehr, um das Internet vollzuschreiben. Und andererseits kommen die Parolen diesmal mit Zahlen daher, die in den Ohren krisengeplagter Journalisten wie ein Traum klingen:

Auf der amerikanischen Plattform Substack erwirtschaften die zehn erfolgreichsten Autoren und Autorinnen mittlerweile 15 Millionen Dollar jährlich mit ihren Briefen an die Leser. Ganz oben auf dem „Leaderboard“ steht die Historikerin Heather Cox Richardson, das Poster-Girl der neuen Medienrevolution, die mit ihren „Letters from an American“ mittlerweile rund zwei Millionen Dollar jährlich verdienen dürfte.

Dass ausgerechnet das etwas angestaubte Format des Newsletters die Antwort auf die lange und bisher ziemlich frustrierende Suche nach einem Geschäftsmodell für Journalismus im Internet sein soll, ist vielleicht die größte Überraschung. Die Anbieter führen seine Beliebtheit genau auf dieses vergleichsweise zurückhaltende Auftreten zurück, auf das Angebot eines Gegengift zum lauten und durch die Algorithmen der sozialen Medien aufgepeitschten Wettbewerb um reißerische Nachrichten und steile Thesen. „Einer der Gründe, warum wir Substack gegründet haben, ist, dass wir frustriert darüber waren, wie sehr die Qualität der Diskussion in den sozialen Medien gesunken ist. Wir sind in den sozialen Medien dümmer als im echten Leben“, schreibt Substack-Mitbegründer Hamish McKenzie im Firmenblog.

Substack dagegen sei als „ruhiger Ort, der zum Nachdenken anregt“, entworfen worden, frei von Anzeigen und Clickbait, ein Ort, an dem jeder noch ohne Manipulation durch digitale Psychotricks entscheiden könne, welche Informationen er in seinen Kopf lasse. Der ehemalige Technik-Journalist McKenzie war für ein gutes Jahr lang „Lead Writer“ beim Autohersteller Tesla, bevor er 2017 mit den Softwareentwicklern Chris Best und Jairaj Sethi das Unternehmen gründete.

Erfolgsrezept Durchschnittlichkeit

Ob tatsächlich so viel Idealismus hinter der Plattform steckt oder vor allem ein guter Geschäftssinn, auf jeden Fall hat Substack einen Nerv getroffen: 500.000 zahlende Abonnenten verzeichnet die Website heute, alleine in den vergangenen zwölf Monaten wuchs diese Zahl um das Fünffache. Thematisch decken die Newsletter eine Bandbreite ab, die von Investoren-Tipps von Profis bis zu Insiderberichten über die Eishockeymannschaft der Arizona Coyotes reichen, vom „Brown Girl Bookshelf“ mit Literaturempfehlungen südostasiatischer Schriftsteller bis zu jüdischen Kochrezepten. Stilistisch schlägt sich der direkte Draht zu den Abonnenten oft in einem persönlichen und freundlichen Ton nieder, schließlich sprechen die Autoren hier zu ihren Fans.

In dieser Hinsicht ist Richardson durchaus paradigmatisch: Die 59 Jahre alte Geschichtsprofessorin vom Boston College fasst täglich das politische Geschehen zusammen und erklärt parlamentarische Debatten mit einer an Gleichgültigkeit grenzenden Distanz. Im aufgeheizten politischen Klima ist diese Objektivität offensichtlich eine Marktnische. Sie übersetze „aktuelle Ereignisse in normale Sprache“, schreibt Richardson auf ihrer Facebook-Seite. Vor allem ihre engagierte Community, eine „Gemeinschaft durchschnittlicher Amerikaner“ unterscheide ihr Projekt von klassischem Journalismus. Diese Community, das sind vor allem, wie sie selbst sagt, andere Frauen ihres Alters, denen selbst der Ton seriöser amerikanischen Zeitungen zu krawallig geworden ist und für die Richardsons Appelle zur Versöhnung auch eine Art therapeutische Wirkung haben.

Exil für notorische Nonkonformisten

Seit einiger Zeit jedoch hat sich auch in der lärmberuhigten Zone von Substack der Ton ziemlich verschärft: In den vergangenen Monaten hat sich die Plattform zum komfortablen Exil für prominente Renegaten traditioneller Publikationen entwickelt, darunter viele, die sich gerne als Opfer politisch überkorrekter Zustände in den amerikanischen Redaktionen stilisieren. Der ehemalige „New York Magazine“-Kolumnist Andrew Sullivan, der mit seinem Blog „The Daily Dish“ schon vor fünf Jahren gezeigt hatte, wie lukrativ die Finanzierung durch treue Abonnenten sein kann, bevor er sein Glück beim „New York Magazine“ versuchte, publiziert nun wöchentlich sein „Weekly Dish“ ebenso auf Substack wie Bari Weiss, die ehemalige Nonkonformistin vom Dienst bei der „New York Times“, und die jüngst angeblich wegen ihres Biden-Gänsehaut-Tweets entlassene ehemalige „New York Times“-Mitarbeiterin Lauren Wolfe.

Matt Yglesias, der Mitbegründer des Nachrichtenportals „Vox“, zog genauso zu Substack um wie der durch die Snowden-Enthüllungen berühmt gewordene Journalist Glenn Greenwald von der von ihm mitgegründeten Website „The Intercept“ – beide fühlten sich in ihren eigenen Publikationen von den Sensibilitäten der jüngeren Kollegen in ihrer Unabhängigkeit beschränkt oder gar zensiert.

Für einige, auch für viele der weniger berühmten Autoren und Autorinnen auf der Plattform, wirkt das wie ein verlegerisches Kalkül, vor allem seit bekannt wurde, dass Substack viele der großen Namen im Programm „Substack Pro“ direkt bezahlt. Manche halten es sogar für eine politische Agenda. Die Chefs verteidigen die Honorare als Anreiz, um Autoren mit großem Publikum anzulocken und damit die Bekanntheit des Dienstes zum Wohle aller zu steigern.

Die Verträge seien eine geschäftliche Entscheidung, keine redaktionelle. Sosehr man sich nämlich als Gegenmodell zu den sozialen Medien präsentiert, so will doch Substack, genau wie Facebook und Co., verhindern, in die Rolle des Verlegers zu geraten, um sich anstrengende Diskussionen über publizistische Verantwortung und die inhaltliche Ausrichtung zu sparen. Das Verhältnis zwischen dem Unternehmen und seinen Vertragspartnern entspricht eher dem bekannten Ideal der Gig Economy: Substack nimmt zehn Prozent Provision der Einnahmen und betrachtet die Newsletter-Produzenten wie Uber seine Fahrer: als eigenständige Unternehmer. Daran kann man auch ganz gut ablesen, für welche Art von Journalismus das Modell interessant ist: Nur wer sich schon heute als „Marke“ versteht und im besten Fall eine solide Menge an Followers mit an den Start bringt, hat Chancen, ein eigenes „Mini-Medienimperium“ aufzubauen, wie McKenzie es in einem Interview nannte.

Für die meisten dürfte es eher auf einen Zuschuss zur Miete hinauslaufen. Für alle, die mit Newsletters Geld verdienen wollen, ist das Modell die Weiterentwicklung jener Aufmerksamkeitsökonomie, gegen die es sich positioniert. Auch deshalb überrascht es nicht, dass auch Facebook gerade angekündigt hat, in den kommenden Monaten eine neues Angebot für unabhängige Autoren einzuführen und einige von ihnen auch zu bezahlen. Auch Twitter will ins Geschäft einsteigen und hat dazu im Januar den Newsletter-Dienst Revue gekauft.

Leser zahlen auch für ein Dankeschön

In Deutschland, wo das Publikum naturgemäß viel kleiner ist und das Nutzerverhalten amerikanischen Trends in der Regel rund drei Jahre hinterherhinkt, ist der Wettbewerb um die Abonnenten noch schwieriger. Zwar beeindruckt auch hier der Erfolg des „Morning Briefing“-Newsletters des ehemaligen „Handelsblatt“-Chef Gabor Steingart mit 230.000 Abonnenten, aber noch bietet Steingart seine morgendlichen Meditationen kostenlos und mit ordentlicher Unterstützung des Springer-Verlags an.

Trotzdem klingt die Aussicht auf einen nur durch treue Leser und Leserinnen finanzierten Journalismus so attraktiv, dass in den kommenden Monaten auch hier eine Menge neuer Newsletter erscheinen wird. Vergangene Woche hat das Berliner Unternehmen Steady, das bisher vor allem Abo-Management und Zahlungsabwicklung für unabhängige journalistische Websites abwickelte, ein neues Programm für den Newsletter-Vertrieb gestartet und 39 mehr oder weniger bekannte „Publisher“ vorgestellt, die auf diesem Weg ihr Publikum erreichen wollen: bekannte Journalisten wie Teresa Bücker, Hajo Schumacher oder Nils Minkmar, aber auch der auf Twitter sehr agile CDU-Politiker Ruprecht Polenz.

Dass die amerikanischen Erfolgsgeschichten auf dem deutschen Markt nicht so leicht zu wiederholen sind, glaubt auch Steady-Mitbegründer Gabriel Yoran, dennoch sieht er ein stetiges Wachstum. Schon jetzt kann das Unternehmen alle sechs Wochen einen Umsatz von rund einer Million Euro an die 1200 Medien ausschütten, die es betreut. Websites wie „Perlentaucher“, „Übermedien“ oder das Satiremagazin „Titanic“ nutzen den Dienst, bei insgesamt rund 110.000 zahlenden Abonnenten liegt der Erlös im Schnitt bei gut 400 Euro monatlich, das erfolgreichste Projekt verdient im Monat immerhin 90.000 Euro. Mit den Newsletters will man nun auch Einzelnen die Angst nehmen, sich selbständig zu machen. Und setzt auf die zunehmende Zahlungsbereitschaft des Publikums. Dabei, sagt Yoran, komme es gar nicht so sehr auf exklusive Angebote für die Unterstützer an: „Fünf bis zehn Prozent der Abonnenten sind zahlungswillig, ein Großteil davon zahlt sogar auch, ohne dass es dafür eine handfeste Gegenleistung gibt, einfach, damit die Autoren ihre Arbeit weitermachen können.“

Für das „Bildblog“ etwa zahlen 775 Mitglieder insgesamt 3685 Euro im Monat im Gegenzug für ein herzliches Dankeschön. Auch die Newsletter-Millionärin Richardson verschickt ihre Texte kostenlos; wer zahlt, bekommt dafür lediglich die Lizenz, ihre Beiträge im Forum zu kommentieren.

Immerhin scheint die Gefahr, dass auch Steady mit dem Versprechen, Journalisten „unabhängig von Algorithmen und Medienhäusern“ zu machen, zum Auffangbecken notorischer Andersdenkender wird, verhältnismäßig gering. Zwar legt man auch bei Steady Wert darauf, „möglichst wenig“ in die Freiheit der Autoren einzugreifen, und weiß, dass dazu auch die Toleranz für Inhalte gehört, mit welchen man selbst nicht übereinstimmt. Und doch versucht die deutsche Plattform die Grenzen erheblich enger zu definieren als das amerikanisches Pendant, ohne in den Verdacht zu geraten, inhaltliche Leitlinien zu ziehen. Nachdem Steady im vergangenen April nach mehreren Beschwerden die Zusammenarbeit mit dem Verschwörungsportal „KenFM“ gekündigt hatte, überarbeitete man im Oktober die eigenen Richtlinien und ergänzte sie unter anderem mit der Vorgabe, keine „Verschwörungsmythen“ zu verbreiten.

Ob das eine Entwicklung aufhält, wie sie bei Substack zu beobachten ist, wird sich zeigen. Aber womöglich brauchen die Kämpfer für die Meinungsfreiheit in Deutschland gar keine neue Plattform. Bisher haben sie noch immer eine Zeitung gefunden, die ihre Texte druckt.

Das Frühlingserwachen der deutschen Medienaktien

Die Letzten werden die Ersten sein: So lautet das Börsen-Fazit des ersten Vierteljahres aus Sicht der wertvollsten deutschen Medienkonzerne. Während ProSiebenSat.1 und die RTL Group ihren Aktionären zweistellige Gewinne bescherten, bricht eine Burda-Beteiligung an den Kapitalmärkten unerwartet schwer ein.

New Work SE: – 20 %

Es ist ein Anblick, der Fragen aufwirft: Der jahrelange Börsendarling New Work, der bis 2019 noch als XING firmierte, hat sich im ersten Quartal unter den deutschen Medienaktien zum Kursgift verwandelt. Gingen die Hamburger noch bei Kursen von 280 Euro ins neue Jahr, sind Anteilsscheine von New Work nach den ersten 13 Wochen des Börsenjahres 2021 plötzlich nur noch 223 Euro wert – ein happiger Abschlag von 20 Prozent.
Corona hat fraglos auch beim Business-Netzwerk seine Spuren hinterlassen. Vor dem Ausbruch der Pandemie standen alle Zeichen auf Wachstum. Dann kam der Lockdown, der nicht nur das gesellschaftliche Leben lahmlegte, sondern auch den Arbeitsmarkt veränderte. Die Xing-Mutter New Work, die mit 50 Prozent dem Burda Verlag gehört, spürte die Folgen des Konjunktureinbruchs in Euro und Cent.
Legten die Umsätze im vorvergangenen Geschäftsjahr noch um 16 Prozent zu, betrug das Erlöswachstum 2020 nur noch ganze 2 Prozent, während der Nettogewinn gar um happige 40 Prozent wegbrach. Nicht nur Corona hat die neue CEO Petra von Strombeck unter Druck gesetzt – auch Branchenprimus LinkedIn ist Xing mit inzwischen 16 Millionen Mitgliedern im DACH-Raum immer dichter auf den Fersen. Entsprechend verhalten reagierte die Börse zuletzt.

Ströer – 14 %

Rückläufig entwickelten sich im Corona-Jahr unterdessen die Geschäfte des Außenwerbevermarkters Ströer. Die Umsätze gaben 2020 um 9 Prozent auf 1,44 Milliarden Euro nach. Das Konzernergebnis brach unterdessen gar um mehr als die Hälfte auf nur noch 49 Millionen Euro ein.
„Die Entwicklungen in den herausfordernden Pandemiezeiten im abgelaufenen Geschäftsjahr zeigen deutlich die Stärke unserer strategischen Aufstellung.“, versuchte Udo Müller, Gründer und Co-CEO von Ströer, bei Bilanzvorlage im Februar Zuversicht zu verströmen. „Unsere Marktkenntnis, unser striktes und konsequent umgesetztes Kostenmanagement sowie unsere engagierten Mitarbeiter tragen dazu bei, dass wir mit Zuversicht durch die Pandemie steuern“, äußert sich Christian Schmalzl, Co-CEO des Kölner Unternehmens, unisono.
Gleichzeitig räumte Schmalzl aber auch ein: „Der Start ins aktuelle Geschäftsjahr bleibt (zwar) weiterhin herausfordernd für unser Kerngeschäft.“ Die Botschaft wurde an den Märkten nicht überhört: Seit Jahresbeginn befinden sich die Anteilsscheine des MDax-Mitglieds im Abwärtstrend, der Ende des ersten Quartals mit einem Minus von 14 Prozent zu Buche schlägt. Großbanken wie Goldman Sachs und Barclays stufen die Aktie lediglich als Halteposition ein.

RTL Group: + 26 Prozent

Eine der überraschendsten Turnaroundstories an den deutschen Aktienmärkte gelang in den vergangenen drei Monaten der RTL Group. Dabei war der Altstar des deutschen Privatfernsehens von Corona nicht weniger betroffen als die gesamte Medienlandschaft.
Die Folgen in Euro und Cent waren schließlich erst bei der Mitte März vorgelegten Jahresbilanz zu besichtigen. So ging der Umsatz um knapp ein Zehntel auf sechs Milliarden Euro zurück. Der Nettogewinn sank gar um 28 Prozent auf 625 Millionen Euro. Die rückläufige Konzernbilanz der RTL Group hatte maßgeblichen Anteil an den schrumpfenden Erlösen der Konzernmutter Bertelsmann 2020.
Aber: Aufgrund der deutlichen Erholung im Werbegeschäft in den vergangenen zwei Quartalen blickt CEO Thomas Rabe optimistisch auf das laufende Geschäftsjahr. So sollen die Erlöse 2021 um rund acht Prozent auf 6,2 Milliarden Euro steigen und das bereinigte Ebita (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Firmenwertabschreibungen) gar um rund 14 Prozent auf 975 Millionen Euro zulegen. Die Rückkehr des Wachstums hat Anleger beflügelt und den Kurs der RTL-Aktie im ersten Quartal um 26 Prozent nach oben befördert.

ProSiebenSat.1: + 27 Prozent

Noch ein Prozent höher fiel das Plus des Quartalsgewinners unter den deutschen Medienaktien aus: Anteilscheine von ProSiebenSat.1 legten in den ersten 13 Wochen 2021 gar um 27 Prozent zu. Der Grund dafür war weniger in der Geschäftsentwicklung des Vorjahres zu suchen, der Anfang März in der Gesamtheit verkündet wurde.
So musste der neue Vorstandsvorsitzende Rainer Beaujean, der im vergangenen Jahr auf Max Conze gefolgt war, für 2020 einen Umsatzrückgang von zwei Prozent auf vier Milliarden Euro verkünden. Der Konzerngewinn sank unterdessen um 39 Prozent auf 252 Millionen Euro.
Allein: Das Momentum zeigt wieder deutlich nach oben. Im Schlussquartal des vergangenen Jahres konnten die Münchner immerhin wieder zweistelliges Wachstum bei Umsatz und Gewinn (Ebitda) ausweisen. 2021 strebt das MDax-Mitglied Erlöse zwischen 4,15 und 4,35 Milliarden Euro und ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen zwischen 720 und 780 Millionen Euro an.
Unter Analysten ist das weitere Potenzial der P7S1-Aktie, die sich seit den Tiefs in der Corona-Krise vor einem Jahr in der Spitze mehr als verdreifacht hat, unterdessen umstritten. Goldman Sachs, die Deutsche Bank und Warburg Research empfehlen mit Kurszielen von bis zu 22 Euro weiter den Kauf der Aktie, während die Credit Suisse und Independent Research eine Zielmarke zwischen 9,80 und 15 Euro ausgeben. Das Papier notiert aktuell bei 18 Euro.

BBC unter Beschuss: Patrioten auf dem Vormarsch

Die britische Boulevardpresse ist berüchtigt für ihre reißerischen Schlagzeilen und populistischen Untertöne. Anders das Fernsehen: Doch die um Ausgewogenheit bemühte BBC kommt immer mehr unter Beschuss. Neue Konkurrenten wollen den TV-Markt aufmischen.

Im Fernsehen sieht es hingegen anders aus. Hier dominiert die ehrwürdige BBC, die große Stücke auf ihre Unparteilichkeit und Integrität hält. Auf patriotische Jubel-Arien oder Seitenhiebe gegen die EU wartet man beim Nachrichtenkanal BBC News vergebens. Auch private Sender wie ITV oder Sky News legen großen Wert auf Unbefangenheit.

Doch besonders in der konservativen Regierungspartei wird der BBC immer wieder mangelnder Patriotismus vorgeworfen. Ein Moderatorenteam des Frühstücksfernsehens handelte sich kürzlich eine Verwarnung ein, weil sie sich über die überdimensionierte Union-Jack-Flagge im Büro eines interviewten Ministers lustig machte. Als BBC-Generaldirektor Tim Davie den Jahresbericht der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt vorlegte, warf ihm ein konservativer Abgeordneter vor, nicht genügend Nationalflaggen darin abgebildet zu haben.

Auch Premierminister Boris Johnson beschwert sich immer wieder über die angeblich zu EU-freundliche BBC und spekuliert hier und da über eine Abschaffung der Beitragsfinanzierung zugunsten eines Abo-Modells im Netflix-Stil. Im Regierungssitz Downing Street dürfte man wohl zuweilen neidisch in die USA geblickt haben, wo Ex-Präsident Donald Trump mit dem Sender Fox News einen Medienpartner hatte, der ihm eine weitgehend unkritische Plattform für seine „alternativen Fakten“ bot.

Ein bisschen amerikanischer soll es nun werden in der Downing Street, denn die Regierung hat einen Presseraum für rund drei Millionen Euro einrichten lassen, in dem bald tägliche Pressekonferenzen im Stil des Weißen Hauses stattfinden sollen. Premierminister Boris Johnson äußerte sich dort am Montag (29.3.) erstmals zum Stand in der Corona-Pandemie.

UK-Fernsehen wird patriotischer

Und auch im Fernsehen sind wohl bald mehr patriotische Töne zu erwarten. Der neue 24-Stunden-Nachrichtensender GB News, der im zweiten Quartal dieses Jahres auf Sendung gehen soll, will der BBC Konkurrenz machen. Dahinter stehen Investoren aus den USA wie der Medienkonzern Discovery. Gesicht und Koordinator des neuen Senders ist Andrew Neil. Der umtriebige Schotte gilt als Veteran im britischen Mediengeschäft. Der 71-Jährige wurde einst als „Chief Attack Dog“ (oberster Kampfhund) der BBC bezeichnet. Er hatte Johnson vor dessen Wahl zum Tory-Parteichef in einem TV-Interview so in die Mangel genommen, dass der es nicht auf ein zweites Mal ankommen ließ.

Doch inzwischen schnappt Neil immer weniger nach der Regierung und immer öfter nach der BBC, die er im vergangenen Jahr nach einem Vierteljahrhundert verlassen hatte. Ihm missfällt die nach seiner Ansicht zu sehr urbane und liberale Einstellung vieler Mitarbeiter dort, und er ist damit ganz auf der Linie des Premierministers.

„Wir versuchen denjenigen eine Stimme verleihen, die das Gefühl haben, nicht gehört zu werden“, erklärte Neil kürzlich im BBC-Podcast „The Media Show“. Welche Zielgruppe er da genau ansprechen möchte, wird schon an den Titeln der geplanten Formate wie „Wokewatch“ oder „Mediawatch“ deutlich. Mit dem Begriff „woke“ wird eine Einstellung bezeichnet, die sensibel ist für gesellschaftliche Ungerechtigkeiten gegenüber Minderheiten und diese anprangert. „Wokewatch“ wäre also ein Format, das tatsächliche oder vermeintliche Auswüchse dieser Bewegung vorführt.

Keine britischen Fox News?

Befürchtungen, Neil wolle eine britische Version von Fox News schaffen, wiegelt er ab. Man werde sich an die Standards der Medienaufsicht Ofcom halten, versichert er. Doch das beruhigt nicht jeden. Auch der vom russischen Staat finanzierte Auslandssender RT habe eine Ofcom-Lizenz, betont Journalistik-Professor Rasmus Kleis Nielsen vom Reuters Institute im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Der früher als Russia Today bekannte Sender steht in dem Ruf, Staatspropaganda für den Kreml zu betreiben. „Wenn RT senden kann, dann gehe ich davon aus, dass eine ganze Menge anderer Sender das auch können.“

Für Bedenken sorgen auch Spekulationen, Johnson könnte den ehemaligen Chefredakteur der Boulevardzeitung „Daily Mail“, Paul Dacre, an die Spitze der Aufsichtsbehörde setzen. Das wäre nach Ansicht vieler liberaler Stimmen ein Schritt, mit dem der Bock zum Gärtner gemacht würde.

Doch GB News ist nicht der einzige neue Sender, der von rechts auf den Markt drängt. Auch Rupert Murdochs News Corporation plant, ins Geschäft einzutreten. Doch bei dem geplanten Streaming-Dienst News UK, dessen Programm sich wohl auf wenige Stunden am Tag beschränken soll, ist noch nicht klar, ob der Schwerpunkt tatsächlich auf Politik oder eher auf Unterhaltung liegen wird.

Bedrohte Meinungsvielfalt

Medienprofessor Des Freedman von der Goldsmiths University of London sorgt sich, dass die neuen Sender einen negativen Effekt auf die Meinungsvielfalt im Land haben könnten. Die Ansichten, die Andrew Neil für zu wenig vertreten sieht, seien sehr breit in den Boulevardblättern zu finden, sagt Freedman.

„Nur drei Unternehmen dominieren im Printbereich 90 Prozent des überregionalen Zeitungsmarkts“, so der Medienwissenschaftler. Das seien DMGT („Daily Mail“, „Mail on Sunday“), das Murdoch-Unternehmen News UK („The Sun“, „The Times“, „Sunday Times“) und Reach („Daily Mirror“, „Daily Express“). Rechne man den Online-Bereich hinzu seien es immer noch 60 Prozent. Bis auf den „Daily Mirror“ sind alle diese Blätter auf der konservativen Seite des politischen Spektrums zu verorten.

Nielsen ist angesichts der großen Konkurrenz skeptisch, ob sich GB News und News UK bei der anvisierten Zielgruppe überhaupt werde durchsetzen können. Freedman glaubt, dass es zwar schwer werden wird für GB News, der BBC erhebliche Zuschauerzahlen abzujagen. Doch auch Fox News habe trotz einer vergleichsweise geringen Reichweite einen erheblichen Einfluss auf die Nachrichtenagenda erreicht, so der Wissenschaftler. Ob das geschehe, sei abzuwarten. Eins hält er jedoch jetzt schon für klar: Zu einer eigentlich dringend notwendigen größeren Vielfalt in der britischen Medienlandschaft werden die beiden neuen Sender nicht führen.

Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof: Was dürfen Amtsblätter?

Die „Südwest Presse“ klagt gegen das Crailsheimer „Stadtblatt“, denn dort soll zuviel drin stehen. Das bedrohe die lokalen Medien.

Kommunen dürfen ihre Amtsblätter vermutlich nicht zu redaktionell gestalteten Wochenzeitungen ausbauen. Diese Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) zeichnet sich nach der mündlichen Verhandlung am Donnerstag ab. Die Stadt Crailsheim (Baden-Württemberg) wird wohl den Rechtsstreit gegen die regionale Tageszeitung Südwest Presse verlieren.

Crailsheim gibt ein kommunales Amtsblatt namens Stadtblatt heraus, früher im Abo, seit 2016 wird es kostenlos an 17.000 Haushalte im Stadtgebiet verteilt. Der Konflikt entstand, weil das Stadtblatt seine Berichterstattung immer weiter ausbaute. Dagegen klagte der Verlag der Südwest Presse (SWP), der zudem ein kostenloses Anzeigenblatt herausgibt. Die Stadt betreibe unlauteren Wettbewerb, weil sie verfassungsrechtliche Vorgaben missachte.

In der Verhandlung beim BGH berief sich die Südwest Presse auf das „Gebot der Staatsferne der Medien“, gegen das Craislheim verstoße. Das Stadtblatt dürfe zwar über die Arbeit von Stadtverwaltung und Gemeinderat informieren, aber nicht über die örtliche Kultur, Wirtschaft und den Sport. Dies sei Aufgabe der freien Medien. Wenn eine Kommune hier mit eigenen Presseorganen aktiv werde, sei die institutionelle Garantie der freien Presse verletzt, so der SWP-Anwalt Axel Rinkler.

Die Stadt Crailsheim berief sich dagegen auf die ebenfalls im Grundgesetz garantierte „kommunale Selbstverwaltung“. Die Kommunen seien für alle örtlichen Angelegenheiten zuständig. Wenn die Zeitung nur über 40 Prozent der örtlichen Vereinsaktivitäten berichte, entstehe ein „Informationsdefizit“, das die Kommune beseitigen könne, so Anwalt Jörg Semmler. Die Institution der Presse sei dadurch sicher nicht gefährdet, schließlich sei das Stadtblatt zur Neutralität verpflichtet, auf örtliche Themen beschränkt und erscheine nur einmal in der Woche.

Bürgermeister: „Es geht um die Zukunft der Demokratie“

Der parteilose Crailsheimer Bürgermeister Christoph Grimmer hielt in Karlsruhe ein pathetisches Plädoyer: „Es geht hier nicht nur um die Zukunft der kommunalen Amtsblätter, es geht hier um die Zukunft der Demokratie in Deutschland.“ Viele Gemeinden hätten gar keine Tageszeitung mehr. Da müsse eine Kommune mit eigenen Medien in die Bresche springen können.

SWP-Anwalt Rinkler konnte die Notlage jedoch nicht erkennen. Vereine und Unternehmen könnten über ihre Aktivitäten ja auch auf eigenen Webseiten oder über soziale Netzwerke wie Facebook informieren. Wenn bei jedem vermeintlichen Informationsdefizit gleich die Kommune aktiv werde, gebe es auch keinen Anlass und keine Chance, neue Medienorgane zu gründen, so Rinkler.

Der Bundesgerichtshof gab zu erkennen, dass er wohl eher der Südwest Presse folgen wird – wie schon die Vorinstanzen Landgericht Ellwangen und Oberlandesgericht Stuttgart. Der Vorsitzende BGH-Richter Thomas Koch betonte, dass Kommunen Teil des Staates seien und deshalb keine Grundrechte hätten. Es gehe deshalb nicht um einen Interessenausgleich zwischen Kommunen und Presse. Vielmehr ende die Kompetenz der Kommunen dort, wo die Institution der Presse gefährdet werde. Ein Amtsblatt dürfe deshalb im wesentlichen nur über das Handeln der Stadtverwaltung und des Gemeinderats berichten, nicht über das gesamte Gemeindeleben.

Das Urteil wird am 20. Dezember verkündet. Aufgrund einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts Ellwangen hält sich das Crailsheimer Stadtblatt schon seit Anfang 2016 in seiner Berichterstattung sehr zurück.

Von künftig noch größerer praktischer Relevanz ist ein ähnlicher Prozess, bei dem es um die Internet-Aktivitäten einer Kommune geht. Die Stadt Dortmund betreibt die Webseite dortmund.de, die ebenfalls deutlich mehr als nur Angelegenheiten der Stadtverwaltung beschreibt. Dagegen klagte der Lensing-Verlag, der die in Dortmund erscheinenden Ruhr-Nachrichten produziert. Dieser Fall steht prozessual aber noch am Anfang.

Die Festung Apple ist nicht mehr sicher genug

In letzter Zeit scheint Apple seinen Satus als uneinnehmbare Festung zu verlieren, den der Tech-Riese nicht zuletzt für sich selbst in Anspruch nimmt. Erst vor ein paar Tagen hat das Unternehmen einen Patch für iPhone, iPad und MacBook veröffentlicht, der einen Fehler behebt, welcher wiederum die Ausführung von Code über entsprechend präparierte Websites ermöglichte. Das bedeutet, dass die Browser des Unternehmens anfällig für Exploits sind, die von bösartigen Website-Inhalten – einschließlich Bildern und Anzeigen – gestartet werden.

Apple hat sich bislang nicht dazu geäußert, ob diese spezielle Sicherheitslücke von Cyberkriminellen entdeckt wurde. Allerdings veröffentlichte das Unternehmen Patches für drei separate Sicherheitslücken, die im Januar 2021 ausgenutzt wurden. Und erst vor ein paar Wochen sorgte Silver Sparrow für Furore.

Silver Sparrow ist eine neue Mac-Malware, die von unseren Anti-Malware-Engines auf fast 40.000 Endgeräten gefunden wurde. Silver Sparrow wurde zunächst als relativ gefährliche Bedrohung eingestuft. Sicherheitsforscher glauben inzwischen, dass es sich dabei um eine Form von Adware handelt. Silver Sparrow gehört zu einer interessanten Malware-Familie, weil er „ausgereifte“ Techniken beherrscht, darunter z. B. die Fähigkeit, sich selbst zu entfernen. Eine der fortschrittlicheren Funktionen ist, nativ auf dem M1-Chip zu laufen, den Apple im November einführte und der im Mittelpunkt des offensichtlichen Sicherheits-Paradigmenwechsels steht, der hinter den Mauern des Unternehmens stattfindet.

Von welchem Paradigmenwechsel ich spreche? Macs mit dem M1-Chip bieten jetzt das Maß an Sicherheit, das Verbraucher von ihren iOS-Geräten erwarten, d. h. Funktionen wie Kernel Integrity Protection, Fast Permission Restrictions – die helfen, webbasierte oder Laufzeitangriffe zu entschärfen – und Pointer Authentication Codes. Außerdem verfügt der Chip über verschiedene Datenschutzfunktionen und eine integrierte Secure Enclave. Einfach ausgedrückt: Apple hat die Sicherheit direkt in die Hardware seiner Macs eingebaut.

Aber die Anpassungen des Security-Ansatzes sind längst nicht auf den M1-Chip oder macOS beschränkt. Am 18. Februar veröffentlichte das Unternehmen seinen Platform Security Guide, der die Änderungen u.a. in iOS 14, iPadOS 14, macOS Big Sur, tvOS 14 beschreibt – und davon gibt es viele. Von einer optionalen Passwort-Manager-Funktion in Safari, die nach gespeicherten Passwörtern Ausschau hält, die für Cyberattacken verwendet wurden, bis hin zu mehr Sicherheit für Autoschlüssel auf Apple Watches und dem iPhone: Das Sanierungsprogramm scheint umfassend zu sein.

Im Vorwort des Guides wirbt der Hersteller: „Apple verschiebt weiterhin die Grenzen dessen, was in Sachen Sicherheit und Datenschutz möglich ist. Apple-Silizium bildet die Grundlage für […] Systemintegritätsfunktionen, die noch nie zuvor auf einem Mac zu finden waren. Diese Integritätsfunktionen helfen, gängige Angriffstechniken abzuwehren, die auf den Speicher abzielen, Anweisungen manipulieren und JavaScript im Web verwenden. Sie sorgen dafür, dass selbst wenn der Code eines Angreifers irgendwie ausgeführt wird, der Schaden, den er anrichten kann, drastisch reduziert wird.“

Betrachtet man die gesamten Sicherheitsverbesserungen, die in den letzten Monaten an Macs vorgenommen wurden – M1-Chip, Systemerweiterungen, ein neues Endpunkt-Sicherheits-Framework –, scheint Apple große Fortschritte zu machen. In der Tat sollte das Unternehmen für die Entwicklung vieler nützlicher Technologien gelobt werden, die Mac-Benutzer absichern. Allerdings sind nicht alle Änderungen zum Besseren.

Für Außenstehende sind die Sicherheitskomponenten M1-basierter Macs schwieriger zu analysieren und zu verifizieren. Sicherheitsforscher und die von ihnen entwickelten/verwendeten Tools werden möglicherweise durch die relative Undurchsichtigkeit der Umgebung ausgebremst. Im Wesentlichen hat Apple die Mac-Verteidigung hinter die Festungsmauern verlagert, was bedeutet, dass es für Benutzer, Unternehmen oder Analysten unglaublich schwierig ist, zu erkennen, ob ihre Geräte kompromittiert wurden.

In einem Artikel in der MIT Technology Review urteilt Patrick Howell O’Neill, dass Apples Sicherheit fast alle gewöhnlichen Bösewichte abhalte, aber wenn die fortschrittlicheren Hacker einbrechen, „schützen Apples außergewöhnliche Verteidigungsmaßnahmen am Ende die Angreifer selbst“. Cyberkriminelle, die über die nötigen Ressourcen verfügen, um einen Zero-Day-Exploit zu entwickeln oder dafür zu bezahlen, könnten die Apple-Sicherheitsmauer überwinden und sich aufgrund der abgeschotteten, geheimen Natur unbemerkt im System bewegen.

Mac-Systemerweiterungen und das in macOS Catalina eingeführte Endpunkt-Sicherheits-Framework sind ähnlich problematisch. Softwareentwickler von Drittanbietern müssen Systemerweiterungen bei Apple beantragen – und das Unternehmen verteilt diese beileibe nicht einfach wie Masken und Desinfektionsmittel. Sobald ein Entwickler die Genehmigung für eine Systemerweiterung von Apple erhält, ist seine Software durch das macOS-Framework geschützt. Ab diesem Punkt ist es ist fast unmöglich, die Erweiterung zu entfernen, es sei denn, man ist der Eigentümer der Software.

Das ist großartig für legitime Softwareprogramme Dritter, insbesondere zum Schutz vor Bedrohungen von außen, die versuchen, die Sicherheitssoftware während eines Angriffs zu deaktivieren. Aber nicht jede Firma, die sich für Systemerweiterungen bewirbt, ist legitim. Wir haben bereits einige Beispiele von Entwicklern gesehen, die eine lange Historie von potenziell unerwünschten Programmen (PUPs) aufweisen und sich dennoch für Erweiterungen von Apple qualifizierten. Aus diesem Grund lassen sich einige PUPs nicht mehr von Malwarebytes (oder der Software anderer Sicherheitsanbieter) entfernen. Zwar existieren Möglichkeiten, wie Benutzer diese Programme manuell entfernen können, diese sind allerdings keineswegs einfach oder intuitiv.

Vielleicht reagiert mancher mit „Das sind ja nur PUPs“. Aber PUPs und Adware sind ein bedeutendes Problem auf Mac-Computern. Während viele sie gerne bagatellisieren, öffnen PUPs tatsächlich die Tür für weitere Schwachstellen und vereinfachen einen Angriff mit bösartiger Software. Adware könnte zum Beispiel bösartige Werbung (Malvertising) hosten, die oft Exploits oder Weiterleitungen zu bösartigen Websites einschleust. Wäre die jüngst von Apple gepatchte Sicherheitslücke nicht bereits ausgenutzt worden, wäre sie eine perfekte Gelegenheit für Cyberkriminelle, die Schutzmauer zu durchdringen.

Ein Journalist im Dienst der Nazis – Carl Flick-Steger und die dunkle Vergangenheit der Nachrichtenagentur AP

Carl Flick-Steger war Journalist, Antisemit und Propagandist in Diensten von Joseph Goebbels. Dass er bei der renommierten Associated Press (AP) nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere machen konnte, ist kein Zufall.

Das Selbstbewusstsein der Associated Press (AP), der grössten Nachrichtenagentur der Welt, ist seit je enorm. So manches Lob erhielt der Medienkonzern, der anders als die meisten Konkurrenten als Kooperative organisiert ist. Mark Twain schwärmte bereits 1906: «Es gibt nur zwei Kräfte, die das Licht in alle Winkel der Welt tragen können: die Sonne am Himmel und die Associated Press hier auf Erden.»

Noch immer steht für die AP fest, das Beste des amerikanischen und damit des globalen Journalismus zu repräsentieren: die Presse als «vierte Gewalt», als «journalistische Internationale», als von staatlichen Akteuren und politischen Machthabern unabhängige Kraft. Nicht zuletzt die vielen Konflikte mit der Trump-Administration schienen den eigenen Anspruch zu bekräftigen.

Geschönte Geschichte

Daran hat auch Anfang 2017 die Entdeckung der geheimen Zusammenarbeit der AP mit dem nationalsozialistischen Deutschland während des gesamten Zweiten Weltkrieges nicht viel geändert. Bis im Frühjahr 1945 tauschte man über Lissabon und Stockholm rund 40 000 Pressefotos aus. Für diese Geschäfte mit dem Kriegsgegner hatte man sich 1942 eine ebenfalls geheime Zustimmung des Weissen Hauses verschafft.
Was nicht schwer war, denn nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 war der AP-Manager Byron Price von Präsident Roosevelt zum Direktor des Office of Censorship ernannt worden. Mit dem Verweis auf das Einverständnis des Weissen Hauses zum Nazi-Deal ist die AP bisher einer ethischen und politischen Debatte über die eigene Nähe zu verschiedenen Machthabern im 20. Jahrhundert geschickt ausgewichen.

Geschichtspolitik in Bezug auf das eigene Unternehmen lässt die AP ohnehin lieber von den eigenen Leuten betreiben, als unabhängigen Historikern Zugang zu allen Akten des Unternehmensarchivs zu gewähren. Im November 2020 erschien wieder ein hausgemachtes Geschichtsbuch zum Zweiten Weltkrieg (Alan Axelrod: Victory. World War II in Real Time), in der die Rolle der AP entgegen allen historischen Erkenntnissen der letzten Jahre verherrlicht wird.

Trotzdem werden die Leichen im Keller der AP langsam sichtbar. Eine davon ist Carl Flick-Steger (alias: Charles L. Flick), der langjährige Bonn-Korrespondent der AP nach 1945. Sein Fall zeigt, dass die Nachrichtenagentur nicht nur der loyalste Medienpartner des «Dritten Reiches» war. Mit Flick-Steger beschäftigte die AP auch nach 1945 einen Nationalsozialisten, Antisemiten und amerikanischen Hoch- und Landesverräter, der einer Bestrafung nur durch glückliche Fügung und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen entging.

Plötzlich trägt er eine deutsche Offiziersuniform

Flick-Stegers Karriere ist durchaus filmreif. 1899 geboren, wächst er als Sohn deutscher Einwanderer in den USA auf. Deutsch sollte er zeitlebens nur mit amerikanischem Akzent sprechen. Ab den frühen 1930er Jahren arbeitete er als Korrespondent für die amerikanische Hearst-Presse in Berlin, Mitte des Jahrzehnts ging Flick-Steger als Leiter des Auslandressorts zum «Philadelphia Inquirer». In Berlin übernahm William Shirer seinen Job.

Shirer ist als Autor des Bestsellers «Aufstieg und Fall des Dritten Reiches» bis heute ein Begriff. Im Juni 1940 geriet er in einer bizarren Szene mit Flick-Steger aneinander. Denn bei einem Rencontre in Berlin trug Flick-Steger eine deutsche Offiziersuniform. Er war 1937/38 aus den USA «heim ins Reich» gegangen und dort, nun mit deutscher Staatsbürgerschaft, Propagandist für Joseph Goebbels geworden.

Vermutlich war Flick-Steger bereits 1931 der NSDAP beigetreten, in jedem Fall war er ab den späten 1930er Jahren als «Schriftleiter» Mitglied der Reichskulturkammer. Ab 1939 gehörte er zu den von den Nationalsozialisten begehrten englischsprachigen Rundfunksprechern, die aus Berlin für das Deutsche Reich sendeten. Von 1941 bis 1945 übernahm Flick-Steger sogar die Leitung des Radiosenders XGRS in Schanghai, der ganz Ostasien mit NS-Propaganda versorgte.

Ohne eine einwandfrei nationalsozialistische Gesinnung hätte er diese wichtige Funktion niemals erhalten. Den Beweis dafür legte Flick-Steger 1939 mit der wüsten antiamerikanischen und antisemitischen Hetzschrift «So ist Amerika!» ab. Sein Heimatland verunglimpft er darin als «Mittelpunkt des Weltjudentums» und «Sprungbrett» zur jüdischen «Weltherrschaft».

Zweiter Frühling eines Verräters

Noch auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges zeigte sich Flick-Steger als überzeugter Nationalsozialist. In der NS-Edelzeitschrift «XXth Century» überzog er seine früheren Kollegen aus der amerikanischen Presse mit Hohn und Spott, vielfach antisemitisch durchtränkt. Marcel Fodor etwa, Korrespondent der «New York Post», bezeichnete er als «schlauen, analytisch scharfsinnigen ungarischen Juden».

Über William Shirer, seinen Nachfolger bei der Hearst-Presse in Berlin, machte er sich lustig, da dieser bei einem Skiunfall ein Auge verloren hatte: «Seine dicken Brillengläser und sein düsteres Umherstarren verliehen ihm immer ein finsteres Auftreten.» Dieser Schmähartikel blieb seinen früheren und späteren Kollegen offenbar verborgen. Sonst wäre Flick-Steger niemals AP-Korrespondent in der Bonner Republik geworden.

Im Visier hatte ihn nur William Shirer, der sich mehrfach darüber wunderte, dass der «Verräter» Flick-Steger nie vor Gericht gestellt wurde. Ein Grund dürfte Flick-Stegers doppelte Staatsangehörigkeit gewesen sein. Ausserdem sagte er nach der Kriegsniederlage gegen seine ehemaligen britischen Mitarbeiter beim NS-Propagandasender in Schanghai aus, wodurch ihm eine privilegierte Rückkehr nach Bad Orb in Deutschland gewährt wurde.

Hier liess sich Flick-Steger mit seiner Familie in einer schönen Villa nieder, die seine aus den USA zurückgekehrten Eltern als Pension betrieben. Auf kritische Fragen zu seiner Tätigkeit in der NS-Zeit antwortete Flick-Steger ungeniert, er sei Komponist gewesen und wegen seiner unliebsamen Opern verfolgt worden. Daran stimmte nur, dass sie selbst seinem Protektor Goebbels als zu schlecht für öffentliche Darbietungen erschienen. Dem Musikwissenschafter Fred K. Prieberg, der das Standardwerk «Musik im NS-Staat» verfasste, schrieb er 1964 dreist, er habe sich vor SS-Intrigen gerade noch nach China absetzen können, als wäre er ins politische Exil gegangen: «Dort blieb ich bis zum Ende des Krieges.»

Ein weiterer Grund dafür, dass Flick-Steger nach 1945 unbehelligt blieb, dürfte Karl Henry von Wiegand gewesen sein, der mächtige Chefkorrespondent der amerikanischen Hearst-Presse. Er fungierte als Mentor Flick-Stegers, wie ihr Briefwechsel von 1931 bis 1961 belegt, und ironischerweise spielte Wiegand dieselbe Rolle für seinen ehemaligen Mitarbeiter William Shirer.

«Das jüdische Problem» beschäftigt ihn weiter

Ins Getriebe der frühen Bonner Republik fügte sich Flick-Steger geschmeidig ein. Er verkehrte regelmässig mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und internationalen Politikern, die in Bonn Station machten. Antisemit blieb Flick-Steger weiterhin. Am 19. Januar 1960 schrieb er in einem Brief an Wiegand über den angeblichen Missbrauch von Antisemitismusvorwürfen gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Darin warnt er seinen Freund «Karl» davor, «das jüdische Problem» zu unterschätzen. Denn in New York gebe es einen «unstillbaren Appetit» nach «antisemitischen Stories». Bonn habe doch geglaubt, dass endlich Gras über die «Einschlaglöcher des Krieges» gewachsen sei, aber «plötzlich haben die Polen wieder ein neues Massengrab mit ermordeten Juden entdeckt, und so geht es immer weiter. Derzeit vergeht kein Monat, ohne dass ein früherer Nazi verhaftet und wegen Massenmord vor Gericht gezerrt wird. Es ist wirklich deprimierend.»

Über die AP durfte Carl Flick-Steger sein journalistisches Licht viele Jahre in alle Winkel der Erde tragen. Und er war keineswegs die einzige NS-Altlast bei der amerikanischen Nachrichtenagentur. Das deutsche AP-Büro wurde im Zweiten Weltkrieg – getarnt als «Büro Laux» – weiterbetrieben. Ein Grossteil der deutschen AP-Mitarbeiter war 1942 der Waffen-SS beigetreten. Sie sorgten nach 1945 dafür, dass das westdeutsche AP-Büro zu einem der weltweit lukrativsten Tochterunternehmen der AP wurde.
In dieses Team passte Flick-Steger bestens. Eine «Stunde null» gab es für die AP nie, weder beim Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 noch beim Ende des «Dritten Reiches» 1945. Es ist eine der irritierendsten Kontinuitäten in der Journalismusgeschichte des 20. Jahrhunderts. Daher wird es Zeit, dass die grösste Nachrichtenagentur der Welt ihre Vergangenheit lückenlos und unabhängig aufarbeiten lässt, anstatt weiterhin mit Hagiografien Geld zu verdienen.

Verbotener Handel: Die Schwarzmärkte der Onlinegames

Ob »Fifa 21«, »Fortnite« oder »Animal Crossing: New Horizons«: Zu vielen Videospielen existieren Schwarzmärkte für Spielwährungen, Accounts und Inhalte. Viele Hersteller scheinen nur zuzuschauen.

Es ist praktisch unmöglich, den Schwarzmarkt zu verfehlen. Simple Google-Suchen führen dorthin. Die Händler, die rund um das Fußballspiel »Fifa 21« Geld machen wollen, tummeln sich auf Ebay, sie betreiben Telegram-Kanäle oder Onlineshops. Dort kann man virtuelle Münzen und sogenannte Spielerkarten für den beliebtesten Onlinemodus »Fifa Ultimate Team« (»FUT«) kaufen.

Eine Million »FUT«-Münzen, mit denen man im Spiel leichter auf die Jagd nach interessanten Profis fürs eigene Fantasieteam gehen kann, kosten rund 100 Dollar. Und wer hofft, unter der Hand direkt besonders starke Digitalversionen von früheren Weltstars wie Zinédine Zidane oder Pelé zu bekommen, von dem werden teils mehr als 1000 Dollar verlangt.

Erlaubt sind solche Käufe nicht. Wer Münzen oder »FUT«-Stars auf dem Onlineschwarzmarkt erwirbt, macht sich des Vertragsbruchs mit den »Fifa«-Entwicklern von Electronic Arts (EA) schuldig. Und auch die Händler wissen, dass ihre Angebote Regelverstöße sind.

Wirklich aktiv jedoch scheint niemand gegen den »FUT«-Schwarzmarkt vorzugehen – weder die Behörden noch EA selbst. Er existiert seit Jahren, und wer Geld und keine Skrupel hat, versucht, über ihn sein Onlineteam aufzupeppen und sich so einen Vorteil für Duelle gegen andere Spieler zu erschleichen. Denn ein starker Kader erhöht in »FUT« auch die Siegchancen (mehr dazu lesen Sie hier).

Gaming ist ein Riesengeschäft

»Fifa« ist in Deutschland Jahr für Jahr das meistverkaufte Videospiel, es ist ein Vorzeigetitel der weltweit boomenden Gamesbranche. 2020 machten Spielefirmen weltweit einen Umsatz von 148 Milliarden Euro. Die Filmbranche, mit der sie lange verglichen wurde, hat die Branche damit locker abgehängt. Doch das Geschäft Gaming ist noch größer: Es gibt nicht nur die Spielehersteller, sondern auch Hardwareanbieter von Nintendo über Sony bis Microsoft. Dazu gibt es Plattformen wie Twitch, Discord und YouTube, für die Gaming-Content immens wichtig ist. Und dann gibt es noch die Schwarzmärkte, deren Umsätze schwer abschätzbar sind.

Davon, dass Spielehersteller gezielt gegen Schwarzmärkte vorgehen, hört man nur vereinzelt. Solange das eigene Geschäftsmodell trotz ihnen funktioniert, solange die Mehrheit der Spielerinnen und Spieler ihr Geld noch direkt beim Hersteller lässt, scheinen die Firmen keinen akuten Handlungsbedarf zu sehen.

Anders ist das, wenn ein Unternehmen plötzlich selbst in dubiose Deals jenseits seiner offiziellen Angebote involviert ist. So war es Mitte März, als Vorwürfe im Raum standen, dass mindestens ein EA-Mitarbeiter begehrte »FUT«-Inhalte verkaufte – für laut Screenshots bis zu 1700 Euro. Ein Tabubruch, der viele Fans von »FUT« erzürnte, die auf legale Weise kaum eine Chance haben, an solche Inhalte zu kommen. In einem Statement bat EA um Entschuldigung und versprach Aufklärung – dieser Schwarzmarkt ließ sich nicht so gut totschweigen wie andere.

Inoffizielle Märkte zu Spielen sind kein neues Phänomen: Auch Panini-Sticker oder Pokémon-Karten werden seit vielen Jahren über allerlei Kanäle getauscht und gehandelt. Doch mit dem Aufstieg des Gamings zum Massenphänomen hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen: Manche Videospiele sind mehr als nur Medien. Sie sind ein Ort, an dem man Freizeit verbringt, Spaß hat und Freunde trifft. Sie sind ein bedeutsamer Teil des Alltags. Ein Ort, an dem es vielen wichtig ist, zum Beispiel seltene »FUT«-Spieler aufbieten zu können oder dass die eigene Spielfigur ein besonders Kostüm trägt.

»Schwarzmärkte entstehen vor allem rund um Multiplayer-Onlinespiele«, sagt Finja Walsdorff. Sie ist Medienwissenschaftlerin an der Universität Siegen und beschäftigt sich mit Gaming-Communitys. »Viele Menschen geben in Onlinespielen Geld aus, um ihren eigenen Status zu verbessern«, sagt sie. Walsdorff nennt die sogenannten OG-Skins für das Onlinespiel »Fortnite« als Beispiel.

Zeigen, dass man ein Pionier ist

Diese Outfits konnte nur bekommen, wer schon zur Anfangszeit des Spiels – also 2017 – dabei war. Sie verschaffen im Spiel keinen Vorteil. Aber wer sie trägt, beweist damit die eigene Pionierrolle – was ihm womöglich die Anerkennung anderer Gamerinnen und Gamer verschafft. »Dieser Respekt lässt sich auch mithilfe der Schwarzmärkte erkaufen«, sagt Finja Walsdorff. Auf Ebay werden Accounts mit den begehrten Skins mitunter für bis zu 2000 Euro gehandelt.

Wie leicht sich die Schwarzmarktproblematik in manchen Fällen entschärfen lässt, zeigt das Beispiel des OG-Skins »Recon Expert«: Eigentlich war das Outfit nach 2017 nicht mehr erhältlich. 2020 aber stellte es der »Fortnite«-Hersteller Epic Games in den In-Game-Shop – für zwölf Euro. Die Schwarzmarktnachfrage verflachte daraufhin, »Recon Expert« gilt heute nicht mehr als OG-Skin. Es kauft aber auch niemand mehr nur wegen des Outfits einen alten, vielleicht sogar gehackten Account auf dem Schwarzmarkt, was auch bei »Fortnite« nicht erlaubt ist.

Viele Spielehersteller weigern sich, ihre Mitverantwortung für die Schwarzmärkte einzuräumen, obwohl das Design ihrer Spielsysteme den Wunsch nach einem Handel mit Accounts oder einzelnen Spielinhalten verstärkt. In manchen Spielen kann man Hunderte Euro ausgeben: Durch Zufallsmechanismen bleibt einem genau der Inhalt, den man freischalten wollte, aber oft trotzdem verwehrt.

Die Frage, was digitale Inhalte aus Spielen wie »Fifa« überhaupt wert sind und wie stark Hersteller ihre Angebote künstlich verknappen, beschäftigt sowohl Spielerinnen und Spieler als auch Jugendschützer und Glücksspielaufseherinnen.

Über sogenannte Lootboxen, digitale Schatztruhen also, in denen sich vergleichsweise nutzloser Quatsch, aber auch ein auf Schwarzmärkten zu hohen Preisen verkaufbares Objekt stecken kann, wird seit Jahren gestritten. In Belgien beispielsweise stellte EA selbst 2019 den Verkauf einer zweiten »FUT«-Währung namens Fifa Points ein, nachdem sich die dortige Glücksspielbehörde mit dem Spielmodus beschäftigt hatte. 2020 bezeichnete die niederländische Glücksspielbehörde die Lootboxen aus »FUT« als illegal.
Spiele werden zu Plattformen

»Bei vielen Herstellern ist der Verdienst über In-Game-Verkäufe inzwischen höher als der Verkauf des Spiels selbst«, sagt Tim Glaser. Er ist Medienwissenschaftler an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und beschäftigt sich mit der Gaming-Ökonomie. Glaser verweist darauf, dass jeder Hersteller versuche, mit seinem Spiel eine eigene Plattform zu schaffen. Besonders gut erkennbar ist das bei »Fortnite«: Es gibt saisonale Charaktere aus anderen Unterhaltungsuniversen, von Marvel-Superhelden bis Lara Croft, und sogar Live-Events wie Konzerte. Es gibt viel zu erleben und damit auch viel zu verpassen, wie einst die OG-Skins.

Die Hersteller setzen gegen die Schwarzmärkte bestenfalls Nadelstiche, vielleicht auch aus Sorge vor Kollateralschäden. Meist fließt bei illegalen Deals das Geld im Hintergrund, der Handel selbst findet im Spiel statt. Harte Maßnahmen könnten auch viele Nutzerinnen und Nutzer treffen, die nichts falsch gemacht haben, deren Tausche oder Transaktionen aber zufällig ins Raster der Schwarzmarktjäger passen. Die Firmen drohen, Accounts zu sperren, die sich unrechtmäßig In-Game-Währung oder Spielelemente gesichert haben. Sie gehen gegen den Gebrauch von Bots vor. Und sie versuchen, unbestreitbar problematisches Verhalten wie Hacking zu unterbinden.

Finja Walsdorff sieht die Hersteller in einer schwierigen Position: »Es ist generell schwierig, Gaming-Schwarzmärkte zu unterbinden«, sagt sie und verweist auf Nintendos Spiel »Animal Crossing: New Horizons«. Digitale Objekte kaufen kann man darin gar nicht, trotzdem gibt es auch zu »Animal Crossing« einen florierenden Schwarzmarkt.

Im Zentrum des Spiels steht das Bebauen und Dekorieren einer virtuellen Welt. Dafür lassen sich Objekte verwenden, die man teils über Wochen oder Monate freispielen muss. Wem das zu lange dauert, der kann über den Schwarzmarkt eine Abkürzung nehmen. Über Ebay und andere Plattformen wird mit der Spielwährung, mit Charakteren und Sammelkarten gehandelt. Der Hersteller Nintendo hat sich mehrfach gegen diese Schwarzmärkte gestellt und versucht, entsprechende Händler zu sanktionieren. Aber die Verkäufer sind einfallsreich, es ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit vergleichsweise schwachen Drohmitteln wie Accountsperren.

Auch die wirtschaftlichen Anreize einzugreifen, sind wohl gering. Dass etwa EA den direkten Verkauf von »FUT«-Karten dem Schwarzmarkt überlasse, deute wohl darauf hin, dass das jetzige System für sie ökonomisch funktioniert, meint Tim Glaser. Er verweist darauf, dass der Schwarzmarkt und seine Preise genau wie Videos, in denen man YouTubern dabei zuschauen kann, wie sie in »FUT« Lootboxen öffnen, wohl auch zum Hype um besonders begehrte Inhalte beitragen.

EA selbst teilt mit, jedes Jahr Tausende Maßnahmen gegen Spielerkonten zu ergreifen, die in Schwarzmarktaktivitäten verwickelt sind. Auch von rechtlichen Maßnahmen ist die Rede, ohne dass Details genannt werden. Man befinde sich »in einem anhaltenden Kampf gegen den Einfluss durch Dritte, die versuchen, uns und unsere Spieler zu betrügen, indem sie illegal FUT-Münzen auf dem Schwarzmarkt verkaufen«, heißt es von einem EA-Sprecher. Man habe stark in die technologische Sicherheit und die Durchsetzung der eigenen Nutzungsvereinbarung investiert.

Bei Google reichen derweil weiter einfachste Sucheingaben, schon werden Spielerinnen und Spielern von »FUT« zahlreiche Angebote gemacht, die es eigentlich nicht geben sollte. Manch ein Händler wirbt sogar mit einer »100 Prozent Entschädigungsgarantie«, sollte bei einem der dubiosen Deals etwas schiefgehen.

Putin baut Russlands mächtigste Bank zum Tech-Giganten um

Der Kreml baut die größte Bank Osteuropas zu einem Tech-Konzern aus. „Sber“ wird Amazon, Uber, Netflix und Spotify zugleich. Neben dem halbstaatlichen Finanzkonzern tun sich Amerikas Internet-Giganten in Russland schwer.

Als die Sberbank 1841 gegründet wurde, war der große russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski gerade einmal 20 Jahre alt. Ob auch er schon sein Geld bei der „Sparkasse“ aufbewahrte, so er es nicht vorher verspielt hatte, ist nicht bekannt. Umso bekannter ist dafür seine Definition der Russen, die ihm zufolge alle gewissermaßen orthodoxe Christen sind – ob sie wollen oder nicht.

Inzwischen freilich fühlen sich nicht mehr alle als orthodoxe Christen. Stattdessen lässt sich heute, 180 Jahre später, sagen: Fast jeder der 146 Millionen Russen war einmal oder ist noch immer bei der Sberbank.

Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung nutzen die Dienste des mit Abstand größten Geldinstituts des Landes, ja Osteuropas. Ganze 99 Millionen Menschen zählt es als aktive Privatkunden, dazu 2,7 Millionen aktive Unternehmenskunden. Mit einem Netz von 14.200 Filialen überzieht die Bank das Land und ist darüber hinaus in 18 Ländern tätig. Und mehr als 285.000 Mitarbeiter sind bei ihr aktuell beschäftigt.

Bank als Online-Alleskönner

Damit nicht genug, nimmt die Bedeutung der Sberbank für Russland rasant zu. Gerade in den vergangenen paar Jahren hat sich dieser Prozess beschleunigt. Das liegt zum einen daran, dass die Zentralbank, die übrigens bis vor Kurzem in einer seltsamen Tradition die Mehrheit an der Sberbank hielt, von 2013 an den wild gewachsenen Bankenmarkt durchforstete und viele der anfänglich noch über 1000 Geldinstitute vom Markt nahm. Vor dem Hintergrund einer schleichenden Verstaatlichung aller Wirtschaftssektoren kam dies der halbstaatlichen Sberbank am meisten zugute.

Das liegt zum anderen auch daran, dass angesichts der langwierigen Wirtschaftskrise seit der Krim-Annexion und dem Ölpreisverfall 2014 so manches Geldinstitut tatsächlich schwer ins Wanken kam, was abermals am meisten der Sberbank in die Hände spielte.

Der Bedeutungsgewinn der Sberbank liegt drittens aber auch daran, dass sie sich nun im vergangenen Jahr endgültig neu positionierte und die wohl größte Weichenstellung in ihrer langen Geschichte vornahm. Die Sberbank wird fortan nicht mehr nur eine Bank sein, sondern ein Techkonzern mit einer Portfoliobreite, die im Westen schwer vorstellbar ist.

Das neue Logo, vor einigen Monaten präsentiert, spricht Bände. Im Wesentlichen wurde die Bezeichnung „Bank“ gestrichen, was bleibt ist „Sber“. Als „ganzes Ecosystem an Dienstleistungen“ bezeichnete Konzernchef Herman Gref, Nachfahre einer russlanddeutschen Familie, das in steter Erweiterung befindliche Angebot an „Online-Dienstleistungen für das alltägliche Leben und das Geschäft“.

Die Palette reicht von der Essenszustellung aus Restaurants („Delivery Club“) und Geschäften („SberMarket“) über Telemedizin, Paket- und Warentransport („SberLogistika“), Taxi und Carsharing bis hin zu Immobilien- und Jobportalen, Cloud-Services, Zahlungsdienstleistung („SberPay“) und Musik-Streaming.
Größter Online-Markt Europas

In den meisten Fällen beteiligt sich die „Sber“, die in Russland auch expansiver „Krake“ genannt wird, an bestehenden Diensten oder übernimmt diese – wie im Fall des Musik-Streamings – einfach zur Gänze. Im Falle der Online-Apotheke „Sber Eapteka“ kaufte sie knapp die Hälfte der Anteile, der zweite Teil gehört einem Pharma-Tycoon, der auch den Corona-Impfstoff Sputnik V produziert. „Wir denken, die Sberbank ist einer der Spitzenreiter bei der Etablierung eines russischen Ecosystems“, schrieb die UBS-Bank, Ende 2020 in einer Analyse.

Für westliche Augen mag es seltsam erscheinen, dass ein Bankenkoloss, zumal ein staatlicher, gerade in der aussichtsreichen Internetökonomie eine führende Rolle spielen will. In Russland wundert sich darüber niemand, versucht doch der Kreml seit Wladimir Putins Machtübernahme vor 20 Jahren als Player statt als Schiedsrichter überall dort sich einzumischen, wo am meisten Geld kursiert oder zu kursieren beginnt.

Das war lange Zeit vor allem bei den Ölkonzernen so, die er sich fast ausnahmslos aus privaten Händen zurückgeholt hat. Und Gleiches scheint nun eben auch bei aufkommenden jungen Branchen der Fall zu sein.

Denn dort gibt es viel zu holen. Mit mehr als 100 Millionen Internetnutzern ist Russland der zahlenmäßig größte Markt Europas. Der Markt für E-Commerce ist laut der Agentur Data Insight im Jahr 2019 um 23 Prozent auf 31 Milliarden Dollar gestiegen, was gleich viel war wie im deutlich bevölkerungsreicheren Indien. Bis 2024 dürfte er im Schnitt um 33,2 Prozent pro Jahr wachsen, prognostiziert Data Insight.

Wie überall hat die Corona-Krise auch in Russland einen mächtigen Schub bei diversen Online-Geschäften gebracht. Folgerichtig hat das landesweit älteste E-Commerce-Unternehmen auf dem Markt, Ozon, den Moment des gesteigerten Interesses der Investoren an Schwellenländer-Techfirmen genutzt und im Dezember des Vorjahres den Börsengang bei der Nasdaq in New York vollzogen. Mit der Emission wurde knapp eine Milliarde Dollar eingespielt. Die Aktie schoss zu Handelsbeginn um 42 Prozent in die Höhe.

Die russische Techbranche hat einiges hervorgebracht. Ähnlich wie China nämlich hat das Land aufgrund seiner Marktgröße und aufgrund seines starken Hangs zur Autonomie schon sehr früh eigene Techkonzerne aus dem Boden gestampft und ihre Marginalisierung geschweige denn eine Übernahme durch die US-Techgiganten verhindert.

Die Suchmaschine Yandex etwa war früher auf dem Markt als Google, verweigerte sich einer Übernahme und ist bis heute in Russland nicht nur stärker als Google, sondern zu einem Multi von E-Commerce, über Bezahldienst bis hin zu Taxi-Service – mit Uber als Juniorpartner – geworden.

Bei den sozialen Netzwerken wiederum hat der heute milliardenschwere Digitalnomade Pawel Durow sehr früh Facebook einfach abgekupfert und später mit dem Instant-Messenger Telegram einen WhatsApp-Konkurrenten mit inzwischen angeblich über 400 Millionen Nutzern aufgebaut, den er aus dem Ausland führt.

So sieht das auch der Staat, für den die Sberbank eines der mächtigsten Vehikel ist. Hatte ihr der Kreml lange freie Hand gegeben, die hyperdominante Rolle auf dem Finanzsektor auszubauen, so gibt er ihr aus seiner notorischen Skepsis gegenüber der Privatwirtschaft nun Rückhalt, zukunftsträchtige Branchen jenseits des Rohstoffsektors aufzumischen. Sberbank-Chef Gref freilich erklärt seine Expansion in Bereiche außerhalb des klassischen Bankengeschäfts einfach mit der Notwendigkeit, um angesichts sinkender Margen als
Traditionsbank zu überleben.

Wie auch immer: Jedenfalls positioniert sich die „Sber“ nicht zufällig vor allem als Sparringpartner des Techmultis Yandex. Man arbeitet dafür mit der russischen Internetholding Mail.ru Group zusammen.

„Elefanten zum Tanzen gebracht“

Dass die Sberbank heute auf dem jungen und sehr dynamischen russischen Onlinemarkt mitmischt, setzte eine Entstaubung des Traditionsinstituts voraus. Er werde „den Elefanten zum Tanzen bringen“, hatte der heute 57-jährige Gref, der als einer der smartesten und mutigsten Vertreter des liberalen Flügels im russischen Establishment gilt, erklärt, nachdem er 2007 von der Spitze des Wirtschaftsministeriums in die Leitung der Sberbank gewechselt hatte. Das Erscheinungsbild des Geldinstituts hat sich tatsächlich geändert, aus einem verstaubten Unternehmen ist ein modernes, serviceorientiertes geworden.

Dass die Sberbank wirtschaften kann, hat sie in den vergangenen Jahren zur Genüge bewiesen. Selbst auf dem Gipfel der Wirtschaftskrise nach der Krim-Annexion, 2014 und 2015, hat sie als fast einzige Bank des Landes durchwegs schwarze Zahlen geschrieben. 2019 wurde ein Rekordüberschuss von 845 Milliarden Rubel (9,4 Milliarden Euro) erzielt. Sie blieb auch im Corona-Krisenjahr 2020 hochprofitabel, musste allerdings einen Gewinnrückgang von zehn Prozent hinnehmen, weil die Rückstellungen für Kreditausfälle in die Höhe schnellten.

Umso größer sind die Ambitionen der „Sber“ möglichst schnell im E-Commerce- und Techsektor außerhalb des Bankgeschäfts zu reüssieren. Bis 2030 soll der neue Bereich zwischen 20 und 30 Prozent des gesamten Geschäfts der „Sber“ ausmachen. Womit die Grundlage dafür geschaffen wäre, dass auch künftig kein Russe, ob orthodox oder nicht, an der Sberbank vorbeikommt.

Ein Jahr Disney+: Vor allem Netflix wird es schwerer haben

Am 24. März 2020 ist Disney+ in Deutschland gestartet. Ein Jahr später sieht der Markt für Videostreamingabos in Deutschland ganz anders aus. Disney+ hat sich innerhalb eines Jahres auf den dritten Platz vorgekämpft und gehört damit neben Netflix und Prime Video zu den beliebtesten Streamingdiensten in Deutschland.

Abgesehen davon haben Disneys Aktivitäten dafür gesorgt, dass sich die Inhalte von Netflix und Prime Video verändert haben. Der Grund dafür ist das neue Geschäftsmodell von Disney, die eigenen Inhalte vor allem im eigenen Abo anzubieten und andere Streaminganbieter auszuschließen.

Nach dem Start von Disney+ hat das Hollywoodstudio darauf geachtet, dass keine Disney-Inhalte mehr bei anderen erschienen sind. Vor allem der Pay-TV-Anbieter Sky leidet darunter, aber auch Netflix und Prime Video. Vor dem Start von Disney+ war es üblich, dass neue Disney-Kinofilme zuerst bei Sky gelaufen sind.

Disney+ bunkert die eigenen Filme und Serien

Aktuelle Disney- oder Pixar-Animationsfilme wie Onward oder Soul waren nach einem möglichen Kinostart nur noch bei Disney+ zu sehen. Wegen der Coronapandemie liefen einige der neuen Filme nur kurz oder gar nicht im Kino. Ohne Disney+ gäbe es sie wie beim Warner-Deal bei Sky zu sehen. Für die Sky-Kundschaft gibt es also weniger neue Kinofilme.

Aber nicht nur bei neuen Kinofilmen sorgt die Existenz von Disney+ für Veränderungen: Bis Anfang 2020 wurden sowohl bei Netflix als auch bei Prime Video immer mal wieder alte Disney-Klassiker ins Abo aufgenommen. Oder es gab die Star-Wars-Filme oder Marvel-Verfilmungen bei Sky.
Star-Wars-Filme gibt es nur bei Disney+ im Abo

Seit dem Start von Disney+ gibt es die Filme von Disney, Pixar, Star Wars und die Marvel-Verfilmungen des Studios nur noch an einer Abo-Anlaufstelle in Deutschland: bei Disney+. Das gilt auch für so populäre Titel wie die TV-Serie Die Simpsons. Aber auch Disney-Eigenproduktionen wie The Mandalorian gibt es nur bei Disney+; selbst als Kauf gibt es die Serie bisher nicht woanders oder auf anderen Medien.

Wer die Disney-Klassiker mag, hat bei Disney+ den Vorzug, alle Filme auf einer Plattform zu finden – und zwar wirklich alle. Zudem besteht keine Eile beim Schauen, denn es besteht nicht die Gefahr, dass die Filme aus dem Abo verschwinden könnten. Während bei Netflix, Prime Video und Sky Ticket so gut wie täglich Inhalte aus dem Abo entfernt werden, blieb das bei Disney+ bisher die große Ausnahme.

Fellner zur Media Analyse: ‚Das ist völlig indiskutabel‘

Wolfgang Fellner ist wieder einmal not amused: Die aktuellen Reichweiten-Daten der Media Analyse veranlassen den Chef der Mediengruppe Österreich dazu, den Kontrollausschuss der Media Analyse anzurufen. Man wolle wissen, was da passiert sei, sagt Fellner. Worum es geht? MA weist oe24, dem Gratistitel der Mediengruppe, etwa für Wien einen Wert von 9,6 Prozent Reichweite aus, das entspricht 153.000 Personen. Fellner verweist auf gut 305.000 Stück Auflage laut Österreichischer Auflagenkontrolle im zweiten Halbjahr 2020, die er in Wien verbreitet.

„Diese Zahlen habe nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun“, so Fellner, der den Kontrollausschuss der Media Analyse bemüht: „Da kann etwas nicht stimmen, das ist völlig indiskutabel.“ Weiters stört Fellner die Diskrepanz auch innerhalb des Hauses: Sein Gratistitel oe24 erreicht national 4,1 Prozent Reichweite, der Kauftitel Österreich 4,5 Prozent. Er verweist auf die deutlich geringere verbreitete Auflage des Kauftitels mit rund 28.000 Stück im Vergleich zum Gratistitel mit 450.000 Stück.

Zum Hintergrund: Fellner benannte den seit 2006 am Markt befindlichen Gratis-Titel Österreich im Jahr 2018 in oe24 um, um so mit gleicher Marke wie das Onlineportal oder der TV-Sender in den Markt gehen zu können. Davon dürfte der nunmehrige Kauftitel Österreich nach wie vor in Befragungen profitieren. Die MA erhebt derzeit im übrigen nur noch die Kombi aus Kauf und Gratis und nicht mehr den Gratis-Titel separat. Auch hierzu ist ein Schiedsgerichtsverfahren innerhalb der MA anhängig. Fellner soll bereits aus der MA ausgetreten sein, auf der Website wird er unter den Mitgliedern nicht mehr geführt.

Mediengruppe-Geschäftsführer Wolfgang Zekert wird aktuell in einer Aussendung zitiert: „Wir werden mit dieser Thematik erneut den Kontrollausschuss befassen und versuchen einen Weg zu finden, die Gratiszeitungswelt in Österreich der Realität entsprechend abzubilden. Unabhängig davon freuen wir uns über 564.000 Leser in der Österreich/oe24 Kombi, wie auch immer die berechnet wurden.“

Krone: Dichands Ausschluss wird doch noch einmal vor Gericht verhandelt

Die Funke-Gruppe meldete 2020 die Beherrschung der „Krone“ bei der Wettbewerbsbehörde an; durch die Aufteilung der 50 Prozent auf Hans Dichands vier Erben – dessen Witwe Helga und die Kinder Michael, Johanna und Christoph Dichand – hätten sie Stimmrechte eingebüßt. Stimmrechte gibt es laut Verträgen – grob gesprochen – nur für volle Anteilsprozente. Aber, so die Rechtsmeinung der Funke-Gruppe nicht für die jeweils 0,5 Prozent der 12,5-Prozent-Anteile von Helga, Michael, Johanna und Christoph. Der Oberste Gerichtshof entschied im Jänner: Gesellschaftsrechtliche – und zudem gerade noch ungeklärte, also hypothetische – Fragen wie diese Stimmrechte seien nicht im Kartellverfahren zu klären.

Beim Handelsgericht Wien hat die Funke-Gruppe auf Ausschluss der Familie Dichand aus der Krone-Gesellschaft geklagt. Auch da geht es um die Stimmrechtsfrage: Im Frühjahr 2019 beantragte die Funke-Gruppe in der Gesellschafterversammlung der „Krone“, Christoph Dichand als Herausgeber und Chefredakteur abzuberufen beziehungsweise zu entlassen. Begründung: Spesenvorwürfe. Bei Stimmrechtsstand 50:50 bekam der Antrag keine Mehrheit – bei 48 Prozent für die Dichands und 50 für Funke hätte das anders ausgesehen.

Vor dem Handelsgericht klagte die Funke-Gruppe auf Ausschluss der Dichands aus der Krone – Verlag Gesellschaft m.b.H. & Co. Vermögensverwaltung KG. Hier fallen laut Jahresabschlüssen Gewinne in der wirtschaftlich doch wesentlichen Größenordnung von 17 bis 20 Millionen Euro an. Die Kommanditanteile halten einerseits die vier Dichands, einzeln eingetragen, und andererseits die NKZ Austria-Beteiligungs GmbH der Funke-Gruppe.

Das Gericht könnte – so verlangt es jedenfalls die Klage der Funke-Gruppe – alternativ auch feststellen, dass die Kommanditanteile bei der Übertragung und Aufteilung auf die Dichand-Erben schon auf die NKZ übergegangen sei.

In einer Verhandlung im August 2020 am Handelsgericht Wien machte Richterin Kerstin Just recht deutlich, dass sie nach den Rahmenvereinbarungen der „Krone“-Eigentümer Schiedsgerichte und nicht ordentliche Gerichte für diese Gesellschafterfrage zuständig sieht. Sie kündigte schriftliche Ausfertigung des Urteils an – wenn sich ihr dabei nicht doch noch wesentliche, im Verfahren zu klärende Fragen stellen.

Nun aber lädt die Richterin für Ende April doch zu einer weiteren Verhandlung. Das kann zur formellen Absicherung geschehen, einen Beweisantrag nicht ausgelassen zu haben. Oder auch, weil sie bei der Ausfertigung des Urteils darin doch wesentliche Aspekte erkannte.

Was passiert in der neuerlichen Verhandlung? Geschäftsführer der Funke-Firma NKZ sollen auf Antrag der Funke-Gruppe befragt werden. NKZ-Geschäftsführer ist insbesondere Funke-Geschäftsführer Michael Wüller, in der Führung der großen deutschen Mediengruppe für die österreichischen Beteiligungen.

In der Befragung soll es darum gehen, ob die Funke-Vertreter 2003 rechtlich korrekt die Schiedsvereinbarung mit den Dichands unterzeichnet haben. Nach deutschem Recht – Paragraf 181 des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs über Mehrfachvertretung – eher nein, nach österreichischem eher ja, sagen sachkundige Juristen. Also, wenn man so will, eine Art Selbstanzeige der Funke-Gruppe – wohl um die alte Schiedsvereinbarung loszuwerden.
Treffen mit Schiedsrichter

Und es geht in der Befragung um den Vorwurf der Funke-Gruppe, Dichand-Anwältin Huberta Gheneff hätte während des Schiedsverfahrens Kontakte mit einem der Schiedsrichter, Paul Oberhammer, gehabt.

Oberhammer erklärte, so hieß es in der ersten Verhandlung, die Treffen fielen in seine Privatsphäre. Gheneff bestreitet einige der Angaben der Funke-Anwälte über Treffen (die vor Gericht stark nach Telefonprotokollen und Überwachung klangen). Oberhammer verließ das Schiedsgericht Monate vor der Entscheidung vom Mai 2020, wonach die Rahmenverträge nicht so einfach kündbar waren (jedenfalls bis 2019).

Das nächste Schiedsgericht tagt unterdessen schon: Die Funke-Gruppe blockiert wie berichtet die Gewinnausschüttung an die Dichands. Und die sollen beim jüngsten Schiedsgericht die von der Funke-Gruppe verweigerte Gewinnausschüttung für 2018/19 eingeklagt haben.

Das bietet wohl Stoff für das eine oder andere weitere Jahr im jahrzehntelangen Streit um das Sagen und das Geld bei Österreichs wohl noch eine Weile weitaus größter und politisch gewichtigster Tageszeitung.

Die Machthaber von gestern sind die Medienstars von heute

Hinter einem hohen Amt lauert ja bisweilen tiefe Leere. Was tun als ehemaliges Firmen- oder Staatsoberhaupt? In Loriots «Pappa ante Portas» sortiert der Ex-Einkaufsdirektor Heinrich Lohse Zeitungen und ersteht palettenweise Senf. Der Chef des mächtigsten Lands der Welt scheidet hingegen oft perspektivlos aus dem Amt. «Was gibt es nach dem Weissen Haus anderes zu tun, als zu trinken?», soll US-Präsident Franklin Pierce (im Amt von 1853 bis 1857) einst gesagt haben.

Sein Nachfolger Jimmy Carter (1977–81) baute nach erfüllter Pflicht immerhin Häuser für Bedürftige auf der ganzen Welt. Herbert Hoover (1929–33) mischte im politischen Washington weiter mit. Ein hochbetagter, dementer Ronald Reagan (1981–89) fischte Laub aus seinem Swimmingpool, das ihm ein Gärtner am anderen Ende heimlich hineinwarf. George W. Bush (2001–09) versucht sich inzwischen postpolitisch als Maler, in Öl und Aquarell.

Wie sich Veteranen des Weissen Hauses richtig inszenieren können, zeigen dagegen die Clintons und Obamas. Sie begnügen sich nicht mit Golfspielen oder Laubfischen. Sie vermarkten sich auf so ziemlich allen Kanälen, und das hemmungslos. History Channel, Netflix, Apple, Spotify – die vormaligen First Families, wohin man klickt und hört.

Die verschwundene Präsidententochter

Es begann klassisch mit Memoiren. Barack Obama schrieb bereits vor seiner Präsidentschaft «Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie». Nun hat er mit «Ein verheissenes Land» nachgelegt. Bill Clinton veröffentlichte zuerst «Mein Leben» und dann seine gesammelten Reden. Und da selbst diese beiden Grössen irgendwann alles auserinnert hatten, folgten Krimis.
Clinton verfasste mit dem Co-Autor James Patterson «The President is Missing», und weil’s so spannend war, verschwand im Nachfolgethriller gleich noch die Präsidententochter. Die Gattinnen taten es ihnen gleich: Michelle Obamas Autobiografie «Becoming» hält sich seit Monaten in den internationalen Bestsellerlisten, die selbstgesprochene Hörbuchversion brachte ihr 2020 einen Grammy ein.

Hillary Clinton schrieb sich ihre Wahlniederlage schön («Entscheidungen», «Gelebte Geschichte») und sinniert mit Tochter Chelsea über tapfere Frauen («Gutsy Women» – demnächst auch als Doku-Serie auf Apple TV). Mit Chelsea betreibt sie zudem in London die TV-Produktionsfirma Hidden Light Productions.

Derzeit sitzen Hillary und die kanadische Krimiautorin Louise Penny an einem neuen Werk, Arbeitstitel «State of Terror», und die Obamas werkeln vermutlich an ihren jährlichen Lieblingslisten für Bücher, Songs, Filme, über die dann wieder sämtliche Medien berichten werden. Mit Netflix haben sie einen mehrjährigen Vertrag für Filme und Serien, ihre dortige Doku «American Factory» gewann 2020 einen Oscar.

«Waffel und Mochi»

Die Obamasche Filmproduktionsfirma Higher Ground Productions liefert ausserdem Podcasts für den Streamingdienst Spotify. Dort plaudert das Ehepaar mit sich selbst oder Barack bei Bier mit Kumpel Bruce Springsteen. «Renegades», Abtrünnige, heisst deren Podcast. Gerade startete Michelle Obama auf ihrem Haussender Netflix noch die Kinderkochserie «Waffel und Mochi». Haben wir etwas übersehen? Gut möglich.

Die mediale Omnipräsenz lohnt sich. Allein ihre jüngsten Memoiren sollen den Obamas 65 Millionen Dollar eingebracht haben – neben den hochdotierten Reden und TV-Auftritten. Nun, Frührentner wollen beschäftigt sein, Clinton und Obama waren zu Amtsende gerade mal 55. Üben konnten sie das Pop-Star-Dasein bereits vor und während ihrer Präsidentschaft. Clinton griff gerne zum Saxofon, sobald eine TV-Kamera auf ihn gerichtet war. Die Obamas liebten es, Musiker einzuladen, und all die Rolling Stones, Bob Dylans und Bruce Springsteens kamen sehr gern ins Weisse Haus.

Einer allerdings ging den umgekehrten Weg: Donald Trump machte erst auf TV-Star («The Apprentice»), dann auf Präsident. Aber Trump – die Älteren mögen sich erinnern – war ja in vielen Dingen eigen.

WDR-Intendant Tom Buhrow: Wo die ARD im Jahr 2030 steht

Die Politik will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk reformieren. Ich schlage vor, wir stellen uns den Grundsatzfragen: Was leisten die Sender für die Demokratie? Wie sollen sie sich entwickeln? Was sind sie uns wert?

Vor einigen Tagen lief ein vielsagender Bericht im Deutschlandfunk: Bei einem Autozulieferer in Stuttgart wurde gestreikt. Nicht nur für höheren Lohn, wie ein Mitarbeiter deutlich machte, sondern aus Zukunftsangst. Der Mitarbeiter hatte das Gefühl, seine Firma habe keine Antworten auf den Paradigmenwechsel vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität. Dabei, berichtete die Reporterin, hätten bereits zwei Drittel der Produktion mit Elektromobilität und alternativen Antrieben zu tun. Der Wandel ging ihm aber nicht schnell genug.

Unzählige Unternehmen und Organisationen stecken in ähnlich massiven Veränderungsprozessen. Sie müssen noch das alte Geschäft bedienen und zugleich das neue Geschäft aufbauen. Nicht selten wird der richtige Zeitpunkt verpasst, und am Ende bleibt nur die Erinnerung. Kodak, Nokia oder Quelle sind mahnende Beispiele. Diese Transformation kennt auch die Medienbranche nur zu gut. Das Alte sind unsere linearen Angebote – das klassische Radio und Fernsehen. Das Neue sind die digitalen, non-linearen Angebote.

Unsere Gesellschaft steht vor einer Dekade digitaler Transformation

Die Rahmenbedingungen dafür sind allerdings ausbaufähig. Finanzminister Olaf Scholz sagte kürzlich in einem Interview: Bis 2030 solle bei jedem Haushalt in Deutschland ein Internetanschluss mit einer Geschwindigkeit von mindestens einem Gigabit pro Sekunde anliegen. Das deckt sich mit den Vorstellungen der EU-Kommission, die soeben ihren „Digitalen Kompass für 2030“ vorgestellt hat. Falls diesen Worten Taten folgen, steht uns eine digitale Dekade bevor, mit grundlegenden Veränderungen in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft.

Am Anfang dieses digitalen Jahrzehnts steht auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk vor richtungsweisenden Entscheidungen. Vor dem Bundesverfassungsgericht geht es um die Höhe des Rundfunkbeitrags. Zum anderen wollen die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten bald erste Reformvorschläge für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf dem Tisch haben. Nachdem die Rundfunkkommission vor kurzem ihren Reform-Fahrplan verabschiedet hat, erlaube ich mir als WDR-Intendant einige Gedanken dazu.

Die ARD ist auf dem Weg zum non-linearen Content-Netzwerk

Meine Kollegin, die MDR-Intendantin Karola Wille, hat bereits 2017 als damalige ARD-Vorsitzende den „crossmedialen föderalen Medienverbund“ skizziert. Daran knüpfte sie an, als sie nun die Weiterentwicklung der ARD zu einem „gemeinwohlorientierten Kommunikationsnetzwerk“ vorschlug. Die für Rundfunkpolitik federführende

Medienstaatssekretärin von Rheinland-Pfalz, Heike Raab, griff dies auf und schlug ein öffentlich-rechtliches „Content-Netzwerk“ vor, das sich am Erfolg der jungen Marke funk orientieren könne. funk ist tatsächlich ein positives Kapitel der jüngeren Rundfunkgeschichte. Die Politik hatte den Mut, ein Konzept des ehemaligen SWR-Intendanten Peter Boudgoust zu unterstützen, das ein adäquates, non-lineares Angebot für junge Nutzerinnen und Nutzer vorsah. Die notwendigen Ressourcen wurden durch interne Umschichtungen und die Abschaltung der linearen Spartensender Eins Plus und ZDF Kultur bereitgestellt.

Wir Verantwortliche in der ARD wissen schon lange, dass es für die notwendige Transformation nicht mehr Geld gibt. Deshalb muss sich jeder, der die Reformdiskussion über unseren Auftrag ernst nimmt, ehrlich machen: Will er oder sie eine Modernisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder nur Kosten senken? Wenn es um Letzteres geht, ließe sich der Rundfunkbeitrag von Kosten bereinigen, die mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nichts zu tun haben.

Das Klischee der angeblich reformunwilligen Sender

Bisher geht es zum Beispiel zu Lasten der Beitragszahler und -zahlerinnen, wenn finanziell schwächer Gestellte den Rundfunkbeitrag nicht aufbringen können. Ist das nicht eigentlich Aufgabe der Sozialkassen? Und die Landesmedienanstalten sind vorrangig für die Aufsicht über kommerzielle Anbieter zuständig. Diese Umwidmung von Mitteln aus den öffentlich-rechtlichen Budgets ist kein deutsches Phänomen. In Brüssel nennt man es „top-slicing“.

In Deutschland kosten die beiden Beispiele zusammen monatlich jeden Beitragszahler mehr als 1,60 Euro. Ich will hier gar nicht das Modell der Beitragsbefreiungen und schon gar nicht die Arbeit der Landesmedienanstalten in Zweifel ziehen, sondern lediglich deutlich machen, dass dem Beitragszahler im Laufe der Jahrzehnte einige Kosten aufgebürdet wurden.

Natürlich ist es einfacher, das Klischee der angeblich reformunwilligen öffentlich-rechtlichen Sender zu pflegen, als mühevoll die einzelnen Aspekte und vor allem Folgen von Kürzungen zu deklinieren.

Ein Blick in die Zukunft

Beide Seiten – diejenigen, die jede Veränderung ablehnen, und diejenigen, die sie lauthals fordern, ohne konkret zu werden – arbeiten sich an diesem „Ist-Zustand“ ab: an der gegenwärtigen Zahl von Spartenkanälen, Radiosendern und Orchestern, Ratgebersendungen oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Ich schlage vor, die Reformdebatte nicht am Ist-Zustand auszurichten, sondern an einem Zukunftsbild. Also nicht zu fragen: „Was passt mir am gegenwärtigen System nicht?“, sondern: „Was erwartet die Gesellschaft in Zukunft vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk?“ Wir starten im Mai einen ARD-Zukunftsdialog, in dem wir die Bürgerinnen und Bürger selbst dazu fragen.
Kennzahlen aus Medien- und Zukunftsforschung weisen darauf hin, dass Menschen im Jahr 2030 Medien vor allem auf Abruf nutzen. Die sogenannte non-lineare Nutzung wird die „klassische“ lineare Nutzung überholt haben. Ein Blick in die Zukunft kann daher meiner Meinung nach die Argumente in der Debatte um den richtigen Weg schärfen.

Das deutsche Mediensystem wird im Jahr 2030 Stabilität verloren haben

Weitere Zeitungsverlage werden 2030 fusioniert oder sich in redaktionellen Netzwerken zusammengeschlossen haben. Dabei werden Verlage und öffentlich-rechtliche Sender viel mehr Gemeinsamkeiten entdeckt haben als noch im Jahr 2021, Bündnisse von Qualitätsmedien werden unideologisch eingegangen. Die großen, kapitalstarken Konzerne haben dann ihre Angebote bis auf die nationale Ebene ausgeweitet. Netflix & Co verfügen dank der internationalen Wertschöpfung über enorm wachsende Mittel. Außerdem werden zum Beispiel Amazon, Google und Facebook den digitalen Alltag – und die Freiheit – der Menschen mit ihren Produkten und Regeln maßgeblich beeinflussen.

Die ARD bietet im Jahr 2030 eine zeitgemäße mediale Heimat

Die ARD hat sich entschieden, noch konsequenter ihren „Heimvorteil“ zu nutzen und so dem Publikum Mehrwert anzubieten.

Die ARD ist deshalb 2030 noch stärker vor Ort in den Regionen und kooperiert dort vermehrt mit Einrichtungen aus Wissenschaft, Kultur und Bildung sowie privaten Medienhäusern. Sie bietet unabhängige und überparteiliche Angebote, die journalistischen Grundsätzen verpflichtet sind. Das ist gesund für die Gesellschaft und wichtig für die Demokratie.

Dabei arbeitet sie längst weniger aus großen Landesfunkhäusern oder Studios, sondern mobil, aus kleinen Büros. Darüber hinaus haben fiktive und unterhaltende Stoffe starken Bezug zum Lebensgefühl in Deutschland, in den Regionen und in Europa. Die Marke ARD und jede Landesrundfunkanstalt übernehmen die Rolle eines Gütesiegels und Qualitätsversprechens.
Kein anderer Medienanbieter spiegelt bundesweit die Vielfalt aller Regionen Deutschlands so wider wie das föderale Netzwerk ARD mit seinen Standorten Ost und West. Diesen Markenkern werden wir gestärkt haben. Hier sehe ich große Übereinstimmungen mit der Rundfunkkommission, die gerade genau dieses Thema auf ihre Agenda gesetzt hat.

Die Öffentlich-Rechtlichen werden eine Mediathek für alle bieten

Am Ende des Jahrzehnts bedient der öffentlich-rechtliche Rundfunk achtzig Millionen Programmchefinnen und -chefs mit hochwertigen Inhalten. Der Megatrend der Individualisierung wird sich umfassend durchsetzen. Abgesehen von dramatischen Ereignissen und einzelnen Live-Events, wird kein mediales Ereignis mehr weite Teile der Bevölkerung binden. Die Menschen holen sich, was sie wollen und wann sie es wollen. Und zwar aus einer einzigen großen öffentlich-rechtlichen Mediathek.

Ich wiederhole meine bereits 2020 vorgetragene Überzeugung, dass dies aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer Sinn macht. Spartenkanäle im linearen Fernsehen sind 2030 größtenteils Geschichte und werden in dieser Mediathek aufgegangen sein. Auch der Hörfunk steht mitten in einem umfassenden Wandel.

Audioangebote werden ins Netz wandern und die UKW-Welt verlassen

Für die bequeme und technisch ausgereifte UKW-Verbreitung werden Politik und Sender bis 2030 eine Ersatzlösung finden. Wenn ich Sender sage, meine ich hier alle: öffentlich-rechtliche und kommerzielle. Ich kann den Aussagen meiner Kollegin und rbb-Intendantin Patricia Schlesinger im Medienausschuss Berlins nur beipflichten, dass sie UKW bis Mitte des Jahrzehnts für gesetzt halte, aber in sieben bis zehn Jahren müsse man überlegen, ob man noch lineare Hörfunkwellen in der heutigen Form brauche.

Bisher belauern sich öffentlich-rechtliche und kommerzielle Sender und warten nur darauf, dass der jeweils andere den Ausstieg aus UKW beschließt oder aufgezwungen bekommt. Die Folge: Wir investieren sowohl in die Erhaltung von UKW als auch den Ausbau von DAB+ und in die Verbreitung übers Internet. Diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, das geht nur wenn klare Rahmenbedingungen für alle Marktteilnehmer verabredet werden. Wir würden damit europäischen Nachbarn folgen, die wie die Schweiz den Ausstieg aus UKW bereits beschlossen haben. UKW wäre dann nur noch eine Havarietechnik für Krisenfälle.

Durch die neue grenzenlose Technik müssten nicht Dutzende regionale Hörfunkwellen unterhalten werden. Weitgehende Kooperationen unter den Landessendern und mit dem Deutschlandradio wären möglich. Bisher ist dem ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben.

Ein Zukunftskonzept liegt vor

Ein entwicklungsoffener gesetzlicher Rahmen und die Flexibilisierung der gesetzlichen Möglichkeiten, wie sie der Chef der sächsischen Staatskanzlei, Oliver Schenk, kürzlich ins Spiel gebracht hat, würde Reformen und Synergien bei den Sendeanstalten befördern und die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit stützen. Auch hier sehe ich gute Chancen, an die Diskussion anzudocken, die die Rundfunkkommission sich genau zu dieser Frage vorgenommen hat.

Dann könnten Senderverantwortliche und Gremien entscheiden, was die Menschen besser linear als Welle erreicht oder was besser als Angebot im Internet ankommt. Das würde die Gremien in ihrer Rolle stärken und gäbe die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört: in die jeweiligen Sender vor Ort und deren Aufsicht.

Ein weiteres Buzz-Thema in der Debatte sind immer wieder die Kulturangebote und Ensembles der ARD. Mit dem Kulturportal in Mitteldeutschland hatten wir ein Zukunftskonzept vorgelegt.
Für Orchester, Big Bands und Chöre bedarf es einer Zukunftskonzeption
In Berlin hat man bereits 1994 den Erhalt der Orchester und Chöre aus Ost und West gewährleistet, indem man eine Trägergesellschaft gründete. Gesellschafter sind neben Deutschlandradio und rbb der Bund und das Land Berlin.

Wir werden alle zusammen überlegen müssen, wie wir diese wertvollen Klangkörper vor populistischen Tagesstimmungen schützen. Selbstverständlich ist das nicht. So bin ich beispielsweise bei meinen letztjährigen Besuchen in den Landtagen Forderungen nach der Abschaffung der Klangkörper begegnet. Wir wollen auch hier eine langfristige Perspektive entwickeln und Ideen einbringen. Wir haben Lust auf Zukunft. Und zu der gehört auch, dass unser Publikum, aber auch Bildungs- oder Kultureinrichtungen unsere Programminhalte wo möglich weiternutzen können und Neues daraus entstehen kann.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist Open Source für wertvolle Inhalte

Viele Nutzerinnen und Nutzer werden „Prosumenten“ sein, die digitale Inhalte selbst produzieren als auch konsumieren. Die Generation Alpha, die nach 2010 geboren wurde, ist voll digital – und aufgewachsen mit Hightech, im Alltag unterstützt von Künstlicher Intelligenz und gewöhnt an mobile Computer, sogenannte Wearables. Personalisierte Inhalte sind für sie normal, sie kennen nichts anderes.

Hier spielt auch das Thema Datensicherheit eine wichtige Rolle. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden die Nutzungsdaten für ihre Angebote nutzen, unter Einhaltung striktesten Datenschutzes. Vor allem werden diese aber nicht zu kommerziellen Zwecken eingesetzt.

Ich bin überzeugt davon, dass Deutschland im Jahr 2030 einen reformierten, starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk braucht, der den Menschen alle inhaltlichen Genres bietet. Unser Land wird noch stärker unter dem Stress unaufhaltsamer Veränderungen stehen. Die Gereiztheit gegenüber Institutionen, Entscheidungsträgern, gegenüber dem gesamten angeblichen „System“, wird noch zunehmen. Die Rede ist von einer „Distrust Society“.

Den meisten kann der Wandel gar nicht schnell genug gehen

ARD, ZDF und Deutschlandradio werden mehr denn je Dialog und Diskussion unter den Menschen ermöglichen und unterstützen, unabhängig und überparteilich. Dabei werden sie mit Fakten und fairen Verhaltensregeln Raum für ein vielfältiges Meinungsspektrum bieten. Damit sind sie eine seriöse Quelle für die demokratische Willensbildung in unserem Land.

Die Nähte unseres Gemeinwesens dürfen nicht reißen. Wir Öffentlich-Rechtliche können dazu beitragen, indem wir uns in den Dienst dieses Gemeinwesens stellen – so wie wir in der Corona-Krise Kitas, Schulen und Familien bei der Ausbildung ihrer Kinder unterstützt haben. Natürlich gibt es auch bei uns noch Kräfte, die an der alten Welt festhalten, die Programm nicht am Publikum, sondern an Interessengruppen orientieren wollen. Aber die meisten sind wie der eingangs zitierte Mitarbeiter des Automobilzulieferers: Der Wandel kann ihnen gar nicht schnell genug gehen. Diese Reformbegeisterten brauchen Verbündete in Politik und Gesellschaft.

Studie der London Library : Carlyles Vermächtnis

Nicht systemrelevant? Von wegen: Die Mitglieder der London Library steuern jährlich Millionen zur englischen Wirtschaft bei. In Zeiten der Sparpolitik ist das erfreulich – zumal viele Bibliotheken schließen müssen.

Am St. James’s Square deutet nichts darauf hin, dass sich hinter der diskreten Londoner Kalksteinfassade ein Labyrinth von Bücherregalen verbirgt, das sich über mehrere Etagen und Gebäude erstreckt und auf einer Gesamtlänge von fast dreißig Kilometern mehr als eine Million Bände fasst. Davon ist der Großteil zugänglich in einer skurrilen Ordnung, die zu wunderbaren Zufallsentdeckungen führt.

Die 1841 auf Initiative des Historikers Thomas Carlyle gegründete, sich aus Mitgliedsgebühren und Spenden finanzierende London Library ist inzwischen die größte unabhängige Leihbibliothek der Welt. Der Legende zufolge sei Carlyle derart pikiert gewesen über die bevorzugte Behandlung, die der Bibliothekar der British Library Lord Macaulay zuteilwerden ließ, dass er sich zur Gründung einer Alternative entschloss.

Obwohl sich die beiden viktorianischen Historiker mit ihrer gegenseitigen Verachtung in nichts nachstanden, waren die Hauptmotive des cholerischen Schotten der Wunsch, freien Zugang zu den Regalen zu haben und Bücher ausleihen zu können. Bei der British Library hatte er die Erfahrung gemacht, dass die bestellten Titel erst auf seinem Tisch landeten, als es schon wieder Zeit war, nach Hause zu gehen. Bei einer öffentlichen Versammlung donnerte Carlyle, es gebe keinen Platz in der zivilisierten Welt, der mit Lesematerial für Nichtreiche so schlecht versorgt sei wie London.

Exklusive Aura – und doch für alle

Von Dickens und Prinz Albert, der die gesammelten Werke Goethes stiftete, über Virginia Woolf und T.S. Eliot bis zu Tom Stoppard und Kazuo Ishiguro kann sich die London Library der Mitgliedschaft vieler der größten Köpfe des Landes rühmen. An einem der feinsten Plätze der Stadt beheimatet, hat sie bis heute, trotz Anpassungen an die digitale Welt, die Aura eines exklusiven Clubs bewahrt. Bloß, dass die Mitgliedschaft allen offensteht, solange sie sich die Gebühren leisten oder aus dem Verjüngung und ethnisch-kulturelle Vielfalt fördernden Unterstützungsfonds bezuschusst werden.

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Eine Studie hat ermittelt, dass die rund 7.200 Mitglieder durch die Produktion von 716 Büchern, 235 Bühnenwerken, 234 Drehbüchern für Film und Fernsehen sowie mehr als 15.000 Artikeln jährlich einen Wert von 21,3 Millionen Pfund zur britischen Wirtschaft beisteuern. Im Durchschnitt behaupten die Autoren mehr als dreißig Prozent ihrer schöpferischen Tätigkeit der Bibliothek zu verdanken, die sie nicht nur mit Material versorgt, sondern auch als Arbeits- und Begegnungsstätte dient. So wie sie in den beiden Weltkriegen Bücher an die Front schickte, erfüllt die London Library im Lockdown die Buchwünsche ihrer Mitglieder auf dem Postweg.

Als Carlyle noch in Schottland lebte, beklagte er den Mangel an Bibliotheken und fragte, warum nicht eine Bibliothek ihrer Majestät in jeder Stadt vorhanden sei, wo es doch allerorts Gefängnisse und einen Galgen ihrer Majestät gebe. Das ist fast zweihundert Jahre her. Die Todesstrafe ist zum Glück abgeschafft, aber die steigende Gefängnisbevölkerung erfordert den Bau von neuen Megahaftanstalten. Unterdessen hat die Austeritätspolitik zur Schließung von rund achthundert öffentlichen Bibliotheken geführt.

Die Medienoffensive des Virologen Hendrik Streeck

Deutschlands Top-Virologen sind zu Medienpersönlichkeiten geworden. Hendrik Streeck gehört zu den bekanntesten Pandemie-Erklärern, nun hat er ein Buch geschrieben, einen Podcast gestartet und eine ZDF-Doku gefilmt. Wie viel Medienpräsenz ist für einen Wissenschaftler sinnvoll?

Virologen sind seit Corona zu Medienpromis geworden. Mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, aber durchaus immer mit viel Sendungsbewusstsein, bespielen sie mediale Flächen. Medien bieten den Wissenschaftlern umgekehrt viele Möglichkeiten, das Virus und die Pandemie zu erklären, um das Vakuum unseres Nichtwissens zumindest ein wenig zu füllen.

Einer der bekanntesten Virologen, der auch aktiv die mediale Bühne sucht, ist Hendrik Streeck, Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Streeck ist gern gesehener Gast in Talkshows und Interviewpartner.

Nun hat er das Buch „Hotspot“ geschrieben, in Kooperation mit RTL einen gleichnamigen Podcast mit Katja Burkard als Co-Moderatorin gestartet und dann auch noch eine Dokumentation für das ZDF gedreht. In dieser Folge der „Medien-Woche“ sprechen wir über Streeck und die Medien – und die Frage, wie populär Wissenschaftler werden müssen, um der Welt ein gefährliches Virus zu erklären.

Amateure, Nacktheit und extreme Wünsche – Die neuen Gesichter der Pornoindustrie

Es ist ein Geschäft mit Körpern, Sex und Fantasien – und es verändert sich. Durch Internetdienste wie Onlyfans verkaufen sich junge Frauen selbst und direkt im Netz. Die neue Pornoindustrie – ein tiefer Blick in lukrative Geschäftsmodelle, Frauenseelen und Abgründe.

Im Berliner Westen tastet sich eine junge Frau mit kurzen Schritten durch einen verschneiten Park, der Boden unter ihren Füßen ist konturlos weiß und glatt. Ein grauer Himmel hängt über ihr, der Wind treibt dicke Flocken waagrecht vor sich her. Einige verfangen sich in Yma Louisa Nowaks schwarzen Locken.

Es ist ein Dienstagmorgen, Mitte Februar. Nowak sagt, er habe begonnen wie fast alle Tage in den vergangenen Monaten. Um halb sechs hat ihr Wecker sie geweckt, sie hat sich in ihrem alten Doppelbett aus Messing aufgerichtet, eine halbe Stunde meditiert, ist aufgestanden, hat sich an ihren Schreibtisch gesetzt und in ein kleines Heft geschrieben, was sie bis zum Abend erledigen will. Dann hat sie sich ausgezogen, ihre Schlafdessous aufs Bett gelegt, ihre Scheinwerfer ausgerichtet, ihr Smartphone in ein Stativ geklemmt und hat etwa 200 Fotos von ihren Brüsten, ihrem Bauch, ihrem Hintern gemacht.

Der Park war ihre Idee, wegen Corona. Sonst, sagt Nowak, säße sie jetzt an ihrem Schreibtisch, ihr Laptop aufgeklappt, das Handy im Blick, und würde Fotos von Geschlechtsteilen bewerten, die fremde Männer ihr geschickt haben. Für jedes Urteil bekäme sie fünf Dollar, knapp vier Euro, Mehrwertsteuer inbegriffen.

„Der Job passt einfach zu mir“, sagt Nowak. Sie zieht eine Hand aus der Tasche ihrer dicken Daunenjacke, um sich die langen Haare aus dem Gesicht zu streichen. Ihre Fingernägel sind lang wie Krallen, künstlich verlängert wie ihre Wimpern.

Yma Louisa Nowak, 23 Jahre alt, geboren in Berlin, aufgewachsen mit ihrer Mutter, begann ein Studium der Wirtschaftskommunikation, brach es nach zwei Semestern ab und wurde in einer Fernsehshow auf RTL eine von 30 Kandidatinnen, aus denen ein Mann seine Traumfrau wählen sollte.

Seit gut einem Jahr ist sie als Unternehmerin in eigener Sache tätig. Nowak verkauft ihre Nacktheit, verkauft Fotos, Filme und Fantasien im Internet an Männer, die dafür mindestens zwölf Euro im Monat bezahlen. Ihre Kunden, einige Hundert, sind fast ausnahmslos Männer.

Ein kalkulierter Tabubruch

Sie ist nun Teil einer Industrie, die im Jahr zig Milliarden Euro umsetzt, überwiegend mit Pornofilmen, überwiegend im Internet. Es gibt Dutzende Webseiten, einige der bekanntesten heißen YouPorn, Pornhub oder My Dirty Hobby.

Es gibt keine unabhängigen Statistiken, die dokumentieren, wie oft sie besucht werden. Die Daten der Anbieter besagen, dass jeder achte Deutsche regelmäßig Pornofilme sieht. Sie besagen, dass der Konsum weltweit von Jahr zu Jahr steigt, um 25 Prozent oder mehr, seit die Menschen wegen Corona viel Zeit zu Hause verbringen.

Der Kern aller Pornografie sei noch derselbe wie im antiken Pompeji, sagen Wissenschaftler. Sie sei ein Illusionstheater der Lüste, ein kalkulierter Tabubruch, der etwas Intimes öffentlich ausstelle. Mag sein, sagen Darsteller, Regisseure und Manager. Es zeige sich aber immer deutlicher, wie sehr das Internet alles verändert habe. Es habe einige gute Dinge hervorgebracht, das Geschäft allerdings auch immer extremer gemacht. Außerdem sei gerade eine Revolution im Gang.

Als Nowak geboren wurde, Ende der 90er-Jahre, schlichen vor allem Männer noch möglichst unauffällig durch Deutschlands Videotheken, in Abteilungen, die mit Sichtschutzwänden vom Rest des Ladens abgeschirmt waren. Dort standen Regale mit bunten Videokassettenhüllen, auf denen die Namen Teresa Orlowski, Dolly Buster oder Gina Wild standen, und Filmtitel, die sich seit Jahrzehnten kaum verändert hatten.

Nur wenige Jahre später begann Fabian Thylmann, ein Programmierer aus Aachen, ein Imperium aus Internetfirmen wie YouPorn und My Dirty Hobby, die Pornographie anboten, zusammenzukaufen. So wurde er im globalen Körperweltenbusiness das, was Mark Zuckerberg mit Facebook wurde. Ein Herr der Algorithmen, der die Bedürfnisse der Menschen vermaß und es wie niemand sonst verstand, daraus Geld zu machen.

Als Thylmann sich aus dem Geschäft zurückzog und Ende 2016 wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde, waren Pornofilme verfügbar wie nie zuvor, jederzeit abrufbar auf einem Smartphone. Alleine Thylmanns Webseiten hatten zig Millionen Nutzer, am Tag. Firmen, die das Geschäft lange beherrscht hatten, standen vor der Pleite.

Nun drängen Solounternehmerinnen in den Markt, Amateure, Models, Tausende Frauen wie Yma Louisa Nowak, manche gerade volljährig. Sie brauchen keine Entdecker mehr, keine Produktionsfirma, keine Regisseure, keine Manager. Sie brauchen vor allem die Bereitschaft, ihren Körper auszustellen, und ein Konto bei einem der neuen Internetdienste.

Diese Dienste heißen Fancentro oder Ismygirl, der bekannteste ist Onlyfans. Sie funktionieren ähnlich wie Instagram, Facebook und andere soziale Netzwerke. Allerdings zensieren sie Nacktheit nicht, diese ist Teil des Geschäftsmodells. Wer sie sehen will, muss ein Abonnement abschließen und, je nach Angebot, für Fotos und Filme extra zahlen. Die Preise legen die Frauen selbst fest.

„Ich hätte das sofort gemacht“

Die Betreiber versprechen ihnen ein großes Publikum und den Nutzern das Gefühl, jedem Star, jeder Frau mühelos nahekommen zu können. Man kann sie anschreiben, mit ihnen chatten und sie bitten, Wünsche zu erfüllen. Manche bieten an, ihre Kunden in der wirklichen Welt zu treffen, auch zum Sex.
In den USA ist Onlyfans inzwischen ein Massenmedium wie Instagram, der Dienst hat mehr als 90 Millionen Nutzer in aller Welt. Die Sängerin Beyoncé hat ihn in einem Song erwähnt, Superstars nutzen ihn, Künstler, Fitnessblogger, vor allem aber Erotikstars. Die Firma Fenix International Limited mit Sitz in London, die Onlyfans betreibt, behält 20 Prozent der Einnahmen, der Rest gehört den Frauen. Die anderen Anbieter regeln es ähnlich.

„Hätte es so was ein bisschen früher gegeben, ich hätte es sofort gemacht“, sagt die ehemalige Pornodarstellerin Lou Nesbit. Sie hat vier Jahre lang in deutschen Produktionen mitgespielt, im vergangenen Sommer stieg sie aus.
„Die Mädels reden in den Drehpausen nur noch über Onlyfans“, sagt der Berliner Regisseur Tim Grenzwert. Er spricht nur aus Gewohnheit in der Gegenwartsform. Corona hat dazu geführt, dass in Europa derzeit kaum eine Firma noch Filme produziert. In den USA, dem Zentrum der Branche, ist es ähnlich.

„Früher brauchten die Leute ein starkes Label, wenn sie Pornostars werden wollten. Heute vermarkten sie sich über Social Media selbst und können damit sehr erfolgreich sein“, sagt Walter Hasenclever. Hasenclever ist der Pressesprecher der internationale Erotikmesse Venus, sie gilt seit Jahrzehnten als größte Fachmesse der Sexindustrie und findet einmal im Jahr in Berlin statt.

„Hier habe ich meinen ersten Porno gedreht“

Die Trends, die die Manager und Verkaufsstrategen der Branche nennen, klingen wie aus dem Wahlprogramm der Grünen. Mehr Frauen, mehr Vielfalt, mehr Natürlichkeit. Auf den Gewinnerlisten der großen Branchenfilmpreise stehen regelmäßig Amateure. Bester Darsteller, beste Darstellerin International, beste Newcomerin.

Yma Louisa Nowak sagt, ihr Geschäft sei von Anfang an besser gelaufen, als sie gedacht hätte. Im Internet ist sie eine pralle Frau, die Männer mag, die gerne pralle Frauen mögen, Körbchengröße K. In der Weite eines Berliner Parks ist sie eine Frau in einem karamellfarbenen Anorak, die ihre Karriere plant.

„Gegen Geld natürlich“

Nowak sagt, sie müsse kein Superstar mit einer Million zahlenden Abonnenten werden wie manche Pornoqueen aus den USA. Im Moment hat sie rund 450 Kunden. Sie sagt, sie verdiene im Monat mindestens 2000 Euro, in guten Monaten bis zu 5000, netto. Die Abonnements seien ja nur der Grundpreis. Das eigentliche Geschäft mache sie mit den Trinkgeldern und Zusatzleistungen, die sich Männer von ihr wünschen können, „gegen Geld natürlich“.

Auszug aus Nowaks aktueller Preisliste. Bewertung von Geschlechtsteilen, als Fotos eingeschickt, fünf Dollar. Sexting, Chat und Fotos, zehn Dollar je zehn Minuten. Ganzkörperfotos, nackt, 15 Dollar. Girl Friend Experience, einen Tag lang Nachrichten, Anrufe, Fotos und Extrawünsche, 120 Dollar. Spezielle Wünsche auf Anfrage. Alles digital. Alle Preise inklusive Mehrwertsteuer.

Vorerst ist Nowak halb Intimfluencerin, halb Sexdienstleisterin, die in einer Zweizimmerwohnung mit barbiepinkfarbenen Wänden in Bewertungen, Sexnachrichten und Videos macht und die Illusion einer tageweise buchbaren Vertrauten verkauft.

Ihre Kunden sind mehr als Kunden, was sie sich heute wünschen, gibt es vielleicht morgen als Standardprodukt im Sortiment. Auf Instagram hat Nowak ein Konto, dem 24.000 Menschen folgen. Sie stellt dort Fotos ein, die nicht gegen die Richtlinien verstoßen, und bewirbt Sexspielzeuge und Cremes. Es ist gewissermaßen die Dauerwerbesendung für ihren Club der zahlenden Abonnenten.

Wenn Nowak in die Zukunft blickt, sieht sie vor allem Chancen. Dann sieht sie Frauen, die in kurzer Zeit mit ihren Körpern bekannt geworden sind und wohl auch reich.

Bonny Lang, 25 Jahre alt, war eine Mechanikerin aus Köln. Als der Autohersteller Ford ihren Vertrag nicht verlängerte, begann sie, auf Instagram mehr und mehr Fotos auszustellen, unter ihren knappen Trägershirts wölbten sich schwere Brüste. Seit Mai vergangenen Jahres betreibt sie ein Konto bei Onlyfans, angeblich verdient sie damit rund 40.000 Euro im Monat.

Hanna Secret, 25, Kindheit und Jugend in Elmshorn, wuchs als viertes von fünf Kindern in einem Haus mit großem Garten auf. Sie war Krankenschwester und gerade volljährig, als sie sich mit ihrem Freund im Bett filmte und das Video ins Internet stellte. Sie lebt inzwischen in Hamburg, dreht ausschließlich mit einem Freund und sagt, dass sie gerade zwei Häuser baut, um für später vorzusorgen.

Just Lucy, 27, früherer Künstlername Lucy Cat, lebte mit ihrer Mutter in Rostock. Sie begann mit 19, sich mit einem Freund beim Geschlechtsverkehr zu filmen, um ihr Logistikstudium zu finanzieren. Seit einigen Jahren ist sie auf den führenden Pornowebseiten einer der beliebtesten deutschen Stars. Auf Google haben in den vergangenen Jahren fast so viele Menschen nach ihr gesucht wie nach der Bundeskanzlerin.

Diese fünf Amateurinnen wurden in kurzer Zeit zu Stars

Yma Louisa Nowak sagt, sie habe in den vergangenen Monaten mehrere Anfragen von Produzenten bekommen, die sie für Pornofilme buchen wollten. Sie sagt, sie könne sich Sex vor einer Kamera gut vorstellen, es sei vielleicht der nächste Schritt. „Aber auf meine Art.“
Sie meint, dass sie die Kontrolle darüber behalten will, was sie macht und mit wem. Und dass sie niemanden braucht, der im Hintergrund mitverdient.

Nowak kennt Bonny Lang, Hanna Secret und Just Lucy nicht persönlich. Sie sind im selben Geschäft, bedienen aber unterschiedliche Nischen. Lang zeigt vergleichsweise wenig, die anderen verbergen wenig. Sie alle verbindet, dass sie als selbstbewusste Selbstständige auftreten, sich ihre eigenen Regeln geben und sich mithilfe sozialer Medien ein Leben geschaffen haben, das sie sich mit wenigen anderen Berufen leisten könnten.

Sie ist 22 und hat schon ein Leben hinter sich

Beispiele wie ihre sind der Grund, warum Berufsverbände, Soziologen und Kulturwissenschaftler von einer „Demokratisierung der Sexarbeit“ sprechen, von Selbstbestimmung und unternehmerischer Freiheit und ungeahnten Möglichkeiten. Sie sagen, es sei höchste Zeit gewesen. Allerdings wissen sie auch, dass auf jeden Mann und jede Frau, die Erfolg hat und davon gut leben kann, Tausende andere kommen, denen das nicht gelingt.

„Ich hab’ mich leider auf eine Art verkauft, die mir nicht bekommen ist“, sagt Lou Nesbit. Sie sitzt auf dem Sofa einer Dachgeschosswohnung in Magdeburg. Alles an ihr ist schmal. An die Wand hinter ihr sind große Schwarz-Weiß-Fotos von Marilyn Monroe tapeziert. Nesbit kommt in letzter Zeit wieder öfter in diese Wohnung, zu ihren Eltern, um im Zimmer ihrer Kindheit zu übernachten. Sie ist 22 Jahre alt und hat schon ein Leben hinter sich.

Nesbit war Pornodarstellerin, vier Jahre lang. Sie begann als eines von rund 120 Models der Filmfabrik des Produzenten John Thompson, Sitz in Berlin. Einige ihrer ersten Filme gehören zum Härtesten, was Europas Pornobranche anbietet, manches an der Grenze zu dem, was illegal ist.
Sie war 18, als sie sich mit einem Fremden in einem Hotelzimmer traf, in dem eine Kamera stand. Sie hatte sich auf einer Amateurseite My Dirty Hobby, der wohl bekanntesten im Internet, angemeldet. Dort hatte der Fremde sie gesehen, sich bei ihr gemeldet und sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, in Pornofilmen mitzuspielen.

Der Fremde war ein Darsteller, in der Branche bekannt. Nesbit war neugierig, also sagte sie zu. Sie sagte auch zu, als der Fremde sie nach Berlin einlud, um in einer professionellen Produktion mitzuwirken, mit Vertrag, wie er sagte, guter Bezahlung und allem, was dazu gehört. Der Fremde sagte, sie müsse dafür nur mit ihm schlafen und einverstanden sein, dass ein paar andere Männer um sie herumstehen und zusehen würden.
So geht die Geschichte, wie Nesbit sie erzählt, bei einem Treffen in Magdeburg und später in einem Videotelefonat. Was in Berlin passierte, findet man noch im Internet.

Eine Frau mit langen braunen Haaren, ihr Körper weiß wie Porzellan, liegt in einem gefliesten Raum mit Sofa, umringt von mehr als einem Dutzend Männern. Die Männer tragen schwarze Masken, schwarze Shirts mit einem Logo der Produktionsfirma, aber keine Hosen.

So fing es an, so ging es weiter. Jeder Film ein bisschen extremer als der vorige, mehr Männer, als Nesbit zählen konnte. Sie nannte sich Lia Louise, der Name sprach sich herum, er wurde zu einem Codewort. An manchen Tagen verdiente sie 1000 Euro, nach Steuern.

Diese ersten zwei Jahre sind der Grund, warum Nesbit im vergangenen Sommer ein Video ins Internet stellte, in dem sie ihren Ausstieg verkündete. Sie erklären, warum Nesbit heute ihre Haare abrasiert hat, Mützen trägt und Pullis, die wie Fahnen um ihren Körper wehen. Sie versteckt ihre Weiblichkeit, ihr neuer Kunstname könnte ebenso gut der eines Mannes sein, Lou. Sie hat ein Studium begonnen. Auf Sex, sagt sie, „habe ich eigentlich keine Lust mehr“.

Ihre Geschichte scheint sich wie das Teilchen eines Puzzles nahtlos in ein größeres Ganzes zu fügen. Es gibt Medienberichte, Biografien ehemaliger Darstellerinnen und Dokumentarfilme. Sie handeln von einer Industrie, in der Frauen wie ein Stück Ware herumgereicht werden, bis etwas in ihnen zerbricht. Die Filmdokumentation „Hot Girls Wanted“ etwa zeigt, wie Männer auf einschlägigen Internetportalen gezielt nach gerade volljährigen Frauen suchen und sie mit Versprechungen und Halbwahrheiten in ein Geschäft locken, dem sie nicht gewachsen sind.

Die beiden Männer, mit denen für Nesbit alles begann, passen perfekt in dieses Bild. Darstellerinnen, Regisseure und Produzenten erzählen in vertraulichen Gesprächen über den Darsteller Don John und den Großproduzenten John Thompson von ähnlichen Erfahrungen wie Nesbit. Zudem hat ein Münchener Gericht Thompson vor Jahren wegen der Herstellung und Verbreitung von Gewaltpornografie zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Sie beide sagen, Nesbit habe nur das getan, was sie selbst wollte.
„Ich war damals einfach zu jung und zu naiv“, sagt Lou Nesbit in ihrem alten Kinderzimmer. Sie sagt, sie habe am Anfang nicht begriffen, auf was sie sich einließ. Sonst hätte alles auch ganz anders laufen können. Es kommt ihr so vor, als hätte sie im Zeitraffer die beiden Extreme des Geschäfts durchlebt. Von beidem ist etwas geblieben.

Die ungeküsste Zweite

Nesbit erzählt von Tagen, an denen sie auf sich blickt wie auf eine rätselhafte Fremde; von Nächten, in denen Erinnerungen an die erste Zeit sie bedrängen; von ihrer Therapie.

Sie erzählt aber auch davon, wie sie nach zwei Jahren anfing, mit anderen Produzenten zusammenzuarbeiten, von Dreharbeiten, die sie zum Lachen brachten; von Kolleginnen, mit denen sie sich anfreundete; und Kollegen, die sie wie eine begehrenswerte Frau behandelten. Vor allem erzählt sie von einem, mit dem sie damals zum ersten Mal erfuhr, wie sich Liebe anfühlt. Er, Pornodarsteller wie sie, mehr als 30 Jahre älter als sie, wurde der Mann in ihrem Leben. Er ist es bis heute.

Als dann die Erinnerungen an die erste Zeit zurückkamen, sagt sie, hielt sie sich nicht mehr aus und hörte auf.

Wenn man Nesbit fragt, warum sie sich erst vor Livekameras im Internet, dann in Pornofilmen nackt zeigen wollte, spricht sie von einer glücklichen Kindheit und einer unglücklichen Jugend. Sie war die beste Freundin der Mädchen, hinter denen die meisten Jungs her waren, die unsichtbare Zweite, ungeküsst und in der Schule verspottet. Irgendwann fing sie an, sich im Internet Männer zu suchen, mit denen sie Affären hatte. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass sie nach Bestätigung suchte.

In diesem Punkt ähnelt ihre Antwort der, die Yma Louisa Nowak an einem verschneiten Berliner Vormittag auf dieselbe Frage gibt. Sie gleicht dem, was Hunderte Deutsche, Frauen und Männer sagen, die Pornofilme machen, einmal oder regelmäßig.

Wie Nowak sagt Nesbit, sie mochte den Gedanken, dass Männer sie ansehen und sie vor ihren Computern begehren. Sie sagt, eine Frau könne Spaß an Sex mit Männern haben, die sie kaum kenne, auch vor einer Kamera. Sie sagt, die Pornobranche sei weder gut noch böse. In ihr arbeiteten viele gute Menschen und einige weniger gute, wie in anderen Berufen. Das Problem der Industrie, sagt Nesbit, sei ein ganz anderes.

Es ist schwierig, sich Stellungen, Praktiken oder Rollenspiele vorzustellen, die man auf den Internetseiten der Pornoanbieter nicht findet. Manches gibt es, seit es Pornofilme gibt, manches ist neu.

Es gibt Filme von Frauen für Frauen, Großstadtpornos, queere Pornos, politische Pornos. Sie zeigen Menschen und ihre Sexualität, viele haben eine Handlung, haben Pointen, manche haben Erfolg. Auf den Internetseiten der Anbieter tippen die Deutschen kaum ein Wort so oft in die Suchmaschine wie das Wort „Amateure“. All das meinen die Verkäufer der Branche, wenn sie sagen, ihr Publikum wolle mehr Frauen, mehr Vielfalt, mehr Natürlichkeit.

Ein Spiegel der Gesellschaft

„Das Angebot ist ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Madita Oeming. Sie ist Mitte 30 und Teil eines kleinen Kreises von Wissenschaftlern in Deutschland, die die Wirkung und Wahrnehmung von Pornografie erforschen. Sie sagt, Pornografie bringe die Menschen in eine Welt der Fantasien, die sie nun einmal hätten, aber selten offen aussprächen.
Auch deshalb sieht Oeming eine große Hoffnung darin, dass mehr Menschen sich Pornos ansehen, es Angebote wie Onlyfans gibt, Frauen, die sich behaupten wollen, und neue Regisseure, die das zulassen.

Allerdings haben sich in der klassischen Pornoindustrie, die ihr Zentrum im San Fernando Valley hat, einem Talkessel nahe Los Angeles, ganze Genres etabliert, die Sex wie Gewalt aussehen lassen, sie heißen Hardcore oder Gonzo. Manche Filme verwischen die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit, inszeniertem Machtspiel und Verbrechen. Diese Filme haben ein wachsendes Publikum. Lou Nesbits erste Produktionsfirma, die Firma von John Thompson, ist nicht nur eine der umstrittensten in Europa, sie ist auch international erfolgreich.

Das ist der Grund, warum Darstellerinnen und Regisseure sagen, ihr Geschäft werde extremer. Was vor einigen Jahren noch als Nischenprogramm für einige hartgesottene Fans galt, verfilmte Gewaltfantasien und einiges mehr, sei heute fast schon Standard, sagt Tim Grenzwert, der Berliner Regisseur.

Lou Nesbit sagt, sie habe sich kürzlich einen ihrer frühen Filme angesehen. Sie habe sich gefühlt wie jemand, der auf der Autobahn an einem schweren Unfall vorbeifährt und seinen Blick nicht abwenden kann. Und wenn man zusammenfasst, was Forscher wie Madita Oeming und Psychologen sagen, dann ist das zumindest Teil einer Erklärung.

Wer früher in eine Videothek ging, wollte vermeiden, in der Abteilung für Erwachsenenunterhaltung von Bekannten, Nachbarn oder Arbeitskollegen gesehen zu werden. Die Beschaffung eines Pornofilms war Teil des Gefühls, einer verbotenen Versuchung nachzugehen.

Dieser Reiz ist im Zeitalter des Internets verschwunden. An seine Stelle sind andere Reize getreten. Immer jüngere Darstellerinnen zum Beispiel. Frauen, die die eigene Nachbarin sein könnten. Oder Praktiken, die so ungehörig erscheinen, dass die Zuschauer sie mit einer ähnlichen Mischung aus Abscheu und Faszination betrachten wie Lou Nesbit ihre alten Filme.
„Pornografie ist Grenzüberschreitung, das ist sie immer gewesen“, sagt die Forscherin Oeming. Allerdings gebe es einen entscheidenden Unterschied zwischen der Fantasie der Menschen und der Wirklichkeit. Zwischen dem Sex, den sie sehen oder von dem sie lesen wollten, und dem, den sie haben wollten.

Wie Oeming es sieht, ist die von professionellen Darstellern inszenierte Rohheit nicht die eigentlich bedenkliche Entwicklung.

Die steigende Nachfrage hat zur Folge, dass die Produktionsfirmen mehr und mehr Filme produzieren. Viele Filme stellen sie, ganz oder auszugsweise, kostenlos ins Internet.

Es ist der Grund, warum Regisseure erzählen, wie die Budgets für ihre Filme schmaler und schmaler werden.

Es erklärt auch, warum Madita Oeming sagt, die Massenproduktion und Gratiskultur entwickle sich zunehmend zu einem Problem, vor allem für Tausende Frauen. Wenn Filme nichts kosteten, sagt sie, dann signalisierten sie den Zuschauern, sie hätten keinen Wert. Dann hätten auch die Menschen keinen Wert, die in diesen Filmen mitspielten. „Das Ergebnis“, sagt Oeming, „ist eine merkwürdige Doppelmoral.“

Die Deutschen sehen wie selbstverständlich Pornos. Viele melden sich bei Produktionsfirmen, um selbst mal in einem Film mitzuspielen, oder laden Videos aus dem eigenen Schlafzimmer ins Internet. Doch über die Darsteller und die Branche sprechen sie oft wie über etwas, das sie nicht anregend finden, sondern abstoßend.

Am Ende ist es diese Erfahrung, die Amateure und die Profis miteinander verbindet; die neuen Unternehmerinnen wie Yma Louisa Nowak und junge Frauen, die Filme machen wie Lou Nesbit. Die neue und die alte Pornoindustrie mit ihren großen Studios; Regisseure wie Tim Grenzwert, die Filme mit Humor und einer Erzählung machen und ihre Darstellerinnen gut behandeln wollen, und Produzenten wie John Thompson.

Sie alle haben eine Entscheidung getroffen, die ihrem Leben eine bestimmte Richtung gegeben hat und die nicht rückgängig zu machen ist, wie sie sagen.

Sie verstecken ihre Leben hinter Kunstnamen. Sie haben Freunde oder Ehefrauen, die wie sie in der Branche arbeiten, weil sie sich vor ihnen nicht für ihren Beruf rechtfertigen müssen. Haben Freunde oder Eltern, die nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Sie kennen Kolleginnen, die frühere Jobs verloren oder neue Jobs nicht bekommen haben, weil sie einige Zeit lang Geld mit ihren Körpern verdient haben. Sie erleben, dass „Stars zum Anfassen“ in ihrem Beruf keine abgenutzte Floskel von Marketingmenschen ist, sondern ein Versprechen an ihr Publikum, dem sie jeden Tag gerecht werden müssen.

Ein großer Wettbewerb

„Ich habe es mir gut überlegt“, sagt Yma Louisa Nowak. Hinter ihr ziehen Väter ihre Kinder auf Schlitten durch den Park. Man kann sich in ihr täuschen, wenn man nur die mädchenhafte Frau in ihr sieht, als die sie sich für ihre Kunden inszeniert. Nowak sagt, im Moment läuft es gut für sie, aber es kann in ihrem Geschäft schnell aufwärts gehen und schnell abwärts. Sie fragt sich manchmal, ob man seine Zukunft auf die Zahlungsbereitschaft weniger Hundert Abonnenten bauen kann. Auf die Treue von Männern, die sie nicht kennt.

Sie konkurriert nun mit Frauen, die ähnliche Pläne haben wie sie, fast jeden Tag werden es mehr.

Sie muss sich mit Pornodarstellerinnen messen, die derzeit keine Aufträge haben und sich zu Hause mit ihren Partnern filmen.

Sie steht im Wettbewerb mit jungen Ehefrauen und Müttern aus Amerika oder Venezuela, die wegen Corona ihre Jobs als Kellnerin, Krankenpflegerin oder anderen Berufen verloren haben, in denen überwiegend Frauen arbeiten.

Nowak weiß, dass einige wenige Frauen großen Erfolg haben, andere ein Einkommen. Sie kennt die Berichte amerikanischer Medien. Sie handeln von Frauen, die ein paar Hundert Dollar gewinnen und viel verlieren. Denn sie erleben, dass ihre Nacktheit im Netz ein Makel in ihrem Lebenslauf ist. Er verschwindet nicht, wenn sie versuchen, eine neue Stelle zu bekommen.
„Ich mache meinen Job, weil er mir Spaß macht“, sagt Nowak. Sie sagt, für sie sei Intimität nicht, sich nackt zu zeigen, sondern sich lange mit jemandem zu unterhalten und das Gefühl zu haben, verstanden zu werden.
Ein unheimlicher Gedanke

Sie sagt, sie habe seit einigen Wochen einen Freund, die erste echte Liebe. Sie sagt, er sei der erste Mann, mit dem sie sich ein Leben vorstellt, Ehe, Kinder, Haus mit Garten. „Ganz spießig halt.“ Vielleicht, sagt Nowak, würde sie mit ihm Pornofilme drehen. Sie hätten noch nicht darüber gesprochen, aber er sei mit ihrem Job einverstanden.

Sie nestelt ihr Handy aus der Tasche, kontrolliert die Uhr, kontrolliert ihren Kundenchat und sagt, dass viel Arbeit auf sie wartet. Sie wird ein Taxi rufen, sich nach Hause fahren lassen, ihre Wohnungstür öffnen, durch jedes Zimmer streifen und kontrollieren, ob irgendetwas anders ist, als sie es zurückgelassen hat.

Sie sagt, sie habe manchmal Angst. Angst, dass ein Fremder in ihrer Wohnung steht, der Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten kann.

Reichelt in der „Zeit“: „Das ist jetzt richtig spannend, oder?“

Seit dem Bekanntwerden eines laufenden Compliance-Verfahrens gegen Julian Reichelt, zeigte sich der „Bild“-Chefredakteur nach außen hin ziemlich wortkarg. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ kommt Reichelt jetzt selbst zu Wort. Demnach erzählt er, dass er sich erstmals in seinem Leben einen Anwalt genommen habe und gerade eine eidesstattliche Versicherung ausarbeiten lasse, in der er erkläre, seine Macht niemals gegenüber Mitarbeiterinnen missbraucht zu haben.

Die beiden „Zeit“-Reporterinnen Cathrin Gilbert, Hannah Knuth und ihr Kollege Holger Stark lassen in ihrem Text einige Für- und Widersprecher Reichelts zu Wort kommen und sprechen von mehreren Frauen, deren Fälle derzeit von Anwälten der Kanzlei Freshfields untersucht werden. Man habe sie um ein Gespräch gebeten, „sich aber entschieden, weder Namen noch Details gegen ihren Willen offenzulegen“, so die „Zeit“ weiter. Zudem heißt es, die Vorwürfe von strukturellem Machtmissbrauch ließen sich „weder be- noch widerlegen“. Einige der Frauen hätten dem Vernehmen nach zwar belastende Indizien vorgelegt, beharrten aber auf ihrer Anonymität.

Geschildert wird in dem Artikel außerdem der Moment, in dem Reichelts Handy während des „Zeit“-Besuchs im Springer-Hochhaus vor etwas mehr als einer Woche klingelt. Wörtlich heißt es: „Eine Mitarbeiterin ist dran, sie will ihn offenbar informieren, dass sie zu ihren Erfahrungen mit ihm befragt werden soll. Er erwidert, es sei wichtig, dass sie die Wahrheit sage, über seine netten und nicht so netten Charakterzüge. ‚Bloß nichts weglassen‘, sagt er. Sie solle nicht an sich zweifeln. Sie sei da, wo sie ist, weil sie gut sei – und nicht weil jemand sie grundlos gefördert habe. ‚Hast du das verstanden?‘ Er wirft das Handy wieder auf den Tisch.“

Reichelt berichtet außerdem vom Anruf seiner Schwester, die ihn nach der Veröffentlichung der Berichte über ihn gefragt habe, was los sei. „Er stützt den Kopf in die Hände“, schreibt die Zeit. Und weiter: „Reichelt weiß, dass er als Bild-Chef vielen Menschen wehgetan hat, auch intern. Er sagt, halb tastend, halb linkisch: ‚Das ist jetzt richtig spannend, oder?'“
Reichelt vorübergehend freigestellt

Am vergangenen Wochenende war bekannt geworden, dass Julian Reichelt für den Zeitraum der Untersuchung freigestellt worden ist. „Axel Springer hat immer und sehr grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen“, erklärte der Verlag in einer Stellungnahme. „Wenn aus Gerüchten über andere Personen konkrete Hinweise von Betroffenen selbst werden, beginnt das Unternehmen – wie im aktuellen Fall – sofort mit der Aufklärungsarbeit.“

Springer denkt derweil laut „Zeit“ bereits über einen „Neustart“ nach, wie es die Wochenzeitung formuliert. „Eine offene, auch schmerzhafte Diskussion über eine bessere Unternehmenskultur soll die Zeitung verändern – ob mit oder ohne Julian Reichelt“, heißt es. Längst wird auch schon über mögliche Nachfolger spekuliert. „Die Zeit“ nennt Claus Strunz, Gabor Steingart und „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Alexandra Würzbach. Letztere hat vorübergehend die „Bild“-Leitung übernommen – und eine durchaus bemerkenswerte Vergangenheit, wie das „Bildblog“ vor vielen Jahren notierte.

Reform des Urheberrechts – jetzt droht eine Verfassungsklage

Noch in dieser Legislaturperiode soll das reformierte Urheberrecht vom Bundestag verabschiedet werden. Nach zahlreichen Kompromissen geht ein Entwurf bald in die erste Lesung. Doch die Kreativbranche übt weiter massive Kritik an Ausnahmeregelungen.

Wenn es nach der Bundesregierung ginge, würde sie die anhaltende Debatte über die Reform des Urheberrechts, die sich seit Jahren hinzieht, wohl schnell beenden. Und den nun fertigen Gesetzesentwurf aus dem Justizministerium, der Ende März in die erste Lesung im Bundestag geht, durchwinken. Falls es so kommt – und da es auch im Bundestag wenige ausgewiesene Medienpolitiker gibt, die im Dickicht des Urheberrechts noch Durchblick haben oder haben wollen, spricht einiges dafür –, müsste die Regierung mit Verfassungsklagen der Kreativindustrie rechnen.

Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI), kündigte am Donnerstag in einem Pressegespräch einen solchen Schritt an. Teile des Gesetzesentwurfs verletzten das Verfassungsrecht. Sein Protest richtet sich auch und vor allem gegen eine sogenannte Bagatellregel, nach der künftig Ton- und Videoausschnitte von bis zu 15 Sekunden Länge auf digitalen Plattformen hochgeladen werden dürften. Solche Ausschnitte fielen dann in eine Kategorie „geringfügige Nutzung“. Eine solche Ausnahmeregelung, die beispielsweise auch für Textlängen von bis zu 160 Zeichen gälte, ist in der EU-Richtlinie, auf der die deutsche Reform fußt, allerdings gar nicht vorgesehen.

Was den Autoren des Entwurfs im Justizministerium als geringfügig erscheint, ist nach der Erfahrung der Rechteinhaber und -verwerter ein großes Ding. In der Musikindustrie ist es beispielsweise die Plattform TikTok, die mit sehr kurzen Videos mit Musik, die Nutzer dort hochladen, allein in Europa mehr als 100 Millionen Menschen im Monat erreicht.

Ein weiteres Beispiel: Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers, der sich mit dem Gesetzesentwurf auseinandergesetzt hat, verweist auf Torszenen von Fußballspielen, die in der Regel nicht länger als 15 Sekunden dauern. Diese Szenen seien nur für sehr kurze Zeit verwertbar, also für Rechteinhaber, die für Sportlizenzen viel Geld bezahlen, zu monetarisieren. Bereits eine Woche nach einem Spiel sei das Eigentum an einer Torschuss-Szene annähernd wertlos. Möllers sagte, er habe „harte verfassungsrechtliche Einwände“ gegen den Gesetzesentwurf.

Ein weiteres schwerwiegendes Argument nannte Mark Chung, der den Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT) vertritt. Das Gesetz zwinge die Rechteinhaber in eine „Zwangskollektivierung“, sagte Chung, der in den 90ern Bassist und Manager der Einstürzenden Neubauten war. Er verwies darauf, dass Rechte an Musiktiteln künftig nicht mehr von den Rechteinhabern – darunter nicht nur Musiklabels, sondern auch viele Künstler, die ihre Rechte in Eigenregie verwerten –, sondern nur noch von Verwertungsgesellschaften wahrgenommen würden. Diese Regelung sei „weltfremd“, denn sie entziehe den Künstlern die Möglichkeit, frei mit den digitalen Plattformen zu verhandeln. Dass über den ausschließlichen Weg der Verwertungsgesellschaften mehr Geld an Künstler fließe, sei nicht zu erwarten.

Von einer „Beschädigung der Lizenzarchitektur“ sprach in diesem Zusammenhang Florian Drücke. Er erwarte, dass der Bundestag die Schwachstellen des Entwurfs korrigiere oder später auch der Bundesrat einschreite. Ähnliche Kritik an einem „unausgegorenen“ Entwurf äußerten Martin Moszkowicz, Vorstandschef der Constantin Film AG, im Namen der Produzentenallianz. Und Claus Grewenig von der Mediengruppe RTL Deutschland im Namen der im Verband Vaunet organisierten privaten Rundfunksender.

Das Geschäftsmodell für die Verbreitung beispielsweise von Nachrichten- und Sportvideos nannte Grewenig als gefährdet; für eine Demokratie elementare Konzepte von Eigentum würden außer Kraft gesetzt. Funktionierende Standards gegen die Verhinderung von Filmpiraterie würden durch den Entwurf „verwässert“, ergänzte Moszkowicz, auch ein kompliziertes Beschwerdeverfahren werde nicht helfen.

Er befürchte ein „bürokratisches Monster“, das Plattformen wie YouTube am Ende sogar bevorteile. Das ernüchternde Fazit von VUT-Chef Mark Chung: „Netzpolitiker der SPD und das Justizministerium haben es geschafft, die europäische Richtlinie zum Vorteil der Plattformen umzudrehen.“

Wer steckt hinter der „Epoch Times“?

Sie ist im Internet omnipräsent. Sie sieht aus wie eine seriöse Zeitung, ist es aber nicht: Was steckt hinter dem Phänomen der „Epoch Times“?

Wer sich hin und wieder im Internet umtut, der hat sich womöglich schon einmal gefragt, was es eigentlich mit der „Epoch Times“ auf sich hat. Allgegenwärtig scheint dort die Zeitung, die verspricht, „ehrlichen und unabhängigen Journalismus“ zu liefern, und die doch ganz offenbar ein Anliegen hat: die Verteufelung der Kommunistischen Partei Chinas, die Lobpreisung Donald Trumps und die Bestärkung ultrakonservativer Anliegen.

Ganz besonders präsent ist in ihren zahllosen Werbespots ein junger Mann namens Roman Balmakov, der dort mit der Zeitung wedelt: „Hallo, ich habe einen tollen Artikel in der ,Epoch Times‘ gefunden!“ Auf manche mag er mit seiner Hollywood-Journalisten-Garderobe und der Kombination aus harmlosem Habitus und wichtigtuerischen Gesten wie eine Kreation aus „Saturday Night Live“ wirken. Aber tatsächlich ist Balmakov das Gesicht eines sehr einflussreichen Medienkonzerns mit chinesischen Wurzeln.

Das Blatt selbst wirkt auf den ersten Blick wie eine traditionelle Zeitung, die sich optisch einen betont seriösen Anstrich gibt. Wer den Newsletter der Publikation abonniert, wird mit fünf bis sieben E-Mails täglich bombardiert: „Lara Trump hält Trumps Kandidatur 2024 für wahrscheinlich“, „Uni-Mitarbeiter kündigt wegen Rassismus gegen Weiße“ und immer wieder Meldungen, die Covid-Impfungen gezielt in Frage stellen: „Die größten Skeptiker der Covid-Impfungen? Medizinisches Personal an der Front“ oder „39-jährige gesunde Mutter in Utah stirbt nach zweiter Moderna-Impfdosis“ oder „Zwischenfall-Bericht über 966 Todesfälle nach Covid-Impfung“.

500 gefälschte Facebook-Konten

Dass die „Epoch Times“ gezielt ihre Struktur, Finanzen und publizistischen Verbindungen verschleiert, machte sie kürzlich zum Objekt eines Beitrags in der „Shadowland“-Reihe des Magazins „The Atlantic“, die Desinformationsphänomene unter die Lupe nimmt. Interviewanfragen lehnt die Redaktion der „Epoch Times“ ab, der unangemeldete Besuch eines Reporters der „New York Times“ in der Zentrale in Manhattan zog Drohungen eines Anwalts nach sich.

Im August 2019 blockierte Facebook jedwede Werbung der „Epoch Times“, die seit Jahresbeginn dort elf Millionen Dollar ausgegeben und mehr in Pro-Trump-Spots investiert hatte als jede andere Gruppierung außerhalb der Trump-Kampagne. Vorausgegangen war ein NBC-Bericht, dem zufolge der Verlag seine Spots unter Etiketten wie „Honest Paper“ und „Pure American Journalism“ gepostet hatte – ein Verstoß gegen Facebooks neue Transparenzregeln.

Im Dezember 2019 wurde ein mit der „Epoch Times“ im Zusammenhang stehendes Netzwerk namens „The BL“ (für „Beauty of Life“) von der Plattform genommen, das gefälschte Profile von Trump-Unterstützern mit Agenturbildern und künstlich generierten Nutzerfotos gepostet hatte. Das Netzwerk, das mehr als sechshundert Konten umfasste, hatte nach Facebooks Angaben 55 Millionen Follower. Im vergangenen Jahr wurden weitere fünfhundert gefälschte Facebook-Konten von einem Unternehmen namens „Truth Media“ gesperrt, die als afroamerikanische Trump-Unterstützer posierten und ebenfalls mit der „Epoch Times“ in Verbindung gebracht wurden. Diese wies die Vorwürfe mit der Behauptung von sich, all dies gehe auf „ehemalige Mitarbeiter“ zurück – darunter die „Epoch Times Vietnam“, die angeblich ihre Verbindungen zur Epoch Media Group gelöst hat.

Gegründet wurde die „Epoch Times“ im Jahr 2000 von John Tang in Atlanta, einem Falun-Gong-Anhänger, der bis heute Verleger der Zeitung und außerdem Betreiber der „Epoch Media Group“ ist, zu der auch der Fernsehsender „New Tang Dynasty“ (NTD) gehört. Tangs kostenloses Blatt prangerte die Falun-Gong-Verfolgung durch die chinesischen Behörden an; die Leserschaft bestand vor allem aus Exil-Chinesen und chinesischstämmigen Amerikanern. Aber 2016 stellte man sich neu auf. Man positionierte sich als unabhängige westliche Publikation mit Affinität zu Donald Trump und erschloss sich die Marketingmacht und Verschleierungsfreundlichkeit der sozialen Netzwerke. In nur fünf Jahren wurde das Blatt zu einem internationalen Phänomen.

Die Lehre von Falun Gong

Die „Epoch Times“ bestreitet, mit Falun Gong in Verbindung zu stehen. Aber auf einer vom „Atlantic“ veröffentlichten Falun-Gong-Website stehen Erfahrungsberichte von Praktizierenden, die Anhänger bei der „Epoch Times and NTD Experience Sharing Conference“ zum Besten gaben – darunter auch ein Reporter der „Epoch Times“ namens Ivan Pentchoukov, der berichtet, wie er vom Glauben abfiel und in Schwierigkeiten geriet. Diese seien „auf wundersame Weise verschwunden“, als er zur „Epoch Times“ zurückkehrte. Vielfach ist auf der Seite die Rede von „Wundern“, die geschehen, wenn man nur auf die Lehren vom „Meister“ vertraut.

Falun Gong, auch Falun Dafa, ist eine Meditationslehre zur moralischen Selbstverbesserung, 1992 von dem gebürtigen Chinesen Li Hongzhi in Anlehnung an die uralte Meditationslehre Qi Gong ins Leben gerufen. Medienberichten zufolge lehnen ihre Mitglieder unter anderem Homosexualität, ethnische Mischehen und moderne Medizin ab; „energetische Felder“, die angeblich aktiviert werden, wenn man Falun Gong praktiziert, schützten etwa vor einer Infektion mit dem Coronavirus. 1999 verbot die chinesische Regierung nach einem öffentlichen politischen Protest von zehntausend Falun- Gong-Mitgliedern die Bewegung und begann, ihre Anhänger brutal zu verfolgen.

Li Hongzhi, der sich selbst als „höheres Wesen“ bezeichnet und dessen Jünger ihn „Meister“ nennen, residierte damals schon im amerikanischen Bundesstaat New York; von einem Anwesen namens Dragon Springs aus, der Zentrale von Falun Gong, wo auch die international bekannte Tanztruppe Shen Yun ihre Ausbildungsstätte hat, verbreitet Li Botschaften wie die im März vor einem Jahr zur Corona-Pandemie, dass „Plagen und Pestilenzen von den Göttern arrangiert“ seien. „Wenn Menschen in ihren Herzen korrupt werden, generieren sie Karma, werden krank und erleiden Unheil.“

Wie sich ein Schweizer Magazin gegen alle Trends behauptet

DIN-A5-Format, kein Cover-Foto, einfarbige Umschläge, seitenlange Texte. Auf dieses Konzept setzt das Schweizer Magazin „Reportagen“ – und feiert 2021 dennoch sein zehnjähriges Bestehen. Anlass genug, sich die Entwicklung des Print-Sonderlings genauer anzuschauen.

Es hat sich in den ersten drei Jahrzehnten seines Lebens nicht wirklich angedeutet, dass Daniel Puntas Bernet mal ein Print-Magazin herausgeben wird. Auch nicht, dass er überhaupt Journalist werden würde. Lehre zum Kaufmann, Devisenhändler, Tennis-Manager – nur einige der Jobs im Lebenslauf des Schweizers. Vor allem aber war Puntas Bernet lange Zeit nicht sehr am Lesen interessiert. Erst mit Ende 20 machten Pablo Neruda, Erich Fromm und Aldous Huxley den Nichtleser nach und nach zum Vielleser. Heute ist er Gründer und Chefredakteur eines Magazins, das seine Leser*innen in langen Texten in alle Ecken der Erde entführt: „Reportagen“.

2021 feiert das Unternehmen aus Bern zehnjähriges Bestehen: Am 26. Oktober 2011 erschien die erste Ausgabe, seitdem gibt es sechs Exemplare im Jahr. Knallbunte Cover, keine Fotos, dafür lange Reportagen, Infografiken und Illustrationen. Inzwischen liegt die Auflage bei 19.500 Exemplaren, 12.500 Leser*innen haben ein Abo. Ein langsam wachsendes, aber treues Publikum. Hierzulande ist das Magazin noch nicht über die Nische hinausgekommen: „Wir haben den deutschen Markt noch nicht geknackt“, sagt Puntas Bernet. Lediglich 25 Prozent der Auflage wird in Deutschland und Österreich vertrieben. Dabei ist relativ klar, woran es hapert. Doch dazu später mehr.

Zwei Erkenntnisse sorgten für Vertrauen ins Projekt

Nach einem Südamerika-Trip, bei dem er in Chile auch auf den Spuren Nerudas wandelte, beschloss Puntas Bernet, deutsche und spanische Literatur zu studieren – mit Anfang 30. Wenige Jahre später zog ihn die Gattung Reportage in ihren Bann. Anfang des Jahrtausends wurde er Reporter, 2004 Redakteur im Ressort „Hintergrund“ der „NZZ am Sonntag“. Die ersten Jahre schrieb er Reportagen, später wechselte er in die Wirtschaftsredaktion des Wochenblatts. So weit, so gut – eigentlich. „Mit der Zeit wurde ich vom feurigen Reporter zum gelangweilten Redaktor. Ich wurde sesshaft, bequem und praktisch.“ War es das schon, fragte sich Puntas Bernet, damals Mitte 40, in dieser Phase journalistisch viel mit Startups beschäftigt – mit Gründer*innen, ihren Ideen und deren Begeisterung. Davon, sagt er, ließ er sich anstecken. Gab das sichere Redakteursgehalt auf, überzeugte Investoren und gründete „Reportagen“. Ein Magazin, dessen Konzept heute aus der Zeit gefallen wirkt: DIN A5-Format, kein herausstechendes Cover, Texte, die man nicht so eben im Vorbeigehen lesen kann, Fokus rein analog.

Die erwartete Flughöhe erreichte das Projekt zunächst nicht. Die Marktdurchdringung verlief langsamer als erhofft, auch die Abo-Zahlen gingen nicht schnell nach oben. Trotzdem, das Magazin wuchs kontinuierlich. „Unsere Abo-Kurve ist atypisch“ sagt Puntas Bernet. „Die Entwicklung hin zur aktuellen Abonnenten-Zahl bildet einen ziemlich exakt linearen Verlauf.“ Keine Einbrüche, aber auch keine Schübe. Noch wichtiger: Die Abonnent*innen waren jünger als erwartet, ein beachtlicher Anteil unter 30 Jahre alt. „Zu sehen, dass ein fast altmodisches Konzept, bei jungen Leuten funktioniert, war eigentlich die entscheidende Erkenntnis“, so Puntas Bernet. Eine Entwicklung, die sich über die Jahre festigen sollte: Laut den Mediadaten für 2021 besteht die Leserschaft zu etwa 27 Prozent aus 14- bis 34-Jährigen, 38,5 Prozent sind zwischen 35 und 54 Jahre alt, der Rest ist über 55.

Neben den internationalen Inhalten, dem Fokus auf Text sowie guten Autor*innen sei seine Unabhängigkeit ein Faktor, wodurch sich das Magazin im deutschsprachigen Markt abhebe. Das sagt Professor Matthias Künzler von der Fachhochschule Graubünden, dessen Expertise im Journalismus und im Schweizer Mediensystem liegt. „Das Magazin gehört keinem großen Medienkonzern an und wird nicht als Wochenendbeilage verschenkt. Dadurch wirkt es authentisch, ist ein Unikat“, so Künzler gegenüber MEEDIA.

„Reportagen“ ist ein als Aktiengesellschaft notiertes Unternehmen, neben Puntas Bernet sind die Investoren Miteigentümer. Mit der Unabhängigkeit des Magazins beiße sich das nicht: „Kein Aktionär hat sich in zehn Jahren je in inhaltliche Dinge eingemischt“, sagt er. Null Einflussnahme, zu 100 Prozent unabhängig. „Es sind keine Investoren wie im Privat-Equity-Markt, die übermorgen eine Rendite von 20 Prozent haben wollen, vielmehr haben sie einen langen Atem und wollen etwas bewirken.“ Investment für eine gute Idee.

Allerdings ist es nicht nur die pure Freude an einem Nischenprodukt, sondern auch die Hoffnung, dass das Unternehmen irgendwann auf eigenen Füßen steht. Im Jahr 2020 machte „Reportagen“ einen Umsatz von 1,6 Millionen Schweizer Franken. Schwarze Zahlen. „Aber es ist nicht so, dass wir Dividenden ausschütten oder Schulden begleichen können“, sagt Puntas Bernet.

Relotius, Corona und der Einbruch des Anzeigenmarkts

Über die Jahre entwickelte sich das Magazin stetig weiter: Live-Events, seit Beginn ein Marketing-Hebel, sorgten für Aufmerksamkeit, die Abos kraxelten in den hohen vierstelligen Bereich und den Break-even erreichte das Magazin nach knapp sechs Jahren. Dann kam Claas Relotius. „Reportagen“ hatte bis dato fünf Geschichten des Ex-„Spiegel“-Redakteurs abgedruckt. Für das Stück „Der Mörder als Pfleger“, welches zuerst im Schweizer Magazin erschien, wurde Relotius 2014 gar von der CNN als „Journalist of the Year“ ausgezeichnet. Der weitreichende Betrug, den der „Spiegel“ kurz vor Weihnachten 2018 publik machte, glich einem Erdbeben in der Medienbranche. Und er brachte den Kern von „Reportagen“ ins Wanken: die faktenbasierte Erzählung. Das Magazin hätte geschwächt aus dem Fälschungsskandal herausgehen können. Doch das Team recherchierte alle Fehler in den von Relotius abgedruckten Texten, veröffentlichte die Korrekturen und entschuldigte sich bei der Leserschaft. Der Chefredakteur sagt: „Der Skandal hat dem Magazin nicht geschadet. Vielleicht auch, weil wir im Gegensatz zum ‘Spiegel‘ nicht die Hauptgeschädigten waren.“

Etwas anders ist die Lage in der Corona-Krise, gerade für ein Produkt, das den Anspruch hat, Reportagen aus allen Ecken der Erde zu liefern, das seine Reporter*innen auf Recherchereisen vor Ort schickt. Die Pandemie hat eine schon existierende redaktionelle Arbeitsweise verstärkt: Das Team setzt auf einheimische Journalist*innen, deren Texte dann übersetzt werden. Dabei kann die Redaktion auf ein weltweites Netzwerk aus Reporter*innen zurückgreifen, das im Zuge des internationalen Reportagen-Festivals entstand. Das Event feierte 2019 zusammen mit dem True Story Award Premiere in Bern und soll im kommenden August zum zweiten Mal stattfinden.

Warum hat „Reportagen“ den deutschen Markt noch nicht entschlüsselt?

Viel stärker spürt das Magazin die Pandemie an anderer Stelle: Bei „Reportagen“ machen Anzeigen zwischen 20 bis 25 Prozent der Einnahmen aus. Die seien im Frühjahr 2020 „so dramatisch weggebrochen wie noch nie“, so Puntas Bernet. Anzeigen wird das Magazin auch künftig haben, doch dass die Werbevolumen der letzten Jahre wiederkommen, glaubt er nicht. Auch deshalb soll die Abhängigkeit von Werbeanzeigen weiter reduziert werden. Der nächste Meilenstein: die Marke von 15.000 Abos knacken. Ob das schon bis zum Jubiläum klappt, ist allerdings offen.

True Story Award

Daniel Puntas Bernet ist der Initiator der laut Mitteilung ersten globalen Journalismusauszeichnung, die in das internationale Reportagen-Festival in Bern eingebettet ist. Damit sollen Reporter*innen über die Grenzen ihrer Heimatländer bekannt und gewürdigt werden.

Der Preis wird von einer unabhängigen Stiftung vergeben und zeichnet Journalist*innen aus, die in zwölf Sprachen schreiben. Für die zweite Auflage hat die Jury aus 1.179 Einreichungen aus 101 Ländern 39 Nominierte ausgewählt. Die Gesamtpreissumme beträgt 177.000 Schweizer Franken.

An dieser Stelle kommt Deutschland ins Spiel. „Wenn wir es schaffen würden, im Verhältnis ähnlich viele Leser wie in der Schweiz auch in Deutschland zu finden, dann würden wir unsere Abozahlen verdrei- oder vierfachen“, schätzt Puntas Bernet das Potenzial im deutschen Markt ein. Probiert hat sein kleines Team schon einiges. Mit Beratern gesprochen, eine Event-Serie gestartet, nachhaltig gefruchtet hat nichts. Was ein Grund dafür sein dürfte: die Preissensibilität. 15 Euro für eine Ausgabe ist verdammt viel Geld. „Eigentlich müssten wir ein neun Euro teures Produkt in Deutschland haben“, sagt Puntas Bernet. Den Preis generell senken? Keine Option, denn die Schweizer*innen akzeptieren den Preis von 20 Schweizer Franken. Und was würde das Schweizer Publikum dazu sagen, wenn das gleiche Produkt bei den Nachbarn deutlich günstiger erhältlich wäre? Eine Zwickmühle.

Außerdem ist da die Konkurrenz, weiß auch Puntas Bernet – das Dossier in der „Zeit“, die Seite 3 in der „Süddeutschen Zeitung“, das Gesellschafts-Ressort im „Spiegel“ sowie zahlreiche weitere Zeitschriften. Reportagen finden die deutschen Leser*innen auch woanders, günstiger meist noch dazu.

Ziel für die Zukunft: Weniger Nische, die Leserschaft vergrößern

Freilich gibt es nicht nur im Gedruckten genügend Konkurrenz. Schneller Online-Journalismus, digitale Entwicklungen – und trotzdem schafft es das Magazin, sich zu behaupten. „Indem es konsequent gegen den Strom schwimmt“, erklärt Medienwissenschaftler Künzler. „Es spricht ein Publikum an, das längere, qualitativ hochwertige Texte lesen möchte, die nicht klickgetrieben sind.“ Außerdem, so Künzler, biete es mit seinen Themen eine Auslandsberichterstattung, die in dieser Form von vielen etablierten Medien vernachlässigt werde.

Nun steht das zehnjährige Bestehen an, die Planungen sind noch am Anfang. So viel steht aber fest: Die Festival- und Jubiläumsausgabe, die Nummer 60, erscheint Mitte August. Und konkrete Vorstellungen für die Zukunft gibt es auch. Die bestehende Leserschaft soll gehalten werden, logisch. Und: „Ich wünsche mir einen Beschleuniger, der uns in Deutschland in die Gänge bringt“, sagt Puntas Bernet. Neue Ansätze für den deutschen Markt gibt es aktuell nicht, doch die Ausrichtung ist klar. Das Magazin soll sich bewegen, aus der Nische heraus – und mehr Publikum in der breiten Masse erreichen.

Bretman Rock auf MTV: Lifting für den Uralt-Sender

MTV, das war der Sender, der in den Achtzigerjahren die Ära des Musikfernsehens angeberisch mit „Video killed the Radio Star“ von The Buggles eröffnete. In den Zweitausendern produzierte der Sender eigene Realityshows mit den Stars seiner Zeit wie Lindsay Lohan oder Hilary Duff. Und weil inzwischen fast niemand mehr weiß, wer das eigentlich ist, musste MTV sich etwas Neues überlegen. Mittlerweile ist der Sender hauptsächlich ins Internet und zu Youtube gewandert, und man könnte es hämisch mit „Influencer killed the Reality-TV-Star“ überschreiben, dass Bretman Rock dort nun wöchentlich mit 25-minütigen Folgen zu sehen ist.

Eigentlich absurd: Immerhin waren es doch die Influencer, die das Reality-Fernsehen erst obsolet gemacht haben mit ihrem Dauergeplapper zu jeder Zeit. Was will ein Influencer, der jederzeit und auch live auf den unterschiedlichsten Kanälen senden kann, mit einer Reality-Show bei einem Sender wie MTV?

Für seine 5,5 Millionen Follower auf Instagram und 8,3 Millionen Abonnenten auf Youtube lädt Rock regelmäßig Videos hoch – von seinem Tag, seinen Work-outs, Ratgeber zu Pflanzen, Kristallen oder Kokosnusswasser. Für den Uralt-Sender wurde er so interessant. Nachdem MTV jahrelang aus dem frei empfangbaren Fernsehen verschwand und erst dann wiederkam, als eine ganze Generation im Internet erwachsen geworden war, braucht es nun neue, hippe Formate, um die Generation Z wieder als Zielgruppe zu erschließen. Ein queerer Influencer wirkt da zeitgemäß – und MTV profitiert von seiner Reichweite. Die Episoden von Following Bretman Rock wurden teils mehr als fünf Millionen Mal angesehen.

Und natürlich sind die Inhalte heute andere als vor 20 Jahren. In den frühen 2000er-Jahren, als MTV und seine Reality-TV-Shows besonders erfolgreich waren, wurden vor allem amerikanisch-konservative Themen verhandelt: Familie (die Osbournes oder die Hogans), Hochzeit (Carmen Electra und Dave Navarro), Ehe (Jessica Simpson und Nick Lachey) oder Freundschaft (Rob Dyrdek und Christopher Boykin). Heute muss MTV damit umgehen, dass besonders in der jungen Zielgruppe die Lebensrealitäten differenzierter geworden sind und mehr über unterschiedliche Lebensentwürfe gesprochen wird. Also geht es bei Following Bretman Rock um sexuelle Orientierung und Herkunft, um Identität. Zur Besetzung gehören neben Rock auch seine alleinerziehende Schwester (ebenfalls Youtube-Star), sein nonbinärer Cousin sowie sein bester Freund, der sein Studium mithilfe der Plattform Only-Fans finanzierte, auf der Abonnenten hauptsächlich pornografische Inhalte kaufen können.

Am Ende ging es natürlich auch bei Jessica Simpson und Ozzy Osbourne immer um Werbung für neue Alben oder Tourneen. Aber längst nicht so offensiv wie bei Bretman Rock, wo sich eine ganze Folge ausschließlich um seine neue Sonnenbrillenkollektion und deren anstehende Vermarktung dreht (wobei die Sonnenbrillenkollektion wiederum bereits vermarktet wird).

Bretman Rock selbst sagt, die Sendung bedeute für ihn Repräsentation: In einem Interview mit NBC erzählte er, dass er bisher niemanden wie sich im Fernsehen gesehen habe. Und darum will er eine „verdammt schwule“ Sendung machen. Ganz nebenbei nutzt es auch seiner Sonnenbrillenkollektion. Einige Modelle waren bereits kurz nach dem Upload ausverkauft.

Kulturkahlschlag im Rundfunk : Mobbing gegen Bildungsbürger

In den Kulturprogrammen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gärt es. Gabriele Riedle, seit dreißig Jahren Stammhörerin von RBB Kultur, legte vor wenigen Wochen in der „taz“ dar, warum sie jetzt abschalte: Klassische Musik sei zum Ausnahmefall geworden zwischen lauter Softpopkitsch und Neoklassikgesäusel, und die Sprache in ihrer übergriffigen Inkompetenz sei nicht mehr zu ertragen: „Während vor Urzeiten nur die ans Mikrofon durften, die etwas von dem verstanden, wovon sie sprachen, gibt es längst ,Moderatoren‘, die alles wegmoderieren, was anfällt, und ihre Ahnungslosigkeit gekonnt mit Phrasen, Stereotypen, Klischees unterfüttern.“

Er zahle ungern Rundfunkbeiträge für seine Unterforderung, gab auch der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum kürzlich zu Protokoll. Bezogen auf Medienberichte zum Hörfunkprogramm von WDR 3, warnte Baum im Interview für den Evangelischen Pressedienst vor einem „Weichspülen“ des Kulturauftrags: „Es wird versucht, Hörer zu binden, indem man die Qualität senkt. Das ist hochgefährlich.“

„Leichte Klassik“ als Ideal

Hintergrund von nicht nur Baums Besorgnis sind Berichte zur Neuausrichtung der Auswahl von und des Sprechens über Literatur und Musik auf WDR 3. Das Online-Magazin VAN hatte im Februar publik gemacht, dass der WDR schon im Jahr 2019 eine Hörerstudie hatte durchführen lassen, in deren Ergebnis Kunstlied, Chormusik, Oper, Operette und Jazz als „kritische Genres“ eingestuft wurden. Sie seien im Frühprogramm des Magazins „Mosaik“ möglichst zu vermeiden. Den Vorzug dagegen genießen instrumentale „leichte Klassik“ wie der „Frühlingsstimmenwalzer“ von Johann Strauß oder „romantische/getragene Klassik“ wie die „Gymnopédies“ von Erik Satie. Häufiger vorkommen im Programm sollen Stücke der „Neoklassik“ von Nils Frahm, Max Richter und Philip Glass, daneben symphonische Filmmusik.

An der Studie selbst wäre sowohl die Rubrizierung der Musikgenres zu diskutieren als auch die Auswahl der Teilnehmer, deren Präferenzen beim Radiohören mehrheitlich bei ganz anderen Programmprofilen lagen als dem von WDR3. Doch nun müssen die Ergebnisse umgesetzt werden.

Schlechte Vorbilder bei anderen Programmen

Man kennt diesen Marschbefehl schon von NDR Kultur, wo in weiten Teilen des Sendeschemas die Software „Music Masters“ die Musikauswahl trifft. Menschen dürfen nur noch „moderieren“. Diese Bedenken aber will Matthias Kremin, Wellenchef bei WDR 3, auf Anfragen der F.A.Z. sofort zerstreuen: „Die Musikauswahl in WDR 3 wird weiter wie bisher von Musikredakteur*innen verantwortet – in manchen Strecken auch von Autor*innen, die in Absprache mit der Redaktion gestalten und präsentieren.“

Der Druck auch innerhalb seiner eigenen Anstalt ist zu spüren, wenn Kremin vorab bemerkt: „Da in den vergangenen Wochen immer wieder Dinge falsch berichtet wurden, möchte ich zunächst folgende Punkte klarstellen: WDR 3 macht keine Reform. WDR 3 wird auch kein Literaturangebot streichen, sondern in der Form verändern und variieren – an manchen Stellen sogar erweitern. Die Literatur wird neue Sendeplätze mit mehr Zuhörer*innen bekommen. Auch die Musik auf WDR 3 wird in ihrer Vielfalt und hohen Qualität das Profil des Senders bestimmen.“

Mitarbeiter verlassen den Sender

Prominente Mitarbeiter der Welle empfinden das anders. Kalle Burmester sah für sich bei der Sendung „Klassik Forum“ keine Zukunft mehr und gab Anfang März auf. Auch Michael Stegemann, seit 34 Jahren dabei, nahm am 13. März seinen Abschied. In seiner letzten Sendung verglich er sich mit einem Eisbären auf schmelzender Scholle. Für das, was er und wie er es mitzuteilen habe, gäbe es offenbar im Sender immer weniger Unterstützung. Stegemann schied ohne Groll und Vorwürfe vom Mikrofon, aber er bot noch einmal einen Einblick in das, was ihn selbst ausmacht: sein Kompositionsstudium bei Olivier Messiaen in Paris, seine Förderung durch den Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus, seine Tätigkeit als Herausgeber der Werke von Camille Saint-Saëns, seine Beschäftigung mit Glenn Gould und Franz Schubert, dem er 1997 mit dem täglichen „Schubert-Almanach“ die umfangreichste Sendung gewidmet hatte, die je von der ARD produziert worden war.

Natürlich ist es zumindest unsensibel, solche Radiomacher und Musikkenner in verpflichtenden Schulungsseminaren der Kabarettistin Susanne Rohrer auszusetzen, die ihnen dann sagt, Worte wie „Libretto“, „fakultativ“ „Hammerflügel“ und „Koloratursopran“ müsse man – in einem Kulturprogramm mit Schwerpunkt „klassische Musik“ wohlgemerkt – erklären und die Kollegen mögen doch einmal nachdenken über eine Anmoderation wie: „Wollen wir wetten, meine Damen und Herren, dass die folgende Musik lauter ist als ihr Staubsauger?“

Anweisungen gibt es angeblich nicht

Betont werde zwar immer wieder, dass dies alles nur Empfehlungen, keine Anweisungen seien. Aber diese „Empfehlungen“ häuften sich, so Stegemann im Gespräch mit der F.A.Z. in letzter Zeit immer mehr. Von der „Teamleiterin Musik“ Wibke Gerking habe er – vor Zeugen – zu hören bekommen: „Wir bezahlen Sie dafür, dass Sie tun, was wir von Ihnen verlangen. Wenn Sie dazu nicht bereit sind, dann müssen wir Konsequenzen ziehen.“

Trotzdem ist es im „Klassik Forum“, wo die Autoren täglich zwischen neun und zwölf Uhr ohne Nachrichtenunterbrechung Musik senden und darüber reden dürfen, immer noch möglich, die Stücke frei auszuwählen, vollständig auszuspielen und ohne redaktionelle Eingriffe zu reden. Fremdsprachige Textrezitationen sind keine Seltenheit, auch avancierte, recht ungeschmeidige Werke der Moderne werden ausgestrahlt. Sogar im Morgenmagazin „Mosaik“ hört man weiterhin Interpretennamen und Opuszahlen der Werke, obwohl „Empfehlungen“ im WDR den Verzicht darauf nahelegen. Zu befürchten bleibt bei dem geschilderten massiven Druck von innen, dass dies nur noch für eine Übergangszeit so bleiben wird.

Radio für die „Tchibo-Hausfrau“

Mit bis zu 300.000 Hörern muss sich das „Klassik Forum“ nicht verstecken. Woher rührt aber dann der Handlungsdruck? Auf die Frage, ob denn die zwei Prozent aller Menschen über vierzehn Jahren, die WDR 3 im Sendegebiet täglich erreiche, zu wenig seien, antwortet Matthias Kremin: „,Zu wenig‘ passt nicht, da wir keine Vorgaben haben. WDR 3 bietet jeden Tag hochwertigstes Programm für viele Menschen – wir freuen uns natürlich immer über neue Hörer*innen und betrachten es auch als unsere Aufgabe, immer wieder neue Kultur- und Klassikinteressierte für das Programm zu begeistern.“

Im Klartext: Es sind doch „zu wenig“. Wobei zu fragen wäre, ob es je mehr waren. Die „Tchibo-Hausfrau“ und „mein Fleischer, der zwar keine Ahnung von Musik hat, aber doch regelmäßig ins Konzert geht“, werden in den Schulungsseminaren immer als Beispiel für Adressaten einer hörerfreundlicheren, zugänglicheren Ansprache des Publikums genannt. Was aber, wenn diese bisherigen Nichthörer von WDR 3 ganz glücklich mit dem sind, was sie stattdessen hören, während die Stammhörer mit dem, was sie künftig geboten bekommen sollen, unglücklich werden?

Kulturbeflissenheit gilt als langweilig

Wie solche Ansprache klingen soll, beschreiben nämlich schon die Richtlinien für die Moderation von Musiksendungen auf RBB Kultur: „Auf Jahreszahlen können wir gerne verzichten. Sie sind ein sicheres Indiz dafür, dass die Sache, über die geredet wird, vorbei ist. Gleiches gilt für historische Erzählungen, die man auch an anderer Stelle nachlesen kann. Damals? Langweilig! Auch die Vornamen der Beethovens und Mozarts zum Beispiel braucht niemand dringend.“ Erschrickt man hier über die Nötigung zur Geschichtsvergessenheit, so schlägt einem in der nächsten Bemerkung kaltschnäuzige Schlamperei entgegen: „Unser Publikum prüft uns nicht, ob wir kulturbeflissen alles richtig machen. Und die drei Studienräte, die es dennoch tun, halten wir aus. Denn jede Kompetenz hat Lücken. Wichtiger ist: Unser Publikum ist interessiert, will begeistert und unterhalten werden.“ Reaktionen von Hörern belegen das Gegenteil: Bislang hatten sie nichts dagegen, bei der Unterhaltung auch etwas über Musik zu lernen.

„Nebelspalter“: Mit Witz gegen links

Der Journalist Markus Somm hat das Schweizer Satiremagazin „Nebelspalter“ gekauft – und richtet es nun politisch neu aus.

Die Nachricht schlug ein in der Schweizer Medienszene: Der Journalist Markus Somm kauft den Nebelspalter. Das 1875 gegründete Satiremagazin ist nach eigener Aussage das älteste der Welt, das ohne Unterbrechung erscheint. Es war mal bedeutsam – unter anderem weil es während des Zweiten Weltkriegs gegen die Nazis stichelte, aber das ist lange her. Der Humor heute: brav. Der Standpunkt: unklar, manchmal ein bisschen links. Die Devise: niemandem zu sehr wehtun. Die Titanic ist Dynamit dagegen. Ein Versuch, sich ihr humormäßig anzunähern, ging Mitte der Neunziger schief.

Fragt man Schweizer nach dem „Nebi“, sagen sie: „Gibt’s den noch?“ oder: „Hab ich vor 20 Jahren mal in einer Arztpraxis liegen sehen.“ Wer kauft so ein Blatt?

Markus Somm hat einige Haken geschlagen in seiner Karriere. In der Jugend Trotzkist, später Sozialdemokrat und Redakteur beim linksliberalen Tages-Anzeiger – bis er irgendwann die Seite wechselte, bei Roger Köppels stramm rechter Weltwoche anheuerte, im Auftrag des nationalkonservativen Politikers Christoph Blocher die eher linke Basler Zeitung ummodelte, 2015 beinahe Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung geworden wäre, schließlich wieder beim Verlag des Tages-Anzeigers landete.

Politisch stehe er „rechts der Mitte“, Christoph Blocher nennt er einen „guten Freund“

Von Satire hat Somm, wie er zugibt, „keine Ahnung“. Es mag stimmen, dass er tatsächlich „nach 30 Jahren im normalen Journalismus mal etwas ganz anderes machen“ wolle. Aber klar ist, und das gibt er im Gespräch mit der SZ auch zu, dass er vor allem ein politisches Projekt verfolgt. Sein Ziel: eine Art Schweizer Canard enchaîné zu schaffen, eine Mischung aus Satire, Karikatur und Comedy einerseits – und streitbarem tagesaktuellen Journalismus andererseits. Gegen die „Schwere“, die Somm nach einem Jahr Pandemie konstatiert, will der neue Chefredakteur anschreiben und anschreiben lassen, gegen den „Grundalarmismus, der die Leute langsam nervt“. Und zwar aus einer „dezidiert liberalen“ Perspektive, für die er und seine Geldgeber stünden: 70 Schweizer Unternehmer unter Führung des früheren Privatbankiers Konrad Hummler, die insgesamt sieben Millionen Franken investieren.

Politisch stehe er „rechts der Mitte“, sagt Somm. Er ist Mitglied der Freisinnigen Partei (FDP), sympathisiert inhaltlich aber eher mit der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP). In seinen Kolumnen feiert der Historiker den Schweizer Sonderweg in Europa, lässt kaum ein gutes Haar an der EU und teilt die Kritik der SVP an den Corona-Maßnahmen der Schweizer Regierung. Blocher, über den er eine Biografie geschrieben hat, nennt er einen „guten Freund“.

In diese Richtung also soll es gehen beim Nebelspalter. Wobei sich Somm zunächst nur um das Journalistische kümmert, die „seriöse Berichterstattung“, wie er sagt. An diesem Donnerstag soll es losgehen, zunächst nur online. Seine Mitstreiter, die in Zürich sitzen werden, will er noch nicht nennen. Die kleine Print-Redaktion darf vorerst in Horn am Bodensee weiterarbeiten.

Die interne Reaktion auf Somms Einstieg fiel überwiegend negativ aus. Auf einer Doppelseite wurde der neue Eigentümer zeichnerisch durch den Kakao gezogen: Somm als Narr im viel zu großen Kostüm. Somm mit großem „Propaganda“-Topf in der Hand, der das Bonsai-Bäumchen Nebelspalter zertritt. „Nous SOMM perdus“ (Wir sind verloren) steht über einer Karikatur. Ein Schmähgedicht endet freudlos: „Er setzt sich ins Cockpit als neuer Pilot – Nicht allzu viel später das Blatt, es war …“

Er könne mit der Kritik gut leben, sagt Somm, immerhin habe man sich Mühe gegeben. Außerdem stehe er für Pluralismus, auch bei der Basler Zeitung habe er gern mit linken Kollegen gearbeitet. Doch sei ihm klar, dass sich viele eher linke Mitarbeiter den neuen Kurs auf Dauer „nicht antun“ möchten. „Der Milieudruck ist da beträchtlich, die wollen sich ihre Karriere bei uns nicht kaputtmachen.“

Wer arbeitet für Somm, wenn so viele nicht mehr wollen?

Ende März hört Redaktionsleiter Marco Ratschiller auf, dem es gelungen ist, die Zahl der Abonnenten auf knapp 20 000 zu steigern, genug für eine schwarze Null. Die „Weiterentwicklung“ des Magazins werde wohl „allzu schmerzhaft“ für ihn, wenn er sie „ohne Einfluss aufs große Ganze“ begleiten müsse, erklärt er gewunden. Ihn ersetzt der Satiriker Ralph Weibel, der gerne Scherze macht über den „Genderwahnsinn“, die „Lockdownomanie“ und „maskierte Zombies“. Etwa zwei Drittel der meist freiberuflichen Zeichner hätten sich abgewendet, schätzt der Karikaturist Silvan Wegmann. Und nicht nur aus politischen Gründen: Viele Kollegen hätten Somms Scheitern bei der Basler Zeitung vor Augen, die unter ihm massiv an Auflage verlor. Wegmann selbst wartet noch mit dem Schritt. „Ich bin aber wenig optimistisch.“

Wer arbeitet dann für Somm, wenn so viele nicht mehr wollen? Wegmann fallen gerade mal zwei Schweizer Zeichner ein, die für Somm vermutlich gerne weitermachen würden. Was Comedians betrifft, wären Marco Rima zu nennen oder Andreas Thiel, der inzwischen zur Hardcore-Rechten gezählt werden kann und sich nach eigenem Bekunden schon auf den neuen Nebelspalter freut. Somms Vorhaben sei ein „Projekt gegen die Wahrscheinlichkeit“, schreibt das eher linke Online-Magazin Republik. „Das braucht wirklich Mut. Denn rechte Satire ist so etwas wie der Heilige Gral der Komik – viele haben ihn gesucht, niemand hat ihn gefunden.“

Kein Problem, entgegnet Somm, der sowohl eine Markt- als auch eine politische Lücke wittert. Witz und Satire seien die „Waffen der Schwachen“. In der Schweiz müssten sie sich folglich nicht, wie üblich, gegen rechts, sondern gegen die Linken richten, die das Land in manchen Bereichen absolut dominierten: „in der Kultur, den Medien, der Verwaltung. Eigentlich überall“. Was allein deswegen fragwürdig ist, weil die Schweizer Regierung zu fünf Siebteln in bürgerlicher Hand liegt.

Nur in der „privaten Wirtschaft“ sei es anders, sagt Somm. „Die meisten Manager und Unternehmer in der Schweiz haben das Gefühl, sie seien völlig in der Defensive, die Medien schrieben sie herunter, und sie könnten sich nicht mehr wehren. Ich teile diesen Eindruck.“ Somm ist Mitglied der neuen „Kompass“-Allianz aus Unternehmern, die die Schweiz, abseits der Parteien, politisch in ihrem Sinne umbauen und vor allem aus der Abhängigkeit von der EU führen wollen. Ihnen soll der Nebelspalter eine Plattform liefern – und das Gefühl, endlich verstanden zu werden.

Thelma Buabeng über deutsches TV: Keinen Diversity-Zirkus machen

Das deutsche Fernsehen wird diverser. Für Schauspielerin Thelma Buabeng („Five Souls“) braucht es jedoch dringend einen Strukturwandel.

Thelma Buabeng ist müde. „Ich habe keine Lust mehr, nur über Rassismus zu reden. Ich habe doch tausend andere Dinge zu erzählen. Warum lande ich ständig bei diesem Thema und lasse mich von meiner eigentlichen Arbeit ablenken?“ Gute Frage. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Thelma Buabengs eigentliche Arbeit aus Schauspielen und Moderieren besteht. Sie ist zu sehen auf deutschen Theaterbühnen und im deutschen Fernsehen. Orten, an denen Frauen wie Buabeng, Schwarzen Frauen, üblicherweise zwei Rollen zuteilwerden: Entweder sie sollen die Betroffene spielen, die von ihren traumatischen Erfahrungen erzählt.

Oder den Token, das Aushängeschild des Auftraggebers, welches symbolisieren soll: Hallo, schaut mal, wie divers wir sind! Letzteres geschieht vor allem seit letztem Sommer, meint Buabeng. „Es ist makaber, aber seit George Floyd ermordet wurde, hören unsere Telefone nicht mehr auf zu klingeln. Plötzlich wollen alle mit uns arbeiten. Das geht auch vielen meiner Freund_innen so. Ich kann mir natürlich denken, warum.

Weil sie gesehen haben, oh, da gehen Tausende von Menschen auf die Straße zur Black-Lives-Matter-Demo. Das könnte doch unser Publikum sein!‘ Und jetzt casten alle plötzlich Schwarze. Es ist so absurd, weil teilweise andere Schauspieler_innen of Color einfach weggeschickt werden mit den Worten: ‚Nein! Es muss auf jeden Fall eine Schwarze Frau sein!‘“

Ist es nicht ein Grund zur Freude, dass in TV-Produktionen und Werbekampagnen nicht mehr nur weiße Gesichter gezeigt werden? Klar. Doch was Buabeng kritisiert, ist, dass das eben nicht aus einem politischen Bewusstsein heraus geschehe, sondern lediglich aus wirt­schaftlichen Interessen. Di­ver­sität ist profitabel geworden, sie bringt Medienunternehmen neue Reichweite, Aufmerksamkeit und nicht zuletzt Geld. In den Strukturen der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender bleibt der Wandel derweil aus.

„Sie wollen dafür Applaus bekommen“

„Mir kann keiner erzählen, dass sich irgendwas grundlegend in den Köpfen geändert hat“, sagt die 39-jährige Deutsch-Ghanaerin trocken. „Die Entscheidungsträger sitzen ja nicht zu Hause, lesen ‚Exit Racism‘ und überlegen, wie sie ihr Unternehmen umstrukturieren können. Nein, sie erzählen ihren Kumpels stolz, dass sie jetzt auch mal mit einer Schwarzen Person drehen, und wollen dafür Applaus bekommen. Für die sind wir ein Trend, und das geht vorbei.“

Ein ganz grundlegendes Problem in der deutschen Unterhaltungsbranche bleibt vor allem, dass, wenn marginalisierte Personen gezeigt werden, ihre Rolle über stereotype Zuschreibungen kaum hinausgeht. Thelma Buabeng ist aktuell in drei Formaten zu sehen, die in diese Falle glücklicherweise nicht tappen. In der Rolle der Journalistin Marla Blum ist sie fester Teil des Ensembles der ZDF-Kindersendung „Löwenzahn“.

Über Dinge spreche, über die nur Weiße im TV reden

Auf Arte moderiert sie „Open Stage Berlin“, eine hochwertig produzierte Show mit Live-Konzerten, die in den Reinbeckhallen in Berlin-Oberschöneweide gedreht wird. Und für den SWR hostet Buabeng gemeinsam mit Hadnet Tesfai und Tasha Kimberly die Talkshow „Five Souls“. Mit wechselnden Gästen wird dort über Dating, Freund_innenschaft, Familie und Popkultur diskutiert.

Besonders an „Five Souls“ ist nicht etwa, dass alle drei Moderatorinnen Schwarz und alle Gäst_innen of Color sind. Das Besondere ist vielmehr, dass sie eben nicht über traumatische Ras­sis­mus­er­fah­rungen und strukturelle Gewalt sprechen müssen. „Das Konzept ist großartig. Ich wollte schon immer mal eine Show machen, in der ich über Dinge sprechen kann, über die im Fernsehen normalerweise nur weiße Leute sprechen. Dating, Beziehungen, Lifestyle. Einfach lockere Themen, bei denen man auch Spaß haben und lachen kann. Und natürlich ist es toll, auf ein Set zu kommen, und mit einem Team zu arbeiten, das so divers ist, auch hinter der Kamera. Das ist ein ganz anderer Vibe. So ungewohnt, es fühlt sich für mich fast nicht nach Arbeit an.“

Diese Stimmung überträgt sich auch auf die fertige Sendung, von der es jeden Donnerstag eine neue Folge gibt. Die Gespräche sind lebhaft, die Witze on point, die Sprache ist so ehrlich und zeitgemäß, dass man sich kaum vorstellen kann, dass so etwas auf SWR laufen soll. Der Knackpunkt: Das tut es auch nicht. „Five Souls“ wird zwar im Auftrag des SWR produziert, läuft jedoch auf einem eigenen Youtube-Kanal. Da die jüngere Zielgruppe der Sendung sich sowieso eher auf Onlineplattformen herumtreibt, mag das sinnvoll sein.

Dennoch fragt man sich, warum die liebevoll gemachte Show nicht parallel auch im linearen Programm laufen kann. Ist das Prestigeprojekt dann doch zu jung und zu flippig für das traditionelle TV-Publikum, sodass es vor ihm versteckt werden muss? Oder gibt es das, was die Sender sich unter „traditionellem Publikum“ vorstellen, überhaupt nicht mehr?

Abseits von gängigen Mustern erzählt

Jedenfalls wünscht man sich ein bisschen mehr Mut von den Sendern, wenn sie solche Formate schon an Land ziehen können. Erst kürzlich demonstrierte das ZDF mit der Serie „Breaking Even“, dass ein diverser Cast nicht gleich zum Diversity-Zirkus werden muss. Marginalisierte Figuren werden hier abseits von gängigen Mustern erzählt, die Geschichte ist vielschichtig und spannend.

Doch noch bevor irgendwer davon mitbekommen hat, wurde die Serie wieder abgesetzt. Für eine angemessene Werbetrommel für das Projekt oder gar eine zweite Staffel hat der Sender anscheinend nicht genug daran geglaubt. Und so machen Fans nun gut ein halbes Jahr nach dem Start der Serie in den sozialen Netzwerken Druck mit dem Hashtag #Save­Breaking­Even, um eine zweite Staffel einzufordern.

Thelma Buabeng ist jedenfalls überzeugt davon, dass das Problem in den meisten Fällen nicht das Fernsehpublikum sei, sondern der Blick der Pro­gramm­macher_in­nen auf das Publikum. „Ich habe jahrelang zu hören bekommen, dass es das Publikum irritieren würde, wenn ich eine Rolle spiele, bei der mein Schwarzsein nicht thematisiert wird.“ Als sie 2017 in dem ZDF-Film „Am Ruder“ für die Rolle der Staatsanwältin besetzt wurde, habe sich Buabeng plötzlich selbst Sorgen gemacht, wie Presse und Publikum wohl darauf reagieren würden. „Das Ergebnis war: keine Reaktion. Es hat einfach niemanden interessiert. So, wie es sein soll.“

Paneuropäischer Erfolg in der Nische

Dank Pandemie hat ‚The Local‘ seine digitalen Lesereinnahmen aus neun Ländern – darunter auch Österreich – beinahe verdreifacht. Nun will man weiter expandieren.

Steigerungen von digitalen Lesereinnahmen in der Pandemie ist man in der Branche schon fast gewohnt. Eine Verdreifachung hat dennoch Seltenheitswert. Dem Nachrichtenportal The Local ist das Kunststück dennoch geglückt: 13.000 Mitglieder hatte die Webseite Anfang 2020, nach einem Jahr steht man bei mehr als 40.000 zahlendenden Mitgliedern.

Gegründet wurde The Local bereits 2004 in Schweden, wie CEO und Mitgründer James Savage erzählt: „Die Idee hinter The Local war, dass es unglaublich viele Menschen in Schweden gab, die im Land lebten, in großen Unternehmen arbeiteten, aber kein Schwedisch sprachen. Im Unternehmen sprechen sie Englisch und ihre Kinder gehen in internationale Schulen. Wir begriffen, dass es da eine große Gruppe an Menschen gab, die keine Möglichkeit hatte, zu verstehen, was in den Nachrichten passiert, aber auch was in der Gesellschaft um sie herum geschieht. Sie waren in gewisser Art und Weise ausgeschlossen.“ Also rief man The Local, ein englischsprachiges Nachrichtenportal für Expats, ins Leben.

Seiten in neun Ländern

Der Bedarf war offenbar so groß, dass man inzwischen in neun Ländern mit eigenen Seiten präsent ist: Neben Österreich und Schweden gibt es Seiten in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Norwegen, Spanien und der Schweiz. Organisiert wird das alles sowohl dezentral als auch zentral. Die 25 Mitarbeiter, davon 13 Journalisten, sind auf sechs Länder verteilt. „Am Ende des Tages werden die Entscheidungen aber zentral getroffen. Wir haben wohl schon viel länger mit Zoom gearbeitet als die meisten Menschen“, sagt Savage. Koordiniert wird die Redaktion von der Chefin vom Dienst in Paris. Die Berichterstattung für die Seite in Österreich wird aus dem Berliner Büro geleitet. Hierzulande arbeitet man noch mit Freelancern, auf die man in allen neun Ländern zurückgreift. „Letztendlich ist der Plan, dass wir einen leitenden Redakteur und einen weiteren angestellten Journalisten in jedem Land haben“, sagt Savage.

Mit den zusätzlichen Lesereinnahmen gehen auch Expansionspläne einher. Im nächsten Jahr will man in zumindest ein weiteres EU-Land mittlerer Größe expandieren. Dass solche Gedankenspiele finanziell möglich sind, hat indirekt auch mit der Pandemie zu tun. Diese hat zu dem Schub bei den Mitgliedschaften, die um rund 50 Euro pro Jahr verkauft werden, geführt: „Sie hat uns mit einem großen Teil unserer Kernzielgruppe in Verbindung gebracht. Das Hauptverkaufsargument für The Local ist, dass es dir hilft, das Land, in dem du lebst, zu verstehen und dich zu integrieren. Mit den Covid-Restriktionen zum Beispiel brauchten viele Menschen eine zuverlässige Quelle für Information über das Land, in dem sie leben. So gesehen hat uns die Krise geholfen, deutlich zu machen, warum es uns gibt.“

Kritik an Mediaagenturen

Rund die Hälfte des Umsatzes kommen laut Savage inzwischen aus den Mitgliedschaftseinnahmen. Die Entscheidung, auf dieses Modell zu setzen, ist bereits 2017 gefallen. Davor war man ausschließlich werbefinanziert. Eine „nicht unproblematische Umsatzquelle“, wie Savage sagt, weil sie „nicht vorhersehbar“ sei. Auch das habe die Coronakrise gezeigt: „Bezogen auf Werbung waren März und April furchtbar für uns – so wie für jeden anderen auch war.“ Inzwischen habe es aber einen ‚Bounce back‘ im dritten und vierten Quartal gegeben, auch „2021 ist in Sachen Werbung sehr stark gestartet.“

Hauptsächlich würden paneuropäische Unternehmen die Möglichkeit nutzen, auf seiner Plattform zu werben: Unterkunftgeber, internationale Schulen und Universitäten. Auf nationaler Ebene seien vor allem Versicherungen an Werbung interessiert. Savage beschreibt jedoch ein Phänomen, das bereits andere Medien, die sich auf Expats fokussiert haben, beschrieben haben: Obwohl Expats in der Regel überdurchschnittlich gute Verdiener sind, werden sie von lokalen Werbern oft ignoriert. „Es ist sehr schwer, der lokalen Werbewirtschaft den Wert dieser Community zu vermitteln. Sobald sie aber damit beginnen, finden sie heraus, dass sie einen hohen Ertrag für ihr Investment bekommen“, sagt Savage. Das Problem sei, „wie die Werbewirtschaft aufgebaut ist“.

Speziell über Mediaagenturen hat er nichts Gutes zu berichten. Diese seien „nicht besonders gut über die Demografie des Expat-Marktes ­informiert. Oft halten sie ihre Klienten sogar davon ab, Nischenmärkte wie den Expat-Bereich in Betracht zu ziehen“.

Giftanschlag auf kremlkritische Zeitung: „Gefährlich für Leib und Leben“

Auf die Redaktion der unabhängigen kremlkritischen Zeitung Nowaja Gaseta wurde am 15.03. in Moskau ein Anschlag verübt. Ein starker chemischer Gestank breitete sich in den Redaktionsräumen aus.

Mitarbeiter von Innenministerium und Geheimdienst konnten vor Ort die Zusammensetzung der chemischen Substanz jedoch nicht sofort ermitteln. Angeblich bewegen sich die giftigen Werte unterhalb des Grenzbereichs. Bislang hat auch kein Mitarbeiter Schaden genommen. Chefredakteur Dmitri Muratow forderte alle staatlichen Stellen der Hauptstadt auf, zusammen mit der Zeitung die Hintermänner des Anschlags zu ermitteln.

Die Mitarbeiter wurden aus Sicherheitsgründen am Montag nach Hause geschickt. Eine erste Spur wurde auf einem Video vor dem Redaktionsgebäude bereits entdeckt. Ein Fahrradkurier schob vor der Redaktion sein Fahrrad ganz langsam vorbei, hielt kurzzeitig inne, während mehrere Wolken eines Gemischs aus dem Bereich des Hinterrads austraten.

Danach verschwand der in eine gelbe Regenhaut gekleidete Kurier aus dem Bild. „Sind die Sicherheitsdienste und IT-Experten mit Zehntausenden Kameras in der Lage, den potenziellen Terroristen zu fassen?“, fragt das Blatt auf seiner Website skeptisch.

Ähnlichkeiten mit Anschlag auf Journalistin Julia Latynina

Das oppositionelle Blatt, zu dessen Eigentümern auch der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow gehört, war schon häufiger Ziel von Angriffen. 2006 wurde die bekannte Journalistin Anna Politkowskaja von tschetschenischen Mördern in ihrem Hausflur erschossen. Auch andere investigative Journalisten bezahlten mit dem Leben.

2018 stand ein Korb mit abgetrenntem Hammelkopf vor der Tür. „Mit besten Grüßen an den Chefredakteur“, so das Begleitschreiben. Es ging um einen der Stellvertreter Muratows, der Jewgeni Prigoschin, einem Vertrauten des Kreml, unangenehm aufgefallen war. Prigoschin ist auch Finanzier der Söldnergruppe Wagner, gegen deren Mitarbeiter die russische NGO „Memorial“ wegen des Mordes an einem gefangenen Syrer gerade klagt. Die Nowaja hatte sich soeben des Themas angenommen.

Mitarbeiter der Zeitung wollen Ähnlichkeiten mit dem Anschlag auf die Nowaja-Journalistin Julia Latynina 2017 auf ihrer Datscha vor den Toren Moskaus entdeckt haben, die daraufhin für einige Monate das Land verließ. Der Gestank soll ähnlich sein. Der Stoff wurde von einem unabhängigen Labor als „hochgradig gefährlich für Leib und Leben“ bewertet.

Schafft Netflix mit Content-Lizenzierung neues Wachstum?

Der Druck auf den Streaming-Platzhirsch Netflix nimmt zu. Vergangene Woche erst vermeldete Herausforderer Disney+ nur 16 Monate nach dem Start bereits 100 Millionen Abonnenten. Netflix bringt es zwar auf doppelt so viele zahlende Mitglieder, doch das Wachstum verlangsamt sich. Eine neue Erlösquelle könnte die Lizensierung von Eigenproduktionen sein

Doch nach einem Jahrzehnt ohne nennenswerte Konkurrenz ist im vergangenen Jahr die Gewissheit gewachsen, dass mit Disney+ erstmals ein ernst zu nehmender Rivale erwachsen ist, der nach nur 16 Monaten bereits die magische Marke von 100 Millionen zahlenden Abonnenten geknackt hat.

Zum Vergleich: Netflix brauchte für diesen Meilenstein mehr als eine Dekade und bringt es aktuell auf etwa doppelt so viele Abonnenten.

Wiedereröffnung der Wirtschaft Gegenwind für Netflix

Und der Zustrom neuer Abonnenten – im jüngsten Quartal waren es immerhin 8,5 Millionen neue zahlende Mitglieder – dürfte mit dem Eintritt ins Post-Corona-Zeitalter kein Selbstläufer werden, wie Laura Martin von der Investmentbank Needham herausarbeitet. Die Analystin rechnet damit, dass sie baldige Wiedereröffnung der Kinoketten und anderer Unterhaltungsangebote Netflix‘ Wachstum belasten könnte.

„Wir rechnen mit einem Rückgang der Aufmerksamkeits-Industrie“, erklärt Martin gegenüber dem Finanzinformationsdienst CNBC und meint damit in erster Linie Streaming-Anbieter. Durch die Vielzahl an Outdoor-Aktivitäten wird sich TV-Nutzung künftig signifikant verringern

Disney dürfte profitieren

Während Rivale Disney ähnlich vom Rückzug der Streaming-Aktivitäten betroffen sein könnte, dürfte der vor Netflix wertvollste Medienkonzern der Welt deutlich von der Wiedereröffnung seiner Freizeitparks, Kinos und Sport-Events (Übertragungen auf ESPN) profitieren.

Entsprechend zurückhaltend äußerte sich zu Wochenbeginn auch der Finanzdienstleister Benchmark Company. Analyst Matthew Harrigan stuft die Aktie von Netflix wegen der starken Konkurrenz zu Disney als „Verkaufsposition“ ein und reduzierte das Kursziel weiter von 485 auf 472 Dollar. Aktuell notieren die Anteilsscheine von Netflix bei 520 Dollar knapp fünf Prozent unter dem Startniveau des Jahres und schon 13 Prozent unter den im Januar aufgestellten Allzeithochs.

Lizenzgeschäft als neuer Wachstumsmotor?

Glaubt man dem gewöhnlich gut informierten Premium-Techportal „The Information„, könnte Netflix bemüht sein, in Zukunft einen neuen Erlösstrom zu erschließen. So könnte Netflix bestrebt sein, in einer spektakulären Kehrtwende zum bisherigen Geschäftsmodell seine exklusiven Eigeninhalte an Traditionsmedienunternehmen zu lizenzieren.

So habe Netflix in den vergangenen Monaten Gespräche mit NBCUniversal und ViacomCBS über die Ausstrahlung von Filmen und Serien geführt. Das Kalkül hinter dem möglichen Rechteverkauf: Netflix könnte seine Inhalte bei klassischen TV-Sendern zweitverwerten, die keine Gefahr darstellen, zum Streaming-Rivalen zu erwachsen.

„Wiener Zeitung“: Blimlinger rechnet mit Ende als Tageszeitung

Die staatliche „Wiener Zeitung“ wirbt derzeit mit einem Schwerpunkt „Future Challenge“ – sie selbst steht gerade vor einer existenziellen Herausforderung: Die Mediensprecherin der Grünen, Eva Blimlinger, rechnet nicht mehr mit dem Fortbestand der „Wiener Zeitung“ als Tageszeitung, wenn nun Pflichtinserate wegfallen.

„Es braucht sicher eine Transformation, hin zu einer digitalen Plattform oder einer Wochenzeitung“, sagt Blimlinger nun: „Wir können nicht einfach Geld zuschießen. Die Frage ist, wie wir sie trotzdem retten können. Derzeit loten wir alle Varianten aus und lassen überprüfen, ob sie beihilfenrechtlich möglich sind. Eine schwierige Situation.“

Die schwierige Situation hat das von den Grünen geführte Justizministerium zumindest beschleunigt: Eine EU-Richtlinie über Unternehmensveröffentlichungen, die künftig nur noch eine Stelle möglichst unkompliziert übernehmen soll, spießt sich nach Ansicht der Experten im Ministerium mit der Pflicht zur Veröffentlichung von Jahresabschlüssen großer Aktiengesellschaften im Amtsblatt der „Wiener Zeitung“.

Das Justizministerium ließ eine Frist ungenützt verstreichen, in Brüssel mehr Zeit für die Umsetzung zu beantragen. Nun ist die Richtlinie bis August umzusetzen, wenn Österreich kein Vertragsverletzungsverfahren in Kauf nehmen will.

Ohne diesen Teil der Pflichtveröffentlichungen für Aktiengesellschaften würde mehr als ein Drittel der jährlichen Einnahmen der republikeigenen Tageszeitung von an die 20 Millionen Euro wegfallen. Damit wäre die – ohnehin schon reduzierte – Zeitungsredaktion von rund 55 Vollzeitstellen nicht mehr zu finanzieren.

Die eine zentrale Stelle für Unternehmensinformationen, so eine Hoffnung jedenfalls in der „Wiener Zeitung“, könnte auch die Wiener Zeitung GmbH sein, die schon bisher mit hoheitlichen Aufgaben betraut ist. Dann aber müsste das Justizministerium die Agenden des Firmenbuchs an diese staatliche Firma abgeben.

Die „Future Challenge“, die das Staatsblatt auf seinen Selbstbedienungstaschen bewirbt, befasst sich mit der Zukunft der Ausbildung.

Bitkom: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss sich gesundschrumpfen

Der Digitalverband Bitkom mahnt eine „umfassende Strukturreform auf allen Ebenen“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖR) an. Eine solche erscheine angesichts des zunehmenden Zusammenwachsens von Fernsehen, Radio und Internet angesichts der Digitalisierung und des sich weiterhin rasant änderndem Mediennutzungsverhalten „nicht nur notwendig, sondern nachgerade überfällig“.

In einem jetzt veröffentlichten Diskussionspapier macht die IT-Lobby daher weitgehende Vorschläge, wie ARD, ZDF und Deutschlandradio neu aufgestellt werden sollten. „Nur eine Fokussierung auf gesellschaftlich relevante Programminhalte kann die Bedeutung des ÖR nachhaltig stärken“, heißt es darin. Das Motto müsse lauten „High Quality und Relevanz statt Quotenfixierung“. Nötig sei eine Konzentration „auf die Kernfunktionen Bildung, Information, Kultur und Unterhaltung“.

Spätestens ab 2025 mehr Onlinepräsenz

Gesellschaftlich bedeutsame Themen könnten nicht dauerhaft „durch Skandalisierung und übermäßige Zuspitzung erzeugt werden“, führt der Bitkom aus. „Ausgewogene, objektive, erläuternde und durchaus auch anspruchsvolle Berichterstattung muss im Vordergrund stehen“. Die gerade von den Öffentlich-Rechtlichen einzufordernde „Watchdog“-Aufgabe bestehe auch mit Blick auf Art, Inhalte und Foren der Diskussion und solche Angebote, „die diese abbilden oder sogar verstärken“: Die Fragmentierung der Kanäle für individuelle und öffentliche Meinungsbildung erfordere adäquate Angebote, die auch auf das weite Feld der sozialen Medien angepasst seien.

Perspektivisch sollte der ÖR spätestens von 2025 erheblich stärker im Umfeld der Internet-bezogenen und -basierten Angebote und Inhalte verortet werden, ist dem Papier zu entnehmen. Dort gelte das Argument aus dem klassischen zeitgebundenen TV-Bereich für die Rechtfertigung eines Vollprogramms nicht mehr, wonach „über massenattraktive, leichtgängigere Inhalte“ aus dem Unterhaltungssektor Aufmerksamkeit auch für anspruchsvollere Sendungen generiert werden müsse.

Absage ans Indexmodell

Das vollständige Werbeverbot im nicht-linearen Bereich wie bei Video-on-Demand und Streaming-Angeboten aus Mediatheken sollte überdacht werden, meint der Bitkom. Er bezieht sich dabei aber nur auf Inhalte des ÖR, die über Drittplattformen verbreitet werden. Hier sollten daraus erzielbare Einnahmen an ARD & Co. fließen können, um deren Finanzbedarf zu senken.

Gar nichts hält der Verband von dem Appell der Öffentlich-Rechtlichen und den Überlegungen der Bundesländer, die Rundfunkgebühren regelmäßig um einen gewissen Betrag zu erhöhen und so langfristige Debatten über das Budget zu umschiffen: Dieses sogenannte Indexmodell „würde die notwendige Transformation konterkarieren und zu einer Erstarrung führen“.

Weniger Rundfunkanstalten

Den Geboten von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit sowie bedarfsgerechter Finanzierung wäre damit laut dem Bitkom genauso wenig zu entsprechen wie dem Verbot übermäßiger Finanzausstattung und einer unverhältnismäßigen Belastung der Beitragszahler. Zumindest teils sollten die gesellschaftlich wertvollen Inhalte die Basis für die Gebührenermittlung darstellen. Die im vergangenen Jahr geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags platzte, nachdem sich Sachsen-Anhalt quergelegt hatte. Die Öffentlich-Rechtlichen zogen daher vors Bundesverfassungsgericht.

Regionale Aufgaben sollten von überregionalen klar getrennt und die Anzahl der Rundfunkanstalten verringert werden, rät der Verband. Damit könne der ÖR effizienter werden. Entsprechende Einsparpotenziale gebe es auch bei den Tochter- und Enkelunternehmen der Anstalten. Ziel sollte es sein, eine einheitliche technische Produktions- und Distributionsplattform einzurichten und zentral zu steuern.
„Unverzichtbar für eine funktionierende Demokratie“

„Ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist unverzichtbar für eine funktionierende Demokratie in Deutschland“, betonte Bitkom-Präsident Achim Berg. Um einem in vielen europäischen Staaten zu spürenden enormen Rechtfertigungsdruck standzuhalten, müssten sich die Anstalten aber weiterentwickeln, „um auch in Zukunft innovativ und relevant zu sein“.

Die MDR-Intendantin Karola Wille hob jüngst die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen gerade „im großen Meer der Internetinformationen“ hervor, in dem Orientierung nottue. Ersetze die algorithmenbasierte Inhaltsauswahl von Google, Facebook, Netflix, Amazon & Co. die journalistische, „verstärkt dies die gesellschaftlichen Trends der Polarisierung, Fragmentierung und Radikalisierung“.

Linksteuer: Streit zwischen Google und Microsoft eskaliert

Googles „Außenminister“ Kent Walker ist empört über die Strategie von Microsoft in der in vielen Ländern verstärkt geführten Debatte über eine angemessene Vergütung von Presseverlegern. „Wir begrüßen die Diskussion über Möglichkeiten, eine bessere wirtschaftliche Zukunft für den Qualitätsjournalismus zu schaffen“, schreibt der Vizepräsident des Internetkonzerns in einem Blogbeitrag. Aber Vorschläge, die den Zugang zum offenen Web unterbinden würden wie der Ruf nach einer Entlohnung „für das bloße Anzeigen von Links auf Webseiten“, schadeten „Verbrauchern, kleinen Unternehmen und Verlegern“.

Zerstörung der Funktionsweise des offenen Webs

„Wir glauben auch, dass es in dieser wichtigen Debatte um die Substanz des Themas gehen sollte, und nicht um nackten Unternehmensopportunismus“, verweist Kent auf „Microsofts plötzliches Interesse“ an dem Streit. Google respektiere den Erfolg des Softwarekonzerns aus Redmond und konkurriere hart mit dem Wettwerber in Bereichen wie Cloud-Computing, Suche, Produktivitätsanwendungen, Videokonferenzen, E-Mail & Co. Leider kehre Microsoft bei diesem verschärften Kampf auf dem Markt „zu seinem gewohnten Verhalten zurück, indem es seine Konkurrenten angreift und Lobbyarbeit für Regelungen leistet, die seinen eigenen Interessen zugutekommen“.

Die Redmonder stellten dabei „eigennützige Behauptungen auf und sind sogar bereit, die Funktionsweise des offenen Webs zu zerstören“, wirft der für die globale Beziehungspflege Googles zuständige Manager dem Konkurrenten vor. Die aufgestellten „Behauptungen über unser Geschäft und die Art und Weise, wie wir mit Nachrichtenverlagen zusammenarbeiten“, seien aber „schlicht falsch“. Google helfe Verlegern weltweit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, und werde über die nächsten drei Jahre Nachrichteninhalte über das „News Showcase“ mit einem Budget von einer Milliarde US-Dollar lizenzieren. Diese Initiative bezieht sich aber nur auf ausgewählte Partner im Bereich Journalismus.

„Furcht, Unsicherheit und Zweifel“

Microsoft kehre mit seinem „jüngsten Angriff“ auf „seit Langem bekannte Praktiken“ zurück, verlinkt Kent auf einen Wikipedia-Artikel zu „FUD“ („Fear, Uncertainty and Doubt“). Mit einem solchen Streuen von „Furcht, Unsicherheit und Zweifel“ machten die Redmonder zuletzt vor allem im Kampf gegen Linux von sich reden. Dies alles komme just zu einer Zeit, in der Microsoft nach dem SolarWinds-Angriff und den massiv ausgenutzten Exchange-Lücken sowie damit verknüpfter Hacks zehntausender Kunden inklusive Behörden, NATO-Verbündeten, Versorgern und Krankenhäusern im Zentrum der Kritik stehe.

Kent sieht hinter den Äußerungen Microsoft im Clinch über den Umgang mit Verlegern daher ein Ablenkungsmanöver im Stil der „Scroogled“-Kampagne. 2012 hatten die Redmonder dem Konkurrenten aus dem Silicon Valley damit vorgeworfen, sich über die Produktsuchmaschine Google Shopping für die Platzierung dort auffindbarer Waren bezahlen zu lassen. Microsoft biete mit LinkedIn, MSN, Microsoft News und Bing viele Dienste an, über die Nachrichten regelmäßig konsumiert und geteilt würden, wettert der Google-Manager weiter. Dafür sei aber viel weniger Geld an die Medienindustrie geflossen als über die eigenen Initiativen.

Ungleichgewicht zwischen Verlagen und Online-Plattformen

Die beiden IT-Giganten hatten sich zuletzt rund um das neue australische Mediengesetz einen heftigen Schlagabtausch geliefert. Microsoft leiste gerne seinen Beitrag zu einem fairen Verhältnis zwischen den Technologiekonzernen und der freien Presse, hatte Microsoft-Präsident Brad Smith damals Bing als Alternative ins Spiel gebracht. Facebook und Google hatten dagegen damit gedroht, keine australischen Nachrichteninhalte mehr anzuzeigen. Google nahm dann aber Geld in die Hand, um einzelne große Medienanbieter wie News Corp. von Rupert Murdoch über sein „Showcase“ zu bezahlen. Dass der australische News Media Bargaining Code zu einer Linksteuer führt, konnte letztlich noch abgewendet werden.

Der neue Clinch entzündet sich am interfraktionellen Entwurf für einen Journalism and Competition Preservation Act, den der Demokrat David Cicilline und sein republikanischer Kollege Ken Buck in dieser Woche erneut ins US-Repräsentantenhaus einbrachten. Ähnlich wie das australische Mediengesetz und das europäische Leistungsschutzrecht soll die US-Initiative die Verhandlungsposition von Presseverlegern gegenüber Suchmaschinenbetreibern und News-Aggregatoren in Lizenzierungsverfahren verbessern.

Microsoft-Manager Smith begrüßte das Vorhaben bei einer Anhörung im Unterausschuss für Kartellrechtsfragen im Abgeordnetenhaus am Freitag. Er verwies auf ein Ungleichgewicht zwischen Verlagen und Online-Plattformen. Die Werbeeinnahmen von Zeitungen seien von 49,4 Milliarden US-Dollar 2005 auf 14,3 Milliarden 2018 gesunken, während die Werbeeinnahmen von Google von 6,1 Milliarden US-Dollar auf 116 Milliarden gestiegen seien. Auch wenn Nachrichten dazu beitrügen, Suchmaschinen zu beflügeln, würden Medienfirmen häufig nicht oder schlecht für ihre Nutzung entlohnt, meinte Smith: „Die Probleme, mit denen der Journalismus heute zu kämpfen hat, werden zum Teil durch einen grundlegenden Mangel an Wettbewerb in den Such- und Ad-Tech-Märkten verursacht, die von Google kontrolliert werden.“

Medien-Digitalförderung: Lob und Kritik in Begutachtungsverfahren

Der Gesetzesentwurf für eine neue Medien-Digitalförderung erhält grundsätzlich positives Feedback. Im Begutachtungsverfahren, das am 12.3. endete, gab es aber auch Bedenken: etwa, was Transparenz, Auswahlkriterien oder Verteilungsschlüssel betrifft. Die Digitalförderung soll den heimischen Medienstandort im Wettbewerb mit den amerikanischen Online-Konzernen stärken. Dafür wird ein Fonds geschaffen, der digitale Transformationsprozesse von Tages-, Wochen- und Monatszeitungen sowie Privatrundfunksender und nichtkommerzielle Rundfunkveranstalter unterstützt. Ausgeschlossen sind reine Digitalmedien, da diese laut Gesetzesentwurf nicht mehr transformiert werden müssen.

Dieser Ausschluss sorgt für Kritik. Der Österreichische Rechtsanwaltskammertag (ÖRAK) befürchtet in einer Stellungnahme, dass eine staatliche Förderung ausschließlich jener, die schon bisher am Markt teilnehmen, „nicht innovationsfördernd, sondern struktur- und geschäftsmodellstabilisierend“ wirke. Auch das „forum journalismus und medien“ (fjum) gibt zu bedenken, dass der Ausschluss dazu führe, dass „bereits existierende aber vor allem noch zu gründende journalistische Digitalmedien einen klaren Wettbewerbsnachteil bzw. höhere Markteintrittsbarrieren haben“. SPÖ und NEOS forderten bereits Ende Jänner eine derartige Adaption.

Der Fördertopf besteht aus einer Basis- und einer Projektförderung. Die Basisförderung soll ein Drittel der jährlichen Mittel ausmachen und nur an Tages- und Wochenmedien verlegerischer Herkunft ergehen. Der Verband Österreichischer Privatsender (VÖP) sieht darin eine grobe Benachteiligung von Rundfunkanbietern. Auch die Wirtschaftskammer Österreich (WKO), der Verband Freier Rundfunk Österreich und fjum kritisieren, dass der vorgesehene Verteilungsschlüssel wettbewerbsverzerrend wirke. Der Verband der Regionalmedien Österreich meint, dass auch Monatszeitungen Anspruch auf die Basisförderung haben sollten.

Für die Vergabe der Förderung ist die Regulierungsbehörde RTR zuständig.

Kritik an mangelnder Transparenz

Ein fünfköpfiger Beirat soll sie bei der Mittelvergabe beraten. Der Presseclub Concordia kritisiert hier mangelnde Transparenz. Der vorliegende Gesetzesentwurf lasse zentrale Bestimmungen unklar und lagere sie in eine Förderrichtlinie aus, die derzeit nicht begutachtet werden könne. Auch der VÖP ortet eine „Unbestimmtheit des Gesetzes“ in Hinblick auf die Erlassung der RTR-Förderrichtlinien.

Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) erachtet es als sinnvoll, die Journalistengewerkschaft der GPA in den Fachbeirat miteinzubeziehen und diesen auf sieben Personen aufzustocken. ÖRAK kritisiert wiederum, dass Fachbeiratsmitglieder zur Verschwiegenheit verpflichtet werden. Das laufe einer transparenten Förderungspolitik zuwider.

Um Anspruch auf Förderung zu haben, müssen Tageszeitungen zumindest sechs und Wochenzeitungen mindestens zwei hauptberufliche Journalisten beschäftigen. Der ÖGB erachtet eine Erhöhung auf 12 (Tageszeitungen) bzw. sechs (Wochenzeitungen) für angemessen. Auch der Presseclub Concordia wünscht sich eine Aufstockung.

Einen Ausschluss von der Förderung setzt es für Medien, die im Jahr, das dem Förderansuchen vorausgeht, „wiederholt und systematisch“ zum gewaltsamen Kampf gegen Demokratie oder Rechtsstaat aufgerufen haben oder Gewalt gegen Menschen als Mittel der Politik befürworten. Demnach könnten demokratiefeindliche Medien nach einem Jahr Unterbrechung wieder um Förderung ansuchen, kritisierte der ÖGB und forderte eine strengere Vorgangsweise. Für die mit der Vergabe der Mittel betraute RTR ist wiederum unklar, ab wann eine „systematische“ Verletzung vorliegt. Die Behörde regt an, die Beurteilung auf gerichtliche oder verwaltungsbehördliche Feststellungen zu stützen.

Bindung der Förderung an Barrierefreiheit der Inhalte?

Als zusätzliches Förderkriterium erachtet der Presseclub Concordia eine ethische Selbstverpflichtung der Förderanwärter, etwa durch die Mitgliedschaft im Presserat, und ein transparentes Fehlermanagement als sinnvoll. Auch die NEOS verlangten Ende Jänner die Einbeziehung weiterer Förderkriterien wie einen Fokus auf Ausbildung, Qualität und Diversität in den Redaktionen. Der Österreichische Behindertenrat fordert die Bindung der Förderung an eine Barrierefreiheit der Inhalte. Die Medien-Digitalförderung soll ab 2022 jährlich 15 Millionen Euro betragen. Heuer werden einmalig 34 Millionen Euro, davon 19 Mill. rückwirkend für 2020 ausgeschüttet. Die Förderung speist sich aus den Einnahmen der Anfang 2020 eingeführten Digitalsteuer, die speziell auf große internationale Internetkonzerne abzielt.

Die WKO erachtet den Umfang als zu gering. Schließlich würden die Einnahmen aus der Digitalsteuer im Vorjahr rund 50 Mill. Euro betragen. Fjum wünscht sich, dass 100 Prozent dieser Einnahmen in den Fördertopf fließen.

Kurswechsel in Köln: Warum RTL auf Bohlen verzichtet

Vor einem Monat enthüllte DWDL.de das Projekt „RTL United“, unter dem die RTL Group und ihre Mediengruppe RTL Deutschland in den kommenden Monaten ihre Markenarchitektur vereinheitlichen will, sowohl national wie auch international. Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille: Um mitunter sogar etablierte Marken aufzugeben und unter der Marke RTL zu „harmonisieren“, soll zunächst ein gemeinsames Verständnis der gestärkten Kernmarke helfen. Man könnte von Leitlinien für das Handeln sprechen. Auch diese sind Teil des Projekts „RTL United“. Man sollte meinen, solche Leitlinien hätte RTL schon gehabt. In schönem Marketingsprech hat das heute doch jeder Konzern, der etwas auf sich hält, aber dem war nicht so.

Nach DWDL.de-Informationen addressieren die erstmals erstellten Leitlinien für die RTL Group und ihre Töchter, die in diesen Wochen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den diversen europäischen Märkten vorgestellt werden, dabei zwei Aspekte, die sich tatsächlich abheben vom Einerlei der blumigen Worte, die sich inzwischen viele Konzerne auf die Fahne schreiben: Einerseits bekennt sich RTL darin zu „Tacheles“, wie man es formuliert – sozusagen einem Leitlinien-Äquivalent zur Aussage, man wolle Mainstreamer sein und sei nicht für die Nische gemacht. Interessant wird das erst in Kombination mit einem anderen Aspekt: Alle Programme und Entscheidungen sollen sich künftig an den neuen Leitlinien messen lassen.

„Das neue RTL wird sich nicht auf ein neues Logo beschränken“

Und darin finden sich allerlei Begriffe: Informieren, unterhalten, motivieren, ermöglichen, ermutigen, unterstützen – all das und ein Bekenntnis, Haltung zu beziehen zu gesellschaftlichen Themen. Die Marke RTL soll künftig positiv aufgeladen werden. „Just inspire“ ist die Quintessenz. Für sich genommen wäre das nur ein schon oft gehörter Marketingsprech. Würde man die Leitlinien ernst nehmen, müsste man schließlich Konsequenzen ziehen im Programm – und genau das beobachten wir gerade. „Das neue RTL wird sich nicht auf ein neues Logo beschränken“, erklärt ein hochrangiger Mitarbeiter.

Die Trennung von Dieter Bohlen ist nicht einmal der erste Schritt: Auch das zunächst irritierend wirkende Interview von RTL-Unterhaltungschef Kai Sturm, der sich im Nachgang kritisch über das selbst ausgestrahlte „Sommerhaus der Stars“ äußerte, war dem neuen Selbstverständnis geschuldet. Möchte man es überspitzt und böse formulieren, könnte man sagen: Es schert sie plötzlich beim RTL, was man so über den Sender schickt. Ob das neu entdeckte Sendungsbewusstsein anhalten wird, bleibt abzuwarten. Der Rauswurf Bohlens soll aber nicht die einzige Zäsur bleiben. Bei RTL will man einen Neuanfang, spricht sogar von Relaunch.

Das Bemerkenswerte daran: Man adressiert erstmals Versäumnisse und gesteht Fehler ein. Neue Köpfe auf vielen Positionen helfen dabei, wobei die Reflexion auch schon Jörg Graf an der Spitze des RTL-Programms beherrschte. Und doch dürfte es der jetzt aufgestellten Führungsmannschaft (in der immer noch wenige Frauen mitwirken) leichter fallen, mit dem Erbe härter ins Gericht zu gehen – die Trennung von Dieter Bohlen gestern ist zweifelsohne ein Dokument dessen. Ob das Neue erfolgreicher sein wird als das, von dem man sich in diesem Jahr trennen will, muss sich noch beweisen. Schon jetzt wird aber deutlich: Bei RTL wird neu gedacht. Eine Revolution nach Jahren der Starre – am Ende eines langen Weges.

Ein langer Weg von Egomanie zur Selbstreflexion

Aus einer Position der Stärke galt beim Marktführer im deutschen Privatfernsehen mit hochgetragener Nase lange die Übertreibung als Mittel der Wahl in vielerlei Belangen: Im Programm von RTL galt: Immer lauter, frecher, krasser, dreister. Von „Schwiegertochter gesucht“ über „Super Nanny“ bis zum Freifahrtsschein für Dieter Bohlen. Es war das RTL geprägt von Unterhaltungschef Tom Sänger, Comedy&Reallife-Chef Holger Andersen und Executive Producer Sascha Naujoks. Schäferkordts Boys fanden sich wahnsinnig geil und der Erfolg bekräftigte sie. Das ist zwar mehr als zehn Jahre her, aber RTL baut noch bis heute – oder eben bis gestern – auf viele der Köpfe und Ideen von damals.

Kontinuität ist nicht bei jeder Sendung ein Makel, aber kein Programmschema war so lange so verkrustet und festgefahren wie das von RTL. Kein Wunder: Produzentinnen und Produzenten wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten, wenn sie beim Pitch neuer Ideen und Talente früher erwidert bekamen, dass man mit dieser oder jeder Idee keine Chance sehe auf Anhieb bei 20 Prozent Marktanteil zu liegen. Erfolg erstickte Innovation. Der größte Privatsender hielt an Köpfen und Ideen fest, wie es nicht einmal ARD und ZDF taten, die sich tatsächlich mehr erneuert haben als die Kölner.

Gelernte Sendeplätze und Formatideen, die bis zur Unkenntlichkeit ausgequetscht, pardon, weiterentwickelt wurden, waren das Mantra. Der Erfolg heiligte die Mittel, das Ergebnis zählte und Kritik perlte ab. Mitunter wirkte es sogar so, dass der Sender Ärger mit Medienwächtern und öffentliche Empörung einkalkulierte. Any PR is good PR. Dazu ein lange Jahre schwieriges Nachmittagsprogramm. Ein ehemals hochrangiger Mitarbeiter des Senders gab vor wenigen Jahren den denkwürdigen Satz zum Besten, „der Ruf des Senders liege irgendwo kurz hinter Nordkorea“. Diplomatisch formulierte es der ehemalige RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann, der den Euphemismus vom „Stachel im Programm“ nutzte, um diese Seite des Senders zu umschreiben.

Bunt zu sein, war über Jahre hinweg ein anderer Euphemismus. Von Programmankündigungen über Podiumdiskussionen bis zur Frage an RTL-Anchor Peter Kloeppel, wie wohl er sich angesichts mancher zweifelhaften RTL-Sendungen im Sender fühlt, war die Antwort oft: RTL ist eben bunt und hat für jeden etwas. Spätestens seit 2013 befindet sich der Kölner Sender jedoch auf einer Sinnsuche, die man aber bis zum Jahr 2021 nicht offen als solche verstanden wissen wollte. Es war der übliche Marketingsprech: Man wolle besser werden, ohne zu benennen, was denn schlecht war. Nun, es ist ja auch nicht so, als hätte der Sender nicht über die Jahre weiter gut Geld verdient und in diesem Sinne funktioniert.

Okay, das Penthouse sei weg, erklärte der damalige RTL-Programmgeschäftsführer Hoffmann 2013 in gewohnt blumigen Worten und tat damit den ersten Schritt zur Erkenntnis: Weiter so geht nicht, wir haben da ein Problemchen. Unter Hoffmann gab es eine erste Informationsoffensive – mit vereinzelt verlängerten Hauptnachrichten, Sondersendungen und „Team Wallraff“ mit der großen Burger King-Enthüllung. Es war das Jahr 2015 und Relevanz flackerte zwischenzeitlich als neues Steckenpferd auf, aber der gelernte Journalist Frank Hoffmann konnte die Farbe nicht dauerhaft etablieren.

Kehrtwende zum sanften Riesen?

Dazu ging der Versuch, zwischen Dieter Bohlen und „Schwiegertochter gesucht“ anspruchsvollere Highend-Fiction anzubieten, mit „Deutschland 83“ im Herbst 2015 baden – weil es gar nicht erst gefunden wurde. Eine demotivierende Erfahrung, in deren Konsequenz RTL im Fiktionalen auf eine austauschbar-belanglose Serien-Offensive setzte. Dazu setzte dann der Reality-Boom der vergangenen Jahre ein, der stabilisierte. Dass man es im vergangenen Jahr beim „Sommerhaus der Stars“ übertrieben hat, war ungewohnt. Jetzt ist es besser verständlich. Mit mehr Informationsangeboten, mehr Sondersendungen ist RTL seit Jörg Graf und jetzt unter Henning Tewes zurück beim einst von Hoffmann angedachten Weg der Relevanz.

In der Unterhaltung wird es hingegen noch spannend: RTL braucht neue Köpfe, nicht nur bei „Deutschland sucht den Superstar“ und „Supertalent“, auch etwa bei „Take me out“, wo der bisherige Moderator zu Sat.1 gewechselt ist. Und Bohlen ist sicher nicht der einzige Lautsprecher im Programm der Kölner, der mit seiner Art inkompatibel ist mit den neuen Leitlinien der von CEO Bernd Reichart geführten Mediengruppe. Am Ende des Jahres dürfte RTL als Unternehmen und Sender anders aussehen als jetzt – und das nicht nur aufgrund des neuen Logos. Ein gewagter Schritt nach all den Jahren, in denen das Image weitgehend egal war. Vielleicht würde Sat.1 – wo man übrigens schon länger erklärt, lauter werden zu wollen – den Titel des „Kuschelsender“ ja weiterreichen. RTL auf dem Weg zum sanften Riesen?

Debatte ums Gendern: Sprachlicher Hindernislauf

Konsequentes Gendern soll die Gleichstellung voranbringen. Ob das gelingt, darf bezweifelt werden. Denn wie könnte ein Sternchen inmitten eines Wortes die Welt konkret verbessern?

Die Sprache prägt die Sicht der Welt. Wodurch tut sie es? In den Diskussionen um das sogenannte „Gendern“ entsteht mitunter der Eindruck, sie tue es vor allem durch Substantive. Bei Personen-, Berufs- und Rollenbezeichnungen (Lehrer, Studenten, Mitarbeiter, Bürger), heißt es, sollte stets ein Hinweis auf die Tatsache angebracht werden, dass auch Frauen und überhaupt alle Geschlechter mitgemeint sind. Entweder in Form grafischer Zusätze, denen im gesprochenen Deutsch dann eine mehr oder weniger lange Pause entspricht. Oder es werden aus Mitarbeitern Mitarbeitende und aus den besten Köchen die besten Kochenden.

Das Argument lautet, andernfalls würden alle außer den Männern sprachlich zum Verschwinden gebracht. Darin wird eine Verfestigung von Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern beargwöhnt, wie sie in unterschiedlichen Einkommen, Karrierechancen, Berufspositionen dokumentiert ist.

Rituelles Mitgemeintsein

In den Wind geschlagen wird dabei die linguistische Unterscheidung zwischen dem grammatischen und dem biologischen Geschlecht oder der sexuellen Orientierung. Angeblich schließen die Leute – genauer: die Probanden in linguistischen Studien – vom einen aufs andere. Dass aber der Ruf nach einem Arzt ernsthaft Ärztinnen ausschlösse, geht an der Wirklichkeit vorbei. Wenn Schüler sich über „die Lehrer“ beschweren, sind ebenfalls beide Geschlechter gemeint. Der Duden ist kürzlich so weit gegangen, Worte wie „Bürger“ oder „Dieb“ nur für die Bezeichnung der männlichen Exemplare in diesen Rollen zu reservieren. So als hätten sich all die Ansprachen an die Bürger bislang nur an Männer gerichtet.

Lassen wir an dieser Stelle die linguistischen Fragen im engeren Sinne beiseite. Fragen wir, ob das Gendern seine Zwecke erreicht. Falls der Zweck Gleichstellung sein sollte, sind Zweifel angebracht. So gibt es eine Reihe von Sprachen, die gar keine grammatischen Geschlechter haben. Ob es in den Ländern, in denen sie verwendet werden, der Türkei etwa, den Frauen besser geht? In Schweden ist die Bezeichnung „Lehrerin“ gegenüber „Lehrer“ rückläufig, ohne dass von begleitenden Schwierigkeiten weiblicher Lehrer zu hören ist.

Der Schriftsteller Eugen Ruge hat die Gegenprobe gemacht und gefragt, ob die Bezeichnung „Führungskraft“ eher die Assoziation mit einem Mann oder mit einer Frau hervorruft. Nun, Führungskraft ist seit jeher grammatisch weiblich, sozial wurden es die Führungskräfte dadurch nicht. Die Sprache prägt die Sicht der Welt, aber die Welt prägt die Sicht der Welt noch viel mehr.

Selbstgerechtigkeit und Selbstüberschätzung

Wie sollte sich denn auch, außer mittels Sprachmagie, durch ein Sternchen inmitten eines Wortes die Situation von Menschen verbessern, die weder männlich noch weiblich sind? Zu befürchten ist ihre Erfahrung, dass das ganze rituelle Mitgemeintsein ihnen nichts hilft. Es dürften weniger einzelne Worte als Sätze sein, die über sie formuliert werden, die Urteile und Beschreibungen also, denen sie begegnen, die ihre Lage bestimmen.

Nun kann eingewendet werden, so ein Sternchen samt kleiner Sprechpause ändere doch nicht viel und allenfalls etwas zum Guten, Inklusiven. Es tue niemandem weh und erfreue einige. In den Ohren vieler klingt es gleichwohl merkwürdig, vor allem wenn gar kein sachlicher Ertrag der Innovation vorgewiesen werden kann. Es hat etwas Selbstgerechtes, und es ist Selbstüberschätzung mit im Spiel, wenn versucht wird, sich durch Sprechpausen und Sternchen in jedem dritten Satz als Weltverbesserer und fortschrittliche Sprecherin auszuweisen, auch wenn das Thema der Kommunikation ein ganz anderes ist.

„Bürgx“, „Bürgens“, „Person, die einem Staat angehört“
Das gilt vor allem für die Sprache der Politik, der Verwaltung und der Medien. Hier werden Sprachfestlegungen dieser Art leicht als Erziehungsversuch seitens einer privilegierten Minderheit verstanden. Die Nachrichtenmoderatorin Petra Gerster hat soeben mitgeteilt, die meisten Reaktionen auf ihr Gendern seien negativ. Womöglich sind sie es auch deshalb, weil sich viele Zuschauer den impliziten Vorwurf, sie selbst sprächen seit Jahrzehnten ungerecht, nicht machen lassen wollen.

Was wäre überhaupt gerecht? Das Bemühen um eine angeblich diskriminierungsfreie Sprache macht bei Sternchen und Pause nicht halt. Denn natürlich trägt auch noch die vermeintlich verbesserte Bezeichnung Spuren der Unterscheidung von männlich und weiblich: „Bürger“ und „innen“. Ersatzweise sind für das vollinklusive Bezeichnen Modelle vorgeschlagen worden, die sich so auswirken würden: „Bürgx“, „Bürgens“ oder „Person, die einem Staat angehört“, also das Verschwinden des Wortes, dessen Reform versucht wurde.

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Das belegt jedoch bestenfalls die Grenzen, die Gerechtigkeitsvorhaben in der Konversation und im Schriftbild gesetzt sind. Mag „die Personen, die Schulklassen unterrichten“ statt „Lehrer“ noch so geschlechtergerecht sein, die Logik, die uns dahin führen würde, machte aus dem Sprechen und Schreiben einen kuriosen Hindernislauf. Jeder soll die private Freiheit haben, sich auf ihn zu begeben. Eine moralische Prämie aber liegt darauf nicht.

Warum die Ippen-Medien so gut bei Google funktionieren

Die vornehmlich regionalen Titel der Ippen-Gruppe bestechen durch gut gemachte Online-Pendants, die mitunter mehr Sichtbarkeit bei Google haben, als die Großredaktionen von „Spiegel“, „Bild“ oder „Süddeutsche Zeitung“. Der Grund dafür heißt: Jan Ippen.

Wenn eine Expertenanfrage zur Bewertung der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens ins Leere läuft, ist das für die Recherche oft ein Ärgernis. Wenn das gleich zwei Mal passiert, könnte ein ganzes Artikelthema kippen. Es sei denn, die Absagen der Experten sind schon selbst die Nachricht. Zwei der bekanntesten deutschen Experten für Suchmaschinenoptimierung verweigerten MEEDIA qualifizierte

Auskunft zur Leistung des „Münchner Merkur“ im Google-Kosmos. Der Grund: Sowohl Jens Fauldrath aus Berlin als auch Marcus Tandler sind mit Jan Ippen befreundet. Beide sind in dieser Angelegenheit befangen und wollen sich deshalb nur ganz allgemein äußern.

Das ist die einfache Zusammenfassung der Analyse. Jan Ippen ist bestens vernetzt in der SEO-Szene. Er interessiert sich für die technischen Zusammenhänge, die dazu führen, dass redaktionelle Texte mit Hilfe von Google mehr Reichweite bekommen. Er veranstaltet gemeinsam mit Marcus Tandler das SEOktoberfest G50 Summit, ein jährliches Treffen der besten Suchmaschinenoptimierer der Welt. Und er lässt sich von den Menschen beraten, die ihre Meriten in E-Commerce und Marketing erworben haben und diese Erkenntnisse auf Medien umsetzen und erweitern. Sie haben keinen Stallgeruch in der Publikationsbranche. Sie hinterfragen bestehende Konzepte konsequent und mitunter radikal, weil sie nur eine Metrik anlegen: Erfolg.

Marcus Tandler, der mit seiner Company Ryte auch andere Verlage betreut, lässt sich immerhin zu einer Aussage hinreißen: „Es gibt da keine Smoking Gun oder gar ein Geheimrezept. Die Antwort ist ganz einfach, dass sie das tun, worüber viele andere nur diskutieren und abwarten.“

Was ist Google für Medienseiten?

Wenn es kein Geheimrezept gibt, so gibt es wohl doch bekannte Rezepte. In der Tat sind die meisten Prinzipien, nach denen die Ippen-Titel optimieren, bekannt. Neu ist unterdessen die Geschwindigkeit und Virtuosität, mit der ein „Münchner Merkur“ oder eine „tz“ agieren, denn die Materie mag in der Einzeldisziplin trivial sein, im Gesamtkonstrukt ist sie komplex und üblicherweise widerspricht das dem Wunsch nach Experimentierfähigkeit und Geschwindigkeit.

Der Traffic-Gewinn bei Google hat drei Facetten: die Suche, News und Discover. Alle drei sind unterschiedlich, sowohl in ihrer Wirkung als auch in der Optimierung dafür. Und mitunter stehen sie sogar miteinander in Konflikt. Eine Optimierung für Google News kann vorsehen, dass Nachrichten wiederholt ausgespielt werden, zum Beispiel indem sie mit einem Update versehen werden. Das mag der Algorithmus der Suche gar nicht gerne, weil sich große Teile des Inhalts wiederholen.

Andre Alpar gehört ebenfalls zur Top-Riege der deutschen Google-Experten. Sein Fokus liegt stärker auf E-Commerce, für ihn sind also die Themen News und Discover selten Teil der täglichen Arbeit. Er stellt fest, dass im Gegensatz zum „Focus“ beispielsweise der „Münchner Merkur“ eher weniger Sichtbarkeit in der Google-Suche hat, was nachrichtliche, tagesaktuelle Meldungen angeht.

„Das Gegenteil davon würde man als ‚Evergreen Content‘ bezeichnen und davon gibt es beim ‚Merkur‘ reichlich. Da gibt es viele Themen, die über die Zeit die Relevanz deutlich besser behalten als nur klassische Nachrichten“, sagt Alpar, „meiner Meinung nach ein sehr klug gewählter Schachzug im Bereich des strategischen SEOs“.

Sein früherer Mitarbeiter Matthäus Michalik, der seit einigen Jahren eine eigene Agentur führt, ist der gleichen Meinung: „Evergreen-Content, der bei Google rankt, stellt ein Grundrauschen dar und untermauert die Autorität des Publishers.“

Michalik stellt in einer ausführlichen Analyse fest, dass der „Merkur“ im Vergleich zum Wettbewerb sogar eher unterdurchschnittlich in der Google-Suche sichtbar ist. In den letzten Monaten ging es mit dem organischen Traffic sukzessive bergab. Eine Beobachtung, die Michalik für die meisten deutschen Verlage macht.

Discover und News

„Das Ranking in den News basiert aber auf eigenen Faktoren“, grenzt Matthäus Michalik ab. Und hier trennen sich publizistische Spreu und redaktioneller Weizen. Denn bei Google News ist der „Münchner Merkur“ stärker als die ganz Großen, als „Spiegel“, „Focus“ oder „Bild“. Und das gilt vor allem für mobil-optimierte Seiten, die Accelerated Mobile Pages (AMP). Michalik stellt fest, dass der „Merkur“ bei einem Viertel aller News-Themen in die Nachrichtenbox (Onebox) kommt. „Auch der ‚Spiegel‘ ist bei AMP und News stark, aber nicht so stark wie ‚merkur.de‘, bezogen auf den Marktanteil bei möglichen Einblendungen. Selbst die ‚Bild‘-Zeitung kann keine Werte wie ‚merkur.de‘ vorweisen“.

Die OneBox ist nur ein Teil der Google-News-Ausspielung. Sie erscheint im Kopf von Suchergebnisseiten bei etwa 13 Prozent aller Suchen. Der zweite Baustein ist der Reiter „News“, also die vertikale Suche nach Nachrichten. Auch hier kann der „Merkur“ punkten. 42 Prozent aller „Merkur“-Seiten haben die Chance, hier aufzutauchen, weil sie entsprechend gebaut sind. Branchenprimus.

Jens Fauldrath analysiert allgemein: „Die OneBox und News kann man in der Analyse nicht sauber trennen. Aber klar ist, dass die Onebox das Fünf- bis Zehnfache an Traffic bringen kann im Vergleich zu news.google.de“.

Bei Google News sind die Zusammenhänge einigermaßen klar. Hier geht es um ein extrem agiles Setup, dass sehr schnell auf Veränderungen der Nachrichtenlage und natürlich das Verhalten des Wettbewerbs reagieren kann.

Bei Discover, der Ausspielung von Nachrichten im linken Bildschirm von Android, ist die Sache wesentlich diffuser. „Discover-Stories sind zwischen ein und sechs Tage alt und bleiben 24 Stunden drin. Discover hat nicht nur News sondern auch Evergreens“, merkt Fauldrath an. Es gebe wenig Synergien in Sachen Autorität zwischen News und Discover, sagt er weiter. Es fällt den Optimierern schwer, hier eindeutige Grundprinzipien zu erkennen. „Für die Optimierung bei Discover schaut man einfach, was gestern funktioniert hat“, ergänzt der Berliner, dem von seinem Münchner Kollegen und Freund Marcus Tandler zu Gute gehalten wird: „In Sachen Discover gibt es in Deutschland keinen besseren“.

Technische Infrastruktur und agiles Team

Und damit steht das vermeintliche Geheimrezept der Öffentlichkeit zur Verfügung. Ippen Digital hat eine Strategie, die Google eine sehr hohe Bedeutung zumisst. Das bildet sich darin ab, dass man viel Geld für Technik in die Hand genommen hat, um vor allem möglichst schnell agieren und reagieren zu können, wenn sich etwas ändert. Andre Alpar schwärmt: „Die Plattform ist extrem sauber aufgesetzt was technisches SEO angeht.“

„Das Tech-Framework ist absolut State-of-the-Art. Daher müssen sie auch keine Angst vor Algorithmus-Updates oder dergleichen haben“, sagt Marcus Tandler, dessen Firma mutmaßlich die Technik mitentwickelt hat.

Und man weiß bei Ippen Digital auch, wo die eigenen Ressourcen nicht reichen und man sich zum Beispiel mit Zusatztools ausstatten muss. „Ein solches Monitoring funktioniert nur über eine spezielle Newsroom-Software wie beispielsweise Trisolute. Gängige SEO-Tools sind dafür nicht geeignet, da sie kein Live-Monitoring von News beherrschen“, meint Michalik.

Last not least: Eine solch schlagkräftige Truppe bekommt wohl nur zusammen, wer das Thema SEO topdown lebt. „Der Jan Ippen umgibt sich privat und beruflich seit langem mit Leuten aus dem Bereich SEO und Onlinemarketing und hat selbst extrem tiefe technische Kenntnis“. SEO-Guru Andre Alpar zieht respektvoll den Hut.

Neues Gremium fürs Urheberrecht im Internet: Darum gibt es jetzt Netzsperren gegen Streamingportale

Für gewiefte Internetnutzer ist es kein Geheimnis: Selbst wer keinen Account bei Netflix oder Disney+ hat, kann die meisten aktuellen Filme und Serien dieser Dienste trotzdem gucken. Möglich machen es Streamingportale wie S.TO, die auf ihrer Startseite mit gefragten Inhalten anderer Anbieter Werbung machen, etwa mit den Serien »WandaVision« oder »Lupin«.

Das Geschäftsmodell solcher Seiten fußt darauf, dass die Serien nicht direkt veröffentlicht werden. Wie in einem Katalog werden aber fein säuberlich die Links zu sogenannten Hostern verlinkt, die illegale Kopien der Inhalte bereithalten. Dazu gibt es aggressive Werbung, die den Nutzern Sexkontakte oder obskure Werbeblocker verspricht.

Der Rechteindustrie sind solche Portale seit über einem Jahrzehnt ein Dorn im Auge. Das Vorgehen dagegen ist aber mühselig. So übermitteln die Studios routinemäßig Hunderttausende Links an Google und teilen so mit, welche Inhalte in der Suchmaschine nicht gefunden werden dürfen. Die fragwürdigen Portale selbst berufen sich auf Haftungsregeln, wonach Portalbetreiber nicht für die Inhalte haften, die ihre Kunden abgelegt haben oder die sie nur verlinken.

»Wir arbeiten als legale Suchmaschine und haben keine Möglichkeit, die Inhalte auf anderen Servern zu löschen«, schreiben etwa die anonymen Betreiber von S.TO. Gleichzeitig gibt das Portal mit seinem Erfolg an: Über 700.000 Streams seien verfügbar, über 500.000 Nutzer sollen das Angebot nutzen.

Ehemalige Richter führen Sperrverfahren

Für die Kunden der größten deutschen Provider ist es damit erst einmal vorbei. Statt des Streamkatalogs bekommen sie derzeit nur noch eine Fehlermeldung zu sehen: »Diese Website ist aus urheberrechtlichen Gründen nicht verfügbar«. Darunter sieht man das Logo der CUII, der Clearingstelle Urheberrecht im Internet.

Dieses neue Gremium soll in Zukunft bestimmen, welche Angebote künftig als »strukturell urheberrechtsverletzende Webseiten« gelten. Für die notwendige Unabhängigkeit sollen unter anderem ehemalige Richter des Bundesgerichtshofs sorgen, die Beschwerden nach einem Kriterienkatalog abhandeln: Bereichern sich die Angebote systematisch an Urheberrechtsverletzungen? Sperren sie sich gegen die Durchsetzung von legitimen Beschwerden? Gibt es einfachere Lösungen, die Verstöße abzustellen?

Internetsperren sind seit jeher ein netzpolitischer Streitfall erster Klasse in Deutschland. Als der Düsseldorfer Regierungspräsident Jürgen Büssow im Jahr 2002 die ersten Websites sperren wollte, ging der Chaos Computer Club (CCC) auf die Straße. Und als später die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen mit zu diesem Zweck ungeeigneten Websperren gegen Kindesmissbrauch vorgehen wollte, spülte die Protestwelle die Piratenpartei in zahlreiche Landesparlamente. Gerade versucht die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen, Netzsperren gegen Pornoportale durchzusetzen, die sich nicht an deutsches Jugendschutzrecht halten.

Bisher stellten sich die Provider strikt gegen solche Maßnahmen, in denen sie den Einzug einer Netzzensur sahen. Einige klagten sogar erfolgreich gegen Sperrungsverfügungen. Dies hat sich nun offenbar geändert. Zu den Mitgliedern der neuen Clearingstelle gehören Deutschlands größte Provider: die Telekom, Telefónica, Vodafone, 1&1 und Mobilcom-Debitel. Dazu kommen Urheberrechtsverbände wie die Motion Picture Association MPA, der Bundesverband Musikindustrie, aber auch die Deutsche Fußball Liga, die DFL.

Behörden winken die Sperren ab

Damit die selbst verordnete Providersperre funktionieren kann, mussten die Mitglieder allerdings eine rechtliche Hürde überwinden. So verbietet die EU-Netzneutralitätsverordnung, dass Provider willkürlich Angebote sperren. Doch sowohl die Bundesnetzagentur als auch das Bundeskartellamt haben dem neuen Verfahren grünes Licht gegeben. »Das neue Verfahren hilft, langwierige und kostspielige Gerichtsverfahren zu vermeiden, auf die Rechteinhaber bislang angewiesen sind«, erklärt der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann.

Zwar gab es in den letzten Jahren manches erfolgreiche Vorgehen gegen Streaminganbieter, die mit ihren Portalen Millionen verdienten. Andererseits aber ist das berüchtigte BitTorrent-Portal The Pirate Bay weiterhin online, obwohl der Europäische Gerichtshof den Weg zu einer Sperre bereits 2017 frei gemacht hat. Homann betont, seine Behörde trage dafür Sorge, dass die Vorgaben der Netzneutralität erfüllt werden.

Das Hauruckverfahren außerhalb regulärer Gerichte stößt nicht überall auf Zustimmung. So zeigt sich Julia Reda, die früher einmal für die Piratenpartei im Europaparlament saß, sehr kritisch. »Die Clearingstelle ist grundrechtlich hochbedenklich«, erklärt Reda.

Sie sieht in der Clearingstelle einen Konstruktionsfehler, da die Rechte der Nutzerinnen und Nutzer bei der Entscheidung über die Netzsperren gar nicht berücksichtigt würden. Die Provider verfolgten ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen, auch die Bundesnetzagentur sei ungeeignet, um die Vorgaben des EU-Rechts zu erfüllen.

Zudem befürchtet sie, dass das Gremium über das Ziel hinausschießt: »Die Gefahr ist groß, dass es zu Kollateralschäden kommen wird, bei denen auch der Zugang zu legalen Inhalten abgeschnitten wird«, erklärt Reda, die inzwischen für die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) arbeitet.

Da der Europäische Gerichtshof jedoch den Weg für DNS-Sperren freigemacht habe, hätten sich die Provider für einen pragmatischen Weg entschieden, der ihnen Rechtssicherheit verspricht. Dabei sei es jedoch wichtig, dass das Verfahren sicherstelle, dass nur wenige Websites gesperrt würden und das Verfahren nicht dafür geeignet sei, flächendeckende und breite Sperrungen durchzusetzen.

Ob die neuen Netzsperren die gewünschte Wirkung haben, ist aber unklar: DNS-Sperren sind sehr einfach zu umgehen. So ist das Portal S.TO bereits in Österreich gesperrt. Unbeeindruckt davon haben die unbekannten Betreiber ganz oben auf die Website eine laientaugliche Erklärung gestellt, wie man die Sperren umgehen kann. Andere Portale werben für sogenannte Virtual Private Networks (VPNs), die den gesamten Datenverkehr verschlüsseln und damit Websperren umgehen können.

Folter, erzwungene Geständnisse und Lagerhaft – wie ein Blogger die weissrussische Diktatur demaskiert

Der weissrussische Journalist Mikola Dziadok hat mit einem Erfahrungsbericht das Strafsystem der Lukaschenko-Diktatur einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Jetzt sitzt er erneut im Gefängnis.

Offiziell sitzen in Weissrussland 227 politische Gegner von Staatspräsident Alexander Lukaschenko im Gefängnis. Einer von ihnen ist der Blogger und Journalist Mikola Dziadok. Wer verstehen will, wie der hagere junge Mann mit kurzen Haaren und Brille zum Staatsfeind werden konnte, wird im Internet schnell fündig. Unter dem Titel «Die Farben einer parallelen Welt» hat Dziadok dort 2017 seine Gefängniserinnerungen veröffentlicht, auf Weissrussisch, Russisch und Englisch.

In seinem Bericht über eine fünfjährige Haftstrafe gibt der junge Journalist einen seltenen Einblick in die Funktionsweise des Strafvollzugs in Weissrussland. Seit dem 11. November 2020 ist Dziadok erneut als politisch Verfolgter in Haft: ohne offizielle Anklage, ohne regelmässigen Kontakt zur Aussenwelt und mit deutlichen Anzeichen dafür, dass er gefoltert wird.

Mit Drohungen und Folter zu «Geständnis» gezwungen

Das weissrussische Staatsfernsehen hat Dziadok extra in den Abendnachrichten vorgeführt – als Schuldigen, der terroristische Angriffe vorbereitet haben soll. Die Bilder waren für die Zuschauer nach den anhaltenden Berichten über Folter klar zu lesen: Dziadok war mit Schlägen und Pfefferspray misshandelt und mit Todesdrohungen zur öffentlichen Aussage gezwungen worden.

Sein Vater Alexander wähnte ihn in Lebensgefahr, nachdem ein Mitgefangener von Todesdrohungen gegen ihn im Gefängnis berichtet hatte. Bereits drei Jahre vor den Massenprotesten, die im August 2020 die Republik Weissrussland erschüttert haben, schilderte Dziadok den Strafvollzug als weitgehend rechtsfreien Raum. Er zeigt einerseits, wie die Gefangenen selbst die soziale Wirklichkeit in den Kolonien konstruieren, indem sie ihre eigene Regeln und Hierarchien durchsetzen.

Andererseits zeichnet er ein Bild der Gefängnisverwaltung, der jede Beschwerde als Grund für wochenlange Einzelhaft gilt. Mikola Dziadok produzierte besonders viel Arbeit. Dies, weil er als politischer Häftling galt und stets sein gesetzlich verbrieftes Recht einforderte.

Im März 2015 wandte sich der damals 27-Jährige aus dem Gefängnis an die Öffentlichkeit, um auf seine Haftbedingungen in der Strafkolonie hinzuweisen. «Guten Tag!», so lautete seine Botschaft, «mein Name ist Mikola Dziadok. Ich wende mich an alle Menschen, für die die Worte Gerechtigkeit, Humanismus und menschliche Würde keine leeren Worte sind.»

Selbst Hilfspakete werden den Häftlingen verweigert

Dziadok war 2010 im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen verhaftet worden. Man beschuldigte ihn, an einem Brandanschlag auf die Botschaft der Russischen Föderation beteiligt gewesen zu sein. Die Schuld wurde ihm nie nachgewiesen. Dennoch wurde der damalige Student der Europäischen Humanistischen Universität 2011 verurteilt und von da an über vier Jahre lang von Strafkolonie zu Strafkolonie versetzt.

All diese Orte hat Mikola Dziadok mitsamt ihrem Geruch, ihrer Geschichte und ihrer Funktionsweise beschrieben: das Gefängnis in Schodina, in das auch die Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa übergeführt wurde; das KGB-Gefängnis im Zentrum von Minsk, wo seit über acht Monaten die zwei verhinderten Präsidentschaftskandidaten Sergei Tichanowski und Viktor Babariko einsitzen, und die Strafkolonie im Osten des Landes, die zu einem Konzentrationslager umgebaut werden soll.

In seinem Buch, das derzeit beim Online-Projekt «Stimmen aus Belarus» übersetzt wird, analysiert der Journalist in nüchterner Sprache das Innenleben der Gefängnisse und von zwei Institutionen, die die Macht von Alexander Lukaschenko sichern: dem KGB und dem Innenministerium. So war der Strafvollzug schon vor den jetzigen Repressionen ein Mikrokosmos des Regimes, dessen Akteure sich zwar auf das Recht berufen, aber seine Abschaffung zu einem zentralen Herrschaftsprinzip gemacht haben.

Der daraus folgenden staatlichen Willkür sind im Gefängnis keine Grenzen gesetzt. Der politische Aktivist Dziadok erfährt das durch den Entzug von Schlaf, Wärme, Essen und die systematische Verhinderung von Kontakten zur Aussenwelt. Derzeit werden an ihn und andere politische Gefangene mit dem Verweis auf die Covid-19-Pandemie selbst Pakete mit Lebensmitteln nicht weitergegeben. Auch Briefe stellt man ihm derzeit nur in Ausnahmefällen zu.

«Gesetzlose Bullen»

In Schodina, wo auch jetzt Dutzende Teilnehmer der Proteste festgehalten werden, wurde Dziadok geschlagen, weil er politischer Gefangener ist. Dabei zeichnete der Autor bereits 2017 minuziös die Bilder, die im August 2020 Hunderttausende auf die Strasse gebracht haben. Er wurde in Schodina gezwungen, mit den Armen an der Wand zu stehen. Die Beamten schlugen ihn gezielt auf die Beine.

Dziadok schreibt von «gesetzlosen Bullen mit sadistischen Neigungen, die in dir keinen Menschen sehen» und benennt damit den Grund, warum nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen vom letzten Jahr alles anders ist. Denn die Zeiten, in denen der Strafvollzug in Schodina «nur» einzelne politische Häftlinge tangierte, sind vorbei. Jetzt geht es um eine nationale Auseinandersetzung um Rechtsstaatlichkeit und Würde.

Die Beobachtung gilt auch über die Grenzen von Weissrussland hinaus: Die Qualität staatlicher Herrschaft ist im Gefängnis wie unter dem Brennglas zu erkennen – im Verhältnis zu jedem einzelnen Inhaftierten.

Der Blick des jungen Mannes ist dabei nicht auf sein eigenes Schicksal gerichtet, sondern auf den Alltag seiner Mitgefangenen; zumeist sind es Verlierer, die wegen Diebstahls, Raubs oder Drogenhandels inhaftiert sind.

Dziadok denkt über diejenigen nach, deren erwachsenes Leben im Gefängnis beginnt und dort auch endet. Er zeichnet nach, wie Menschen im Angesicht des brachialen Staats psychisch erkranken und fortan als «Verflogene» aus der Isolationshaft in geschlossene Strafabteilungen verschafft werden.

Sein Buch erwähnt eine Mitgefangene namens Ira, die fünf, sechs Stunden am Tag wahnhaft Geschichten erzählte, die über den Flur für alle zu hören waren. Dziadok erinnert sich an einen selbsternannten Wahrsager, der ihm anbot, nach der Freilassung in Russland mit der kommerziellen Sünden-Reinwaschung reich zu werden.

Nachdem er bereits eine Strafe von vier Jahren abgesessen hatte, wurde der Blogger trotz seinem Protest zu einem weiteren Jahr unter besonders schweren Bedingungen verurteilt. Dass er sein Recht einforderte, war Grund genug, Dziadok noch länger festzuhalten. Er sieht es selbst mit Ironie, dass er als einziger Anarchist weltweit auf Druck der USA aus der Haft entlassen wurde.

Wissen, wofür man leidet

Denn 2015 hatte Lukaschenko versucht, auf den Westen zuzugehen, um Druck auf Russland auszuüben. Vorbedingung war damals die Freilassung aller verbliebenen politischen Gefangenen. Dziadok beendete danach an der weissrussischen Exiluniversität in Wilna das Studium der globalen Politik, arbeitete als Journalist und schrieb seine Erinnerungen an das Gefängnis auf.

Er hat damit das Buch der Stunde geschrieben. Denn er zeigt, warum ein Regime, das seine Gegner einsperrt, nicht gewinnen kann. Er selber zeigt auf, wie es ihm gelang, sich im Gefängnis nicht brechen zu lassen. Stattdessen begann er, die Zelle als Bühne für seinen künftigen Kampf zu nutzen.

Inzwischen hat sein Gegner Lukaschenko den Preis für freie Meinungsbekundungen jeglicher Art erhöht, indem er systematisch lange Haftstrafen verhängen lässt. Mikola Dziadok hält dem eine nüchterne Erkenntnis entgegen: «Um ehrlich zu sein, ist es nicht schwer, einzusitzen und zu leiden, wenn man weiss, wofür.»

Getreu seiner Gesinnung ist das eine Gesellschaft, in der eine menschliche Persönlichkeit niemals in der Lage sein wird, eine andere der Freiheit, ihrer Rechte und ihrer menschlichen Würde zu berauben.

Commerce Week Payment – was ist das „next big thing“?

Beim Payment im digitalen Handel haben sich Kundengewohnheiten in den letzten Monaten grundlegend verändert. Die wichtigsten Trends und Entwicklungen wurden auf der Commerce Week diskutiert.

Wie kann eine Bank den Handel dabei unterstützen, auf neue Anforderungen dynamisch zu reagieren? Frank Kemper, Mitglied der Chefredaktion INTERNET WORLD, hat sich mit Jörg Mutschall, Leiter ZV & Electronic Banking bei der Münchner Bank, auf der Commerce Week über zukünftige Entwicklungen im Bereich Payment unterhalten.

Die Brötchen beim Bäcker bargeldlos bezahlen? Kein Problem! Mit der Coronakrise änderte sich das Zahlverhalten der Kunden schlagartig. Die Bargeldzahlung geht zurück, die Händler müssen reagieren. Das brachte laut Jörg Mutschall viele Herausforderungen mit sich: „Es geht ja nicht nur darum, ein Gerät an die Theke zu stellen, sondern es ist ein komplett anderer Prozessablauf im Unternehmen. Installation, Schulungen, technische Umsetzung – und das mit einer nicht auf einen Schlag erweiterbaren Manpower.“

„Das Bezahlmodell muss zum Geschäftsmodell passen“

Click and Buy, Click and Collect – jeder Händler muss mittlerweile ein Sortiment an unterschiedlichsten Zahlungsweisen anbieten. Doch welcher Zahlungsmix ist für welchen Anbieter der richtige? „Wir analysieren natürlich das Bargeldverhalten und schauen uns auch das Thema Buchhaltung an“, so Mutschall. „Das Bezahlmodell muss zum Geschäftsmodell passen. Auch das Thema Ratenkauf spielt eine Rolle, was sich nun auch online umsetzen lässt. Das charmante Feedback von unseren Händlern war dazu: ‚Ich scheue mich, meinen Kunden zu fragen, was er verdient‘. Wenn man da eine einfache Lösung hat, ist das natürlich sehr gut.“

N26, Kontist, Holvi: Online-Banken etablieren sich immer mehr – doch der Payment-Experte ist überzeugt, dass Kundennähe trotzdem weiterhin entscheidend ist: „Bei Fragen einfach zur Verfügung zu stehen und den Kunden zu kennen, das macht es aus. Wichtig ist der Mensch, der steht im Mittelpunkt. Und das schätzen auch die Kunden. Neue Player wird es auf dem Markt immer geben. Wir sehen das aber vor allem als Ansporn.“

Das „next big thing“: Der digitale Euro

Keine Frage: Das Thema der Stunde ist der digitale Euro. Doch was bedeutet das für den Handel? „Grundsätzlich ist es eine Chance. Es wird nicht das Bargeld abschaffen. Aber aus der Verbraucher-Warte betrachtet, ist der Zahlprozess im Geschäft eigentlich unnötig. Das automatisierte Bezahlen mit sogenannten Smart Contracts könnte da Abhilfe schaffen. Dazu kommt, dass, wenn man heute mit dem Smartphone bezahlt, immer zwei amerikanische Akteure beteiligt sind. Das verursacht Kosten auf Händlerseite. Auch das würde der digitale Euro optimieren. Und natürlich wird das ‚Bargeld 2.0‘ mit Sicherheit viele neue Geschäftsmodelle mit sich bringen.“

Kinos seit einem Jahr dicht: Wie geht es weiter?

Mit dem ersten Lockdown im März 2020 bleiben auch die Kinos zu. Es folgen Monate voller Unsicherheit und noch immer ist nicht klar, wie es weitergeht. Die Branche wird immer unruhiger und warnt vor einem zweiten Krisenjahr.

Es hätte eine spannende Kinowoche werden können. Clint Eastwoods neues Drama über das Olympia-Attentat von Atlanta sollte starten. Ebenso die Verfilmung der erfolgreichen deutschen Fernsehserie „Berlin, Berlin“ und die Fortsetzung des Erfolgs-Horrors „A Quiet Place“ mit Emily Blunt. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen beschloss die Bundesregierung am 16. März 2020 wegen der Corona-Pandemie den Lockdown und damit auch die sofortige Schließung der Kinos. Das ist nun ein Jahr her – ein Jahr voller Stillstand und Unsicherheit für die Branche, die mittlerweile mit mehr und mehr Unverständnis und Wut reagiert.

„Damit nicht ein zweites Krisenjahr folgt, benötigen wir bundesweit einheitliche, nachvollziehbare und verlässliche Regelungen für eine Wiedereröffnung“, fordert etwa Christian Bräuer von der AG Kino – Gilde. Der kürzlich angekündigte Stufenplan zum Neustart hinterlasse viele Fragen, so dass die erhoffte Klarheit für die Öffnung der Kinos immer noch fehle. „Es werden Testpflichten auferlegt, ohne dass Testmöglichkeiten bestehen“, sagt Bräuer der Nachrichtenagentur dpa. „Hier benötigen wir dringend verständliche Regeln, die sich an der Realität des Kinobetriebs orientieren und die dazu führen, dass schnell wieder mit höheren Kapazitäten gespielt werden kann.“

Hinzu kommen die wirtschaftlichen Folgen. „Das Land Berlin und der Bund haben uns in den letzten Monaten zur Seite gestanden, aber die Herausforderungen lassen nicht nach“, betonte Bräuer. „Allerdings sind die Hilfszahlungen bei vielen Kinos immer noch nicht eingegangen und die angekündigten Abschlagszahlungen wurden jetzt eingestellt. Hier muss weiter dringend nachgesteuert werden.“ Christine Berg vom Verband HDF Kino ergänzt: „Natürlich war das letzte Jahr für die Kinos wirtschaftlich wie emotional ein absoluter Ausnahmezustand und noch längst sind nicht alle Förderhilfen geflossen.“

Keine einheitlichen Regelungen

Damit endet das Corona-Kinojahr ein bisschen, wie es anfing. Denn nach dem ersten Lockdown begann schon bald ein bundesweites Durcheinander. Selbst wenn ab Mitte Mai Wiedereröffnungen teilweise wieder möglich waren, variierten die Daten und Hygienevorgaben von Bundesland zu Bundesland. Wie viele Plätze und Sitzreihen müssen zwischen den Besuchern frei bleiben? Wann genau muss man eine Maske tragen? Fragen wie diese blieben im Detail oft noch länger unklar und sorgten weiter für Verunsicherung bei den Besuchern.

Hinzu kam, dass bis auf Ausnahmen wie der starbesetzte Thriller „Tenet“ Blockbuster als Publikumsmagneten fehlten, viele wurden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Kein Wunder, dass im Coronajahr die Besucherzahlen und Umsätze auch deutscher Kinos massiv einbrachen: Die Zahl der verkauften Tickets ging 2020 nach Angaben der Filmförderungsanstalt (FFA) um rund 68 Prozent zurück. Ähnlich sah es bei den Umsätzen aus: etwa 69 Prozent weniger als noch im Jahr 2019.

Trotzdem gab es nicht nur Verlierer. So fielen – wahrscheinlich auch weil es schlichtweg weniger internationale Produktionen gab – immerhin 35 Prozent der Kinobesuche laut FFA auf deutsche Filme. Die 20 besucherstärksten deutschen Filme kamen 2020 demnach auf zusammen fast 10 Millionen verkaufte Tickets. Außerdem hatten ohne die Strahlkraft der Blockbuster auch kleinere Produktionen eine Chance, gesehen zu werden. So sicherte sich „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ mit Isabelle Huppert mehrere Wochen lang Platz eins der Arthouse-Kinocharts.

Wiedereröffnung Ende März?

Möglicherweise geht es jetzt am 22. März wieder los mit den Kinoöffnungen – genaues weiß man aber mal wieder noch nicht. Der Verband HDF Kino drängt daher auf mehr Planungssicherheit. Ein bundesweit einheitlicher Eröffnungstermin sei für den Start neuer Filme notwendig, sagt Christine Berg.

Trotzdem will die Branche den Kopf nicht hängen lassen. Christian Bräuer von der AG Kino – Gilde blickt auch optimistisch in die Zukunft: „Wir haben in diesem Pandemiejahr vor allem gelernt, wie sehr uns das Publikum liebt und vermisst“. Immer noch gingen täglich viele emotionale Nachrichten und Gutscheinbestellungen von Gästen ein. „Manch zynische Stimmen haben ja wiederholt behauptet, dass Streaming das Ende des Kinos bedeuten würde“, so Bräuer. „Das Gegenteil scheint der Fall: Lange haben sich nicht mehr so viele Menschen nach dem gemeinsamen Kinoerlebnis gesehnt.“

Magazin „Qamar“ will für mediale Vielfalt sorgen

Mit „wenig Kapital und viel Hoffnung“ hat Muhamed Beganovic im Dezember 2020 das muslimische Magazin „Qamar“ ins Leben gerufen. Viermal im Jahr soll das Medium fortan die „tatsächliche Lebensrealität“ von Muslimen abbilden und damit zu einem besseren Zusammenleben beitragen. Mit der heimischen Medienberichterstattung ist der Chefredakteur nicht zufrieden. Er ortet zu wenig Vielfalt und zu viel problem- anstatt lösungsorientierten Journalismus.

Ein negatives Ereignis gab den Ausschlag für die Gründung von „Qamar“. Beganovic bewarb sich vor sechs Jahren für eine journalistische Position. Der Chefredakteur des Mediums ließ ihn jedoch wissen, dass er bei Muslimen zu wenig Bildungs- und Integrationspotenzial sehe, sie würden zu wenig lesen. „Ich habe mir gedacht, er ist nicht der einzige, der so denkt. Es wäre doch toll, wenn es eine Zeitschrift gäbe, die zeigt, dass es sehr kluge und gebildete Musliminnen und Muslime gibt“, erinnert sich der 32-Jährige. Denn: „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schlimm es ist, wenn man nicht wahrgenommen wird.“ Aus dieser Verzweiflung heraus würden manche Migranten eben „Fernsehen aus Bosnien, der Türkei oder Japan schauen, um sich menschlich zu fühlen“, meint Beganovic.

Der Magazingründer stößt sich daran, dass kaum Texte von muslimischen Autoren in reichweitenstarken Medien zu lesen sind. Gefragt seien sie nur dann, wenn es darum gehe, sich von Terror zu distanzieren. „Die tatsächliche Lebensrealität blenden die meisten Medien so gut wie komplett aus“, bemängelt Beganovic. Dabei hätten sie die Macht, den ersten Schritt für mehr Repräsentanz zu setzen, indem sie in ihre Berichterstattung zusätzliche Stimmen einbrächten. „Medien müssen für Vielfalt sorgen, sie wollen es nur nicht“, glaubt der in Skopje geborene Herausgeber. Er betont jedoch, dass so manche positive Ausnahmen existieren und in den letzten Jahren zunehmend Impulse in eine gute Richtung wahrnehmbar seien.

„Vor wenigen Jahren herrschte großer Bedarf an Leuten, die arabisch oder andere Sprachen von Geflüchteten sprechen und zugleich berichten konnten“, erinnert sich Beganovic. Mit dem Abflauen der Flüchtlingsbewegungen nach Österreich ließ man viele dieser vormals so dringend gesuchten Journalisten und Journalistinnen jedoch wieder fallen. „Qamar“ will manche von ihnen auffangen und eine Plattform zum Schreiben bieten. „Wir achten darauf, dass wir junge Muslime motivieren, die unter Umständen auch noch nie etwas veröffentlicht haben, für uns zu schreiben“, erklärt Beganovic, der im Jahr 2004 nach Österreich kam und seit 2011 journalistisch tätig ist. Das Magazin arbeitet aber auch mit erprobten freien Journalisten zusammen, um schlussendlich neun bis zehn Texte pro Ausgabe zu generieren.

„Qamar“ positioniert sich nicht religiös, sondern widmet sich kulturellen und gesellschaftlichen Angelegenheiten. Mit diesem Themenmix sei das Magazin laut dem Gründer das einzige Medium, das sich im deutschsprachigen Raum an Muslime richtet. Im Mittelpunkt der nächsten Ausgabe stehen Hände, da diese oft problematisiert werden: Muslime verweigern den Handschlag oder nutzen sie für Gewalt bis hin zu Mord, nennt Beganovic so manche problematische Vorstellung. „Das Thema rund um den Handschlag wird todernst diskutiert. Das müsste aber nicht so sein“, meint er. Man wolle deshalb einen anderen Zugang suchen und etwa eine blinde Muslima porträtieren, die mit ihren Händen Brustkrebs sehr früh erkennen kann.

Die Texte erscheinen ausschließlich auf Deutsch. Dass man dadurch einen Teil der Zielgruppe nicht erreicht, glaubt der „Qamar“-Gründer nicht: „Jeder, der im Magazin vorkommt, ist Teil der Gesellschaft und spricht deutsch. Natürlich existieren Menschen, die Probleme mit der Sprache haben. Meiner Erfahrung nach können jedoch die allermeisten eine Zeitschrift wie „Qamar“ lesen.“

Rassismus beim britischen Königshaus: Wessen Tränen zählen mehr?

Am zweiten Tag nach der Ausstrahlung des schockierenden Interviews von Meghan Markle und Prince Harry mit der US-Moderatorin Oprah Winfrey folgen erste Konsequenzen. Der Bucking­ham Palace reagiert auf Markles Rassismusvorwürfe mit einem kurzen Statement: Die königliche Familie sei traurig und nehme alles sehr ernst.

Der britische Star-Moderator Piers Morgan, der Markle seit Jahren vor einem Millionenpublikum sexistisch und rassistisch beleidigt, verliert seinen Job bei der TV-Sendung „Good Morning Britain“.

40.000 Beschwerden gingen allein nach der Ausstrahlung des Interviews bei Morgans Arbeitgeber, dem Sender ITV, ein. Überall auf der Welt war die Spannung groß, welche Enthüllungen das Gespräch mit Meghan Markle und Prince Harry wohl hervorbringen werde. Zwar sprach das Ehepaar – typisch britisch – höflich und zurückhaltend, inhaltlich wurde es allerdings mehr als nur deutlich. Selbst Oprah Winfrey, die in ihrem Leben so einige spektakuläre Interviews geführt hat, musste an einigen Stellen authentisch nach Luft schnappen und innehalten.

Das zweistündige Interview ist eben keine reine „Hollywood Show“, es passt nicht in das Ressort „Klatsch & Tratsch“, wo Berichterstattung über die Royals normalerweise stattfindet und sie als eine Art schrullige Familienbande mit Telenovela-haften Zickenkriegen zeichnet.

Hier geht es um mehr: um mentale Gesundheit, einen Mangel an weiß-privilegierter Selbstreflexion, fehlende Machtkritik und eine historisch gewachsene ausbeuterische Haltung, die fester Bestandteil im Selbstverständnis des Buckingham Palace zu sein scheint.

Koloniale Vergangenheit

Am 2. Juni 1953 wurde Elizabeth II. zur Queen des Vereinigten Königreichs, Australiens, Kanadas, Neuseelands, Südafrikas, Britisch-Ceylons (das heutige Sri Lanka) und Pakistans gekrönt. Sie thronte über ein britisches Imperium, das sich in Kriegen und mit rassistischer Gewalt an den Reichtümern anderer Gesellschaften bediente. Ein Reich, das selbst nach der Unabhängigkeit einiger seiner vormals besetzten Territorien noch großen wirtschaftlichen und politischen Einfluss ausübte.

Die Queen hat sich nie für die Kolonialverbrechen ihres Landes entschuldigt – zum Beispiel für die Rolle Großbritanniens im dehumanisierenden Handel mit versklavten Menschen aus Afrika. Das britische Königshaus war ein Pfeiler dieses kolonialen Projekts. Im Kontext dieser historischen Kontinuitäten muss das Interview einer Schwarzen Frau betrachtet werden, die sich von einem der einflussreichsten Paläste der Welt getrennt hat.

Markle erzählt von der grundsätzlichen Skepsis gegenüber ihrer Person in der Royal Family, vom unerträglichen Druck und ihren daraus resultierenden Suizidgedanken. Eine Therapie sei ihr verweigert worden, da diese nicht gut für die „Institution“ sei. Eine Aussage Markles fällt dabei besonders auf: „Ich bin bereit zu sprechen, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und für mich selbst zu reden.“

Kri­ti­ke­r*in­nen sagen, Markle habe ja vor der Hochzeit mit Prince Harry gewusst, was auf sie zukommen würde: ein starres Protokoll, royale Disziplin und der Druck der Öffentlichkeit. Doch in der heutigen Zeit kann die Liaison mit einem Prinzen nicht bedeuten, dass damit die eigene Subjektivität und Sprechfähigkeit aufgegeben wird.

Markle hat sich mit dem Oprah-Interview von den Windsors nicht nur emanzipiert, sie feierte mit dem Auftritt ihre Unabhängigkeit. Es muss sich für den Buckingham Palace wie ein Déjà-vu angefühlt haben.

Die Hautfarbe des Babys

Der wohl meistzitierte Satz aus dem Interview dreht sich um die Hautfarbe von Archie, dem Erstgeborenen von Meghan Markle und Prince Harry. „Es gab Bedenken und Gespräche, wie dunkel seine Haut sein wird, wenn er auf die Welt kommt“, sagt Markle. Oprah Winfrey und Millionen von Zu­schaue­r*in­nen staunten nicht schlecht, dass sich der Rassismus in der britischen Königsfamilie auf so plumpe Art und Weise geäußert haben soll. Beim erneuten Nachdenken ist es aber doch nicht so überraschend.

Markle ging nicht näher darauf ein, wer im Palast diese unsägliche, rassistische Aussage gemacht haben soll. Man kennt es als von Rassismus betroffene Person: Vorsichtig herantasten, obwohl man vollkommen im Recht ist. Natürlich muss auch dieser Vorwurf zunächst als das gelesen werden, was er ist: ein Vorwurf. Der Buckingham-Palast muss die Schilderung von ­Meghan Markle aber erst mal entkräften. Und in der Vergangenheit hat sich die Royal Family eher entschieden, im Sinne ihres Images zu kommunizieren und nicht im Sinne von Aufklärung.

Als weinerlich bezeichnen einige Kom­men­ta­to­r*in­nen den Satz zu Archies Hautfarbe aus dem Oprah-Interview. Es sei ja nichts dabei, wenn man mal über die Hautfarbe des ungeborenen Kindes spricht. Doch die Intention ist natürlich eine andere: Die Repräsentation einer weiß-dominierten Gesellschaft muss weiß sein. Ein Schwarzes Baby passt da nicht ins Bild.

Es ist dabei nur ein passender Zufall, dass das königliche Protokoll für Archie keinen Sicherheitsdienst und keinen königlichen Titel vorsieht. Obwohl klar ist, dass ­Meghan Markle und selbst Prince Harry von Titeln nicht so viel halten. Sonst wären sie ja nicht einfach nach Los Angeles umgezogen.

Markle fügt später im Interview hinzu: „Unhöflich und rassistisch sind zwei verschiedene Dinge.“ Und dieser feine Unterschied muss auch hier gelten: Viel wurde in der Vergangenheit über einen Streit zwischen Meghan Markle und Catherine, der Herzogin von Cambridge, spekuliert. Markle habe die Ehefrau von Prince William und zukünftige Königin Großbritanniens, zum Weinen gebracht, hieß es. Im Gespräch mit Oprah Winfrey schilderte Markle ihre Sicht der Dinge: Es soll andersherum gewesen sein.

Weiße Tränen

Sie sei von der Herzogin zum Weinen gebracht worden. Warum ist das an dieser Stelle wichtig? Die Wahrnehmung der Gefühle durch die Öffentlichkeit spielt eine zentrale Rolle: Die Betroffenheit der weißen Frau, der Herzogin, wurde in der britischen Presse mit Mitgefühl aufgenommen, Markle als Furie, Mobberin und zornige Außenseiterin porträtiert.

Dementsprechend reagierte der Palast und leitete „Ermittlungen“ gegen Markle ein. Niemand kann hinter die Kulissen schauen und genau sagen, was vorgefallen ist. Aber die Festlegung, wer in dieser Konstellation die gute und wer die böse Seite sein soll, sagt viel über die rassistische Denkweise einer mehrheitlich weißen Gesellschaft aus.

Überhaupt ist die Rolle der britischen Yellow Press ein zentrales Motiv im Interview gewesen. Prince Harry hat das Trauma seiner verstorbenen Mutter mit der Klatschpresse seines Landes nicht überwunden, sagt er. Wer sich intensiv mit dem Verhältnis zwischen Lady Diana und dem britischen Boulevard auseinandersetzt, weiß: Die Paparazzi haben der Prinzessin das Leben zur Hölle gemacht, bis hin zum tödlichen Unfall in Paris ließen sie in einem misogynen und skandalhungrigen Wahn nicht von ihr ab.

So wird auch klar, dass sich Prince Harry große Sorgen um die Gesundheit und körperliche Unversehrtheit seiner Partnerin und Kinder gemacht hat. Dass ihn damit ausgerechnet sein Vater alleingelassen haben soll, zeigt, dass die königliche Familie rein gar nichts aus dem tragischen Schicksal von Lady Di gelernt hat. Familiärer Zusammenhalt sieht zumindest anders aus.

Weil die Yellow Press Teil dieser Geschichte ist, dürfen die Analysen des Oprah-Interviews nicht der Klatschpresse überlassen werden. Auch in Deutschland nicht. Die Schilderungen von Meghan Markle und Prince Harry dürfen nicht von Promi-Expert*innen im Frühstücksfernsehen oder im Nachmittagsprogramm analysiert werden. Sie passen nicht zu den Panorama-Seiten von Boulevardblättern. Sie sind genuin politisch.

Natürlich handelt es sich bei den beiden um hyperprivilegierte, millionenschwere Celebritys mit hoher Reichweite. Aber das macht ihre Erfahrungen nicht weniger relevant. Im Gegenteil: Über den Schmerz von Meghan und Harry zu sprechen bedeutet, über den Schmerz so vieler marginalisierten Gruppen in ganz anderen Konstellationen zu sprechen. Und deswegen hat diese Sendung so viele Menschen weltweit bewegt.

MDR-Chefin Wille will ins Netz : Netz für Gemeinwohl

Weil es im Internet zu viel Desinformation gebe, fordert die MDR-Intendantin Karola Wille eine öffentlich-rechtliche Kommunikationsplattform: Dafür müssten die Bundesländer ARD, ZDF und Deutschlandradio den Auftrag erteilen.

Ein zeitgemäßer Auftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wäre die „energische“ Weiterentwicklung der Rundfunkanstalten zu einem gemeinwohlorientierten Kommunikationsnetzwerk, das aus Audio-, Video- und Telemedienangeboten besteht und einen freien, individuellen und öffentlichen Meinungsbildungsprozess für alle ermögliche, sagt Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), und fordert dies von den Bundesländern: Der Auftrag müsse auch in Zukunft Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung beinhalten. Entscheidend sei allerdings die Unverwechselbarkeit mit privaten Angeboten sowie der gesellschaftliche und individuelle Nutzen.

Die Regierungschefs der Länder hatten nach dem Scheitern der Beitragserhöhung eine schnelle Reform des Auftrags angekündigt und ARD, ZDF und Deutschlandradio aufgerufen, sich mit eigenen Vorschlägen zu beteiligen. Wichtige Mittel im Netz, sagt Karola Wille, seien das Teilen von Inhalten und personalisierte Empfehlungssysteme. Personalisierung dürfe jedoch nicht zu einer Verengung des Rezeptionsverhaltens führen, sondern sollte auf vielfältige Inhalte abzielen.

Die ehemalige ARD-Vorsitzende sieht in einem solchen Kommunikationsnetzwerk auch die Basis für ein kostengünstigeres Agieren der öffentlich-rechtlichen Sender. Zurzeit schreibe der Medienstaatsvertrag im Einzelnen vor, welche linearen Programme im Fernsehen und im Radio zu veranstalten seien. Lineare Programme sollten durch Online-Angebote ersetzt werden können. „funk“, das öffentlich-rechtliche Netzwerk für Jüngere, sei ein gutes Beispiel: Es informiere, orientiere und unterhalte. „funk“-Videos kämen in den Mediatheken von ARD und ZDF und auf Plattformen wie Youtube auf mehrere Millionen Abrufe.

Die Debatte über die „zeitgemäße“ Formulierung des Auftrags werde durch das Mediennutzungsverhalten getrieben, sagt Karola Wille. Im Internet träfen Menschen bei der Informationssuche auch auf Wissenschaftsverweigerer und Verschwörungspropheten. Die Folge sei eine kommunikative Spaltung in gesellschaftliche Gruppen, die sich nicht mehr zuhören wollen, einander nicht mehr vertrauen und in verschiedenen Wirklichkeiten leben. All dies sei für die Demokratie von größter Bedeutung. Ein öffentlich-rechtliches Kommunikationsnetzwerk müsse ein Gegengewicht zu Desinformation darstellen.

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Die MDR-Intendantin beruft sich bei ihren Überlegungen auf das Bundesverfassungsgericht. In seinem Urteil zum Rundfunkbeitrag 2018 hielt das Gericht nicht nur am Konzept der dienenden Rundfunkfreiheit fest, sondern ging davon aus, dass dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine wachsende Bedeutung bei der Sicherung der Meinungsvielfalt zukomme. Vor dem Hintergrund der Risiken, die von der Netz- und Plattformökonomie für das Diskursmodell des Grundgesetzes ausgingen, gehe es darum, „ein vielfaltssicherndes und Orientierungshilfe bietendes Gegengewicht“ zu bilden, so die Richter.

Presse in Ostdeutschland: Wer streichelt unsere Seele?

Mit der Presse im Osten sieht es mau aus. Das unterstreicht ein neues Diskussionspapier der Otto-Brenner-Stiftung. Der Kommunikationsforscher Lutz Mükke hat die Entwicklung der Medien in Ostdeutschland seit der Wende untersucht. „30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung“ heißt seine sehr lesenswerte Analyse.

Überraschend sind vor allem drei Zahlen: 2,5 Prozent ihrer Gesamtauflage verkauft die Süddeutsche Zeitung in den Neuen Bundesländern. 3,4 Prozent sind es bei der FAZ, etwa 4 Prozent beim Spiegel. Bei der taz sind es, das steht nicht in der Studie, rund 6 Prozent. Berlin wird jeweils nicht mitgerechnet. Die Ostdeutschen lesen also keine Zeitungen, zumindest keine überregionalen mit Sitz in der alten BRD. Als ich angefangen habe, bei der taz zu arbeiten, sagte mir eine Erfurter Verwandte: „taz oder FAZ, das ist doch alles dasselbe!“

Dabei war die DDR ein florierendes Zeitungsland: 39 Tageszeitungen gab es 1989 in der DDR. Zusammen hatten sie eine Auflage von etwa 10 Millionen. In so gut wie jedem Briefkasten steckte morgens eine Zeitung. Nur waren die meisten Verkündigungsblätter der SED. „Leipzig fördert den friedlichen Welthandel zum Nutzen der Völker“, titelte das Neue Deutschland 1987 zur Eröffnung der Leipziger Messe und druckte dazu 43 Fotos von Erich Honecker. Sozialistische Pressefreiheit.

Nach der Wende entstanden um die 100 neue Zeitungen, 30 aus Bürgerrechtskreisen. Überlebt hat kaum eine. Die Westverlage rissen sich zum Teil unter Umgehung der Treuhand und des Kartellrechts und mit wärmster Empfehlung von Kanzler Kohl die Ostzeitungen unter den Nagel. Sie besetzten die Chefredaktionen mit ihren Leuten.

Der Osten kriegt den Kinderkanal

Bis heute haben die meisten Regionalzeitungen im Osten einen westdeutschen Chefredakteur und einen westdeutschen Verlag. Ostdeutsche Chefredakteure in westdeutschen Zeitungen gibt es hingegen so gut wie nicht. Von den 50 sogenannten Gemeinschaftseinrichtungen der ARD sitzt eine in den Neuen Bundesländern, der Kinderkanal in Erfurt. Das meint die CDU in Sachsen-Anhalt, wenn sie sagt, der öffentlich-rechtliche Rundfunk spiegele den Osten kaum wider. Identitätspolitik made by Konservativen.

Es mangelt also an Ostdeutschen in den meisten Medien, und somit auch an ostdeutschen Sichtweisen und Themen. Also zumindest an denen, die über die Ostquadriga von Nazis, Stasi, Leerstand, Doping hinausgehen. Ich will hier nicht die Leier der armen Ossis abspulen, denen niemand zuhört. Ich will nur verstehen, wie es kommt, dass der Schlachtruf „Lügenpresse“ im Osten lauter, die Aggression gegen JournalistInnen härter und die Ablehnung des Rundfunks vonseiten der Politiker eiserner ist.

Und wie ließe sich das ändern? Eine Antwort ist die Ostquote, die mehr Ostdeutsche in die Journalistenschulen, die Zeitungen und Sender spülen soll; eine andere die (Re-)Ossifizierung gesamter Redaktionen. Man kann das bei der Berliner Zeitung beobachten, die, seit sie von den ostdeutschen Influencern Silke und Holger Friedrich gekauft wurde, verstärkt die ostdeutsche Seele streichelt.

Die andere prominente Alt-SED-Überlebende, das Neue Deutschland, kämpft gerade um ihr Überleben. Das wird ihr wohl nur gelingen, wenn sie sich bis Jahresende in eine Genossenschaft wandelt. Wer braucht die schon?, witzelt es in einigen Westredaktionen.

Vielleicht ja ein paar von den 95 Prozent Ostdeutschen, die keine westdeutsche überregionale Tageszeitung lesen.

Müssen Medien die Gesellschaft besser spiegeln?

Diversität, also gesellschaftliche Vielfalt, ist auch für Medienunternehmen ein Thema. Von mehr Diversität erhoffen sich manche, neue Zielgruppen zu erreichen. Doch was, wenn Medien nicht nur Mitarbeiter, sondern auch ihre Berichterstattung quotieren?

Die „New York Times“ hat gerade einen Report veröffentlicht, der sich eingehend mit der Frage der Identität ihrer Mitarbeiter und des Unternehmens insgesamt befasst. Während der Anteil von Mitarbeiterinnen auch in Führungspositionen bereits hoch ist und mit jeweils 52 Prozent etwa der Verteilung in der Bevölkerung entspricht, stellt der Report noch Defizite bei Mitarbeitern fest, die sich zu den People of Color zählen. Hier müsse sich die „New York Times“ dringend ändern, um die Gesellschaft besser zu spiegeln, stellen die Autoren des Reports fest.

Die Zeitung will in der Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter nicht nur ein Abbild der Gesellschaft sein, sie will auch, dass über die personellen Veränderungen die Berichterstattung diverser wird und darüber neue Abonnenten gewonnen werden können. In dieser Ausgabe der „Medien-Woche“ sprechen wir über den Plan der „New York Times“ – und ob dieser Ansatz auch ein Vorbild für deutsche Medienunternehmen sein kann. Ein deutscher Radiosender hat derweil eine Genderquote beschlossen.

Handelsblatt – „Print wird es noch lange geben“

Es ist ein ungleiches Duo, auch wenn beide gebürtig aus Hamburg kommen: Andrea Wasmuth, 49, ist seit Jahresanfang alleinige Geschäftsführerin der Handelsblatt Media Group, boxt gerne und ist großer Fan des FC St. Pauli. Sebastian Matthes, 44, neuer Chefredakteur des Handelsblatts, spielt lieber Geige und interessiert sich kaum für Fußball. Gemeinsam müssen sie den Düsseldorfer Verlag mit knapp 900 Mitarbeitern, zu dem auch die Wirtschaftswoche und ein Veranstaltungsforum gehören, im Auftrag von Verleger Dieter von Holtzbrinck, 79, neu ausrichten.

SZ: Frau Wasmuth, im vergangenen November wurde der Chefredakteur des „Handelsblatts“ ausgewechselt, wegen unterschiedlicher Auffassungen zur strategischen Entwicklung, wie es hieß. Wie lautet jetzt Ihre Strategie?

Andrea Wasmuth: Unsere Strategie lautet ganz klar „Subscriber first“ – wir setzen also auf zahlende Abonnenten und Kunden und wollen uns damit unabhängig machen von den volatilen Märkten. Deshalb wollen wir noch mehr Menschen von unseren journalistischen Angeboten überzeugen, und diejenigen, die unsere Produkte bereits abonniert haben, enger an uns binden, verzahnen und mit ihnen interagieren. Da spielt uns die Unsicherheit in der Corona-Pandemie eher in die Hände. Der Bedarf an unabhängigem, tief recherchiertem Journalismus ist seitdem größer denn je. Doch gleichzeitig verändert sich das Nutzerverhalten. Unser Wachstum findet vor allem digital statt. Darauf müssen wir reagieren. Wir müssen die Strukturen in unserem Haus verändern, eine neue, offene und transparente Kultur schaffen und technologisch gerüstet sein.

Was heißt das für den Journalismus?

Sebastian Matthes: Der Journalismus wird auch in Zukunft im Zentrum stehen. Aber wir müssen uns auch inhaltlich weiterentwickeln. Wir werden uns noch stärker auf die Themen konzentrieren, die für unsere Leserinnen und Leser wirklich relevant sind, dazu gehört auch, dass wir uns aus einigen Feldern zurückziehen.

Was werden Sie nicht mehr machen?

Matthes: Das Klein-Klein des politischen Tagesgeschäfts und die allgemeine Nachrichtenlage zu beschreiben, ist nicht unser Fokus. Auch die Lifestyle-Experimente aus den vergangenen Jahren haben wir beendet. Wir stellen stattdessen aufwendige Recherchen und Analysen aus unseren Kernbranchen, der Wirtschafts- und Finanzpolitik und der Finanzindustrie in den Mittelpunkt. Was die Wirtschaft bewegt, muss zuerst im Handelsblatt stehen. Auch Brüssel und die internationale Perspektive spielen eine große Rolle in dieser Strategie. Dafür werden wir unser Korrespondentennetz noch intensiver einsetzen und mittelfristig auch an einigen Standorten ausbauen.

Vorbei also die Zeiten, als das „Handelsblatt“ sich auf breitere Leserschichten konzentrieren und den Tageszeitungen Konkurrenz machen wollte?

Matthes: Im Kern sind wir ja immer eine Wirtschaftszeitung geblieben. Uns lesen vor allem Menschen, die in irgendeiner Form professionell mit Wirtschaft zu tun haben. Diese Gruppe ist sehr groß. Und diese Menschen interessieren sich überdurchschnittlich stark für internationale ökonomische Trends, neue Technologien und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das Handelsblatt soll ein Medium für die Wirtschaft der Zukunft werden, keine Fachzeitschrift.

Frau Wasmuth, ist in Deutschland überhaupt Platz für eine reine Wirtschaftszeitung?

Wasmuth: Der Bedarf für guten Wirtschaftsjournalismus ist größer denn je, die gesamte Wirtschaft befindet sich in einer Transformation, wir wollen da ein Begleiter sein, Halt und Orientierung geben.

Zum 75. Geburtstag lautet die Devise für das „Handelsblatt“ also: back to the roots, zurück zu den Wurzeln?

Matthes: Wir wollen nicht zurück, sondern wir wollen nach vorne. Wir berichten jetzt schon mehr über Technologien und die Transformation von Unternehmen als andere, das werden wir noch ausbauen.

Wasmuth: Wir planen im Mai zu unserem 75-jährigen Jubiläum eine Woche der Innovationen mit vielen kleineren Veranstaltungen und einem großen Summit, dort werden die Themen der Zukunft diskutiert.

Die Unruhe in Ihrem Haus ist aber groß, Jobs wurden gestrichen, das Geschäft geht zurück, vor allem im Veranstaltungsbereich. Wie passt das zum geplanten Aufbruch?

Wasmuth: Ich glaube, die große Verunsicherung im Haus ist in dieser Form nicht mehr vorhanden. Ja, Corona hat uns hart getroffen, und niemand trennt sich gerne von Mitarbeitern. Unser Veranstaltungsbereich hat sich aber in der Krise schnell verändert und das Geschäft quasi neu erfunden, wir bieten viele neue rein virtuelle und hybride Eventformen. Es gelingt uns auch, dass Teilnehmer für virtuelle Formate zahlen, trotz vieler kostenfreier Angebote am Markt. Wirklich gute Inhalte sind etwas wert.

Sie haben aber 80 Stellen abgebaut. Gibt es weitere Sparpläne?

Wasmuth: Nein, es gibt keine weiteren Pläne, wir achten natürlich auf die Kosten. Die Gruppe hat jetzt noch knapp 900 Mitarbeiter.

Matthes: Wir sind gerade dabei, freiwerdende Stellen in der Redaktion nachzubesetzen. In einem nächsten Schritt wollen wir auch wieder wachsen. Unser Ziel ist nicht, jedes Jahr zehn Prozent Kosten zu reduzieren. Wir wollen neue Produkte entwickeln und neue Köpfe an Bord holen. Alle internationalen Medien, die digital erfolgreich sind, haben massiv in Journalismus investiert. Denn nur mit gutem Journalismus können wir letztlich Geld verdienen. Am Ende entscheidet nur die gute Geschichte, die gute Recherche.

Sie haben derzeit rund 87 000 Abonnenten, davon erhalten nur noch etwas mehr als 25 000 eine gedruckte Ausgabe. Lohnt sich das überhaupt noch? Oder gehen Sie auf ein Digital-Modell mit einer gedruckten Wochenendausgabe am Freitag?

Wasmuth: Wir setzen auf Print, andere Pläne gibt es in keiner Weise. Print ist sehr profitabel und leistet nach wie vor einen hohen Ergebnisbeitrag. Unsere Leser wollen auch eine gedruckte Zeitung, diese wird weiter stark nachgefragt.

In der Corona-Krise waren und sind Büros und Hotels dicht, es gibt kaum noch Geschäfts- und Flugreisen – überall dort wurde aber das gedruckte „Handelsblatt“ gelesen.

Matthes: Das stimmt alles, aber der Rückgang unserer Druckauflage hat sich gegen den Markttrend zuletzt sogar verlangsamt. Print wird es noch lange geben.

Halten Sie auch an der gedruckten Ausgabe fest, weil Ihr Verleger Dieter von Holtzbrinck als großer Freund der Zeitung gilt?

Wasmuth: Wir halten an Print fest, weil wir von der Wirkung von Print überzeugt sind. Wir haben ein sehr gutes und vertrauensvolles Verhältnis zu unserem Gesellschafter, er lässt uns freie Hand. Wenn wir anderer Meinung wären, würden wir dies mit dem Gesellschafter diskutieren. Der Verleger unterstützt auch sehr unseren neuen Kurs.

Wie sind die Pläne für die „Wirtschaftswoche“, ist eine engere Zusammenarbeit mit dem „Handelsblatt“ geplant?

Matthes: Wir sind zwei Medien, die im Wettbewerb miteinander stehen, auch wenn wir mitunter ähnliche Themen bearbeiten, haben wir unterschiedliche Zielgruppen.

Wasmuth: Und zwei Medien ermöglichen hohe Synergien auf der technologischen Seite und in den Verlagsbereichen.

Ist es aus Verlagssicht gut, wenn sich zwei Wirtschaftstitel aus einem Haus Konkurrenz machen und die gleichen Themen bearbeiten?

Wasmuth: Die Ausrichtung, die Aufmachung und die Herangehensweise an Themen sind doch unterschiedlich, das Handelsblatt zielt stärker auf den Wirtschaftsentscheider, die Wiwo wiederum hat wirtschaftlich interessierte Privatnutzer im Fokus, Themen also, die Menschen auch abseits des beruflichen Lebens interessieren. Die beiden Blätter nehmen sich gegenseitig nichts weg. Wir treiben aber sowohl beim Handelsblatt als auch bei der Wirtschaftswoche sowie im ganzen Haus den Kulturwandel voran, also eine hierarchiefreie Zusammenarbeit und eine offene Feedback- und Fehler-Kultur.

Sie wollen eine neue Kultur. Heißt das, bisher ging es sehr hierarchisch zu?

Wasmuth: Man kann schon sagen, dass die Kultur hier hierarchisch war, und es gab auch ein gewisses Silo-Denken, viele dachten eher an ihren eigenen Erfolg. Wir wollen als Team agieren. Sebastian und ich hier im Interview, das ist auch ein Zeichen dafür, wie gut wir zusammenarbeiten.

Da stellt sich aber die Frage: Wie strikt sind geschäftliche Interessen und redaktionelle Unabhängigkeit getrennt?

Matthes: Wir als Redaktion arbeiten tatsächlich viel enger mit dem Verlag zusammen als früher, und das halte ich für wichtig. Mit Podcasts, Newslettern und auch mit unserer Bezahlstrategie können wir als Redaktion allein gar nicht erfolgreich sein. Dafür brauchen wir den Austausch und die Zusammenarbeit. Aber wir ziehen auch sehr deutliche Grenzen. Wir dürfen auf keinen Fall Kompromisse bei der journalistischen Unabhängigkeit machen. Letztes Jahr hat zum Beispiel ein großer internationaler Technologiekonzern ein großes Werbepaket storniert, weil ihm die Berichterstattung nicht passte. Das hat der Verlag aber nicht einmal thematisiert. Die Redaktion hat davon erst Monate später erfahren.

Wasmuth: Bei dem Thema redaktionelle Unabhängigkeit kann es gar keine zwei Meinungen geben. Unsere Basis ist unabhängiger Qualitätsjournalismus. Das ist übrigens auch für unsere Kunden klar, alles andere würde unser Angebot doch wertlos machen.

Zuletzt gab es immer mehrere Geschäftsführer für die Handelsblatt Media Group. Frau Wasmuth, bleiben Sie künftig alleine an der Spitze?

Wasmuth: Es gibt derzeit keine Pläne, die Geschäftsführung wieder zu erweitern. Aber ich führe die Gruppe ja auch nicht alleine, sondern im Team mit der Geschäftsleitung, und wir arbeiten sehr gut und vertrauensvoll zusammen.

Der Mega-Coup der Talk-Queen

Oprah Winfrey ist berühmt für ihre Interviews mit Berühmtheiten – von Michael Jackson bis zu den Obamas.

„Woah“, rief Oprah Winfrey, rollte mit den Augen und warf die Hände theatralisch über den Kopf. Meghan hatte gerade angehoben, peinliche Interna aus dem britischen Königshaus über die Hautfarbe ihres Sohns Archie auszuplaudern, als die amerikanische Talk-und-Drama-Queen dazwischenfuhr. Die Prinzessin traf einen Nerv in ihr. Oprah, wie sie in den USA alle nennen, witterte den Skandal. Und sie wollte ihn auskosten: Die Royals rassistisch – die Story, das wusste sie, würde neben allen anderen Enthüllungen um die Welt gehen.

Die 67-Jährige hatte den Mega-Coup des ersten Exklusivinterviews mit den royalen Rebellen Harry und Meghan bereits vor Jahren eingefädelt, als sie vor deren Hochzeit um ein Gespräch anfragte. Sie lud Meghans Mutter zu sich nach Hause ein, zum Essen und Yoga – und schließlich flatterte ihr 2018 eine Einladung für die Hochzeit des Jahres in Windsor Castle ins Haus. Dass das Paar im US-Exil in ihrer Nachbarschaft landen würde, im kalifornischen Millionärs-Dorado Montecito in den Hügeln oberhalb von Santa Barbara, war schließlich glückliche Fügung.

So erlangte sie das Vertrauen der jungen Royals, und die wiederum setzten auf die maximale Publicity durch ein Winfrey-Interview. Mit Sinn für Inszenierung schürte die Power-Frau und Milliardärin, in den USA berühmter als ihre Interviewpartner, dann über Tage mit Clips das weltweite Interesse für das zur US-Prime-Time angesetzte Gespräch.

Auf Du und Du mit den Obamas

Oprah Winfrey, die aus desolaten Familienverhältnissen im tiefen Mississippi stammt, hat als Journalistin und Talkshow-Moderatorin mit tränenreichen Interviews eine märchenhafte Karriere gemacht. Stars wie Michael Jackson entlockte sie kleine und große Geheimnisse, Tom Cruise flippte auf ihrer TV-Couch aus, Nelson Mandela war ihr Idol und mit den Obamas ist sie auf Du und Du.

Nicht nur Donald Trump spekulierte nach einer Brandrede bei den Golden Globes, ob die Demokraten sie zur Präsidentschaftskandidatin aufstellen würden. Obwohl politisch aktiv und eine eifrige Spendensammlerin bleibt sie doch der Showbranche, im Nebenjob als Schauspielerin („Die Farbe Lila“) und Produzentin in Hollywood, treu. Einfluss übt sie in jeder Hinsicht aus: als politische Aktivistin für demokratische Kandidaten, mit karitativen Kampagnen und als Moderatorin eines TV-Buchklubs. Wer ihre Gunst findet, ist reif für die Bestsellerliste, die Oscars, den Kongress und nicht zuletzt das Weiße Haus.

Fall Reichelt: Döpfner: „Für uns ist wichtig, dass wir bald Klarheit haben“

Julian Reichelt bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, das geht aus einem internen Schreiben des Springer-Vorstands an die Mitarbeiter hervor. Dort bestätigen Konzernchef Mathias Döpfner und Jan Bayer, Vorstand News Media, dass es ein Compliance-Verfahren gegen den Chef der „Bild“ gibt. Eine erste Anspielung darauf hatte Jan Böhmermann in der jüngsten Ausgabe seines „ZDF Magazin Royale“ gemacht, am 8.3. berichteten dann mehrere Medien über das Verfahren, das nun offiziell ist.

Reichelt selbst hat die Vorwürfe auch in der morgendlichen Redaktionskonferenz zurückgewiesen. In jedem Fall sorgen die Vorwürfe und die Untersuchungen gegen den „Bild“-Chef für Unruhe beim Boulevardblatt. Eine Unruhe, die man bei Axel Springer lieber heute als morgen beenden würde – das wäre wohl auch sehr im Sinne der Unternehmenslenker. „Für uns ist wichtig, dass wir bald Klarheit haben“, schreiben Döpfner und Bayer an die Mitarbeiter.

Das komplette Schreiben von Mathias Döpfner:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir wissen, dass die aktuelle Medienberichterstattung zu einer Compliance-Untersuchung bei BILD viele von Ihnen sehr beschäftigt und beunruhigt. Sie werden sich fragen, was ist da dran und vor allem, was wird unternommen, um die Vorwürfe aufzuklären. Es ist für uns schwer, zu diesem Zeitpunkt im Detail Auskunft zu geben. Das können und dürfen wir bei einem laufenden Compliance-Verfahren auch nicht.

Wir möchten aber, dass Sie wissen, dass wir alles tun, um zügig und zugleich sorgfältig aufzuklären. Uns ist dabei daran gelegen, dass wir eine unabhängige Aufklärung sicherstellen. Daher haben wir auch externe Experten hinzugezogen, die den Vorwürfen nachgehen.

Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Das bedeutet: Es liegt bislang kein Ergebnis vor, weder in die eine noch in die andere Richtung. Julian Reichelt bestreitet die Vorwürfe. Bitte glauben Sie uns, auch wir wollen so viel Transparenz wie möglich. Wir wollen, dass jeder ohne Angst auf mögliche Missstände und Fehlverhalten hinweisen kann. Wir werden aber keine Form der Vorverurteilung zulassen.

Bei Axel Springer gilt: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, egal welche Funktion und Stellung sie haben, verdienen gleichermaßen unseren Schutz und unsere Fürsorge. Für uns ist wichtig, dass wir bald Klarheit haben.

Googles Absage an Cookie-Tracking: Plan in der Hinterhand

Google will dem lückenlosen Tracking von Use­r:in­nen ein Ende setzen. Ist das eine glaubwürdige Liebeserklärung an den Datenschutz?

Im Silicon Valley muss diese Nachricht wohl erst einmal verkraftet werden: In einem Blog-Eintrag teilt Google-Produktmanager David Termin der Welt mit, dass der Konzern dem lückenlosen Tracking von Use­r:in­nen im Netz ein Ende setzen wird. „Menschen sollten nicht akzeptieren müssen, im gesamten Web getrackt zu werden, um die Vorteile relevanter Werbung zu genießen“, schreibt Temkin in dem am Dienstag veröffentlichten Schreiben des Konzerns.

Ganz konkret will das Unternehmen schon im April eine neue Version seines Browsers Chrome online stellen, die es den Nut­ze­r:in­nen ermöglicht, ein Cookie–Tracking komplett auszuschalten.

Die plötzliche Liebeserklärung an alle Da­ten­schüt­ze­r:in­nen kündigte sich bereits im vergangenen Jahr an. Anfang 2020 hatte Google erklärt, in den kommenden zwei Jahren in seinem Browser Chrome Cookies von Drittanbietern auf Webseiten blockieren zu wollen. Das hat Auswirkungen auf das ganze Internet, denn Chrome ist der mit Abstand meistgenutzte Webbrowser. Mitunter liegt das daran, dass er auf Handys mit dem von Google entwickelten Betriebssystem Android vorinstalliert ist.

Konkurrenten wie Firefox von Mozilla und Safari von Apple haben bereits seit längerem Anti-Tracking-Methoden integriert. Zudem reagiert der Konzern auch auf die politischen Entwicklungen, denn spätestens mit der seit dem 25. Mai 2018 anwendbaren Datenschutzgrundverordnung der EU (DSGVO) ist klar: Cookies weiterhin zum Tracking zu nutzen wird schwieriger, wenn nicht gar unmöglich. Gleichzeitig laufen alleine in den USA drei kartellrechtliche Ermittlungen gegen Google.
Um was es geht

Zum Verständnis: Cookies sind Datenpakete, die zwischen Computerprogrammen ausgetauscht werden. Prinzipiell wird zwischen den sogenannten First Party und Third Party Cookies unterschieden. First Party bedeutet, dass das Cookie von der besuchten Webseite, auf welcher die Use­r:in­nen surfen, selbst gesetzt wurde. Third Party Cookies hingegen stammen von Drittanbietern, die beispielsweise Werbung auf der besuchten Seite schalten.

First Party Cookies dürfen nicht an Dritte übermittelt werden. Drittanbieter-Cookies hingegen können an weitere Webseitenbetreiber weitergegeben werden. Aus diesen gesammelten Daten erstellt Google Nutzer:innen-Profile, um personalisierte Werbung zu schalten – die größte Einnahmequelle von Google. Genauer gesagt: 52 Prozent aller Anzeigen vereint der Konzern auf sich. In absoluten Zahlen sind das 292 Milliarden US-Dollar im Jahr.

Um die Euphorie direkt zu dämpfen: Natürlich verzichtet Google nicht einfach auf ein Milliardengeschäft, sondern hat einen Plan in der Hinterhand. Ab dem kommenden Jahr will Google ganze Profile von Nutzergruppen anbieten. Statt personalisierter Werbung für die einzelnen Nut­ze­r:in­nen soll es so Werbung für ganze Gruppen von Gleichgesinnten geben, die sich für ein und dieselbe Kategorie interessieren.

„Menschen sollten nicht länger das Tracking im Internet akzeptieren müssen, um die Vorteile relevanter Werbung zu nutzen. Und Werbetreibende müssen nicht einzelne Verbraucher quer durchs Web tracken, um die Effizienzvorteile digitaler Werbung zu nutzen“, erklärt Google.
Schlechter Ruf

Ganz nebenbei wird Google das Problem mit den Cookies und deren schlechtem Ruf los. Denn zukünftig sollen die Daten direkt über den Browser gesammelt werden und die Zuteilung einer Gruppe direkt auf dem Rechner der Nut­ze­r:in­nen geschehen.

Fest steht bis jetzt also nur, dass Third Party Cookies aus dem Netz verschwinden, Wer­be­part­ne­r:in­nen nun fieberhaft nach Lösungen und Alternativen Ausschau halten werden und das Thema Datenschutz weiterhin bei Google kein unbedenkliches bleibt. Google hingegen hat der Welt nun eine Neuheit präsentiert, deren Kontrolle praktisch vollständig in ihren Händen liegt.

Verlage und Facebook/Google: Lieber „lousy Pennies“ als gar kein Geld?

Im Mai will Facebook seinen News-Dienst auch in Deutschland starten. Dabei zahlt das Netzwerk Geld an Medienunternehmen für Inhalte. Diese Inhalte werden bei Facebook dann in einer speziellen News-Sektion dargeboten. Allerdings nicht die kompletten Inhalte, wie bei Instant Articles, sondern Links und Vorschauen. Zum Deutschlandstart sind laut Facebook rund 100 Medien dabei, u.a. „Zeit“, „FAZ“ oder Heise. Nicht dabei sind u.a. RTL, „Süddeutsche“, Burda und Axel Springer. Springer lehnt die Kooperation mit Facebook grundsätzlich ab, man setzt stattdessen auf die Durchsetzung des EU-Urheberrechts und will Lizenzzahlungen für alle Medien statt Einzel-Deals. Bei den anderen Medienhäusern ist die Stimmung, wie man hört, eher gemischt. So soll es insbesondere auch bei Burda strittig sein, ob man nun die Facebook-Kohle nehmen soll oder nicht. Mit Google hat Burda bereits einen Deal gemacht. Der „Focus“- und „Bunte“-Verlag bekommt künftig Geld dafür, dass Verlags-Inhalte bei dem Google-Dienst News Showcase angezeigt werden. Bei Facebook zögert man noch. Dabei gab es mal eine Zeit, da hat Verleger Hubert Burda ordentlich gegen Google, Facebook und Co. gewettert. Burda prägte den Begriff der „lousy Pennies“, die für die Verlage im Internet blieben und er sprach noch 2009 von einer „schleichenden Enteignung“ der Verlage durch die Plattformen. Heute sind dem einen oder anderen ein paar „Pennies“ vielleicht lieber als gar kein Geld. Der Blick nach Australien, wo Facebook die Medien auf der eigenen Plattform mal eben kurz abgeschaltet hat, zeigt, dass der Verhandlungs-Spielraum für Medienhäuser begrenzt ist.

Disney und die Revision der Archive: Ein Brief an Bob Chapek

Jede Woche wird ein neuer Film mit identitätspolitischen Warnhinweisen versehen. Auch der Chef von Walt Disney, Bob Chapek, lässt sein Archiv auf rassistische Stereotype durchleuchten. Jetzt hat es die „Muppet Show“ getroffen. Warum Häme jetzt nicht mehr reicht.

Lieber Mr. Chapek, vielleicht haben Sie das selbst gar nicht entschieden, die Sache mit den Warnhinweisen für die „Muppet Show“. Aber da die Sendung mit Kermit, Miss Piggy und den ganzen anderen wahnsinnigen Puppen, die sich Jim Henson einst ausdachte, seit fast zwei Jahrzehnten zum Reich von Disney gehört und Sie der Chef von Disney sind… Sie wissen schon, wie es läuft, im Zweifel schreibt man dem Boss.

Also, die Warnhinweise, die im Streamingangebot Disney+ bei bisher 18 Folgen der „Muppet Show“ eingeblendet werden (im deutschen Angebot noch nicht zu sehen), wirken ziemlich abschreckend. Da ist zu lesen, die Sendung enthalte „negative Darstellungen und/oder falsche Behandlungen von Personen oder Kulturen“. Und weiter: „Diese Stereotype waren damals falsch und sind es auch heute.“

Weil sich Disney noch nicht explizit geäußert hat, welche Szenen beanstandet werden, gibt es nur begründete Vermutungen. Da ist der Auftritt von Johnny Cash in einer Scheune, vor der Flagge der Konföderierten, also dem Symbol der amerikanischen Südstaaten und ihrem System der Sklaverei. Oder die Szene mit Peter Sellers, der als klischeehaft angezogener Roma vor einem Wohnwagen auf einer Geige fiedelt. Oder die Episode mit Joan Baez, Ikone der Friedensbewegung, die mit einem falschen Akzent spricht. Und in einer Szene mit Kenny Rogers kommen als Araber verkleidete Muppets in dessen Umkleide und einer von ihnen fragt: „Bevor wir anfangen, nach Öl zu bohren – wo können wir unsere Kamele parken?“

Medienmogul Murdoch wird 90: Der Scharfmacher lässt nicht locker

Mächtiger Verleger, milliardenschwerer Geschäftsmann, vor allem aber Reizfigur: Rupert Murdoch feiert seinen 90. Geburtstag. Als einer der letzten Medientycoons der alten Schule hat er noch immer großen Einfluss auf die Politik, nicht nur in seiner Wahlheimat Amerika. Seine Titel und Sender sind berüchtigt – allen voran das rechtskonservative Netzwerk Fox News. Murdoch hält sich im hohen Alter aus der Öffentlichkeit zurück, bleibt aber als Scharfmacher im Hintergrund aktiv.

Nach dem Verkauf großer Teile seines Unterhaltungskonzerns an Walt Disney ist Murdochs Imperium stark geschrumpft. Doch mit seinen Fox-Sendern und dem Verlag News Corp, zu dem Klatschblätter wie die „New York Post“, aber auch gediegenere Zeitungen wie das „Wall Street Journal“ zählen, führt Murdoch weiter eine Großmacht in Sachen Agendasetzung und Meinungsmache. Daran hat sich auch nach der Abwahl von Donald Trump als US-Präsident nichts geändert, mit dem Murdoch trotz anfänglicher Skepsis rasch ein Zweckbündnis eingegangen war.

„Gefährlichster Immigrant in Amerika“

„Rupert Murdoch ist der gefährlichste Immigrant in Amerika“, sagte der US-Politikberater Stuart Stevens kürzlich über den gebürtigen Australier. Stevens ist ein langjähriger Stratege der Republikaner, der sich gegen Trump stellte und Einflüsterer wie Murdoch als große Bedrohung für die eigene Partei ansieht. Murdochs Geschick, die politische Elite für seine Interessen einzuspannen, ist legendär. „Republikaner dachten ursprünglich, dass Fox für uns arbeite. Nun stellen wir fest, dass wir für Fox arbeiten“, sagte einst David Frum, der Redenschreiber des früheren US-Präsidenten George W. Bush.

Wie wurde der Medienmogul so mächtig, dass sogar andere konservative Strippenzieher seinen Einfluss dermaßen fürchten? Mit 22 übernahm Murdoch in seinem Heimatland Australien seine erste Zeitung, es wurde die Basis für ein Medien-Imperium, das noch immer fast den ganzen englischsprachigen Teil der Welt umspannt. Mit Revolverblättern wie „The Sun“ setzte er kompromisslos auf Sensationsjournalismus, mit Sendern wie Fox News auf politische Meinungsmache, die vor allem durch die verschärften Ansichten einiger Talkshow-Hosts immer wieder an die Grenzen von Manipulation und Propaganda gerät.

Dass sich Murdoch mit seinen Unternehmen überhaupt so lange an der Spitze des internationalen Mediengeschäfts halten konnte, ist durchaus beachtlich. Denn zwischenzeitlich hatte er sich durch einen Abhörskandal seiner britischen Boulevardzeitung „News of the World“ gründlich ins Abseits befördert. Jahrelang hatten Murdochs Journalisten die Handys von Verbrechensopfern und Prominenten bespitzelt und Polizisten bestochen. Murdoch musste 2011 auf dem Höhepunkt der Affäre vor einem britischen Parlamentsausschuss aussagen, was er selbst als „demütigendsten Tag“ seines Lebens bezeichnete.

Enger Draht zu Margret Thatcher

In Großbritannien, wo Murdoch bereits 1968 seine erste Zeitung kaufte, galt er schon lange vor dem Skandal als dubiose graue Eminenz der Medienlandschaft. Als er in den 1980er Jahren das Traditionsblatt „Times“ übernahm, soll ein Deal mit der damaligen Premierministerin Margret Thatcher ihm kartellrechtlich den Weg freigemacht haben. Sein enger Draht zu Thatcher half Murdoch nach der Übernahme angeblich auch, sich in einem erbitterten Konflikt mit den Gewerkschaften um die Entlassung Tausender Mitarbeiter durchzusetzen. In der vornehmen Londoner Elite war Murdoch jedoch von Anfang an ein Fremdkörper, weshalb es ihn schon relativ früh nach New York verschlug.

Bereits in den 1970er Jahren erweiterte Murdoch sein Medienimperium auf die USA. Jahrelang verfolgte er von dort aus den Traum, sein Lebenswerk durch die Schaffung des weltweit größten Unterhaltungskonzerns zu krönen. Doch dieser Plan scheiterte 2014 mit der geplatzten Übernahme des US-Kontrahenten Time Warner, die unter anderem die legendären Hollywood-Studios Warner Bros und 20th Century Fox vereint hätte. Management und Aktionäre sprachen sich letztlich gegen den Mega-Deal aus. Stattdessen musste Murdoch sein Imperium unter steigendem Wettbewerbsdruck selbst immer weiter zerlegen.

Vor allem die boomende Streaming-Konkurrenz, die klassischen Kabelanbietern immer mehr Kunden abjagt, machte Murdoch zusehends zu schaffen. 2019 verkaufte er große Teile seines Medienkonzerns 21st Century Fox an den Erzrivalen Walt Disney. Eine Entscheidung, die ihm nicht leicht gefallen sein dürfte, denn eigentlich hatte er ja ganz andere Ambitionen gehabt. Was ihm nach dem Verkauf von 21st Century Fox blieb, ist die stramm rechte Sendergruppe Fox News. Deren Talkshows dienten Trump während seiner Präsidentschaft als Taktgeber. Wer Einfluss auf ihn nehmen wollte, musste seine Botschaften dort platzieren. Zum Ende der Amtszeit kam es jedoch zum Zerwürfnis, weil Fox sich abwendete und die Lüge von Trumps vermeintlichem Wahlsieg nicht mittrug.

Große Deals, grandiose Flops

Murdochs Verhältnis zu Trump gilt als eng, aber zweckrational. Für einen geeigneten US-Präsidenten hielt er ihn zunächst nicht. Doch wenn sich Trump nicht verhindern lasse, wäre es verrückt, wenn sich die Partei nicht hinter ihn stelle, lautete Murdochs pragmatische Lageeinschätzung 2016. Für Fox News war Trumps Regierungsführung im Stil einer Reality-Show ein lukrativer Quotengarant. Und bei allem Hang zur politischen Einflussnahme – das Geschäft ist Murdoch genauso wichtig. Immer wieder machte er mit großen Deals Schlagzeilen, leistete sich dabei aber auch grandiose Flops. 2005 etwa hätte er mit Facebook kooperieren können, stattdessen kaufte er für 580 Millionen Dollar den Rivalen MySpace, der rasch wieder in der Versenkung verschwand. Die Summe musste fast komplett abgeschrieben werden.

Auch in Murdochs Privatleben geht es häufig drunter und drüber. Kurz vor seinem 85. Geburtstag heiratete der Medienzar in London die 25 Jahre jüngere Jerry Hall, einst Top-Model und Ex-Frau von „Rolling Stone“ Mick Jagger. Das Paar hatte sich erst ein paar Monate vorher kennengelernt. Als Familienmensch ist Murdoch ähnlich umtriebig wie als Geschäftsmann – er hat insgesamt sechs Kinder mit drei Frauen. Halls Vorgängerin Wendy Deng warf sich einst spektakulär in die Bresche, als ihr Mann von einem Aktivisten mit einer Torte aus Rasierschaum beworfen wurde. Für Aufregung sorgen auch die Reibereien zwischen Murdochs Söhnen James und Lachlan um die Thronfolge.

Mitte 2015 gab Murdoch bekannt, die Führung von 21st Century Fox an die nächste Generation weiterzureichen. Der jüngere Sohn James wurde zum Vorstandschef ernannt, Bruder Lachlan durfte mit seinem Vater den Verwaltungsrat führen. De facto hatte aber weiter nur der Altmeister das Sagen, wie sich spätestens beim Verkauf an Disney zeigte. Der dauernde Familienzwist liefert Stoff für Hollywood-Produktionen. So ist James eher liberal eingestellt und lehnt zum Beispiel die klimaschutzkritische Linie der Murdoch-Blätter ab, während Lachlan wie sein Vater als erzkonservativ gilt. Es gibt sogar eine TV-Serie namens „Succession“, die den Clan auf die Schaufel nehmen soll.

Werbung, Wachstum, neue Tools: So will Pinterest die Zukunft gestalten

Das Netzwerk der schönen Eindrücke ist für Werbetreibende immer interessanter. Jetzt hat Pinterest auf dem globalen Großevent Pinterest Presents Einblick in die aktuellen Zahlen und neue Werbetools gegeben – Männer und die GenZ sind besondere Wachstumstreiber.

„Ein Event in deiner Zukunft“ – ist über den Anzeigen zu lesen, die Pinterest vor dem globalen Event auf verschiedenen Netzwerken geschaltet hat. Die Gegenwart lässt man also zurück und geht in großem Schritten ins Morgen. Pinterest möchte nicht nur Teil dieser Zukunft sein, sondern sie mitgestalten und die Werbungtreibenden mitnehmen. Unter dem Namen „Pinterest Presents“ veranstaltete das Netzwerk der schönen Dinge ein Event, das Marken und Vermarktern weltweit zeigen soll, was die Nutzer suchen, pinnen, wer diese Nutzer sind und mit welchen Werbetools man die Zielgruppen am besten erreichen kann.

Pinterest Presents fand mit Einzelveranstaltungen an verschiedenen Standorten weltweit statt: in den USA, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Deutschland, Kanada und Australien. Für die jeweiligen Länder konnte man regionale Business-Größen gewinnen, in Deutschland sind Tijen Onaran, CEO von Global Digital Women, OMR-Gründer Philipp Westermeyer, Maike Abel, Head of Media bei Nestlé, der globale Marketingchef von Mini Jens Raskop und Sascha Vitzthum, SVP Marketing bei Home 24 Teil der Pinterest-Show. Durch das Event führte Moderatorin Kathrin Bauerfeind.

Pinterest: Eine der größten Communities in Deutschland

Zum Auftakt bestärkt CEO Ben Silbermann den deutschen Standort: „Deutschland ist eine der größten Communities bei Pinterest weltweit“. Im nächsten Satz führt er direkt auf das Thema Marken: 15 der Topwerbetreibenden seien jetzt auf Pinterest, sagt Silbermann.

Philip Missler, EMEA-Chef von Pinterest, gibt einen tieferen Einblick in die Zahlen: „Fasst 4 Millionen Ideen werden jeden Tag in Deutschland gepint.“ Geht es nach Missler, ist Pinterest die Plattform der Zukunft. „Wir sagen was Trend sein wird vor allen anderen.“ Das zeige ein Blick auf Trend-Report „Pinterest Predicts“. Demnach wurden 8 von 10 Vorhersagen zu globalen Trends. Pinterest würde mit seinen Insights Werbungstreibenden ermöglich, einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Männer als Wachstumstreiber

Missler zeigt weiterhin, wer der neue Wachstumstreiber der Plattform ist. Von den aktuell 450 Millionen monatlich aktiven Pinterest-Nutzern – allein innerhalb des letzten Jahres ist das Netzwerk um über 110 Millionen Nutzer gewachsen – seien zwar 60 Prozent Frauen. Aber der Zuwachs im Bereich Männer und GenZ sei am größten. Im Jahresvergleich nutzen 35 Prozent mehr Männer das Netzwerk. Männer würden Pinterest demnach nutzen, um zu planen oder sich und ihre Hobbys und Leidenschaften auszudrücken. Außerdem seien Männer auf Pinterest auskunftsfreudiger, was neue Produkte angeht. Im Vergleich zum durchschnittlichen Erwachsenen in Deutschland würden sie ihren Freunden und Familienmitgliedern mit einer 22 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit von neuen Produkten erzählen, verkündet das Netzwerk. Männliche Nutzer planten ihre beruflichen Ziele mit Pinnwänden wie Digitale Marketingstrategie und Karriere und zeigten sich eher positiv, was die eigene finanzielle Zukunft angehe, hier gebe es eine 47 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, dass sich die persönlichen Finanzen für die Zukunft besserten als bei Erwachsenen in der Bevölkerung.

GenZ besonders aktiv im Coronajahr

Eine weiteren Wachstumsfaktor stellt die GenZ dar. Die jungen User erstellten alleine im letzten Jahr vier Millionen neue Pinnwände, sagt Missler und nutzten Pinterest als universellen Lebensplaner in allen Bereichen. Gerade im Coronajahr soll diese Gruppen besonders aktiv auf Pinterest gewesen sein. Die Interessensfelder liegen bei Kategorien wie Mode und DIY, sorgen aber wohl auch für den Erfolg neuer Kategorien wie die „Suche nach Walkthroughs für Gaming-Welten, cooler Deko für ihr Handy oder die Planung der nächsten Playlist“, verlautbart die Plattform.

Von Einkauf bis Finanzen

Gen Z-Nutzer planen laut Pinterest auf der Plattform ihren kommenden Einkauf und speichern sich Inspirationen auf ihren Einwänden. Das Netzwerk zieht auch den Vergleich zum durchschnittlichen Internet-Nutzer in Deutschland: demnach sei in der GenZ-Gruppe die Wahrscheinlichkeit um 46 Prozent höher, Freunden und Familienmitgliedern von neuen Produkten zu berichten. Für Marken würde sich hier die Möglichkeit bieten junge Konsument anzusprechen, „bevor sie sich entschieden haben, was sie kaufen möchten und bei wem.“

Gerade in dieser Zielgruppe weißt Pinterest darauf hin, dass Pinterest-Nutzer der Gen Z in Deutschland im Vergleich zum durchschnittlichen Erwachsenen in Deutschland positiv gestimmt seien, was die finanzielle Zukunft angehe, und zwar mit einer 74 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit. Dieser Zielgruppe ginge es bei Pinterest nicht nur um die Planung des nächsten Urlaubs – zwei von drei gaben an, dass sie ihre nächsten Reisen auf Pinterest planen – sondern auch um Themen wie Finanzen und Altersvorsorge, was sich in eigenen Pinnwänden zu diesen Bereichen ausdrücke.

Wachstumsbereich Video

Das Bilder-Netzwerk entwickelt sich laut Pinterest immer mehr zum Netzwerk der bewegten Bilder. Videos spielen wie auf anderen Netzwerken auch hier eine immer wichtigere Rolle. Ein Bereich, der über alle Zielgruppen hinweg wachse, sei damit das Video-Segment, erklärt Missler. „Im letzten Jahr gab es hier 800 Prozent Wachstum.“ Nach internen Daten werden pro Tag fast eine Milliarde Videos global auf der Plattform angesehen. Laut Pinterest unterscheidet sich das Nutzungsverhalten zu anderen Plattformen: eine Studie von Talk Shoppe, die von Pinterest 2018 in Auftrag gegeben wurde, kam zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit bei Pinterest-Nutzern doppelt so hoch sei, „dass sie über Videos neue Ideen entdecken (61 % vs. 31 %) und Handlungen vornehmen (47 % vs. 11 %)“. Was sehr hölzern klingt, soll darauf hinweisen, dass Marken und Werbungtreibende Konsumenten genau an dem Punkt ansprechen können sollen, an dem sie beim Stöbern, auf der Suche nach Inspiration offen für den nächsten Schritt sind, sich direkt mit den Marken zu identifizieren oder sogar einen Kauf zu tätigen. Genau an dieser Stelle bietet Pinterest für Werber neue Möglichkeiten mit den Kunden in Verbindung zu treten, mit dem neuen Tool Pinterest Premiere.

Neues Werbertool Pinterest Premiere

Pinterest Premiere soll es Werbetreibenden ermöglichen, ihre Zielgruppe effizient und in größerem Umfang zu erreichen. Werbetreibende können demnach in einem fest definierten Zeitraum Videos exklusiv im Homefeed platzieren und nach demografischer Gruppe, Interessengebiet oder Kategorie targeten. Das Tool steht Werbetreibenden in den USA, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Frankreich und Kanada zu Verfügung. Im Bereich der Werbetools wurden außerdem die Tools Pinterest Trends und Konversion Insighs vorgestellt.

Pinterest Trends und Conversion-Insights

Pinterest erweitert das eigene Measurement-Tool-Angebot um Conversion-Insights. Die Funktion soll ab dem zweiten Quartal zur Verfügung stehen und allen Werbetreibenden „beworbene und organische Metriken in einem einzigen Bericht einsehen und so Attributionsfenster und den allgemeinen Path to Purchase der Konsumenten verstehen“ lassen.

Vorerst nur in den USA bietet das Trends-Tools Werbetreibenden die Möglichkeit, weitere Insights anzuzeigen, die laut Pinterest auch die Zielgruppen zeige, die hinter diesem Wachstum stehen. Es sollen kontextualisierte Informationen über vergangene Pin-Performances angezeigt werden. So könnten laut Pinterest Werbetreibende genauer verstehen, was auf Pinterest am besten funktioniere. Das Tool liefere zudem Informationen, wenn ein Pin die bisherige Benchmark für Interaktionen übertrifft. Der Vorteil: mehr Wissen darüber, wann ein Pin als nächstes beworben werden sollte oder eine ähnliche neue Kampagne gestartet werden könnte.

Die wichtigsten Fakten zu Pinterest auf einen Blick

Das soziale Netzwerk wurde 2010 von Ben Silbermann – aktuell CEO –, Evan Sharp und Paul Sciarra gegründet. Der Name Pinterest setzt sich aus dem Englischen „pin“ und „interest“ zusammen. Ähnlich wie auf physischen Pinnwänden sollen auf dem Netzwerk Inspirationen gepinnt, also gemerkt, werden. Im Gegensatz zu anderen Netzwerken steht hier also die Bookmarking-Funktion im Zentrum. Für Marken bietet Pinterest neben der organischen Präsenz die Möglichkeit, Anzeigen zu schalten, mit shoppable Pins direkte Kauffunktionen anzubieten oder aber Pinterest Sorys mit dem Story-Pin zu bewerben. Das Wachstum des letzten Jahres und die Möglichkeiten für Werber haben auch zu einem Überraschungserfolg an der Börse geführt.

Gesamtbilanz überzeugt Wall Street

Nach Jahren der Verluste konnte Pinterest im Schlussquartal 2020 einen überraschend hohen Gewinn verbuchen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum konnte der Social Media-Anbieter seine Erlöse um mehr als 76 Prozent auf nunmehr 706 Millionen Dollar steigern und damit die Konsensschätzungen der Analysten, die noch bei 645 Millionen Dollar gelegen hatten, deutlich schlagen. Im Gesamtjahr 2020 zogen die Erlöse um 48 Prozent auf 1,69 Milliarden Dollar an. So vermeldete Pinterest nach Verlusten von 35 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum im letzten Quartal 2020 einen Nettogewinn von gleich 207,8 Millionen Dollar.

Das entspricht einem Gewinn je Aktie von 43 Cent. Analysten hatten lediglich mit einem Profit von lediglich 32 Cent je Anteilsschein gerechnet. Auf Jahressicht büßte Pinterest wegen der Belastungen im ersten Halbjahr allerdings weiterhin Geld ein. Das Minus betrug 128 Millionen und war damit um 91 Prozent kleiner als im Geschäftsjahr 2019, als Pinterest noch 1,36 Milliarden Dollar verloren hatte.

Die Extremisten-Versteher – wie Medien islamistische Denkmuster verbreiten

Eine SRF-Moderatorin fällt mit verbalen Ausfälligkeiten gegen progressive Muslime, unkritischen Befragungen von Salon-Islamisten und der Verbreitung proislamistischer Positionen auf. Ihr Fall weist auf ein verbreitetes Phänomen in den Medien hin.

Was politische Statements angeht, sind Moderatoren des Schweizer Radios und Fernsehens (SRF) zur Zurückhaltung verpflichtet. «Programmmitarbeitende», so steht es in den Publizistischen Leitlinien des Mutterhauses SRG, «geben auch im Internet keine Stellungnahmen zu politischen Themen ab.» Tun sie es im privaten Rahmen doch, müssen sie sich mit ihren Vorgesetzten absprechen und «Mindestanforderungen an Stil und Geschmack erfüllen».

Ob die «Sternstunde Religion»-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaji diese Anforderungen am 1. Februar erfüllt hat, ist ebenfalls Geschmackssache. Sicher ist, dass die 49-Jährige an jenem Tag einen Blog-Eintrag verfasste, in dem sie ihrer Wut auf die Islamkritikerin Saïda Keller-Messahli und ihren Arbeitgeber SRF freien Lauf liess.

Keller-Messahli, so schreibt die SRF-Moderatorin, sei eine «extremistische Muslimin», die wegen SRF und anderer Medien immer wieder ihre «Hasstiraden» und ihr «Gift gegen die Demokratie» verbreiten dürfe. Damit begünstigten die Medien «einseitige Meinungsmache» und Abschottung, «die ihrerseits in Radikalisierungsprozessen münden kann».

«Gift» und «Hasstiraden»

Auslöser für den Eklat war der jüngste «Arena»-Auftritt Keller-Messahlis, bei dem sich die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam als resolute Befürworterin der sogenannten Burka-Initiative ins Zeug legte. Im ohnehin sehr gehässigen Abstimmungskampf hat die Tirade nur kurze Aufmerksamkeit erregt. «Muslimin gegen Muslimin», titelten die Tamedia-Zeitungen lapidar, und die SRG stellte sich sogleich hinter ihre Mitarbeiterin.
«Ich bin überzeugt», so schreibt die «Sternstunde Religion»-Leiterin Judith Hardegger auf Anfrage, «dass Amira Hafner-Al Jabaji weiterhin ihre Aufgabe als Moderatorin von SRF erfüllen kann.» Für ein Gespräch stehe die Journalistin derzeit nicht zur Verfügung.

Tatsächlich könnte man die Attacke als Ausrutscher abtun, als spontane Reaktion auf eine medial zweifellos stark präsente Islamkritikerin, die in Diskussionen zuweilen sehr resolut auftritt. Betrachtet man das Wirken der SRF-Moderatorin Hafner-Al Jabaji jedoch genauer, wird klar, dass das kein Ausrutscher war, sondern Ausdruck einer bestimmten Haltung. Ihr Fall zeigt, wie leicht sich Journalisten von pro-islamistischen Positionen und Ideologen beeindrucken lassen – dies nicht nur bei SRF, sondern auch in anderen Medien.

Vermischte Rollen

Doch zunächst zu SRF, wo die «Sternstunde Religion»-Moderatorin seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2015 eine eher ungewöhnliche Doppelrolle spielt. Einerseits ist sie nämlich Präsidentin des 2008 von ihr mitbegründeten Interreligiösen Think-Tanks, der gegenwärtig gegen die Burka-Initiative kämpft und für den sie den zitierten Blog-Eintrag verfasst hat. Andererseits ist sie Journalistin einer öffentlichrechtlichen Anstalt, die kritische Distanz zu allen Interessengruppen wahren sollte.

Amira Hafner-Al Jabaji pflegt jedoch in all ihren Funktionen eine auffällige Nähe zu Interessengruppen wie der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Die VIOZ weist regelmässig auf Veranstaltungen mit Hafner-Al Jabaji hin. Umgekehrt tritt die 49-Jährige unter dem Titel «SRF-Journalistin» an Events wie dem von der VIOZ mitorganisierten «Ummah Day» auf, und sie betätigt sich als Sprachrohr für islamische Vereine. So fordert sie ihre SRF-Kollegen in ihrem Blog-Eintrag offen dazu auf, künftig an «die muslimischen Verbände» zu denken und die in jenen Kreisen verfemte Saïda Keller-Messahli nicht mehr einzuladen.

Diese Nähe ist nicht nur im Hinblick auf die journalistische Unabhängigkeit fragwürdig. Denn zum einen ist die VIOZ gemäss Recherchen der Arab Reporters for Investigative Journalism von der radikalen Muslimbruderschaft beeinflusst. Zum anderen fördert auch Amira Hafner-Al Jabaji trotz öffentlicher Abgrenzungen von «politisch islamistischen Parteien» bewusst oder unbewusst einen Diskurs, wie ihn scheinbar moderate Islamisten pflegen – dies, um Muslime von der Gesellschaft zu entfremden und gleichzeitig über Ausgrenzung zu klagen.

Die Medien scheren sich nicht um Srebrenica – wirklich?

In einem Interview mit der «Südostschweiz» plädierte die SRF-Mitarbeiterin unter anderem für eine Privatisierung des Schwimmunterrichts, den Islamisten aus religiösen und sexistischen Motiven ablehnen. Zudem behauptete sie, das Massaker an Muslimen in Srebrenica gerate wegen der Einseitigkeit der Medien «in Vergessenheit». Solche Aussagen lassen sich zwar leicht widerlegen, denn in der Schweizerischen Mediendatenbank finden sich unter den Stichworten «Srebrenica» und «Massaker» fast 5000 Einträge. Sie passen aber zu einem bestimmten Narrativ.

In diesem sind Muslime (hier bewusst kollektiv gemeint) Opfer einer ignoranten und intoleranten Gesellschaft, die mit «dem Anderen» nicht umgehen kann. Wenn muslimische Extremisten Terrorakte verüben, den Rechtsstaat ablehnen oder die westliche Gesellschaft verachten, hat das demnach weniger mit Religion, islamistischer Propaganda und reaktionären Tendenzen in muslimischen Ländern zu tun als hauptsächlich mit Diskriminierung.
Kritiker des politischen Islam und fortschrittliche Muslime gelten in dieser Logik als Störefriede und Verräter, da sie den Opferanspruch infrage stellen. Entsprechend versucht man sie als «islamophobe» Hetzer zu diskreditieren, die genauso extremistisch sind wie die von ihnen kritisierten Extremisten.

Bühne frei für die «Krawatten-Islamisten»

Dieser Logik folgt Amira Hafner-Al Jabaji in ihrem Angriff auf Saïda Keller-Messahli: Deren Fernsehauftritte sind angeblich schuld daran, wenn sich Muslime abschotten und radikalisieren; sie ist eine «Extremistin», ohne dass für diese Behauptung ein einziger Beleg genannt wird. Nach einem ähnlichen Muster versuchte die SRF-Moderatorin 2014, den deutsch-ägyptischen Autor Hamed Abdel-Samad herabzusetzen.

Der oft mit dem Tod bedrohte Publizist stellt in einem seiner Bücher die These auf, dass der Islamismus eine faschistische Ideologie sei. Abdel-Samad, so erklärte Hafner-Al Jabaji in einem Interview für SRF Kultur, kritisiere «eine Einstellung, die er selber an den Tag legt», und: Er wolle «ein brennendes Haus mit einem brandbeschleunigenden Mittel löschen». Damit wird ein kritischer Autor auf eine Stufe gestellt mit den intoleranten Geistern, die er in seinen Büchern kritisiert.

Ironischerweise weist Abdel-Samad dort auch auf einen islamischen Aktivisten neuen Typs hin: den «Krawatten-Islamisten». Eben dieser Typus beweist, dass die unkritische Rezeption und Verbreitung islamistischer Denkmuster ein Phänomen ist, das weit über SRF und «Sternstunde Religion» hinausgeht.

Offiziell geben sich «Krawatten-Islamisten» aufgeschlossen und tolerant; sie verurteilen Gewalt, relativieren sie aber zugleich. Die westliche Gesellschaft lehnen sie insgeheim ab. Da sie jedoch einen antirassistisch und antikolonialistisch verbrämten Diskriminierungsjargon pflegen, sind sie trotz reaktionärer Agenda auch in «progressiven», universitären und journalistischen Kreisen anschlussfähig.

Wissenschaft, wie sie Erdogan gefällt

Ein anschauliches Beispiel dafür liefert der Salzburger Politologe Farid Hafez, der in Kurzbiografien aus gutem Grund darauf hinweist, dass er ein «oft geladener Gast in Rundfunk und Fernsehen» sei. Bekannt geworden ist der ehemalige Aktivist der Muslimischen Jugend Österreich durch einen jährlichen europäischen «Islamophobie-Report», den er zusammen mit der türkischen Seta-Stiftung herausgibt.

Diese gilt als wissenschaftlicher Arm der Regierungspartei AKP von Recep Tayyip Erdogan, der Integration gerne als «Verbrechen» und Massnahmen gegen Terror und Islamismus als «rassistisch» und «islamophob» brandmarkt. Nach diesem Muster wirft auch der «Islamophobie-Report» alles in einen Topf, vom rechtsextremen Fremdenfeind über den bürgerlichen Politiker bis zur emanzipierten Muslimin.

Obwohl mehr politischer Aktivist als Wissenschafter, ist der Österreicher in den letzten Jahren immer wieder als Experte präsent, egal ob beim ORF, beim Deutschlandfunk, bei der «Süddeutschen» oder bei «Sternstunde Religion». Hier durfte sich Hafez Anfang 2016 über eine halbe Stunde lang über das österreichische Islamgesetz auslassen, mit dem unter anderem Auslandsfinanzierungen für religiöse Vereine unterbunden werden sollten.

Das Gesetz, so erklärte er Amira Hafner-Al Jabaji, stehe im Geiste des Kolonialismus. Es gehe um «Kriminalisierung von Vereinen», denn die zunehmend «autoritäre» Gesellschaft tue sich schwer mit «unterschiedlichen Lebensmodellen». Das Misstrauen gegen den politischen Islam führte er einzig auf die Rechtspopulisten zurück, «die einiges vergiften».

Ein neuer Kristallnacht-Twitterer

Über Radikalisierungen, die es auch in Österreich gab, verlor Hafez kein Wort. Und er erwähnte auch nicht, dass die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich muslimischen Schülern unter anderem ein Buch des Islamisten Jusuf al-Karadawi vorgesetzt hatte, in dem die Todesstrafe für «Unzucht» und Auspeitschungen für Homosexuelle propagiert werden. Die Moderatorin stellte ihm auch keine einzige kritische Frage, sie lieferte dem eloquenten Doktor nur lächelnd Stichworte.

Wie fragwürdig der von ihm und bestimmten Medien verbreitete Diskriminierungsdiskurs ist, hat Hafez nach den islamistischen Morden von Wien bewiesen. Dass die österreichische Polizei im Rahmen einer Aktion gegen mutmassliche Anhänger der Hamas und der Muslimbruderschaft auch seine Wohnung durchsuchte, wertete der Politologe als rassistischen Angriff. Auf Twitter stellte er sie gar in eine Analogie mit den chinesischen Repressalien gegen die Uiguren und dem Novemberpogrom von 1938, als die Nazis Hunderte deutsche Juden zu Tode prügelten und 30 000 ins KZ verschleppten.

Derartige Vergleiche mit dem Schicksal der Juden gehören bei Islamisten zum Repertoire; sie sind umso zynischer, als sich islamistische Gewalt massgeblich gegen Juden richtet. In Frankreich hat dieser religiöse Hass bereits Dutzende Tote gefordert, und er hat dazu geführt, dass jüdische Kinder öffentliche Schulen meiden. Dass «Islamophobie»-Experten wie Farid Hafez solche Tatsachen mit Formulierungen wie «sogenannter islamischer Antisemitismus» zu leugnen versuchen, offenbart die grösste Schwäche der Opfertheorie: Obwohl es stimmt, dass manche Muslime diskriminiert werden, kann sie nicht erklären, weshalb sich islamistischer Hass Hass ausgerechnet gegen Juden und Homosexuelle richtet.

Nach Morden wird zuerst über Ausgrenzung gesprochen

Dennoch wird sie unbeirrt weiter gepflegt. Dies nicht nur in der linken «Wochenzeitung», die von der «Religion der Ausgegrenzten» schreibt und «Experten» aus dem Umfeld von Doktor Hafez zitiert, sondern auch bei «Sternstunde Religion» im Schweizer Fernsehen. Dort diskutierte man am 15. November 2020 über die Frage, ob der Islam in der Krise sei. Wenige Tage zuvor hatten islamistische Gewalttäter in Conflans-Sainte-Honorine den Lehrer Samuel Paty geköpft, in Nizza eine Kirchgängerin erstochen, in Dresden einen Homosexuellen getötet und in Wien zwei Passanten erschossen.

Eine Frage beschäftigte Amira Hafner-Al Jabaji während der Sendung besonders: «Können Sie sagen, was die Erfahrung von Ausgrenzung mit Menschen macht?», fragte sie sinngemäss mehrmals in die Runde. Um die in Bezug auf die genannten Terrorakte unbewiesene These von den ausgegrenzten Tätern zu untermauern, publizierte die Moderatorin ergänzend zur Sendung ein Interview mit der Erziehungswissenschafterin Asmaa Dehbi, die sich ebenfalls im Umfeld konservativer Islamverbände bewegt.
«Ausgrenzung», so die im Titel enthaltene Hauptaussage des SRF-Beitrags, «kann junge Muslime radikalisieren.» Gegen die Sendung haben mittlerweile 20 Personen Beschwerde erhoben, wegen einseitiger Besetzung und mangelnder Sachgerechtigkeit.

Wie Snap seinen Börsenwert im Corona-Jahr mehr als verachtfachte

Die Erwartungen waren groß, der Absturz noch größer. Fast auf den Tag genau vier Jahre ist es her, dass mit Snap ein Internetunternehmen an der New Yorker Traditionsbörsen NYSE debütierte, das vermeintlich das Zeug hatte, den Social Media-Giganten zumindest etwas zu ärgern.

Die Hoffnung der Aktionäre darauf währte gut 30 Stunden: Zwei Handelstage lang schossen die Anteilsscheine des Mutterkonzerns in die Höhe und stellten bei Kursen von knapp 30 Dollar ein vorläufiges Hoch auf, das mehr als dreieinhalb Jahre nicht mehr besichtigt werden sollte. Der Mutterkonzern der beliebten Stories-App Snapchat ging auf eine gruselige Talfahrt, die in den Niederungen von Kursen unter 5 Dollar enden sollte.

Schwierige Phase nach dem Start von Instagram Stories

Zu behaupten, Snap wäre seinerzeit abgeschrieben worden, wäre noch eine Untertreibung. Snapchat hatte unter dem explosiven Nutzerzuwachs des übermächtigen Konkurrenten Instagram gelitten, das Snapchats Stories-Feature übernommen hatte, und drei Quartale in Folge Nutzerschwund ausweisen müssen.

Anfang 2019 sah Marketing-Professor Galloway schon fast den Untergang von Snap voraus. Der Stories-Anbieter sei immer noch “lächerlich überbewertet”, mahnte dieser auf der Digital-Konferenz DLD in München an. In seinen Prognosen für 2019 hatte Galloway zuvor auf einem Niveau von 6 Dollar eine weitere Halbierung der Snap-Aktie vorausgesagt.

Snap-Comeback: Die Nutzer kehren zurück, das Minus schrumpft

Doch auch Scott Galloway liegt mal so richtig daneben (genauer gesagt: öfter). Tatsächlich war seinerzeit Snaps Comeback nach einem Relaunch von Snapchat gerade voll im Gange. Die Nutzer kehrten zurück, die notorischen Quartalsverluste verringerten sich zumindest – dann kam die Pandemie.

Bis auf Kurse von unter 8 Euro wurde die Snap-Aktie im März vergangenen Jahres durchgereicht, der zarte Aufwärtstrend schien gebrochen. Doch es war nur eine Momentaufnahme. Schnell zeigte sich, dass Snap auch in der Coronakrise Resilienz besaß: Auch im zweiten Quartal, in dem die westliche Welt in den Lockdown ging, legten die Umsätze um immerhin noch 18 Prozent zu.
Umsatzzuwächse gewinnen im zweiten Halbjahr 2020 an Dynamik

Im Sommer legte der mittlerweile knapp zehn Jahre alte App-Anbieter den Schalter um: Die Umsätze explodierten regelrecht um nunmehr 52 Prozent. Geholfen hatte dabei auch maßgeblich der Werbeboykott auf Facebook im Sommer. CEO Evan Spiegel machte gegenüber Analysten deutlich, dass Werbung von Markenkonzernen verstärkt zurückgekehrt sei.

Im Weihnachtsquartal konnte Spiegel abermals beschleunigtes Umsatzwachstum von nunmehr satten 62 Prozent präsentieren. Im Gesamtjahr 2020 brachte es das Internetunternehmen nunmehr auf Erlöse in Höhe von 2,51 Milliarden Dollar – ein Plus von 46 Prozent.

Börsenwert knackt 100 Milliarden-Dollar-Marke

Anleger und Analysten reagieren entsprechend euphorisch auf Snaps immer größere Wachstumsdynamik. Seit den Tiefständen im vergangenen März, als die Anteilsscheine im Corona-Crash kurzfristig unter der Marke von 8 Dollar notierten, hat Snap beim Anstieg auf über 73 Dollar in der Spitze ein Plus von über 800 Prozent verbucht.

Auch nach den jüngsten Marktturbulenzen hätten mutige Snap-Aktionäre immer noch ein Plus von über 600 Prozent eingefahren – das sind Renditen, für die der große Rivale Facebook an der Wall Street mehr als sechs Jahre benötigte. Lohn der Rallye: Das selbsternannte „Kamera-Unternehmen“ Snap wurde vergangene Woche erstmals mit mehr als 100 Milliarden Dollar bewertet.

RBB-Chefin Schlesinger : Wem dient schöpferische Zerstörung?

Patricia Schlesinger baut beim Rundfunk Berlin-Brandenburg um. Was ist wichtig? Regionales, Kultur oder Service? Die Intendantin setzt aufs Digitale.

Zu Beginn der Corona-Pandemie haben Sie im Interview gesagt: „Unsere wichtigste Funktion ist in diesen Tagen definitiv, Orientierung zu bieten. Dafür sind wir einst geschaffen worden – als wesentliche Institution für das Funktionieren unserer Demokratie.“ Das Trust Barometer der Agentur Edelman stellt nun fest, es sei den etablierten Medien nicht gelungen, Fake News zu Corona mit Qualitätsjournalismus zu kontern. Hat auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk versagt?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist während der Corona-Pandemie gewachsen. Mit ihren Angeboten – online wie linear – erreicht die ARD täglich annähernd achtzig Prozent der Bürger. Vor zwei Jahren waren 78 Prozent mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zufrieden, gegenwärtig sind es 82 Prozent. Dabei gibt es zwischen Ost und West kaum Unterschiede. Selbst das von Ihnen erwähnte Trust Barometer einer amerikanischen PR-Agentur registriert für Deutschland einen Vertrauenszuwachs in die Medien von drei Prozentpunkten. Anscheinend weiß die Mehrheit der Bevölkerung sehr genau, wo sie in der Krise die verlässlichsten Informationen erhält.

Das Trust Barometer meint, der ernsthafte Journalismus habe an Boden verloren, die Rede ist von „Bankrotterklärung“. Wie sehen Sie diese Bewertung?

Diese Analyse mag für die Vereinigten Staaten zutreffen. Dort haben wir es seit längerem mit polarisierten und polarisierenden Medien zu tun. Das hat noch keinem Land, keiner demokratischen Gesellschaft auf Dauer gutgetan. Wenn wir die Vereinigten Staaten als Schrittmacher neuer digitaler Kommunikationstechnologien verstehen, muss uns das zu denken geben und uns anspornen. Es zeigt, wie wichtig es ist, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer Demokratie zur Basis-Infrastruktur gehört. Dabei spielt eine zentrale Rolle, dass wir ohne Empörungsjournalismus arbeiten, unsere Quellen deutlich machen, für Transparenz und differenzierte Einordnung sorgen, ohne politische Präferenzen und ohne kommerzielle Interessen. Denn rein wirtschaftliche Überlegungen tragen dazu bei, dass Teilöffentlichkeiten entstehen und dass Menschen sich mehr auf Fake News und Halbwahrheiten verlassen. Mit unseren Angeboten müssen wir ein stärkeres Gegengewicht darstellen, vor allem im Internet.

Sehen Sie eine Chance, die Gruppen, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk misstrauen, mit Fakten zu erreichen?

Ja, ich sehe eine Chance. Unsere Aufgabe besteht darin, mit Tatsachenwahrheiten zu informieren, die beim Abgleich mit der Wirklichkeit entstehen. Und diese Angebote werden stärker nachgefragt. Der digitale Raum ist de facto im Privatbesitz, mit den dazugehörigen Geschäftsmodellen, die vielfach empörungsgetrieben sind. Wenn Empörungsgetriebenheit mit Journalismus verwechselt wird, ergibt sich für die liberale Demokratie eine schwierige Situation. Deshalb müssen die Qualitätsmedien insgesamt stärker im digitalen Raum präsent sein, dort, wo viele Menschen ihre Informationen suchen. Wir müssen gegenwärtig zwei Pferde reiten, wie es der ehemalige BBC-Generaldirektor beschrieb, das lineare und das digitale, und beide benötigen Futter. Ein ähnliches Problem haben auch andere Medienhäuser, die sich nicht nur auf die digitale Welt konzentrieren können, im Gegensatz zu Facebook oder Google. Wir müssen deshalb eine Art schöpferischer Zerstörung betreiben, um möglichst schnell kraftvoll im Digitalen präsent sein zu können. Dazu gehört eine größere Dialogfähigkeit als bisher, um als Basis für Meinungsbildung in unserem Land weiterhin maßgeblich zu sein.

Sie sprechen von „schöpferischer Zerstörung“. Seit Sie vor fast fünf Jahren Intendantin geworden sind, reformieren Sie den Sender. Von 2022 an gibt es ein neues Vorabendprogramm. Ist das Teil der „schöpferischen Zerstörung“?

Zumindest kann man uns nicht Behäbigkeit vorwerfen. Veränderungen sind kein Wert an sich, aber wir dürfen auch keine Angst davor haben. Einige Veränderungen sind sehr schnell gegangen, mit viel Rückenwind aus unserem Sender. Andere Reformen müssen wir behutsamer in Angriff nehmen, vor allem, wenn viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter davon betroffen sind. Aber ich denke, allen im rbb Beschäftigten ist klar, dass wir uns in einem epochalen Medienwandel befinden. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Relevanz und Berechtigung erhalten will, können wir uns Stillstand definitiv nicht leisten. Wir müssen einerseits verlässlich sein, aber unser Publikum hat auch Anspruch auf zeitgemäße Programmangebote im Internet und fordert sie auch ein. Diese Aufgabe – in neue Technologien zu investieren, ohne die klassischen Verbreitungswege zu vernachlässigen – müssen wir bewältigen, ohne dass uns dafür mehr Geld zur Verfügung steht, durch Gehaltserhöhungen, höhere Gagen, teurere Lizenzen ist es sogar weniger.

Sie haben angekündigt, weiter zu sparen, als die 18,36 Euro ab 2021 gesetzt schienen. Warum, dann wären Sie doch sicher mit dem Beitrag hingekommen?

Die Gebührenkommission Kef hat der ARD nur die Hälfte des ungedeckten Finanzbedarfs zugestanden und auf Sparmöglichkeiten verwiesen. Das heißt, die Beitragserhöhung hätte nur einen Teil des höheren Aufwandes gedeckt. Also müssen wir die Kosten reduzieren, um mit dem Beitrag auszukommen. Die ursprünglich geplante Erhöhung wäre die erste seit zwölf Jahren gewesen, und wenn man die gestiegenen Kosten seitdem berücksichtigt, besteht eine Diskrepanz zwischen unserem Auftrag und den Mitteln zu dessen Erfüllung.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk konnte von 2017 bis 2020 Beitragsmittel von mehr als einer Milliarde Euro aus der Rücklage verwenden, die durch die Umstellung von der Rundfunkgebühr zum Rundfunkbeitrag entstand.

Von diesem Geld hat auch der rbb profitiert, und wir haben davon rund neunzig Prozent zusätzlich für das Programm aufgewendet. Aber in dieser Zeit waren auch Investitionen in neue digitale Angebote notwendig, die wir ohne diese Rücklage nicht bewältigt hätten. Zudem müssen wir in die Zukunft blicken, es stehen weitere Innovationen bei der digitalen Transformation an, die kosten Geld.

Auch mit der Reform des Vorabendprogramms wollen Sie sparen. In der Zeit zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr erreichen Sie mit der Serviceorientierung viele Zuschauer. Werden Relevanz und Reichweite unter dem Spargebot leiden?

Davon gehen wir nicht aus, denn die Akzeptanz der Zuschauer für diese Sendungen ist langsam, aber stetig gesunken, so dass wir handeln müssen. Die regionalen Inhalte und das Serviceangebot bleiben erhalten, wir strukturieren und gewichten aber neu. Wir wollen neunzig Minuten live berichten, mit Nachrichten, Ratgeberformaten und Gesprächen.

Die Einstellung von „zibb“ und „rbb UM6“ ist für 75 freie Mitarbeiter mit der Kündigung ihrer Verträge verbunden.

Ich sehe und verstehe natürlich auch die Verunsicherung unter den Mitarbeitern, denn ich war selbst jahrelang freie Mitarbeiterin. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass es noch fast ein Jahr dauert, bis wir die genannten Sendungen einstellen. Damit haben wir noch Zeit für Umschulungen und Umorientierungen auf neue Tätigkeiten. Für einen Teil der 75 Kolleginnen und Kollegen werden sich auch im neuen Programm Aufgaben ergeben. Der rbb ist ein sehr sozialer Arbeitgeber. Wir werden deshalb versuchen, in jedem einzelnen Fall eine Lösung zu finden. Bei unseren Reformvorhaben in den letzten Jahren haben wir es in den meisten Fällen geschafft, den Mitarbeitenden eine Perspektive im rbb zu geben.

Gespart wird bei Kulturangeboten, auch die Reform des rbb Kulturradios steht in der Kritik. Ist es leichter, bei der Kultur zu sparen, weil der Protest weder beim Publikum noch bei der Politik so laut ist wie etwa beim Sport?

Das Gegenteil ist der Fall. Der Gegenwind im Kulturbereich ist immer am stärksten, die Kulturbranche ist gut organisiert. Das merkt man auch an den Medienreaktionen auf wenige und verständliche Veränderungen in einigen ARD-Anstalten. Obwohl das rbb Kulturradio verglichen mit anderen ARD-Kulturradios finanziell sehr gut ausgestattet war, war es nicht mehr erfolgreich. Deshalb wollen wir das Programm umgestalten und vor allem das Diskursbedürfnis der Hörerinnen und Hörer ernst nehmen. Zudem wird man jetzt dort mehr und längere Wortbeiträge und auch einen erweiterten Kulturbegriff finden. Das führt nicht zur Zustimmung bei allen, aber es gibt auch viel Verständnis und Lob für die Reform.

Als die ARD 2018 ihre Einsparvorschläge bis 2028 präsentierte, hieß es: Mehr geht nicht. Nun geben Sie weitere Einsparungen bekannt. Wieso geht doch mehr?

Das sind zwei unterschiedliche Aspekte: Die ARD-Strukturreform, die bereits im Herbst 2017 auf den Weg gebracht wurde, ist eine Gemeinschaftsleistung. Sie zielte vor allem auf Verwaltung, technische Prozesse, auf Programmbegleitung, SAP-Harmonisierung, aber nicht auf das Programm. Davon sind die Einsparmöglichkeiten eines jeden Senders, wie er seine Angebote noch effektiver produzieren oder seine Programme reformieren kann, unbenommen. Wie sich ein Sender organisiert, damit er mit weniger Aufwand qualitativ und quantitativ immer noch gut sein kann, muss er selbst entscheiden.

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Die Bundesländer beraten über die Novellierung des Auftrags der Öffentlich-Rechtlichen. Welchen Vorteil hätte es, würde die Politik mehr Flexibilität bei den Programmstrukturen und Verbreitungswegen schaffen?

Das ist eine ganz wichtige Frage, so könnte die Zukunftsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verbessert werden. Alle Medienanbieter stehen vor der Herausforderung, dass sich die Mediennutzung in nicht gekannter Geschwindigkeit verändert. Deshalb müssen wir schneller und flexibler als bisher reagieren können, sonst verlieren wir Publikum. Wir müssen alle Bevölkerungsgruppen, auch die Jüngeren, bedienen. Das Interesse an unseren Inhalten verringert sich nicht, aber von einem Teil der Bevölkerung werden wir nicht mehr gefunden. Die Novellierung des rbb-Staatsvertrags soll jetzt einen neuen Rahmen schaffen, damit der Sender in den kommenden Jahren mit größerer Relevanz agieren kann; genau dafür benötigen wir mehr Spielraum im Netz. Das bedeutet nicht, dass wir morgen eine UKW-Frequenz abschalten, genau dort sind wir gegenwärtig ja extrem erfolgreich. Aber in fünf, sieben oder zehn Jahren kann das sinnvoll sein. Da wir nicht auf Dauer lineare und digitale Angebote parallel verbreiten können, müssen wir uns irgendwann von den analogen Ausspielwegen verabschieden. Wir müssen besser als bisher auf neue Entwicklungen vorbereitet sein, die vielleicht schneller kommen, als wir denken.

Sie könnten zum 1. Januar 2022 den ARD-Vorsitz übernehmen. Das wäre eine Premiere: Noch nie hatte eine Berliner oder Brandenburger ARD-Anstalt den Vorsitz. Wird es dafür nicht Zeit?

Ja, aber es ist noch nichts beschlossen. Wenn der Zeitpunkt kommt, über den ARD-Vorsitz für 2022 zu entscheiden, werden die ARD-Intendanten und Intendantinnen diese Entscheidung treffen.

Würden Sie ja sagen, wenn es innerhalb der ARD diesen Vorschlag gäbe?

Ich lebe nach der Devise: We will cross the bridge when we get here. (Das sehen wir dann, wenn es so weit ist.)

Start-up-Unternehmen im Hightechbereich profitieren von Twitter-Hype

Neue Studie zeigt Zusammenhang zwischen Stimmungslage auf Twitter und der Bewertung eines Start-ups durch Risikokapitalgeber / Patente sind stärkere Indikatoren für langfristigen Erfolg.

Der Kurznachrichtendienst Twitter hat in den vergangenen Wochen und Monaten in der US-Politik eine prominente Rolle gespielt und viel Aufmerksamkeit erregt. Aber auch in der Wirtschaft werden die Tweets von Twitter-Nutzern aufmerksam verfolgt und als Entscheidungsgrundlage genutzt. Eine neue Studie zeigt, dass sich Risikokapitalgeber ebenfalls von der Stimmungslage auf Twitter beeinflussen lassen, wenn sie Start-up-Unternehmen aus dem Hightechsektor bewerten. „Allerdings sagt das Stimmungssignal auf Twitter nichts über den langfristigen Investmenterfolg eines solchen Start-ups aus. Hierfür eignen sich beispielsweise Patentanträge wesentlich besser“, sagt Prof. Dr. Andranik Tumasjan von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Er hat die Studie zusammen mit Prof. Dr. Reiner Braun und Dr. Barbara Stolz von der TU München durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im renommierten Fachmagazin Journal of Business Venturing veröffentlicht.
Twitter als Informationsplattform im Technologiebereich weltweit etabliert

Ausgangspunkt des Teams war die Frage, wie stark sich Risikokapitalgeber durch Medien-Hypes beeinflussen lassen. „Unter den sozialen Medien ist Twitter das Medium, das sich für eine solche Untersuchung im Business- und Technologiesektor am besten eignet“, erklärt Tumasjan. Der 2006 gegründete Kurznachrichtendienst ist mittlerweile für den kurzfristigen Austausch von Informationen über neue Technologien und Trends wie beispielsweise Künstliche Intelligenz und generell geschäftliche Aktivitäten die weltweit wichtigste Social-Media-Plattform. Somit könnten Stimmungslagen auf Twitter auch die Einschätzungen von Risikokapitalgebern beeinflussen. „Gerade junge Unternehmen sind am Anfang ihrer Tätigkeit, wenn noch nichts produziert oder verkauft wird, schwierig zu bewerten. Das heißt, die Risikokapitalgeber entscheiden über Investitionen in Technologie-Start-ups vor dem Hintergrund großer Unsicherheiten“, so Tumasjan.

Aber können Twitter-Stimmungen die Bewertung und den Erfolg von Start-ups im Hightechbereich vorhersagen? Das Forscherteam hat dazu über 400.000 englischsprachige Tweets zu 37 unterschiedlichen Technologien und mehr als 4.600 Risikokapitalfinanzierungsrunden im Zeitraum von 2008 bis 2017 analysiert. Die Auswertung der Tweets erfolgte mithilfe von VADER, einem Lexikon, das speziell zur Messung von Social-Media-Stimmungen dient. „Das gibt uns einen objektiven Indikator, wie die Stimmungslage auf Twitter ist, also wie über eine bestimmte Technologie ganz konkret gesprochen wird“, erläutert Tumasjan. Insgesamt wurden 4.005 US-Unternehmen einbezogen, die im Durchschnitt knapp fünf Jahre alt waren. Die Berechnung der Bewertung eines Unternehmens erfolgte anhand der sogenannten Vor-Geld-Bewertung. Der Investmenterfolg wiederum wurde am Börsengang oder der Akquisition eines Start-ups gemessen.

Twitter-Stimmungen als „schwaches Signal“ identifiziert, Patente sind „starkes Signal“

Tatsächlich, so das Ergebnis, kann die Stimmungslage zu Technologien auf Twitter die Risikokapitalbewertung von jungen Hightechunternehmen, deren Geschäftsmodell auf diesen Technologien aufbaut, signifikant vorhersagen. Allerdings kann Twitter nicht den langfristigen Investmenterfolg – zum Beispiel durch einen Börsengang oder eine Firmenübernahme des Start-ups – prognostizieren. „Damit erachten wir Twitter zwar als ein neues Signal für die Risikokapitalfinanzierung, allerdings nur als ein schwaches Signal im Gegensatz zu Patenten“, so Tumasjan. Patente und Patentanträge gelten schon seit Jahren als starkes Signal, da sie sowohl mit der Bewertung als auch mit dem langfristigen Investmenterfolg korrelieren. Patentanträge sagen signifikant die Erfolgswahrscheinlichkeit vorher.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es aus der Sicht von Firmengründerinnen und Firmengründern durchaus von Vorteil sein kann, auf einen Twitter-Hype zu setzen, um somit eine höhere Kapitalbewertung zu erhalten. Risikokapitalgebern allerdings empfiehlt Prof. Dr. Andranik Tumasjan, sich durch die Stimmungslage auf Twitter nicht beeinflussen zu lassen, sondern auf andere Signale, etwa Patente, zu fokussieren. Dies gilt auch für erfahrene Risikokapitalgeber: Gegen einen Twitter-Hype sind auch sie laut der Studie nicht immun.

Andranik Tumasjan hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert und an der Technischen Universität München im Bereich Management promoviert und habilitiert. Seit 2017 ist er Professor und Leiter der Forschungsgruppe für Management und Digitale Transformation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsarbeiten befassen sich mit der Frage, wie digitale Technologien die Entstehung neuer Organisations-, Führungs- und Geschäftsmodelle sowie unternehmerischer Gelegenheiten beeinflussen. Ein aktueller Schwerpunkt liegt auf dem Potenzial der Blockchain-Technologie. In früheren Studien untersuchte er bereits, inwieweit die Stimmungslage auf Twitter Ereignisse wie politische Wahlen und Bewegungen an Aktienmärkten vorhersagen kann.

Das schwierige Werbejahr: Die Detail-Analyse der Brutto-Werbespendings 2020

Unter dem Strich des Werbejahres 2020 steht eine Zahl: minus 4,4 Prozent. Um so viel verringerten sich die Brutto-Werbespendings laut Nielsen gegenüber 2019. Doch die Zahl wird den Entwicklungen nicht gerecht. Die große Detail-Analyse von MEEDIA zeigt, welche Branchen und Unternehmen trotz Corona mehr investiert haben, welche Mediengattungen profitiert haben, aber auch wo besonders wenig Geld floss.

Die Medien

Schon der Blick auf die Brutto-Werbeumsätze der Medien ergibt für das Corona-Jahr 2020 ein deutlich differenzierteres Bild als die 4,4 Prozent es ausdrücken können. So lief es wegen der großen Corona-bedingten Verunsicherung besonders von April bis Juni mies für die deutschen Medien.

Noch schlechtere Zahlen verhinderten allein zwei Gattungen. So verlor das Fernsehen nur 1,8 Prozent gegenüber 2019, die mobilen Websites und Apps lagen sogar 21,3 Prozent über dem Vorjahr. Mieser als im Gesamtmarkt schnitten hingegen die Print-Medien und die Kinos ab. So lagen die Zeitungen laut Nielsen 9,0 Prozent unter dem Vorjahr, die Publikumszeitschriften 11,0 Prozent und die Kinos dramatische 74,7 Prozent. Bei den Kinos lag das fette Minus natürlich daran, dass sie in weiten Teilen des Jahres geschlossen waren. So lagen sie in den Monaten April bis Juni um mehr als 90 Prozent unter dem Vorjahr, im Dezember um 100 Prozent.

Auch bei den anderen Medien spiegelt der Jahresverlauf der Werbeumsätze ziemlich genau den Verlauf der Anti-Corona-Maßnahmen mitsamt der entsprechenden Verunsicherung in Wirtschaft und Gesellschaft wieder. So zeigt sich nach dem plötzlichen Absturz der Werbeumsätze ab März/April im Sommer eine Erholung, in der sogar Gattungen wie die Zeitungen kurz wieder ins Plus drehten. Mit Start der zweiten Welle im Oktober/November ging es für viele Gattungen dann wieder abwärts. Große Ausnahme: das Fernsehen.

Die Branchen

Spannend ist auch der Blick auf die Werbespendings der einzelnen Wirtschaftsbereiche. So zeigt sich auch hier, welche Produkte und Dienstleistungen in der Pandemiephase sogar häufiger nachgefragt wurden – und welche eben gar nicht oder viel weniger. Deutlich über dem Vorjahr lagen beispielsweise die Brutto-Ausgaben der Branche „Computer + Büro“. Insbesondere für Software wurde mehr geworben, hier stiegen die Spendings gegenüber 2019 um 129,3 Prozent. Für Computer und Zusatzgeräte stiegen die Werbeausgaben um 76,5 Prozent. Auch bei den Dienstleistungen gibt es eine Branche, deren Spendings enorm wuchsen: die „EDV-Dienstleistungen“. Das Home Office lässt grüßen.

Ein weiteres Beispiel für größere Werbespendings im Coronajahr ist die Branche „Gesundheit + Pharmazie“. Hier stiegen die Brutto-Werbeumsätze immerhin um 9,5 Prozent. Deutlich über 2019 lagen auch die Ausgaben einiger Segmente der Branche „Haus- und Gartenausstattung“. Im Lockdown wollten die Menschen es sich zu Hause schließlich möglichst schön machen, die entsprechenden Unternehmen kämpften mit Werbung um diese Kundschaft. Eine Ausnahme ist hier übrigens die Möbel-Branche, die 5,9 Prozent weniger für Werbung ausgab – allerdings waren Möbelmärkte ja auch viele Monaten lang geschlossen.

Passend zum Plus der „Haus- und Gartenaustattung“ sind auch die Ausgaben für Werbung von Reinigungs-, Putz- und Waschmitteln gestiegen: um insgesamt 18,4 Prozent. Auch der Boom der Toilettenpapier-Verkäufe spiegelt sich in den Werbespendings wieder: So landete die Nielsen-Gruppe „Körperhygiene (Zellstoff)“ 14,8 Prozent über dem Vorjahr. Massiv weniger beworben wurden in der Körperpflege-Branche hingegen Produkte aus der Gesichtspflege. Im Home Office scheint Make-Up nicht so wichtig zu sein wie im echten Büro. Ähnliches gilt für Bekleidung, die mit 21,4 Prozent weniger Geld beworben wurde als noch 2019, Schuhe sogar um 42,5 Prozent weniger.

Ein extremes Minus bei den Werbespendings verzeichnet auch die Touristik-Branche. Sie warb brutto mit 44,0 Prozent weniger Geld als im Vorjahr. Flug- und Schiffslinien setzten sogar 67,2 und 67,9 Prozent weniger Geld für Werbung ein als 2019. Und auch für PKW wurde weniger geworben: In diesem extrem werbeumsatzstarken Segment ging es um 15,6 Prozent nach unten.

Die Firmen und Organisationen

Ein sehr differenziertes Bild zeichnen auch die Ausgaben für Werbung der 50 größten Unternehmen und Körperschaften. So verzeichneten 31 der 50 sogar größere Spendings als im Jahr 2019, sieben warben aber auch mindestens 20 Prozent weniger als im Vergleichsjahr.
Zu denen, die sparsamer mit ihren Budget für Spots und Anzeigen umgingen, gehört vor allem die Media-Saturn-Holding, deren Brutto-Werbespendings von 258,6 Millionen Euro um 36 Prozent auf 165,5 Millionen sank. Auch Aldi und Lidl warben mit weniger finanziellem Einsatz. Ebenso – und das ist auf den ersten Blick überraschend – Versandhäuser wie Otto (minus 21,3 Prozent) und Amazon (minus 21,0 Prozent). Womöglich war hier aber auch einfach weniger Werbung als in der Vor-Corona-Phase nötig, weil die Menschen angesichts des geschlossenen Einzelhandels ohnehin viel mehr online bestellten.

Unternehmen, die deutlich mehr Werbeumsatz generiert haben, waren 2020 beispielsweise Henkel, Samsung, Vodafone und 1&1. Auch das Unternehmen, das generell das größte Budget für Werbung in Deutschland hält, Procter & Gamble, steigerte seine Spendings nochmal um satte 23,2 Prozent. Im Gegensatz zu Aldi und Lidl steigerten Supermarktketten wie Rewe, Edeka und Kaufland ihre Spendings ebenfalls.

Das größte prozentuale Plus verzeichnete aber eine Organisation, die kein Wirtschaftsunternehmen ist: Das Bundesministerium für Gesundheit steigerte sein Brutto-Budget für Werbung von 5,8 Millionen Euro im Jahr 2019 auf 128,0 Millionen im Jahr 2020. Ein Plus von sagenhaften 2.107,8 Prozent. Der größte Batzen wanderte hier übrigens in die Out-of-Home-Werbung (40,5 Millionen Euro), in Zeitungen (38,4 Millionen Euro) und in das Fernsehen (33,5 Millionen Euro). So wurden die Corona-Kampagnen der Bundesregierung indirekt zu Ausgleichszahlungen für leidende Werbeträger.

Die Zukunft

Ob nach dem schwierigen Werbejahr 2020 auch ein schwieriges Werbejahr 2021 folgt, kann natürlich nichtmal der beste Epidemiologe voraussagen. Der Januar jedenfalls lässt noch nicht allzu viel Optimismus zu. So sank der Brutto-Werbeumsatz laut Nielsen insgesamt um 16,8 Prozent gegenüber dem Januar 2019, keine Mediengattung lag über dem Vorjahreszeitraum – auch das Fernsehen nicht.

Insbesondere Segmente mit großen Budgets wie die Automobilindustrie, Süßwaren, die Möbelbranche und natürlich die gesamte Touristik inklusive Hotels und der Gastronomie sind extrem zurückhaltend mit ihren Werbespendings. Hoffentlich geht wie beim Coronavirus auch im Werbemarkt die negative Wellenentwicklung bald zu Ende.

Neues Digitalmedium: „Gehobener Boulevard“ in Richard Schmitts „Exxpress“

Richard Schmitt startet nach „Heute“, krone.at und oe24.at das Digitalmedium „Exxpress“ mit TV-Kanal. Die bürgerliche Juristin und Neo-Herausgeberin Eva Schütz hält die Mehrheit.

Der Entwurf für das „Breaking News“- Logo liegt obenauf im Büro der Herausgeberin. Es wird häufig zum Einsatz kommen, wenn Richard Schmitt den „Exxpress“ befeuert. Das neue Digitalmedien- und Fernsehprojekt soll Mitte März abfahren.

Schmitt (52) hat „Heute“ nach dem Start 2004 für Eva Dichand geführt, er hat krone.at ab 2011 als Chefredakteur groß gemacht. 2019 entschied das Ibiza-Video mit lobenden Worten von Heinz-Christian Strache für Schmitt den internen Machtkampf mit der gedruckten „Krone“ und deren Chefredaktion über Linie und Zusammenspiel. Einige Monate war Schmitt dann noch Chefredakteur von oe24.at und oe24.tv in der Fellner-Mediengruppe.

In der Liga soll nun auch exxpress.at nach seinen Plänen mitspielen: Unter die fünf größten Online-Newsportale (nach Visits) will Schmitt die Plattform bringen, sagen er und seine Herausgeberin, die Juristin und Unternehmerin Eva Schütz-Hieblinger (47).

Was erwartet das Publikum da in zwei Wochen? „Gehobener Boulevard“, den er mit „Heute“ in Österreich eingeführt habe, sagt Schmitt. Was wäre heute Aufmacherstory? Ein „tolles Interview“ mit dem Exchef des deutschen Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen. Der Rechtsausleger in der CDU wurde 2018 vorzeitig in Ruhestand versetzt. Er äußerte damals etwa Zweifel an Hetzjagden auf ausländisch aussehende Menschen in Chemnitz.

Schütz, Stiftung, Schmitt

Im „Wirtschaftsschwerpunkt“ des Mediums würde er etwa erklären, „wer hinter den Bitcoin-Unternehmen steckt“. Die Redaktion habe noch „andere Storys vorbereitet, die wir allein haben“, erklärt der „Exxpress“-Chefredakteur. Sie sollen das Onlinemedium, unterstützt von intensiven Social-Media-Aktivitäten, unter jene fünf, sechs Seiten bringen, die das Publikum morgens als Erste ansteuert. Erklärte Zielgruppe laut Schütz: Menschen ab 16, nach oben offen.

„WebExpress Medien Holding GmbH“ steht unten am Eingang zum Wiener Museumsquartier. Sie soll bald auch im Firmenbuch zu finden sein. 51 Prozent gehören einer Beteiligungsfirma von Eva Schütz, 25,1 Prozent der Liechtensteiner Stiftung „Libertatem“ mit Stiftungszweck „Förderung der Meinungsfreiheit und von kritischem Journalismus“. Der Stifter ist nach Unternehmensangaben ein liechtensteinischer Unternehmer, die Vorstände – zwei österreichische Anwälte – wollten den Namen nicht bekanntgeben.

Zehn Prozent am „Exxpress“ hält Schmitt, der Rest gehört nach Unternehmensinfos kleineren, vorerst nicht genannten Investoren – nur soviel: Investmentbanker, Immo-Investoren, ein Hotelier.
18 Menschen derzeit unter Vertrag

Oben sitzen auf hellen 380 Quadratmetern Schütz, Schmitt und einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Social Media, für Webportal und TV. 18 Menschen sind laut Schütz derzeit beim „Exxpress“ unter Vertrag. Früher, ab 2004, saß hier die Geschäftsführung eines Stadtsenders namens Puls TV – er gehört längst zu ProSiebenSat1, heißt Puls 4 und ist ein nationales TV-Programm.

Oben beim „Exxpress“ sollen noch im März Schnittplätze und Studio eingerichtet werden, eine Menge Großbildschirme für die Webredaktion und Social Media werden gerade montiert und eingerichtet.

Nach dem „Softlaunch“ der Webseite um den 16., 17. März soll im April „Exxpress-TV“ starten, mit stündlichen News ab sieben Uhr früh bis 20.15, danach noch eine Dreiviertelstunde – nein, „nicht die zigste Polit-Talk-Schiene“, sagt Schütz.

Sondern etwa ein Livecoaching-Format mit einer jungen Expertin, die Lebens- und Alltagsfragen des Publikums beantworte. Oder ein „History“-Format, sagt Schmitt. Mit dem Leiter des Heeresgeschichtlichen Museums habe er schon eine Ausgabe über Erzherzog Maximilian und sein Ende in Mexiko vereinbart.

Ausschließlich Werbung solle all das finanzieren, sagt Herausgeberin Schütz (Privatrundfunkförderung ist nicht ausgeschlossen mit einem Kabel-TV-Kanal). Das Medium solle sich in drei Jahren möglichst selbst tragen, gerne auch einen Ausbau der Redaktion, gerne Gewinn machen.

Einen einstelligen Millionenbetrag pro Jahr soll das laut Schütz kosten. Ist das ihr Geld oder das ihres Mannes Gerd Alexander Schütz, Immobilieninvestor, Unternehmer, Vorstand der C-Quadrat Investment AG?

„Wir sind 20 Jahre verheiratet, da kann man das nicht mehr so genau unterscheiden.“ Sie beide legten auch hier „Wert auf eine wirtschaftlich sinnvolle Investition.“