Kulturelle Paranoia

TV-Sender in der Türkei unterliegen schon der Zensur: kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Homosexualität. Jetzt sind Netflix und Social Media dran.

Erst Print und Fernsehen. Jetzt das Internet. Schritt für Schritt engt die türkische Regierung die medialen und kulturellen Freiräume ein. Der Großteil der herkömmlichen Medienunternehmen gehört mittlerweile regierungsnahen Konzernen. Nur noch ein paar kleine und mittelarme Publikationen versuchen dagegenzuhalten.

Dazu sind sie in der Lage, weil es das Internet gibt. Aber auch das Netz ist nicht unangreifbar. Das zeigen zwei aktuelle Ereignisse. Vor gut zwei Wochen wurde bekannt, dass die Produktion einer türkischen Netflix-Serie abgesagt worden war, nachdem türkische Behörden in das Drehbuch eingegriffen hatten. Diese Woche wurde im türkischen Parlament ein neues Internetgesetz verabschiedet, das bislang noch vorhandene Freiheiten in den sozialen Medien bedroht. Die Mächtigen wissen schon lange um den renitenten, globalisierten, schwer kontrollierbaren Charakter des Internets. Diesen letzten Raum für Widerspruch wollen sie nun beseitigen – mit allen seinen politischen, kreativen und kulturellen Ausdrucksformen.

Reed Hastings, Gründer und Geschäftsführer der Streaming-Plattform Netflix, sagte einmal: „Wir sind in Saudi-Arabien. Wir sind in Pakistan. Wenn es dort keine Probleme gibt, werden wir dann Probleme in der Türkei haben? Ich kann mir das nicht vorstellen.“

Eine mutige Aussage. Denn in der Türkei gibt es nach den niedergeschlagenen Geziprotesten im Sommer 2013 nichts, was nicht vorstellbar wäre. Seit August 2019 unterliegen Netflix und andere Streamingdienste offiziell der Kontrolle der türkischen Medienaufsichtsbehörde RTÜK und müssen sich bei ihr eine Linzenz einholen. Es dauerte nicht lange, bis diese Kontrolle Auswirkungen hatte. Ende April 2020 verschwand die siebte Folge der zweiten Staffel der Serie „Designated Survivor“ aus dem türkischen Angebot von Netflix. In der Folge streitet ein fiktiver amerikanischer Präsident mit einem aufmüpfigen fiktiven türkischen Präsidenten. Letzterer droht damit, die Nato zu verlassen.

Zu schwul fürs Ministerium

Vor Kurzem nun machte die Drehbuchautorin Ece Yörenç bekannt, dass sie für die türkische Netflix-Produktion „If Only“ (Türkisch: „Şimdiki Aklım Olsaydı“) keine Drehgenehmigung bekommen habe, weil einer der Charaktere schwul sei. Neben der Aufsicht durch die Behörde RTÜK, die Medienerzeugnisse nach Ausstrahlung kontrolliert und sanktioniert, müssen ausländische Produktionen eine solche Erlaubnis beim Ministerium für Kultur und Tourismus einholen.

Drehbuchautorin Yörenç sagte dem türkischen Kinomagazin Altyazı Fasikül, dass das Ministerium seine Entscheidung nicht begründet habe, das Team aber in dem Moment eine Genehmigung bekommen habe, wo sie den schwulen Charakter aus dem Drehbuch entfernt hätten. Jedoch habe sich Netflix nach einer Zusammenkunft mit der Medienaufsichtsbehörde RTÜK entschieden, die Produktion abzusagen.

Darauf folgten Gerüchte, Netflix wolle sich vom türkischen Markt zurückziehen. Schwer vorstellbar, da der Anbieter dort Ende letzten Jahres 1,5 Millionen Nutzer:innen zählte und die Türkei auch das für Netflix so wichtige Wachtumspotenzial hat.

Auf Nachfrage der taz jedenfalls verneint ein Sprecher des Unternehmens. „Netflix bleibt unseren türkischen Mitgliedern und der kreativen Gemeinschaft in der Türkei gegenüber zutiefst verpflichtet.“ Mehrere türkische Produktionen liefen derzeit, weitere würden bald starten. Das zuständige Ministerium derweil ließ eine Anfrage der taz bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet. Der Eingriff überrascht nicht, es ist keineswegs neu, dass die Medienbehörde nach Ausstrahlung Geldstrafen und Sendeverbote verhängt. Aber bei „If only“ fand der Eingriff noch vor Produktionsbeginn statt.

Bilge Yesil ist Professorin für Medienkultur an der City University of New York. Sie überrascht weder die Zensur noch die Reaktion des Streaminganbieters: „Schließlich ist Net­flix ein profitorientiertes Unternehmen, das einen wachsenden Markt wie die Türkei nicht verlieren möchte.“ Yesil forscht zu internationaler medialer Repräsentation und globalen Medienstrategien der Türkei.

Laut Yesil ist Netflix in der Türkei vor allem für Jüngere eine Alternative zu den herkömmlichen TV-Sendern, die einer starken Zensur unterliegen, wo etwa kein Alkohol oder keine Zigaretten gezeigt werden dürfen. „Was man heute im türkischen Fernsehen nicht sehen kann, kann man bei Netflix sehen“, sagt sie.

Dass die türkische Regierung ein Problem mit LGBT-Per­sonen hat, ist kein Geheimnis. Seit Jahren werden Pride-De­mon­strationen verboten. Kon­servative Kommentatoren beklagen immer wieder, Net­flix-Serien würden zu Homosexualität animieren.

Die imaginierte Verschwörung

Aber es geht den Behörden um noch mehr, sagt Wissenschaftlerin Yesil: „Es gibt die Idee, es gehe internationalen Medien darum, der Türkei zu schaden; als ob Net­flix von irgendeiner höheren Kraft mit einer bestimmten Mission in die Türkei gebracht worden wäre.“ Yesil erinnert an konservative Ressentiments gegen Hollywood-Produktionen: „Oft hieß es, dass amerikanische Filme versteckte und subliminale Botschaften an junge Menschen sendeten und die Jugend so mit Darstellungen von Sex, Alkohol, Drogen oder Horror vergifteten.“ Die gegenwärtige Zensur erscheint so als Ausdruck eines paranoiden kulturellen Antiimperialismus.

Und Teil dieser imaginierten, globalen, vor allem westlichen Verschwörung gegen die Türkei sind auch soziale Medien wie Twitter, Facebook oder Instagram. Mittwochfrüh wurde nach stundenlanger Aussprache im Parlament noch vor der Sommerpause ein neues Internetgesetz verabschiedet.

Zensur im Netz gibt es in der Türkei zwar schon lange, aber das neue Gesetz erlaubt es Behörden, nicht mehr nur Inhalte zu sperren, sondern diese gleich zu entfernen. Außerdem sollen Twitter und Co. eine Vertretung in der Türkei eröffnen und die Daten von Nutzer:innen in der Türkei speichern. Wenn sie nicht kooperieren, drohen Geldstrafen und die Drosselung der Internetbandbreite um bis zu 90 Prozent.

Befürworter:innen des Gesetzes nennen dabei immer wieder ausgerechnet das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz von 2017 als Vorbild, allerdings ergänzt durch Aussagen wie denen von AKP-Fraktionsvize Cahit Özkan, der am Dienstag im Parlament sagte, „die gänzlich willkürlichen, nicht rechenschaftspflichtigen und viele Opfer fordernden sozialen Medien“ seien unter Kontrolle zu bringen. Saruhan Oluç, Fraktionsvize der oppositionellen HDP, kritisierte das Gesetz mit den Worten: „Das ist nicht das deutsche, sondern das chinesische Modell.“

Gülşah Deniz-Atalay, Expertin für Informationsrecht, sagt der taz, dass die türkische Regierung „ein sauberes Internet“ schaffen wolle, „in dem das Recht auf Vergessenwerden umgekehrt wird und die Regierung eigene Korruption und inkonsistente Äußerungen vergessen machen kann“. Netzexpert:innen in der Türkei zeigen sich skeptisch bei der Frage, ob sich die Netzdienste dem neuen Gesetz beugen werden. Twitter, Facebook und Co. haben schließlich einen Ruf zu verlieren. Und die Türkei ist nicht das einzige Land mit autoritären Tendenzen.

Warum kommt die Offensive gegen das Netz gerade jetzt? Möglicherweise weil die Regierung schwächelt. Wie auch die umstrittene Umwandlung der Hagia Sofia in eine Moschee wirkt das eilig beschlossene Internetgesetz wie eine Verzweiflungstat, eine überstürzte Botschaft an eine bröckelnde Basis. Viel zu gewinnen hat die Regierung Erdoğans nicht. Zu verlieren hat sie viele junge Wählerinnen und Wähler, die in der jungen Türkei kein unwichtiger Faktor sind.

Was TikTok in Europa plant

Das US-Geschäft von TikTok könnte bald Microsoft übernehmen. Der europäische Dienst ist davon unberührt – hier baut die Plattform ihr Angebot aus.
Die Zeit tickt für TikTok. Nach den angekündigten Plänen Microsofts, die Videoplattform des chinesischen Technik-Unternehmens ByteDance zu übernehmen, hat Präsident Donald Trump dem US-Konzern eine Frist von 45 Tagen gesetzt, um das Geschäft abzuwickeln. Auf diese Weise soll der vor allem bei Jugendlichen beliebte Dienst auch in den USA erhalten bleiben. Zuvor hatte Trump angekündigt, ihn in den USA verbieten zu wollen. „Alle sind sich einig, dass (die App) nicht so weiter existieren kann wie bisher“, sagte der US-Finanzminister Steven Mnuchin am Wochenende dem Fernsehsender ABC.

Vordergründig geht es bei dem Streit um Datenschutzbedenken. US-Behörden fürchten, dass das Netzwerk Nutzerdaten an die chinesische Regierung weitergibt. In den USA wurde TikTok zuletzt durch das Committee on Foreign Investment (CFIUS) überprüft, das Geschäfte untersucht, die die nationale Sicherheit der USA betreffen. TikTok wies bislang alle Vorwürfe über die Weitergabe von Nutzerdaten zurück.

Gleichzeitig spielen womöglich aber auch geopolitische Überlegungen eine Rolle. Die USA führen seit geraumer Zeit einen Handelskrieg mit China. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben sich die Fronten verhärtet. So könnten hinter der Drohung, TikTok im Zweifel zu verbieten, auch taktische Überlegungen stehen. Trump selbst sagte: „Es ist ein großes Unternehmen. Schauen Sie, was mit China mit diesem Virus geschehen ist, was sie diesem Land und der ganzen Welt angetan haben, ist eine Schande.“

Microsoft will zu anderen Netzwerken aufschließen

Ein Deal zwischen ByteDance und Microsoft könnte die Social-Media-Landschaft verändern. Sie wäre für für den amerikanischen Softwarekonzern eine rare Gelegenheit, zu Konkurrenten wie Facebook und Snap aufzuschließen. Zu Microsoft gehört bereits das Karrierenetzwerk LinkedIn. Womöglich deshalb ist der Konzern auch dazu bereit, die TikTok-App allen Sicherheitsbedenken zum Trotz zu übernehmen. „Microsoft ist sich der Bedenken des Präsidenten voll und ganz bewusst“, teilte der Softwarekonzern mit. „Wir wollen TikTok erwerben, sofern eine vollständige Sicherheitsüberprüfung durchgeführt wird und der Deal den Vereinigten Staaten – einschließlich des US-Finanzministeriums – angemessene wirtschaftliche Vorteile bietet.“

Interessiert ist Microsoft neben den US-Aktivitäten auch am Geschäft von TikTok in Kanada, Australien und Neuseeland. Für deutsche Nutzer der Videoplattform hätte der Deal hingegen keine Folgen. Gesteuert wird die App in Europa größtenteils von Dublin aus, weitere Büros hat TikTok in Berlin und London. Das Geschäft in Europa sei für das Unternehmen sehr wichtig, heißt es. Waren Anfang des Jahres dafür gerade einmal 250 Mitarbeiter aktiv, wird die Mannschaft nun auf 1000 Angestellte aufgestockt. In Berlin arbeiten 100 Kräfte für TikTok.

Auch in Europa gibt es Bedenken

Dabei steht der Umgang mit TikTok auch in Europa aus Gründen des Datenschutzes auf dem Prüfstand. So hat die Bundesregierung angekündigt, Sicherheitsbedenken gegen die Video-App zu prüfen. Aus dem Bundesinnenministerium (BMI) hieß auf Anfrage von Tagesspiegel Background, dass die Ergebnisse einer etwaigen solchen Prüfung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geheim seien, „da die Angaben, welche Apps wann und wie geprüft werden als auch was das Ergebnis der Prüfung ist, interne Informationen sind, die wir ausschließlich Bundesbehörden zur Verfügung stellen“.

Wie Tagesspiegel Background vor kurzem berichtet hatte, überdenken Politiker und Behörden in Deutschland zunehmend die Nutzung des Dienstes, der vor allem bei der jungen Zielgruppe genutzt wird. „Wir nehmen mögliche Gefahren durch TikTok sehr ernst und haben bereits eine Untersuchung des europäischen Datenschutzbeauftragten gegen TikTok angeregt“, sagte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer am Wochenende der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS).

Der europäische Datenschutzausschuss hatte bereits im Juni eine spezielle „Taskforce“ eingerichtet. Neben politischer Zensur „nach den Wünschen der Kommunistischen Partei“ in China bereite seiner Partei der Datenschutz bei TikTok die größten Bauchschmerzen, fügte Theurer hinzu. Es sei absehbar, dass die App deutlich nachgebessert werden müsse.

Für europäische Nutzerdaten ist Dublin zuständig

In der vergangenen Woche wurden auch einige Änderungen der Datenschutzbestimmungen der App wirksam, die TikTok Ende Juni angekündigt hatte und insbesondere europäische Nutzer betreffen. Demnach sind seit Mittwoch, 29. Juli, die Tochterfirma TikTok Technology Limited (TikTok Ireland) offiziell für die Verarbeitung von EU-Nutzerdaten verantwortlich, ebenso wie die Daten von Nutzern aus der Schweiz. Somit ist auch die irische Datenschutzaufsicht für die Ahndung möglicher Verstöße verantwortlich. TikTok Information Technologies Limited (TikTok UK) ist nun außerdem für die Nutzerdaten im Vereinigten Königreich zuständig.

Die Plattform selbst nimmt derzeit einiges an Geld in die Hand, um in Europa bekannter zu werden. Erst am Donnerstag vergangener Woche hat TikTok den Start eines Kreativitäts-Fonds angekündigt. Mit 60 Millionen Euro will die Videoplattform diejenigen fördern, die Inhalte produzieren. Innerhalb von drei Jahren soll der Fonds auf 255 Millionen Euro anwachsen.

Der Fonds wird für Nutzer in Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien verfügbar sein. Noch ist unklar, wieviel davon nach Deutschland gehen wird, da die Bewerbungsmodalitäten erst noch festgelegt werden sollen. Dabei versucht TikTok auch neue Trends zu nutzen. Bereits im Juni hat das Unternehmen angekündigt, über einen ähnlichen Fonds in Europa die Produktion von Lernvideos zu sponsern: Die Bandbreite reicht von Kochvideos bis hin zur Mathenachhilfe. In Lerninhalte dieser Art sollen die 4,5 Millionen Euro fließen.

Nach Stämmen, Städten und Nationen kommt nicht die «global community». Wir kehren zu den Stämmen zurück

Amerikanische Konservative wenden sich von den grossen Online-Plattformen wie Twitter ab. Wohin das führt, zeichnet sich bereits ab: Die umstrittene Öffentlichkeit wird zur gesitteten Geschlossenheit.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hegt die Vision, eine globale Gemeinschaft aufzubauen. In einem öffentlichen Beitrag entwickelte er 2017 die Utopie einer kulturübergreifenden Weltgemeinschaft, in der die Menschheit zusammenkommt. Nach Stämmen, Städten und Nationen, so sein geschichtlicher Abriss, sei nun die Zeit reif für die «global community».

Natürlich war klar, dass dieses idealistisch überzuckerte «Manifest» nicht viel mehr war als Eigen-PR. Und ebenso dass die Statik eines windschief konstruierten Hauses, unter dessen Dach über zwei Milliarden Menschen aus den verschiedensten Kulturen leben, unter Spannung geraten würde.

Zuckerberg, dessen Idealismus zuweilen etwas Doktrinäres hat, musste mittlerweile einsehen: Sein soziales Netzwerk wird von Personen bevölkert, die man nicht so gerne als Nachbarn hat. Auch Hetzer, Hassprediger, Rechtsextreme, Trolle, Terroristen tummeln sich auf Facebook.

Die Reaktionen der Plattformen

Nachdem namhafte Unternehmen mit der Kampagne «Stop Hate for Profit» zum Werbeboykott aufgerufen und Anzeigen bei Facebook ausgesetzt hatten, reagierte der Internetkonzern und sperrte 300 Konten der rechtsextremen Boogaloo-Bewegung, einer Truppe von Waffennarren im Hawaii-Hemd. Und Twitter hat jüngst Tausende Accounts der rechtsextremen Verschwörungsclique QAnon ausgesperrt.

Die sozialen Netzwerke sind einst mit dem Versprechen angetreten, geschlossene Diskussionsrunden zu öffnen und Hierarchien einzuebnen. Doch jetzt müssen sie angesichts von Verschwörungstheorien und Fakes feststellen, dass der herrschaftsfreie Diskurs womöglich eine Illusion war. Ganz ohne Hierarchie funktionieren Diskussionen eben doch nicht.

Ende Mai hat Twitter einen Tweet von US-Präsident Donald Trump mit einem Warnhinweis versehen. Jahrelang konnte Trump ungehindert Hassbotschaften und Verschwörungstheorien verbreiten – ohne dass der Kurznachrichtendienst interveniert hätte. Doch dann zog Twitter die Notbremse und unterzog Trump einem Faktencheck. Ein Affront. Trump feuerte postwendend zurück: Twitter, geiferte er, unterdrücke die Meinungsfreiheit und mische sich in den Wahlkampf ein.

Die Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley sehen sich schon länger mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten eine antikonservative Haltung – eine Kritik, die, zumindest was die eigene Belegschaft betrifft, nicht ganz unberechtigt ist und durch die Intervention neue Nahrung erhielt.

Aus Ärger über diese als belehrend empfundenen Hinweise wandern Konservative in Scharen zu alternativen Plattformen wie Parler ab. Renommierte Politiker wie der republikanische Senator Ted Cruz sowie der ehemalige Breitbart-Journalist und Blogger Milo Yiannopoulos, der von Twitter gesperrt wurde, haben dort Accounts eröffnet.

Cruz sagte in einem raunenden Video: «Twitter, Facebook, Google, Youtube – dies sind einige der meistbesuchten Seiten der Welt, geführt von linkslastigen Silicon-Valley-Milliardären. Sie haben eine beispiellose Fähigkeit zu formen, was Amerikaner sehen, hören und letztlich denken. (. . .) Lasst uns die Silicon-Valley-Zensur beenden!»

Der Konflikt wirft ein Schlaglicht auf eine digitale Debattenkultur, in der es längst nicht mehr um das Ringen um das beste Argument geht, sondern um die Legitimierung bzw. Delegitimierung von Sprecherpositionen, um Deutungshoheit über Wahrheit, Fakten und Geschichte.

Digitaler Stellungskrieg

Die politische Willensbildung im Netz ist zum Kulturkampf degeneriert: Klimaschützer und Klimaleugner stehen sich in den digitalen Schützengräben ebenso unversöhnlich gegenüber wie Feministen und Genderkritiker, Rassismusgegner und Identitäre. Es tobt ein zäher Abnutzungskrieg. Die Geländegewinne sind minimal, doch der stete Strom an Nachrichten sorgt zuverlässig für Munitionsnachschub.

Zuckerberg schreibt in seinem «Manifest»: «Wenn wir uns mit Menschen über das vernetzen, was wir gemeinsam haben – Sportteams, TV-Shows, Interessen –, dann ist es einfacher, einen Dialog darüber zu führen, worin wir nicht übereinstimmen.» Nichts illustriert den Konstruktionsfehler sozialer Netzwerke besser als dieser Satz. Denn die algorithmisch optimierte Gruppierung gleichgesinnter Menschen hat ja offensichtlich nicht die Dialogfähigkeit der digitalen Gesellschaft verstärkt. Im Gegenteil, sie hat zu einer zunehmenden Polarisierung und Fragmentierung geführt.

Zugegeben: Plattformen wie Facebook oder Twitter waren nie ein repräsentatives Abbild der Gesellschaft. Gemäss einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center sind Twitter-Nutzer jünger, gebildeter und wohlhabender als der amerikanische Durchschnitt. Auch neigen sie mehr den Demokraten als den Republikanern zu.

Menschen mit geringem Einkommen, niedriger Bildung und weisser Hautfarbe sind in dem Kurznachrichtendienst unterrepräsentiert. Das heisst, die Themen, die auf Twitter verhandelt werden, sind auch tendenziell eher Themen, die in den liberaleren und wohlhabenderen sozialen Milieus diskutiert werden (zum Beispiel Genderthemen).

Das sorgt dafür, dass sich wertkonservative Milieus, die in dem Kurznachrichtendienst mitdiskutieren wollen, wenn nicht zahlenmässig, so doch habituell marginalisiert fühlen, weil sie bestimmte Codes nicht beherrschen. Und daher rührt auch das diffuse Gefühl, dass bestimmte Dinge im Netz nicht mehr sagbar sind, weil sie schlicht weniger rezipiert werden.

Man kann es sich wie in einem Fussballstadion vorstellen: Wenn die Anhänger der Heimmannschaft ihr Team anfeuern, müssen die Gästefans umso lauter brüllen, um sich im Stadionrund Gehör zu verschaffen. Genauso ist es in der politischen Arena der Netzöffentlichkeit: Die eher liberalen Akteure geben den Ton an, weshalb die Nutzer am rechten Rand immer lauter trommeln.

Blockieren ist noch Kommunikation

Doch zumindest findet noch Kommunikation zwischen den verfeindeten Lagern statt. Selbst wenn man einen Nutzer blockiert, ist das noch eine Form der sozialen Interaktion. Wenn nun aber immer mehr konservative Nutzer Plattformen wie Facebook oder Twitter den Rücken kehren und sich in alternativen Foren organisieren, droht die Öffentlichkeit in immer kleinteiligere Neben- und Scheinöffentlichkeiten zu zerfallen – in homogene «gated communities», in denen man gar nicht merkt, was auf der anderen Seite der Mauer stattfindet. Die Diskussionen verlaufen dann zwar gesitteter, sind aber auch tendenziell selbstreferenzieller.

Twitter und Facebook könnten zu Wohlfühlveranstaltungen verkommen, wo man sich in einem geschützten Bereich seiner Werte versichert und mit jedem Like die eigene Toleranz beklatscht: Drinnen dudelt der Gospel der Weltoffenheit, während draussen vor den Toren der Hass lodert. Ein Disneyland, perfekt inszeniert von Algorithmen. Nicht der Zugang zur Öffentlichkeit ist dann entscheidend, sondern die Zugehörigkeit zu einer Gruppe; die umstrittene Öffentlichkeit wird zur gesitteten Geschlossenheit.

Die Gefahr dieser Ghettoisierung der (Netz-)Öffentlichkeit besteht nicht nur in einer Tribalisierung und Ideologisierung von Gemeinschaften. Sie findet sich auch im schleichenden Bedeutungsverlust der Öffentlichkeit als Verhandlungsraum für Werte.

Wo man seine Truppen im eigenen Kasernenhof versammelt, braucht man den öffentlichen Raum allenfalls noch als erweiterte Kampfzone. Es scheint, als hätte Zuckerberg in seiner historischen Aufzählung lediglich die Reihenfolge verwechselt: Von den Nationen und Städten führt die Entwicklung zurück zu Stämmen.

Wie China mit Offline- und Online-Medien Nachrichten steuert

Das Verhältnis zwischen westlichen Ländern und dem kommunistisch-kapitalistischen China ist zwiespältig. Erst als billiger Produktionsstandort und zunehmend auch als Basis für Verkauf wie Entwicklung erfreut sich die Volksrepublik seit vielen Jahren großer Beliebtheit als Wirtschaftspartner, obwohl dort keine bürgerlichen Freiheitsrechte garantiert werden und das Land nicht nur ein Konkurrent ist, sondern politisch gesehen sogar ein Gegner. Der zweite Aspekt gerät gern in Vergessenheit – aber eine Studie des Stanford Internet Observatory über systematische chinesische Propaganda in klassischen wie digitalen Medien erinnert jetzt sehr deutlich daran.

„Die Kommunistische Partei China priorisiert sei langem Desinformation, um ihr Macht-Monopol im Inland, ihren Anspruch auf globale Führung und ihre irredentistischen Ambitionen zu stärken“, heißt es gleich im Vorwort der Studie, die vergangene Woche vom Cyber Policy Center der Stanford-Beobachtungsstelle und dem Think-Tank Hoover Institution veröffentlicht wurde. Dazu werde, zuhause wie im Ausland, eine gut ausgebaute Infrastruktur zur Manipulation von Informationen und zur Verbreitung bevorzugter Narrativen genutzt. Und neue Technologien würde die lange gepflegten Propaganda-Möglichkeiten Chinas noch vergrößern.

Die Hoffnung, die transparente Kraft des Internets würde auch den chinesischen Staat zu echter Öffnung zwingen, kann also einstweilen wohl zu den Akten gelegt werden. Mit genügend Entschlossenheit, so zeigt die jüngere Geschichte, kann eine Regierung sowohl die Medien im Inland unter Kontrolle halten als auch fremde Stimmen aus dem Netz weitgehend aussperren – und neue Online-Plattformen sogar für eigene Zwecke einsetzen. Im Vergleich zu Russland geht China trotz deutlich mehr Ressourcen weniger effektiv und aggressiv vor, heißt es in der Stanford-Studie. Doch zuletzt gebe es Anzeichen dafür, dass sich beides ändern könnte.

Studie: China hat paralleles Informationsumfeld geschaffen

Das wichtigste Ziel der chinesischen Regierung ist laut der Studie einstweilen, der Welt ein selbstbewusstes und inspirierendes Bild des Landes und seines Präsidenten Xi Jinping zu vermitteln. Die dafür nötigen Botschaften würden über staatseigene oder staatlich gelenkte Print- und Rundfunk-Medien vermittelt, aber auch über direkte Kontakte und Netzwerke. Darüber hinaus habe China im Internet ein „beispielloses paralleles Informationsumfeld“ geschaffen, das internationales Publikum über beliebte globale Plattformen wie Twitter und YouTube anspreche und die eigenen Bürger fast exklusiv über staatlich zugelassene wie Weibo und Wechat.

All diese Aktivitäten werden zudem mehr oder weniger zentral koordiniert, berichten die Forscher weiter. Ihre Mischung aus offener Propaganda und versteckten Taktiken betreibe die Kommunistische Partei schon seit fast einem Jahrhundert. Die obersten offiziellen Institutionen dafür sind die zentrale Propaganda-Abteilung der Partei, deren „P“ heute als „Publizistik“ verstanden werden soll, und die Vereinigte Arbeitsfront. Die Front wird ebenfalls von der Partei gesteuert, hat aber laut der Studie die Aufgabe, Stimmen von außerhalb des Apparats zu beeinflussen. Mao soll sie als eine der drei „Zauberwaffen“ in seiner Revolution bezeichnet haben.

Schon während des Korea-Kriegs hat China laut den Forschern von Stanford und Hoover im Jahr 1952, also lange vor Internet und sozialen Medien, in einer koordinierten Propaganda-Kampagne auch im Ausland behauptet, die USA seien für den Ausbruch von verschiedenen Infektionskrankheiten im Land verantwortlich. Und auch in der aktuellen Coronavirus-Pandemie spielte die systematische Beeinflussung eigener und fremder Medien online wie offline und offen ebenso wie versteckt eine bedeutende Rolle.

Propaganda-Herausforderung Corona

Zunächst einmal ließ China laut der Studie klassisch-totalitär Journalisten, Aktivisten und Mediziner verschwinden oder zum Schweigen bringen, die früh auf die Verbreitung des neuartigen Coronavirus hinwiesen. Später vermittelten chinesische Medien den Eindruck, die Herkunft des Virus sei noch nicht geklärt, und verbreiteten bald zusammen mit prominenten Influencern die Verschwörungstheorie, laut der das Virus von US-Militärs nach China gebracht worden sei.

Trotzdem erwies sich die Pandemie als propagandistische Herausforderung für China, schreiben die Forscher in ihrer Untersuchung der Vorgänge weiter – und das Land habe „alle traditionellen und digitalen Medien-Kompetenzen“ aufgefahren, um sie zu beherrschen. So hätten die englischsprachigen Facebook-Seiten chinesischer Staatsmedien nicht nur weiterhin die offizielle Darstellung weitergetragen, sondern sogar Anzeigen geschaltet, um mehr Leser zu diesen Beiträgen zu locken.

Apps, über die Corona-Videos verteilt worden waren, wurden verboten, Journalisten großer US-Medien ausgewiesen. Gleichzeitig veröffentlichten chinesische Diplomaten und Botschaften zunehmend feindselige Nachrichten über andere Länder und unterstützten Aussagen der eigenen Regierung, so die Studie.

„Randalierer“ in Hongkong

Doch das war nur der offene Teil dieser Medien-Operation. Dreimal nacheinander fanden westliche Organisationen ab Ende März 2020 Belege dafür, dass chinesische Kräfte massenhaft falsche Konten bei Twitter und anderen sozialen Medien eingerichtet oder bestehende übernommen hätten. Ein großer Teil der Beiträge dort wurde laut der Studie auf Chinesisch verfasst, was dafür spreche, dass ihr Ziel vor allem Auslandschinesen waren.

Ähnlich konzertiert steuerte China auch Berichterstattung und Online-Kommentare über die Proteste in Hongkong ab Juni 2019, berichten die Forscher von Stanford University und Hoover Institution. In staatlichen Medien mitsamt ihren englischen Online-Präsenzen wurden die Demonstranten als Randalierer dargestellt und Informationen falsch wiedergegeben. Laut Berichten aus dieser Zeit tauchten plötzlich tausende neue Twitter-Nutzer auf (angeblich lebten sie in Hongkong, was aber anderen Angaben widersprach) und äußerten sich im Sinne der chinesischen Regierung.

Als diese Taktiken erkannt waren, reagierten Facebook, Twitter und YouTube, indem sie Zugänge der unechten Nutzer sperrten. Twitter erklärte, sie seien genutzt worden, um gezielt Unruhen in Hongkong zu schüren. Laut der Studie war dies das erste Mal, dass eine versteckte Propaganda-Kampagne in sozialen Medien öffentlich China zugeschrieben wurde. Doch wie das weitere Vorgehen in Bezug auf Hongkong und dann die Corona-Pandemie gezeigt hat, ließ sich die gut geölte Medien-Maschine des Landes davon nicht nachhaltig beeindrucken.

Auto1 macht seinen wichtigsten Kunden Konkurrenz

Die Auto1-Gruppe ist mit einer simplen Idee zu einem der höchstbewerteten deutschen Start-ups geworden: Das Team um die beiden Gründer Hakan Koç und Christian Bertermann kauft online im großen Stil Gebrauchtwagen von Privatleuten auf und verkauft sie an Autohändler weiter. Künftig wollen die beiden Gründer verstärkt genau diesen Gebrauchtwagenhändlern Konkurrenz machen, indem sie ihren eigenen Auto-Onlineshop stark ausbauen.

„Der eigene Verkauf an Endkunden ist eine natürliche Erweiterung unseres bisherigen Geschäftsmodells als größter Gebrauchtwagengroßhändler Europas“, sagte Bertermann dem Handelsblatt. Für den deutlichen Ausbau des eigenen Onlineshops Autohero hat er bereits neue Geldgeber gefunden: Zwei Hedgefonds aus Großbritannien und den USA geben 255 Millionen Euro als Wandeldarlehen. Das ist ein Kredit, der bei einer künftigen Finanzierungsrunde in Firmenanteile umgetauscht werden kann.

Bei der letzten großen Finanzierungsrunde 2018 hatte Softbank 460 Millionen Euro in das Berliner Unternehmen gesteckt und es damit rechnerisch mit 2,9 Milliarden Euro bewertet. Auto1 gehört damit zu den sogenannten Einhörnern mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro.

Mit dem Geld ist aus Auto1 ein großer Spieler auf dem europäischen Gebrauchtwagenmarkt geworden. Unter der einprägsamen Web-Adresse wirkaufendeinauto.de verspricht das Unternehmen seit 2012, jeden Gebrauchtwagen anzukaufen. Nach einer Online-Registrierung mit erster Preisabschätzung folgt ein konkretes Angebot in einer Filiale.

Im Hintergrund steht dabei ein Datenschatz, der die Preisabschätzung erleichtert. Die Autos verkauft Auto1 bislang an Händler weiter. Zudem organisiert die Gruppe den Verkauf von Händlern untereinander. 3,5 Milliarden Euro Umsatz seien so im vergangenen Jahr zusammengekommen – ein Plus von 21 Prozent gegenüber 2018, sagte Bertermann.

Autos kaufen vom Sofa aus

Auch beim neuen Projekt Autohero will er die Privatkunden bei der Bequemlichkeit packen. Sie können Gebrauchtwagen im Onlineshop aussuchen und nach Anzahlung nach Hause bestellen. Nach Anlieferung per Transporter können die Käufer die Autos prüfen und erst dann die endgültige Zahlung freigeben – bei 14 Tagen Rückgaberecht.

Ärger mit den Autohäusern als große Stammkunden von Auto1 fürchte er nicht, sagte Bertermann. Selbst will er über Autohero bevorzugt Autos vermarkten, die bei den Händlern weniger gefragt sind. Zudem sei der Automarkt so groß und fragmentiert, dass für einen weiteren Spieler Platz sei. Dabei will er auch Werbung bei den etablierten Onlineplattformen wie Mobile.de schalten.

Bislang ist Autohero im Vergleich zu diesen Börsen klein: 2000 Fahrzeuge habe Autohero bislang in neun europäischen Ländern im Bestand, sagt Bertermann. 8000 bis 10.000 Stück will er im laufenden Jahr verkaufen. Das ist wenig im Vergleich zu den 620.000 Gebrauchtwagen, die die Gruppe 2020 insgesamt bewegen will. „Ich glaube aber, Autohero kann genauso groß werden. Das wird aber noch eine Weile dauern“, sagte Bertermann.

Der Wandelkredit, den vor allem die beiden Fondsgesellschaften Farallon Capital Management und The Baupost Group an die Auto1 Group SE vergeben, soll zum größten Teil in Autohero fließen. Zum einen geht es darum, die Plattform über Werbung und Marketing bekannt zu machen. Zum anderen muss Auto1 in Infrastruktur für den Service investieren – etwa in Werkstätten zum Flottmachen der Wagen. Bertermann will zudem die Technik hinter dem Onlineshop ausbauen. Bislang müssen die Interessenten mit wenigen Fotos von den Autos auskommen, künftig sollen sie deutlich mehr sehen.

Ärger mit dem eigenen Fintech

Ein Selbstläufer ist das neue Zukunftsprojekt von Auto1 nicht – schließlich gibt es bereits etliche Gebrauchtwagenplattformen im Netz, der Preiswettbewerb ist hoch. Zum anderen funktioniert nicht jedes Projekt, das sich die Berliner vornehmen. Ein groß angekündigtes Vorhaben etwa liegt auf Eis. Den Plan, einen eigenen Finanzierungsarm namens Auto1-Fintech aufzubauen, hat Bertermann aufgegeben – trotz Partnern wie Allianz und Deutsche Bank. Offenbar sind die Autohändler ihren Banken, deren Kundenkredite sie verkaufen, zu treu.

Übrig geblieben ist eine Menge Ärger: Der Hauptinvestor bei Auto1-Fintech, der Dubaier Geschäftsmann Bensen Safa, will sich mit dem Rückzug der Autoplattform nicht abfinden. Er hofft auf eine Fortsetzung der Partnerschaft, damit das Finanzunternehmen im Geschäft bleibt. Zudem vermutet er offenbar Unregelmäßigkeiten, über die er Verhandlungsdruck aufbauen könnte.

Ein von seiner Seite beauftragter Prüfbericht von Deloitte, der dem Handelsblatt in Auszügen vorliegt, listet kritische Punkte auf. So seien die Teilhaber schlecht informiert worden. Die Prüfer vermuten auch unzulässige Zahlungen an Berater und überhöhte Rechnungen von Auto1 an die Finanztochter. Solche Verdächtigungen bekommen zusätzliche Brisanz, da ausgerechnet der frühere Chef der Corporate-Governance-Kommission, der Ex-Stahlmanager Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von Auto1 ist.

Bertermann wiegelt ab. „Wir nehmen jeden Vorwurf sehr ernst und prüfen im Detail. Wir konnten jedoch bei keinem der Punkte Fehlverhalten feststellen“, sagte er. Die Gesellschafter wollen sich am heutigen Donnerstag treffen, um über die Zukunft von Auto1-Fintech zu beraten. Bertermann verweist darauf, dass im Zweifel Gerichte die Rechtmäßigkeit der Trennung klären müssten.

Auto1 spürt zudem immer noch deutlich die Coronakrise. Im Frühjahr schickte das Unternehmen einen großen Teil seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit, da kaum Autos verkauft wurden und auch die Anmeldestellen geschlossen waren. Das Kraftfahrt-Bundesamt meldete für das erste Halbjahr einen Rückgang der Gebrauchtwagen-Anmeldungen von 11,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 3,2 Millionen Autos.

Die meisten der 4200 Mitarbeiter von Auto1 seien inzwischen aus der Kurzarbeit zurück, aber noch nicht alle, sagte Bertermann. Das Geschäft laufe noch nicht wieder voll. Immerhin: Die aktuelle Finanzierung brachten die Auto1-Gründer noch Ende Februar unter Dach und Fach – also gerade noch vor der Coronakrise.

AGAF: Die Tech-Götterdämmerung fand noch nicht statt

Eine Anhörung der mächtigsten Techbosse vor US-Abgeordneten sollte klären, ob die Machtfülle von Amazon, Google, Facebook und Apple zu groß geworden ist. Leider löste sich das Gipfeltreffen im Parteiengezänk auf.

Die Symbolkraft dieser denkwürdigen Anhörung war kaum zu überbieten: Die Chefs der gern als „Big Four“ abgekürzten vier großen Techfirmen Apple, Facebook, Google und Amazon mussten sich am Mittwoch gemeinsam stundenlang den kritischen Fragen des Justizausschusses des US-Repräsentantenhauses stellen.

Es sollte um die ganz großen Dinge gehen: um die wirtschaftliche Dominanz der Techgiganten, sei es im Bereich von Online-Werbung, Suchmaschinen oder App Stores, um wettbewerbsfeindliche Geschäftspraktiken, um fragwürdige Firmenzukäufe, um die Verbreitung von Falschinformationen und Hass, um Wirtschaftsspionage, um Überwachung, um Datenmissbrauch, um Gefahren für die Demokratie. Um alle Übel der Digitalwelt.

Wegen der Corona-Pandemie mussten Sundar Pichai (Alphabet/Google), Mark Zuckerberg (Facebook), Tim Cook (Apple) und Jeff Bezos (Amazon) nicht nach Washington anreisen, wie bei solchen Veranstaltungen üblich, sondern wurden per Videokonferenz zugeschaltet. Es war ein surreales digitales Stelldichein, ausgerichtet mithilfe von Ciscos Konferenzdienst Webex. Die Zuschauer zu Hause sahen teilweise alle vier als „Zeugen“ geladenen Wirtschaftslenker simultan auf dem Screen. Auf die Weltpolitik gemünzt ist das ungefähr so, als würden Donald Trump, Xi Jinping, Wladimir Putin und Angela Merkel gleichzeitig auf einem Zoom-Bildschirm auftauchen.

Der virtuelle Auftritt erlöste die Techbosse von einem besonders qualvollen Teil der Tortur, dem der öffentlichen Vorführung, dem Bußgang in die Hauptstadt, dem Fotografengewitter. Alle vier saßen sie wohlgeschützt in nichtssagenden Büroräumen vor fast antiseptisch neutralen Hintergründen. Da und dort war eine Vase oder eine erschöpfte Zimmerpflanze zu sehen, mehr nicht.

Umso bedeutsamer klangen die Worte, die der Vorsitzende des Justizausschusses, David Cicilline von den Demokraten, in seiner Eröffnungsrede wählte: „Unsere Gründerväter haben sich keinem König gebeugt, und wir sollten uns nicht den Kaisern der Online-Wirtschaft beugen.“ Das Gremium war angeblich gut vorbereitet, mehr als ein Jahr hatten die Ermittlungen zu den kartellrechtlichen Problemen gedauert, laut Medienberichten hatte der Ausschuss Hunderte Stunden Interviews geführt und über eine Million Dokumente angesammelt. Das Wort „historisch“ war oft gefallen in den Vorberichten zu diesem Termin: Es sollte der Tag werden, an dem die Politik endlich der Techwirtschaft die Stirn bietet. Der Tag, an dem die Zähmung des Silicon Valley beginnt.

Allerdings hatten die republikanischen Mitglieder des Ausschusses einen anderen Plan. Sie konzentrierten sich mehrheitlich auf den Vorwurf, dass Plattformen wie Facebook rechtskonservative Meinungen und Medien unterdrücken würden, dass sie Zensur übten. Hitzige Tiraden von Trump-treuen republikanischen Scharfmachern wie Jim Jordan aus Ohio und Matt Gaetz aus Florida nahmen der Veranstaltung ihre klare Richtung und damit die Sprengkraft.

Ein böser Zirkel schließt sich

Die Polarisierung der amerikanischen Politik und Gesellschaft zeigte sich in einander diametral entgegengesetzten Richtungen der Befragung: Während Demokraten mit Blick auf Facebook beklagten, dass die Plattform zum Beispiel Videoclips mit offensichtlichen Fehlinformationen zum Coronavirus an ein Millionenpublikum verbreitet, regten sich die Republikaner darüber auf, dass Facebook solche Inhalte manchmal vom Netz nimmt. Die einen pochen auf Grenzen der Meinungsfreiheit, die anderen auf ein Recht zur Lüge.

Hier schließt sich ein böser Zirkel: Dass sich Amerika auf keine geteilten Wahrheiten, auf keinen gesellschaftlichen Konsens mehr einigen kann, geht auch auf die polarisierenden Kräfte sozialer Medien zurück, auf Fake News, Hate Speech, Filterblasen, Desinformation. Und der Ausschuss, der dagegen vorgehen will, ist zu polarisiert, um das Problem wirksam anzupacken.

Das zeigte sich in Szenen wie diesen: Ein Republikaner, Jim Jordan, verhörte also Sundar Pichai über angebliche antirepublikanische Bestrebungen bei dessen Konzern Google, worauf der Republikaner von einer Demokratin, Mary Scanlon aus Pennsylvania, der Verbreitung von „abwegigen Verschwörungstheorien“ beschuldigt wurde, worauf der Republikaner die Demokratin niederzuschreien versuchte, bis ein Dritter Jordan mit „Ziehen Sie ihre Maske auf!“ zur Ordnung rief – nur, wer gerade Rederecht hatte, durfte die Maske absetzen. So verging die Zeit.

Natürlich, Anhörungen vor dem US-Kongress sind immer und in erster Linie politisches Spektakel. Weil die Befragten oft ohnehin ausweichende oder nichtssagende Antworten geben, haben sich die Abgeordneten angewöhnt, ihren eigentlichen Fragen meist ellenlange, donnernde Statements vorangehen zu lassen, in denen sie ihre politischen Botschaften versenden. Und wenn der Furor irgendwann doch noch in eine Frage mündet, werden die Antworten der Anzuhörenden häufig brutal nach ein paar Sekunden abgewürgt. Die befragten Zeugen, im Grunde nur Statisten bei diesem Schauspiel, könnten einem fast leidtun, würde es sich nicht, wie in diesem Fall, um einige der mächtigsten und reichsten Männer der Welt handeln.

Es gab auch Lichtblicke, ernsthafte Versuche, Fragwürdigkeiten tatsächlich zu ergründen. Der Auftritt von Jeff Bezos war im Vorfeld wohl mit der größten Spannung erwartet worden, da der Amazon-Chef anders als seine Kollegen zum ersten Mal zu einer Kongressanhörung erschien. Zunächst schien alles sehr glimpflich zu laufen für den reichsten Menschen der Welt – die ersten zwei Stunden der fast sechsstündigen Veranstaltung wurde er überhaupt nicht befragt. Dann aber sprach ihn die Demokratin und Amazon-Kritikerin Pramila Jayapal auf den Umgang des Konzerns mit Drittanbietern auf seiner Handelsplattform Marketplace an.

Das „Wall Street Journal“ hatte im April berichtet, dass Amazon-Mitarbeiter Daten von erfolgreichen Händlern auf seiner Plattform nutzten, um konkurrierende Eigenmarken zu lancieren – ein Verstoß gegen eine interne Richtlinie des Konzerns, der den Vorfall noch untersucht. „Ich kann nicht garantieren“, räumte Bezos ein, „dass nie gegen diese Richtlinie verstoßen wurde.“ Es war ein seltener Moment der Anerkennung eines möglichen Fehlverhaltens, während die Firmenchefs ansonsten die meiste Zeit damit verbrachten, Vorwürfe pauschal abzulehnen und ihre Erfolge herauszustreichen.

Einen brenzligen Moment zu überstehen hatte Mark Zuckerberg, als ihn der demokratische Abgeordnete Jerry Nadler mit aufgetauchten E-Mails aus dem Jahr 2012 konfrontierte. Darin diskutiert der Facebook-Chef mit seinem damaligen Finanzchef die möglichen Gründe für einen Kauf von Instagram, der dann im April jenes Jahres tatsächlich erfolgte. Die Akquisition der Foto- und Videosharing-Plattform durch Facebook ist einer der zentralen Angriffspunkte von amerikanischen Wettbewerbsrechtlern. Nadler zitierte aus den E-Mails, in denen es unter anderem darum ging, ob Zuckerberg mit dem Zukauf „einen Konkurrenten neutralisieren“ wollte. „Fusionen und Übernahmen, die potenzielle Wettbewerber aufkaufen, verstoßen gegen die Kartellgesetze“, sagte Nadler und fragte schließlich: „Warum sollte Instagram nicht abgespalten werden?“

Bis dahin allerdings ist es noch weit. Doch auch wenn dieser große Tech-Showdown nicht hielt, was er versprach, muss das nicht bedeuten, dass die Anhörung gescheitert ist. Hinter den Kulissen wird nun weitergearbeitet. Es wird darauf ankommen, welche Schritte der Ausschuss dem Kongress empfehlen wird, um die kartellrechtlichen Probleme anzugehen und die Machtfülle der Internetgiganten einzuhegen.

Nachfrage nach Podcasts und Hörbüchern wächst in der Coronazeit rasant

Mit „Auris 2“ startete Audible, die Audiotochter des US-Onlinekonzerns Amazon, ein Experiment: Bestsellerautor Sebastian Fitzek schrieb einen Krimi ausschließlich für ein Audioformat. Der Stoff bietet sich dafür an: Es geht um einen Audioforensiker, der Kriminalfälle anhand von Audiodateien aufklärt.

Mit Projekten wie „Auris 2“ will Audible seinen Anspruch, Innovationsführer im Audiomarkt zu sein, untermauern. Der Markt verspricht Potenzial: 23 Millionen Deutsche nutzen Audioangebote, knapp acht Millionen davon täglich. Das sind annähernd doppelt so viele wie noch 2018. Das lockt Werbekunden an. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) schätzt, dass die Umsätze mit Werbung in diesem Jahr auf rund 70 Millionen Euro steigen werden. 2017 waren sie gerade mal halb so hoch.

Besonders stark wächst der Markt für Podcasts: Die Coronakrise habe im Podcast-Markt neue Impulse gesetzt, heißt es beim BVDW. Neue Nutzer seien hinzugekommen, ebenso wie neue Anbieter. Das habe auch bei Werbetreibenden zu einer erhöhten Nachfrage geführt. Die Podcast-Umsätze lagen im vergangenen Jahr bei neun Millionen Euro. Für 2020 rechnet der Branchenverband mit einem Zuwachs auf 14 Millionen Euro.

Amazon-Tochter Audible will verstärkt im deutschen Markt angreifen. Das Angebot ist werbefrei – und dient dem Onlinehändler vor allem als Instrument, Kunden zu binden. Für die Nutzung verlangt Audible 9,95 Euro monatlich.

2007 startete Audible in Deutschland – zunächst mit Hörbüchern. Später kamen die aufwendiger produzierten Hörspiele hinzu. Seit 2017 ist das Unternehmen auch auf dem deutschen Podcast-Markt vertreten. Audible veröffentlicht keine Kundenzahlen, nur so viel: Pro Jahr würden 180 Millionen Hörstunden heruntergeladen. Das entspreche einer Verdopplung der Hörstunden in den vergangenen drei Jahren, heißt es.

„Seit Ausbruch der Coronakrise sehen wir eine starke Veränderung in der Nachfrage und auch im Nutzungsverhalten der Menschen“, sagt Oliver Daniel, Deutschlandchef von Audible. Zu den beliebtesten Podcasts zählen bei Audible Meditations-Apps wie „Impetus“, aber auch journalistische Reportagen sowie der Physik-Podcast in Kooperation mit dem Wissensmagazin „PM“.

Eine Zahl habe ihn besonders überrascht, sagt Daniel: Es gebe etwa eine Million neue Hörer, die vor der Coronazeit keine Podcasts oder Hörbücher gehört hätten und nun zu den Kunden zählten.

Hohe Investitionen in Eigenproduktionen

Die Nachfrage wächst, die Anbieter bringen sich in Stellung. „Wir sind die Marke für das gesprochene Wort in Deutschland“, meint Audible-Chef Daniel selbstbewusst. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, investiert das Unternehmen nach eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr in exklusive Inhalte und die Entwicklung seiner Eigenproduktionen. In diesem Jahr sind 500 Audible-Studio-Eigenproduktionen geplant, darunter etwa 100 sogenannte Audible Originals.

Der Audio-Markt ist hart umkämpft. Die schwedische Musikstreaming-Plattform Spotify schickt sich an, „die größte Audio-Plattform der Welt zu werden“. Dieses Ziel hatte Gründer Daniel Ek erstmals 2019 ausgegeben.

Auch deutsche Medienunternehmen gehen verstärkt in den Audio-Markt. Der Medienkonzern Bertelsmann beispielsweise gründete 2019 die Plattform Audio Now, zwei Monate später folgte der Start der Produktionsfirma Audio Alliance. Rund 100 Formate wurden bisher unter dem Dach der Audio Alliance entwickelt. Publikumsliebling in diesem Sommer: „Die Pochers hier“ mit dem Entertainer Oliver Pocher. Rund 250.000 Abrufe zählt der Pärchen-Podcast im Schnitt pro Folge.

Die Bertelsmann-Plattform will sich als lokaler Platzhirsch positionieren. Die Mutter des TV-Konzerns RTL will damit eine weitere Bühne für Werbekunden schaffen. Unternehmen wie Vodafone, Sky, Nestlé, BMW und Indeed haben bereits Werbeplätze in den Podcasts gebucht.

Auch Konkurrent Pro Sieben Sat 1 hat in diesem Jahr eine eigene Audio-Einheit auf den Weg gebracht: Im April startete „For Your Ears Only“ (FYEO), die neue Podcast-App des Münchener TV-Konzerns. Es ist ein Hybridmodell: Das Unternehmen berechnet fünf Euro pro Monat für die Nutzung der App. Außerdem verkauft Pro Sieben Sat 1 Werbeplätze in den Audioangeboten.

Doch nicht alles lässt sich nach Ansicht von Audible-Chef Daniel auf ein Audioformat übertragen. „Was momentan nicht gut funktioniert, das sind Kochbücher, Reisethemen und Comicbücher“, sagt er. Für ihn ist das kein Grund zum Verzagen: „In diesen populären Bereichen gibt es noch viel Innovationspotenzial.“

Podcast von Michelle Obama

Sie ist also wieder da. Michelle Obama, 56 Jahre, Harvard-Anwältin und Publikumsliebling in den USA, wo sie viele gern als Präsidentschaftskandidatin gesehen hätten. Aber mit dem Weißen Haus ist Obama nach den acht Jahren Präsidentschaft ihres Mannes durch. Was nicht bedeutet, dass sie Ruhe gibt. Da gab es das Buch, ihre Biografie „Becoming“ in Millionenauflage, dann die Tour zum Buch, den Film zur Tour zum Buch, und nun den Podcast, der mit dem Buch nur am Rande zu tun hat. Es ist ein weiteres Projekt von Higher Ground, der Firma der Obamas, die unter anderem Dokumentationen für Netflix produziert – und die erste Kooperation mit Spotify. In persönlichen Unterhaltungen soll es um Beziehungen gehen, um Freundschaft, um Gesundheit. Die Gesprächspartner stammen aus Obamas engstem Umfeld. Sie spricht mit ihrer Mutter, ihrem Bruder, der früheren Beraterin ihres Mannes, Valerie Jarrett. Aber in der ersten Folge gleich mal: mit Barack Obama selbst.

„Danke, dass du da bist“, begrüßt Michelle ihren Ehemann. Und der darauf: „Als hätte ich eine Wahl gehabt.“ Liebevolle Frotzeleien wie diese bleiben in den 48 folgenden Minuten die Ausnahme. Vielmehr reflektieren die beiden Ehepartner über Gemeinschaft und wie sich Amerika im Laufe der Zeit verändert hat. Sie erinnern sich, wie sie aufgewachsen sind, Barack Obama etwa in einer Gegend, in der sich jeder um jeden gekümmert hat und er im Zweifel von der Nachbarin geschimpft wurde. Inzwischen habe sich das Narrativ jedoch vom Gemeinschaftsleben weg hin zum Erfolg des Einzelnen gewandelt. Man müsse es unbedingt allein schaffen. Anstatt um Familie und Freundschaft gehe es vorwiegend darum, dass man alles haben könne und wie man es erreicht. Aber so seien sie nicht erzogen worden, sagt Michelle. Barack stellt fest, die Gefahr für die junge Generation sei, dass sie zu zynisch sei und schlichtweg die Botschaft verinnerlicht hätte, die Regierung funktioniere nicht. „Meinst du, sie werden das Richtige tun? Meinst du, sie werden wählen?“, fragt Michelle Obama den früheren Präsidenten. „Du kennst mich.“ „Du bist der ewige Optimist, der ,Yes we can‘-Mann“, antwortet seine Frau.

Auf den aktuellen Präsidenten gehen die beiden mit keinem Wort ein. Aber natürlich kann man auch das als versteckte Wahlkampfhilfe verstehen. In den vergangenen Tagen bereits hatte Michelle Obama auf Instagram dazu aufgerufen, wählen zu gehen. In ihrem Podcast äußert sie sich besorgt darüber, dass viele junge Menschen sich fragen, ob es sich lohnt, wählen zu gehen. Einen kleinen Seitenhieb äußert sie aber doch gegen Trump, als sie ihren Mann als „Präsidenten, der viel liest und sich mit Geschichte auskennt“, anspricht. Immer noch wirkt es, als hole sich Michelle Obama zurück, was sie die acht Jahre im Weißen Haus über zurückhalten musste – sie will selbst sprechen, andere inspirieren, aufrütteln und, ja, auch unterhalten.

Tatsächlich kann einem, trotz Bill Withers‘ Song, die Botschaft der Obamas angesichts der aktuellen Lage in den USA naiv vorkommen. Einfach füreinander da sein, Gespräche führen, das eigene Verhalten reflektieren, und dann wird alles gut? Aber am Ende bleibt dann doch ein Gefühl von Hoffnung hängen. Vielleicht braucht es gerade mehr Leute wie die Obamas, um diese zu verbreiten. Für ihre Töchter wünschen sich die beiden jedenfalls, sagt Barack, „dass sie in einem Land leben, das jeden respektiert und sich um jeden kümmert, das jeden feiert und anerkennt“. Michelle Obama sagt am Ende der ersten Folge, vielleicht inspiriere es die Hörer, Unterhaltungen wie diese am eigenen Esstisch zu führen, sich zu fragen, wo man selbst im Leben stehe und was man ändern möchte. Und das mit den eigenen Lieben zu diskutieren. „Nur so entwickeln wir gegenseitig mehr Verständnis und Empathie.“ Neun Folgen von „The Michelle Obama Podcast“ sind bereits geplant.

VÖZ-Präsident Mair: Digitales Abomodell „einzige Überlebenschance“ für Newsportale

VÖZ-Präsident und Styria-Vorstand Markus Mair sieht die einzige Überlebenschance für Newsportale im digitalen Abomodell. Das werde auch ein Fokus der von der Regierung geplanten Digitalförderung sein, sagte er bei einem Onlinetalk des Steirischen Presseclubs. „Zukunftsfähig“ müsse der Journalisten-Kollektivvertrag gestaltet werden. Die Gespräche darüber sollen noch heuer beginnen.

„Weltweit gibt es für Newsportale nur eine Überlebenschance und das ist das digitale Abo“, sagte der Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ). Auch die angekündigte Digitalförderung werde „stark ansetzen“ bei diesem „einzigen digitalen Geschäftsmodell, das funktionieren wird“. Die Coronakrise habe den Prozess der Digitalisierung jedenfalls beschleunigt. „Ich würde sagen, das ist positiver Druck, der da gekommen ist.“

Digitalförderung

Mindestens 15 Mio. Euro sollen jährlich in die Digitalförderung fließen. Heuer soll sie auf 18 Mio. Euro aufgestockt werden, kündigte der Kanzlerbeauftragte für Medienthemen, Gerald Fleischmann (ÖVP), vor Kurzem an. „15 Mio. Euro Digitalförderung ist für die gesamte Branche natürlich kein besonders hoher Betrag. Umso wichtiger erscheint mir, dass nicht mit der Gießkanne über alle drübergeschüttet wird“, sagte Mair. Er kann sich vorstellen, dass gemeinsam in Ausbildungsstätten investiert wird und dazu auch ein Teil der Förderung verwendet wird.

Eine gute Überlebenschance in den kommenden Jahren und Jahrzehnten attestiert er vor allem jenen Titeln, die ein gutes Konzept für die Kombination aus Print und Digitalem haben. Mair ist überzeugt, dass es auch in zehn Jahren noch Printtitel geben wird. „Es werden jene sein, die diese Doppelstrategie gut vollzogen haben.“ Grundsätzlich befinde sich Österreich aber nach wie vor in einer weitaus besseren Situation, was den Printsektor betrifft, als etwa die Schweiz.

Werbeumsätze und Vertrieb

Einen deutlichen Stellenabbau bei Österreichs Medienhäusern sieht er trotz Coronakrise „aktuell auf Sicht nicht“. Dass „der eine oder andere“ massiv unter Druck stehe, etwas zu tun, könne er aber nicht ausschließen. „Es wird auch von uns abhängen, die kollektivvertraglichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sie es uns ermöglichen, ein guter und verlässlicher Arbeitgeber zu sein“, sagte Mair.

Die Welt verändere sich, dazu brauche es adäquate Rahmenbedingungen. „Die sehe ich in der heutigen Form nicht in allen Punkten gegeben.“ Sie müssten „zukunftstauglich“ gestaltet werden. „Das ist ein Projekt, das wir relativ rasch noch in diesem Jahr angehen wollen“, kündigte Mair an. Bisher seien noch keine Gespräche geführt worden. „Aber aus meiner Sicht haben wir dort, jetzt gerade auch durch Corona bedingt, nicht alle Zeit der Welt“, betonte er.

Die Coronakrise habe dazu geführt, dass die Werbeumsätze massiv eingebrochen seien. Auch die digitalen Werbeumsätze seien trotz hoher Zugriffszahlen eher schleppend gewesen. Auf der Vertriebsseite gehe es den Zeitungen aber gut. Auch das Werbegeschäft sei „nach den ersten Schockwochen“ wieder etwas angelaufen. Die Rückgänge ließen sich – natürlich unterschiedlich in den verschiedenen Medienhäusern – mit 30 bis 40 Prozent beziffern. Ein „Teil der Schmerzen“ sei durch die Förderungen der Bundesregierung gemildert worden.

Mair geht von einem „größeren zweistelligen Millionenbetrag“ aus, der „alleine im Printsektor Corona-bedingt verschwunden ist“. Der breit aufgestellte Styria-Konzern habe im ersten Halbjahr ein positives Ergebnis erzielen können.

Vorsichtiger Optimismus

Für das zweite Halbjahr zeigte er sich „vorsichtig optimistisch“, aber natürlich hänge alles von „zwei großen Unbekannten“ der gesundheitspolitischen und der wirtschaftlichen Weiterentwicklung ab. „Das Einzige was man tun kann, ist, journalistisch das Beste zu geben.“ Dass es – abgesehen von der bereits angekündigten Digitalförderung – im zweiten Halbjahr „eins zu eins die bisherigen Fördermaßnahmen“ gebe werde, glaube er nicht.

Darf man den Medien glauben? – Interessanterweise vertraut ihnen stärker, wer häufig Nachrichten konsumiert

So hoffnungslos, wie viele behaupten, ist die Lage nicht – dennoch müssen sich Medien darüber Gedanken machen, wie sie das Vertrauen des Publikums (zurück)gewinnen können. Eine Suche nach Antworten.

Die Medien steckten in einer Vertrauenskrise, heisst es oft. Aber stimmt das? Und warum sorgen wir uns überhaupt um das Medienvertrauen? Und falls es sinkt, kann es wieder gestärkt werden? Üblicherweise beschäftigen sich Journalisten und Medienwissenschafter mit diesen Fragen. Was schnell zur Nabelschau ausarten kann, geht uns jedoch alle etwas an.

Die letzte Frage lässt sich vergleichsweise leicht beantworten: Im Prinzip ist Vertrauen der Kitt, der Menschen und Gesellschaften zusammenhält. Ohne Vertrauen können sich Menschen weder auf die Unterstützung anderer verlassen noch darauf, dass die Informationen, die sie von anderen erhalten, glaubwürdig und dadurch nützlich für ihr Leben sind (selbst wenn sie bloss «unterhaltsam» sind).

Je mehr Konsum, desto grösser das Vertrauen

All dies gilt auch für das Vertrauen in Nachrichten und die Medien. Dass Sie Medien vertrauen (können), hat direkte Implikationen für Sie selbst und Ihr Leben. Dies zeigt sich zum Beispiel in der gegenwärtigen Pandemie, in der für den Einzelnen nützliche Hinweise wie «Hände waschen, Abstand halten» von den Medien verbreitet wurden.

Aber auch auf gesellschaftlicher Ebene ist es wichtig, dass die Menschen den Medien vertrauen. Schliesslich sind diese trotz den Umbrüchen durch Internet, Web und soziale Netzwerke weiterhin ein zentraler Bestandteil der Informations- und Kommunikationsinfrastruktur einer demokratischen Gesellschaft. Sie tragen dazu bei, dass über den öffentlichen Austausch von Meinungen (politische) Meinungs- und Entscheidungsfindung stattfinden kann. Zuletzt ist Vertrauen auch für die Medienbranche selbst von Bedeutung. Ein Produkt, dem nicht vertraut wird, verkauft sich meist nicht gut.

Wer profitiert also vom Vertrauen? Idealerweise alle, sowohl im Kleinen als auch im Grossen, wenn auch in unterschiedlicher Form. Bei der zweiten Frage, warum Sie und andere Menschen Artikeln wie diesem und den Medien vertrauen, wird es etwas kniffliger. Generell lässt sich sagen: weil wir es gelernt haben.

Um zu bestimmen, wem wir vertrauen können, hat der Mensch im Laufe der Evolution verschiedene Strategien entwickelt, wie der Kognitionswissenschafter Hugo Mercier in seinem kürzlich erschienenen Buch «Not Born Yesterday» schreibt. Im Kern, so Mercier, gehe es darum, zu erkennen, wer mit uns «fleissig» und ehrlich kommuniziere.

In anderen Worten: Wer sich darum bemüht, Informationen bereitzustellen, die glaubwürdig und für uns nützlich sind und nicht nur für ihn, dem wird eher getraut. Um dies zu überprüfen, behalten wir im Auge, wer was gesagt hat und ob sich besagte Informationen als nützlich oder richtig herausgestellt haben. Gleichzeitig verringern wir unser Vertrauen in diejenigen, die wenig hilfreiche oder gar falsche Informationen liefern. Diese Überwachung wiederum motiviert die Informationsgeber zur Sorgfalt.

Ein Problem ist: In der Vergangenheit kannten wir die meisten Menschen, mit denen wir interagierten. Wir konnten leicht den Überblick behalten. Heutzutage wissen wir über einen bestimmten Kreis hinaus meist wenig über diejenigen, denen wir vertrauen müssen oder wollen. Sie kennen zum Beispiel mich nicht – und trotzdem vertrauen Sie mir (so hoffe ich), dass ich Ihnen an dieser Stelle richtige und potenziell nützliche Informationen liefere.

Das Problem verstärkt sich bei Organisationen oder Institutionen, wie zum Beispiel den Medien, da sie noch weiter vom Einzelnen entfernt sind. Und trotzdem ist es uns bis zu einem gewissen Grad möglich, ihr Verhalten auf Vertrauenswürdigkeit zu überprüfen, zum Beispiel durch das Abgleichen mit anderen Quellen oder im Hinblick auf früheres Verhalten. Wer als Experte (zum Beispiel als Journalist) oder Institution (zum Beispiel als Zeitung) gutes und glaubwürdiges Verhalten in der Vergangenheit und den Zugang zu relevanten und guten Informationen demonstrieren kann, dem wird eher getraut. Dies erklärt auch, warum Menschen, die regelmässig Nachrichtenmedien konsumieren, den Medien mehr vertrauen als Menschen, die dies nicht tun.

Skandinavier und Schweizer haben mehr Vertrauen

Doch wie steht es gegenwärtig um das Medienvertrauen? Gibt es wirklich eine Vertrauenskrise? Hierzu gibt es neue Zahlen des «Digital News Report» des Reuters Institute an der Universität Oxford, der sich auf repräsentative Stichproben in 40 Ländern stützt. Das Ergebnis: Nur 38 Prozent gaben an, dass sie den Nachrichten und Medien in ihrem Land die meiste Zeit vertrauen. Weniger als die Hälfte (46 Prozent) erklärte, dass sie den Nachrichten vertraue, die sie selbst konsumiere. Berauschende Werte sehen anders aus.

Doch diese Durchschnittszahlen verbergen auch einiges. So sinkt das Vertrauen in die Medien nicht überall in gleichem Masse, ebenso geschieht dies nicht so rasant, wie von manchen gerne behauptet wird. Stattdessen variieren die Werte je nach Land, Medienmarke und Konsument. Wer am politischen Rand steht, vertraut den Medien meist weniger, ebenso spielen eine Reihe weiterer Faktoren mit, zum Beispiel Bildung und Einkommen.

Selbst die Methodik der Umfragen kann das Ergebnis verzerren. In Deutschland zeigen zum Beispiel die Daten der repräsentativen «Langzeitstudie Medienvertrauen» der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität, dass rund 43 Prozent der Bevölkerung den Medien «voll und ganz» oder «eher vertrauen», wobei dieser Wert seit 2016 stabil und seit 2015 sogar gewachsen ist. Auch in skandinavischen Ländern wie Schweden, Norwegen und Finnland ist das Vertrauen in die Medien im internationalen Vergleich konstant hoch. Die Schweiz steht international im vorderen Mittelfeld.

In den USA hingegen zeigt sich ein anderes Bild. Laut dem Umfrageinstitut Gallup sagten 1972 noch 68 Prozent der Befragten, dass sie den Medien vertrauten. Zurzeit sind es noch 41 Prozent. Allerdings gibt es drastische Unterschiede zwischen den politischen Lagern. Während eine Mehrheit der Demokraten den Medien vertraut (2015 waren es 54, zurzeit sind es 69 Prozent), sind es bei den Republikanern gerade einmal noch 15 Prozent (2015: 34 Prozent).

Auch Grossbritannien steht nicht besonders gut da. Hier fiel das Vertrauen in die Medien seit 2015 von 51 auf zuletzt 28 Prozent, wobei sich auch hier eine Spaltung nach politischer Haltung zeigte. Vertrauten 2015 noch 58 Prozent der eher konservativen und 46 Prozent der eher linksorientierten Bürger den Medien, waren es 2020 – also nach dem Brexit und zwei kontroversen Wahlen – nur noch 36 Prozent der Konservativen und 15 Prozent der Linken, wobei sich der letzte Wert auch damit erklären lässt, dass die nationale britische Presse oft einen starken Rechtsdrall aufweist.

Es ergibt sich also ein gemischtes Bild, das pauschale Aussagen von einer «Vertrauenskrise» nicht bestätigt. Sieht man sich zum Beispiel die Eurobarometer-Umfragen für die EU seit Beginn der 2000er Jahre an, hat sich das Vertrauen in die Medien trotz Schwankungen bis heute nicht gross verändert. Und wie das Marktforschungsinstitut Ipsos Mori in einer umfassenden Studie 2019 darlegte, ist das Vertrauen in (vor allem traditionelle) Medien über die letzten Jahrzehnte weltweit relativ stabil geblieben, auch weil es in manchen Ländern nie besonders hoch war.

Interessant wird sein, wie sich die Corona-Pandemie auf das Vertrauen in die Medien auswirkt. Während der ersten Wochen und Monate wandten sich viele Menschen traditionellen Nachrichtenquellen zu. Die Zuschauerzahlen, zum Beispiel bei öffentlichrechtlichen Sendern, schnellten in vielen Ländern nach oben, gleiches gilt für die Besucherzahlen auf den Webseiten vieler Zeitungen.

Erste Studienergebnisse zeigen, dass die Medien in den Augen vieler Menschen gute Arbeit geleistet haben, wenn es darum ging, über die Pandemie in den ersten Monaten zu informieren.

Sprecht mit den Kritikern!

Dass keine generelle Vertrauenskrise existiert, darf jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass Medienvertrauen ein fragiles Gut ist. Es kann vom Publikum jederzeit gegeben, aber auch wieder genommen werden. Auf die Frage, wie sich das Vertrauen zurückholen, erhalten oder ausbauen lässt, gibt es natürlich keine einfache Antwort. Doch die Forschung zeigt einige Ansatzpunkte.

Einer kann darin bestehen, zu verstehen, was man in den Augen mancher Konsumenten falsch macht, um dann Kurskorrekturen vorzunehmen. Dazu gehört jedoch auch, wie die Journalistin Alexandra Borchardt in «Mehr Wahrheit wagen» schreibt, dass Medienhäuser das Gespräch suchen und zuhören müssen – was nicht jede Organisation gerne tut.

Allerdings könnten sie dabei einiges lernen. Zum Beispiel, dass ihnen Menschen nicht vertrauen, weil sie der Meinung sind, dass die Medien sie schlecht über aktuelle Ereignisse informieren, ihnen nicht ausreichend beim Verstehen helfen oder dass sie nicht in der Lage sind, die Mächtigen zu überwachen und zu hinterfragen.

Viele Menschen wollen also nicht zwingend andere, sondern bessere Medien. Und eine Mehrheit des Publikums bevorzugt Nachrichten, die weitestgehend neutral und ausgewogen sind (ob dies immer möglich ist, ist eine andere Frage). Ebenso wünschen sich viele eine grössere Akkuratesse, mehr Transparenz und eine geringere politische Färbung. Für manche Medien ist es in dieser Hinsicht noch ein weiter Weg.

Ein lange vernachlässigtes Problem ist auch ein Mangel an Diversität. Noch fehlen Studien, die den Zusammenhang zwischen der Diversität von Medienhäusern und Vertrauen hinreichend untersuchen, doch gibt es Hinweise, die darauf hindeuten, dass mangelnde Vielfalt in Redaktionen sich nicht nur ökonomisch, sondern auch in der Vertrauensfrage negativ auswirken kann. Denn wer will schon eine Zeitung lesen, die die eigene Lebensrealität nicht nur nicht widerspiegelt, sondern schlimmstenfalls einfach ignoriert oder verunglimpft?

Letztlich können die Medien die Aufgabe, Vertrauen zurückzugewinnen oder zu erhalten, aber nicht alleine erfüllen. Viele Menschen haben keine starke Meinung zu den Medien als Institution, ganz zu schweigen zu einzelnen Medienhäusern. Stattdessen bilden sie sich ihre Meinung unter anderem anhand von Aussagen von Eliten wie Politikern oder anderen Personen des öffentlichen Lebens.

Wenn diese auf der Presse herumhacken – gut sichtbar im Falle von autoritären Präsidenten wie Donald Trump oder Rodrigo Duterte –, kann dies das Vertrauen in die Medien nachhaltig schädigen. Gleichzeitig haben länderübergreifende Studien gezeigt, dass das Vertrauen in die Nachrichtenmedien zunehmend an das Vertrauen in die Politik im Allgemeinen gebunden ist, wie der Medienforscher Richard Fletcher schreibt.

Wenn das Vertrauen in politische Institutionen und die Politik sinke, dann werde das Vertrauen in die Nachrichtenmedien meist mit beschädigt. «Und wenn sich die politische Situation stärker polarisiert», so schreibt Fletcher, «kann selbst die beste Nachrichtenberichterstattung von weiten Teilen der Bevölkerung als parteiisch empfunden werden.» Sofern sie nicht selbst daran beteiligt sind, können Medien hiergegen nur bedingt etwas ausrichten.

MEDIA Lab: In Absurdistan

Über 20 000 Meldungen, die falsch oder missverständlich sind, hat US-Präsident Donald Trump seit seinem Amtsantritt in die Welt gesetzt, schreiben die Faktenchecker der „Washington Post“. Trump verspürt neuerdings sogar Gegenwind von seinem Lieblingssender Fox News – und attackiert seinerseits die Leitmedien seines Landes nimmermüde auf Twitter.

Umgekehrt steht aber auch die „New York Times“ mehr und mehr unter Gesinnungsjournalismus-Verdacht: Sie ist offenbar nicht mehr der Fels in der Brandung und die Hüterin professioneller journalistischer Unabhängigkeit. Namhafte Redakteure verließen das Blatt, weil sie von ihren aktivistischen Kollegen gemobbt wurden.

Hinzu kommt, dass sich neben dem Covid19-Virus Verschwörungstheorien und Falschinformationen rund um Corona auch in den USA mit viraler Geschwindigkeit verbreiten. Da nimmt es nicht wunder, wenn das Vertrauen in die US-amerikanischen Nachrichtenmedien von Tiefpunkt zu Tiefpunkt krebst: Nur etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner gibt an, dass die Medien zumindest noch „etwas“ vertrauenswürdig sind. Und während der Corona-Epidemie hat sich das keineswegs gebessert.

Wie passt das zusammen?

Eine aktuelle Online-Repräsentativumfrage, die unter Leitung von Everette E. Dennis (Northwestern University in Evanston/Illinois) und seinem deutschen Kollegen Klaus Schönbach (Honorarprofessor der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen) unter 2000 Amerikanern durchgeführt wurde, fördert merkwürdig Widersprüchliches zutage. So sehen sich 89 Prozent der Befragten weiterhin als glühende Verfechter von Meinungs- und Pressefreiheit und sagen, letztere sei „unabdingbar für die amerikanische Demokratie“ – aber wohl nur so lange, wie dabei ihre eigene Meinung widergespiegelt wird. Denn immerhin 41 Prozent der Befragten halten die Medien für einen „Volksfeind“ („enemy of the people“), und fast ebenso viele würden dem Präsidenten das Recht zugestehen, Nachrichtenmedien zu schließen, die sich „schlecht benehmen“. Ganz konkret solle Trump, so ein knappes Drittel der Befragten (29 Prozent), CNN, die „Washington Post“ und die „New York Times“ dichtmachen.

Geradezu ein Abgrund tut sich zwischen den politischen Lagern auf – und belegt, wie tief die politische Spaltung des Landes inzwischen ist: Mit 77 Prozent vertrauen mehr als doppelt so viele Demokraten den Nachrichtenmedien „wenigstens etwas“ – im Vergleich zu 36 Prozent der Republikaner. Schönbach ergänzt, dass soziodemographische Eigenschaften des Publikums eine viel geringere Rolle spielen, als die Forscher erwartet hatten: „Es galt ja fast als Binsenweisheit, dass vor allem alte, weiße, arme und ungebildete Männer den Nachrichtenmedien misstrauen und wirklich nur Fox News gelten lassen. Diese Merkmale spielen aber fast keine Rolle mehr, sobald man weiß, wer republikanisch und wer demokratisch wählt.“

Ebay Kleinanzeigen wird norwegisch: Der König der Online-Flohmärkte

Ob Fahrrad, Lampe oder Schrank: Bei Ebay Kleinanzeigen shoppen viele Deutsche am liebsten. Nun hat der norwegische Konzern Schibsted das Portal gekauft – und damit einen Traum von Springer-Chef Döpfner zerstört.

Wenn es etwas gibt, das die Deutschen durch die Corona-Beschränkungen getragen hat, dann waren es ihre zwei liebsten Hobbys: Schnäppchenjagd und Frühjahrsputz. Als die Geschäfte schließen mussten und die Menschen in ihren Wohnungen verschwanden, suchten sie Abwechslung. Alter Krempel musste raus, neuer Krempel musste rein. Ebay Kleinanzeigen löste beide Probleme – und hatte damit offensichtlich viel Erfolg.

Im April wurden auf dem Portal alle Rekorde gebrochen: 40 Millionen Inserate zählte Ebay Kleinanzeigen gleichzeitig, so viele wie noch nie. Allein am Ostermontag wurden mehr als 1,3 Millionen Inserate geschaltet, am 1. Mai waren es 1,5 Millionen neue Einträge. Doch während die Deutschen noch um gebrauchte Fernsehgeräte und frisch genähte Mund-Nasen-Masken feilschten, lief hinter den Kulissen ein Ausverkauf, gegen den jede Kleinanzeige verblasst. Und eine Operation, die die europäische Medienlandschaft nachhaltig verändern wird.

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich der norwegische Medienkonzern Schibsted im Kampf um die Übernahme von Ebay Kleinanzeigen durchgesetzt hat. 9,2 Milliarden Euro blätterte Adevinta, ein abgespaltetes Unternehmen des skandinavischen Riesen, dafür auf den Tisch. 2,5 Milliarden Dollar flossen bar, der Rest wurde in Anteilen abgegolten. Ebay ist nun mit 44 Prozent Großaktionär von Adevinta, allerdings behält Schibsted die Mehrheit der Stimmrechte.

Der Kauf markiert das vorläufige Ende eines jahrelangen Wettbietens, in dem es um die Macht im Rubrikenmarkt geht. Waren es früher die Zeitungsverlage, die ein natürliches Monopol auf alles hatten, was nach Kleinanzeigen roch, übernahm im 21. Jahrhundert das Internet. Wer einen Job suchte, fand ihn bei LinkedIn, wer umziehen wollte, suchte erst mal bei Immoscout. Den analogen Flohmarkt, zumindest in Deutschland, schluckte Ebay Kleinanzeigen digital.

Für die Verlage steckt im verlorenen Markt nicht nur eine gehörige Portion Nostalgie – sondern auch viel verflossenes Geld. Schibsted kann davon ein Lied singen. Der Konzern ist in Norwegen das, was Axel Springer für Deutschland ist. Mit „Aftenposten“ und „Verdens Gang“ gehören dem Unternehmen zwei der drei größten Tageszeitungen des Landes, dazu eine Reihe von Regional- und Lokalblättern. Das große Wachstum macht das Unternehmen aber nicht mit Journalismus – sondern schon bisher mit seinen Beteiligungen. Zu Adevinta gehören etwa Portale wie Shpock oder Willhaben in Österreich, Subito in Italien, DoneDeal in Irland oder Kufar in Weißrussland. Ein Konzern, den niemand kennt, kontrolliert die Kleinanzeigen in ganz Europa.

Die Leiden des alten Döpfner

Durch den Kauf von Ebay Kleinanzeigen, der bisher größten Akquisition des Konzerns, entsteht ein neues Unternehmen mit einem Umsatz von stolzen 1,8 Milliarden Dollar. Adevinta – und damit sein Mehrheitseigner Schibsted – wird damit zum weltweit größten Kleinanzeigenkönig. Das dürfte vor allem einen stören: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, dem Verlag, in dem „Bild“ und „Welt“ erscheinen. Ähnlich wie Schipsted hat auch der deutsche Medienkonzern in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld in den Ausbau des Rubrikenmarkts gesteckt. Marken wie Stepstone (Jobs) und Immowelt (Immobilien) brachten Springer 2019 knapp 1,2 Milliarden Euro Umsatz ein. Geld, mit dem der Konzern die Verluste aus dem Journalismusgeschäft finanziert.

Wie stolz Döpfner auf seine Kleinanzeigen-Babys war, kann man in einem Interview nachlesen, das der Verleger vor einigen Jahren seiner eigenen Mitarbeiter-Zeitung gab. Darin schwärmt er über die „Schönheit des Rubrikenmarkts“ und über den unternehmerischen Erfolg mit den „Classifieds“, wie die Kleinanzeigen auf Englisch heißen. Springer beschreibt er in erster Linie nicht als Verlag, sondern als „Haus des digitalen Kleinanzeigengeschäfts“.

Dass Döpfner Interesse an Ebay Kleinanzeigen hatte, war deshalb ein offenes Geheimnis, immer wieder wurde Springer als möglicher Käufer der Ebay-Sparte genannt. Am Ende musste sich der Konzern aber geschlagen geben. Obwohl dank des milliardenschweren Investors KKR eigentlich mit genügend Kleingeld ausgestattet, zog sich Springer bereits vor Wochen aus dem Bieterkreis zurück. Nicht zum ersten Mal geht der Berliner Medienkonzern leer aus: Als Scout24 vor wenigen Monaten sein Portal Autoscout24 loswurde, musste Springer bei den geforderten 2,9 Milliarden Euro passen.

Späte Rache

Der Sieg bei Ebay Kleinanzeigen macht aus Schibsted das, was Springer immer sein wollte: Das „größte paneuropäische Rubriken-Portfolio“ sollte man haben, so formulierte es der Konzern 2017. Mit ihren Erfolgen gingen die Springer-Vorstände sogar konzernintern auf „AS↯DC“-Tour, in London und New York. Die Abkürzung steht für „Axel Springer Digital Classifieds“. Nun muss der Verlag die Krone nach Skandinavien abgeben.

Dass sich ausgerechnet Schibsted und Springer um die Vorherrschaft im Kleinanzeigengeschäft balgen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. In Deutschland hat man mit den aggressiven Praktiken der Norweger schon einige Erfahrung. Schon im Jahr 1999 zerrte Springer die skandinavische Konkurrenz vor Gericht, es war der Höhepunkt im sogenannten „Kölner Zeitungskrieg“. Mit seinem Gratisblättchen „20 Minuten Köln“ machte Schibsted den Boulevard-Platzhirschen „Bild“ und „Express“ Konkurrenz.

Als Reaktion gab es einstweilige Verfügungen, ein Verfahren vor dem Bundesgerichtshof (BGH) – und zwischenzeitlich drei verschiedene Gratiszeitungen in Köln. Schlussendlich, im Jahr 2001, entschied Schibsted, genug Geld verbrannt zu haben und zog sich aus dem deutschen Markt zurück, noch bevor der BGH über den angeblich „sittenwidrigen Vernichtungswettbewerb“ entscheiden konnte. Den Zeitungskrieg entschied Springer für sich. Nach dem Sieg der Norweger im Anzeigenkrieg steht es gewissermaßen 1:1.

Was wird nun aus Ebay?

Wie das Spiel für deutsche Schnäppchenjäger ausgeht, ist offen. Ebay musste sein Kleinanzeigengeschäft auch deshalb loswerden, weil seine Investoren auf eine Rückkehr zum Kerngeschäft drängen. Ausgerechnet bei Auktionen, wo das amerikanische Unternehmen mit Größen wie Amazon konkurriert, soll Ebay wieder groß werden. Das kommt vor allem für die deutsche Sparte zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.

Noch im vergangenen Jahr sagte Ebay-Deutschland-Chef Eben Sermon dem „Handelsblatt“, er wolle „Ebay und Ebay Kleinanzeigen immer enger zusammenbringen und so den lokalen und den globalen Handel noch nahtloser verzahnen.“ Mit diesen Synergien ist es erst mal vorbei. Wer seinen alten Krempel in Zukunft loswerden will, muss sich entscheiden: Verkaufe ich bei Ebay? Oder doch lieber bei einem norwegischen Verlag?

Millionenschwere Finanzierung für Marktforschungs-Start-up Quantilope

Peter Aschmoneits Unternehmen kann dank einer kräftigen Finanzspritze die Expansion angehen – auch am US-Markt. Ziel des Gründers ist ein Börsengang.

Marktforschung ist die Voraussetzung für den Erfolg von Markenprodukten – und zugleich ist Marktforschung selbst ein Geschäft. Peter Aschmoneit gehört zu denjenigen, die das verstanden haben. Der Mitgründer des Hamburger Marktforschungs-Start-ups Quantilope erhält nun in einer neuen Finanzierungsrunde gut 24 Millionen Euro für die weitere Expansion. „Das ist ein großer Schritt für die Hamburger Start-up-Szene und eine der größten Runden in der Marktforschung überhaupt“, sagte der 46-Jährige im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Ziel von Quantilope ist, quantitative Marktforschung zu automatisieren – also die Ermittlung von Kundenwünschen, Zahlungsbereitschaften und Markenimage durch Umfragen. Das sechs Jahre alte Unternehmen verspricht Marketing-Leuten, dass sie komplexe Umfragen schnell mit der Software erstellen, an Befragten-Panels geben und auswerten können.

Damit soll Marktforschung statt mehrerer Wochen nur wenige Tage dauern. Unternehmen können so etwa testen, welche Verpackung am besten ankommt, wie potenzielle Käufer die Rücklichter eines Autos wünschen oder was der optimale Preis für ein Produkt ist.

„Wir investieren in Technologie, um ein Betriebssystem für die Marktforschung zu schaffen“, sagt Aschmoneit. 2018 zeichnete der Fachkongress „Planung & Analyse“ Quantilope als „Newcomer des Jahres“ aus. Wertvoll sei, dass das junge Unternehmen Wert auf statistische Methoden setze, lobte die Jury. Der Gründer kennt sich in dem Bereich gut aus. Nach der Marketing-Promotion in St. Gallen fing Aschmoneit erst bei Unilever an und verantwortete später das Marketing von Danone in mehreren nordeuropäischen Ländern. Anschließend wechselte er als Marketingchef zum Gewürzhersteller Fuchs.

Mit Quantilope, das er zusammen mit zwei Informatikern gründete, hegt Aschmoneit große Pläne. Sein Ziel ist ein Börsengang – ob in Deutschland oder den USA, ist noch offen. In knapp vier Jahren könnte das Unternehmen so weit sein, schätzt der Gründer. Eine weitere Finanzierungsrunde sei dafür in knapp zwei Jahren nötig. Hauptinvestor der aktuellen Runde ist der B2B-Digitalinvestor Digital+ Partners. Die Münchener verfügen aktuell über 350 Millionen Euro Fondsvolumen.
Ambitionen in New York

„Vor allem die Kombination aus einem exzellenten Managementteam mit starker fachlicher Kompetenz und einer ausgereiften Technologieplattform hat uns überzeugt“, teilte Thomas Jetter, Partner bei Digital+, mit. Eine Kreditfinanzierung sichert zudem die Silicon Valley Bank, die sich zunehmend in Deutschland engagiert. Auch Bestandsinvestoren wie Dawn Capital aus London legen nach.

Mit dem frischen Geld will Aschmoneit die Zahl der Mitarbeiter auf knapp 250 verdoppeln. Bislang arbeiten die meisten in Hamburg. Hinzu kommen zehn Entwickler in der litauischen Hauptstadt Vilnius mit ihrer lebendigen IT-Szene.

Mit den bisherigen, gut zehn Millionen Euro umfassenden Investorengeldern hat Aschmoneit bereits ein Büro in New York eröffnet, das ebenfalls kräftig wachsen soll. „Wir wollen in den USA richtig durchstarten. Schließlich macht das Land die Hälfte des Weltmarkts für Marktforschung aus“, sagt Aschmoneit.

Die relativ große Finanzierungsrunde ist auch eine positive Nachricht für den Start-up-Standort Hamburg, der in diesem Punkt zuletzt deutlich gegenüber Berlin und München zurückgefallen ist. 2019 sind laut EY noch 254 Millionen Euro in die Hansestadt geflossen – nur ein Fünfzehntel der Berliner Summe.

Zukunft von Rundfunk-Institut bleibt offen

Die Zukunft des Instituts für Rundfunktechnik (IRT) der öffentlich-rechtlichen Sender ist weiter unklar. Auf einer Gesellschafterversammlung am Donnerstag gab es noch keine abschließende Entscheidung. Das Forschungszentrum in München teilte am späteren Abend nach der Sitzung mit: „In einem engen Zeitraum wird weiterhin mit Hochdruck an der Möglichkeit einer Fortführung gearbeitet. Der Ausgang ist offen.“

Hintergrund der unsicheren Zukunft des Instituts und das drohende Aus sind Kündigungen der Gesellschafter, angefangen mit dem ZDF im Dezember 2019. Danach folgten weitere. Nach Institutsangaben kündigten alle Sender im Dezember ihr Gesellschafterverhältnis auf. Die Frist läuft Ende des Jahres ab.

Die 14 Gesellschafter sind: In Deutschland die öffentlich-rechtlichen Sender von ARD, ZDF, Deutschlandradio und Deutsche Welle, sowie ORF in Österreich und SRG in der Schweiz. Das IRT wurde 1956 gegründet. Das als GmbH geführte Institut forscht zu Rundfunk- und Medientechnik. Rund 100 Mitarbeiter sind am IRT beschäftigt, darunter viele Ingenieure. Sie entwickeln in Kooperation mit den Gesellschaftern, Industrie und anderen Forschungseinrichtungen technische Lösungen. Zum Beispiel zählen Bereiche wie drahtlose Produktionstechnik oder der Netzstandard der 5. Generation (5G), um etwa Übertragungen zu verbessern, dazu.

Vom ZDF hieß es auf Anfrage am Donnerstagnachmittag: „Wir haben im ZDF schon seit langem die Auffassung, dass das IRT nicht wie bisher weiter betrieben, sondern in einen großen Forschungsverbund integriert werden sollte.“ Diese Position sei allen Gesellschaftern und dem IRT seit langem bekannt gewesen. „Diese Integration ist jedoch trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen. Nachdem dies deutlich wurde, hat das ZDF sich entschlossen, seine Mitgliedschaft zu kündigen.“

In den vergangenen Jahren geriet das Forschungszentrum wegen eines Patentstreits in die Schlagzeilen, der vor Gericht mit einem Vergleich und Schadenersatz in Millionenhöhe endete. Die Vorwürfe hatten sich gegen einen Patentanwalt, der das Institut beraten hatte, gerichtet: Er soll in die eigene Tasche gewirtschaftet und das Institut um Patenterlöse in Millionenhöhe gebracht haben.

EU fordert Mitgliedstaaten auf, journalistische Vielfalt zu schützen

Das European University Institute, die gemeinsame Lehr- und Forschungseinrichtung der EU in Florenz, hat den aktuellen Media Pluralism Monitor vorgelegt, eine Studie über den Stand von Pressefreiheit und Pluralismus in den Medien, die jedes Jahr erscheint. Die Studie wird mit Mitteln der EU finanziert.

Die Studie bestätigt Tendenzen, auf die in den vergangenen Jahren oft hingewiesen wurde: Journalisten werden mehr und mehr bedroht, auch von Politikern. Frauen seien besonders betroffen von Drohungen und Belästigungen. Auch habe es in jüngster Vergangenheit mehrere tödliche Anschläge auf Journalisten gegeben, wie etwa 2018 auf Ján Kuciak and Martina Kušnírová in der Slowakei und 2019 auf Lyra McKee in Nordirland.

Die ökonomische Lage des Nachrichtengeschäfts ist laut der Studie in allen europäischen Mitgliedstaaten schlecht. Der Einfluss großer digitaler Konzerne, vor allem Facebook und Google, darauf, welche Artikel von einem großen Publikum gelesen werden, steigt. Sie erhalten laut der Studie auch den größten Anteil von Werbeeinnahmen, die so nicht mehr bei den Medienunternehmen selbst ankommen. Die Wirtschaftlichkeit von Online-Nachrichten habe sich jedoch in manchen Märkten leicht verbessert. Das deute darauf hin, dass traditionelle Medien der Digitalisierung doch standhalten können oder dass es mittlerweile alternative Geschäftsmodelle für Online-Nachrichtenmedien gebe.

Die Vielfalt der europäischen Medienlandschaft sei „extrem gefährdet“, sagte die EU-Kommissarin für Werte und Transparenz, Věra Jourová, am Donnerstag in einer Pressekonferenz per Videoschalte. Sie forderte die Mitgliedstaaten auf, gesetzgeberische Maßnahmen zur Unterstützung des Journalismus zu treffen. Wie genau diese aussehen könnten, ließ sie offen. Eine allzu direkte staatliche Förderung von journalistischen Institutionen ist hoch umstritten, weil sie mit dem Versuch politischer Einflussnahme einhergehen könnte. Gerade ihre schwierige ökonomische Lage aber mache Medienunternehmen ebenfalls anfällig dafür, politischem Druck oder solchem aus der Wirtschaft nachzugeben, sagte Jourová.

Besonders kritisiert die Studie den Zustand der Medien in Ungarn. Die meisten journalistischen Plattformen dort seien politisiert und könnten die Bevölkerung deshalb nicht angemessen informieren. Věra Jourová sprach in der Pressekonferenz eine Warnung an die Mitgliedstaaten aus, dem Beispiel Ungarns zu folgen.

Aktuelle Independent-Games: Jenseits von „Fifa“ und „Fortnite“

Einen Gutteil ihres Umsatzes macht die Computerspielbranche nach wie vor mit Blockbustern wie „Fifa“ oder „Fortnite“. Doch kleine unabhängige Spielestudios erreichen mit ihren „Independent Games“ eine immer größere Käuferschaft. Das hat verschiedene Ursachen: Mehr Distributionskanäle, frei verfügbare Entwicklerwerkzeuge, eine wachsende Zahl von Game-Design-Studiengängen – und natürlich die Tatsache, dass immer mehr Menschen Computerspiele spielen. Denn damit wächst auch die Nachfrage nach neuen Spielerfahrungen, die über Allmachtsfantasien und Adrenalin-Action hinausgehen. „Indie-Games“ bilden die ganze Palette menschlicher Gefühlsregungen ab: Sehnsucht, Melancholie und moralische Zweifel sind nun Teil der Spielerfahrung. Neugier, Kreativität und Experimentierfreude kommen ebenfalls nicht zu kurz. Unsere aktuellen Empfehlungen erstrecken sich über vier Spieleplattformen: Windows-PCs, Konsolen, Mobilgeräte und Virtual-Reality-Brillen.

Viel Auswahl für den PC

Nirgendwo ist die Auswahl an Indie-Games so groß wie auf dem Windows-PC: Download-Plattformen wie Steam, GOG, itch.io oder der Epic Games Store haben Tausende Spiele im Programm, die meisten von ihnen benötigen keinen Hochleistungsrechner. „The Longing“ (Preis: 15 Euro) vom Stuttgarter Studio Seufz hat gerade beim renommierten Zürich Game Festival „Ludicious“ den Innovationspreis gewonnen. Als Diener beaufsichtigen wir einen unterirdischen Palast, während der König 400 Tage schläft, um seine Macht zurückzuerlangen. „The Longing“ lässt uns warten und unsere Sehnsucht fühlen – denn die 400 Tage laufen tatsächlich in Echtzeit ab: Vielleicht auch eine spielerische Metapher auf die Corona-Zeit. „Nimbatus – The Space Drone Constructor“ fordert derweil den Bastlergeist: In dem Schweizer Indie-Game (17 Euro) konstruieren die Spieler aus Hunderten von Einzelteilen komplexe Weltraumdrohnen. Mit denen erkunden sie dann zufallsgenerierte Planeten, bauen Ressourcen ab und überstehen allerlei brenzlige Situationen.

Die Erforschung unbekannter Gefilde ist auch eines der Themen von „Curious Expedition 2“. Das Berliner Studio Maschinen-Mensch mischt in der Fortsetzung seines Überraschungshits von 2016 bewusst trashige Entdecker-Klischees mit Strategieherausforderungen und einer Atmosphäre, die an Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ erinnert. Im 19. Jahrhundert stellen die Spieler aus berühmten Mitgliedern eines „Explorers Club“ (Amelia Earhart, Charles Darwin etc.) ein Expeditionsteam zusammen, um mysteriöse Inseln im Atlantik zu erforschen, Schätze zu heben und Geheimnisse zu lüften. Die Macher des Spiels sind sich der Imperialismus-Problematik durchaus bewusst: Immer wieder scheint das doch sehr fragwürdige Selbstverständnis der Expeditionsteilnehmer durch. „Curious Expedition“ befindet sich noch in der Entwicklung, ist aber im „Early Access“ auf Steam verfügbar (Preis: 17 Euro). Ein Fest für Fans von Retro-Pixelästhetik ist „VirtuaVerse“ (15 Euro). Das Point-and-Click-Adventure stellt seine Nutzer vor Logikrätsel und Kombinationsaufgaben, das Science-Fiction-Setting erinnert an Klassiker des Cyberpunk wie „Neuromancer“ oder „Bladerunner“. Ebenfalls gerätselt werden darf in „LIT: Bend the Light“ (Preis: fünf Euro): In dem kompakten Erstlingswerk des Berliner Studios Copperglass muss ein Lichtstrahl durch dunkle Labyrinthe gelenkt werden, indem Spiegel und Glasstücke neu positioniert werden – spannend! (Auf humblebundle.com ist noch bis Ende Juli das günstige Spiele-Rabattpaket „Summer Adventure Games“ zu haben: Je nach Preisstufe enthält das Paket so lohnende Titel wie „The Walking Dead“, „Batman – The Telltale Series“ und „Heaven’s Vault“.)

Von Playstation bis Switch

Auch auf den Spielkonsolen Playstation 4, Xbox One und Nintendo Switch gibt es mittlerweile eine riesige Auswahl an Indie-Games. Eines der schönsten Indie-Spiele der letzten Monate ist „Ori and the Will of Wisps“ (Xbox One, PC; 30 Euro). Als Waldgeist Ori springen, klettern, gleiten und schwimmen die Spieler durch verwunschene Landschaften, bekämpfen riesige Gegner und helfen der kleinen Eule Ku, ihre Familie wiederzufinden. Ein ästhetischer Hochgenuss ist auch „In Other Waters“ (Switch, PC; 15 Euro). Als Künstliche Intelligenz unterstützen die Gamer darin einen Astronauten, der einen wasserbedeckten Alien-Planeten erkundet. Sehr sportlich geht es in „Lonely Mountains: Downhill“ zu. In der Mountainbike-Simulation lassen sich abwechslungsreiche Strecken ohne Zeitdruck nach Abkürzungen untersuchen, bevor der Wettlauf mit der Zeit beginnt. Das packende Rennspiel des Berliner Studios Megagon Industries ist inzwischen auf PS4, Xbox One, Switch und PC erhältlich (20 Euro).

Für Smartphones und Tablets

Gaming-Apps gibt es wie Sand am Meer, viele davon nerven mit Mikrotransaktionen und öden Spielmechaniken. „If Found …“ (iOS, PC; elf Euro) hebt sich durch seine außergewöhnliche Story und sensible, poetische Inszenierung von der Masse ab: Als Spieler begleiten wir die Mittzwanzigerin Kasio bei der Suche nach der eigenen Identität, indem Tagebucheinträge per Radiergummi gelöscht werden.

Das knallbunte „Vectronom“ (iOS, PC) setzt auf packende Rhythmen und Hinderniskurse. Die PC-Version kostet zehn Euro, die iOS-Version ist bis zum neunten Level gratis. „Little Orpheus“ ist ein wunderschönes Jump-and-Run- Game und Teil des Abo-Angebots Apple Arcade: Darin werden die Geheimnisse am Mittelpunkt der Erde erforscht. Außerdem empfehlenswert: Das Ameisen-Strategiespiel „Pocket Ants: Colony Simulator“ (Android) und „Transport It! – Idle Tycoon“, ein kurzweiliges Logistikspiel (iOS, Android). Beide Spiele finanzieren sich über In-App-Käufe. „KIDS“ ist weniger ein herkömmliches Spiel als vielmehr Versuchsanordnung und Denkanstoß: Per Fingerwisch lenkt man strömende, abstrakte Menschenmassen (Android, iOS, PC; drei Euro).

Spiele für die VR-Brille

VR-Brillen lassen ihre Nutzer tief ins Spielgeschehen eintauchen, sind aber – aufgrund der Hardware-Kosten – noch ein Nischenmarkt. Allerdings ist mit der „Oculus Quest“ mittlerweile eine VR-Brille auf dem Markt, die mit 450 Euro vergleichsweise günstig ist – und sich zudem komplett kabellos nutzen lässt. „Premium Bowling“ (20 Euro), das auf der Quest und anderen VR-Brillen läuft, macht mit seiner Hochglanz-Inszenierung richtig Spaß. Ebenfalls zu empfehlen ist „The Line“ (Quest; fünf Euro), eine anrührende Liebesgeschichte im Brasilien der 1940er Jahre. Auch der animierte VR-Film „Gloomy Eyes“ (Quest; acht Euro) ist eine Liebesgeschichte, die atmosphärisch an Tim-Burton-Filme erinnert.

Mediengesetz in der Ukraine: Alles voller Verbote

Ukrainische Journalisten warnen vor einem geplanten anti-russischen Mediengesetz, das dem Parlament in Kiew derzeit als Entwurf vorliegt. Das Gesetz kommt von führenden Abgeordneten der Regierungspartei „Diener des Volkes“ und soll vorgeblich Redefreiheit, vielseitige Informationen und Pluralismus sowie den Schutz der nationalen Interessen der Ukraine und der Mediennutzer gewährleisten. Insgesamt indes ist im Gesetzestext mehr von Verboten als von Rechten zu lesen.

So sollen Angebote verboten werden, die „Organe des Aggressor-Staates (der Besatzungsmacht), seine Beamten, Personen und Organisationen, die vom Aggressor-Staat kontrolliert werden, populär machen oder sie propagieren“. Dass mit diesem Begriff implizit Russland gemeint ist, versteht sich im ukrainischen Kontext von selbst. Jede Rechtfertigung einer bewaffneten Aggression und der Annexion ukrainischen Gebietes sollen genauso verboten werden wie deren Leugnung.

Verboten werden sollen auch die Verbreitung „unwahrer Materialien über die bewaffnete Aggression und Handlungen des Aggressor-Staates“ sowie jede „positive Darstellung des Agierens von Organen des Aggressor-Staates“.

Staatliche Medienpolitik solle vielmehr geprägt sein von der Förderung glaubhafter und ausgewogener Informationen, politischem Pluralismus, dem Schutz der ukrai­nischen Staatssprache, dem Schutz vor einem „schädlichen Einfluss von Informationen“. Kostenpflichtige Angebote zur Volks- oder Alternativmedizin sollen ebenso verboten werden wie Rechtfertigung von Verbrechen des Nationalsozialismus und des kommunistischen totalitären Regimes von 1917 bis 1991.

Das neue Gesetz will das Russische weiter aus dem öffentlichen Raum verdrängen. So müssten künftig landesweite Sender zwischen 7 und 23 Uhr zu 90 Prozent in ukrainischer Sprache senden, regionale Sender zu 80 Prozent. Über die Einhaltung all dieser Verbote und Vorschriften soll der achtköpfige Nationale Rundfunk- und Fernsehrat wachen. Dieser Rat vergibt Sendelizenzen und kann bei einem Gericht die Rücknahme der Sendeerlaubnis beantragen. Gleichzeitig wacht er darüber, dass die Medien transparent ihre Besitzverhältnisse öffentlich machen. Vier seiner Mitglieder werden vom Präsidenten ernannt, vier vom Parlament.

Journalisten verschiedener Couleur protestieren

Ein mächtiges Gremium also, das halb vom Präsidenten und zur anderen Hälfte von der Parlamentsmehrheit abhängig ist, soll über heimische Print-, Rundfunk-, Fernseh- und Online Medien entscheiden, Geldstrafen verhängen und Content blockieren können. Ukrainische Journalisten unterschiedlichster Couleur lehnen daher das geplante Gesetz ab.

Diana Duzik vom Ukrainischen Medien- und Kommunikationsinstitut etwa kritisierte gegenüber dem vom US-Kongress finanzierten Radio Svoboda die teils schwammigen Formulierungen im Gesetzentwurf. Aus dem Gesetzestext gehe nicht hervor, was genau als Bedrohung der Informationssicherheit des Landes einzustufen sei. Und Olesja Bazman, Chefredakteurin des Internetportals Gordonua.com, sieht in dem geplanten Medien-Gesetz gar eine gewisse Nähe zu Wladimir Putins Gesetz über ein „souveränes Internet“, wie sie ebenfalls Radio Svoboda sagte. Auch die Möglichkeit, Listen von Inhalten erstellen zu können, deren Publikation Geldstrafen nach sich ziehen, kritisierte sie.

Frühestens im September wird das ukrainische Parlament über den Gesetzentwurf entscheiden. Es ist davon auszugehen, dass angesichts der wachsenden Kritik noch zahlreiche Änderungen vorgenommen werden. Derzeit, sagte Parlamentssprecher Dmitro Rasumkow Anfang der Woche, gebe es im Parlament keine Mehrheit für den Entwurf.

Sicherheitsgesetz für Hongkong in Kritik

Von Journalismus ist in dem neuen Sicherheitsgesetz für Hongkong keine Rede. Zumindest nicht wörtlich. Allerdings können neben subversiven, separatistischen oder terroristischen Aktivitäten „geheime Absprachen“ mit Kräften im Ausland bestraft werden. Als solche Absprachen lassen sich durchaus Gespräche mit ausländischen Journalisten verstehen. Viele von ihnen fürchten seit der überraschenden Implementierung des neuen Gesetzes Ende Juni um die Presse- und Meinungsfreiheit, haben aber auch Angst um ihre persönliche Sicherheit.

Tatsächlich ist das neue Gesetz ein massiver Eingriff in die Souveränität Hongkongs, das 1997 an China zurückgegeben wurde und seitdem nach dem Grundsatz „Ein Land, zwei Systeme“ regiert wurde. In den vergangenen Jahren hat der Druck aus Peking auf ausländische Journalisten und ihre Gesprächspartner bereits zugenommen, ein Tiefpunkt war, als im Oktober 2018 ein Journalist der Financial Times ausgewiesen wurde. Ausländische Journalisten aus Festlandchina, wo die meisten internationalen Medien in der Volksrepublik ihre Büros haben, wurden zudem in den vergangenen Monaten bei der Einreise befragt oder behindert. Zuvor war die Berichterstattung aus Hongkong ohne Journalistenvisum möglich. Nun aber kommt das Sicherheitsgesetz, und viele befürchten, China übernehme mithilfe des Sicherheitsgesetzes bald auch die Kontrolle über die Berichterstattung ausländischer und englischsprachiger Medien.

Das große Problem: Niemand weiß genau, was das neue Gesetz vorschreibt und untersagt. Denn präzise Handlungsanweisungen bleibt Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam schuldig. „Die größte Bedrohung stellt die Unsicherheit dar“, sagt etwa Tom Grundy von der Onlinezeitung Hong Kong Free Press (HKFP), einer der verlässlichsten Quellen über Hongkong für das Ausland. „Wir kriegen keine Antwort darauf, wen wir interviewen dürfen, ob wir verbotene Slogans zensieren müssen oder welche Fragen wir überhaupt stellen dürfen.“ Ähnlich ratlos zeigt sich Jodi Schneider, Präsidentin des Foreign Correspondents‘ Clubs (FCC), einer Vereinigung ausländischer Journalisten in Hongkong. In mehreren Briefen an Regierungschefin Carrie Lam versucht Schneider Klarheit darüber zu gewinnen, was das Sicherheitsgesetz für Journalisten genau bedeutet. Aber die Antworten fallen, wenn sie überhaupt erfolgen, vage aus.

Vergangene Woche, als das neue Gesetz bereits in Kraft war, haben Hongkongs Behörden einem Reporter der New York Times ohne Begründung die Arbeitserlaubnis verweigert. Chris Buckley, langjähriger Korrespondent der Zeitung, war zuvor bereits von Festlandchina ausgewiesen worden. Nun, mit Inkrafttreten des Sicherheitsgesetzes für Hongkong, darf er auch dort nicht mehr arbeiten. Die Journalistenorganisation Committee to Protect Journalists (CPI) sieht darin einen Verstoß gegen die Pressefreiheit. Und die Sperre hat Folgen: Die New York Times will künftig Teile ihres Büroteams aus Hongkong abziehen und ins südkoreanische Seoul verlagern. Das Wall Street Journal und die Washington Post erwägen ähnliche Schritte. Aber wie sollen Reporter adäquat über ein Land berichten, wenn sie nicht vor Ort sind? „Der FCC ist tief besorgt darüber, dass das Sicherheitsgesetz die Visavergabe an ausländische Journalisten in Hongkong beeinträchtigen könnte, und wird die Regierung weiterhin drängen, darauf Antworten zu geben“, sagt FCC-Präsidentin Schneider.

Denn je unklarer die Lage, desto größer wird die Angst vor Selbstzensur. Reporter berichten von Quellen, die sich seit Inkrafttreten des Gesetzes nicht mehr äußern wollen. Und auch die Journalisten selbst werden vorsichtiger. Tom Grundy zufolge bleibt die eigene Berichterstattung von den Zugriffen der Behörden zwar noch unangetastet. Allerdings könne es das Gesetz zulassen, so der Brite, dass Journalisten Informationen aus dem Internet entfernen müssen oder die Behörden schlussendlich das Internet blockieren könnten. Also verschlüsselt Grundys Team Quellen und Kommunikation stärker als zuvor und hat sich außerdem offen zu Geld- und Haftstrafen bereit erklärt, um die Pressefreiheit zu verteidigen, sollte die Regierung Computer oder sonstige Arbeitsgeräte beschlagnahmen wollen. Als oberstes Ziel hat sich Grundy vorgenommen, dass sein Nachrichtenportal online bleibt. Sollte das jedoch nicht mehr möglich sein oder die Arbeitsbedingungen zu sehr den sehr eingeschränkten auf dem chinesischen Festland ähneln, dann würde auch das HKFP-Team Hongkong verlassen. „Wer weiß, was passieren wird?“, so Grundy. „Aber dieses Gesetz erlaubt alles.“

MAD: Seltsame Reichweiten-Explosion

Die Auswirkungen der Corona-Krise sind in den aktuellen Daten der Print-MA und der Zeitungs-MA nicht berücksichtigt, denn die neuesten Befragungsdaten, die in die heutigen Zahlen eingeflossen sind, stammen aus dem Februar. Zwischenzeitlich hatte die AGMA ja in einer Zwischenauswertung schon mitgeteilt, dass man eine deutlich steigende Nutzung von Print-Titeln während der Corona-Wochen sah – etwas, das sich durch die gestern veröffentlichten IVW-Zahlen, die die tatsächlichen Verkäufe wiedergeben statt wie die MA auf Umfragen zu basieren, überhaupt nicht widerspiegelte.

Doch für noch mehr Kopfschütteln sorgen nun die neuesten MA-Daten, die diesen angeblichen Corona-Effekt ja noch gar nicht enthalten, aber trotzdem teils bizarre Reichweitensteigerungen für Zeitschriften und Zeitungen enthalten, deren tatsächliche Auflagen seit Jahren deutlich schrumpfen. Der „Spiegel“ etwa soll die Zahl seiner Leser um satte 12,9 Prozent oder 600.000 auf 5,26 Millionen Leser pro Ausgabe ausgebaut haben (bei einer tatsächlichen Auflage von zuletzt 650.000 übrigens). Für den „Stern“ ermittelt die AGMA gar eine Reichweite von 5,51 Millionen Lesern – obwohl die tatsächlich verbreitete Auflage zuletzt bei unter 400.000 lag.

Und dabei handelt es sich nicht um einzelne Ausreißer, für 95 der ausgewiesenen Zeitschriften gab’s steigende Reichweiten, nur bei 47 wurden rückläufige Leserzahlen ermittelt. Hier noch einige besonders fragwürdige Reichweiten-Entwicklungen: Die „Wirtschaftswoche“ hat laut MA ihre Leserzahl um 37 Prozent gesteigert. Für „Audio Video Foto Bild“ ging’s um sagenhafte 32 Prozent nach oben, obwohl die tatsächliche Auflage etwa im 1. Quartal um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen war.

Anscheinend hat sich die Entwicklung der durch die AGMA ermittelten Reichweiten bei vielen Titeln völlig von der verkauften Auflage abgekoppelt. Das ist um so bedauerlicher, weil ja ein erheblicher Aufwand für die Ermittlung dieser Zahlen betrieben wird: Ausgewertet werden Befragungen von 80.000 Menschen. Die ohnehin angeschlagene Glaubwürdigkeit steigt durch teils äußerst bizarre Ergebnisse wie diesmal aber sicher nicht. Immerhin: Für den größten Leser-Gewinner und den größten Leser-Verlierer gibt’s eine einleuchtende Erklärung: Prisma gewann 880.000 Zuschauer hinzu, rtv verlor fast eine Million. Hier spiegelt sich der Supplement-Wechsel einiger Verlage Ende 2018/Anfang 2019 nun aus.

Bei den Tageszeitungen befindet sich die Reichweite der „Bild“ weiterhin im Sinkflug, um 8,7 Prozent schrumpft die Leserzahl laut Zeitungs-MA 2020 im Vergleich zum Vorjahr (die Werte werden anders als bei Zeitschriften hier nur einmal im Jahr ermittelt). Während sich hier die rückläufigen Auflagen widerspiegeln, lassen sich die massiven Gewinne von „FAZ“ (+15,7 Prozent) oder „Handelsblatt (+15,6 Prozent) überhaupt nicht erklären. Die „Welt“, einer der größten Verlierer der letzten Jahre in der IVW, bekommt gar ein Reichweiten-Plus von 27,1 Prozent bescheinigt. Und die „taz“ soll plötzlich rund ein Drittel mehr Print-Leser haben als noch ein Jahr zuvor. Wer’s glaubt…

IRT: Ein Institut wird zum Millionen-Desaster der ARD

Wenn langjährige Chefs auf eigenen Wunsch gehen, wird es meist harmonisch. So war es auch am vorigen Donnerstag im Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks (BR). Da tat Intendant Ulrich Wilhelm, 59, den 50 Mitgliedern kund, warum er im nächsten Februar nach zehn Jahren ausscheiden wird. Die Kurzfassung: Er habe der ARD-Anstalt „quälende Übergangsprozesse“ sowie „Mehltau“ und Verkrustungen“ ersparen wollen. Zwei Amtsperioden seien genug.

Es handelt sich um eine der schillerndsten Karrieren im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Durchgängig positiv fällt der Blick auf die Bilanz des einstigen Regierungssprechers von Edmund Stoiber (CSU) in München und von Angela Merkel (CDU) in Berlin aus. Doch bei seinem Auftritt erwähnte der scheidende Intendant selbst ein noch ungelöstes Wilhelm-Problem in der ARD, eine tickende Zeitbombe mit einer möglichen Finanzlücke von wohl weit über 40 Millionen Euro. Zuständig: der Münchener Sender BR.

Es geht um eine langjährige technologische Perle, um eine Art Erfinderwerkstatt, die etwa an der Entwicklung der Technik für MP3-Player (MPEG-Verfahren) beteiligt war und Audiostandards mitgestaltet hat. Dafür hatte das Institut für Rundfunktechnik (IRT), das auf dem Gelände des TV-Trakts des BR im Vorort Freimann angesiedelt ist, zahlreiche Preise erhalten.

Nun aber droht dem Institut zum Jahresende das Aus: Alle 14 Gesellschafter der IRT GmbH haben die Verträge aufgekündigt – die neun ARD-Anstalten, das ZDF, die Schweizer SRG, der ORF aus Wien sowie Deutschlandradio und Deutsche Welle. Finanzskandale und Führungsprobleme haben das so hoch gelobte Institut außer Tritt gebracht. Das IRT ist nicht mehr zu retten, es werde abgewickelt, sagt ein Insider.

ARD-Manager sieht Mitschuld bei Wilhelm

Immer war klar: Wenn bis Ende Juli keine Auffangalternative gefunden wird, kommt die Auflösung. Das sei ein Beispiel „organisierter Verantwortungslosigkeit“, klagt ein ARD-Manager. Wilhelm gebe dabei keine gute Figur ab.

Im Kreis der ARD war abgesprochen, dass sich der BR um alles kümmert. Nach seinem Start in München war Intendant Wilhelm immerhin sogar vier Jahre lang Sprecher der Gesellschafterversammlung des Technikinstituts. Dann übergab er 2016 plötzlich an Birgit Spanner-Ulmer, die Technische Direktorin des BR.

Es war das Jahr, in dem später klar wurde, dass das IRT und die ARD von den vielen schönen anfallenden Patenterlösen kaum etwas sahen. Man hatte das Inkasso einem Patentanwalt übertragen, ohne sich offenbar um Details zu scheren. Erst in einem außergerichtlichen Vergleich zahlte der ehemalige IRT-Mitarbeiter 60 Millionen Euro von 200 Millionen, die die Gesellschafter gefordert hatten.

Von der ebenfalls aktiven Patentverwertungsgesellschaft Sisvel aus Italien sahen die öffentlich-rechtlichen Sender bisher nichts, gefordert wurden 280 Millionen Euro. Das Landgericht Mannheim urteilte, das IRT habe nun mal auf einer pauschalen Vergütung bestanden – und nicht auf einer prozentualen. Dann wären die Millionen nur so geflossen. Vor dem OLG Karlsruhe und dem LG Turin, wo die Sache weiter anhängig ist, dürften die IRT-Teilhaber einen schweren Stand haben. Der BR erklärt, man habe Risiken auslagern und „feste Einnahmegrößen“ erzielen wollen.

Wilhelm bestreitet Informationen, wonach er schon 2015 im Rahmen einer USA-Reise durch den damaligen IRT-Chef vom Problemstau erfahren habe und deshalb als Chefaufseher ausgeschieden sei. Vielmehr hätten ja auch vorher Technik-Verantwortliche des BR die Funktion wahrgenommen.

BR sieht sich als „Sitzanstalt“

Im Kreis der ARD-Intendanten kam zuletzt der Verdacht auf, Wilhelm wolle sich aus der Verantwortung stehlen. Intern bestritt er sogar beharrlich, dass der BR die „federführende Anstalt“ in Sachen IRT sei – obwohl in den Wirtschaftsplänen der ARD für solche Gemeinschaftseinrichtungen („GSEA“) just der BR als solche geführt wird.

Auf Anfrage verweist der BR auf das GmbH-Gesetz. Es lasse für eine „Federführung“ im ARD-Sprachgebrauch, wie sie bei rechtlich unselbstständigen Gemeinschaftseinrichtungen festgelegt sei, beim rechtlich selbstständigen IRT „in der Tat keinen Raum“. Auf diese Rechtslage habe der Intendant hingewiesen. Man sieht sich hier als „Sitzanstalt“.

Aufgrund der fortgesetzten Zwistigkeiten und juristischen Haarspaltereien zeichnete sich weiteres Ungemach ab. Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter (Personalstand 2019: 117,5 Stellen) haben Pensionsansprüche von 120 Millionen Euro angehäuft. Dafür finden sich aber in der Bilanz nur 80 Millionen an Rückstellungen.

Zudem fordern ehemalige Mitarbeiter offenbar noch insgesamt rund neun Millionen Euro für Erfindervergütungen. Das ist Teil einer Dienstvereinbarung. Auch das hatte der BR am Ortsstand München nicht besser regeln können.

Das finale Desaster bei der IRT ausgelöst hatte das ZDF mit seiner Kündigung im Dezember 2019. Wilhelm, damals ARD-Vorsitzender, gelang es daraufhin nicht, wenigstens die eigene Herde zusammenzuhalten. Nachdem sich juristische Lösungen inklusive Satzungsänderungen zerschlugen hatten, kündigte jede ARD-Anstalt – der BR vorneweg.

Es sind solche Episoden, die Wilhelm im Kreis der anderen acht ARD-Intendanten zunehmend isoliert haben. Allgemein ist man in diesem Kreis inzwischen per Du – nur der Kollege aus München wird gesiezt. Wiederholt stimmte Wilhelm als Einziger gegen den Block der anderen.

Krisenmanagement gefragt

Zuletzt büxte er sogar aus, als die Vergabe einer Kulturplattform nach Sachsen-Anhalt beschlossen wurde. Sie soll es dem dortigen Landtag erleichtern, trotz Bedenken noch der Erhöhung des Rundfunkbeitrags der Bürger von 17,50 auf 18,36 Euro monatlich zuzustimmen.

In München beim IRT muss Intendant Wilhelm jetzt hartes Krisenmanagement leisten. Zur ungeliebten „Federführung“ ist er quasi gezwungen. So empfindet es die CSU-Politikerin und Landtagspräsidentin Ilse Aigner als enorm wichtig, dass nicht jede ARD-Anstalt ihre eigene Entwicklungsabteilung betreibt, sondern dass man die Kräfte bündelt. Aigner steht dem Verwaltungsrat des BR vor. Zudem ist das IRT für bayerische Politiker ein Standortfaktor gewesen.

Verhandelt wurde in diesen Tagen mit Betriebsräten und der Gewerkschaft Verdi über eine Halbierung des Personals auf rund 50 Kräfte. Inhaltlich sollte sich das IRT dabei auf die wichtigsten Themen konzentrieren. Die letzte Entscheidung fällt am heutigen Donnerstag in der Gesellschafterversammlung. Die ARD-Chefs und ihre Mitstreiter sind zur Schaltkonferenz verabredet.

Der BR gehöre „zum Kreis der fortführungswilligen Gesellschafter, die das IRT in kleinerer Form mit einem fokussierten Aufgabenspektrum fortsetzen wollen“, kommentiert ein Sprecher. Doch von schäumender Begeisterung der übrig gebliebenen Gesellschafter kann keine Rede sein.

Die Funkhäuser müssen überall sparen und scheuen deshalb neue Verpflichtungen. Bisher stützen sie mit 11,6 Millionen Euro jährlich per Umlage den IRT-Betrieb, 70 Prozent des Etats. Einige Sendervertreter brachten offen hervor, im Falle eines Falles lieber am Markt zukaufen zu wollen.

ZDF-Beteiligung kann teuer werden

Er persönlich versuche, das Szenario einer Auflösung des IRT zu vermeiden, sagte Wilhelm im Rundfunkrat: „Das kann unser Haus aber nicht aus eigener Kraft einlösen, wir brauchen hier ein Mindestmaß an Anstalten, die bereit sind, das IRT in die Zukunft zu führen.“ Er spricht von einer „kritischen Größe“. Dazu kam es nicht.

Immer wieder telefonierten die Chefs der 14 Gesellschafter diese Woche miteinander. Der Druck stieg, es steht zu viel auf dem Spiel. Denn auch das Aussteigen aus dem Institut – so, wie es das ZDF (Budgetanteil: 14,4 Prozent) plant – ist nicht ganz einfach. Jeder ausscheidende Gesellschafter soll sich angemessen an den Kosten beteiligen.

Es geht um Restrukturierungsaufwand, die Altersvorsorge der Mitarbeiter und eine zusätzliche Sonderzahlung. Sie orientiert sich an den Kosten, die bei einer vollständigen Liquidation entstanden wären. Diese Summe soll zuletzt um 50 Prozent auf 30 Millionen gestiegen sein.

Der gelernte Jurist und Journalist Wilhelm, der das Handwerk beim BR erlernt hat, schaffte es nicht, die Blamage zu vermeiden. Seit geraumer Zeit hat er sich immer stärker um seine Lieblingsvision einer digitalen europäischen Plattform gekümmert, die es mit den Online-Monopolen aus China und den USA aufnimmt.

Er leitet mit Henning Kagermann von der Akademie Acatech eine Projektgruppe, die unter dem Schutzschirm der Bundesregierung erste Konzepte entwickelte. Das Ziel: eine „European Public Sphere“.

Eine gestandene Technikschmiede wie IRT hätte dazu passen können.

So verdienen Medien Geld mit ihren Fans

Seit zehn Jahren verfolgt Christian Hinkelmann die Details des Hamburger Nahverkehrs. Seine Website ist ein beeindruckendes Archiv von längst verworfenen Stadtbahn-Ideen, Fahrplanwechseln und Verkehrssenatoren. „Das Projekt wurde mit der Zeit immer größer. Es gibt tägliche Leser in den Verkehrsbetrieben, der Lokalpolitik und unter Nahverkehrsnutzern“, sagt Hinkelmann.

Trotzdem blieb Nahverkehr-Hamburg.de ein Liebhaberprojekt ohne große Einnahmen, das der Journalist nach Feierabend pflegte – bis vor einem Jahr. „Es war schwer, ein Bezahlmodell zu finden. Daher ist Steady für mich ein großer Sprung.“

Steady ist ein deutscher Anbieter einer solchen Bezahllösung. Anfangs setzte Hinkelmann auf freiwillige Mitgliedschaft. „Es gab am Anfang einen Solidaritätshype von Stammlesern – doch deren Zahl war endlich“, sagt er. Schrittweise setzt der Hamburger daher immer mehr Texte hinter die Bezahlschranke. „Erst seitdem funktioniert das wirklich.“

Hinkelmann ist im kleinen Rahmen gelungen, womit kleine und große Medienkonzerne ringen. Gerade in der Coronakrise müssen Verlage und TV-Konzerne wegbrechende Werbeeinnahmen durch Abo-Verkäufe ausgleichen.

Doch die „Subscription Fatigue“, die Abo-Müdigkeit, wächst mit jedem Anbieter, der Geld für seine Inhalte verlangt. Allein in den USA sind binnen eines Jahres vier TV-Streamingdienste mit Bezahloption gestartet – Disney+, Quibi, HBO Max und Peacock.

Besonders schwer haben es ambitionierte Projekte, die ohne etablierte Marke und Fangemeinde starten. Quibi, das sich mit hochwertigen Kurzfilmen mit Superstar-Aufgebot zwischen Netflix und Youtube positionieren will, steckt schon kurz nach seinem Start in Problemen: Das mit 1,8 Milliarden Dollar Investorenkapital ausgestattete Start-up von Dreamworks-Gründer Jeffrey Katzenberg und Ex-HP-Chefin Meg Whitman hat laut einer Studie der App-Analysefirma Sensor Tower nach drei Monaten kostenloser Testphase neun von zehn Abonnenten bereits wieder verloren.

Auch der US-Dienst Luminary, der sich als Netflix für Podcasts positionieren will, kann sich gegen die Masse an kostenlosen, hochwertigen Podcasts bei Spotify oder Apple kaum durchsetzen – trotz exklusiver Podcasts mit Stars wie Daily-Show-Moderator Trevor Noah.

Gerade einmal 80.000 Abonnenten soll das im April 2019 gestartete Luminary nach einem Jahr haben und bei 500.000 Dollar Umsatz jeden Monat vier Millionen Dollar Verlust machen.

Die mit viel Geld und Starpower gestarteten Anbieter straucheln. Ein bisschen besser als die Masse an kostenlosen Inhalten im Internet zu sein reicht offenbar nicht – dazu bieten Youtube, Spotify und Nachrichtenseiten zu viele hochwertige Inhalte Aber wie kann sich ein neues Medienunternehmen dann überhaupt finanzieren?

Mitglieder statt Abonnenten

Der Kopf hinter Steady ist ein Journalist: Gabriel Yoran hat die Bezahllösung aus dem Webmagazin „Krautreporter“ heraus entwickelt. Gut 800 Websites und Podcasts sind inzwischen dabei, im Monat zahlen knapp 75.000 aktive Mitglieder 430.000 Euro über Steady.

Die Karikaturisten Ralph Ruthe und Joscha Sauer („Nicht Lustig“) sind darunter, auch das Medienblog „Übermedien“. Steady übernimmt das Geldeintreiben und die Technik für das Bezahlmodell.

Die Beziehung zwischen Abonnenten und Anbietern sei aber selten rein transaktional. „Die meisten zahlen, weil ihnen die Person hinter einem Angebot sympathisch ist oder sie ein gemeinsames Anliegen teilen“, sagt Yoran. „Die Mehrheit gibt ihr Geld nicht wirklich für die Inhalte.“

Allenfalls eigene Episoden für Mitglieder funktionieren, wie sie der Spiele-Podcast „The Pod“ anbietet. Die Macher verdienen damit nach Yorans Angaben rund 20.000 Euro im Monat.

Yoran spricht daher nicht von Abonnenten, sondern von Mitgliedern. Er sieht Steady daher vor allem als Dienst für solche Anbieter, die bereits eine treue Nutzerschaft haben. „Wir treten ins Leben von Medienmachern an die Stelle, an der diese beginnen, sich als Unternehmer zu verstehen“, sagt er.

Steady wolle ihnen dabei helfen, die Scheu zu überwinden, um finanzielle Unterstützung zu bitten. Vorbild seien die USA, die Deutschland „vier Jahre voraus“ seien, meint Yoran.

Dort unterstützen die Nutzer, Musiker, Youtuber oder Medienprojekte über die 2013 von dem Musiker Jack Conte gegründete Plattform Patreon, die im vergangenen Jahr die Grenze von einer Milliarde an Künstler ausgezahlter Dollar erreichte.

Auch die Newsletter-Plattform Substack aus San Francisco verdient mit seiner zehnprozentigen Gebühr am Erfolg seiner Kunden mit: Manche E-Mail-Autoren wie der Chinaexperte Bill Bishop („Sinocism“) verdienen mit ihren Newslettern sechsstellige Summen. Zwei der renommiertesten Kapitalgeber des Silicon Valley, Y Combinator und Andreessen Horowitz, haben in Substack investiert.

Aus der Nische herauswachsen

Das lukrative Geschäftsmodell ist – wie so häufig im Internet – das der Plattform und des Technologie-Dienstleisters. Wer als neuer Medienproduzent bestehen will, muss in der Nische eine Fangemeinde aufbauen, statt direkt auf die Masse zu zielen.

Darauf setzt auch die dänische Podcast-Plattform Podimo, die im November in Deutschland startete. „Andere Podcast-Plattformen zahlen Millionen an ein paar Topshows, wir setzen auf die 17.000 danach“, sagt Deutschlandchef Nikolaus Berlin.

Zwar gibt es auf Spotify viele populäre Podcasts kostenlos, doch Berlin setzt darauf, dass deutsche Hörer deutsche Inhalte hören wollen – und dass Nischenpodcasts nur mit dem richtigen Verteilungsmodell überleben können. Podimo will vor allem die Podcast-Produzenten mit begeisterten Fans belohnen. Wenn ein Podimo-Abonnent einen einzigen Podcast hört, fließt sein Geld auch nur an diesen Produzenten.

Dadurch winkt denen, die die Inhalte produzieren, zwar selten das große Geld, aber immerhin ein Zusatzeinkommen. Christian Hinkelmann, der Hamburger Nahverkehrsexperte, kann mit den Steady-Einnahmen – einem „niedrigen vierstelligen Betrag pro Monat“ – Texte freier Autoren einkaufen und hat mehr Zeit für eigene, exklusive Inhalte, statt Pressemitteilungen der Verkehrsbetriebe umschreiben zu müssen. Wirklich kostendeckend oder gar profitabel sei das Modell aber nicht.

Gabriel Yoran will Steady nun verstärkt ins europäische Ausland bringen – auch für kleinere etablierte Medien. Das traditionsreiche Londoner Schwulenmagazin „Gay Times“ etwa startet derzeit ein zusätzliches Erlösmodell über eine Steady-Mitgliedschaft.

Wie wichtig es ist, seine Zielgruppe zu kennen, testet Yoran auch selbst: Als er Ende 2018 auf „Krautreporter“ eine Serie zu klassischer Musik startete, befragte die Plattform ihre Leser zu deren Vorkenntnissen. „Damit ist die Serie speziell auf die Nutzer zugeschnitten“, sagt Yoran.

150 Jahre Postkarte: Schöne Grüße von den reisenden Teutonen

Die Postkarte feiert gerade 150. Geburtstag. Als Medium hat sie eine wechselvolle Geschichte. Und sie ist immer noch aktuell. Dafür sorgen etwa die „Postcrosser“.

Bei einem Eisenbahnunglück sucht der Franzose eine Frauenbekanntschaft. Der Engländer lässt sich in seiner Zeitungslektüre nicht stören, und ein Deutscher schreibt Ansichtskarten – notfalls noch im Himmel.“ Dieses Zitat wird dem Grafiker und Autor Thomas Theodor Heine zugeschrieben, der besonders durch seine Karikaturen für den „Simplicissimus“ in Erinnerung geblieben ist. Wie die meisten Nationalstereotypen enthält seine Feststellung ein Körnchen Wahrheit: Die Postkarte als neue Form der schriftlichen Kommunikation ist eine deutsche Erfindung. Vor 150 Jahren unterzeichnete der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck eine Verordnung zur „Einführung der Correspondenzkarte“, die dann am 1. Juli 1870 in Kraft trat.

Der Impuls dazu kam von Heinrich Stephan, dem Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes. Dieser hatte fünf Jahre zuvor in einer Denkschrift kritisiert, dass „die jetzige Briefform für eine erhebliche Anzahl von Mittheilungen nicht die genügende Einfachheit und Kürze“ erlaube. Sein Argument war also die Kommunikationsrationalisierung – in einer Zeit, in der es das Telegramm als elektromagnetisch übertragene Kurznachricht schon gab. Aus Sorge um das Briefgeheimnis und wegen sittlicher Bedenken wurde dieser Vorstoß damals abgelehnt.

Die Nachbarn im Südosten Europas waren dann schneller: 1869 wurden die sogenannten „Correspondenzkarten“ von der österreichisch-ungarischen Post zum Versand zugelassen. Der zuständige Generalpost- und -telegraphendirektor griff damit einen Vorschlag auf, den der Nationalökonom Emanuel Herrmann zu Beginn desselben Jahres in der Wiener „Neuen Freien Presse“ gemacht hatte.

Die frühen Correspondenzkarten wurden nur auf der Rückseite beschrieben. Die Vorderseite war für die Adresse des Empfängers und das Postwertzeichen reserviert. Da im Unterschied zum Brief der verhüllende Umschlag fehlte, verzichteten Absender und Empfänger gleichermaßen auf das Wahren des Postgeheimnisses. Dies wurde durch ein ermäßigtes Porto honoriert. So entwickelte sich die Postkarte schnell zum Verkaufsschlager: In Berlin wurden gleich am ersten Ausgabetag fast 50000 Exemplare erworben. Und innerhalb eines Jahrzehnts folgten mehr als zwanzig Länder in aller Welt dem österreichischen und deutschen Beispiel.

Dieser bemerkenswerten Expansion folgte bald eine Differenzierung des Angebots. Die Fortschritte der Drucktechnik erlaubten am Ende des 19. Jahrhunderts zunächst die Verwendung von Farbe, zum Beispiel bei der Farblithographie, und später auch den Fotodruck. Damit war die Ansichtskarte geboren. In der immer noch gültigen Form reserviert sie auf der Vorderseite links Raum für Mitteilungen und rechts für die Anschrift des Empfängers.

Die typographischen Karten sind bis heute am beliebtesten und am weitesten verbreitet. Sie zeigen Abbildungen von Städten, Dörfern und Landschaften und definieren durch ihre Bildauswahl, was „sehenswert“ ist. Markante Kirchen, Burgen und Schlösser, historische Plätze, Denkmäler und Paläste, idyllische Berge, Wälder und Seen – die Bildmotive bestätigen in Zeiten eines boomenden Tourismus häufig die Erwartungserwartungen der Empfänger. So sind in Wien klassische Motive wie der Stephansdom, das Riesenrad im Prater, Schloss Schönbrunn oder eines der prominenten Kaffeehäuser bei Reisenden besonders beliebt. Im Kontrast dazu werden auch witzige Illustrationen, satirische Verfremdungen und persiflierende Darstellungen gern gewählt.

Solche Ansichtskarten sind nicht nur Erinnerungsstützen für den Einzelnen, sie sind auch kulturgeschichtliche Dokumente. Im Zeitvergleich dokumentieren sie den historischen Wandel: Dieselbe Straße, dieselbe Kirche, dieselbe Fabrik – wie haben sie, zum Beispiel, vor und nach dem Krieg ausgesehen? Was hat sich verändert, was ist gleich geblieben?

Kein Wunder, dass sich auch Wissenschaftler und Museumsleute mit diesem ersten globalen Bildmedium befassen. Die Sammlung des Wien Museums umfasst 16000 topographische Karten aus der Zeit von 1900 bis zur Gegenwart. Darunter sind auch geschlossene Sammlungen wie jene von Else Erxleben. Verheiratet mit einem Angestellten der Reichsbahn, begleitete sie um 1900 herum ihren Mann häufig auf Fernreisen. Dabei hat sie insgesamt rund 3500 Postkarten in vielen Orten Europas gesammelt, diese dann anschließend in Alben geordnet und kommentiert. Teile davon sind im Internet zugänglich, und für 2021 ist eine Ausstellung geplant. Im Museum für Kommunikation Berlin hat eine ähnliche Ausstellung schon stattgefunden. Bis Februar dieses Jahres hat die Museumsstiftung Post und Telekommunikation dort eine Auswahl aus ihren mehr als 200000 Postkarten gezeigt.

Was die Sammelleidenschaft betrifft, so gibt es also nicht nur Philatelisten, die Briefmarken horten, sondern auch Philokartisten, die auf Ansichtskarten scharf sind. Bereits im Mai 1894 gründeten in Hamburg Liebhaber dieses Mediums den ersten „Sammlerverein für illustrierte Postkarten“. In der Folge erschienen Fachzeitschriften zum Thema, Auktionen wurden veranstaltet, eigene Läden eröffnet. Viele Sammler spezialisierten sich, etwa auf topographische Karten aus bestimmten Regionen, auf Feldpostkarten, Glückwunschkarten, Werbekarten, Karten mit Künstler- und Prominentenporträts oder andere Motivkarten. Der Münchner Komiker Karl Valentin zum Beispiel hatte sich auf örtliche Ansichten und lokale Skurrilitäten spezialisiert – vor kurzem erst ist ein Buch über „Münchner Originale“ mit Kostproben aus seiner Sammlung erschienen.

Und dann gibt es noch eine ganz besondere Sorte: die Kunstpostkarte. Gemeint sind nicht die Miniaturabbildungen von Kunstwerken, die man in Museumsshops und gut sortierten Buchläden erwerben kann, sondern Originalkunstwerke auf Postkarten. Sie werden teilweise hoch gehandelt: So ersteigerte ein Sammler bei einer Kunstauktion im November 2017 drei Postkarten, die Franz Marc 1913 an seinen Kollegen Erich Heckel geschickt hatte, für insgesamt 925000 Euro. Die Karten zeigten aquarellierte Tiermotive, für die Marc ja berühmt ist. Auch manche Schriftsteller haben sich dieses Mediums bedient: Jurek Beckers Buch „Am Strand von Bochum ist allerhand los“ besteht aus einer Sammlung von Postkarten, und der Wiener Lyriker und Feuilletonist Peter Altenberg hat eine Reihe von Gedichten als „Ansichtskartentexte“ bezeichnet.

Ansichtskarten versendet man üblicherweise an sein persönliches Netzwerk von Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen. Eine spezielle Gruppe von Liebhabern dieses Mediums versucht inzwischen, das Organische, die persönliche Kommunikation, zu organisieren: die Postcrosser. Seit 2005 können sich Interessenten auf einer Online-Plattform registrieren lassen (www.postcrossing.com). Sie senden dann eine Postkarte an eine von dort angeforderte Adresse. Der Empfänger gibt die Identifikationsnummer des Absenders auf der Website ein und erhält eine neue Adresse, an die er dann seinerseits eine Postkarte schickt. Das weltweite Netzwerk umfasst inzwischen schon fast 800000 Mitglieder, die insgesamt schon etwa 57 Millionen Postkarten verschickt haben. Wer schickt, dem wird geschickt – die einfache Regel funktioniert offenbar gut. So können durch Postkarten über Sprach- und Ländergrenzen hinweg Brieffreundschaften entstehen.

Die Selfie-Gesellschaft hat inzwischen neue Wege der Short-Message-Kommunikation gefunden. Whatsapp, Twitter, Facebook und Instagram ermöglichen es dem Smartphone-Besitzer, ohne Zeitverzug Nachrichten und Bilder von sich und seiner Umwelt an einen oder mehrere oder gleichzeitig an viele Adressaten zu senden. Einen ganz neuen Medienverbund zwischen der analogen und der digitalen Welt bietet die Mobile-App My Postcard: Hier kann man digital Ansichtskarten selbst gestalten, sei es mit eigenen Fotos oder mit vorgegebenen Motiven. Zusammen mit dem individuell eingegebenen Text wird die Ansichtskarte dann in Berlin gedruckt, frankiert und weltweit verschickt, übrigens zu einem sehr günstigen Preis. Der Empfänger findet sie schon nach wenigen Tagen im Briefkasten vor – die langen Laufzeiten aus fernen Ländern lassen sich so erheblich verkürzen. Aber auch der Klassiker, die handbeschriebene Ansichtskarte, bleibt aktuell. Im Jahre 2018 wurden nach Angaben der Deutschen Post immerhin noch 155 Millionen Postkarten nach, aus und innerhalb von Deutschland verschickt.

Insofern ist auch heute eine süffisante Beobachtung der englischen Zeitung „The Standard“ aus dem Jahre 1899 noch nicht völlig überholt: „Der reisende Teutone scheint es als seine feierliche Pflicht zu betrachten, von jeder Station seiner Reise eine Postkarte zu schicken, als befände er sich auf einer Schnitzeljagd. Seine erste Sorge, nachdem er ein einigermaßen bemerkenswertes Reiseziel erreicht hat, ist es, ein Gasthaus zu finden, wo er abwechselnd sein Bier trinkt und Postkarten adressiert.“

Gaming: So werden Gamer im Internet abgezockt

Phishing und der Diebstahl von Accounts sind mittlerweile auch auf Gaming-Plattformen an der Tagesordnung. Die Angriffe und Betrugsmaschen dort unterschieden sich meist kaum von anderen Betrügereien im Internet, warnt die Informationsplattform „Watchlist Internet“.

Gefälschte Webseiten beliebter Gaming-Plattformen

Ein zentraler Baustein des Gaming-Betrugs sind wie sonst oft auch gefälschte Seiten, insbesondere von Gaming-Plattformen wie Steam, Origin oder Battle.net.

Der Angriff startet mit Privatnachrichten auf den echten Plattformen, in denen die Betrüger um Hilfe bitten, auf spannende Artikel oder Spielanleitungen hinweisen, ein interessantes Tauschangebot vorschlagen oder einen anderen vermeintlichen Freundschaftsdienst anbieten.
Am Ende kommt immer der Link

Egal, worauf man angesprochen wird: Es geht am Ende immer um einen Link, den man anklicken soll und der zu einer gefälschten Seite führt, wo man sich mit seinen Zugangsdaten zur jeweiligen Plattform anmelden soll, die dann abgefischt werden. Senden Unbekannte einen Link, sollten Gamer also nicht darauf klicken, sondern die Nachrichten ignorieren.

Aber auch abseits der Gaming-Plattformen streuen die Betrüger mit großer Kreativität Phishing-Links – etwa in Texten oder Videos, die Spieler mit angeblich wertvollen Insider-Informationen zu Games oder hilfreichen Cheats anlocken sollen. Wer den Links folgt und dann plötzlich aufgefordert wird, Zugangsdaten oder persönliche Daten anzugeben, sollte gewarnt sein.

Wem kann man vertrauen?

Besser sei es vorher einzuschätzen, wie vertrauenswürdig die Quelle ist und im Zweifel kurz nach ihr suchen, raten die Experten. Vielleicht gibt die Suchmaschine direkt negative Erfahrungswerte aus.

Den Betrügern geht es darum, Accounts von Spielern zu übernehmen und dann gewinnbringend zu verkaufen. Je mehr Spiele, Items und Errungenschaften etwa in Form hoher Spielstände ein Gamer besitzt, desto mehr Geld können die Online-Kriminellen damit verdienen.

Wer in der Situation ist, dass Kriminelle den eigenen Account gekapert haben, sollte sich direkt an die jeweilige Gaming-Plattform wenden, raten die Experten. Die Wahrscheinlichkeit, seinen Account und den Zugriff darauf zurückzubekommen, sei nämlich recht hoch.

Diversität im Journalismus: Chefetage in Weiß

Eine veröffentlichte Studie des Reuters-Instituts für Journalismusforschung in Oxford untersucht die Zusammensetzung von Chefredaktionen und kommt zu ernüchternden Ergebnissen. Exemplarisch wurden im vergangenen Jahr Chefredaktionen von 100 Online- und Printmedien in verschiedenen Ländern auf ihre Zusammensetzung hin untersucht, darunter Brasilien, Deutschland, Südafrika, Großbritannien und die USA.

Von den großen Medienhäusern in Deutschland und Großbritannien hat laut Studie keine Redaktion einen nichtweißen Chefredakteur oder eine nichtweiße Chefredakteurin. „Wir haben in unserer Stichprobe keine nichtweißen Chefs gefunden, obwohl beide Länder die Heimat von Millionen nichtweißen Menschen sind“, schreiben die Autoren. Untersucht wurden Online-Redaktionen wie die von SZ.de, Zeit Online und BBC News Online und Printredaktionen wie die des Spiegel, der Sunday Times oder des Guardian.

Eine der Autorinnen der Studie, Meera Selva, die Vorsitzende des Journalismus-Fellowship-Programms des Reuters-Instituts, sagt am Telefon, sie sei von den Ergebnissen nicht wirklich überrascht. „Ehrlicherweise ist es so: Wenn eine schwarze Person Chefredakteur oder Chefredakteurin ist, bedeutet das, es gibt eine weiße Person weniger in dieser Position. Es geht bei Entscheidungen zu Diversität immer um das Abgeben von Macht. Das ist nie leicht.“

In Brasilien, wo der überwiegende Anteil der Bevölkerung nicht weiß ist, gibt es den Studienergebnissen zufolge einen nichtweißen Chefredakteur, in den USA zwei. Allein in Südafrika gibt es eine Mehrheit: Dort sind 68 Prozent der Chefredakteure nicht weiß. Allerdings leben in Südafrika laut Studie auch 91 Prozent nichtweiße Menschen.

Meera Selva sagt, sie sei fest davon überzeugt, dass es entsprechende Journalistinnen und Journalisten, die gute Arbeit leisteten, in Ländern wie Deutschland zur Genüge gäbe, sie müssten nur gesehen werden. „Es geht darum, die existierende Führungsstrukturen infrage zu stellen. Und außerdem: Wie will man Geschichten über Diversität erzählen, wenn man nicht bereit ist, sich ernsthaft mit Diversität auseinanderzusetzen – und bei sich selbst anzufangen?“

Auf den amerikanischen Redaktionen rumort es. Sogenannt unsensible Chefs müssen das Feld räumen. Ist das das Ende? Oder ein Neuanfang?

Die erste Woche des Juni 2020, sieben Tage nach der gewaltsamen Tötung von George Floyd, war eine Woche für die amerikanischen Geschichtsbücher. Präsident Trump ließ den Washingtoner Lafayette Square für eine Videoaufnahme mit Tränengas räumen, vielerorts eskalierten die Proteste, Plünderungen schwappten in Dutzende Städte über, Ausgangssperren wurden verhängt. Kurz, das Land schien auf der Kippe zu stehen.

Die konservative Quittung folgte auf dem Fuße. Tom Cotton, ein Trump-treuer Senator und möglicher Neo-Trump 2024, verfasste am 3. Juni einen Gastbeitrag für die Meinungsseiten der «New York Times». Das martialische Stück trug den Titel «Schickt die Truppen los!». Cotton forderte darin, dass das Militär zur Stabilisierung der Lage und als Zeichen der Stärke Präsenz markieren müsse.

Entlassung bei der «New York Times»

Die Provokation schlug ein – allerdings nicht als Maßnahme zur Befriedung der weitgehend friedlichen Proteste. Vielmehr sorgte Cottons Beitrag für Aufruhr in der Redaktion der «Times» selbst.

Eine Gruppe jüngerer, der «Black Lives Matter»-Bewegung wohlgesinnter Redaktoren lief Sturm gegen den Text. Der Aufruf zur militärischen Niederschlagung der Proteste sei unverantwortlich und gefährde die Leben schwarzer «Times»-Journalisten. Darüber und über andere Misstöne im Artikel ließ sich streiten – nicht aber über die Zukunft des verantwortlichen Chefs der Meinungsseiten: Am Sonntag drauf nahm James Bennet den Hut.

Das mediale Ereignis warf Schatten. Wenig Anklang fand die besonnene Ansicht, dass Bennet gehen musste, weil der Schuss der Cotton-Kontroverse nach hinten losgegangen war: Anstatt hoher Klick- und Interaktionsraten gab es Abo-Kündigungen wegen eines brandstifterischen Textes, den Bennet nicht einmal gelesen hatte – entsprechend wurde der Journalist wegen Mangels an Professionalität entlassen.

Eine spektakulärere Deutung der redaktionellen Revolte gegen Bennet skizzierte Matt Taibbi im vielbeachteten Artikel «Die amerikanische Presse zerstört sich selbst». Für den angesehenen Journalisten des «Rolling Stone»-Magazins ist die Cotton-Affäre nur ein Beispiel von vielen für Redaktionen im Würgegriff der Angst.

Anhand von acht Beispielen seit Anfang Juni führt Taibbi aus, für welch angebliche, von manchen Aktivisten monierte Fehltritte Redaktoren wie Bennet derzeit den Sessel räumen oder sich zumindest gehörig Asche aufs Haupt streuen müssen. Und dies in linksliberalen Titeln wie der «New York Times» oder «The Intercept». Wer gegen den progressiven Mainstream schreibt, wird abgekanzelt und verliert den Job.

Abgekanzelte Journalisten

Als Grenzüberschreitung wurde etwa die Wiedergabe der Aussage eines schwarzen Bewohners aus East Oakland taxiert, der sich wunderte, dass ein «schwarzes Leben immer nur dann Thema werde, wenn ein Weisser es beende». Lee Fang, der verantwortliche Reporter beim «Intercept», wurde für die Veröffentlichung des Zitats flugs als Rassist bezeichnet und konnte nur mit Ach und Krach, das heisst mit einer öffentlichen Entschuldigung und den üblichen Floskeln tiefer Zerknirschung (Unsensibilität, verletzte Gefühle einer Kollegin und Gelöbnis auf Besserung), dem Jobverlust entgehen.

Weniger Glück hatte Stan Wischnowski, Chefredaktor des «Philadelphia Inquirer». Wischnowski trat zurück, weil er den deplatzierten Titel «Buildings Matter, Too» hatte durchgehen und drucken lassen. Im Artikel beklagte die Architekturkritikerin der Zeitung, dass durch Ausschreitungen Gebäude in Philadelphia Schaden genommen hätten. Solcherlei signalisiert derzeit eine intolerante Geisteshaltung, die das Klima auf den Redaktionen vergiftet, und da helfen keine Korrigenda, keine redaktionellen Richtigstellungen und kein «mea culpa» – es ist unentschuldbar. Wer wie Stan Wischnowski verantwortlich gemacht werden kann, muss gehen.

Für Taibbi ist die Häufung der redaktionellen Säuberungen die Folge einer repressiven «intellektuellen Revolution», die es Journalisten verunmögliche, kritisch und unzimperlich über all jene zu berichten, die es verdienten. Statt traditionell liberalen Werten der Toleranz, der freien Recherche und der Debatte zwischen Journalisten verschiedener Bevölkerungsgruppen kursierten toxische Ideen. Diese führten direkt zu Beschämung, Drohungen und Einschüchterung, so Taibbi. Ähnliches konstatiert Bari Weiss, eine Redaktorin der Meinungsseiten der «New York Times», die kürzlich ihren Job beim Weltblatt gekündigt hat.

Leidtragende dieser Kultur der Angst sind nicht nur Medienschaffende, sondern auch die kritische Presse selbst, die heikle Themen, wenn überhaupt, nur noch mit Samthandschuhen anfasst. Überdies erreiche journalistischer progressiver Aktivismus oft das Gegenteil des angestrebten Resultats, so Taibbi. Parteiische und voreingenommene Artikel würden vom Publikum durchschaut. Eine solche Presse verliere ihre Glaubwürdigkeit.

Die andere Sicht

Die Befürworter der neuen Welle im Journalismus sehen dies anders: Taibbis «intellektuelle Revolution» bedeutet für sie eine längst überfällige Korrektur von journalistischen Praktiken aus einer Zeit, da weisse Männer das Geschäft fest im Griff hatten.

Dass dies durchaus einmal der Fall war, ist nicht aus der Luft gegriffen. Noch in der Gegenwart sind gemäss einer Studie von Farai Chideya am Shorenstein Center der Harvard University nichtweisse und weibliche Medienschaffende nur halb so stark in Redaktionen vertreten, wie es ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde. Den Mangel an Diversität in den Redaktionen wollen progressive Medienaktivisten nun beheben. Die Zusammensetzung der Redaktion soll der Demografie entsprechen: weniger Weisse und weniger Cis-Männer, mehr Frauen, LGBTQ und BIPOC (für «Black, Indigenous, People of Color»).

Hoch im Kurs steht auch die Kritik am Objektivitätsbegriff, für den der Pulitzer-Preisträger Wesley Lowery in der «New York Times» eine «Abrechnung» in Aussicht stellte. Wenn Redaktionen aufgrund ethnischer und soziokultureller Herkunft mehrheitlich weisse Standpunkte verträten, gebe das auch ihrer journalistischen Arbeit einen – wenig allgemein- und objektiv gültigen – Weissstich.

Ähnliches macht der Transgender-Journalist Lewis Raven Wallace geltend, der 2017 nach seiner Weigerung, einen privaten Blog-Post vom Internet zu nehmen, seinen Job bei der Radiosendung «Marketplace» verlor. Im Blog hatte Wallace gesagt, als Transmensch könne er in Transgender-Fragen unmöglich unparteiisch «objektiv» bleiben. Die Moral: Objektivität ist ein Mythos, da wir alle in politischer, sozialer oder geschlechtlicher Hinsicht voreingenommen sind.

Wollen alle das Gleiche?

Objektivitätsgegner wie Lowery oder Wallace interessiert die Forderung nach sozial gerechter Diversität in der Redaktion: Je mehr Standpunkte von Minderheiten im Newsroom vertreten sind, desto reicher ist die Repräsentation verschiedener Ansichten. Für sie bereitet dies überhaupt erst das Feld für journalistische Tugenden der wirklichkeitsnahen, genauen, unvoreingenommenen Berichterstattung anstatt einer Scheinobjektivität.

Bezeichnenderweise fordern Kämpen der freien Rede nichts anderes, wenn sie sich wie Matt Taibbi gegen ein «Klima der Angst» wenden und einen offenen und vielseitigen Qualitätsjournalismus anstreben.

Damit aber öffnen sich Tür und Tor für Polemik. Dass diese sich allmählich dem Höhepunkt nähert, legt eine Reihe von offenen Briefen seit Anfang Juli nahe: 150 liberale Journalisten und Intellektuelle (vom Altlinken Noam Chomsky bis zum neoliberalen David Brooks oder bis zur Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling) unterzeichneten im altehrwürdigen «Harper’s Magazine» einen offenen Brief von Thomas Chatterton Williams mit dem Titel «A Letter on Justice and Open Debate». Darin stehen sie für Redefreiheit und Gerechtigkeit ein und stellen sich gegen jegliche Form der repressiven Einflussnahme auf Medienschaffende.

Flugs formierte sich wütender Widerstand. Weil unkorrekte Individuen wie Rowling das Schreiben unterzeichnet hatten, folgten Gegendarstellungen, etliche «wokesters» zogen ihre Unterschrift zurück und griffen Berufskollegen und Publikationen an. Tagelang wogten die Emotionen auf Twitter. In einer anderen Petition wurde derweil die Absetzung von Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University und Unterzeichner des «Harper’s»-Briefes, gefordert. Nebenbei gründete der Autor Yascha Mounk ein eigenes Abo-pflichtiges Medium namens «Persuasion», das die Öffentlichkeit mit ähnlich gelagerter Stossrichtung von freier Rede und offener Debatte zu überzeugen trachtet. Eine beachtliche Liste von Medienstars sicherte Mounk bereits die Treue zu, derweil sich auch hier Widerstand formiert.

Momentan geht es drunter und drüber in der Medienszene der USA – was noch nicht das Ende oder die Selbstzerstörung der Medien bedeutet (da wären wegbrechende Werbeeinnahmen infolge der Corona-Krise von grösserer Bedeutung). Vielmehr sind wir gerade Zeugen eines Konflikts um Deutungshoheit und Leserschaft – und damit eines Verdrängungskampfes im gebeutelten Mediensektor.

D: Grüne für Non-Profit-Journalismus

In den USA ist gemeinnütziger Journalismus längst Realität, in Deutschland fehlt eine gesetzliche Grundlage. Ein neuer Vorstoß kommt von den Grünen.

Journalismus ist ein paradoxes Geschäft. Einerseits verzeichnen gerade in den Zeiten der Coronapandemie fast alle Medien ein deutlich gestiegenes Interesse und eine entsprechend häufigere Nutzung ihrer Inhalte. Andererseits sind die Werbeeinnahmen eingebrochen und Expert*innen sagen keine baldige Erholung voraus. Die Zahlungsmoral für Onlineinhalte steigt zwar. Aber nicht in dem Maße, dass das bei den Zeitungen den Abo-Rückgang der Printauf­lagen annähernd ausgleichen könnte. Die im Bereich Regionalpresse bestens verdrahtete Beratungsfirma Schickler warnt, in den kommenden fünf Jahren seien 40 Prozent der heute noch erscheinenden Lokalteile gefährdet.

Dass Journalismus kein Fall für die rote Liste der ums Überleben kämpfenden Berufe werden darf, spricht sich mittlerweile auch in der Politik rum. Zahlreiche Bundesländer haben im Rahmen ihrer Coronahilfspakete auch Förderprogramme für Medien vorgesehen. Der Bund spendiert in den kommenden Jahren 220 Millionen Euro, um Medienvielfalt und -verbreitung sicher zu stellen.

Die Grünen gehen jetzt noch einen Schritt weiter und haben im Bundestag einen Antrag eingebracht, um Non-Profit-Journalismus in Deutschland endlich als gemeinnützig anzuerkennen. Die Debatte, ob zukünftig neben e-Sports und freiem WLAN – von schon lange als gemeinnützig anerkannten systemrelevanten Dingen wie Modellflug oder Turnierbridge ganz zu schweigen – auch bestimmte journalistische Spielarten als steuerbegünstigt eingestuft werden sollten, ist nicht eben neu.

Die Coronakrise sorgt jetzt für neuen Schub. Denn sie hat – so heißt es jetzt im als Drucksache 19/20790 eingebrachten Antrag – „die strukturelle Unterfinanzierung des Journalismus besonders sichtbar gemacht“. So werde unbestreitbar deutlich, „wie krisenanfällig der gewinnorientierte Journalismus ist“. Non-Profit-Medien sollen dabei niemandem Konkurrenz machen, sondern vielmehr „­neben den etablierten öffentlich-rechtlichen und privaten Medien zu einer wichtigen Säule für die Medienvielfalt und die mediale Grundversorgung werden“. Unabhängig von der Diskussion um mehr Vielfalt im Bereich der gewinnorientiert ­arbeitenden privaten Medien sei es deshalb dringend geboten, den Non-Profit-Journalismus stärker in den Blick zu nehmen.

USA als Vorbild

Eile ist geboten, denn die Abgabeordnung, in der das Bundesministerium der Finanzen und die Finanzministerien der Länder regeln, was gemeinnützig ist und was nicht, wird gerade neu gefasst. Mit der geplanten Reform des Gemeinnützigkeitsrechts biete sich nun die seltene Chance, „die wichtige Funktion des Journalismus für unsere Demokratie steuerrechtlich anzuerkennen“, so die Grünen.

Dabei hinkt die Entwicklung in Deutschland hinterher. Ausgerechnet in den USA, dem Land des wohl liberalsten Kapitalismus weltweit, gehören „Not for Profit“-Medien seit über 100 Jahren dazu. Nachdem die US-Steuerbehörden ihre Anerkennungspraxis in den letzten Jahren gelockert haben, gibt es eine förmliche Non-Profit-Welle im Medienbereich. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Unternehmen sind überwiegend von der Steuerlast befreit. Außerdem dürfen sie Spenden und Zuwendungen von Stiftungen oder Einzelpersonen annehmen, die diese dann wiederum steuerlich geltend machen können. Magazine wie Mother Jones oder lokale Angebote wie The Chicago Reporter gibt es seit den 1970er Jahren.

In jüngster Zeit sind in vielen Städten, in denen die Medienkrise klassische Medienhäuser in die Knie zwang, gemeinnützige Onlinezeitungen wie die Texas Tribune (Austin), die Voice of San Diego oder die MinnPost (Minneapolis) entstanden. Auch ProPublica und andere Recherche- bzw. Investigativjournalismus-Redaktionen und Organisationen wie das International Consortium of Investigative Journalists haben gemeinnützigen Status.

Jetzt ist auch in Deutschland vorsichtiges Hoffen angesagt. Denn hierzulande hat sich eine nicht ganz alltägliche Koalition für den gemeinnützigen Journalismus gefunden. Die Linke ist nicht abgeneigt. Und schon vor dem Antrag der Grünen hatte die CDU-FDP-Koalition in NRW das Thema aufgenommen und 2019 einen entsprechenden Antrag im Bundesrat eingebracht. Der schmort seither in den Ausschüssen. Höchste Zeit, dass es auch dort weitergeht. Und die SPD sich mal ’nen Ruck gibt.

25 Jahre MP3 – Die Musik-Revolution aus Deutschland

„1000 Songs in Deiner Tasche.“ Bei der Premiere des ersten iPods im Oktober 2001 brachte Apple-Chef Steve Jobs das revolutionäre Konzept des Musik-Dateiformats MP3 auf den Punkt. Das Verfahren MP3 zur Datenreduktion ermöglichte es, dass tatsächlich 1000 Musikstücke auf einer kleinen Festplatte Platz fanden. MP3 wurde aber nicht in Kalifornien erfunden – sondern in weiten Teilen im fränkischen Erlangen. Vor 25 Jahren – am 14. Juli 1995 – einigten sich Forscher am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen darauf, die Dateinamenserweiterung „.mp3“ für den von ihnen maßgeblich entwickelten Datei-Standard zu nutzen.

Die Ursprünge des MP3-Projekts reichen bis in das Jahr 1982. Damals ging es darum, Musikdateien so klein zu machen, dass man sie in ordentlicher Qualität über eine digitale Telefonleitung (ISDN) übertragen kann. Der Student Karlheinz Brandenburg machte die scheinbar unlösbare Aufgabe zum Thema seiner Doktorarbeit am Lehrstuhl für Technische Elektronik in Erlangen.

Bald ging es aber nicht mehr nur darum, eine Musikübertragung via ISDN-Telefonie zu ermöglichen. Ein kleines Team in Erlangen nahm sich vor, die nächste Generation des Tons für Hörfunk und Fernsehen zu definieren. Finanziert wurde die Forschung vor allem aus dem EU-Projekt „Eureka“.

„Wir waren absolute Neueinsteiger, wir hatten noch nie in diesem Bereich ein Gerät gebaut“, erinnert sich Brandenburgs Kollege Bernhard Grill. „Wir hatten auch keine Erfahrung in Rundfunktechnik. Wir sind von Null gestartet – auf der grünen Wiese.“

Anfangs mussten die Forscher aus Erlangen gegen massive Vorbehalte ankämpfen, die insbesondere von Konkurrenten aus der Wirtschaft gestreut wurden. „Wir waren eben Forscher, und das hat die Konkurrenz ziemlich ausgenutzt, um uns einen bestimmten Ruf anzudichten – nach dem Motto, wir würden uns nur Dinge ausdenken, die sowieso in der Praxis so schwer umzusetzen sind und die keiner vernünftig machen wird“, so Grill.

Weil sich die Moving Picture Experts Group (MPEG) nicht auf ein Verfahren einigen konnte, wurden gleich drei verschiedene Methoden standardisiert, wie in Zukunft Musik und Audio gespeichert, im Internet und über digitalen Hörfunk übertragen werden sollen. MPEG Layer 1 spielt mittlerweile keine Rolle mehr. Layer 2 kommt noch bei älteren Fernsehgeräten beim Stereosound zum Einsatz. Auf breiter Front durchgesetzt hat sich dagegen Layer 3, der mit der Namensgebung der Dateiendung vor 25 Jahren allgemein als MP3 bekannt ist. «Wir haben über unsere Technik bestehen müssen», sagt Brandenburg.

Der MP3-Erfinder musste dann aber feststellen, dass sein Algorithmus ausgerechnet bei einem seiner Lieblingssongs, „Tom’s Diner“ von Suzanne Vega, versagte und schrecklich klang. So machte er sich an die Arbeit, das Kompressionsverfahren unzählige Male zu optimieren, bis der A-Cappella-Song als MP3 natürlich rüberkam. „Ich habe auf diese Art und Weise diesen Song sicher Tausende Male gehört. Aber weil ich die Musik mag, ist die mir nie zum Hals heraus gehangen.“

Die Entwicklungsarbeit von Brandenburg und seinen Kollegen Heinz Gerhäuser, Ernst Eberlein, Bernhard Grill, Jürgen Herre und Harald Popp sollte dann nicht nur die Rundfunktechnik grundlegend erneuern, sondern die Musikindustrie völlig umkrempeln.

Zu dieser MP3-Revolution hat auch ein krimineller Hack beigetragen. Die Erlanger Forscher hatten einen «Referenzencoder» ins Netz gestellt, der die Fertigkeiten von MP3 demonstrieren sollte. Er encodierte nur eine Minute Musik. Ein Student durchbrach jedoch die Spielzeitbeschränkung, stellte diese geknackte Version des Programms ins Netz – und löste damit die MP3-Welle aus, die in der Plattform Napster ihren ersten Höhepunkt erreichte.

Das Format mit der Dateiendung „.mp3“ erschütterte die Musikindustrie in ihrem Fundament, denn auf einen Schlag war es möglich, weltweit Musik über das Internet zu tauschen, auch wenn die Datenleitungen im Vergleich zu heutigen Gigabit-Verbindungen viel langsamer waren. Erst mit dem Erfolg des iTunes Music Stores ab 2003 und legalen Streamingdiensten wie Spotify ab 2008 erholte sich die Musikbranche langsam wieder.

Trotz der ständigen Verbesserungen an dem Codec, also Kompressionsverfahren, reißt die Kritik an MP3 und seinen Nachfolgeformaten nicht ab. Eine MP3-Datei sei nur ein schwaches Abbild dessen, was analoge Musik einst sein konnte; ein bescheidener Ersatz für das Wunder, das sich dereinst beim Plattenhören vollzog, sagte der kanadischer Musiker Neil Young in einem TV-Interview: «Analoge Musik ist wie eine Reflexion; wie ein See, in dem sich bei ruhigem Wetter die Landschaft spiegelt.»

MP3-Miterfinder Brandenburg kann die Kritik am Original-MP3 noch halbwegs nachvollziehen. Die neuen Codes wie AAC seien bei höheren Datenraten aber inzwischen so gut, dass sie vom menschlichen Ohr nicht von analogen Soundübertragungen etwa von Vinyl-Schallplatten zu unterscheiden seien. Das hätten zahlreiche Blind-Tests bewiesen – darunter eine Studie der britischen University of Huddersfield. „Es ist in Wirklichkeit die Erwartung, die gehört wird.“

Mittlerweile lizenziert das Fraunhofer IIS die vierte Generation Audiocodecs „Made in Germany“. „Wenn man heute ein Handy kauft, dann hat es neben MP3 vermutlich noch weitere Technologien von uns implementiert“, sagt Institutsleiter Grill: Bei fast allen Streaming-Diensten werde die zweite und dritte Generation des AAC-Audiocodecs eingesetzt. „Neu in den Smartphones ist unsere vierte Generation.“ Bei diesen Enhanced Voice Services (EVS) für eine bessere Klangqulität im Mobilfunk (4G und 5G) gehe es aber diesmal nicht um Musik, sondern um Sprache, was technisch gesehen die größere Herausforderung ist als Musik.

MP3-Miterfinder Karlheinz Brandenburg, der es 2014 in die «Internet Hall of Fame» schaffte, begleitet die Suche nach dem perfekten Klang inzwischen nicht mehr im Fraunhofer Institut. Nach fast 20 Jahren dort verabschiedete er sich in diesem Juni in den Ruhestand. Er bleibt aber aktiv: Mit einer eigenen Firma, den „Brandenburg Labs“, arbeitet er zusammen mit Fraunhofer an einer neuen Technologie mit dem Namen „Personalized Auditory Reality“ oder kurz „PARty“, die gezieltes Hinhören, Zuhören oder Weghören ermöglichen soll. Dabei sollen Kopfhörer beim Hören helfen, wie die Brille beim Sehen.

Der „PARty“-Kopfhörer soll intelligent sein, das heißt, er soll den Raum wahrnehmen und die ganzen Schallquellen automatisch analysieren. „Und dann kann ich sagen, ich möchte mich mit einer bestimmten Person unterhalten, was jetzt wegen starker Hintergrundgeräusche kaum möglich ist. Oder ich möchte mit jemandem telefonieren. Es soll aber nicht so sein wie jetzt, dass mir jemand ins Ohr quakt, sondern dass ich wirklich den Eindruck habe, da steht die Person einen Meter neben mir, und ich unterhalte mich ganz normal mit ihr.“

Silicon Valley vs Journalisten : Atemberaubende Arroganz

Das Magazin „Vice“ hat kürzlich eine private Gesprächsrunde einflussreicher Leute aus dem Silicon Valley veröffentlicht. Die Plauderstunde zeigt zweierlei: die atemberaubende Arroganz einiger Tech-Größen gegenüber der Presse. Das Stück, überschrieben mit „Silicon-Valley-Elite diskutiert über zu viel Macht von Journalisten“, bezeugt aber auch unfreiwillig, wie Journalisten, die krachledern auf „sozialen Medien“ unterwegs sind, ihre professionelle Distanz einbüßen.

Angestoßen hatte den „Vice“-Artikel, der zu einem Audio-Mitschnitt der von der Risikokapital-Firma Andreesen Horowitz finanzierten privaten App „Clubhouse“ verlinkt, vehemente Kritik an der Berichterstattung über die Gründerin der Reisetaschenfirma Away, Stephanie Korey, im vergangenen Dezember. Damals hatte das Magazin „The Verge“ über die angeblich vergiftete Arbeitskultur in dem Unternehmen berichtet und interne Memos von Korey veröffentlicht.

Der Tonfall reichte von hämisch bis aggressiv; die Memos zirkulierten auf Twitter und führten dazu, dass Korey sich öffentlich entschuldigte und ihren Hut nahm – vorübergehend. Der Rücktritt sei ein Fehler gewesen, hieß es vier Wochen später. Der Risiko-Investor Paul Graham kommentierte auf Twitter: „Prognose: Organisationen werden lernen, dass Twitter-Mobs nicht repräsentativ sind und gefahrlos ignoriert werden können.“

„Fuck you Carreyrou“

Aber gemobbt fühlt man sich in Silicon Valley angesichts kritischer Geschichten offenbar von der berichterstattenden Presse selbst. Manche der selbsterklärten Weltverbesserer ertragen keine Kritik. Meg Whitman, einstige Hewlett-Packard-Chefin und Mitbegründerin des Streamingdienstes Quibi, verglich zu Jahresbeginn Journalisten mit Sexualstraftätern. In der Blutanalyse-Firma Theranos, die sich als Betrug herausstellte, skandierte die Chefin Elizabeth Holmes gemeinsam mit der Belegschaft „Fuck you Carreyrou“ – gemeint war der Journalist, der später enthüllen sollte, dass die angeblich revolutionären Geräte der Firma gar nicht funktionierten.

Korey stellte kürzlich in Instagram-Posts Journalisten als dramageile Karrieristen dar. Damit fing sie sich eine scharfe Twitter-Replik von Taylor Lorenz, Reporterin der „New York Times“, ein. Es hob ein Hauen und Stechen an. Lorenz warf Korey vor, sie rede falsch über eine Branche, von sie „offenbar null Ahnung hat“, woraufhin der Risiko-Investor und Gründer Balaji Srinivasan Lorenz eine „Soziopathin“ nannte und das Silicon Valley aufrief, die „Times“ zu „ghosten“ – also nicht mit ihren Reportern zu sprechen.

In der von „Vice“ veröffentlichten Runde auf „Clubhouse“, an der auch Felicia Horowitz, Ehefrau des Andreesen-Horowitz-Mitgründers Ben Horowitz, sowie Balaji Srinivasan teilnahmen, waren diese Ereignisse Anlass für eine Debatte über „Revanchejournalismus“ und „Machtmissbrauch“ der Presse. Das trieb stellenweise seltsame Blüten.

Den Dingen auf den Grund gehen

So verglich Srinivasan die amerikanische Verwundbarkeit durch die Auslagerung medizinischer Versorgungsketten nach China mit der „Auslagerung von Informationsversorgungsketten an Leute, die uns nicht verbunden sind“. Die Presse sei nicht gewillt, Fehler zu korrigieren, behauptete Srinivasan, weil sie sich als die Wahrheit selbst vermarkte, ergo müssten „Bürgerjournalisten den Dingen auf den Grund gehen“. Es gäbe bessere Modelle zur Wahrheitsfindung, so Srinivasan – darunter das Risiko-Investment, das auf „zumindest in den wichtigen Dingen korrekte Prognosen“ setze.

Zu Wort kam auch der ehemalige CNN-Journalist Roland Martin. Er hatte sich im Wahlkampf 2016 mit einer Absprache geplanter Interviewfragen an Hillary Clinton diskreditiert. Jetzt mahnte Martin, Taylor Lorenz werde ihrer Rolle als Reporterin nicht gerecht und mache sich angreifbar, weil sie Koreys Äußerungen auf Twitter attackierte. Zwischen Reportage und Meinungsäußerung verlaufe eine Grenze: „Man ist kein Reporter mehr, wenn man kommentiert, worüber man berichtet. Da muss man vorsichtig sein.“ Ein anderer Gesprächsteilnehmer merkte an, wenn unklar sei, wann sich ein Journalist als Reporter und wann als Privatperson äußere, werde „Information von Pulverdampf vernebelt“.

Das ist durchaus ein Problem des Journalismus: Journalisten geben auf sozialen Netzwerken persönliche Einschätzungen zum Besten und verstricken sich in Fehden. Sie unterlaufen den Unabhängigkeitsanspruch ihrer Arbeitgeber und leisten dem Vorwurf Vorschub, die Presse missbrauche ihre Macht – bis hin zu kruden Thesen à la Donald Trump, wie sie der Investor Srinivasan verbreitet. Der feuert auf Twitter munter weiter gegen Journalisten. Taylor Lorenz von der „Times“ schließlich tweetete, sie sei dankbar, wenn sie über Tiktok-Teens und nicht über die „absoluten Babys“ aus der Tech-Welt berichten könne.

Netzwerk der erfundenen Autoren

Was die offene und weniger offene Einflussnahme der Golfstaaten auf die politische Debatte angeht, ist man in Washington einiges gewöhnt. Die Ölmonarchien orchestrieren Kampagnen in den sozialen Medien mit bezahlten Internet-Trollen und lassen sich auch herkömmliche Public Relations einiges kosten: Zum Beispiel finanzieren und unterstützen sie eine Reihe von Thinktanks, die in der Hauptstadt eine wichtige Rolle als Ideenlieferanten für die US-Außenpolitik spielen. Besonders aktiv sind die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich seit Jahren einen Propagandakrieg mit dem verfeindeten Katar liefern, aber auch mit der Türkei und anderen politischen Widersachern. Sie gehören nach einer Untersuchung des Center for International Policy zu den fünf größten ausländischen Geldgebern überhaupt.

Mittel für Thinktanks sind aber nicht der einzige Weg der Imagepflege, wie neue Medienberichte nahelegen. Das US-Webmagazin Daily Beast hat aufgedeckt, dass im vergangenen Jahr in 46 verschiedenen Publikationen mindestens 90 Artikel und Gastbeiträge erschienen, die sich oft durch ausgesprochenes Lob für die Emirate auszeichneten sowie durch ausgesprochene Kritik an den regionalen Rivalen von Abu Dhabi: der Türkei, Iran und Katar und insbesondere des in Doha ansässigen staatlich finanzierten Senders al-Jazeera.

Das Besondere dabei ist, dass diese Texte von 19 verschiedenen Autoren verfasst wurden, die es gar nicht gibt: Es handelt sich nach den Recherchen von Daily Beast um ein „Netzwerk“ erfundener Personen, die nichtsahnende Medienorganisationen mit „Propaganda“ versorgt hätten. Allerdings scheint dort auch niemand genauer nachgefragt zu haben. Eine schnelle Recherche im Internet erbrachte immerhin plausible Lebensläufe mit Abschlüssen renommierter Universitäten. Die Mühe mit den Profilen für die angeblichen Autoren hatten sich die Hinterleute der Aktion schon gemacht, was für eine professionelle Planung spricht, wie sie große PR-Agenturen vornehmen könnten – oder ein Geheimdienst.

Wer hinter dem Netzwerk steckt, ist nicht klar

Besonders produktiv war jemand, der sich als Raphael Badani ausgab und sich als früheren Spezialisten für internationale Beziehungen beim US-Arbeitsministerium bezeichnete. „Badani“ war als außenpolitischer Kolumnist auf der Website des konservativen TV-Senders Newsmax aufgeführt, der in den USA eine große Reichweite hat. Darin schrieb er gegen den schlechten Einfluss Irans auf die Geschäftstätigkeit im Nahen Osten an und pries Dubai als Vorbild. Artikel von „Badani“ erschienen auf Seiten der Zeitung Washington Examiner sowie der Zeitschriften National Interest und dem Online-Magazin American Thinker – alles Publikationen aus dem konservativen Spektrum.

Raphael Badani war allerdings bloß ein Pseudonym: Das Profilfoto zeigte einen Geschäftsmann aus Kalifornien, der davon nichts wusste, und auch die dazugehörigen Social-Media-Profile waren eine Fälschung. Nachdem die Journalisten des Daily Beast die betroffenen Publikationen darüber informierten, wurden die Beiträge von vielen Websites gelöscht. Manche Publikationen, darunter das rechtsorientierte Magazin Human Events, ließen Beiträge jedoch stehen: Man habe darin keine „faktischen Fehler“ gefunden und sei mit der generellen Stoßrichtung einverstanden.

Neben „Badani“ hat Daily Beast 18 weitere Fake-Autoren ausgemacht, denen es gelang, ähnliche Artikel zu platzieren, wobei sich manche auch etwa mit der Lage in Hongkong befassten. Wer hinter dem Netzwerk steckt, ist nicht klar – die Emirate stehen aufgrund des Inhalts vieler Artikel im Fokus, denkbar wären aber etwa auch konservative Kreise in den USA. Die meisten Schreiber seien als Mitarbeiter bei zwei als Nachrichtenportalen getarnten Websites namens The Arab Eye und Persia Now aufgeführt gewesen, die im Februar 2020 gleichzeitig und von denselben Hinterleuten aufgesetzt wurden, analysierte Daily Beast. Die Texte dort hatten sich wiederholt äußerst wohlwollend über die Vereinigten Arabischen Emirate geäußert. Beide Websites wurden inzwischen gelöscht.

Das teure Imageproblem von Adidas

Manche Tage gehen in die Geschichtsbücher ein, weil sich die Ereignisse überschlagen. Andere, weil rein gar nichts passiert. So wie am 16. März 2020. Dieser Tag wird im Hauptquartier von Adidas wegen seiner gespenstischen Ruhe in Erinnerung bleiben. Denn von jenem Montag an blieben wegen der Corona-Pandemie fast alle Läden des Sportkonzerns geschlossen. Binnen kürzester Zeit brach Vorstandschef Kasper Rorsted der größte Teil seines Vertriebs weg.

Fast vier Monate sind inzwischen vergangen. „Wir sehen Licht am Ende des Tunnels“, heißt es mittlerweile in der Zentrale in Herzogenaurach. Die meisten Geschäfte seien wieder geöffnet, und der Boom im Onlinehandel setze sich fort. Wegen der Hygieneauflagen kämen zwar weniger Konsumenten in die Shops, aber die würden mehr ausgeben. „Das spricht für die Attraktivität unserer Produkte und Marken“, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit.

Rorsted könnte also langsam wieder zum Tagesgeschäft übergehen. Der 58-Jährige könnte an jene Wachstumsgeschichte anknüpfen, die er bis zum 16. März so hervorragend zu vermitteln verstand. Denn es war eine Story voller Rekorde.

So einfach ist es aber nicht. Denn Rorsted muss Probleme angehen, für die es keine betriebswirtschaftliche Lösung gibt – und das ist ungewohnt für den Manager. Ob bei Henkel oder Adidas – Rorsted genießt den Ruf, Unternehmen konsequent auf mehr Rendite zu trimmen. Das hilft ihm momentan aber nicht unbedingt weiter, geht es bei Adidas doch vielmehr um Zwischenmenschliches, weniger um Kennzahlen.

Am schwierigsten ist wohl die Lage in Amerika, jenem Land, das auf der Prioritätenliste des Dänen seit seinem Amtsantritt im Sommer 2016 ganz oben steht. Denn nirgendwo werden so viele Turnschuhe verkauft wie in den USA – und nirgendwo hat Adidas so viel Aufholbedarf wie in der Heimat des Weltmarktführers Nike.

Ausgerechnet in den USA allerdings herrscht der Eindruck, dass Adidas die gesellschaftlichen Bewegungen im Land und ihren Einfluss auf die Konsumenten noch nicht wirklich erfasst hat. „Das Thema Rassismus ist in den USA sehr wichtig für Unternehmen, ebenso wie das der Frauen und der LGBT-Gemeinde“, sagt Kristen Broady, Dekanin der Business School der Dillard University und Gründerin von K Broad Consulting. LGBT steht für schwule, lesbische, bi- und transsexuelle Menschen.
Nike hat sich klar gegen Rassismus positioniert

Die langjährige Personalchefin Karen Parkin hat genau das wohl unterschätzt. Ende Juni beugte sich die einzige Frau im Vorstand von Adidas dem Druck von Beschäftigten in Amerika und trat zurück. Besonders umstritten waren Äußerungen, die Parkin vor einem Jahr auf einer internen Veranstaltung der Konzerntochter Reebok in Boston gemacht haben soll. Dabei soll sie Rassismus im eigenen Haus als unwichtig abgetan haben. Seitdem soll der Widerstand gegen die 55-jährige gebürtige Engländerin massiv zugenommen haben, es kam zu Demonstrationen auf dem Campus der US-Zentrale in Portland.

Professorin Broady verweist in dem Zusammenhang auf den US-Wettbewerber Nike, der sich aus ihrer Sicht klar gegen Rassismus positioniert hat. Als sich der Football-Spieler Colin Kaepernick im Jahr 2016 aus Protest gegen Polizeigewalt bei der Nationalhymne hinkniete, nahm Nike ihn unter Vertrag. Damit zog der Weltmarktführer sogar den Zorn des US-Präsidenten auf sich.

Und nach dem Tod von George Floyd verurteilte Nike die Polizeigewalt und änderte seinen berühmten Slogan „Just do it“ in einen Spot mit „For once don’t do it“ um. Dieses Mal sollten die Menschen nicht so tun, als gäbe es keinen Rassismus. Bei Schwarzen ist die Marke Nike daher sehr beliebt.

Rorsted hat zwar nicht so kreativ reagiert wie Nike, aber auch er ging in die Offensive. In Zukunft sollen 30 Prozent der Neueinstellungen in den USA Schwarze und Latinos sein, verspricht er. Mehr noch: Bis 2025 sollen 120 Millionen Dollar (rund 107 Millionen Euro) in den Kampf gegen Rassenungerechtigkeit fließen. Zudem finanziert die Marke jetzt jährlich 50 Stipendien für junge Schwarze.

Das Engagement könnte sich für Rorsted langfristig auch geschäftlich auszahlen: „Es gibt 47,8 Millionen Afroamerikaner in den USA“, macht Beraterin Broady klar, um welchen potenziellen Markt es sich handelt, den man mit Rassismus verlieren kann. Hinzu kommen Millionen Weiße, die auch keine Marken akzeptieren, die als rassistisch gelten. „Als rassistisch wahrgenommen zu werden ist heute viel schädlicher als noch vor zehn Jahren“, ist die Akademikerin und Beraterin überzeugt.

Broady rät Adidas, sich richtig zu entschuldigen für die Worte der Personalchefin. „Außerdem sollten sie Schwarze als Manager einstellen, ebenso wie Frauen und LGBT-Vertreter. Dann passieren ihnen keine Fehler“, rät sie. Das rechne sich auch fürs Unternehmen. „Wenn Unternehmen wegen Fehlern in der Kommunikation in die Kritik geraten, dann kostet sie das Millionen, die Wogen zu glätten. Da ist es günstiger, vorher schwarze oder auch weibliche Board-Mitglieder einzustellen, die einen warnen können“, sagt Broady.

Wie Red Yenta das Liebesleben von Marxisten, Kapitalismuskritikern und Linksaktivisten revolutionieren will

Mit der Dating-Plattform Red Yenta ist es ein wenig wie mit Frankenstein: Das Geschöpf ist nicht ganz so herausgekommen, wie es sollte. Red Yenta ist die wahrscheinlich erste sozialistische Singlebörse der westlichen Welt. Gegründet worden ist sie im letzten Januar von der New Yorker Studentin Marissa Brostoff (34) und der Gewerkschafterin Mindy Isser (29) aus Philadelphia.

In kurzen Posts beschreiben liebeshungrige Sozialisten auf Instagram (@redyenta) oder Twitter (@RedYenta) die politischen und sexuellen Anforderungen, die sie an potenzielle Partner stellen. Bilder sind jedoch nicht erlaubt, und die mit Szene-Codes gespickten Kontaktanzeigen hören sich eher ungewohnt an, um es einmal vorsichtig auszudrücken.

@suedeshoes zum Beispiel schreibt: «Ph. D. student-worker in political theory. Loves the idea that Goldman once said that if there was no dancing, it was not her revolution. Loves dancing. She/her; bi/Pan, 28. Socialist feminist.»

Übersetzt heisst das: Es geht um eine Doktorandin, sozialistische Feministin und studentische Mitarbeiterin in politischer Theorie. Sie liebt die Vorstellung, dass die feministische Anarchistin Emma Goldman einmal gesagt hat, eine Revolution, bei der nicht getanzt werde, sei nichts für sie. Sie ist bi-/pansexuell und tanzt gerne.

Um die linken Lockbotschaften zu verstehen, muss man zudem wissen, dass die Inserenten mit Pronomen wie she/her (sie/ihr) signalisieren, mit welchem grammatischen Geschlecht sie identifiziert werden möchten; neben she/her und he/him gibt es das genderneutrale they/them.

Auf die 1940 verstorbene Emma Goldman bezieht sich auch @possumcomrade. Sie sucht nämlich Genossinnen, die wissen, dass es im erwähnten Goldman-Zitat um Mansplaining geht – also um Männer, die sich berufen fühlen, Frauen die Welt zu erklären:

«35, queer, cis, white, hard femme, asexual. Anarcho-syndicalist in the streets/sheets. Seeking comrades who know that Emma Goldman quote is about mansplaining. Direct action gets results, direct messaging gets the goods. No SWERFs/TERFs. Yes molotovs.»

Demnach haben wir es mit einer weissen, asexuellen Anarchosyndikalistin zu tun, die sich mit ihrem angeborenen Geschlecht identifiziert («cis»); sie mag direkte Aktionen und Molotowcocktails, aber keine Radikalfeministinnen, die Sexarbeiterinnen und Trans-Personen ausgrenzen (SWERFs/TERFs).

Als letztes Beispiel sei der pansexuelle Filmstudent und Hundeliebhaber @Ethan13705223 erwähnt. Er ist Aktivist bei der trotzkistischen Partei Sozialistische Alternative und dem Komitee für eine Arbeiterinternationale (CWI), und er ist offen für jeden Dating-Partner, es sei denn, es geht um Rassisten und Trump-Anhänger:

«Ethan, 24. He/him, bi/pan. Socialist Alt./CWI. Socialist Theatre Studies major and film studies minor. I love dogs, the dramatic arts, film, memes, and the Marxist agenda. I’ll date anyone but racists and Trump supporters.»

Im Grunde ist Red Yentas Botschaft gut und richtig: Wir lassen uns nicht auf Aussehen und Konsum reduzieren, auch nicht auf Geschlechterstereotype. Es ist wichtig, was wir denken und sind, wie wir uns gegenüber der Gesellschaft positionieren. Diesen Gedanken mit einem Dating-Portal umzusetzen, ist natürlich nicht ganz einfach. Vielmehr erinnert das Vorhaben an den Versuch, die Macht der Medien in Zeitungsinseraten anzuprangern. Und es zeigt, dass die Egomanie der Grundnahrungsstoff für jedes Online-Dating ist – selbst wenn die Teilnehmer Konsum und Kapitalismus schlimm finden.

Stöbert man etwas länger in den Kontaktanzeigen, wird das Muster klar. Red Yenta versteht sich als inklusiv, divers, politisch korrekt und respektvoll. Man hat Marx, Lenin und den französischen Poststrukturalisten Giles Deleuze gelesen und trifft sich mit Bierkannen auf Terrassen oder Treppen, um über Antiimperialismus zu palavern.

Massive «Israelkritik» gehört zum guten Ton, Hunde streicheln und ethnisch kochen auch. Die Logik von Red Yenta: Auf herkömmlichen Dating-Plattformen wie Tinder lässt sich vor dem Kennenlernen zwar vieles erfragen und preisgeben. Aber die politische Gesinnung bleibt meist ein Geheimnis.

Doch Umfragen zeigen: Jüngere, technologieaffine Menschen, besonders Millennials und die Generation Z, sind wieder stärker links und sozialistisch orientiert als ältere Generationen. «Hallo Genossen!», heisst es im ersten Tweet auf Red Yenta. «Die Sache ist doch so: Liebe ist schwierig zu finden, und es ist besonders hart, wenn du einer verrückten sozialistischen Richtung angehörst, von der noch nie jemand gehört hat.»

Auf Red Yenta soll es gerade nicht so zugehen wie auf Tinder: Über Politik darf schon vor dem ersten Date geredet werden, Aussehen ist egal, die Person zählt, die gute Gesinnung und das Gedankengut, natürlich auch die Liebe.

Dennoch, beim Lesen von Dating-Prosa wie: «trans-fem queer socialist satanist (she/her) seeking babes & hunks of any/all genders for fun & book recommendations» oder: «he/him genderless. looking for she/her, they/them. unaffiliated. writes poetry» beschleicht einen ein ungutes Gefühl. Könnte es sein, dass hier unter dem Deckmantel von postmarxistischer Konsumkritik und uneigennützigem Intellektualismus genau das betrieben wird, was es doch zu vermeiden galt?

Zu nennen wären wahllose, sexuell motivierte Begegnungen mit Leuten, die ihren Chauvinismus hinter komplexbeladenen Verweisen auf den (pseudo)akademischen Hintergrund verbergen: Man kennt relevante Philosophie und Literatur, ist musisch unterwegs, ernährt sich gesund. Warum, so scheint sich diese Spezies zu fragen, soll man nur mit einer Person ins Bett gehen, wenn man doch alle haben kann, solange sie nur Marx oder Deleuze kennen?

Egal, ob Red Yenta oder Tinder: Mit galantem Hofieren oder vorsichtiger Annäherung ist es hier wie dort vorbei, es geht geradeheraus um Sex, oft schon im Vorgeplänkel. Auf Tinder und ähnlichen Apps, von denen sich Red Yenta demonstrativ distanziert, um im Grunde etwas Ähnliches anzubieten, gilt: Alle möglichen Menschen sind frei verfügbar, wir können sie jederzeit auswählen, treffen und küssen.

Genauso oft aber werden diese Menschen fallengelassen, oder sie lassen andere nach dem ersten Treffen wieder fallen, man wischt sie auf dem Handybildschirm heran und wieder weg. Tinder erfordert zudem eine zusätzliche Marktstrategie: Auf ihrem Profil schaffen die Nutzer die bestmögliche Version ihres Selbst, sie wählen das beste Bild, das sich auftreiben lässt, auch wenn es viele Jahre alt ist. Red Yenta operiert ohne Profilbild, was antidiskriminierend sein soll.

Auf der Website des Online-Portals findet man zudem allerlei Sprachcodes, die identitäre Fluidität und Offenheit demonstrieren sollen. Aber im Hintergrund ist nichts avantgardistisch und wild, sondern monopolisiert und global. Die Poststrukturalisten dachten, wir könnten die Verhältnisse ändern, wenn wir nur albern tanzten, ässen, tränken und fröhlich seien. Dies war kein ernster Protest, sondern lediglich eine liederliche Ablenkung. Linkes Online-Dating ist letztlich nicht mehr und nicht weniger als das verzerrte Spiegelbild einer kapitalistischen Konsumwelt, in der alles keine Bedeutung mehr hat – nichts kommt von irgendwo, nichts ist ernst, alles kann verkauft und gekauft, getroffen und gedatet werden.

Denn was ist auf Red Yenta anders als auf Tinder? Die lustigen Kontakt-Tweets hören sich vielleicht origineller an als dumpfes Tinder-Geröhre – lass uns die Revolution planen, während wir nebeneinander auf dem iPhone herumwischen, veganes Curry löffeln und danach nichtbinär in die Kiste hüpfen – aber am Ende geht es auch nur um frivole Inserate, in denen mit sinnentleerter politischer Kritik gespielt wird.

Nichts fordert auf Red Yenta das Denken heraus, stattdessen wähnt man sich wie bei Tinder in einem Selbstbedienungsladen zur Befriedigung aller möglichen Gelüste. Sozialer Ungerechtigkeit, kapitalistischer Beschleunigung und knallhartem Tinder-Zynismus begegnet man auf Red Yenta mit demselben delirierenden Geschwurbel, das den postmarxistischen Philosophen Gilles Deleuze seinerzeit dazu bewogen hat, vor den Kräften zu warnen, die endlich die Verhältnisse umkrempeln könnten. Diese würden, so Deleuze, von der Mehrheitsgesellschaft als verrückt, usurpatorisch und exzentrisch wahrgenommen. Als hätte Deleuze es geahnt, ist wohl auch Red Yenta kläglich gescheitert.

Ein Appell für eine neue europäische Medienregulierung.

Wir sind Europäer. Wir sind ein Franzose und ein Deutscher. Und gemeinsam stehen wir für die Verteidigung europäischer Werte in den Medien ein. Um die europäischen Werte – und um nichts weniger als das – geht es auch bei dem zentralen europäischen Gesetzgebungsverfahren, das die Diskussion in Brüssel über die nächsten Monate unter dem sperrigen Titel „Digital Services Act Package“ (DSA) prägen wird.

Worum geht es dabei? Die Europäische Kommission stellt sich mit dem Digital Services Act der Aufgabe, Europas vielfältige Regeln für die digitale Welt zu ordnen und der aktuellen Realität anzupassen. Dieses Vorhaben, dessen Ränder noch recht unscharf sind, erstreckt sich vom Verbraucherschutz über die Regeln des Wettbewerbs bis zum Bereich des E-Commerce, also dem elektronischen Geschäftsverkehr. Vor allem aber geht es um die zentrale Frage, wie viele Regeln wir im Internet brauchen, um Freiheit im demokratischen Sinne gewährleisten zu können.

Letztlich kreisen alle Diskussionen um eine zukunftsfähige Medienordnung um diese Frage: Freiheit oder Grenzen? Braucht es ein absolutes Recht auf Meinungsfreiheit oder müssen diesem Grenzen gesetzt werden? Dieser Gegensatz ist letztlich der Kern aller aktuellen ordnungspolitischen Debatten rund um grenzüberschreitende Rechtsverstöße, Hassrede, Desinformation und schließlich auch rund um eine Vielzahl nationaler Gesetzesinitiativen, wie das französische Desinformationsgesetz und das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Welche Rolle spielt hierbei jetzt Europa?

Europa fällt dabei die Rolle zu, diesen Widerstreit aufzulösen und eine europäische Lösung vorzuschlagen. Warum? Weil wir das können. Weil die Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch die zentrale Erkenntnis unserer wechselhaften Geschichte ist und unser Verständnis von Demokratie repräsentiert. Was wir, was Europa zur Digitalisierung der Gesellschaft beitragen kann, ist die Idee einer rechtsstaatlichen Freiheit. Es ist die Erkenntnis, dass wir Regeln brauchen, um frei sein zu können. Das mag man in anderen Teilen der Welt anders sehen, und sicher finden das weltweit agierende Internetkonzerne außerordentlich lästig. Das ist aber am Ende nicht entscheidend.

Bei der Frage, wie dieser ordnungsrechtliche Rahmen der Zukunft aussehen soll, muss zunächst das Ziel klar sein. Für uns, Europas Medienschützer, geht es vor allem darum, die Meinungsfreiheit zu schützen. Und unser Ziel ist der Schutz der Bevölkerung vor Rechtsverstößen wie der Verletzung der Menschenwürde, der Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch unzulässige Inhalte oder Angriffen durch gezielte Desinformation im Netz.

Aus unserer praktischen Erfahrung stellen wir fest, dass Haltung, Entschiedenheit und die Staatsferne der Medienaufsicht hierbei wesentlich wichtiger sind als die Frage, ob die Behörden zentral oder föderal strukturiert sind. Wir stellen fest, dass die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Medienregulierer über die nationalen Grenzen hinweg entscheidend ist. Aus der praktischen Erfahrung stellen wir aber auch fest, dass all das nur gelingen kann, wenn wir, wenn Europa für folgende Fragen Antworten entwickelt und daraus klare Regeln ableitet:

Bei wem liegt die Verantwortung für Inhalte im Netz?

Wir müssen uns entscheiden, wie die Verantwortung für illegale Inhalte im Netz zugeordnet wird. Bis wohin liegt diese Verantwortung also allein bei demjenigen, der den illegalen Inhalt erstellt hat? Ab wann ist es auch die Verantwortung der sozialen Medien und Plattformen, die diesem Inhalt überhaupt erst eine Relevanz geben, indem sie aggregieren und verbreiten? Das sind keine abstrakten Fragen, sondern reale Probleme.

Die aktuelle Rechtslage sieht vor, dass wir uns an den Ersteller des illegalen Inhalts halten müssen. Gute Idee. Nur sind die häufig nicht ermittelbar, erst recht nicht ohne das Mitwirken der Plattformen, die ihrerseits Maßnahmen ergreifen und mit der Medienregulierung zusammenarbeiten müssen. Ganz zu schweigen davon, dass es in grenzüberschreitenden Fällen an klaren Verfahren zwischen den Mitgliedstaaten fehlt.

Diese bisher eindimensionale Vorstellung von Verantwortung bildet die Realität nicht mehr ab. Soziale Medien sind eben keine bloßen Verbreitungswege. Sie entscheiden über Reichweite, Sichtbarkeit oder das Verschwinden von Inhalten – und damit am Ende auch über den Umgang mit legalen Meinungsäußerungen. Dabei hat die Selbstregulierung der Plattformen zwar zuletzt auch positive Errungenschaften gebracht, sich jedoch in Summe als unzureichend erwiesen.

Die aktuellen Gesetze sind über 20 Jahre alt und bilden die Realität nur noch höchst porös ab. Wenn wir Medienschützer auch langfristig die sensible Balance zwischen illegalen Inhalten und freier Meinungsäußerung wahren sollen, werden wir bald besseres Werkzeug brauchen als eine regulatorische Laubsäge. Unberührt der Letztentscheidungsrechte der Justiz brauchen wir klare Auskunftsansprüche und abgestufte Durchgriffsrechte auf allen Verantwortlichkeitsstufen – und das mit einem beherrschbaren Zeit- und Verwaltungsaufwand.

Wie kann eine effektive, grenzüberschreitende Zusammenarbeit aussehen?

Jeder von uns ist in der Lage, seinem nationalen Recht Geltung zu verschaffen. Was aber geschieht, wenn der Inhalt in dem Land, in dem er erstellt oder auf den Weg gebracht wird, als legal eingestuft wird, aber als illegal in dem Land, das er adressiert? Auch das kann ein lösbares Problem sein. Aber auch hier brauchen wir einen eindeutigen rechtlichen Rahmen – einen neuen smarten Regulierungsansatz –, der uns erlaubt, dies in einem sinnvollen Verfahren untereinander zu regeln.

Natürlich ist das im Detail nicht so einfach. Es verlangt viel Fingerspitzengefühl, die Verantwortungen im Netz neu zu verteilen und das zwischenstaatliche Handeln sinnvoll zu organisieren. Aber Europa ist eine Wertegemeinschaft. Europa lebt davon, Kulturen zu vereinen und ihnen dennoch in der Gemeinschaft den notwendigen Raum zu geben. Genau so arbeitet auch die ERGA, die European Regulators Group for Audiovisual Media Services. Sie vereint unabhängige Regulierer und stärkt deren grenzüberschreitende Zusammenarbeit, während sie nationale Bedürfnisse achtet. Konsequentere Regeln und erweiterte Zuständigkeiten für die europäischen Medienregulierer und die ERGA würden daher schon heute ein Wunder an zusätzlicher Effizienz bedeuten. Hingegen zu glauben, das Problem ließe sich durch das bloße Schaffen einer weiteren supranationalen Behörde lösen, ist ein Fall von Ordnungsromantik. Oder anders gesagt: Auch der schönste Zug kommt ohne Schienen nicht sehr weit.

Der Blick in die Realität macht jedenfalls eines deutlich. Die Frage, die wir uns zu Anfang dieses Artikels gestellt haben, ob wir Freiheit oder Grenzen brauchen, ist einfach zu beantworten: Es ist kein Oder – wir brauchen Grenzen, um frei zu sein. Die Regeln dafür müssen klar und eindeutig sein. Das gilt für die Zuordnung von Verantwortung ebenso wie für die zwischenstaatliche Kooperation. Schließlich nimmt der Druck der Öffentlichkeit, einen effektiven Schutz vor schädlichen Inhalten im Netz zu gewährleisten, obendrein stetig zu.

Jetzt ist die Zeit, die Diskussion um die Medienordnung Europas an der richtigen Stelle zu führen. Wahrscheinlich wäre schon viel erreicht, wenn jeder seine in der Gewaltenteilung zugewiesene Aufgabe erledigen würde. Die Legislative setzt Recht, und die Judikative übernimmt die Rechtsprechung. Die Industrie muss sich an die Gesetze halten. Und unsere Aufgabe als Medienregulierungsbehörden – und damit Exekutive – besteht nicht etwa darin, das Internet zu zensieren oder die Aufgabe eines Richters zu übernehmen, sondern die Einhaltung der Regeln zu überwachen. Wir sind zur Erfüllung unserer Aufgabe zum Schutz der Freiheit jedenfalls bereit. Dabei behalten wir immer im Auge, dass wir nicht das gefährden, was wir vor allem anderen schützen wollen: die Meinungsfreiheit in einem freien Europa.

Ab 12.07. beginnt eine neue Ära

Die Reihenfolge der Produkte auf Amazon und anderen Marktplätzen ist der große Erfolgsfaktor im Handel. Bisher ist das ein Geheimnis. Künftig müssen die Faktoren transparent sein. Das hat Auswirkungen für Händler – und Verbraucher.

Eine Onlinesuche nach, sagen wir, Damen-Sneakers auf Amazon liefert im Handumdrehen mehr als 50.000 Ergebnisse. Sportschuhe von Superga, Puma, Vans, HKR, Nike, Converse und anderen. In der schier unendlichen Warenwelt des Amazon-Marktplatzes warten insgesamt schätzungsweise 568 Millionen unterschiedliche Artikel auf Käufer, in jeder Kategorie Zehn- oder Hunderttausende. Warum aber stehen gerade Superga-Treter ganz oben – und nicht andere?

Dies ist eine Frage, die unabhängige Händler auf dem Amazon-Marktplatz brennend interessiert. Nicht nur dort, sondern auch auf Dutzenden anderen digitalen Märkten von Ebay über Otto.de bis Zalando. Das Ranking, die Reihenfolge der Präsentation von Artikeln auf einem virtuellen Marktplatz, spielt eine entscheidende Rolle für den Verkaufserfolg. Schon die zweite Internetseite trifft auf deutlich weniger Interesse der potenziellen Kundschaft, nach der dritten droht der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit.

Bisher können die Verkäufer nur raten, wer warum und wann mit seinem Angebot oben landet. Branchenbeobachter wählen gerne den Vergleich von David und Goliath, um die Machtverteilung zwischen Händlern und Plattformbetreibern zu beschreiben. Ob Ranking, gesperrte Händlerkonten, sogar eingefrorene Guthaben – die Shopeigner können erst mal nur zuschauen. Bis jetzt. Denn das ändert sich gerade.

An diesem Sonntag treten neue Regeln in Kraft, die das Machtgefüge zu ihren Gunsten verschiebt. Ab dem 12. Juli gilt europaweit die neue „Plattform-to-Business-Verordnung“ der EU, kurz P2B. Für Hunderttausende kleiner Onlinehändler auf den großen Internetmarktplätzen ist es die Formel für eine neue Ära.

„Wir sehen die P2B-Verordnung als einen ersten großen Schritt in die richtige Richtung. Die Beziehung zwischen Händlern und Marktplätzen wird neu definiert“, sagt Oliver Prothmann, Präsident des Bundesverband Onlinehandel (BVOH). „Die EU ist hier einen wirklich sinnvollen Schritt gegangen. Und es ist zu erwarten, dass sich die Plattformen auch daran halten, denn sie müssen darüber Bericht erstatten“, meint auch E-Commerce-Berater Mark Steier.

Denn bisher sind Händler und Marktplatzeigner nur theoretisch Geschäftspartner auf Augenhöhe. Zwar ist kein Onlinehändler gezwungen, seine Ware über Amazon, Ebay, Google Shopping oder Rakuten anzubieten. Doch de facto sind die meisten Shops existenziell auf die Verkaufspower der Plattformen angewiesen. Diese verfügen über die Datenhoheit, sie entscheiden über den Kundenzugang, sie steuern die Prozesse.

Plattformbetreiber müssen ihren Ranking-Algorithmus offenlegen

Die neue Verordnung erfasst alle „Onlinevermittlungsdienste“, also neben Plattformen beispielsweise auch Hotel- und Flugbuchungsportale, soziale Netzwerke mit Direktkaufmöglichkeit oder Preisvergleichsportale. Experten schätzen, dass allein in Deutschland rund 7000 Plattformen, Apps und Suchmaschinen von der P2B-Verordnung betroffen sind.

Im Einzelnen müssen die Betreiber beispielsweise schon in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) darlegen, aus welchen Gründen Händlerkonten gesperrt werden können. Auch das Ranking-Rätsel wird weitgehend gelöst. In den Geschäftsbedingungen muss nachzulesen sein, welche Maßstäbe angewandt und wie die Kriterien gewichtet werden. „Plattformbetreiber werden zu mehr Transparenz und Fairness verpflichtet“, fasst die Kanzlei Noerr zusammen.

„Die wichtigste Regelung sehen wir in der neuen Möglichkeit der Mediation“, erklärt Prothmann. Plattformen müssen künftig ein kostenfreies internes System zur Streitschlichtung etablieren. Wichtig für kleine Teilnehmer sei vor allem, dass es nicht mehr zu langen, teils mehrmonatigen Kontensperrungen einschließlich des Einfrierens von Guthaben komme, so Steier. Diese Praxis hat manche Betroffene an den Rand der Verzweiflung getrieben.

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit bei den Neuerungen steht Amazon – schon wegen seiner Größe. Über seine Systeme läuft mehr als die Hälfte des gesamten deutschen E-Commerce im Umfang von jährlich rund 60 Milliarden Euro. Dabei entfällt der größere Teil auf den Market Place und der Rest auf Waren, die der US-Konzerns selbst verkauft.

Während Amazon die Absatzchancen betont, die es Vertriebspartnern eröffne, verzeichnete das Bundeskartellamt zahlreiche Beschwerden von Shopbetreiber und stellte letztes Jahr ein Missbrauchsverfahren erst nach Zugeständnissen Amazons ein.

Die Durchführung von Schlichtungsverfahren ist allerdings nicht zwingend. „Wir führen die Mediation als Option ein, um Streitigkeiten mit Verkäufern außergerichtlich beizulegen“, heißt es etwa in den „Neuen Programmrichtlinien“ von Amazon. Der Onlineriese hat den Londoner Dienstleister CEDR (Center for Effective Dispute Resolution) benannt, wobei Verfahren – nach Wahl des Händlers – auch auf Deutsch stattfinden können.

Amazon, Otto und Zalando haben ihre Regeln angepasst

Amazon hat nach eigenen Angaben keinen Einfluss darauf, welchem Mediator das CEDR dem Fall konkret zuweist. Andere Unternehmen, etwa Otto, setzen spezialisierte Wirtschaftskanzleien ein, wieder andere nutzen den BVOH als Schlichter.

Die Plattformbetreiber haben ihre Bedingungen durchweg rechtzeitig zum Stichtag am Sonntag angepasst – mit unterschiedlichem Aufwand. „Vor dem Hintergrund, dass wir einen sehr partnerschaftlichen Umgang mit unseren Partnern unterhalten, haben wir bereits vor der P2B-Verordnung wesentliche Vorgaben erfüllt“, sagte etwa eine Zalando-Sprecherin.

Die Otto-Gruppe wertet die Veränderungen als unproblematisch. Amazon hat nach Angaben eines Sprechers die Geschäftsbedingungen in Deutschland kürzlich angepasst, „um sicherzustellen, dass unsere Verkaufspartner die bestmögliche Zusammenarbeit mit Amazon erleben“.

Der Regelungsbedarf ist auch wegen des enormen Branchenwachstums groß. Digitale Marktplätze haben sich als eines der erfolgreichsten Geschäftsmodelle des Jahrzehnts erwiesen. Im Prinzip funktionieren sie nicht anders als jeder Markt seit Urzeiten: Sie bringen Angebot und Nachfrage zusammen und verlangen dafür eine Gebühr.

Die neuen Technologien sorgen allerdings im Unterschied zu früheren Märkten für die Möglichkeit einer fast beliebigen Vervielfältigung der Handelsmöglichkeiten. Auf Megamärkten wie bei Amazon oder der chinesischen Firma Alibaba stehen einer halben Milliarde von Offerten ebenso viele oder noch mehr Kunden gegenüber.

Im Prinzip profitieren alle von der Idee: Den Kunden kommen eine riesige Produktauswahl und die harte Konkurrenz der Händler zugute. Den Anbietern erschließt sich ein Absatzpotenzial, das auf keinem anderen Weg zu bekommen ist. Die Marktplatzbetreiber kassieren Gebühren, die sehr unterschiedlich ausfallen können.

Bei Amazon etwa liegen sie nach Angaben der Firma Sellics, einem Software-Dienstleister für Amazon-Händler, zwischen sechs und 45 Prozent des Verkaufspreises, im Schnitt bei rund 15 Prozent. Ebay und etliche kleinere Händler verlangen geringere Prozentsätze, andere deutlich höhere. Zu der prozentualen Verkaufsprovision kommt in der Regel noch eine feste monatliche Grundgebühr, die zwischen einigen Dutzend und mehreren Tausend Euro schwanken kann.

Die neuen Regeln nützen auch den Endverbrauchern, obwohl sie nicht unmittelbar darauf abzielen. Davon ist Verbandschef Prothmann überzeugt. P2B führe zu mehr Wettbewerbsgleichheit gerade für kleinere Shopbetreiber. Das fördere die Transparenz und liefere letztlich mehr gute Angebote. „Ein faireres Zusammenspiel zwischen Plattformen und Händlern führt auch zu einer besseren Kauf- und Serviceerfahrung beim Verbraucher“, meint er.

Kinderfernsehen: Schluss mit Peter Lustig

Baehr ist eine von drei Wissenschaftlerinnen, die das neue Wissensmagazin Princess of Science des ZDF im Kika moderieren und Fragen von Mädchen beantworten. In insgesamt acht Folgen wird gezeigt, wie viel Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (kurz MINT) im Alltag von Kindern und Jugendlichen steckt. Neben der 30-jährigen Baehr untersucht die Biochemikerin Patrizia Elinor Thoma, 35, wie viele Bakterien sich auf der Klobrille im Vergleich zum Handydisplay befinden und nimmt dafür Abdrücke. Physikerin Linh Nguyen,29, fragt bei einer Expertin nach, welche seltenen Erden im Handy verbaut sind. Verewigt werden die wissbegierigen Jugendlichen und Experten dann auf der „Wall of Fame“: mit Porträt und jeweils einem Krönchen, das über die Köpfe der Protagonisten geklebt wird. Bei Princess of Science liegt der Fokus anders als bei vergleichbaren Formaten auf Wissenschaftlerinnen und Mädchen, die sich für das Forschen interessieren. „Leider ist MINT ein überwiegend männerdominiertes Feld. Deswegen ist es wichtig, Mädchen direkt anzusprechen“, sagt Thoma.

Aufgewachsen sind Nguyen, Thoma und Baehr mit Löwenzahn und der Sendung mit der Maus. Als Baehr jetzt ihre Tonaufnahmen für die Sendung einsprach, musste sie an die unaufgeregte, sanfte Stimme von Peter Lustig in seinem blauen Wohnwagen denken: „Ich wollte auch immer Wissensfragen stellen und herausfinden, wie Sachen funktionieren. Peter Lustig war mein Idol, und jetzt darf ich sowas selbst machen.“

Im eigentlichen Berufsalltag der drei Wissenschaftlerinnen geht es aber nicht darum, Handys aufzubrechen oder zu zeigen, wie sehr sich Schweißgeruch in verschiedenen Stoffen bemerkbar macht. Nguyen forscht gerade an einem Teststreifen, der diverse Krankheiten erkennen soll. Thoma untersucht die Kommunikation zwischen Pilzen und Pflanzen und Baehr setzt sich mit Chips auseinander, die in Geräten verbaut werden. Während sie von ihren Forschungen erzählen, unterbrechen sie sich immer wieder kurz, stellen Nachfragen, wollen mehr wissen – schließlich kommen sie aus verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft. Dieses Zusammenspiel macht auch den Reiz der Sendung aus.

„Wir bedienen nicht das Klischee der Wissenschaftlerin als graues Mäuschen mit Brille“

Die drei Wissenschaftlerinnen lernten sich erst durch die Sendung kennen, davor gab es ein Casting, die Sorge kam auf, nicht „cool“ genug für das Magazin zu sein. Was das ZDF letztendlich gesucht hat: drei Frauen, nicht nur aus unterschiedlichen Disziplinen, sondern auch mit unterschiedlichen Temperamenten. „Wir bedienen nicht das Klischee der Wissenschaftlerin als graues Mäuschen mit Brille, sondern bilden ein breites Spektrum an jungen Frauen ab, im Wesen und der Erscheinung“, sagt Thoma. Ein ziemlich überholtes Klischee, das die Sendung aber erkennbar vehement vermeiden will: Baehr, mit ihren pinkfarbenen – inzwischen lila – Haaren oder Thoma, mit Sidecut und Zopf.

Gemeinsam haben sie aber die Begeisterung für die Wissenschaft. Baehrs Eltern sind beide Biologen, Theorien wurden beim Abendessen diskutiert, das wissenschaftliche Interesse schon immer gefördert: ihren 17. Geburtstag hat sie damit verbracht, Milben im Regenwald zu bestimmen. Thoma liebte als Kind Naturkundemuseen und Nguyen hat ihr Faible für Chemie und Physik erst so richtig im Studium entwickelt. Die drei wirken entspannt, authentisch und bodenständig. Vielleicht gerade weil sie keine erfahrenen Moderatorinnen sind.

Doch Kritik gibt es, vor allem auf Twitter. Nicht für das Format an sich, sondern für den Titel Princess of Science. Ein typischer Fall von Geschlechterstereotype liege vor: Mädchen würden sich erst für Wissenschaft interessieren, wenn Forschung in pinkfarbener royaler Aufmachung daherkommt, wie der Name der Sendung impliziere. Doch der Titel ist laut ZDF bewusst provokativ gewählt, um mit dem typischen Bild der Prinzessin zu brechen.

Die E-Technikerin Baehr will Vorbild sein, sagt sie, aber viel wichtiger sei es, dass Frauen einfach ganz normal wissenschaftliche Berufe ergreifen.

Über Normalität oder nicht entscheidet bereits die Kindheit: Thoma wollte immer einen Chemiebaukasten. Während ihr Wunsch als kindliche Spinnerei abgetan wird, bekommt der Bruder ein Metallbau-Set. In den Schulen gebe es immer noch nicht überall Informatikunterricht, oder er werde zu spät eingeführt, grundlegend fehle oft die Technik oder die Expertise der Lehrer und Lehrerinnen, sagt Baehr. Außerschulische Angebote seien nur spärlich vorhanden, und auch dort seien es meistens die Jungen, die sich angesprochen fühlen.

Wissenschaftlerinnen müssen sichtbarer gemacht werden, gerade im medialen Bereich

Selbst im Studium setzt sich das Missverhältnis fort. Nguyen hatte an der LMU München gerade mal eine Professorin während des Studiums, der Frauenanteil in den MINT-Studiengängen ist ähnlich gering wie der Frauenanteil der Dozenten. Nur in Biologie überwiegen die Studentinnen. Thoma hat als Biochemikerin eine Erklärung: „Bei Biologie denken viele erstmal an Tiere und Pflanzen. Damit wird eher weiblicher Zuspruch verbunden. Und was ist der Traumberuf von vielen Mädchen? Tierärztin.“

Wissenschaftlerinnen müssen sichtbarer gemacht werden, gerade im medialen Bereich. Ein prominentes Beispiel ist die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim. Sie betreibt den Youtube-Kanal MaiLab und wurde vom Deutschen Fernsehpreis für ihren hervorragenden Wissenschaftsjournalismus geehrt. „Wir als Forscher bleiben in unseren Labors verborgen. Wir brauchen Menschen wie sie, die Wissenskommunikation vorantreiben“, sagt Nguyen. Dafür genüge aber nicht nur ein weibliches Vorbild, sondern es müsse normal werden, den Fernseher anzumachen und Wissenschaftlerinnen zu sehen, findet Baehr.

Wofür sich die Wissenschaftlerinnen wie in der Sendung eine Krone geben würden? Für Nguyen ist es ihr Durchhaltevermögen, immer wieder gäbe es Rückschläge in der Forschung. Baehr für ihre Ambitionen, die Wissenschaft mehr im Alltag zu verankern. Darauf spielt auch Thoma an. Sie ist stolz darauf, ihrem sechsjährigen Neffen erklärt zu haben, dass alles aus Atomen besteht, warum Schmerzen für den Menschen wichtig sind und wieso Steine nicht leben. „Sich durch Forschung bewusst zu machen, was für unsere Augen im Verborgenen liegt, finde ich toll und macht mich demütig. Für mich ist das die beste wissenschaftliche Leistung, die man erbringen kann: Wissen weitergeben.“

Nicht an Antisemiten orientieren

Es ist nicht alles „Unorthodox“: Wie stellt sich jüdisches Leben in Deutschland dar? Es mangelt an Vielfalt in der medialen Darstellung.

New York ist für viele Menschen die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch für Esty ist sie ein Käfig. Aus ihrem Leben in der ultraorthodox-jüdischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg und ihrer unglücklichen Ehe will sie fliehen. Und zwar so weit weg wie nur möglich: nach Deutschland. Von ihrem Sheitel, einer Perücke, die ihr richtiges Haar verdeckt, trennt sie sich während eines Bades im Berliner Wannsee. In der Netflix-Serie „Unorthodox“ spielt Antisemitismus in nur beiläufig erwähnten und gezeigten Details eine Rolle. Nur die Tätowierung eines Badegasts erinnert Etsy daran, dass die vermeintliche Idylle nicht ohne Schattenseiten ist: Auf seinem Rücken prangt ein Deutschland-Schriftzug über einem Totenkopf.

In den vergangenen Monaten waren Serien, Filme und Dokumentationen um ultraorthodoxes jüdisches Leben häufiger zu sehen. „Unorthodox“ ist ein Beispiel. Die Serie beruht auf dem gleichnamigen Buch der Autorin Deborah Feldman und erzählt eine abgewandelte Fassung ihrer Geschichte. Überschattet wird die Flucht nach Berlin jedoch von der hiesigen Realität, in der Juden angegriffen werden, weil sie in der Öffentlichkeit die Kippa tragen.

Starker Anstieg antisemitisch motivierter Kriminalität

Fünfundsiebzig Jahre nach dem Holocaust, bei dem sechs Millionen Juden ermordet wurden, ist Antisemitismus wieder spürbar. Aus der polizeilichen Kriminalstatistik geht ein starker Anstieg antisemitisch motivierter Kriminalität hervor. 2019 registrierten die Behörden 2032 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund, dreizehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die Beleidigungen und Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen werden überwiegend der rechtsextremen Szene zugeordnet.

Teilweise hätten jüdische Gemeinden sowohl auf das Buch „Unorthodox“ als auch auf die gleichnamige Serie mit Vorsicht reagiert, sagt Anastassia Pletoukhina, Sozialwissenschaftlerin und jüdische Aktivistin. Doch gerade weil im Zusammenhang mit jüdischem Leben nicht Antisemitismus, sondern Estys Geschichte im Vordergrund stehe, finde sie selbst großen Gefallen an der Serie. „Natürlich gibt es Antisemitismus, natürlich gibt es Hass, aber wir dürfen und sollen uns nicht ausschließlich über Antisemitismus verstehen“, sagt Pletoukhina. Als orthodoxe Jüdin beobachte sie aufmerksam, wenn jüdische Menschen in den Medien in Klischees gedrängt werden. „Hier und da bereitet es mir manchmal Bauchschmerzen, wenn solche Darstellungen pauschalisieren und orthodoxes Judentum als frauenverachtend, männerdominiert und nur aus Zwangsehen bestehend dargestellt wird.“ Die Serie sorge jedoch für Referenzpunkte, die von der jüdischen Community zum Austausch über eigene Positionen und Perspektiven genutzt werden könnten. „Ich hoffe, dass Serien wie ,Unorthodox’ ein Fuß in eine Tür sind, die sich für andere Bilder jüdischer Lebenswelten öffnet“, sagt Pletoukhina.

Das Attentat von Halle war kein Einzelfall

Dass die Geschichte von „Unorthodox“ zur Kontroverse einlädt, zeigt ein Blick in die Kommentarspalte des Trailers auf Youtube. Sie ist überwiegend von Lob und Anerkennung geprägt. Dennoch bietet die Serie offenbar Referenzgrundlage für Antisemiten. Ein Merkmal der Satmar-Gemeinde ist die Ablehnung des israelischen Staates: Nur der von Gott gesandte Messias das Recht einen jüdischen Staat zu errichten. Diese Ablehnung benennt ein Youtube-Nutzer als seine Lieblingsszene. Doch Anastassia Plethoukhina sagt: „Wir können uns nicht immer danach orientieren, was der Antisemit von uns denken wird.“

Ein Antisemit war es auch, der im vergangenen Oktober am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versuchte, in die Synagoge in Halle einzudringen, um die dort versammelten Gläubigen zu ermorden. Ungefähr fünfzig Betende hatten sich versammelt. Anastassia Pletoukhina war an dem Feiertag mit ihrem Mann in der Synagoge in Halle. Auch nachdem sie den ersten Knall hörte und vor dem Fenster Rauchwolken aufsteigen sah, habe sie nicht an eine antisemitisch motivierte Tat glauben können. „Wir waren alle zwischen Verleugnung, dass das gerade wirklich passiert und unglaublichem Schockzustand“, erinnert sich Pletoukhina. Mitglieder der Gemeinde und ihr Mann verbarrikadierten die Türen, sie versteckten sich. Sieben Minuten habe es gedauert, bis die Polizei eintraf, fünf Stunden lang seien sie in der Synagoge eingeschlossen gewesen. Es habe sich angefühlt wie eine Ewigkeit.

Anastassia Pletoukhina will das Attentat von Halle nicht als Einzelfall gewertet wissen. „Das war eine große Tragödie, die im Februar vom rassistischen Attentat in Hanau ergänzt wurde, aber das sind Höhepunkte der Brutalität. Da passiert viel dazwischen und davor. Es baut aufeinander auf und die Hemmungen, zu Gewalt zu greifen, werden immer geringer.“

Wenn Meron Mendel nach antisemitischen Drohungen gegen sich und die Bildungsstätte Anne Frank gefragt wird, weiß er nicht, wo er anfangen soll. Das in Frankfurt ansässige Bildungszentrum hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche und Erwachsene über die Biographie Anne Franks im Nationalsozialismus für die Gegenwart zu sensibilisieren. Darüber hinaus werden Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt beraten. Seit zehn Jahren ist Mendel Direktor der Bildungsstätte. Seit etwa fünf Jahren, sagt er, seien er und seine Mitarbeiter verstärkt Anfeindungen ausgesetzt. Der gebürtige Israeli erzählt von Hakenkreuz-Graffitis und „Heil Hitler“-Schmierereien auf der Fassade sowie bösen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. 2016 sei es zu etwa hundert schriftlichen Drohungen gekommen, 2019 habe man ungefähr 480 erhalten. Im Vergleich zu 2016 registrierte die Einrichtung einen Zuwachs von 600 auf 1600 Hasskommentare in sozialen Medien.

Für Mendel stehen die Anfeindungen in klarem Zusammenhang mit der Neuen Rechten, der AfD und Personen wie Erika Steinbach. Letztere habe als Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung im Ingternet ein Dokument veröffentlicht, auf dem Mendels Privatadresse ungeschwärzt nachzulesen gewesen sei. Unmittelbar nach der Veröffentlichung sei es zu Hetzschriften gegen seine Person gekommen.

Ein anderes Problem sieht Mendel zudem in der medialen Darstellung jüdischen Lebens: Er appelliert für mehr Vielfalt. An einzelne Serien wie „Unorthodox“ wolle er nicht appellieren, sondern an die Gesamtheit der Produzenten. „Viele Juden leben wie ich in dieser Gesellschaft und nicht, wie zum Beispiel auf einem Spiegel-Cover vom vergangenen Jahr steht, in einer unbekannten Welt nebenan“, sagt er.

Manfred Levy ist mit der filmischen Darstellung jüdischen Lebens insgesamt nicht sonderlich zufrieden. „In deutschen Produktionen mit jüdischer Thematik ist das oft sehr verkrampft“, sagt der Pädagogische Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt. „Da steckt immer dieser versteckte Volkshochschulkurs in jüdischer Geschichte mit drin.“ Er habe bei „Unorthodox“ zunächst die Befürchtung gehabt, dass das Leben der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde von Zuschauern auf das ganze Judentum übertragen wird. Inzwischen setze er allerdings auf ein mündiges Publikum – auch auf Netflix.

Die Angst ist größer geworden

Manfred Levy glaubt allerdings nicht daran, dass man mit filmischen Produktionen gegen antisemitische Vorurteile kämpfen kann. Auf jüdischer Seite sei die Angst größer geworden. Levy erzählt von Menschen, die sich nicht mehr in ihre Gemeinde trauen – aus Angst, als Juden erkannt zu werden. „Wir als Museum haben immer weniger mit dem musealen Auftrag zu tun, stattdessen geht es immer öfter um Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und Rechtsextremismus.“ Als Pädagoge gibt er Workshops zum Thema Antisemitismus. Die Nachfrage sei groß. Trotzdem sollte die erste Frage immer sein: „Was wisst ihr über jüdisches Leben und jüdische Religion? Die erste Begegnung mit dem Judentum sollte nicht über Antisemitismus laufen.“

Es gibt ein weiteres Problem. Wenn Levy daran denkt, wer sich manchmal unter das Publikum seiner Vorträge mischt, ärgert er sich: „Ich halte einen Vortrag über Antisemitismus, die Menschen nicken ständig – und plötzlich tauchen massive Vorurteile gegenüber Muslimen auf.“ In Workshops und Vorträgen mit Erwachsenen begegne er immer öfter Geschichtsrevisionismus. „Wenn Jugendliche Vorurteile gegenüber Juden haben, kann man schnell ins Gespräch kommen, diese Vorstellungen sind nicht verfestigt“, sagt Levy. „Aber bei Erwachsenen wird es schwierig, da wird sich ein Geschichtsbild zurechtgebastelt, das nicht der Realität entspricht, scheinbar aber eine Befreiung auslöst.“

Vor wenigen Wochen habe er Nachricht von einem Freund bekommen, der als Fotograf auf einer der sogenannten Hygienedemos unterwegs war. Als er auf den Fotos Protestler in nachgemachter KZ-Kleidung und die aufgenähten gelben Sterne an ihren Ärmeln sah, sei er wütend geworden. „Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln“, sagt Levy. „Was, wenn das ein Holocaust-Überlebender sieht?“ Levy ist enttäuscht. Enttäuscht auch darüber, an Holocaust-Gedenktagen überwiegend Angehörige der jüdischen Gemeinde anzutreffen. „Warum ist es Sache der Juden, zu gedenken und sich gegen Antisemitismus einzusetzen?“, fragt er. „Das ist nicht mein Problem, das ist auch kein jüdisches Problem, sondern ein Problem aller, die in Deutschland in einem demokratischen System leben wollen.“

Karen ist nicht irgendein Johannes

Auch im deutschsprachigen Internet werden bestimmte Vornamen benutzt, um privilegierte weiße Menschen zu verspotten. Doch das amerikanische Karen-Phänomen geht tiefer.

Karens heißen nicht immer Karen, manchmal heißt auch eine Becky. Als Becky Ames, die Bürgermeisterin von Beaumont in Texas, dabei fotografiert wurde, wie sie trotz der bundesstaatsweiten Stay-at-home-Anweisung ins Nagelstudio ging, fand man sie bei Twitter, Facebook und Reddit schnell als „typische Karen“ bezeichnet.

Der Karen-Archetyp aus den USA beschreibt eine bestimmte Art Frau: In dem Meme, mit dem er weltbekannt wurde, trägt „Karen“ eine vage an das „Long Island Medium“ Theresa Caputo angelehnte, voluminöse blonde Kurzhaarfrisur und Athleisure Wear. Eine sogenannte „Karen“, wie sie in den vergangenen Jahren in immer neuen Zuschreibungen immer weiter konturiert wurde, hat meist mehrere Kinder, ist um die vierzig Jahre alt, gehört also der Generation X an. Sie ist Impfgegnerin, meist konservativ und religiös. Sie sieht sich als Patriotin, ist eine „Soccer Mom“ und beflügelt von einer extremen Anspruchshaltung, mit der sie Baristas und Verkäuferinnen im Einzelhandel heimsucht und rücksichtslos in Schwierigkeiten bringt. Daher auch die Verbindung zwischen Karen und dem gefürchteten Satz „I need to speak with your manager“ – ich möchte mit Ihrem Vorgesetzten sprechen.

Auf Facebook gibt es zahlreiche Gruppen, in denen Angestellte aus Gastronomie und Einzelhandel ihre Erlebnisse mit „Karens“ teilen, beispielsweise unter dem Namen „Don’t be a Karen“. Auf Twitter trendet derweil #karenareyouok. „Karen“ ist, kurz gesagt, das Meme, das das weiße, weibliche Privileg schlechthin verkörpert: laut, selbstgerecht und felsenfest davon überzeugt, dass ihr etwas zusteht, das ihr gerade (angeblich) verwehrt wird.

Karens gab es auch früher schon, nur hießen sie da noch anders. In der New York Times schreibt Sarah Miller über die Müttergeneration der Karens, die Lindas und Jeans. Die frühen 2000er hatten Beckys. 2002 rappte Sir Mix-a-lot über eine weiße Frau, die sich mit ihrer Freundin Becky über die Figur einer schwarzen Frau lustig macht: „Oh, my God Becky, look at her butt, it is so big, she looks like one of those rap guys‘ girlfriends.“ 2018 rief eine Frau in San Francisco die Polizei, weil ein schwarzes Mädchen am Straßenrand ohne Lizenz Wasser verkaufte, was der Anruferin den Namen „Permit-Patty“ einbrachte. Damit ist eventuell auch etwas über den zeitlichen Verlauf des Karen-Memes gesagt. Das lässt sich natürlich schwerlich auf einen Ursprung zurückführen, die Bezeichnung „Karen“ ist auch definitiv nicht neu – sie kursiert schon lange auf „Black Twitter“. Und ein ursprünglicher Zweck liegt dort just darin, weiße Frauen zu karikieren, die ihre Privilegien missbrauchen. Aber wäre es 2018 schon so groß gewesen wie jetzt, hätte „Permit-Patty“ wohl kaum einen individuellen Spitznamen bekommen, sondern wäre als „noch eine typische Karen“ durch den Kakao gezogen worden.

Damit zeigt sich auch gleich ein wesentliches Charakteristikum des Karen-Memes: Es entindividualisiert, indem es einen gebräuchlichen Eigennamen als eine Art gehässige Diagnose gebraucht. Die als Karen rezipierte Frau wird über den Namen auf einen (privilegierten, weißen) Typ reduziert – etwas, was mit Wendungen wie „irgendein Johannes oder irgendeine Annika“, „so ein Achim“ oder auch „ein weiterer Jürgen“ schon Einzug in den deutschen Twitter- und Reddit-Diskurs gefunden zu haben scheint.

Es wäre allerdings ein Kurzschluss, Karen mit diesen deutschen Wendungen gleichzusetzen. Allein die Vielzahl der Varianten zeigt ja, dass man sich hierzulande über die Stereotypen noch gar nicht recht einig zu sein scheint – dementsprechend mau fallen auch die abwehrenden Reaktionen aus. Wer Manfred oder Jochen heißt, merkt am Ende noch gar nicht, dass er bei Jürgen mitgemeint ist.

Längst eine Rassismuskomponente

Der Zorn, den der Begriff Karen in den USA auf sich zieht, scheint, wenn überhaupt, näher verwandt mit dem auch hierzulande gern verwendeten „Ok, Boomer“ in Reaktion auf den selbstgerecht vorgebrachten Deutungshoheitsanspruch der Babyboomergeneration. Hier ist der Ton auch in Deutschland schärfer als in der Annika/Achim-Debatte – gut zu beobachten zum Beispiel in der Kommentierung einer Rezo-Kolumne zum Thema. Verfolgt man diese Analogie weiter, ist Karen auch dichter an „alter weißer Mann“, „Alman“ oder „Kartoffel“; Begriffen also, mit denen sich Menschen ohne eigene langjährige Erfahrungen struktureller Diskriminierung als gesellschaftliche Minderheit plötzlich ihrerseits diskriminiert fühlen.

In diese Richtung geht dann auch die teils heftige Kritik am Karen-Begriff: Die Verwendung sei klassistisch, sexistisch, ja sogar rassistisch. „Karen“ wird von manchen gar als das „neue N-Wort“ ausgerufen. Eine solche Behauptung ist natürlich eine Trivialisierung der tatsächlichen Gewalt und Diskriminierung, der speziell – Stichwort Klassismus – Menschen der schwarzen Unterschicht in den USA täglich ausgesetzt sind. Hier zeigt sich vor allem eines: Karen ist eine Zuschreibung für Leute, die an Zuschreibungen nicht gewöhnt sind. Das Aufzeigen von auftrumpfendem, selbstbezogenem, auch rassistischem Verhalten mit dem N-Wort gleichzusetzen, dem eine jahrhundertelange Geschichte von Versklavung und Gewalt vorangeht, ist eine bemerkenswerte Verweigerung der eigentlichen Debatte. Und ein echter Karen-Move.

Karen ist somit auch im Mainstream nicht mehr nur ein Schmunzel-Meme für gefrustete Gastroangestellte, sondern zeigt längst selbst eine Rassismuskomponente auf. Da ist die Karen, die mit ihrem Mann Black-Lives-Matter-Demonstranten vor ihrer palastartigen Villa in St. Louis mit Waffen bedroht. Die Karen, die mit ihrem Mann die Polizei ruft, weil ein schwarzer Mann mit Kreide „Black Lives Matter“ auf sein eigenes Grundstück schreibt. Oder die New Yorker Karen Amy Cooper, die die Polizei rief, weil ein schwarzer Mann im Park Vögel beobachtete und sie bat, ihren Hund anzuleinen. Dabei erwähnte sie seine Hautfarbe explizit.

Nicht nur mit dem letzten Beispiel steht „Karen“ für weiße Frauen, die ihre eigene Verletzbarkeit (vornehmlich durch Männer) als Waffe gegen schwarze Mitmenschen verwenden und damit Macht ausüben, die den anderen unter Umständen das Leben kosten kann. Es ist nicht mehr witzig, wenn aus „Ich will mit dem Manager sprechen, weil mein Frappuccino nicht schaumig genug ist“ wird: „Ich rufe die Polizei und tue so, als würde ein Schwarzer mich bedrohen.“ Inklusive Wimmern und Schreien. Es ist zumindest nicht mehr witzig in einem Land, in dem Polizeigewalt vor allem gegenüber schwarzen Männern ein erhebliches Problem ist. Weiße Weiblichkeit wurde historisch und wird heute noch als Waffe vor allem gegen schwarze Männer verwendet – sei es von Politikern, die sich als Verteidiger der weißen Frau gegen den schwarzen Mann stilisieren (in Deutschland: gegen Flüchtlinge und Migranten), oder von Frauen selbst. Die Vergewaltigung der weißen Frau durch den Schwarzen ist dabei oft impliziert und ein Werkzeug für rassistisch gefärbten Terror gegen Schwarze. „Wir machen White Supremacy gern zu einer testosterongeladenen Angelegenheit, aber es ist genauso wahrscheinlich, dass sie hohe Schuhe trägt anstatt einer Klanhaube“, schreibt Charles M. Blow in der New York Times.

Karen ist somit auch das Meme, dass diese antiintersektionale Mittäterinnenschaft thematisiert – und vielleicht erklärt das auch ein wenig den vermeintlichen Sexismus, wenn Karen in der Meme-Welt gegenüber ihrem männlichen Pendant Ken deutlichen Vorzug findet. Schließlich bildet der Begriff ein bestimmtes Verhalten weißer Frauen der wohlhabenden Mittelschicht ab, die ihre gesellschaftliche Position – die im Übrigen auf sexistischen Grundsätzen aufbaut – gegen Menschen mit dunklerer Hautfarbe einsetzen. Und vielleicht ist es neben der Umwandlung ihrer Position als weißer Frau zur Waffe auch die Enttäuschung, dass gerade Frauen, die im Gegensatz zu Männern im Leben häufiger spezifischen Erfahrungen von Gewalt oder Benachteiligung ausgesetzt sind, ihr eigenes Privileg so schamlos gegen eine andere benachteiligte Gruppe Menschen einsetzen.

Vielleicht ist es, zuletzt, auch die Hoffnung, dass man sie, anders als die Kens, die man vermutlich schon verloren hat, noch mit ihrem eigenen Verhalten beschämen kann. Wobei natürlich auch dieses „Beschämen“ in ein heftig umstrittenes Feld führt: Hier findet sich der Vorwurf auch liberaler Weißer, die „Diskriminierung“ als Karen sei ja nicht eben konstruktiv, sie schrecke und stoße ab und beleidige auch Leute, die eigentlich guten Willens sind. Das verkennt freilich – ebenso übrigens wie die weiße Vereinnahmung von Whiteness kritisierenden Memes durch „proud Karens“ in den USA oder selbstironische „Almans“ in Deutschland –, dass es sich hierbei nicht zuletzt um einen humoristischen Coping-Mechanismus schwarzer Menschen mit der täglichen Bedrohung handelt, die für sie von einer „Karen“ ausgeht.

Vielleicht ist dieses erleichternde Lachen daher auch viel eher der Anspruch von Karen als politische Bildung auf Karen-Seite. Wenn man sich die Karens und Kens und ihre Geschichte so anschaut, erscheinen Bemühungen in diese Richtung ohnehin einigermaßen müßig.

Institut für Rundfunktechnik : Phönix aus der Asche?

Wohin genau? Das ist nun die große Frage beim IRT.

Das von den öffentlich-rechtlichen Sendern getragene Institut für Rundfunktechnik ist eigentlich am Ende. Denn alle Gesellschafter haben gekündigt. Nun liegt der Geschäftsbericht für 2019 vor. Er zeigt: Die Technikschmiede hat noch Pläne.

Als man zuletzt vom Institut für Rundfunktechnik (IRT), dem von den öffentlich-rechtlichen Sendern getragenen Techniklabor in München, hörte, sah es düster aus. Ein langer Patentrechtsstreit mit dem italienischen Vermarkter Sisvel und einem Münchner Anwalt, initiiert vom Justitiariat der Sitzanstalt Bayerischer Rundfunk, hatte zu wenig gebracht: Von den geforderten zweihundert Millionen Euro für die Vermarktung der Mpeg-Patente blieben immerhin sechzig Millionen. Jahrelang war nichts aufgefallen, Jahre dauerte der Streit. Im vergangenen Dezember sprangen dann überraschend alle Gesellschafter des IRT ab. Die ARD stemmt 80,8 Prozent der Zuschüsse zum Budget, das ZDF 14,4, das Deutschlandradio 3,2 und der ORF sowie die Schweizer SSR 0,8. Das Ende einer innovativen, aber offenbar fahrlässig geführten Institution steht im Raum. Und diejenigen, die daran zum Teil nicht ganz unschuldig waren, verlassen das Schiff.

Mit der Kündigung der Gesellschafter zum Jahresende 2020 habe man nicht gerechnet, sagte IRT-Pressesprecher Thomas Schierbaum seinerzeit. Zumal man sich auf einem „guten Weg“ gesehen und einen Teil des erstrittenen Geldes eigens zur Entlastung der öffentlich-rechtlichen Sender eingesetzt habe. Diese stehen unter dem Druck, von der Politik geforderte Einsparungen zu erzielen.
Nun hat das IRT seinen Jahresbericht 2019 veröffentlicht, und der soll die Hoffnung nähren, dass es noch nicht zu Ende ist. So beginnt das Vorwort der Geschäftsführer Michael Hagemeyer und Jochen Mezger mit dem Stichwort „permanente Verbesserungen“. 2019 sei das IRT neu ausgerichtet worden, „um mit einem zukunftsfähigen Aufgaben- und Leistungsspektrum den Mehrwert für die Gesellschafter zu steigern“. Trotz der überraschenden Kündigung der Gesellschafter werde „intensiv“ am Erhalt des IRT gearbeitet. Doch werde das Institut einer Schrumpfkur unterzogen: „Abhängig von der Anzahl der verbleibenden Gesellschafter und deren Finanzierungsmöglichkeiten würde sich in diesem Fall das IRT bzgl. Mitarbeiteranzahl und Themenvielfalt anpassen.“

Alles hängt von den Entscheidungen der Gesellschafter ab
Auf Nachfrage, wie das konkret aussehen könnte, heißt es, derlei „Fragen sind abhängig von den Entscheidungen der Gesellschafter und können von uns derzeit nicht beantwortet werden“. In den Geschäftszahlen sieht es so aus: An Erträgen nahm das IRT im Jahr 2018 durch die mehr als 60 Millionen aus dem Patentrechtsstreit insgesamt 84,397 Millionen ein. Dem standen Aufwendungen von 61,364 Millionen gegenüber, von denen mit 49,528 Millionen der Löwenanteil Personalkosten waren. Von denen ging wiederum ein Großteil an Ingenieure, die einst an der Entwicklung der Mpeg-Audiopatente beteiligt war. 2019 fällt mit Erträgen von 16,635 Millionen Euro gegenüber Aufwendungen von 24,182 Millionen alles etwas bescheidener aus. Das Personal wurde von 120 auf 108 Mitarbeiter reduziert.

Anhand der laufenden Projekte wird deutlich, dass das IRT in Sachen Entwicklung von Rundfunktechnikstandards weiterhin ein Wörtchen mitzureden hätte – wenn der Neuanfang gelingt. Man arbeitet an einem Rundfunk-Netz auf 5G-Technologie, an der Hybrid-Radio genannten Verquickung von linearen und personifizierbaren Radio-Diensten, der Barrierefreiheit von „immersiven Medien“ wie VR-Technologie und an einer Datenbank, die die komplette Wertschöpfungskette einer Bewegtbildproduktion intelligent vernetzt, indem sie Daten verlustfrei speichert und deren Metadaten untereinander verbindet, so dass am Ende die unterschiedlichen Programme der einzelnen Produktionsschritte über die Datenbank miteinander kommunizieren können.

Interessant sind darüber hinaus Pläne für eine europäische Medienplattform, die amerikanischen Netzwerken vor allem durch transparenteren Umgang mit Nutzerdaten ausstechen will. Man bringe, heißt es, seine „Architekturvorschläge in die seit Ende 2019 angelaufenen Planungsgespräche für eine offene europäische Medienplattform ein“. Im Kampf gegen manipulierte Medieninhalte, Bilder und Videos, arbeitet das IRT zudem gemeinsam mit BR Data, Report München, Bellingcat und mehreren NDR-Ressorts an einem K.I.-gestützten Werkzeug, dessen Code öffentlich zugänglich sein und das Journalisten bei Online-Recherchen unterstützen soll, indem es Bilder, Texte, Audio- oder Video-Dateien automatisch im Browser speichert und prüft. Ob all das Wirklichkeit wird, hängt jedoch davon ab, ob den scheidenden Gesellschaftern ernsthaft daran gelegen ist, das Institut auf ein stabiles Fundament zu stellen – und ob man bereit ist, aus vergangenen Fehlern zu lernen.

Die Litfaßsäule und ihr unterschätzter Erfolg

Litfaßsäulen überbrachten einst Kriegsdepeschen oder riefen zu Wahlen auf. Doch auch heute haben Litfaßsäulen noch ihre Berechtigung. Denn Außenwerbung erlebt einen Boom in Deutschland. Das hat vor allem einen Grund.

In Berlin verschwinden derzeit die Litfaßsäulen aus dem Stadtbild. 2500 zum Teil historische Plakatträger werden aus dem Boden gerissen wie abgestorbene Baumstümpfe. „Das Land Berlin hat uns verpflichtet, unsere Säulen komplett abzubauen“, meldet das Außenwerbeunternehmen Wall. Doch die Löcher in Bürgersteigen und Parkanlagen bleiben nicht lange. Längst schon hat die Senatsverwaltung Baugenehmigungen für neue Litfaßsäulen erteilt.

Hintergrund der Aktion ist nicht etwa die Abschaffung eines der ältesten Werbemedien im öffentlichen Raum, sondern schlicht die Neuausschreibung der Außenwerbung in der Hauptstadt. Und in den Vertragsbedingungen ist ein Austausch der teilweise asbestbelasteten Säulen aus Eternit und Beton festgeschrieben. Jedenfalls dort, wo es sinnvoll ist. Und das sind noch immer sehr viele Standorte.

Nach dem Drucker Ernst Litfaß benannt

Denn die nach dem Berliner Drucker Ernst Litfaß benannte Annonciersäule hat auch 164 Jahre nach ihrer Premiere in der Hauptstadt ihre Berechtigung. Zuletzt sogar noch deutlich mehr als etwa vor 20 oder 30 Jahren.

Denn Außenwerbung erlebt derzeit einen Boom in Deutschland. Das zeigen Studien und Zahlen zum „Out of home“-Markt (OOH), wie die Werbeform mit Plakatwänden oder auch digitalen City-Light-Boards mittlerweile neudeutsch genannt wird. „OOH ist das einzige traditionelle Mediensegment, das ein stetiges Wachstum der Werbeeinnahmen verzeichnet“, heißt es zum Beispiel im Branchenreport der Marktforscher Magna und Rapport. Danach sind die Einnahmen weltweit zwischen 2010 und 2018 um durchschnittlich 4,1 Prozent pro Jahr gewachsen, in Deutschland waren es sogar gut fünf Prozent.

Der Marktanteil von Außenwerbung ist dadurch laut Analyse auf mittlerweile zehn Prozent gestiegen, jedenfalls was die traditionellen Medien angeht. Das Digitalgeschäft hinzugerechnet, liegt der Vergleichswert bei stabilen sechs Prozent. Die Relevanz von OOH nehme zu, bestätigt Uwe Storch, der als Mediachef von Nutella-Produzent Ferrero über eines der größten Brutto-Werbebudgets hierzulande verfügt. Beim Deutschen Medienkongress verriet er daher unlängst, dass Ferrero mittlerweile wieder einen großen Teil seiner Ausgaben in Außenwerbung investiert.

Aber auch die großen Technologiekonzerne setzen auf OOH. Amazon, Apple, Facebook, Google und Netflix zum Beispiel gehören nach Angaben von Magna und Rapport in vielen der insgesamt 70 untersuchten Märkte zu den Top Ten der Außenwerbekunden.

Gründe für den Boom von OOH gibt es mehrere. Gesellschaftliche Veränderungen zum Beispiel. „Die Verbraucher sind zunehmend mobil“, sagt Karin Winter, die beim Fachverband Außenwerbung (FAW) für das Marketing verantwortlich zeichnet. „Untersuchungen zeigen, dass 90 Prozent der Menschen immer öfter und immer länger draußen unterwegs sind.“ Also habe sich auch das Mediennutzungsverhalten dementsprechend verändert.

Litfaßsäulen Kulturgut in Berlin

„In Zeiten von Smartphones und Tablets sitzen die Leute nicht mehr so lange vor dem Computer oder dem Fernseher“, sagt Winter. Und tatsächlich ist zum Beispiel die TV-Sehdauer von Menschen unter 30 binnen fünf Jahren um stattliche 20 Prozent gesunken. Das führt zwangsläufig zu Veränderungen in der Struktur des Marktes, heißt es in der Branche. „Wer Werbung machen will, muss daher dorthin gehen, wo die Menschen sind: im öffentlichen Raum.“

Und die Auswahl ist groß: Fast 300.000 Plakatmedien stehen den Werbekunden dabei in Deutschland zur Verfügung, meldet der FAW, seien es Großflächen am Straßenrand, Poster an Bushaltestellen oder auch die Litfaßsäule, die vor allem in Berlin ein Kulturgut ist. Jedenfalls gibt es Schätzungen zufolge nirgends sonst in Europa so viele Litfaßsäulen wie in der deutschen Hauptstadt – nämlich 3000.

Wobei sich die Verlautbarungen in Laufe der Jahrzehnte stark verändert haben: Teilten sie einst Mobilmachungen mit, überbrachten Kriegsdepeschen oder riefen zu Revolutionen und Wahlen auf, sind es heute vor allem Kulturschaffende, die das runde Klebemedium nutzen, allen voran Konzertveranstalter, Clubs und Theater. Denn günstiger geht es nicht: In der Hauptstadt kostet das A1-Format pro Tag und Säule einen Euro, heißt es in der Branche.

Die zunehmende Mobilität ist aber nicht der einzige Grund für den Boom in der Außenwerbung. Ein großer Treiber ist auch die Digitalisierung. „Digitale Innovationen steigern die Leistung und Attraktivität von OOH“, schreiben die Marktforscher von Magna und Rapport in ihrer Analyse. Gemeint sind digitale Plakate, die zielgruppengenau und in Echtzeit wechseln können.

Statische Motive, um Autofahrer nicht abzulenken

Frühmorgens, wenn Berufspendler und Schüler unterwegs sind, finden sich andere Motive auf den Plakatwänden als mittags zur Einkaufszeit von Rentnern und jungen Müttern oder abends, wenn die Nachtschwärmer durch die Straßen ziehen. „Auch Außenwerbung lässt sich zielgruppengenau aussteuern“, weiß FAW-Expertin Winter.

Die Umsätze mit digitalen Außenwerbeflächen steigen daher weit überdurchschnittlich. Im OOH-Report von Magna und Rapport ist von jährlich 16 Prozent Wachstum seit 2014 die Rede – auf global fast sechs Milliarden Dollar. Damit sind bereits 18 Prozent der Spendings im Out-of-home-Bereich digital. Die Anzahl der Bildschirme hat sich dabei fast verdoppelt auf zuletzt rund 300.000 Stück. In Deutschland gibt es nach FAW-Angaben knapp 1200 digitale Poster- oder Großformatflächen, allen voran in den Großstädten.

Bespielt werden sie aber ausschließlich mit statischen Motiven – um Autofahrer und Radfahrer nicht abzulenken. In Bahnhöfen, Flughäfen und Einkaufszentren dagegen flimmern auch Filmchen über die sogenannten Infoscreens. Deren Anzahl liegt mittlerweile schon bei einem Vielfachen der digitalen City-Light-Boards. Allein Branchenriese Ströer kommt eigenen Angaben zufolge auf bundesweit rund 5000 Einheiten.

Ströer gehört daher zu den großen Gewinnern der aktuellen Entwicklung. 2018 konnte das auf Außenwerbung spezialisierte Unternehmen aus Köln seinen Umsatz vorläufigen Zahlen zufolge um fast ein Viertel auf 1,6 Milliarden Euro steigern. Zwar entfällt ein Teil dieses Wachstums auf Zukäufe, die organisch erzielte Steigerungsrate liegt aber immer noch bei fast zehn Prozent.

Zahl der Litfaßsäulen in Berlin dürfte wieder steigen

Unter dem Strich stand dabei für den MDax-Konzern ein operatives Ergebnis in Höhe von 543 Millionen Euro. Das ist auch beim Umsatz ein neuer Höchstwert für das 1990 gegründete Unternehmen, zudem heute auch das Portal T-Online, die Nachrichtenseite Watson.de, die Spieleplattform Giga und der Statistikanbieter Statista gehören. „25 Quartale in Folge können wir nun kontinuierlich verbesserte Finanzkennzahlen präsentieren“, sagt Vorstandschef Udo Müller. Und er rechnet mit weiterem Wachstum, mindestens in den kommenden zehn Jahren.

Ströer hat sich in den vergangenen Jahren neu aufgestellt und setzt nun auf digitale Werbeformen und sogenanntes Content Media. „OOH plus“ nennen die Rheinländer diese Strategie. Gemeint ist eine wechselseitige Beziehung zwischen Außenwerbung und digitaler Vermarktung. So bringt Ströer nachrichtliche Inhalte von T-Online auch auf seine Werbeflächen. Umgekehrt verkauft das Unternehmen einem Sprecher zufolge auch Offline-Plakatflächen an Vermarkter, die bislang allein digital unterwegs waren.

Und die Botschaften werden gesehen, egal, ob sie statisch sind oder bewegte Bilder. „Niemand stellt sich davor und guckt bewusst und lange Zeit auf die Werbeflächen. Einzelne Videos werden beim Gang durch den Bahnhof aber wahrgenommen, genau wie Plakate an der Bushaltestelle“, sagt der Sprecher. Den Sender wechseln oder einen Adblocker aktivieren kann man in diesen Momenten nicht. „Auch das macht den Erfolg von Außenwerbung aus.“

Wichtigste Kunden sind dabei der Einzelhandel, gefolgt von der Entertainment-Branche mit beispielsweise Kinos und Pay-TV-Anbietern, aber auch Schnellrestaurants, Getränkehersteller, Reiseanbieter und Technologiekonzerne. Was gerade in letzterem Fall paradox wirkt, ist für Magna und Rapport ein Beweis für die Effizienz von OOH.

Die Zahl der Litfaßsäulen in Berlin dürfte daher in den kommenden Wochen wieder stark steigen. Bis zur Jahresmitte soll der im Januar begonnene Austausch abgeschlossen sein. Jeder Standort wird dabei einer Wirtschaftlichkeitsprüfung unterzogen, heißt es bei der ILG-Außenwerbung aus Stuttgart, die die Ausschreibung des Senats gewonnen hat. Aber auch wenn einige nicht weiter genutzt werden, weil sie mittlerweile in Hinterhöfen liegen oder zugewuchert sind. „Berlin bleibt immer noch die Stadt der Litfaßsäulen.“

Studie: Social Media besser erforschen

Zurzeit definiert Facebook nicht nur im Alleingang, was es als Hass und Rassismus im eigenen sozialen Netz einstufen und sanktionieren will. Das Unternehmen entscheidet, welche Maßnahmen es ergreift, und hat den alleinigen Zugriff auf die Daten, die erkennen lassen, ob diese Maßnahmen auch fruchten. Vor zwei Jahren hatte sich Facebook zwar mit einer Initiative namens Social Science One gebrüstet, die Forschern Zugriff auf nahezu eine Milliarde Gigabyte Rohdaten gewähren sollte, um den Einfluss sozialer Medien auf demokratische Prozesse zu untersuchen. Doch sowohl die Art der Daten als auch die Auswahl der Forscher, die einen Zugang beantragt hatten, liegt bei Facebook. Datenschutzbedenken des Unternehmens verzögerten es um fast zwei Jahre.

Datenschutzforscher der Universität Amsterdam haben jetzt im Auftrag der in Berlin ansässigen Initiative Algorithm Watch eine Untersuchung veröffentlicht, wie ein Forschungszugang zu den Daten von Facebook und anderen sozialen Netzwerken politisch zu gestalten wäre, um sowohl den Umgang des Unternehmens mit den eigenen Daten als auch die Einflussnahme von Werbekunden und Nutzern auf andere Nutzer oder Folgen politischer Regulation des Netzwerks untersuchen zu können. Anregungen haben Jef Ausloos, Paddy Leerssen und Pim ten Thij bei Regelungen für den Umgang mit Gesundheitsdaten und solchen zur Umweltbelastung von Unternehmen gefunden, also in Bereichen, in denen mit aus verschiedenen Gründen sehr sensiblen Daten gearbeitet werden muss.

Ihre Empfehlungen: Auf die Daten sollte nicht direkt an der Datenquelle zugegriffen werden können, sondern über eine unabhängige Einrichtung, die für datenschutzgemäße Ano- und Pseudonymisierung sorgt. Die Art von Daten, die zugänglich gemacht werden müssen, sollte ebenso klar definiert werden wie die Weise ihrer Erhebung. Die Daten müssen grundsätzlich innerhalb einer bestimmten Zeitspanne öffentlich zugänglich, ihr Gebrauch zu Forschungszwecken gefördert und ihre Verweigerung strafbewehrt sein.

Mit der Veröffentlichung zielt Algorithm Watch auf den „Digital Service Act“, der auf EU-Ebene beraten wird. Ursula von der Leyen hatte als ein Ziel ihrer EU-Kommissionspräsidentschaft bis zum Jahr 2024 benannt, „bessere Haftungs- und Sicherheitsvorschriften für digitale Plattformen“ zu schaffen.

Lidl und Aldi liefern sich gnadenlose Werbeschlacht

Die führenden Discounter geben immer mehr Geld für Anzeigen und Fernsehspots aus. Es gilt, ein gutes Einkaufsgefühl zu vermitteln. Mit Handzetteln im Briefkasten lassen Kunden sich nicht mehr locken.

Es gibt auffällig viele solcher TV-Spots, in denen Lidl konkrete Produkte anpreist. Popcorn und Rib-Burger zu den Amerika-Wochen, Lachs und Lamm zu Ostern. Die Wettbewerber tun es gleich. Netto lässt Katzen mit Einkaufswagen über den Bildschirm rollen. Bei Aldi veranstaltet ein Freundinnenkreis einen munteren „Mädelsabend“ mit Gasgrill, Fleisch und Räucherbrett, natürlich alles von Aldi.

Die deutschen Lebensmittelhändler liefern sich derzeit eine Werbeschlacht neuer Dimension. Wo früher der Handzettel als Kaufargument reichen musste, wird heute imagebildende Fernsehreklame mit Plakataktionen abgestimmt, ergänzt durch virale Filmchen im Internet.

Die Werbebudgets stoßen bei mehreren Firmen in neue Größenordnungen vor. Vor allem Lidl gibt derzeit viel Geld für Reklame aus. Nach einer Analyse der Media- und Marketingberatung Ebiquity zahlte der Discounter allein im vergangenen Jahr 272,9 Millionen Euro für Werbung – ein Rekord nach einer Steigerung um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Produkte statt Preise stehen im Mittelpunkt

Noch deutlicher ist der Zuwachs des Werbetopfes bei Aldi. Die Firmenschwestern Aldi Nord und Aldi Süd investierten zusammen zwar mit 192 Millionen Euro nicht ganz so viel wie der Rivale, doch ist die Steigerungsrate mit 85 Prozent drastischer. Auch der Konkurrent Norma erhöhte die Ausgaben um mehr als 20 Prozent und investierte zuletzt über 82 Millionen Werbe-Euro.

Die Zahlen umfassen die Bruttowerbeausgaben für die klassischen Medien Fernsehen, Print, Radio und Außenwerbung. Handzettel und Online-Werbung sind darin noch nicht enthalten. „Der Lebensmitteleinzelhandel setzt werblich gesehen innerhalb der letzten drei Jahre auf neue Impulse und verstärkt auf imagebildende Maßnahmen“, sagt Hellmut Fischer, Ebiquity-Chef für den deutschsprachigen Raum.

Auffällig sei, dass im Mittelpunkt der oft „hochwertigen Kampagnen“ nicht mehr unbedingt die Produktpreise stünden, sondern die Qualität der Ware hervorgehoben und das Image der Unternehmen gepflegt werde. Deshalb spiele TV-Werbung eine viel größere Rolle als früher: „Bewegtbild transportiert am besten Wertigkeit und Emotionen“, meint Fischer.

Das gelte auch für Supermarktbetreiber wie Rewe und Edeka, deren Werbeausgaben allerdings weit weniger schwanken. So hat Rewe mit 141 Millionen im vergangenen Jahr etwa ebenso viel ausgegeben wie fünf Jahre zuvor, während die Edeka-Zentrale leicht auf 133 Millionen Euro zugelegt habe. Alles in allem steckte der Lebensmittelhandel in den angelaufenen fünf Jahren rund fünf Milliarden Euro in die Werbung.

Bei Aldi war Werbung lange Zeit verpönt

Gerade die Discounter haben dabei einen weiten Weg zurückgelegt. So hatte Karl Albrecht, einer der Aldi-Gründer, eine überaus klare Position zu dem Thema: „Unsere Werbung liegt im billigen Preis“, sagte er Anfang der 1950er-Jahre einmal.

Alles, was Kosten verursachen konnte, blieb damals tabu, ob individuelle Ladengestaltung, große Sortimente – oder eben Reklame. Der wöchentliche Handzettel im Briefkasten galt als maximal wünschbare Form der Kommunikation. Dieses Prinzip hat sich lange gehalten. Erst 2016 schaltete Aldi erstmals Fernsehwerbung.

Nur ein Jahr zuvor hatten Fachblätter über die erste Imagekampagne der Unternehmensgeschichte berichtet. Das vergleichsweise kleine Sortiment wurde zum Vorteil stilisiert mit dem Spruch „Einfach ist mehr“. Statt sich mit der Qual der Wahl herumzuplagen, bleibe mehr Zeit und Geld fürs Wesentliche, so die Botschaft.

Die steigenden Werbeausgaben sind auch Ausdruck harten Wettbewerbs im Lebensmittelhandel. Mit mehr als 170 Milliarden Euro Jahresumsatz ist er zwar der mit Abstand größte Zweig des Handels, doch die Wachstumsraten sind gering. 2017 gaben die Verbraucher drei Prozent mehr für Essbares aus als im Vorjahr, so der Handelsverband Deutschland (HDE). Preiserhöhungen herausgerechnet, blieb ein mageres Plus von 1,1 Prozent.

5 Jahre Apple Music: Das uneingelöste Versprechen

Es ist still geworden um Apples Musik-Streaming-Dienst. Fünf Jahre ist der Launch auf den Tag genau her, doch weiter hinkt Apple Music Branchenprimus Spotify hinterher. Von einer Aufholjagd ist nichts zu erkennen – im Gegenteil. Fast scheint es, als hätte Apple die Lust an seinem Musik-Dienst verloren.

Drei bis vier Jahrzehnte später ist davon nichts mehr geblieben. Das liegt zum einen am ersten Teil der Digitalisierung der Musik, der durch das MP3-Format begann und in den Nullerjahren in Musik-Downloads das Ende der CD einläutete – zum anderen am zweiten Teil, der sich mit dem Siegeszug der Streaming-Dienste, vor allem Spotify, vollzog. Plötzlich war es möglich, für ganze 10 Euro im Monat den Zugang zu einer dreißig Millionen Songs schweren Musikbibliothek zu bekommen – ein Schatz, den man nur zu heben verstehen musste.

Apple Music, die distanzierte Nummer zwei des Musik-Streamings

Auch Apple spielt das Spiel, das es mit iTunes selbst gestartet hatte, weiter mit – im Streaming-Zeitalter indes in einer sehr ungewohnten Rolle: als Nummer zwei. Als der Kultkonzern aus Cupertino heute vor genau fünf Jahren mit Apple Music seine Antwort auf Spotify launchte, sah es so aus, als würde es laufen wie immer: Kraft der Marke würde am iKonzern bald kein Weg mehr vorbeiführen, dachte man.

Spotify-Gründer Daniel Ek schien zumindest ziemlich besorgt zu sein und beschwerte sich mehrfach über Apples Monopolstatus, mit dem der iPhone-Hersteller angeblich Spotify den Zugang zur Apple-Welt versperre. Der scheint jedoch nicht mal nötig, denn Spotify beherrscht zwölf Jahre nach dem Start und fünf Jahre nach dem Launch von Apple Music weiter nach Belieben den Markt für Musik-Streaming.

Was wurde aus Apples Aufholjagd?

Dabei sah es phasenweise danach aus, als sollte Apple Music zu einer Aufholjagd starten. So sollte Apple Spotify in den USA bereits überholt haben, war vor genau einem Jahr zu hören. Auf dem Heimatmarkt komme Apple Music auf rund 28 Millionen zahlende Kunden und Branchen-Pionier Spotify auf 26 Millionen, berichtete seinerzeit das Wall Street Journal.

Allein: Auf dem Weltmarkt hat Spotify seinen deutlichen Vorsprung offenkundig weiter ausgebaut. Der schwedische Streaming-Pionier nannte bei Bekanntgabe seiner jüngsten Quartalszahlen Ende April bereits 130 Millionen zahlende Kunden. Im Juni 2019 hatte Apple Music noch 60 Millionen Abonnenten gemeldet, seitdem jedoch – höchst ungewöhnlich – keine Angaben zu den zahlenden Kunden mehr gemacht.

In der Vergangenheit konnte Apple, als noch Musik-Mogul Jimmy Iovine die maßgebliche Verantwortung von Apples Musik-Streaming-Angebot trug, immer wieder mit exklusiven Veröffentlichungen wie Taylor Swifts Konzertfilm zur „1989“-Tour oder vorab veröffentlichten Drake-Alben punkten. Inzwischen zeigen eigentlich für Apple prädestinierte Mainstream-Künstler wie Beyoncé, Taylor Swift und Bruce Springsteen ihre jüngsten Konzertfilme / Biopics lieber exklusiv bei Netflix.

Apple Music verschläft Podcast-Trend

Und damit nicht genug: Auch abseits der Musik scheint Apple neue Trends zu verpassen. Podcasts, die durch den Siegeszug von iTunes überhaupt erst salonfähig gemacht worden sind und ein Jahrzehnt später einen überraschenden Boom erfahren haben, finden in exklusiver Form immer öfter beim Rivalen Spotify statt.

2019 überraschte Spotify mit einer wahren Shopping-Tour: Das 14 Jahre alte Unternehmen übernahm für spektakuläre 230 Millionen Dollar das Podcast-Label Gimlet Media. Zukäufe der App Anchor und des Sport-Podcast-Netzwerks The Ringer folgten. Mit Barack und Michelle Obama, Kim Kardashian und Podcast-König Joe Rogan konnte Spotify zudem Exklusivdeals vereinbaren.

Integrationsmasse für ein Apple Entertainment Bundle?

Ein halbes Jahrzehnt nach dem Launch scheint es fast, als habe Apple die Lust – oder die große Vision – an seinem Musik-Streaming-Service verloren. Das Angebot ist gemacht für Apple-Nutzer, die einfach kein Bedürfnis verspüren, bei Spotify neu anzufangen – oder eben nie Spotify-Kunden waren. Ein erkennbarer Wechselgrund drängt sich für Bestandskunden des schwedischen Streaming-Pioniers in der aktuellen Version von Apple Music indes kaum auf.

Für den wertvollsten Techkonzern der Welt, dessen Zukunft maßgeblich vom Wachstum seines Geschäfts mit Medieninhalten abhängt, ist Apple Music in der aktuellen Version eigentlich zu wenig. Das Gleiche gilt für den neuen TV-Streaming-Dienst Apple TV+, der der Konkurrenz von Netflix und Disney+ sogar meilenweit hinterher hinkt.

Vielleicht ist der Masterplan Cupertinos aber auch ein ganz anderer. Aus ein paar mittelmäßigen Diensten ein großes Entertainment-Bundle zu schnüren, das Apple Music, Apple TV+, Apple News+, Apple Arcade und möglicherweise noch weitere Dienste enthält. Ein solches Angebot gibt es bisher nicht und ließe sich mit entsprechendem Preisschild bekleben.

Klassik Radio: Mozart in Häppchen

Bei Klassik Radio gibt es selten ganze Konzerte zu hören und schon gar nicht über UKW. Andere Sender fürchten um ihre Reichweite, wenn sie ins Digitale gehen – die Augsburger haben sie noch ausgebaut. Nun möbeln sie ihren Streamingdienst auf.

Viel Glas, viel Fenster gibt es im Büro des Chefs. Klassik Radio sendet aus dem 35. Stock des Augsburger Hotelturms, der Blick über die Stadt ist großartig. Trotzdem bestimmt nicht der Blick über Augsburg das Büro von Ulrich Kubak, es sind die zwei großformatigen Bilder an den Wänden: eine Szene aus dem Film Good Morning Vietnam und dazu John F. Kennedy, wie er während seiner Rede in Berlin 1963 in die Mikros spricht. „Zweimal Radiogeschichte“, sagt Kubak. Und das passt ja ganz gut rein bei Klassik Radio: In Deutschland hat der Sender schon lange Radiogeschichte geschrieben. Jetzt schicken sie sich hier an, einen Streamingdienst zu etablieren.

Im Jahr 2004 war Klassik Radio der erste börsennotierte Radiosender Deutschlands. 2015 gab Klassik Radio 22 seiner UKW-Frequenzen zurück, ein bemerkenswerter Schritt im Privatradiosektor. Bei den zuständigen Stellen wussten sie gar nicht so genau, wie sie das abwickeln sollen: UKW-Frequenzen zurücknehmen? Kubak setzt mit seinem Sender voll auf Digitalradio und auch auf Streaming: Seit 2017 hat Klassik Radio einen eigenen Streamingdienst, der nun einen Relaunch bekommt. So etwas wie Spotify und doch wieder ein ganz anderer Ansatz. Bei Klassik Radio haben sie die Dinge schon immer gerne anders angepackt, das zeigt sich auch jetzt in der Corona-Krise. Kurzarbeit gibt es nicht, stattdessen hat der Sender seit dem Lockdown in Deutschland zehn neue Mitarbeiter eingestellt. „So starten wir nach der Krise besser durch“, sagt Kubak.

Wer den Radiosender mit Stammsitz in Augsburg verstehen will, kommt an der Biografie seines Chefs nicht vorbei. Der Sender spielt ungern eineinhalbstündige Konzerte, stattdessen, als Beispiel: um 18.56 Uhr die Sinfonie D-Dur „La Veneziana“ von Antonio Salieri, um 19.02 Uhr dann das Cellokonzert Nr. 1 a-Moll Op. 33 von Camille Saint-Saëns. Einzelne, kurze Sätze wie bei einem Popformat sind das Erfolgsgeheimnis, und das ist unter anderem in den Anfängen Kubaks als jüngster deutscher Radiomacher begründet. Mit 18 hat er die Schule geschmissen, mit 19 von der Landesmedienanstalt seine erste Frequenz bekommen. Er hat sich für 900 Mark im Monat ein Büro gemietet, auch damals schon hier im Hotelturm, dem markantesten Gebäude in Augsburg, das man von fast jedem Standpunkt der Stadt aus sieht. Und dann hat er gesendet, eine Bürgschaft der Eltern im Rücken: Radio Fantasy, Zielgruppenformat, erster Song 1987 war „Fantasy“ von „Earth, Wind & Fire“.

Kubak kommt also nicht aus dem Klassikgenre. Radio Fantasy hat er trotzdem nach drei Jahren verkauft. Zu Klassik Radio kam Kubak auf einem Umweg, er gründete zunächst ein Syndikationunternehmen – das erste fürs Radio in Deutschland. „FM Radio Network“ produzierte Inhalte für fast jeden deutschen Radiosender. Sogar Franz Beckenbauer stand unter Vertrag in den Neunzigern, für Kommentare zur Bundesliga. „Und dann war da dieser Exotensender in Hamburg“, sagt Kubak. „Den haben wir auch beliefert.“

Der Exotensender hieß Klassik Radio und hatte illustre Inhaber: Thomas Gottschalk, Sony, Universal, Bertelsmann, die Burda-Gruppe, den Spiegel. „Das hat mich interessiert“, sagt Kubak. „Aber die haben nur höflich gelächelt, als ich ihnen mein Konzept vorgestellt habe.“ Doch am Ende war der Sender so defizitär, dass sie ihn ihm doch verkauft haben. Die Redaktion hat dann einiges auf den Kopf gestellt. Mozart und Bach schneiden, das hatte sich noch niemand getraut. Filmmusik erweiterte das Repertoire. Heute machen es andere Sender genauso wie Klassik Radio, das inzwischen sechs Millionen Hörer hat. Trotz der Fokussierung auf Digitalradio. Mit der Filmmusik und New Classics hat der Sender neben älteren Stammhörern ein jüngeres Publikum erschlossen, das zahlungskräftig und technikaffin ist. Solche Hörer kaufen auch Digitalradios, um Klassik Radio empfangen zu können. Der Sender ist ein Zugpferd in Deutschland, was die Digitalisierung des Radiomarkts anbelangt, nur in den großen Städten setzt Kubak weiter auf UKW-Frequenzen.

Diese Innovationskraft erkennt auch die Bayerische Landeszentrale für neue Medien an, die die privaten Fernseh- und Hörfunkangebote im Freistaat beaufsichtigt. Präsident Siegfried Schneider stellt gleich einmal klar, dass er auch privat Fan des Senders ist. „Es macht einfach Spaß zuzuhören.“ Dass Klassik Radio so strikt auf den Digitalstandard DAB+ setze, liege auch daran, dass die guten UKW-Frequenzen besetzt gewesen seien, als der Sender auf den Markt drängte. Trotzdem lobt Schneider die Innovationskraft: „Ulrich Kubak ist mutig, er traut sich vieles auf eigenes Risiko, wie wir uns das von anderen Radiomachern auch wünschen würden.“

Dabei geht auch mal etwas daneben, wie vor einigen Jahren, als Kubak meinte, das Format „radikal verändern“ zu müssen, wie er sagt. Plötzlich waren Balladen von Robbie Williams im Programm. „Ich habe mich gefreut, ich fand das super.“ Die Hörer waren weniger begeistert, die Idee hat Reichweite gekostet, die der Sender erst mühsam wieder erkämpfen musste. Neue Ideen entwickeln sie trotzdem weiter in Augsburg, gerade drängt der Sender auf den internationalen Markt. In Österreich läuft es bereits ganz gut, die Schweiz soll bald dazukommen. „Die Leute sollen uns als Global Player wahrnehmen.“ Ein internationales Programm wird anvisiert.

Bei seinem Streamingdienst hält Klassik Radio am Radioansatz fest, im Gegensatz zu bekannten Branchengrößen wie Spotify oder Apple Music. Musikexperten wählen die Titel aus, unter anderem Tenor Rolando Villazón oder Geiger Andre Rieu – und kein Algorithmus. Die Hörer können aus mehr als 100 Klangwelten mit klassischer Musik wählen. „Da ist für jede Gelegenheit etwas dabei, auch zum Kochen oder als Hintergrundmusik fürs Home-Office“, sagt Kubak. Einen mittleren vierstelligen Abonnentenkreis hat der „Klassik Radio Select“ genannte Dienst seit 2017 aufgebaut. „Wenn wir fünfstellig sind, sind wir profitabel“, sagt Kubak. Er hat wenig Zweifel, dass es bald so weit sein wird. Und deshalb brauchen sie nun mehr Platz fürs Unternehmen. Auch wenn das bedeutet, einen Superlativ weniger im Portfolio zu haben: Der 35. Stock im Augsburger Hotelturm ist – so heißt es -, der höchste Radiosendeplatz in Deutschland. Nächstes Jahr ist trotzdem ein Umzug anvisiert, in die Innenstadt. „Da können wir uns besser entfalten“, sagt Kubak.

Verbandschef: Kinos brauchen andere Abstandsregeln

Die Abstandsregeln machen den Kinos nach der Corona-Zwangspause zu schaffen. Ein Verbandschef hat Ideen, was man ändern könnte.

Der Verbandschef und Kinobetreiber Christian Bräuer plädiert dafür, in den Kinos die Corona-Abstandsregeln anders zu gestalten. Statt der 1,50 Meter Abstand hält Bräuer es für sinnvoll, je einen Sitz zwischen den Plätzen frei zu lassen. „Ich glaube, das fühlt sich sehr sicher an“, sagte der Vorsitzende der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater der Deutschen Presse-Agentur.

Ähnlich sei es in Frankreich und vielen anderen Ländern geregelt. Im Kinosaal laufe man nicht umher, spreche nicht, betonte Bräuer. Es stehe jedem frei, im Sitzen die Maske aufzubehalten. Im Kino seien die Sitze zudem definitiv breiter als im Flugzeug, wo die Gäste direkt nebeneinander säßen. Außerdem könnten die Kinos auch auf Kontaktverfolgung setzen, falls es einen Corona-Fall gebe.

In Berlin betreibt Bräuer 14 Programmkinos der Yorck-Gruppe. Die Filmtheater hatten in Deutschland wegen der Pandemie wochenlang geschlossen. In vielen Bundesländern ging es schon wieder los, ab dem Dienstag (30. Juni) dürfen nun auch in Berlin die Kinos unter Auflagen wieder öffnen. Viele Betriebe starten laut Bräuer aber erst am Donnerstag (2. Juli). Im Delphi Lux in Charlottenburg sieht man es an Zetteln an den Kinositzen: Der Saal dürfte wegen der Corona-Auflagen nur spärlich besetzt bleiben.

Bislang sind die Kinos auf 1,50 Abstand eingestellt. Damit ist laut Bräuer ein wirtschaftlicher Betrieb nicht richtig möglich, bei vielen Häusern seien die Zahlen schwach bis katastrophal. Ein Kreislauf setze sich in Gang, der Verleiher und Produzenten treffe. Große Filme starteten nicht.

Gilde-Chef Bräuer setzt darauf, dass die Besucher nach wochenlangem Fernseh-Gucken auf dem Sofa wieder Lust aufs Kino haben. Der Kinogang als schöner Abend, das habe einen anderen Wert als die Frage daheim „Schauen wir noch eine Folge oder nicht?“. Man erinnere sich anders an die Filme, weil man sich anders einlasse, sagte Bräuer. Highlights der Programmkinos zum Neustart sind demnach „Undine“ von Christian Petzold und „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani; beide Filme liefen bei der Berlinale.

In der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater sind nach eigenen Angaben mehr als 300 unabhängige Filmkunst- und Programmkinos in Deutschland zusammengeschlossen.

Sieger Homeoffice: Corona krempelt die Arbeitswelt um

Die Katze tapst über die Tastatur, die Waschmaschine läuft, auf dem Küchentisch steht der Laptop – Corona hat viele Menschen über Nacht ins Homeoffice geschickt. Die Bürobedarf- und Büromöbelbranche stellt sich längst darauf ein – aber: „Das Umdenken muss aber zuallererst in den Köpfen der Führungskräfte stattfinden“, sagt Ard-Jen Spijkervet, Chef des Bürobedarfsspezialisten Leitz. Viele der Beschäftigte selbst sind derweil längst von der Heimarbeit überzeugt – am liebsten hätten die meisten wohl einfach die Möglichkeit, abzuwechseln.

„Zwei von drei Angestellten arbeiten lieber zu Hause als im Büro“ – das ist das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Süddeutschen Krankenversicherung (SDK). „Viele Stressfaktoren fallen weg wie zum Beispiel lärmende Kollegen oder ein anstrengender Arbeitsweg“, sagt Oliver Schwab von der SDK.

Darüber hinaus geben 57 Prozent der rund 1.500 Befragten an, zu Hause besser kreativ arbeiten zu können – bei der Arbeit im Büro sagen das nur 18 Prozent, die übrigen machten in Sachen Kreativität keinen Unterschied aus.

Der Wandel hat begonnen

Nur noch zu Hause bleiben wollen hingegen die wenigsten – das ergab eine Forsa-Umfrage, die der Industrieverband Büro und Arbeitswelt (iba) mit Sitz in Wiesbaden im April in Auftrag gegeben hatte. Die Menschen vermissten nicht zuletzt die gute Ausstattung ihrer Arbeitsplätze im Büro, sagt iba-Chef Hendrik Hund. Es müsse noch Einiges getan werden, damit die notdürftig eingerichteten Arbeitsplätze zu Hause zu nutzbaren Büros würden.

Der Wandel hat jedenfalls dank Corona längst begonnen. „Die starren Strukturen gehören der Vergangenheit an“, sagt Carola Burrell, Marketingleiterin des Büromöbelherstellers Interstuhl. Das wirke sich auch auf die Anbieter von Büromöbeln aus. „Wir haben Großkunden, die für ihre Belegschaft Homeoffice-Produkte anbieten. Die Beschäftigten können zum Beispiel den Stuhl mit nach Hause nehmen oder die Möbel innerhalb eines Rahmenvertrags kaufen.“ Die Hersteller müssten sich jedoch auch auf den neuen Markt einstellen. „Wir werden einen Teil des Sortiments mit anderen Oberflächen und Farben anbieten, weil es zu Hause meist kuscheliger ist als in der cooleren Büro-Atmosphäre.“

Trend zum Homeoffice auch nach Corona?

Diesen Trend bestätigt auch Leitz-Chef Spijkervet. „Büroartikel in schwarz und grau passen oft weniger gut zu Hause. Die Produkte sind zum Teil wirklich unattraktiv in einer privaten Umgebung.“ Leitz bringt jetzt eine neue Serie auf den Markt, die genau auf den Homeoffice-Bereich abzielt – mit besonderer Haptik und Optik, mit ansprechendem Design. Als Beispiel dazu nennt Spijkervet einen Papier-Shredder, der jetzt in weiß verkauft wird und enorm hohe Absatzzahlen verzeichnet. „Bei uns hat Corona für extrem schnelle Innovationsimpulse gesorgt“, sagt er.

Stellt sich die Frage, ob der Trend zum Homeoffice auch nach Corona erhalten bleibt. Die Experten sehen hier vor allem das Management in der Verantwortung – es müsse ein Umdenken stattfinden, fordern sie. „Wir arbeiten immer noch als Wurmfortsatz der Industrialisierung – dieses hierarchische Modell ist das Problem“, sagt Spijkervet. Arbeitgeber und Betriebsräte seien für die starren Strukturen gleichermaßen verantwortlich. „Die klassische Denke, dass man immer vor Ort sein muss, ist tief verwurzelt – das ist schade, denn ich glaube, die Menschen arbeiten effektiver von zu Hause aus.“

„Der Arbeitgeber muss mehr Vertrauen in seine Leute haben und Freiräume ermöglichen“, sagt auch Carola Burrell. Ein neuer, kooperativer Führungsstil sei gefragt, eine neue Arbeitskultur. Allerdings müsse auch beides möglich sein – Homeoffice und Büroarbeit – weil die Heimarbeit nicht für jeden taugt. „Es gibt Leute, die sind digital, die haben erstmal kein Problem. Und es gibt solche, die ticken völlig analog oder brauchen mehr persönlichen Kontakt“, ist auch Spijkervets Erfahrung.

Bindung zum Unternehmen verlieren

Das bestätigen die Umfrageergebnisse der SDK: Die Produktivität im Homeoffice wird von jedem zweiten Befragten als Schwachpunkt eingestuft. „Menschen brauchen das Arbeitsumfeld im Büro mit Kollegen und Führungskräften, um sich gut organisieren zu können“, bestätigt iba-Chef Hendrik Hund. Zudem bestehe bei dauerhafter Arbeit zu Hause die Gefahr, die Bindung zum Unternehmen zu verlieren – ein weiteres Argument dafür, den Beschäftigten zwei Arbeitsplätze zu ermöglichen.

Denn die Vorteile von mehr Homeoffice gehen weit über die Arbeit an sich hinaus. „Wenn nur die Hälfte der Menschen künftig zuhause arbeiten würde, würde der CO2-Abdruck schon auch entsprechend reduziert“, sagt Spijkervet. „Es wäre schön, es gäbe weniger Autos auf der Straße, die Menschen hätten mehr Zeit, anstatt zu pendeln“, sagt auch Carola Burrell mit Blick auf die Lebensqualität.

Bis dahin muss am Vertrauen gearbeitet werden. Das einzig negative Ergebnis der SDK-Umfrage ist bedrückend: „Die berufliche Freiheit wird teuer erkauft: 41 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sich ein regelmäßiges Homeoffice nachteilig auf die Karriere auswirkt“, sagt Oliver Schwab. Was hingegen die Doppelbelastung von Beruf und Familie angeht, glauben rund 80 Prozent der Befragten, sie lasse sich mit der Homeoffice-Möglichkeit viel besser gestalten.

Google-Gelder für die Presse: Ein Erfolg für die Verleger?

Nun zahlt der amerikanische Suchmaschinenbetreiber doch für Medienerzeugnisse. Es handelt sich auch um eine Entlastungsaktion im jahrelangen Kampf gegen eine Reichtumssteuer.

Er nennt es Verrat. Seine Enttäuschung formulierte Pierre Louette, der Chef der französischen Verlagsgruppe Les Echos-Le Parisien, am Donnerstag in einer Twitter-Botschaft. Anlass dafür ist die Nachricht vom gleichen Tag, dass Google einzelne Pressetitel für die Verwendung von Artikeln bezahlen will. Das ist eine auffällige Kehrtwende in einem langjährigen Konflikt. Bisher hatte der Betreiber der erfolgreichsten Suchmaschine entsprechende Forderungen der klammen Verlage abgeschmettert. Jetzt muss der Franzose befürchten, Google breche mit einer altbewährten Taktik – teile und herrsche – die Front der etablierten Medien auf.

Vorerst handelt es sich um einen Test mit Verlagen in Brasilien, Australien und Deutschland. Mit dabei sind die «FAZ», der «Spiegel», die «Zeit», die «Rheinische Post» und der «Tagesspiegel». Sie liefern Google Artikel für ein neues Nachrichtenformat, das in diesem Jahr starten soll. Im Blog-Eintrag des amerikanischen Konzerns erfährt man dazu wenig Konkretes. Das Programm diene im Rahmen dazu, den Medienerzeugnissen «durch ein verbessertes Storytelling» mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Dem Publikum wolle man den Zugang zu relevanten Informationen ermöglichen. Es könne dann «tiefer in anspruchsvolle Geschichten eintauchen, auf dem Laufenden bleiben sowie neue Themen und Interessen entdecken».

Falls es Google bei Vereinbarungen mit einzelnen Informationsanbietern belässt, gerät das Unternehmen in eine heikle Rolle. Es muss entscheiden, nach welchen Kriterien es die Verlage auswählt. Die «Relevanz» der Informationen ist ein reichlich vager Massstab und lässt viel Spielraum für willkürliche Entscheidungen. Das stört wenig, solange ein Wettbewerb herrscht. Doch Google nimmt mit seiner Suchmaschine eine überragende Position ein. Das erhöht den Rechtfertigungsdruck gegenüber der Öffentlichkeit und wirft zudem rechtliche Fragen auf.

Falls das neue Programm für die Informationsselektion später allen Anbietern offensteht, kehren die alten Probleme zurück, die die Suchmaschine jetzt schon prägen. Sie bestimmt darüber, nach welchen technischen Vorkehrungen ein jeweiliger Anbieter Sichtbarkeit erlangen kann. Das bisherige Gerangel um die wenigen attraktiven Plätze in den vordersten Reihen ginge weiter – allerdings mit dem Unterschied, dass die Verlage über diese News-Plattform Geld bekämen. Würden dabei jene besser verdienen, welche sich erfolgreich positionieren?

Vorerst kann man darüber nur spekulieren. Sicher ist, dass Google mit dem Vorstoss eine Entlastungsaktion startet. Der Druck auf den Konzern ist länderübergreifend gross. In Frankreich zwang ihn im April die Wettbewerbsbehörde dazu, innert dreier Monate eine Einigung mit den Verlagen über eine Entschädigung von Artikelhinweisen auf der Suchmaschine zu bezahlen. Einen sachlich guten Grund für eine solche Bezahlpflicht gibt es trotz den langjährigen Behauptungen der Zeitungsverlage nicht. Doch diese sind mit der politischen Elite in ihren Ländern gut vernetzt und haben darum einen starken Einfluss. Die Dauerkritik der Medien an den amerikanischen IT-Konzernen trägt das Ihre dazu bei, dass es selbst für Kolosse ungemütlich wird. Es ist ein typischer Kampf zwischen Verlierern und Gewinnern des Fortschritts, wobei die Schwachen ihre Position mit dem Argument der Systemrelevanz moralisch aufladen, um eine Reichtumssteuer durchzusetzen. Nichts Neues unter der Sonne.

Medienpolitik: Das muss konkret werden

Carsten Brosda und Wolfgang Schulz haben Vorschläge für eine neue Medienpolitik unterbreitet. Sie denken zu paternalistisch.

Die deutsche Medienpolitik bezieht ihren Auftrag letztlich aus der im Grundgesetz gewährten Garantie der Medienfreiheit für Presse, Rundfunk und Film. Diese drei Massenmedien sind inzwischen in ihren Lebensherbst eingetreten. Die neben ihnen entstandenen Medien- und Kommunikationsplattformen gewinnen an Bedeutung, funktionieren aber nicht wie Massenmedien und können deshalb auch nicht mit den auf sie zugeschnittenen Instrumenten reguliert werden. Diese Erkenntnis im Beitrag von Carsten Brosda und Wolfgang Schulz an dieser Stelle (F.A.Z. vom 10. Juni) weckt die Hoffnung auf Anstöße zu einer medienpolitischen Wende, die dem aktuellen Mediengefüge gerecht wird. Die Hoffnung erstirbt jedoch in einem Ungefähr von abstrakten Ideen.

Die Medienregulierung der letzten Jahrzehnte ist mit der Leitidee der „Vielfalt“ verbunden. Unter Vielfalt verstanden Verfassungsrichter in verschiedenen Urteilen die Repräsentation der Perspektiven und Positionen verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen im Programm des Rundfunks und in den Publikationen der Presse. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollen die Gremien, im privaten Rundfunk ein beaufsichtigter nichtmonopolistischer Markt und in der Presse die Gewerbefreiheit und das Kartellrecht Vielfalt sichern. Diese Grundsätze haben angesichts der eingetretenen Veränderungen eher historischen Wert. Institutionalisierte Perspektiven von „gesellschaftlichen Gruppen“ spielen eine immer geringerere Rolle, private Rundfunkveranstalter stehen im Wettbewerb mit internationalen Plattformen, und die gedruckte Presse kämpft um ihre Reichweite. Dennoch ist die Vielzahl und Vielfalt der Quellen, auf die heutige Mediennutzer ohne Anstrengung zugreifen können, weitaus höher als vor dreißig Jahren, als der Kiosk an der Ecke und die elektronischen Wohnzimmermedien für die Vielfalt zuständig waren.

Brosda und Schulz halten die Leitidee „Vielfalt“ für nicht mehr zeitgemäß. Die Anbietervielfalt auf den Medienmärkten wird seit Jahrzehnten regelmäßig in Studien ermittelt. Dabei scheint Einigkeit darüber geherrscht zu haben, dass Daten zu Marktanteilen sowie zur Häufigkeit und Dauer der Nutzung von Medien ausreichen, um ihnen „Meinungsbildungsrelevanz“ und sogar „Medienmacht“ zuschreiben zu können. Diese Zuschreibung ist zirkulär, wenn Macht mit Reichweite gleichgesetzt wird, und blieb immer evidenzfrei im Hinblick auf die meinungsbildenden Wirkungen. Dennoch wurden aus den Konzentrationsstudien regelmäßig Bedenken mit Blick auf die Gefahren der „Meinungsmacht“ abgeleitet. Es kann vermutet werden, dass Massenmedien zur Bildung politischer und kultureller Positionen einen deutlich geringeren Beitrag leisten als informelle Gespräche und unmittelbare soziale Kontakte.

Das gilt auch für Online-Medien im Verhältnis zu den als „nichtmedial“ bezeichneten privaten Kommunikationen in den sogenannten sozialen Medien.
Letztere haben nach Ansicht vieler Forscher einen höheren Einfluss auf die Heranbildung individueller Meinungen als die Neuigkeiten aus journalistisch-redaktionellen Quellen, die ebenfalls auf Kommunikationsplattformen wie Facebook, Instagram und sogar Tiktok verbreitet werden. Fatal für Regulierungsabsichten ist nicht nur, dass diese einflussreichen Kommunikationen weitgehend unsichtbar sind. Es fehlen tatsächliche Anhaltspunkte für die Existenz der Einflüsse von „Filterblasen“ und „Echokammern“ in den sichtbaren Kanälen. Mit diesen Begriffen sind Behauptungen verknüpft, die durch empirische Studien widerlegt oder zumindest stark eingeschränkt sind. Sie fanden dennoch Eingang in den Common Sense der Politik und den Diskurs der Regulierer.

Das Regulierungsziel „Vielfalt“ soll nach den Wünschen von Brosda und Schulz durch die Orientierung am „Allgemeinen“ ersetzt werden. Sie rufen die von Andreas Reckwitz analysierte „Krise des Allgemeinen“ zwar als Schlagwort auf, folgen aber seiner Diagnose, in der Vorstellungen einer rationalen Ordnung (auch des politischen Diskurses) und einer homogenen Kultur als pure Nostalgie ausgewiesen werden, nicht. Stattdessen machen sie sozial- und medientechnologische Reparaturvorschläge, die wenig Aussicht auf Erfolg haben.

Es geht ihnen um drei Punkte: Die Menschen (als Bürger) sollen wissen, was die anderen wissen, Wahlbeeinflussungen sollen abgewehrt, und wirtschaftlicher sowie technischer Einfluss auf die Möglichkeiten des „gesellschaftlichen Gesprächs“ soll zurückgedrängt werden.

Die „gemeinsame Wissensbasis“ ist als demokratietheoretische Norm Teil des Habermas’schen Wertehimmels, kann aber nicht ernsthaft in einen konkreten Arbeitsauftrag an die Medien, auch nicht an die gemeinschaftlich finanzierten, übersetzt werden. In den allgemeinen Wertekanon aufgenommen wird gewöhnlich nicht, was als Allgemeines adressiert wird. Es ist die Auseinandersetzung mit dem Besonderen, wodurch in der wechselseitigen Wahrnehmung ein – wenn auch schwacher – Konnex zwischen disparaten Teilen der Gesellschaft möglich wird. Auch die Banalität der Konversation in Casting-Shows, die elektronische Tanzmusik der einen und die Volksmusik der anderen Musikfraktion sowie die Einfalt rechter politischer Sprücheklopfer zählen zu diesem Horizont. Dieser darf in einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft nicht unter Konsenszwang gestellt werden.

Zum „Wissen“ über die Interessen und Themen der anderen, von dem Brosda und Schulz schreiben, trägt auch das algorithmische Feedback der sozialen Medien bei, also das Anzeigen der Followerzahl oder Likes. Die im Medienstaatsvertrag formulierte Transparenzpflicht und Diskriminierungsfreiheit sorgen bei Einhaltung durch Intermediäre dafür, dass Mediennutzer die ihnen angebotene Auswahl reflektieren und korrigieren können, wenn sie es denn wollen. Für diese Nutzer durch verordnete Eingriffe in die Anzeige-Algorithmen „die Wahrscheinlichkeit“ zu „erhöhen, dass gesellschaftlich relevante Inhalte in den Aufmerksamkeitskreis gelangen“, ist eine fragwürdige Operation. Das wäre nicht nur Paternalismus, sondern auch eine Attacke auf die Freiheiten von Medienanbietern und Mediennutzern. Für eine Regulierung der Inhalte, die über die in Paragraph 93 des neuen Medienstaatsvertrags formulierte Transparenzpflicht hinausginge, gibt es keine legitime Begründung.

Öffentliche Kommunikation war auch früher konfliktreich und häufig nicht an gemeinsamen Werten orientiert. Statt ein staatlich anerkanntes „Allgemeines“ konsenspflichtig zu machen, sollten die Bemühungen der Medienpolitik dahin gehen, das Abweichende, das Besondere, das Kontroverse als Normalität anzuerkennen und ertragen zu lernen. Die in der Gesellschaft spürbare und durch die Vielzahl der Medienkanäle verstärkte Unsicherheit lässt sich nicht medienpolitisch regulieren.

Die gravierendste Bedrohung unseres gesellschaftlichen Selbstbildes erzeugen die großen Plattformen und Intermediäre durch den „Social Graph“, dessen Möglichkeiten durch personalisierte Werbung erst ansatzweise sichtbar sind. Ein Social Graph bildet das Beziehungsgeflecht aller Individuen einer Gesellschaft ab – soweit die verfügbaren Daten das ermöglichen. Er ist sozusagen das in der öffentlichen Kommunikation verlorengegangene „Allgemeine“, das nun nur noch von Facebook und einigen anderen Datensammlern zum Vorschein gebracht werden kann. Die Aneignung des Allgemeinen durch die internationalen Plattformen kann keine Maßnahme deutscher Medienregulierer verhindern.

Brosda und Schulz wollen auch bei den Programmangeboten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die „Dimension des Allgemeinen, des alle erreichenden Angebots“ verstärken. Die detaillierte Beauftragung einzelner Programme soll aufgehoben und der Rundfunkbeitrag indexiert werden. Dass die notwendige Transformation der Rundfunkanstalten zu Online-Medien dadurch vorangetrieben wird, ist unwahrscheinlich. Auch die Entstehungsgeschichte des Jugendangebots „Funk“ spricht dagegen.

Das Problem der unzeitgemäß aufgestellten Medienaufsicht verschärft sich, wie auch Hans Hege (F.A.Z. vom 23. Juni) feststellt, aber es fehlt an Visionen und Modellen. Ein Vorschlag des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1961 könnte weiterhelfen. Die Richter merkten damals an, dass die Rundfunkanstalten keineswegs öffentlich-rechtlich verfasst sein müssten, sondern auch privatwirtschaftlich organisiert sein könnten – unter Beachtung pluraler gesellschaftlicher Perspektiven. Diese Unternehmen sollten einer Staatsaufsicht „ähnlich etwa der Banken- oder Versicherungsaufsicht unterworfen“ werden. Eine solche Medien-Bafin würde nicht die Programmarbeit, aber das Finanzgebaren, die Kooperationen und die Qualität der organisatorischen und sozialen Strukturen gemeinschaftsfinanzierter und vielleicht auch anderer Medienunternehmen kontinuierlich prüfen. Eine vorurteilslose und offene Debatte über die Chancen solcher Veränderungen, die auch außerhalb der medienregulatorischen Filterblase geführt wird, würde uns weiterbringen.

Eine Wette aufs Fernsehen: Wie Netflix mit deutschen Serien weltweit Erfolge feiert

Netflix wettet darauf, dass globales Fernsehen mit lokalen Produktionen Erfolge bringt – wann man es richtig anstellt. Als Beweis dafür taugen ausgerechnet deutsche Serien wie „Dark“.

Kelly hat Luegenbiehl noch mit einer Schauspielerin an der Serie „3%“ geschrieben. Die 2016 gestartete Science-Fiction-Serie aus Brasilien geht in die vierte Staffel auf Netflix, was auch ein Erfolg für Luegenbiehl ist. „Es war die erste globale Erfolgsserie, ohne dass wir jemals damit gerechnet hatten“, sagt die Vizepräsidentin für internationale Originalproduktionen bei Netflix.

„Dark“ ist dagegen kein Geheimtipp mehr. An diesem Samstag geht die Mystery-Serie um eine Gruppe von Jugendlichen im fiktiven Ort Winden in die dritte und finale Staffel. 2018 war „Dark“ die erste deutsche Netflix-Produktion. Wobei die Zuschreibung „deutsch“ es nur so halb trifft – zumindest, was die Fans der Serie angeht.

93 Prozent der Zuschauer der zweiten Staffel kamen aus anderen Ländern als Deutschland, schon bei der ersten waren es 90 Prozent gewesen, wie Netflix dem Handelsblatt erklärt. Besonders beliebt sei die Serie in Polen und Chile gewesen. In Japan schauten 75 Prozent die Serie auf Deutsch, in Südkorea sogar 90 Prozent – dann meist mit Untertiteln.

„Eine gute Geschichte wird ihr Publikum finden“, sagt Luegenbiehl. Im linearen Fernsehen galt das nie, es war immer eine nationale Angelegenheit. Kulturexport funktionierte fast nur einseitig, von den USA in den Rest der Welt.

Deutsche Serien wie „Derrick“ oder „Alarm für Cobra 11“, die im Ausland Erfolg hatten, waren Ausnahmen. Show-Formate wie „Schlag den Raab“ wurden zwar über Grenzen hinweg lizenziert, aber immer mit lokalen Moderatoren neu produziert.

„Je lokaler, desto globaler“

Netflix wettet dagegen darauf, dass globales Fernsehen möglich ist und es nur noch niemand richtig versucht hat. Angetrieben von der Corona-Pandemie ist die Börsenbewertung von Netflix auf mehr als 200 Milliarden Dollar gestiegen, und schon bald könnte der Streamingdienst Disney als wertvollsten Entertainment-Konzern der Welt hinter sich lassen.

Doch der Riese muss sich gegen lokale Konkurrenten wie RTL und Pro7, Sky und RAI behaupten. Netflix muss von Deutschland bis Indien, von Argentinien bis Eritrea gleichzeitig Abonnenten werben, Geschmäcker treffen, Talente scouten und den gesellschaftlichen Puls fühlen, während lokale Sender das nur in ihrem jeweiligen Markt müssen.

Luegenbiehls Rezept für internationale Erfolgsserien klingt paradox: „Je lokaler eine Serie ist, desto globaler ist sie.“ Ein Stoff müsse spezifisch und authentisch sein.

Die italienische Serie „Baby“ spiele nicht einfach in Rom, sondern in einer bestimmten Nachbarschaft des Reichenviertels Parioli. Für die im März angelaufene deutsche Mini-Serie „Unorthodox“ wurde ein Rabbi als Berater beauftragt, der die Treue der Schauspieler zu einem speziellen jiddischen Dialekt sicherstellen soll.

Die Serie war laut Netflix in Israel besonders beliebt, aber auch in Argentinien und Chile. Auch der deutsche Kriminalfilm „Kidnapping Stella“ mit „Fack ju Göthe“-Star Jella Haase hatte in Lateinamerika besonders viele Fans, in Kolumbien und in Mexiko.

Die Medienforscherin Amanda Lotz beobachtet die Internationalisierung des kalifornischen Streamingpioniers seit Jahren. „Netflix hat in seinen Nutzerdaten Geschmacks-Cluster gefunden, die über Landesgrenzen hinaus existieren“, sagt die Professorin an der australischen Queensland University.

Die Inhaltestrategie von Netflix sei „voller innerer Widersprüche“. Einerseits würden von der Kritik ungeliebte Weltstars wie Adam Sandler unter Vertrag genommen oder Action-Blockbuster wie „Extraction“ produziert. Andererseits setzt Netflix auf Genres und Talente, die der TV-Mainstream des jeweiligen Landes eher ignoriert. „Es ist klassisches Fernsehen, aber um 45 Grad weitergedreht“, sagt Lotz.

Das ist an den Serien aus Deutschland gut erkennbar: „Wir wissen, dass Deutsche Krimis mögen“, sagt Luegenbiehl. „Dark“ beginne als Krimi und entpuppe sich dann als Science-Fiction – ein Genre, das deutsche Fernsehmacher seit „Raumpatrouille Orion“ gemieden haben.

Die Ensembles der Serien sind oft eine Mischung aus bekannten Schauspielern wie Bjärne Mädel oder Fahri Yardim und Newcomern.

Ein weiteres Beispiel für diese Strategie ist die Comedy-Serie „How To Sell Drugs Online Fast“. Das Genre ist in Deutschland zwar etabliert, die Macher der Serie waren es aber nicht. Die Kölner „Bild- und Tonfabrik“ hatte sich zuvor als Produktionsfirma von Satiriker Jan Böhmermanns Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ einen Namen gemacht.

Next up: Stand-up und Gesangs-Shows aus Deutschland

„Es war ein Risiko, den Auftrag an eine Firma zu geben, die bisher keine Scripted Shows produziert hatte“, sagt Luegenbiehl. Bisher scheint es sich zu lohnen: Die Serie sei im Jahr 2019 die erfolgreichste deutsche auf Netflix gewesen, heißt es beim Streamingdienst. Außerhalb der deutschsprachigen Länder sei sie besonders in der Türkei und Italien erfolgreich.

Das unterschiedliche Geschäftsmodell von Netflix zwingt den Dienst, andere Inhalte auszuprobieren. „Netflix muss Abonnenten binden und ihnen etwas bieten, das sie woanders nicht finden“, sagt Kommunikationsprofessorin Lotz. Werbefinanzierte Sender oder Streamingdienste müssten immer den Durchschnittsgeschmack treffen, Netflix müsse Mainstream und Nische verbinden.

Nach einigen Serienerfolgen und der von Kritikern in der Luft zerrissenen Gangster-Serie „Dogs of Berlin“ – zu der Netflix keine Zahlen veröffentlicht – weitet das Unternehmen seinen Fokus inzwischen. Mit Stand-up-Comedyspecials und einer Musikshow „Sing On“ will Netflix in diesem Jahr noch testen, wie nicht-fiktionale Inhalte aus Deutschland in der Welt ankommen.

Andere müssen das gar nicht: Im Juni hat Netflix eine Show mit Frank Elstner veröffentlicht. In „Wetten, das war’s…?“ führt der 78-jährige Entertainer intime Interviews mit deutschen Stars. Der Moderator und die Gästeauswahl machten das Format tatsächlich so lokal, dass Luegenbiehl nicht mit vielen Zuschauern aus Chile oder Kolumbien rechnet.

„Außerhalb Deutschlands wird die Show wahrscheinlich kein Erfolg, aber das reicht“, sagt die Netflix-Vizepräsidentin. „Der Markt ist groß genug.“

„Benko passt nicht zu unserer Marke“

Krone-Herausgeber Christoph Dichand über den Gesellschafterstreit bei Österreichs größter Zeitung, das Medienverhalten der Regierung Kurz und eine seltsame Begegnung mit Heinz-Christian Strache vor Veröffentlichung des Ibiza-Videos.

Wer die Krone habe, der habe die Meinungshoheit, sagte Heinz-Christian Strache im Ibiza-Video, das Süddeutsche Zeitung und Spiegel im Mai 2019 veröffentlichten. Strache trat darauf als österreichischer Vizekanzler zurück, die Regierung zerbrach.

13 Monate später tobt ein anderer Kampf um die mit Abstand auflagenstärkste Tageszeitung Österreichs. Auf der einen Seite steht die Familie des 2010 verstorbenen Krone-Machers Hans Dichand. Auf der anderen: die Signa Holding des Tiroler Unternehmers René Benko, der gemeinsam mit der deutschen Funke-Gruppe die anderen 50 Prozent gehören. Christoph Dichand, der Herausgeber und Chefredakteur der Krone, setzt nach wie vor auf Verhandlungen. Der 55-Jährige ist zum Gespräch in die Salzburger Redaktion der Kronen-Zeitung gekommen.

SZ: Herr Dichand, auf dem Ibiza-Video ist zu sehen, wie der Rechtspopulist Heinz-Christian Strache über den scheinbaren Kauf Ihrer Zeitung verhandelt. Kurz vor der Veröffentlichung hatten wir Sie gefragt, ob russisches Geld in der Krone steckt – Sie verneinten. Was haben Sie sich damals gedacht?

Christoph Dichand: Es war klar, dass da etwas auf uns zukommt. Aber Inhalt und Wucht des Ganzen haben dann doch überrascht. Als meine Kollegen und ich in der Wiener Krone-Redaktion am Abend des 17. Mai 2019 die Videosequenzen gesehen und die Texte gelesen haben, war es gespenstisch. Strache hatte sich vor der Veröffentlichung übrigens noch an mich gewandt.

Was wollte der damalige Vizekanzler?

Es war so: Strache tauchte plötzlich bei einer Veranstaltung unserer Anzeigenabteilung am Wiener Naschmarkt auf und nahm mich für ein paar Minuten zur Seite. Da käme etwas Unschönes, meinte er, er sagte etwas von Frauen und einem Video. Für mich hörte sich das nach einer erotischen Geschichte an.

Dabei ging es in der Ibiza-Villa vor allem um die Krone, die Strache – „zack, zack, zack“ – auf seine Linie bringen wollte.

Eine unglaubliche Vorstellung! Da malt sich ein Politiker aus, die Pressefreiheit in Österreich zu biegen und eine unabhängige Zeitung für seine persönlichen Zwecke zu instrumentalisieren – als ob das eine Selbstverständlichkeit wäre. Aber so läuft das nicht. Allerdings versucht ein Immobilienspekulant, jetzt tatsächlich durch die Hintertür hereinzukommen: René Benko, den Strache ja damals vor dem Videoabend auf Ibiza getroffen hatte.

Benko gehören mit seinem Unternehmen Signa Holding zahlreiche Immobilien und die Warenhausgruppe Galeria Karstadt Kaufhof, er krempelt unter anderem in München die Innenstadt um. Und er rüttelt gemeinsam mit der Funke-Gruppe bislang erfolglos am Vertragswerk von 1987, das Ihrer Familie einen Millionengewinn garantiert und das Sagen in der Redaktion einräumt.

Im Mai bestätigte ein Schweizer Schiedsgericht die bestehenden Vereinbarungen. Wie geht es jetzt weiter?

Die Sache ist relativ einfach: Funke will verkaufen, und wir wollen kaufen. Da müsste man sich doch eigentlich treffen können – natürlich auf Grundlage der bestehenden Verträge.

Funke hat angekündigt, trotz des Schweizer Richterspruchs mit einer Ausschlussklage beim Wiener Handelsgericht gegen Ihre Familie vorzugehen. Glauben Sie ernsthaft, dass man geschäftlich zusammenkommt?

Fakt ist: Ein 17 Jahre währender Rechtsstreit geht damit zu Ende! Ein Urteil ist durch ein unabhängiges Gericht endgültig gefällt worden, es gibt keinen Aufschub oder Instanzen. Jetzt wäre es an der Zeit, sich die Hände zu reichen, um zu verhandeln. Mir ist klar, dass Funke noch etwas Zeit braucht, schließlich ist das Urteil noch ziemlich frisch.

Vor wenigen Tagen hat die Gruppe Galeria Karstadt Kaufhof einen beachtlichen Stellenabbau angekündigt. Preschen Sie mit Ihrem Angebot an Funke nun deshalb vor?

Den Zeitpunkt des Urteils habe ich mir ja nicht ausgesucht. Markant ist diese Zeit allerdings durch die Corona-Krise. Die gesundheitlichen Folgen hat man hier in Österreich wie in Deutschland zunächst in den Griff bekommen. Im Medienbereich aber steht die schwierigste Phase noch bevor, gerade was Tageszeitungen betrifft. In so einer Situation müssten alle Gesellschafter Zusammenhalt zeigen, gerade hinsichtlich unserer Mitarbeiter.

Sind bei der Krone Jobs ins Gefahr?

Niemand weiß, wie sich die wirtschaftliche Misere weiter auswirken wird und ob eine zweite Welle an Corona-Infektionen größer ist als die erste. Wir halten in der Krise zu unseren Mitarbeitern: Bei der Krone gibt es keine Kurzarbeit, Beiträge zu Betriebsrenten blieben unangetastet, auch Abfindungen wurden nicht gestrichen – anders als das bei Benkos Warenhausgruppe der Fall war.

Sie haben vorhin nur von Verhandlungen mit Funke gesprochen. Benko sprach davon, die Krone zu „einem international bewunderten Musterbild der digitalen Transformation“ zu machen.

Warum lehnen Sie es ab, sich mit ihm zu arrangieren?

Lassen Sie es mich so formulieren: Wir sind eine unabhängige Zeitung, die Krone hängt nicht an der Leine eines medienfernen Konzerns, einer Partei oder irgendeiner anderen Interessensgruppe. Verpflichtet sind wir einzig und alleine unseren Lesern. Jetzt stellen sie sich mal vor, wenn es anders wäre, wenn ein Konzern tatsächlich Einfluss auf die redaktionellen Inhalte bei der Krone hätte.

Was meinen Sie damit genau?

Das kann ich Ihnen am Beispiel Benko erklären. Leider verlieren nun Tausende ihre Jobs bei Galeria Karstadt Kaufhof. Unsere Aufgabe als größte österreichische Tageszeitung ist es, auch solche Fälle aufzugreifen – das sind wir unseren Lesern schuldig. Ich zweifele daran, dass dies so möglich wäre, wenn Benko Einfluss auf die Krone-Berichterstattung hätte.

Sympathisch scheint Ihnen Benko nicht gerade zu sein.

Das ist keine Frage von Sympathie und Antipathie. Benko passt mit seinen Unternehmungen einfach nicht zu unserer Marke. Meiner Ansicht nach will er unsere Unabhängigkeit als Trophäe in seinen Wirtschaftsladen stellen. Er wollte ja sogar Herausgeber werden. Wer fremde Reputation kauft, um sie sich anzuheften, macht sie damit kaputt. Benko scheint mit dem Griff nach der Krone seine persönliche Eitelkeit befriedigen zu wollen – als Investment macht es zumindest keinen Sinn. Das sei seinen Investoren Roland Berger und Torsten Toeller ins Stammbuch geschrieben.

Benko pflegt exzellente politische Kontakte in Österreich, gerade zu Sebastian Kurz von der ÖVP. Seit der Ibiza-Affäre hat sich daran nichts geändert, die beiden haben sogar – angeblich zufällig – am selben Tag die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in Berlin besucht. Wie werten Sie diese Nähe zwischen Kurz und Benko?

Wie eng die beiden wirklich miteinander zu tun haben, kann ich nicht beurteilen. Was ich sagen kann: Jeder Politiker wäre gut beraten, nicht zu nahe an René Benko anzustreifen. Er hat als einer der Ersten in der Corona-Krise nach staatlichem Geld gerufen – bezeichnenderweise saß er dabei auf der Sonnenterrasse seines Chalets und hat versucht, mit dem Handy entsprechende Hilfen zu ordern. Hier müsste die Politik eigentlich auf gesunden Abstand gehen.

Kurz beschäftigt ein großes Team, das Botschaften und Bilder der Kanzlerpartei in Medien unterbringen soll. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Zeitung tatsächlich unabhängig berichtet?

Ich kann nur sagen, was meine generelle Einstellung dazu ist, die ich nach innen wie nach außen vertrete: Journalisten haben eine besondere Aufgabe, sie müssen Distanz wahren, sie müssen wachsam sein.
Die Politik verfügt in Österreich über einige Instrumente, um Einfluss auf die Presse zu nehmen. Es gibt üppig dotierte Inserate, die staatliche Presseförderung, unlängst erhielt die Krone zudem den größten Batzen aus einem Corona-Hilfspaket.

Hinterlässt so viel Geld keine Spuren?

Bei der Krone nicht, dazu sind wir zum Glück zu groß.

Ihrem Blatt wird trotzdem immer wieder vorgeworfen, tendenziös zu berichten. Was halten Sie dem entgegen?

Schlagen Sie unsere Zeitung auf und Sie werden sehen: Die Krone bietet eine große Bandbreite an Themen und Meinungen. Vielfalt und Unabhängigkeit sind unsere Erfolgsfaktoren, die auf meinen Vater zurückgehen. Der war nach dem Krieg nämlich Chefredakteur der Murtaler Zeitung, die damals SPÖ, ÖVP und KPÖ gehört hat. Er führte das Blatt trotzdem unabhängig von den Parteien, was die Menschen schon bald honoriert haben: Die Auflage stieg immer weiter. Mit demselben Prinzip hat mein Vater später die Krone groß und erfolgreich gemacht. Deshalb hat er auch die redaktionelle Unabhängigkeit in ein Vertragswerk gemeißelt, als die heutige Funke-Gruppe einstieg. Und diese Unabhängigkeit ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Entsprechend eigenständig und frei arbeiten unsere Redakteure.

In der Krone wurde unlängst ein Foto von der ÖVP-Familienministerin veröffentlicht, die einem Baby einen Hundert-Euro-Schein aus dem Corona-Härtefallfonds in die Hand drückt. Später kam heraus: Das Foto war gestellt, die Eltern des Kindes sind mit der Kanzlerpartei verbandelt. Wie passt der Fall zu Ihrem Distanzanspruch zur Politik?
Das Foto war als Symbolbild gedacht und keine Propaganda, eine glückliche Wahl ist hier aber nicht getroffen worden.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ sieht Defizite bei der Pressefreiheit in Österreich. Teilen Sie diesen Eindruck?

Die letzten Monate zeigen zumindest auf besondere Weise, dass journalistische Arbeit schwieriger wird. Teils fanden wegen der strengen Corona-Maßnahmen keine richtigen Pressekonferenzen mehr statt, teils wurden Verlautbarungen nur noch über den ORF oder die Nachrichtenagentur APA ausgeschickt. Bei allem Respekt dafür, wie die türkis-grüne Regierung diese Krise bislang gehandhabt hat: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man Geschmack an dem süßen Gift der Macht gefunden hat. Gerade in dieser unruhigen Zeit und wegen des gestiegenen Informationsbedürfnisses ist es unerlässlich, dass Pressefreiheit gestärkt und nicht geschwächt wird.

Regelmäßig stellt der Presserat Verstöße fest. Besonders oft wird ihr Kolumnist Michael Jeannée gerügt. Dieser schmähte Florian Klenk, den Chefredakteur der Wochenzeitschrift Falter, als „Schmutzkübel- und Anpatzchef“. Warum dulden Sie eine solche Wortwahl?

Jeannée gehört zum Markenzeichen der Krone, in der Wortwahl müssen wir nicht immer übereinstimmen. Mein Vater sagte in solchen Fällen, in einer Zeitung müsste ständig eine kleine Kulturrevolution stattfinden. Natürlich kann man als Herausgeber nicht jeden Tag jede Zeile vorab lesen und manchmal denkt man sich am nächsten Tag schon: Das hätte man anders formulieren können. Wir nehmen Kritik ernst, diskutieren intern und entwickeln uns stets weiter.
Inzwischen ist die erwähnte Causa vor Gericht. Klenk hat die erste Instanz gewonnen, Sie gehen an der Seite von Jeannée den Rechtsweg weiter.

Warum tun Sie das?

Es ist eine Frage der gegenseitigen Solidarität. Ich weiß meine Mitarbeiter an meiner Seite, umgekehrt können sich loyale Kollegen auch auf mich verlassen: Wir halten zusammen. Klenk und Jeannée haben übrigens eine Gemeinsamkeit. Beide spitzen auf ihre Weise zu. Und für den Falter war die Krone seit jeher ohnehin eine Art Reibebaum, der ihm gutgetan hat.

Der Kapitalismus ist eine leere Religion, die vollständig auf Glauben – also Kredit – beruht. Wie kann sie funktionieren?

Als Richard Nixon im Jahre 1971 die Golddeckung des Dollars aufhob, entlarvte er das Geldsystem vor aller Augen: Es ist auf nichts gebaut. Die kapitalistische Spektakel-Gesellschaft feiert sich seither erfolgreich selbst.

Es gibt Zeichen der Zeit (Mt. 16, 2–4), die offensichtlich sind und doch von Menschen, die Zeichen am Himmel erforschen, nicht wahrgenommen werden können. Sie kristallisieren sich in Ereignissen heraus, die eine nahende Epoche ankündigen und ihr Kontur geben, Ereignisse, die vielleicht unbemerkt vorübergehen und nichts oder fast nichts an der Realität ändern, zu der sie hinzutreten, die jedoch gerade deshalb ihren Wert haben als Zeichen, als historische Kennungen, semeia tōn kairōn (die Zeichen der Zeit).

Eines dieser Ereignisse fand am 15. August 1971 statt, als die amerikanische Regierung unter der Präsidentschaft von Richard Nixon die Konvertierbarkeit des Dollars in Gold für aufgehoben erklärte. Diese Erklärung bezeichnete faktisch das Ende eines Systems, das den Wert der Währung lange Zeit an eine Goldbasis gebunden hatte, und doch löste die Nachricht, die mitten in den Sommerferien kam, weniger Diskussionen aus, als man mit Recht hätte erwarten können.

Seit diesem Moment hatte ja die vom Präsidenten der Zentralbank gegengezeichnete Aufschrift, die auf vielen Banknoten zu lesen war (zum Beispiel auf dem Pfund und der Rupie, nicht aber auf dem Euro): «Ich verspreche, dem Inhaber den Betrag von . . . zu zahlen», endgültig ihre Bedeutung verloren. Der Satz bedeutete nun: Im Tausch gegen diesen Geldschein hätte die Zentralbank auf Anfrage (falls jemand dumm genug war zu fragen) nicht eine gewisse Menge an Gold ausgehändigt (für den Dollar ein Fünfunddreissigstel einer Unze), sondern einen genau gleichwertigen Schein. Das Geld, entleert von jedem anderen Wert, war rein selbstbezüglich geworden.

Umso erstaunlicher ist die Leichtigkeit, mit der die Geste des amerikanischen Souveräns akzeptiert wurde, obwohl sie doch einer Annullierung des Goldvermögens der Geldbesitzer gleichkam. Und wenn, wie es heisst, ein Staat seine geldpolitische Souveränität ausübt, indem er die Marktakteure dazu bringen kann, seine Schulden als Währung zu verwenden, so hatte auch dieses Geschuldete jeglichen realen Bestand verloren und war zu reinem Papier geworden.
Geld = Kredit

Der Prozess der Entmaterialisierung der Währung hatte viele Jahrhunderte zuvor begonnen, als die Bedürfnisse des Marktes dazu führten, neben der Metallwährung, die notwendigerweise knapp und hinderlich war, Wechsel, Banknoten, Zinspapiere (juros), Goldschmiede-Bescheinigungen (goldsmith’s notes) usw. vorzusehen. All diese Papiergelder sind eigentlich Schuldscheine und werden dadurch eine treuhänderische Währung. Das Metallgeld hingegen war aufgrund seines Edelmetallgehalts – zumindest im Prinzip – wertvoll (allerdings bekanntlich nicht mit Sicherheit: ein Grenzfall sind die von Friedrich II. geprägten Silbermünzen, die nach kurzer Benutzung das Kupferrot erkennen liessen). Joseph Schumpeter, der zwar zu einer Zeit lebte, als das Papiergeld bereits das Metallgeld überflügelt hatte, konnte dennoch nicht ohne Grund behaupten, alles Geld sei letztlich nur ein Kredit. Nach dem 15. August 1971 ist hinzuzufügen: Geld ist ein Kredit, der nur auf sich selbst beruht und nichts anderem als sich selbst entspricht.

«Kapitalismus als Religion» ist der Titel eines der eindringlichsten postum edierten Fragmente von Walter Benjamin. Der Sozialismus ist so etwas wie eine Religion, wie mehrfach festgestellt wurde (unter anderem von Carl Schmitt: «Der Sozialismus behauptet, einer neuen Religion zum Leben zu verhelfen, die für Menschen des 19. und 20. Jahrhunderts dieselbe Bedeutung hatte wie das Christentum für Menschen vor zwei Jahrtausenden»). Anders als bei Max Weber stellt nach Benjamin der Kapitalismus nicht nur eine Säkularisierung des protestantischen Glaubens dar, sondern ist selbst ein wesentlich religiöses Phänomen, das sich parasitär aus dem Christentum entwickelt. Als eine solche Religion der Moderne ist sie durch drei Grundzüge bestimmt:

1. Sie ist eine Kultreligion, vielleicht die extremste und absoluteste, die es je gegeben hat. Alles darin hat nur Bedeutung in Bezug auf die Erfüllung eines Kultes, nicht in Bezug auf ein Dogma oder eine Idee.

2. Dieser Kult ist permanent, «die Zelebrierung eines Kultus sans trêve et sans merci», ohne Rast und ohne Gnade. Darin lässt sich nicht zwischen Festtagen und Arbeitstagen unterscheiden, sondern hier ist ein einziger, ununterbrochener Fest- und Arbeitstag, an dem die Arbeit mit der Feier des Kultes zusammenfällt.

3. Der kapitalistische Kult ist nicht auf die Erlösung oder Sühne für eine Schuld ausgerichtet, sondern auf die Schuld selbst. «Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus [. . .] Ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiss, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen [. . .] und vor allem den Gott selbst in diese Schuld einzubegreifen [. . .] Gott ist nicht tot, er ist ins Menschenschicksal einbezogen.»

Gerade weil er mit all seiner Kraft nicht zur Erlösung, sondern zur Schuld, nicht zur Hoffnung, sondern zur Verzweiflung strebt, zielt der Kapitalismus als Religion nicht auf die Veränderung der Welt, sondern auf ihre Zerstörung. Und seine Herrschaft in unserer Zeit ist so total, dass sogar die drei grossen Propheten der Moderne (Nietzsche, Marx und Freud) sich, nach Benjamin, mit ihm verschwören, gewissermassen mit der Religion der Verzweiflung solidarisch sind. «Dieser Durchgang des Planeten Mensch durch das Haus der Verzweiflung in der absoluten Einsamkeit seiner Bahn ist das Ethos, das Nietzsche bestimmt. Dieser Mensch ist der Übermensch, der erste, der die kapitalistische Religion erkennend zu erfüllen beginnt.» Doch auch die Freudsche Theorie gehört zur Priesterschaft des kapitalistischen Kultes: «Das Verdrängte, die sündige Vorstellung, ist [. . .] das Kapital, welches die Hölle des Unbewussten verzinst.» Und bei Marx wird der Kapitalismus «mit Zins und Zinseszins, welche Funktion der Schuld sind, zum Sozialismus». Versuchen wir, Benjamins Hypothese ernst zu nehmen und zu entfalten. Wenn der Kapitalismus eine Religion ist, wie können wir ihn unter dem Aspekt des Glaubens definieren? Woran glaubt der Kapitalismus? Und was bedeutet Nixons Entscheidung in Bezug auf diesen Glauben?

Kredit = Glaube

David Flusser, ein grosser Gelehrter der Religionswissenschaft (es gibt sogar eine Disziplin mit diesem seltsamen Namen), arbeitete gerade über das Wort pistis, das griechische Wort, das Jesus und die Apostel für «Glaube» verwendeten. An diesem Tag befand er sich zufällig auf einem Platz in Athen, und an einem bestimmten Punkt hob er den Blick und sah vor sich in grossen Buchstaben geschrieben trapeza tes pisteos.

Verblüfft über den Zufall, schaute er genauer hin und stellte nach einigen Sekunden fest, dass er einfach vor einer Bank stand: trapeza tes pisteos bedeutet auf Griechisch «Kreditbank». Das war die Bedeutung des Wortes pistis, die er seit Monaten zu verstehen versucht hatte: pistis, «Glaube», ist einfach der Kredit, den wir bei Gott geniessen und den das Wort Gottes bei uns geniesst, indem wir es glauben. Deshalb kann Paulus in einer berühmten Definition sagen: «Der Glaube ist die Substanz der erhofften Dinge» (Hebr. 11, 1): Er verleiht Realität und Kredit an das, was noch nicht existiert, woran wir aber glauben und worauf wir vertrauen, worin wir unseren Kredit und unser Wort aufs Spiel gesetzt haben.

Creditum ist das Partizip Perfekt des lateinischen Verbs credere: das, woran wir glauben, worauf wir uns verlassen, sobald wir eine vertrauensvolle Beziehung zu jemandem aufbauen, indem wir ihn unter unseren Schutz nehmen oder ihm Geld leihen, indem wir uns auf seinen Schutz verlassen oder Geld von ihm borgen. In dem paulinischen Ausdruck pistis lebt also jene sehr alte indoeuropäische Institution wieder auf, die Benveniste rekonstruiert hat, die «persönliche Treue»: «Wer über die fides verfügt, die ein Mensch in ihn setzt, hält diesen Menschen in seiner Macht [. . .] In ihrer ursprünglichen Form beinhaltet diese Beziehung eine Gegenseitigkeit: die eigene fides in jemanden zu setzen, bedeutete im Gegenzug dessen Schutz und Hilfe.»

Wenn dies zutrifft, dann erhält Benjamins Hypothese einer engen Beziehung zwischen Kapitalismus und Christentum eine weitere Bestätigung: Der Kapitalismus ist eine Religion, die vollständig auf Glauben beruht, eine Religion, deren Anhänger allein aus dem Glauben (sola fide) leben. Und wie nach Benjamin der Kapitalismus eine Religion ist, in welcher der Kult sich von jedem Gegenstand und die Schuld von jeder Sünde, also von jeder möglichen Erlösung, emanzipiert hat, so hat der Kapitalismus unter dem Aspekt des Glaubens keinen Gegenstand: Er glaubt an die reine Tatsache des Glaubens, an den reinen Kredit, besser gesagt: an das Geld. Der Kapitalismus ist also eine Religion, in welcher der Glaube – der Kredit – an die Stelle Gottes getreten ist. Anders ausgedrückt: Da die reine Form des Kredits das Geld ist, ist der Kapitalismus eine Religion, deren Gott das Geld ist.

Das bedeutet: Die Bank, die nichts anderes ist als eine Maschine zur Vergabe und Verwaltung von Kredit, hat die Stelle der Kirche eingenommen, und indem sie über den Kredit verfügt, manipuliert und regelt sie den Glauben, den unsere Zeit noch in sich trägt – das knappe, unsichere Vertrauen.
Der neue Schuldkult

Was bedeutete für diese Religion die Entscheidung, die Konvertierbarkeit in Gold aufzuheben? Sicherlich so etwas wie eine Klärung ihres eigentlichen theologischen Gehalts, vergleichbar der Zerstörung des Goldenen Kalbs durch Mose oder der Festlegung eines Konzilsdogmas – auf jeden Fall einen entscheidenden Schritt zur Reinigung und Ausformung des eigentlichen Glaubens.

Dieser Glaube emanzipiert sich nun in Form von Geld und Kredit von jedem äusseren Bezugspunkt, löst seine götzendienerische Verbindung zum Gold und bekräftigt sich in seiner Absolutheit. Der Kredit ist ein rein immaterielles Sein, die perfekteste Parodie jener pistis, die nichts anderes als «Substanz der erhofften Dinge» ist. Glaube – so lautet die berühmte Definition des Hebräerbriefes – ist die Substanz (hypostasis, ein Fachbegriff par excellence der griechischen Ontologie) der erhofften Dinge.

Paulus meint: Wer glaubt, hat seine pistis auf Christus gesetzt, nimmt das Wort Christi, als sei es die Sache, das Sein, die Substanz. Doch gerade dieses Als-ob wird durch die Parodie in Form der kapitalistischen Religion ausgelöscht. Das Geld, die neue pistis, ist jetzt sofort und restlos Substanz. Der zerstörerische Charakter der kapitalistischen Religion, von der Benjamin sprach, kommt hier voll zum Tragen. Die «erhoffte Sache» gibt es nicht mehr, sie ist vernichtet, und das muss auch so sein, denn das Geld ist der eigentliche Bestand des Dings, seine hypostasis im technischen Sinne. Und auf diese Weise wird das letzte Hindernis für die Schaffung eines Geldmarktes, für die integrale Umwandlung von Geld in Waren, aus dem Weg geschafft.

Eine Gesellschaft, deren Religion der Kredit ist, die nur an den Kredit glaubt, ist dazu verurteilt, auf Kredit zu leben. Robert Kurz hat beschrieben, wie sich der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, der immer noch auf Solvenz und Misstrauen gegenüber Krediten beruhte, in den heutigen Finanzkapitalismus verwandelt hat. «Auf der Stufe des von heute aus gesehen geradezu archaischen Privatkapitals im 19. Jahrhundert mit seinen persönlichen patriarchalischen Eigentümern und den dazugehörigen Familienclans waren noch Prinzipien der Seriosität und ‹Solvenz› gültig, die eine ständige grössere Kreditaufnahme geradezu als unanständig und als ‹Anfang vom Ende› erscheinen liessen; die damalige Trivialliteratur ist voll von Geschichten, in denen ‹grosse Häuser› durch Abhängigkeit vom Kredit zugrunde gerichtet werden, und Thomas Mann hat dieses Sujet in einigen Passagen seiner ‹Buddenbrooks› bis zum Nobelpreis hochgefahren. Natürlich war das zinstragende Kapital als solches von Anfang an unentbehrlich für das sich herausbildende System, aber es erreichte noch keinen entscheidenden Anteil an der kapitalistischen Gesamtreproduktion; und namentlich die Geschäfte des ‹fiktiven Kapitals› galten sozusagen als Gauklerszene der Hochstapler und ‹unehrlichen Leute› am Rande des eigentlichen Kapitalismus. Noch Henry Ford lehnte lange Zeit eine Kreditaufnahme seines Unternehmens bei den Banken ab und wollte seine Investitionen nur aus Eigenkapital finanzieren.»

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde dieses patriarchale Konzept vollständig aufgelöst, und das Unternehmenskapital stützt sich heute zunehmend auf Geldkapital, das vom Bankensystem geliehen wird. Unternehmen müssen also im Grunde, um weiter produzieren zu können, zunehmende Mengen an künftiger Arbeit und Produktion im Voraus mit Hypotheken belasten. Das Güter produzierende Kapital ernährt sich fiktiv von seiner eigenen Zukunft. Die kapitalistische Religion lebt, im Einklang mit Benjamins These, von einer ständigen Verschuldung, die nicht getilgt werden kann und darf.

Doch nicht nur die Unternehmen leben in diesem Sinne allein aus dem Glauben (sola fide), auf Kredit (oder auf Schulden). Auch Einzelne und Familien, die in zunehmendem Masse darauf zurückgreifen, sind in diesem beständigen und allgemein gewordenen Glaubensakt auf Zukunft hin religiös gebunden. Und die Bank ist der Hohepriester, der den Gläubigen das einzige Sakrament der kapitalistischen Religion spendet: Kredit-Schulden.

Manchmal frage ich mich, wie die Leute nur so hartnäckig ihren Glauben an die kapitalistische Religion bewahren können. Denn es ist klar: Sobald die Leute ihren Glauben an den Kredit einstellten und aufhörten, auf Kredit zu leben, würde der Kapitalismus sofort zusammenbrechen. Allerdings zeichnen sich, wie mir scheint, Hinweise auf einen beginnenden Atheismus im Hinblick auf Gottes Kredit ab.
Die kapitalistische Gesellschaft des Spektakels

Vier Jahre vor Nixons Erklärung veröffentlichte Guy Debord «Die Gesellschaft des Spektakels». Die zentrale These des Buches lautete: Der Kapitalismus in seiner extremen Phase erscheint als eine immense Anhäufung von Bildern, und darin entweicht alles, was unmittelbar gebraucht und erlebt wurde, in eine Vorstellung.

An dem Punkt, an dem die Kommerzialisierung ihren Höhepunkt erreicht, verschwindet nicht nur jeder Gebrauchswert, sondern die Natur des Geldes selbst verändert sich. Es ist nicht mehr einfach «die allgemeine abstrakte Entsprechung zu allen Waren», die an sich noch mit einem gewissen Gebrauchswert ausgestattet ist: «Das Spektakel ist das Geld, das sich nur halten kann, weil in ihm die Gesamtheit des Gebrauchs gegen die Gesamtheit der abstrakten Vorstellung eingetauscht ist.» Auch wenn Debord es nicht sagt, ist dieses Geld ganz klar eine absolute Ware, die sich nicht auf eine konkrete Metallmenge beziehen kann, und in diesem Sinne ist die Gesellschaft des Spektakels eine Prophezeiung, die von der amerikanischen Regierung in ihrer Entscheidung vier Jahre später erfüllt wurde.

Dem entspricht laut Debord eine Transformation der menschlichen Sprache, die nichts mehr mitzuteilen hat und sich deshalb als «Kommunikation des Nicht-Kommunizierbaren» (These 192) zeigt. Zum Geld als reiner Ware gehört eine Sprache, in der die Verbindung zur Welt zerbrochen ist. Sprache und Kultur, in den Medien und in der Werbung voneinander getrennt, werden zur «Vorzeigeware der Spektakel-Gesellschaft», die sich einen wachsenden Teil des Nationalprodukts zu sichern beginnt. Für ebendiese sprachliche und kommunikative Natur des Menschen, die sich im Spektakel derartig enteignet sieht, gilt: Was die Kommunikation verhindert, ist ihre Verabsolutierung in einer getrennten Sphäre, in der es nichts mehr zu kommunizieren gibt ausser der Kommunikation selbst. In der Spektakel-Gesellschaft sind Menschen von dem getrennt, was sie vereinen sollte.

Von der Ähnlichkeit zwischen Sprache und Geld gemäss dem Ausspruch Goethes verba valent sicut nummi (Wörter haben den Wert von Münzen) weiss das Erbe des gesunden Menschenverstandes. Doch wenn wir versuchen, die in dem Ausspruch unterstellte Beziehung ernst zu nehmen, offenbart sich darin mehr als eine Analogie. Wie Geld sich auf Dinge bezieht, indem es sie als Waren konstituiert und marktfähig macht, so bezieht sich Sprache auf Dinge, indem sie sagbar und mitteilbar werden. Wie jahrhundertelang das Geld seine Funktion als universale Entsprechung zum Wert aller Güter durch sein Verhältnis zum Gold erfüllen konnte, liegt die Garantie für die kommunikative Fähigkeit der Sprache in ihrer Absicht, etwas zu bezeichnen, in ihrem tatsächlichen Bezug zur Sache.

Die hindeutende Verbindung in der Sprache zu den Dingen, real gegenwärtig im Geist jedes Sprechenden, entspricht der Goldbasis der Währung. Und genau darin liegt die Bedeutung des mittelalterlichen Prinzips: Nicht die Sache soll der Rede unterworfen werden, sondern die Rede der Sache (non sermoni res, sed rei est sermo subiectus). Bezeichnenderweise hat ein grosser Kirchenrechtler des 13. Jahrhunderts, Gottfried von Trani, diese Verbindung in juristischen Begriffen ausgedrückt, indem er die Sprache eine Beschuldigte (lingua rea) nennt, insofern man ihr eine Verbindung zur Sache zuschreiben kann: «Erst die tatsächliche Verbindung des Geistes mit der Sache macht die Sprache tatsächlich zurechenbar (das heisst bedeutungsvoll)» (ream linguam non facit nisi rea mens). Wenn diese bedeutungsvolle Verbindung wegfällt, sagt die Sprache buchstäblich nichts (nihil dicit).

Das Bezeichnete – der Bezug zur Wirklichkeit – garantiert die kommunikative Funktion der Sprache, so wie der Bezug zum Gold die Fähigkeit des Geldes zum Tausch mit allen Dingen gewährleistet. Und die Logik wacht über die Verbindung zwischen Sprache und Welt, wie der Golddevisenstandard über die Verbindung des Geldes mit der Goldbasis gewacht hat.

Gegen die Annullierung dieser impliziten Garantien, zum einen in der Loslösung des Geldes vom Gold und zum anderen in der Auflösung der Verbindung zwischen Sprache und Welt, richteten sich mit gutem Grund die kritischen Analysen in Bezug auf das Finanzkapital und die Gesellschaft des Spektakels. Das Medium, das den Tausch ermöglicht, kann nicht selbst getauscht werden. Das Geld als Massstab der Waren kann nicht selbst zur Ware werden. Ebenso wenig kann die Sprache die Dinge mitteilbar machen, wenn sie selbst ein Ding wird, ihrerseits Gegenstand der Aneignung und des Tausches.

Das Medium der Kommunikation kann nicht selbst kommuniziert werden. Getrennt von den Dingen, kommuniziert die Sprache nichts und feiert so ihren vergänglichen Triumph über die Welt; losgelöst vom Gold, stellt das Geld sein eigenes Nichts als absolutes Mass und zugleich als absolute Ware zur Schau. Die Sprache ist im Spektakel der höchste Wert, weil sie das Nichts aller Dinge offenbart; Geld ist die höchste Ware, weil es letztlich die Nichtigkeit aller Waren anzeigt.

Doch in jedem Bereich der Erfahrung bezeugt der Kapitalismus seinen religiösen Charakter und gleichzeitig sein parasitäres Verhältnis zum Christentum. Vor allem in Bezug auf Zeit und Geschichte. Der Kapitalismus hat kein telos, er ist wesentlich unendlich, und doch und gerade deshalb unaufhörlich im Griff einer Krise, die immer gerade im Begriff ist zu enden. Auch darin bezeugt er jedoch sein parasitäres Verhältnis zum Christentum. Als David Cayley ihn fragte, ob unsere Welt eine postchristliche Welt sei, antwortete Ivan Illich: Unsere Welt ist keine postchristliche Welt, sondern die ausdrücklichste christliche Welt, die je existiert hat, und zwar eine apokalyptische Welt.

Die christliche Geschichtsphilosophie (jede Geschichtsphilosophie ist ja notwendig christlich) beruht in der Tat auf der Annahme, die Geschichte der Menschheit und der Welt sei im Wesentlichen beendet: Sie verläuft von der Schöpfung bis zum Ende der Zeiten, das mit dem Jüngsten Gericht, mit der Erlösung oder Verdammnis zusammenfällt. In diese chronologisch-historische Zeit schreibt das messianische Ereignis jedoch eine andere, vom Kairos bestimmte Zeit ein, in der jeder Augenblick in direktem Zusammenhang mit dem Ende steht und die Erfahrung einer «Zeit des Endes» macht, die aber zugleich ein Neubeginn ist.

Während die Kirche offenbar ihren eschatologischen Schalter geschlossen hat, sind es heute vor allem die Wissenschafter, verwandelt in apokalyptische Propheten, die das bevorstehende Ende des Lebens auf der Erde ankündigen. Und in jedem Bereich, in der Wirtschaft wie in der Politik, proklamiert die kapitalistische Religion einen Zustand permanenter Krise (crisis bedeutet etymologisch «endgültiges Urteil»), der zugleich ein normal gewordener Ausnahmezustand ist, dessen einzig möglicher Ausgang sich, wie in der Apokalypse, als «neue Erde» darstellt. Die Eschatologie der kapitalistischen Religion ist allerdings eine leere Eschatologie, ohne Erlösung und ohne Gericht.

So wie der Kapitalismus eigentlich kein wahres Ende haben kann und deshalb immer gerade zu Ende geht, so kennt er keinen Ursprung, er ist zutiefst anarchisch und dennoch genau aus diesem Grund immer gerade im Begriff, wieder von vorn anzufangen. Daher ist der Kapitalismus eines Wesens mit der Innovation, die Schumpeter zur Grundlage seiner Definition des Kapitalismus machte. Die Anarchie des Kapitals fällt mit seinem unaufhörlichen Bedürfnis nach Innovation zusammen.

Nichtsdestoweniger zeigt der Kapitalismus hier einmal mehr seine innige und parodistische Verbindung mit dem christlichen Dogma: Was ist denn die Dreifaltigkeit, wenn nicht die Konstellation, die es ermöglicht, die Abwesenheit jedes Ursprungs (archē) in Gott mit der zugleich ewigen und historischen Geburt Christi zu versöhnen, die göttliche Anarchie mit der Regierung der Welt und der Ökonomie des Heils?

Die wahre Anarchie

Ich möchte etwas über das Verhältnis zwischen Kapitalismus und Anarchie hinzufügen. Ein Satz, den einer der vier Schurken in Pasolinis Film «Die 120 Tage von Sodom» ausspricht, lautet: «Die einzig wahre Anarchie ist die Anarchie der Macht.» Im gleichen Sinne hatte Benjamin viele Jahre zuvor geschrieben: «Nichts ist so anarchisch wie die bürgerliche Ordnung.» Ich meine, ihr Hinweis sollte ernst genommen werden. Benjamin und Pasolini treffen hier einen Wesenszug des Kapitalismus, der vielleicht im ganz wörtlichen Sinne die anarchischste Macht ist, die es je gegeben hat, weil er keine archē, weder Anfang noch Fundament haben kann. Doch selbst in diesem Fall zeigt die kapitalistische Religion ihre parasitäre Abhängigkeit von der christlichen Theologie.

Als Paradigma der kapitalistischen Anarchie fungiert die Christologie. Zwischen dem vierten und dem sechsten Jahrhundert war die Kirche tief gespalten durch die Kontroverse um den Arianismus, der zusammen mit dem Kaiser das gesamte östliche Christentum gewaltsam einbezog. Das Problem betraf eben den Ursprung, die archē des Sohnes. Arius stimmte mit seinen Widersachern darin überein, dass der Sohn vom Vater gezeugt worden sei und diese Zeugung «vor ewigen Zeiten» stattgefunden habe (pro chronon aiōnion bei Arius; pro pantōn tōn aiōnōn bei Eusebius von Cäsarea). Arius hat sogar sorgfältig präzisiert, der Sohn sei achronos gezeugt worden, ausserhalb der Zeit. Nicht so sehr ein chronologischer Vorrang steht also zur Debatte (die Zeit existiert noch nicht), nicht nur ein Problem der Rangordnung (viele Antiarianer meinen ebenfalls, der Vater sei «grösser» als der Sohn); vielmehr geht es um die Entscheidung, ob der Sohn – also Wort und Tat Gottes – im Vater begründet beziehungsweise wie dieser ohne Ursprung ist, anarchos, also ohne Grund.

Eine Textanalyse der Briefe des Arius und der Schriften seiner Gegner zeigt in der Tat als entscheidenden Begriff in der Kontroverse den Ausdruck anarchos (ohne archē, in dem doppelten Sinn, den der Ausdruck im Griechischen hat: Grundlage und Ursprung).

In der Sicht des Arius ist der Vater zwar absolut anarchisch, der Sohn aber ist im Ursprung (en archē), doch nicht «anarchisch», da er im Vater seinen Grund hat.

Gegen diese häretische These, die dem Logos einen festen Grund im Vater gibt, bekräftigen die durch Kaiser Constans in Serdica (343) versammelten Bischöfe klar, auch der Sohn sei «anarchisch», und als solcher «herrscht er absolut, anarchisch und unendlich (pantote, anarchos kai ateleutetos) mit dem Vater».

Warum erscheint mir diese Kontroverse, jenseits ihrer byzantinischen Subtilitäten, so wichtig? Weil gilt: Da der Sohn nichts anderes ist als Wort und Tat des Vaters, sogar der Hauptakteur der «Ökonomie» des Heils, das heisst der göttlichen Regierung der Welt, steht der «anarchische», das heisst grundlose Charakter der Sprache, des Handelns und der Regierung in diesem Problem zur Debatte. Der Kapitalismus erbt und säkularisiert den anarchischen Charakter der Christologie und treibt ihn auf die Spitze.

Wenn wir diese ursprünglich anarchische Berufung der Christologie nicht verstehen, können wir weder die spätere historische Entwicklung der christlichen Theologie mit ihrem latenten atheologischen Abgleiten noch die Geschichte der abendländischen Philosophie und Politik mit ihrem Bruch zwischen Ontologie und Praxis, zwischen Sein und Handeln und deren daraus folgende Betonung von Wille und Freiheit verstehen. Christus ist anarchisch – das bedeutet in letzter Instanz, dass im modernen Westen Sprache, Praxis und Wirtschaft keine Grundlage im Sein haben.

Wir verstehen jetzt besser, warum die kapitalistische Religion und die ihr untergeordneten Philosophien so sehr auf Wille und Freiheit angewiesen sind. Freiheit und Wille bedeuten einfach, dass Sein und Handeln, Ontologie und Praxis, die in der klassischen Welt eng miteinander verbunden waren, nun getrennte Wege gehen. Menschliches Handeln ist nicht mehr im Sein begründet: Deshalb ist es frei, das heisst verurteilt zum Zufall und zur Beliebigkeit.

Hier möchte ich meine kurze Archäologie der kapitalistischen Religion unterbrechen. Es wird keine Schlussfolgerung geben. In der Tat meine ich, dass wir in der Philosophie wie in der Kunst ein Werk nicht «abschliessen» können: Wir können es nur «verlassen», wie Giacometti über seine Gemälde sagte. Wenn es jedoch etwas gibt, was ich Ihrer Reflexion anvertrauen möchte, dann ist das gerade das Problem der Anarchie.

Gegen die Anarchie der Macht will ich nicht die Rückkehr zu einer soliden Grundlage im Sein beschwören: Selbst wenn wir jemals ein solches Fundament besessen hätten, haben wir es mit Sicherheit verloren oder den Zugang dazu vergessen. Ein klares Verständnis der tiefen Anarchie der Gesellschaft, in der wir leben, ist, wie ich meine, der einzig richtige Weg, um das Problem der Macht und gleichzeitig das Problem der wahren Anarchie zu stellen.

Anarchie wird erst dann möglich, wenn wir die Anarchie der Macht erfassen. Konstruktion und Dekonstruktion fallen hier restlos zusammen. Doch, um Worte von Michel Foucault zu zitieren, was wir auf diese Weise erlangen, «ist nicht mehr und nicht weniger als die Eröffnung eines Raumes, in dem das Denken auf neue Weise möglich wird».

Formel 1 nur im Pay-TV?

Von Schumacher über Vettel bis Rosberg rasten deutsche Piloten bei RTL zu ihren Siegen. Die Formel 1 war sonntags der Lieblingssport der Deutschen. Jetzt legt der Kölner Sender eine Vollbremsung hin.

Der Fernsehsender RTL steigt nach 30 Jahren aus der Liveberichterstattung von der Formel 1 aus. Das teilte der Sender, der von 1991 an die Grand-Prix-Rennen live übertragen hat, am Sonntag mit. Als Begründung für den Ausstieg mit dem Ende der Saison 2020 nannte RTL-Geschäftsführer Jörg Graf die Entscheidung, sich künftig auf „Fußball als TV-Sportart Nummer eins“ konzentrieren zu wollen.

Offenbar erschien dem Kölner Sender der Erwerb der Rechte der wichtigsten Motorsportklasse wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll. „Wenn Konkurrenten im Spiel sind, die bereit sind, das Doppelte zu bieten, muss man sich mit einem Ausstiegsszenario zwangsläufig auseinandersetzen“, sagte RTL-Sportchef Manfred Loppe der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Angesichts des Abschieds von Sebastian Vettel von der Scuderia Ferrari zum Saisonende ist ungewiss, ob im kommenden Jahr ein deutscher Pilot in der Formel 1 am Start ist. Sollte Vettel keinen Vertrag bei einem anderen Team unterschreiben, erscheint wahrscheinlich, dass erstmals seit dem Großen Preis von Großbritannien 1991 kein deutscher Fahrer zu einem Grand Prix gemeldet wird.

RTL war mit der Übertragung des Großen Preis von Frankreich in Magny-Cours am 7. Juli 1991 in die kontinuierliche Live-Berichterstattung eingestiegen und begleitete den Aufstieg der Rennserie zur beliebtesten Sonntags-Fernsehsportart der frisch wiedervereinigten Deutschen, der mit dem Grand-Prix-Debüt von Michael Schumacher am 25. August jenes Jahres in Spa-Francorchamps begann. Jeden der 91 Grand-Prix-Siege Schumachers übertrug RTL, ebenso die 53 Siege Vettels, die 23 Siege Nico Rosbergs, die sechs Siege Ralf Schumachers und die drei Grand Prix, die Heinz-Harald Frentzen gewann.

Nach eigenen Angaben kam RTL im Jahr 2001 auf durchschnittlich 10,44 Millionen Zuschauer pro Rennen. In der vergangenen Saison lag die durchschnittliche Quote bei rund vier Millionen Zuschauern. Künftig wolle man sich auf die Übertragung der Nationalmannschafts-Länderspiele, der Europa League und der ab der Saison 2021/22 erstmals ausgespielten Europa Conference League konzentrieren, heißt es.

„taz“-Chefredakteurin äußert Bedauern

Die „taz“-Chefredakteurin Barbara Junge hat wegen einer in die Kritik geratenen Kolumne über die Polizei ihr Bedauern geäußert. Junge schrieb in der Zeitung (Samstag) an die Leserinnen und Leser über den Artikel einer „taz“-Mitarbeiterin: „Eine Kolumne, so satirisch sie auch gemeint gewesen sein mag, die so verstanden werden kann, als seien Polizisten nichts als Abfall, ist daneben gegangen. Das tut mir leid.“

Am Montag war der Text der Autorin in der Tageszeitung „taz“ erschienen. Es ging darum, wo Polizisten arbeiten könnten, wenn die Polizei abgeschafft würde, der Kapitalismus aber nicht. Darin wurde auch die Option der Mülldeponie aufgegriffen.
Aus der Berufsgruppe heraus und von Politikern kam danach viel Kritik.

Polizeigewerkschaften kündigten an, mit Strafanzeigen dagegen vorzugehen. Beim Deutschen Presserat – die freiwillige Selbstkontrolle der Presse – gingen bereits bis Dienstag rund 50 Beschwerden ein.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Solche Dinge über eine ganze Berufsgruppe zu schreiben ist menschenverachtend.“ Er halte solche Kommentare für „sehr gefährlich“. Wenn man aus dem linken Spektrum heraus unter dem Deckmantel der Satire und Ironie solche Aussagen tätige, verstecke man sich eigentlich nur. Auf der Innenministerkonferenz zeigten sich weitere Ressortchefs empört.
Die CSU veröffentlichte einen Tweet mit scharfer Kritik samt Foto der Autorin. Der Deutsche Journalisten-Verband sprach von Hetze. Der Tweet ist inzwischen nicht mehr zu sehen, die CSU bat auf Twitter für die Form der Kritik um Entschuldigung.

„taz“-Chefredakteurin Junge betonte in ihrem Text auch: „Seit Erscheinen der Kolumne wird in der „taz“ intensiv über den Text diskutiert, und viele Leserinnen und Leser haben uns ihre Empörung mitgeteilt.“
Das Ringen über den Text legt „einen tieferen Konflikt in der Redaktion offen“

Eine Passage in der Kolumne lese sich, als ob Polizisten mit Abfall gleichgesetzt würden. „Satire darf fast alles – sogar in ihrer Wortwahl danebengreifen. Aber Menschen, egal welcher Berufsgruppe, als Müll zu bezeichnen, widerspricht fundamental dem Selbstverständnis der „taz“, die sich einer menschlicheren Gesellschaft verschrieben hat.“

Zudem schrieb Junge, das Ringen in der Redaktion über den Text und darüber, was gesagt werden soll, darf und muss, lege aber auch „einen tieferen Konflikt in der „taz““ offen. „Wir streiten darum, wie stark der subjektive Blick, wie stark Diskriminierungserfahrung den Journalismus prägen soll oder darf.“ Die Chefredakteurin des Blattes mit Sitz in Berlin kündigte zudem an, dass es Debattenbeiträge mit unterschiedlichen Perspektiven in der Zeitung geben werde.

DFL: Ran an die Milliarden

Bald 30 Jahre ist es her, dass sich im deutschen Fußball-Fernsehen eine kleine Revolution ereignete. Im August 1992 sendete Sat 1 zum ersten Mal ran. Chefmoderator Reinhold Beckmann präsentierte damals eine echte Fußballshow, sehr bunt, mit viel Unterhaltung und mit langen Werbeblöcken. Die Zuschauer waren bis dahin nur die ziemlich altbackene Sportschau in der ARD gewohnt, ran war ganz anders. Aber Sat 1 zahlte damals schon viel Geld für Rechte, so viel, dass sich das Ganze eigentlich nie rechnete. Und so stieg Sat 1 im Jahr 2003 wieder aus und verabschiedete sich später ganz vom großen Fußball.

Doch jetzt ist der Privatsender aus Unterföhring überraschend wieder zurück – ein bisschen zumindest. Bei der jüngsten Rechteauktion für die Fußball-Bundesliga sicherte sich der Konzern Pro Sieben Sat 1 ein Paket für die Ausstrahlung mehrerer Livespiele von Mitte 2021 an und für insgesamt vier Spielzeiten. Gezeigt werden dürfen der Supercup, die Auftaktspiele der ersten und zweiten Bundesliga, je ein Spiel am letzten Hinrunden- und am ersten Rückrundenspieltag sowie die vier Relegationsspiele zwischen erster, zweiter und dritter Liga. Einen Teil dieser Begegnungen zeigt bisher das ZDF. Eigentlich hatte es beim Konzern Pro Sieben Sat 1, selbst in Turbulenzen, immer geheißen, teure Fußballrechte ließen sich nicht refinanzieren. Nun will Sat 1 mit Bundesliga-Fußball aber offenbar seine schwachen Einschaltquoten und das Image wieder aufpäppeln.

„Größtmögliche Stabilität in unsicheren Zeiten“ biete das Ergebnis der Rechteausschreibung für Klubs und Fans, sagte Christian Seifert, der Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), am Montag nach einer Mitgliederversammlung. Insgesamt bringt der Verkauf der Fernsehrechte für vier Spielzeiten von Mitte 2021 an einen Gesamterlös in Höhe von 4,4 Milliarden Euro – das ist im Vergleich zur vorhergehenden Rechteperiode ein Rückgang von 5,2 Prozent. Seifert sprach von einem „ordentlichen Ergebnis“. Manche hatten schon ein größeres Minus befürchtet. „Das wird aber auch bedeuten, dass einige den Gürtel enger schnallen müssen, nicht nur die Klubs, sondern auch die Spieler und Berater“, sagte Seifert weiter. Aber immerhin gebe es nun Planungssicherheit bis 2025. Vor vier Jahren, bei der letzten Auktion, waren die Einnahmen dagegen noch um gut 80 Prozent gestiegen.

Die Fernsehgelder sind für die 36 Vereine die wichtigste Einnahme. Pro Spielzeit können sie nun also durchschnittlich mit insgesamt 1,1 Milliarden Euro rechnen, in der laufenden sind es gut 1,2 Milliarden Euro. Wie das Geld nun verteilt wird, darüber wird „zeitnah“ beraten. Dies werde „mit Anstand und mit Weitblick“ erfolgen. Die Zeiten sind kompliziert: Angesichts der Corona-Krise war die Nachfrage nach den Fernsehrechten offenbar nicht so groß wie erhofft. Die Bundesliga startete nach mehrwöchiger Pause mit Geisterspielen, viele Medienunternehmen müssen sparen, Eurosport war zuletzt aus einem laufenden Vertrag ausgestiegen.

Im Großen und Ganzen bleibt im Fußball-Fernsehen also fast alles beim Alten. Die Livespiele im Pay-TV teilen sich von Mitte 2021 an Sky und der Streaminganbieter Dazn. Sky zeigt alle Partien am Samstag (insgesamt 200), Dazn ist am Freitag und am Sonntag dran und hat nun 106 Spiele, deutlich mehr als bisher. Der Streamingdienst sieht sich deshalb als der große Gewinner. Sky wiederum muss deutliche Abstriche hinnehmen – ob sich das künftig auch in geringeren Abogebühren niederschlägt, ist offen. Fußballfans, die alle Partien live sehen wollen, brauchen künftig in jedem Fall zwei Abos. Sky hatte zuvor bereits die Rechte an der Champions League verloren, die von der übernächsten Saison an auch überwiegend bei Dazn laufen wird. Amazon Prime, Netflix, die Deutsche Telekom oder andere haben bei der Vergabe der Bundesliga-Rechte keine Rolle gespielt, zu einem Wettbieten der Interessenten ist es also nicht gekommen.

Erhalten bleiben auch am Samstag die ARD-Sportschau und das ZDF-Sportstudio sowie die Sendung Doppelpass am Sonntag bei Sport 1. Die Pay-Rechte für Zusammenfassungen der Begegnungen der Bundesliga und zweiten Bundesliga auf Abruf unmittelbar ab Spielende erwarb die Axel­ Springer AG – ebenso wie das erstmals vergebene sogenannte „Digital Out of Home“-Paket zur Nutzung von Bewegtbildern der Spiele auf Flächen für Außenwerbung. Springer könnte damit sein Bewegtbild-Angebot und Bild-TV attraktiver machen. Das Rechtepaket für frei abrufbare Zusammenfassungen der Spiele in beiden Ligen von Montag an sicherten sich ARD, ZDF und Sport 1. Ebenfalls vergeben wurden die Audiorechte – dabei setzte sich die ARD sowohl bei UKW als auch bei Webradio durch. Die zweite Liga bleibt bei Sky, das Samstagabend-Spiel der zweiten Bundesliga wird zudem live auch bei Sport 1 im Free-TV zu sehen sein. Immerhin: DFL-Chef Seifert sagte auch noch, er freue sich, dass mit Sat 1 ein alter Bekannter zurück ist.

Kann Teleshopping im 21. Jahrhundert überleben?

Deutschlands ältester TV-Verkaufskanal HSE 24 steht vor einem Investorenwechsel. Die neuen Eigentümer stehen vor der Herausforderung, neben der betagten und TV-affinen Kundschaft eine neue Generation anzulocken.

Der Einzelhandel steht während der Corona-Sperren mächtig unter Druck. Vielen Online-Händlern geht es hingegen prächtig. Aber es gibt noch eine Einkaufsmöglichkeit, ohne aus dem Haus zu gehen: die Teleshopping-Sender. Also der Einkauf vom Fernsehsessel aus. Nach WELT-Recherche bahnt sich jetzt ein indirekter Eigentümerwechsel bei dem ältesten deutschen Verkaufssender HSE 24 an.

HSE steht für Home Shopping Europe. Die Unternehmensgruppe präsentiert und verkauft rund um die Uhr auf TV-Kanälen diverse Produkte. Hauptsächlich Mode, Kosmetik, Wellness und Schmuck.

HSE 24 ist in einer Zeit groß geworden, als noch nicht fast jeder ein Smartphone hatte. Inzwischen versteht sich die Gruppe als Multi-Kanal-Anbieter. Verkauft werden soll nicht mehr nur über TV-Präsentationen, sondern auch im Online-Internetshop oder per App auf dem Smartphone.

Die Branche hat im TV-Sektor nämlich ein Seniorenproblem. Bei HSE 24 riefen 2018 täglich durchschnittlich 58.600 Kunden an. Zu 86 Prozent Frauen. Und die bei TV-Sendungen gewonnenen Neukunden waren in Deutschland im Schnitt 62 Jahre alt.

Dabei hat sich die Gruppe inzwischen vorgenommen, Frauen ab 30 Jahren als Kundinnen zu gewinnen. Eine Herausforderung für den neuen Gesellschafter.

Jetzt will der große britische Finanzinvestor Intermediate Capital Group (ICG) mittelbar die Kontrolle an der Gruppe mit etwa 775 Millionen Euro Umsatz (2019) und fast 1600 Beschäftigten übernehmen. Hinzu kommen 3000 Mitarbeiter bei externen Telefonzentralen und Logistikpartnern, die für HSE 24 arbeiten. Das Vorhaben wurde beim Bundeskartellamt angemeldet.

Bereits vor gut zwei Jahren gab es Spekulationen über einen Eigentümerwechsel. Der amerikanische Finanzinvestor Providence als Hauptgesellschafter würde gerne Kasse machen, hieß es damals. Auch ein Börsengang wurde erwogen. Doch der Deal kam nicht zustande.

Einige hochfliegende Pläne wurden bei dem Verkaufssender mit Sitz in Ismaning bei München wieder gestrichen, etwa der Aufbau einer Verkaufssender-Marke im Nahen Osten. Mit Millionenaufwand wurden diese Aktivitäten wieder geschlossen.

Der Jahresüberschuss 2018 fiel deutlich, trotz eines kleinen Umsatzzuwachses. 2018 lag der Umsatz noch bei 840 Millionen Euro. Jetzt wird nach einem Umbau des Geschäftes von 775 Millionen Euro Umsatz für 2019 und einer kräftigen Ertragsverbesserung gesprochen.

Auf Anfrage erklärt HSE 24, dass es jetzt keinen direkten Eigentümerwechsel, aber eine Umstrukturierung bei den stillen Gesellschaftern des Providence-Fonds gibt. Providence kontrolliere weiter das Unternehmen – aber der Finanzinvestor ICG werde nunmehr indirekt die Mehrheit erwerben. Andere Gesellschafter und Altaktionäre hätten nun die Möglichkeit, ihre Anteile zu verkaufen oder auch als stille Gesellschafter bei den Fonds beteiligt zu bleiben.

Der US-Investor Providence hatte 2012 für einen 85-Prozent-Anteil rund 650 Millionen Euro auf den Tisch gelegt. Aktuell halte Providence 77 Prozent der Anteile, der französische Finanzinvestor Ardian 15 Prozent und das Management acht Prozent.

Für HSE 24 wird offensichtlich ein neues Kapitel in der wechselvollen Firmengeschichte aufgeschlagen. Das Unternehmen wurde 1995 als damals erster Teleshopping-Sender Deutschlands unter dem Namen H.O.T. gegründet. Zu den Gründungsgesellschaftern gehörten der Quelle-Versand und die ProSieben-TV-Gruppe.

2008 kaufte die französische Beteiligungsgesellschaft Axa Private Equity – heute Ardian genannt – das Münchner Unternehmen für rund 180 Millionen Euro aus der Insolvenzmasse des Handelskonzerns Arcandor. 2012 übernahm dann Providence die Mehrheit. Das Geschäft wurde mit Eigen- und Fremdmarken, wie etwa Judith Williams Cosmetics, ausgebaut.

Nach eigenen Angaben setzt HSE 24 mittlerweile verstärkt auf den „Trend der Parallelnutzung von digitalen Kanälen und TV“. In der Sprache der Firmenstrategen heißt es, dass die TV-Expertise auf „die digitalen Kundenkontaktpunkte“ übertragen werden soll.

Dahinter steht wohl die Überlegung, dass in Zukunft die Bestellung über das Telefon an Bedeutung verliert. Ein Klick am Bildschirm ist eben schneller als ein Anruf. Der Kunde soll durch Zusatzinformationen, Hintergrundgeschichten und Verbrauchertipps samt variablen Bestell- und Bezahloptionen beim Einkaufen unterstützt werden, lautet die Zukunftsformel.

„Frischer Auftritt“

Das Unternehmen plant Kampagnen mit einem „frischen, modernen Markenauftritt“ und will gleichzeitig die Präsenz im Social-Media-Bereich ausbauen. Ohne Details zu verraten, spricht HSE 24 von einem kontinuierlichen Wachstum der E-Commerce- und M-Commerce-Bereiche, also der Verkäufe über mobile Endgeräte wie das Smartphone, Tablet oder Apps.

HSE24 konkurriert in Deutschland vor allem mit dem US-Verkaufssender QVC, der zum Medienkonglomerat Qurate Retail Group (ehemals Liberty Interactive) gehört und sich selbst als Marktführer in Deutschland bezeichnet. Hinter QVC steht der 79-jährige US-Milliardär John Malone. HSE 24 ist vor allem in Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie Italien und Russland tätig.

Radio Fritz reloaded: Die umgedrehte Welle

Radio Fritz im RBB – kein klassischer Radiosender mehr, sondern digitale Marke. Auf eine Reichweitenauswertung muss allerdings länger gewartet werden.

Manchmal ist es vielleicht ganz gut, wenn neue Zahlen mal nicht erhoben werden, zumal, wenn damit ein negativer Trend bestätigt werden sollte. Zweimal im Jahr lässt sich die Radiobranche ihre Zeugnisse in Form der Media-Analyse ausstellen. Das ist 2020 anders. Die Herbsterhebung und die Frühjahrsberichterstattung 2021 sollen wegen der Corona-Pandemie ausfallen.

„Die Corona-Krise trifft auch das Radio/Audio-Lager mit voller Wucht und führt trotz starker Nutzungszahlen seit Mitte März zu dramatischen Einbrüchen bei den Werbeumsätzen aller Partner“, sagte Jan Isenbart, Vorstand Radio / Audio in der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma). Eine gute Gelegenheit für die Macher von Radio Fritz im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), den reichweitenschwächelnden Sender für die Unter-30-Jährigen verstärkt auf Kurs zu bringen. Eine neues Konzept soll helfen, das am Donnerstag vorgestellt wurde.

Die Musik spielt im Internet, dort (Youtube, Spotify, Instagram & Co.) ist die Zielgruppe unterwegs. Kein Neuland, aber eine neue App, ein neues Design und neue Formate kündigt denn auch der RBB an. Fritz spiele seine Kompetenz bei digitalen Angeboten weiter aus. „Die Fritzen gibt es jetzt auch im Netz, wie gewohnt: echt, mutig und mit Herz und Schnauze, so wie wir es aus dem Radio kennen“, sagt RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus. Die traditionellen Fritz-Radioinhalte sollen durch digitale Formate ergänzt werden.

Stichwörter Podcasts und Videos. Sechs neue digitale Fritz-Formate seien bereits erfolgreich gestartet, so „Tabulos“ mit 71697 Abrufen über alle Plattformen hinweg, „Fake News mit Herrn Mangold“ auf Facebook, „Neues vom Känguru reloaded“ auf YouTube mit 1 988 894 Abrufen oder das zuletzt gestartete Format „182einhalb“ mit 301 226 Abrufen. „Die Konkurrenz im Netz ist unfassbar groß, aber wir gehen das an“, sagt Radio-Fritz-Wellenchefin Karen Schmied.

Doch was heißt das schon: Radio? Der RBB begreift Fritz nicht mehr als klassischen Radiosender, sondern als digitale Marke. Schon Anfang 2019 hatte der RBB den Umbau seines jungen Radiosenders zur Digitalmarke ausgerufen. Das Programm wurde sukzessive verändert, zunehmend Podcast- und Youtube-Formate gestartet. Nun das neue Erscheinungsbild: Unverändert bleiben die Fritz-Farben, aber kein umgedrehtes F mehr, das Logo wirkt weniger verspielt.

„Straighter, zeitgemäßer, cooler“, sagt Karen Schmied. Das Logo könne so in digitalen Anwendungen besser funktionieren. Seit Mittwoch gibt es auch eine neue Fritz-App, die nicht nur alle Audio-Angebote bündelt, sondern auch eine Offline-Funktion anbietet, was der jüngeren Zielgruppe mit ihren häufig begrenzten Datenvolumen entgegenkommen dürfte.

Die Veränderungen bei Fritz seien, so Schulte-Kellinghaus, ein „Role-Model für den ganzen RBB, ein Brennglas für das, was wir in den nächsten Jahren auch sonst im RBB machen müssen.“.

Ob sich das in neuen Hörer- oder besser Userschaften bemerkbar machen wird? Zuletzt hatte Fritz in der Radio MA 85 000 Hörer pro Durchschnittsstunde, dabei schaltet Brandenburg stärker ein als Berlin, so ein RBB-Sprecher. Der Sender wird auf die nächste Radio-MA warten müssen.

Agma-Geschäftsführer Olaf Lasalle hat „mit aller Deutlichkeit“ klargestellt, dass es sich bei der ausfallenden Reichweitenmessung 2020 um eine einmalige Ausnahme handle. „Ab Sommer 2021 erfolgt wieder die reguläre Berichterstattung mit der MA 2021 Audio II, basierend auf den Frühjahrswellen 2020 und 2021.“ Die ARD hatte dem Vorschlag der privaten Radioveranstalter zugestimmt, die Reichweitenermittlung im Herbst 2020 auszusetzen. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Gerade mit Blick auf die Coronakrise wissen wir aus internen Erhebungen, dass gerade das Medium Radio boomt und auch die öffentlich-rechtlichen Angebote so viel Zuspruch haben wie nie zuvor“, sagte der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow.

Der Chef von Twitter erinnert Donald Trump an die Spielregeln. Aber er fährt selber keinen klaren Kurs

Jack Dorsey ist bei Twitter am Steuer. Doch seine Plattform macht genau so viele Probleme wie die anderen sozialen Medien. Und dazu noch weniger Profit.

Sie würden auf dem glorreichen Schiff namens «Twittanic» mitreisen, scherzten die Moderatoren beim Gespräch mit dem Twitter-Chef Jack Dorsey. Die Passagiere sorgten sich wegen des Eisbergs am Horizont, doch der Kapitän murmle nur: «Ja, ihr habt einen Punkt, und unser Schiff lässt sich, offen gestanden, auch nicht so gut steuern.» Der Kapitän ziehe sich auf die Brücke zurück und gebe sich unfassbar entspannt. Derweil schrien alle Passagiere an Deck: «Jack, reiss das verdammte Steuer herum.»x

Auf so witzige Art wie beim TED-Talk vor einem Jahr bekam der Twitter-Chef die Kritik an seiner Firma und seinem Management seither nicht mehr zu hören. Im Dezember schoss sich Scott Galloway auf ihn ein, der flamboyante Marketing-Professor an der New Yorker Stern School of Business, der auf Youtube und mit seinem Podcast «The Pivot» die Tech-Giganten heftig angreift. Und Ende Februar feuerten die Investoren von Elliott Management die nächste Salve ab: Sie kauften Twitter-Aktien für eine Milliarde Dollar und steckten dem CEO bis Ende Jahr kaum erreichbare Ziele – von denen aber sein Job abhängt.

Die Kritiker, ob von TED-Talks, Business-School oder Hedge-Fund, stimmen überein: Jack Dorsey tut kaum etwas gegen die Probleme, aufgrund deren Twitter wie andere soziale Netzwerke die Gesellschaft gefährdet. Und er macht, im Gegensatz zu Mark Zuckerberg bei Facebook, mit seinem fahrlässigen Geschäftsgebaren nicht einmal richtig Geld. Deshalb donnerte Scott Galloway, der Twitter-Aktien im Wert von 10 Millionen hält, in seinem offenen Brief an den Twitter-Präsidenten Omid Kordestani: «Es reicht jetzt.»

Schon einmal musste Jack Dorsey bei der Firma gehen, die er 2006 mit drei Kollegen aufgebaut hatte: Die Investoren feuerten ihn nach zwei Jahren als CEO, weil er sich lieber um Yoga und Mode kümmerte. Doch er kam 2015 nach dem Abgang seines erfolglosen Nachfolgers zum inzwischen börsenkotierten Unternehmen zurück, allerdings nur mit einem Teilzeitjob. Denn ab 2009 hatte Jack Dorsey auch einen Dienst für Zahlungen mit Mobilgeräten entwickelt. Sein Anteil an Square, rechnet ihm Scott Galloway vor, mache 85 Prozent seines Vermögens von 5 Milliarden Dollar aus.

Ein schwarzer Pulli macht noch keinen Steve Jobs

Auch als Chef und Grossaktionär von gleich zwei Unternehmen mit einem Börsenwert von je rund 30 Milliarden Dollar gibt sich Jack Dorsey als Slacker. Er trägt einen mässig gebändigten Bart. Er tritt ganz in Schwarz auf, vorzugsweise mit Wollmütze, Hoodie und Jeans. Er streicht heraus, dass er in San Francisco zu Fuss zu seinen beiden Firmen gehe. Und er sagte letztes Jahr an, er arbeite zeitweise in Afrika.

Deshalb spottet Scott Galloway, seine Erfahrung in Verwaltungsräten lehre ihn: «Ein Dreissig- oder Vierzigjähriger, der immer im schwarzen Rollkragenpullover auftritt, neigt dazu, dir zu glauben, wenn du ihm sagst, er sei Steve Jobs.» Im Gegensatz zum genialen Apple-Gründer setzt Jack Dorsey seine Exzentrik aber nicht in Performance um: Der Aktienkurs von Twitter liegt nur gerade auf gleicher Höhe wie bei seiner Rückkehr vor fünf Jahren, nachdem er zwischendurch auf die Hälfte abgestürzt ist. Seit dem Börsengang von 2013 verbuchen die Aktionäre von Twitter ein Minus von rund 20 Prozent, jene von Facebook vervierfachten ihr Investment in dieser Zeit.

Da das Formulieren eines Gedankens in 280 Zeichen nicht jedermanns Sache ist, zieht Twitter zwangsläufig weit weniger Publikum an als Facebook, Snapchat oder Instagram. Und die Werber scheinen auch nicht an die Verführbarkeit der Politiker, Journalistinnen und Akademiker zu glauben, die sich auf der Plattform zanken. Doch Twitter ist, wie Scott Galloway schwärmt, «eine ikonische Marke: der globale Herzschlag unseres Informationszeitalters». In der Corona-Krise zeigt das Medium seinen Wert wie noch nie.

Manipulation und Hass

Der Marketing-Professor, der auch einen Bestseller über das Glück geschrieben hat, meint deshalb: Dass das Unternehmen den einst ebenbürtigen Konkurrenten hinterherhinke, lasse sich als Chance nutzen, eine Plattform aufzubauen, die ihren Nutzern und der Gesellschaft diene – «eine Plattform, auf der sich die Leute von ihrer besten Seite zeigen und nicht von ihrer schlechtesten».

Dafür müsste Jack Dorsey allerdings die Probleme lösen, mit denen sein Unternehmen das weltweite Miteinander ebenso gefährdet wie seine erfolgreicheren Konkurrenten. Erstens bietet Twitter Manipulatoren alle Möglichkeiten, Menschen mit Fake-News zu verwirren und mit Hass-Tweets zu entzweien. Zweitens bringt Twitter seine Nutzer dazu, mit extremen Botschaften und emotionalen Auseinandersetzungen die Aufmerksamkeit zu suchen und gegen Andersdenkende zu hetzen. Und drittens trägt Twitter so massgeblich dazu bei, dass sich die öffentlichen Debatten rund um den Globus vergiften.

Wie sich Twitter missbrauchen lässt, bekam Jack Dorsey selber zu spüren: Letztes Jahr knackten Hacker seinen Account und sendeten eine Stunde lang rassistische Tweets. Spätestens bei der Wahl des US-Präsidenten vor vier Jahren zeigte sich die Gefahr von gefälschten oder automatisierten Accounts (Bots), die den Diskurs als Trolle aufheizen oder die Plattform mit Fake-News überschwemmen. Inzwischen gab es unter anderem auch Attacken auf die Wahlen in Israel oder Kampagnen mit Desinformation aus Saudiarabien. Und 2019 sorgte ein manipuliertes Video mit Nancy Pelosi für Aufregung, das die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses betrunken zeigte.

Hausaufgaben nicht gelöst

Gegen Fakes wehrt sich Twitter mit dem Angebot, Accounts, «die dem öffentlichen Interesse dienen», verifizieren zu lassen. Das blaue Häkchen hindert allerdings etliche in diesem Twitter-Adel nicht daran, bei Hetzkampagnen mit zu heulen. Die Attacken von Bots aus Russland sollten 2017 die Verbannung vom Kreml gelenkter Medien wie RT und Sputnik korrigieren.

Allerdings muss sich das Unternehmen bei Sanktionen immer noch vorwiegend auf Meldungen der Nutzer stützen. Und Scott Galloway sagt, bei den US-Wahlen nähmen die Manipulationen bei Facebook zwar ab, bei Twitter aber immer noch zu.

Wie auf Twitter Hass und Hetze grassieren, prangerte Amnesty International 2018 in einem Report an: Die Plattform sei «ein toxischer Ort für Frauen». Aber auch ethnische oder sexuelle Minderheiten leiden unter Attacken. Dagegen geht Twitter mit dem Angebot vor, auf Meldung hin Tweets zu löschen oder gar Accounts zu sperren. So verbannte die Plattform die feministische Autorin Meghan Murphy, die sich mit Transmännern stritt, wegen der eigentlich unstrittigen Aussage «Men aren’t women» auf Lebenszeit.

Frage der Parteilichkeit

Gerade diese Privatjustiz beim «globalen Herzschlag des Informationszeitalters» führt aber zu noch mehr Streit. Denn Twitter gewährt keinen Prozess und erlaubt keinen Rekurs, und die Zensur erweckt nicht den Eindruck der Unparteilichkeit. Der republikanische Kongressabgeordnete Devin Nunes verklagte Twitter deshalb letztes Jahr auf 250 Millionen Schadenersatz wegen Benachteiligung seiner Partei.

Wie Twitter so den öffentlichen Diskurs polarisiert, gibt Jack Dorsey gemäss seinen Beteuerungen schon seit Jahren zu denken. Er lässt die «Gesundheit der Konversation» messen, also abklären, ob die Debattierenden mit denselben Fakten, aber unterschiedlichen Perspektiven streiten. Er fragt sich, ob er die richtigen Anreize für die Twitterer setzt: «Es ist der Konversation nicht förderlich, wenn sie nur auf die Zahl ihrer Follower, Retweets und Likes starren.» Und er wagte es jetzt immerhin, auch seinen wichtigsten Protagonisten an die Spielregeln zu erinnern: Präsident Donald Trump. Die Folgen lassen sich noch nicht absehen, gerade für die politische Atmosphäre in den USA.

Statt an seiner Strategie arbeitet Jack Dorsey derweil lieber an seinem Image: Er versprach in der Corona-Krise, einen Hilfsfonds mit Aktien von Square im Wert von einer Milliarde Dollar zu speisen. Bisher überwies er erst zwei Drittel davon, und auch bei dieser Aktion bleibt vieles unfassbar.

Deshalb gilt weiter, was die Moderatoren des TED-Talks vor einem Jahr anmahnten: Wenn Jack Dorsey seinen Job und seine Firma retten will, dann muss er nicht nur den Gutmenschen geben – er muss das Steuer herumreissen.

Die weißen Privilegien der „Vogue“-Elite

Es gibt diese Szene am Ende von Der Teufel trägt Prada, bei der einem erst jetzt bewusst wird, wie verniedlichend der Film mit Anna Wintour umgeht. Die junge Protagonistin hat sich losgesagt von ihrem Job als Assistentin der Chefredakteurin eines Magazins – sie war erniedrigt, beleidigt und ausgebeutet worden. Nun ist sie frei. Die an Wintour angelehnte und von Meryl Streep herrlich diabolisch verkörperte Figur beobachtet die junge Frau, wie sie durch New York flaniert, und ihr entkommt ein augenrollendes Kichern.

Hach, sagt dieser Blick, hat die Hölle, durch die ich diese Frau geschickt habe, sie nicht prima aufs Leben vorbereitet?

Es gibt zahlreiche Anekdoten über die Zustände beim Magazin Vogue, dessen Chefredakteurin Wintour seit 1988 ist, und beim Verlag Condé Nast, wo Wintour seit 2013 die journalistischen Inhalte verantwortet. Die Anekdoten gehören zum Mythos des Medienhauses. Dort überleben demnach nur jene, die mit den Erniedrigungen umgehen können, damit sie irgendwann selbst einen Posten bekommen, in dem sie andere erniedrigen können. Und der Erfolg gab dem Unternehmen ja auch recht.

Nun aber geht es nicht mehr um Elitismus. Seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd geht es um Rassismus und systematische Benachteiligung von Nichtweißen.

Es begann mit dem Rücktritt von Adam Rapoport, Chefredakteur des Lifestyle-Magazins Bon Appétit, vor knapp zwei Wochen. Auch um ihn und seine Mitarbeiterführung hatten sich Mythen gerankt, er soll zum Beispiel seiner afroamerikanischen Assistentin Ryan Walker-Hartshorn aufgetragen haben, seine Golfschläger zu putzen.

Auf ihre Bitte nach einer Gehaltserhöhung oder mehr freien Tagen soll Rapoport gesagt haben, dass sie darüber nachdenken solle, ob das der richtige Job für sie sei. Ihr Brutto-Grundgehalt, in New York City wohlgemerkt: 35 300 Dollar im Jahr. „Ich bin die einzige schwarze Frau hier, und er behandelt mich wie eine Hilfsarbeiterin“, sagte Walker-Hartshorn, die an der Elite-Uni Stanford studiert hatte, dem Wirtschaftsportal Business Insider.

Tatsächlich zurücktreten musste Rapoport aber wegen eines Fotos, auf dem er als Lateinamerikaner verkleidet auf einer Halloween-Party zu sehen ist. Und weil er eine feindselige und wohl auch rassistische Kultur zuließ. Nichtweiße Mitarbeiter hätten zum Beispiel in den Videos, für die Bon Appétit bekannt ist, als stereotype Statisten einspringen müssen. „Ich kann mich noch immer nicht beruhigen“, sagte Walker-Hartshorn. „Es ist schwierig, als nichtweiße Person dort zu arbeiten.“
Auf ihre Bitte nach einer Gehaltserhöhung oder mehr freien Tagen soll Rapoport gesagt haben, dass sie darüber nachdenken solle, ob das der richtige Job für sie sei. Ihr Brutto-Grundgehalt, in New York City wohlgemerkt: 35 300 Dollar im Jahr. „Ich bin die einzige schwarze Frau hier, und er behandelt mich wie eine Hilfsarbeiterin“, sagte Walker-Hartshorn, die an der Elite-Uni Stanford studiert hatte, dem Wirtschaftsportal Business Insider.

Tatsächlich zurücktreten musste Rapoport aber wegen eines Fotos, auf dem er als Lateinamerikaner verkleidet auf einer Halloween-Party zu sehen ist. Und weil er eine feindselige und wohl auch rassistische Kultur zuließ. Nichtweiße Mitarbeiter hätten zum Beispiel in den Videos, für die Bon Appétit bekannt ist, als stereotype Statisten einspringen müssen. „Ich kann mich noch immer nicht beruhigen“, sagte Walker-Hartshorn. „Es ist schwierig, als nichtweiße Person dort zu arbeiten.“

Was das alles mit Wintour zu tun hat?

Als Leiterin des journalistischen Bereichs ist sie letztlich auch für Bon Appétit verantwortlich, in einer E-Mail an die Mitarbeiter schrieb sie laut New York Times: „Ich möchte ganz deutlich sagen, dass wir auch bei Vogue nicht genügend darauf geachtet haben, schwarze Redakteure, Autoren, Fotografen, Designer und andere Kreative zu fördern und ihnen Raum zu geben. Wir haben auch Fehler gemacht, indem wir Bilder und Geschichten veröffentlicht haben, die verletzend und intolerant gewesen sind. Ich übernehme dafür die volle Verantwortung.“

Ein Bild, das Aufregung auslöste: das Cover im Jahr 2008, auf dem der afroamerikanische Basketballspieler LeBron James zu sehen ist. Er brüllt wütend und hält dabei das hellhäutige, blonde Model Gisele Bündchen im Arm . Man musste nicht einmal das Plakat eines „King-Kong“-Films danebenlegen, um die Metapher zu verstehen: James sollte der Gorilla sein und Bündchen die holde Maid.

Wie so häufig folgen auf den ersten Skandal weitere Enthüllungen, und in diesen Geschichten wird gerade das Bild eines Verlags gezeichnet, der seine Mitarbeiter aus den elitären Kreisen rekrutiert hat, in denen ranghohe Angestellte selbst gerne verkehrten. Es waren meist Kinder vermögender Eltern, denen die schlechte Bezahlung egal war, so lange sie am Ende „Condé Nast“ im Lebenslauf stehen hatten und vielleicht eine Empfehlung von Wintour persönlich bekamen – auch das wird im Film Der Teufel trägt Prada thematisiert.

Gibt es ein Kastensystem?

Das führte dazu, dass Kinder aus ärmeren Familien kaum eine Chance auf einen der begehrten Jobs hatten – und genau darum geht es bei den Protesten derzeit: dass es ein Kastensystem gebe, in dem gerade Schwarze systematisch benachteiligt werden.

Wintour ist in den vergangenen Jahren nicht als Rassistin aufgefallen. Im Gegenteil: Sie hat die Halb-Inderin Radhika Jones gefördert und deren Vorhaben als Chefredakteurin von Vanity Fair unterstützt, das Magazin umzukrempeln und mehr Afroamerikaner wie Michael B. Jordan oder Janelle Monae auf den Titelseiten zu zeigen.

Laut New York Times sind diese Pläne bei traditionelleren (und hellhäutigen) Condé-Nast-Managerinnen auf Widerstand gestoßen – von Wintour aber regelrecht durchgeboxt worden. In einem Essay für vogue.com unterstützte sie kürzlich die Bewegung „Black Lives Matter“ und forderte Joe Biden auf, eine dunkelhäutige Frau als mögliche Vizepräsidentin für den Wahlkampf gegen Donald Trump zu wählen.

Nur: Ist das alles womöglich nur Fassade?

Ein Kommentar in der New York Times trägt den Titel: „Kann Anna Wintour die Bewegung für soziale Gerechtigkeit überleben?“ Er endet mit den Worten des Afroamerikaners André Leon Talley, der kürzlich ein Buch veröffentlicht hat, in dem es auch um seine Beziehung zu Wintour geht: „Ich glaube nicht, dass sie jemals zulassen wird, dass irgendwas ihren weißen Privilegien im Weg stehen wird.“

Geht so Meinungsvielfalt?

Buzzard bietet seinen Abonnenten eine Auswahl verschiedener Medienstimmen zur Nachrichtenlage. Das soll Verständnis für Andersdenkende fördern und mehr liefern als Selbstbestätigung.

Dario Nassal, 28, und Felix Friedrich, 29, wollten etwas verändern an den „verhärteten Fronten“ und der „Filterblase“ im öffentlichen Diskurs, wie sie sagen. Seit Anfang 2017 tüftelten sie deshalb im Rahmen eines Start-up-Förderprogramms von Media Lab Bayern und dem Journalismus-Thinktank Vocer an einer Lösung. Ergebnis ist die News-App Buzzard, die ihre derzeit ungefähr 2500 Abonnenten seit nunmehr einem Monat mit „Stimmen des ganzen demokratischen Meinungsspektrums“ versorgt, wie es auf der Website des Medien-Start-ups heißt. Die Idee dafür hatten die beiden bereits vor fünf Jahren während ihres Politikstudiums.

Buzzard bündelt die Medienstimmen aber nicht nur, sie werden in der unter dem Text stehenden „Anmerkung der Redaktion“ auch journalistisch eingeordnet – beispielsweise ob im Beitrag aufgestellte Behauptungen verifizierbar sind.

Auch zum publizierenden Medium sowie zum Autor liefert die Redaktion Informationen: Der Originaltext ist verlinkt, Buzzard arbeitet derzeit lediglich mit frei zugänglichen Texten. Ihnen sei wichtig, das Verständnis für Andersdenkende zu fördern, sagen die beiden Gründer.

Vorab waren sie in die Kritik geraten, weil in einer Testphase teilweise auch rechtsextreme und islamfeindliche Internetseiten verlinkt wurden. Einige Medienschaffende zogen daraufhin öffentlich ihre Unterstützung zurück. Die Macher hatten daraufhin ein neues Prüfverfahren versprochen und umgesetzt.

Bequem und wirklichkeitsnah

Aus etablierten deutschen Medien, relevanten Blogs und internationalen Medien filtern sie und ihr Team, das aus insgesamt 17 Mitarbeitern besteht, von denen wechselnd immer acht anwesend sind, nun werktags verschiedene Perspektiven zu zwei an diesem Tag besonders relevanten Leitthemen heraus. Zusätzlich wird ein kontrovers diskutiertes Thema in der „Debatte des Tages“ beleuchtet – gegliedert in Pro und Contra. Dazu steht ihnen eine Datenbank aus bis zu 1700 nationalen und internationalen Quellen zur Verfügung. Eine Zusammenfassung des Tages liefert einen kurzen Gesamtüberblick, in die einzelnen Themen wird knapp eingeführt.

Das ist innovativ, vor allem aber bequem und wirklichkeitsnah. Denn außerhalb der Medienberufe dürfte sich wohl kaum ein Konsument täglich die Arbeit machen, mehrere Zeitungen und verschiedene Online-Angebote zu durchforsten, um unterschiedliche Sichtweisen gespiegelt zu bekommen.

Daneben hilft das Konzept bei der Bewahrung einer Fähigkeit, die in Zeiten von Hass, Hetze und Fake News zu verschwinden droht – sich einzulassen auf verschiedene Standpunkte und Meinungen. Insofern trifft das Projekt, das auch dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne und zahlreichen Unterstützern realisiert werden konnte, nicht nur den Zeitgeist und bedient das Bedürfnis nach praktischer Perspektivenvielfalt, sondern wird auch all diejenigen freuen, die permanente Selbstbestätigung und informationelle Isolation satthaben.

Begrenzung statt Entgrenzung

Charmant ist daneben auch die Überschaubarkeit des Angebots. Den tagesaktuellen Gesamtüberblick kann Buzzard damit freilich nicht liefern, aber die Begrenzung auf die drei wichtigsten Themen ist ein angenehmer Gegenentwurf zu den grenzenlosen, viele Menschen überfordernden Informationsmöglichkeiten des Internets.

Vor allem drei Zielgruppen möchte man erreichen, sagt Nassal: Medieneinsteiger und junge Menschen, Menschen, die wenig Zeit haben, aber trotzdem auf dem Laufenden bleiben wollen, und ältere Menschen, die bisher wenig vertraut waren mit Blogs und ausländischen Medien. Den Zielgruppen kommt man mit dem Bezahlmodell entgegen.

Schüler, Studenten, Auszubildende und Arbeitslose zahlen 3,50 Euro monatlich, alle anderen können wählen zwischen vier Paketen, die von fünf (Paket „Unterstützer*in“) bis 80 Euro (Paket „Visionär*in“) im Monat reichen. Ein Sponsorenprojekt ermöglicht allen Schülern und Lehrern in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen und Brandenburg ab dem nächsten Schuljahr sogar ein kostenloses Abonnement. Bald soll es neben der App auch eine Online- und Podcast-Version von Buzzard geben.

Rassismus-Debatte – Logo von Reismarke Uncle Ben’s soll geändert werden

Auch die heimischen Kunden werden sich umgewöhnen müssen: Mehrere US-Lebensmittelkonzerne wollen ihre Verpackung ändern, um zum Teil jahrzehntealte rassistische Stereotype zu entfernen. Unter anderem betroffen: der Reis von Uncle Ben‘s.

Angesichts der anhaltenden Anti-Rassismus-Proteste in den USA will die bekannte Reismarke Uncle Ben‘s ihr Logo ändern, das einen Schwarzen zeigt. Das Unternehmen wolle so seinen Beitrag zu einem Ende von „rassistischen Vorurteilen und Ungerechtigkeiten“ leisten, erklärte der Lebensmittelriese Mars, zu dem Uncle Ben‘s gehört.

Deswegen sei jetzt der Zeitpunkt gekommen, das Markenlogo „weiterzuentwickeln“. Uncle-Ben‘s-Reis ist für das Bild eines weißhaarigen Afroamerikaners bekannt, der nach einem texanischen Reisbauern benannt ist.

„Wir wissen noch nicht, wie die Änderungen genau aussehen werden, und haben noch keinen Zeitplan, aber wir prüfen alle Möglichkeiten“, heißt es in einer Pressemitteilung des Konzerns. Kritiker hatten zuvor darauf hingewiesen, dass es problematisch sei, das Gesicht eines schwarzen Mannes für eine weiße Firma zu benutzen. Darüber hinaus wurden schwarze Männer früher oft abwertend als „Junge“ oder „Onkel“ bezeichnet, um ihnen die bürgerliche Zuschreibung des „Mr“ zu verwehren, schreibt „NBC“-News.
Es braucht stärkere Änderungen, sagt PepsiCo

Einen Schritt weiter geht die Frühstücksmarke Aunt Jemima, deren Logo eine lachende Afroamerikanerin zeigt. Das Logo der seit mehr als 130 Jahren bestehenden Marke – es zeigt eine schwarze Frau als freundliche Bedienstete – wird ab Jahresende abgeschafft, wie das Mutterunternehmen Quaker Foods North America mitteilte, das wiederum zum Konzern PepsiCo gehört.

Auch soll die Marke, die unter anderem Ahornsirup und Backmischungen für Pfannkuchen herstellt, umbenannt werden.

„Wir erkennen an, dass die Ursprünge von Aunt Jemima auf einem Rassenstereotyp gründen“, erklärte das Unternehmen. Das Logo sei im Laufe der Jahre zwar immer wieder geändert worden, um „angemessen und respektvoll“ zu sein; solche Änderungen seien aber nicht mehr ausreichend.

Auch die Firma B&G Foods gab bekannt, eine sofortige Überprüfung ihrer Marke Cream of Wheat einzuleiten, die einen schwarzen Mann in einer Kochmütze zeigt.

In den USA demonstrieren seit Wochen zahlreiche Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Auslöser ist der Tod des Afroamerikaners George Floyd, der am 25. Mai in Minneapolis bei einem brutalen Polizeieinsatz verstarb. Der Fall hat eine Protestwelle in den USA und weltweit und eine neue Diskussion über Rassismus und Diskriminierung ausgelöst.

Der Journalismus und sein Neutralitätskomplex

Seit der vergangenen Woche bietet der Journalismus seinem Publikum mal wieder eine spannungsgeladene Selbstbeobachtung. Es geht um seine Identität, um das Rollenverständnis seiner Akteure. Die zentralen Fragen: Macht sich ein Journalist mit einer Sache gemein, und wenn ja, warum? Bezieht er Position, und wenn ja, wie? Folgt er dem Prinzip, immer alle Seiten zu hören („audiatur et altera pars“), so wie es an den Journalistenschulen immer noch gelehrt wird? Oder gibt er diesen Anspruch auf, und damit auch das Ziel, als Berichterstatter so neutral wie nur irgendwie möglich zu sein?

Eine aktuelle, in über 40 Ländern durchgeführte Umfrage des Reuters Institute über die Einstellung von Menschen zu Medien und ihrer Nutzung zeigt, dass das Prinzip, bei der Nachrichtenvermittlung den Maßstab der Objektivität anzulegen, durchaus noch gewünscht wird. In Deutschland laut Umfrage von 80 Prozent der Menschen, also einer deutlichen Mehrheit, in anderen Ländern immerhin von einer Mehrheit.

Was erst einmal Rückschlüsse zulässt, wie sich die Befragten selbst sehen, nämlich als offen gegenüber verschiedenen Seiten eines Arguments, damit sie sich, wie es so schön heißt, selbst ein Urteil bilden können. Vermutlich auch darum begrüßt es eine Mehrheit der Befragten, wenn selbst zweifelhafte, weil sachlich falsche Aussagen von Politikern von Medien zitiert werden, statt dass diese deren Statements einfach ignorieren.

Die Medienforschung kennt aber auch den sogenannten „hostile media“-Effekt. Der besagt, dass es durchaus möglich ist, dass ein und derselbe nach objektiven Kriterien sehr neutral gehaltene Bericht von den jeweiligen Anhängern der dargestellten Positionen gleichermaßen als einseitig negativ wahrgenommen wird.

Während Mediennutzer trotz des Wunsches nach Neutralität sich durchaus auch unbewusst solche Informationen suchen, die ihren eigenen Standpunkt bestätigen – bekannt als „confirmation bias“ –, werden sie in diesem Fall mit einem Bericht konfrontiert, der neutral angelegt ist, hinter dem sie aber die Absicht vermuten, den eigenen Standpunkt abzuwerten. Denn dann lässt sich ja immer noch sagen, man schätze eine neutrale Berichterstattung – aber leider gebe es die eben nicht wirklich.

Die reine Lehre

Und tatsächlich ist es ja kompliziert mit der Neutralität. Denn selbst in deutschen Lehrbüchern zum Journalismus wird nicht die reine Lehre gepredigt, sondern selbstverständlich dargelegt, warum journalistische Berichterstattung immer auch eine Konstruktion von Wirklichkeit ist und Objektivität zwar Ideal des Berufsstandes ist, von ihm aber auch eingesetzt wird, um sich beispielsweise von der literarischen Darstellung abzugrenzen.

Das ist alles andere als manipulativ oder sonst wie skandalverdächtig. Und so gilt, was im Standardwerk „Handbuch des Journalismus“ von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue lapidar vermerkt ist: „Also gut, die objektive Nachricht gibt es nicht. Was es indessen gibt, ist die unparteiische Darstellung.“

Damit gemeint ist, dass sich ein Journalist, wenn er sich an ein Thema macht, das keine eindeutige Interpretation zulässt, so ergebnisoffen und vorurteilsfrei wie möglich recherchiert, mit Vertretern unterschiedlicher Positionen spricht und diese entsprechend zu Wort kommen lässt. In der Praxis entstehen dann häufig Berichte, die ausgewogen sein sollen (er sagt – sie sagt), die allerdings von meinungsstarken Journalisten mitunter als spannungsarm kritisiert werden.

Der an sich souveräne Vorsatz, den Leser selbst entscheiden zu lassen, welche Sichtweise er sich zu eigen macht, wird in der Journalistenblase bisher nur selten mit Preisen und Auszeichnungen bedacht. Stattdessen wurden in den vergangenen Jahren von Jurys gern auch vordergründig spannende und gut erzählte, aber in sich geschlossene Weltbilder prämiert, wie sie beispielsweise der Fälscher Claas Relotius für den „Spiegel“ entwarf.

Ironischerweise war es weder eine edle Reportage noch ein schnöder Bericht, sondern der Gastkommentar eines Politikers, der den Richtungsstreit zunächst in der „New York Times“ und dann in der ganzen Branche ausgelöst hat. Von einem Politiker, egal welcher Parteizugehörigkeit, wird per se keine Neutralität verlangt, zum Rücktritt des Meinungschefs James Bennet soll dann vor allem geführt haben, dass a) der Text sachliche Fehler enthielt und b) Bennet den Text gar nicht gelesen hatte.

Stellt sich die Frage, was gewesen wäre, wenn es beide Vorwürfe nicht gegeben hätte. Hätte der Gastkommentar des republikanischen Senators Tom Cotton, das Militär gegen Randalierer einzusetzen, dann auch zur Trennung von Bennet geführt? Hätte man es dann auch für nötig erachtet, in einem redaktionellen Artikel zunächst zu behaupten, Cotton habe gefordert, Militär gegen Demonstranten einzusetzen (statt gegen gewaltsame Unruhestifter, der Punkt ist inzwischen korrigiert)?

Es mehren sich jedenfalls die Stimmen, auch von amerikanischen Journalisten, die Trump oder Trump-Unterstützer erst gar nicht mehr in den bekannten Medien des Landes vorkommen lassen wollen, jedenfalls nicht ohne dazugehörige Wertung. Ihre Position ist im Kern, dass Trump und ein ethisch einwandfreier Journalismus sich widersprechen, weil der Präsident sich nicht an die Spielregeln des Diskurses halte, sondern die Medien mit manipulativen Statements vorführen wolle.

„Denkfaule“ Prinzipien

Trump geht tatsächlich häufig so vor, doch fragt sich, ob die vorgeschlagene Konsequenz die richtige ist. Der gewaltsame Tod von George Floyd hat nun diese seit Trumps Wahl geführte Kontroverse eskalieren lassen, führt in großen meinungsbildenden Medien zum Kulturkampf, bei dem auch Rassismus und Machtstrukturen in den Redaktionen selbst eine große Rolle spielen.

Der „Times“-Herausgeber A. G. Sulzberger, mit 39 Jahren vergleichsweise jung, ist derzeit die treibende Kraft hinter der Innovation und dem publizistischen Erfolg der Zeitung. Er ließ es sich nicht nehmen, dem Medienkolumnisten Ben Smith zu sagen, man halte sehr wohl an den Prinzipien der Unabhängigkeit und Objektivität fest. Genau das sei nicht möglich, sagen die lauter werdenden Kritiker des besonders im amerikanischen Journalismus fest verankerten Selbstverständnisses, das auf Neutralität beharrt.

Der neue Journalismus, das sei entsprechend eine vor allem auf moralischen Werturteilen basierende Berichterstattung, zu deren Nebeneffekten auch gehört, Vertreter der alten Ordnung aufs Abstellgleis zu hieven. Ironisch mutet dabei an, dass ausgerechnet Trump es vermocht hat, eine Richtungsdebatte im Journalismus auszulösen, mit der er und seine Anhänger beweisen können, dass es eine „cancel culture“, also eine Kultur des Entfernens, im amerikanischen Journalismus gibt.

Ein „Spiegel“-Kommentar trug den Konflikt nun in den deutschen Journalistenbefindlichkeitsdiskurs hinein. Mit einem Kommentar des New York-Korrespondenten Philipp Oehmke, der nicht nur diagnostizierte, die Zeit der Neutralität sei vorbei, stellte dieser sich gleich selbst an die Spitze dieses Trends und schrieb, wer heute noch auf einen „Ausgewogenheitsanspruch“ poche, sei „selbstgefällig und denkfaul“, zudem „moralisch indifferent“ und produziere Journalismus, der „uninteressant und unaufrichtig“ sei.

Stattdessen gelte es jetzt auch für Medien, „Farbe zu bekennen“, denn auch die Leser, so Oehmke, wünschten das so, hätten doch angeblich viele Menschen ihr Abonnement der „New York Times“ gekündigt, zumindest „offenbar“, genaue Zahlen hatte der Autor nicht parat. Kurzum: Oehmke deutete Rudolf Augsteins Jobbeschreibung „Sagen, was ist“ kurzerhand um in „Sagen, was sein sollte“. Einige Stunden nach Veröffentlichung erschien dann der Gegenkommentar eines Kollegen, denn beim „Spiegel“ gibt es natürlich unterschiedliche Haltungen zur Haltungsfrage.

Wokes gegen Liberals

Was da gerade geschieht, hat Bari Weiss, Meinungsredakteurin der „New York Times“ und selbst erst 36 Jahre alt, via Twitter (selbstredend) als These beschrieben: Die Gräben verlaufen demnach zwischen den jungen „Wokes“ und den über 40-Jährigen „Liberals“. Während die Wokes sich lieber in einer Welt sehen möchten, in der die aus ihrer Sicht oft lauten und polarisierenden Stimmen der neuen konservativen Garde stumm geschaltet werden, vertreten die Liberals eher traditionelle Werte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung auch für Populisten.

Was nicht ausschließt, dass es auch auf der Seite der Wokes zunehmend polarisierende Stimmungsmacher gibt, so bezeichnete gerade eine Kolumnistin der „taz“ Polizisten als Abfall. Entscheidend ist nach dieser Sichtweise letztlich, ob jemand die Legitimation hat, sich zu einem Thema wie Rassismus zu äußern.

Dieser Generationenkonflikt über das journalistische Selbstverständnis lässt sich auch an den Medienangeboten, die in den vergangenen Jahren für die jungen Millenials konzipiert wurden, ablesen. Allen voran „Vice“, das schon vor Jahren eine radikal subjektive Sichtweise in die Medienwelt eingeführt hat und dafür immer auch bewundert wurde. Die deutsche Seite von „Vice“ liest sich derzeit eher wie ein Brevier für Anleitungen gegen Rassismus, mit Überschriften wie „So setzt du dich aktiv gegen rassistische Gewalt ein“ und „Vier Denkmäler in Deutschland, die wir gern versenken würden“.

Ähnliche Zeilen, die den Lesern einen Instant-Abgleich mit dem moralisch Wünschenswerten ermöglichen, finden sich ebenso beim „Spiegel“-Ableger „Bento“, etwa: „Werden wir nach Corona endlich zu kritischeren Reisenden?“ oder „Weiße bei Black Lives Matter: Eine Demoteilnahme ist kein Freispruch“.

Auch bei „Ze.tt“, einem jungen Ableger der „Zeit“, rangieren Themen wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Selbstbestimmung ganz oben, immer versehen mit einer direkten Ansprache, wenn nicht sogar einer Aufforderung zum Handeln oder zumindest zum Überdenken des eigenen Standpunkts. Gibt es für diesen aktivistisch angehauchten Journalismus auch eine Nachfrage?

Die gibt es, unklar ist indes, ob diese auch wirtschaftlich tragfähig ist. So hat das auch vom Disney-Konzern mitfinanzierte „Vice“ große wirtschaftliche Probleme und musste Mitarbeiter entlassen, ebenso wie das vor Jahren als Neuerfindung des Journalismus gefeierte „Buzzfeed“, das in Deutschland einen neuen Besitzer sucht.

Der „Spiegel“ stellt „Bento“ derweil demnächst ganz ein. Kein Grund für Häme, aber eine Nachfrage: Ist es denkbar, dass ein Journalismus, der in erster Linie der Selbstversicherung seiner Leser dient und ihnen ein gutes Gefühl gibt, zwar eine legitime Idee ist, von seiner Zielgruppe auch angenommen wird, aber eben nicht bezahlt würde, weil sein Anliegen bereits häufig in der Überschrift auserzählt ist?

Nun geht es hier nicht darum, die von diesen Angeboten vertretenen Haltungen an sich zu kritisieren. Gegen Rassismus einzutreten ist ein gesellschaftlich wichtiges Anliegen. Für den Klimaschutz zu kämpfen sichert unserem Planeten vielleicht eine längere Zeit als bewohnbarer Ort.

Es geht darum, wie und in welchem Ausmaß Journalismus dazu dienen soll, vorher definierte Ziele, die vor allem einem moralischen Kompass folgen, zu erreichen. Und darum zu bedenken, wann Journalismus zu Aktivismus wird, völlig unabhängig von den dahinter liegenden Motiven und ihrer gesellschaftlichen Berechtigung. Denn ist es nicht denkbar, die Gesellschaft durch die Aufdeckung sozialer Missstände verbessern zu wollen, und dies unter Beachtung klassischer journalistischer Prinzipien? Und ist es nicht denkbar, dass dieser Ansatz letztlich sogar glaubwürdiger ist als ein Filterblasenjournalismus?

„Was deutsche Journalisten am meisten tun wollen, ist auch das, was sie in den Augen der meisten Menschen tun sollen“, resümiert eine aktuelle Studie des Hans-Bredow-Instituts über journalistische Rollenbilder. Und weiter: „Dies umfasst in erster Linie die klassischen journalistischen Aufgaben der objektiven Berichterstattung sowie der Analyse und Einordnung.“

Wenn es also nun heißt, der Neutralitätsanspruch der Medien sei durch Akteure wie Donald Trump zerstört worden (seltsamerweise wird dieses Argument nie auf Antidemokraten wie Wladimir Putin, Xi Jinping oder Baschar al-Assad angewendet, mit denen Medien auch täglich umgehen), und daraus die Schlussfolgerung gezogen wird, dass Journalisten ihre Prinzipien aufgeben müssen, dann wäre dies nichts anderes als eine Kapitulation eben vor dem großen Manipulator Donald Trump.

Das wäre dann auch das Ende eines Journalismus, der trotz einer zunehmend polarisierten Welt danach trachtet, ein Forum der Gedanken zu sein, die allein dem Argument verpflichtet sind und nicht der Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

Eine Szene, zwei Blickwinkel

Tucker Carlson war in Bestform. Als der Moderator des TV-Senders Fox News zuletzt über die Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA sprach, lieferte er ein rhetorisches Meisterwerk ab. Carlson kam sofort zum Punkt und sagte – wie immer mit besorgter Wutfalte zwischen den Augen – über die Demonstranten: „Gewalttätige junge Männer werden das Sagen haben. Die werden dann die Regeln aufstellen – einschließlich denen in euren Gegenden. Sie werden machen, was sie wollen; ihr werdet tun, was sie euch befehlen. Niemand wird sie aufhalten. Ihr werdet nicht hier leben wollen, wenn das passiert.“

Rüber zu MSNBC, wo Rachel Maddow fast gleichzeitig und mit der gleichen Besorgnisfalte sagt: „Die Soldaten sind bewaffnet, sie tragen Schutzausrüstung und Bajonette. Helikopter führten ein Spektakel der Stärke auf – das ist eine Taktik des Militärs bei Schlachten, um Aufständische zu zerstreuen. Es ist der gruselige Beweis für die Lust dieses Präsidenten, seit dem ersten Tag im Amt genau das sehen zu wollen. Es hat dreieinhalb Jahre lang gedauert, aber endlich hat er das Militär auf den Straßen. Wir müssen uns bemühen, unsere Städte als Heimat zu sehen und nicht als Kriegsgebiete.“

Was geht einem durch den Kopf, wenn man eines der beiden Statements hört – die, wohlgemerkt, den gleichen Tag, die gleichen Situationen beschreiben? Klingt, je nach Perspektive, die eine Person vernünftig und die andere verrückt?

Carlson und Maddow wollen den Sorgen, vor allem aber den Ängsten ihrer Zuschauer eine Stimme geben – aber klingt es nicht so, als würden sie diese Sorgen und vor allem die Ängste erst in den Köpfen ihrer Zuschauer manifestieren?

Man könnte über die Illusion von Objektivität im Journalismus debattieren und darüber, dass die drei größten Nachrichtensender der USA für sich reklamieren, den Zuschauern ausschließlich Fakten zu präsentieren – und dann zur gleichen Zeit und über die gleiche Situation (die Lage in der Hauptstadt Washington) diese Zeilen am unteren Bildschirmrand einblendeten: „Proteste mit großer Beteiligung in Washington, Ausgangssperre nach hinten verlegt“ (CNN), „Friedliche Proteste in Städten überall in den Vereinigten Staaten“ (MSNBC), „Attacken gegen die Polizei während landesweiter Krawalle“ (Fox News).
Das jedoch würde zu kurz greifen, denn: Es ist Wahljahr, und es gehört zur Tradition in amerikanischen Medienhäusern, zumindest in Kommentaren und TV-Monologen die Neutralität aufzugeben und eine Wahlempfehlung auszusprechen. Die New York Times etwa tut das seit 1860 (sie riet zur Wahl von Abraham Lincoln). Es sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die Zeitung seit Dwight D. Eisenhower im Jahr 1956 keinen Republikaner mehr empfohlen hat und dies auch in diesem Jahr nicht tun dürfte.

Es ist jedoch auch nicht so, dass ein Großteil der Amerikaner nun denkt, vor vier Jahren einen Fehler gemacht zu haben. Daran ändert die Ignoranz Donald Trumps während der Pandemie wenig, genauso wie der Tod des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis und Rayshard Brooks in Atlanta. Ein Blick auf die Umfragen zeigt: Ja, Herausforderer Joe Biden liegt vorne – in etwa so, wie Hillary Clinton 2016 vorne gelegen ist.

s kommt in der Politik mittlerweile, das haben die Wahl 2016 und das Comeback von Biden bei den Vorwahlen in diesem Jahr gezeigt, auf das im Sport so oft beschworene Momentum an: diesen einen Moment, in dem eine Veranstaltung kippt oder entschieden wird. Das Coronavirus ist so ein Momentum-Moment, die Proteste ebenfalls – und die TV-Sender sind in diesen Tagen ganz besonders auf ihre jeweilige Perspektive ausgerichtet.

MSNBC zum Beispiel schickt seine Reporter gerne zu den Protestierenden, die auffällig häufig sehr jung und sehr weiß sind, Schilder mit positiven Botschaften in die Luft halten und Sachen sagen wie, dass sie sich friedlich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen würden und nur Angst vor der Polizei hätten. Im Hintergrund: Polizisten in Kampfmontur.

Bei Fox News nicht zu sehen: Die Waffen der Beamten

Fox News positioniert die Kamera im exakt gleichen Moment hinter Polizisten und filmt über deren Schultern. Nicht zu sehen: Die Waffen der Beamten. Sondern: Schilder mit Aufschriften wie „Fuck the Police“ und Demonstranten, die wütend brüllen oder gar randalieren.

Es ist die gleiche Szene, nur aus verschiedenen Perspektiven, und die Botschaft an die Zuschauer könnte unterschiedlicher kaum sein. Beide Versionen werden nicht nur in den TV-Sendungen gezeigt, sondern millionenfach auf sozialen Netzwerken geteilt – denn, wie der Rapper Killer Mike kürzlich sagte: „Wenn Twitter das ungeliebte Herz der öffentlichen Debatte in Amerika ist, dann sind die Kabelsender seine Aorta, die Angst und Wut in den Körper pumpt.“

Andere Medien sind in diesem Bild die Arterien, wenn sie zum Beispiel die Twitter-Einträge des US-Präsidenten zitieren und in jede Faser dieses Körpers transportieren. Oder wenn die New York Times am Memorial Day – einem Feiertag, an dem der Gefallenen gedacht wird – auf der Titelseite die Namen von Coronavirus-Toten veröffentlicht, dann ist das auch eine deutliche Botschaft an Trump, der sich davor zum Kriegspräsidenten ausgerufen hatte.

Selbst das nichtkommerzielle Hörfunknetzwerk NPR, ansonsten mit Schweizer Neutralität gesegnet, spottete mit einem Wortspiel auf die Pläne von Trump, gegen die Proteste das Militär einzusetzen: „Show force“ bedeute zwar „Stärke zeigen“, bei Trump sei es eher eine „Ausstellung der Soldaten“.

Mit der Neutralität ist es spätestens jetzt vorbei – es geht darum, wer im November die Wahl gewinnen wird und was das für TV-Sender und andere Medien bedeuten wird.

Wie und was sie senden, dafür ist nicht Altruismus oder ein gesellschaftlicher Auftrag entscheidend: Sie sind gewinnorientierte Unternehmen. Pandemie und Proteste bescheren ihnen grandiose Einschaltquoten und Klickzahlen.

CNN überholt MSNBC links

CNN hat bemerkt, dass es in der Mitte zwischen Fox News und MSNBC nichts zu holen gibt, weil es kaum noch eine Mitte gibt in diesem Land. Also wurden die Primetime-Moderatoren Chris Cuomo und Don Lemon zu Trumps bissigen Chefkritikern und überholten so die MSNBC-Konkurrenten Maddow und Chris Hayes. Fox News rückt indes, auch nach Kritik von Trump, noch ein bisschen näher an den Präsidenten heran.

Es geht auch für die TV-Sender ums Gewinnen, sie müssen bei den Zuschauern punkten. Und das können sie derzeit am besten mit spektakulären Bildern und markigen Statements. Was man allerdings bedenken sollte: Die Präsidentschaftswahl findet erst in fünf Monaten statt.

Rassismusdebatte: Die Migration erfasst auch die Redaktionen

In den USA erfassen die Proteste gegen Rassismus auch die Medienhäuser. Chefs müssen zurücktreten – ein Vorgeschmack auf kommende Auseinandersetzungen.

In den USA stürzt das Medienpersonal seine Chefs. Die Rücktritte häufen sich. Nicht nur im politischen, sondern auch im unterhaltenden Sektor. Am Mittwoch musste ein Vizedirektor des Großverlags Condé Nast den Posten räumen. Kurz zuvor verlor der Chefredaktor des konzerneigenen Magazins «Bon Appétit», Adam Rapoport, seinen Job. Beim «Philadelphia Inquirer» war der Redaktionsleiter nicht mehr erwünscht, und bei der «New York Times» fiel der Chef des Meinungsressorts in Ungnade.

Der Proteststurm nach der Tötung von George Floyd durch Polizisten hat die Chefs weggefegt. Die Rücktritte erfolgten aus wenig triftigen Gründen. Aus der Ferne drängt sich unweigerlich die Frage auf, wie standfest die wirtschaftlich ohnehin angeschlagenen Medienhäuser bei politischen Aufwallungen sind und ob eine jakobinische Kultur um sich greift, welche Meinungsverschiedenheiten mit der Guillotine beenden will.

Dem Chef von «Bon Appétit» wurde ein 16 Jahre altes Bild zum Verhängnis. Er trat an einem Fest wie ein Puerto-Ricaner auf, was man ihm nun als unstatthafte Aneignung einer anderen Kultur ankreidet. Ob er sich damals braun gefärbt hat, wie es heißt, scheint nicht so klar. Bedenklich stimmt allein die Tatsache, dass man einem derart alten Bild noch so viel Bedeutung zumisst.

Überreizt wirkt auch der Aufruhr beim «Philadelphia Inquirer». Dessen Chef verlor den Rückhalt aufgrund einer Schlagzeile der Architekturexpertin: «Buildings matter, too» – eine Anspielung auf die Parole «Black Lives Matter». Man mag darüber diskutieren, ob dies angesichts der derzeitigen Proteste gegen Rassismus geschickt war. Mit Klarstellungen zur Legitimität von Demonstrationen und zur Illegalität von Plünderungen sollte es möglich sein, Missverständnisse im Nachhinein auszuräumen. Das würde von einer Kultur der Offenheit zeugen. Bei der «New York Times» scheint dies ebenso wenig möglich. Den Chef der Meinungsseiten hielt man nicht mehr für tragbar, weil er es zugelassen hatte, dass ein republikanischer Senator für den Einsatz von Militäreinheiten gegen ausartende Gewalt plädiert hatte. In der Sache kann man verschiedener Meinung sein. Doch die Ausschaltung von missliebigen Positionen schadet dem eigenen Medium als sozialer Vermittlerin.

Allerdings gilt es, Anlass und Ursachen auseinanderzuhalten. In den Protesten der rebellierenden Redaktionen wird ein schon länger bestehender Missmut hörbar. Die Kritiker verweisen auf ungerechtfertigte Lohnunterschiede, auf die Missachtung von Minderheiten in der Redaktion und auf die Themensetzung, welche die gesellschaftliche Realität einseitig widerspiegle.

Der soziale Wandel wird früher oder später alle Redaktionen erfassen. Die Migration bricht die kulturell relativ homogenen Redaktionen auf. Neue Anspruchsgruppen treten auf. Mancher wird sich vor einem Auftrumpfen der politischen Korrektheit fürchten. Doch der Ruf nach Einbezug weiterer Gruppierungen erfolgt ebenso aus wirtschaftlichem Kalkül. Nicht zufällig arbeiten kapitalistisch orientierte Medien derzeit ebenfalls daran, die Frauen in den Publikationen sichtbarer zu machen. Eine gezielte Ansprache auch von Einwanderergruppen und deren Themen scheint demnach naheliegend. Was derzeit in den USA geschieht, könnte demnach ein Vorgeschmack auf hiesige Entwicklungen sein. Möge der Wandel ohne moralischen Rigorismus glücken.

Verlage suchen Sparpotenzial statt neuer Finanzierungsmodelle

Die Bauer Media Group räumt auf: Das Hamburger Medienunternehmen stellt die Zeitschrift „Laura Wohnen kreativ“ ein. Außerdem verlagert das Unternehmen die Produktion des Magazins „Wohnidee“ an einen externen Dienstleister.

Rund 30 Mitarbeiter sind nach Angaben des Unternehmens von den Maßnahmen betroffen. Mit den „beschlossenen Maßnahmen schaffe die Bauer Media Group die wirtschaftlichen Grundlagen, um dieses für Leserinnen und Leser wichtige Segment erfolgreich durch die Krise zu steuern“, heißt es vom Unternehmen.

Nachrichten wie diese sind keine Seltenheit in Zeiten der Coronakrise. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise haben die deutschen Medienhäuser mit Wucht getroffen. Die Leserzahlen sind zwar bei den meisten Publikationen seit März nach oben geschnellt, parallel haben sich aber die Werbeeinnahmen radikal reduziert.

„Den Verlagen ist es bisher nicht gelungen, einen finanziellen Vorteil aus der gestiegenen Nachfrage zu ziehen“, meint Cornelia Berger, Leiterin des Bereichs Medien bei der Gewerkschaft Verdi.

Der Branchenverband ZAW, der die deutsche Werbewirtschaft präsentiert, sprach vor einigen Tagen von einer „durchweg besorgniserregenden Entwicklung bei allen Werbeträgern. „Das Minus von zehn bis 20 Prozent ist eine Prognose, kein Worst-Case-Szenario“, sagte ZAW-Hauptgeschäftsführer Bernd Nauen über die Auswirkungen der Coronakrise. Der Werbeverband gibt alljährlich eine Prognose ab. So schlecht wie dieses Jahr fiel sie noch nie aus. Die Konsequenzen für die Medienbranche fallen drastisch aus.

Kurzarbeit in vielen Verlagen

„Wir erleben wegbrechende Werbeeinnahmen und gleichzeitig ein riesengroßes Interesse an seriösem Journalismus. Wie unter einem Brennglas kann man beobachten, woran der Journalismus als Geschäftsmodell im Moment krankt“, sagte Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands. Die Medienunternehmen, wie auch die Gesellschaft insgesamt, müssten sich jetzt überlegen, wie Journalismus in der Zukunft finanziert werden soll. „Dafür brauchen wir neue Finanzierungsmodelle.“

Doch statt neuer Finanzierungsmodelle setzen Verlage den Rotstift an. „Dass Corona maßgebliche Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft hat und haben wird, war schnell klar“, sagte Ingo Klinge, CEO Publishing Germany Bauer Media Group. „Dementsprechend haben wir direkt den Impact auf unser Business überprüft, Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und gegengesteuert: durch besondere Vertriebsaktionen aber auch Sondermaßnahmen im Anzeigenmarkt. Kurzarbeit haben wir im Magazingeschäft nur bei unserer Food-Fotografie einsetzen müssen, sowie im Tageszeitungsgeschäft.“

Kurzarbeit gibt es in zahlreichen Verlagshäusern. Beispiel „Der Spiegel“: Das Hamburger Nachrichtenmagazin hat sich nach eigenen Aussagen auf die Bedingungen für Kurzarbeit in der Spiegel-Gruppe geeinigt. Kurzarbeit gilt zurzeit in ausgewählten Abteilungen im Spiegel-Verlag, die Einführung von Kurzarbeit in der Redaktion und der Dokumentation wird noch mit dem Betriebsrat beraten. Auch in der Spiegel-TV-Gruppe ist eine Einführung im zweiten Halbjahr möglich.

Beispiel Axel Springer: Das Berliner Medienunternehmen hat für Teilbereiche von Axel Springer und von Tochtergesellschaften Kurzarbeit beantragt. So etwa die Pace Paparazzi Catering & Event GmbH, ein Bereich, der durch das Verbot von Veranstaltungen und die Schließung von Gastronomiebetrieben sehr stark von den Einschränkungen betroffen ist.

Auch die Vertical Media GmbH ist seit dem 1. Mai auf 80 Prozent Kurzarbeit. „In beiden Unternehmen wird das Gehalt der Mitarbeiter auf 100 Prozent aufgestockt“, sagte ein Springer-Sprecher. Der Vorstand und der Aufsichtsrat der Axel Springer SE hätten sich zudem Ende April entschieden, für das zweite Quartal auf 20 Prozent ihrer Gehälter zu verzichten.

Bisher laufen noch Freiwilligenprogramme

Kurzarbeit gibt es auch beim Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr, das zum Medienkonzern Bertelsmann gehört. Mit dem Mutterkonzern im Rücken, der einen Jahresumsatz von 17 Milliarden Euro erzielt, kommt Gruner + Jahr besser durch die Krise als Konkurrenten, die sich ausschließlich mit journalistischen Inhalten finanzieren. Und doch: „Wir machen derzeit beides: Gegensteuern, wo es nötig ist, und durchaus auch investieren“, meinte ein Sprecher von Gruner + Jahr.

Hinter vorgehaltener Hand wird über Sparprogramme gesprochen, offiziell gibt es keine Aussagen dazu. Verdi-Vertreterin Berger hat bislang noch keine konkreten Corona-Sparmaßnahmen aus einzelnen Medienhäusern auf dem Tisch liegen, bis auf die Kurzarbeit, wie sie sagt.

Das im vergangenen Jahr gestartete Sparprogramm bei Axel Springer, das sich auf den News-Bereich fokussiert, ist im vollen Gange. Noch laufen sogenannte Freiwilligenprogramme. Vorruhestandsregelungen und Altersteilzeiten sind weitere Maßnahmen. Rund 50 Millionen Euro will Springer einsparen, diese Summe hatte das Unternehmen bereits 2019 beziffert. Bei Axel Springer gebe es darüber hinaus keine explizit Corona-bedingten Sparmaßnahmen, meinte ein Sprecher.

Sparen ist auch in der Ericusspitze in Hamburg angesagt. „Nach allem, was wir bisher über die Geschäftsentwicklung und die Folgen der Coronakrise wissen, müssen wir davon ausgehen, dass wir bis zum Ende dieses Jahres etwa 20 Millionen Euro weniger erlösen werden, als wir es im Etat 2020 eigentlich geplant hatten“, heißt es beim „Spiegel“.

Das Medienunternehmen wolle kurzfristig überall dort Geld einsparen, wo es schnell und ohne Investitionen möglich ist. „Unser Ziel sind zehn Millionen Euro; darin enthalten sind vor allem Einmaleffekte, die nicht dauerhaft wirken.“

Doch es sind nicht nur die fehlenden Einnahmen, die den Medien zu schaffen machen, sondern auch logistische Probleme. „2025 wird die Zeitungszustellung in 40 Prozent aller Gemeinden nicht mehr wirtschaftlich sein“, warnte der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV).

Transformation bekommt einen Schub

In einer Studie der Unternehmensberatung Schickler, die der BDZV in Auftrag gegeben hatte, hieß es, die stark steigenden Kosten für die Zustellung von Abonnementzeitungen bei zugleich sinkenden Stückzahlen würden den Zugang zur gedruckten Zeitung in Deutschland dramatisch gefährden.

Mit Blick auf digitale Bezahlangebote der Zeitungen machte BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff deutlich, dass es eine Übergangslücke von mindestens fünf Jahren geben werde, „die es für die Verlage zu überstehen gilt, bis das digitale Geschäftsmodell greift“. In dieser Übergangszeit bilde die Zustellung der gedruckten Exemplare weiterhin das wirtschaftliche Rückgrat der deutschen Zeitungen.

Die Transformation der Medienbranche, die schon weit vor der Coronakrise eingesetzt hat, bekommt durch die Auswirkungen des Lockdown einen gewaltigen Schub, wie Branchenexperten meinen.

Beispiel Gruner + Jahr: Bei dem Hamburger Verlagshaus trifft ein in der Coronakrise gestärktes Leserinteresse auf einen erlahmenden Werbemarkt. So verzeichneten die Verkaufszahlen vieler Ausgaben des „Stern“ in den vergangenen Wochen wahre Rekordwerte. Und doch ist ebenso am Baumwall in Hamburg klar: „Wir müssen das digitale Geschäft noch weiter forcieren“, sagte ein Sprecher.

Auch Werbeexperte Nauen vom ZAW meint: „Die digitalen Werbeträger werden weniger von der Coronavirus-Krise belastet sein und in einem gesamtrückläufigen Markt zulegen können“.

Das Problem: Monetarisierung

Von dieser Entwicklung profitiert beispielsweise Upday, die Nachrichten-App, die auf Samsung-Smartphones vorinstalliert ist und von Axel Springer konzipiert wird. „Upday hat während der Coronakrise starke Nutzerzuwächse verzeichnet: Die Zugriffe haben sich bis auf über 30 Millionen pro Tag verdreifacht.

Auch die Werbeumsätze bewegen sich im ersten und zweiten Quartal 2020 deutlich über dem Vorjahr“, erzählte Peter Würtenberger, CEO von Upday. Laut einer internen Studie sei Upday für 90 Prozent der Nutzer eine der wichtigsten Informationsquellen rund um die Pandemie, fügte er hinzu.

Das Leserinteresse ist groß, und doch: „Das Problem ist die Monetarisierung der journalistischen Inhalte im Internet“, meint Markus Kreher, Medienexperte bei der Unternehmensberatung KPMG. Die digitalen Werbeeinnahmen würden niemals das Niveau der analogen Werbung erreichen, und auch die Erlöse aus Bezahlmodellen würden die Kosten nicht decken.

Für Medienexperte Kreher ist der Trend klar: „Medien müssen sich spezialisieren“, meint er. Wer über eine klar definierte Zielgruppe verfüge und Inhalte biete, die einen Mehrwert darstellen, könne auch höhere Preise im Digitalen verlangen. Denn eines dürfe man nicht vergessen: Das Einkommen, das die Menschen für Medien auszugeben bereit sind, sei begrenzt und werde Corona-bedingt eher sinken als steigen. „Die Menschen werden ihren Medienkonsum neu allokieren.“

„Der Frexit macht uns keine Angst“

Der Philosoph Michel Onfray gründet eine Zeitschrift und will damit die linken und rechten Souveränisten vereinigen. Schuld am Corona-Debakel ist, natürlich, die Unterwerfung unter das Diktat Brüssels.

Die erste Ausgabe von „Front Populaire“ soll in den kommenden Tagen erscheinen – im Lockdown hat der Philosoph Michel Onfray eine Zeitschrift gegründet. Die Homepage, ein „Parlament der Ideen“, funktioniert bereits. Wie Jean-Paul Sartres „Les Temps modernes“ soll die „Volksfront“ zum int: Onfray will die linken und rechten Souveränisten vereinigen. Und das klingt so: „Der Frexit macht uns keine Angst (. . .) Die Corona-Krise ist das Ende das Maastricht-Staats.“ Der sei für das französische Debakel verantwortlich. Dafür, dass es keine Masken und zu wenig Medikamente gab.

Maastricht, analysiert der Autor, besiegele das Ende der französischen Nation, weil Frankreich sich Brüssel unterworfen habe. Die Kluft zwischen Volk und Elite gehe auf die Abstimmung über eine europäische Verfassung vor fünfzehn Jahren zurück – die Franzosen sagten nein, an der Europa-Politik habe sich nichts geändert.

Einig sind sich die Souveränisten in der Ablehnung des Liberalismus, der nach dem Niedergang von Kommunismus und Gaullismus eine historische Chance zu bekommen schien. Diese Entwicklung ist mit der antitotalitären Ideologiekritik und der Aufarbeitung der Vergangenheit verknüpft. Die Souveränisten hielten an ihrem Deutschland-Bild fest, befürworten den Protektionismus und einen starken Staat, der die Wirtschaft lenkt. Das Corona-Debakel, argumentieren sie, gebe ihnen recht. Vereint sind sie auch im Bekenntnis zur weltlichen und unteilbaren Republik, deren „Restauration“ auf Onfrays Programm steht.

Kampfansage an die „tyrannischen Minderheiten“

Das ist eine Kampfansage an die „tyrannischen Minderheiten“ und ein Bekenntnis zur Nation. „Le Monde“ nannte den Philosophen einen „Guru der Rechtsextremisten“ und sein Projekt eine „Allianz der Roten und Braunen“ – der unverbesserlichen Extremisten, die sich der antitotalitären Ideologiekritik und Aufarbeitung des französischen Faschismus verweigerten. Onfray antwortete mit dem Hinweis auf die Vichy-Vergangenheit des „Monde“-Begründers Hubert Beuve-Méry und die hymnischen Artikel auf Pol Pot und die Roten Khmer.

Der linkslibertäre Michel Onfray muss keine maoistische Vergangenheit bewältigen. Er geißelt die permanente Beschimpfung der Populisten als „braune Pest“ und setzt darauf, dass die antitotalitäre Dynamik verpufft. Doch das Fehlen jeglicher Berührungsängste gegenüber den Rechtsextremisten und sein Hass auf Macron, den er als „Gummipuppe des Kapitals“ vorführt, irritieren.

Marine Le Pen wie Alain de Benoist, der Theoretiker der Neuen Rechten, begeistern sich für seine Volksfront der Populisten. Linksradikale Autoren werden für die Zeitschrift schreiben. Als Aushängeschild präsentiert Onfray den Virologen Didier Raoult, den in Marseille Fußballfans, Taxifahrer und Angestellte der Müllabfuhr als neuen Volkshelden feiern. Raoult ist der Star des französischen Populismus. Der Streit um das von ihm propagierte Chloroquin wurde von beiden Seiten als Religionskrieg geführt. Sein Widerstand gegen Paris wird verglichen mit dem de Gaulles gegen Pétain. Wie Onfray verehrt er Nietzsche. Céline hält er trotz dessen Antisemitismus für den größten Dichter. Raoults Frau und Kinder sind Juden. Nach den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ gehörte er zu den wenigen, die sich über das Ausblenden des Anschlags auf den jüdischen Supermarkt empörten.

Macht Trump nach Twitters Faktencheck das Internet kaputt?

Twitter lässt die Aussagen des US-Präsidenten auf Faktentreue überprüfen, und Donald Trump lässt im Gegenzug prüfen, wie er soziale Netzwerke kontrollieren kann.

US-Präsident Donald Trump hat sich mit Twitter angelegt – oder Twitter mit Donald Trump, je nach Sichtweise. Nachdem Twitter zwei Tweets von Trump auf Basis eines Faktenchecks als faktisch nicht richtig gekennzeichnet hat, ging der Präsident in den Angriffsmodus über.

Er droht damit, soziale Medien, die vermeintlich die Meinungsfreiheit beschränken, stillzulegen. Oder ihnen das Leben zumindest schwer zu machen. In der aktuellen Ausgabe unseres Podcasts „Die Medien-Woche“ sprechen wir über den Machtkampf Trump vs. Twitter, erklären den Konflikt und mögliche Konsequenzen.

Außerdem beschäftigen wir uns in dieser Woche mit dem Fall von Jens Söring, der wegen Mordes über 30 Jahre in einem amerikanischen Gefängnis saß, vor einigen Monaten freikam und in seine Heimat Deutschland ausgeliefert wurde. Der Fall sorgte für ein großes Medienecho. Im Interview bewertet der Jurist und Publizist Andrew Hammel die Begleitung des Falls Söring durch deutsche Medien.

Plus: Altkanzler Gerhard Schröder hat jetzt auch einen Podcast. Der Konflikt zwischen dem Virologen Christian Drosten und der „Bild“-Zeitung. Und die „Frankfurter Allgemeine“ stellt die „FAZ Woche“ ein.

Die „Medien-Woche“ ist ein Podcast über die Welt der Medien und ihre Macher. Christian Meier, Redakteur bei WELT, und Stefan Winterbauer, Redakteur des Branchendienstes Meedia, unterhalten sich immer freitags über die wichtigsten Themen der Woche. Hintergründig, analytisch, unterhaltsam.

Bauer kritisiert Nebeneinander von Fernsehpreis & Akademie

Corona-bedingt fällt die Rückkehr mit großer Gala ins Fernsehen für den Deutschen Fernsehpreis aus, alle Stifter betonen aber, dass das 2021 nachgeholt werden soll. Der Jury-Vorsitzende Wolf Bauer äußert unterdessen Kritik am Nebeneinander zweier Preise.

Wenn es nach dem langjährigen Fernsehpreis-Jury-Vorsitzenden Wolf Bauer geht, dann schon. In einem Interview sagte er nun: „Ich bin fest davon überzeugt, dass für eine wirkungsvolle Kultur der Anerkennung EIN dominanter, glamouröser und besonders begehrenswerter Preis ausgestaltet werden muss. Alle, die dazu einen Beitrag leisten können, sollten dafür an einem Strang ziehen.“

Die Verleihung dieses Preises müsse dann auch unbedingt wieder ins Fernsehen. Geplant war die Rückkehr nach vierjähriger Abstinenz schon in diesem Jahr, corona-bedingt musste sie dann allerdings abgesagt werden. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, betonen Bauer ebenso wie alle vier Stifter. Ein „großes glamouröses Ereignis“, das live in der Primetime im Fernsehen übertragen werde, sei „die richtige Präsentationsform, weil sie den Zuschauern noch einmal vor Augen führt, welche programmlichen Glanzlichter ihnen im Verlauf eines Jahres angeboten worden sind“, so Wolf Bauer.

Sat.1-Chef Kaspar Pflüger räumt zwar ein, dass Preisverleihungen „per se eine Herausforderung“ seien, für die die Relevanz der Preisträger, nominierte und ausgezeichnete Programme für die Zuschauer der Schlüssel sei, über das Konzept seien sich aber alle Stifter weiter einig. Stephan Schäfer, Geschäftsfüher Inhalte & Marken der Mediengruppe RTL, betonte ebenfalls, dass man 2021 auf eine Umsetzung der gemeinsamen Vision der Stifter hoffe. „Für die Zuschauer und die Branche möchten wir einen emotionalen, humorvollen und temporeichen Abend mit vielen beliebten Stars inszenieren. Gleichzeitig werden wir das vielfältige Spektrum, die Exzellenz und den Erfolg der Kreativen und unserer Gattung würdigen. Dabei wollen wir ganz bewusst an vielen Stellen die klassische Dramaturgie einer Preisverleihung aufbrechen und mit neuen Ideen überraschen.“

Fehlende Medienkompetenz: Formeln und Fortnite

Kaum etwas hat in Sachen Digitalisierung so rasant Berge versetzt wie die Coronakrise. Mit einer nahezu geräuschlosen Selbstverständlichkeit wurden hierzulande Dinge erreicht, die zuvor als schwierig oder undenkbar galten. Gerade in diesen Tagen zeigt sich, welchen Stellenwert Medienkompetenz in unserer Gesellschaft haben sollte.
Bei Arbeitgebern etwa, die sich bislang gegen das Homeoffice sperrten, hat ein Umdenken eingesetzt.

Auch die Schule machte einen riesigen Sprung, selbst wenn die Homeschooling-Methoden teilweise auf Frontalunterricht per Videokonferenz oder das Ausdrucken ganzer PDF-Kolonnen hinauslaufen. Durch Covid-19 wurden Lehrkräfte, Eltern und Kinder ins kalte Wasser geworfen, und am guten Willen aller Beteiligten – sonst stets der größte Hemmschuh bei neuen Entwicklungen – mangelt es dabei wirklich nicht. Damit Eltern arbeiten und Kinder unter einem Dach lernen konnten, wurden sogar oft weitere Tablets, Computer oder erst mal ein Drucker angeschafft.

Doch trotz allem Enthusiasmus läuft das digitale Lernen nicht ganz reibungslos ab. Grundschüler etwa, die noch nie zuvor etwas ausgedruckt haben, wissen nicht, wie das geht. Sie sind auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen. Die stehen ihnen in ihrem Homeoffice auch dann unterstützend zur Seite, wenn Schüler nicht mit den ziselierten Datenbankstrukturen der Server zurande kommen, um an die benötigten PDF-Unterlagen zu gelangen.

Aber es gibt auch andere Probleme: Eltern erzählen, wie sie vertrauensvoll in ihren Videokonferenzen saßen und ihre Kinder mit dem Schulstoff beschäftigt glaubten. Schauten sie jedoch nach ihnen, spielten sie gerade mit ihren Klassenkameraden „Brawl Stars“ oder „Fortnite“.

Mehr als reine Konsummedien

Diese Beispiele machen deutlich, dass etwas Essenzielles auf der Strecke geblieben ist: die Vermittlung von Medienkompetenz. Natürlich ist es ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn Schüler täglich mit Zoom, Padlet oder Skype umgehen. So lernen sie aktiv, dass Computer, Smartphone und Co nicht nur reine Konsummedien für Instagram, Netflix und Spotify sind, sondern vor allem nützliche Werkzeuge.

Doch was bringt das, wenn Kindern dazu das dringend benötigte Rüstzeug fehlt? Der Umgang mit digitalen Medien zählt heute zweifellos zu den Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Fremdsprachen. Dazu reicht es nicht aus, dass manche Lehrkräfte ihre Schüler nur auf Medienkompetenz-Webseiten verweisen.
Medienkompetenz ist vor allem auch Schutz. Denn an Gefahren im Netz hat sich bisher nichts zum Besseren gewendet.

Was ist mit Datenschutz, Privatsphäre und Persönlichkeitsrecht?

Nach wie vor besitzen Kinder kein Gespür für Datenschutz, Privatsphäre oder Persönlichkeitsrecht. Weiterhin jagen ihnen Kettenbriefe via Whatsapp Angst und Schrecken ein. Ein unbedachter Streich kann rasch zum Cybermobbing mit fatalen Folgen mutieren. Und noch immer versuchen pädophil veranlagte Menschen im Chatbereich von Spielen, das Vertrauen der Kinder zu erschleichen. Hinzu kommen neue Herausforderungen wie Fake News, Hate Speech und Big Data. Sicher, dies alles sind komplexe Themen, aber weil sie uns alle als Gesellschaft betreffen, müssen wir uns damit auskennen.

Darum sollten Kinder gemeinsam mit ihren Eltern einen Medienführerschein machen, bevor sie ihr erstes Smartphone bekommen oder sonst in die digitalen Welten entlassen werden. Ziel dabei ist nicht nur ein versierter Umgang mit den Chancen der Digitalwelt, sondern vor allem auch die Fähigkeit, eventuelle Gefahren einzuschätzen, um sich dann im Notfall angstfrei verhalten zu können.

Es ist toll, dass die Schule nun frohen Mutes die Digitalwelt in den Lernalltag einbezieht, allerdings fehlt es auch manchmal den Lehrkräften an Medienkompetenz, falls sie ein aufklärendes Video zum Thema Antisemitismus als reinen Link verschicken. Wenn danach, wie ein Vater gestand, automatisch ein Fake- News-Clip mit kruden antisemitischen Verschwörungstheorien startet, ist das wohl eher als suboptimal zu bewerten.

Die Schule entlasten

Aber wir sollten Schule auch in Schutz nehmen: Die Infrastruktur muss stimmen und der Lehrer entlastet werden. Es kann nicht sein, dass in fast jeder Firma eine IT-Abteilung für reibungslose technische Abläufe sorgt, während in der Schule dies einem Pädagogen überlassen bleibt. Neben der sehr unterschiedlichen technischen Ausstattung an Schulen müssen Eltern und Schule auch die öffentlichen Bibliotheken in der medienpädagogischen Arbeit stärker mitdenken. Die Bibliothek hat den Ort, diverse Projektangebote, die Technik und die Mitarbeiter, die sich damit kompetent auskennen.

[Der Berliner Medienexperte Thomas Feibel betreibt das Büro für Kindermedien (www.feibel.de). Er ist Autor von „Jetzt pack doch mal das Handy weg“ (Ullstein) und „Mach deinen Medienführerschein“ (Carlsen)]

Und zu Hause? In den Familien hilft das Aufstellen von Regeln. Dazu gibt es im Netz den Mediennutzungsvertrag (www.mediennutzungsvertrag.de), der sich modular am besten mit den Kindern gemeinsam erstellen lässt. Kinder, die darin einbezogen werden, halten sich eher an die Vereinbarungen.

Trotzdem brauchen wir in der Coronakrise auch Verständnis, denn in dieser unfreiwilligen Isolation sind Smartphones und soziale Netzwerke der einzige Draht zu Freunden, Schulkameraden und Verwandten. Sie von einen Tag auf den anderen nicht mehr täglich zu treffen, ist nicht nur für sie kaum zu ertragen. Dass die gegenwärtige Situation trotz Lockerungen mit diffusen Ängsten aufgeladen ist, macht die Sache nicht einfacher. Wer das begriffen hat, möchte Kindern und Jugendlichen das Smartphone nicht einfach wegnehmen.

„Das Radio wird als letztes elektronisches Massenmedium Bestand haben“

Matthias Gülzow, 54, ist Geschäftsführer von Radio Paradiso und Professor an der Hochschule Macromedia. Im Vaunet ist er kooptiertes Mitglied im Fachbereichsvorstand Radio.
Herr Gülzow, vor allem die Privatradios sind auf die Einnahmen aus der Werbung existenziell angewiesen. In den ersten Wochen nach Ausbruch der Corona-Pandemie sind diese massiv eingebrochen. Hat sich die Lage inzwischen stabilisiert?

Im Juni laufen die Werbebuchungen langsam wieder an, das gilt offenbar für die ganze Branche.

Auf welchem Niveau?
Wir rechnen im Juni wieder mit 70 Prozent der zu erwartenden Einnahmen.

Bis wann rechnen Sie mit einer Rückkehr zu den Vor-Corona-Werbeaktivitäten?
Da sind wir so klug wie alle anderen Wirtschaftsweisen! Wenn die Lage sich insgesamt wieder auf dem Niveau von Vor-Corona eingependelt hat, rechnen wir auch wieder mit den Erlösen. Wobei die Buchungen im Radio bei uns schnell weggefallen sind und sich wahrscheinlich schnell wieder erholen. Radio ist günstig und kann schnell hohe Reichweiten aufbauen.

Die Werbe-Reichweiten der Radiowellen – für die sogenannte Media Analyse – werden sonst zweimal jährlich telefonisch erhoben. Wegen Corona findet nun im Herbst keine Befragung statt. Welche Auswirkungen hat das?
Normalerweise wird im Frühjahr und im Herbst befragt, und zweimal im Jahr kriegen die Radiosender dann Zeugnisse. Die Befragung im Herbst dieses Jahres wird zum ersten Mal eingespart, deshalb kriegen wir dann im März 2021 sozusagen keine Halbjahreszeugnisse, erst im Juli 2021 gibt es wieder Ergebnisse. Die Ausweisung im März hatte aber in den letzten Jahren schon keine Auswirkungen auf die Preise, deshalb sind die Auswirkungen nicht dramatisch.

Wir Zeitungsmacher wissen, dass unsere Reichweiten insbesondere über das Internet gerade massiv zugenommen haben. Man sollte annehmen, dass dies auch für das Radio gilt. Ist es da nicht besonders problematisch, wenn keine Daten erhoben werden?
Die Annahme ist richtig. In einigen Wochen sind die Reichweiten von Radio um bis zu 20 Prozent gestiegen. Die Daten der Radionutzung im Internet werden übrigens durchgehend weiter erhoben und auch vierteljährlich ausgewiesen, das ist ja viel einfacher.

Was sagen denn die werbetreibenden Unternehmen dazu, dass sie keine neuen Anhaltspunkte für die Reichweiten ihrer Werbung bekommen?
Das wird sich zeigen, da aber die Online-Reichweiten zur Verfügung stehen und die Preise nach der Juli-MA-Ausweisung gemacht werden, wird wahrscheinlich die Reaktion nicht so erheblich sein.
Kostenlose Werbung für Streichelzoos

Einige Wellen wie auch Radio Paradiso unterstützen in Not geratene kleinere Firmen mit kostenloser Werbung. Findet das weiterhin statt?
Am Ende haben weit über 300 kleine Gewerbetreibende bei uns kostenlose Werbung bekommen, vom Hunde-Ausführservice über Babybauch-Abdruckanbieter und den Streichelzoo bis zur Pizzeria. Wir sind immer noch dabei, die Werbung auszustrahlen. Ende Juni wird das erledigt sein.

Wie erfolgreich ist die Aktion?
Wir kriegen viele sehr gute Rückmeldungen – und die ersten Kunden buchen jetzt sogar auch gegen Geld bei uns weiter. Sie helfen uns, damit jetzt im Gegenzug unser Geschäft wieder in Gang kommt.

Welche öffentliche Unterstützung bekommen die privaten Radios in der derzeitigen Krise?
Im Bund hat der Koalitionsausschuss 20 Millionen Euro vorgesehen für private Rundfunkveranstalter, in Bayern haben das Land und die Landesmedienanstalt 1,25 Millionen Euro für lokale Radio- und Fernsehsender aufgebracht, in Thüringen sind es fünf Millionen und in Brandenburg 750 000 Euro – wobei meist noch nicht raus ist, wer davon wie viel abkriegt. In Berlin war die Unterstützung aus dem Berlin Partner Netzwerk natürlich hilfreich, aber eher symbolisch vom Betrag her. Einige Sender in der Stadt haben Werbebuchungen vom Arbeitsamt bekommen, wobei uns nicht klar ist, wer da warum etwas abbekommen hat. Die Berliner Sender haben in Summe also noch keine Klarheit.

Was könnte von der Politik konkret getan werden?
Als ich als Geschäftsführer von Radio Paradiso 1999 anfing, gab es in Berlin 18 Sender, die unabhängig voneinander um die Gunst der Hörer und der Werbekunden buhlten. Heute teilen sich zwei große Vermarkter den größten Teil vom Kuchen. Die wenigen unabhängigen Veranstalter haben es da schwer. Wenn man die viel beschworene Vielfalt wirklich will, braucht man nicht nur viele Programme, sondern auch viele unterschiedliche Veranstalter. Das könnte die Politik an vielen Stellen durch die Rahmenbedingungen noch viel konsequenter unterstützen. Und jetzt in der Krise kann sie dafür sorgen, dass Hilfe bei den Sendern ankommt, die es nötig haben – und nicht mit der Gießkanne verteilt wird.

Viele Privatradios sehen die zusätzlichen Kosten für das Digitalradio DAB+ als großes Problem an. Sollte man die Pläne für den weiteren Ausbau wegen Corona nun nicht zumindest vorerst auf Eis legen?
Trotz aller Bedenken ist DAB+ heute Realität. Sie können schon heute fast alle UKW-Sender und eben noch einige mehr auf DAB+ empfangen und es dürfen auch keine neuen Autos mehr mit Radios verkauft werden, die kein DAB+ können. Der Ausbau ist also schon da. In der Tat bedeutet das für viele Sender höhere Kosten und dann kommen noch die Kosten für neue Internet-Angebote, das Engagement in Sozialen Medien und vieles mehr. Radio ist heute viel mehr als einzelnes lineares Programm. DAB+ ist nur einer der vielen neuen Bausteine, die jeder Sender in die Hand nehmen muss. In wirtschaftlich guten Zeiten ist das machbar.

Sie unterrichten an der Hochschule Macromedia Medienmanagement. Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf die Attraktivität von Berufen rund ums Radio?
Bei allen dramatischen Veränderungen in den Medien hat Radio als Gattung auch für viele Studierende seine Faszination nicht verloren und wir haben wirklich tolle Absolventen in den Sendern. Radio wird über immer mehr unterschiedliche Wegen verbreitet, im Kern aber wird es als letztes elektronisches Massenmedium Bestand haben. Deshalb sind die Jobs im Radio weiter spannend, auch wenn die Krise an keiner Mediengattung spurlos vorbeigeht. Uns hat es schnell und heftig getroffen, wir erholen uns dann aber auch vergleichsweise schnell.

Disney greift Netflix an

Disney hätte keinen besseren Zeitpunkt erwischen können. Zwei Tage, nachdem ein bundesweites Kontaktverbot das öffentliche Leben zum Erliegen brachte, startete Disney+, der Streamingdienst des weltgrößten Unterhaltungskonzerns, in Deutschland. Es sei „schön, dass viele Menschen in Europa in dieser schweren Zeit nun unsere ermunternden Inhalte von zu Hause aus sehen können“, sagte Kevin Mayer, Disneys damaliger Streamingchef, dem Handelsblatt vor dem Start.

In den Wochen der Ausgangssperren ist Disney+ ein Start nach Maß gelungen. Der Dienst des Micky-Maus-, Star-Wars und Marvel-Konzerns hat aus dem Stand sofort den zweiten Platz unter den Streaminganbietern erobert. Mit durchschnittlich 21 Prozent Marktanteil bis Ende Mai liegt Disney+ hinter Netflix und knapp vor Amazon. Das zeigt eine Auswertung des deutschen Streamingmarktes, die die amerikanische Analysefirma Parrot Analytics für das Handelsblatt erstellt hat.

Getrieben wurde Disneys Erfolg vor allem von der Star-Wars-Serie „The Mandalorian“, für die sich schon vor dem Deutschland-Start ein gewaltiges Interesse aufgestaut hatte. Im Januar war das Interesse an der Serie 54-mal so groß wie der Durchschnitt aller Serien auf allen Diensten, im Mai lag der Wert immer noch bei 36,5. „Mit ‚The Mandalorian‘ ist Disney+ mit einem Rammbock in den deutschen Markt eingedrungen“, sagt Steve Langdon, Europachef von Parrot Analytics.

Das Unternehmen aus Beverly Hills hat die Streaming-Nachfrage für die Zeit von Januar bis Mai untersucht, also für die Zeit vor Corona, der Wochen der strikten Kontaktverbote und die Zeit danach, als die Maßnahmen vielerorts wieder gelockert wurden. Es dürften entscheidende Monate für die Zukunft des deutschen Fernsehmarktes gewesen sein. Millionen Deutsche saßen zu Hause, konnten weder in die Schule noch ins Büro fahren. Alternative Vergnügungen wie Kino-, Konzert- oder Restaurantbesuche waren unmöglich.

Für Streamingdienste war die Zeit eine gewaltige Chance, neue Kunden zu werben. Millionen zu Hause Gestrandete probierten die Serienbibliotheken der Dienste zum ersten Mal aus. Allein Netflix steigerte die Zahl seiner Abonnenten in Europa und im Nahen Osten zwischen Januar und April um sieben auf knapp 59 Millionen.

Die Parrot-Zahlen für sieben in Deutschland aktive, kommerzielle Streamingdienste zeigen, wie der Start von Disney+ Ende März den Markt aufgemischt hat. Wer unter den etablierten Playern Netflix und Amazon Prime Video vorn liegt. Und wie sich TVNow und Joyn, die Ableger von RTL und Pro Sieben Sat.1, im Streamingkonzert gegen die Konkurrenz aus den USA behaupten.

Keine klassischen Einschaltquoten bei Streaming

Zwar haben deutsche Serien gegen US-Welterfolge wie „The Witcher“ oder „Game of Thrones“ keine Chance – keine einzige taucht in den Top 10 eines Monats auf. Dennoch schaffen es auch die deutschen Plattformen in jedem Monat unter die beliebtesten Formate: Realityshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s Next Topmodel“ liegen teilweise vor US-Serien wie „Outlander“.

Parrot Analytics misst keine Einschaltquoten. Das Unternehmen nutzt ein patentiertes Verfahren, um anhand von global zwei Milliarden Datenpunkten pro Tag zu messen, welche Serien und Shows – keine Filme oder Dokumentationen – am stärksten nachgefragt werden. Die Nachfragewerte, die Parrot erhebt, sind komplexer als reine Abrufzahlen: Sie beziehen unter anderem Onlinesuchen nach Serientiteln, Posts in sozialen Medien und Fanseiten, Abrufe von Trailern oder Downloads auf Piraterie-Seiten ein.

Je höher der Aufwand ist, den ein Nutzer betreibt, desto höher wird die Aktion gewichtet: Eine Fernsehkritik auf einer Fanseite zu schreiben ist ein stärkeres Nachfragesignal als diese Kritik zu lesen oder der Serie einen Like auf Facebook zu geben. Zu Parrots Kunden zählen unter anderem die US-Sender Fox und NBC oder der italienische Medienkonzern und Pro7-Großinvestor Mediaset.

Die Alternative zu Quoten ist zum einen notwendig, weil es schlicht keine Streaming-Einschaltquoten gibt. Gerade Netflix teilt seine Abrufzahlen sehr selektiv – sprich, nur wenn eine Serie Erfolg hat. Selbst die Definition, ob ein Inhalt gesehen wurde, variiert stark: Seit Anfang des Jahres gilt ein Film oder eine Serienfolge auf Netflix nach zwei Minuten als gesehen – vorher mussten sie zu 70 Prozent angeschaut worden sein.

Zum anderen taugt die klassische Quote im Streamingzeitalter kaum als Erfolgsmaßstab. Im werbefinanzierten Privatfernsehen geht es vor allem darum, Spots an möglichst viele Menschen auszuspielen. Etwas vereinfacht gesagt: Je mehr Zuschauer, desto besser. Die meisten Streamingdienste müssen dagegen zahlende Abonnenten bei Laune halten, damit diese nicht kündigen.

Eine Serie mit einer Million glühenden Fans ist wertvoller als eine, die von zehn Millionen nach der ersten Folge abgebrochen wird. Das Fan-Engagement misst die Parrot-Methode besser als eine reine Quote das würde.

Hier zeigt sich auch Disneys Schwachstelle. Dem Dienst fehlt bislang ein breites Serienangebot. „Die Simpsons“, die am längsten laufende Zeichentrickserie der Fernsehgeschichte, ist Disneys zweitstärkste Serie bei deutschen Nutzern. Mit einem Nachfragefaktor von 14,7 liegt sie hinter „Rick and Morty“, der zehntstärksten Serie bei Netflix.

Netflix verteidigt den Spitzenplatz

Netflix verteidigte über den gesamten Zeitraum seinen Spitzenplatz unter den Diensten – mit einem breiten Angebot an beliebten Serien und regelmäßigen Hits wie der Fantasyserie „The Witcher“, die sich von Januar bis März in den Top 10 hielt. Allerdings sank der Marktanteil von Netflix in den Wochen seit dem Start von Disney+ von 36,1 auf unter 30 Prozent.

Von RTLNow bis Apple TV+ haben alle Dienste Aufmerksamkeit an Disney verloren – am stärksten behauptet hat sich allerdings Joyn. Der Anteil des On-Demand-Dienstes von Pro 7 und Sat 1 sank zwischen dem 22. März und Ende Mai nur von 11,5 auf 11,2 Prozent und holte fast Sky Go ein – und das obwohl Serien-Eigenproduktionen wie „Jerks“ mit Christian Ulmen oder „Frau Jordan stellt gleich“ mit Katrin Bauerfeind seit Monaten pausieren.

Joyn hielt seine Position dank einer Mischung aus erfolgreichen lizenzierten Serien und Reality-Formaten. So ist Joyn einer der Dienste, die die Horrorserie „The Walking Dead“ im Angebot haben. Die Serie spielt in einem postapokalyptischen Amerika, in dem Zombies die letzten überlebenden Menschen jagen. Die Hauptfigur, der Sheriff Ryan Grimes, zählt zu den wenigen Überlebenden, weil er im Koma lag, während sich ein Großteil der Menschheit mit dem Virus infizierte.

Just im März, als die Ausgangssperren begannen, stieg „The Walking Dead“ zum Favoriten deutscher Streamingnutzer auf und stieß sogar „The Mandalorian“ im Startmonat von Disney+ vom Spitzenplatz.

Wenig Interesse für TVNow

Auch Eigenproduktionen des MDax-Konzerns aus Unterföhring fanden ihre Fans: Die Sat 1-Serie „Knallerkerle“ kam mit einem Nachfragefaktor von 15,7 auf einen guten Wert, vergleichbar mit Welthits wie „Modern Family“ – und das, obwohl die Comedysendung mit Antoine Monot nur für zwei Staffeln im Fernsehen lief und 2018 abgesetzt wurde. Laut Langdon werden Clips aus der Sendung auf Videoplattformen wie YouTube oder MyVideo so häufig abgerufen, dass der Sendung neues Leben eingehaucht wurde.

Die Castingshow „Germany’s Next Topmodel“, deren 15. Staffel ab Januar lief, schaffte es zwischen Januar und Mai sogar mehrmals in die Top 10 aller Dienste. Im Mai, dem Monat des Staffelfinales, lag der Nachfragefaktor für GNTM bei 21,1 – fast so hoch wie für „The Walking Dead“ in diesem Monat und noch vor „Upload“, einer neuen, vielbeworbenen Amazon-Serie.

Reality-Formate sind auch die einzigen, mit denen RTL in den fünf Monaten durchdrang: Im Januar schaffte es „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ auf Platz 9 unter allen Sendungen, im Februar und März kam das in der 17. Staffel laufende „Deutschland sucht den Superstar“ auf Plätze unter den ersten 10.

Insgesamt erregt die Bibliothek von TVNow aber eher geringes Interesse: Schon vor dem Start von Disney+ lag der RTL-Dienst nur bei 6,8 Prozent Marktanteil, danach stürzte er auf 3,9 Prozent ab. Noch schwächer war nur Apple TV+, dessen Anteil sich von 4,2 auf zwei Prozent halbierte. Der deutliche Rückstand von TVNow auf Joyn überrascht, weil die RTL-Plattform bei der Zahl der Seitenabrufe sogar vor Joyn liegt. Allerdings hat Joyn zum einen in den vergangenen Monaten stark aufgeholt.

Vor allem aber weisen die Parrot-Zahlen darauf hin, dass Joyns Inhalte deutlich engagiertere und damit mutmaßlich zahlungsbereitere Fans haben – was langfristig relevant sein dürfte: Beide Fernsehkonzerne versuchen, neben ihrem werbefinanzierten Kostenlos-Dienst einen mit Netflix und Disney+ vergleichbaren Bezahlbereich aufzubauen.

Die beiden US-Dienste dominieren den Markt in Deutschland bislang. Doch ausruhen kann sich Disney+ auf seinem starken Start nicht. Die erste „Mandalorian“-Staffel dürften die meisten Fans längst gesehen haben. Es ist unsicher, ob die nächste Hitserie, „The Falcon and the Winter Soldier“ aus dem Marvel-Universum, ihr geplantes Startdatum im August einhalten kann.

Die Dreharbeiten mussten zeitweise unterbrochen werden, weil Massendrehs monatelang unmöglich waren. Beim Start eines Streamingdienstes mag eine globale Pandemie hilfreich sein – für seinen Betrieb ist sie es nicht.

Die ARD wird 70 Jahre alt – ein Rückblick

Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht im Westen Deutschlands öffentlich-rechtlicher Rundfunk mit dem Fokus auf Regionales. Dann wird vor 70 Jahren die ARD gegründet. Wie alles begann.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist erst wenige Jahre vorbei. Die Nazis hatten Rundfunk in Deutschland gezielt für ihre Propaganda und ihren Terror genutzt. So etwas sollte es nie mehr geben. Das ist die Ausgangslage in den 1940er Jahren, als die Alliierten einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den Regionen im Westen Deutschlands etablieren. Bald sieht man: Es braucht darüber hinaus eine enge Zusammenarbeit unter den Rundfunkanstalten, um auch international mitspielen zu können. Es ist die Geburtsstunde der ARD vor 70 Jahren.

Die Historische Kommission der ARD beschäftigt sich mit Rundfunkgeschichte seit 1945. Der Vorsitzende Heinz Glässgen beschreibt die Anfänge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Die Briten haben demnach nach dem Vorbild der BBC länderübergreifend in ihrer Zone eine Rundfunkanstalt gegründet – den NWDR. Die Amerikaner hatten dagegen eine etwas andere Vorstellung. In allen Ländern ihrer Besatzungszone gründeten sie eigene Anstalten: Radio München (später Bayerischer Rundfunk), Radio Stuttgart (später Süddeutscher Rundfunk), Radio Frankfurt (später Hessischer Rundfunk), in Bremen Radio Bremen und in Berlin Radio im amerikanischen Sektor (RIAS). In der französischen Zone entstand der Südwestfunk (SWF).

Heute gibt es neun ARD-Rundfunkanstalten in Deutschland: Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Südwestrundfunk (SWR), Norddeutscher Rundfunk (NDR), Westdeutscher Rundfunk (WDR), Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), Bayerischer Rundfunk (BR), Hessischer Rundfunk (HR), Saarländischer Rundfunk (SR) und Radio Bremen. Innerhalb der ARD existieren gemeinsam finanzierte Einrichtungen, dazu zählen zum Beispiel das bundesweite TV-Programm Das Erste mit Sitz in München und ARD-aktuell in Hamburg mit den Nachrichtenformaten „Tagesschau“ und „Tagesthemen“.

Kein zentralistisches Staatsfernsehen

„Die Alliierten wollten – nach den Erfahrungen der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur – keinen zentralen Rundfunk, der für Propaganda und für politische Zwecke missbraucht hätte werden können und haben sich gegen zentrale und von der Politik beherrschte Institutionen gewandt“, erläutert Glässgen.

Zur Gründung der ARD – der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland – kam es so: „Es war sehr schnell klar, dass die sechs Rundfunkanstalten nicht alles selber leisten können, beispielsweise was Auslandsberichterstattung, Urheberrechte, Technik oder Kooperation mit europäischen Rundfunkanstalten anging.“

Auf der Bremer Tagung der westdeutschen Rundfunkanstalten am 9. und 10. Juni 1950 trafen die sechs Gründeranstalten (NWDR, BR, HR, RB, SDR und SWF) eine „Vereinbarung über die Errichtung einer Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“. Es ist die Gründungssatzung der ARD. Ende Juli 1950 trat die Vereinbarung in Kraft – Fernsehen gab es zu dem Zeitpunkt als Angebot bei den Sendern noch nicht. Das Kürzel ARD wird 1954 eingeführt.

Glässgen zufolge war die Gründung der ARD „ein notwendiger Schritt“. „Die Intendanten haben relativ rasch gesehen, dass es zur Zusammenarbeit keine Alternative gibt.“

Von Beginn an große Herausforderungen

Drohte die ARD jemals zu zerbrechen, gab es ernsthafte Gefahren? Der Wissenschaftler von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Dieter Dörr, betont: „Schon von Beginn an sahen sich die in der ARD zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten großen Herausforderungen ausgesetzt.“ In den 50er Jahren lehnten demnach Politiker unterschiedlicher Parteirichtungen den nach den Vorstellungen der Alliierten aufgebauten öffentlich-rechtlichen Rundfunk als „Besatzungsdiktat“ ab. „Anderen schwebte ein zentralistischer staatlicher Rundfunk nach Weimarer Muster vor, weil in einem demokratischen Staat, so argumentierten sie, ein Staatsrundfunk ebenfalls zwangsläufig demokratisch sei.“

Der Versuch, ein zentralistisches Staatsfernsehen zu schaffen, scheiterte dann endgültig vor dem Bundesverfassungsgericht Anfang der 60er Jahre. Medienrechtsexperte Dörr zählt auch die Einführung des privaten Rundfunks in den 1980er Jahren auf, durch die sich die ARD einer weiteren erheblichen Gefährdung ausgesetzt gesehen habe. „Eine ganze Reihe von Medienpolitikern erhob die Forderung, dass – sobald die privaten Anbieter etabliert seien – der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wenn schon nicht als ein Modell von gestern abgeschafft, doch auf eine Restversorgung im Bereich der Hochkultur reduziert werden solle.“ Das Bundesverfassungsgericht habe aber die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen gestärkt.

Knackpunkt duales System

Welche Herausforderungen gibt es aktuell für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Dörr betont: „Der Streit um die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im sogenannten dualen System, seine Unabhängigkeit und seine funktionsgerechte Finanzierung dauert bis heute an, wenn auch mit stets unterschiedlicher Akzentuierung.“ Gegenwärtig gehe es etwa darum, welche Aufgaben ihm im Online-Bereich zukommen, wie die Unabhängigkeit etwa bei der Gremienbesetzung gesichert und auf welche verfahrensrechtliche Weise der Anspruch auf funktionsgerechte Finanzierung gewährleistet werden kann.

Der ARD-Vorsitzende und WDR-Intendant Tom Buhrow betont zum Jubiläum: „Die ARD entwickelt sich so schnell und grundlegend weiter, wie sie es noch nie getan hat.“ So werde die Kooperation zwischen den Landesrundfunkanstalten künftig noch zunehmen – bei gleichzeitiger Wahrung der regionalen Profile.

Youporn, Pornhub und MyDirtyHobby bekommen Post

Die von den Landesmedienanstalten gebildete Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) geht gegen Anbieter pornographischer Webseiten mit Sitz im Ausland vor. Anfang Mai habe man Maßnahmen gegen drei Webportale beschlossen, die in Zypern gemeldet sind, teilte die Kommission mit. Handeln soll es sich um die Angebote Youporn, Pornhub und Mydirtyhobby, hinter denen ein und dasselbe Unternehmen steht.

Diese drei Portale werden von der KJM „beanstandet“. Sie dürfen in der gegenwärtigen Form nicht weiterbetrieben werden. Die Webseiten verstießen gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, indem sie Pornographie frei zugänglich machten, ohne sicherzustellen, dass Kinder keinen Zugang haben, so die KJM. Gemäß Jugendmedienschutz-Staatsvertrag dürften „pornographische Angebote im Internet nur innerhalb einer geschlossenen Benutzergruppe für Erwachsene verbreitet werden, die mittels vorgeschalteter Altersverifikationssysteme hergestellt werden kann“. Anbieter mit Sitz in Deutschland kämen dieser gesetzlichen Verpflichtung in der Regel nach, bei Anbietern mit Sitz im Ausland sei die Rechtsdurchsetzung „grundsätzlich schwieriger“.

Dem Betreiber der drei Portale wird die Verfügung der KJM nun zugestellt. Er kann dieser folgen, er kann untätig bleiben oder sich juristisch dagegen zur Wehr setzen. Sofort abgeschaltet werden die Porno-Portale noch nicht. Dafür bedarf es eines weiteren Beschlusses der Kommission für Jugendmedienschutz, mit dem in Sommer oder Frühherbst zu rechnen ist. Beschlossen würde dann eine „Netzsperre“, durch welche Telekom- und Mobilfunkanbieter wie Vodafone oder die Telekom aufgefordert sind, die von der KJM untersagten Angebote in Deutschland nicht mehr zu verbreiten.Die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen hatte im September 2019 begonnen, die Seiten zu prüfen.

Man habe die Anbieter der Pornoportale in Abstimmung „mit der zypriotischen Medienaufsichtsbehörde“ angehört, sagte der Vorsitzende der KJM, Marc Jan Eumann. Gelinge es trotz der vorliegenden Beschlüsse nicht, „die Anbieter zu einer rechtskonformen Anpassung ihrer Angebote zu bewegen“, sei man „bereit, den Weg weiterzugehen und alle zur Verfügung stehenden Rechtsmittel auszuschöpfen. Dass Anbieter mit solch enormer Reichweite, die sich gezielt an deutsches Publikum richten, deutsches Recht trotz offenkundiger Gefährdung von Kindern und Jugendlichen ignorieren, ist nicht hinnehmbar.“ Man habe nun die Chance auf „eine konsequente Rechtsdurchsetzung im Netz“, sagte der Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, Tobias Schmid.