EU zieht positive Bilanz über ein Jahr Datenschutz-Grundverordnung

Die EU-Kommission ist mit der EU-weiten Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zufrieden, deren Inkrafttreten sich am 25. Mai zum ersten Mal jährt. Fast 145.000 Beschwerden von Bürgern seien seither bei den Datenschutzbehörden der EU-Länder eingegangen, hieß es in Brüssel.

Den Menschen mehr Kontrolle über ihre persönlichen Daten zu verleihen, sei das Hauptziel der Richtlinien, erklärten EU-Justizkommissarin Vera Jourova und der für den Digitalen Binnenmarkt zuständige EU-Kommissionsvizepräsident Andrus Ansip. Fast sieben von zehn befragten Personen geben demnach an, von der neuen Datenschutz-Grundverordnung gehört zu haben und fast sechs von zehn Personen wissen nun, dass eine Datenschutzbehörde in ihrem Heimatland existiere. 2015 seien es nur knapp vier gewesen, teilte die Kommission mit und bezeichnete das steigende Bewusstsein für Datenschutz als „sehr ermutigendes Zeichen“.

Unternehmen meldeten laut den Informationen der Kommission fast 90.000 Fälle, in denen in ihrer Verantwortung liegende Daten versehentlich oder unrechtmäßig weitergegeben wurden. Die neue EU-Datenschutzbehörde habe zudem bisher mehr als 400 grenzüberschreitende Fälle registriert, hieß es.

Die DSGVO verleiht den Datenschutzbehörden das Recht, Strafen in Höhe von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes eines Unternehmens zu verhängen. So wurde in Frankreich Google zu 50 Millionen Euro wegen fehlender Zustimmung zu Werbung verurteilt, in Deutschland ein sozialer Netzwerkbetreiber zu 20.000 Euro wegen fehlender Sicherung von Benutzerdaten, und in Österreich ein Wettbüro wegen illegaler Videoüberwachung zu 5.280 Euro.

EU-Justizkommissarin Věra Jourová: „Datenschutz kann ein Wettbewerbsvorteil sein“

Als vor einem Jahr die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) überall in der Europäischen Union angewendet werden musste, herrschte helle Aufregung: Eigentlich sollte das Gesetz für mehr Transparenz und Mitspracherecht bei der Datenverarbeitung sorgen, und die bis dahin sehr unterschiedlichen Regeln in der EU vereinheitlichen. Kritiker warnten jedoch, das neue Gesetz werde vor allem für Rechtsunsicherheit sorgen. Ein Jahr später ist die Kritik zwar leiser geworden, ganz verstummt ist sie nicht. Věra Jourová ist als EU-Justizkommissarin für das Gesetz zuständig. Den Jahrestag hat sie mit einem Kuchen gefeiert.

Frau Jourová, die Datenschutzgrundverordnung ist inzwischen seit einem Jahr in Kraft, aber viele Unternehmen halten sich nach wie vor nicht an die neuen Regeln. Ist die DSGVO ein Erfolg?

Věra Jourová: Natürlich habe ich gemischte Gefühle. Ich bin ja nicht taub und höre die Beschwerden von kleineren Unternehmen: Da herrscht immer noch eine große Unsicherheit, auch aus Sorge vor Sanktionen. Gleichzeitig merken die Unternehmen aber, dass die DSGVO für sie auch eine Chance ist: Spätestens nach dem Cambridge Analytica-Skandal machen sich die Menschen viel mehr Gedanken darüber, was mit ihren Daten passiert. Datenschutz kann also auch ein Wettbewerbsvorteil sein.

Nach dem Inkrafttreten gab es auch in Deutschland viele Stimmen, die gewarnt haben, die DSGVO werde ihr Geschäftsmodell zerstören, man dürfe seinen Namen nicht mehr aufs Klingelschild schreiben und so weiter.

Es gab die absurdesten Gerüchte! Zum Glück ist das vorbei, die Leute haben gemerkt, dass ihre Befürchtungen grundlos waren. Die Behörden gehen eben nicht zum Bäcker und fragen: „Wo ist der Datenschutzbeauftragte dieser Bäckerei?“ Mich hat aber erschreckt, dass ein Teil der Europäer offenbar tatsächlich glaubt, dass die Leute in Brüssel auf einem anderen Planeten leben und auf solche Ideen kommen könnten.

In den vergangenen Wochen und Monaten gab es immer wieder Berichte über Datenpannen bei Facebook oder Google. Bisher forderte aber nur die französische Datenschutzbehörde von Google 50 Millionen Euro Bußgeld, die irische prüft den Konzern seit dieser Woche . Warum hat es noch nicht viel mehr Sanktionen gegeben?

Die Verfahren brauchen Zeit. Insgesamt laufen im Moment fast 450 grenzüberschreitende Verfahren; aber je größer das Unternehmen und je größer die Masse an Daten, umso aufwendiger sind die Untersuchungen. Ich würde den Erfolg der DSGVO aber auch nicht an der Zahl der Verfahren oder der Höhe der Strafen messen wollen. Viel wichtiger ist die präventive Wirkung. Unternehmen müssen sich jetzt viel gründlicher überlegen, was sie mit den Daten ihrer Kunden machen dürfen und was nicht.

Ein wichtiges Feld für den Datenschutz ist das Tracking im Internet, etwa wenn Firmen Daten darüber sammeln, welche Seiten ich aufrufe, um mir dann maßgeschneiderte Werbung anzuzeigen. Das sollte eigentlich die sogenannte E-Privacy-Verordnung regeln, die als Schwestergesetz zur DSGVO gedacht war. Aber das Gesetzgebungsverfahren stockt. Warum?

Bei dem Thema gibt es Vorbehalte von verschiedenen Seiten. Schon bei der DSGVO hatten manche Mitgliedstaaten die Sorge, dass die EU zu viele Vorgaben macht, diese Befürchtungen gibt es jetzt auch wieder. Die Kommission wird nach der Wahl einen neuen Anlauf unternehmen, dieses Gesetz zu verabschieden. Aber so ist eben die Demokratie, manchmal dauert es länger.

Die DSGVO hat auch den Rest der Welt aufmerksam gemacht. Sogar Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat neulich ein Datenschutzgesetz nach europäischem Vorbild gefordert. Nehmen Sie seinen Vorschlag ernst?

In den USA wird ja bereits über Datenschutzgesetze diskutiert, Kalifornien hat sogar schon eins, ein bisschen Unterstützung aus der Wirtschaft schadet nicht – wenn die Hilfe in die richtige Richtung geht. Für mich steht aber eher die Frage im Mittelpunkt, ob Facebook sich bei uns an die Gesetze hält. Wir sehen jedenfalls inzwischen, dass die DSGVO auch global Standards setzt: Mit Japan haben wir ein Datenschutzabkommen, Argentinien, Kanada, Mexico, Indien und viele andere Länder arbeiten an Gesetzen, die vom europäischen Standard inspiriert sind.

Gibt es Dinge an der DSGVO, mit denen Sie noch nicht zufrieden sind?

Ja. Zum einen nutzen manche Mitgliedstaaten Spielräume, die die DSGVO ihnen lässt, um Regeln zu erlassen, die dem Ziel des Gesetzes entgegenlaufen – am Ende könnte das wieder zu genau der Fragmentierung des Datenschutzes führen, die wir mit der Verordnung beenden wollten. Und es gibt noch eine Sache, die mir wirklich Sorgen macht: Es gab ein paar Fälle, in denen Politiker versuchten, sich auf den Datenschutz zu berufen, um unliebsame Berichterstattung in der Presse anzugreifen. Das halte ich für eine sehr gefährliche Entwicklung.

Ö: Stillstand in der Medienpolitik

Vorhaben wie die ORF-Reform oder das „digitale Vermummungsverbot“ könnten vom Tisch sein – eine Analyse.

Es war wohl nicht nur ein leiser Seufzer der Erleichterung, der so Manchem auf dem Küniglberg angesichts des jähen Endes der türkis-blauen Regierungskoalition entfahren sein dürfte. Denn das Scheitern der Zusammenarbeit von ÖVP und FPÖ bedeutet (zumindest vorerst) auch das Aus für die Unsicherheit eines neuen ORF-Gesetzes, das bereits für Herbst geplant war.

In der Tat war die Fallhöhe in der Medienpolitik gerade für den ORF eine beträchtliche. Immerhin wollte die FPÖ von ihrem Vorhaben, dem ORF die Rundfunk-Gebühren zu entziehen, nur ungern ablassen. Immer wieder stellten FPÖ-Exponenten dem ORF zuletzt die Gebühren-Route ins Fenster. Das hätte bedeutet, dass die GIS-Gebühren entfallen und das Budget des ORF künftig direkt aus dem Bundesbudget kommen müssen. „Geld ist Geld, wo ist der Unterschied?“, möchte man meinen. In der Tat ist der Unterschied subtil, aber nicht unbedingt irrelevant. Die Gebühren wurden zwar im Schnitt nur alle fünf Jahre vom ORF-Stiftungsrat (stets im Umfeld der Erfüllung kleinerer politischer Aufmerksamkeiten) erhöht. Bis dahin flossen sie aber unaufgefordert und stetig. Eine Budgetfinanzierung wird wohl kurzfristiger als alle fünf Jahre verhandelt, der politische Einfluss wäre so auch unmittelbarer, so die Befürchtungen.

Tatsächlich waren gerade die Bundesländer wenig erbaut vom möglichen Entfall der Gebühren, hängen doch in der Mehrzahl der Bundesländer (sieben von neun) Landesaufschläge in nennenswerten Millionenhöhe an den GIS-Einnahmen. Diese wären wohl ersatzlos entfallen. Kein Wunder, dass die Länder – gerade in der ÖVP bekanntlich keine zu vernachlässigende politische Größe – den ORF-Gebühren die Mauer machten, weshalb auch bislang kein Konsens in der Regierung zu finden war.

ORF-Direktionen verlängert

Zum Bonus eines neuen ORF-Gesetzes aus politischer Sicht, der vorzeitigen personellen Neubesetzung der Spitze des ORF, wird es nun nicht so schnell kommen wie gedacht. Das dürfte nicht nur ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz freuen, sondern auch den Rest des Direktoriums, das nun gute Chancen hat, den Rest der Amtszeit abzudienen.

Maßgebliche Entscheidungen auf den Ebenen darunter wurden in den vergangene Monaten ohnehin bereits getroffen – und diese trugen durchaus den neuen politische Verhältnissen Rechnung. Chefredakteur Matthias Schrom (kürzlich in einer Analyse zur Koalitionskrise auf dem Schirm zu sehen) wird ein durchaus intaktes Verhältnis zur FPÖ attestiert. Auch im (nach langer Verzögerungen) doch noch eingeführten Channel-Management sitzen mehrere Menschen mit Gespür für die politische Realverfassung dieses Landes. Insofern ist es auch durchaus erstaunlich, dass der ORF mitten in der tobenden Krise rasch zwei neue Ressortleiterposten in der „Zeit im Bild“ vergab – Entscheidungen, die man normalerweise nicht ad hoc trifft.

Dass das neue ORF-Gesetz doch nicht kommt, hat für den ORF auch Nachteile. Immerhin fällt damit auch nicht die Aufhebung der Sieben-Tage-Beschränkung in der Mediathek, die der ORF lieber heute als morgen loswerden wollte. Zumal diese auch den geplanten ORF-Player, die geplante Streamingplattform des ORF mit Sparten-Kanälen und Interaktionsmöglichkeiten, betrifft. Ob dieser ohne die Novelle sinnvoll ist, ist fraglich. Auch eine Weiterentwicklung des öffentlich-rechtlichen Auftrags im ORF-Gesetz wird wohl nun vorerst nicht mehr stattfinden.

Auch ein weiteres Gesetzesvorhaben könnte nun bis auf weiteres auf Eis liegen. Das „Gesetz für Sorgfalt und Verantwortung im Netz“, das auch als „digitales Vermummungsverbot“ bekannt wurde. Das Gesetz soll es erleichtern, die Urheber von Hasspostings oder Beleidigungen in anonymen Webforen auszuforschen. Es schafft anonyme Postings nicht grundsätzlich ab – aber es führt eine Registrierungspflicht für Nutzer von großen Online-Foren ein. Diese Woche endet die Begutachtungsfrist – eine Umsetzung ist nach dem Ende der Koalition nun jedoch fraglich.

Erneut verschoben wird nun wohl auch die aufgrund der digitalen Transformierung der Branche dringend nötige Neuaufstellung und deutliche Erhöhung der Presseförderung. Diese stagniert seit Jahren auf acht Millionen Euro pro Jahr. Um das angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten der Finanzierung von Qualitätsjournalismus dringliche Thema war es nach der Medienenquete vor bald einem Jahr wieder auffallend still geworden.

Geldquelle Neuwahl

Kurzfristig wird jedoch die ungeplante Neuwahl im Bund und im Burgenland einen größeren Betrag in die Kassen der Medienhäuser einbringen. Von zweistelligen Millionen-Euro-Beträgen gehen Kenner aus. Umsätze freilich, mit denen man nicht gerechnet hat – und vermutlich mehr als jede (selbst üppig erhöhte) Presseförderung.

Eine bereits seit längerem eingeleitete Neuerung startet indessen kommende Woche: Das terrestrische digitale Radio DAB+, das am 28. Mai seinen Regelbetrieb in Österreich aufnehmen wird. Das ist insofern medienpolitisch relevant, gab es doch Überlegungen, eines der ORF-Radios, etwa FM4, auf die DAB-Plattform zu zwingen. Da es noch kaum digitale Endgeräte in den Haushalten gibt, hätte dies vorerst einen deutlichen Verlust an Reichweite bedeutet. Kein Wunder, dass die heimischen Privatsender von der Idee begeistert waren, auch da dies die Attraktivität des Systems natürlich deutlich gesteigert hätte. Auch die Regierungsparteien konnten diese Überlegungen etwas abgewinnen, wobei der Zeitpunkt dafür wohl jetzt, zum Start, gewesen wäre. Auch in diesem Punkt sollte es im ORF Erleichterung geben.

NewsGuard startet in Deutschland

Der Zeitpunkt so kurz vor den Europawahlen ist günstig gewählt, wird doch fast täglich vor Desinformation gewarnt: Seit 21.5. steht das Anti-Fake-News-Tool NewsGuard auch deutschen Nutzern zur Verfügung. Wie bewertet der Service Nachrichtenseiten? Und wann fällt eine Webseite durch? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Die “Förderung der Medienkompetenz” hat sich das Medien-Start-up zum Ziel gesetzt. Die Machen wollen der Verbreitung von Desinformation entgegenwirken und Nutzern helfen, sie zu erkennen und zu meiden. Die Besonderheit: Dafür setzt die US-Firma nicht auf Künstliche Intelligenz, sondern auf menschliches Urteilsvermögen und journalistische Erfahrung. 90 Prozent des Online-Nachrichten- und Informationsvolumens möchten die Verantwortlichen in den jeweiligen Ländern, in denen sie tätig sind, in Form von Mediensteckbriefen überprüfen. In Deutschland sind es zum Start etwa 70 Prozent, Ende Juni will das Team dann die anvisierte Zielmarke erreicht haben.

Hierzulande handelt es sich dabei um etwa 150 Nachrichtenseiten. Die NewsGuard-Liste beruht auf verschiedenen Datendiensten, die die digitalen Aktivitäten verfolgen, heißt es in der Beschreibung. Laut eigener Aussage kommen dann weitere Websites hinzu, die bekannt und einflussreich sind, ansonsten aber nicht die benötigte Reichweite besitzen, um es auf die Liste zu schaffen. Auch kleinere oder neue Websites können sich nach Absprache von NewsGuard bewerten lassen. Vor den Europawahlen soll der Dienst zudem in Frankreich und Italien starten.

Wie werden Nachrichtenseiten überprüft?

Die Redakteure bewerten die Nachrichtenportale nach neun Qualitätskriterien, die in Glaubwürdigkeit sowie Transparenz eingeteilt sind und eine unterschiedliche Gewichtung haben. Dazu gehören:

  • Es werden nicht regelmäßig Falschinformationen veröffentlicht
  • Es gibt eine klare Unterscheidung zwischen Nachricht und Meinung
  • Unterlaufene Fehler werden regelmäßig richtiggestellt
  • Irreführende Überschriften werden vermieden
  • Werbung wird als solche gekennzeichnet
  • Eigentumsverhältnisse und Finanzierung werden veröffentlicht

Maximal vergeben werden 100 Punkte. Erreicht eine Seite weniger als 60 Punkte, bekommt sie ein rotes Label. Satireinhalte werden orange gekennzeichnet, ein graues “i” soll für “User Generated Content” stehen. Diese Labels bekommen Nutzer künftig neben Quellen angezeigt, beispielsweise bei Facebook, Twitter, Google und Bing.

Um selbst dem Transparenzgebot nachzukommen, veröffentlicht die Redaktion, welche Journalisten an der Bewertung beteiligt waren und für welche Medien diese wiederum in der Vergangenheit tätig haben. Sollte eine Nachrichtenseite ein Kriterium oder mehrere Punkte nicht erfüllen, kann sie sich dazu äußern. Statements der Medienhäuser werden dann innerhalb des Berichts veröffentlicht. Die erneute Überprüfung aller Seiten soll in Zukunft alle drei Monate erfolgen, unter Umständen können Aktualisierungen auch häufiger passieren.

Wo finden Leser die NewsGuard-Berichte?

Die Bewertungen werden deutschen Nutzern über ein Browser-Plugin zur Verfügung gestellt. Verfügbar ist das Tool für Safari, Chrome, Firefox und Edge (Microsofts Browser hat die Funktion sogar vorinstalliert) und mobile Geräte mit iOS sowie das Android-Betriebssystem. Die jeweiligen Nachrichtenseiten lassen sich nach Installation des Plugins per Klick überprüfen. Wer bei Google, Edge und Co. nach Begriffen sucht, erhält zudem durch ein grünes Häkchen oder ein rotes X eine schnelle Rückmeldung hinsichtlich der Seriosität einer Webseite.

Ein Klick auf den Button im Browser liefert eine Übersicht der wichtigsten Informationen zur jeweiligen Nachrichtenseite. Dazu gehören beispielsweise Eigentümer und Schwerpunkt der Berichterstattung. Mit einem weiteren Klick kann sich der Nutzer zudem den detaillierten Prüfbericht der Seite anschauen. Dort gibt es die ausführlichen Analysen zu den Prüfkriterien, historische Meilensteine des Mediums und die Auflistung aller für den Mediensteckbrief verwendeten Quellen.

Wer steckt dahinter?

Gegründet wurde das Unternehmen NewsGuard Technologies im März 2018 von Steven Brill und Gordon Crovitz. Sie beide fungieren ebenfalls als gleichberechtigte CEOs. Brill ist amerikanischer Journalist und hat bereits für verschiedene Medienhäuser gearbeitet, Crovitz war Herausgeber des Wall Street Journals und Kolumnist der Zeitung.

Zum Start des Tools sagt Brill: “Wir setzen die menschliche Intelligenz unserer Analysten auf genau das Problem an, das die künstliche Intelligenz des Silicon Valley nicht zu lösen vermochte – das Problem von Fehlinformation und Desinformation im Internet, die das Vertrauen in Medien Beschädigt und Bedenken zur Integrität von Wahlen laut werden lässt.”

Wer ist in Deutschland Ansprechpartner?

Die Leitung des deutschen Teams übernimmt Alina Fichter. Von Februar 2018 an war sie Mitglied der Zeit-Online-Chefredaktion, davor beim Bayerischen Rundfunk und Redakteurin bei der Zeit und der Süddeutschen Zeitung. In ihrer neuen Rolle als Chefberaterin prüft sie die Anwendung der Qualitätskriterien in Deutschland. Dies erledigt sie gemeinsam mit Medienwissenschaftler Florian Meißner, der als beratender Redakteur tätig sein wird. Das Duo checkt künftig alle Bewertungen und Mediensteckbriefe.

Fichter ist Teil des internationalen Beirats, der im Zuge des Deutschlandstarts erweitert wurde: Neben zahlreichen erfahrenen Journalisten aus dem Ausland sitzen dort auch Jimmy Wales, Mitbegründer von Wikipedia, und Anders Fogh Rasmussen, ehemaliger dänischer Ministerpräsident und Nato-Generalsekretär.

Wie finanziert sich das Unternehmen?

NewsGuard ist keine gemeinnützige Einrichtung, sondern arbeitet gewinnorientiert. Derzeit sind weltweit rund 50 Journalisten für das Unternehmen tätig. Zum Start in Deutschland hat das Team zehn Festangestellte und Selbständige. In der Beschreibung heißt es lediglich, dass die Verantwortlichen auf “einige der weltweit größten Unternehmen”, darunter Mobilfunkkonzerne, digitale Plattformen und soziale Medien sowie Internet- und Suchmaschinenanbieter zugehen, um Kooperationen zu starten. In diesem Zuge gebe es Gespräche mit dem Ziel, dass Firmen gegen Bezahlung das Tool in ihr Interface aufnehmen und sich auf diese Weise Transparenz lizenzieren lassen. Um möglichen Manipulationsvorwürfen zuvor zu kommen, erklärt das Unternehmen, dass man kein Geld von bewerteten Nachrichtenseiten akzeptiert.

Immerhin ein finanzstarker Partner aus der Techbranche ist bereits an Bord: Microsoft. Außerdem werden auf der Homepage bislang das “Center for News Literacy” und “Namle” gelistet, das nationale Zentrum für Medienkompetenz und Erziehung in den USA. Hinzu kommen diverse Kooperationen mit Bibliotheken, die das Tool auf ihren Computern installieren. Dies sei in Deutschland ebenfalls in Planung.

„Minecraft“ auf die Straße – wie „Pokémon Go“

Das Videospiel „Minecraft“ ist weltweit populär. Nun soll die Marke mit einem Kinofilm und dem neuen Mobilgame „Minecraft Earth“ ausgebaut werden. Unser Autor Markus Böhm hat erlebt, wie darin Digital- und Realwelt verschmelzen.

Das Abenteuer- und Weltenbauspiel wird zehn Jahre alt. Doch vieles von dem, was solche Sätze nahelegen, ist nur die halbe Wahrheit – das zeigt ein Besuch bei Mojang, den Machern von „Minecraft“. Am Firmensitz in Stockholm konnte ich auch gleich eine Augmented-Reality-Version des Spiels namens „Minecraft Earth“ ausprobieren.

An „Minecraft“ wird im Viertel Södermalm gearbeitet, im ehemaligen Büro von Skype. Das Spiel war 2009 als Einmannprojekt von Markus „Notch“ Persson gestartet. Der sagte in einer Videodoku zu den Anfängen des Spiels, er wolle kein „großes Büro mit, ich sage mal, 150 Leuten“. Heute werden Spiel und Marke von ungefähr 160 Menschen betreut.

Fast jeden Arbeitsplatz bei Mojang zieren Fandevotionalien, im Gemeinschaftsraum steht ein Regal mit Branchenawards neben einer Tischtennisplatte. Abwechslung von der Klötzchenwelt bieten auch Arcade-Automaten und Flipper wie „Attack from Mars“, ebenso Gesellschaftsspiele wie „Munchkin“ und „Catan“.

In einem der Fanbriefe, die im Foyer hängen, bedankt sich jemand, dass „Minecraft“ seine Familie, die sich stets gestritten habe, zusammengebracht habe. In einem anderen fragt ein Lehrer aus Deutschland, wie es sei, bei Mojang zu arbeiten – und ob Kinder lernen sollten, mit der Hand zu schreiben.

Immer noch Briefe an „Notch“

Adressiert ist dieser Brief wie viele an Markus „Notch“ Persson, der aber schon seit Ende 2011 nicht mehr aktiv an „Minecraft“ mitarbeitet – und der heutzutage auch mit Tweets zu Verschwörungstheorien wie „QAnon“ und „Pizzagate“ auf sich aufmerksam macht.

Persson hatte sich 2014 von Mojang verabschiedet – als Milliardär, denn Microsoft kaufte das von ihm mitgegründete Studio und die Marke „Minecraft“ damals für 2,5 Milliarden Dollar.

Auf die Frage, ob Perssons Tweets im Studio noch ein Thema seien, sagt Kreativchef Jens Bergensten: „Nein.“ Man fühle sich mittlerweile „weit weg von ‚Notch‘ und seinen Ansichten“.

In der Welt von „Minecraft“ haben Verschwörungstheorien keinen Platz. Hier lässt sich fast alles mit Logik erklären. Jedes noch so große, noch so komplexe Bauwerk besteht aus Blöcken, so dass es auch jeder andere Spieler – genug Zeit vorausgesetzt – nachbauen könnte. Wenn es ein Spiel gibt, das für „Selbstwirksamkeit“ steht, dann „Minecraft“: Hier hat man ständig das Gefühl, etwas schaffen und erschaffen zu können.

Microsofts Vorzeigeprodukt

Für Microsoft ist es die Zugangskarte in die Welt junger Spielefans. Anders als Windows, Outlook, Word oder der Internet Explorer ist „Minecraft“ für den Konzern ein Produkt mit einem unbefleckten Image. Microsoft-Boss Satya Nadella sagte beim Kauf, „Minecraft“ sei mehr als eine Gamingmarke, nämlich eine „Open-World-Plattform, angetrieben von einer lebhaften Community.“

Auch Mojangs Mitarbeiter sehen sich gern als Macher von etwas, das die Welt verbessere – etwa, weil es als Spiel ohne vorgegebenes Ziel die Kreativität fördert oder durch seine Pixeloptik die Vorstellungskraft anregt. Weil es Kinder an Themen wie Architektur, Kollaboration und Programmieren heranführt. Weil es eine „Minecraft“-Version speziell für den Unterricht gibt. Oder weil die Entwickler versuchen, keine Klischees zu bedienen. So wird beispielsweise das Geschlecht von Kreaturen der Fantasie der Spieler überlassen.

Tatsächlich ist „Minecraft“ so kinderfreundlich und – wenn ein Spieler das will – zugleich so komplex und veränderbar wie kaum ein anderes Spiel. Fans erweitern das Spiel ständig, mit sogenannten Mods. In „Minecraft“ wurden auch schon riesige Fantasywelten wie Mittelerde aus „Herr der Ringe“ und Westeros aus „Game of Thrones“ beziehungsweise „Das Lied von Eis und Feuer“ nachgebaut

176 Millionen Mal verkauft

Binnen zehn Jahren hat sich „Minecraft“ 176 Millionen Mal verkauft – erfolgreicher war bisher nur „Tetris“. Von Survival und Crafting über prozedural generierte Welten bis hin zum Vertriebsmodell, bei dem Fans schon unfertige Versionen spielen durften, hat es zahlreiche Gaming-Trends befeuert. Mittlerweile kann es auf 20 Plattformen gespielt werden, von Smartphones bis zu Virtual-Reality-Headsets.

Ansichten wie jener, nach der „Minecraft“ ein Kinderspiel sei, das seine besten Tage hinter sich habe, stellt Mojang Zahlen entgegen:

  • Mojang-Geschäftsführer Jonas Mårtensson etwa erzählt, dass das Durchschnittsalter der „Minecraft“-Spieler in den USA 24 Jahre betrage. 39 Prozent der Spieler seien Frauen.
  • Zuletzt kam „Minecraft“ auf 91 Millionen monatlich aktive Nutzer. 2014 waren es erst 31 Millionen. Am meisten gespielt wird „Minecraft“ laut Mojang in China (wo es nicht verkauft, sondern als Free-to-Play-Spiel angeboten wird), in den USA und in Russland.
  • Und Mojangs Auswertungen zufolge ist „Minecraft“ auch mehr als „nur ein Spiel“, da Fans nur die Hälfte ihrer „Minecraft“-Zeit spielend verbringen. Die andere Hälfte fließt etwa in Gespräche und Netzrecherchen zum Spiel und in „Minecraft“-Bücher oder -Videos.

2022 kommt der große Kinofilm

Dass sich die Fans so intensiv mit dem Spiel beschäftigen, macht Mojang Hoffnung, dass seine Marke noch viel Potenzial habe. Das Unternehmen hat auch schon einige neue Ideen:

  • Anfang 2022 kommt ein „Minecraft“-Film ins Kino, der sich um die Abenteuer einer Teenagerin und ihrer Freunde dreht – mit echten Schauspielern. Regie führen wird Peter Sollett („Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht“).
  • In Seattle gibt es ab Oktober eine größere „Minecraft“-Ausstellung, im Museum of Pop Culture (MoPop).
  • Weiter geht es auch beim Merchandising, zu dem Rucksäcke, Stofftiere und Dekoartikel gehören – Ravensburger etwa bringt ein „Minecraft“-Brettspiel heraus. Chief Content Officer Vu Bui kann nur schätzen, wie viele Fanartikel es schon gibt: „Das dürften Tausende sein.“

Auch im Bereich Gaming sieht Mojang Wachstumschancen – durch Spieleprojekte, die zu groß sind, um sie in „Minecraft“ selbst einzubauen. Ein Team arbeitet am Ableger „Minecraft: Dungeons“, der sich an Actionrollenspielen wie „Diablo“ orientiert, aber zugänglicher sein soll. Bis zu vier Spieler werden sich darin gemeinsam durch Verließe voller Monster kämpfen können.

„Minecraft Earth“ – das nächste „Pokémon Go“?

Das ambitionierteste Projekt im „Minecraft“-Universum jedoch ist aus einer „Minecraft“-Demo für Microsofts Datenbrille HoloLens hervorgegangen und soll neue Zielgruppen erreichen: „Minecraft Earth“. Dahinter verbirgt sich eine Smartphone-App, die in Redmond bei Microsoft entwickelt wird und die vor allem auf eine Verknüpfung mit der echten Welt und auf Augmented Reality (AR) setzt. In Stockholm konnte ich einen Prototypen des Spiels, das im Sommer in die Betaphase gehen soll, einige Minuten lang ausprobieren.

Ähnlich wie in „Pokémon Go“ finden sich Spieler in „Earth“ als kleiner Avatar auf einer virtuellen – hier bewusst pixeligen – Landkarte wieder. Auf dieser Karte, die auf Open-Street-Map-Daten basiert, bewegen sie sich, indem sie durch die echte Welt laufen.

Als Abenteurer sammelt man so auf der Karte auftauchende Ressourcen ein oder sucht angezeigte Orte auf, an denen kleine Aufgaben warten, wie Kämpfe gegen Monster mit Pfeil und Bogen oder Angelpartien. Man erlebt sie durch das Handydisplay, auf dem mit Hilfe der Kamera virtuelle Dinge oder Kreaturen im Abbild der echten Welt auftauchen.

„Earth“, bei dem Spieler nach und nach im Level aufsteigen, ist ein kooperatives Spiel: Man spielt darin nicht gegen-, sondern miteinander. Wird etwa eine Aufgabe gemeinsam erfüllt, bekommen alle Spieler dieselbe Belohnung.

Bauen auf dem Billardtisch

Zusammen nutzen lässt sich auch der wohl interessanteste Teil des Spiels, die „Build Plates“ – ein AR-Baumodus. Wenn ich während des Tests mit dem iPhone auf Mojangs Billardtisch zielte und dort einen QR-Code scannte, erschien auf dem Display ein Block-Bauwerk, das sich fortan von allen Seiten betrachten ließ. Ging ich mit dem Handy nahe an den virtuellen Bau, wurde er größer, ging ich weg, wurde er wieder kleiner – ähnlich wie bei der alten HoloLens-Demo.

An dem Bauwerk mit einer Breite und Länge von maximal 32 mal 32 „Minecraft“-Blöcken konnten ich und andere Spieler, die ihn über jeweils eigene iPhones sahen, gemeinsam arbeiten, etwa durchs Platzieren virtueller Blöcke per Tippen aufs Display. Einer baute oben weiter, ein anderer sorgte per TNT-Block für Explosionen – alles in Echtzeit simuliert.

Und es gibt noch einen Clou: Ein Bauwerk wie das vom Billardtisch kann auf Wunsch auch größer dargestellt und dann quasi durchschritten werden – ein Block entspricht in dieser Ansicht einem echten Meter. „Earth“-Spieler sollen so bald irgendwo auf der Welt virtuelle, selbstgebaute Kunstwerke mit bis zu 32 mal 32 Metern hinterlegen können, die dann befreundeten Spielern für digitale Besichtigungen offenstehen. Besucher können die Bauten sogar umbauen oder zerstören, wenn sie wollen – das Spiel setzt das Gebäude jeweils wieder zurück.

Auch im Dorf soll es Spaß machen

Nutzer der App werden selbst festlegen können, mit wem sich die eigene „Earth“-Spielwelt überschneidet: Wer einen bestimmten QR-Code scannen lässt, der kann zum Beispiel sehen, wo er gerade nach neuen Ressourcen sucht.

Auf meine Frage hin, ob „Earth“-Spielern außerhalb der Großstädte wie schon bei „Pokémon Go“ mangels interessanter Orte ein langweiligeres Spielerlebnis droht, zeigte sich Art Director Brad Shuber wenig besorgt. Man werde verfolgen, wo es Spieler-Aktivität gebe, sagt er – und wenn dort Aufregendes fehle, werde man versuchen, nachzuhelfen.

Wie das „Pokémon“-AR-Spiel setzt „Minecraft Earth“ auf einfache Zugänglichkeit. Es wird sich kostenlos spielen lassen und finanziert sich über optionale Zusatzkäufe, wie es sie bereits jetzt im In-Game-Store des normalen „Minecraft“ gibt. Wer will, kann zum Beispiel seiner Spielfigur gegen Geld einen neuen Look verschaffen – einen spielerischen Unterschied macht das nicht. Lootboxensoll es nicht geben, ebenso kein „Pay2Win“, wie Brad Shuber verspricht.

Laufen soll „Earth“ auf allen iOS-Geräten mit AR-Kit und allen Android-Geräten mit ARCore – also auf den meisten neueren Smartphones. Klar scheint aber, dass „Earth“ die Geräte fordern wird. Während meines Tests wurde das genutzte iPhone X merklich wärmer. Auch den Akku dürfte die App stark belasten – gerüstet fühlen darf sich, wer schon für „Pokémon Go“ eine Powerbank gekauft hat.

Nicht ganz so spektakulär

Insgesamt machte „Earth“ beim Test einen guten Eindruck – wenngleich die Aufnahmen des Werbetrailers wenig mit meinem Eindruck vom derzeitigen Prototypen gemeinsam haben (eigene Fotos zu „Earth“ durfte ich nicht machen). Das Fenster in die virtuelle Welt ist schließlich immer nur exakt so groß wie der Handybildschirm, den man sich vor die Augen halten muss – man trägt beim Spielen ja keine AR-Brille oder ähnliches. Und so perfekt wie im Video fügen sich die AR-Elemente auch nicht in die Realweltaufnahme ein.

Doch auch jenseits des Werbehochglanzes sah vor allem der Miniaturbau auf dem Billardtisch faszinierend aus – noch näher kam „Minecraft“ Lego wohl noch nie, vom offiziellen Lego-„Minecraft“-Set natürlich abgesehen.

Nach einem Tag bei Mojang voller Superlative bleibt so der Eindruck, dass „Minecraft“ wohl auch in den nächsten Jahren ein Phänomen bleiben wird. Die größte Gefahr für die Marke liegt vielleicht darin, dass ihre Dauerpräsenz zu nerven beginnt – wenn man ihr angesichts von durch die Innenstadt stolpernden „Earth“-Spielern und omnipräsentem Merchandising irgendwann gar nicht mehr entgehen kann.

Wie die BBC in ihren Redaktionen einen Frauenanteil von 50 Prozent erreichte – ohne eine Quote einzuführen

Mit einem freiwilligen Wettbewerb hat es die BBC geschafft, deutlich mehr Frauen an der Berichterstattung zu beteiligen. 74 Prozent der teilnehmenden BBC-Teams erreichten innerhalb eines Jahres eine Quote von 50 Prozent. Das Konzept dient nun als Vorbild für andere Redaktionen.

Während in Deutschland Kanzlerin Angela Merkel mehr Parität in der Wirtschaft fordert und mit Sanktionen droht, schafft das britische Medienunternehmen BBC Fakten. Vor einem Jahr hat die BBC ihre Redaktionen zu einer “Challenge” aufgerufen. Mehr Frauen sollten an der Berichterstattung beteiligt werden – sowohl innerhalb der Redaktion als auch bei der Befragung von Experten. 500 Teams hatten sich dem Vorhaben angeschlossen.

Ein Jahr danach zeigt sich der Erfolg. Ganz ohne Quote produzieren mittlerweile 74 Prozent der Teams Sendungen, an der zur Hälfte Frauen beteiligt sind. Der Großteil der restlichen Redaktionen habe laut der BBC-Analyse einen Anteil von wenigstens 40 Prozent. Bei der BBC-World-News bestehe jedes einzelne Team aus mindestens 50 Prozent Frauen. Der Generaldirektor der BBC, Tony Hall, sagte: “Diese grundlegende Veränderung innerhalb eines Jahres ist erstaunlich. Man kann es überall in unserem Programm sehen und hören.”

Andere Redaktionen ziehen nach

Die BBC hat innerhalb eines Jahres geschafft, woran viele Redaktionen bis heute arbeiten: Eine geschlechtergerechte Verteilung in Teams und Berichterstattung. Redaktionen konnten freiwillig an einer Art Wettbewerb teilnehmen. Jeden Tag prüften sie den Anteil der Frauen an ihrer Berichterstattung selbst. Die Auswertung der Daten wurde Teil der regelmäßigen Teamsitzungen. Einmal im Monat tauschten die Redaktionen ihre Fortschritte mit den anderen BBC-Teams aus. Zu den teilnehmenden Sendungen gehören etwa “The Andrew Marr Show” oder “BBC Breakfast”.

Die Idee für den Wettbewerb hatte Rus Atkins, der selbst Moderator bei der BBC ist. Vor einem Jahr hatten nur 27 Prozent der teilnehmenden Teams ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Atkins erkannte, dass sich mehr Frauen in den Teams auch beim Publikum positiv bemerkbar machen. Ein Drittel der befragten Seher haben eine Steigerung des Frauen-Anteils festgestellt, wie eine Befragung der BBC zeigt. Ein Fünftel der jungen Zielgruppe sagt zudem, dass sie die Inhalte lieber schauen. Bei den über 55-Jährigen ist die Reaktion verhaltener: einer von sechs behauptet in dieser Altersgruppe, dass er wegen der Gendergleichstellung weniger BBC konsumiert hat.

Das Konzept wird wegen seines Erfolgs nun in anderen Redaktionen eingesetzt. Mehr als 20 Partner wollen an der 50:50-Challenge teilnehmen. Dazu gehören Medien wie ABC News, die Financial Times und Fortune.

Schwierigkeiten und Kritik

Schwierigkeiten gab es bei der Umsetzung jedoch auch. Vor allem dann, wenn sich eine Sendung auf ein bestehendes Reporternetzwerk verlässt, das sich nicht einfach ersetzen lässt. Bei der BBC ist das insbesondere in den Bereichen Politik und Business der Fall.

Auch bei Sport-Sendungen waren die Herausforderungen groß, aber machbar, berichten die Redaktionen. 85 Prozent der Mitarbeiter im Bereich Sport waren zu Beginn Männer. Ein Jahr später ist der Anteil der Frauen auf 43 Prozent gestiegen. “Unsere Berichterstattung hat das verbessert”, wird die zuständige Mitarbeiterin der Sportberichterstattung in dem BBC-Bericht zitiert. “Wir hinterfragen unsere Entscheidungen mehr und haben letztlich ein kreativeres und ausgeglicheneres Programm”.

Zur Wahrheit gehört auch, dass sich die BBC in Sachen Gleichberechtigung nicht nur von der guten Seite zeigt. Seit 2017 steht das Medienhaus in der Kritik, weil es Männer besser bezahlt als Frauen – insbesondere in Führungspositionen (MEEDIA berichtete). Im Januar 2018 kündigte die China-Korrespondentin der BBC ihren Job, als sie von der ungleichen Bezahlung im Konzern erfuhr. Im März dieses Jahres hat eine Beobachter-Kommission deshalb formale Untersuchungen zu dem Thema gestartet.

Twitter sperrt lieber zu viel als zu wenig

Seit der Kurznachrichtendienst Twitter eine neue Richtlinie zur Integrität von Wahlen erlassen hat, häufen sich die Beschwerden von Nutzern. Offenbar werden Inhalte ohne Grund gesperrt.

„Wir glauben an die Meinungsfreiheit und sind überzeugt davon, dass jeder einzelne Mensch die Welt beeinflussen kann“, steht auf der Website des Kurznachrichtendienstes Twitter an prominenter Stelle. Wirft man einen Blick auf die Plattform selbst, bekommt man Zweifel, wie ernst es dem Unternehmen damit ist. Eine ganze Reihe von Nutzern berichtet, dass ihre Twitter-Accounts aus nicht nachvollziehbaren Gründen gesperrt worden sind. Dies jeweils mit Verweis auf die angebliche Verbreitung von falschen oder irreführenden Informationen in Bezug auf die Europawahlen. Am Mittwochabend wurde deswegen eine Vertreterin von Twitter im Ausschuss Digitale Agenda des Bundestages dazu befragt.

Gesperrt wegen AfD-Witzen

Grund für die vielen Sperrungen ist die Richtlinie zur Integrität von Wahlen von Twitter, die seit dem 29. April in der EU in Kraft ist. Die Regelung ist eine Reaktion auf den Anfang Jahr von der EU-Kommission veröffentlichten Code of Practice Against Disinformation, der Plattformen zur Bekämpfung von Wahlmanipulation verpflichtet. Gemäß der Richtlinie ist es verboten, irreführende Informationen zu Teilnahme und Ablauf von Wahlen zu verbreiten, Wählerinnen und Wähler einzuschüchtern sowie falsche Kandidaten-Accounts zu betreiben. Gleichzeitig wurde eine Meldefunktion freigeschaltet, um entsprechende Inhalte zu melden. Mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) oder Upload-Filtern, wie von vielen Nutzern reflexartig vermutet, haben die Sperrungen nichts zu tun. In Deutschland selbst ist Wählertäuschung eine Straftat und war bereits vor der Einführung der Richtlinie verboten, da man als Twitter-Nutzer einwilligt, die lokalen Gesetze zu beachten.

In der Praxis zeigt sich nun, dass Twitter massiv über das Ziel hinausschießt. Unter dem Hashtag #twittersperrt häufen sich Meldungen von Nutzern, deren Accounts scheinbar unrechtmäßig gesperrt wurden. Oft sind Tweets betroffen, in denen ein Witz gemacht wurde – zum Beispiel eine Aufforderung an AfD-Wähler, dass diese am Wahltag die Unterschrift auf dem Stimmzettel nicht vergessen sollten (weil die Stimmzettel dann ungültig wären). Auch bereits mehrere Jahre alte Tweets werden gesperrt. Teilweise sind sogar Nachrichten betroffen, die nichts mit der bevorstehenden Europawahl zu tun haben.

Unter anderem wurde der Account der Jüdischen Allgemeinen mit Verweis auf die neue Richtlinie vorübergehend gesperrt. Daneben waren auch Sawsan Chebli, Berliner Staatssekretärin, Sven Kohlmeier, netzpolitischer Sprecher der SPD, der Schriftsteller Tom Hillenbrand sowie mehrere Politiker auf Landesebene und Rechtsanwälte betroffen. Auffällig ist, dass die Sperrungen gehäuft bei Accounts aus dem linken Meinungsspektrum vorkommen.

Twitter-Vertreterin im Bundestag befragt

Twitter wollte sich öffentlich nicht zu den Vorwürfen äußern, sondern begnügte sich mit lediglich zwei Tweets. Um Klarheit über die vielen unbegründeten Sperrungen zu erhalten, wurde Nina Morschhaeuser, Head of Public Policy, Government and Philanthropy von Twitter Deutschland, am Mittwochabend in den Ausschuss Digitale Agenda des Bundestages geladen. Dabei gestand Morschhaeuser Fehler ein und bat um Entschuldigung. Die Anhörung wurde allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten. Im Anschluss gaben Mitglieder des Ausschusses via Twitter dann doch einige interessante Details zum Umgang der Plattform mit irreführenden Inhalten im Vorfeld der Europawahlen preis.

Der Kurznachrichtendienst will weiterhin satirische Nachrichten sperren, sofern sie falsche Informationen über die Wahl enthalten. Davon ausgenommen sind Accounts, bei denen durch einen entsprechenden Hinweis in Profil und Namen klar hervorgeht, dass es sich um einen Parodie-Account handelt (siehe Infobox). Ein Zwinkersmiley in der Nachricht reicht längst nicht. Zudem scheint der Kurznachrichtendienst bewusst sogenanntes „overblocking“ zu betreiben. Das heißt: Twitter sperrt mehr Inhalte als nötig. Dies wohl, um den Vorwurf, die Plattform würde zur Beeinflussung von Wahlen verwendet, möglichst zu entkräften.

Menschen entscheiden über Sperrung

Die Entscheidung, ob ein Account vorübergehend gesperrt wird, wird gemäß der Twitter-Vertreterin stets von einem Menschen getroffen – was die Sache nicht besser macht. Es ist zwar zu begrüßen, dass bei heiklen Angelegenheiten wie Wahlen keine automatisierten Filter eingesetzt werden. Denn anders als Algorithmen sind Menschen deutlich besser darin, eine Aussage in einen spezifischen Kontext zu stellen und zu bewerten. Dieser Vorteil geht aber verloren, wenn Menschen zur Beurteilung einer Aussage oder eines Witzes nicht auf Inhalt und Kontext achten, sondern lediglich nach einem Hinweis in der Biografie suchen und gerne einmal zu oft auf „Sperren“ drücken. Das können Maschinen wahrlich auch. Wie gut sich die mit der Aufgabe betrauten Mitarbeiter mit Deutschland, dessen Parteienlandschaft und der Sprache auskennen, bleibt unklar. Morschhaeuser erklärte lediglich, die entsprechenden Mitarbeiter sollten nachgeschult werden.

Die großzügige Sperrpolitik ist nun womöglich selbst zum Mittel der Manipulation geworden. Die Ende April eingeführte Option zum Melden von irreführenden Inhalten zur Wahl scheint gezielt zum Sperren von unliebsamen Meinungen oder Personen benutzt zu werden. Dafür spricht, dass gemäß Twitter in Deutschland zehnmal mehr Meldungen pro Nutzer eingehen als in anderen europäischen Ländern. Weiter haben einzelne Accounts zum Melden anderer Accounts aufgerufen und erfolgreiche Sperrungen als Trophäen auf Twitter geteilt. Dass es zu gezielten Meldeaktionen kam, wollte die Twitter-Sprecherin jedoch nicht bestätigen.

Problematisch ist zudem, dass bei einer Sperrung der gesamte Account des Nutzers betroffen ist, nicht nur der gemeldete Tweet. Um die Sperre aufzuheben, müssen die Nutzer den Tweet löschen oder gegen die Entscheidung Einspruch erheben. Bei Letzterem bleibt der Account für die Dauer des Prozesses gesperrt. Dieser kann wenige Stunden oder mehrere Tage dauern. Es entsteht dadurch großer Druck auf den Nutzer, den Inhalt – ob er nun gegen eine Richtlinie verstößt oder nicht – zu löschen, anstatt Einsprache zu erheben. Der Großteil der Nutzer tut dies auch. Wie Morschhaeuser gegenüber dem Ausschuss erklärte, wehren sich lediglich zwei Prozent der Nutzer gegen eine Sperrung.

Homeexchange – der heimliche Airbnb-Konkurrent

Normalerweise läuft es andersherum. Erst kauft sich ein US-Unternehmen bei einem Franzosen ein, dann schluckt er es. So war es immer wieder bei erfolgreichen französischen Start-ups. Die Franzosen Emmanuel Arnaud und Charles-Edouard Girard, Gründer der französischen Haustausch-Plattform Guesttoguest, haben gezeigt, dass es auch anders geht. Die Franzosen haben nicht gewartet, bis ein Käufer kam, sondern selbst den bekannten US-Konkurrenten Homeexchange übernommen.

„Wir haben von Anfang an eine große Zukunft im Hausaustausch gesehen“, sagt Girard, der als Executive Chairman zusammen mit CEO Arnaud das Unternehmen leitet. Die beiden sind auch Hauptaktionäre – „mit über 25 Prozent aber unter 50 Prozent“. Ein weiterer großer Aktionär ist die französische Versicherung MAIF, insgesamt gibt es 90 Aktionäre, darunter viele Geldgeber.

Arnaud, Wirtschaftswissenschaftler von der renommierten französischen Hochschule HEC und Girard, Ingenieur von der Eliteschule Centrale Paris, gründeten 2011 Guesttoguest. Der Konkurrent Homeexchange, 1992 ins Leben gerufen, war damals die bekannte Haustausch-Plattform. „Sie hatte zu dem Zeitpunkt 40.000 Mitglieder“, erzählt Girard. Vor allem Häuser von höherem Standard wurden zum Tausch angeboten.

Die US-Plattform nahm einen Jahresbetrag von den Mitgliedern, damit konnten diese so oft tauschen, wie sie wollten. Die beiden Franzosen gingen ganz anders vor. „Wir wollten die Haustauschszene demokratisieren und mehr Menschen zum Haustausch bringen“, sagt Girard.

Deshalb durfte man sich bei Guesttoguest zuerst ein Haus oder eine Wohnung für den Tausch suchen und zahlte dann eine Gebühr für den Austausch, rund zehn Euro pro Tag. „Der kostenlose Einstieg überzeugte viele, und so gewannen wir schnell Kunden, die nicht die Jahresgebühr für Homeexchange ausgeben wollten.“

Damit erreichten sie auch eine neue Anhängerschaft. Während bei Homeexchange oft wohlsituierte Familien gegenseitig tauschten, wurden bei Guesttoguest auch bescheidenere Domizile ausgetauscht. „Das führte dazu, dass sich auch Familien Urlaub leisteten, die es sonst nicht gekonnt hätten.“ Gleichzeitig setzten die Franzosen auf viel Kommunikation in ihrem Netzwerk, sie erleichterten es, durch Suchfunktionen ähnliche Tauschpartner zu finden, etwa Rentner oder Familien mit kleinen Kindern.

Das Konzept überzeugte auch großzügige Geldgeber; sie bekamen insgesamt 33 Millionen Euro Kapital. So konnte Guesttoguest schnell expandieren, vor allem in Europa. Sie übernahmen die Konkurrenz-Plattformen Itamos, Knok, Trampolinn und Homeforhome. Und dann gelang ihnen 2017 der ganz große Coup. Sie kauften Homeexchange, wobei die genaue Kaufsumme nicht genannt wurde. „Die Gründer von Homeexchange waren schon um die 70 Jahre alt und wollten aufhören, das war die Gelegenheit für uns“, sagt Girard.

Zu dem Zeitpunkt war Guesttoguest nach Angaben von Girard schon auf 350.000 Kunden angewachsen, Homeexchange hatte erst 60.000 Abonnenten. Insgesamt sind es derzeit zusammen etwa 400.000 Häuser, weil nicht aktive Mitglieder von den Seiten genommen wurden.

Eine Weile ließen die Franzosen die Plattformen nebeneinander herlaufen, stellten aber fest, dass sie sich zu sehr ähnelten, und 2018 folgte dann der Zusammenschluss unter der globalen Marke Homeexchange. Dennoch sind weiter beide Modelle möglich, eine einmalige Zahlung für den Austausch oder ein Jahresabonnement von 130 Euro. Zusätzlich wurde ein Punktesystem für Haustausch eingeführt. Mit den Gastpunkten kann man bei anderen Mitgliedern übernachten und damit „bezahlen“, ohne die Person bei sich zu Hause zu empfangen.

Das Ziel der Franzosen: „In ein bis anderthalb Jahren wollen wir eine Million Häuser anbieten.“ Deutschland, die USA und Frankreich sehen die Gründer als Wachstumsmärkte. Die Konkurrenten sind winzig, wie etwa homelink, und kommen nur auf einen Bruchteil der Kunden. Der Markt ist nach allen Aufkäufen sehr überschaubar geworden.

Im Februar 2019 wurde auch noch Nightswapping übernommen, und Homeexchange stärkte weiter seine führende Position in der Haustausch-Community. Gegründet wurde Nightswapping 2013 in Lyon von Serge Duriavig. Dieser erklärte, er sei begeistert, dass sich sein Unternehmen mit dem „Marktführer der kostenlosen Unterkünfte“ zusammenschließe. Homeexchange betonte, man stärke damit seine Position als „Marktführer in der Haustauschbranche“.

Doch gerade angesichts dieser massiven Konsolidierung wird immer deutlicher, dass der eigentliche Wettbewerber in einer anderen Branche sitzt: die US-Plattform Airbnb. Und der Onlinemarktplatz für Unterkünfte spielt in einer ganz anderen Liga: Im Jahr 2018 wurden laut Statista bei Airbnb fünf Millionen Inserate geschaltet, der Umsatz wird auf 3,5 Milliarden Dollar im Jahr 2017 geschätzt.

Im Vergleich dazu wird aus dem Marktführer im Haustauschbereich mit rund 70 bis 80 Prozent, so wie Girard schätzt, auf einen Schlag wieder ein kleines Start-up. Homeexchange hat insgesamt 100 Angestellte in Boston, Paris und Kroatien, wo der Kundenservice sitzt. Über ihre Umsätze schweigen die Franzosen sich aus. Geld kommt vor allem durch die Jahresgebühr von 130 Euro herein. Das Modell nutzen etwa 80 Prozent der 400.000 Immobilienbesitzer in 187 Ländern, was rund 40 Millionen Euro an Gebühren entspräche. Der Rest zahlt pro Austausch wie einst bei Guesttoguest. Riesige Umsätze mache man nicht, räumt Girard ein. „Aber wir sind rentabel.“

„Viele Leute fürchten sich noch davor, ihr eigenes Haus zu tauschen, sie mieten lieber, um in die Ferien zu fahren“, so Girard. Aber wenn man gegenseitig tauscht, ergebe sich ein anderes Vertrauensverhältnis als beim Mieten und ein ganz anderes Ferienerlebnis. „Davon wollen wir immer mehr Leute überzeugen.“

Alibaba plant den Angriff auf Amazon

Firmengründer Jack Ma hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Alibaba nicht als chinesisches, sondern als globales Unternehmen sieht. Und seit er seinen Rückzug aus der Firma für September 2019 angekündigt hat, forciert er die internationalen Ambitionen seines Unternehmens noch einmal. Bis zum Jahr 2036 soll Alibaba rund zwei Milliarden Kunden erreichen.

Dieses Ziel hat Ma zusammen mit seinem designierten Nachfolger Daniel Zhang ausgegeben. „Globalisierung war schon immer das langfristige Ziel von Alibaba“, teilte Zhang kürzlich in einem Brief an Investoren mit. „Unsere Vision ist es, allen unseren Kunden bei der digitalen Transformation zu helfen.“

Noch bildet sich der Schwenk zum internationalen Geschäft kaum in den Jahreszahlen ab, die Alibaba jetzt vorlegte. Zwar hat das Unternehmen mittlerweile ein Handelsvolumen von 853 Milliarden US-Dollar – rund dreimal so viel wie Amazon und mehr als das Hundertfache von Zalando. Doch das kommt weitgehend aus dem Heimatmarkt.

So sind die Einzelhandelsumsätze im Ausland genauso stark gestiegen wie die in China, also um knapp 40 Prozent – und machen damit weiterhin erst fünf Prozent des Gesamtumsatzes aus.

„Noch hat Alibaba den großen Sprung in Europa nicht gemacht“, sagt Kuno Neumeier, geschäftsführender Gesellschafter des Logistikberatungsunternehmens Logivest. Doch der ehrgeizige Onlineriese leitet jetzt entscheidende Schritte ein, um auch in Europa als ernst zu nehmender Konkurrent aufzutreten. „Im Markt hört man, dass das Unternehmen mit immer mehr Partnern spricht, um seine Präsenz in Europa deutlich auszubauen.

Im Fokus stehen dabei unter anderem die Häfen, um die logistischen Voraussetzungen zu schaffen“, berichtet Neumeier. Auch baut Alibaba sein neues Drehkreuz in Lüttich aus, über das die Warenströme in Europa gelenkt werden sollen.

Bisher gab es in der globalen Strategie von Alibaba nur zwei Wege. Einer ging von internationalen Herstellern zu Kunden in China. TMall ist die Plattform, mit der Alibaba auch um deutsche Marken wirbt. Der andere Weg ging für Alibaba von chinesischen Produzenten zu Kunden in der Welt. Mit der Plattform Aliexpress erreicht Alibaba Endabnehmer in 150 Ländern, auch in Deutschland.

Jetzt will Alibaba beide Ansätze zusammenführen. Aliexpress wird künftig auch für Hersteller außerhalb Chinas geöffnet. „Wir sind im ersten Jahr unserer Strategie ‚Lokal zu global“, sagte Alibaba-Manager Trudy Dai der „Financial Times“. Im ersten Schritt bekämen kleine und mittelständische Firmen aus Russland, der Türkei, Italien und Spanien Zugang zu der Plattform. Wann auch deutsche Händler einbezogen werden, ist noch offen.

Damit öffnet der chinesische Onlinehändler erstmals sein globales Netzwerk auch für Hersteller in Europa – und sucht damit die direkte Konkurrenz zu westlichen Marktplätzen wie Amazon und Ebay. „Alibaba setzt seine Wachstumsstrategie im Cross-Boarder-E-Commerce mit Aliexpress konsequent fort“, beobachtet Olaf Rotax, China-Experte und Managing Director der Digitalberatung dgroup aus dem Accenture-Netzwerk.

„Der Markt des Cross-Boarder-E-Commerce wird sich in den nächsten Jahren mindestens verdoppeln, und Alibaba möchte hier Nummer eins sein“, so Rotax.

Alibaba will das Netzwerk liefern, auf dessen Basis künftig der globale Handel funktioniert. Nach Darstellung von Managerin Dai soll Aliexpress zur Speerspitze der globalen Expansion werden. In Südostasien hatte Alibaba bereits die Online-Handelsplattform Lazada des deutschen Gründers Maximilian Bittner gekauft.

„Unser internationales Handelsgeschäft zeigt ein vielversprechendes Wachstum“, teilte Alibaba bei der Verkündung der Jahreszahlen mit. Lazada und Aliexpress hätten zusammen bereits 120 Millionen aktive Kunden.

Die Erwartungen könnten aber überzogen sein, sagt Marcel Münch, Mitgründer des auf Handel mit China spezialisierten Start-ups Dongxii. „Theoretisch ist der Markt groß. In der Praxis halte ich das Unterfangen für schwierig“, sagt Münch. Der grenzüberschreitende Handel biete weiterhin viele Herausforderungen.

Sein Urteil über Aliexpress fällt zudem nüchtern aus: „Das Interface und auch die Kommunikation in E-Mails waren nicht auf einem Standard, den man von anderen Anbietern in dem Segment kennt.“ Dies könne sich nun im Zuge der Erweiterung der Plattform auf westliche Hersteller ändern, räumte Münch ein. Die internationale Expansion sei noch in einem frühen Stadium.

Auch Berater Rotax warnt vor einer Überschätzung der Ambitionen. „Wenn Alibaba seine Aktivitäten in Europa verstärkt, dann stehen aktuell der Import von europäischen Qualitätsprodukten nach China sowie die Unterstützung chinesischer Touristen in Europa im Vordergrund“, sagt er.

Doch das kann sich schnell ändern – auch mit gezielten Übernahmen in Europa. Im Januar kaufte Alibaba erstmals eine Firma in Deutschland: das Berliner Start-up Data Artisans. Selbst Zalando wird als mögliches Ziel für eine Beteiligung gehandelt. Möglich wäre das ohne Weiteres: So lag der Nettogewinn von Alibaba bei umgerechnet 10,7 Milliarden Euro – und damit höher als die komplette Marktkapitalisierung von Zalando.

Interessent wäre auch die Übernahme der Otto-Tochter Hermes, für die seit Kurzem ein Investor gesucht wird und die eine Logistikkette bis zum Endkunden bietet. „Wenn ein Logistikunternehmen wie Hermes an Alibaba verkauft würde“, sagt Logistikberater Neumeier, „dann könnte das auf einen Schlag im Markt alles ändern.“

Whatsapp-Bug macht aus dem Smartphone eine Abhörwanze

Whatsapp kämpft mit Sicherheitsproblemen: Ein Programmierfehler ermöglicht es einem Angreifer, auf Kamera und Mikrofon des Smartphones zuzugreifen.

«Einfach, sicher und zuverlässig», steht in großen Buchstaben unübersehbar auf der fast leeren Startseite von Whatsapp.com. Wer auf dieser Website am Dienstag nach Informationen suchte über die Sicherheitsprobleme der Whatsapp-Kommunikationssoftware, suchte vergeblich. Weder das größte Medienunternehmen der Welt – Facebook – noch der Hersteller der populärsten Kommunikationssoftware – die Facebook-Tochter Whatsapp – fühlten sich dazu berufen, diese Probleme zu erklären.

Der Whatsapp-Messenger erlaubt den Austausch von Textnachrichten, Bild-, Video- und Ton-Dateien über Internetverbindungen. Die Software kann auch zum Telefonieren benutzt werden. Oder als Hilfsmittel für Spionage: Sicherheitslücken in der Software ermöglichten es einem Angreifer, ein Smartphone in ein Überwachungsgerät umzuwandeln; Kamera und Mikrofon ließen sich aus der Ferne kontrollieren.

Es gibt rund um die Welt rund 1,5 Milliarden Menschen, die Whatsapp benutzen. Es ist nicht das erste Mal, dass diese Software durch Sicherheitsprobleme auffällt. Doch eine Sicherheitslücke wie diese gab es noch nie. Denn diesmal sind alle Versionen von Whatsapp und die Smartphones aller wichtigen Hersteller betroffen, iPhones ebenso wie Android-Geräte. Und die Lücke erlaubt es einem Angreifer, auf wichtige Funktionen eines Smartphones zuzugreifen. Und es ist nicht leicht festzustellen, ob die Lücke ausgenutzt und das eigene Smartphone in eine Abhörwanze verwandelt worden ist.

Die Angriffe sollen durch Spyware der israelischen NSO Group ermöglicht worden sein. Diese 2010 gegründete Firma beschäftigt in ihren Büros in der Nähe von Tel Aviv rund 500 Angestellte. Die Firma verkauft ihre Software laut eigenen Angaben staatlichen Organisationen zur «rechtmäßigen» Bekämpfung von Terror und Kriminalität. Menschenrechtsorganisationen werfen der Firma aber vor, auch mit Unrechtsregimen Geschäfte zu machen. Menschenrechtsaktivisten und demokratisch engagierte Journalisten seien ausspioniert worden.

Es gibt Bemühungen, den Verkauf der NSO-Software juristisch einzuschränken. Zu den Opfern der jüngsten Spyware-Attacke gegen Whatsapp-Benutzer gehört ein Anwalt, der in die Prozesse gegen NSO involviert ist. Auf der Liste mit verpassten Anrufen fiel ihm eine schwedische Nummer auf. Sein Verdacht und die Expertise von Sicherheitsexperten der University of Toronto trugen dazu bei, die Sicherheitslücke von Whatsapp aufzudecken. Seit Montag gibt es für das Problem ein Software-Update.

Was kann man tun, um sich zu schützen? Zunächst gilt es, Software stets auf dem neuesten Stand zu halten. Über etwaige Updates kann man sich im App-Store von Apple oder im Google Play Store informieren. Und sonst? Sonst ist guter Rat teuer. Es gibt gute Alternativen zu Whatsapp, aus der Schweiz etwa die Messenger-App von Threema. Doch die Software-Ausstattung eines Smartphones ist so vielschichtig und komplex, dass Sicherheitslücken nie ausgeschlossen werden können. Deshalb sollte man stets wachsam sein, das Smartphone stets als Sicherheitsrisiko betrachten, es ausschalten, wenn es nicht gerade gebraucht wird.

Warum die Deutsche Post die Weltmarktführung verspielt hat

Als sich die Aktionäre der Deutschen Post vor einem Jahr im Conference Center Bonn am alten Bundestag trafen, waren sie Eigentümer des größten Logistikkonzerns der Welt. Damit ist es vorbei. Zum ersten Mal seit Jahren wurden die Deutschen 2018 vom US-Rivalen UPS überrundet, der mit umgerechnet 63,9 Milliarden Euro (nach aktuellem Dollarkurs) gut vier Prozent mehr umsetzte und sich damit an die Weltspitze schob.

Dem Überholmanöver des amerikanischen Logistikers könnte dieses Jahr ein zweites folgen. Hält der US-Rivale Fedex sein Wachstumstempo durch, das ihm im jüngsten Quartal ein Erlösplus von neun Prozent bescherte, könnte auch er sich bei seinem Jahresabschluss am 31. Mai vor den Bonner Dax-Konzern setzen.

Der Grund: Im vergangenen Jahr wuchs die von Frank Appel geführte Deutsche Post gerade einmal 1,8 Prozent auf 61,55 Milliarden Euro. Und auch für 2019 sind die Aussichten trüb. Um Finanzlöcher in Großbritannien zu stopfen, verkaufte sie Mitte Februar 2019 die Mehrheit ihres chinesischen Lagerlogistikers an die dort heimische SF Holding. Zwar brachte das einen Buchgewinn von 400 Millionen Euro. Im laufenden Geschäftsjahr aber schmälert dies den Betriebsgewinn (Ebit) um 30 Millionen Euro und kappt den Umsatz.

Die Aktionäre, die an 15.05. erneut in Bonn zusammenfinden, dürfte das mit Sorge erfüllen. Denn in kaum einer anderen Branche zählt Größe so viel wie in der Logistik. Weil Transportnetze hohe Fixkosten binden, steigert jeder neue Auftrag den Gewinn fast in Höhe der Kundenrechnung. Andererseits: Geht ein Kunde verloren, wirkt der verpasste Umsatz fast in voller Höhe auf das Nettoergebnis durch.

Das magere Wachstum der Deutschen Post im Vergleich zu den US-Rivalen schlägt sich längst in den Renditen nieder. Blieb dem neuen Weltmarktführer UPS im vergangenen Jahr 9,8 Prozent Betriebsgewinn (Ebit) vom Umsatz, musste sich der Bonner Dax-Konzern mit einer Marge von 5,1 Prozent begnügen. Selbst Verfolger Fedex lag mit seiner Umsatzrendite von 7,4 Prozent fast um die Hälfte höher als die Deutschen.

Kapitalverzinsung schwach
Auch aus Sicht der Geldgeber blieb die Post international gesehen ein Underperformer. Denn auch bei der Kapitalrendite, dem sogenannten Return on Capital Employed (ROCE), ging die Schere 2018 weit auseinander: Setzt man den Betriebsgewinn (Ebit) ins Verhältnis zur Bilanzsumme abzüglich der kurzfristigen Verbindlichkeiten, kam UPS auf eine Kapitalverzinsung von 19,5 Prozent.

Für Fedex errechnet sich immerhin ein ROCE von 11,4 Prozent. Die Bonner hingegen schafften diesmal nur eine Kapitalrendite von 9,0 Prozent, was bedeutet, dass jeder bei ihnen investierte Euro nicht einmal halb so viel Betriebsgewinn abwarf wie beim Weltmarktführer aus Atlanta.

Dass die Unternehmen in Sachen Kapitalrendite eine enorme Kluft trennt, konnten sie in den vergangenen Jahren mithilfe der unterschiedlichen Bilanzierungsstandards verwischen. Aus der 2016er-Bilanz der Deutschen Post errechnete sich so ein passabler ROCE von 14,1 Prozent, 2017 waren es sogar 14,7 Prozent.

Doch die internationale Bilanzorganisation IASB sorgte für einen Angleich diesseits und jenseits des Atlantiks. Mit ihrer Vorschrift „IFRS 16“ bestimmte sie, dass Leasingverbindlichkeiten nicht mehr außerhalb der Bilanz geführt werden dürfen – ähnlich wie bei US-GAAP, der Bilanzvorschrift für UPS und Fedex.

Das bilanzierte Vermögen der Deutschen Post, die zahlreiche Lagerhallen und Flugzeuge per Leasing im Bestand hält, blähte dies schlagartig um fast ein Drittel auf. Zwar stieg dank „IFRS 16“ gleichzeitig das Post-Ebit auf dem Papier um 179 Millionen Euro. Es reichte aber am Ende nicht aus, um die ausgewiesene Kapitalrendite unterm Strich stabil zu halten.

Die veränderten Bilanzvorschriften sind nicht der einzige Grund, weshalb das in Bonn investierte Kapital 2018 weniger abwarf als im Vorjahr. Als belastend zeigte sich seit Mitte 2018 die Schwäche der Brief- und Paketsparte, der mit 18,48 Milliarden Euro größten Abteilung im Konzern.

Nach einem zunehmenden Ertragsschwund hatte sich Konzernchef Frank Appel von dem verantwortlichen Vorstand Jürgen Gerdes getrennt, um der Brief- und Paketsparte anschließend eine kostspielige Sanierung zu verordnen. Allein 502 Millionen Euro ließ er 2018 für Rückstellungen buchen, um in der Sparte die indirekten Kosten zu senken. Vier Fünftel davon reservierte er für die Frühpensionierung teurer Beamter.

Hinzu kamen in den zweiten sechs Monaten des vorigen Jahres zusätzliche Aufwendungen in Höhe von 120 Millionen Euro, mit denen die Post ihre Produktivität verbessern will. Weitere 150 Millionen Euro sind dafür auch in der kommenden Zeit jährlich vorgesehen.

Die Ankündigung all dieser Aktionen hatte Anfang Juni 2018 zu einer drastischen Gewinnwarnung geführt, die den Aktienkurs stark unter Druck setzte. Statt der versprochenen 1,5 Milliarden Euro in der Brief- und Paketsparte werde es 2018 nur noch für 600 Millionen Euro Betriebsgewinn (Ebit) reichen, schraubte Appel die Erwartungen zurück. Am Ende verlor die Aktie Gelb über das Jahr 39,2 Prozent an Wert.

Frachtsparte wieder stark
Auch wenn sich das Papier teilweise wieder von seinen Tiefstständen zur Jahreswende erholt hat, dürfte der Wertverlust für Erregungspotenzial auf der bevorstehenden Hauptversammlung sorgen. Dass die Bonner ihre Aktionäre mit einer aktuellen Dividendenrendite von erwarteten vier Prozent großzügiger bedienen als UPS und Fedex, wird ihnen nur ein schwacher Trost sein.

Zwar müssen sich die Anteilseigner in den USA mit 3,3 beziehungsweise 1,5 Prozent zufriedengeben. UPS aber gönnte ihnen einen Aktienrückkauf in Höhe von 700 Millionen Dollar, der den Kurs zur Freude der Aktionäre zeitweilig in die Höhe trieb. Ähnliches ist von der Deutschen Post angesichts der laufenden Sanierung eher nicht zu erwarten.

Gegenüber dem Vorjahr, das man ursprünglich mit einem Wert von 4,15 Milliarden Euro übertrumpfen wollte, ging der Ertrag vor Zinsen und Steuern im vergangenen Jahr um 15,5 Prozent zurück auf 3,16 Milliarden. Dass man im Brief- und Paketgeschäft die zurechtgestutzte Prognose am Ende noch um 56 Millionen Euro übertraf, lag zum Teil an der offenbar langsamer als geplant laufenden Sanierung. Statt der anvisierten 150 Millionen Euro flossen nur 120 Millionen in die Modernisierung.

Das alles wäre wohl noch schlimmer gekommen, wenn die übrigen Sparten nicht floriert hätten. Das Fracht- und Speditionsgeschäft, das 2015 wegen einer fehlgeschlagenen Software-Erneuerung zum Sanierungsfall wurde, ist unter dem neuen Vorstand Tim Scharwath als Renditebringer zurückgekehrt.

2018 blieb vom Rohertrag im DHL-Speditionsgeschäft ein Betriebsergebnis (Ebit) von 14,6 Prozent übrig, womit die Sparte fast wieder auf Vorkrisenniveau arbeitet. 2015 lag der Wert nur noch bei 5,1 Prozent. Im kommenden Jahr sollen es sogar 20 Prozent werden.

Auch die Express-Sparte, also die weltweite Zustellung zeitgebundener Sendungen, setzte ihren rasanten Aufschwung fort. In der bis zum Jahreswechsel von Ken Allen geführten Konzerntochter, die noch 2009 einen Verlust von 790 Millionen Euro hinterließ, erwirtschafteten die Bonner nun 1,96 Milliarden Euro Betriebsgewinn. Mehr noch: Mit einer Umsatzrendite von 12,1 Prozent übertrafen sie die einstigen Vorbilder UPS und Fedex, die im Expressgeschäft zuletzt nur noch eine Marge von 10,6 beziehungsweise 7,1 Prozent schafften.

Ebenso voran ging es mit dem Lagergeschäft, dem sogenannten Supply Chain Management – auch wenn das auf den ersten Blick nicht danach aussieht. Denn vor allem nach dem Verkauf von Williams Lea Ende 2017 ging der Umsatz der Division um 5,7 Prozent auf 13,35 Milliarden Euro zurück. Auch der Betriebsgewinn sank um 35 auf 520 Millionen Euro.

Tatsächlich aber nahm die Wirtschaftskraft zu: In dem Ergebnis stecken 42 Millionen Euro Einmalverlust durch ein Gerichtsurteil in Großbritannien, das Pensionen neu ordnete. Gleichzeitig warf die Supply-Chain-Sparte 2018 im Vergleich zum Vorjahr 421 Millionen Euro mehr an operativem Cashflow ab, wenn man die Auswirkungen von „IFRS 16“ herausrechnet.

Die lange Zeit mäßig rentable Sparte glich damit 2018 das Cashflow-Minus in der Brief- und Paketsparte aus. 2019 aber wird sie sich selbst helfen müssen. Die 700 Millionen Euro, die der Verkauf ihrer China-Division einbringt, muss sie nun zum Teil in die Sanierung des eigenen Großbritannien-Geschäfts stecken.

Spätestens seitdem dort die KFC-Schnellrestaurants vergeblich auf Lieferungen durch die Post-Tochter warteten, gilt der Ableger auf der Insel als Problemfall.

Die Stärken und Schwächen

Stärke 1 – Kapitalkosten verdient
Der Betriebsgewinn unter Vorjahr, die Bilanzsumme durch die neue Vorschrift IFRS 16 um fast ein Drittel aufgebläht – allein rechnerisch musste dies die Kapitalrendite im abgelaufenen Geschäftsjahr arg strapazieren. Und tatsächlich sackte sie von 14,7 Prozent im Vorjahr auf 10,4 Prozent ab.

Zieht man die Sanierungsaufwendungen von 502 Millionen Euro noch vom bereinigten Ebit ab, mit denen die Post teure Beamte in den Vorruhestand schickt, blieben sogar nur neun Prozent an sogenanntem „Return on Employed Capital“ (ROCE). Das ROCE ermittelt die Post, indem sie das Betriebsergebnis (Ebit) teilt durch die Bilanzsumme abzüglich der kurzfristigen Verbindlichkeiten.

Der daraus ersichtliche Trend scheint unerfreulich, zumindest auf den ersten Blick. Fakt aber ist: Die neue Bilanzierungsvorschrift holt im Wesentlichen nur das nach, was in den USA nach dem dort geltenden US-GAAP seit Langem gilt: Auch geleastes Anlagevermögen wie Lagerhallen oder Flugzeuge haben Konzerne nun in der Bilanz aufzuführen. Ende 2018 besaßen die Bonner Leasingverbindlichkeiten in Höhe von 9,9 Milliarden Euro – ein Fünftel der Bilanzsumme.

Für 2018 änderte das die Kennziffern der Post im Geschäftsbericht drastisch. So stiegen die ausgewiesene Bilanzsumme und die Verschuldung erheblich, während IFRS 16 ebenso den operativen Cashflow wie den Betriebsgewinn aufblähte.

In Wirklichkeit aber haben sich die Kerndaten der Deutschen Post weit weniger verändert, als es scheint, sie werden nun lediglich besser vergleichbar mit denen von US-Wettbewerbern wie UPS oder Fedex – auch wenn in dieser Beziehung wegen der unterschiedlichen Abschreibungsregeln Nachholbedarf bleibt.

Bei all der Verwirrung um die gut ein Drittel gesunkene Kapitalrendite geht eines unter: Auch mit der Verzinsung von neun Prozent auf das eingesetzte Kapital steht die Deutsche Post immer noch besser da als andere Staatsbeteiligungen wie Deutsche Telekom oder Deutsche Bahn. Sie mussten sich zuletzt mit einem ROCE (laut Post-Formel) von 6,7 und vier Prozent begnügen.

Hinzu kommt: Mit dem Wert von neun Prozent verdient die Deutsche Post ihre Kapitalkosten. Nach Risiko gewichtet liegen sie nämlich bei nur 8,5 Prozent – einem Wert, den der Gelbe Riese zum letzten Mal 2010 unterschritt.

Stärke 2 – Ausreichender Cashflow
Eine kostspielige Sanierung der heruntergewirtschafteten Brief- und Paketsparte, ein milliardenschweres Einkaufsprogramm für 14 neue Boeing-777- Frachtflieger in der Expresssparte – die Deutsche Post kann sich das leisten.

Obwohl sich mit dem Brief- und Paketgeschäft die größte Sparte des Konzerns 2018 im Umbau befand, verbesserte der Bonner Dax-Konzern den operativen Cashflow um 418 Millionen Euro – und das ohne die Beihilfe der neuen Bilanzierungsregel IFRS 16, die den operativen Cashflow auf dem Papier sogar um 2,1 Milliarden auf 5,8 Milliarden Euro aufpumpte.

Allein schon die verbesserten Geldeinnahmen in der Lagerei-Sparte („Supply Chain“) reichten aus, den um 419 Millionen Euro gesunkenen Cashflow der Brief- und Paketsparte auszugleichen. Gleichzeitig warfen die DHL-Divisionen Express und Spedition/Fracht deutlich mehr ab als im Vorjahr.

Nicht nur die 180 Millionen Euro für die ersten Boeing-777-Bestellungen ließen sich 2018 aus dem operativen Cashflow bezahlen. Auch 2019, wenn für die neuen Flieger weitere 1,1 Milliarden Euro fällig werden, soll das eigene Geld reichen. Der Free Cashflow für dieses Jahr, so hat es Finanzchefin Melanie Kreis angekündigt, soll über der Marke von 0,5 Milliarden Euro bleiben.

Helfen dürfte dabei freilich die Veräußerung des Lagerei-Geschäfts in China, das vor drei Monaten an die SF Holding in Schanghai ging. Der Deal spült in diesem Jahr zusätzlich rund 700 Millionen Euro in die Kasse.

Schwäche 1 – Abhängig vom Regulierer
Schon im abgelaufenen Geschäftsjahr hatte Vorstandschef Frank Appel fest damit gerechnet, dass die Bundesnetzagentur die gewünschte Portoerhöhung durchwinken würde. Um zehn auf dann 80 Cent je Standardbrief sollte es nach oben gehen, hatte man in Bonn gehofft.

Doch daraus wurde nichts. Die gestiegenen Mehrkosten für die Briefzustellung, teilte der Regulierer mit, seien angesichts der Sanierung in der Postsparte derzeit nicht zu errechnen.

Im Januar teilte die Bundesnetzagentur mit, dass nach der geltenden „Post-Entgeltregulierungsverordnung“ nur ein Preiserhöhungsspielraum von 4,8 Prozent möglich sei. Mitte April folgte eine zweite Volte. Nach der im März geänderten Entgeltverordnung könnte die Deutsche Post nun zum 1. Juli 2019 „von einem Preiserhöhungspotenzial von 10,63 Prozent Gebrauch machen“.

Das Dilemma: Über einen Konzernumsatz von 2,9 Milliarden Euro entscheidet weder der Markt noch die Post, sondern allein der Regulierer. Doch dabei geht es um einiges: Jedes Prozent Preisaufschlag bringt der Post einen Zusatzgewinn von 29 Millionen Euro. Eine Portoerhöhung um acht Cent je Standardbrief, wie sie nun zur Jahresmitte in Aussicht steht, würde die Konzernkasse zusätzlich mit gut 290 Millionen Euro füllen.

Das aber machte bisher die Prognose für 2019 schwierig. Vorstandschef Frank Appel blieb den Anlegern Anfang März gegenüber vage: Die Brief- und Paketsparte werde im laufenden Jahr einen Betriebsgewinn zwischen 1,0 und 1,3 Milliarden Euro abliefern.

Schwäche 2 – Krise in der Paketsparte
Der Weg in die Krise gleicht einem Kunststück: Seit Langem schon gedeiht Deutschlands Paketmarkt, dem boomenden Internetshopping sei Dank, mit jährlichen Zuwachsraten im hohen einstelligen Prozentbereich. Die Deutsche Post hielt dabei nicht nur gleich zu Beginn die Pole-Position, der Gelbe Riese behauptete zudem mit einem Marktanteil von 45 Prozent bis heute die Spitzenposition. Anders als den kleineren Wettbewerbern Hermes, DPD oder GLS kommt ihm zugute, dass er vielerorts die Brief- und Paketzustellung kombinieren kann, was Wege spart.

Umso mehr überraschte Anfang Juni 2018 die Ankündigung eines herben Gewinneinbruchs in der Brief- und Paketsparte. Statt der zuvor versprochenen 1,5 Milliarden Euro an Betriebsgewinn (Ebit) werde es wohl nur noch 600 Millionen geben, kündigte Vorstandschef Frank Appel an – bedingt durch ein teures Sanierungsprogramm für die lange vernachlässigte Sparte. In der Vergangenheit sei zu wenig in die Modernisierung investiert worden, urteilte er. Am Ende blieb es beim Ebit von 656 Millionen Euro.

Doch nicht nur die einmaligen Sanierungsrückstellungen über 502 Millionen Euro, die zu vier Fünfteln für die Frühpensionierung von Beamten gebildet wurden, und die 120 Millionen Euro für Modernisierungsarbeiten drückten 2018 das Spartenergebnis. Auch operativ fehlten zum Vorjahr 225 Millionen.

Allen Beteuerungen des Vorstandsvorsitzenden zum Trotz kommt die Sanierung offenbar langsamer voran als geplant. Denn statt der 120 Millionen Euro sollten 2018 ursprünglich 150 Millionen Euro in die Effizienzsteigerung der Brief- und Paketsparte fließen.

Zudem erlitt das Sparprogramm vor wenigen Tagen einen Rückschlag. Die vor vier Jahren nach langen und erbitterten Streiks ausgegliederten Tochtergesellschaften, die unter dem Namen „Delivery“ dem teuren Haustarifvertrag entzogen wurden, werden zum 1. Juli geschlossen. Die 13 000 Mitarbeiter werden damit zu Konzernangestellten und dürfen auf ein Viertel mehr Gehalt hoffen.

Zwar sicherte Verdi Gegenleistungen zu. Die aber werden die Personalkosten erst in weiter Zukunft signifikant entlasten. Angesichts der Ertragsschwäche bezweifeln viele Analysten, dass der Konzern 2020 wie versprochen ein Ebit von fünf Milliarden Euro abliefern wird.

Shopping-Livestreams: „Warum ist das hier so billig!?“

Man muss sich Cathy Hummels als glücklichen Menschen vorstellen. Vor kurzer Zeit hat die Spielergattin vor dem Landgericht München einen Prozess zur Frage gewonnen, ob sogenannte Influencer das Vorzeigen von selbst gekauften Produkten als Werbung kenntlich machen müssen. Müssen sie nicht, sagt die Justiz. Zu diesem Triumph des Kapitalismus, äh, von Frau Hummels, kommt nun eine neue Entwicklung, auf die sich die siegestrunkenen deutschen Influencer noch einstellen müssen. Nachdem man fremden Menschen im Internet beim Schlafen, Essen oder Videospielen zusehen konnte, hat das Live-Streaming seine finale Form erreicht. Im Jahr 2019 sieht man ihnen beim Einkaufen zu.

Das gute alte Prinzip Tele-Shopping wird so in die Gegenwart katapultiert. Selbstverständlich bedarf es dazu aber einiger Anpassungen. Apps wie Livby, Shoclef oder ShopShops nennen sich „interaktiver globaler Shopping-Marktplatz“. Die Macher haben aber noch ein paar weitere fesche Schlagwörter auf Lager. Man habe die „körperliche Shopping-Erfahrung virtualisiert“ und versorge das Publikum mit „Echtzeit-Kuration“.
Der Gefällt-mir-Zähler rattert nach oben

In der praktischen Umsetzung sieht das so aus, dass eine smartphonebewehrte junge Frau mit einer leicht erhöhten Grundaufgeregtheit durch ein Kaufhaus rennt, ein Produkt nach dem anderen in die verwackelte Kamera hält und entweder „Ah, ein Sonderangebot“ oder „Warum ist das hier so billig!?“ schreit. Zehntausende Menschen schauen bei diesem Spektakel online zu. Das Publikum schreibt Kommentare und der Gefällt-mir-Zähler rattert nach oben. Die Darbietungen enden zumeist damit, dass die Live-Influencerin Wägen voll mit Parfums, Kosmetik und anderen Luxusprodukten aus dem Kaufhaus karrt.

Besonders erfolgreich ist das Konzept ausgerechnet in China. Im vergangenen Jahr wurden mehr als vier Milliarden Dollar auf diese Weise umgesetzt. Livestream-Shopping ist die konsequente Fortsetzung sogenannter Haul-, also Beutezug-Videos, in denen Youtube-Stars seit ein paar Jahren ihre gerade eben erstandenen Produkte säckeweise ausschütten und dann in die Kamera halten. Vielleicht klickt der typische Zuschauer darauf, in der Hoffnung, dass sich der Dopamin-Kick, der beim Konsum entsteht auch via Display kommt. Es geht nicht nur um das Besitzen und Zeigen, sondern auch ums Erwerben selbst.

So viel Erfolg lockt natürlich auch die Großen der Branche: Amazon hatte bereits vor ein paar Jahren mit dem Streaming-Format Style Code Live versucht, ein „QVC für die Youtube-Generation“ zu bieten. Statt abgehalfterter TV-Stars präsentierten junge Influencer die Produkte. Im Frühjahr veröffentlichte der Konzern nun erneut eine Live-Funktion, die es Händlern erlaubt, ihre Waren anzupreisen. Auch Facebook testet eine entsprechende Option für seine Messenger-App. Der Kaufen-Knopf ist immer ganz nah.

Andere Anbieter wollen noch mehr virtualisieren und schicken ihre Influencer nicht mehr in echte Geschäfte. Auf Apps with Buywith oder Dote sieht man stattdessen Menschen, die sich durch die Webseiten der großen Online-Kaufhäuser klicken. Trotzdem wird bei jedem zweiten Satz gequiekt und die Nutzer haben zu jedem präsentierten Teil eine starke Meinung, die sie online kundtun. Wer sagt, dass Konsum keinen Sinn stiftet? Ist ja egal, welchen.

Werbebotschaft angekommen?

Jeder Zuschauer der Netflix-Gruselserie Stranger Things weiß, dass das Lieblingsessen der mysteriösen Hauptfigur Eleven Fertigwaffeln der Marke Eggo sind. Nicht nur, weil das Mädchen die Dinger ständig futtert, die Waffeln spielen auch in mehreren Szenen eine tragende Rolle und geben dem Zuschauer schon am Ende der ersten Staffel einen Hinweis auf Elevens Serienschicksal. Sogar in dem Handyspiel zur Serie muss man die Waffeln sammeln, und auch über die kulinarischen Vorlieben anderer Figuren wird der Zuschauer ungewöhnlich gut informiert: Der Highschool-Schönling Steve Harrington liebt Fast Food von Kentucky Fried Chicken, wie er in der ersten Folge der zweiten Staffel verrät. Eine ganze Szene ist um einen Tisch voller gut sichtbarer Becher und Pappeimer der Restaurantkette herum aufgebaut. „Ich liebe KFC“, meint Steve Harrington und sagt dann in der englischen Sprachfassung sogar noch den offiziellen Werbeslogan: „It’s finger lickin‘ good.“

Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime Video zeigen keine Werbeblöcke wie das lineare Fernsehen, werbefrei sind sie aber trotzdem nicht. Ein großer Teil der Eigenproduktionen der Streamingdienste ebenso wie der eingekauften Inhalte enthält Produktplatzierungen. Bei Netflix sollen es etwa drei Viertel sein, bei Amazon fast alle.

Sogar in der Science-Fiction-Serie „The Expanse“, deren erzählte Welt wenig mit der Gegenwart zu tun hat, wurden ein paar Fedex-Container untergebracht. Oft sehen die Klamotten der Figuren auffällig nach der Kollektion eines Modediscounters aus. Aktuell diskutieren Fans der Fantasy-Serie „Game of Thrones“, ob es sich bei einem wohl aus Versehen am Set stehen gebliebenen Starbuck’s-Kaffeebecher um Schleichwerbung handeln könnte. Und Frank Underwood aus der Netflix-Serie „House of Cards“ spielte regelmäßig real existierende Computerspiele und unterhielt sich auch darüber mit anderen Serienfiguren, wenn er nicht gerade mit seinem Waterrower trainierte, einem Rudergerät mit echtem Wassertank. Angeblich gingen beim Start jeder neuen Staffel der Serie die Verkaufszahlen des Trainingsgeräts steil nach oben.

Produktplatzierung ist ein Milliardenmarkt. Auch weil über das lineare Fernsehen die wichtige Zielgruppe der unter 50-Jährigen mit überdurchschnittlichem Einkommen nur noch schwer zu erreichen ist. Diese besitzen oft Abos bei Streamingdiensten und gar keinen Fernseher mehr. Deshalb gibt es inzwischen Agenturen wie Saint Elmo’s, die sich darauf spezialisiert haben, Produkte in digitalen Unterhaltungsformaten unterzubringen. Auf der Homepage des Unternehmens heißt es: „Ihre Werbebotschaften kommen nicht bei der Zielgruppe an? Hören Sie auf mit Werbung – fangen Sie an mit Content Marketing! Wirkungsvoller ist Ihre Werbung nämlich, wenn sie nicht als solche wahrgenommen wird. Sondern als spannende, nützliche, zeitgemäße Inhalte. Dann klappt’s auch mit der Zielgruppe.“ Das funktioniert oft sehr gut – die Serienproduzenten haben wenig Hemmungen, real existierende Waffeln als Plotelemente oder einen Werbeslogan als Punchline zu verwenden.

Probleme könnte es nur mit dem deutschen Gesetz geben. Denn für die Streamingdienste wird hier der Rundfunkstaatsvertrag angewandt, nach dem Produktplatzierungen zulässig sind, aber am Anfang der Sendung markiert werden müssen. Um unzulässige Schleichwerbung handelt es sich, wenn die Produktplatzierung nicht gekennzeichnet ist oder „wenn sie gegen Entgelt oder eine ähnliche Gegenleistung erfolgt“. Sind Elevens Eggos und Steve Harringtons Hühnerbeinchen also Schleichwerbung? Netflix hat vor vielen seiner Formate wie im Rundfunkvertrag verlangt einen Hinweis auf Produktplatzierung eingeblendet.

In den 2018 durch das Europäische Parlament beschlossenen, aber noch nicht umgesetzten neuen Richtlinien für audiovisuelle Medien wurden die bestehenden Bestimmungen für den Umgang mit Werbung auf Streamingdienste ausgeweitet. Vor allem Kinder sollen dann besser vor Werbung geschützt werden. Produktplatzierungen sind den neuen Richtlinien zufolge weiter zulässig, wenn sie entsprechend gekennzeichnet werden und das Produkt nicht hervorgehoben wird.

Bis die Richtlinien in nationales Gesetz umgewandelt wurden, gilt der Rundfunkstaatsvertrag, der auch schon in einem Fall zur Anwendung kam: Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) hatte Amazon Prime Video Anfang des Jahres die Bereitstellung einer Episode der achten Staffel von „Pastewka“ wegen des Verdachts auf Schleichwerbung untersagt. Die Folge spielte zu großen Teilen in einem Media-Markt. Die Produktionsfirma Brainpool bestritt eine Produktplatzierung, der Elektronikmarkt sei angemietet gewesen. Auch Media-Markt stritt es ab, eine Produktplatzierung gebucht zu haben. Der Fall wurde inzwischen außergerichtlich gelöst: Amazon zeigt eine neue Schnittfassung der Folge, mit der auch die BLM einverstanden ist.

Produktplatzierung und Schleichwerbung ist indessen nicht nur juristisch ein Thema. Das Einbetten von Produkten und die Verknüpfung verschiedener Inhalte und Medien entspricht ganz einfach der Logik solcher Plattformen für digitale Inhalte. Das kostenlose Handyspiel zu „Stranger Things“ ist nicht nur ein netter Zeitvertreib bis zur nächsten Staffel, sondern erweitert das Umfeld für mögliche Werbeinhalte und bindet die Zuschauer an die digitale Infrastruktur der Unternehmen. Schon allein deshalb, weil das Spiel mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit auf einem Gerät gespielt wird, auf dem auch die Netflix-App installiert ist. Von dem Spiel ist es nicht mehr weit zum nächsten Serienmarathon. Für ein Unternehmen wie Amazon bieten Produktplatzierungen in seinen Inhalten auf Prime Video noch ganz andere Möglichkeiten als nur Kundenbindung: Das Internetkaufhaus, das Amazon noch immer in erster Linie ist, liegt nur wenige Klicks entfernt.

Wenn Produkte so platziert werden können, wären dann nicht auch politische Einflussnahmen auf die Inhalte von Streamingdiensten denkbar? Können nicht Ideologien genauso, oder noch subtiler, in fiktionale Inhalte integriert werden? Das ist bei den großen Streamingdiensten derzeit noch kein Problem, da sie sich, um möglichst viele Zuschauer anzusprechen, gegen allzu klare politische Positionierungen wehren. Aber in sozialen Netzwerken sind politische Botschaften – oft in harmlos scheinende Parodien oder Mems verpackt – in Kombination mit tendenziell skandalisierenden Algorithmen zu einem großen Problem geworden.

Es gibt Websites wie Infowars, die diese Möglichkeiten im digitalen Raum früh erkannt haben und zu ihren reißerischen Katastrophennachrichten gleich die passende Überlebensausrüstung verkaufen. Die Produktplatzierungen zeigen, welche Manipulationskraft den digitalen Medien innewohnt. Alleine mit den Paragrafen des Rundfunkstaatsvertrags lässt sich das nicht in den Griff bekommen.

Gedankenspiele über neuen öffentlich-rechtlichen TV-Sender

Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, hat mit einem medienpolitischen Vorstoß die privaten Rundfunksender gegen sich aufgebracht. In einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst hatte die sozialdemokratische Politikerin gesagt, ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender sei „herzlich willkommen“. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass Dreyer auch Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder ist – die über die Medienpolitik entscheidet und neue Angebote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beauftragen muss.

Nun gibt es aber bereits mit Phoenix, ZDFinfo und Tagesschau24 gleich drei Spartensender im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die als Informationssender konzipiert sind. Allerdings seien diese, hob Dreyer in dem Gespräch hervor, „nicht auf Breaking News ausgerichtet“.

Eine immer wiederkehrende Debatte nach wichtigen Ereignissen wie beispielsweise Terroranschlägen, Naturkatastrophen oder zuletzt dem Brand der Pariser Kathedrale Notre Dame lautet: Wie aktuell und intensiv berichten ARD und ZDF in ihren Hauptprogrammen und bei ihren Ablegern?

Der als Einladung formulierte Vorstoß von Malu Dreyer sorgt für heftige Irritationen bei den privaten Rundfunksendern, die gemeinsam mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunkbetrieb das sogenannte duale System bilden. „Dieser Vorschlag geht vollkommen an der Realität vorbei“, sagt Hans Demmel, der Vorstandsvorsitzende des Verbands Vaunet, in dem die deutschen privaten Rundfunkanbieter organisiert sind. Mit den Nachrichtensendern n-tv und WELT gäbe es gleich zwei privatwirtschaftlich finanzierte Angebote, die „durch einen zusätzlichen beitragsfinanzierten Kanal in ihrer Existenz gefährdet“ würden.

„Das ist vollkommen inakzeptabel“, sagt Demmel, der bis vor Kurzem Geschäftsführer von n-tv war. WELT-Senderchef Torsten Rossmann sagt: „Objektiv gibt es keinen Bedarf für einen solchen Sender im deutschen Fernsehmarkt: Mit rund 20 öffentlich-rechtlichen Programmen, den Nachrichtensendungen bei ProSiebenSat.1 und RTL und zwei privaten Nachrichtensendern wird jedes Zuschauerinteresse an Nachrichten ausreichend und vielfältig bedient.“

Malu Dreyer setzt sich als Vorsitzende der Rundfunkkommission dafür ein, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten an einer etwas längeren Leine zu führen. Das bedeute: Die Sender müssten dem im Rundfunkstaatsvertrag beschriebenen Auftrag nach Vermittlung von Information, Bildung und Unterhaltung nachkommen – würden aber mehr Entscheidungsfreiheit bekommen, wie sie diesen Auftrag erfüllen. Sie könne sich vorstellen, sagte Dreyer, dass die Politik den Sendern „die Möglichkeit gibt, über die Sparten flexibler zu entscheiden“.

So bedurfte es seitens der Bundesländer einen Beschluss, Formate wie das Jugendangebot Funk im Internet oder den Kanal ZDFneo zu starten. Ein Verfahren, an dem die Privatsender festhalten wollen. „Die künftige Konkretisierung des Auftrags darf nicht nur den Gremien von ARD und ZDF überlassen werden“, sagt Vaunet-Chef Hans Demmel. Denn über die Kontrolle der Politik müsse eine „ausgewogene Balance“ zwischen beitrags- und privatwirtschaftlich finanzierten Angeboten hergestellt werden.

Dreyers Vorschlag ist Teil einer größeren medienpolitischen Auseinandersetzung; gewissermaßen einem Tauziehen, bei dem beide Seiten nicht loslassen wollen und können, weil sie sonst fürchten, von den Zuschauern nicht oder deutlich schlechter wahrgenommen zu werden.

„Die Frage wird irgendwann nicht mehr sein, findet man ARD und ZDF, sondern wie findet man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, prognostizierte Dreyer. Sie fordert darum eine gemeinsame Plattformstrategie der Öffentlich-Rechtlichen. Zuletzt fiel in diesen Kreisen häufiger das Schlagwort von einer „Super-Mediathek“.

Was die Idee eines spezifischen Nachrichtensenders etwa nach dem Vorbild von BBC World und France24 angeht, wirft diese neben der daraus zu befürchtenden Marktverzerrung unmittelbar auch Fragen zu den Kosten eines solchen Vorhabens auf. Ein zusätzlicher, rund um die Uhr einsatzbereiter Kanal würde die Sender teuer zu stehen kommen oder eben Einstellungen bestehender anderer Angebote erfordern, um den Rundfunkbeitrag nicht deutlich nach oben zu treiben.

Das politisch geforderte Ziel heißt nämlich Beitragsstabilität. In der Debatte ist aktuell der Vorschlag, über ein sogenanntes Indexmodell den Rundfunkbeitrag an die Entwicklung der Teuerungsrate zu koppeln.

Davon unabhängig haben die Sender, allen voran der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm und ZDF-Chef Thomas Bellut, eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags gefordert, weil sonst die Qualität des Programms leiden werde.

Vor Kurzem hatten die Sender ihren Finanzbedarf für die Gebührenperiode ab 2021 angemeldet, man spricht von einer „verantwortungsbewussten“ Kalkulation des Bedarfs. Eine Anhebung des Beitrags sei aber unumgänglich, um den Auftrag zu erfüllen. Diese Sichtweise wird allerdings nicht in allen Staatskanzleien der Bundesländer geteilt.

Im vergangenen Herbst hatten beispielsweise die Medienstaatssekretäre von Brandenburg und Schleswig-Holstein gefordert, die Informations- und Dokumentationsangebote von ARD, ZDF und Deutschlandradio zu bündeln. Für die Zuschauer sei es nicht praktikabel, zwischen verschiedenen Angeboten „hin und her springen zu müssen“.

Darüber hinaus, dies als Hinweis in eigener Sache, wäre die Frage zu erörtern, warum als Lösungsansatz für die Unzufriedenheit mit der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung über Breaking News wie den Brand von Notre Dame ein neuer Kanal sinnvoll sein sollte, wenn gleichzeitig private Sender (wie beispielsweise das WELT-Bewegtbildangebot) die Nachfrage bedient haben.

Wer hat Angst vor den Roboterjournalisten?

Davon träumen Wissenschaftsjournalisten: dass Wissenschafter sich verständlich ausdrücken und die Ergebnisse ihrer Arbeit in Aufsätzen beschreiben, die ohne Fachchinesisch sich auch dem Nichtexperten sofort erschliessen. Die Realität – leider – ist eine andere. Oft hinterlässt bereits die Lektüre des Titels eines Aufsatzes Ratlosigkeit. Zum Beispiel: „Rotational Unit of Memory: A Novel Representation Unit for RNNs with Scalable Applications“.

Es geht in diesem Aufsatz, der im April in den „Transactions of the Association for Computational Linguistics“ erschienen ist, um eine neuartige Technik im Bereich des Machine-Learning, eines Teilbereichs der künstlichen Intelligenz. Die neue Technik soll die automatische Verarbeitung von natürlichsprachlichen Äußerungen voranbringen. Sie soll es insbesondere auch erlauben, wissenschaftliche Aufsätze in verständlicher Sprache zusammenzufassen. Auf diese Art und Weise, so mutmaßt die Medienmitteilung des Massachusetts Institute of Technology (MIT), lasse sich der Wissenschaftsjournalismus „automatisieren“.

Pioniere in Lugano
Die „Rotational Unit of Memory“ (RUM) wurde am MIT von Physikern unter der Leitung von Marin Soljačić entwickelt. Ziel der Forschungsarbeit ist es, künstliche neuronale Netzwerke für die automatische Verarbeitung von Sprache fit zu machen. Zum Einsatz kommen sogenannte rekurrente oder rückgekoppelte neuronale Netze (RNN). Diese Netze eignen sich für die Analyse von Datensammlungen, bei denen die zeitliche Abfolge eine Rolle spielt. Beispiele sind Videos, Texte oder Sprachaufzeichnungen. Hier lässt sich ein einzelnes Element – ein Bild, ein Wort – erst in einem größeren Zusammenhang verstehen. Das dritte Wort in einem Satz lässt sich nur analysieren, wenn die zwei vorangehenden noch präsent sind, die Analyse ist auf Vorwissen angewiesen. Sie muss eine Art „Vorratsdatenspeicherung“ betreiben, um Informationen bereitzustellen, die später benötigt werden.

Für dieses Problem haben Jürgen Schmidhuber und Sepp Hochreiter Mitte der 1990er Jahre an der Università della Svizzera italiana in Lugano ein „long short-term memory“ (LSTM) genanntes Verfahren entwickelt, das sich in vielen Bereichen bewährt hat. Es wird von Google bei der Sprachverarbeitung benutzt und ist, etwa als Bestandteil des Google Assistant, auf den meisten Smartphones präsent.

Die Physiker des MIT glauben nun aber, zeigen zu können, dass die RUM dem LSTM überlegen ist. Insbesondere bei der Aufgabe, Texte zusammenzufassen, könne sich die RUM hervortun. Sie haben von der Website „Science Daily“ mehr als 60 000 journalistische Texte heruntergeladen, die ebenso viele wissenschaftliche Aufsätze zusammenfassen. Dieser große Textkorpus erlaubte ein gründliches Training der Software und ausführliche Vergleichstests. Um von wissenschaftlichen Aufsätzen Zusammenfassungen zu liefern, die den Vorgaben von „Science Daily“ gerecht werden, musste die Software nur die ersten 1000 Wörter eines Aufsatzes analysieren.

Es gebe, so beantwortet Jürgen Schmidhuber eine E-Mail-Anfrage, viele Verfahren, die in einzelnen Anwendungsbereichen LSTM schlagen könnten. Sein Team habe ebenfalls mehrere solcher LSTM-Alternativen entwickelt. Bisher sei aber kein Verfahren gefunden worden, das gleichzeitig in vielen Bereichen besser sei.

Viel Arbeit für Journalisten
Zu dem Team, das die „novel representation unit for RNNs“ entwickelt hat, gehört mit Mićo Tatalović auch ein Wissenschaftsjournalist. Er ist im vergangenen Jahr im „Journal of Science Communication“ aufgefallen mit einem Aufsatz, der die Wissenschaftsjournalisten warnen möchte vor den „AI writing bots“, den künstlich intelligenten Textrobotern, die den Wissenschaftsjournalismus bald „revolutionieren“ würden. Der Text basiert auf Vermutungen, er kann keine Beispiele anführen, die beweisen, dass die Textroboter in naher Zukunft in der Lage sind, auch schwierige Wissenschaft in verständliche Sprache zu übersetzen. Ja, es gibt den vielbeschworenen „Quakebot“, der aus den stets identisch strukturierten Erdbebenmitteilungen des United States Geological Survey bestimmte Informationen herausfiltert und in Textschablonen füllt. Aber ist das Journalismus?

Für die Medienstelle des MIT haben die Wissenschafter um Soljačić eine Zusammenfassung ihres Aufsatzes automatisch hergestellt. Sie lautet – von Google künstlich intelligent auf Deutsch übersetzt –: „Forscher haben einen neuen Repräsentationsprozess für die Rotationseinheit von RUM entwickelt, einen wiederkehrenden Speicher, mit dem ein breites Spektrum der neuronalen Revolution in der Verarbeitung natürlicher Sprache gelöst werden kann.“

Xing: „Social-Media-Werbung ist erwachsen geworden“

Burdas Job-Plattform wächst im Werbegeschäft rasant – mit Facebooks Rezepten. Nun kommen auch noch Agenturservices hinzu. Und der direkte große Konkurrent Linkedin? Im Advertising will Xing vom Wettbewerb mit Microsofts Berufsnetzwerk sogar profitieren.

Ist es Zufall, dass sich Xing auf Bing reimt? Ja, natürlich. Dennoch ein Zufall, der Xing-Vermarktungschef Arist von Harpe eben dieses Wortspiel wert ist. Denn die Job-Plattform, die zum Werbe-Netzwerk werden möchte, soll nach seinem Willen im deutschsprachigen Social-Media-Werbemarkt eine ähnliche Rolle spielen wie die Microsoft-Suchmaschine in der Disziplin Search – als kleine, feinere Alternative zu Facebook und Google. Mit Werbeerlös-Zuwächsen von 40 Prozent (2017) und zuletzt rund einem Drittel (2018) ist Xing auf dem besten Weg dorthin. Und nun kommen auch noch Agenturleistungen dazu.

Kurzer Rückblick: Im vergangenen Jahr erklärte das Berufsnetzwerk, an dem Burda 50,3 Prozent hält, die Werbevermarktung zur Wachstumsturbine. Dahinter steht die Erkenntnis, dass das bisher wachsende B-to-C-Stammgeschäft auf lange Sicht stagnieren dürfte (siehe Kasten). Daher baut Xing weitere Säulen auf – unter anderem die Werbevermarktung. Dies liegt auf der Hand: Mit nun 16 Millionen Mitgliedern verfügt die Plattform über eine attraktive und dank ihrer Anmelde- und Klickdaten gut adressierbare Zielgruppe. Zumal 94 Prozent von ihnen lediglich die kostenlose Basisversion nutzen; via Werbung kann Xing auch diese 15 Millionen Nicht-Zahler einträglich monetarisieren.

Rund 13 Millionen Euro dürfte Xing 2018 mit Werbung erlöst haben; genaue Zahlen nennen die Hamburger nicht. Auch bei einer weiteren Angabe zieren sie sich: bei der öffentlichen Nennung des Namens Facebook. Während es im HORIZONT-Gespräch mit von Harpe oft und explizit um Facebook geht, möchte er anschließend offiziell nur mit Aussagen zitiert werden, in denen dieser Name nicht auftaucht – aber natürlich gemeint ist. Schließlich ist Facebook die Benchmark für Xings Werbegeschäft. Nicht bezüglich der Umsatzhöhen, sondern hinsichtlich der Rezepte, die Xing nachahmt.

„Der Trend zu Social Media ist ungebrochen, nach wie vor verbunden mit dem großen Versprechen, Werbung möglichst ohne Streuverluste auszuliefern, also personalisiert auf Basis von Nutzerdaten anstatt nach Umfeldern – und das ohne den Einsatz von Cookies“, sagt von Harpe. Facebook hat hier seine Funktionalitäten und Formate durchgesetzt, die Kunden hätten sie schätzen gelernt. „Social-Media-Werbung ist erwachsen geworden und inhaltlich weit entwickelt, entsprechend sinkt die Innovationsrate“, erklärt er. Seine Beobachtung: „Die Kunden verlangen kaum mehr Innovationen, sondern aus ihrer Sicht bewährte Standards und planbare Ergebnisse.“

Deshalb lehnt Xing seine eigenen Funktionalitäten und Formate offen an Facebook an und sieht sich im Social-Media-Marketing als „sinnvolle Ergänzung“, mit einem „vertrauenswürdigen Umfeld zur Generierung qualitativ hochwertiger Leads“ – damit will sich das Burda-Netzwerk dann wiederum von der übermächtigen US-Plattform abgrenzen. Und mit einer kleinen Stichelei in Richtung Facebook, mit dessen Führungsstrukturen etliche deutsche Werbekunden fremdeln: „Zudem sind wir persönlich ansprechbar“, sagt von Harpe.

Er ist erst Anfang 2018 zu Xing gekommen, als Geschäftsführer der Vermarktungstochter Marketing Solutions, die 2017 gegründet wurde und nun über 50 feste Mitarbeiter beschäftigt. Den Xing-Vermarktungserfolg deutet er aus Kundensicht auch strategisch: „Werbungtreibende wollen Alternativen.“ Will sagen: Vor allem Mediaagenturen möchten nicht bloß übers Einbuchen von Google- oder Facebook-Anzeigen wahrgenommen werden, „sondern über ihre intellektuelle Beratungsleistung“. Und dafür bräuchten sie eine Auswahl an Kanälen, sagt von Harpe. Auch davon profitiere Xing.

Aber ebenso der direkte große Konkurrent Linkedin. Das Microsoft-Berufsnetzwerk führt in Deutschland zwar rund 2 Millionen Mitglieder weniger, kann aber dafür bei länderübergreifenden Kundenkampagnen mit internationaler Aufstellung punkten. Doch dies sei kein Vorteil, heißt es bei Xing, da viele Kampagnen ohnehin auf unterschiedliche Sprachräume zugeschnitten seien.

Mehr noch: Im Advertising-Geschäft profitiere Xing sogar von Linkedin, da der Wettbewerb der beiden Job-Plattformen dabei helfe, sie als Werbemarkt-Alternativen zu Facebook bekannter und stärker zu machen. „Und als sympathischer regionaler Anbieter mit europäischen Datenschutzstandards sind wir hier in einer guten Position“, sagt von Harpe.

Treiber seines Werbegeschäfts sind aktuell der Fachkräftemangel und das Recruiting der Unternehmen. Binnen eines Jahres ist der Anteil der Xing-Werbeerlöse aus Kampagnen mit Employer Branding von 10 auf 30 Prozent gestiegen – das einstige Nischenthema schickt sich an, neben Produkt- und Markenwerbung zur Hauptsäule zu werden. Hier möchte Xing seinen Werbekunden nun auch Strategieberatung und Kreationsleistungen bieten, etwa beim Formulieren einer Arbeitgebermarke. Dass Xing mit solchen Services seinen eigenen Agenturkunden Konkurrenz macht, ficht die Netzwerker nicht an: Man wolle weniger die Konzernklientel der großen Agenturen ansprechen, sondern kleinere Mittelständler – und auch eher als Sales-Akquisitionsinstrument.

An seiner Formatstrategie hält Xing fest: Der gefühlte Werbedruck für Nutzer soll begrenzt und das Inventar knapp gehalten werden. Zugleich sollen die Klickraten durch das Zusammenspiel von besseren nativen Formaten, optimiertem Targeting und passenderer Kontextplatzierung steigen. Die Xing-Algorithmen optimieren nach Ertrag, nicht nach Klickpreis. Deshalb will von Harpe die relativ erlösschwachen großen Display-Flächen weiter zurückfahren. Hauptaktionär Burda, dessen Digitalvermarkter Burda Forward diese Formate betreut, dürfte die Kröte geschluckt haben.

Und die Kunden? Hier peilt man noch mehr Geschäft mit Großagenturen an, die höhere Budgets vergeben, weniger Betreuung erfordern und bessere Werbemittel kreieren, die mehr Klicks und so höhere Xing-Erlöse generieren. Schon jetzt liefern sie zwei Drittel der Werbeumsätze. „Wir fokussieren uns auf die Kundengruppen, die die Disziplin Social Media bereits verstanden haben“, sagt von Harpe. Man müsse nicht unbedingt der Innovator sein. Dies und das Heranführen neuer Kunden an Social Media übernimmt schließlich weiterhin – Facebook.

re:publica 2019: der schmale Grat zwischen politischem Idealismus und homogener Netzblase

In Zeiten von Klimaprotesten, Demokratie-Verdruss und Urheberrechtsreform ging es bei der re:publica19 um die großen Fragen der jungen Generation. Die 13. Ausgabe der Digitalmesse war politischer denn je. Das ist Folge einer sich wandelnden Gesellschaft – und birgt doch Gefahren. Eindrücke von drei Tagen in Berlin.

Gleich zu Beginn ist vieles anders als sonst. Eine große Schlange bildet sich vor dem Saal 1 der Eventlocation „Station Berlin“ in Kreuzberg. Sicherheitsleute mustern die Teilnehmer. Sie kontrollieren die Rucksäcke und wollen sehen, ob ihre Laptops funktionieren. Und während hunderte Teilnehmer gar nicht mehr in den überfüllten Saal kommen, ergreift Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf der Bühne das Wort.

Nie zuvor hat eine so ranghoher Politiker wie der Bundespräsident die Digitalmesse re:publica eröffnet. Er spricht über die Bedeutung des langen Arguments in Zeiten von Populisten, Twitter und Verkürzungen. Über die „Demokratisierung des Digitalen“, Hate Speech und Regulierung. Themen, die das vorwiegend junge Publikum erwartungsgemäß mit Beifall quittierte.

Die Anwesenheit Steinmeiers zeigt: Die re:publica ist politischer denn je. Und der Bundespräsident war nicht der einzige Vertreter der politischen Elite der Bundesrepublik, der den Digital Natives, den Bloggern, Aktivisten und Unternehmern in Berlin einen Besuch abstattete. Mit Olaf Scholz, Hubertus Heil, Franziska Giffey und Svenja Schulze (alle SPD) waren gleich vier Kabinettsmitglieder eingeladen. Nicht jeder sah die Umarmung der Politik mit Begeisterung. Und doch wird damit sichtbar, dass die oft grob als „Netzgemeinde“ umrissene Versammlung sehr ernsthafte Anliegen verfolgt.

Das Publikum: jung und engagiert

Es wurde diskutiert, wie Integration gelingen kann. Was gegen Hetzkampagnen und Shitstorms hilft. Wie Regulierung aussehen kann. Und welche Folgen die Polarisierung in Zeiten von Populisten und Anti-Demokratien hat. Was viele früher als Bloggertreffen belächelten, widmet sich mittlerweile den wichtigen Fragen unserer Zeit.

Die re:publica stellt sich einer gesellschaftlichen Veränderung, die bei den jungen Leuten, die auf der Konferenz klar dominieren, seit ein paar Jahren sichtbar wird. Es ist eine junge, aktive Bewegung herangewachsen, die humanistisch denkt, proeuropäisch und demokratisch tickt. Die “das Netz” und die Demokratie nicht mehr den Klimaleugnern, Systemkritikern und vermeintlich Lauten überlassen will. Ihr Engagement ist in Teilen aktivistisch, aber zumindest stark getrieben von einem Bedürfnis nach Veränderung.

Dass mit der Tincon erstmals unter 21-Jährige einen dedizierten Platz auf der re:publica bekommen haben, ist ein Indiz dafür, wie politisiert die Netzgemeinde über alle Altersgruppen ist. In der Tincon, einem Teilbereich der re:publica, der auch örtlich abgegrenzt ist, treffen sich die Jugendlichen zum Austausch, samt extra Speakern und Events. “Fridays for Future” lässt grüßen.

Realitätsschock und Homogenität

Montagabend, 20 Uhr. Die Sitzplätze im Saal 1, in dem am Morgen noch der Bundespräsident die Teilnehmer begrüßte, sind gut gefüllt. Selbst in den Gängen lungern die Interessierten. Auf die Bühne tritt der Netzaktivist Sascha Lobo. Seine Rede zur Lage der Nation ist fester Bestandteil der Digitalkonferenz. Vereinzelt wird Lobo gar als Klassensprecher der Netzgemeinde hofiert.

Die Politisierung der re:publica – auch bei Lobo spielte sie eine Rolle. Manche, wie er, spürten eine „diffuse Wut“. Brexit, Rechtsruck, Trump, Klimakrise – „das alles erschüttert uns”, so Lobo. Die Welt scheint aus den Fugen geraten, aber nur vermeintlich. In Wahrheit, sagte Lobo, sei unser Bild der Welt eine kollektive Illusion gewesen, die jetzt zerplatzt. Dieses Zerplatzen bezeichnete Lobo als “Realitätsschock”: „Falsche Vorstellungen von der Realität führen zu falschen Debatten und falsche Debatten führen zu falscher Politik.“ Dieser Schock führt nun dazu, dass die Menschen aufwachen, sich politisieren.

Lobo traf wie so oft den Zeitgeist. Der Applaus: minutenlang. Und noch Tage später schwärmten Teilnehmer von seiner Rede, die selten derart politisch war.

“Mutterschiff der Komfortzonen”

Doch so bewundernswert das politische Mitteilungsbedürfnis der Teilnehmer bei der Konferenz ist, so viel Kritik gibt es auch. Viele übersehen, was die NZZ treffend als “Mutterschiff der Komfortzonen” bezeichnet: die Homogenität. An kaum einem Ort sei man sich in seinen Freund- und Feindbildern so einig wie hier, so die NZZ. So sehr die Netzgemeinde sich politisiert – so sehr ähneln sich die Ansichten ihrer Mitglieder.

An vielen Stellen der re:publica wurde das deutlich: Als der Bundespräsident die Regulierung der großen Tech-Konzerne ausrief, machte er nichts weiter, als die Gemeinde in ihrer Selbstwahrnehmung zu bestätigen. Als der CDU-Politiker Axel Voss über das EU-Urheberrecht sprach, erntete er erwartungsgemäß hämisches Gelächter. Nicht einmal der Versuch war erkennbar, den Mann hinter der umstrittenen Urheberrechtsreform überhaupt zu verstehen. Der re:publica-Gründer Markus Beckedahl sprach ihm pauschal jegliche Expertise ab.

Kritik von Teilnehmern gab es auch an der großen Präsenz politischer Institutionen auf der Konferenz. Nicht nur, dass in dieser Politiker so präsent waren wie nie. Mit Institutionen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat die Politik seit Jahren auch im Ausstellungsbereich ihren Platz.

Die re:publica pflegt Partnerschaften zu Stiftungen und Ministerien, in diesem Jahr etwa dem Umweltministerium als Hauptpartner. In der Vergangenheit erhielt die Konferenz bereits Mittel aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS).

Einige halten das für problematisch, andere stören sich nicht daran. Die Party will halt auch bezahlt werden.

Werbung auf Netflix: Kommt Sie?

Ob YouTube, Facebook oder auch Sky: Keine große Plattform, die zumindest Videos, aber auch Filme oder Serie ausstrahlt, kommt ohne Werbung aus. Netflix bildet die große Ausnahme und erklärte bislang, seine Abonnenten nicht mit Spots belästigen zu wollen. Branchenexperten bezweifeln aber, dass das Angebot auf Dauer werbefrei bleiben wird.

Vergangene Woche fand in New York die Digital Content NewFronts statt. In einem Panel diskutierten mehrere Manager aus großen Medienkonzernen zur Frage, ob Netflix seiner Philosophie treu bleiben kann, auf On-Screen-Werbung im eigenen Angebot zu verzichten. Zum Anlass nahm man, dass der Streamingdienst derzeit wohl aktiv Personal mit Werbeexpertise sucht und einstellt. Einem Panel-Teilnehmer zufolge befasst sich das Unternehmen derzeit mit Targeting und Addressable Advertising, also der individuelle Ausspielung an jeden einzelnen Nutzer bzw. konkreten Empfänger.

Netflix braucht weitere Einnahmequellen

Laut Tara Walpert Levy, VP/Agency & Media Solutions von YouTube/Google, braucht Netflix weiter signifikantes Umsatzwachstum für die Expansion. Da sich diese nur bis zu einem gewissen Maß über Erhöhungen der Abo-Preise realisieren lässt, sei ein Werbe-Business eigentlich unausweichlich.

Kristin Lemkau, CMO von JP Morgan Chase, sagte, dass die Zuschauer offen für Werbung sein könnten, vorausgesetzt, die Optionen würden transparent kommuniziert und ein Mehrwert sei erkennbar. Ein Abo-Modell mit verschiedenen Stufen wäre dann eine mögliche Lösung sein: “Die Verbraucher wollen wählen können.”

Hulu macht’s vor

Joshua Lowcock, US Chief Digital/Innovation Officer bei der Medienagentur UM von Interpublic, merkte an, dass einige Anbieter bislang zwar Werbeeinblendungen ausgeschlossen hätten, aber eine Rückkehr zu einem werbegestützten Angebot immer wahrscheinlicher sei. “Netflix ist jetzt werbefrei. Ich kann mir keine Welt vorstellen, in der Netflix für immer werbefrei bleibt. Allein schon, wenn man sich die Kosten für die Contentproduktion ansieht. An dieser Stelle kommen adressierbare Werbung und neue Werbeformate ins Spiel.”

Einige Netflix-Rivalen, insbesondere Hulu, bieten Nutzern bereits die Wahl zwischen “mit” oder “ohne Werbung”, mit teilweise 50 Prozent Nachlass für den werbegestützten Service. Ähnlich verfährt Amazon bei seinem Kindle-Angebot: Wer den preiswerten E-Reader kauft, bekommt auf dem Standby-Bildschirm Werbung für E-Books ausgespielt. Die werbefreie Version kostet indes mehr.

Auch bei Google wird die Privatsphäre neuerdings großgeschrieben

An der diesjährigen Entwicklerkonferenz verkündet Google Verbesserungen beim Sprachassistenten und ein günstiges Hochleistungs-Smartphone. Vor allem aber gelobt die Firma besseren Datenschutz – der neue Trend im Silicon Valley.

Googles jährliche Entwicklerkonferenz im Freiluft-Theater in Mountain View ist der Moment, in dem sich die Firma ihren Entwicklern präsentiert. An der dreitägigen Veranstaltung bildet der Technologiekonzern eigentlich seine Entwickler weiter, die für ihn Anwendungen konzipieren. Längst ist die Konferenz aber zum Anlass geworden, sich selbst in Szene zu setzen und der Welt zu zeigen, an welchen Megatrends der Konzern in den vergangenen Monaten getüftelt hat.

„Wir wollen ein Google bauen, das noch hilfreicher ist, und zwar für jedermann“, sagte der CEO Sundar Pichai, als er zur Begrüßung vor 7500 Besuchern auf die Bühne des Amphitheaters trat – wie ein Pop-Star begleitet von Lichteffekten und Bassmusik. Unter den Innovationen, die er und sein Team in den folgenden 100 Minuten präsentierten, waren denn auch viele beachtliche Verbesserungen bestehender Google-Produkte und -Funktionen – allerdings nichts grundlegend Neues.

Bemerkenswerter als die Innovationen sind die Schlagworte, die sich bereits am ersten Tag durch die Konferenz zogen wie ein roter Faden: Datenschutz, Privatsphäre und das Versprechen: „Die Daten bleiben auf deinem Handy.“ Google stimmt damit den gleichen Ton an, den Facebook bereits vergangene Woche an seiner Entwicklerkonferenz getroffen hatte. „Wir glauben fest daran, dass jedem Datenschutz und Privatsphäre zustehen“, sagte der 46-jährige Pichai. „Sie bilden das Grundgerüst unserer Arbeit.“

Es sind – gelinde ausgedrückt – ungewohnte Töne für ein Unternehmen, das als Datenkrake verschrien ist und dessen Mutterkonzern Alphabet zur weltweit führenden digitalen Werbefirma aufgestiegen ist, und zwar dank seines einzigartigen Wissens über seine Nutzer. 90 Prozent aller Suchanfragen im Internet laufen heute über Googles Suchmaschine, Gmail ist der weltweit führende E-Mail-Anbieter, der Browser Chrome läuft auf fast zwei Dritteln aller Desktop-Computer, YouTube ist die dominante Video-Plattform. All diese Produkte statten das Unternehmen mit einem einzigartigen Schatz an Informationen über seine Nutzer aus, den es für Produktinnovationen wie auch auf dem Werbemarkt verwenden kann.

Umdenken erfolgt?

Lange haben sich die Nutzer wenig um Datenschutz und Privatsphäre geschert, zu bequem waren die Angebote der Technologiefirmen. Doch die Datenskandale um Facebook, der Nummer zwei im digitalen Werbemarkt, haben ein Umdenken angestoßen – bei den Nutzern, und damit offenbar auch bei Google. Der Konzern entwickle sich ständig entlang der Erwartungen seiner Nutzer weiter, sagte Pichai denn auch am Dienstag.

Konkret können Nutzer künftig über alle Dienste hinweg einfacher die Daten löschen, die Google über sie erhebt, und diese Löschung auch alle 3 oder 18 Monate automatisieren. Selbst Daten zum Aufenthaltsort, die Google dank seinem Dienst Maps in Massen über seine Nutzer besitzt, werden nun einfacher löschbar. „Location Data“ gehöre schließlich zu den persönlichsten Daten überhaupt, sagte die Produktmanagerin für Googles mobiles Betriebssystem Android, Steph Cuthbertson: „Du solltest immer die Kontrolle darüber haben.“

Gefühl für moralische Bedenken entwickelt

Das Umdenken bei Google zeigt sich auch am Beispiel des Sprachassistenten Duplex. Diesen hatte Pichai vor einem Jahr an der Entwicklerkonferenz vorgestellt; Duplex kann menschliche Stimmen imitieren und so für Nutzer telefonisch Reservierungen vornehmen. Allerdings teilte Duplex dem Gesprächspartner bei der Vorführung nicht mit, dass er gerade mit einer Maschine telefoniert. Das sorgte für massive Kritik an Google. Dem Konzern fehle das moralische Feingefühl, hieß es.

Dieses Jahr scheint Google für solche „Details“ sensibilisiert: Duplex, der weiterentwickelt wurde und nun auch Mietwagen und Hotelzimmer reservieren kann, teilt jedem Gesprächspartner künftig mit, dass er gerade mit einer Maschine zu tun hat. „Du bewahrst immer die Kontrolle“, wiederholte Pichai das Mantra der Konferenz.

Eine wesentliche Weiterentwicklung beim Datenschutz gibt es beim Sprachassistenten Google Assistant: Der Konzern wird die aufgezeichneten Befehle künftig nicht mehr auf seinen Servern speichern, sondern die Anweisungen direkt auf dem Smartphone und Tablet-Computer des Nutzers auswerten.

Aus Datenschutz- wie auch aus Wettbewerbs-Sicht ist das bemerkenswert, weil in den vergangenen Monaten immer wieder Pannen publik wurden, bei denen Sprachassistenten persönliche Gespräche aufgezeichnet und die Inhalte an andere Nutzer geschickt hatten – wie ein Spion im eigenen Wohnzimmer.

Google ist es nun offenbar gelungen, die Programme zur Sprachverarbeitung derart zu komprimieren, dass sie lokal auf dem Smartphone laufen. „Statt deine Daten in die Datenwolke zu schicken, schicken wir Machine-Learning auf dein Handy“, sagte Pichai.

Wikipedia: „Die einen halten uns für ‚linksgrün versifft‘, andere wittern einen Rechtsruck“

Die deutsche Wikipedia umfasst mehr als 2,3 Millionen Artikel. Damit ist sie eine der größten und aktivsten Wikipedia-Ausgaben der Welt. Das ist auch ein Verdienst von Wikimedia Deutschland, dem gemeinnützigen Verein hinter der Online-Enzyklopädie. Doch es gibt auch Probleme: Die Frauenquote ist noch niedriger als in der CDU, der Tonfall ist oft ruppig, und immer weniger Menschen schreiben aktiv mit. Trotzdem mache er sich keine Sorgen um die Zukunft, sagt Sprecher Jan Apel.

Die Gemeinschaft ist total vielfältig. Es gibt keine Durchschnittsnutzer. Die persönlichen Hintergründe sind genauso divers wie die Motivation und die Schwerpunkte: Manche bessern denselben Grammatikfehler in Hunderten Artikeln aus, andere machen Fotos. Neue Artikel anzulegen, ist so etwas wie die Königsdisziplin. Für den Einstieg ist es einfacher, mit Aktualisierungen oder Korrekturen anzufangen.

Angeblich sind 90 Prozent der Wikipedianer männlich. Stimmt diese Zahl?

Das genaue Verhältnis kennen wir nicht. Niemand muss seine personenbezogenen Daten angeben. Deshalb wissen wir genauso wenig, wie Transgender oder Migranten repräsentiert sind. Es gibt Umfragen, aber damit erreichen wir natürlich nur die Menschen, die bereit sind, diese Informationen anzugeben. Demnach liegt der Frauenanteil zwischen zwölf und 25 Prozent.

Wer in der Wikipedia mitschreiben will, braucht ein dickes Fell. Der Tonfall ist oft ruppig, Neueinsteiger haben es schwer. Schreckt das Frauen ab?

Das trägt sicher auch dazu bei. Einige Community-Mitglieder preschen recht harsch nach vorn, um es freundlich zu sagen. Wir arbeiten daran, dass unsere Gemeinschaft vielfältiger wird, indem wir Menschen direkt ansprechen und zu Informationsveranstaltungen vor Ort einladen. Der persönliche Kontakt ändert vieles. Das ist einfach eine ganz andere Nummer, als sich nur online auszutauschen. Das Interesse ist groß: Bei unserem Aktionstag im vergangenen Jahr sind wir überrannt worden. Im Spätherbst wollen wir das wiederholen.

Sehr unterschiedliche Menschen investieren ihre Freizeit in ein ehrenamtliches Projekt. Welche Konflikte treten da auf?

Ganz viele, und manchmal kracht es ordentlich. Aber das muss so sein, denn die Wikipedia will möglichst neutral sein. Deshalb braucht es kontroverse Diskussionen. Oft geht es um Inhalte von Artikeln. Manchmal gibt es richtiggehende Edit-Wars, also Artikel, die immer wieder von der einen und der anderen Seite bearbeitet werden. Es kommt auch vor, dass diese Artikel dann gesperrt werden, um neue Edits für eine gewisse Zeit zu verhindern.

Was sind die kontroversesten Themengebiete in der deutschen Wikipedia?

Auf der einen Seite natürlich politische Themen, bei denen Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Das spiegelt sich dann teils auch in ihren Bearbeitungen wider. Auf der anderen Seite sind es aktuelle Themen, zu denen es keine eindeutige Studienlage gibt. Wenn die Wissenschaft zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, spaltet das auch die Wikipedia-Community.

Wie tickt die Gemeinschaft politisch? Ist sie eher links der Mitte, überwiegen konservative Stimmen? Und wie wirkt sich das auf den Inhalt aus?

Ich halte die Wikipedia für ziemlich ausgewogen. Die einen halten uns für „linksgrün versifft“, andere wittern einen Rechtsruck. Solange sich beide Seiten beschweren, bin ich zufrieden.

Für viele Menschen gilt: Was in der Wikipedia steht, ist wahr. Stimmt das?

Auf keinen Fall. Man darf sich auf gar nichts hundertprozentig verlassen, was man liest, weder im Netz noch auf Papier. Aber genau darum geht es: Wir wollen Medienkompetenz stärken. Bei uns finden Nutzende Quellenbelege und können weiter recherchieren. Die Wikipedia hat jede Vorstellung einer klassischen, gedruckten Enzyklopädie gesprengt. Natürlich ist nicht alles wahr. Aber ich glaube, dass die Seite eine wunderbare erste Anlaufstelle ist.

Die Wikipedia wird sich verändern müssen, um relevant zu bleiben. Was sind die größten Herausforderungen?

Wir müssen Menschen erklären, dass sie mitschreiben können – und dass die Wikipedia darauf angewiesen ist. Immer weniger Leute tragen aktiv bei. Das bedroht die mittelfristige Zukunft. Das Internet hat sich grundlegend verändert. Es wird dominiert von großen, finanzstarken Unternehmen. Dagegen hat es eine Plattform wie die Wikipedia schwer. Nutzer müssen verstehen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es uns gibt. Wir brauchen Aktive, die ihr Wissen weitergeben wollen. Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Das ist eine weitere große Herausforderung: Wie schaffen wir es, dass die Menschen in Afrika genauso davon profitieren? Wie erreichen wir Gesellschaften, die ihr Wissen bislang eher mündlich weitergeben oder keine Enzyklopädien kennen?

Die Wikipedia finanziert sich zum größten Teil durch Spenden. Ist das ein zukunftsfähiges Modell?

Zum Glück muss ich mir derzeit keine Sorgen ums Geld machen. Unsere Spendenkampagne läuft einmal pro Jahr etwa 50 Tage lang, in dieser Zeit spenden etwa 400 000 Menschen. Dafür sind wir sehr dankbar. Manche sagen, dass sie gerade ihr Studium beendet haben und etwas zurückgeben wollen. Andere schreiben Kommentare wie: „Ich will, dass das Weltwissen weiter bewahrt wird, auch wenn ich nicht mehr lange auf dieser Welt sein werde.“ Diese Rückmeldungen machen Mut für die nächsten 18 Jahre Wikipedia.

Die Wachstumsstrategie der Bertelsmann-Buchverlage

Mit der Akquisition des Verlags Ediciones Salamandra stärkt die weltgrößte Publikumsmarktgruppe Penguin Random House (PRH) ihren Marktanteil im spanischsprachigen Kinder- und Jugend- sowie Erwachsenenbuchmarkt in Spanien und Lateinamerika, den sie zuvor mit dem Kauf von Santillana Ediciones Generales (2014) und Ediciones B (2017) auf- und ausgebaut hat. PRH gehört zum deutschen Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann.

Die Umsätze von Penguin Random House haben 2018 um 1,9% auf 3,424 Mrd Euro zugelegt. Die Gruppe hat zuletzt ihr Engagement vor allem in den (auch für den Bertelsmann-Konzern) wichtigen Wachstumsregionen China, Indien und Lateinamerika ausgebaut.

Ein Überblick über die Akquisitionen der vergangenen fünf Jahre:

  • 2014: Santillana (Spanien): Übernahme durch Penguin Random House Grupo Editorial in Barcelona, Ausbau der spanisch- und portugiesischsprachigen Verlagsgeschäfte mit besonderem Fokus auf die lateinamerikanischen Märkte.
  • 2014: Objetiva (Brasilien): Ergänzung/Teil der Santillana-Übernahme.
  • 2017: Ediciones B (Spanien): Abrundung des Engagements im spanischsprachigen Markt.
  • 2017: Out of Print (USA): Mit dem Kauf des Merchandising-Spezialisten will PRH Themenwelten rund um die Bücher schaffen, das Leseerlebnis verlängern und Leser zu Fans und Multiplikatoren machen.
  • 2017: Sasquatch (USA): Übernahme des kleinen Verlags Sasquatch Books (Seattle), der zu Themen wie Reise und Essen veröffentlicht.
  • 2018: Rodale Books (USA): Übernahme des Sachbuch-Programms durch den PRH-Verlag Crown; das 2017 neu gegründete Kinderbuchprogramm wird bei Random House Children’s Books angedockt.
  • 2018: Hind Pocket Books (Indien): Ausbau der Präsenz in Indien mit einem Taschenbuch-Verlag, der in lokalen Sprachen publiziert.
  • 2018: Der Audio Verlag (Deutschland): Ausbau der deutschen Marktführung im Wachstumsmarkt Hörbuch.
  • 2018: Penguin Books Singapore (Südostasien): Gründung einer Divi­sion, die für Südostasien Belletristik, Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher verlegt. PRH ist in Asien bereits mit Penguin Random House North Asia und Penguin Random House India vertreten.
  • 2018/19: Companhia das Letras (Brasilien): Anteilsaufstockung am brasilianischen Marktführer; PRH hält jetzt die Mehrheit.
  • 2019: Little Tiger Group (Großbritannien): Kauf des international agierenden Kinder- und Jugendbuchverlags mit fünf Imprints
  • 2019: Ediciones Salamandra (Spanien): Ausbau des Marktanteils im spanischsprachigen Kinder- und Jugend- sowie Erwachsenenbuchmarkt in Spanien und Lateinamerika.

Markus Dohle, der CEO von Penguin Random House, hat kürzlich in einem buchreport-Interview seine Wachstumsstrategie so beschrieben: „Wir haben das Engagement in unseren Wachstumsregionen China, Indien und Lateinamerika in den vergangenen 5 Jahren signifikant ausgebaut. Wir sind heute beispielsweise in allen wesentlichen Ländern Lateinamerikas Marktführer und engagieren uns in allen Märkten mit großem Wachstumspotenzial. Lassen Sie mich drei Beispiele geben: Mexiko und Brasilien haben sehr junge und große Demografien und sind zusammen mit 340 Mio Menschen von der Bevölkerung her so groß wie die USA. In Indien sprechen 10% der Bevölkerung fließend Englisch – das sind 130 Mio Menschen. Damit ist Indien das zweitgrößte englischsprachige Land der Erde. Und China ist trotz aller regulatorischer Hemmnisse nach den USA der zweitgrößte Buchmarkt mit zweistelligen Wachstumsraten, vor allem im Kinder- und Sachbuch.“

Wie die Bundesländer dem Sportwettenmarkt neue Spielregeln geben wollen

Seit fast knapp einem Jahrzehnt versuchen Landespolitiker erfolglos, den Markt zu regulieren. Statt Ordnung zu schaffen, ist die Unordnung nur noch größer geworden. Doch damit soll in Zukunft Schluss sein.
Ende März haben sich die 16 deutschen Bundesländer darauf verständigt, den Markt ab 2020 für private Anbieter zu öffnen. Die vergebenen Lizenzen sollen dann anderthalb Jahre gültig sein, bis Mitte 2021 eine komplette Neuregelung des Sportwettenmarkts ansteht und die Monopolsituation Geschichte sein wird. Wie in der Vergangenheit mutiert die Konsensfindung dabei zur Mammutaufgabe. Nur wenn alle Bundesländer sich einig sind, können Maßnahmen verabschiedet werden.

Fest steht: Zugelassen werden ab kommendem Jahr erstmals alle Anbieter, die die vorgeschriebenen „qualitativen Mindestanforderungen“ in Bereichen wie Jugend- und Manipulationsschutz erfüllen. Bislang war das nur dem Angebot von Oddset, der staatlichen Lotto-Tochter, vorbehalten. Alle anderen Anbieter bewegten sich im Graubereich, nachdem die erste Lizenzvergabe der Bundesländer 2011 wegen Intransparenz von Gerichten im Eilverfahren gestoppt wurde. Seitdem liegt das Verfahren auf Eis. Den Anbietern von Sportwetten kam die Blockade nicht ungelegen. Die privaten Sportwetten-Unternehmen haben sich sogar vom Europäischen Gerichtshof attestieren lassen, dass niemand ihr Treiben bestrafen darf, da der Staat nicht in der Lage war, ihnen Lizenzen zu erteilen.

Die nun im Wortungetüm „Dritter Änderungsglücksspielstaatsvertrag“ von den Ländern vereinbarte Neuordnung drückt sprachlich passend aus, wie verworren die Lage mittlerweile ist. Noch ist gänzlich unklar, was sich zum Jahreswechsel 2020 konkret ändert. Regulieren ja, aber bitte nicht um die komfortablen Freiheiten berauben, lautet die Hoffnung etablierter Anbieter. Denn das Tipp-geschäft ist in der Grauzone geradezu explodiert. In den zurückliegenden sechs Jahren haben sich die Wetteinsätze von 3,8 Milliarden Euro auf rund 7 Milliarden Euro jährlich fast verdoppelt. Die großen Anbieter sind mittlerweile auch die großen Sponsoren des Sportgeschäfts. Zuletzt bewegte sich das jährliche Werbebudget der Branche auf die 400-Millionen-Marke zu – Marktführer Tipico gab allein 2018 mehr als 160 Millionen Euro für Werbung aus.

Lizenzen ja, aber zu welchen Bedingungen?
Die aktuell diskutierten Einschränkungen von Live-Wetten, bei denen Spieler während laufender Sportereignisse auf den nächsten Torschützen oder Elfmeter setzen, verfolgt die Branche mit Sorge. „Live-Wetten machen 60 bis 80 Prozent des Sportwettenumsatzes aus. Alle Einschränkungen sind sofort ein wirtschaftlicher Schaden“, sagt Mathias Dahms, Präsident des Deutschen Sportwettenverbands. Falle diese attraktive Spielform weg, werden Spieler in den unkontrollierten Schwarzmarkt gedrängt, warnt der Lobbyist. Sorgen bereitet Dahms auch das im Staatsvertrag verankerte monatliche Einsatzlimit von 1000 Euro pro Spieler: „Für einen Hartz-IV-Empfänger ist die Summe möglicherweise zu hoch, für einen Millionär hingegen zu niedrig. Sinnvoller wäre es, wenn Spieler bei der Registrierung ihr Einsatzlimit selbst bestimmen.“ Auch die Online-Casinos, die alle großen Sportwettenanbieter im Portfolio haben, könnten illegal werden und den Anbietern als finanziell wichtiges Standbein wegbrechen.

© Horizont

Beim österreichischen Wettanbieter Bwin bereitet man sich im Hintergrund auf mögliche Lizenzauflagen vor. Der sehr wahrscheinliche Fall, dass das Wettverhalten von Spielern online erfasst und an eine Regulierungsbehörde übermittelt werden muss, stellt für den international agierenden Anbieter keine Hürde dar. In anderen regulierten Märkten in Europa hat Bwin solche Datenbanken bereits erprobt, könnte seine Spieler also sehr schnell an eine deutschlandweite Sperrdatei anschließen lassen.

Big Player zukünftig mit Wettbewerbsvorteilen
Fraglich ist aktuell, wie effektiv aufgestellte Regeln überhaupt überwacht werden können. „Die Glücksspielaufsichtsbehörde ist für die bestehende Monopolsituation konzipiert und nicht für eine Vielzahl von Anbietern. Dafür fehlen ihr schlicht die Ressourcen“, sagt Professor Tilman Becker, geschäftsführender Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Uni Hohenheim.

Auch wegen der zahlreichen Unwägbarkeiten sieht Stephan Heilmann, Head of DACH Bwin, der Neuordnung mit Spannung entgegen: „Nur wenn die Lizenzauflagen marktkonform sind, wird der Markt weiter wachsen. Dann würden Lizenzinhaber und Marken mit der höchsten Brand Awareness davon besonders profitieren können.“ Weitere Marktsteigerungen von bis zu 20 Prozent in den nächsten drei bis vier Jahren hält auch der Deutsche Sportwettenverband für möglich. „Da ist noch Luft nach oben. Nur für kleinere Anbieter wird es in Zukunft deutlich schwerer werden“, so Dahms. Das geänderte Lizenzverfahren sieht nämlich vor, dass Anbieter ihre Bonität nachweisen und dazu mindestens 5 Millionen Euro als Sicherheitsleistung hinterlegen müssen.

Lizenzierte und zugleich wirtschaftlich gut aufgestellte Anbieter liegen im Interesse von denjenigen, die Oliver Kahn und Co als festen Bestandteil ihrer Werbepausen zu schätzen wissen. Vermarktungs- und Beratungsunternehmen wie Magic Sports Media setzen auch in Zukunft auf eine enge Zusammenarbeit mit den Wettanbietern. „Es ist uns wichtig, dass auch im Rahmen einer gewünschten Regulierung die wirtschaftlichen Rahmenbindungen stimmen, damit den Anbietern ein sinnvolles Marketing möglich ist und entsprechendes Werbebudget zur Verfügung steht“, so deren Geschäftsführer Andreas Blaue.

Aktuell ist die Werbebereitschaft unter den Wettanbietern groß. Anders als etwa in Großbritannien darf vor und nach dem Spiel sowie in der Halbzeitunterbrechung für private Sportwettenanbieter geworben werden. Neben der TV-Präsenz hat sich die Branche auch auf den Sponsorentafeln der Bundesligavereine einen festen Platz gesichert. 17 von 18 Bundesligisten haben eine Partnerschaft mit einem Wettanbieter (siehe Tabelle). Auch wenn Oddset nur marginale 2 Prozent des Gesamtumsatzes erzielt, sponsert der einzige staatliche Anbieter aktuell fünf Erstligisten. Mit Tipico und Bwin werben die beiden Marktführer des Wettmarkts für Bayern München und Borussia Dortmund, das Spitzenduo des deutschen Fußballs. Die Werbeinvestitionen der namhaften Wettakteure hat sich in den vergangen fünf Jahren oft mehr als versechsfacht.

Ob die Marktregulierung zum Bremsklotz oder Wachstumsmotor der Milliardenbranche wird, zeigt sich erst 2021. Bis dahin hat auch der Werbetitan Kahn seinen Platz im TV-Kasten vertraglich sicher und beweist, dass man auch mit fast 50 Jahren an jedem Bundesligaspieltag im Einsatz sein kann.

Warum meinungsstarke Werbung für Unternehmen so schwierig ist

Ob Bahn oder Leica: Wenn Firmen Haltung zeigen wollen, geht das nicht immer gut. Reputationsexperten erklären, worauf es bei solcher Werbung ankommt.

Auf der Webseite der Deutschen Bahn strahlen zufriedene Bahnfahrer: Der dunkelhäutige TV-Koch Nelson Müller, die türkischstämmige Moderatorin Nazan Eckes, der deutsch-finnische Formel 1-Rennfahrer Nico Rosberg. Lauter Werbebotschafter, die vom Staatskonzern dafür bezahlt werden, dass sie so glücklich von ihren Bahnsesseln lachen. Ein Statement für eine multikulturelle Gesellschaft, hat sich die Bahn vermutlich gedacht.

Doch genau daran störte sich Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Der Grünen-Politiker entfachte mit einem gehässigen Facebook-Post („Welche Gesellschaft soll das abbilden?“) einen wochenlangen Shitstorm. Allerdings nicht gegen die Bahn, sondern gegen sich selbst.

Dass politische Äußerungen für Unternehmen ihre Fallstricke haben, erfuhr auch der Kamerahersteller Leica – Anlass war ein Film mit dem Namen „The Hunt“ („Die Jagd“). Der Film, den nach Angaben von Leica „ein freier Händler in Brasilien beauftragt, finanziert und freigegeben hat, ohne die Leica Camera AG zu kontaktieren“, zeigt die Arbeit von Fotografen, die in Krisengebieten arbeiten. Eine der Szenen stellt einen Fotografen dar, der das Massaker rund um den Pekinger Tiananmen-Platz 1989 aufnimmt.

Das ist ein Tabu in China – und brachte den deutschen Kamerahersteller in die Bredouille. Leica distanzierte sich von dem Film, unternahm „rechtliche Schritte, um eine weitere Verbreitung des Videos im Namen der Leica Camera AG zu verhindern und den Missbrauch der Marke Leica zu unterbinden“. Auch wenn man nicht für den Film verantwortlich sei, bedauert sie die Unannehmlichkeiten, die durch ihn entstanden seien.

Haltung zeigen ist nicht immer einfach. Und doch ist es etwas, das die Menschen immer stärker auch von Unternehmen erwarten. Wofür stehen die Manager, welchen Sinn verleihen sie ihrem Tun? Laut einer Studie der Beratung JP Kom und des Marktforschungsunternehmens Civey fordert knapp ein Drittel der befragten Deutschen eine politische Haltung von den Konzernen.

Das bedeutet aber auch: „Unternehmen müssen mehr denn je global denken und sich vergegenwärtigen, in welchen Markt welche Themen problematisch werden könnten“, sagt Wigan Salazar, Chef der PR-Agentur MSL Germany. „In einer Zeit der Polarisierung kann jede Marke zum Politikum oder zur politischen Geisel werden“, meint er.

Immer mehr Marken zeigen Haltung und machen damit deutlich, welche gesellschaftlichen und politischen Werte ihnen wichtig sind. Die Sportartikelmarke Nike zeigte sich mutig, indem sie sich auf Seiten des wegen seiner Anti-Rassismus-Aktion geächteten NFL-Quarterbacks Colin Kaepernick stellte („Glaube an etwas, selbst wenn es bedeutet alles zu opfern“).

Der ADAC setzte ebenfalls auf eine multikulturelle Kampagne („Wir sind nicht Deutsch. Wir sind überall. Und an Grenzen machen wir nicht halt“) und ließ im Video einen Gartenzwerg explodieren. Wütende Kommentare im Netz („Rassismus gegen Deutsche“, „Kündigung ist raus!!!“)), kommentierte der Automobilclub gelassen: „Marken können nur Orientierung geben, wenn sie Haltung zeigen.“

Wunsch nach Aufmerksamkeit ist oft größer als die Überzeugung
Marken wollen mehr sein als nur ein Turnschuh, ein Transportmittel, eine Kamera. Marken suchen nach einem übergeordneten Zweck, neudeutsch Purpose. Diese Haltung soll sie inmitten des Herzens eines Konsumenten katapultieren.

„Unternehmen denken mehr denn je über Haltung nach“, meint Franz-Rudolf Esch, Marketingprofessor an der der EBS Universität für Wirtschaft und Recht in Wiesbaden. Seine Erklärung für den Trend: „Je größer die Umbrüche sind, desto wichtiger ist eine Orientierung für die Menschen.“

Wie gut das Thema Haltung auf den Unternehmenserfolg einzahlt, hat Marketingprofessor Esch in einer aktuellen Studie untersucht. „Haltung und Wandel ist wichtig, um langfristig erfolgreich zu sein“, heißt es in der Untersuchung „Marken erfolgreich führen 4.0: Wandel braucht Haltung“.

Esch rät davon ab, sich auf nur eine der beiden Dimensionen zu fokussieren. „Wenn ein Unternehmen mit einer starken Haltung den Wandel vorantreibt, kann es zu den wenigen jahrhundertealten Unternehmen werden und von einem positiven Effekt auf die Performance profitieren“, meint er.

Doch das gelingt nicht immer. „Die alles entscheidende Frage ist doch, ob es die Unternehmen mit der Haltung auch ernst meinen – oder eben nicht“, meint PR-Experte Salazar. Seine Einschätzung: Noch immer wieder zu viele Firmen nicht wirklich hinter den Inhalten stehen, die sie verkünden. Der Wunsch nach Aufmerksamkeit ist dann größer als die verkündete gesellschaftliche oder politische Überzeugung.

Die Voraussetzungen für eine echte Haltung in einem Unternehmen beschreibt Marketingprofessor Esch in seiner Studie: Die Unternehmen müssten zunächst ihre Werte, Grundsätze und Missionen klar definieren, in einem zweiten Schritt sollten die Mitarbeiter die Inhalte kennen und verinnerlichen, und schließlich müsste die Haltung dann auch in dem Unternehmen gelebt werden.

Ist die Haltung tatsächlich in dem Unternehmen verankert und den Mitarbeitern vermitteln worden, dann stellt sich allerdings die nächste Herausforderung: Wie kann die Haltung in einer Kommunikation transportiert werden? Wie kann das Unternehmen sich gegen Attacken wappnen? „Haltungskampagnen müssen entsprechend mit einem Krisen- und Eskalationsplan begleitet werden“, rät Agenturchef Salazar.

Die Bahn reagierte schnell auf die Kritik von Palmer. „Herr Palmer hat offenbar Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft. Solch eine Haltung lehnen wir ab“, schieb das Unternehmen auf Twitter. Der Politiker räumte inzwischen in einem „Zeit“-Interview ein: „Das Ganze war ein Schnellschuss. Ich habe keine zwei Minuten, nachdem ich die Werbung eher zufällig im Internet entdeckt hatte, drei Sätze dazu auf Facebook gepostet.“

Der „Guardian“ beendet eine frivole Lebensphase

Die Mediengruppe des „Guardian“ schrieb während Jahren tiefrote Zahlen. Das erlaubte ihr eine globale Expansion. Doch das exzentrische Geschäften konnte nicht ewig so weitergehen.

Das muss man sich leisten können. Seit der Jahrtausendwende schrieb der Verlag der britischen Tageszeitung „Guardian“ rote Zahlen. Zwischen 2009 und 2016 waren die Geschäftsabschlüsse gar tiefrot. In sieben Jahren gab das Medienunternehmen 227 Mio. £ mehr aus, als es einnahm. Diese Summe entspricht der Höhe der Einnahmen des im April abgeschlossenen Finanzjahrs. Das Management konnte derart locker mit Geld umgehen, weil eine potente Stiftung hinter seinem Rücken steht. Gut eine Milliarde umfasst deren Vermögen.

Doch selbst dicke Polster werden früher oder später dünn, wenn ihnen nicht Sorge getragen wird. Die Führung beschloss darum ein Ende der Schuldenwirtschaft. Sie strich 450 Stellen, davon 120 redaktionelle. Nun scheint das erste Ziel wie angekündigt erreicht. Der Überschuss von 0,8 Mio. £ ist gemessen am Umsatz indessen bescheiden. Und hart gerechnet, würde die Mediengruppe immer noch mit 25 bis 30 Mio. £ im Minus liegen, wie die BBC schreibt.

Die hohen Ausgaben erlaubten es aber der linksliberalen Tageszeitung und ihrer Sonntagsausgabe, über den nationalen Markt hinauszuwachsen und in der ersten Medien-Liga mitzuspielen. Ihr gelangen einige journalistische Coups. Die Redaktion deckte die Abhöraktionen von Journalisten im Sold von Rupert Murdoch auf und erregte mit Publikationen über die Schnüffeleien des US-Geheimdienstes NSA, über Wikileaks und Cambridge Analytica oder die Panama Papers weltweit Aufmerksamkeit. Sie erwarb sich zudem den Ruf eines Avantgardisten für digitalen Journalismus.

Außergewöhnlich ist die Karriere des „Guardian“ auch in anderer Hinsicht. Während die meisten auf Hintergrundinformationen spezialisierten Verlage ihre Zukunft im Geschäft mit digitalen Abonnements sehen, entschied das britische Blatt, sein Internetangebot für alle offenzuhalten. Auf dem Werbemarkt zahlte sich das nicht besonders aus. Doch es gelang, freiwillige Spender zu mobilisieren. Inzwischen zählt man fast eine Million Unterstützer.

Die Internet-Revolution im Lebensmittelhandel ist erstmal abgesagt

Schon die Hälfte aller Computer in Deutschland und Österreich wird online gekauft. Außerdem mehr als ein Drittel der Konsumelektronik und fast ein Viertel aller Kleidung. Doch in einem Bereich machen die deutschen Verbraucher nach wie vor einen Bogen um das Internet: Lebensmittel. Aber auch Waschmittel und Zahncreme kaufen sie nach wie vor fast ausschließlich im Laden nebenan.
Furcht vor Amazon verschwunden

Dabei hatte es vor zwei Jahren noch ganz anders ausgesehen. Als Amazon Anfang Mai 2017 seinen Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh in Deutschland einführte, befürchteten viele Händler, jetzt werde der Online-Einzelhändler auch die Art und Weise revolutionieren, wie in der Bundesrepublik Lebensmittel gekauft werden. So wie er zuvor den Einkauf von Büchern und Elektronik verändert hatte.

Doch die Internet-Revolution im Lebensmittelhandel ist Studien zufolge erst einmal abgesagt. In einer Untersuchung kommt der Marktforscher Nielsen zu dem Ergebnis: „Bei Lebensmitteln bleiben die Deutschen dem stationären Handel treu.“ Die Zahl der Online-Lebensmittel-Shopper stagniere hierzulande seit über fünf Jahren. Nur jeder sechste deutsche Haushalt kaufe zumindest ab und zu Waren des täglichen Bedarfs online. Auch eine Studie des IT-Branchenverbands Bitkom kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

„Die Deutschen nutzen den Online-Handel für Lebensmittel deutlich weniger als für andere Produkte wie beispielsweise Bücher oder Möbel“, betont die Nielsen-Expertin Nina Gemkow. Besonders bei frischen Produkten wie Obst und Gemüse gingen sie lieber auf Nummer sicher und kauften im stationären Handel.
Der Verzicht auf Online-Angebote werde den Verbrauchern durch das dichteste Ladennetz in ganz Europa erleichtert, betonten die Nielsen-Experten. Es gebe gemessen an der Einwohnerzahl in der Bundesrepublik zwei bis drei Mal so viele Supermärkte, Discounter und Drogeriemärkte wie in Frankreich oder Großbritannien.

Langsameres Wachstum als erwartet

Edeka, Rewe und Co. beobachten die Entwicklung natürlich sehr genau und kommen zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen. Edeka-Vertriebsvorstand Claas Meineke sagte kürzlich mit Blick auf das Thema E-Food, also den Online-Handel mit Lebensmitteln: „Da halten sich die deutschen Verbraucher nach wie vor zurück.“ Auch der Rewe-Digital-Vorstand Jan Kunath urteilt: „Der Bereich wächst langsamer als viele angenommen haben.“ Das Online-Wachstum sei in diesem Bereich kein Selbstläufer wie bei Büchern.

Eher noch härter fällt das Urteil über die Internetgeschäfte beim Drogeriemarkt-Riesen Rossmann aus. Im Drogeriehandel habe der E-Commerce „noch keine Zugkraft“, stellte Raoul Roßmann, der Sohn des Firmengründers, im Gespräch dem Branchenfachblatt Lebensmittelzeitung fest. Rossmann hat die Kooperation mit Amazon Prime Now deshalb inzwischen eingestellt. Seinen eigenen Online-Shop sieht der Konzern in erster Linie als Kommunikationsinstrument. „Kunden informieren sich bei uns über Öffnungszeiten, Produkte, deren Verträglichkeit, Mikroplastik oder Produktbewertungen. Rund 99 Prozent der Shop-Besucher kaufen aber nicht.“

Kein Wunder also, dass der Ausbau des Online-Angebots an Lebensmitteln vielerorts ins Stocken geraten ist. Beim deutschen Branchenvorreiter Rewe etwa stagniert die Zahl der von seinem Lieferservice abgedeckten Regionen seit geraumer Zeit bei 75. Stattdessen findet sich immer häufiger die Möglichkeit, online bestellte Ware in einer Filiale abzuholen.

Edeka beschränkt seinen Lieferservice Bringmeister nach wie vor auf Berlin und München. Zwar gibt es inzwischen zusätzlich eine Online-Plattform, mit deren Hilfe die selbstständigen Edeka-Kaufleute ihren Kunden Waren im Internet verkaufen können. Doch auch die sei „längst noch kein Massenphänomen“, beobachtete die Lebensmittelzeitung. Bei den Kaufleuten überwiege die Sorge, mit dem Einstieg ins Online-Geschäft nur rentable Umsätze im Laden gegen unrentable Erlöse im Internet zu tauschen. Aldi und Lidl halten sich beim Thema E-Food in Deutschland ohnehin vornehm zurück.

Kleine Dienste in der Nische

Für Bewegung im Online-Lebensmittelhandel sorgen deshalb zurzeit vor allem vergleichsweise kleine Newcomer. Etwa der holländische Online-Supermarkt Picnic, der mit seinen kleinen Elektrokarren zu festgelegten Zeitfenstern immer mehr Gemeinden im Rheinland beliefert. Oder das Start-up Getnow, das für seine Kunden in immer mehr Städten in den Metro-Märkten einkauft und die bestellte Ware auf Wunsch noch am selben Tag ins Haus liefert. Doch hinterlässt all das bislang kaum Spuren in den Bilanzen der Platzhirsche.

Ist die Internet-Revolution im Lebensmittelhandel also endgültig abgesagt? Das wagt im Einzelhandel dann doch bislang kaum jemand zu hoffen. Zwar sei Deutschland bei diesem Thema langsamer unterwegs als andere Länder, aber am Ende werde sich der Online-Handel mit Lebensmitteln doch in der einen oder anderen Form etablieren, heißt es oft in der Branche. Rewe-Chef Lionel Souque jedenfalls ist zuversichtlich, dass sein Konzern darauf vorbereitet ist: „Wenn es sich beschleunigt, sind wir da.“

Ausweispflicht verunsichert britische Porno-Fans

Am 15. Juli könnte der Internetverkehr in Großbritannien einbrechen. An diesem Tag soll dort eine Regelung zur Altersverifikation bei Pornoseiten im Netz in Kraft treten. Um erwachsenen Menschen beim Sex zuzusehen, müssen Nutzer aus Großbritannien dann nachweisen, dass sie selbst 18 Jahre oder älter sind. Der Effekt dürfte spürbar sein: Schätzungen im Netz gehen davon aus, dass pornografische Inhalte zehn bis 30 Prozent des gesamten Online-Verkehrs ausmachen. Die Pornoindustrie warnt deshalb in Anspielung auf ein weiteres umstrittenes Projekt der britischen Politik vor einem bevorstehenden „Sexit“.

Die Regierung begründet das Gesetz mit dem Jugendschutz. 2015 hatte eine Studie in Großbritannien für Aufregung gesorgt, wonach jeder zehnte der 12- bis 13-Jährigen befürchtete, pornosüchtig zu sein. Jedes fünfte befragte Kind gab damals an, schon pornografische Inhalte gesehen zu haben, die es schockiert hätten. Die zuständige Digitalministerin Margot James sagte der BBC, gerade jüngere Kinder würden immer wieder versehentlich auf Pornoseiten landen.

Beschlossen hatte die Regierung die Filter bereits 2017 im Rahmen des Digital Economy Acts, die Einführung wurde jedoch mehrfach verschoben. Die zuständige Ministerin James sagte, die Verschiebung sei notwendig gewesen, um den notwendigen Ausgleich zwischen Datenschutz und Jugendschutz zu schaffen. Das sei mit der nun geplanten Regelung gelungen, Mitte Juli soll das System starten und dabei helfen, Großbritannien zum laut James „sichersten Online-Ort der Welt zu machen“. Großbritannien sei das erste Land auf der Welt, dass die verpflichtende Altersverifikation für den Konsum von Online-Pornovideos einführe.
Verifikationsdienstleister als Porno-Türsteher

Die Betreiber von Online-Pornoplattformen sollen dazu mit Verifikationsdienstleistern zusammenarbeiten. Marktführer bei Online-Pornografie ist das Unternehmen Mindgeek. Wie die meisten anderen Pornoseiten-Betreiber ist auch Mindgeek ziemlich diskret, was seine Verbindungen zur Pornografie betrifft. Per Selbstbeschreibung ist das Unternehmen „führend in Webdesign, Webdevelopment und SEO“. Der einzige Hinweis auf die Verbindung zur Pornoindustrie sind die unglaublich hohen Zahlen auf der Firmenwebseite. 115 Millionen Besucher verzeichnen die Mindgeek-Seiten demnach jeden Tag, sie dort drei Milliarden Werbeanzeigen zu sehen bekommen. Nirgends wird explizit erwähnt, dass es sich dabei um weltweit beliebte Sex-Seiten wie Pornhub, Redtube und Youporn handelt.

Um über 18-jährigen Bewohnern von Großbritannien weiterhin Zugang zu diesen Seiten zu gewähren, nutzt Mindgeek etwa die Technik „AgeID“ zur Altersverifikation: Wer vom 15. Juli an eine von Mindgeeks Webseiten ansurft wird auf die AgeID-Seite umgeleitet, um einen Nutzer-Account anzulegen. Dann muss der Nutzer sein Alter nachweisen; über sein Kreditkartenunternehmen, seinen Mobilfunkanbieter, Reisepass oder Führerschein. AgeID selbst bekommt dann lediglich die Information, ob der Account verifiziert wurde oder nicht, so soll der Datenschutz gewährleistet werden. Alternativ sollen Kunden einen Zugang zu Pornoseiten auch in Kiosken erwerben können.

Ausgenommen von der neuen Regel sind Seiten, auf denen weniger als ein Drittel der hochgeladenen Inhalte pornografisch sind. Twitter und ander Social-Media-Seiten können also auch weiterhin ohne Altersnachweis genutzt werden, auch wenn Kinder dort ebenfalls auf Pornos stoßen können.

Kritiker sagen, das System sei auch sonst ziemlich leicht auszuhebeln: Jugendliche könnten sich einen Pornopass über das Mobiltelefon oder die Kreditkarte der Eltern zulegen. Noch leichter allerdings lässt sich der britische Pornofilter mit einem Virtual Private Network (VPN) umgehen. Die Software leitet Internetanfragen über ausländische Server um. Für die angesteuerten Pornowebseiten sieht es dann so aus, als käme der Nutzer aus Singapur, Schweden oder den USA – und nicht aus Großbritannien. Genutzt wird solche Technik zum Beispiel in der Türkei, wo Upload und Konsum von Pornografie teils mit Gefängnisstrafen bestraft wird, und in China, wo die Regierung nicht nur Pornoseiten zensiert.

Warten auf das erste Datenleck

Jim Killock von der britischen Verbraucherschutzorganisation Open Rights Group sieht vor allem die Datenschutzfrage nicht gelöst. Mit dem neuen Gesetz seien in Zukunft Pornoseitenbetreiber für den Schutz privatester Daten von Millionen Briten verantwortlich, sagte Killock der britischen BBC. Zwar gebe es für die Altersverifikationsdienste einen neuen Datenschutzstandard, der sei für die Unternehmen allerdings freiwillig.

Nicht alle Pornoseiten werden Mindgeeks System AgeID verwenden. Dessen Konkurrent Xhamster etwa hat angekündigt, mit dem Anbieter 1Account zusammenzuarbeiten. So entsteht ein Flickenteppich verschiedener Altersverifikatoren, manche vergleichsweise sicher, andere weniger. Verbraucherschützer Killock warnt: Ein Datenleck sei nur eine Frage der Zeit. Informationen über die sexuellen Vorlieben von Millionen Briten könnten so in den Händen von Hackern landen. Dass Daten bei den Seiten von Mindgeek nicht immer sicher sind, haben mehrere Datenlecks gezeigt. So wurden 2016 800.000 Kontoinformationen von zahlenden Kunden der Pornoseite brazzers.com gestohlen, Nach der neuen Ausweispflicht könnte ein solches Leck auch Nutzern kostenfreier Angebote drohen.

20 Prozent wollen Online-Pornos wegen der Alterssperre aufgeben

Digitalministerin James gibt zu, dass Jugendliche die Sperren möglicherweise umgehen könnten und dass es einen absoluten Schutz gegen Datenlecks nicht geben könne. Priorität habe allerdings der Schutz jüngerer Kindern.

Und was halten die Betroffenen selbst von der neuen Regelung? Laut einer Umfrage, die die Seite Xhamster.com selbst durchgeführt hat, glauben rund 35 Prozent der Seitennutzer, dass das Gesetz teilweise funktionieren wird. Das dürften diejenigen sein, die vorhaben, die Regeln zu respektieren. In der Überzahl sind allerdings – wenig überraschend – die Gegner. Immerhin 60 Prozent sind demnach der Auffassung, dass das Gesetz keinen Effekt haben wird. 40 Prozent geben an, sie würden VPN verwenden, um das Gesetz zu umgehen. Immerhin 20 Prozent der Befragten haben angekündigt, den Konsum von Online-Pornos dann aufzugeben. Ob sie das Ernst meinen, werden die Seitenbetreiber am 15. Juli herausfinden.

Facebook verspricht Datenschutz-Neuanfang

Facebook-Chef Mark Zuckerberg verspricht nach den Daten-Skandalen der vergangenen Monate, den Schutz der Privatsphäre in den Mittelpunkt des Online-Netzwerks zu stellen. „Die Zukunft ist privat“, verkündete Zuckerberg auf der Entwicklerkonferenz F8 im kalifornischen San Jose am Dienstag. „Privatsphäre gibt uns die Freiheit, wir selbst zu sein.“

Insbesondere mit der zunehmenden globalen Vernetzung würden solche Rückzugsräume besonders wichtig, so Zuckerberg. Damit legte der Facebook-Gründer bei seinen bisherigen Ankündigungen nach, die Plattform stärker auf verschlüsselte private Kommunikation auszurichten. Das Online-Netzwerk war zuletzt nach Datenschutz-Skandalen und Datenpannen massiv unter Druck geraten.

Er verstehe deshalb, dass viele nicht glaubten, dass Facebook es damit ernst meine, räumte Zuckerberg ein. „Wir haben derzeit nicht die beste Reputation, was den Schutz der Privatsphäre angeht, um es freundlich zu formulieren“, sagte er. Aber Facebook habe in der Vergangenheit immer wieder unter Beweis gestellt, dass das Online-Netzwerk sich verändern könne. Die Neuausrichtung werde auch Änderungen erfordern, wie das Unternehmen geführt werde. In den vergangenen Jahren hatte Zuckerberg noch gesagt, es sei die Mission von Facebook, die Welt stärker zu vernetzen. Jetzt spricht er davon, dass sich Menschen online sowohl in öffentlichen als auch in strikt privaten Räumen bewegen wollten.

Ein zentrales Element der neuen Strategie sind Facebooks Chat-Dienste WhatsApp und der Facebook Messenger. Hier will Zuckerberg stärker die Kommunikation der Nutzer mit Freunden und Familie organisieren. Auch Messenger wird nun auf Komplett-Verschlüsselung umgestellt.

WhatsApp, der andere Chatdienst von Facebook, hat bereits seit langem die sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der grundsätzlich nur Absender und Empfänger die Inhalte sehen können. Beim Messenger verzichtete Facebook darauf – unter anderem, um die Plattform besser für die Kommunikation zwischen Unternehmen und ihren Kunden öffnen zu können, wie es hieß. Für die Übermittlung vertraulicher Informationen konnte man aber bereits in einen abgesicherten Modus gehen.

Mit einer neuen Funktion sollen Nutzer auch Freunde im Messenger einladen können, sich gemeinsam ein Video anzusehen. Das könnten eigene Videos, Clips aus dem Internet oder auch auf der Plattform verfügbare TV-Sendungen sein, hieß es am Dienstag. Der Messenger soll in diesem Jahr auch mit einer eigenen Desktop-App auf Windows-und Mac-Computern nutzbar werden.

Der Messenger hat nach aktuellen Zahlen 1,3 Milliarden aktive Nutzer im Monat, 410 Millionen davon verwenden auch den Videochat auf der Plattform. Zwischen Unternehmen und ihren Kunden würden 20 Milliarden Nachrichten pro Monat verschickt.

Facebook hat mit WhatsApp und dem Messenger eine besonders starke Position bei Chatdiensten. Ein zentraler Konkurrent ist iMessage von Apple, das bisher allerdings nur auf Geräten des iPhone-Konzerns läuft.

In Facebooks Haupt-App wird die Gruppen-Funktion stärker hervorgehoben, in der sich Nutzer nach Interessen vernetzen können. Die im vergangenen Jahr vorgestellt Facebook-Datingplattform soll in diesem Jahr nach dem Start in Lateinamerika auch in den USA eingeführt werden.

Das Online-Netzwerk will unterdessen sein Videotelefonie-Gerät Portal nach dem Start in den USA auch international auf den Markt bringen. Im Juni soll Kanada den Anfang machen, Europa folge im späteren Jahresverlauf – einzelne Länder nennt Facebook dabei vorerst nicht.

Einigung mit Apple bringt Qualcomm bis zu 4,7 Milliarden Dollar

Die Einigung im langwierigen Patentstreit mit Apple wird dem Chipkonzern Qualcomm im laufenden Quartal 4,5 bis 4,7 Milliarden Dollar einbringen, das sind umgerechnet bis zu 4,2 Milliarden Euro. Es ist der erste Hinweis auf die Größenordnung der Apple-Zahlung im Zuge des vor zwei Wochen erzielten Vergleichs. Qualcomm rechnete bei der Zahl allerdings auch damit weggefallene Verpflichtungen gegenüber Apple und den iPhone-Fertigern mit ein.

Der Streit mit Apple hatte den Chipkonzern finanziell schwer belastet: Qualcomm bekam seit 2017 keine Zahlungen mehr von den iPhone-Auftragsfertigern und hatte die dadurch entgangenen Erlöse auf sieben Milliarden Dollar samt Zinsen beziffert.

Auch in dem Ende März abgeschlossenen zweiten Geschäftsquartal war die Belastung noch spürbar. Der Umsatz sank im Jahresvergleich um 5 Prozent auf 5 Milliarden Dollar, wie Qualcomm nach US-Börsenschluss am Mittwoch mitteilte. Den Gewinn konnte Qualcomm Börsen-Chart zeigen zugleich unter anderem dank niedrigerer Ausgaben auf 663 Millionen Dollar verdoppeln.

Abzüglich der Zahlung aus dem Apple-Vergleich rechnet Qualcomm für das laufende Jahr mit weiter rückgängigen Erlösen. Apple Börsen-Chart zeigen dürfte erst zum kommenden Jahr wieder als Qualcomm-Kunde in Erscheinung treten. Mit dem aktuell zweitgrößten Smartphone-Hersteller Huawei hat Qualcomm weiterhin keinen dauerhaften Patentdeal. Die Anleger zeigten sich von dem Ausblick nicht beeindruckt: Die Aktie verlor im nachbörslichen Handel zeitweise rund fünf Prozent.

„Netflix wird scheitern“: Steile These von Ex-RTL-Chef Thoma

Der ehemalige Medienmanager Helmut Thoma glaubt nicht an eine große Zukunft der Streaming-Plattformen. „Anbieter wie Netflix werden aller Voraussicht nach scheitern“, sagte. „Am Ende sind diese ganzen Serien doch immer wieder das Gleiche, das langweilt die Zuschauer irgendwann“, sagte Thoma, der von 1984 bis 1998 Chef von RTL war. Die Leute wollten auch aktuelle Nachrichtenformate oder Magazinsendungen sehen, das böten nur herkömmliche Fernsehsender.

Thoma glaubt daher nicht, dass das klassische Fernsehen tot sei. „Das ist Quatsch. Es hat eigentlich noch eine große Zukunft vor sich“ – wenn die Sender-Verantwortlichen die Potenziale der technischen Entwicklung denn endlich erkennen würden. „Virtual Reality zum Beispiel wird ganz neue Dimensionen eröffnen“, prophezeit er. Nur werde Deutschland dabei hinterherhinken. „Woher sollen Innovationen auch kommen? Hier gibt es mit den Öffentlich-Rechtlichen, ProSiebenSat.1 und RTL nur drei Player, die sich gegenseitig kaum Konkurrenz machen.“

Die Geschicke des letzteren Senders leitete Thoma on 1984 bis 1998. Anfangs war er ein „25-Mann-Betrieb“, wie Thoma im Gespräch mit der dpa sagt. Später wurde RTL einer der Großen in der deutschen Fernsehlandschaft.

Zu dem Interview mitgebracht, hat Thoma Auszüge aus alten Ausgaben der Zeitschrift „Bunte“ mit dem Ranking der „200 wichtigsten Deutschen“, die dies belegen. Auf Platz eins des Rankings war im Jahr 1993 nämlich Thoma. Zwei Jahre später toppt ihn nur der damalige Bundeskanzler Kohl. „Stark, oder?“, fragt Thoma lachend. „Ich will einmal zeigen, welche Bedeutung das Fernsehen damals hatte“, sagt der ehemalige RTL-Chef – und welche Rolle er dabei spielte.

Kommenden Freitag (3. Mai) wird Thoma 80 Jahre alt. Groß feiern will er nicht. Das habe er noch nie gemacht – große Sprüche klopfen kann er aber immer noch.

Für einen erfolgreichen Podcast zählt die richtige Nische

Audio ist angesagt. Laut einer Bitkom-Studie hört knapp jeder Fünfte hierzulande (22 Prozent) regelmäßig Podcasts. Die Formate reichen von mehrstündigen Interviews bis hin zu kurzen Infostücken. Etabliert haben sich aber vor allem Talkformate.

Die meisten Podcasts finden sich derzeit bei iTunes, sagt Luca Caracciolo, Chefredakteur des Digitalmagazins „t3n“. Das liege auch daran, dass Apple mit dem Format bereits vor mehr als zehn Jahren begonnen und es erst wirklich groß gemacht habe.

Ansonsten hätten auch Streamingdienste wie Spotify oder Deezer, aber auch Amazons Hörspieldienst Audible nennenswerte Angebote. Im kleineren Stil würden aber auch Soundcloud und YouTube als Podcast-Plattformen genutzt. Gehört werden Podcasts fast ausschließlich über die entsprechenden Apps auf dem Smartphone.

Was aber macht einen guten Podcast aus?
„Ein Podcast braucht ein klares Konzept, das für den Nutzer nachvollziehbar ist“, meint Christian Bollert, Geschäftsführer des Internetradios Detektor.fm. Das heißt: Podcasts sollten eine feste Erscheinungsweise und Dauer haben. Einmal die Woche oder einmal im Monat sei ideal.

Zudem brauche das Format eine Wiedererkennbarkeit, im Idealfall feste Moderatoren und ein klares Thema. „Es gilt das Lob der Nische“, sagt Bollert. „Je generalistischer das Thema, desto schwieriger.“ Auch ein Erzählfaden über mehrere Episoden hinweg sei zur Hörerbindung sinnvoll.

Das Podcast-Angebot differenziert sich immer weiter aus und orientiert sich inzwischen auch in Richtung serielle Produktion und Hörspiele. „In den USA sind fiktionale Serienpodcasts schon sehr gefragt“, erklärt Bollert.

Auch journalistische Formate könnten vom Podcast-Hype profitieren. Gerade aufwendige Features bekämen durch Podcast-Apps und die freie Abrufbarkeit wieder mehr Aufmerksamkeit.

Spezialisierte Podcasts
Eine große Zukunft sagt Luca Caracciolo vor allem spezialisierten Podcasts voraus. Gerade Bereiche wie Wissenschaft oder Technik funktionierten schon jetzt gut. Und mit ein wenig Glück kann es gelingen, eine unbesetzte Nische mit dem eigenen Podcast zu füllen.

Handwerklich kommt es vor allem auf einen sauberen Klang an. Dafür ist ein Tonstudio ideal, aber nicht zwingend nötig. „Gerade bei reinen Gesprächsformaten kann ein kleiner, möblierter Raum schon reichen – am besten mit Teppich, um Hall zu verhindern“, sagt Elias Emken, Podcast-Bereichsleiter beim Hörspielverlag Lauscherlounge.

Zum Aufnehmen reicht im Prinzip schon das Smartphone plus Mikrofon. Günstige USB-Mikrofone gibt es bereits für etwa 50 Euro, qualitativ hochwertigere Modelle liegen bei mindestens 100 Euro.

Aufnahme- und Schnittsoftware für Podcasts
Wer am Rechner aufnehmen und produzieren möchte, braucht eine Aufnahme- und Schnittsoftware. Für viele Produktionen reichen kostenlose Programme wie Reaper oder Audacity. Apple-Nutzer können mit dem mitgelieferten Programm Garageband ihren Podcast aufnehmen und schneiden. „Inzwischen gibt es auch Kombinationen aus Aufnahmegerät und Software speziell für Podcaster“, sagt Elias Emken. Solche Lösungen kosten gut 200 Euro.

Essenziell ist zudem das Hosting des Podcasts. Dabei geht es um den Server, auf dem der Podcast liegt. Der wohl größte und bekannteste Dienst dafür ist Podigee. Die Kosten dort variieren nach der hochgeladenen Datenmenge. Ähnlich verhält es sich bei Libsyn oder Podcaster.de.

Es ist aber auch möglich, Podcasts auf Seiten bereitzustellen, die mit der kostenlosen Blog-Software WordPress gebaut worden sind. Dafür sind spezielle Plug-ins verfügbar, die ebenfalls gratis angeboten werden. Auch Soundcloud fungiert als Hosting-Anbieter und verlangt bis zu einer bestimmten Upload-Grenze kein Geld.

Die Hosting-Anbieter erzeugen letztlich einen sogenannten RSS-Feed der Podcasts. Den kann man als Produzent dann relativ unkompliziert bei iTunes & Co eintragen lassen. Alternativ kann man seine Episoden auch kostenlos bei YouTube hochladen.

„Social Media wird massiv überschätzt“

Reine Mediennutzung als Richtwert für Mediapläne zu nehmen, taugt nicht. Dieser Meinung ist Martin Krapf, Chef der Gattungsmarketinginitiative Screenforce. Der Markt müsse mehr auf die Reichweiten der Werbeplätze achten: „Die Reichweite ist der Wachstumsmotor für Umsatzwachstum von Marken.“

Herr Krapf, für Fernsehwerbung läuft es derzeit nicht rund. Der Nettowerbeumsatz 2018 dürfte im Vergleich zu 2017 gesunken sein. Ist der Wendepunkt für TV nun erreicht? Laut der Prognose des Rundfunkverbandes Vaunet ist TV auch 2018 gewachsen. Die finalen Zahlen kommen erst im Mai vom Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft.

Die Vaunet-Prognose ist von Oktober. Mittlerweile haben Pro Sieben Sat 1 und die Mediengruppe RTL Deutschland, die den Großteil der Werbeerlöse auf sich vereinen, ihre Bilanzen vorgelegt, und bei beiden war das TV-Werbegeschäft rückläufig. Glauben Sie wirklich, dass da am Ende noch ein Plus steht? Ich rede nicht über einzelne Player und sehe keinen Anlass, ins Krisengerede zu verfallen. Das 4. Quartal 2017 war bombastisch, es war klar, dass das 2018 kaum zu erreichen sein würde.

Aber die Stimmung im Markt war und ist angespannt. Das Geschäft bleibt seit Monaten unter den Erwartungen. Und keiner weiß so richtig, ob das eine konjunkturelle Schwäche ist oder ob die großen Digitalkonzerne TV den Umsatz abnehmen. Was glauben Sie? Selbst wenn 2018 rückläufig gewesen wäre, reden wir hier über kein Drama, denn der Werbemarkt insgesamt ist stärker gesunken als TV.

Das Problem ist, dass Fernsehen Nettowerbeumsatz verliert und man nicht weiß: Kommt das Geld mit einer Erholung der Konjunktur zurück oder sind das strukturelle Shifts? Es gibt keine Krise in TV. Das zeigt, wie gesagt, die Tatsache, dass Fernsehen weniger verliert als der Markt. Die Frage ist doch nicht: Was war 2018? Sondern: Was passiert langfristig? Einige globale Player haben eine sehr dominante Marktposition. Zu Google und Facebook kommen nun Amazon und vielleicht Alibaba hinzu. Es ist schwer zu sagen, wie hoch ihr Umsatz wirklich ist. Doch was wollen die Kunden? Sie wollen die richtigen Menschen erreichen, also Reichweite, um dann bei ihnen Wirkung zu erzielen. Ich zweifele daran, dass sie das bei den neuen Playern können.

Der Agenturverband OMG schätzt den Google-Umsatz in Deutschland auf rund 4 Milliarden Euro, den von Facebook auf rund eine Milliarde, Amazons schon auf 700 Millionen. Das verpufft doch nicht alles so. Diese Unternehmen machen wirklich gutes Marketing: Sie sitzen bei den Kunden und erklären, welche Daten sie genau generieren und wie wertvoll sie sind. Und dann verkaufen sie nicht nur ihre Daten, sondern auch ihre Werbemittel. Sie beherrschen diese Bündelung perfekt und erzeugen den Eindruck, dass die Werbemittel den gleichen Wert haben wie die Daten. Aber den haben die Werbemittel ganz sicher nicht.

Mediaplus, Seven-One Media und Youtube haben eine große Studie, die Medienäquivalenzstudie, gemacht, die zeigt, dass Youtubes Bumper Ads durchaus eine ähnliche Wirkung haben wie TV. Entscheidend ist die Nutzungssituation. Werbung wird vergleichbar, wenn die Art der Nutzung vergleichbar ist. Die Länge der Nutzungsintervalle und die Verfassung des Zuschauers beeinflussen seine Bereitschaft, Werbung zu akzeptieren. Je vergleichbarer die Nutzungssituation mit der von TV ist, umso vergleichbarer ist auch die Wirkung. Der zweite Punkt ist die Skalierbarkeit: Es ist leicht, mit niedrigen Budgets schnell Wirkung zu erzeugen. Aber wenn man viel investiert, ist TV quasi konkurrenzlos. Das wird oft vergessen. Der Hype um Mobile ist vor diesem Hintergrund nicht zu verstehen.

Warum nicht? Money follows Eyeballs, lautet doch das Gesetz. Das ist Unsinn. Dann wäre Radio ja reich! Money follows Impact!

Radio hat einen großen Impact, sonst würde man die Gattung nicht dauernd für Abverkaufswerbung einsetzen. Es ist unterbewertet. Radio hat natürlich seine Wirkung, ist in der Wirkungsweise aber eingeschränkt, weil man nur den Audiokontakt hat. Mobile wiederum ist nur in zwei Fällen geeignet für Werbung: Wenn die Marke schon aufgebaut ist, und ein kurzer Kontakt reicht, um bereits aufgebaute Wirkung abzurufen. Dann muss man aber auf anderen Kanälen in die Marke investieren. Oder wenn man es zum Beispiel nutzt wie TV – indem man eine Serie auf dem iPad ansieht. Dann ist man quasi in einer fremdgesteuerten und entspannten Lean-back-Verfassung und aufnahmebereit für periphere Werbebotschaften. MobileBroadcast quasi. In einer eigengesteuerten Lean-forward-Verfassung, beispielsweise wenn man unterwegs das Smartphone nutzt, will man nicht ständig durch Werbung unterbrochen werden. Unterm Strich ist Mobile ein überschätztes Werbemedium. Smartphones waren der Gamechanger in der Mediennutzung, aber nicht im Marketing. Wir bewerten Medien in ihrem kommunikativen Wert für Werbung nach medialer Reichweite – das ist total falsch!

Was wäre richtig? Wir müssen die Werberezeption und die Werbekontakte bewerten, also wie viele Sekunden ein Zuschauer oder User die Werbung tatsächlich ansieht. Was nutzt es dem Kunden, dass Netflix hohe Reichweiten hat, wenn er dort nicht werben kann? In Großbritannien gibt es eine Untersuchung: danach nutzen ältere und jüngere Zielgruppen nicht nur mehr Fernsehen als jedes andere Bewegtbildmedium. Bei der Werbezeit entfällt der Großteil auf TV. Bei den 16- bis 34-Jährigen sind es fast 75 Prozent beziehungsweise 90 Prozent, wenn man die non-lineare TV-Nutzung über alternative Devices hinzuzählt.

Warum schneidet Youtube mit gerade mal 3 Prozent so schlecht ab? Youtube kann nur begrenzt Werbung ausspielen. Wäre es mehr, würde die Nutzung zusammenfallen. Deshalb ist der Wert von Youtube als Werbemedium sehr reduziert. Das ist das Hauptproblem. Einen Marketer interessiert ja nicht die Nutzung des Mediums, sondern die Chance, über Werbekontakte das Kommunikationsziel zu erreichen. Und es wird noch schlimmer: In einer Studie wurden Werbungtreibende und Agenturen gefragt, wie groß sie die Mediennutzung der verschiedenen Gattungen einschätzen. Das wurde dann abgeglichen mit der tatsächlichen Nutzungszeit. Heraus kommt, dass Social Media massiv überschätzt wird und TV, aber auch Radio und auch Zeitungen massiv unterschätzt werden. Wir haben also nicht nur die falsche Definition der Medienreichweiten – wir schätzen sie in ihrer Größe auch noch falsch ein. Das ist alarmierend, wenn man weiß, dass Reichweite der Wachstumsmotor für Umsatzwachstum von Marken ist.

Und jetzt? Wir müssen uns mehr um Werbereichweiten und Werberezeption kümmern, die lang- und kurzfristigen Effekte von Werbung gründlicher erforschen. Der ideale Split zwischen Markenwerbung und Abverkaufswerbung ist laut den britischen Mediaexperten Les Binet und Peter Field 60 zu 40 Prozent. In der Realität sind es jedoch nur 30 Prozent für Branding und 70 Prozent für Abverkauf. Außerdem brauchen wir mehr Studien, die erforschen, wie Werbung auf einem Kanal Werbung in anderen beeinflusst.

Dazu gibt es ja auch schon einige Forschung, und die zeigt, dass TV ein Booster für fast alle anderen Gattungen ist. Genau so ist es. Und das wollen wir künftig besser aufzeigen. Die Kraft von TV-Werbung istungebrochen – und die Analyse der Nutzungssituation gewinnt rasant an Bedeutung.

Überwachung von Flugpassagieren liefert Fehler über Fehler

Seit vergangenem Jahr erfasst das Bundeskriminalamt die Daten aller Flugpassagiere, die in Deutschland starten oder landen. So sollen gesuchte Straftäter und Verdächtige identifiziert und anschließend von der Polizei beobachtet werden. Tatsächlich lieferte das System in den ersten Betriebsmonaten jede Menge Treffer – allerdings sind die meisten unbrauchbar. Auf jede korrekte Verdachtsmeldung kommen mehr als 400 falsche Treffer. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage des Abgeordneten Andrej Hunko (Die Linke) hervor.

Im sogenannten Passenger Name Record (PNR) speichern die Fluglinien Daten zu ihren Passagieren. Die Datensätze enthalten etwa Datum, Uhrzeit, Start- und Zielflughafen der gebuchten Verbindung sowie Name, Anschrift und Zahlungsdaten des Reisenden. Das Fluggastdatengesetz verpflichtet die Airlines, diese Informationen an das Bundeskriminalamt (BKA) weiterzugeben. Dort ist eine Software im Einsatz, welche die Daten mit Fahndungslisten abgleicht.

Bald sollen die PNR-Daten nicht nur nach gesuchten Personen durchforstet werden, sondern auch nach verdächtigen Mustern, die auf eine für die Zukunft geplante Straftat hinweisen. Das Fluggastdatengesetz gilt als erster großangelegter Einsatz von Predictive Policing in Deutschland.

Solche Vorhersagemodelle sind naturgemäß äußerst schwierig und grundsätzlich fehlerbehaftet. Doch offenbar hat das BKA schon große Probleme mit der Umsetzung des vorherigen, vergleichsweise trivialen Schritts: dem Abgleich der PNR-Daten mit den Fahndungslisten der Polizeibehörden. Die Software liefert in der großen Mehrheit falsche Treffer, die anschließend händisch von Beamten wieder aussortiert werden müssen.

Dabei sind zwei Arten von Fehlern zu unterscheiden: Die eine Art betrifft Verdächtige, die nicht als solche erkannt werden. Naturgemäß lässt sich ihre Zahl meist nicht ermitteln. Die zweite Art von Fehlern betrifft Personen, die fälschlicherweise als Verdächtige eingestuft werden. Im Polizeibereich sind diese sogenannten falsch-positiven Treffer besonders heikel, da auf diesem Wege Menschen zu Unrecht ins Visier der Sicherheitsbehörden geraten. Von „aberwitziger Überwachung“ spricht Linken-Politiker Hunko: „Die Bundesregierung kann nicht belegen, dass mit der Fluggastdatenspeicherung Straftaten aufgeklärt oder Gefahren verhindert werden.“

Zwischen der Inbetriebnahme am 29. August 2018 und 31. März 2019 haben die Fluglinien Daten von 1,2 Millionen Passagieren ans BKA weitergegeben. Die Software fand darin 94 098 „technische Treffer“. Jeder einzelne davon wurde von einem Beamten händisch überprüft. In 277 Fällen stellte sich der Verdacht als begründet heraus. In 93 821 Fällen handelte es sich dagegen um ein Fehlurteil der Software. Daraus ergibt sich eine Falsch-positiv-Rate von 99,7 Prozent.
40 Beamte sortieren rund um die Uhr Falschtreffer aus

Das Bundesinnenministerium begründet die hohe Fehlerrate damit, dass häufig Menschen markiert würden, die den gleichen Namen wie auf der Fahndungsliste stehende Personen haben. Diese Fehlerquelle ließe sich eindämmen, wenn neben dem Namen auch das Geburtsdatum abgeglichen würde. Dieses wird jedoch mit den Fluggast-Daten nicht übermittelt. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, man sammle derzeit Erfahrungen und werde dann auf EU-Ebene überprüfen, ob man das Verfahren verbessern kann.

Laut Innenministerium sind etwa 40 Beamte im 24/7-Schichtdienst mit der Überprüfung der technischen Treffer beschäftigt. Insgesamt sieht die Bundesregierung für Aufbau und Betrieb der Fluggast-Datenbank mehr als 500 Planstellen in verschiedenen Behörden vor.

Die Daten der 277 überprüften Treffer wurden an BKA und Zoll weitergegeben – zur „Umsetzung der Fahndungsmaßnahme“, also etwa Festnahmen oder Durchsuchungen. Die Einträge der Fluggast-Datenbank werden nach einem halben Jahr anonymisiert und nach fünf Jahren vollständig gelöscht.

Sprachenvielfalt bremst Facebooks Kampf gegen Hassbotschaften

Die Sprachenvielfalt seiner rund 2,3 Milliarden Nutzer macht Facebook im Kampf gegen Hassbotschaften zu schaffen. Dem Konzern gelingt es bisher nicht, mit der Vielzahl kleinerer und exotischer Sprachen seiner Mitglieder mitzuhalten und Posts darin ausreichend zu kontrollieren. Offiziell bietet Facebook seinen Dienst in 111 Sprachen weltweit an, weitere 31 Sprachen werden in dem Portal stark genutzt. –

Die 15.000 Facebook-Mitarbeiter, die unliebsame Inhalte aufspüren sollen, kommen jedoch nur in etwa 50 Sprachen zum Einsatz – auch wenn Facebook zudem nach eigenen Angaben bei Bedarf Übersetzer anheuert. Die Programme, die der Konzern hauptsächlich bei der automatisierten Jagd auf Hassbotschaften einsetzt, arbeiten sogar nur in etwa 30 Sprachen.

Länder wie Australien, Singapur und Großbritannien drohen Facebook nun mit einer Verschärfung der Vorschriften, hohen Bußgeldern und sogar Gefängnisstrafen für Manager, falls das Unternehmen unerwünschte Inhalte künftig nicht rasch löscht. Bis Anfang März hatte Facebook allerdings selbst die Regeln, die Hassbotschaften und die Verherrlichung von Gewalt in dem Dienst verbieten, nach Erkenntnissen von Reuters erst in 41 der offiziell 111 unterstützten Sprachen übersetzt. Andere soziale Medien wie Instagram und WhatsApp, die beide ebenfalls zu Facebook gehören, oder Twitter und YouTube stehen vor ähnlichen Problemen.

In der Vergangenheit waren Hassbotschaften auf Facebook, die etwa zu den Vertreibungen in Myanmar beitrugen, nach Erkenntnissen von Reuters unter anderem deshalb nicht gelöscht worden, weil die Firma nur langsam Mitarbeiter mit Kenntnissen der Landessprache einstellte. Heute beschäftigt Facebook nach eigenen Angaben mehr als hundert Mitarbeiter, die der Sprache mächtig sind.

So kämpft René Benko um die Medienmacht in Österreich

Der Immobilienunternehmer will mit dem Essener Mitgesellschafter Funke den Herausgeber und Chefredakteur von Österreichs größter Zeitung „Krone“ absetzen, so Hans-Peter Siebenhaar im Handelsblatt.

Der Machtkampf um Österreichs mächtigste und größte Zeitung – die „Kronen-Zeitung“ – ist voll entbrannt. René Benko und sein Mitgesellschafter, die Essener Funke-Gruppe („WAZ“), wollen den Herausgeber und Miteigentümer Christoph Dichand absetzen lassen. Der Kampf um die Medienmacht soll vor dem Wiener Handelsgericht ausgetragen werden.

Es ist bereits der zweite Anlauf des Multimilliardärs gegen Dichand. Ein Versuch im März, den Herausgeber und Chefredakteur wegen angeblichen Spesenbetrugs loszuwerden, führte zu keinem Erfolg. Denn das Tandem Benko-Funke und die Familie Dichand halten exakt 50 Prozent der Stimmrechte. Somit besteht eine Patt-Situation. Christoph Dichand blieb am Ende im Amt.

Beim zweiten Angriff ist der Hebel ein umstrittener Gesellschaftervertrag und dessen Festlegung der Stimmrechte in der Krone Verlag GmbH, die keine operative Funktion hat. Ihre alleinige Aufgabe ist es, die Geschäftsführung zu bestellen. Bekäme Benko zusammen mit der Funke-Gruppe recht, hätte die Familie Dichand zwei Stimmen weniger als bisher. Der Machtkampf wäre somit entschieden.

Doch zuerst muss erstmal geklärt werden, ob das Wiener Handelsgericht zuständig ist. Experten rechnen mit einer Entscheidung in zwei bis vier Jahren. Am Ende müsste womöglich der Oberste Gerichtshof in Wien über die Zulässigkeit des Rechtsweges letztinstanzlich entscheiden.

Nach der Auffassung von Dichands Anwältin Huberta Gheneff ist ein Schiedsgericht in Zürich nach Schweizer Recht zuständig. Das gehe aus dem Rahmenvereinbarung aus dem Jahr 1987 eindeutig hervor.

Benko ist keiner, der auf der Hälfte des Weges stehen bleibt. Er will sein Ziel stets erreichen. Bislang hält Benkos Signa 24,22 Prozent am „Kurier“ und 24,5 Prozent an der „Krone“. Im November verkaufte die WAZ Ausland Holding GmbH mit Sitz in Wien 49 Prozent ihrer zuvor 50 Prozent der „Kronen-Zeitung“ und 49,5 Prozent am „Kurier“.

Mittelfristig will der schillernde Tiroler Multimilliardär auch den Restanteil der Funke-Gruppe kaufen und somit 49 Prozent an der „Kronen-Zeitung“ halten. Der Wert des 49-prozentigen Anteils wird in Unternehmenskreisen auf 140 bis 180 Millionen Euro geschätzt.

Benko geht es mehr um Macht, weniger um Geld
In der Alpenrepublik wird das Kräftemessen zwischen dem Immobilienmilliardär und der Verlegerfamilie mit Argusaugen beobachtet. Bislang war es so, das sich ausschließlich in den östlichen Nachbarstaaten wie Tschechien, Slowakei oder Ungarn der jeweiligen populistischen Regierung nahestehende Unternehmer mächtige Medienhäuser einverleibten. Plötzlich scheint dieser Fall auch in der Alpenrepublik möglich.

Im Gegensatz zum deutschen Verlagshaus, der Funke-Gruppe, geht es Benko angeblich nicht um die Rendite, sondern um die Macht, sind Insider in Wien überzeugt. Denn Geld könne er bereits in seinem boomenden Stammgeschäft genug verdienen. Die Due Diligence des „Krone“-Verlagsgeschäft habe er viel zu schnell durchgeführt, sagt ein österreichische Insiderin.

Seine engen Beziehungen zum in Österreich populären Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sind ein offenes Geheimnis. Es liegt auf der Hand, dass ein möglicher Machtwechsel nicht gegen den Willen der konservativ-rechtspopulistischen Regierung wäre.

Auch wenn sich die Koalition von ÖVP und FPÖ schon heute nicht über die „Krone“ und ihre regierungsfreundliche Berichterstattung beklagen kann. In Österreich ist das Boulevard-Blatt neben dem ORF seit Jahrzehnten die wichtigste Medienplattform. Es ist mit über 700.000 verkauften Exemplaren der unbestrittene Marktführer in der Alpenrepublik.

Mit Geschick und Raffinesse hat die Regierung unter Kurz eine Medienkontrolle, in Österreich „Message Control“ genannt, eingeführt. Der Erfolg lässt sich sogar messen. Trotz immer neuer Skandale der früheren Haider-Partei FPÖ ist Kurz im eigenen Land ausgesprochen populär. Die Chance, dass die „Kronen-Zeitung“ mit Hilfe Benkos komplett austrofiziert wird, kommt da gerade gelegen, meinen Insider.

Der promovierte Jurist Christoph Dichand hat bereits 2003 das verlegerische Erbe seines Vaters Hans Dichand angetreten. Seine Frau Eva ist Herausgeberin der Gratiszeitung „Heute“ und Digitalunternehmerin. Die Familie Dichand – Witwe Helga und ihre Kinder Christoph, Johanna und Michael – muss nun kämpfen. Dazu sind die Dichands bereit, wie Vertraute berichten. Aber es herrscht auch ein wenig Wehmut, dass so viel Zeit und Energie in die Auseinandersetzung fließen muss.

Mit Benko haben die Dichands einen gefährlichen Gegner. Denn der Tiroler Selfmademan hat noch nie in seiner unglaublichen Blitzkarriere eine schwere Niederlage einstecken müssen – abgesehen von einer einjährigen Bewährungsstrafe in einem Korruptionsverfahren vor rund fünf Jahren. Doch diese Erfahrung hat der ehrgeizige Unternehmer mit einem geschätzten Privatvermögen von fast vier Milliarden Euro längst ad acta gelegt.

Upload-Filter löschen Dutzende Kopien des Mueller-Berichts

Am Gründonnerstag veröffentlichte das US-Justizministerium den Mueller-Bericht. Am Karfreitag ist das Dokument bereits Dutzende Male gelöscht worden: Upload-Filter der Online-Plattform Scribd blockierten in mindestens 32 Fällen die Veröffentlichung; das Dokument sei urheberrechtlich geschützt.

Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens hält niemand Urheberrechte am Mueller-Bericht. Dokumente, die von der US-Regierung erarbeitet und publiziert werden, sind gemeinfrei. Jeder darf sie kopieren und veröffentlichen, wo und so oft er will. „Das wichtigste Dokument unserer Zeit wurde endlich veröffentlicht, und Sie können es hier auf Scribd lesen“, schrieb die Plattform selbst.

Zweitens, und das gibt dem kuriosen Einzelfall eine größere Bedeutung, hat die Europäische Union der Urheberrechtsreform vergangene Woche endgültig zugestimmt. Hunderttausende Menschen hatten gegen die Richtlinie demonstriert, der Protest richtete sich vor allem gegen einen Punkt: Artikel 13 (im endgültigen Gesetzestext Artikel 17 genannt), der nach Ansicht vieler Experten darauf hinausläuft, dass Plattformen Upload-Filter installieren werden.

Das Online-Portal Quartz zeigt nun am Beispiel des Mueller-Berichts, wie unzuverlässig diese Upload-Filter arbeiten und wie schnell es passieren kann, dass vermeintliche Rechteinhaber Inhalte löschen lassen. Der Quartz-Journalist David Yanofsky hatte eine bearbeitete Version des Berichts bei Scribd hochgeladen. Das Original des US-Justizministeriums lässt sich nicht durchsuchen. Deshalb hatte Yanofsky das PDF mit sogenannter Optischer Zeichenerkennung behandelt und hochgeladen, damit Nutzer das Dokument nach Stichwörtern durchsuchen können.

Daraufhin erhielt er eine E-Mail von Scribd: Ein Filter namens BookID habe den Zugang zu dem Dokument gesperrt. Scribd beschreibt BookID als „fortschrittlichen Algorithmus“, der jedes Dokument scanne, das auf der Plattform hochgeladen werde. Wenn das System Übereinstimmungen mit einem urheberrechtlich geschützten Inhalt entdecke, werde der Upload blockiert. Dabei sperre BookID „gelegentlich“ auch legale Veröffentlichungen. Bedauerlicherweise sei es unmöglich, dass Menschen die übereifrigen Maschinen kontrollierten. Es würden einfach zu viele Dokumente hochgeladen, als dass Mitarbeiter die Funde des Filters überprüfen könnten.

Scribd sperrt insgesamt 32 Kopien des Dokuments – zu Unrecht

Immerhin scheint der manuelle Beschwerdeprozess zuverlässiger zu funktionieren als die automatische Blockade: 17 Minuten, nachdem Quartz Einspruch eingelegt hatte, stellte Scribd den Zugang wieder her. Eine Sprecherin der Plattform sagte, dass insgesamt 32 Kopien des Dokuments versehentlich gesperrt und später freigegeben worden seien. Ein großer Verlag habe den Mueller-Bericht als Buch veröffentlicht. Deshalb sei BookID fälschlicherweise davon ausgegangen, dass die Uploads die Verwertungsrechte des Verlags verletzten.

In den vergangenen Tagen sind mehrere E-Books und gedruckte Ausgaben des Mueller-Berichts erschienen. Verlage wie Simon & Schuster, Unternehmen wie Barnes & Noble und Medien wie die Washington Post haben den Bericht, teils mit Vorwort und Anmerkungen versehen, neu veröffentlicht. Obwohl die Bücher bis zu 15 Dollar kosten, stehen sie bereits auf den Amazon-Bestsellerlisten.

Mit einem gemeinfreien Werk darf man fast alles anstellen, auch Geld dafür verlangen. Nur eines darf man nicht: Besitzansprüche geltend machen. Warum der „führende, global agierende Verlag“, dessen Namen Scribd nicht nennt, den Mueller-Bericht schützen ließ, ist unklar. Womöglich laden Maschinen alle Veröffentlichungen automatisch in eine Datenbank mit angeblich urheberrechtlich geschütztem Material – woraufhin andere Maschinen automatisch übereinstimmende Inhalte im Netz löschen.

Neun Beispiele für Filterversagen

Der zu Unrecht gesperrte Mueller-Bericht ist nur eines von vielen Beispielen für Filter, die legale Uploads blockieren. Piratenpolitikerin Julia Reda, eine der bekanntesten Gegnerinnen der EU-Urheberrechtsreform, hat neun besonders absurde Fehlalarme dokumentiert. Youtubes Systeme verwechselten das zwölfsekündige Video einer schnurrenden Katze mit einer geschützten Komposition, sperrten die Aufnahme einer Vorlesung über das Urheberrecht wegen vermeintlicher Urheberrechtsverletzungen und hinderten die Nasa daran, das Video einer Marslandung hochzuladen – weil TV-Sender die Bilder der Nasa bereits ausgestrahlt und automatisch als eigenen Inhalt bei Youtube angemeldet hatten. Weitere Beispiele für Filterversagen finden sich in einer Liste der Bürgerrechtsorganisation EFF.

Diese Fälle könnten einen Vorgeschmack auf die Auswirkungen der EU-Urheberrechtsrichtlinie geben. Reform-Gegner fürchten, dass etliche Online-Plattformen dann Upload-Filter installieren, die weitaus umfassender und komplexer sein müssten als bestehende Systeme. Im Vergleich mit Youtube, Facebook und anderen großen Plattformen ist Scribd ein Zwerg. Das ermöglicht es, verhältnismäßig schnell auf Anfechtungen zu reagieren.

Deutschland hat eine rechtlich nicht bindende Protokollerklärung abgegeben, die Nutzern einen „niederschwelligen Zugang zu einem Beschwerdemechanismus“ garantieren soll. Ob und wie sich das in der späteren Gesetzgebung niederschlagen wird, lässt sich noch nicht sagen. Das neue EU-Urheberrecht bestraft Plattformen nur, wenn sie illegale Inhalte online lassen – wenn sie legale löschen, drohen ihnen keine Konsequenzen.

„Wenn du den ersten Schritt deines Kindes nicht mit deiner Familie teilen kannst“

Eine besonders düstere Zukunftsvision entwirft der kanadisch-britische Schriftsteller Cory Doctorow (hier im SZ-Interview). „Was passiert, wenn ein Fernsehsender kurz vor einer Wahl Urheberrechtsansprüche für eine Trump-Entgleisung anmeldet und die Aufnahmen nicht entblockt werden, bis die Wahl gelaufen ist?“, fragt Doctorow auf seinem Blog Boing Boing. „Was passiert, wenn eine Bildagentur eine Aufnahme sperren lässt, die Polizeigewalt dokumentiert, weil die Werbung auf dem Bus im Hintergrund eines ihrer Fotos benutzt? Was passiert, wenn du den ersten Schritt deines Kindes nicht mit deinen Familienangehörigen teilen kannst, weil in dem Raum ein Fernseher steht, auf dem ein geschützter Zeichentrickfilm läuft?“

Im Laufe der kommenden zwei Jahre könnte Doctorow Antworten auf seine Fragen erhalten. So lange haben die 28 EU-Mitgliedsstaaten Zeit, die Vorgaben der Reform in nationales Recht umzusetzen.

30 Jahre Game Boy

Ein Monochrom-Bildschirm kaum größer als eine Streichholzschachtel, keine Hintergrundbeleuchtung, nur 8 Kilobyte Arbeitsspeicher und ein Prozessor mit 4,19 Megahertz: Nach heutigen Maßstäbe klingen die technischen Daten des Game Boys lächerlich. Als Nintendo seinen ersten modulbasierten Handheld am 21. April 1989 in Japan vorstellte, störte das jedoch kaum jemanden. Im Gegenteil: Die tragbare Spielkonsole war heiß begehrt, bis zum Jahresende verkaufte sie sich knapp 300.000 Mal.

Die Fans von damals kannten das mobile Spielen zwar schon von Nintendos beliebten „Game & Watch“-Geräten und vergleichbaren LCD-Games. Sie sehnten sich jedoch auch unterwegs nach komplexeren Spielerlebnissen mit einem höheren Grad an Interaktion. Eine solche Erfahrung bot dann „Super Mario Land“.

In dem eigens für den Game Boy entwickelten Jump ’n‘ Run musste Nintendo-Ikone Mario in vier verschiedenen Welten immer neuen Gefahren trotzen. Das unter Mitwirkung von Game-Boy-Erfinder Gunpei Yokoi entwickelte Spiel demonstrierte die Vorzüge des 220 Gramm leichten Handhelds und weckte weltweit Begehrlichkeiten.

Sogar in Südkorea, wo Produkte aus Japan Anfang der Neunzigerjahre verboten waren, konnte man den Game Boy kaufen: Hyundai umging den Import-Stopp, indem man eine Lizenzvereinbarung mit Nintendo einging und das Gerät unter dem Namen „Comboy Mini“ anbot.

Effiziente Zielgruppenerweiterung

Doch Nintendo wollte nicht nur seine Stammkundschaft begeistern, sondern auch neue Zielgruppen erschließen. Um dieses Vorhaben umzusetzen, bündelte das Unternehmen die Hardware zum Start in den USA (31. Juli 1989) und Europa (28. September 1990) mit „Tetris“ aus der Feder des russischen Ingenieurs Alexei Paschitnow. Ein cleverer Schachzug, denn das Klötzchen-Stapel-Spiel sprach verschiedene Typen an und bot zudem einen tollen Zweispieler-Modus über das sogenannte Linkkabel.

Auch der russische Kosmonaut Alexander Serebrov liebte seinen Game Boy samt „Tetris“ – so sehr, dass er beides 1993 mit auf die Raumstation Mir nahm, wo der Handheld insgesamt 196 Tage verbrachte und mehr als 3000 Mal die Erde umrundete. Am 5. Mai 2011 wechselte Serebrovs Weltraum-Game-Boy samt „Tetris“-Modul beim britischen Auktionshaus Bonhams für 1220 Dollar den Besitzer.

Der Siegeszug der Taschenmonster

Andere Titel wie „Dr. Mario“ oder das dank Spezialadapter zu viert spielbare „F-1 Race“ setzten beim Mehrspielermodus ebenfalls auf das Linkkabel und festigten so den Ruf des Game Boys als Spaßbringer für Jung und Alt.

Und dann kam noch das Rollenspiel-Duo „Pokémon Rot“ und „Pokémon Blau“, das im Westen erstmals im Herbst 1998 erschien und in Deutschland ab 1999 erhältlich war. Der Clou hier: Jede Edition enthielt Kreaturen, die in der jeweils anderen Fassung fehlten. Wer alle 151 Pokémon einfangen wollte, musste sich mit Gleichgesinnten treffen, um die noch benötigten Taschenmonster via Linkkabel zu tauschen.

Eine brillante Gamedesign-Idee – und ein weiterer Grund, warum der zu diesem Zeitpunkt technisch längst veraltete Game Boy weiter reißenden Absatz fand.

Kontinuierliche Hardware-Evolution

Entscheidend für den Langzeiterfolg der Marke Game Boy war jedoch nicht nur die Fülle an innovativen Spielen. Nintendo veröffentlichte auch immer wieder Neuauflagen der Ur-Hardware und legte dabei Wert auf Abwärtskompatibilität zu den vorherigen Geräten. Somit konnten Nutzer ihre alten Module stets weiterverwenden.

Los ging’s mit dem Game Boy Pocket im Jahr 1996. Er war kleiner, 95 Gramm leichter und bot ein neues Schwarz-Weiß-Display, welches Schlieren beim Spielen sichtbar reduzierte. Eine integrierte Hintergrundbeleuchtung gab es beim Game Boy Pocket jedoch ebenfalls nicht. Diese wurde erst ab April 1998 mit dem nur in Japan erhältlichen Game Boy Light eingeführt.

Im Herbst desselben Jahres veröffentlichte Nintendo noch den Game Boy Color und brachte damit erstmals Farbe ins Spiel. Praktisch: War ein Spiel nicht eigens für den Game Boy Color konzipiert, konvertierte das System die Grautöne automatisch in eine vorgegebene Farbpalette, die der Nutzer auch anpassen konnte.

Außerdem kam das neue Farbwunder mit einem Infrarot-Port daher. Das war ideal zum stressfreien Tauschen in der „Pokémon“-Reihe, die mit der Goldenen und Silbernen Edition noch einmal große Verkaufserfolge erzielte.

Der Game Boy Advance: 32-Bit-Power

Allzu lange währte die Vorherrschaft des Game Boy Color allerdings nichts, denn bereits 2001 stand die Nachfolgegeneration bereit. Im Game Boy Advance (GBA) werkelte ein mit 16,77 Megahertz getakteter 32-Bit-RISC-Prozessor, der Spiele auf dem Niveau der Heimkonsole Super Nintendo darstellen konnte.

Ordentliche 3D-Optik beherrschte der GBA noch nicht, viele Fans störte das aber nur bedingt. Sie liebten 2D-Hits wie „The Legend of Zelda: The Minish Cap“, die Vampirjäger-Reihe „Castlevania“ oder das Runden-Strategiespiel „Advance Wars“.

Rückblickend betrachtet ging der GBA allerdings erst mit der Einführung des „SP“-Modells durch die Decke. Dieses ließ sich zusammenklappen: Dank des bierdeckelgroßen Grundrisses passte es in wirklich jede Westentasche, und obendrein punktete es mit zuschaltbarer Bildschirmbeleuchtung sowie wiederaufladbarem Akku.

Bliebe noch der Game Boy Micro aus dem Jahr 2005, das letzte Modell der Game-Boy-Produktreihe. Mit Maßen von 10 mal 5 mal 1,8 Zentimetern war er ein wahrer Winzling – und für viele Fans etwas zu klein. Für lange Spielsessions eignete er sich dadurch kaum.

Weil Nintendo außerdem nahezu zeitgleich die ersten Geräte des Nintendo DS (kurz für Dual Screen) auf den Markt brachte, rangiert der Micro auf den hinteren Rängen der ansonsten beeindruckenden Verkaufsstatistik des Game Boys. Bis heute hat sich die komplette Game-Boy-Familie über 200 Millionen Mal verkauft.

Den „digitalen Citoyen“ wahr werden lassen

Neulich forderte an selber Stelle Christine Horz vom Institut für Medienwissenschaft von der Universität Bochum, den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen (ÖR) im Internet weiterzuentwickeln und eine gemeinwohlorientierte Internet-Plattform aus Sendern, Bildungseinrichtungen und Museen aufzubauen.

Keine Frage, Sender wie Arte, 3sat und Phoenix sowie eine Vielzahl von Einzelsendungen von ARD, ZDF und Deutschlandradio werden dem Bildungsauftrag bereits in einem hohen Maße gerecht. Auf fragwürdige Sendezeiten und Quotenorientierung möchte ich hier nicht näher eingehen, zumal eine wie von Horz geforderte gemeinnützige Internet-Plattform nahezu befreit von diesen Begrifflichkeiten agieren kann.

Qualitätsformate wie etwa der ARD-„Weltspiegel“, die Arte-„Reportage“ oder 3sat-„Kulturzeit“sind bereits in den jeweiligen Sendermediatheken 24/7 abrufbar. Gerade bei jüngerem Publikum ist jedoch seit mehreren Jahren zu beobachten, dass das Angebot privater Streamingdienste wie etwa Netflix oder Amazon Prime deutlich mehr in Anspruch genommen wird, als das der ÖR-Mediatheken. Was also tun?

Arte lebt internationales ÖR-Fernsehen vor

Der aktuelle Vorschlag des ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm einer gemeinsamen europäischen Medien- und Kulturplattform, welche eine Infrastruktur für Qualitätsinhalte schaffen kann, ist da in jedem Fall eine spannende Zukunftsvision für die ÖR. Der deutsch-französische Sender Arte lebt bereits seit 1991 tagtäglich vor, wie internationales ÖR-Fernsehen funktionieren kann.

Doch weder in Deutschland noch in Europa, gibt es bisher eine Internet-Plattform, welche es vermag das jeweilige Mediatheksangebot der verschiedenen ÖR-Sender an einer zentralen Stelle zu bündeln und für den/die User_in durchsuchbar zu machen. Darüber hinaus wäre es – wie von Wilhelm angedacht – in der Tat spannend, es nicht allein bei den Inhalten der ÖR zu belassen, sondern dieses um das Qualitätsangebot von Verlagen und Kultureinrichtungen, oder aber auch – wie in unserem Fall bei Paul Open Search – politischer Stiftungen, Think Tanks und NGOs zu erweitern. Ist Ihnen alles zu abstrakt? Dann lassen Sie mich zur Veranschaulichung ein konkretes Fallbeispiel konstruieren.

In den vergangenen Wochen hat sich die Lage in Venezuela dramatisch zugespitzt. Durch Zufall hat Erika Musterfrau einen Beitrag dazu im ARD-„Weltspiegel“ verfolgt und würde nun gerne mehr in dieses komplexe politische Thema eintauchen. Eine europäische Medien- und Kulturplattform würde Frau Musterfrau nun fortan die Möglichkeit geben weitere Video- und Audiobeiträge sowie Publikationen zum Thema an einer zentralen Stelle gebündelt im Netz zu finden.

Sie kann sowohl weitere Beiträge zur Lage in Venezuela von etwa der BBC anschauen, sich von „Mit offenen Karten“ bei Arte die geopolitischen Zusammenhänge näher erklären lassen, oder sich aber auch eine aktuelle Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung zu Gemüte führen. Darüber hinaus erfährt sie durch den Eventkalender, dass in der kommenden Woche in ihrer Stadt eine Podiumsdiskussion zum Thema an der Universität stattfinden wird.

Durch Letzteres wird Frau Musterfrau angeregt, ihren Laptop auch einmal zuzuklappen, ihre vier Wände zu verlassen und gemeinsam mit anderen Interessierten zu diskutieren. Durch den Share-Button hat Frau Musterfrau nun außerdem die Möglichkeit alle diese Inhalte direkt über ihre sozialen Netzwerke zu teilen und verhilft ihnen dadurch auch noch zu mehr Sichtbarkeit.

Eine europäische Medien- und Kulturplattform stellt daher in meinen Augen eine große Chance dar, ein digitales Medium zu schaffen, welches den Public Value der ÖR und vieler weiterer gesellschaftlicher Akteure in den Mittelpunkt stellt, frei von kommerziellen Interessen und frei (da gebühren-, respektive steuerfinanziert) abrufbar für jederfrau und -mann. Sie können sicherlich schon erahnen, welche bildungspolitische Schlagkraft eine solche Plattform obendrein entwickeln könnte.

In Zeiten wachsenden populistischen Diskurses, gezielter Desinformation sowie Tweets, welche uns in 280 Zeichen simple Erklärungen komplexer Zusammenhänge vortäuschen, scheint eine solche Plattform umso erstrebenswerter.

Ganz nebenbei würde diese auch einen aktiven Beitrag dazu leisten, dass die Idee des Citoyen endlich Einzug ins digitale 21. Jahrhundert erhält – oder anders formuliert – um es mit den Worten von Christine Horz zu beschreiben: „Eine solche Plattform könnte ein Ort der transkulturellen Begegnung und Debatte sein und dadurch demokratiefeindlichen Diskursen im Netz einen konstruktiven Austausch entgegensetzen.“

Für den Moment wäre es sicher sinnvoller, sich allein auf Qualitäts- und Bildungsinhalte zu konzentrieren. Kooperationen mit anderen europäischen kommerziellen Streamingplattformen mögen im Entertainmentbereich längerfristig auch erstrebenswert sein, im bildungspolitischen Sinne taugen sie herzlich wenig und können sogar kontraproduktiv sein. Solange bereits die ARD und das ZDF sich uneinig darüber zeigen, wie eine deutsche Super-Mediathek aussehen könnte, wie soll man da erst weitere europäische Partner mit ins Boot bekommen?

Lieber klein als gar nicht anfangen

In der Software-Entwicklung hat es sich bewährt, iterativ zu arbeiten und das bestehende Produkt kontinuierlich zu verfeinern (Perpetual beta). Statt also den großen Roll-out einer Mega-Plattform in Europa zu planen, warum nicht das Problem herunterbrechen und klein anfangen? In Deutschland oder im deutschsprachigen Raum und zunächst allein mit bildungspolitischen Inhalten.

Wie Sascha Lobo im Medienmagazin „Zapp“ zum Thema Super-Mediathek treffend attestiert hat, haben wir es in Deutschland und Europa aktuell jedoch mit einer plattform- und digitalfeindlichen Politik zu tun. Ein Slogan wie „Das kommt aus Europa!“ sei im digitalen Alltag kein Argument zum Wechseln des Plattformanbieters. Vielmehr brauche es ein Argument aus der Nutzbarkeit/Usability der Plattform heraus.

Hinzu komme, so Lobo, dass man in puncto Finanzierung und Investition eher Abstand davon nehmen solle, eine konkrete Zahl für eine solche Plattform in den Raum zu stellen. In Deutschland herrsche eine mangelnde Investitionsbereitschaft, die auch wir bei Paul Open Search in den vergangenen Monaten in persönlichen Gesprächen mit den Intendanzen der ÖR erfahren haben und bestätigen können.

Es läuft also sicherlich erst mal auf eine Art „Koalition der Willigen“ hinaus. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass es den ÖR und auch vielen weiteren publizierenden Akteuren mit Qualitätsinhalten eine Investition wert sein sollte, eine europäische Kultur- und Medienplattform ins Leben zu rufen. Sie würde sicherlich Diskussionen rund um Rundfunkbeiträge oder gar Abschaffungsforderungen des ÖR wie in Österreich in eine gesellschaftlich wünschenswertere Richtung lenken. Hören wir also auf, nur darüber zu sprechen oder zu schreiben, sondern fangen wir endlich an, die Idee praktisch in die Tat umzusetzen.

Warum Amazon trotz 100.000 Robotern nicht auf Handarbeit verzichten kann

In den Amazon-Logistikzentren arbeiten 100.000 Roboter. Doch sie verdrängen nicht immer Menschen – oft bedeuten mehr Roboter auch mehr Handarbeit.

ie schleppen lautlos Regale durch den Raum, kreuz und quer, mal schneller, mal langsamer, aber nie in Kurven; stets ändern die Maschinen ihren Weg im rechten Winkel. Etwa 100.000 dieser Roboter gleiten inzwischen durch die Logistikzentren von Amazon.

Bislang sind Menschen von Regal zu Regal geeilt, um all das einzusammeln, was die Kunden auf der Webseite des US-Konzerns ordern. Nun bringen immer häufiger elektrische Helfer die Regale zu den Mitarbeitern. Ein menschenleeres Lager sei trotzdem nicht zu erwarten, beteuert Robert Marhan: „Es wird immer eine Kombination aus Menschen und Maschine geben“, sagte der Personalchef für die europäischen Logistikzentren dem Handelsblatt.

Mehr noch: Die Beschäftigten müssten sich trotz der stetig steigenden Zahl von Maschinen keine Sorgen um ihre Jobs machen. „Roboter haben keine Mitarbeiter ersetzt“, beteuerte der Manager. Amazon habe in den vergangenen Jahren 300.000 neue Stellen geschaffen.

Marhan: „Mitunter sorgen Roboter an der einen Stelle sogar dafür, dass an einer anderen mehr Leute gebraucht werden.“ Das sei zum Beispiel der Fall, wenn die Roboter sehr schnell arbeiten. Im darauffolgenden, nicht automatisierten Arbeitsschritt sei dann zusätzliches Personal erforderlich.

Amazon betreibt eigenen Angaben zufolge 40 Logistikzentren in Europa, zwölf davon in Deutschland. 13.000 festangestellte Mitarbeiter verschicken hierzulande die Pakete. 1000 Stellen seien vergangenes Jahr dazu gekommen.

Das Unternehmen wächst rasant, 2018 ist der Umsatz um fast ein Drittel auf 233 Milliarden Dollar (207 Milliarden Euro) in die Höhe geschossen. Der Gewinn hat sich auf zehn Milliarden Dollar mehr als verdreifacht. Die Zahlen zum ersten Quartal legt CEO Jeff Bezos am Donnerstag vor.

Wegen des großen Personalbedarfs bemüht sich Amazon darum, als vorbildlicher Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. „Wir können es uns auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt gar nicht leisten, die Leute schlecht zu behandeln“, unterstrich Marhan. Daher ist es dem Manager wichtig, die Grenzen der Automatisierung aufzuzeigen. Schließlich will er den Leuten Sicherheit vermitteln.

Das ist auch nötig, das Bild in der Öffentlichkeit ist getrübt. Mit der Gewerkschaft Verdi liegen die Amerikaner seit Jahren im Clinch. Immer wieder hat Amazon in Deutschland mit Streiks zu kämpfen. Auch vor Ostern hatte die Gewerkschaft zum Ausstand an verschiedenen Standorten aufgerufen.

Hetze und Kontrolle

Verdi setzt sich für einen Tarifvertrag bei dem Versandhaus ein, Amazon lehnt das ab. Offenbar kann sich der US-Konzern die harte Linie leisten. Die Mehrheit der Leute komme zur Arbeit, hieß es vor Ostern, und deshalb werde pünktlich geliefert.

Die Beschäftigten wollten mit den Streiks „auch die Willkür eines Handelsunternehmens beenden, das seine Beschäftigten mit Arbeitshetze und umfassenden Kontrollen unter Druck setzt“, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Sie fügte hinzu: „Tarifverträge sind ein Zeichen für Respekt und Anerkennung der Arbeit.“

Amazon beteuert, die Beschäftigten auch ohne Tarifvertrag ordentlich zu bezahlen. In Deutschland begännen die Mitarbeiter mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 10,78 Euro. Nach 24 Monaten seien es im Schnitt 2397 Euro brutto im Monat.

Das Unternehmen will jeden Eindruck vermeiden, dass es als Reaktion auf den Arbeitskampf stärker automatisiere. Die Leute bräuchten keinerlei Angst um ihre Jobs zu haben. „Solche Sorgen sind nur natürlich, und wir müssen sie ernst nehmen. Aber sie sind unbegründet“, betonte Personalchef Marhan.

Mehr Ware, weniger Fläche

Vor sieben Jahren hielten die ersten Roboter Einzug in den Hallen von Amazon. Durch die Geräte will die Firma eigenen Angaben zufolge schneller, günstiger und zuverlässiger liefern, außerdem lasse sich auf derselben Fläche wesentlich mehr Ware unterbringen. Das ist ein enormer Vorteil, denn in vielen Ländern tobt ein Kampf um die Grundstücke.

Die quadratischen Regale in den Roboter-Lagern stehen dicht gedrängt, Gänge für die Mitarbeiter werden nicht mehr benötigt. Die orange-schwarzen Roboter fahren einfach unter die gut zwei Meter hohen Regale, heben sie an. Anschließend geht es im Eiltempo zu den Leuten am Rand des Lagers. Die Arbeiter nehmen die bestellten Produkte heraus, reichen sie an jene Kollegen weiter, die dann die Pakete schnüren.

Die Transportmaschinen kommen nicht viel anders daher als Mähroboter für den heimischen Rasen. Doch sie haben mehr Power und können gut 300 Kilo schultern. Mehr noch: statt riesiger, hoher Hallen lassen sich die Regale jetzt in vergleichsweise niedrigen Räumen anordnen. So lagert Amazon die Artikel auf mehreren Stockwerken und kann dadurch eine größere Auswahl vorhalten.

Der Konzern nutzt die Maschinen hauptsächlich an neuen Standorten, bestehende Lager werden selten aufgerüstet. Der Konzern verlässt sich auf Technik, die er sich durch die Übernahme des Roboterherstellers Kiva ins Haus geholt hat. Auch die Software entwickelt Amazon selbst.

Gewaltiges Kurspotenzial

Der US-Handelsriese ist allerdings weit davon entfernt, den gesamten Versand zu automatisieren. So sind die Regale für die Roboter nur mit handlicher Ware bestückt. Wenn es sperrig wird, müssen nach wie vor die Mitarbeiter ran. Zusätzlich kommen etwa 30 Roboter mit Hebearmen weltweit zum Einsatz, um Kisten zu stapeln.

Analysten sehen Amazon ausgesprochen positiv. Die Investmentbank Jefferies rechnet damit, dass sich der Aktienkurs in den nächsten zwei Jahren auf mehr als 3000 Dollar fast verdoppelt. Dabei ist der Kurs in den vergangenen zehn Jahren schon von 80 auf derzeit mehr als 1800 Dollar in die Höhe geschossen.

Allerdings ist es weniger der angestammte Versandhandel, der die Experten entzückt. Die Banker glauben vielmehr, dass in der IT-Sparte Amazon Web Services viel Potenzial steckt, sowie in Werbung auf den Internet-Seiten des Konzerns und auch im Amazon-Marktplatz, also dem Angebot für fremde Händler.

In Deutschland und vielen anderen westlichen Ländern ist Amazon ausgesprochen erfolgreich, die Firma expandiert und stellt ein. Das ist aber nicht selbstverständlich, in China etwa sieht es ganz anderes aus. Dort sind einheimische Online-Händler wie Alibaba und JD.com dominierend. Die Konkurrenten sind so stark, dass die Amerikaner sich jetzt sogar teilweise aus dem Geschäft in der Volksrepublik zurückziehen.

Vor Ostern teilte der Konzern mit, Kunden in China könnten über Amazon keine Waren von Drittanbietern mehr beziehen. „Sie geben auf, weil das Geschäft nicht rentabel ist und nicht wächst“,so Analyst Michael Pachter von Wedbush Securities.

In Deutschland geht es dagegen weiter aufwärts. Gerade baut Amazon in Pforzheim ein zusätzliches Hochregal-Lager. Von dort aus verschickt der Konzern große Artikel wie Fernseher oder Grills. 500 Mitarbeiter werden derzeit geschult.

Berater: Digitalsteuer trifft weder Google noch Facebook

Die fünfprozentige Abgabe auf Online-Werbeumsätze als Teil des Digitalsteuerpakets der ÖVP-FPÖ-Regierung werden weder Google noch Facebook bezahlen: „Die Steuer wird vermutlich 1:1 an Agenturen und in Folge an deren Werbekunden weiter verrechnet“, sagte Markus Inzinger, der mit seiner Firma Otago Unternehmen beim Werben im Internet berät.

Inzinger räumte ein, dass es sehr schwer sei, Onlinegiganten zu besteuern. Für ihn besteht auch kein Zweifel daran, dass große Konzerne für ihre Erträge in Österreich fair besteuert werden sollen. Allerdings: Die geplante Werbeabgabe auf Online-Werbung treffe lediglich jene Unternehmen, die Google, Facebook und Co. als Werbekanal nutzen, so Inzinger. Meist seien diese kleinere oder mittlere Unternehmen (KMU).

Eine Steuer auf den in Österreich erzielten Gewinn wäre nicht so einfach an die Kunden weiterzureichen, glaubt Inzinger. Damit ließe sich verhindern, dass die Onlinewerberiesen unterm Strich einfach fünf Prozent aufschlagen. Am sinnvollsten sei jedoch eine Einigung auf EU-Ebene, so Inzinger.

Sowohl Facebook als auch Google und dessen Videoplattform YouTube seien mittlerweile sehr relevante Werbekanäle mit einer extrem hohen Reichweite und dabei noch wesentlich günstiger als die klassischen Medien-Kanäle wie etwa Print, Online oder TV, sagte Inzinger. „Kaum ein Unternehmen wird einfach darauf verzichten, dort zu inserieren. Werbekunden nutzen diese Medien vor allem mit dem Fokus auf Performance und in Konsequenz um ihre Umsätze national und international zu steigern.“

Aus Sicht des Online-Marketing-Experten sind auch etliche Fragen noch ungeklärt. „Zum Beispiel wie wird das berechnet, wenn ein österreichischer Kunde eine Anzeige auf Google nach Deutschland ausliefert, aber in Österreich einbucht. Oder wenn ich mit einer Kampagne Touristen in Wien erreichen will?“ Die Werbesysteme seien global und nicht regional, so Inzinger. Die Steuerbehörden seien jedenfalls auf die Angaben der Onlinegiganten angewiesen, denn überprüfbar seien die Daten auch für die Werbekunden von Google und Facebook nicht.

Widerspruch

„Was noch vergessen wird: Rund um Google und Facebook hat sich im letzten Jahrzehnt ein eigenes Ökosystem an Dienstleistungen gebildet. Alleine in Österreich sind dadurch tausende neue Arbeitsplätze in den Bereichen Suchmaschinenoptimierung, Suchmaschinenmarketing und Social Media Marketing entstanden“, sagte Inzinger. Ihnen drohe nun ein Wettbewerbsnachteil gegenüber Agenturen aus dem Ausland. „Wenn diese Arbeitsplätze in den Agenturen verloren gehen, die eine hohe Wertschöpfung im Land schaffen, dann wage ich zu bezweifeln ob die Rechnung der Regierung noch positiv ist.“

Die Online-Werbeabgabe, die jährlich rund 25 Mio. Euro einbringen soll, betrifft Unternehmen, die weltweit einen Umsatz von mehr als 750 Mio. Euro, davon 25 Mio. Euro in Österreich, machen. Auch auf Amazon könne Werbung gebucht werden, und Amazon sei somit ebenfalls betroffen, meinte Inzinger. Auf LinkedIn oder Twitter könnte die Abgabe zukommen, sobald sie die Umsatzschwellen überschreiten. Klassische Medienunternehmen werden möglicherweise die neue Abgabe auf Online-Werbeumsätze ebenso abführen müssen. So liegt etwa der deutsche Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 über den Umsatzmarken, die Shpock- und willhaben-Mutter Schibsted ebenfalls.

taz-Chef Karl-Heinz Ruch: „Das System Zeitung ist am Ende“

Karl-Heinz Ruch gibt sich keinen Illusionen hin: „Das System Zeitung ist am Ende“, sagt der scheidende Geschäftsführer der taz im Interview mit dem ehemaligen taz-Chefredakteur Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau. Die taz sieht er für die digitale Zukunft indes gut aufgestellt.

In dem Interview, in dem Ruch auf seine 40-jährige Amtszeit als Geschäftsführer der linksalternativen Tageszeitung zurückblickt, sagt der taz-Mitgründer der gedruckten Tageszeitung ein baldiges Ende voraus: „Auf der einen Seite gibt es keine Anzeigen mehr und auf der anderen Seite ist die Herstellung und der Transport materieller Informationsträger völlig überflüssig geworden. Die Musikindustrie hat es längst erwischt. Jetzt sind die Zeitungen dran.“ Vielleicht könnten sich die Wochenzeitungen noch eine Weile halten.

Ruch gehörte 1979 zu den Gründern der alternativen Tageszeitung aus Berlin, die er seitdem erfolgreich durch mehrere Krisen gesteuert hat. „Heute würde keine Mensch mehr eine Zeitung gründen“, ist Ruch sicher. „Heute gibt es das Internet. Das ist alles besser, schneller, einfacher, billiger. Wozu noch eine Zeitung drucken.“ Im vergangenen Jahr hatte Ruch, der Ende des Jahres aus dem Amt scheidet, mit einem radikalen Gedankenspiel für Aufsehen gesorgt: Ab 2022 könnte die taz nur noch am Wochenende auf Papier erscheinen, nicht mehr täglich wie bisher. Unter der Woche soll die Zeitung nur noch rein digital erscheinen.

Ruch sieht die taz für das digitale Zeitalter gut gerüstet – vor allem wegen ihrer treuen Leser. „Die taz hat Leser, die sie für notwendig halten. So wie sie vor vierzig Jahren Vorausabonnements zahlten, so zahlen sie heute für Artikel der digitalen taz, obwohl sie sie auch ohne zu zahlen lesen könnten. Ich habe gar keine Bange, dass wir die Leute, die man braucht, um einen gute digitale taz herzustellen, auch in Zukunft werden finanzieren können. Die taz ist eine Profiteur der Krise.“

Ruch wundert sich indes über Journalisten, die die Realität der digitalen Medienwelt scheinbar nicht sehen wollen: „Mich wundert das. Die Journalisten wissen genau, wann Schluss ist mit dem Diesel und wann mit der Braunkohle. Nur von einem Ende der Zeitung wollen sie nichts wissen.“

Die Reform kommt – stirbt das Netz?

Eines der umstrittensten europäischen Gesetzgebungsverfahren hat die letzte Hürde genommen: Nach Jahren des Ringens und Feilschens, immer neuen Volten und einer erbitterten Lobbyschlacht hat der EU-Ministerrat der „Richtlinie über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt“ zugestimmt. 19 Staaten stimmten dafür – darunter Deutschland – sechs dagegen, drei enthielten sich.

Ihre Befürworter sagen: Die Reform schafft einen fairen Ausgleich zwischen Urhebern und Plattformen und garantiert, dass Künstler und Kreative mehr Geld für ihre Arbeit erhalten. Die Richtlinie bedroht das freie Netz, stärkt die Macht der großen Plattformen und nützt eher Verwertern wie Verlagen und Plattenlabels als den Urhebern, sagen ihre Gegner.

In jedem Fall stirbt das Internet an diesem Montag noch nicht – und es wird auch noch ein paar Jahre weiterleben. Richtlinien gelten nicht unmittelbar in der ganzen EU, sondern müssen von den Mitgliedsstaaten erst in nationales Recht umgesetzt werden. Warum so viele Menschen Angst vor der Reform haben und wie es jetzt weitergeht:

Warum ist die Reform so umstritten?

Im Zentrum der Kritik stehen drei Artikel: 15, 16 und 17 (in früheren Gesetzestexten als 11, 12 und 13 gelistet). Artikel 15 besagt, dass Suchmaschinen und andere Nachrichten-Aggregatoren Presseverlage bezahlen sollen, wenn sie kurze Ausschnitte aus deren Artikeln anzeigen. Vergleichbare Gesetze gibt es in Deutschland und in Spanien. Sie gelten als gescheitert und waren für Medien wegen der Gerichtskosten sogar ein Verlustgeschäft. Große Verlage haben jahrelang für das sogenannte Leistungsschutzrecht gekämpft und dabei teils mit Falschdarstellungen argumentiert.

Auch Artikel 16 kommt ausschließlich Verwertern und nicht Urhebern zugute. 2016 hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort Einnahmen ausschließlich an die Urheber und nicht mehr an die Verlage ausschütten müssen. Artikel 16 würde die Verlegerbeteiligung in Deutschland wieder einführen und damit vor allem freien Journalisten schaden.

Die heftigsten Proteste gab es gegen Artikel 17. Mehr als 100 000 Menschen gingen gegen (damals noch) Artikel 13 auf die Straße. Sie fürchten, dass er auf Upload-Filter hinausläuft, mit denen Plattformen alle Inhalte, die Nutzer auf Plattformen ins Netz stellen wollen, vorab durchleuchten. Diese Software könnte massenhaft Uploads zu Unrecht blockieren, weil Maschinen Fehler machen und nicht in der Lage sind, legale Nutzung zu erkennen. Das Zitatrecht erlaubt es etwa, unter bestimmten Voraussetzungen urheberrechtlich geschützte Inhalte zu nutzen. Außerdem könnte der Filterzwang die Vormachtstellung von großen Plattformen wie Youtube stärken: Kleinere Wettbewerber wären nicht in der Lage, eigene Filter zu entwickeln, und müssten die Software einkaufen.

Aber in der Richtlinie steht doch nichts von Upload-Filtern?

„Das Wort Upload-Filter kommt in diesem Artikel 17 gar nicht vor“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fragestunde des Bundestags. Das Argument war in den vergangenen Monaten immer wieder zu hören: Artikel 17 zwinge die Plattformen nicht ausdrücklich zum Filtern. Sie könnten doch einfach Verträge mit den Rechteinhabern abschließen, um deren Inhalte legal nutzen zu können.

Was in der Theorie möglich erscheint, dürfte sich praktisch nicht konsequent umsetzen lassen. Vielleicht einigt sich Youtube mit der Gema und erhält damit auf einen Schlag Lizenzen für viele Tonaufnahmen. Aber damit hätte Youtube noch keine Rechtssicherheit, denn die Gema vertritt nicht alle Urheber. Auch für Texte, Fotos und Videos gibt es keine Verwertungsgesellschaft, die alle Rechteinhaber repräsentiert. Plattformen müssten also eine Vielzahl von Verträgen aushandeln. Für Youtube ist das schwierig – für kleinere Betreiber dürfte es unmöglich sein. Deshalb warnen etwa fast 500 Online-Foren vor den Auswirkungen von Artikel 17.

Die Richtlinie verlangt von allen kommerziellen Plattformen, die nutzergenerierte Inhalte veröffentlichen, dass diese „nach Maßgabe hoher branchenüblicher Standards für die berufliche Sorgfalt alle Anstrengungen“ unternehmen, um Urheberrechtsverletzungen zu verhindern. Andernfalls haften die Betreiber. Die einzige Möglichkeit, um das zu verhindern, sind wohl Upload-Filter.

Was werden die Plattformen jetzt tun?

Anfang April machten Aussagen von Emmet Shear, Chef der Livestreaming-Plattform Twitch die Runde im Netz. So hatte er gewarnt, dass sich Twitch durch die Reform gezwungen sehe, Upload-Filter zu implementieren. Man erwäge sogar Geoblocking: „Wenn jemand in den USA streamt, werden die europäischen Nutzer aus dem Stream herausgefiltert“, sagte Shear.

Die Aufregung war groß – und übertrieben. Später stellte Twitch klar, dass Shear keine konkreten Maßnahmen angekündigt habe. Er habe nur darüber informieren wollen, welche Konsequenzen die Reform haben könnte. Die Mitgliedsstaaten müssten zunächst daran arbeiten, die Richtlinie umzusetzen. Das Unternehmen werde „clevere Lösungen“ für Nutzer in Europa entwickeln.

Twitch dürfte mit dieser Haltung stellvertretend für viele Plattformen stehen: nichts überstürzen, erstmal abwarten. Noch ist unklar, wie die Vorgaben der Reform in nationales Recht gegossen werden. Bis sich für Nutzer etwas ändert, wird es dauern – und womöglich sind die Veränderungen dann nicht von Dauer: Mehrere Parteien und Organisationen haben bereits Klagen angekündigt. Bereits 2012 hat der EuGH Upload-Filter für grundrechtswidrig erklärt.

Wie stark wird sich das Netz verändern?

Das lässt sich derzeit schwer vorhersagen. Die Auswirkungen könnten weniger gravierend sein, als viele Gegner befürchten. Klar ist, dass es der EU nicht um gezielte politische Zensur geht. Ziel der Reform ist es nicht, Meinungen zu unterdrücken, sondern Geld umzuverteilen: von Plattformen zu Kreativen. Viel deutet aber daraufhin, dass in erster Linie die Musik-, Film und Medienindustrie profitiert, also große Verlage, Labels, Studios und Verwertungsgesellschaften. Die Urheberrechtsreform ist eine Reform für Verwerter.

Bereits jetzt sind Upload-Filter im Einsatz. Microsofts Photo-DNA erkennt und sperrt Aufnahmen von Kindesmissbrauch. Das klappt relativ zuverlässig, allerdings ist die Entscheidung auch deutlich einfacher: Kinderpornografie ist immer illegal, urheberrechtlich geschützte Inhalte können legal genutzt werden. Auch deshalb löscht Youtubes Filtersystem Content-ID regelmäßig zu Unrecht Uploads – obwohl Google nach eigenen Angaben mehr als 100 Millionen Dollar in die Technik investiert hat. Man kann also davon ausgehen, dass noch weitreichendere, komplexere Filter noch mehr Fehler machen werden.

Neben diesen bekannten Systemen gibt es weitere Anbieter von Filtersoftware. Die Software arbeite „extrem akkurat“, die False-Positive-Rate liege „faktisch bei null“. Das klingt gut, es bleiben aber Fragen offen: Erstens sind es nur Behauptungen, die sich nicht überprüfen lassen. Zweitens führt auch eine sehr geringe Fehlerrate angesichts der Masse an Uploads in absoluten Zahlen zu vielen unrechtmäßigen Sperrungen. Drittens mag die Software einzelne Werke zuverlässig erkennen, aber für das Zitatrecht ist sie nicht geschaffen. Wenn Nutzer einen urheberrechtlich geschützten Inhalt legal in eine Parodie oder Rezension einbetten, schlägt die Maschine trotzdem an.

Die Richtlinie nimmt solche Fälle zwar aus, schweigt sich aber darüber aus, wie sich das technisch umsetzen lassen soll. Das Gesetz kann die Software nicht besser machen, als sie ist. Um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein, könnten Plattformen deshalb eher zu viel als zu wenig filtern. Schließlich drohen Strafen nur für illegale Inhalte, die online bleiben – nicht für legale Inhalte, die gelöscht werden.

Was müssen die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten jetzt tun?

Im Gegensatz zu Verordnungen treten Richtlinien nicht unmittelbar in Kraft. Deutschland und die 27 weiteren Mitgliedsstaaten der EU haben zwei Jahre Zeit, um die Vorgaben in nationales Recht umzusetzen. Dabei haben sie gewisse Freiheiten, dürfen den Kern der Richtlinie aber nicht ändern.

Artikel 17 sieht etwa Ausnahmen für Plattformen vor, die jünger als drei Jahre sind und zugleich höchstens 10 Millionen Euro pro Jahr umsetzen. Diese Bestimmungen müssen sich auch in der nationalen Gesetzgebung wiederfinden. Damit will die EU verhindern, dass ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Einzelgesetzen entsteht. Vor allem bei einer Richtlinie, die den digitalen Raum betrifft, wäre das unsinnig: Das World Wide Web interessiert sich nicht für Staatengrenzen.

Wie sich Wechat in den Alltag fast aller Chinesen schleicht

Facebook, Twitter und Whatsapp sind in China blockiert. Dafür haben die Chinesen eine viel bequemere Plattform. Wechat soll fast alle Internetangebote ersetzen, die der chinesische Bürger im Alltag benötigt. Wer nicht gläsern sein will, hat jedoch keine Chance, am öffentlichen Leben teilzuhaben.

Es ist noch nicht lange her, da wurde Wechat noch als „Abklatsch von Whatsapp“ belächelt. Optisch ist die Ähnlichkeit nicht von der Hand zu weisen. Auf beiden Logos sind weiße Sprechblasen zu sehen. Und so wie Whatsapp hat auch Wechat als Kurznachrichtendienst begonnen. Doch tatsächlich ist Wechat, das auf Chinesisch Weixin heißt, längst mehr.

Außer Nachrichten verschicken und Online-Telefonie lassen sich über Wechat auch Tickets im chinesischen Hochgeschwindigkeitszug buchen, ebenso Flüge, Fahrdienste und Kinokarten. Der besondere Vorteil von Wechat: Der Nutzer erhält in dem Miniprogramm einen eigenen Barcode. Mit der Scannerfunktion kann jeder andere Wechat-Nutzer diesen Barcode innerhalb weniger Sekunden lesen.

Daraus ergeben sich jede Menge weitere Funktionen: Der Barcode ersetzt die Visitenkarte, findet sich auf jeder Firmenwebseite. Vor allem aber lässt sich in ganz China an jeder Ecke damit bezahlen. Denn die App ist mit dem Bankkonto verbunden. Es genügt, den Barcode des Gegenübers zu scannen und die Summe wird abgebucht.

Auch die kleine Obsthändlerin an der Ecke muss dem Kunden bloß ihren Barcode zeigen, und schon hat der Kunde seine Äpfel bezahlt. Extra-Lesegeräte wie bei Kreditkarten sind nicht nötig. Ein Smartphone reicht. Und davon hat in China so gut wie jeder eines. Sogar Bettler stellen Zettel mit ihrem Barcode vor sich auf. Sie müssen das, denn die meisten Chinesen bewegen sich bargeldlos durchs Leben. Wegen der vielen Funktionen nutzt inzwischen mehr als eine Milliarde Chinesen Wechat.

Facebook? Ist vielen Chinesen zwar ein Begriff, ist in China aber gesperrt. Twitter? Ebenso. Auch Youtube, Snapchat, Instagram sowie die meisten bekannten Google-Dienste sind in China mit seiner strengen Internetregulierung nur schwer oder gar nicht abrufbar. Die Mehrheit der Chinesen stört das wenig. Schließlich haben sie ihre eigenen Dienste. Wechat etwa ist spielerischer, bedienerfreundlicher und oft auch schlicht einfacher in der Anwendung. China war eben noch ein Entwicklungsland, jetzt ist es an Deutschland vorbei ins digitale Zeitalter gesprungen. Was ist hier passiert?

Rückblick auf das Jahr 2009. Uigurische Aktivisten im Nordwesten des Landes begehren gegen die Autoritäten auf, die aus ihrer Sicht chinesische Besatzer sind. Ihren Protest haben sie über Facebook organisiert. Weil Facebook und Twitter sich auf mehrfache Aufforderung der chinesischen Behörden weigerten, die Einträge zu löschen, ließ das chinesische Sicherheitsministerium kurzerhand die US-Dienste sperren. Die Great Firewall war geboren – Chinas staatliche Internetzensur.

Die chinesische Führung hatte sie in erster Linie aus politischen Gründen errichtet. Daraus ergab sich jedoch ein ökonomischer Nebeneffekt: Die chinesischen Gegenstücke zu den US-Größen – bis dahin auch in China nur von wenigen genutzt – konnten sich im Land rasch ausbreiten. Sie heißen Baidu, Alibaba, Tencent und gehören heute zu den mächtigsten IT-Playern der Welt. Doch ist Zensur wirklich der alleinige Grund für den Erfolg der chinesischen Pendants zu den international bekannten Diensten? Was macht etwa Tencent anders mit Wechat als Facebook mit Whatsapp?

Eine App mit mehr als 600.000 Miniprogrammen

Er ist 50 Jahre alt, trägt gerne Jeans und Kapuzenpullis und ist der Erfinder von Wechat. In China ist Zhang Xiaolong eine Legende: Zhang, der sich im internationalen Kontext mit Vornamen auch Allen nennt, macht sich in der Öffentlichkeit eher rar. Der gelernte Programmierer gilt als schüchtern, introvertiert und meidet große Veranstaltungen – ähnlich wie sein Vorgesetzter, Tencent-Chef Pony Ma. Wenn Zhang sich einmal blicken lässt, hat er meist Wegweisendes zu verkünden.

So auch vor einem Jahr in der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Guangzhou. Dort hat Wechat seine Zentrale, obwohl der Mutterkonzern Tencent seinen Hauptsitz im benachbarten Shenzhen hat, Chinas eigentlicher Tech-Hochburg. 4.000 Softwareentwickler aus dem ganzen Land hatte Zhang zu einer Entwicklerkonferenz in ein Kongresszentrum eingeladen.

Es handelte sich um Mitarbeiter unabhängiger Firmen, die sogenannte Miniprogramme für Wechat entwickeln. Wie Apple beim iPhone bietet auch Tencent bei Wechat eine Plattform, auf der externe Programmierer und Softwareentwickler neue Apps bauen können. Im Unterschied zu anderen Apps müssen diese Miniprogramme nicht extra heruntergeladen werden, sie sind innerhalb des Wechat-Ökosystems sofort einsatzbereit. Wechat hat sich auf diese Weise binnen weniger Jahre zu einer ganzen Plattform für Mobilgeräte entwickelt.

Eine Plattform – das wollen heute alle sein. Denn hier winkt das Geld. Ein Unternehmen bietet den Rahmen an, in dem andere Geschäfte machen. Die machen die eigentliche Arbeit und sind kreativ. Aber die Plattform verdient an all dem mit. Die Leistung von Tencent: eine App zur Verfügung zu stellen, die ohnehin jeder hat, und darauf Tausende weitere Anwendungen zuzulassen, so dass sie zu einer Alles-App wird.

Über 600.000 Miniprogramme lassen sich in das Ökosystem integrieren. Es ist nicht notwendig, immer wieder eine App herunterzuladen oder sich den exakten Namen der Marke zu merken. Es reicht völlig aus, dem Barcode zu folgen, der auf Firmenwebsites, Broschüren, Visitenkarten oder in Chatgruppen zu finden ist.

Tencent weiß alles über seine Nutzer

Die meisten Miniprogramme kommen von Drittanbietern. Auf Entwicklerkonferenzen wie der in Guangzhou will Zhang selbst erfahren, „welche neuen Trends die Programmierer aufspüren“, wie er sagt. Doch eigentlich will er mehr. Geht es nach ihm, soll Wechat so ziemlich alle Internetangebote ersetzen, die der chinesische Bürger im Alltag benötigt.

Tencent ist daher auch ein Unternehmen, das weltweit von einigen Firmen beneidet werden dürfte. Denn Daten sind der Rohstoff unserer Zeit und ihre Vernetzung für Unternehmen sehr wertvoll. Tencent weiß mit Wechat alles über seine Nutzer: was sie kaufen, wohin sie gehen, worüber sie sich unterhalten, wen sie lieben. Dieses Wissen ist nicht nur ein gewaltiger Pluspunkt für die Konsumindustrie, sondern auch bei der Entwicklung von Anwendungen für die künstliche Intelligenz. Die selbstlernenden Programme der Zukunft brauchen Anschauungsmaterial. Und kaum einer weiß so viel über die Menschen wie Tencent.

Als Nächstes soll die Integration von Wechat ins Berufsleben folgen. Nachdem sich die Leute im Privaten daran gewöhnt haben, nutzen sie die App dort bereits eifrig, um Vertragsentwürfe zu teilen, Termine auszumachen („E-Mail ist soooo gestrig“) und Fotos von Problemen am Fließband an die Ingenieure zu schicken. Tencent geht darauf ein. Arbeitnehmer können in vielen Fällen bereits per Wechat Urlaubstage anmelden.
Sicherheitsbehörden haben Zugriff auf die Daten

Doch auch die Verzahnung von Wechat mit dem Arbeitsleben ist Chefprogrammierer und Wechat-Gründer Zhang nicht genug. In Shenzhen kooperiert Tencent mit den örtlichen Behörden. Sie probieren in mehreren Pilotprojekten eine völlig neue Form des E-Government aus. So sind Ausweis und Sozialversicherungskarte in dem personalisierten Wechat-Barcode gespeichert, ebenso Führer- und Fahrzeugschein.

Bei einem Verkehrsdelikt reicht es nun, wenn der Polizist mit seinem Dienst-Smartphone über den Code des Autofahrers scannt, schon hat er seine Daten beisammen. Zhangs Ziel: Nicht nur Bargeld soll obsolet werden, sondern alles, was derzeit bei den meisten noch im Portemonnaie oder in der Brieftasche steckt. Das Smartphone in der Hosentasche reicht. Chinas Regierung hat Tencent den Zuschlag fürs E-Government gegeben.

Dabei ist Tencent ein Privatunternehmen. Im staatskapitalistischen China mit seiner autoritären Führung ist es aber gar nicht möglich, mit der Regierung nicht zu kooperieren. Wie alle IT-Konzerne, die in China tätig sind, gibt auch die Firmenleitung von Tencent unverhohlen zu: Die chinesischen Sicherheitsbehörden haben jederzeit Zugriff auf die Daten. Zahlreiche Nutzer sitzen in China in Haft, wegen aus Sicht der kommunistischen Führung politisch nicht korrekter Einträge, die der Nutzer selbst verfasste oder es zuließ, dass andere sie auf der Gruppe posteten.

Wenig Bewusstsein für Datenschutz

Dennoch ist ein Bewusstsein für Datenschutz in China kaum vorhanden. Und das in einem Land, in dem die Regierung in den kommenden Jahren landesweit ein Social-Scoring-System einführen will, welches das Verhalten jedes einzelnen Bürgers sowohl im Netz als auch im realen Leben genau unter Beobachtung stellen und entsprechend auswerten soll. Die Abhängigkeit von Anwendungen wie Wechat ist eben groß. Wer am modernen Leben Chinas teilhaben will, kommt daran nicht vorbei.

Spätestens mit der Einführung des Social-Scoring-Systems wird der Staat noch besser über seine Bürger Bescheid wissen. Und da er de facto auch der Betreiber von Wechat ist, kann er leicht herausfinden, wer Initiator oder Meinungsführer bei missliebigen Einträgen ist – und sie sogar manipulieren.

Was Wechat stoppen könnte: Es ist ein Trend und die sind kurzlebig. So expansiv Tencent mit seiner Plattform in den vergangenen Jahren war und derzeit durchaus noch ist – die Gefahr, dass es in Zukunft nicht mehr so beliebt bei seinen Nutzern ist, besteht selbst für Wechat. Denn die Konkurrenz steht schon in den Startlöchern. Im Westen wird Facebook unter Teenagern bereits als „altbackenes Medium der Eltern“ verschmäht. Das ist in China mit Wechat nicht anders.

„Wir Chinesen sind flexibel“

Unter jungen Chinesen wird die Kurzvideo-App Douyin immer beliebter, die als Tiktok im Ausland bekannt ist. Sie ist ein Angebot der chinesischen Firma Bytedance, die innerhalb kurzer Zeit zum größten Konkurrenten von Tencent aufgestiegen ist. Bis Ende des vergangenen Jahres hatte Douyin 300 Millionen aktive Nutzer.

„Jedes soziale Netzwerk hat einen Lebenszyklus“, sagt Justin Guan, Vizepräsident von Zhenfund, einer chinesischen Investmentfirma, spezialisiert auf neue Technologien. Er glaubt, dass Douyin ebenso groß werden kann wie Wechat. Die vielen Apps der unabhängigen Entwickler, die mit Wechat integriert sind? Der Staat, der mit E-Government ebenfalls bei Wechat dabei ist? „Die springen rasch auf die neuen Angebote auf“, sagt Guan. „Wir Chinesen sind flexibel.“ Dass die Bürger mit anderen Apps weniger gläsern sein werden, darf also bezweifelt werden.

Internet Explorer ist Einfallstor für Hacker

Im Microsoft Internet Explorer klafft eine gravierende Sicherheitslücke. Angreifer können über den Web-Browser des amerikanischen Software-Herstellers in Rechner mit dem Betriebssystem Windows eindringen und Daten ausspähen. Die von dem Sicherheitsforscher John Page entdeckte Schwachstelle lässt sich ausnutzen, wenn Windows-Nutzer MHT-Dateien öffnen.

MHT-Dateien werden verwendet, um Webseiten einschliesslich Bilder, Links und anderer eingebetteter Elemente zu speichern. Dem Dateiformat liegt der Standard MHTML zugrunde, den der Internet Explorer nutzt.

Windows-Nutzer gefährdet

Weil auf Windows-Rechnern MHT-Dateien per Doppelklick standardmässig mit dem Internet Explorer geöffnet werden, lässt sich die Schwachstelle von Angreifern leicht ausnutzen.

Das heisst: Selbst wer den Internet Explorer nicht für den Zugang zum Internet nutzt, sondern etwa mit Google Chrome, Mozilla Firefox oder auch dem Internet- Explorer-Nachfolger Edge im Netz unterwegs ist, läuft Gefahr, sich über den Microsoft-Browser schädliche Inhalte einzufangen.
Lokale Dateien ausspähbar

Öffnet ein Nutzer etwa eine per E-Mail oder einen Messenger verschickte MHT-Datei, die Schadcode enthält, können Hacker laut Page verschiedene Aktionen in dem Microsoft-Browser ausführen und beliebige Daten abgreifen. Er habe die Schwachstelle erfolgreich mit der jüngsten Version des Internet Explorer 11 auf Windows 7 und Windows 10 mit jeweils aktuellsten Sicherheitsupdates ausführen können.

Gegenüber dem US-Magazin ZDNet erklärte der Sicherheitsforscher, dass er Microsoft Ende März über die Sicherheitslücke informiert habe. Der Windows-Hersteller habe ihm daraufhin mitgeteilt, die Schwachstelle erst in einer künftigen Version stopfen zu werden.

Schützen können sich Windows-Nutzer derzeit, indem sie MHT-Dateien nicht bzw. nur mit Vorsicht anklicken oder den Internet Explorer vollständig entfernen.

Vorerst kein Sicherheitsupdate

Viele Nutzer hat der Internet Explorer sowieso nicht mehr. Der Browser, der einst Marktführer unter den Zugangsprogrammen zum Internet war, kommt heute auf rund 6,5 Prozent. Dessen Nachfolger, das 2015 mit Windows 10 lancierte Edge, muss sich mit etwas mehr als vier Prozent begnügen.

Künftig wird Microsoft den Explorer-Nachfolger sogar nicht einmal mehr als eigenständigen Web-Browser weiterführen, sondern die Browser-Technologie des Rivalen Google nutzen.

Das Spiel, das Kinder mehr interessiert als Youtube

Die Kunden warten gleich in mehreren Schlangen. Eine Kundin bestellt eine „YumYumEpicYum“-Pizza extra. Hektisch springt eine Figur aus groben Pixeln, sie heißt „MatteoMagDich“, in einer ebenfalls grob pixeligen Pizzeria ohne Wände herum. Wenn die Bestellungen rechtzeitig rausgehen, zeigt eine weiße Zahl über seinem Kopf an, wie viel Matteo verdient hat.

Während man diesen Text liest, backen etwa 20 000 Menschen digitale Pizza. „Arbeite in einer Pizzeria“ heißt das Spiel und ist einer der erfolgreichsten Titel auf Roblox, einer Mischung aus sozialem Netzwerk und Spieleplattform. Roblox ist in den USA ein Phänomen. Bereits im Dezember 2017 überholte Roblox in den USA Youtube als die Internetseite, auf der Kinder unter 13 die meiste Zeit verbringen. Das zeigen Zahlen des Marktforschungsunternehmens ComScore. Das Phänomen will jetzt die Welt erobern. Vor wenigen Tagen startete die deutsche Version der Plattform.

Dass das pädagogisches Potenzial hat, steht außer Frage. Dieses Potenzial müssen Eltern jedoch fördern und lenken. Tun sie das nicht, könnten die Kinder in der enormen Auswahl versinken. Und nicht alle Welten sind so unschuldig, wie eine Pizzeria-Eröffnung.

Dass die meisten Spieler noch so jung sind, merkt man. An der Optik, die wie eine Mischung aus Lego und Minecraft wirkt, an den kindlichen Namen der Spieler und den Spielen selbst, die in der Regel kurz und unkompliziert aufgebaut sind. Viele Elemente hat man schon irgendwo anders gesehen, und zwar besser. Die Titelauswahl in der Spiele-Bibliothek erinnert an Netflix oder Steam, das Währungssystem an Gratis-Spiele aus dem App-Store. Im Spiel können die Spieler virtuelles Geld – so genannte Robux – verdienen, zum Beispiel durch Pizzabacken.

Die Spieler können in einer einfachen Programmiersprache eigene Spiele erschaffen
Warum ist Roblox also so erfolgreich? Das hat zum Teil sicher damit zu tun, dass Roblox im Grunde kostenlos ist, obwohl die Spieler virtuelles Geld – sogenannte Robux – kaufen können, um zusätzliche Inhalte freizuschalten. Die meisten Spiele lassen sich auf Handy, PC, Konsolen und sogar auf 3D-Brillen spielen. So holt man, wie auch viele andere Spiele und Plattformen, möglichst viele Spieler ab. Das Spiele-Portal hebt sich in einem Punkt von allen anderen ab. Die Spieler können in einer buchstäblich kinderleichten Programmiersprache eigene Spiele erschaffen. Nach Unternehmensangaben entwickeln mehr als vier der monatlich 90 Millionen Spieler etwa eine Million Spiele – pro Monat.

Genau deshalb schnitt Roblox auch in einem Test der Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW gut ab. Die einfach verständliche Progammierumgebung von Roblox-Studio fördere die Kreativität von Kindern. Fortgeschrittene Kinder können mit der Skriptsprache Lua die Umgebungen immer stärker verändern und immer komplexere Spiele schaffen.

Kinder lernen heimlich Programmieren
Im Netz wimmelt es von Geschichten, in denen Kinder mit Roblox ohne Wissen ihrer Eltern Programmieren gelernt haben sollen. Auch in manchen Medien wird Roblox gefeiert. Vergangenes Jahr titelte das Forbes-Magazin zum Beispiel: „So trainiert Roblox die nächste Generation der Spiele-Unternehmer.“ Titelheld der Geschichte ist Alex Binello, der noch nie eine Programmier-Stunde besucht hatte. Trotzdem entwickelte er auf dem Portal das Spiel „Meep City“, eine Art virtuelle Stadt voller Minispiele, das ihn letztlich zum Millionär machte.

Weil Roblox von der riesigen Spielauswahl lebt, schüttet das Unternehmen einen Teil der Einnahmen an die Entwickler aus. Das funktioniert so: Ein Spieler kreiert ein Spiel. Wenn andere Spieler Robux für Items in seinem Spiel ausgeben, bekommt sie der Spieler gutgeschrieben. Davon kann er wiederum eigene Items kaufen oder sich auszahlen lassen. 98 Millionen Dollar habe man auf diese Art bereits ausgezahlt, sagt das Unternehmen. „Es ist fast so, als ob wir ‚American Idol‘ für aufstrebende Spieleentwickler betreiben würden“, beschreibt Gründer David Baszucki im Forbes-Magazin das Konzept.

Mehr als 57 Millionen Spiele soll es auf Roblox geben. Viele davon sind Alltagssimulationen, in denen Spieler Tankstellen, Bauernhöfe oder eben Pizzerien managen. Beliebt sind auch Fan-Versionen berühmter Spiele oder Filme. Die Macher dieser Spiele kopieren einfach Figuren, Logos, manchmal ganze Handlungsstränge, die sie dann zu einem eigenen Spiel verarbeiten.

Nicht alle Spiele sind so unschuldig wie die Eröffnung einer Pizzeria. Es gibt viele Shooter, in denen lustig aussehende Figuren Autos klauen und Mitspieler töten müssen. Auch vor größeren Skandalen blieb Roblox nicht verschont. Vergangenes Jahr ging das Video einer Mutter viral. Sie filmte den virtuellen Sex-Raum, den jemand auf Roblox gebaut hatte und in den ihre sechsjährige Tochter eingeladen worden war. Das Video zeigt nackte Spielfiguren beim Sex. Auf YouTube gibt es bizarre „Let’s Play“-Videos, die durch solche, inzwischen gelöschte, Räume voller goldener Geschlechtsteile führen.

Die USK sitzt mit am Tisch
Wegen solcher Fälle wirbt die Spiele-Plattform stark um das Vertrauen von Eltern. Sie kündigte zum Deutschlandstart an, Chats zwischen Spielern zu moderieren und Spiele darauf hin zu prüfen, ob die Figuren in ihnen angezogen sind. Für Eltern gibt es zukünftig auch Kundensupport auf Deutsch und die Möglichkeit, den Zugriff auf bestimmte Spiele zu blockieren. Außerdem soll die Geschäftsführerin der deutschen Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), Elisabeth Secker, im Beratungsausschuss für Vertrauen und Sicherheit des Unternehmens sitzen.

Die Fachstelle für Jugendmedienkultur empfiehlt Eltern, trotzdem regelmäßig neue Inhalte auf der Plattform zu kontrollieren, weil eben so viele Spiele dort landen. Kinder sollten außerdem keine Handynummern und Bilder verschicken, weil man sich auf der Plattform komplett anonym bewegen könne. Niemand kann also sicher wissen, wer hinter einem Account steht.

Das auf Kinder zielende Konzept von Roblox scheint zu funktionieren. Das erkennt man auch daran, wie sich die bunte Klötzchenwelt auf andere Plattformen auswirkt, die sonst eher nicht für kinderfreundliche Kommentare bekannt sind. Auf Youtube hat das Video über das Pizzabacken von MatteoMagDich 185 000 Klicks und 500 Kommentare. Keine Hasskommentare, fast ausschließlich mit Lob. Der beliebteste Kommentar: „Meine Lieblingspizza ist Margarita. Wer auch Pizza mag, bitte liken.“

Assange: Aktivist, Journalist, Hochverräter?

Seit Julian Assanges Festnahme ist in den Vereinigten Staaten die Diskussion über die Grenzen der Pressefreiheit neu entbrannt. Donald Trumps Haltung in der Sache ist eindeutig uneindeutig.

Mit der Festnahme von Julian Assange, die aller Voraussicht nach in seine Auslieferung an die Vereinigten Staaten münden wird, ist in Amerika abermals eine heftige Diskussion um den Wikileaks-Gründer entbrannt. Ob Assange als Held oder Verräter gilt, hängt ganz davon ab, ob die Veröffentlichungen des Australiers als Journalismus eingestuft werden – wie er und seine Befürworter es stets für Wikileaks reklamiert haben.

Die Schauspielerin Whoopi Goldberg sagte in der Morgensendung „The View“ des Senders ABC: „Dies ist nichts weiter als eine Kampagne vom CIA, die ihn entmenschlichen und delegitimieren soll.“ Die Moderatorin Sunny Hostin argumentierte, wer mit Assange ein Problem habe, müsse auch die Pentagon Papers in Frage stellen – die von Daniel Ellsberg beschafften Geheimdokumente, die eine systematische Täuschung der Öffentlichkeit durch den Präsidenten Lyndon B. Johnson über den Vietnam-Krieg belegten und 1971 von der „New York Times“ veröffentlicht wurden. Die Journalistin Meghan McCain hielt entgegen, Assange sei von Beginn an nichts weiter als ein Cyber-Terrorist gewesen.

In der Nachmittagsrunde von Fox News „The Five“ freute man sich unterdessen, dass die Regierung Trump, anders als die Obama-Administration, „die Nuss geknackt“ habe. „Sie sind diejenigen, die sagen: Hier geht es nicht um die Redefreiheit“, sagte Dana Perino, die bis 2009 unter der Regierung Bush Pressesprecherin im Weißen Haus war. „Hier geht es um die Gefährdung der nationalen Sicherheit.“

Die großen Pressehäuser des Landes analysieren die Dinge sorgfältiger. Der „Atlantic“ hat schon im November – als öffentlich wurde, dass Assange unter Anklage wegen Geheimnisverrat steht – gemahnt, dass die Pressefreiheit in Gefahr sei, wenn der Wikileaks-Gründer allein wegen der Veröffentlichung geleakter Dokumente juristisch verfolgt würde. Aber wie die „New York Times“ bemerkte, zeichnen die erst jetzt veröffentlichten Details der Anklage dann doch ein weniger dramatisches Bild: Die Beschuldigung, Assange habe der damaligen Soldatin Chelsea Manning geholfen, sich in einen Regierungscomputer zu hacken, sei schon deswegen nicht als Angriff auf die Pressefreiheit zu werten, weil Hackerangriffe nicht zu den journalistischen Standardverfahren gehörten.

Wikileaks hatte im Oktober 2016 – wenige Wochen vor der amerikanischen Präsidentenwahl und kurz nach der Veröffentlichung des „Access Hollywood“-Videos, das Trump beim Prahlen mit sexuellen Übergriffen auf Frauen zeigte – Tausende von E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampfmanager John Podesta publiziert. Aus diesen ging unter anderem hervor, was die Clinton-Truppe unternahm, um Bernie Sanders als Kandidaten der Demokraten zu bekämpfen. Es war eine willkommene Vorlage für die Trump-Kampagne, Hillary Clinton in Misskredit zu bringen und von Trumps haarsträubenden Äußerungen abzulenken, die zu diesem Zeitpunkt elf Jahre zurücklagen. Experten wiesen den Diebstahl von Podestas E-Mails einer Gruppe zu, die mit russischen Nachrichtendiensten zusammenarbeitete und in Cyberattacken auf das Democratic National Committee involviert war; auch der Sonderermittler Robert Mueller bezichtigte Wikileaks der engen Zusammenarbeit mit dem russischen Geheimdienst. „Er mag als Informations-Anarchist wahrgenommen werden“, schreibt die „Times“, „aber indem er Trump zur Präsidentschaft verhalf, wurde er zur Dienstmagd des Autoritarismus.“

Dass Assange keineswegs ein Fackelträger der freien Presse sei, meint auch die „Washington Post“ und schreibt, es sei höchste Zeit für Assange, persönlich Rechenschaft abzulegen. Nicht nur habe er sich Informationen auf ethisch fragwürdige Weise beschafft, er habe zudem „Material in die Öffentlichkeit gekippt, ohne sich die Mühe zu machen, Informationen unabhängig zu überprüfen oder darin genannten Individuen die Chance einzuräumen, sich zu äußern“. Schon gar nicht, so die „Post“, würde ein echter Journalist mit Geheimdiensten eines autoritären Regimes kooperieren, um einem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten zu helfen und einem anderen zu schaden. Die Zeitung bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass eine Auslieferung Assanges an die Vereinigten Staaten zu weiteren Erkenntnissen über die Bestrebungen russischer Nachrichtendienste führt, den Westen zu unterminieren.

Der Sender CNN titelt in einem Kommentar, Assange sei ein „Aktivist, kein Journalist“ und äußert die Hoffnung, dass der Fall, „sofern er von den Gerichten korrekt verhandelt wird“, den Begriff Journalismus definieren könnte, um seinem künftigen Missbrauch vorzubeugen und legitime Recherche und Berichterstattung besser zu schützen.

Tatsächlich hat der Fall Assange in den vergangenen Jahren allerlei Opportunisten ins Licht gerückt. Nachdem Wikileaks 2010 von Manning gestohlene Regierungsdokumente aus dem Pentagon und dem State Department veröffentlichte, forderten ranghohe konservative Politiker Assanges Kopf – darunter der vormalige Präsidentschaftskandidat und einstige Pastor Mike Huckabee, demzufolge alles andere als die Todesstrafe eine zu milde Strafe für diejenigen wäre, die geheime Regierungsinformationen veröffentlichten. Als indes die E-Mails von Clinton und Podesta geleakt wurden, wurde Assange plötzlich zu einer Lieblingsfigur der politischen Rechten. Besonders Donald Trump bekannte sich wiederholt als Assange-Fan („Ich liebe Wikileaks!“), nur um jetzt zu behaupten: „Ich habe keine Ahnung von Wikileaks. Das ist nicht mein Ding.“

Die gesellschaftlichen Folgen von Paywalls: Sind wir auf dem Weg zur Informationselite?

Eines der Lieblings-Lamenti der Verleger ist der Sündenfall der Gratiskultur im Netz. Es handelt davon, dass man in den frühen nuller Jahren einen Fehler begangen und seine Inhalte kostenlos ins Web gestellt habe. Die Hoffnung, dass Gratisnachrichten die Nutzerzahlen und damit auch die Werbeeinnahmen hochtreiben würden, hat sich als illusorisch erwiesen.

Die Menge der Leser stieg zwar rasant – aber die Vermarktungseinnahmen stiegen nicht. Und viel wichtiger: Plötzlich stand fast allen Menschen, so sie es denn wollten, ein barrierefreier Zugang zu qualitativ hochwertigem Journalismus offen. Das war eine bis dahin unbekannte Situation. Denn bis zum Siegeszug des Internets hatte dieser Zugang zu großen Teilen über Tageszeitungen stattgefunden, im Einzelverkauf am Kiosk oder im Abonnement.

Geht es nach dem Willen der Verlagsmanager, sollen nun neue Zeiten aufziehen – allerdings rückwärtsgewandte. In ihrer fast schon panischen Suche nach Erlösquellen zum Ausgleich der noch immer zu geringen Werbeeinnahmen möchten die Medienmacher die Uhr um gut zwanzig Jahre zurückdrehen. Allerdings ohne Einzelverkauf, denn Journalismus soll ausschliesslich zahlenden Abonnenten zugänglich sein.

Fragt man Medienmanager, so wie es kürzlich der Report des Digital News Project von Reuters getan hat, setzen weite Teile der Branche auf das Zukunftsszenario Abo. Deshalb soll 2019 für viele das Jahr der Paywalls werden. Doch das ist ein Kurzschluss.

Per se ist der Entschluss, sich für Inhalte bezahlen zu lassen, gut und richtig – und das Abo sieht auf den ersten Blick noch immer attraktiv aus. Die Paid-Content-Einnahmen der Medienhäuser steigen. Laut Analyse des Fachmediums „PV Digest“ sollen einheimische Medienhäuser 2018 mithilfe ihrer Bezahlschranken rund 400 Millionen Euro eingenommen haben. Der Reuters-Report prognostiziert jedoch: Klassische Abo-Modelle mit harter Paywall erreichen ihr Limit. In Deutschland sind laut Reuters-Report gerade einmal 7 Prozent der User bereit, ein Abo abzuschließen.

Tatsächlich könnte bereits in diesem Jahr eine erste Sättigung des Marktes eintreten. Da Deutschland traditionell rund fünf Jahre hinter den US-Entwicklungen herhinkt, dürfte hierzulande erst in den kommenden Jahren mit einem Wachstumsstopp zu rechnen sein.

Für Medien folgt: Selbst wenn die Paid-Content-Einnahmen noch ein paar Jahre steigen, werden sie kaum die kritische Masse erreichen, die nötig wäre, um die Vermarktungsverluste inklusive des Käuferschwunds im Print-Sektor aufzufangen. Eine Ausnahme dürften publizistische Aushängeschilder wie beispielsweise die „New York Times“ oder die „Washington Post“ sein. Für die breite Masse von guten Durchschnittstiteln brechen wirtschaftlich noch schwierigere Jahre an.

Im deutschsprachigen Medienmarkt sehe ich da derzeit nur die Wochenzeitung „Die Zeit“, die linke Tageszeitung („taz“) und die NZZ. Die große Stärke der „Zeit“ dürfte noch immer in ihrer Erscheinung als Wochenzeitung liegen – tiefgehende Inhalte mit hoher Qualität lassen sich so auch online verkaufen. Als Tageszeitung sähe das, vor allem wegen der doch sehr rigiden Paywall, anders aus.

Die „taz“ hingegen macht es sehr gut. Sie aktiviert ihre Leser zu freiwilligen Zahlungen und landet damit bei einem Reader-Revenue je hundert Leser, der dem vermeintlichen Paywall-Wunder „Bild plus“ in nichts nachsteht. Die NZZ selbst setzt eine auf individuelle, klug segmentierte Paywall. So wandelt sie mehr Leser zu Käufern und wächst mit dem Digitalgeschäft. Auf solche Leuchtturm-Modelle schaut die Verlagswirtschaft.

Um es klar zu sagen: Die reine Konzentration auf den klassischen Abo-Vertrieb ist ein Fehler. Die Medienhäuser verlieren durch die harten Bezahlschranken die Mehrheit ihrer derzeitigen Leser, weil diese eben nicht bereit sind, Abos für jedes relevante Medium abzuschließen.

Infolgedessen stehen Inhalte der meisten Nachrichtenseiten nur noch einer zahlungskräftigen Informationselite zur Verfügung – wer nicht zahlen kann oder will, erhält keine Informationen mehr, bleibt also dümmer. Daraus erwachsen jedoch – beschränkt man den für alle anderen Leser zugänglichen Pool auf wenige Inhalte und Medien – möglicherweise höchst gefährliche Auswirkungen hinsichtlich der Zivilgesellschaft und ihres Demokratieverständnisses.

Je weniger Menschen Zugang zu qualitativ hochwertigen Informationen haben, desto leichter können populistische Strömungen ohne Gegenstimme ihrem Geschäft nachgehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Halbwahrheiten und Fake-News geglaubt werden, steigt.

Bei ihren wirtschaftlichen und publizistischen Entscheidungen müssen sich die Medienhäuser im Klaren über die gesamtgesellschaftlichen Implikationen sein. Das Verrückte dabei: Dieser besonderen Position sind sich die Medienhäuser ja dann doch auch immer wieder so sehr bewusst, dass sie in partiellen Anfällen von Arroganz ganz vergessen, ihre Produkte endlich einmal von der Kundenseite her zu denken. Das ist eigentlich Standard in vielen Industrien. Aber in der Zeitungsbranche gibt es immer noch ein großes Missverständnis zwischen dem, was User wollen, und dem, was ihnen online geboten wird.

Wie groß dieses Missverständnis ist? So groß, wie einst das Missverständnis war, das im Jahr 2008 die Smartphone-Revolution gestartet hat. Die damaligen Marktführer Nokia und Blackberry dachten, der Kunde wolle Handys mit Keyboards und langen Akku-Laufzeiten, und dann kam Apple. Steve Jobs gab den Kunden das, was sie wirklich wollten – das iPhone.

Die Annahme der Verlage, dass User entweder kostenfrei und mit viel Werbung Inhalte lesen oder Abos kaufen wollen, mithin also das konsequente Ignorieren anderer Möglichkeiten, Artikel an den Mann und an die Frau zu bringen, ist eine vertane Chance. Sie verkennen das große Universum an Monetarisierungs-Optionen, das den Raum zwischen datenverwertenden Werbemodellen und teuren Abomodellen füllt. Und sie vergeben doch wissentlich die Möglichkeit zur Monetarisierung bei 98 Prozent der User, die nur gelegentlich lesen und deswegen bestimmt kein Abo kaufen wollen.

Als vor Jahren die erhofften steigenden Vermarktungseinnahmen im Web ausblieben, begingen die Verleger den Kardinalfehler, eben nicht die Qualität ihres Produktes für den Leser zu erhöhen und für diese Angebote konsequent Geld zu verlangen, sondern sie bauten die Werbeplätze aus und erlaubten immer greller blinkende Anzeigen oder immer ausgefeiltere Werbemodelle auf ihren Portalen. Die Folge: Die Kunden suchten genervt nach Alternativlösungen und wendeten sich dem massenweisen Einsatz von Ad-Blockern zu. Damit waren zwar nicht die Leser verloren, aber die Werbeeinnahmen.

Nun stehen die Verlage wieder vor einer ähnlichen strategischen Fehlentscheidung. Sie wollen die Uhr zurückdrehen. Schon bald sollen Nachrichten, schlimmer als zu Zeiten der goldenen Print-Ära, möglichst nur noch gegen Abo zugänglich sein. Nur die exklusiven, nur die wichtigen, nur die tiefgehenden Beiträge, wie man stets versichert. Aber sind es nicht gerade diese Artikel, die Zusammenhänge aufzeigen und ein umfassendes Verständnis einer Thematik erst ermöglichen?

Nun kann man darauf verweisen, dass auch damals unsere Gesellschaft nicht am Rande des Untergangs stand. Zwei Dinge waren jedoch anders: Zum einen gab es noch keine boulevardesk anmutenden Populisten-Portale, die ihre News verschenkten. Zum anderen gab es die Möglichkeit zum Einzelkauf.

Ein Teil der Menschen hatte ein Abo. Die anderen kauften dann eine Zeitung, wenn sie eine Überschrift oder ein Thema besonders ansprach und sie Zeit und Geld zum Lesen hatten. So hatte jeder die Option, die Informationen zu erwerben, die ihn wirklich interessierten, ohne einen teuren, dauerhaften Vertrag einzugehen. Von diesem Ansatz könnten Medien und Leser profitieren.

Dem etablierten und höchst erfolgreichen Kiosk-Konzept verweigern sich im Web allerdings die meisten Verleger und enthalten ihren Kunden die Möglichkeit vor, einzelne Texte oder Tagesausgaben zu geringen Preisen nach Bedarf zu kaufen. Dabei wäre in der Welt gedruckter Presseerzeugnisse niemand je auf die Idee gekommen, den Verkauf der Einzelausgabe zu unterbinden.

Dass die Leser bei solch einer Missachtung ihrer Kundenbedürfnisse den Verlagen den Rücken kehren, sollte eigentlich kein Medienmanager übersehen. Egal, mit wie viel Selbstmitleid er vom Sündenfall der Kostenlos-Kultur im Netz lamentiert.

Sohn ermordeter Bloggerin klagt an

Daphne Caruana Galizia war im Oktober 2017 in ihrem Auto in die Luft gesprengt worden.

Zur vollen Aufklärung des Mordes an der Journalistin Daphne Caruana Galizia hat ihr Sohn verstärkten internationalen Druck auf Malta verlangt. Die tief korrupten Behörden seien praktisch untätig, kritisierte der Journalist Matthew Caruana Galizia auf einer Tagung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien. „Wir müssen uns entscheiden, ob wir Malta zu einem Exempel machen, dass es keinen Raum für ein solches Verhalten in der EU gibt.“ Andernfalls drohe Malta zu einem Hort von Kleptokraten zu werden.

Die regierungskritische Bloggerin war am 16. Oktober 2017 unweit ihres Hauses in ihrem Auto in die Luft gesprengt worden. Drei Männer müssen sich wegen der Ausführung des Attentats vor Gericht verantworten. Viele Fragen zu den Hintermännern sind aber noch offen. Der OSZE-Medienbeauftragte Harlem Desir prangerte an, dass ein Großteil der teils tödlichen Anschläge auf Journalisten ungestraft bleibe. „Immer mehr Menschen finden es hinnehmbar, den Überbringer der Nachricht zu attackieren, weil sie die Nachricht nicht mögen“, sagte Desir. In den 57 OSZE-Mitgliedstaaten sind nach Angaben der Organisation seit 1992 rund 400 Journalisten ermordet worden. Besonders schockierend sei, dass in 85 Prozent der Fälle die Täter oder Hintermänner nicht belangt worden seien. Als Schutz gegen Attacken jeder Art – seien es Einschüchterungen oder Gewalt – plädierten auch Journalisten aus Russland und der Ukraine für eine lückenlose Verfolgung der Täter. Erst dann könne sich das Klima, das aktuell diese Taten begünstige, wandeln.

Dieser Gründer will ganz Indonesien ins Internet bringen

Achmad Zaky hat Angst, dass sein Land bei der Digitalisierung den Anschluss verliert. Und wenn er diese Sorgen äußert, dann hat das in Indonesien Gewicht: Zaky ist einer der erfolgreichsten Start-up-Gründer von Südostasiens größter Volkswirtschaft.

Seine E-Commerce-Plattform Bukalapak ist eines der wenigen Internetunternehmen seiner Heimat, die eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar erreicht haben. Doch die Warnung des 32-Jährigen, die er bei Twitter verbreitete, hat bei vielen seiner Landsleute Empörung ausgelöst. Das lag vor allem an dem Zusatz, er hoffe, der nächste Präsident werde es in Sachen Industrie 4.0 besser machen.

Internetnutzer werteten das als eine offene Wahlempfehlung gegen Indonesiens Präsident Joko Widodo, der besonders bei Liberalen als populär gilt und sich nächste Woche der Wiederwahl stellt. Das Hashtag #UninstallBukalapak machte sich bei Widodos Anhängern auf Twitter breit.

Zaky konnte den Sturm der Entrüstung erst mit einer Entschuldigung eindämmen: Er habe nur betonen wollen, dass das Land dringend weitere Investitionen nötig habe.

Tatsächlich ist die Sorge des jungen Unternehmers nicht unberechtigt. Indonesien hinkt seinen Nachbarländern nicht nur bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung hinterher. Auch was Internetzugänge angeht, hat das Land Nachholbedarf. Während in Ländern wie Malaysia und Thailand rund 80 Prozent der Bevölkerung online sind, ist es in Indonesien nur etwas mehr als jeder zweite Einwohner.

Als Internetunternehmer sieht Zaky darin aber nicht nur ein Hindernis, sondern auch eine Chance: Um die mehr als 100 Millionen internetlosen Indonesier zu erreichen, sucht der studierte Informatiker mit seiner vor acht Jahren in einer Mietwohnung gegründeten E-Commerce-Plattform nun im Offline-Geschäft nach Wachstumsmöglichkeiten.

Er arbeitet dafür an einem riesigen Vertriebsnetzwerk für Tante-Emma-Läden, die in Indonesien Warungs heißen. „Das Geschäft dieser Kleinunternehmer findet fast ausschließlich offline statt“, sagt Zaky im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Das bietet ein riesiges Potenzial.“

Zaky bietet den kleinen Händlern eine App, mit der sie einerseits im Auftrag ihrer Kunden Bestellungen bei Bukalapak aufgeben können und dafür eine Provision erhalten. Andererseits können sie mit der Anwendung auch Waren für das eigene Sortiment nachbestellen.

Der Start-up-Gründer stößt mit seinem Angebot auf großes Interesse: In den ersten Monaten nach dem Start schloss er bis Anfang November Partnerschaften mit 300.000 Warungs. Inzwischen ist diese Zahl nach Unternehmensangaben auf 1,5 Millionen Läden gestiegen. Sie stehen für 20 Prozent der Umsätze des Onlinehändlers.

Eine der Herausforderungen ist für Zaky dabei die Logistik. Bukalapak arbeitet an einem Netz von Lagerhäusern, die im Vergleich zur Konkurrenz zum Alleinstellungsmerkmal werden sollen. Schon jetzt verspricht Zaky den Warung-Betreibern in vielen Teilen des Landes Lieferungen innerhalb von fünf Stunden.

„Bisher bringen Lastwagen die Ernten aus den ländlichen Gegenden in die Städte und fahren dann leer zurück“, sagt Zaky. „Aber sie könnten doch bei der Rückfahrt auch gleich Waren von Bukalapak mitbringen.“

D: 5G-Mobilfunk-Auktion spült mehr Geld in die Staatskasse als gedacht

Die Versteigerung von 5G-Mobilfunkfrequenzen hat eine weitere Milliardenmarke durchbrochen – damit wird sie mehr Geld einbringen als angenommen. Die Summe an Höchstgeboten und Zahlungsverpflichtungen wegen zurückgezogener Gebote stieg am Mittwochnachmittag auf gut fünf Milliarden Euro, wie aus der Webseite der Bundesnetzagentur hervorgeht. Externe Fachleute waren vor Auktionsbeginn von Einnahmen zwischen drei und fünf Milliarden Euro ausgegangen.

Es war bereits die 167. Auktionsrunde seit dem Start vor mehr als drei Wochen. Teilnehmer sind die drei bisherigen Netzbetreiber Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica (O2) sowie der Neueinsteiger Drillisch.

Ein Ende der laufenden Versteigerung ist nicht absehbar. Allerdings sind die Staatsannahmen umstritten – Kritiker wie die Gewerkschaft Verdi monieren, damit würden den Firmen Finanzmittel entzogen, die sie zum Netzausbau bräuchten.

Die Ausbauauflagen für die Netzbetreiber gelten als besonders streng. Bis Ende 2022 sollen 98 Prozent der Haushalte sowie Autobahnen und andere Strecken mit schnellem mobilen Internet versorgt werden.

Die Assangesche Weltformel wirkte weiter

Im fünften Jahr seines Asyls in der ecuadorianischen Botschaft dürfte Julian Assange klar geworden sein, dass er auch von der Regierung von Donald Trump keinerlei Gnade erwarten darf. 2017 nannte der damalige CIA-Chef Mike Pompeo den Wikileaks-Gründer einen „Narzissten, der nichts von Wert geschaffen hat“, einen „Feigling, der sich hinter einem Bildschirm versteckt.“ Wikileaks sei ein „feindlicher, nicht-staatlicher Geheimdienst“ – die wohl brutalste Einstufung, die ein Geheimdienstchef einer einzelnen Webseite zuschreiben kann.

Das stand im Widerspruch zu dem, was Pompeos jetziger Chef Donald Trump nicht einmal ein Jahr zuvor im Wahlkampf ausgerufen hatte: „I love Wikileaks!“. Assanges Whistleblower-Seite hatte interne E-Mails der Demokraten veröffentlicht, US-Medien deren Inhalt bereitwillig weiterverbreitet, was Trumps Gegnerin in die Bredouille brachte: die Demokratin Hillary Clinton.

Deren Anhängern galt Assange, der an diesem Donenrstag in London verhaftet wurde, seitdem als russische Marionette. Viele Fachleute halten es für wahrscheinlich, dass eine Einheit des russischen Geheimdienstes hinter dem Hack steht. US-Geheimdienste haben erklärt, dass der russische Geheimdienst GRU die E-Mails über Umwege an Wikileaks gab. Assange bestreitet, dass der russische Staat ihm die Dokumente gegeben hat.

Fest steht aber, dass Julian Assange, laut New Yorker ein „Mann ohne Land“, die Welt auch noch aus seiner Notunterkunft in London erschüttern konnte. Seine Verbindungen zur Außenwelt bestanden aus Besuchen von Hacker-Kollegen, von seiner Unterstützerin Pamela Anderson – und dem Wikileaks-Twitter-Account mit 5,4 Millionen Followern, zu dem er zumindest zeitweise Zugang hatte. Assange kann auf ein engagiertes und teils unbekanntes Team, weltweite Unterstützer und in den Anfangsjahren der Organisation eingerichtete verschlüsselte Kommunikation zurückgreifen. Auch die Verstärker-Funktion größerer Medien nach Leaks half dabei, dass Wikileaks relevant blieb. Nachdem Ecuador Assange 2018 zwischenzeitlich den Internet-Zugang gesperrt hatte, wurde der isländische Jorunalist Kristinn Hrafnsson zum Chefredakteur. Assange blieb als Herausgeber aber wohl der wichtigste Entscheider.

Staatsfeind der USA

Über den Twitteraccount verteilte Assange nicht nur Attacken an seine Gegner und verschwörungstheoretischen Unfug, sondern auch weiterhin große Leaks. Die Webseite machte weiter, obwohl Kreditkartenfirmen schon vor Jahren versucht hatten, sie von Geldflüssen abzuschneiden. Amazon hatte seinen Cloud-Dienst AWS 2010 für Wiklieaks gesperrt, weil die Veröffentlichung von US-Botschaftsdepeschen Menschen gefährde, deren Namen in den Dokumenten auftauchten. Dass die US-Regierung offensichtlich erfolgreich Druck auf Konzerne ausüben konnte, galt Assange als Beweis für deren Allmacht. „Wenn Putin loszieht, um eine Cola zu kaufen, ist das 30 Sekunden später in Washington bekannt“, sagte er 2012 in einem Interviewband „Cypherpunks“.

Der Zorn von CIA-Chef Pompeo bezog sich auf die Dokumente, die Wikileaks unter dem Namen „Vault 7“ im März 2017 ins Netz gestellt hatte. Die Veröffentlichung einer Sammlung von Hacking-Werkzeugen war eine beispiellose Blamage für den Geheimdienst. Die Enthüllung zeigte IT-Fachleuten auf der ganzen Welt, wie die CIA Geheimwissen über Schwachstellen in Software und Hardware hortete und so auch die Sicherheit Unbeteiligter gefährdete. Denn wenn die CIA einen Angriffswinkel kennt und ihn dem Hersteller nicht meldet, dann steht er potentiell auch anderen Geheimdiensten und Kriminellen offen. Den Dokumenten zufolge konnte der Geheimdienst eine Zeit lang in Apples iPhones eindringen. Ein ehemaliger Programmierer der CIA wurde später verhaftet, weil er die Dokumente nach draußen geschmuggelt haben soll.

Assange gilt den USA also als Staatsfeind. Nun liegt den britischen Behörden ein Auslieferungsantrag der Vereinigten Staaten vor, weil Assange mitgeholfen haben soll, als Chelsea Manning 2010 Dokumente von Armee und Diplomaten kopierte und Wikileaks zuspielte. Manning saß dafür bis 2017 im Gefängnis.

Die folgenreichste Wikileaks-Veröffentlichung der vergangenen Jahre waren sicherlich die internen E-Mails der US-Demokraten – mitten im US-Wahlkampf. Sie legten Grabenkämpfe innerhalb der Partei offen und dürften Clintons Kampagne zumindest nicht geholfen haben. Trumps ehemaliger Anwalt, Michael Cohen sagte vor dem US-Kongress aus, dass Trump über den Mittelsmann Roger Stone von Assanges Plan, Dokumente zu veröffentlichen, gewusst habe.

Unkommentiert blieben die Veröffentlichungen nie

Da viele Details seines Lebens in der Botschaft im russischen Staatssender RT ausgebreitet wurde, verdächtigten Assanges Gegner ihn, gezielt Ping-Pong mit der russischen Staatspropaganda zu spielen. Die italienische Reporterin Stefania Maurizi, die mit Wikileaks zusammengearbeitet hat und zu Assanges Unterstützern zählt, argumentiert, dass Assange nicht aktiv an seiner Instrumentalisierung mitarbeite: „Russland nimmt Assange als eine Art westlichen Dissidenten wahr. Das Land liebt die Idee, dass es „westliche Dissidenten“ gibt und nervt den Westen mit Freude, indem es sicherstellt, dass über Assange und seine Organisation breit berichtet wird.“

Der Kampf gegen das amerikanisch geführte „Imperium“ ist so etwas wie Assanges Lebensthema. In seinen Jahren in der Botschaft wurde in seinen Twitter-Nachrichten mehr und mehr deutlich, dass seine Vorbehalte gegen Autokraten noch übertroffen werden von seinem Hass auf die „Liberals“ der westlichen Politik, die gesellschaftspolitisch progressiven Wirtschaftsliberalen. An den meisten weltpolitischen Desastern ist in seinen Augen ein Komplex schuld aus US-Demokraten, den Nicht-Trumpisten unter den Republikanern, aus außenpolitischen Thinktanks, US-Armee und Konzernen wie Google, mit denen die Obama-Regierung schmuste. Die wütende Reaktion der US-Demokraten auf die Leaks im Wahlkampf dürfte ihn in dieser Überzeugung nur bestärkt haben.

Wikileaks mag seine Dokumente anders als klassische Medien ohne Auswahl und Gewichtung veröffentlichen, unkommentiert blieben die Veröffentlichungen dennoch nie. Aus deutscher Sicht wichtig: Die Veröffentlichung von 90 Gigabyte aus dem Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Zusammenarbeit von BND und NSA. Sie wurde 2016 per Pressemitteilung verkündet, die auf die Highlights hinwies.

Auch aus der ecuadorianischen Botschaft heraus erklärte Assange noch die Welt, selbst wenn der Anlass auf den ersten Blick ein eher historisches Thema war. 2016 veröffentlichte Wikileaks Depeschen aus dem Jahr 1979, als noch Jimmy Carter in Washington regierte. Assange erklärte er es zum „Jahr Null der modernen Ära“. Die iranische Revolution, Saudi-Arabiens endgültige Hinwendung zum Wahhabismus, die CIA-Unterstützung der afghanischen Mudschahedin, und damit auch der 11. September und alle Kriege in Nahost, die ihm folgten, hätten hier ihren Ursprung. Das ist die Assangesche Weltformel.

Wikileaks‘ Strategie blieb in der Kritik: Die Organisation veröffentliche unübersichtliche Mengen von Dokumenten gleichzeitig, und füttere Medien mit einer „Anleitung“, wie diese zu lesen seien. Das sei sowohl im Fall des CIA-Leaks als auch der E-Mails aus der türkischen Regierungspartei AKP der Fall gewesen, analysierte die Soziologin Zeynep Tufekci in der New York Times. Wikileaks verpasse ihnen jedoch mit Assanges Kommentaren einen eigenen „Spin“. Genau das warf Assange den traditionellen Medien oft vor.

Wie Russland sich vom Internet abkoppeln will

Mit großer Mehrheit hat Russlands Parlament das Gesetz für ein „souveränes Internet“ gebilligt. Damit soll der inländische Datenverkehr über staatlich kontrollierte Knotenpunkte geleitet werden. Kritiker warnen vor Zensur.

Die staatlichen Medien in Russland haben sich viele Namen für den Gesetzentwurf einfallen lassen, der seit Wochen für Aufregung sorgt. Wahlweise ist vom „Gesetz über das autonome Runet“, „Gesetz über die Verteidigung des Runets“ oder „das sichere Funktionieren des Runets“ die Rede.

Offiziell trägt es den Titel „Gesetz über das souveräne Internet“. Kurz gesagt soll das Vorhaben Russland ermöglichen, sich vom globalen Internet abzukoppeln. Gegner warnen vor einer Isolierung des Runets, das so besser von den Behörden kontrolliert und zensiert werden könne.

Trotz vieler Mahnungen hat die Duma den Gesetzentwurf in zweiter und entscheidender Lesung am Donnerstag mit großer Mehrheit angenommen (320 Jastimmen, 15 Neinstimmen).

Was bisher bekannt ist:

Erstens verpflichtet der Gesetzentwurf alle russischen Internetprovider, aber auch andere Dienstleister, eine bestimmte Technik zu installieren, mit der im Fall einer Bedrohung die zuständige Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor den Datenverkehr lenken kann. Wie diese Ausrüstung aussehen soll, ist bisher nicht klar. Schon jetzt wurden sogenannte Sorm-Boxen des Inlandsgeheimdienstes FSB installiert, mit denen der Geheimdienst bereits heute die Datenströme überwachen kann.

Die neue Technik soll auch im Stande sein, VPN-Provider und den Messengerdienst Telegram zu blockieren – mit dem Versuch das zu tun, hatte sich Roskomnadsor im vergangenen Jahr blamiert, weil die Behörde Hunderte andere Seiten lahmlegte.

Zuständig für die Anschaffung der neuen Technik ist nach einer Änderung des Gesetzentwurfs, die erst einen Tag vor der Abstimmung vorgenommen wurde, die russische Regierung. Sie soll den Anbietern die Ausrüstung kostenlos zur Verfügung stellen und auch testen – wann diese Versuche beginnen sollen, ist geheim.

Eigentlich sollte Roskomnadsor auch die technische Seite betreuen. Die Behörde, die mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen ausgestattet wird, soll nun nicht nur den Datenverkehr über eine eigene Zentrale überwachen, sondern wird den Providern auch Anweisungen geben, sämtlichen innerrussischen Internetverkehr im Fall der Fälle so zu lenken, wie es gewünscht wird: nämlich über Austauschknoten und Server im eigenen Land.

Das Ganze soll zum einen dafür sorgen, dass russische Onlinedienste auch noch funktionieren, wenn ausländische Mächte im Konfliktfall die Verbindungen aus Russland nach außen kappen sollten. Zum anderen könnte die Behörde sicherstellen, dass innerrussischer Datenverkehr etwa in Form von E-Mails im Land bleibt und nicht mehr einfach abgefangen und analysiert werden kann.

Bisher ist allerdings nicht klar, wann genau diese Maßnahme ergriffen werden soll. Was unter einer Bedrohung, etwa einem Cyberangriff, genau zu verstehen ist, soll noch von der russischen Regierung bestimmt werden.

Zweitens sieht der Gesetzentwurf vor, dass der Datenverkehr gefiltert, der Zugang zu verbotenen Seiten in Russland blockiert werden kann.

Wie die Zeitung „RBK“ berichtete, wurden die Provider MTS, Megafon und Wympelkom bereits von Roskomnadsor angewiesen, DPI-Filter (Deep Packet Inspection) in bestimmten Regionen zu testen. Mit diesen Filtern könnte der Zugang zu bestimmten Seiten verlangsamt werden.

Drittens soll laut dem Gesetzentwurf in Russland ein eigenes vom Rest der Welt unabhängiges Domain Name System (DNS) entwickelt werden. Dies soll bis zum 1. Januar 2021 passieren. Überwachen soll das Ganze auch Roskomnadsor. Die Behörde soll eine NGO ausgründen, welche die Domains .ru, .su und kontrollieren wird.

160.000 Seiten wurden inzwischen blockiert

20 Milliarden Rubel (275 Millionen Euro) waren für die Umsetzung des Gesetzes zunächst vorgesehen, inzwischen ist die Rede von 30 Milliarden (413 Millionen Euro). Experten schätzen, dass die Maßnahmen noch teurer werden könnten.

NGOs wie Roskomsvoboda, eine Organisation, die für das freie Runet eintritt, kritisieren das Vorhaben scharf. Die russischen Behörden erhöhten so weiter den Druck auf die Anbieter, sagt Artjom Koslyuk, Leiter von Roskomsvoboda, dem SPIEGEL. „Das ist ein Versuch des Staats, die Kontrolle über die Dateninfrastruktur zu erlangen.“

Bisher können sich Kremlkritiker wie der Oppositionelle Alexej Nawalny noch weitgehend frei in den sozialen Medien äußern. Allerdings wurden inzwischen von der Medienbehörde rund 160.000 Seiten blockiert und Hunderte User verurteilt, weil sie Posts teilten, welche die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Moskau kritisierten oder angeblich die Kirche beleidigten. Koslyuk kritisiert, dass unabhängige NGOs nicht an Diskussionen zu dem Gesetzentwurf teilnehmen konnten. Vieles sei sehr schwammig formuliert – Mitte März hatten deshalb rund 15.000 Menschen gegen das Vorhaben protestiert.

Das Gesetz soll ab November gelten

Kremlkritische Experten wie Andrej Soldatow bezweifeln zwar, dass der russische Staat das Netz so schnell und umfassend kontrollieren kann. Allerdings verweist auch er auf Meldungen aus dem Süden Russlands aus der Teilrepublik Inguschetien. Dort funktionierte zuletzt wieder mehrere Tage lang das Internet nicht: der 3G- und 4G-Service war in der Region abgeschaltet. Seit dem vorigen Sommer gibt es dort immer wieder Proteste gegen die neue Grenze mit Tschetschenien.

Die Autoren des Gesetzes, darunter der Senator Andrej Klischas, argumentieren, das Runet sei derzeit nicht ausreichend geschützt. Russland müsse sich schützen und verteidigen, mit Isolation und Zensur habe das nichts zu tun.

3236 Satelliten sollen Amazons Macht im All sichern

Mit einem weltumspannenden Satelliten-Netz will der Konzern von Jeff Bezos mobiles Internet in jeden Winkel der Erde bringen. Er steigt damit in einen Wettlauf ein, auch mit Google und Facebook. Am größten denkt aber Elon Musk.

Noch immer haben etwa drei Milliarden Menschen keinen Internetzugang. Um sie ans Netz anzuschließen, zeichnet sich immer deutlicher ein beispielloser Wettbewerb ab. So plant jetzt der Online-Handelskonzern Amazon eine Mega-Konstellation aus 3236 Satelliten, um Menschen aus dem Weltraum mit schnellem Internet zu versorgen.

Dabei ist Amazon mit seinem Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos keineswegs in einer Vorreiterrolle. Andere sind bereits weiter oder haben noch gewaltigere Vorhaben. Längst zeichnet sich ein Kampf um Investoren, Geschäftsmodelle und Partnerschaften ab, etwa mit Mobilfunkbetreibern. In der Branche wird bezweifelt, ob sich alle Milliardenvorhaben rechnen.

Während das Amazon-Projekt unter der Bezeichnung Kuiper erst auf dem Papier existiert, gibt es mit dem europäischen Satellitenbetreiber SES/O3B seit Jahren ein funktionierendes Netz im All. Soeben wurden weitere vier Satelliten in den Weltraum transportiert, sodass nun 20 Satelliten im Einsatz sind. Für 2021 ist die nächste Konstellation geplant. Die O3B-Satelliten kreisen in 8000 Kilometer Höhe um die Erde. Die neuen Anbieter wollen deutlich niedriger fliegen.

Das hat Vor- und Nachteile. Niedrigere Umlaufbahnen versprechen zwar kürzere Reaktionszeiten zwischen Nutzer und Satellit. Zudem sind keine speziellen Satellitenmodems erforderlich. Bei höheren Umlaufbahnen ist ein direkter Empfang mit normalen Smartphones oder gar billigen Featurephones, die die Mehrzahl der Anwender in Entwicklungsländern besitzen, nicht möglich – der Empfang läuft über Zwischenstationen auf der Erde mit einem Mobilfunkbetreiber.

Je niedriger die Umlaufbahn jedoch ist, desto mehr Satelliten müssen für eine konstante Verbindung die Erde umkreisen. Das kostet nicht nur mehr Geld, sondern bringt wiederum die Gefahr von Zusammenstößen im All und könnte zu noch mehr Weltraummüll führen.

So will der in London ansässige Satellitenbetreiber OneWeb über 600 Satelliten starten. Im Februar flogen die ersten vier Exemplare ins All. An der Spitze von OneWeb steht der schillernde US-Unternehmer Greg Wyler. Er erzählt seit Jahren, warum alle Menschen auf der Erde mit Internetverbindungen versorgt werden sollten. Wyler war früher Chef von O3B, macht also jetzt seiner Ex-Firma Konkurrenz. Die OneWeb-Satelliten sollen in etwa 1200 Kilometer Höhe die Erde umkreisen.
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Die gut 600 OneWeb-Satelliten sind vergleichsweise wenig gegenüber den 4425 Satelliten, die Elon Musk mit seiner Raumfahrtfirma SpaceX ins All schießen will. Er nennt sein Projekt Starlink. Im Mai soll eine noch unbekannte Zahl von Satelliten starten. Die Umlaufbahn war zunächst auf etwa 1200 Kilometer Höhe geplant; nun soll ein Teil der Satelliten auch in 550 Kilometer Höhe fliegen.

Wenn jetzt Amazon mit Jeff Bezos auch ein Satellitennetz aufbauen will, würde er einmal mehr den Projekten von Musk folgen. Bezos hat mit Blue Origin wie Musk auch eine Weltraumfirma und baut ebenso Raketen. Noch gibt es keinen Zeitplan, wann die gut 3000 Amazon-Satelliten fliegen sollen, wer sie produziert und wer sich an dem Amazon-Projekt beteiligt. Amazon plant, seine Satelliten nach Flughöhe zu staffeln. Knapp 800 Satelliten sollen in nur 590 Kilometer Höhe fliegen.

Zur Gruppe der Unternehmen, die sich mit der Internetversorgung aus dem All beschäftigen, gehören auch Google und Facebook. Dabei geht es aus Sicht der Konzerne keineswegs nur um Entwicklungsländer, sondern auch um ländliche Regionen in den USA, Australiens oder Nordeuropas, in denen bislang nur langsame Internetverbindungen verfügbar sind.

Facebook und Googles Mutterkonzern Alphabet experimentierten bereits seit Jahren mit alternativen Zugangswegen zum globalen Netz. So entwickelte Facebook eine Mega-Drohne namens Aquila, die dank Solarantrieb für längere Zeit in großen Höhen fliegen sollte. Ein Netzwerk dieser Drohnen sollte ganze Regionen mit Internet versorgen. Doch Facebook stellte nach Rückschlägen das eigene Drohnenprojekt ein und verkündete 2018, künftig auf Kooperationen mit Partnern wie Airbus zu setzen.

Die Drohnen-Idee ist Teil eines Projekts namens Internet.org, das kostenlosen Netzzugang in Schwellen- und Entwicklungsländern in Kooperation mit lokalen Mobilfunkbetreibern ermöglichen will. Doch der Konzern stieß auch auf regulatorischen Widerstand. Facebook plante, in Entwicklungsländern nur eine Art Spar-Internet anzubieten. Neben Basisdiensten wie Wikipedia sollten vor allem Facebooks eigene Angebote nutzbar sein.

Die Google-Muttergesellschaft Alphabet experimentiert seit Jahren an „Loon“. Dabei sollen Heliumballons zur Internetverbindung in der Stratosphäre fliegen. Das Projekt gilt inzwischen als technisch ausgereift, jedoch setzt Alphabet es bislang nicht dauerhaft ein. Erste Einsätze zur Katastrophenhilfe gab es etwa in Puerto Rico 2017 nach dem Hurrican „Maria“. Ab 2019 will Alphabet in Kenia zusammen mit lokalen Providern Loon-Ballons als Datenfunkbrücken zur Anbindung entlegener Regionen des Landes einsetzen.

Wie komplex und verwoben die Branche ist, zeigt sich daran, dass Alphabet/Google zu den Investoren von SpaceX mit dem Starlink-Netz gehören. Am Ende dürften nur die finanzkräftigsten Konzerne den sich abzeichnenden Konkurrenzkampf überstehen.

Sechs Forderungen der Zeitschriftenverleger an die Politik

Rund 20,6 Milliarden Euro setzt die Magazinbranche um, davon 2019 wohl erstmals mehr als die Hälfte mit Paid Content, digitalen und sonstigen Geschäften wie E-Commerce, Veranstaltungs- und Bildungsangeboten. Insbesondere die Fachpresse erweist sich als robust. Mit ihren mehr als 5500 Titeln erzielt sie Paid-Content-Umsätze jenseits der Milliarden-Euro-Grenze. Die Transformation fruchte, nun sei die Politik an der Reihe, sagt der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger und erhebt sechs Forderungen für faire Bedingungen am Markt. Die Forderungen:

1. Den urheberrechtlichen Schutz der Presseverleger stärken!

Der VDZ begrüßt das neue europäische Verlegerrecht. Ebenso, dass die Beteiligung von Verlagen an den Ausschüttungen der VG Wort wieder ermöglicht werde. Die Bundesregierung hat dem Gesamtpaket bereits zugestimmt. An ihre Adresse richten die Zeitschriftenverleger den Appell: „Sie sollte nun auch die letzte formale Billigung im Rat gutheißen. Danach ist eine zügige Umsetzung im deutschen Recht erforderlich“.

2. E-Privacy-Verordnung ausbalancieren!

Die E-Privacy-Verordnung in ihrem aktuellen Entwurf gefährdet nach Berechnungen des VDZ „mindestens dreißig Prozent der Werbeeinnahmen journalistischer Internet-Angebote der Presseverlage“. Zudem werde die Verordnung „nach wie vor allein den Log-In-Plattformen weitere Wettbewerbsvorteile verschaffen und unabhängige Verlagsangebote weiter benachteiligen“. Die Bundesregierung müsse sich daher dafür einsetzen, „dass die EU-Datenschutz-Grundverordnung das Regelungsniveau bestimm“, fordert der VDZ, denn die ohnehin restriktive Regelung sei in der Lage, den Datenschutz (etwa im Bereich von Cookies) „angemessen zu behandeln“. Ganz grundlegend müsse die Bundesregierung dafür Sorge tragen, „dass bei der Anpassung und Anwendung des EU-Datenschutzrechts Refinanzierungsmöglichkeiten journalistisch-redaktioneller Medien nicht beeinträchtigt werden“.

3. Mehrwertsteuer für digitale Presse ohne Abstriche einführen!

Nach jahrelangen Diskussionen haben sich die EU-Finanzminister 2018 auf die reduzierte Mehrwertsteuer für digitalen Zeitschriften, Zeitungen und Bücher geeinigt. Der VDZ fordert den Bundesfinanzminister nun auf, „einen Vorschlag vorzulegen, der die europarechtliche Vorgabe ohne Abstriche ins deutsche Recht umsetzt“. Dieser Vorschlag dürfe nicht hinter den Möglichkeiten der EU-Vorlage zurückbleiben: „Die Umsetzung muss die Realität der digitalen Presse erfassen“.

4. Direktvertrieb von Presseabonnements nicht weiter beschneiden!

„Abonnenten sind die wichtigste Lesergruppe der freien Presse und zugleich strategischer Finanzierungsfaktor“, schreibt der VDZ. Jährlich müssten Millionen Leser gewonnen werden, um die Zahl der Abos konstant zu halten. Die Möglichkeit, Abonnements mit zweijähriger Laufzeit abzuschließen sei „eine wesentliche Voraussetzung für den Vertrieb und die Finanzierung ungezählter Publikationen“. Die Laufzeit auf ein Jahr zu halbieren würde „die ohnehin ungünstigen Rahmenbedingungen für die freie, staatsunabhängige Finanzierung unabhängiger Redaktionen weiter verschlechtern“. Ebenso lehne der VDZ weitere Beschränkungen des Telefonmarketings oder von Haustürgeschäften ab.

5. Diskriminierungsfreien Zugang legaler Presseangebote zu relevanten marktdominanten Digital-Plattformen sicherstellen!

Digitale Plattformen würden zu Pressevertriebsmärkten, die laut VDZ „bisher willkürlich ausgewählte Publikationen oder Inhalte bevorzugen oder benachteiligen können“. Daher müsse „der diskriminierungsfreie Zugang legaler Presse-Angebote zu relevanten marktdominanten Digital-Plattformen sichergestellt werden“. Inakzeptabel wäre eine deutsche Medienregulierung, die „allein Rundfunk oder audiovisuellen Medien Zugangsrechte zu Plattformen im offenen Internet verschaffen würde“.

6. Inhaltlich rechtmäßige, legale Veröffentlichungen dürfen nicht diskriminiert werden!

„Gegen Fake News helfen nur mehr Unfaked News durch freie, private und vielfältige Medien“, stellt der VDZ fest und fürchtet „jede politische Intervention, die legale, inhaltlich rechtmäßige Veröffentlichungen nach bestimmten Kriterien als Fake News oder Desinformation bekämpfen wollte“. Dies sei eine Gefahr für die Presse- und Meinungsfreiheit. Wenn rechtmäßige Veröffentlichungen weitergehend inhaltlich bewertet und als Fake-News oder Desinformation behindert oder gesperrt würden, so der VDZ, „läuft das auf ein Ende der Meinungs- und Pressefreiheit heraus, wie wir sie kennen“.

EFE ruft Google zur Unterstützung

Die Nachrichtenagentur EFE steckt in der Krise. Sie will digitaler werden. Dafür holt sie sich Hilfe bei dem US-amerikanischen Internetkonzern.

Fernando Garea, Direktor der spanischen Nachrichtenagentur EFE, kennt nur ein Thema: „die digitale Transformation“. „Wir wollen das Angebot an Inhalten und Produkten für unsere Kunden modernisieren“, erklärt der 56-jährige Journalist, der bei Spaniens größten Tageszeitung El País und der konservativen Onlinezeitung elconfidencial.com gearbeitet hat. ­

Allein zwischen 2012 und 2018 ging der Umsatz um 7,4 Millionen Euro zurück. Bis 2023 werden es weitere 4,5 Millionen Euro sein, sollte der Plan Gareas nicht funktionieren.

Die Agentur gehört zu 100 Prozent der Staatsholding SEPI, rund die Hälfte der Betriebskosten schießt der Staatshaushalt zu. Dennoch verschuldet sich die Agentur ständig. In den Jahren der Wirtschaftskrise ging die Zahl der Kunden zurück und die, die blieben, drückten die Preise. „Unsere Kunden setzten immer mehr auf online und weniger auf print, daran müssen wir uns anpassen“, sagt Garea. Er will neue Märkte erschließen, im Blick hat er eine „neue Art von Abnehmern wie Unternehmen und Institutionen“.

Zauberwort: Multimedia

Künftig sollen Multimedia-Pakete bestehend aus Video, Fotos, Text, Infografiken und Pod­casts im Mittelpunkt stehen. Das soll zum Herzstück jeder Abteilung werden. Der Kronjuwel wird „EFE 360“: ein Dienst, der Kultur, Freizeit, Unterhaltung, Videospiele, Wissenschaft, Technologie, Gesundheit, Umwelt und Feminismus umfasst. Nur Inland, Ausland, Wirtschaft und Sport bleiben eigenständig. „Aber auch hier werden wir den Sprung von traditionellen Produkten, bestehend aus Text und Foto, hin zu einer anderen Art von Journalismus vollziehen“, sagt Garea. Korrespondenten im Ausland sollen mit ihrem Smartphone die ganze Multimediapalette zugleich bedienen.

Auch wenn die Situation nicht optimal sei, müsse der Umbau angegangen werden, antwortet Garea. Er verspricht einen Plan für digitale Weiterbildung. Google soll dies übernehmen, so sieht es ein weitläufiges Abkommen vor. Außerdem wird der Internetgigant das kostbare Fotoarchiv der EFE – das beste in Spanien und der spanischsprachigen Welt – digitalisieren. Inwiefern Google das Ergebnis für eigene Zwecke nutzen kann, darüber schweigt sich die EFE­Direktion aus.

Ein Weg, den andere Agenturen bereits eingeschlagen haben: Die kanadische Nachrichtenagentur Reuters baut in ihrem deutschen Dienst in Berlin Stellen ab und will sich künftig verstärkt auf Wirtschaft statt auf Politik konzentrieren. Außerdem will Reuters auf neue, schnell wachsende Märkte vordringen – unter anderem nach Asien. Dort könnten die Kanadier dann Garea ins Gehege kommen. Denn der sieht für EFE mit ihrem englischsprachigen Dienst dort ebenfalls einen Markt.

Die Tage DuMonts als Zeitungshaus sind gezählt

Verlags-Vorstandschef Christoph Bauer spricht jetzt ganz offen davon, alle Pressetitel zu verkaufen.

Immer unverhohlener geht das traditionsreiche Verlagshaus DuMont mit dem brisanten Plan um, sich seiner Zeitungen zu entledigen und nur noch auf anderen Geschäftsfeldern aktiv zu sein. Am Freitag meldete das Unternehmen zwar, dass es im Geschäftsjahr 2018 seinen Umsatz auf 621 Millionen Euro um mehr als drei Prozent gesteigert habe. Wie lange allerdings Blätter wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“, „Berliner Kurier“, die „Mitteldeutsche Zeitung“, „Hamburger Morgenpost“ oder der „Express“ noch zum Konglomerat gehören werden, wird immer unsicherer.

Nun hat erstmals der Vorstandschef der Gruppe, Christoph Bauer, die konkrete Prüfung eines Verkaufs der Regionalblätter bestätigt, nachdem vor rund fünf Wochen erstmals über eine strategische Neuausrichtung berichtet worden war. Gemeinsam mit den Gesellschaftern werde zurzeit erwogen, „ob wir Teile oder womöglich auch das gesamte Geschäft veräußern wollen“, sagte der Manager im Gespräch mit dem „Handelsblatt“. Bauer gab zu, dass die Belegschaft des Verlags anfangs über die Nachricht schockiert gewesen sei – was er verstehe. „Wir waren darauf nicht gut vorbereitet und haben entsprechend schlecht kommuniziert. Das tut mir leid, und dafür habe ich mich intern auch entschuldigt“, sagte er. Die Mitarbeiter hatten von den Verkaufsabsichten Ende Februar aus den Medien erfahren.

Derweil forciert Bauer das Verkaufsthema. Er führte aus, dass es keine Denkverbote gebe. „Alles ist möglich.“ Mit dem bisherigen Prüfprozess zeigte er sich zufrieden. „Preise findet man nur heraus, wenn man auf potentielle Käufer zugeht. Dazu haben wir uns Ende vorigen Jahres entschieden“, sagte er. Auch ein Verkauf an ausländische Firmen oder Finanzinvestoren sei nicht ausgeschlossen. Bis Mitte Juli soll die Bestandsaufnahme abgeschlossen sein.

Nach dem Tod des über allem stehenden Verlegers Alfred Neven DuMont im Jahr 2015 könnte es damit zum härtesten Einschnitt überhaupt kommen. Kein größerer Verlag in Deutschland mit Zeitungen in seinem Angebot hat es bisher gewagt, sich ausgerechnet von seinem Kerngeschäft zu trennen. Der Deutsche Journalisten-Verband sprach zuletzt von einem „verlegerischen Offenbarungseid“ und „eklatanten Managementversagen“. Die Mediengruppe solle ihre Zeitungstitel stärken statt öffentlich weiter Verkaufspläne erörtern.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich DuMont vor dem Hintergrund der Digitalisierung im Medienmarkt neu aufgestellt. Der Erfolg dieses Prozesses spiegele sich in der „positiven operativen Geschäftsentwicklung bei gleichzeitig solider Finanzierungssituation“ wider, hieß es am Freitag seitens des Unternehmens. So habe man ein kontinuierliches Umsatzwachstum von 541,4 Millionen Euro (2013) auf nunmehr 621 Millionen Euro (2018) zu verzeichnen. Der Digital-Umsatzanteil aller Geschäftsfelder habe im Jahr 2018 bei 33 Prozent gelegen. Die Diversifikationsstrategie und die Aufstellung als digitales Medienunternehmen mit drei Geschäftsfeldern gingen auf, sagte Bauer. In den Geschäftsfeldern Business Information („Bundesanzeiger“) und Marketing Technology (wie Software für Social-Media-Marketing), auf die sich DuMont zukünftig ohne seine Zeitungstitel wohl alleinig konzentrieren würde, verzeichnete man „hohe Wachstumsraten“.

In der Vergangenheit wurde das Haus schwer durchgeschüttelt. Nicht zuletzt auch aufgrund von Managementfehlern des alten Patriarchen Alfred Neven DuMont, der 88 Jahre alt wurde. Investments wie in die „Frankfurter Rundschau“ (2006) gingen schief oder überforderten das Kölner Haupthaus wie im Fall des Erwerbs des Berliner Verlages mit „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ (2009) sowie die „Hamburger Morgenpost“ – gerade in Zeiten der Printkrise und des digitalen Wandels.

Ehre für die „Deep Learning Mafia“

Die wichtigste Auszeichnung für Leistungen im Bereich der Computerwissenschaft, der Alan M. Turing Award, wurde vergangene Woche gleichzeitig an drei Forscher verliehen. Dieser Preis, dessen Prestige oft mit dem Nobelpreis verglichen wird und der mit einer Million Dollar dotiert ist, geht für das Jahr 2018 an Yoshua Bengio, Geoffrey Hinton und Yann LeCun. Die Jury der amerikanischen Association for Computing Machinery (ACM) ehrt drei Forscher, die ihre Karriere außerhalb der USA begonnen haben. Geehrt wird damit auch eine Forschungstradition – Deep Learning –, die von führenden KI-Forschern an den berühmten amerikanischen Universitäten während Jahrzehnten verachtet worden war.
Frühe Erfolge

Seit ein paar Jahren prägt das Deep Learning die Berichterstattung über Informatik. In diesem Teilbereich (Deep Learning, DL) eines Teilbereichs (Machine Learning) von KI scheinen sich die Innovationen zu überstürzen; es passiert hier so viel, dass Deep Learning und KI inzwischen als Synonyme verwendet werden. Das war nicht immer so. KI entstand als Gegenprogramm zum DL.

Deep Learning versucht künstliche Intelligenz mithilfe von künstlichen neuronalen Netzwerken zu realisieren. Die Intelligenz wird dem Computer nicht durch den Programmierer vermittelt, sondern entsteht im Rahmen eines Trainingsprozesses, der die Verbindungen zwischen den Netzwerkknoten, den „Neuronen“, verändert. Man nennt diese Herangehensweise konnektionistisch. Bei der klassischen KI dagegen geht es darum, Algorithmen zu schaffen, die Symbole, die einen Ausschnitt der Welt repräsentieren, manipulieren. Dieses Paradigma wird symbolistisch genannt. Der konnektionistische Ansatz ist in den 1940er Jahren im Umfeld der Kybernetik entstanden. Grundlegende Arbeiten wurden von Warren McCulloch, Walter Pitts, Donald Hebb und Norbert Wiener verfasst. Auch John von Neumann oder Alan Turing beschäftigen sich in den 1940er und frühen 1950er Jahren mit diesen Ideen.

Es gibt alte Fotos aus den 1950er Jahren, auf denen ein „Mark 1 Perceptron“ genannter Computer zu sehen ist zusammen mit seinem Erfinder Frank Rosenblatt (Cornell University). Dieser Computer, der sich als kleiderkastengroßes Gewirr von Drähten präsentiert, war einer der ersten Versuche, ein künstliches neuronales Netzwerk im großen Stil elektrotechnisch zu realisieren. Das Training veränderte die Verbindungen zwischen Neuronen, indem Drehregler eingestellt wurden. Das Perceptron zeigte erstaunliche Eigenschaften. Unter anderem ließ es sich dazu bringen, Buchstaben zu erkennen. Dieser lernfähige Computer hat anlässlich einer Pressekonferenz 1958 die amerikanischen Journalisten beeindruckt. Der Vertreter der „New York Times“ glaubte ein „Embryo“ zu sehen, dem er „Weisheit“ und eine glänzende Zukunft voraussagte. Der Journalist der „Oklahoma Times“ hingegen entdeckte darin „Frankenstein’s monster“.

Tragischer Todesfall

Rosenblatt ist 1971 41-jährig im Atlantik ertrunken. War es ein Bootsunfall? War es Selbstmord? Der junge Wissenschafter, der noch Ende der 1950er Jahre zur Avantgarde der KI-Forschung gehörte, muss sich damals als Außenseiter gefühlt haben. Der konnektionistische Ansatz war in Verruf geraten, nachdem Marvin Minsky (Massachusetts Institute of Technology, MIT) mit großem Eifer in mehreren Publikationen die Nichtsnutzigkeit dieser Forschungsbemühungen dargelegt hatte. Der Todesstoß war 1969 die Publikation des Buches „Perceptrons“, in dem Minsky zusammen mit Seymour Papert glaubte mathematisch beweisen zu können, dass neuronale Netzwerke nicht fähig seien, größere Probleme zu lösen. Etwas kleinlaut hat Minsky dann in der letzten, 1988 erschienen Auflage von „Perceptrons“ vorgeschlagen, man könne ja doch versuchen, die beiden Ansätze zu kombinieren.

Zu diesem Zeitpunkt war aber die konnektionistische „Gegenrevolution“ („New York Times“) bereits in vollem Gang. Sie war ausgelöst worden durch Forschungen von Psychologen an der Carnegie Mellon University. Sie konnten zeigen, dass große, vielschichtige neuronale Netzwerke, die über Mechanismen der Fehlerrückführung verfügen, durchaus in der Lage sind, schwierige Aufgaben der Mustererkennung zu lösen. Allein schon dank seiner Mitarbeit an diesen Forschungen, die in dem zweibändigen, kommerziell erfolgreichen Buch „Parallel Distributed Processing: Explorations in the Microstructure of Cognition“ (1987) dokumentiert sind, hätte Geoffrey Hinton einen Platz auf dem Olymp der Computerwissenschaft verdient.

Er ist seither immer wieder mit bedeutenden Publikationen aufgefallen. Erwähnenswert ist etwa eine Innovation im Bereich der Bilderkennung, die mithilfe von sogenannten Deep Convolutional Neural Networks die Erkennungsrate stark erhöht. Der entsprechende Aufsatz aus dem Jahr 2012 gehört mit über 40 000 Erwähnungen im Bereich der KI-Forschung zu den meistgelesenen. Hinton, dessen akademische Karriere an der Cambridge University begann, lehrt heute an der University of Toronto. Zudem leitet er die KI-Forschung bei Google.

Unter seinen Doktoranden ist Yann LeCun der berühmteste. Der Computerwissenschafter aus Paris lehrt heute an der New York University und leitet die KI-Forschung bei Facebook. Er gehört einer Generation an, die das Schattendasein des Konnektionismus nicht mehr erlebt hat. Zu dieser Generation gehört auch Yoshua Bengio, der – in Paris geboren und in Kanada ausgebildet – heute an der Université de Montréal lehrt. Es gibt vieles, das Hinton, LeCun und Bengio verbindet, das gemeinsame Forschungsthema, die europäische Herkunft, der Bezug zu Kanada, die Arbeit in privaten Forschungslabors, die Sorge um die gesellschaftlichen Auswirkungen der KI. Die drei befreundeten Forscher, die in den Medien stark präsent sind, wurden auch schon als „Deep Learning Mafia“ bezeichnet.

Altersmilde Revolutionäre

Der Turing Award wurde erstmals 1966 verliehen. 70 Wissenschafter konnten diesen Preis bis heute entgegennehmen, darunter drei Frauen (Barbara Liskov, Shafi Goldwasser, Frances Allen) und ein Schweizer (Niklaus Wirth). Die symbolistische KI wurde bereits in den ersten zehn Jahren mit Preisen für Minsky, John McCarthy, Allen Newell und Herbert Simon geehrt, bis die Jury die konnektionistische Gegenrevolution zur Kenntnis nahm, dauerte es fast 30 Jahre.

Biograf von Michael Jackson findet Fehler in Missbrauchsdoku

Die HBO-Dokumentation „Leaving Neverland“ über die mutmaßlichen Missbrauchsfälle auf dem kalifornischen Anwesen des verstorbenen US-Popstars Michael Jackson sorgt weiter für Wirbel.

Der britische Journalist und Michael-Jackson-Biograf Mike Smallcombe kritisiert nun zwei Fehler, die Teile der Vorwürfe gegen den Musiker in Zweifel ziehen könnten. Der 36-jährige Wade Robson und der 41-jährige James Safechuck hatten Jackson in der Dokumentation jahrelangen sexuellen Missbrauch vorgeworfen.

Smallcombe glaubt, er habe Aussagen des mutmaßlichen Jackson-Opfers James Safechuck als „Lügen“ enttarnt.

Demnach beweise ein Dokument, dass Safechucks Aussage, Jackson habe ihn bis zu seinem 14. Lebensjahr, also bis ins Jahr 1992, missbraucht, nicht der Wahrheit entsprechen könne. Safechuck nämlich nannte die „Neverland Train Station“, einen Bahnhof auf Jacksons Gelände, als Tatort. Journalist Smallcombe aber gibt an, ihm liege die Baugenehmigung des Gebäudes – ausgestellt vom Landkreis Santa Barbara – vor. Einen Ausschnitt des Papiers teilte er bei Twitter. Darauf ist eindeutig das Datum der Ausstellung zu erkennen: 2. September 1993 – ein Jahr nach der mutmaßlichen Tat. Das Gebäude gab es zum fraglichen Zeitpunkt also noch gar nicht. Erst 1994 sei es eröffnet worden, so der Biograf.

Auch Wade Robson bezichtigt der Biograf einer Falschaussage. Dieser hatte in der Dokumentation berichtet, seine Familie habe ihn während eines mehrtägigen Ausflugs zum Grand Canyon im Jahr 1990 allein auf der Neverland Ranch gelassen. Zwei mutmaßliche Vernehmungsprotokolle sprechen jedoch dafür, dass Robsons Mutter dieser Darstellung widerspricht. Sie hatte demnach in den Jahren 1993 und 2016 ausgesagt, die „gesamte Familie“, inklusive Wade Robinson, seien zum Grand Canyon gereist.

Dan Reed, Regisseur der Dokumentation, äußerte sich ebenfalls bei Twitter zu den Anschuldigungen gegen seine Protagonisten. James Safechuck sei „vor und nach“ dem Bau des Bahnhofs auf der Neverland Ranch gewesen. In seinem Film seien auch zwei Fotos der Zugstation zu sehen, die der damals Jugendliche aufgenommen habe. Einen Fehler bei dem Datum des Übergriffs in dem Bahnhof räumte er ein.

Safechuck sei aber auch an anderen Orten des Anwesens missbraucht worden. In einem anderen Tweet schrieb Reed: „Wie wäre es, wenn wir mal addieren, wie oft MJ insgesamt mit den Söhnen anderer Leute geschlafen hat: Waren es Hunderte Nächte oder Tausende?“

Seit der US-Ausstrahlung des Films Anfang März bei HBO hat Jacksons Ansehen weltweit massiv gelitten. Seine Fans erinnern daran, dass er zu Lebzeiten von Vorwürfen des Kindesmissbrauchs freigesprochen wurde. Die Nachlassverwalter des Sängers verklagten HBO auf 100 Millionen Dollar Schadenersatz.

Unterdessen ist das Leben derer, die im Film zu Wort kommen, auf den Kopf gestellt. Radiosender in verschiedenen Ländern spielen keine Songs von Jackson mehr. Die Bonner Bundeskunsthalle, die seit zwei Wochen eine Ausstellung zu Jacksons Einfluss auf die bildende Kunst zeigt, geriet unter Druck.

Die Öffentlichkeit scheint hin- und hergerissen: zwischen Unschuldsvermutung und dem Anspruch, Opfern von Straftaten zu glauben; zwischen einer Sehnsucht nach außergewöhnlichen Figuren und einem kritischen Blick auf einen überzogenen Starkult; zwischen dem Ruf nach Gerechtigkeit und dem unumgänglichen Faktum, dass der Beschuldigte tot ist. Ein juristisch eindeutiges Urteil dürfte kaum zu erwarten sein.

EU-Parlament beschließt Speicherpflicht für Fingerabdrücke im Personalausweis

Mit 335 zu 269 Stimmen hat das EU-Parlament am Donnerstag eine Verordnung „zur Erhöhung der Sicherheit der Personalausweise von Unionsbürgern“ verabschiedet. Damit wird vorgeschrieben, zwei digitale Fingerabdrücke in neu ausgestellte Ausweispapiere aufzunehmen. Auf die biometrischen Daten sollen unter anderem Polizei, Zoll, Steuerfahndung und Meldebehörden zugreifen können. Hierzulande müssen Antragsteller für den E-Ausweis bislang nur ein Gesichtsbild liefern, das als biometrisches Merkmal auf dem RFID-Chip des Dokuments gespeichert wird. Der Einbau zweier Fingerabdrücke ist – im Gegensatz zum Pass – noch freiwillig.

Alle Ausweise werden in der EU künftig im Kreditkartenformat ausgestellt und die europäische Flagge zeigen. Dazu kommt eine maschinenlesbare Zone. Die Mindeststandards für Sicherheit der Internationalen Zivilen Luftfahrtorganisation (ICAO) sind einzuhalten. Ältere Hoheitsdokumente, die den Vorgaben nicht entsprechen, sollen spätestens nach zehn Jahren ungültig werden. Für Senioren über 70 Jahren gelten längere Übergangsfristen. Ausweise für Kinder, die ebenfalls mit Fingerabdrücken versehen werden, sollen weniger als fünf Jahre gelten. Die neuen Vorgaben treten nach zwei Jahren direkt in allen Mitgliedsstaaten in Kraft, wenn auch der Ministerrat formal zugestimmt hat.

Streamingdienste bescheren Musikmarkt stärkstes Wachstum seit Jahrzehnten

Abos für Streamingdienste haben dem weltweiten Musikmarkt das stärkste Wachstum seit Jahrzehnten beschert. Der globale Umsatz der Musikindustrie stieg im vergangenen Jahr um 9,7 Prozent auf 19,1 Milliarden Dollar, wie der Branchenverband IFPI mitteilte. Es war der größte Zuwachs seit Beginn der IFPI-Datenerhebung 1997 – und das vierte Wachstumsjahr in Folge.

Zuvor hatte die Branche durch die Ausbreitung von Musikpiraterie und den Rückgang der CD-Verkäufe deutliche Umsatzrückgänge verzeichnet. Die Streaming-Abos brachten aber die Wende. Das Musikmarkt bringt jetzt allerdings immer noch weniger Geld ein als früher: Im Jahr 2001 lag der Branchenumsatz noch bei 23,9 Milliarden Dollar.Die Abos für Streaming-Dienste waren mit einem Umsatzanteil von 37 Prozent der wichtigste Geldbringer im vergangenen Jahr. Tonträger wie CD und Vinylschallplatten brachten noch ein Viertel der Erlöse ein. Aus kostenlosen Streaming-Angeboten, die mit Werbung unterstützt werden, kamen immerhin zehn Prozent der Gesamteinnahmen.

Für Deutschland wies der IFPI-Jahresbericht einen Umsatzeinbruch von 9,9 Prozent aus, während der deutsche Branchenverband BVMI nur auf ein Minus von 0,4 Prozent kam. Der Unterschied liege an der unterschiedlichen Berechnungsmethode, erklärte der BVMI. So berücksichtige der deutsche Verband nicht die Einnahmen aus Leistungsschutzrechten, die im vergangenen Jahr um 27,8 Prozent gesunken seien. Darüber hinaus basierten die Zahlen des BVMI auf Endverbraucherpreisen und die IFPI-Daten hingegen auf dem sogenannten Handelsabgabepreis.

In Deutschland waren die CD-Verkäufe in den vergangenen Jahren zwar kontinuierlich gesunken – aber nicht so steil wie zum Beispiel in den USA. Jetzt beschleunigte sich das Wandel aber. So war der CD-Absatz nach Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) im vergangenen um 23 Prozent auf 48,2 Millionen Silberscheiben abgesackt.

Youtube soll Hinweise von Mitarbeitern ignoriert haben

Youtube hat jahrelang die Bitten von Mitarbeitern ignoriert, Videos mit extremistischen Inhalten oder Verschwörungstheorien zu entfernen.

Youtube hat offenbar jahrelang die Bitten seiner Mitarbeiter ignoriert, Videos mit extremistischen Inhalten oder Verschwörungstheorien von der Plattform zu entfernen, schreibt bloomberg.com. Das Unternehmen habe ein größeres Interesse daran gehabt, die Klickzahlen der Videos zu steigern, als die Verbreitung von Videos mit verstörenden Inhalten einzudämmen, berichten 20 ehemalige und derzeitige Youtube-Mitarbeiter. Das interne Ziel sei es gewesen, täglich eine Milliarde Stunden Sehdauer zu erreichen.

Youtube-Chefin Susan Wojcicki, seit Februar 2014 CEO des Unternehmens, habe sich nicht für die Fehlinformationen und gefährlichen Inhalte interessiert. Ihre Aufgabe war ihrer Ansicht nach nur, „das Unternehmen zu leiten“. Mitarbeiter, die nicht den Moderationsteams angehört haben, wurden geraten, Youtube nicht nach Videos mit verstörenden Inhalten zu durchsuchen. Rechtsanwälte hätten erklärt, das Unternehmen müsse in höherem Umfang haften, wenn bekannt wird, dass die Mitarbeiter diese Videos kennen.

Geht Wachstum über Sicherheit? Laut Bloomberg-Bericht soll sich diese, Stichwort Priorisierung, ausschließlich an Klickzahlen orientierte Unternehmensphilosophie erst in den vergangenen Jahren mit der aufkommenden Fake-News-Debatte auch rund um die Trump-US-Wahl 2016 geändert haben. Das Portal zitiert Youtube-Chief-Product-Officer Neal Mohan, der der „New York Times“ sagte, dass Youtube große Fortschritte im Aufstöbern und Entfernen von gefährlichen und extremistischen Inhalten gemacht hätte.

Eine Youtube-Sprecherin wies darauf hin, dass das Unternehmen sich seiner Verantwortung bewusst sei und in den vergangenen beiden Jahren verstärkt Lösungen für dieses Problem mit den gefährlichen Inhalten (Desinformation, politischer Extremismus, jugendgefährdende Inhalte) gesucht habe, zum Einen mittels technischer Innovation, zum Anderen durch eine steigenden Anzahl von Mitarbeitern.

Andererseits werden die Absender solcher inkriminierender Inhalte immer subtiler. Dazu passt der aktuelle Lagebericht „Islamismus im Netz 2018“. Demnach nutzen islamistische Gruppierungen in Deutschland verstärkt „Lifestyle“-Themen und Twitter-Kampagnen wie „#NichtOhneMeinKopftuch“, um Kinder und Jugendliche für ihr extremistisches Weltbild zu gewinnen. Hinrichtungsvideos und andere drastische Gewaltdarstellungen waren auf ihren Kanälen dagegen zuletzt etwas seltener zu sehen.

Jugendschutz.net habe im vergangenen Jahr im Bereich der islamistischen Netz-Propaganda nach eigenen Angaben 872 Verstöße registriert. Von Youtube seien 99 Prozent der gemeldeten Verstöße gelöscht worden, teilte das Zentrum mit.

Wie die Financial Times die magische Marke von 1 Mio. Digitalabos geknackt hat

Neben der New York Times und dem Wall Street Journal in guter Gesellschaft: Die Financial Times zählt nun zum erlauchten Club der einstigen Printmedien mit über einer Million Digital-Abonnenten. Dabei setzt die altehrwürdige Wirtschaftszeitung auf einen Mix aus Qualitätsjournalismus und datengetriebener Weiterentwicklung redaktioneller Produkte.

“Mit der Entwicklung eines Abonnementmodells und Investition in die digitale Transformation haben wir bewiesen, dass Qualitätsjournalismus ein Qualitäts- und Wachstumsgeschäft sein kann”, erklärte CEO John Ridding in einem Schreiben an die Mitarbeiter. “Wir haben auch den dauerhaften Wert einer unabhängigen, autoritativen und zuverlässigen Berichterstattung und Analyse in einer Zeit von Fake-News, Sensationslust und Polarisierung in den Medien demonstriert.” Ferner hätte man diesen Rekord mit Hilfe einer Strategie erreicht, die von den Eigentümern Nikkei geteilt und unterstützt würde. Die japanische Mediengruppe zählt inzwischen selbst mehr als 650.000 digitale Abonnenten.

Drei Viertel der Gesamtauflage sind Digitalabos

Gleichwohl ist die Erfolgsmeldung nicht Produkt eines Hypes, sondern vielmehr das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit. So führte die Financial Times bereits 2002 eine Paywall ein. 2007 folgte ein “Metered”-Zugangsmodell, bevor man 2015 zu bezahlten Studien als primäres Vergütungsmodell überging. Mittlerweile machen digitale Abonnements mehr als drei Viertel der FT-Gesamtauflage aus. 70 Prozent der Leser stammen dabei aus dem Ausland, greifen also außerhalb Großbritanniens auf die Inhalte zu. Dennoch: Für die erste Million Digital-Abos benötigte die FT stolze 17 Jahre.

“So sehen langfristige Planung und langfristige Investitionen aus”, erklärt Douglas McCabe, CEO von Enders Analysis, gegenüber Digiday. “Von allen Unternehmen, mit denen wir bislang gesprochen haben, ist die FT dem, wie ich es nennen würde, “First Principles”-Ansatz am nächsten. Sie beschäftigen nicht Hunderte von Menschen auf dem Abonnement-Funnel, haben dafür aber einen klar definierten strategischen Rahmen und klare Entscheidungskriterien für das Verständnis von Trade-offs.”

Dabei legt der Verlag viel Wert auf die passende User-Experience. Ein eigens zu diesem Zweck gegründetes Engagement-Team wertet ständig alle verfügbaren Daten der Abonnenten aus: Wie sind sie auf die Plattform gekommen? Wie lange bleiben sie? Was lesen sie? Eine Messgröße, genannt “Quality Reads” weist die Anzahl der Pageviews aus, die mindestens die Hälfte eines Artikels gelesen haben – basierend auf der “time on page”, Scrolltiefe und darauf, wie Abonnenten sich bei vergleichbarem Content verhalten. Die Auswertungen werden regelmäßig mit den Ressorts geteilt.

Data first

Die FT bietet unterschiedlichen Zielgruppen angepasste Angebote: Auf MyFT kann sich jeder Abonnent einen FT-Newsfeed basierend auf den eigenen Vorlieben zusammenstellen. Gleichwohl produziert die Redaktion Multimedia-Reportagen und interaktive Spiele, um jüngere Zielgruppe anzusprechen. Ein weiteres Programm zielt darauf ab, Lehrer und vor allem Schüler zu dauerhaften FT-Lesern zu machen. “All das passiert data-driven”, erklärt Nic Newman, Herausgeber des Reuters Institute Digital News Report.

Gleichwohl ist auch Printzeitung auf lachsfarbenem Papier weiterhin profitabel. Die Umsätze im vergangenen Jahr beliefen sich auf 502 Millionen Dollar, der Gewinn liegt bei 33 Millionen Dollar. Seit der Übernahme des FT durch Nikkei im Jahr 2015 sind Umsatz und Gewinn sukzessive weiter gestiegen.

Traditionsbewusstsein im Zeitalter digitaler Transformation

Dem Qualitätsjournalismus taten Verkauf und Ausbau der Digitalaktivitäten scheinbar keinen Abbruch: Unter Chefredakteur Lionel Barber gewann die FT allein 2018 fast 50 Preise, für Reportagen aber auch Innovationen im Newsroom. Darunter die Preise “Newspaper of the Year” und “News Team of the Year” bei den British Press Awards. Bei den British Journalism Awards wurde die FT als “News Provider of the Year” ausgezeichnet.

Wie wichtig der 1888 gegründeten Wirtschaftszeitung im Zeitalter digitaler Transformation die Tradition ist, davon zeugt der Umzug in ihr historisches Zuhause. Noch im April verlegt die FT ihren globalen Hauptsitz von der One Southwark Bridge in London in das Bracken House im Herzen der Stadt. Bis in die Achtziger beherbergte das altehrwürdige Gebäude aus rosafarbenem Sandstein – eine Anspielung auf die ungewöhnliche Papierfarbe – die Financial Times.

Wie sich der Pay-TV-Anbieter vom Sportsender zum Entertainment-Hub entwickelt

Thomas Deissenberger, Geschäftsführer von Sky Media, spricht im Interview über den TV-Markt, Mediaagenturen und erklärt, warum der Vermarkter gern direkt mit seinen Werbekunden verhandelt.

Der TV-Markt bricht ein, Sky auch?
Ja, der TV-Markt ist derzeit unter Druck, da braucht man nichts zu beschönigen. Ich glaube, dass wir deutlich weniger darunter leiden als alle anderen. Wir konnten allein im letzten Jahr ein Umsatzwachstum von 25 Prozent verzeichnen, das hatte außer uns keiner. Damit wachsen wir im siebten Jahr in Folge zweistellig. Wir werden auch dieses Jahr deutlich wachsen, vermutlich nicht mehr so wie in den letzten Jahren, aber wir sind immerhin einer der wenigen, die überhaupt noch Wachstum zu verzeichnen haben.

Haben Sie eine Erklärung für die Krise?
Derzeit kann keiner sagen, warum der Markt so unter Druck steht. Die Aussagen liegen irgendwo zwischen Trump und Brexit, China, Europa, Nicht-Europa. Ich habe auch noch nie erlebt, dass sich etwas so abrupt geändert hat. Ende letzten Jahres brach der Markt plötzlich ein. Jeder wartet ab und hält die Gelder zurück. Man darf aber jetzt bloß nicht in Angst verfallen. Deutschland geht es immer noch gut, unserer Wirtschaft geht es immer noch exzellent. Von einer Rezession zu sprechen, wie es jetzt schon einige tun, wäre meiner Ansicht nach viel zu früh.

Rezession oder nicht, wie gehen Sie damit um?
Ich glaube, dass wir trotz der schwierigen Entwicklung am Werbemarkt extrem gut aufgestellt sind. Wie sich das Mediennutzungsverhalten entwickelt, ist für uns eher positiv. Das lineare Fernsehen ist nach wie vor stark, aber Menschen schauen zunehmend anders Bewegtbild. Wir bedienen alle Verbreitungswege, die man braucht, um dem aktuellen Sehverhalten gerecht zu werden. Wir stellen fest, dass die für uns wichtigen großen Themen im Entertainmentbereich – sei es „Game of Thrones“ oder unsere Eigenproduktionen „Babylon Berlin“ oder „Der Pass“– zum Großteil on Demand gesehen werden und nicht mehr nur zur klassischen Primetime um 20.15 Uhr. Der Zuschauer schaut es sich an, wann er Zeit und Lust hat, mal mehrere Folgen hintereinander oder mal nur eine halbe Folge. Das ist aber völlig nebensächlich, wir haben den Content – egal, wann und über welches Device er genutzt wird.

Wie wichtig sind diese Eigenproduktionen neben dem Sport?
Unser Content ist unser wichtigstes Pfund für Wachstum und Werbevermarktung. Wir waren jahrelang ein reiner Sportsender, das sind wir aber schon lange nicht mehr. Wir sind ein „Entertainment-Hub“. Zum einen sind wir aus technischen Gründen eine Plattform, da wir jede Möglichkeit, über die man Bewegtbild heute verbreiten kann, bedienen. Und zum anderen und noch viel mehr sind wir ein Entertainment-Anbieter, weil die Breite unseres Contents massiv zugenommen hat: Über den Einkauf und die Verwertung internationalen Top-Contents, über die eigene Entwicklung und Umsetzung unserer Sky Original Productions bis hin zu Sportübertragungen und unserem Sportnachrichtensender Sky Sport News HD. Sport war immer in unserer Grund-DNA und ist es nach wie vor. Und wir sind hier stärker denn je. Aktuell haben wir die Formel 1 zurückgeholt.

Das kam sehr überraschend. Im letzten Sommer wollten Sie den Konditionen nicht zustimmen. Haben die Konditionen sich so massiv geändert?
Als Plattforminhaber sind wir nach wie vor sehr interessant für Rechteinhaber. Wir können Rechte nicht nur eindimensional auf Free oder Pay ausspielen. Wir haben auf die Wünsche unserer Kunden gehört, die die Art, wie wir die Formel 1 zeigen, im vergangenen Jahr vermisst haben. Schon das erste Rennen aus Melbourne haben 370.000 Zuschauer auf Sky gesehen, damit konnten wir den stärksten Saisonstart aller Zeiten verzeichnen. Dazu haben wir Ralf Schumacher und Nick Heidfeld als Co-Kommentatoren verpflichtet. Neben der Formel 1 zeigen wir ab Sommer auch wieder die Premier League. Wir haben den DFB-Pokal, wir bieten Handball und Tennis. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, wir haben aktuell das stärkste Sportrechte-Portfolio, das Sky je hatte.

Neben den Eigenproduktionen …
Ja, seit einiger Zeit nimmt Entertainment eine immer größere Rolle bei uns ein. Wir haben mit „Babylon Berlin“ einen Kontrapunkt gesetzt. Unser Mut wurde belohnt. Wir haben uns deshalb schnell auf weitere Themen eingelassen wie „Das Boot“ oder „Der Pass“. Es ist unser zweites wichtiges Standbein: Wir investieren in hochqualitativen Fiction-Content. Diese 2-Säulen-Strategie aus Sport und Entertainment macht uns inzwischen aus und die funktioniert sehr gut – vor allen Dingen auch aus Vermarktungssicht. Wir haben innerhalb kürzester Zeit Kooperationspartner gefunden. Bei „Babylon Berlin“ war es Schweppes, für „Das Boot“ haben wir einen Sponsor gefunden, der nach dem großen Erfolg sofort alle weiteren Sky Original Productions belegte. Diese individuellen Kooperationen sind ein dritter wichtiger Punkt, warum wir positiv in die Zukunft sehen. Ich habe vor ein, zwei Jahren formuliert, wir wollen die Nummer 3 am Markt werden. Ich habe nicht gesagt wann, aber das Ziel steht noch.

Ja, seit einiger Zeit nimmt Entertainment eine immer größere Rolle bei uns ein. Wir haben mit „Babylon Berlin“ einen Kontrapunkt gesetzt. Unser Mut wurde belohnt. Wir haben uns deshalb schnell auf weitere Themen eingelassen wie „Das Boot“ oder „Der Pass“. Es ist unser zweites wichtiges Standbein: Wir investieren in hochqualitativen Fiction-Content. Diese 2-Säulen-Strategie aus Sport und Entertainment macht uns inzwischen aus und die funktioniert sehr gut – vor allen Dingen auch aus Vermarktungssicht. Wir haben innerhalb kürzester Zeit Kooperationspartner gefunden. Bei „Babylon Berlin“ war es Schweppes, für „Das Boot“ haben wir einen Sponsor gefunden, der nach dem großen Erfolg sofort alle weiteren Sky Original Productions belegte. Diese individuellen Kooperationen sind ein dritter wichtiger Punkt, warum wir positiv in die Zukunft sehen. Ich habe vor ein, zwei Jahren formuliert, wir wollen die Nummer 3 am Markt werden. Ich habe nicht gesagt wann, aber das Ziel steht noch.

Wie viel sind Sie ihm näher gekommen?
Wir sind auf einem guten Weg und agieren aus einer Position der Stärke. Den derzeitigen Werbemarkt können wir nicht ändern, aber wir machen mit unserer Wachstumsstrategie konsequent weiter. Die fußt auf mehreren Vermarktungsansätzen. Zum einen natürlich dem klassischen Spot, das ist das „Brot und Butter“-Geschäft. Wir werden aber vor allem das Thema Markenkooperationen weiter vorantreiben. Einer unserer ersten großen Kooperationspartner war FCA, Fiat Chrysler Automotives. Neben klassischen Mediainvests haben wir FCA komplett in die Markenwelt von Sky integriert. Das ging so weit, dass wir mit Händlern zusammengearbeitet und FCA in unser Kundenbindungsprogramm integriert haben. Das ist eine sehr individuelle Partnerschaft, die wir nicht mit jedem eingehen. Unsere Zielsetzung ist, in jeder der großen Kernbranchen – Automotive, Telekommunikation, Finanzindustrie, FMCG, Tourismus – eine dieser Premium-Partnerschaften zu schließen.

Das heißt, Sie verhandeln direkt ohne Agenturen?
Ich weiß, das ist ein viel diskutiertes Thema. Aber ja, wir sprechen zunehmend mit den Kunden selbst – und das tun wir auch im Wissen und in vollster Transparenz und Zusammenarbeit mit den Mediaagenturen. Wir sind hier in einer guten Position, wir planen nicht nur mit dem monothematischen Ansatz Reichweite, bei uns zählen Reichweite und Qualitätsumfeld. Mit diesem Ansatz können wir kreative und integrative Konzepte sehr gut mit dem Kunden direkt besprechen, weil er hinsichtlich unseres Produkts anders involviert sein muss. Das ist kein Widerspruch zur Zusammenarbeit mit den Agenturen. Agenturen spielen nach wie vor eine extrem wichtige Rolle. Dennoch haben wir über unseren Qualitätsaspekt die Anzahl unserer Kunden deutlich steigern können.

Sie haben auch Ihren Tausend-Kontakt-Preis gesenkt …
Die Budgets sind niedriger, deshalb haben wir unsere Preisbildung angepasst. So haben wir in den Top-Umfeldern wie der UEFA Champions League und der Bundesliga den TKP in der Zielgruppe der Männer 14 bis 59 Jahre auf 105 Euro reduziert. Damit schaffen wir eine Grundlage, dass die Bundesliga und auch die UEFA Champions League zum effizienten Baustein im Mediaplan werden – nicht nur für Großkunden. Auch Unternehmen mit kleineren Budgets finden so ihren Platz. In Zeiten eines rückläufigen TV-Markts setzen wir damit ein klares Zeichen. Wir haben die Bedürfnisse der Kunden und Agenturen verstanden, das wird auf deren Seite sehr positiv wahrgenommen.

Und wo kommt jetzt die Qualität wieder ins Spiel?
Wir haben bereits im vergangenen Jahr gemeinsam mit Facit Research eine Qualitätsstudie veröffentlicht, bei der wir den Begriff „Qualität eines Bewegtbildanbieters“ aus Sicht von Mediaplanern und Zuschauern definierten. Soeben haben wir zusammen mit der Marktforschungsabteilung der Group M, M Science, eine ROI-Studie fertiggestellt, die auf die Qualitätsstudie aufsetzt. Die Studie misst den Return-on-Investment von Werbebuchungen hinsichtlich Ad Awareness und Consideration, in beidem ist Sky effizienter im Vergleich zu anderen TV-Platzierungen. Das ist ein wichtiges Signal an die Mediaagenturen, dass sie nicht mehr nur Masse und Reichweite buchen, sondern sehr stark auf das Thema Effizienz und Qualität gehen.

Aber angeblich buchen viele Agenturen ja immer noch per Kilopreis.
Es ist das ureigenste Interesse von Kunden, effizient zu werben, und die Agenturen nähern sich diesem Interesse immer mehr an, also weg von reiner Reichweitenbuchung, hin zu qualitativen Effizienzmerkmalen. Wir wollen Mediaagenturen nicht umgehen. Ganz im Gegenteil. Wir brauchen sie und sie uns auch. Aber gerade was den qualitativ-inhaltlichen Aspekt angeht, ist in der deutschen Mediaagenturen-Landschaft wirklich noch einiges zu tun. Man sieht, dass sich viele Agenturen gerade sehr bewegen, das muss dann irgendwann wirklich den Abschied von den TKPs und den Konsekutiv-Rabatten bedeuten. Noch kommt der qualitative Aspekt zu kurz, und deshalb stellen wir uns bei Sky Media anders auf. In der Vergangenheit war unser Geschäft agenturgetrieben. Jetzt haben wir drei Bereiche, der eine bedient den klassischen Agenturverkauf, der zweite beschäftigt sich mit Client-Sales und der dritte mit ganzheitlichen Markenkooperationen.

Agenturen heißt Rabatte, Client-Geschäft geht über ROI und Kooperationen sind die Sondervereinbarungen?
Genau. Wobei wir in allen Bereichen die Agenturen ins Boot holen. Wir sehen auch, dass sich das positiv entwickelt. Es kommen immer mehr Agenturen mit Kunden, die einen anderen Ansatz als nur Reichweite fahren wollen. Auch da entwickelt sich also langsam das Bewusstsein für Qualität.

Vermarkter haben den inventargetriebenen Einkauf doch mit verursacht. Auch Sky hat gute Rabatte geboten …
Absolut. Aber wir möchten diesem Kreislauf etwas entgegensetzen. Und das gelingt uns richtig gut. Das ist einfach ein anderes Business. Wir haben inzwischen bei Sky Media deutlich im Kreativ-, Konzeptions- und Brandbereich aufgestockt. Wir bauen Konzepte, die weit über Spots, Rabatt und TKP hinausgehen.

Seit Januar bieten Sie das Addressable-Format Adsmart an. Wie läuft es?
Adsmart ist für uns ein weiterer wichtiger Wachstumstreiber. Damit bedienen wir gerade den Digital-Bereich. Es wird nach wie vor Marken geben, die die große, breite Masse, die wir beispielsweise im Live-Sport-Umfeld bieten, brauchen. Aber in bestimmten Bereichen will die werbungtreibende Industrie individualisieren. Es gibt zunehmend den Anspruch, zielgerichtet ohne Streuverluste kommunizieren zu können. Adsmart bietet das. Wir reichern unsere eigenen Abonnentendaten mit Drittdaten von Acxiom an und können dadurch sehr zielgerichtete Werbung bieten. Meines Wissens bieten wir damit die hochwertigste Datengrundlage in der deutschen TV-Landschaft. Wir sind vor drei Monaten mit Adsmart gestartet und erhalten sehr positiven Zuspruch. Das sind Kunden wie Harmon Kardon, Velux oder Kia, die nicht einfach Budgets umschichten, um es auszuprobieren, sondern die wirklich Zusatzbudgets bereitstellen, um hier sehr spezielle Zielgruppen zu targeten. Kia hat nach zwei Wochen Test sofort verlängert.

Können Sie Adsmart nicht auch im linearen Programm anwenden, Sie haben ja auch dort die Abonnentendaten …?
Das muss der nächste Schritt sein. Wir fangen jetzt erst mal digital an, aber Adsmart linear aufzuspielen, ist zwar technisch aufwendig, aber grundsätzlich möglich. Auf dem Big Screen muss alles möglich sein.

Dann sollte man aber auch Reichweiten nachweisen. Ihr Linearangebot ist bei der AGF gut erfasst, aber die Streaming-Reichweite lässt noch auf sich warten.
Durch die Anpassung des Gewichtungsmodells der AGF zum 1. Januar sind wir gemeinsam bereits einen ersten Schritt in die richtige Richtung gegangen, der unglaublich wichtig für uns war. Das neue Gewichtungssystem bildet zum ersten Mal die wirkliche Realität ab, wie Sky linear gesehen wird. Dadurch haben wir Zuwächse im Bereich von 15 bis 20 Prozent. Die Entwicklung muss natürlich weitergehen, sodass wir auch die ganze Streaming-Nutzung ausweisen können. Wir können als Gesellschafter die Entwicklung forcieren. Wir sind bewusst Gesellschafter der AGF geworden, weil wir glauben, dass es in Deutschland eine unabhängige Institution geben muss, die das federführend in die Hand nimmt. Ich glaube, dass die AGF bereit und in der Lage ist, das irgendwann korrekt abzubilden – aber es ist ein Weg.

Warum Kinobesucher jetzt das Luxus-Erlebnis erwartet

Die großen deutschen Kinobetreiber kämpfen mit Umsatzeinbußen. Im Jahr 2011 machten die großen Kinocenter mit fast 500 Millionen Euro noch über 54 Prozent des gesamten Branchenumsatzes, im vergangenen Jahr waren es nur noch 420 Millionen, 47 Prozent der Erlöse. Umsatz und Marktanteil fallen also gleichzeitig. Das zeigen Statistiken der Filmförderungsanstalt FFA.

Kinoketten wie Cinestar, Cinemaxx und UCI setzen daher auf neue Konzepte. Cinemaxx versuchte es im vergangenen Jahr mit Preissenkungen. In einigen Städten zeigte die Kette Filme für weniger als sechs Euro. Andere Großkinos entwickeln sich in die genau entgegengesetzte Richtung: Es wird edler, teurer und vor allem komfortabler. Beispiele sind die neue Astor Film Lounge in Hamburg oder der aufwendig sanierte Zoo Palast in Berlin. „Wir beobachten einen Trend zum Premiumkino“, sagt Jens Steinbrenner von der FFA. „Die Luxushäuser betonen den Markenkern des Kinos.“

Mit dem Trend hin zu luxuriös ausgestatteten Filmtheatern tragen die Betreiber auch der Alterung der Gesellschaft Rechnung. „Tatsächlich kommen jetzt Gäste zurück, die seit vielen Jahren nicht mehr im Kino waren“, sagt Hans-Joachim Flebbe, Mitgründer der Cinemaxx-Kette. Die größte Zielgruppe seien heute nicht Teenager, sondern Zuschauer zwischen 50 und 60 Jahren. „Das Publikum ist älter geworden. Deshalb müssen wir es ihm auch etwas bequemer machen.“

Ausdruck des Trendwechsels ist eine steigende Zahl von Lichtspielhäusern. Seit dem Tief vor fünf Jahren steigt die Zahl der Säle in Deutschland Jahr für Jahr wieder leicht an. Zuletzt gab es nach Angaben der FFA in Deutschland 1672 Kinos. Anfang des Jahrhunderts waren es noch mehr als 1800 Filmtheater.

Auf intelligente Werbe-Roboter warten wir noch

Der Werbemarkt gleicht zuweilen einer unfreiwilligen Satire auf den Medienbetrieb. Denn die digitalen Techniken leisten nicht das, was sie versprechen.

Kürzlich verbreitete „20 Minuten“ auf seiner Website ein drastisches Video, das die Redaktion in den sozialen Netzwerken gefunden hatte. Es zeigt, wie ein Hund – offenbar ein American Staffordshire Terrier – einen Zwergspaniel angreift und diesen schließlich zu Tode beißt. Zwei Erwachsene versuchen die Attacke zu verhindern und gehen dazwischen. Erfolglos. Der Terrier reißt den kleinen Hund sogar aus den beschützenden Armen der Frau. Sie gibt den Kampf schließlich auf. Neben ihr steht ein Mädchen, weint und schreit herzzerreißend.

Das alles durfte das Publikum während 77 Sekunden mitverfolgen. Die Szene war offenbar von einem Smartphone-Besitzer festgehalten worden. Voyeurs kamen auf ihre Rechnung. Die Westschweizer Online-Ausgabe des Pendlerblatts zeigte eine gefilterte Version, ohne Ton, ohne Schreie des Kindes. Der informationelle Mehrwert des sensationalistischen Dokuments ist zweifelhaft, doch das Angebot fand reißenden Absatz. „20 Minuten“ reihte es in die „Top-Videos“ ein. Die davor mit dicken Lettern eingeblendete Warnung, die Aufnahmen könnten den Betrachter verstören, mag Liebhaber des Schrecklichen noch angestachelt haben.

Gratismedien leben davon, dass sie Werbeplätze verkaufen. Dazu eignen sich Videos ideal, zumal die Werbewirtschaft nach audiovisueller Kommunikation lechzt. Video-Spots sind eines der wenigen Geschäftssegmente, in denen die Medienhäuser hohe Wachstumsraten verzeichnen. Wer die blutige Hundeszene sehen wollte, war denn auch gezwungen, zuerst eine Produktanpreisung zu konsumieren. Coca-Cola etwa inszenierte fürs Publikum eine heile, wunderbare Welt; Bayer empfahl das Arzneimittel Bepanthen, und Axa machte auf eine Versicherungslösung aufmerksam. Angesichts des darauffolgenden Dramas mit dem schreienden Kind gleicht dies einer unfreiwilligen Satire auf den Medienbetrieb.

Ein solches mediales Umfeld eignet sich kaum für die Vermarktung von Produkten und die Stärkung einer Unternehmensmarke. Entsprechende Entscheidungen fällen auf den digitalen Märkten indessen keine Menschen, sondern Maschinen, welche die Clips nach gewissen Kriterien einem Werbeplatz zuordnen. Das führt zuweilen zu absurden bis widerlichen Konstellationen. So platzierten Werbe-Roboter einen Spot für ein Kosmetikprodukt auch schon vor einem Hinrichtungs-Video des Islamischen Staats. Die eine Hand weiß nicht mehr, was die andere tut.

Vor zwei Jahren gab es eine Diskussion über die Gefahren einer automatisierten Werbelogistik. Damals standen politische Aspekte im Vordergrund. Aktivisten machten Produkteverkäufer darauf aufmerksam, dass deren Botschaften auch auf Websites mit extremistischem Gedankengut auftauchten. Doch die Branche, die sich zusehends von den herkömmlichen Werbemärkten abwendet, lernt langsam.

Inzwischen hat Unilever, einer der weltweit wichtigsten Werbeauftraggeber, reagiert. Wie Reuters am Donnerstag meldete, will das Unternehmen besser kontrollieren, auf welchen Plattformen es den Kontakt mit den Konsumenten aufnimmt. Dabei geht es nicht nur um Markensicherheit, sondern auch um die Ausschaltung von Betrügern, welche die digitalen Marketingprozesse missbrauchen. Ein Großteil der Werbeausgaben solle einem Netzwerk von vertrauenswürdigen Medienanbietern („trusted publisher“) zugutekommen. Immerhin ein Hoffnungsschimmer für die seriös Gesinnten.

Apples neue Geldmaschinen

Der Erfolg des iPhones ist für Apple Fluch und Segen zugleich. Einerseits sorgte das Smartphone ein Jahrzehnt lang für immer neue Rekordgewinne. Andererseits zeigte der Gewinnrückgang wegen schwächelnder iPhone-Verkäufe in China Ende 2018, wie drastisch der Erfolg des Unternehmens von diesem einen Produkt abhängt.

Der Konzern will die Abhängigkeit von seinem Vorzeigemodell daher verringern und entwickelt sich zunehmend zu einem integrierten Konzern, der seine Hardware mit Dienstleistungen verzahnt.

Mit der Einführung neuer Streamingdienste hat der Konzern am Montag einen Schritt in diese Richtung gewagt. Ein paar Ideen, was das sein könnte, hat der Konzern auf einem Event in seinem Hauptquartier in Kalifornien vorgestellt:

  • eine Flatrate für Spiele, die extra für Apples iPhones, iMacs und iPads entwickelt werden
  • eine Flatrate für digitale Zeitungen und Zeitschriften
  • ein Streamingdienst für den Apple – ähnlich wie Netflix, mit Milliardenaufwand und mit Hollywoodgrößen – eigene TV-Serien und Filme produzieren lässt.

Doch das ist bei Weitem nicht alles. Tatsächlich ist der Konzern schon jetzt sehr breit aufgestellt, macht schon lange auch mit anderen Angeboten riesige Gewinne – und forscht nach neuen Einnahmequellen.

Neue Erlösquellen
Neben den bisherigen Geschäftsfeldern arbeitet Apple an weiteren Produkten, die dem Unternehmen als künftige Erlösquellen dienen sollen. Ob dabei allerdings ein ähnlicher Erfolgsbringer wie das iPhone ist, lässt sich bisher nicht sagen. An folgenden Projekten arbeitet Apple:

Apps, die auf Macs, iPads und iPhones laufen
Den Gedanken, macOS und iOS zu einem einzigen Betriebssystem zu verschmelzen, lehnt Apple seit Jahren vehement ab. Zu unterschiedlich seien die Anforderungen von Smartphones und Computern. Im vergangenen Jahr stellte der Konzern aber ein System in Aussicht, das es Entwicklern ermöglichen soll, iOS-Apps ohne viel Aufwand auf macOS zu übertragen. Dieses System wird der Konzern im Juni 2019 vorstellen.

Autonomes Fahren
Berichten zufolge forscht Apple unter dem Codenamen „Project Titan“ an Technologien für autonom fahrende Autos. Welches Ziel der Konzern mit dem 2014 gestarteten Vorhaben genau verfolgt, ist allerdings unklar.

Apples Manager hatten mehrfach versucht, mit Autoherstellern wie BMW und Mercedes-Benz zu kooperieren. Schließlich wurde bekannt, dass der Konzern Ende 2017 eine Zusammenarbeit mit Volkswagen eingegangen ist. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge will Apple den T6-Transporter von VW umbauen und auf seinem Firmengelände als fahrerloses Shuttle für seine Mitarbeiter einsetzen.

Ende Januar wurde bekannt, dass Apple 200 Mitarbeiter vom „Projekt Titan“ abzieht. Das Team solle sich in diesem Jahr auf einige Schlüsselbereiche fokussieren, sagte ein Firmensprecher. Einige Teams würden in anderen Projekten im Konzern eingesetzt, wo sie beispielsweise an maschinellem Lernen arbeiten sollen. „Wir glauben weiter daran, dass autonome Systeme eine große Zukunft haben“, hieß es. „Das ist das bisher ambitionierteste Projekt für maschinelles Lernen.“

Was auch immer beim „Projekt Titan“ am Ende herauskommt, ein von Apple hergestelltes „iCar“ wird es kaum werden. Dafür fehlt dem Konzern die Expertise im Autobau. Eher dürfte es Apples Ziel sein, eine Softwareplattform für autonom fahrende Autos zu entwickeln, die dann – ähnlich wie heute CarPlay für Autoradios – an Pkw-Hersteller lizenziert wird. Vielleicht wird man dann Autos mit einem Aufkleber „Apple inside“ sehen.

Das Augmented-Reality-Headset
Seit 2015 gibt es Gerüchte, dass Apple an einer Augmented-Reality-Brille arbeitet. Durch die Übernahme des Headset-Herstellers Vrvana für rund 30 Millionen Dollar bekamen diese Spekulationen 2017 neue Nahrung. Vrvana hatte eine Datenbrille entwickelt, die sowohl Augmented als auch Virtual Reality darstellen kann. Bei Augmented Reality wird die reale Welt per Datenbrille mit digitalen Bildern überzogen, bei der Virtual Reality taucht der Nutzer in eine rein virtuelle Welt ein.

Apple-Chef Tim Cook gibt sich überzeugt, dass Augmented Reality – bei der Bilder der realen Welt in Echtzeit von Computergrafiken ergänzt werden – ein ähnlich großes Potenzial wie das Smartphone hat. Es sei eine Technologie für jedermann, sagte er: „Ich glaube, AR ist riesig, es ist enorm.“

Mitte vergangenen Jahres sagte Apple-Analyst Kuo eine Augmented-Reality-Brille von Apple für das Jahr 2020 voraus. Sie habe das Potenzial, die digitale und reale Welt zu verbinden und die neue große Benutzeroberfläche zu werden, schrieb er. „Wir erwarten, dass AR die nächste revolutionäre Benutzeroberfläche sein wird.“

Google hatte bereits 2014 die AR-Brille „Glass“ auf den Markt gebracht, den Verkauf des Produkts aber ein knappes Jahr später wegen Datenschutzbedenken und mangelnder Akzeptanz wieder eingestellt. Doch zu Apples Erfolgsmodell gehörte es bisher, technische Entwicklungen zu adaptieren, zu verfeinern und schließlich oft bessere Lösungen als die Konkurrenz anzubieten. So war es beim iPhone und beim iPad, so könnte es auch bei einer virtuellen Benutzeroberfläche sein.

Microsoft automatisiert die Speicherung von Informationen in DNA-Molekülen

Die Universität von Washington arbeitet mit Microsoft daran, DNA als Speichermedium der Zukunft zu entwickeln. Rechenzentren könnten auf die Größe von Spielwürfeln schrumpfen, Daten jahrhundertelang lesbar bleiben.

Die DNA ist die Trägerin des Erbguts. Der komplette Bauplan des Lebens ist in der wechselnden Abfolge von vier Basenpaaren gespeichert, die zusammen mit anderen chemischen Bausteinen das Rückgrat dieses Biomoleküls bilden. Eines der hervorstechenden Merkmale dieses biologischen Informationsspeichers ist seine Dauerhaftigkeit. Zwar kommt es im Erbgut immer wieder zu spontanen Mutationen. Doch in fossilen Knochen findet man auch nach Jahrhunderten noch halbwegs intakte DNA-Fragmente.

Speichertechnik der Natur
Das weckt das Interesse von Forschern, die sich mit der Speicherung von binären Informationen beschäftigen. Wichtige Daten, die langfristig erhalten werden sollen, werden heute vor allem auf Magnetbändern gespeichert. Diese halten jedoch im besten Fall ein paar Jahrzehnte. Deshalb denken Forscher schon seit geraumer Zeit darüber nach, die DNA als dauerhaftes Speichermedium zu nutzen. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung hat nun ein Forscherteam der University of Washington in Seattle und des amerikanischen Softwarekonzerns Microsoft gemacht. Die Gruppe hat ein System entwickelt, das Daten automatisch in künstlich hergestellten DNA-Strängen ablegt und sie später wieder abrufen kann. Zu Demonstrationszwecken haben die Entwickler das Wort „Hello“ gespeichert und wieder decodiert.

Neu ist nicht das Speichern der Daten an sich. Dem Forscherverbund ist es bereits vor rund zweieinhalb Jahren gelungen, 200 Megabyte Daten in DNA zu schreiben. Mittlerweile ist ein Gigabyte möglich. Der jüngste Erfolg liegt vielmehr in der Automatisierung des Verfahrens und wird von den Wissenschaftern in einer Pressemitteilung als „entscheidender Schritt“ gefeiert, um die Technik aus dem Labor in kommerzielle Rechenzentren bringen zu können. „In einem Datencenter können Leute ja nicht mit Pipetten herumlaufen – das wäre zu anfällig für menschliche Fehler, zu kostspielig und zu kompliziert“, erklärt Chris Takahashi, Senior Research Scientist der University of Washington.

Automatisiert ablegen und auslesen
Um digitale Dateien in DNA zu speichern, muss Software zunächst die Nullen und Einsen der binären Codes in lange Folgen der vier Buchstaben A, C, G und T übersetzen. Diese Buchstaben stehen für die vier Basen Adenin (A), Cytosin (C), Guanin (G) und Thymin (T), aus denen die DNA besteht.

Zur chemischen Fertigung der künstlichen DNA werden die benötigten Flüssigkeiten und Elemente einer Synthesemaschine zugeführt. Diese erzeugt DNA-Stränge mit der gewünschten Abfolge der Basen. Beim Abrufen der Daten werden die Basensequenzen der DNA-Stränge wiederum ausgelesen und zurück in binären Code übersetzt. Entscheidende Teile dieser Synthetisierung und Sequenzierung konnten bereits vorher automatisch ausgeführt werden. Dem Forscherteam ist es nun aber gelungen, auch solche Zwischenschritte zu automatisieren, die bisher noch manuell erledigt werden mussten. Dadurch verringert sich die Fehleranfälligkeit des Systems.

Für diese Art der Informationsspeicherung spricht nicht nur die Langlebigkeit der DNA. Ein zweiter Vorteil ist, dass das Molekül nur wenig Platz beansprucht. Deshalb können auf kleinstem Raum Unmengen von digitalen Daten untergebracht werden. Datenmengen, die mit bisherigen Speichermethoden ein ganzes Datencenter belegen, könnten laut Microsoft in einem Volumen von ein paar Würfeln gespeichert werden.

Entsprechend sehen die Forscher in der DNA-Speichertechnik eine vielversprechende Lösung, um der explodierenden Datenmenge Herr zu werden, die die Welt jeden Tag erzeugt – angefangen bei Geschäftsdokumenten und persönlichen Videos über medizinische Aufnahmen bis hin zu Bildern aus dem Weltall.

Das automatisierte DNA-Data-Storage-System von der University of Washington und Microsoft ist derweil noch sehr langsam. Die Informationen auszulesen, dauerte 6 Minuten – die 5 Bytes des Wortes „Hello“ als künstliche DNA zu speichern, erforderte 21 Stunden. Am Ende der Entwicklung sollen jedoch DNA-Speicherzentren stehen, die so einfach funktionieren wie Cloud-Speicherdienste heute, so die Vision der Forscher.

EU-Urheberrecht: Für Youtube wird’s teurer

Die Kritiker des neuen EU-Urheberrechts zeichneten ein Schreckgespenst, das die rechtlichen Fakten karikiert. Die Plattformbetreiber sind nun herausgefordert, angemessene Lösungen zu finden. Mit steigenden Kosten müssen sie rechnen.

Geht nun das Abendland unter? Verlieren wir unsere Freiheit? Fast könnte man es meinen, wenn man die Debatten der vergangenen Monate über die Revision des nun vom EU-Parlament bewilligten Urheberrechts zum Massstab nimmt. Die Emotionalität zahlreicher Kontrahenten auf beiden Seiten war proportional zur Abstraktheit des Themas. Eigentlich ist es erfreulich, dass dieser Tage Zehntausende für eine freiheitliche Internet-Welt und gegen Kontrollwahn demonstrierten. Die Protestierenden haben jedoch ihre Energien am falschen Ort eingesetzt. Die Kritiker des Urheberrechts zeichneten ein Schreckgespenst, das die rechtlichen Fakten karikiert. Die Gesetzesarchitekten haben ihnen das allerdings erleichtert, indem sie schwer verständliche Sätze formulierten. Man muss davon ausgehen, dass wenige gelesen haben, was in der EU-Richtlinie tatsächlich drinsteht.

Das Anliegen der Reform ist legitim. Deren Ziel ist es, audiovisuelle und schriftliche Werke in der digitalen Welt besser zu schützen. In diesem Sinn will man die Betreiber von Online-Plattformen wie Youtube stärker in die Pflicht nehmen. Insbesondere müssen sie künftig darauf achten, dass die Nutzer keine geschützten Produkte aufschalten, für die keine Lizenz vorliegt. Angesichts der hohen Aktivität der Besucher werden die Plattformen wohl gezwungen sein, automatische Sperren in Form von sogenannten Upload-Filtern einzurichten. Nach Ansicht der Kritiker verursachen derartige Rasenmäher grosse Kollateralschäden, weil unweigerlich legales Material im Filter hängenbleibe. Das wiederum schränke die Kommunikationsfreiheit der Nutzer ungebührlich ein.

Diese Gefahr besteht durchaus bei automatischen Prüfverfahren. Allerdings hat die EU-Richtlinie das bedacht. Das Papier verlangt von den Plattformbetreibern ausdrücklich, dass sie das Aufschalten von freien, ungeschützten Erzeugnissen nicht behindern dürfen. Zulässig bleibt ebenso das Zitieren von Werken in Kritiken und Rezensionen sowie die Nutzung für Karikaturen oder Parodien.

Die neue Regelung zwingt die Plattformbetreiber zu einem deutlich höheren Arbeitsaufwand. Denn sie müssen „alle Anstrengungen“ unternehmen, um den „Urheberschutz nach Massgabe hoher branchenüblicher Standards“ zu gewährleisten. Verlangt wird auch die Einrichtung von Beschwerdestellen. Entsprechend steigen die Kosten. Das erklärt den Widerstand von Youtube und ähnlichen Akteuren. Kleinere Unternehmen, die weniger als drei Jahre alt sind, weniger als 10 Millionen Euro umsetzen und weniger als 5 Millionen Besucher pro Monat verzeichnen, haben indessen ein weniger strenges Pflichtenheft. Ängste, die EU-Richtlinie könnte die „Kleinen“ erdrücken und den Spielraum der Internetnutzer erheblich einengen, sind also übertrieben. Von einer Zensur, vor der so oft gewarnt wurde, kann nicht die Rede sein. Die Umsetzung der EU-Richtlinie dürfte zwar zu Friktionen führen, doch der technische Fortschritt wird Lösungen bringen, die eine freiheitliche Umsetzung des Urheberrechts ermöglichen.

Vorgesehen sind im Weiteren Massnahmen zugunsten der Zeitungsverleger. Das sogenannte Leistungsschutzrecht soll es ihnen ermöglichen, auch Textanrisse urheberrechtlich zu schützen. Davon ausgenommen bleiben nur „Wörter oder sehr kurze Auszüge aus einer Presseveröffentlichung“. Die Hoffnung der Verleger, nun von Suchmaschinen, die Erzeugnisse der Presse verlinken, Geld verlangen zu können, wird sich kaum erfüllen. Google hat die Suchdienste bereits angepasst und die Textverweise der EU-Norm entsprechend verknappt.

Youtube: Rolle rückwärts

Youtube konzentriert sich bei seinen Originals auf Werbefinanzierung. Die Pläne für neue Dramen und Komödien sollen aber bestehen bleiben.

Apple fährt Hollywoodsternchen für sein Streaming-Programm auf, Warner und Disney haben eigene VoD-Angebote angekündigt, nur Google vollzieht offenbar eine Rolle rückwärts: Ausgerechnet an dem Tag, als Apple unter großem Brimborium seinen neuen Videodienst vorstellt, meldet „Bloomberg“, Youtube habe seine Pläne für weitere High-End-Serien auf Eis gelegt. Die Google-Tochter werde keine Pitches mehr für teure Shows annehmen, heißt es unter Berufung auf Personen, die nicht namentlich genannt werden wollen. Erst im vergangenen Sommer war Youtubes neuer Abodienst Youtube Premium mit exklusiven Eigenproduktionen gestartet.

Diesen Bericht dementierte Youtube unter anderem gegenüber dem Tagesspiegel. Es seien verschiedene fiktionale Shows in der Entwicklung, die Pläne für neue Dramen und Komödien blieben unverändert. Außerdem soll ein neues werbebasiertes Modell bis zum Ende des Jahres entwickelt werden, sagte ein Youtube-Sprecher „The Verge“, eine Liste „neuer und wiederkehrender Hits“ würde in den kommenden Wochen angekündigt. Das meldet auch das Portal „Techcrunch“.

Unlängst wurde bekannt, der 1,9-Milliarden-Nutzer-Dienst wolle seine Originals vor die Bezahlschranke holen und stärker auf Werbefinanzierung setzen. Bestehende Inhalte auf Youtube Premium sollen aber weiterhin Abonnenten vorbehalten bleiben, teilte Youtube dem Tagesspiegel zuletzt mit. Das werbefreie Premium-Abo, das zwölf Euro im Monat kostet, enthält neben Youtube Music über 100 internationale Eigenproduktionen. Seit 2016 bringt Youtube eigene Serien und Filme heraus. Seit 2018 heißt das Angebot Youtube Premium.

Schranke runter, Schranke hoch

Mit Blick auf die Neustarts scheint die Devise zu lauten: Schranke runter, Schranke hoch. Die zweite Staffel der Karate-Kid-Fortsetzung „Cobra Kai“ startet am 24. April zunächst hinter der Paywall, wie jüngst die Sci-Fi-Serie „Weird City“. Die Doku „The Boy Band Con“ über den früheren Backstreet Boys-Manager Lou Pearlman (Start: 3. April) und die Musikdoku „Band together with Logic“ werden werbefinanziert, die im Frühjahr kommende Dokumentation „State of Pride“ soll ebenfalls frei verfügbar sein.

Einige Sendungen wie die Sport-Comedyshow „What the Fit“ gibt es bereits kostenlos. Bei anderen Premium-Serien hat Youtube ein bis zwei Folgen freigeschaltet, etwa bei den deutschen Produktionen „Neuland“ und „Bullsprit“. Mit dem Schritt hin zur Werbefinanzierung wolle man auf Märkte reagieren, in denen man tätig sei, hieß es von Youtube. Mit den frei verfügbaren Originals wolle man der wachsenden Nachfrage einer globalen Fangemeinde begegnen, das Publikum der Originals ausweiten und Werbetreibenden die Möglichkeit geben, über diese Inhalte die Youtube Generation zu erreichen.

Angaben zu Abozahlen macht Youtube nicht. Branchenbeobachter vermuten, dass Youtube mit seinem Bezahlangebot nicht wie erhofft reüssierte. Als erfolgreich galten jedoch Serien wie „Cobra Kai“, die jetzt fortgesetzt wird. 58 Millionen Aufrufe hat die erste freigeschaltete Folge der ersten Staffel. Bei der Vorstellung der ersten drei deutschen Originals im September in Berlin sagte Youtubes Chief Business Officer Robert Kyncl, man werde nie so viel Geld für eigene Inhalte ausgeben wie Amazon und Netflix. Man betrachte die Originals als Zusatzangebot für Nutzer, das mehr Premium-Kunden anlocken und die Markenbekanntheit steigern soll.

Hart umkämpfter Markt

Das Video-on-Demand-Terrain ist hart umkämpft: Laut einer Analyse der Marktforscher von Goldmedia teilen Amazon Prime Video und Netflix den deutschen VoD-Markt zu mehr als 60 Prozent unter sich auf. Weltweit hat Netflix fast 140 Millionen Abonnenten. In den Goldmedia-Analysen der abobasierten VoD-Abrufzahlen in Deutschland taucht Youtubes Premium-Angebot nicht auf – unter anderem, weil die Reichweite zu gering war, um das Angebot zu messen, sagt Geschäftsführer Florian Kerkau.

In einer Riege mit den klassischen Abo-Anbietern Netflix und Amazon spiele Youtube aus seiner Sicht nicht mit, sondern eher im werbefinanzierten VoD-Bereich – das Feld, das Youtube groß gemacht hat. „Youtube ist unbestrittene Nummer eins beim werbefinanzierten Streaming in Deutschland, das ist ein solides Geschäftsmodell“, sagt Kerkau. „Da muss man klar sagen: Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Aus ökonomischer Sicht sei die Entscheidung dann auch sinnvoll, sich auf die Werbefinanzierung zu konzentrieren.

Reaktionen auf EU-Urheberrechtsreform gespalten: Für Kreative „fair“, für ISPA „katastrophal“

Unterschiedlich wird der Beschluss der umstrittenen EU-Urheberrechtsreform im Europaparlament von den heimischen Interessensvertretern aufgenommen. Während sich Vertreter der Kreativbranche größtenteils positiv zu Wort meldeten und das „Urheberrechtszeitalter im Internet“ angekommen sehen, bezeichneten die Serviceprovider die EU-Abgeordneten als „Totengräber des freien Internets“.

Musikwirtschaftsverband: „Ausgewogen und fair“

Franz Medwenitsch, Geschäftsführer des Musikwirtschaftsverbandes IFPI, freute sich in einer Stellungnahme über eine „richtungsweisende Entscheidung“. Kreative und Kunstschaffende müssten für ihre Leistungen entlohnt werden, „wenn die großen Internetkonzerne ihre Inhalte nutzen. Die Copyright-Richtlinie ist ausgewogen und fair, neben den Kreativen stärkt sie auch die Rechte der User.“ Das Europaparlament habe „wohlüberlegt entschieden und sich auch nicht durch die Kampagne der Gegner des Urheberrechts verunsichern lassen“. Für Medwenitsch war es letztlich „ein guter Tag für die Europäischen Kreativen“.

Verband Österreichischer Zeitungen: „Wichtige Weichenstellung“

Ähnlich argumentierte der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ), dessen Präsident Markus Mair „von einer wichtigen Weichenstellung, die den Erhalt von unabhängigem Journalismus in der digitalen Welt sichern kann“, sprach. Angesichts der jahrelangen Vorgeschichte habe die Einigung „nahezu historischen Charakter“. Geistiges Eigentum in der digitalen Welt werde durch die Reform geschützt, so VÖZ-Geschäftsführer Gerald Grünberger in einer Aussendung. Der damit verbundene Vergütungsanspruch sei ein wichtiges Instrument in der Auseinandersetzung mit Suchmaschinenbetreibern und Nachrichten-Aggregatoren. Das Lobbying großer US-Plattform gegen die Novelle „war letztendlich nicht erfolgreich“.

Hauptverband des Österreichischen Buchhandels: „Meilenstein für modernes Urheberrecht“

Der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels (HVB) sieht einen „Meilenstein in der Gesetzgebung für modernes Urheberrecht“ gekommen. HVB-Präsident Benedikt Föger zeigte sich erfreut darüber, dass „eine faire Vergütung für die Nutzung der Werke von Autorinnen und Autoren im Internet nun gesetzlich verankert wird. Auch die Sicherstellung der Vergütungsansprüche der Verlage ist ein wichtiger Schritt.“ Der nächste Schritt sei nun die Vorbereitung der Implementierung der Reform in den Mitgliedsstaaten.

Verband Österreichischer Privatsender sieht „Kompromiss“

Verhalten fiel die Reaktion des Verbands Österreichischer Privatsender (VÖP) aus. „Die Reform war dazu gedacht, die Rechte der Urheber zu stärken. Das ist glücklicherweise in vielen Bereichen auch passiert, etwa bei den Verlegern oder der Musikindustrie, nicht jedoch bei den Fernsehveranstaltern“, erklärte Geschäftsführerin Corinna Drumm. Es sei aber das Wesen eines Kompromisses, dass nicht alle das bekommen, was sie gerne hätten. „Wir verstehen das übergeordnete Ziel und die berechtigten Interessen anderer Stakeholder. Nun kommt es darauf an, bei der Umsetzung der Richtlinie in österreichisches Recht die Spielräume so auszunutzen, dass auch die Position der TV-Sender gestärkt wird“, so Drumm.

IG Autorinnen Autoren: Richtlinie „kann sich sehen lassen“

Grundsätzlich positiv, aber mit Einschränkungen betreffend der Debattenkultur äußerte sich Gerhard Ruiss. „Was zuletzt schon nicht mehr möglich schien, ist nun doch Wirklichkeit geworden“, meinte der Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren. Es sei eine Richtlinie beschlossen worden, „die sich sehen lassen kann“. Als Wermutstropfen blieben allerdings die Demonstrationen gegen die Reform, die sich auch gegen die Künstler richteten. Aus der Sicht von Ruiss war es „ein schwerer Fehler, für die Sorgen der Demonstranten kein Verständnis aufzubringen“, sagte in Richtung der EU-Abgeordneten. In der Umsetzung gelte es alle Zweifel auszuräumen, es könnte zu „unerwünschten Begleiterscheinungen“ wie Zensur kommen.

Internet Service Providers Austria: „Schlichtweg verpfuschte Reform“

Genau dieser sehen die Internet Service Providers Austria (ISPA) angesichts einer „katastrophalen Urheberrechtsreform“ nun Tür und Tor geöffnet. Man müsse „mit enormem Bedauern und Frustration“ feststellen, dass sich die Abgeordneten über die Warnungen hinweggesetzt hätten. Nun sei eine „schlichtweg verpfuschte Reform inklusive der umstrittenen Link-Steuer und Upload-Filter beschlossen“ worden, urteilte ISPA-Generalsekretär Maximilian Schubert. Der heutige Beschluss werde sich „als Bremsklotz für den digitalen Fortschritt in Europa herausstellen“. Letztlich sei es eine Richtlinie mit „problematischem Inhalt, der dem Internet in Europa nachhaltig schaden wird“.

NGO epicenter.works: „Meinungsfreiheit bedroht“

Die NGO epicenter.works sieht nun „die Meinungsfreiheit der Europäerinnen und Europäer umfassend bedroht, indem Internetplattformen zu Vorabkontrollen aller hochgeladenen Inhalte gezwungen werden“. Bernhard Hayden, Urheberrechtsexperte der Organisation, sprach von einem „schwarzen Tag für das Internet“. Die Kommunikationsmöglichkeiten im Internet würden sich nun radikal verändern, wodurch auch die Meinungsfreiheit eingeschränkt werde. „Ähnlich wie bei den Klimaprotesten von Schülerinnen und Schülern wird auf die Anliegen der jungen Generation vom derzeitigen politischen Betrieb keine Rücksicht genommen“, so Hayden.

Mit wem es Apple aufnehmen will

In Cupertino hat Apple am Montagabend seine Neuheiten vorgestellt. Diesmal waren es keine Smartphones oder Tablets, sondern sofort oder ab Herbst abonnierbare Services, die dem Unternehmen Monat für Monat verlässlich Geld einbringen sollen.

Der Video-Streamingdienst Apple TV+ etwa soll im Herbst mit exklusiven Filmen und Serien von Hollywoodstars wie Steven Spielberg und Jennifer Aniston aufwarten. Was der unter anderem über Apple-Geräte und Smart-TVs mögliche Zugang kosten wird, ist noch unklar.

Nach ähnlichem Prinzip wie Apple TV+ funktioniert die Gaming-Flatrate Apple Arcade: Sie ermöglicht ebenfalls ab Herbst temporär den Zugriff auf exklusiv für den Dienst produzierte und auf iPhones, iPads, Macs und Apple TV lauffähige Videospiele. Auch hier steht der Preis noch aus.

Eine Apple News+ genannte Journalismus-Flatrate dagegen lässt US-Kunden ab sofort und zu einem monatlichen Festpreis von 9,99 Dollar die Digitalversionen von US-Magazinen auf Apple-Geräten lesen.

All diese Dienste sind etwas Neues – vor allem aber für Apple selbst. Wie schon beim Thema Musik-Flatrates, wo nicht Apple Music, sondern Spotify der Pionier war, setzt das Unternehmen darauf, mit seinem Namen und Angebot bestehende oder gerade entstehende Märkte aufzumischen. Es folgt ein kurzer Überblick, wie es derzeit um die drei anvisierten Bereiche steht:

1) Film- und Serien-Flatrates

Viele Menschen schauen Serien und Filmen per Online-Streaming. Eine Bitkom-Befragung mit rund tausend Befragten aus Deutschland etwa führte 2018 zu dem Ergebnis, dass 37 Prozent davon zumindest gelegentlich kostenpflichtige Video-Streamingdienste nutzen, darunter auch Apples iTunes.

Viele Menschen dürften mit dem Stichwort kostenpflichtiges Videostreaming aber Flatrate-Angebote wie Netflix, Maxdome und Sky Ticket verbinden – etwas, das Apple bis jetzt fehlte. Für diese Dienste werden meist zwischen acht und zwölf Euro im Monat fällig, dafür lassen sie sich auf allerlei Geräten nutzen, vom Smartphone bis zum Smart-TV.

Die Flatrates unterscheidet sich vor allem durch selbstproduzierte oder eingekaufte, aber dann zumindest im Flatrate-Markt exklusive Inhalte. Wer etwa gern die Fantasyserie „Game of Thrones“ in seinem Abo haben will, landet in Deutschland bei Sky. Und die Mysteryserie „Stranger Things“ ist eine Netflix-Produktion und nur dort abrufbar. Manche Anbieter kooperieren aber auch, Netflix und Sky etwa arbeiten für einen Abodienst namens Sky Q zusammen.

Mitunter wird der Zugang zu Video-Flatrates regelrecht verramscht: Ehemalige Sky-Ticket-Kunden etwa bekommen oft Werbemails mit Spezialpreisen und Maxdome-Kunde wird manchmal auch, wer nur ein günstiges Bahnticket buchen wollte.

Ein Sonderrolle spielt Amazon Prime Video, die Video-Flatrate von Amazon, die Teil von Amazons wichtigstem Abodienst Prime ist. Prime bietet Amazon-Kunden für 69 Euro im Jahr oder 7,99 Euro im Monat eine Versand-Flatrate, aber eben auch Video- und sogar Musikstreaming. Amazon produziert auch eigene Serien für seine Prime-Kunden und zusätzlich zur Video-Flatrate bietet es seinen Kunden noch zusätzliche Streaming-Pakete wie „Arthouse Cinema“ an, die sich für einige Extra-Euro pro Monat hinzubuchen lassen. Ähnliches plant nun auch Apple mit sogenannten Apple TV Channels.

Es wird sich zeigen, ob Apples angekündigte Exklusivinhalte auch in Deutschland zugkräftig genug sind, damit sich Kunden für Apple TV+ statt etwa für Prime Video oder Netflix Geld ausgeben oder gar zusätzlich investieren. Zumal zum Beispiel auch Disney an einem eigenen Streamingdienst arbeitet.

In die Karten spielt Apple aber, dass viele Videodienste monatlich kündbar sind. Und gegenüber den anderen Diensten hat der Konzern den Vorteil, dass es seinen Streamingdienst ganz einfach auf vielen Millionen Geräten verankern kann: Er ist nämlich unkompliziert über die Apple-TV-App nutzbar. Zusatzschritte wie ein weiterer App-Download entfallen so. Insgesamt auf mehr Geräten lauffähig sein dürfte aber Netflix.

2) Nachrichten-Flatrates

Das neue Apple News+, das den Zugriff auf Magazine wie „Wired“ ermöglicht und Konkurrenten auch mit seinem Design ausstechen will, startet zunächst nur in den USA und Kanada. Dabei hätte es in Deutschland – passende Deals mit Verlagen vorausgesetzt – nur einen direkten Rivalen.

Marktführer bei den verlagsübergreifenden Magazin-Flatrates ist hierzulande bislang Readly, ein Dienst aus Schweden. Readly kostet 9,99 Euro im Monat (oder, bei einem Abo über Apples App Store, 11,99 Euro) und läuft neben iOS auch auf Android. Kürzlich wurde es um Tageszeitungen wie „Bild“ und „Welt“ erweitert.

Der Dienst, den es auch in den USA gibt, hat Digitalversionen Tausender Zeitschriften aus aller Welt im Angebot. Zu den bekannteren deutschen Titeln zählen „Hörzu“, „Sport Bild“, „Men’s Health“, „inTouch“, und „Cosmopolitan“, dazu kommen viele Special-Interest-Zeitschriften wie das Games-Magazin „Gamestar“ und das Angler-Magazin „Blinker“. Von den Magazinen aus dem Angebot sind jeweils die aktuellen, oftmals aber auch ältere Ausgaben verfügbar.

Eine schmale Auswahl digitaler Zeitschriften steht auch Amazon-Prime-Kunden ohne Zusatzkosten zur Verfügung: Über die Rubrik „Prime Reading“ können sie beispielsweise den „Kicker“ und das Polit-Magazin „Cicero“ lesen.

3) Games-Flatrates

In seine Games-Flatrate Apple Arcade will Apple rund 100 neue und exklusive sowie offline spielbare Spiele packen, die frei von nervigen Zusatzkäufen sind – zum Start sollen es um die hundert Titel sein. Das klingt attraktiv, sollte der Preis stimmen.

Bislang scheinen nämlich auch auf dem iPhone Free-to-play-Spiele wie „Fortnite“ und „Candy Crush Saga“, die grundsätzlich kostenlos sind, aber kostenpflichtige Extras beinhalten, besser anzukommen als Spiele, für die man vorab und dafür einmalig bezahlt. Die Frage wird sein: Wie reizvoll für Gelegenheitsspieler werden Apples neue Flatrate-Titel sein, solange solche Spiele weiter existieren?

Hinzu kommt: Die meisten Mobilspiele ohne Free-to-play-Elemente kosten weniger als zehn Euro. Ist dieser Betrag bezahlt, kann man sie für immer spielen. Man müsste also schon regelmäßig unterschiedlichste Premium-Games ausprobieren wollen, damit sich Apples Monatsabo rentiert, sollte es letztlich nur für jeweils einen Monat Zugang zu den Spielen gewährt.

Fürs Gaming auf PC und Konsole gibt es schon länger mehrere, teils Highlight-gespickte Spiele-Flatrates: Microsoft etwa hat den Xbox Game Pass samt Spielen wie „Forza Horizon 4“ für 9,99 pro Monat im Angebot. Sony verlangt für Playstation Now 15 Euro im Monat oder 99 Euro Jahr, samt „Bloodborne“.
Außerdem gibt es noch EA Access beziehungsweise Origin Access von Electronic Arts (EA) mit Titeln wie „Mass Effect Andromeda“ – für vier Euro im Monat oder 25 Euro pro Jahr. Unter dem Namen Origin Access Premier hat EA auch eine Luxusversion seiner Flatrate mit aktuelleren Spielen im Angebot.

Und für Liebhaber von PC-Indie-Spielen gibt es noch das Paket Humble Monthly, bei dem man für 12 Dollar im Monat Zugriff auf Games meist kleinerer Studios bekommt. Hier kann man die Spiele nach Abschluss des Abos auch noch weiterspielen.

Einen großen Unterschied zum Apple-Angebot gibt es aber: Die Spiele in all diesen Games-Abos sind keine Exklusivtitel. Mit der Arcade-Flatrate versucht Apple also tatsächlich etwas ganz Neues.