Warum Europa den Anschluss an Amazon und Co. verloren hat

In München diskutiert Europas digitale Elite, wieso der alte Kontinent in Technologiefragen hinter China und die USA zurückgefallen ist. Nicht nur Investoren setzen falsche Prioritäten. Aber es gibt auch ein Gegenrezept.

Ist Europa bereits völlig abhängig von den Technologiekonzernen aus den USA und China? Diese Frage beschäftigt die Teilnehmer der Digitalkonferenz DLD, die am Wochenende vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos traditionell in München über den digitalen Stand der Dinge debattieren.

„Wir haben keinen Browser, wir haben keine Softwareindustrie in Europa, auf die wir uns verlassen können. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir eine digitale Kolonie“, warnt Axel Voss, CDU-Abgeordneter im Europaparlament: „Wir müssen jetzt die ,Digital Single Market-Strategie 2.0 bauen‘.“

Dem Autor und Tech-Kritiker Andrew Keen reicht das nicht: „Europa macht gar nichts! Dieses Blabla, irgendwas mit 2.0, das ist 25 Jahre veraltet. Sie wollen keinen Browser – das sind veraltete Ideen. Die echte Frage für Europa ist: Was können Sie beitragen?“

Die digitale Elite ist weniger optimistisch

Der Zusammenprall zwischen Europa und den USA, zwischen Politikern und Tech-Experten beschreibt die Gemütslage in München. Die digitale Elite ist weniger optimistisch als noch zwei, drei DLD-Ausgaben zuvor. Was kann Europa noch beitragen zur rasanten technologischen Entwicklung in Asien und den USA?

„Versuchen Sie nicht, mit den USA und China zu konkurrieren, denn dabei werden Sie verlieren“, warnt Keen. „Versuchen Sie, anders zu sein, eigene Schwerpunkte zu setzen, zu führen – etwa im Bereich digitale Verwaltung und digitale Identität.“

Wie das funktionieren könnte, skizziert Gesundheitsminister Jens Spahn: Er schlägt ein eigenes europäisches Modell für Datennutzung vor – etwa zur Auswertung von Patientendaten in der Forschung – und beklagt, dass die Deutschen zwar Googles Tochterfirma Fitbit oder Apple bereitwillig Daten über ihren Herzrhythmus geben, dem Staat jedoch nicht vertrauen. Solange das der Fall sei, „werden wir in Europa nicht in der Lage sein, mit diesen Firmen zu konkurrieren“.

Zudem würden europäische Unternehmen oft zu spät realisieren, welche Technologien für die wirtschaftliche Entwicklung des kommenden Jahrzehnts entscheidend werden, beklagt Spahn und nennt als Beispiel den neuen Funkstandard 5G, für den kein europäischer Anbieter Netzwerktechnik liefern könne.

Ratschlag von Amazons Technikvorstand

Eine Ursache könnte der Fokus der europäischen Start-ups auf Endanwender sein. Ein viel zu großer Anteil an Risikokapital fließe in Innovationen für Konsumenten wie Essenslieferungen, kommentiert der Risikokapital-Manager Yaron Valler vom Start-up-Investor Target Global. Die Europäer würden zu wenig Energie und Kapital in echte Innovationen, in „Deep Tech“ stecken.

In bestimmten grundlegenden Technologie-Branchen ist der Zug deswegen bereits abgefahren: Vor wenigen Wochen verkündete Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, unter dem Namen „Gaia X“ eine eigene europäische Cloud-Infrastruktur aufbauen zu wollen.

Die trockene Antwort darauf liefert in München Amazons Technikvorstand Werner Vogels: „Für Erfahrung gibt es keinen Kompressions-Algorithmus“, sagt der Topmanager, der maßgeblich für den Aufbau von Amazons AWS-Cloud verantwortlich war, im Gespräch mit WELT: „Diese Art von Infrastruktur können nur weniger als eine Handvoll globaler Playern betreiben, die bereits sowohl das finanzielle wie auch das intellektuelle Kapital investiert haben.“

Vogels ist jedoch überzeugt, Europa benötige gar keine eigene Infrastruktur, solange man die Regeln vorgebe, nach denen Daten verarbeitet und gespeichert werden. „Hier hat Europa globalen Einfluss.“ Die Europäer müssten nach vorne denken und investieren, anstatt bereits vorhandene Technologien zu kopieren.

Neue Chance in der Datenauswertung

Wie Europa relevant bleiben kann, erklärt Alex van Someren, Unternehmer und Risikokapitalmanager von der britischen Amadeus Capital Partner: „Europa muss in Grundlagenforschung investieren – und in Start-ups, die diese Technologie zur Marktreife bringen.“ Die Idee aus Brüssel dagegen, mit staatlicher Infrastruktur oder staatlich geförderter Software bereits gut funktionierende private Angebote ersetzen zu wollen, sei unrealistisch.

„Europa hat eine Chance, die Datenanalyse auf Basis der vorhandenen Infrastruktur in der Cloud entscheidend zu beeinflussen – etwa durch die Entwicklung neuer Verschlüsselungs-Algorithmen, die die Arbeit mit Daten erlauben, ohne die Anonymität der Nutzer zu gefährden.“

Den rechtlichen Rahmen dafür will die EU-Kommission in den kommenden Monaten definieren, sagt Thierry Breton, EU-Kommissar für den europäischen Binnenmarkt. Die Auswertung von Daten aus der vernetzten Industrie beginne gerade erst. Bislang werden die Daten aus der Industrie überwiegend zentral gespeichert, künftig direkt an der Maschine ausgewertet.

Edge Computing heißt das, und bei dieser Technologie will Europa führen. Dafür jedoch will Breton sicherstellen, dass diese Datenverarbeitung nur den eigenen Gesetzen und Regeln unterliegt – und nicht auch Gesetzen und Vorgaben aus den Heimatländern von Anbietern aus China und den USA . Dafür benötige man sehr wohl eigene Infrastruktur. Sonst würde man in einer Debatte wie beim Mobilfunkausbau landen.

„Wir haben alles intellektuelle Wissen für den 5G-Ausbau, mehr als die Hälfte der Patente aus dem Bereich stammen aus Europa“, sagt Breton. Anbieter jedoch fehlten. Dieselben Fehler werde man bei künftigen Technologien nicht wiederholen. Auch bei der Zukunftstechnik Quanten-Computing will die EU sich nicht erneut abhängen lassen und investiert deswegen eine Milliarde in die Forschungsförderung.

Gwyneth Paltrows Wellness-Imperium als Netflix-Serie

„Die folgende Serie soll unterhalten und informieren, keine medizinische Beratung darstellen. In Gesundheitsfragen oder vor Beginn einer Behandlung sollten Sie immer Ihren Arzt konsultieren.“ Mit diesem hübschen Disclaimer beginnt jede Folge von Gwyneth Paltrows sechsteiliger Dokusoap The Goop Lab mit Gwyneth Paltrow, die am 24. Jänner auf Netflix startet, und das nicht ohne Grund. In insgesamt sechs einzelnen Folgen unterziehen sich Paltrow, genannt „G._P.“, und ihr Team unterschiedlichen „Therapien“ von unterschiedlichen „Experten“.

Die weltbekannte Schauspielerin (2008 immerhin laut Forbes-Magazin die viertbestbezahlte der Welt) und Oscarpreisträgerin (Shakespeare in Love) lebt nämlich längst nicht mehr vom Kino, sondern hat 2008 mit ihrer Firma Goop ein Lifestyle -Imperium aus dem Boden gestampft.

Man nimmt also auf Jamaika unter dem treu sorgenden Blick der begleitenden älteren Hippies gemeinsam Schwammerln als Teil einer „psychedelischen Psychotherapie“. Man macht mit einem ältlichen Herren, der es besonders gut besonders lang im Kalten aushält, Atemübungen, lässt sich zu Push-ups verdonnern, lenkt „den Atem in jede Körperzelle“, um danach Yoga im Schnee zu machen, ins kleschkalte Wasser zu springen und „Ängste zu überwinden“.

Viva la vulva!

Man lässt ohne Berührung Energieflüsse bearbeiten – bis in subatomare Partikel, Emotionen ändern auch die Zellen! –, und Laura, das fröhliche Medium, kommt zu Wort und liest Energien („It’s so amazing!“).

Hier werden Blockaden überwunden, die „Mindfulness“ gefeiert und Phrasen gedroschen, dass es eine Freude ist, es wird gemeinsam geweint, gefühlt, Traumata werden verarbeitet und einander auf die Schulter geklopft, als gäb’s kein Morgen. (Warum nur haben diese Gurus immer Haare, die über Glatzen kleben, und eine Spur zu wenig körperliche Distanz?)

Alles albern? Nicht ganz. Immerhin widmet sich eine Folge unter der Leitung von Orgasmuslegende Betty Dodson ausschließlich dem weiblichen Orgasmus – und das tatsächlich ziemlich mutig. Gwyneth Paltrow wird also erst einmal geduldig erklärt, dass es Vulva heißt und nicht Vagina, dass die Klitoris samt ihren 8000 Nervenenden erst 2005 erforscht wurde, es werden in Workshops klug, furchtlos und mit viel Schmäh Anatomie, Körperakzeptanz und sexuelle Eigenständigkeit unterrichtet, die Scham nach Hause geschickt und allerhand Kluges über unser verzerrtes Bild der eigenen Genitalien erzählt, samt tatsächlichen Bildern unterschiedlicher Vulven, ein revolutionärer Akt in einer TV-Serie.

Charme trotz Kohlsuppe

Der dann aber doch darunter leidet, wenn eine Folge später über Chia-Pudding, fünftägige reinigende Diäten und das durch Bluttest bestimmte biologische (nicht chronologische!) Alter gesprochen wird und damit in Kombination auch noch mehr oder weniger „sanftere“ Schönheitsmaßnahmen ausprobiert werden. Wobei die ungeschminkte, nach der Behandlung rotgesichtige Paltrow samt Hungergrant trotz Kohlsuppe und Gemüsepulver durchaus gewissen Charme hat („Am dritten Tag fühle ich mich seltsam schwach“ – fühle, Gwyneth, fühle!).

Auch mit den besten Absichten fällt es schwer, lang ironiefrei zu bleiben, nicht umsonst nennt Vice Goop Lab nach den zahlreichen Skandalen um pseudowissenschaftliche ausgepriesene Produkte vom Vagina-Ei bis zum Antidepressionstee „die neueste True-Crime-Serie auf Netflix“.

Machen uns mehr Fitness glücklich?

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Dokusoaps über Selbst- und Fremdverbesserung haben ihre ganz besondere Anziehungskraft, das beweisen Serien über Modeberatung genauso wie über Verkehrskon trollen. Wie sieht die graue Maus aus, wenn man ihr nur das richtige Kleid und die richtige Frisur verpasst? Wird das Leben des Paares mit fünf Kindern besser, wenn nur die Wohnung neu eingerichtet ist? Wird die arme Hausfrau glücklicher, wenn sie schöne Zähne hat und 15 Kilo leichter ist?

Wenn ich zwei kalorienarme Gerichte kochen kann und weiß, wie man ein T-Shirt richtig vorn in die Hose steckt, habe ich dann mein Leben im Griff? Und, die Frage aller Fragen: Machen uns mehr Fitness, ein anderes Aussehen, eine andere Ernährung bittebitte endlich glücklich?

„Ich würde mich gerne verstehen im Kontext eines größeren Universums“, sagt eine Teilnehmerin mit einer gewissen Ernsthaftigkeit – und ja, würden wir das nicht alle? Stärker werden nach dem Motto „Jeder kann das“? Den inneren Schweinehund besiegen? Endlich das Gefühl haben, irgendeine Form von Kontrolle über das eigene Dasein auszuüben?

Luxusprobleme?

Bei allem Hohn für Paltrow steht fest, dass die Frau den Markt für Eso-Heils versprechen nicht erfunden hat, ihn aber erfolgreich bedient. Das Bedürfnis nach körperlicher und seelischer Gesundheit, die bei Einnahme der richtigen Lebens mittel- und Denkzusätze gegen teures Geld risikolos selbst herstellbar ist, im Grunde der Traum vom dadurch verlängerten Leben, ist so alt wie die konsumierende Menschheit. Der Markt für dementsprechende Magazine boomt und hierzulande lassen sich sogar in Apotheken Raumsprays mit dem Titel „Beschütze mich“ erwerben.

Die Zielgruppe von Paltrows 2008 lancierter Lifestylewebsite goop.com sind vor allem wohlhabende Menschen mit Selbstoptimierungsambitionen. Die Gründerin selbst bezeichnet ihre Produktauswahl als „aspirational“, soll meinen, man kann sich so ambitioniert einen anderen Lebens standard immerhin wünschen, wenn schon nicht durchgehend leisten, und tada, die gesunden Hendlrezepte seien schließlich gratis. Dass eine Luxusmarke teure Produkte verkauft, ist mäßig überraschend.

Wer sich auf goop.com in die Untiefen des Lifestylewohlfühlens begibt, landet bei vernünftigen Biobaumwollkleidern ebenso wie beim Spray gegen Energievampire, findet schicke Vibratoren genauso wie „Sprouts IO“, den Hydrokultur-„Smart garden“ für zu Hause zum wohlfeilen Preis von 800 Dollar samt App um läppische 29 Euro pro Monat, mit der man die Pflänzlein auch vom Handy aus beobachten kann („Cute, right?“).

Bienenpollen als Garnitur

Es gibt eine Rolex um 19.558 Dollar und eine Kelly Bag von Hermès um 13.500 Dollar als „Style resolution“. Es gibt Tipps zur aufwandslosen Haarpflege (samt Haarmaske um 58 Dollar), dazu Nudelmaschinen, abenteuerliche und ordentliche Dessous.

Bei einem Rezept steht schon einmal „nach Wunsch mit Bienenpollen garnieren“, die Wasserflasche mit Quarzkristall um 80 Dollar kommt gleich mit. Bei Workout-Clips fehlen natürlich nicht die passenden Produkte. Es gibt Tarotkarten, Meditationspolster (Mit Buchweizenschalen und getrocknetem Lavendel! Der Überzug ist Handwäsche!). Und natürlich die medial vielbeschriebene – und bereits ausverkaufte – Duftkerze mit dem Namen „This smells like my vagina“, duftend nach Geranium, Bergamotte, Zeder und Rose, um wohlfeile 75 Dollar.

Dazwischen finden sich Texte, Interviews und Podcasts zu Themen wie „Wie abwesende Väter unsere erwachsenen Beziehungen prägen“ oder die durchaus sinnvolle Forderung auf Instagram, psychische Erkrankungen ernst zu nehmen. Eine Expertin betont im Interview, nicht viel Make-up zu tragen, und betet dann ihre fünf sündteuren Hautpflegeprodukte runter, die sie vorm Schminken benützt, insofern unterscheidet die Website wenig von einschlägigen Frauenmagazinen.

„Selfcare“, das dezidierte Kümmern um das eigene Wohl, hat einen ganz besonderen Reiz in einer Zeit zunehmenden Tempos und des Zwangs, wirklich alles im Leben erreichen zu müssen. Natürlich ist es sinnvoll, über das eigene Leben, die eigenen Ziele, Familienkonstrukte und Traumata nachzudenken und mit Experten Lösungen zu finden. Doch ein als Magazin getarntes Werbeumfeld ist dafür wohl nur ein mäßig guter Ort.

Dass viele Frauen etwa oft „so fucking tired sind“, hat seinen Grund fix auch im System, Stichwort Doppelbelastung, Altersarmut, ungleiche Vermögensverteilung, Gläserne Decke etc. Doch Goop hat sich eben nicht dem Kampf gegen den Kapitalismus verschrieben, behauptet das auch nicht, sondern schlicht dem Verkauf von Produkten. Und so ist der Skandal wohl nicht, dass ein Luxusschuhdesigner wie Louboutin exklusiv für das Portal sündteure Babyschuhe entwirft, sondern die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, über die es auf goop.com verständlicherweise nur sehr wenig Inspirierendes zu lesen gibt.

Also nein, Weltrevolution wird es durch eine Vagina-Duftkerze keine geben. Und ebenfalls nein, an der Mindfulness liegt es auch nicht, dass reiche Menschen älter werden und gesünder leben. Aber Antworten auf die Klassenfrage sucht hier ebenfalls niemand.

Was also tun mit diesem Sammelsurium an einigen echten Wahrheiten und sehr vielen Binsenweisheiten? Vielleicht eines: sehr achtsam dahinter sein, dass „die wichtigste Erfahrung meines Lebens“ am Ende keine Detoxkur ist.

Wie die Deutsche Welle auf eine Mobbing-Anklage reagiert

Der „Guardian“ ist eine weltweit angesehene Zeitung. Am 14. Januar veröffentlichte das Blatt eine Geschichte über die Deutsche Welle, den deutschen Auslandssender. Die Redaktion, sagte ein Mitarbeiter dem Autoren der Geschichte, sei ein „Sumpf“, es herrsche „ein Klima der Angst“.

Die Vorfälle, die in dem Text genannt werden, sind nicht aus der Luft gegriffen. Es hat sie gegeben, was an sich schlimm ist – und für das Image der Deutschen Welle, die Mitarbeiter aus vielen verschiedenen Nationen beschäftigt, katastrophal.

Aber: die geschilderten Fälle trugen sich nach Aussage des Senders samt und sonders vor mindestens 18 Monaten zu, lägen auch noch „deutlich weiter zurück“. Und darüber berichtet wurde auch, beispielsweise im vergangenen Jahr in der „Zeit“.

Das Management des Senders habe die Vorwürfe „unverzüglich geprüft“ und eine Aufklärungskampagne initiiert. Der Personalrat der Deutschen Welle äußerte sich nach der Veröffentlichung ebenfalls – der Artikel sei „journalistisch unsauber“.

In dieser Ausgabe der „Medien-Woche“ sprechen wir über die Vorwürfe und die Reaktionen. Und wir fragen den Intendanten der Deutschen Welle, Peter Limbourg, wie er mit dieser Kritik umgeht und was sie für den Sender bedeutet. Wie geht man als Medienunternehmen mit Skandalen um?

Außerdem in dieser Ausgabe: Der YouTuber Rezo wechselt seinen Vermarkter. Die „Mitteldeutsche Zeitung“ wird an die Bauer Media Group verkauft. Der Zeitschriftenverlag Ehapa startet „Poopsie“, ein Magazin mit Einhorn-Schleim. Siemens-Chef Joe Kaeser fällt eine vermeintlich smarte Idee voll auf die Füße.

Die „Medien-Woche“ ist ein Podcast über die Welt der Medien und ihre Macher. Christian Meier, Redakteur bei WELT, und Stefan Winterbauer, Redakteur des Branchendienstes Meedia, unterhalten sich immer freitags über die wichtigsten Themen der Woche. Hintergründig, analytisch, unterhaltsam.

Dopamin-Fasten: Schön das Gehirn entrümpeln

Woche zwei im neuen Jahr und die guten Vorsätze wackeln bereits wieder. Dabei ist es doch eigentlich recht simpel: mehr bewegen, weniger trinken, gesünder leben – die übliche Trias der Tugenden eben. Wer da schon ächzt und hadert, dem sei gesagt, dass es die Bewohner des Silicon Valley noch viel härter trifft.

Dort grassiert seit einiger Zeit ein neuer Selbstkasteiungstrend namens Dopamin-Fasten – eine freiwillige Dämpfung jenes körpereigenen Botenstoffs, der im Volksmund auch Glückshormon genannt wird. Die Fastenfans versagen sich also weitestgehend all jene externen Stimuli, die ja gerade die Techszene überhaupt erst auf die Welt losgelassen hat. Keine Streams, keine Likes, keine Bildschirme. So soll das stetig überforderte Hirn, um im Branchenjargon zu bleiben, auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt werden.

Erlaubt sind Tagebuchschreiben und Wassertrinken

Mal davon abgesehen, dass Dopamin mit Glücksmomenten wahrscheinlich relativ wenig zu tun hat – die Medizin vermutet seine Bedeutung vor allem im Bereich der Antriebssteigerung und Motivation -, kann es sicherlich nicht schaden, ein bisschen Abstand zum Geschehen im Netz zu gewinnen. Stundenlang das schöne Leben der Mitmenschen auf Instagram zu begutachten oder sich auf Youtube in die Häschenbauten von allerhand Verschwörungstheorien zu verlieren, hat nachweislich negative Auswirkungen auf die Psyche. Nicht umsonst gibt es in der Ratgeberecke des gut sortierten Buchhandels inzwischen zahlreiche Selbsterfahrungstitel, in denen die Autoren ihre Abenteuer während des Offline-Daseins schildern.

Fatalerweise neigt man in der Bay Area jedoch dazu, die Dinge ein bisschen zu übertreiben, deshalb entsagt ein Dopamin-Asket, der etwas auf sich hält, auch analogen Gesprächen, ja sogar Körper- und Augenkontakt mit seinen Mitmenschen. Erlaubt sind dagegen Tagebuchschreiben, Spazierengehen oder Wassertrinken. Herzlichen Glückwunsch, könnte man jetzt sagen, die Techbranche hat eine alte Kulturpraktik namens Meditation entdeckt. Was Ordensgemeinschaften sämtlicher Glaubensrichtungen schon seit Jahrtausenden praktizieren, findet nun seine zeitgemäße Entsprechung in der Dopamin-Fastenkur. Unter dem neuen Label lässt sich die Entsagung bei gestressten Start-up-Menschen sicherlich besser vermarkten, als wenn man von Mönchsklausur spricht.

Am Ende dient alles dem Zweck, nach der Neurotransmitterabstinenz wieder voll angreifen zu können, wie man so sagt. Danach, so erzählen es überzeugte Anhänger, sei das Gehirn entrümpelt, der Verstand hyperfokussiert und jeglicher Gedanke an Prokrastination verflogen. Schon gibt es zahlreiche Blogs und Selbsthilfevideos mit Millionen Aufrufen, die lehren wollen, wie man sich den Reizen der Gegenwart konsequent entzieht. Zudem streiten mindestens ein Dutzend Influencer und smarte Geschäftsmänner darüber, wer den Trend denn nun wirklich ins Leben gerufen hat.

Das Dopamin-Fasten ist jedoch nicht nur der neueste Ausdruck des in der Start up-Szene grassierenden Hangs zu einfachen technischen Lösungen: Der Körper wird also gehackt, selbst Schlaf und Ernährung sind vor Disruption nicht mehr sicher. Es geht auch um eine tiefer sitzende Sehnsucht nach Transzendenz, immerhin hat das Silicon Valley ja seine Wurzeln in der Hippiebewegung. Früher merkte man das an Yogasitzungen für die Angestellten zwischen anstrengenden Programmiereinheiten, später an kontrollierten LSD-Mikrodosierungen, um die schwächelnde Kreativität neu zu starten. Leider gibt es jedoch auch hirnphysiologische Zweifel an der Fastenkur. Auch Mönche, die sich in ihren Meditationen verlieren, erleben teilweise euphorische Momente in der Stille, das haben Studien gezeigt – und ihre Gehirne setzten dabei Dopamin frei. Es scheint fast so, als sei man nirgends mehr sicher.

Eltern sollten Cybergrooming nicht totschweigen

Fremde Erwachsene, die sich im Netz Kindern nähern – oft mit Missbrauchsabsichten: Das sogenannte Cybergrooming ist ein Alptraum vieler Eltern. Totschweigen sollte man das Thema aber nicht, im Gegenteil. „Wir raten Eltern immer, mit ihren Kindern offen darüber zu reden“, sagt Kristin Langer von der Initiative „Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht“.

Cybergrooming kann Mädchen wie Jungen gleichermaßen treffen, sagt die Expertin. Gefährdet sind Kinder theoretisch in dem Moment, in dem sie selbstständig und privat im Netz unterwegs sind – also zum Beispiel mit dem ersten eigenen Smartphone. Einfallstor für die Cybergroomer sind in der Regel Chats, sei es in Messenger-Apps oder anderswo, in Videospielen etwa.

Von dieser Gefahr müssten Kinder wissen, sagt Langer. Das kann dann etwa so klingen: „Du musst davon ausgehen, dass im Netz Menschen unterwegs sind, die dir oder uns nichts gutes wollen.“

Gut ist, wenn Kinder zudem wissen, wie die Masche Cybergrooming genau funktioniert – also zum Beispiel, dass sich die Täter manchmal als Gleichaltrige ausgeben, manchmal als Casting-Agenten oder Modelscouts. Typisch für solche Anbahnungsversuche ist, dass die Täter nur positiv kommunizieren – mit vielen Versprechen und übertrieben viel Lob.

Schützen können sich Kinder, indem sie sparsam mit Infos über sich umgehen, vom Wohnort über das Alter bis zur Handynummer. „Für Kinder ist es etwas tolles, wenn sie ein eigenes Smartphone und eine eigene Nummer haben, die sie weitergeben können“, so Langer. „Da müssen Eltern entsprechende Aufklärungsarbeit leisten.“

Dazu brauchen Kinder eine Vertrauensperson, an die sie sich bei Fragen oder einem komischen Bauchgefühl wenden können – auch und gerade, wenn das Verhältnis zu den Eltern pubertätsbedingt etwas angespannt ist. „Dann kann das vielleicht ein Patenonkel oder eine Patentante sein, auch eine gleichaltrige Freundin“, so Langer.

Friedensnobelpreisträger kritisiert Tech-Riesen und Eliten

Kapitalismuskritik und eine klare Warnung: Das Streben nach Gewinn und Wachstum hat die Welt an den Rand des Abgrunds geführt, sagt Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus auf der Bühne der Innovationskonferenz DLD in München. „Es ist eine tickende Zeitbombe, sozial, politisch, wirtschaftlich. Es kann so nicht weitergehen.“ Auf der Konferenz, die einst von Begeisterung für das Silicon Valley geprägt war, trat in diesem Jahr tiefgreifendes Misstrauen gegenüber den Technologieriesen zutage. So warnte der CDU-Europapolitiker Axel Voss, Europa könne zur „Digital-Kolonie“ Chinas und der USA verkommen.

Yunus kritisierte, alle wüssten, dass es für ein Umsteuern fast zu spät sei und doch machten alle weiter wie bisher. „Das ist enorm frustrierend.“ Verantwortung dafür tragen aus Sicht von Yunus vor allem die Mächtigen in Politik und Wirtschaft – also auch diejenigen, die sich einmal im Jahr kurz vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos in München auf Einladung des Medienunternehmens Burda in der bayerischen Hauptstadt treffen.

Doch nicht nur Yunus hielt den Teilnehmern einen Spiegel vor. Die philippinische Journalistin Maria Ressa bezichtigte Netzwerke wie Facebook , ihre Plattformen förderten den Aufstieg autoritärer Politiker. Ressa berichtet über Menschenrechtsverletzungen im sogenannten Anti-Drogen-Krieg der philippinischen Regierung. Sie wurde in den vergangenen Jahren festgenommen und bedroht. Facebook gebe Regimekritikern zwar auch die Möglichkeit, ihre Botschaften zu veröffentlichen. Aber: „Wut und Hass verbreiten sich schneller.“ Diese Einschätzung unterstützte der US-Forscher Sinan Aral, der ein umfassendes Archiv von Twitter-Beiträgen ausgewertet hatte.

Darüber, dass Technologie jede Mengen Chancen bietet, herrschte Einigkeit. So eröffneten Entwicklungen wie Quantencomputer der Menschheit nach Ansicht von Merck-Chef Stefan Oschmann Chancen für beispiellosen Fortschritt. Doch die Aufgaben, die dafür gelöst werden müssten, seien ebenso enorm, sagte der Chef des Darmstädter Pharma- und Technologiekonzerns. Das betreffe die technischen Probleme, den Energieverbrauch und nicht zuletzt ethische Fragen, für die es bisher keine eindeutigen Antworten gebe. „Wir müssen die Folgen neuer technischer Lösungen diskutieren“, sagte Oschmann. Es brauche einen neuen Zugang, um neue Technologien zu dem zu machen, was sie sein sollten: keine Bedrohungen, sondern Werkzeuge.

Die Menschen sollten Eigentümer ihrer Daten sein – und heutige Schwergewichte, die die Infrastruktur kontrollieren, müssten aufgespalten werden, sagte der Piraten-Politiker und Mitgründer der Website Pirate Bay, Peter Sunde. Er beklagte die Naivität der Web-Pioniere, die eine utopische Vorstellung von einer freien globalen Netz-Community gehabt hätten. In Wirklichkeit habe sich herausgestellt, dass das Internet dann von denen kontrolliert werde, die über Infrastruktur verfügten.

EU-Kommissar Thierry Breton versprach in München, er werde sich mit Macht für die Interessen der europäischen Technologieunternehmen einsetzen. „Denn schließlich geht es um die Zukunft Europas.“

Die Computerwissenschaftlerin Joy Buolamwini warnte, Diskriminierung und Rassismus im Alltag spiegelten sich auch in künstlicher Intelligenz wider – und könnten bestehende Vorurteile verfestigen. Das sei aus verschiedenen Gründen eine Gefahr. „Zusammen mit meinen Kollegen wollte ich herausfinden: Wie gut können Services wie IBM , Microsoft oder Face++ das Geschlecht eines Gesichts erraten“, sagte Buolamwini in München. Dabei sei herausgekommen: Am schlechtesten funktionieren die Systeme bei schwarzen Frauen. Es gebe Anbieter, die ihre Fähigkeiten Behörden zur Verfügung stellen, um bestimmte ethnische Gruppen in Videos zu identifizieren. Auch das könne Rassismus fördern, sagte Buolamwini.

Wenn einem die ganzen Warnungen noch nicht reichen sollten, müsse man es auf eine Frage reduzieren, sagte Yunus: „Was für ein Leben wünscht ihr euch für eure Enkel?“ Doch es passiere nichts. „Unsere Enkel werden nicht das Leben leben können, das wir kennen.“ Neben den katastrophalen Folgen der Erderwärmung gelte das auch für die soziale Ungerechtigkeit weltweit. Yunus ist Gründer der Bank Grameen, die Mikrokredite an meist arme Frauen vergibt. Dafür bekam der Wirtschaftsforscher 2006 den Friedensnobelpreis.

Die jährlich vom Medienkonzern Burda veranstaltete DLD-Konferenz (Digital Life Design) will eine Brücke zwischen Technologie, Wirtschaft und Kultur schlagen. Zu den zentralen Themen gehören in diesem Jahr der Klimawandel, künstliche Intelligenz und Quantencomputer. Das Motto ist diesmal „What are you adding?“ – etwa: „Was bringst Du ein?“. Die Frage soll zur aktiveren Beteiligung am aktuellen Wandel durch die Digitalisierung animieren.

Das diesjährige Motto sei ihm zunächst fast ein bisschen aggressiv vorgekommen, sagte der Chef der Burda Media Group, Paul-Bernhard Kallen, bei der Eröffnung der seit Jahren auch weltweit beachteten Veranstaltung am Samstag. Doch da man über Gefahren für unsere Demokratien sprechen müsse, sei das Motto genau richtig. Es gehe darum, was jeder tun könne. Das gelte für viele der großen Probleme, egal ob für den enormen Hass in sozialen Netzwerken oder den Klimawandel.

Die Digitalisierung heizt den Boom der Berater an

Die Branche steht 2020 vor einem neuen Rekordjahr. Die Anbieter zeigen sich angesichts prall gefüllter Auftragsbücher durchweg sehr zuversichtlich.

Dieses Bild ergibt eine Umfrage des Handelsblatts und führender deutscher Unternehmensberatungen, darunter McKinsey, BCG, Bain, Oliver Wyman, Roland Berger, Kearney, die IT-fokussierten Beratungen Capgemini und Accenture sowie der Marketing- und Vertriebsspezialist Simon-Kucher.

Sie sind im gesamtwirtschaftlich schwierigen Jahr 2019 nach eigenen Angaben kräftig gewachsen, überwiegend sogar mit zweistelligen Raten. Mehr noch: Die meisten von ihnen peilen ein solches Wachstum auch für dieses Jahr an. Konkrete Umsatzzahlen nennen die Berater nicht.

BDU-Stimmungsindex schnellt hoch

Stand heute zeigt sich: Der seit Jahren anhaltende Beraterboom wird auch 2020 weitergehen. Für die positive Entwicklung der Branche gibt es einen weiteren Indikator. Im vierten Quartal 2019 ist die Stimmungslage unter den Consultants nach zwei rückläufigen Quartalen wieder sprunghaft angestiegen.

Das zeigt der vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) erstellte aktuelle Geschäftsklimaindex, der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Der Sprung um vier Indexpunkte gegen Ende 2019 ist laut BDU der höchste Anstieg des Stimmungsbarometers in den vergangenen drei Jahren.

Damit winkt der Branche ein weiterer kräftiger Zuwachs. 2018 kam sie auf einen Umsatz von knapp 34 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2009 waren es erst 18 Milliarden Euro. Bezieht man die Prognose für 2019 ein, so deutet sich an: Binnen zehn Jahren wird sich das Marktvolumen für Unternehmensberatung praktisch verdoppelt haben.

Die Zukunft gehört den Hologrammen

Augmented-Reality-Brillen, die die Sicht auf die Welt erweitern, indem sie der realen Welt digitale Inhalte hinzufügen, stehen schon seit Jahren immer mal wieder kurz vor dem Durchbruch. Doch bislang fehlen oft die alltagstauglichen Anwendungen, die über einen begrenzten Nutzerkreis hinaus interessant sind und dafür sorgen, dass sich Menschen die derzeit doch recht schweren und etwas unförmigen Brillen aufsetzen. Die Brillen bedienen bislang einen Nischenmarkt oder sie sind gar Verlustbringer.

Einige Hersteller sind daher bereits wieder vom Markt verschwunden, andere wie das US-Start-up Magic Leap, das Milliarden US-Dollar für seine AR-Brille an Risikokapital eingesammelt und mächtig für die Technologie getrommelt hat, kämpfen derzeit mit schwachen Absatzzahlen. Und auch der Internetkonzern Google war ja einst spektakulär mit seiner Datenbrille Google Glass gescheitert, mittlerweile gibt es bereits die zweite sogenannte Enterprise Edition, die nur an Firmen und Entwickler verkauft wird. Bislang werden Augmented-Reality-Brillen vor allem im Arbeitsumfeld eingesetzt, auch weil die Brillen für Privatanwender doch recht teuer sind. Die Hololens 2 von Microsoft kostet beispielsweise 3500 US-Dollar und richtet sich ebenfalls ausschließlich an Geschäftskunden und Entwickler.

Technologie schon bald Standard

Es gibt Museen, die ihren Besuchern solche Brillen zur Verfügung stellen, um sie auf eine Zeitreise zu alten Meistern zu schicken. Mediziner bekommen über diese Brillen im OP beispielsweise Informationen zu Organen angezeigt, Techniker in einer Fabrik sehen mit ihr Hologramme, die ihnen zeigen, wie sie Schritt für Schritt Maschinen reparieren können. Laut einer Studie der Beratungsfirma Capgemini zahlt sich der Einsatz dieser Technologie im Unternehmen auch aus. 82 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass ihre Erwartungen erfüllt oder sogar übertroffen wurden. In drei bis fünf Jahren könnte die Technologie zum Standard gehören, vor allem, weil sie die Produktivität steigert, die Sicherheit erhöht und Geld wie zum Beispiel Reisekosten spart, weil speziell ausgebildete Techniker auch aus der Ferne direkt Anweisungen geben können.

Michael Zawrel, bei Microsoft zuständig für Mixed Reality – ein Sammelbegriff für erweiterte und virtuelle Realität – und die Hololens, kann sich aber durchaus vorstellen, dass es künftig auch für Privatanwender sinnvolle holografische Anwendungen geben wird. „Rund alle zehn Jahre gibt es eine neue Computingwelle, die letzte war die vom PC zum Smartphone und als nächstes kommt sicher Mixed Reality“, glaubt er. Auch beim Mobiltelefon hätten zuerst Unternehmen erkannt, wie es sich produktiv und mit Mehrwert einsetzen lässt.

Auch im privaten Bereich seien etwa Fernwartung oder Reparaturarbeiten ein spannendes Thema. Eine Datenbrille könne auch dem Häuslebauer und Heimwerker zeigen, wie man eine Steckdose einbaut oder eine Spülmaschine repariert. Sie könnte Nutzern bei Hobbys und in der Freizeit helfen, in dem sie zum Beispiel zeigt, wie man einen Rosenstrauch schneidet oder den besten Golfschwung hinbekommt.

Nicht nur Microsoft, auch Facebook-Chef Marc Zuckerberg ist überzeugt, dass sich Augmented Reality kombiniert mit High-Tech-Brillen in diesem Jahrzehnt tatsächlich durchsetzen wird. Bereits 2014 hat der Konzern das Start-up Oculus gekauft, die Firma, die bereits 2013 mit der „Oculus Rift“ ein Virtual-Reality-Headset für Computerspiele herausbrachte. Facebook arbeitet nach eigenen Angaben an einer AR-Brille. Sie trägt derzeit den Codenamen Orion und soll spätestens im Jahr 2023 auf den Markt kommen.

Auch Samsung und Apple investieren Geld und Know-how in diese Brillen und haben bereits entsprechende Patente angemeldet. Und Bosch zeigte kürzlich auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas eine Datenbrille namens Light Drive, die mittels Laser Nachrichten und Bilder anzeigt. Sie soll sich in herkömmliche Brillen integrieren und über das Smartphone steuern lassen und das Hologramm direkt auf die Netzhaut des Nutzers projizieren, allerdings in 2 D und nicht in 3 D.

Digitales Erbe: Hohes Unwissen

Menschen verfassen Testamente für ihre Häuser, Autos und Tagebücher. Um ihr digitales Erbe kümmern sich viele Internetnutzer – wohl auch aus Unwissenheit – aber noch nicht.

Verbraucherschutzministerin Christine Lambrecht will Internetnutzern bei Fragen zu ihrem digitalen Erbe besser helfen. Den Bürgern solle mehr Orientierung geboten werden, sagte sie mit Blick auf eine vom Ministerium geförderte Studie. Die Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie, der Universität Bremen und der Universität Regensburg soll klären, was zum digitalen Nachlass gehört, wie die Rechtslage aussieht und was Verbraucher jetzt schon tun können.

In der Studie wird der digitale Nachlass als „Gesamtheit des digitalen Vermögens“ definiert. Ein bekanntes Beispiel ist das Facebook-Konto. Zum digitalen Nachlass gehören aber auch elektronische Bücher oder heruntergeladene Musik. Auch Meilen bei der Fluggesellschaft, virtuelle Spielfiguren von Computerspielen oder Guthaben bei Zahlungsdienstleistern wie PayPal gehören in diese Kategorie.
Dabei ist es egal, ob die Daten für Marketing & E-Commerce auf Cloud-Servern oder auf der eigenen Festplatte gespeichert sind. Die Autoren unterscheiden zwischen ideellen Werten, wie Urlaubsbildern und Blog-Einträgen, und finanziellen Werten wie elektronischen Büchern oder virtuellem Geld.

Was sagen die Gesetze?

Richter des Bundesgerichtshofs stellten 2018 klar: Auch digitale Inhalte werden vererbt. Grundlage dafür ist der Nutzungsvertrag, den der Verstorbene mit dem Anbieter geschlossen hat. Mit seinem Tod gehe dieser Vertrag auf die Erben über. Sie haben deshalb das Recht, alle Kontoinhalte zu sehen – auch persönliche.

Menschen, die in sozialen Netzwerken wie Facebook erfolgreich nutzen unterwegs sind, müssen sich demnach darauf einstellen, dass vertrauliche Nachrichten nicht auf ewig unter vier Augen bleiben. Der BGH begründete seine Entscheidung damit, dass ein Anbieter wie Facebook Inhalte nicht an eine bestimmte Person, sondern nur an ein bestimmtes Konto übermittelt. Dass jemand mitliest, sei nie ausgeschlossen.

Wie sieht es in der Praxis aus?

Anders als etwa bei Immobilien, ist es bei digitalen Inhalten keine Selbstverständlichkeit, dass die Erben sie bekommen. Oft liegen die Daten für Marketing & E-Commerce auf Cloud-Servern. Welche Daten herausgegeben werden, liegt erstmal bei den Anbietern. Die haben aber in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) oft gar keine Regelung für den Todesfall eines Nutzers. Laut der vorgestellten Studie ist das zum Beispiel beim Zahlungsdienstleister PayPal, beim Internettelefonie-Dienst Skype und der Spielekonsole Sony Playstation der Fall.

Die Vererbbarkeit eines Nutzerkontos in den AGBs komplett auszuschließen, geht nach Einschätzung vieler Experten nicht. Allerdings können der Studie zufolge etwa Film- oder Musikdateien als Lizenz für die Lebenszeit des Käufers verkauft werden.

Wie aktiv kümmern sich Bürger um ihren digitalen Nachlass?

Zwei Drittel der Internetnutzer haben nicht vorgesorgt, wie aus einer Studie des Branchenverbandes Bitkom vom November vergangenen Jahres hervorgeht. Lediglich 13 Prozent der Nutzer regelten ihren digitalen Nachlass vollständig. 18 Prozent kümmerten sich zumindest teilweise darum.

Fast drei Viertel der Befragten, die mindestens teilweise vorgesorgt hatten, haben ihre Zugangsdaten bei einer Vertrauensperson hinterlegt. Etwas mehr als die Hälfte hat eine Vollmacht gegenüber der jeweiligen Plattform ausgestellt, jeder Vierte mit einem Testament vorgesorgt.

Yvonne Bauer baut Zeitungsimperium in Sachsen-Anhalt auf

Die Liste ist ziemlich lang. Rund 600 Zeitschriften in aller Welt bringt der Bauer-Verlag aus Hamburg heraus, gedruckt oder digital: Cosmopolitan, Intouch, Das neue Blatt, Freizeitwoche, Bravo. Dabei steht das Hamburger Medienunternehmen, das inzwischen Bauer Media Group heißt und dessen Umsatz zuletzt mit 11 000 Mitarbeitern bei rund 2,4 Milliarden Euro lag, vor allem für Unterhaltung, oft für eher seichte Inhalte, für Klatsch und Tratsch über Schauspieler, Königshäuser und Prominente aller Klassen. Regenbogenpresse eben, und die ist bei vielen Lesern immer noch gefragt und offenbar ein gutes Geschäft für die Hamburger.

Jetzt aber überrascht Verlegerin und Haupteigentümerin Yvonne Bauer, 42, mit dem Kauf einer Tageszeitung. Vom Kölner Verlagshaus DuMont erwirbt Bauer die Mitteldeutsche Zeitung in Halle. Angeblich geschätzt gut 50 Millionen Euro soll das Regionalblatt kosten. Bauer, Tochter des langjährigen Verlegers Heinz Bauer, hat bislang kaum auf Tagespresse gesetzt, in Sachsen-Anhalt gehört jedoch die Volksstimme in Magdeburg zum Unternehmen. Die beiden Regionalblätter liegen in unmittelbarer Nachbarschaft, auch wenn sich ihr Verbreitungsgebiet kaum überschneidet. Bauer wird mit dem Erwerb zum größten Zeitungsverleger in dem Bundesland. Der Kauf muss nun noch vom Bundeskartellamt genehmigt werden. Marco Fehrecke, der die Mediengruppe Magdeburg leitet, teilte mit: „Über die erwarteten Synergieeffekte mit der Mediengruppe Magdeburg schaffen wir eine gute Ausgangslage, um den regionalen Journalismus in Mitteldeutschland langfristig zu erhalten.“ Offen ist, ob mittelfristig auch ein Zusammengehen der beiden Zeitungen geplant sein könnte.

Die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und die Volksstimme in Magdeburg sind etwa gleich groß und kämpfen mit den gleichen Problemen. Die Verkaufszahlen gehen tendenziell zurück, das Anzeigengeschäft ist wie die Wirtschaftskraft in der Region eher schwach, die Verteilung der Zeitung kostet viel Geld. Die Mitteldeutsche Zeitung bringt derzeit 17 Lokalausgaben heraus und kam im dritten Quartal auf eine verkaufte Auflage von rund 150 000 Exemplaren. Zur Mediengruppe, die insgesamt mit Gewinn gewirtschaftet haben soll, gehören unter anderem das Online-Portal mz.de, die Anzeigenblätter Wochen-Spiegel und Super-Sonntag mit einer wöchentlichen Gesamtauflage von rund 1,3 Millionen, Aktivitäten in Logistik und Druck und der regionale TV-Sender TV Halle.

Wie es mit der Hamburger Morgenpost weitergeht, ist noch unklar

Das Blatt, das zu DDR-Zeiten Freiheit hieß, gehörte seit der Wende zur Kölner DuMont-Gruppe. Deren Chef Christoph Bauer hatte im vergangenen Jahr aber überraschend angekündigt, alle Zeitungsaktivitäten auf den Prüfstand zu stellen und sich gegebenenfalls von ihnen trennen zu wollen. DuMont war mit Printtiteln in Berlin, Hamburg, Halle und Köln aktiv. Zunächst war ein Paketverkauf im Gespräch, doch dafür fand sich kein Interessent. Deshalb wurden die Titel einzeln angeboten. Die Mitteldeutsche Zeitung dürfte die einzige sein, für die ein nennenswerter Kaufpreis erzielt wurde.

Der Berliner Verlag, zu dem unter anderem die Berliner Zeitung und der Berliner Kurier gehört, wurde im vergangenen Herbst an das Unternehmerehepaar Silke und Holger Friedrich abgegeben. Die Transaktion war eine Überraschung: Die beiden, die ihr Geld unter anderem in der Softwarebranche gemacht hatten, waren bisher nicht im Mediengeschäft aktiv. Kurz nach dem Erwerb wurde die Stasi-Vergangenheit von Holger Friedrich bekannt und sorgte für erhebliche Unruhe. Die Investoren wollen die Berliner Zeitung unter anderem zu einer Stimme der Ostdeutschen machen. Wie es mit dem Boulevardtitel Hamburger Morgenpost weitergehen soll, ist derzeit unklar. Die Zeitung verzeichnete besonders hohe Auflagenrückgänge. Zuletzt stand offenbar ein Verkauf, aber auch eine Insolvenz im Raum. Der Betriebsrat forderte bereits, Letzteres auszuschließen.

Italien: Kampf der Medien

In Italien bezichtigen sich die politischen Gegner jeweils der Aufstachelung zu Hass und Gewalt. Die Presse ist mittendrin.

Am späten Mittwochnachmittag ging beim Sitz von Redaktion und Verlag der linksliberalen Tageszeitung „La Repubblica“ an der Via Cristoforo Colombo in Rom eine anonyme Bombendrohung ein. Die Gebäude wurden in aller Eile evakuiert. Gegen 19.45 Uhr konnten Redakteure und Verlagsangestellte in ihre Büros zurückkehren. Die herbeigerufenen Feuerwehrleute hatten keinen Sprengsatz finden können.

Alles spricht dafür, dass der falsche Bombenalarm mit dem Haupttitel der Ausgabe der „Repubblica“ vom Mittwoch zusammenhing. Dort hatte es geheißen: „Cancellare Salvini“ (etwa: „Salvini auslöschen“ oder auch: „Salvini stornieren“). Die Überschrift stand über dem Anreißer zu einem Interview im Innenteil der Zeitung mit dem Fraktionschef der Sozialdemokraten im Abgeordnetenhaus, Graziano Delrio. In dem Gespräch fordert der Politiker des „Partito Democratico“ (PD) vor allem, dass die vom damaligen Innenminister Matteo Salvini durchgesetzten sogenannten Sicherheitsdekrete umgehend kassiert werden. Die Gesetze sehen unter anderem die Sperrung italienischer Häfen und Hoheitsgewässer für die Schiffe privater Hilfsorganisationen mit aus Seenot geretteten Migranten an Bord vor. Außerdem werden hohe Geldstrafen – von bis zu einer Million Euro – bei Zuwiderhandlungen angedroht.
Die Dekrete hatte noch die Koalition von linkspopulistischer Fünf-Sterne-Bewegung unter Luigi Di Maio und der rechtsnationalistischen Lega von Matteo Salvini verabschiedet, die von Juni 2018 bis Anfang August 2019 in Rom an der Macht war. Salvini hatte die erste panpopulistische Koalition in einem EU-Staat platzen lassen, weil er sich mittels vorgezogener Parlamentswahlen vom italienischen Volk „pieni poteri“ (etwa: „die ganze Macht“) geben lassen wollte. Salvinis Plan scheiterte jedoch. Denn statt Neuwahlen gab es in Rom eine neue Linkskoalition von Fünf Sternen und PD, weiterhin unter Führung des parteilosen Juraprofessors Giuseppe Conte.

Selbstverständlich hat Salvini seinen Ehrgeiz, die „ganze Macht“ an sich zu reißen, nicht aufgegeben. Bei den Regionalwahlen in der „roten“ Emilia-Romagna sowie in Kalabrien am 26. Januar hofft er auf weitere regionale Wahlsiege der von der Lega geführten Rechtsparteien und hernach auf den Sturz der labilen Koalition in Rom. Salvini ist seit Wochen unermüdlich auf Wahlkampf in der Emilia-Romagna unterwegs, um die Region nach sieben Jahrzehnten ununterbrochener Herrschaft der Linken „zu befreien“, wie er sagt. Am Mittwoch hielt er bei mehreren Kampagnenauftritten die Titelseite der „Repubblica“ mit der Überschrift „Cancellare Salvini“ in die Höhe. „Dies ist Anstiftung zum Gewaltverbrechen“, rief Salvini. Stets sei es die Linke, die der Rechten vorwerfe, für Hass und Gewalt verantwortlich zu sein. „Aber die einzigen, die Hass und Gewalt auslösen, das sind sie“, rief Salvini vor jubelnden Anhängern. Die Fraktionsvorsitzenden der Lega in beiden Parlamentskammern bezeichneten in einer Stellungnahme die Titelseite des Blattes als „unzweideutiges Zeugnis“ dafür, „dass es die Linke ist, die die Kultur des Hasses pflegt“; zu deren „politischem Erbmaterial“ gehöre es, „keine ihr widersprechenden Positionen zu tolerieren“ und „Andersdenkende auslöschen zu wollen“.

Ohne Salvini unmittelbar mit der Bombendrohung in Verbindung zu bringen, schalt „Repubblica“-Chefredakteur Carlo Verdelli seinerseits den ehemaligen Innenminister als den eigentlichen Angreifer. Bei der umstrittenen Überschrift habe es sich um die sachlich korrekte Zusammenfassung der zentralen Forderung des Interviews mit Delrio gehandelt, die gewohnheitsmäßig mit dem Namen Salvinis in Verbindung gebrachten Immigrationsgesetze auszulöschen, nicht aber die Person oder den Politiker selbst, so Verdelli. Salvini habe die Titelzeile, die schließlich nicht über der Kommentarspalte der Zeitung gestanden habe, absichtlich als „Aufruf zur Menschenjagd“ missverstanden. Stattdessen sei nun die Zeitung zum Gegenstand einer „Jagd auf das Monster“ geworden.

Der Vorfall ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass in Italien eine sachliche Debatte über Migrationspolitik nicht mehr möglich ist – und von den verfeindeten politischen Lagern auch gar nicht mehr gewünscht wird. Derweil wird die zerstrittene Linkskoalition in Rom einzig von der Angst vor Salvini zusammengehalten. Mit vollem Recht hat der PD-Fraktionschef Delrio in der „Repubblica“ angeprangert, die Koalitionspartner seien zu feige, die Sicherheitsgesetze Salvinis formal „auszulöschen“. Denn informell werden auf Druck Brüssels und zumal Berlins die Häfen für private Rettungsschiffe immer wieder geöffnet – am Mittwoch und Donnerstag etwa für die spanische Open Arms in Messina und für die deutsche Sea-Watch 3 in Tarent mit zusammen rund 240 Migranten an Bord –, während die Behörden auf Grundlage der gesetzlichen Bestimmungen horrende Bußgelder gegen die Schiffskapitäne verhängen müssen, ganz nach Salvinis Geschmack.

In Zeitungen wie der „Repubblica“, auch in dem vom selben Verlag herausgegebenen Wochenblatt „L’Espresso“, werden Salvini und die Lega routinemäßig als „Rassisten“ beschrieben. Umgekehrt werfen die Zeitungen und Zeitschriften der Rechten, am Donnerstag etwa das von der Familie des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi herausgegebene Blatt „Il Giornale“, der „radikal schicken“ Linken vor, „politische Lynchjustiz“ zu betreiben. „La Repubblica del odio“ titelte „Il Giornale“. Gemeint war wohl, mit Blick auf das „feindliche“ Blatt: „,La Repubblica‘ des Hasses“. Treffender wäre: „Die Republik des Hasses“. Denn das ist aus Italien geworden.

Disney bringt 2020 den großen Umbruch beim Videostreaming

In diesem Jahr bekommen etablierte Anbieter wie Netflix, Amazon und Sky hierzulande eine starke Konkurrenz: Der bevorstehende Start von Disney+ bringt nicht nur einen neuen Marktteilnehmer, sondern verringert langfristig das Sortiment an Filmen bei allen übrigen Anbietern in Deutschland. Derzeit deutet aber alles darauf hin, dass Deutschland ansonsten erst einmal vor weiteren Erschütterungen des Marktes verschont bleibt. Für Kunden in den USA ist die Entwicklung dramatischer.

In den USA kamen vergangenes Jahr Disney+ sowie Apple TV+ auf den Markt und in diesem Jahr wollen mit Warner Media und NBC Universal zwei weitere Schwergewichte aus dem Filmgeschäft mit eigenen Diensten an den Start gehen. Das könnte dazu führen, dass die Inhalte von Warner Media und NBC Universal langfristig bei anderen Streaming-Plattformen verschwinden. Die Auswahl bei Diensten wie Netflix oder Prime Video wird sich dadurch verringern.

Denn der Videostreamingmarkt funktioniert ganz anders als der Markt für Musikstreaming, wenn es um Abodienste geht. Im Musikbereich haben Anbieter wie Spotify, Amazon, Apple oder Google im Kern die gleiche Musikauswahl. Bei der Auswahl und Menge an Songs gibt es nur in Nuancen Unterschiede zwischen den einzelnen Anbietern.

HBO Max für Deutschland unwahrscheinlich

Ganz anders sieht es im Markt der Videostreamingabos aus. Oftmals gibt es einen Film oder eine Serie nur bei einem Anbieter im Abo. Es kommt zwar vor, dass es den gleichen Film oder die gleiche Serie zugleich etwa bei Sky und Netflix oder bei Netflix und Amazon gibt, aber das ist eher die Ausnahme. Täglich kommen neue Filme oder Serien dazu, dafür verschwinden andere wieder. Es gibt auch international keine Möglichkeit, bei einem Anbieter alle verfügbaren Filme und Serien im Abo anschauen zu können.

Sowohl Warner Media als auch NBC Universal haben bisher keine Angaben dazu gemacht, ob die beiden geplanten Dienste HBO Max und Peacock auch nach Deutschland kommen. Die Wahrscheinlichkeit für einen baldigen Start von HBO Max in Deutschland ist derzeit allerdings äußerst gering. Seit Ende Oktober 2019 ist bekannt, dass Sky und Warner Media ihre langjährige Partnerschaft verlängert haben.

Auch künftig wird es HBO-Serien im Abo in Deutschland also nur bei Sky geben. Zudem wird auch die Erstausstrahlung neuer Filme des Filmstudios Warner Bros. weiterhin auf Sky erfolgen. Wir haben Sky gefragt, welche Laufzeit der Vertrag mit Warner Media hat. Der Anbieter will aber „über die Inhalte der Verträge mit Lizenzgebern keine Angaben machen“. Falls Warner Media mit HBO Max nach Deutschland kommen würde, hätte der Dienst gegen Sky in allen wichtigen Belangen das Nachsehen. Wir haben bei Warner nachgefragt, aber keine Antwort erhalten.

Disney+ startet Ende März

Disney+ kommt dieses Jahr hingegen garantiert nach Deutschland und der Markteintritt des Hollywoodstudios in den Streaming-Markt wird diesen erheblich verändern – ganz anders als der Markteintritt von Apple. Im November 2019 ging Apple TV+ an den Start.

Da Apple ausschließlich auf selbst produzierte Inhalte setzt, konnte das Unternehmen sein Sortiment seit dem Start nur geringfügig auf mittlerweile zehn Serien erweitern. Das ist nichts gegen die derzeit über 1.250 Serien bei Netflix oder die mehr als 680 Serien bei Prime Video.

Das Gesamtsortiment von Apple TV+ kommt derzeit auf magere zwölf Einträge, während Prime Video über 4.300 Titel hat und Netflix auf über 8.100 Titel kommt.

Apple TV+ ist überteuert

Kaum ein Amazon- oder Netflix-Kunde wird sein Abo abbestellen und stattdessen zu Apple TV+ wechseln. Und für das mickrige Angebot von Apple TV+ ist der Preis von 4,99 Euro im Monat eindeutig überteuert. Wird der Abopreis in Bezug auf die Menge an Inhalten gesetzt, ist Apple TV+ in Deutschland 225 Mal so teuer wie Prime Video und 211 Mal so teuer wie Netflix bei Buchung des teuersten 4K-Abos.

Dabei blieb sogar unberücksichtigt, dass es bei Netflix und Prime Video viele Serien mit mehreren Staffeln gibt, während Apple nur eine erste Staffel aller Serien anbieten kann. Würde dabei noch die Menge der verfügbaren Serienstaffeln eingerechnet, fiele das Verhältnis für Apple noch weitaus schlechter aus. Apple hat zwar bereits weitere Staffeln beauftragt, aber die müssen erst einmal produziert werden. Es wird noch Jahre dauern, bis Apple ein zur Konkurrenz vergleichbar vielfältiges Angebot anbieten kann.

Disney nutzt seinen Pool aus Filmen und Serien

Ganz anders ist die Situation bei Disney. Das Hollywoodstudio kann für Disney+ auf einen Film- und Serienfundus zurückgreifen, der in mehreren Jahrzehnten angelegt wurde. In den USA erhalten Abonnenten Zugriff auf Disney-Klassiker wie das Dschungelbuch, Bambi und Pinocchio sowie die Animationsfilme der Pixar-Studios wie Toy Story, Findet Nemo, die Monster AG, Alles steht Kopf oder Coco. Außerdem sind alle Star-Wars-Produktionen sowie sämtliche Marvel-Verfilmungen mit dabei und etliche Spielfilme von 20th Century Fox wie Avatar oder die Filmreihe Fluch der Karibik.

Außerdem wird es die neue Star-Wars-Serie The Mandalorian exklusiv bei Disney+ geben. Im Serienbereich gibt es vor allem Kinderserien, weitere Star-Wars-Serien sowie Marvel-Verfilmungen. Zudem sind Serienklassiker wie Die Simpsons dabei, die es aller Voraussicht nach in Deutschland nicht mehr bei anderen Abodiensten geben wird.

Wer also künftig im Rahmen eines Abos etwa den neuen Animationsfilm Frozen 2 oder den aktuellen Star-Wars-Streifen sehen will, wird wohl ein Abo von Disney+ benötigen. So ganz klar ist das noch nicht, es wäre auch denkbar, dass bestehende Verträge die Pläne von Disney+ durchkreuzen und etwa neue Disney-Streifen doch zuerst weiterhin bei Sky erscheinen. Aber langfristig wird Disney solche Verträge nicht verlängern und dann kommen Zuschauer nicht mehr an Disney+ vorbei.

Sky-Abonnenten haben das Nachsehen

Die größten Einbußen durch den Markteintritt von Disney+ gibt es an dieser Stelle für den Pay-TV-Sender Sky, der ansonsten bisher bei aktuellen Kinofilmen führend gewesen ist und diese zuerst ausstrahlen durfte. Diese Exklusivität geht mit Disney+ verloren und Sky-Kunden müssten ein zusätzliches Abo abschließen, um etwa die neuen Animationsfilme, neue Star-Wars-Folgen oder aktuelle Marvel-Verfilmungen anschauen zu können.

Netflix und Prime Video boten die entsprechenden Filme meist erst nach Sky an. Langfristig wird sich das Sortiment aber auch bei Netflix und Amazon verschlechtern, weil die fast 700 Spielfilme von Disney+ dauerhaft fehlen werden.

In den USA besteht das Sortiment von Disney+ vor allem aus familientauglichem Material und es wäre sehr ungewöhnlich, wenn sich das Angebot hierzulande deutlich von dem in den USA unterscheidet. Im Spielfilmsegment kann sich das Portfolio von Disney durchaus sehen lassen, im Serienbereich ist der Anbieter noch schwach aufgestellt. Zwar haben Prime Video und Netflix derzeit deutlich mehr Filme und Serien im Sortiment, aber da sind auch viel zweit- und drittklassige Inhalte dabei.

Kunden von Disney+ werden hingegen vor allem bekannte und berühmte Hollywood-Filme bekommen, die es dann nicht bei der Konkurrenz geben wird. Und das wird dafür sorgen, dass es Disney auch in Deutschland gelingen wird, aus dem Stand heraus eine ordentliche Zahl an Kunden für sich zu gewinnen. In den USA konnte Disney innerhalb weniger Tage 10 Millionen Abonnenten verzeichnen.

Gute Chancen für Disney+

Der vergleichsweise günstige Monatspreis von 7 Euro für Disney+ könnte zudem dafür sorgen, dass Netflix- oder Prime-Video-Kunden den neuen Anbieter einfach parallel buchen, da die monatlichen Mehrkosten überschaubar sind. Wer aber schon lange das Gefühl hat, bei Netflix, Prime Video oder Sky alle hochwertigen Inhalte angeschaut zu haben, könnte gewillt sein, der etablierten Konkurrenz den Rücken zu kehren und ganz zu Disney+ zu wechseln.

Familien mit Kindern werden Disney+ mögen. Noch nie war es so preisgünstig möglich, auf so viel Disney- und Pixar-Material zuzugreifen. Bisher gab es Disney-Filme zwar bei der Konkurrenz, aber immer nur ausgewählte Titel. So findet man derzeit Coco sowie die Monster AG bei Netflix, nicht aber Nemo oder Alles steht Kopf.

Disney will zumindest langfristig das Sortiment ständig erweitern. In den USA kommt täglich neues Material dazu. Es soll die Ausnahme bleiben, dass Inhalte aus dem Abo entfernt werden, wie es in den USA bei Filmen von 20th Century Fox passiert ist. Der Grund dafür sind noch laufende Verträge mit Lizenznehmern. Sobald diese ausgelaufen sind, sollen aus Disney+ keine Inhalte mehr wegfallen.

Damit unterscheidet sich der Ansatz von Disney+ deutlich von der Konkurrenz. Bei Amazon, Netflix und Sky fliegen im Grunde täglich Inhalte aus dem Abo und es kommen andere dazu. Lediglich die vergleichsweise wenigen Eigenproduktionen sind dauerhaft verfügbar – allerdings ist es mitunter schwer, diese zu erkennen. Im Unterschied zu Netflix und Sky ist Amazon diesbezüglich transparenter für den Kunden.

Übersichtliche Situation bei Amazon

Amazon unterscheidet „bei Prime Video zwischen Amazon Exclusives und Amazon Originals“, wie uns das Unternehmen auf Nachfrage mitteilte. Amazon Originals sind „entweder von Amazon mitentwickelte Formate oder solche, für die Amazon für gewisse Territorien alle Rechte erworben hat“. „Amazon Originals verschwinden in der Regel nicht aus dem für Prime-Mitglieder verfügbaren Angebot“, verspricht der Anbieter.

„Amazon Exclusives sind exklusiv erworbene Lizenzinhalte“, die für den Streamingbereich gelten. Hierbei könne es vorgeschriebene Zeiträume geben, in denen diese Inhalte aus Prime Video genommen würden, weil es anderweitige Lizenzverpflichtungen gebe, erklärt Amazon die Situation. Üblicherweise kommen die Exklusivtitel danach wieder in das Sortiment. „Bei Amazon Exclusives kann es in Ausnahmefällen vorkommen, das Lizenzen nach Ablauf der Lizenz nicht verlängert werden“, sagt Amazon.

Bei Netflix und Sky ist es verworrener

Weniger eindeutig ist die Situation bei Netflix, weil der Anbieter sowohl die selbst produzierten Inhalte als auch exklusiv lizenzierte Ware mit dem Hinweis Netflix Originals versieht. Die Eigenproduktionen müssen nicht aus dem Sortiment genommen werden, teilte Netflix auf Nachfrage mit. Anders sieht es bei Inhalten aus, die nur in bestimmten Regionen als Netflix Originals laufen, die könnten auch aus dem Sortiment verschwinden. Für den Abonnenten ist es nicht ohne weiteres erkennbar, zu welcher der beiden Gruppen ein Netflix Originals gehört.

Auch Sky setzt verstärkt auf Eigenproduktionen – mit ähnlichen Problemen wie bei Netflix. Die Sky-Eigenproduktionen tragen die Bezeichnung Sky Original, aber das bedeutet nicht, dass sich Abonnenten darauf verlassen können, dass die betreffenden Inhalte immer verfügbar sind. So war die Serie Babylon Berlin im März 2019 nicht im Sky-Abo enthalten, obwohl diese als Originaltitel gekennzeichnet ist. Bei Sky-Produktionen wie Das Boot, Der Pass und 8 Tage verspricht Sky hingegen eine dauerhafte Verfügbarkeit. Die Unterschiede zwischen den beiden Arten der Sky Originals erschließt sich für den Abonnenten nicht.

Besonderes Aushängeschild von Sky sind aber vor allem die HBO-Serien wie Game of Thrones oder Westworld. Bei diesen Inhalten ist es jedoch ein ständiges Kommen und Gehen. Serien verschwinden immer mal wieder für einige Zeit und kommen nach einigen Monaten wieder. Das betrifft neue Produktionen, aber auch ältere Serien wie The Wire oder Six Feet Under. Für Kunden wäre es wünschenswert, wenn es mit Sky einen Anbieter gäbe, bei dem alle HBO-Serien dauerhaft verfügbar wären. Ob sich das mit der neuen Lizenzvereinbarung zwischen Warner Media und Sky bessert, ist nicht bekannt. Eine Anfrage dazu ließ Warner unbeantwortet.

Ausblick

Disney+ wird den Markt der Videostreamingabos in Deutschland in diesem Jahr gehörig verändern. Den Wegfall von Inhalten werden Amazon, Netflix und Sky deutlich spüren. Besonders drastisch wird es für Sky sein, weil es dort langfristig nicht mehr alle neuen Hollywood-Blockbuster als erstes geben wird. Alle neuen Star-Wars- und Marvel-Verfilmungen sowie alle Animationsfilme von Disney und Pixar erhalten Streaming-Nutzer nur noch bei Disney+.

In den USA werden die Umwälzungen noch dramatischer ausfallen, weil dort weitere Hollywoodstudios mit eigenen Abodiensten starten. Dort wird es für Kunden also immer aufwendiger, ein möglichst breites Spektrum an Filmen und Serien bei einem Anbieter zu bekommen. Aller Voraussicht nach wird sich der Markt dann so entwickeln, dass Kunden Abos pausieren und nur dann buchen, wenn neue und für sie interessante Inhalte dazugekommen sind.

Vor allem im Filmbereich werden etablierte Anbieter wie Amazon und Netflix erhebliche Nachteile bemerken. Beide bemühen sich zwar, mit Eigenproduktionen ein eigenes Sortiment aufzubauen. Dabei handelt es sich bisher vor allem um Serien, Filme machen einen geringeren Anteil aus. Spielfilme kommen weiterhin zum Großteil von den klassischen Filmstudios. Und wenn diese ihre Inhalte abziehen, bleiben Amazon, Netflix und Co deutlich weniger Inhalte übrig.

Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen in Zahlen und Fakten: alle sind online

Umfragen belegen, dass die Mehrheit der Kinder hierzulande mit 10 Jahren ein eigenes Handy bekommt. Das ist signifikant früher als noch vor fünf Jahren, wo das Einstiegsalter mehrheitlich bei 12 bis 13 Jahren lag.

Wie die Bitkom-Studie „Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt“ ergab, liegt das Smartphone eindeutig vorn in der Gunst der jüngeren Kinder – lediglich in der Gruppe der unter 8-Jährigen sind Tablets weiter verbreitet. Dabei dürfte es sich vor allem um Spielzeugersatz handeln, der wenig Platz benötigt und von den Eltern überall mitgenommen werden kann. Die Tablet-Verbreitung stagniert weitgehend auf einem Niveau von 40 Prozent und wird ab dem Kindesalter von neun Jahren rasant vom Smartphone überholt.

Wenig verwunderlich: Als Messenger ist WhatsApp für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen von überragender Bedeutung. Die Jüngeren greifen auch zu TikTok, Jugendliche ab 14 Jahren nutzen zusätzlich Instagram und Snapchat. Facebook hat in keiner Altersgruppe eine besondere Bedeutung. Wie eine repräsentativen Studie des Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) unter 14 bis 24-Jährigen im Jahr 2018 ergab, halten über 60 Prozent der Befragten WhatsApp sogar für unverzichtbar; YouTube folgt mit einigem Abstand – 16 Prozent wollen die Videoplattform nicht missen.

Nie wieder offline

Ein Leben ohne Internet können sich viele Jugendliche nicht vorstellen: 68 Prozent der 14 bis 24-Jährigen Befragten der DIVSI-Studie wollen online bleiben. Gegenüber 2014 ist das ein leichter Rückgang um 5 Prozent – gleichzeitig stieg die Zahl derer, die Bedenken bei der Allmacht des Webs haben. So sagten 41 Prozent der 14 bis 24-Jährigen, dass es ihnen Angst macht, wenn vieles künftig nur noch übers Web erledigt werden kann.

Schattenseiten

Leider erleben die Jugendlichen nicht nur Schönes, wenn sie im Internet aktiv sind. So erhält die deutliche Mehrheit der Jugendlichen nervende Spam-Mails (65 Prozent), viele wurden bereits über die online Kanäle beleidigt (27 Prozent) oder gemobbt (14 Prozent). Und sie kennen auch die Schattenseiten der ständigen online-Präsenz: 25 Prozent fühlten sich gestört davon, dass andere wissen, was sie gerade tun oder wo sie sind. Die Weitergabe persönlicher Daten an Dritte nervt sie ebenso wie der Verlust persönlicher Daten (12 beziehungsweise 10 Prozent).

Linux-Erfinder Torvalds: Finger weg von Oracles ZFS

Oracles ZFS gilt als eines der modernsten Dateisysteme. Ursprünglich von Sun für Solaris entwickelt, wurde es zwischenzeitlich als Open Source freigegeben und lässt sich so auch bei anderen Unix-Varianten sowie unter Linux nutzen. Bei Ubuntu geht man dabei in der aktuellsten Version sogar so weit, die Installation der Systemdateien auf ZFS zu unterstützen. Der wohl prominenteste Linux-Verfechter hält von all dem allerdings herzlich wenig.

Finger weg

In einem Foreneintrag findet Linux-Gründer Linus Torvalds recht deutliche Worte zur Nutzung von ZFS: „Benutzt kein ZFS. So einfach ist das“. Als zentralen Grund verweist er dabei auf die Lizenzproblematik. Mit der CDDL verwendet ZFS eine Lizenz, die nach Ansicht vieler Experten inkompatibel mit der GPL2 des Kernels ist. Entsprechend sei es unmöglich, ZFS in den Kernel aufzunehmen, so lange Oracle nicht umdenke. Wenn er einmal ein offizielles Schreiben von Oracles Rechtsabteilung oder noch besser von Oracle-Boss Larry Ellison persönlich erhält, könne man ja dann wieder neu diskutieren.

Von Brückenlösungen, die ZFS extern einbinden, hält Torvalds ebenfalls nicht. Diese würden bei Änderungen am Kernel immer wieder zu Problemen führen. Ganz abgesehen davon, dass man hier das Lizenzproblem nicht umschiffe sondern nur an eine andere Stelle verschiebe.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg: “Die 20er werden die Durchbruch-Dekade für AR-Brillen”

Klare Ansage von Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef skizzierte in seinem Neujahrespost, der auf die bisher charakteristischen Jahresherausforderungen verzichtet, seine Vision der technologischen Entwicklungen in den 20er-Jahren. Ganz vorne dabei: Augmented Reality, der dank geeigneter Brillen endlich der Durchbruch gelingen würde. Zuckerberg schwärmt bereits von der „bisher sozialsten und menschlichsten sozialen Tech-Plattform, die bisher erschaffen wurde.“

Jahresherausforderungen sind so Zehnerjahre. Jahr für Jahr verkündete Facebook-Chef Mark Zuckerberg stolz, welcher neuen Herausforderung er sich diesmal stellen wolle – vom Erlernen von Mandarin über das wöchentliche Lesen eines neuen Buches bis zur Herausforderung, die gesamte USA zu bereisen.

Anders im Januar 2020. Mit dem Anbruch des neuen Jahrzehnts verabschiedete sich der 35-Jährige vom mitunter seltsam anmutenden Konzept, jedes Jahr etwas Neues ausprobieren zu wollen. Stattdessen skizzierte Zuckerberg in einem 1500 Worte langen Post seine Vision für die neue Dekade.

Zuckerberg: Augmented Reality-Brillen erleben in den 20ern den Durchbruch

In Bezug auf die technologischen Entwicklungen der Dekade sieht Zuckerberg im Augmented Reality-Bereich das größte Potenzial. “Die Technologie-Plattform der 10er-Jahre war das Smartphone. Während ich glaube, dass Smartphones für den längsten Teil des Jahrzehnts immer noch unsere bevorzugten Geräte sein werden, werden wir irgendwann in den 20er-Jahren den Durchbruch von Augmented Reality-Brillen erleben”, schreibt der Facebook-Chef.

Zuckerbergs Vision von einer Augmented und Virtual Reality-basierten Zukunft ist nicht neu. 2014 unterstrich Facebook die eigenen Ambitionen mit der Übernahme des 3D-Datenbrillen-Anbieters Oculus für zwei Milliarden Dollar.

Milliarden-Übernahme von Oculus als Fingerzeig

“Oculus hat die Möglichkeit, die sozialste Plattform aller Zeiten zu werden, die den Menschen ganz neue Möglichkeiten eröffnen wird, zu arbeiten, zu spielen und zu kommunizieren“, hatte Zuckerberg die ungewöhnliche Übernahme, für die am Ende nach Bonuszahlungen gar 3 Milliarden Dollar fällig wurden, seinerzeit begründet.

Gleichzeitig räumte Zuckerberg bereits 2014 ein, dass das Investment „eine Wette auf die Zukunft der Kommunikation“ sei. „Wir wollen uns darauf konzentrieren, die nächste große Computing-Plattform nach dem Mobile-Zeitalter zu erschaffen“, erklärte der Facebook-Chef seinerzeit.

Sechs Jahre später hat diese Zukunft indes immer noch nicht begonnen, wie Zuckerberg zugibt, doch der 81-fache Dollar-Milliardär bleibt optimistisch. “Auch wenn einige der bisherigen Geräte klobig daherkamen, wird dies (Augmented Reality – A.d.R.) die bisher sozialste und menschlichste Tech-Plattform, die bisher erschaffen wurde”, ist sich Zuckerberg 2020 sicher.

Apple soll bereits mit Hochdruck an einer AR-Brille arbeiten

Auch anderen Digital-Giganten werden im Augmented Reality-Bereich große Ambitionen nachgesagt. So prognostizierte Gene Munster, der sich über ein Jahrzehnt als Analyst für Piper Jaffray ein Namen gemacht hat, ehe er 2017 den Wagnisfinanzierer Loup Ventures mitgründete, bereits vor Jahren den Launch einer Augmented Reality-Brille von Apple als Nachfolgeprodukt für das iPhone.

Der gut vernetzte Apple-Analyst Ming-Chi Kuo rechnet mit einem Launch der Smartbrille für Augmented Reality-Anwendungen, die Apple Glass heißen könnte, bereits 2020, Munster inzwischen 2021, während andere Quellen auf Zeitfenster zwischen 2022 und 2023 verweisen.

Streit um „.org“

Zwischen dem Silicon Valley und der New Yorker Finanzwelt ist ein Streit ausgebrochen, bei dem es zunächst einmal um drei Buchstaben und einen Punkt geht, letztlich aber um die Freiheit im Internet. Die frisch gegründete Investmentfirma Ethos Capital hat mehr als eine Milliarde Dollar für die Internetadressen-Endung .org geboten. Bis März soll der Verkauf gelaufen sein. Das könnte in der realen Welt finstere Konsequenzen haben. Weswegen gewichtige Stimmen gegen den Deal protestierten. Der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, die US-Senatorin und Präsidentschaftswahlkämpferin Elizabeth Warren, aber auch Organisationen, die die Endung nutzen, Greenpeace zum Beispiel, Human Rights Watch und Oxfam.

Die Endung .org gehörte in den Urzeiten des Internets zu den ersten sieben der sogenannten „Top Level Domains“. Die bestimmen am Ende einer Internetadresse, ob eine Website in den Bereich der Wirtschaft gehört (.com), der Bildung (.edu), der amerikanischen Regierung (.gov) oder der nicht staatlichen und gemeinnützigen Organisationen (org). Inzwischen gibt es sehr viel mehr solcher Endungen. Für Länder (wie .de für Deutschland oder .at für Österreich), Industriezweige (.finance oder .sex) und noch einige andere.

Die Endung .org stand immer unter besonderem Schutz, weil viele solcher Organisationen Hilfs- oder politische Arbeit leisten. Bisher verwaltete die gemeinnützige Internet Society die .org-Endung für Icann, die zentrale Vergabestelle für Internetadressen. Die Internet Society könnte den Verwaltungsaufwand nun loswerden und andere Projekte finanzieren.

Sollte eine private Investmentfirma wie Ethos die Endung verwalten, wäre der Schutz allerdings nicht mehr garantiert. Wer eine Endung verwaltet, kann darüber frei verfügen und zum Beispiel Adressen aufkündigen. Ob sich eine private Firma notorischen Beschwerdeführern wie den Regierungen der Türkei oder Saudi-Arabiens widersetzt, wird angezweifelt. Mal abgesehen davon, dass sich die Gebühren erhöhen könnten, was für notorisch unterfinanzierte Hilfsorganisationen ein Problem sein könnte.

Ethos Capital hat eine mächtige Gegnerin bekommen

Wie man mit Adress-Endungen Geld verdienen kann, wissen die beiden Ethos-Capital-Gründer sehr gut. Erik Brooks kaufte für seinen letzten Arbeitgeber Abry Partners die Webadressen-Agentur Donuts. Seine Partnerin Nora Abusitta-Ouri war Senior Vice President bei Icann. Brooks versicherte aber, er werde Ruf und Werte der Plattform respektieren und Gebühren nur mäßig erhöhen.

Nun aber haben sie eine mächtige Gegnerin. Die Investorin Esther Dyson gehört zu den Pionierinnen des Silicon Valley. Sie war auch Gründungsdirektorin von Icann. Den Verkauf von .org an eine Investmentfirma würde sie gerne verhindern. „Es ist nicht abzusehen, wie so eine Firma die Endung nutzen würde. Ob sie beispielsweise unzählige neue .orgs damit aufsetzt, so wie Icann unzählige neue Endungen geschaffen hat.“

Gemeinsam mit sechs weiteren Digitalpionieren will sie eine gemeinnützige Organisation gründen, die .org verwaltet. „Wir suchen nach einer Lösung, die den Bedürfnissen der Öffentlichkeit gerecht wird“, sagt sie. Hört man im Silicon Valley nicht mehr so oft.

Die Zeitschrift „Inamo“ stellt den Betrieb ein

Das Ende kam überraschend und wurde eher einsilbig verkündet. Im Editorial der aktuellen Ausgabe der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift „Inamo“ mit ihrem Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten, die zum Jahresende in den Briefkästen der Abonnenten lag, gab die Redaktion ohne weitere Erläuterungen bekannt, dass sie die Arbeit mit dem vorliegenden Heft einstelle.

Der Zeitpunkt, so scheint es, konnte nicht schlechter gewählt sein: Nach der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch die Vereinigten Staaten steht der Nahe und Mittlere Osten an der Schwelle zur militärischen Eskalation – und eine der wenigen deutschen Fachpublikationen zu der Region löst sich auf? Zumal es auch eine publizistische Generation ist, die da abtritt. Sie hätte zu den aktuellen Entwicklungen sicherlich immer noch einiges zu sagen, verfügte aber offenbar nicht mehr über die Möglichkeiten, die von ehrenamtlicher Arbeit getragene Vierteljahreszeitschrift zu stemmen. Wie der Redaktionsleiter Norbert Mattes dieser Zeitung sagte, hatte „Inamo“ mit einem Abonnentenschwund zu kämpfen, aber vor allem Schwierigkeiten, sich personell für die Zukunft aufzustellen.

Dabei hätte „Inamo“ gerade Grund zum Feiern gehabt. Vor fünfundzwanzig Jahren, Anfang 1995, erschien die erste Ausgabe. Deren Schwerpunkt verwies zugleich auf die Gründungsumstände: „Irak – Vier Jahre nach dem Golfkrieg“ lautete das Thema. Der Irak-Krieg 1991 war in mehrerer Hinsicht eine Zäsur: Medial ist er mit dem Aufstieg des Senders CNN und der Live-Berichterstattung verbunden. Der Krieg beförderte jedoch auch eine teilweise Neuorientierung in der deutschen Nahost-Wissenschaft: Vertreter des Fachs begannen, sich stärker in der Öffentlichkeit zu äußern, um Stereotypen und Feindbildern entgegenzuwirken. Diese Art der Aufklärung hatte selbst ein Feindbild: Fernsehreporter wie Gerhard Konzelmann oder Peter Scholl-Latour. Deren klischeebeladenen Berichten wollte man sachliche Hintergründe entgegenstellen.

In dieser Atmosphäre entstand auch das „Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten“ oder kurz „Inamo“. Gegründet im Umfeld der Universitäten in Berlin und Erlangen, war die Redaktion bis zuletzt in der Hauptstadt angesiedelt. Der Anspruch von „Inamo“ war, eine „von „Regionalfachleuten, aber nicht nur für Fachleute konzipierte Zeitschrift“ zu sein, die „abseits aller Klischees über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur“ des Nahen und Mittleren Ostens berichtet. Unterstützt wurde die Zeitschrift vor allem vom Evangelischen Entwicklungsdienst. Am ehesten könnte man „Inamo“ vielleicht mit „Le Monde diplomatique“ vergleichen: Meinungsbetonte Analysen mit akademischem Einschlag prägten das Blatt, in dem eine dezidiert linke Weltsicht vorherrschte. Als Kritik ließe sich denn auch vermerken, dass die Linie der Texte meist recht absehbar war: Kritik wurde vor allem am Neoliberalismus an der amerikanischen Hegemonialmacht und Israel geübt.

Meist nicht ganz zu Unrecht, aber der Zeitschrift hätte es gutgetan, auch mal gegen den eigenen Strich zu bürsten. Die große Stärke von „Inamo“ lag demgegemüber darin, Hintergründe zu wenig beleuchteten Regionen zu liefern: Der Politologe Werner Ruf schrieb dort schon regelmäßig über Algerien und Tunesien, als sich in Deutschland noch kaum jemand für Nordafrika interessierte. Und das Impressum wies bis zuletzt einen eigenen Redakteur für „Westsahara“ aus. In hundert Ausgaben gab es Schwerpunkte zu allen erdenklichen Themen, immer wieder zum Nahost-Konflikt, aber auch etwa zu Muslimen in Europa. So spartanisch „Inamo“ im Layout daherkam, so bunt und provokant humorvoll waren stets die Titelbilder. Das Cover der Ausgabe zum Thema „Scharia“ von 2009 im Stile alter Horrorfilme wurde sogar als Poster vertrieben.

Das Titelbild der letzten (Doppel-)Ausgabe zeigt ein leeres Kino, auf der Leinwand das „Inamo“-Logo, überschrieben mit „The End“. Im Heft erläutern einunddreißig Experten, warum es eigentlich genug Gründe für die Zeitschrift gäbe, weiterzuexistieren: Ihre Rückblicke auf die vergangenen Jahre und ihre Prognosen für das kommende Vierteljahrhundert fallen wenig rosig aus.

Kritik an Russlands „Anti-Apple-Gesetz“

Ein neues Gesetz, das ab Sommer 2020 gilt, könnte Behörden und Geheimdienst den Zugriff auf Daten von Smartphone- und Tabletnutzern weiter erleichtern. Elektronische Geräte, die in Russland verkauft werden, müssen ab Juli mit Apps und Software russischer Unternehmen ausgestattet sein. Der Kreml argumentiert, damit wolle er russische Unternehmen stärken und Verbraucher vor Datenklau und Cyberangriffen aus dem Ausland schützen. Kritiker widersprechen: Es sei der Versuch, besser an die Daten von Millionen Russen zu kommen und deren Aktivitäten im Netz zu überwachen.

Spätestens seit den Moskauer Massenprotesten von 2012 versucht die russische Regierung immer aggressiver, das Internet zu kontrollieren, blockiert Internetseiten und Apps. Vor Kurzem trat das „Souveräne-Internet-Gesetz“ in Kraft, das es der Regierung ermöglichen soll, im Krisenfall das eigene Internet praktisch vom internationalen Netz abzukoppeln. Immer mehr ausländische Unternehmen werden zudem verpflichtet, die Daten russischer Nutzer auf russischen Servern zu speichern. Und Präsident Wladimir Putin will eine russische Wikipedia aufbauen, eine, die, wie er sagt, „verlässliche Informationen“ biete.

Traditionell war in Russland das Fernsehen Informationsquelle Nummer Eins, doch die Sender werden mittlerweile staatlich kontrolliert, also informieren sich viele Russinnen und Russen lieber im Netz. Kritische Diskussionen finden auf Twitter statt. Über Facebook oder das russische Pendant VKontakte werden Demonstrationen organisiert, staatskritische TV-Formate sind inzwischen zu Youtube abgewandert. Auch der polarisierende Aktivist und Anwalt Alexej Nawalny veröffentlicht online Enthüllungsvideos – mit Millionen Klicks.

Das neue Gesetz ist bereits durch alle Instanzen gegangen und wurde vom Präsidenten unterzeichnet – doch wie so oft, ist es vage geblieben. Denn das ermöglicht es der Regierung, die Regeln im Bedarfsfall ganz in ihrem Sinne auszulegen. Welche ausländischen Unternehmen betroffen sind und welche Apps vorinstalliert werden müssen, soll öffentlich gemacht werden, bevor das Gesetz ab Sommer in Kraft tritt. Doch schon jetzt wird gemutmaßt, wen es wohl treffen könnte – besonders heikel könnte es für Apple werden.

Apple zeigt in China, wie „flexibel“ der Konzern ist

Vertreter des Konzerns sollen dem Onlineportal „The Bell“ zufolge bereits damit gedroht haben, dass das Unternehmen den russischen Markt verlassen könnte, sollte das Gesetz tatsächlich kommen. Denn die Installationspflicht würde das Geschäftsprinzip des Konzerns verletzen: Apple-Geräte werden grundsätzlich ohne vorinstallierte Apps und Browser von Drittanbietern verkauft. Russische Medien sprechen deswegen bereits vom „Anti-Apple-Gesetz“.

Doch dass der Konzern Russland tatsächlich verlässt, hält der Moskauer Analyst des Finanzmaklers Aton, Victor Dima, für unrealistisch: „Damit würde Apple den russischen Markt der Konkurrenz überlassen, das ergibt keinen Sinn.“ Zwar ist der russische Markt für Apple nicht der wichtigste – in den USA, China oder der EU verkauft der Konzern deutlich mehr. Doch die Position im Land ist dennoch lukrativ: Apple ist die Nummer zwei auf dem Markt, nur knapp hinter Samsung. Will man so etwas aufgeben?

Auf Anfrage der SZ äußerte sich der Konzern nicht. Allerdings hat sich Apple zuletzt in der Auseinandersetzung mit Regierungen doch sehr flexibel gezeigt. In China beispielsweise, wo der Staat das Internet rigide kontrolliert, machte Apple bereits Zugeständnisse. So entfernte man auf Druck Pekings mehrere Apps und ein regierungskritisches Emoji.

Nachteile für russische Nutzer und Unternehmen?

Ähnlich beweglich könnte sich Apple nun auch in Russland zeigen – und beispielsweise Yandex als Browser vorinstallieren. Der Anbieter konkurriert in Russland sehr erfolgreich mit Google. Seit Kurzem gibt es bei der russischen Suchmaschine ein neues Führungsgremium mit staatlichen Vertretern – auch hier hat der Kreml seinen Einfluss erweitert.

Den Schaden hätten die Nutzer, fürchtet die Berliner Politikwissenschaftlerin Alena Epifanova. Durch das Gesetz könnten nicht nur deren Daten vom Staat abgegriffen werden, ganz praktisch hieße es wohl auch: Wenn erst bestimmte Apps vorinstalliert werden müssten, kämen neue Handys in Russland wohl später auf den Markt und würden teurer.

Und noch ein Risiko sieht Epifanova: „Derzeit konkurrieren die russischen Unternehmen noch mit internationalen Konzernen und müssen auf hohem Niveau mithalten. Kommt das neue Gesetz, wird dieser Wettbewerb eingeschränkt, wodurch die Qualität der russischen Software sinken dürfte.“ Welche Apps und welche Unternehmen bevorzugt würden, sei aber nicht nachvollziehbar.

Digital, crossmedial: Was Medienhäuser 2020 planen

Die Auflagen von gedruckten Zeitungen gehen zurück, im Internet gibt es mehr und mehr Bezahl-Modelle für Journalismus. Digital wird für Redaktionen immer wichtiger. Wie stellen sich Medienhäuser in Deutschland 2020 auf?

Immer mehr Streaming-Dienste konkurrieren mit dem klassischen Fernsehmarkt. Auflagen von gedruckten Zeitungen und Magazinen sinken seit Jahren – im Gegenzug entstehen neue digitale Produkte. Die digitale Transformation im Journalismus wird auch 2020 Medienhäuser stark beschäftigen. Wie stellen sich Verlage, Sender und Medienhäuser mit ihren Redaktionen auf und welche Projekte stehen an?

Kooperation

Der Medienkonzern Axel Springer Website Optimierung in Berlin, zu dem die Marken „Bild“ und „Welt“ gehören, setzt auf die Kooperation mit dem US-Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts (KKR), um im Digitalen weiter zu wachsen. Unlängst wurde die Übernahme von mehr als 40 Prozent der Springer-Aktien von Kartellbehörden freigegeben.

Vom Medienkonzern heißt es: „In den nächsten drei Jahren wollen wir bei unseren deutschen News MediaJetzt informieren Angeboten insgesamt mehr als 100 Millionen Euro investieren, vor allem in eine Live-Video-Strategie von ‚Bild‘. Bei ‚Welt‘ und ‚Bild‘ wollen wir außerdem die digitale Abonnentenbasis erheblich ausbauen.“ Auch ein wichtiges Projekt für Springer: Von Frühjahr 2020 an sollen nach und nach verschiedene Unternehmensteile in den neuen Redaktions- und Bürokomplex am Berliner Verlagsstandort ziehen.
Springer hält auch beim Berliner Medien-Start-up MediaJetzt informieren Pioneer des Journalisten Gabor Steingart Anteile, das in einigen Monaten mit besonderen Redaktionsräumen aufwarten will. Im Mai beginnt der Stapellauf eines Medienschiffes („Pioneer One“), wie aus einem Morning Briefing von Dezember hervorgeht. Das Redaktionsschiff soll im Regierungsviertel in Berlin auf der Spree fahren.

Digital, digital, digital

Medienhäuser investieren weiter in digitale Angebote. Der Chefredakteur der überregionalen „Tageszeitung“ in der Hauptstadt, Georg Löwisch, sagt: „Wir machen die digitale Tageszeitung neu. Nach Neujahr schicken wir eine Beta-Version der neuen taz-App für Android und iOS in den Praxistest. In der ersten Jahreshälfte soll die neue App dann regulär starten.“ Perspektivisch hat die „Tageszeitung“ vor, unter der Woche nur noch digitalDienstleister zu erscheinen.

Ein weiteres Beispiel für Pläne im Digitalen: Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) stellt seine Nachrichtenangebote neu auf, um neben den TV-Marken „heute“ und „heute journal“ auch im InternetJetzt informieren präsenter zu sein. Wie der Sender mitteilt, steht ein Relaunch der Nachrichten-App „ZDFheute“ im ersten Halbjahr an.

Auch die Medienholding Süd, zu der unter anderem „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“ gehören, will 2020 ihre Medienhausstrategie der Regionalzeitungen weiter umsetzen. „Dies bedeutet etwa, dass die Zeitungen und Medien mehr digitale Produkte und ServicesJetzt informieren anbieten werden. Der Fokus der Arbeit liegt weiterhin auf hochwertiger, regionaler Berichterstattung in Print und digital“, wie es von der Südwestdeutschen Medienholding, zu der die Medienholding Süd gehört, heißt. 2019 hätten die Webseiten der beiden Stuttgarter Blätter rund 50 Prozent mehr Zugriffe und NutzerWeiterlesen gehabt als noch im Jahr davor.

Crossmedial

Die Mediengruppe RTL setzt weiter auf den Aufbau einer crossmedialen Redaktion. Die Chefredakteurin der Zentralredaktion der Mediengruppe RTL Deutschland, Tanit Koch, sagt: „Die journalistischen Inhalte der Mediengruppe RTL erreichen täglich rund 20 Millionen Menschen. Diese Position soll durch ein künftig gut orchestriertes Zusammenspiel von TV, Digital und SocialJetzt informieren weiter ausgebaut werden. Daher bauen wir im Projekt ‚Inhalteherz‘ derzeit Schritt für Schritt eine gemeinsame, crossmediale Redaktion für alle journalistischen Angebote der Mediengruppe RTL auf.“ Es sollen Ressorts nach thematischen Schwerpunkten entstehen.

Auch beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in Hamburg wird Vernetzung von Print und OnlineJetzt informieren weiter Thema sein. Das Jahr 2019 sei intensiv dafür genutzt worden, die beiden „Spiegel“-Redaktionen auf allen Ebenen zusammenzuführen, heißt es vom Verlag. Der Fusionsprozess soll weiter vorangetrieben werden. Im Januar soll auch der neue digitale „Spiegel“ starten. „Spiegel Online“ bekomme einen „rundum erneuerten Auftritt im InternetJetzt informieren, in seinen Apps und auf allen anderen digitalen Plattformen – und heißt zukünftig ‚Der Spiegel‘.“

Auch neue redaktionelle Inhalte seien geplant, unter anderem soll das Audioangebot ausgebaut werden. Auch neue Print-Produkte sind angedacht, darunter erstmals ein von Lesern kuratiertes Magazin mit den besten „Spiegel“-Geschichten.

Themen: Klimawandel, Energiewende

Der Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, Giovanni di Lorenzo, sagt über Themen, die 2020 anstehen: „Eine der größten thematischen Herausforderungen wird es sein, wie wir den Klimawandel journalistisch weiter begleiten können, ohne dass wir durch ein Überangebot Verdruss bei den Lesern schaffen – noch bevor die Rettung der Welt überhaupt in Angriff genommen wird!“

Der Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (dazu zählt auch das „Flensburger Tageblatt“), Stefan Hans Kläsener, nennt unter anderem die Energiewende als politisches Thema, das weiter ansteht. Auf die Region bezogen sagt er: „International wird es mit den Feierlichkeiten zu 100 Jahren deutsch-dänischer Grenze, die Minderheiten auf beiden Seiten schuf und dennoch friedlich und demokratisch gezogen wurde. Dazu haben wir eine begleitende Berichterstattung, teils gleichlautend in unseren dänisch- oder deutschsprachigen Partnermedien beiderseits der Grenze. Das ist europaweit etwas einzigartiges, und wir hüten dieses Pflänzchen sehr gegen alle Widerstände, und seien es Wildschweinzäune.“

Neue Angebote, neue Aufgaben

Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber kündigt für das erste Quartal 2020 einen Frühpodcast an. „Er soll unseren erfolgreichen Podcast ‚Der Tag‘ ergänzen, der immer montags bis freitags ab 17.00 Uhr abrufbereit ist.“ Er betont: „Der Audiomarkt verändert sich rasant, wir beobachten das sehr genau. Beim Thema Podcast sind wir eigentlich ständig in der Neuentwicklung.“ Vom Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr heißt es, dass die neuen Magazine, vor allem im Segment Persönlichkeitsmagazine (dazu zählt etwa „Guido“), weiterentwickelt werden sollen.

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) plant zum Schwerpunkt 250. Geburtstag des Komponisten Ludwig van Beethoven unter anderem dies: ein Spiel per App. Es soll Gamer und Beethoven-Fans ansprechen, wie der Sender mitteilt. Auf den WDR kommen zudem große Aufgaben 2020 und 2021 zu: Er hat den ARD-Vorsitz inne. In dieser Zeit wird es auch um den künftigen Rundfunkbeitrag gehen und um den Medienstaatsvertrag, der Regeln für den Rundfunk aber auch Plattformen im Internet, die Medieninhalte bereitstellen, festlegt. Zudem hat der WDR innerhalb der ARD die Federführung bei der Berichterstattung über die Fußball-Europameisterschaft.

„Abo first“

Zur Strategie, um Erlöse zu steigern, nennt der Geschäftsführer der „Zeit“-Verlagsgruppe, Rainer Esser, als größte Säule des Geschäfts das „starke Abonnement“ und ein wachsendes Digitalgeschäft. „Deshalb stecken wir große Kraft in ‚Abo First‘ und in die Vernetzung unserer Print- und Digitalangebote, von der digitalen Zeit über Zeit Online bis hin zu unseren Podcasts, zum Zeit Shop und zur Zeit Akademie.

GAFA 2020: Vor diesen Herausforderungen stehen Google, Amazon, Facebook und Apple in der neuen Dekade

Zehn goldene Jahre liegen hinter den Digitalchampions: In der vergangenen Dekade stiegen Google, Apple, Facebook und Amazon unter dem Akronym GAFA zu den dominierenden und wertvollsten Konzernen der Welt auf. Aktionäre, die in den Zehnerjahren auf die Tech- und Internet-Giganten setzten, konnten enorme Kurszuwächse einfahren. Doch in den 20er-Jahren stehen die Platzhirsche der Digitalwirtschaft vor den Herausforderungen mittelalter Konzerne – und sind im Visier der Politik.

Es war keine Raketenwissenschaft. Als Google, Apple, Amazon und Facebook vor zehn Jahren in die neue Dekade starteten, deutete sich die Dominanz des Viergestirns der US-Digitalwirtschaft, aus dem Analysten das Akronym GAFA machen sollten, längst an.

Das iPhone war zweieinhalb Jahre alt, hatte seinen Siegeszug aber bereits begonnen, das iPad stand unmittelbar vor dem Launch, Google zementierte seine Vormachtstellung im mobilen Internet durch Android, während Facebook die Welt mit dem gerade eingeführten Like-Button süchtig machte. Amazon wuchs unterdessen immer weiter. Dass die GAFA-Giganten die Zehnerjahre maßgeblich bestimmen würden, war zum Dekadenwechsel keine Überraschung – das Ausmaß der Dominanz dagegen schon.

Apple, Amazon und Facebook haben ihren Wert in den 10er-Jahren (mehr als) verzehnfacht

Der unglaubliche Siegeszug der GAFA-Konzerne lässt sich unterdessen am eindrucksvollsten an der Wall Street nachvollziehen. Zum Jahreswechsel vor zehn Jahren war Microsoft mit einem Börsenwert von 246 Milliarden Dollar der wertvollste Techkonzern der Welt. Nach einer beeindruckenden Neuerfindung unter Satya Nadella ist der Redmonder Softwareriese eine Dekade später fast eine Billion Dollar (!) wertvoller.

Die Wertsteigerung der GAFA-Konzerne ist noch bemerkenswerter. Apple notierte Ende 2009 splitbereinigt noch bei 30 Dollar je Aktie, vergangene Woche waren es fast 300 Dollar – der iKonzern ist eine Dekade später damit mehr als 1,1 Billionen Dollar wertvoller. Facebook war unterdessen vor zehn Jahren noch gar nicht an der Börse gelistet war, am Sekundärmarkt aber mit kaum mehr als 50 Milliarden Dollar bewertet, was per Ende 2019 der Wertsteigerung um den Faktor zwölf entspricht.

Jeff Bezos gelang unterdessen der größte Coup der GAFA-CEOs: Die Amazon-Aktie legte binnen einer Dekade gar um mehr als 1.300 Prozent zu. Lediglich die Google-Mutter Alphabet fällt beim Wertzuwachs gegenüber den anderen GAFA-Konzernen mit einem Plus von “nur” rund 300 Prozent in der vergangenen Dekade etwas ab, hat sich damit aber immer noch besser entwickelt als die Leitindizes.

GAFA 2020: Kann sich die Erfolgsstory wiederholen?

Allein: Nach dem Gesetz der großen Zahlen scheint klar, dass sich diese einzigartige Erfolgsgeschichte der Digitalchampions in den 20er-Jahren nicht wiederholen wird – ansonsten würden die GAFA-Riesen gegen Ende 2029 zu Zehn-Billionen-Dollar-Kolossen aufsteigen.

Wirtschaftlich zeigen alle GAFA-Giganten zudem die Spuren mittelalter Konzerne – inklusive erster Ermüdungserscheinungen. Facebook wird im Februar 16 Jahre alt, Google im Oktober 22, Amazon im Juli 26, Apple im April gar 44 Jahre. Entsprechend ist das Wachstum erlahmt: Apples Umsätze und Gewinne schrumpften im vergangenen Geschäftsjahr erstmals seit über 17 Jahren wieder, während Googles, Amazons und Facebooks Erlöse immerhin noch um respektable 20 bis 28 Prozent zulegten.

Erlahmendes Wachstum droht

Hält der Trend an, dürften alle GAFA-Konzerne in den 20er-Jahren ein Wachstumsproblem bekommen, weil das Kerngeschäft in den Schlüsselmärkten an seine Grenzen stößt. Apple bleibt die iPhone-Company, die trotz aller Bemühungen das Service- und Wearable-Geschäft zu stärken, auf absehbare Zeit weiter vom Erfolg ihres Kultsmartphones abhängig ist.

Google trifft der One-Trick-Pony-Vorwurf noch schwerer: Trotz aller Moonshot-Bemühungen bleibt der wertvollste Internetkonzern der Welt von seinem suchbasierten Anzeigengeschäft abhängig, das weiter für über 90 Prozent der Erlöse verantwortlich ist.

Auf der Suche nach dem nächsten “one more thing”

Amazon und Facebook scheinen bei der Diversifizierung ihres Geschäftsmodells einen Schritt weiter. Amazons Börsenerfolg wurde maßgeblich durch das Wachstum der Cloudsparte Amazon Web Services (AWS) befeuert, während Mark Zuckerberg mit der Akquisition von Instagram die vielleicht zukunftsweisendste Übernahme der Internetgeschichte gelang. Der Wert des 2012 übernommen Foto-Netzwerks wird bereits auf 200 Milliarden Dollar taxiert.
Doch auch das Wachstum von AWS und Instagram ist endlich. Entsprechend stehen alle GAFA-Konzerne in der neuen Dekade vor der großen Aufgabe, sich früher oder später neu zu erfinden und mit dem einen oder anderen “one more thing” einen Volltreffer zu landen – seien es iGlasses, ein iCar, ein durchschlagender Erfolg der autonomen Autosparte Waymo, der Digitalwährung Libra, kommerzielle Drohnenlieferungen oder andere AI-Bemühungen.
Wer folgt auf Tim Cook und Jeff Bezos?

Vor einer anderen Herausforderung stehen die GAFA-Giganten auf personeller Ebene. Mit Ausnahme von Alphabet, das seit Dezember von Google-CEO Sundar Pichai geführt wird, haben die Digitalchampions der USA eine personelle Neuaufstellung bisher vermieden. Apple-CEO Tim Cook ist seit neun Jahren im Amt, die Gründer Mark Zuckerberg und Jeff Bezos führen ihre Unternehmen seit nunmehr 16 bzw. gar 26 Jahren.

Während der erst 35-jährige Zuckerberg theoretisch noch bis in die zweite Jahrhunderthälfte die Geschäfte bei Facebook führen könnte, zeichnen sich bei Apple und irgendwann Amazon CEO-Wechsel ab: Tim Cook wird in diesem Jahr 60, Jeff Bezos 56. So erfolgreich Bezos und Cook Amazon und Apple in den vergangenen Jahren geführt haben, so schwierig erscheint eine geeignete Nachfolgeregelung, die beim iKonzern als erstem der GAFA-Riesen auf der Agenda stehen dürfte.

Politischer Druck dürfte wachsen

Weitaus unmittelbareres Ungemach droht dem Internettrio aus Washington. Während Apple-CEO Tim Cook viel Geschick im Umgang mit US-Präsident Donald Trump bewiesen hat, sind Facebook, Amazon und Google gefährdet, ins Visier von Kartellrechtlern zu geraten.

Vor allem Facebook ist in den vergangenen zwei Jahren im Zuge unzähliger Datenschutzskandale inin die Kritik geraten und könnte bei einem Machtwechsel in Washington, vor allem wenn sich im November ein/e linksliberale/r Kandidat/in wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren durchsetzen sollte, regulativen Eingriffen unterworfen werden, die am Ende zu einer Ab- oder gar Aufspaltung von Unternehmensteilen führen könnten.

Huawei: „Überleben ist unsere erste Priorität“

Trotz des Drucks der USA auf den chinesischen Telekomriesen Huawei hat der Konzern seinen Umsatz im auslaufenden Jahr um rund 18 Prozent steigern können. Der Zuwachs auf 850 Milliarden Yuan, umgerechnet 108 Milliarden Euro, war „etwas weniger als unsere anfänglichen Vorhersagen“, sagte Huawei-Chef Eric Xu in einer Neujahrsbotschaft an die 190.000 Mitarbeiter. Im Vorjahr waren die Einnahmen um 19,5 Prozent gestiegen.

Der größte Netzwerkausrüster und zweitgrößte Smartphone-Hersteller der Welt blickt auf das komplizierteste Jahr seiner 32-jährigen Geschichte zurück. Die USA gehen massiv gegen Huawei vor und werfen dem Unternehmen mögliche Spionage vor, ohne bislang öffentlich Beweise dafür vorgelegt zu haben. So wurde Huawei auf eine schwarze Liste gesetzt und als Gefahr für die nationale Sicherheit eingestuft, die Kooperation mit US-Firmen wurde beschränkt.

Auch drängen die USA ihre Partner wie Deutschland und andere Staaten, bei Ausbau ihrer Mobilfunknetze auf den schnellen 5G-Standard keine Technik von Huawei einzusetzen. In seiner Botschaft äußerte Xu die Erwartung, dass das Unternehmen auch im neuen Jahr auf der schwarzen Liste bleiben wird. „Es wird ein schwieriges Jahr für uns.“

Das Wachstum werde auch geringer als in der ersten Jahreshälfte 2019 ausfallen, was dem Rest des auslaufenden Jahres noch Schwung gegeben habe. „Überleben ist unsere erste Priorität.“ Der Huawei-Vorsitzende kündigte an, die eigenen Systeme für seine Huawei Mobile Services (HMS) energisch auszubauen.

Mate 30 notgedrungen ohne Googles Betriebssystem

Wegen der Handelsbeschränkungen kann Huawei beispielsweise bei seinem neuesten Smartphone Mate 30 nicht auf Googles Betriebssystem Android zurückgreifen. Auf diesem Grund treibt das Unternehmen die Entwicklung seines eigenen Betriebssystems beschleunigt voran. Xu berichtete, trotz aller Probleme habe Huawei im auslaufenden Jahr 240 Millionen Smartphones ausgeliefert – 17 Prozent mehr als 2018.

Ein weiteres Problem für Huawei sind verschiedene Strafverfahren in den USA. Auch steht die Finanzchefin und Tochter des Unternehmensgründers, Meng Wanzhou, seit mehr als einem Jahr in Kanada unter Hausarrest, während die USA sich um ihre Auslieferung bemühen. Ihr wird Bankbetrug im Zusammenhang mit der Umgehung der Sanktionen gegen den Iran vorgeworfen.

Der Amazon-Algorithmus lässt jeden Streik wirkungslos verpuffen

Der Onlinehändler perfektioniert seine Auslieferungsmaschinerie. Die Logistikzentren sind so gut aufeinander abgestimmt, dass weder schlechtes Wetter noch Streikaktionen die Paketsendungen stoppen können. Sogar die Gewerkschaft profitiert davon.

Im zweiten Stock des Amazon-Logistikzentrums Frankenthal rollen die Roboter, mit denen der Konzern die Streikmacht der Gewerkschaft Ver.di umfahren will. Die orangefarbenen Stapler sind flach genug, sich unter Regale voller Waren zu schieben. Und stark genug, die Pakete anzuheben und durchs Lager zu fahren.

Das Roboterlager ist eingezäunt wie ein riesiger Raubtierkäfig, nur ausgebildete Techniker dürfen in den Käfig, wenn etwas schiefläuft. Das passiert selten. Die Roboter übernehmen den Job, für den Amazon in anderen Lagern noch Menschen beschäftigt. Denn Roboter gründen keine Gewerkschaft, und sie streiken nicht.

Sie bringen die Regale mit den Waren an ein Fließband am Rande des Lagers. Dort, an Lücken im Käfigzaun, nehmen dann Arbeiter die Güter in die Hand und packen sie aus dem Regal in Plastikkisten. Dann rollen die Kisten auf Laufbändern davon, gesteuert vom selben Algorithmus, der die Roboter lenkt. Die Rolle des Menschen ist auf wenige Handgriffe beschränkt: einräumen, ausräumen, ins Paket legen, zukleben.

Das Lager in Frankenthal ist eines der beiden neuesten Amazon-Logistikzentren in Deutschland. Es war erstmals zum Weihnachtsgeschäft 2018 voll einsatzfähig, in diesem Jahr schaffen die Roboter mehr als eine halbe Million Pakete täglich. Sie tragen viel dazu bei, dass der Konzern auch zur Spitzenzeit des Onlineshoppings im Advent sein großes Versprechen hält und teils am Tag der Bestellung ausliefert.

Einige Hundert Kilometer weiter, am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld, tun mitten im Weihnachtsgeschäft gut 500 Amazon-Arbeiter alles, damit diese auf Perfektion getrimmte Maschine ins Stocken gerät. Sie sind in der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di organisiert, streiken für einen Tarifvertrag nach den Tarifen, die Ver.di mit Einzelhandelskonzernen aushandelt.

„Wir streiken hier seit 2013 für den Tarifvertrag“, sagt Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke. „Wir haben seitdem als Gewerkschaft einiges erreicht, bessere Arbeitsbedingungen, Pausenräume.“ Nur in Sachen Tarifvertrag, muss sie eingestehen, bewegt sich Amazon bisher keinen Zentimeter. Der Streik zu Weihnachten ist daher fast schon eine Gewerkschaftstradition wie die Kundgebungen am 1. Mai. Ähnlich ritualisiert, ähnlich folgenlos.

Der Algorithmus kann die Arbeit umverteilen

Amazons Algorithmus hat gelernt, dass er in dieser Zeit die Arbeit anders verteilen muss. Der Streik ist eingeplant wie im Winter morgendliche Glätte auf den Autobahnen oder Baustellen an der Lagerzufahrt. Das System misst in Echtzeit die Leistungsfähigkeit der Versandzentren, verteilt die Bestellungen entsprechend.

Das heißt, Saisonarbeiter am betroffenen Standort, Roboter in anderen Lagern, die gesamte Logistikmaschine mit Lagern in Polen, Frankreich, Benelux und schnellen Lkw-Transfers über Nacht arbeiten daran, Störungen oder Streiks in Bad Hersfeld, Leipzig oder Koblenz auszugleichen.

„Würde die Gewerkschaft anderswo streiken, sie könnte einfacher etwas erreichen“, sagt der Ökonom Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. „Aber Amazon ist sicherlich der Streik mit der höchsten Symbolkraft, hier will man keine Niederlage eingestehen.“

Ähnlich sieht es Claus Schnabel, Arbeitsmarktforscher der Universität Erlangen-Nürnberg. „Auch wenn der Streik nicht erfolgreich ist, sorgt er doch für Aufmerksamkeit und signalisiert, dass Ver.di sich unermüdlich für die Arbeitnehmer einsetzt. Das mag für die Mitgliederwerbung hilfreich sein.“

In vielerlei Hinsicht sei der Amazon-Ausstand für Ver.di also der fast perfekte Streik, sagt Gewerkschaftsexperte Lesch: „Die Gewerkschaft erreicht jedes Jahr zu Weihnachten viel Aufmerksamkeit zu geringen Kosten.“ Und sie muss keine schlechten Schlagzeilen fürchten.

Wenn Piloten, Bahnpersonal oder Erzieher streiken, fallen Flüge und Züge aus, und es bleiben Kitas geschlossen. Das Ergebnis ist Chaos, sind Tausende verärgerte Deutsche. Vom Streik bei Amazon dagegen bekommen die Kunden kaum etwas mit. Dafür sorgen Amazons Roboter, die Ver.di bekämpft.

„Obfuskation“ gegen Überwachung: Vernebelt Euch!

Die Epidemie weitet sich aus. Zehn Millionen Überwachungskameras gibt es in Großbritannien Schätzungen zufolge, eine für jeden sechsten Einwohner, vier Millionen mehr als noch bei der letzten Zählung vor fünf Jahren. Wie das Wall Street Journal berichtet, werden die Kameras immer häufiger auch von privaten Unternehmen oder Hausbesitzern betrieben. Außerdem mehrt sich der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI), etwa zur automatischen Gesichtserkennung. In Geschäften hielten die Systeme Ausschau nach Ladendieben und potenziellen Unruhestiftern.

Als datenschutzrechtlicher Kollateralschaden werden dabei natürlich auch eine Menge unbescholtener Bürger mit in die Bild-Datenbanken aufgenommen. Um Erlaubnis fragt dabei niemand. Der Überwachung durch „Opting out“ zu entgehen, sei inzwischen nur noch ein Mythos, schreiben deshalb Finn Brunton und Helen Nissenbaum. „Man betrachte einen Tag im Leben einer ziemlich gewöhnlichen Person in einer größeren Stadt in einem stabilen Staat mit demokratischer Regierung. Sie befindet sich weder im Gefängnis noch in einer Anstalt, ist weder ein Dissident noch ein Staatsfeind. Und trotzdem lebt sie in einem Zustand von permanenter und totaler Überwachung, beispiellos in ihrer Präzision und Intimität.“

Die Empfehlung: Digitale Sabotage

Der Alltag wird zum Panoptikum, an dem man nur noch in der Theorie freiwillig teilnimmt. Denn der Aufwand und die sozialen Kosten der Verweigerung sind hoch. Nicht nur, weil es die Kommunikation mit den Mitmenschen erschwert – in letzter Konsequenz könnte man kaum noch vor die Tür treten. Die beiden amerikanischen Professoren für Medien und Computerwissenschaften werben deshalb bereits seit mehreren Jahren für die sogenannte „Obfuskation“. Gemeint ist die „Vernebelung“, so steht es im Wörterbuch unter dem Begriff. Wenn man dem Zugriff des Überwachungskapitalismus schon nicht mehr entkommt, dann solle man wenigstens sein Bestes geben, um dessen perfide Maschinerie zu sabotieren.

Die Mittel und Wege dazu befinden sich irgendwo zwischen Aktionskunst und zivilem Ungehorsam. „Adversarial Fashion“ nennt die Designerin Kate Rose etwa eine Reihe von selbstentworfenen Klamotten mit eigenwilligen Mustern, die dafür sorgen sollen, dass automatische Kennzeichenerfassungssysteme in die Irre geführt werden. Dabei könnten die T-Shirts, Pullover und Rucksäcke der Kollektion mit ihren grellen unübersichtlichen Zeichen und scheinbar willkürlichen Zahlen- und Wortreihen gut auch als unpolitische Mode durchgehen. Ein anderes Beispiel ist das Hyperface-Projekt des Medienkünstlers Adam Harvey. Auch hier soll ein Textilprint die Algorithmen verwirren. In diesem Fall gaukelt das Muster, das an eine Mischung aus QR-Code und Mondgesicht erinnert, dem maschinellen Augen ein menschliches Antlitz vor.

Natürlich funktioniert das Prinzip nicht nur offline, sondern auch online. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Browser-Erweiterungen, die nichts anderes tun, als Datenmüll zu erzeugen. „Gorando“ etwa ist ein kleines Programm, das auf Facebook willkürlich Emojis auswählt, um die Emotionsanalyse, der das Netzwerk jedem seiner Nutzer unterzieht, zu verwirren. „Adnauseam“ klickt per Zufall auf die zahlreichen Pop-up-Anzeigen und Werbebanner, die uns im Netz umgeben. „Trackmenot“ schließlich gibt in unregelmäßigen Abständen unsinnige Fragen in die gängigen Suchmaschinen ein. All diese Programme haben das gleiche Ziel: den datensammelnden Unternehmen soll es so schwer wie möglich gemacht werden, aussagekräftige und damit vermarktbare Nutzerprofile anzulegen.

Netzwelt-Trends der Dekade: 17 technologische Entwicklungen, die das Jahrzehnt prägten

Die 2010er neigen sich dem Ende. Was aus der Digitalwelt wird aus dieser Dekade in Erinnerung bleiben? Ein kurzer Rückblick, inklusive Emojis, Hobbydrohnen und zerstörerischer Schadsoftware.

Zu Beginn des Jahrzehnts war viel von Killerdrohnen die Rede, mit denen die USA in Afghanistan und Pakistan aus sicherer Entfernung Jagd auf al-Qaida-Kämpfer machten. Dass Drohnen heute vor allem als Spielzeug und Hobbyfluggeräte bekannt sind, ist zwei Dingen zu verdanken: Zum einen sind sie viel leichter zu fliegen, als beispielsweise ferngesteuerte Flugzeuge. Sensoren und Computer sorgen dafür, dass sie Hindernissen automatisch ausweichenund dass sie sich mit Handgesten steuern lassen – zumindest die besseren Modelle. Zum anderen werden Quadrocopter mit teils hervorragenden Kameras bestückt, die dem Drohnenpiloten faszinierende neue Perspektiven verschaffen.

Künstliche Intelligenz

Der 30. September 2012 ist so etwas wie der Geburtstag der modernen künstlichen Intelligenz (KI). An jenem Tag gewann ein künstliches neuronales Netzwerk den Bilderkennungswettbewerb ImageNet Large Scale Visual Recognition Challenge mit großem Abstand zur zweitplatzierten Software. Es war der Durchbruch für das sogenannte Deep Learning. Dessen Grundidee war damals schon Jahrzehnte alt, doch erst jetzt kamen zwei Grundvoraussetzungen zusammen, damit sie zur zentralen, alles verändernden Technologie der Gegenwart und nahen Zukunft reifen konnte: ausreichend viel Rechenleistung und Trainingsdaten.

WhatsApp und Co.

Das Wort „simsen“ wurde im Jahr 2004 in den Rechtschreibduden aufgenommen, im Jahr 2017 kam das Verb „whatsappen“ dazu – zu dieser Zeit für viele längst der wichtigere Begriff. Instant-Messaging-Dienste haben einen Siegeszug hinter sich, in Deutschland hat sich vor allem das 2009 gegründete WhatsApp etabliert, das die früher teils absurd teuren SMS weitgehend abgelöst hat. Auch wenn WhatsApp-Nachrichten oder Apples iMessages verschlüsselt transportiert werden, weichen Skeptiker lieber auf Alternativen wie Threema, Signal oder Telegram aus. Eines haben jene Dienste aber gemeinsam: Ein klangvolles Verb konnte sich für diese Form der Kommunikation bislang nicht durchsetzen.

Gesichtserkennung

Kaum eine Technologie löst bei Menschen so unterschiedliche Emotionen aus wie diese. Während die einen es toll finden, ihr Telefon oder ihre Haustür komfortabel per Gesichtserkennung entriegeln zu können, gruseln sich andere vor Sicherheitsrisiken und Überwachungsszenarien. Denn während einerseits auch in Deutschland inzwischen Behörden mit Gesichtserkennung an öffentlichen Orten experimentieren, stellt sich andererseits die Frage, welche Risiken die Authentifizierung mit biometrischen Merkmalen auch in anderen Fällen birgt – wie etwa bei einem Google-Handy, das sich auch mit geschlossenen Augen entsperren ließ.

Fakt ist: In den letzten zehn Jahren hat die Technik endgültig den Sprung aus der Science-Fiction-Ecke in den Alltag und sogar bis in deutsche Wohnzimmer geschafft.

Quantencomputing

Als Meilenstein oder gar „Sputnik-Moment“ bezeichneten Forscher und Medien die erste Demonstration der Quantenüberlegenheit durch Google im Herbst 2019. Googles Quantencomputer konnte ein exotisches mathematisches Problem ohne jede Alltagsrelevanz in Minuten lösen, an dem – so behauptet Google – jeder klassische Supercomputer Tausende von Jahren gearbeitet hätte. Doch schon zwei Jahre zuvor war es chinesischen und österreichischen Forschern gelungen, das erste interkontinentale quantenkryptografisch abgesicherte Videotelefonatzu führen. Mit anderen Worten: Quantenphysik hält seit diesem Jahrzehnt Einzug in die Informationstechnik.

Handykameras

Anfangs waren Handykameras eher schmückendes Beiwerk. Das iPhone 3GS beispielsweise wurde 2009 mit einer VGA-Kamera ausgeliefert, die Fotos mit 640 x 480 Pixeln knipste (630749). Mehr als Schnappschüsse war damit nicht drin. Doch die Kameras wurden immer besser, vor allem, was ihre Software angeht. Highend-Smartphones wie Huaweis P30 Prohaben Fotosensoren mit bis zu 40 Megapixeln, drei Kameras und Tiefensensoren. Dank aufwendiger Software und künstlicher Intelligenz verschwimmen die Grenzen zu Kompaktkameras und zusehends auch die zu teuren Spiegelreflexkameras. Das geht soweit, dass etwa Fotografielegende Annie Leibowitz eine Fotoserie mit Googles Pixel 4aufnahm und Filmregisseur Claude Lelouche nach Dreharbeiten mit dem iPhone sagte: „Das wird die Geschichte des Kino verändern“.

Emojis

Ein gutes halbes Jahrzehnt ist es her, dass Kollege D in unserer Ressort-Konferenz verkündete: Er habe Bekannte, die in ihren Textnachrichten kaum noch Wörter, sondern hauptsächlich Emojis benutzten. Spätestens da war klar, dass sich die bunten Bildchen innerhalb dieses Jahrzehnts zur Weltsprache entwickelt haben – wenn auch einer voller Doppeldeutigkeiten und Missverständnisse.

Mit der Emojipedia haben sie ein eigenes Nachschlagewerk. Und sogar einen Welt-Emoji-Tag gibt es bereits. Im Laufe der vergangenen Jahre sind Emojis auch deutlich diverser geworden.

Mit Maschinen sprechen

Es ist gar nicht lange her, da schienen Gespräche mit einer Maschine vielen noch Stoff für futuristische Filme wie „Her“zu sein. Mittlerweile jedoch sind die künstlichen Stimmen aus dem Computer teilweise so gut, dass sie nicht mehr von menschlichen zu unterscheiden sind. Googles Duplex beispielsweise spricht so realistisch, dass sich die Software mittlerweile als künstliche Intelligenz zu erkennen gibt, wenn sie für ihren Nutzer etwa wegen einer Tischreservierung ein Restaurant anruft. Und auch die Interaktion wird immer besser. Neue Versionen von Alexa und Google Assistant können einem normalen Gesprächsverlauf folgen. Das bisher nötige Aktivierungswort („Hey Google“, „Alexa“) wird dann nur noch beim Gesprächsbeginn nötig sein, im Anschluss kann man sich mit der Software unterhalten, wie mit einem Menschen.

Virtual Reality

Einen ersten großen Hype rund um die Virtuelle Realität (VR) gab es in den Neunzigerjahren. Viel blieb davon nicht, außer Erinnerungen von Pionieren, denen damals beim Eintauchen in Digitalwelten allzu oft speiübel wurde. Zwei Jahrzehnte später existieren mit Geräten wie der HTC Vive, der Oculus Rift und vor allem der kabellosen Oculus Quest erstmals VR-Brillen, deren Kauf sich wirklich empfehlen lässt – zumindest für Gamer, die Neues erleben wollen. Als entscheidender Mann für das VR-Comeback darf Oculus-Gründer Palmer Luckey gelten. Seine Firma verkaufte Luckey 2014 für drei Milliarden Dollar an Facebook – wodurch er für viele vom VR-Messias zur Hassfigur wurde.

Bitcoin

Schon seit Jahrzehnten träumten Menschen von einem Geldsystem ohne zentrale Autorität – mit quasi unmanipulierbaren, verteilten Kassenbüchern. Satoshi Nakamoto, dessen Identität bis heute Rätsel aufgibt, hat mit der Kryptowährung Bitcoin und dem Konzept der sogenannten Blockchain genau das geliefert – ein revolutionärer Schritt. Der erste Bitcoin-Block wurde bereits 2009 geschürft, die Kryptowährung schaffte aber erst in diesem Jahrzehnt den Sprung raus aus der Nerd-Nische. Heute gibt es rund um die Welt zahlreiche Geschäfte und Onlineshops, in denen man mit Bitcoin bezahlen kann. Viele Menschen sahen und sehen Bitcoin aber auch als Spekulationsobjekt, was im Dezember 2017 kurzzeitig zu einem Rekordkurs von rund 20.000 Dollar pro Bitcoin führte.

Smart Home

Alles, was vernetzt werden kann, wird auch vernetzt? In manchen Haushalten ist dies mittlerweile Realität, mit allen Vor- und Nachteilen. Smarte Heizungsteuerungen helfen, Energie zu sparen, Rollläden verdunkeln Wohnzimmer auf Zuruf, Haustüren öffnen sich automatisch, und das Licht geht an, wenn man von Einkaufen nach Hause kommt. Zumindest sieht so die Idealvorstellung aus. Aber nicht alles funktioniert immer, wie versprochen, und man steht doch mal mit Einkäufen bepackt vor einer störrisch verschlossenen Tür. Schlimmer sind die oft zu laxen Sicherheitsvorkehrungen der Anbieter, die zu fatalen Patzern führen, wie jüngst, als bekannt wurde, wie leicht sich die Überwachungskameras der Amazon-Tochter Ring kapern lassen.

Ortsbasiertes Gaming

Menschen, die zum Videospielen auf die Straße gehen – weil der Standort eine entscheidende Rolle spielt: Nie hat es dieses Phänomen in größerem Ausmaß gegeben als 2016, als das Sammelspiel „Pokémon Go“ für Smartphones veröffentlicht wurde. Den technologischen Grundstein dafür hatte Hersteller Niantic bereits zuvor gelegt, vor allem mit dem Mobilspiel „Ingress“. „Pokémon Go“ machte übrigens nicht nur das ortsbasierte Gaming populär, sondern auch die Augmented Reality, die Erweiterung der Realität, indem es Monster in Kamerabilder der echten Welt einfügte.

Streaming

Stundenlang vor Netflix hängen? Gamern per Twitch beim Spielen zuschauen? Über TikTok in Deutschlands Kinderzimmer schauen? Dieses Jahrzehnt war auch das Jahrzehnt des Videostreamings. Verbreiteter denn je sind dabei Live-Übertragungen, die heute jeder – vom Opfer von Polizeigewalt bis zum Massenmörder – einfach von seinem Handy aus starten kann. Von den G20-Krawallen in Hamburg bis zu den Brexit-Debatten im britischen Parlament ließen sich Geschehnisse, die in die Geschichtsbücher eingehen werden, in Echtzeit von der heimischen Couch aus verfolgen.

Smartwatches

Als wir 2013 zum ersten Mal eine Computeruhr testeten, war nicht zu ahnen, wie groß das Thema bald werden würde. Die „I’m Watch“ war klobig, schwer, teuer und konnte fast gar nichts. Es dauerte mehr als anderthalb Jahre, bis Apple eine eigene Smartwatch hinterher schickte. Nach dem ersten Ausprobieren konstatierte SPIEGEL ONLINE, dass man wohl „gerade die erste echte Smartwatch am Arm getragen“ habe. Das Konzept schlichtes Design, viele Fitnessfunktionen, Apps und Smartphone-Fähigkeiten scheint jedenfalls aufzugehen: Schon zweieinhalb Jahre nach der Markteinführung des ersten Modells war Apple ein größerer Uhrenhersteller als die gesamte Schweizer Uhrenbranche. Damit dürfte selbst dem letzten Zweifler klar sein: Die Apple Watch ist gekommen, um zu bleiben.

Soziale Netzwerke als Schlachtfelder

Facebooks Motto lautete lange Zeit „To give people the power to share and make the world more open and connected.“Doch in Russland und später auch in mehreren anderen Staaten wurde das als Einladung verstanden, Desinformation zu teilen. Soziale Netzwerke wie Facebook wurden seit 2016 zu Propaganda-Schlachtfeldern gemacht und galten plötzlich als „Gefahr für die Demokratie“. Obwohl der tatsächliche Einfluss auf Wähler und Gesellschaften kaum nachweisbar war, richtete Facebook vor Wahlen vorsichtshalber „war rooms“ ein, und die Politik begann damit, das Geschehen in sozialen Netzwerken als regulierungsbedürftig anzuerkennen.

3D-Druck

Den Traum vom Replikator, der, wie bei „Star Trek“ beliebige Gegenstände auf Zuruf produziert, können 3D-Drucker noch nicht erfüllen. Aber sie sind ihm schon sehr nahe gekommen. Seit unserem Test des Replicator 2 jedenfalls hat sich viel getan. Die Nerd-Spielzeuge von einst sind mittlerweile nicht nur für wenige Hundert Euro zu bekommen, sie haben vor allem Einzug in den professionellen Bereich gefunden. Es gibt kaum mehr ein Unternehmen, das nicht zumindest Prototypen künftiger Produkte per 3D-Druck herstellt. Aus dem Drucker kommen zum Beispiel Zahnprothesen, Ohren, Turnschuhe und sogar ganze Häuser. Es gibt aber auch Anleitungen zur Herstellung von Waffen.

Stuxnet

Sergej Ulasen hat 2010 – wenn auch unbeabsichtigt – eine neue Ära eingeläutet. Der Weißrusse ist der Entdecker von Stuxnet, einer extrem raffinierten Malware, die in der Lage war, physische Schäden anzurichten. Stuxnet beschädigte Zentrifugen in der iranischen Urananreicherungsanlage in Nathanz und bremste damit das iranische Atomprogramm, wenn auch nur für kurze Zeit. Die Entwicklung von Stuxnet – mutmaßlich durch die USA und Israel – begann schon einige Jahre zuvor, aber bekannt werden sollte sie eigentlich niemals. 2010 endete die Geheimniskrämerei – und schon 2012 erfolgte die Antwort der Iranerin Form der Malware Shamoon, die 35.000 Computer des Erdölunternehmens Saudi-Aramco unbrauchbar machte.

DuMont: Zeitungsverlag wider Willen

Der Traditionsverlag DuMont will seine Kölner Zeitungen nun doch behalten – anders als die „Mitteldeutsche Zeitung“ in Halle und die „Hamburger Morgenpost“. Profiteur könnte ein großes Hamburger Verlagshaus sein.

Kurz vor dem heiligen Fest mag es eine gute Nachricht sein, wenn einmal einfach alles so bleibt, wie es ist. Zum Beispiel für die Mitarbeiter der Zeitungen „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“. Die gehören zum Medienunternehmen DuMont, dessen Chef Christoph Bauer im vergangenen Frühjahr das komplette Zeitungspaket des Hauses zum Verkauf angeboten hatte. Gerechtfertigt wurde dieses eher ungewöhnliche Vorgehen mit dem Ziel, die Blätter in schwierigen Zeiten auf den Prüfstand zu stellen beziehungsweise ihren echten Marktwert zu ermitteln.

In dieser Woche nun teilte Topmanager Bauer seinen Mitarbeitern am Stammsitz Köln mit, dass die Eigentümer des Traditionshauses an ihren Zeitungen festhalten. Oder, anders gesagt, dass sie diese nicht verkaufen werden. Was ein Unterschied ist, denn nach allem, was zu hören ist, hätten die 17 Kommanditisten des Unternehmens, allen voran Isabella Neven DuMont und Christian DuMont Schütte, doch ganz gern einen Abnehmer gefunden. Angesichts der sinkenden Margen und der damit einhergehenden sinkenden Attraktivität des Verlegertums. Doch ein ansprechendes Gebot für Köln gab es dann nicht, auch wenn die Funke-Mediengruppe („Westdeutsche Allgemeine Zeitung“) ein naheliegender Käufer gewesen wäre.

Die Zukunft der „Mitteldeutschen Zeitung“ in Halle bleibt derweil ungewiss. Eigentlich sollte noch vor Weihnachten ein Verkauf verkündet werden, doch nun heißt es, man habe sich auf Januar vertagt. Was darauf hindeutet, dass es letztlich nur noch um den Preis geht. Als Käufer steht die Hamburger Mediengruppe Bauer bereit, die ein Angebot für den profitablen Zeitungsverlag abgegeben hat. Bauer gehört bereits eine Zeitung in Sachsen-Anhalt, die „Magdeburger Volksstimme“.

Der Verlag der „Mitteldeutschen Zeitung“ dürfte im vergangenen Jahr einen mittleren bis hohen einstelligen Millionengewinn erzielt haben. Doch wegen der seit Monaten anhaltenden Unsicherheit über die Zukunft der Zeitung, die noch eine Auflage von rund 161.000 täglich verkauften Exemplaren erreicht, soll im Haus weitgehender Stillstand herrschen. Denn wer investiert noch Geld, wenn eigentlich verkauft werden soll? Das Medienhaus Madsack aus Hannover, zu dem die „Leipziger Zeitung“ gehört, die wiederum von DuMont in Halle gedruckt wird, wollte dem Vernehmen nach nicht zugreifen. Im Gegensatz zur Bauer Media Group.

Die gibt zwar neben sehr vielen Zeitschriften mit der „Volksstimme“ in Magdeburg nur eine einzige Zeitung heraus – doch diese beiden Blätter würden gut zusammenpassen, ließe sich doch über eine Zusammenlegung der Verlagsteile mutmaßlich viel Geld sparen. Auf eine WELT-Anfrage an Veit Dengler, den CEO der Bauer Media Group, antwortete eine Sprecherin, man könne dazu „keine Auskunft geben“.

Doch dem Vernehmen nach haben die traditionell extrem kostenbewussten Hamburger ihr erstes Angebot sogar etwas aufgestockt und dürften damit über der kolportierten Mindestkaufsumme von 50 Millionen Euro liegen. Kein Schnäppchen, aber doch ein extrem attraktiver Preis, zumal man wie beschrieben Synergien schaffen könnte. Einen Strich durch die Rechnung könnte den Hamburgern allerdings noch das Bundeskartellamt machen, das einer Übernahme zustimmen müsste. Für die Freigabe spricht, dass die Verbreitungsgebiete der beiden Zeitungen weitgehend voneinander abgegrenzt sind. Eine Prüfung durch die Bonner Wettbewerbshüter dürfte jedenfalls nicht im Eilverfahren abgeschlossen werden können.

Zu DDR-Zeiten hieß die „Mitteldeutsche“ noch „Freiheit“, stand unter der Kontrolle der SED und erreichte eine Auflage von über einer halben Million Exemplaren täglich. Bereits Ende 1990 wurde der Verlag in einem Art Turboverfahren für 103,5 Millionen Mark an die DuMonts verkauft. Damals hieß es, der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher habe sich dafür eingesetzt, dass die Zeitung in Halle an den Kölner Verleger Alfred Neven DuMont geht.

Im Schwebezustand bleibt über den Jahreswechsel wohl auch die Zukunft der finanziell schwer angeschlagenen „Hamburger Morgenpost“. Hier geht es darum, überhaupt einen Abnehmer oder notfalls einen anderen Ausstieg zu finden.

Einzig der Berliner Verlag samt Druckerei wurde also letztlich innerhalb der von Christoph Bauer selbst gesetzten Jahresfrist veräußert, an das Unternehmerehepaar Silke und Holger Friedrich aus Berlin, für einen vermutlich nicht nennenswerten Betrag. So kooperierte Holger Friedrich Ende der 80er-Jahre als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) mit der Stasi; Friedrich hatte die Belegschaft des Verlages aber weder vor noch nach der Übernahme über seine persönliche Geschichte in Kenntnis gesetzt. Davon ganz abgesehen, haben die neuen Eigentümer die Aufgabe, einen zuletzt extrem schwach aufgestellten Verlag zu retten. Ausgang völlig offen.

Die Mission Zeitungsverkauf ist damit stecken geblieben. Fragt sich, ob DuMont ein Zeitungshaus wider Willen wird – oder ob das Management nun die Kraft hat, für Köln eine gute Strategie zu entwerfen. Der „Stadt-Anzeiger“ ist ansehnlich profitabel, große Probleme hat das Boulevardblatt „Express“. Der ursprüngliche Plan von Medienmanager Bauer war, mit dem Erlös des kompletten Zeitungsverkaufes in digitale Geschäftsfelder zu investieren. Eine Summe von rund 50 Millionen Euro, die möglicherweise durch den Verkauf in Halle reinkommt und von der ein Teil auch an die Gesellschafter gehen könnte, dürfte allerdings nur begrenzt weiterhelfen, die bisherigen Digitalgeschäfte zu beflügeln. Wie ein deutlich verkleinertes Unternehmen aussehen und in welche Richtung es gehen soll – das wird DuMont im kommenden Jahr beantworten müssen.

Döpfner warnt vor „Tod der Pressefreiheit“ durch Subventionen

Wenn der Staat Tageszeitungen subventioniert, bedeutet das für Mathias Döpfner „das Ende von unabhängigem Journalismus und damit letztlich den Tod der Pressefreiheit“. Die Bundesregierung will er von seinem Plan für die Zeitungszustellung überzeugen.

Die deutschen Zeitungsverleger lehnen direkte staatliche Subventionen ab und verlangen stattdessen eine andersgeartete Unterstützung bei der Zeitungszustellung. Das betonte der Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Mathias Döpfner, in einem Rundschreiben an seine Mitgliedsverlage.

Jeder Einstieg in die staatliche Förderung von Tageszeitungen bewirke „das Ende von unabhängigem Journalismus und damit letztlich den Tod der Pressefreiheit“, betonte Döpfner, der gleichzeitig Chef des Springer-Verlags ist. Das gelte auch für Stiftungsmodelle, wie sie zum Erhalt der Pressefreiheit diskutiert würden.

Der Bundestag hatte Ende November mit den Stimmen der großen Koalition aus Union und SPD beschlossen, die Zustellung von Tageszeitungen und Anzeigenblättern im Jahr 2020 mit 40 Millionen Euro zu fördern. Hintergrund der Maßnahme sind die seit Jahren rückläufigen Auflagenzahlen der Zeitungen. Die Auszahlung der 40 Millionen Euro ist allerdings gesperrt, bis ein Gesamtkonzept zur Förderung vorliegt. Das Ganze soll eine Hilfe bei der Transformation hin zu digitalen Unternehmen sein und die lokale Vielfalt der Medien sicherstellen – nach bisherigen Vorschlägen zeitlich begrenzt auf fünf Jahre.

Döpfner schlug in seinem Brief als „einzig sinnvoll“ eine „vollständig getrennte Zustellungs-Infrastrukturförderung“ vor. Sie müsse eine verlässliche Versorgung der Bevölkerung mit Tageszeitungen sicherstellen. Gleichzeitig dürfe damit kein staatlicher Einfluss auf Verlage und Redaktionen verbunden sein.

Die von der Bundesregierung zur Verfügung gestellte Summe von 40 Millionen Euro nannte Döpfner einen „viel zu geringen Betrag“. Die Probleme der Tageszeitungen würden „nicht annähernd gelöst“, klagt der Zeitungsverleger-Präsident. Er kündigte weitere Bemühungen an, die Politik von den BDZV-Vorstellungen zu überzeugen.

Die Zeitungsverleger hatten schon bei der Verabschiedung der Infrastrukturförderung im Parlament die zu geringe Höhe der Zuwendungen bemängelt. So verursache allein der Mindestlohn für die 100.000 Zeitungszusteller jährliche Mehrkosten von 400 Millionen Euro für die Medienunternehmen, heißt es in einem BDZV-Branchenbericht. Die Zusteller sind überwiegend als geringfügig Beschäftigte angestellt.

Der Facebook-Fluch

Mark Zuckerbergs umstrittener Digitalkonzern wünscht sich staatliche Regulierung – aber nur, wenn sie seinem Geschäft nützt. Dagegen organisiert sich der Widerstand.

Sir Nicholas William Peter Clegg war bis 2015 der Vizepremier Großbritanniens. Cleggs Familie, der Vater Brite, die Mutter aus den Niederlanden, ist mit dem europäischen Hochadel verbunden, er hat an der Eliteuniversität Cambridge studiert und spricht fünf Sprachen. Einen besser geeigneten Kommunikator hätte der Facebook-Konzern kaum finden können, als er 2018 den wohl größten Shitstorm der jüngsten Wirtschaftsgeschichte durchlebte, in dem schlimmsten Jahr in der Geschichte des 15 Jahre alten Digitalunternehmens.

Schon vorher hatte es Kritik gehagelt wegen ungelöschter Hasskommentare und wegen Fake-News. Doch erst der Skandal um die Daten von Abermillionen Amerikanern, die ihren Weg über einen zweifelhaften Forscher zur Analysefirma Cambridge Analytica und dann in den Präsidentschaftswahlkampf von Donald Trump fanden, machte Facebook zum umstrittensten Digitalkonzern der Welt.

Nick Clegg muss dieses kaputte Image nun richten und verhindern, dass Politikerinnen und Politiker daraus die für Facebook falschen Konsequenzen ziehen. So ist es auch Anfang Dezember in Brüssel, bei Gesprächen mit den neuen EU-Kommissaren. Am Abend zwischen den Treffen sagt Clegg beim Video-Call mit der ZEIT, es sei doch super, für ein Unternehmen zu arbeiten, „das im Zentrum einer schwierigen, ethischen, kulturellen und sozialen Debatte steht“. Und dieses Unternehmen wünscht sich in dieser Phase mehr Regulierung.

Der riesige Vertrauensverlust gegenüber sozialen Medien könne nur behoben werden, „wenn wir gemäß Regeln arbeiten können, die Gesetzgeber erlassen“. Für Facebook als Privatunternehmen sei es sehr unangenehm, so viele sensible Fragen allein entscheiden zu müssen.

Das angeschlagene soziale Netzwerk fordert deshalb Regeln dafür, wie es in Wahlkämpfen mit Informationen umgehen soll, wie es Daten schützen muss, gebrauchen und weitergeben darf. Damit die Regeln dem Unternehmen aber auch passen, soll der Cheflobbyist Nick Clegg, der so redet, als denke er nur ans Gemeinwohl, darauf Einfluss nehmen.

Ob es nicht einen Unterschied gibt zwischen Regeln, die gut sind für die Allgemeinheit, und solchen, die Facebook gefallen? Nein, sagt Clegg, es gebe nur gute Regeln, die Innovation vorantreiben, und schlechte, die sie zerstören. Es sei viel einfacher, gegen die Tech-Konzerne zu polemisieren, als sie vernünftig zu regulieren. Demnach ist zum Beispiel schnell die Forderung erhoben, politische Werbung auf Facebook einzuschränken. Damit helfe man jenen Politikern, die ohnehin eine Öffentlichkeit haben, sagt Clegg: den Machthabern. Bei Facebook glaube man aber daran, dass die sozialen Medien auch neuen Kandidaten und Ideen helfen, die altes Denken herausfordern. Den besonders erfolgreichen Fall Donald Trump, bei dem dies 2016 recht gut funktionierte, erwähnt Clegg nicht.

Bei jenen, die es eher alarmiert als begeistert, dass Facebook mehr als ein Drittel der Menschheit bedient, hat sich die Schockstarre aus dem Jahr 2018 in Tatendrang verwandelt. Politiker, Wissenschaftler und ehemalige Unterstützer kritisieren Facebook nicht mehr nur, sie wollen das Unternehmen zähmen.

So konnte Zuckerberg im Jahr 2018 einem ahnungslosen US-Senator noch erklären, womit Facebook sein Geld verdient („Senator, wir schalten Werbung“). Als er sich in diesem Oktober abermals dem Kongress stellte, führte ihn die junge Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez indes filmreif vor.

Auch die Justiz zieht Konsequenzen. Die Generalstaatsanwälte von 48 US-Bundesstaaten ermitteln gegen Facebook wegen möglicher Wettbewerbsverstöße. Das deutsche Bundeskartellamt kämpft vor Gericht dafür, die Daten von Facebook und seinen Tochterfirmen Instagram und WhatsApp zu entflechten.

„Mark hat ein anderes Wertesystem“

Auch die rebellische Konkurrenz macht der Facebook-Führung das Leben schwer: Im November gaben Twitter und Google bekannt, politische Werbung entweder ganz zu verbieten (Twitter) oder zu begrenzen (Google). Damit düpierten sie Facebook, das nun als einziges großes soziales Netzwerk Wahlkampfwerbung ohne Einschränkungen erlaubt. Sogar in Hollywood gibt es Widerstand. So rechnet der Komiker Sacha Baron Cohen („Borat“) in einer überhaupt nicht lustig gemeinten Rede mit Facebooks Weigerung ab, politische Anzeigen zu prüfen: Hätte Facebook schon in den Dreißigerjahren existiert, so Cohen, dann hätte Hitler dort Werbung schalten dürfen.

Wirkmächtig ist die Kritik von Menschen, die einmal Freunde von Facebook waren und heute als Gegner Gehör finden. Besonders laut ist Roger McNamee zu vernehmen, ein Silicon-Valley-Veteran mit grauer Mähne und John-Lennon-Brille, der Zuckerberg einst förderte und als früher Facebook-Investor ein Vermögen verdiente. Nicht zuletzt seit dem Trump-Wahlkampf ist er besorgt.

Im Frühjahr 2016, sagt McNamee, sei ihm erstmals aufgefallen, dass sich frauenfeindliche Darstellungen der Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton auf Facebook verbreiteten. Zehn Tage vor der US-Wahl im Herbst 2016 schreibt er Zuckerberg und dessen mächtiger Vorstandskollegin Sheryl Sandberg eine E-Mail, in der er seine Sorgen schildert. Beide antworteten, sie sähen kein grundsätzliches Problem, wie McNamee in einem Buch unwidersprochen berichtet.

Seitdem sieht McNamee sich in der Pflicht, etwas zu ändern, weil er die Sache als Investor mit verbockt hat. Aus seinem unguten Gefühl ist eine Mission geworden: Facebook soll Verantwortung übernehmen für das, was auf der Plattform angerichtet wird. McNamee spricht seit 2017 mit Politikern in den USA und in Europa, in Kanada und Neuseeland, um ihnen die Problemlage zu erklären.

Den Kern des Ganzen beschreibt er so: Facebooks Geschäftsmodell ziele darauf ab, die Nutzer so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, um ihnen Werbung anzuzeigen. Die Datenobsession und die gewaltige Marktmacht, die Filterblasen und die russischen Fake-News zur Wahlbeeinflussung in den USA – all dies lasse sich auf dieses Geschäftsmodell zurückführen. Warum sind Hass und Manipulation auf der Plattform so erfolgreich?, fragt McNamee. Er liefert die Antwort gleich selbst: Weil Wut und Angst die meisten Menschen eher ansprächen als süße Katzenvideos.

Zuckerberg ist das Phänomen bewusst. In einem Blogbeitrag aus dem Jahr 2018 schrieb er: „Sensationslüsterne und provokative“ Beiträge würden auf Facebook überdurchschnittlich oft geliked und geteilt. „Mark ist kein schlechter Mensch“, sagt McNamee im Gespräch. „Er hat nur ein anderes Wertesystem.“ Zuckerberg sei ein Zahlenmensch, dem Effizienz wichtig sei, nicht die Werte einer Demokratie. McNamee hat aber auch Hoffnung. Er sagt: „Mark kann noch der Held in seiner eigenen Geschichte werden.“ Er müsse dazu nur aufwachen und seinen Laden von Grund auf erneuern.

Wer wissen will, wie Facebooks Spitze tickt, kann das im Januar 2019 in Davos beobachten. Das World Economic Forum tagt. Während dort eine junge Schwedin den Mächtigen wünscht, wegen des Klimas in Panik zu geraten, übt sich ein langjähriger Davos-Star in der Kunst der Verteidigung. Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook und Gründerin des global tätigen Frauennetzwerkes Lean-In, stellt sich für Mark Zuckerberg in den Sturm. Das ist eine ihrer Aufgaben. Am Sonntag zuvor hat sie auf einer Digitalkonferenz in München geredet, dann mit Magen-Darm im Bett gelegen, jetzt am Mittwoch tritt sie beim Bühnengespräch mit der ZEIT in den Schweizer Bergen auf. Sandbergs Botschaft ist die der Reue. „Ich stehe hier in dem Wissen, dass wir das Vertrauen erst wieder verdienen müssen“, sagt sie. Und: „Wir haben uns wirklich verändert.“

Dahinter stehen die Argumente, die Nick Clegg ein knappes Jahr später auch vorbringen wird. Das Internet brauche neue Regeln, was aber nicht heiße, dass Facebook auf das Teilen von Daten mit Dritten verzichten könne, sagt Sandberg: „Keiner will das. Die Menschen würden das ablehnen.“ Ganz und gar nicht mag sie bereuen, dass Facebooks Geschäftsmodell auf präzise gelenkter Werbung und damit auf den Daten der Nutzer beruht: Sonst müsste man Gebühren für die Nutzung von Facebook nehmen, sagt sie, und dadurch viele Menschen in armen Ländern ausschließen. Dann berichtet Sandberg von einem Inder auf dem Land, der über Facebook Geld sammelte, um eine Straße zum nächsten Krankenhaus zu bauen. Sie hat immer so ein Beispiel parat.

Facebook will die Skepsis durch Reparaturen besiegen

Sheryl Sandberg könnte viele Jobs haben. Warum also tut die Milliardärin sich das an: all die persönlichen Angriffe des letzten Jahres, Anfeindungen im Unternehmen, der persönliche Imageschaden? Während sie begeistert die Abermillionen kleinen Unternehmen ins Feld führt, die über Facebook ihre Kunden fänden und den Wettbewerb anfachten, kommt man um die Einsicht kaum umhin: Wie Zuckerberg glaubt sie wohl wirklich an das Gute im sozialen Netzwerk, an das Verbindende und Freiheitliche. Das Schlechte – der Hass, die Fehlinformationen, die Spaltung der Gesellschaft – ist in diesem Weltbild nur ein „hiccup“, ein Fehler im System, das zu reparieren und nicht infrage zu stellen ist.

Tatsächlich wäre dieses Bild verzerrt. Zwar fachen manche kleine Unternehmen wirklich den Wettbewerb gegen größere Konkurrenten an, indem sie über Facebook günstig potenzielle Kunden in aller Welt erreichen. Aber Facebook gehört zu jener Handvoll Digitalkonzernen, die den Wettbewerb aushebeln und ihre Monopole aggressiv verteidigen. Selbst die marktgläubigen Ökonomen an der Uni von Chicago warnen inzwischen davor, dass die Monopoltendenzen so stark sind wie seit Generationen nicht und wenige Konzerne einen ungewöhnlich hohen Anteil der Gewinne auf sich vereinen. Eine Zahl macht die Runde: Früher haben die Topunternehmen der USA dreimal so viel verdient wie der Durchschnitt, heute ist es achtmal so viel.

Facebook will die Skepsis durch Reparaturen besiegen. Mitte November präsentierte Zuckerberg in einer Telefonschalte mit Journalisten Zahlen, die Facebooks Fortschritte im Kampf gegen den Hass belegen sollen: Die Nutzer kämen bei 10.000 Besuchen auf der Seite im Schnitt nur fünf- bis sechsmal mit Inhalten in Kontakt, die etwa gegen Facebooks Richtlinien zu terroristischer Propaganda oder Nacktheit verstießen. Die Algorithmen würden 80 Prozent aller Hasskommentare automatisch identifizieren. Facebook gebe heute zudem mehr Geld für Sicherheit aus, als es im Jahr seines Börsengangs vor sieben Jahren an Umsatz erwirtschaftet habe. Eines betont Zuckerberg an diesem Tag besonders: Facebook gehe so offen mit seinen Problemen um wie nie. „Indem wir transparent sind, halten wir den Druck aufrecht, uns immer weiter zu verbessern.“

Schon 2018 hat Facebook ein Projekt angekündigt, das Maßstäbe setzen soll. Es ist die Rede davon, dass das Unternehmen Wissenschaftlern Zugang zu einem Datensatz von 30 Milliarden Beiträgen geben will, die zwischen 2017 und 2019 auf Facebook geteilt wurden. Damit sollen Forscher herausfinden, ob stimmt, was seit Cambridge Analytica als Verdacht im Raum steht: dass über Facebook der Ausgang von Wahlen beeinflusst wurde.

Aus Deutschland wird der Münchner Politikwissenschaftler Simon Hegelich ausgewählt. Mit seinem Team will er untersuchen, wie sich Desinformationskampagnen auf die Bundestagswahl 2017 auswirkten. Doch heute, ein halbes Jahr nach dem Start des Projekts, ist Hegelich ernüchtert: Facebook habe ihm gerade einmal 0,01 Prozent der versprochenen Daten zur Verfügung gestellt. Auf Nachfragen habe Facebook mit rechtlichen Bedenken argumentiert. Hegelich findet das merkwürdig, denn Facebook sei sehr wohl bereit, vergleichbare Daten mit seinen Geschäftspartnern zu teilen, also dann, wenn es um Werbung gehe. Da „grundlegende Fragen“ nicht gelöst seien, sei ein Scheitern des Projekts „sehr wahrscheinlich“, sagt der Forscher. „Facebook benutzt das Projekt als PR-Aktion.“

Dort sieht man das naturgemäß anders. „Keine Organisation hat mehr in diese Anstrengung investiert als Facebook“, erklärt das Unternehmen auf Nachfrage. Man wolle weiterhin Daten für die unabhängige Forschung zugänglich machen und gleichzeitig den Datenschutz für die Nutzer sicherstellen. Facebook-Anwälte sorgen sich wohl vor neuen Skandalen. Schließlich begann auch der Fall Cambridge Analytica als Daten-Hilfe für einen Forscher.

Facebooks Versuch, sich zu bessern, gerät also schnell an Grenzen und schafft neue Zweifel: Sollen hier nur Schönheitsreparaturen ein System retten, das zwar fundamental gestört, aber auch unglaublich lukrativ ist?

Gegen die Zweifel muss Nick Clegg bei seinem Besuch in Brüssel Anfang Dezember anreden. Clegg, der in Kalifornien lebt, ist für zwei Tage in die belgische Hauptstadt gekommen. Am Montag spricht er mit Věra Jourová, der Vizepräsidentin der EU-Kommission, zuständig für Werte und Transparenz. Am Dienstag trifft er ihren lettischen Kollegen Valdis Dombrovskis, zuständig für Wirtschaft. Sollte Clegg ein leichtes Spiel erwartet haben, so wird er enttäuscht. Jourová, die Europas Demokratien vor Wahlmanipulation und Fake-News schützen soll, mahnt: Facebook möge den Wissenschaftlern endlich den angekündigten Zugang zu seinen Daten gewähren.

Viele, die in Brüssel Politik gestalten, misstrauen Facebook. Sie haben nicht vergessen, dass das Unternehmen vor der Übernahme von WhatsApp versprach, die Profile der Nutzer von Facebook und WhatsApp nicht zusammenzuführen, um zwei Jahre später genau das zu tun. Sie erinnern sich daran, dass Facebook behauptete, es sei technisch unmöglich, Hasskommentare mithilfe von Algorithmen zu finden, eine Technik, für die Zuckerberg sein Unternehmen nun gern selbst lobt. Ein EU-Berater drückt es so aus: „Facebook hat jahrelang nur gelogen. Warum sollten wir denen nun glauben?“

Das Bundeskartellamt probt seit Jahren den Aufstand gegen Facebook

Mächtige Politikerinnen reagieren. Margrethe Vestager, die für Wettbewerb und Digitales zuständige Vizepräsidentin der EU, prüft ein Verfahren gegen Facebook, bei dem unter anderem das Bezahlsystem Libra im Vordergrund steht. Und die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Elizabeth Warren fordert, Facebook in seine verschiedenen Dienste aufzupalten.

Ein geistiger Vater der Aufspaltungsidee ist der New Yorker Juraprofessor Scott Hemphill. Er hält es für „potenziell illegal“, dass sich Facebook Instagram und WhatsApp einverleibt hat. Auf diese Weise habe sich Facebook zweier aufstrebender Rivalen entledigt und seine Marktmacht gefestigt. Das sei nach US-Kartellrecht unrechtmäßig, glaubt Hemphill.

Im Sommer 2019 reist Hemphill mit dem Unternehmer Chris Hughes und einem weiteren Kartellrechtler nach Washington, um diese Ansicht dort zu verbreiten. Hughes ist ein glaubwürdiger Adjutant. Er lernte Zuckerberg in Harvard kennen, zusammen arbeiteten sie an einer frühen Version von Facebook. 2007 verließ Hughes das Unternehmen und wandelte sich, erschüttert von den späteren Skandalen, vom Insider zum Gegner. Die drei treffen in Washington Politiker und Beamte, skizzieren eine mögliche Zerschlagung von Facebook und erklären, warum der Wettbewerb dadurch gewinnen würde.

Er habe das Gefühl gehabt, dass seine Gesprächspartner den Ideen gegenüber aufgeschlossen gewesen seien, sagt Hemphill heute. Eine Zerschlagung von Facebook sei auch ohne eine linke Präsidentin Warren realistisch.

Während Washington nachdenkt, gibt es in Bonn bereits eine funktionstüchtige Zentrale des Widerstands. Um dorthin zu gelangen, fährt man durch ein Tor vorbei an Hecken und Bäumen und stoppt vor einem spätklassizistischen Gebäude direkt oberhalb des großen Flusses. Vornehm ist es hier, ruhig, gediegen. Andreas Mundt empfängt im ersten Stock in einem riesigen Büro, das früher vom Bundespräsidenten genutzt wurde. Hier ist das von Mundt geführte Bundeskartellamt untergekommen. Und hier proben seine Leute schon seit Jahren den Aufstand gegen Facebook.

Dass der Zuckerberg-Konzern 2014 so mir nichts, dir nichts WhatsApp für rund 19 Milliarden Dollar kaufen konnte, ließ den Beamten keine Ruhe. Das alte Wettbewerbsrecht bot keine Handhabe gegen eine vielleicht wettbewerbsgefährdende Marktmacht. WhatsApp war ein Unternehmen mit gut 50 Mitarbeitern und wenig Umsatz – aber mit Millionen Nutzern, die nichts zahlten und deshalb nicht zählten.

Mundt baute eine Art Labor auf, in dem seine Experten an solchen Fällen arbeiten konnten. Auch aufgrund dieser Arbeit kam es zur neunten Novelle des Wettbewerbsgesetzes, die das digitale Geschäft in die Marktordnung einbetten sollte.

Im Jahr 2016 forderte das Amt schließlich Facebook mit einem Verfahren heraus, das am Heiligsten rührt: an ebenjenem Geschäftsmodell, das der Konzern so vehement verteidigt. Das Kartellamt beanstandete, dass die Kalifornier Daten aus Facebook vor allem mit denen aus den hauseigenen Diensten Instagram und WhatsApp zusammenführten, ohne dass die Nutzer eine echte Wahl hätten. Es fordert, Facebook solle die Daten nur noch dann verbinden, wenn die Nutzer dies wüssten und darüber frei entscheiden könnten. Es ist ein Verfahren geworden, auf das die Kartellwelt schaut.

Natürlich wehrte sich Facebook – und gewann zunächst vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Die Richter mochten nicht einsehen, was der Gebrauch von Daten mit dem Wettbewerbsrecht zu tun habe. Enorme Marktmacht oder gar deren Missbrauch wollte man davon nicht ableiten. Das Kartellamt ist dagegen gleich vor den Bundesgerichtshof gezogen.

Die entscheidende Frage in dem Verfahren sei, so Mundt: „Können sich die Nutzer der unbegrenzten Datensammlung des Unternehmens entziehen oder nicht?“ Und seine Haltung ist klar: Natürlich könne man Facebook gar nicht erst benutzen, aber kartellrechtlich spiele diese Möglichkeit keine Rolle. „Der Nutzer müsste ohne Verzicht auf das marktbeherrschende Netzwerk entscheiden können, ob er seine Daten preisgeben möchte. Das ist aber nicht der Fall.“

„Wir sind noch lange nicht am Ziel“

Man merkt Mundt an, dass der Kampf anstrengend ist, gerade nach der Niederlage in Düsseldorf. Er sagt: „Da sind Sie dann enttäuscht.“ Und: „Das verlängert die Zeit so wahnsinnig.“ Dann schaltet er gleich wieder auf Angriff: „Es kann nicht sein, dass diese Gesetze nicht auf die marktmächtigsten Unternehmen der Welt anwendbar sind. Das motiviert mich jeden Tag. Am Ende müssen wir Wege finden!“

Fast täglich bekommt Mundt neben der EU neue Allianzpartner. Die OECD habe das Thema aufgenommen, erzählt er – und das internationale Netzwerk der Wettbewerbsbehören, dem er vorsteht. In den USA seien auch die Federal Trade Commission und das Justizministerium mit Untersuchungen befasst.

Mundts Ziel sind nicht etwa Milliardenstrafen für die Digitalkonzerne, die einen so großen Teil des Marktes und des Gewinns unter sich ausmachen. „Strafen sind rückwärtsgewandt und müssen schon sehr hoch sein, damit sie wirken“, sagt er.

Aus seiner Sicht müssen die Behörden mit Blick auf die Zukunft dafür sorgen, dass die Geschäftsmodelle nicht wettbewerbsfeindlich sind. „Ich weiß, dann wird es schwierig, aber da müssen wir hin.“ Schließlich deute vieles darauf hin, dass die Digitalmärkte nicht offen seien für neue Konkurrenz. Und tatsächlich: Kommt ein neuer Spieler wie WhatsApp auf den Markt, kaufen die Digitalkonzerne ihn gern auf. Und bleibt er doch selbstständig, können sie Milliarden in die Abwehr stecken. „Eine Fülle von Vorteilen hält die Konzerne mit Milliarden Nutzern an der Macht“, sagt Andreas Mundt. „Das ist eine andere Dimension, die geht nicht so aus der Welt.“

Wer spezifisch an Facebooks Geschäftsmodell heranwill, kann die Daten der verschiedenen Konzernfirmen trennen, Wettbewerbern Zugang zum Datenschatz verschaffen – oder das Unternehmen gleich zerschlagen, wie Elizabeth Warren es will. Doch Letzteres kommt für Mundt erst infrage, wenn mit Wettbewerbsrecht und Regulierung nichts zu erreichen wäre. Und das glaubt er nicht: „Wir sind noch lange nicht am Ziel. Wir müssen uns mehr Mühe geben.“

Das muss auch der Kommunikator Nick Clegg. Er hat es mit einem sehr grundsätzlichen Problem zu tun. Silicon-Valley-Gründer streben danach, Weltprobleme zu lösen. Bloß schaffen sie, das ist die Lehre der vergangenen Jahre, dabei auch neue. Bei Facebook wird dieser Konflikt besonders deutlich, weil es nicht wie Google nur die Suche im Netz dominiert oder wie Amazon den Online-Verkauf an sich reißt, sondern eine soziale Gemeinschaft organisiert. Das rührt automatisch am Innersten von Gesellschaft und Demokratie und schürt Zorn, wenn es nicht richtig funktioniert. Dann stellt sich die Frage, ob ein einzelnes privates Unternehmen so viel Einfluss auf das Zusammenleben so vieler Menschen haben darf – auf der geschäftlichen Basis von Werbung.

Auch deshalb wächst vielerorts der Wille, etwas gegen die Macht von Facebook zu unternehmen. Der Konzern bleibt bei seiner Strategie, unter Berufung auf das Gemeinwohl neue Regeln einzufordern, die ihm das Arbeiten erleichtern und ihn vor neuen Skandalen schützen würden. Gleichzeitig wehrt er vehement jede Regulierung ab, die das Geschäfts- und Gewinnmodell bedroht.

Je intensiver man Nick Clegg nach diesem Widerspruch fragt, desto offener wird er. „Natürlich werden wir unser Geschäftsmodell verteidigen, auf das wir sehr stolz sind“, sagt er schließlich. Ein Gratis-Dienst, den nicht nur 140 Millionen Firmen nutzen, sondern auch viele Menschen jenseits der reichen Industrieländer – dieses „brillante“ Modell würde Facebook weiterverfolgen, so Clegg: „Im Grunde nehmen wir Werbeeinnahmen aus entwickelten Märkten wie Amerika und Europa und subventionieren damit die Bereitstellung von Instagram, Facebook, WhatsApp rund um die Welt für jeden, der eine Internetverbindung hat.“

Facebook als globale Umverteilungsmaschine – größer geht es nicht. Und doch kann es gut sein, dass am Ende nicht einmal ein Nick Clegg den Konzern vor dem Zugriff der Widersacher schützen kann.

5G: Schnelles Internet bis ins hinterste Tal

Im kommenden Jahr soll es richtig losgehen. Nach der Versteigerung weiterer Frequenzen sollen vielerorts 5G-Netze entstehen. Mit einem Bonussystem will die Telekombehörde RTR die neue Mobilfunktechnologie auch in bisher schlecht versorgte Gemeinden bringen.

Der größte Teil des Landes kann erst nach der Auktion im Frühjahr 2020 mit 5G versorgt werden. In einer zweistufigen Versteigerung sollen die Frequenzen aus den Bereichen 700, 1500 und 2100 Megahertz versteigert werden, die sich besonders für eine großflächige Versorgung mit 5G-Datenfunk eignen. Die 700-MHz-Frequenzen sind für die Versorgung von großen Flächen besonders gut geeignet. Deshalb müssen die Käufer dieser Frequenzen 900 schlecht abgedeckte Katastralgemeinden flächendeckend versorgen. Wenn sich Mobilfunkanbieter freiwillig dazu verpflichten, zusätzliche Ortschaften mit 5G zu versorgen, sollen sie dafür einen Preisabschlag auf die zuvor ersteigerten Frequenzen erhalten.

Die Ausschreibungsbedingungen sehen vor, dass so bis zum Jahr 2025 etwa 98 Prozent der Bevölkerung mit einer Downloadgeschwindigkeit von zehn Mbit pro Sekunde versorgt werden. Für 95 Prozent der Bevölkerung liegt das Ziel bei 30 Mbit pro Sekunde. Weiters soll die Versorgung der Verkehrswege verbessert werden, bis 2023 sollen 98 Prozent der Autobahnen, Schnellstraßen und ausgewählten Bahnstrecken sowie 90 Prozent der Bundes- und Landesstraßen an das 5G-Netz angebunden werden. Es ist davon auszugehen, dass die Mobilfunker nach der Versteigerung rasch mit dem Aufbau der Netze beginnen werden.

Die Übersetzerin

Olivia Seltzer, 15 Jahre alt, aus dem kalifornischen Santa Barbara, sagt: „Junge Leute interessieren sich für Politik, allerdings sind Nachrichten hauptsächlich von älteren Leuten für ältere Leute aufbereitet und nicht für die Angehörigen meiner Generation.“ Die Jugendliche am anderen Ende der Telefonleitung muss es wissen. Sie gründete im Februar 2017 die Nachrichtenplattform The Cramm, weil sie nach den Präsidentschaftswahlen bemerkt hatte, dass viele ihrer Freunde Kinder illegaler Einwanderer waren, und die sorgten sich um die politischen Pläne des gerade gewählten Donald Trump. Was sie noch bewegte: Klimawandel, Digitalisierung, Waffengesetze.

Es gab jedoch kein Portal, auf dem sich Jugendliche so darüber informieren konnten, dass sie sich danach auch informiert gefühlt hätten, sagt sie. Einer Umfrage von Common Sense Media zufolge, das Filme, Serien, Bücher und Videospiele auf ihre Alterstauglichkeit untersucht, gaben 78 Prozent der amerikanischen Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren an, dass es wichtig sei, darüber Bescheid zu wissen, was los ist in der Welt. „Du kannst die Welt nicht verändern, wenn du nicht weißt, was auf dieser Welt passiert“, sagt Seltzer. Vor zwei Jahren verschickte sie ihren ersten Newsletter, den mittlerweile, wie sie sagt, „pro Monat eine Million Leute in 80 Ländern“ empfangen.

Olivia Seltzers Tag beginnt um fünf Uhr morgens, sie liest 45 Minuten lang Nachrichten verschiedener journalistischer Portale und die Botschaften ihrer jungen Mitarbeiter, die in Kalifornien leben, in New York, Paris und auf Fidschi. Danach schreibt sie eine Stunde lang ihren Newsletter – und zwar ganz bewusst so, wie sie sich mit Gleichaltrigen unterhalten würde. Donald Trump ist „Prez Trump“, ein überraschendes Ereignis ist „Jaw, Dropped“ (Kinnlade, runtergeklappt), über das Amtsenthebungsverfahren schreibt sie: „Suspense, thick“. Fett spannend, das. Ihre Eltern, ein Drehbuchautor und eine Innenarchitektin, lesen anschließend etwa zehn Minuten lang Korrektur, erzählt sie, und um sieben Uhr wird The Cramm verschickt.

Der Newsletter trifft den Ton der Altersgruppe und entwickelt so eine eigene Stimme, es wäre jedoch fatal, sie auf die schnoddrige Sprache zu reduzieren. Wer den Newsletter mit denen vergleicht, die traditionelle Medienhäuser jeden Morgen verschicken, der dürfte feststellen, dass die Themen identisch sind – es geht um Donald Trump, um die Terrorvereinigung ISIS, um Proteste in Bolivien und um die Aussage eines Hollywood-Produzenten, dass die hellhäutige Julia Roberts natürlich die afroamerikanische Fluchthelferin Harriet Tubman spielen könne: „Das ist so lange her, das bemerkt doch keiner.“ Seltzer notiert: „Ich glaube, der unterschätzt die Macht der Sehkraft.“

Was auffällt: Die Autorin wird nie ideologisch oder kommentierend, es wird nach dem Lesen von mehr als 30 Newslettern nicht deutlich, wo sie politisch steht. Sie wertet nicht, selbst wenn sie zum Beispiel über den Rückzug der US-Truppen aus Syrien schreibt: „Quasi ein Daumen hoch für die Türken, die Kurden anzugreifen.“ Sie benutzt eine eigene Sprache wie etwa „Say Hello“, wenn sie eine wichtige Figur einführen möchte, oder „TBD“, kurz für „to be decided“, und „Stay tuned“ für Geschichten, die sich noch weiterentwickeln. Letztlich aber sagt sie nur, was ist.

Sie arbeitet mit einem Kernteam von acht Leuten und 100 Helfern aus aller Welt

Seltzer und ihre Mitarbeiterinnen, die sie „The Cramm Fam“ nennt, verdienen kein Geld bei ihrer Arbeit – was auch daran liegt, dass die Chefin unabhängig bleiben und sich keinesfalls dem Verdacht aussetzen will, für Bares ihre Integrität infrage zu stellen.

Es gibt derzeit ein achtköpfiges Kernteam sowie mehr als 100 Helfer aus aller Welt. Irgendwann will Olivia Seltzer das Portal und den Newsletter zu einem Medienhaus ausbauen. Derzeit ist sie, das weiß sie auch, lediglich Kuratorin von Nachrichten, eine Übersetzerin des Weltgeschehens für Gleichaltrige.

„Es gibt kaum journalistisches Angebot von jungen Leuten für junge Leute“, sagt sie: „Die Lücke würde ich gerne füllen, das Interesse meiner Generation an politischen und gesellschaftlichen Themen ist groß. Ich arbeite daran, dass wir mehr werden als ein Newsletter.“

Also: ein Interview mit der 16 Jahre alten Klimaaktivistin Greta Thunberg, geführt von einer 16 Jahre alten Cramm-Mitarbeiterin. Eine Reportage über die Lage in Syrien, verfasst von einem syrischen Jugendlichen. Ein Kommentar zur Flüchtlingspolitik von Trump aus der Sicht eines südamerikanischen Flüchtlings im Teenager-Alter. Solche Dinge plant sie.

„Meine Eltern haben mir beigebracht, dass ich, wenn ich was erreichen will, selbst damit anfangen muss“, sagt Seltzer, die in der fünften Klasse ein 400-Seiten-Buch über die Gleichstellung von Frauen in der amerikanischen Gesellschaft geschrieben hat. „Wer Journalistin sein will, muss sich nicht unbedingt bei einer Zeitung oder einem TV-Sender bewerben, sondern kann es auch selbst machen.“

Genau das habe sie getan, und sie weiß freilich, dass es ein weiter Weg ist vom Newsletter zum Medienimperium. Sie will nun erst einmal die High School beenden, danach Politikwissenschaften studieren und ein Praktikum in Washington absolvieren, Berufsziel, neben dem Newsportal: Anwältin für Menschenrechte.

Es ist doch so: Niemand wird alt und weise, der nicht mal jung und verrückt gewesen ist. Diese junge Frau war verrückt genug, daran zu glauben, dass sie einfach mal so zur Übersetzerin für Gleichaltrige werden kann, und sie hat es geschafft. Ihre Stimme wird gehört, in Dutzenden Ländern. „Wir sind die Generation, die sich um diesen Planeten sorgt und die Veränderungen herbeiführen will“, sagt sie. „Wir wollen keine News, die sich anhören, als wären sie für uns Kinder verdummt worden. Wir wollen wissen, was los ist – in einer Sprache, die wir verstehen. Nur dann können wir handeln.“ Kinnlade, runtergeklappt. Stay tuned.

Schrems gegen Facebook, Staffel 2

Wäre dieser Fall eine Fernsehserie, dann stünde die zweite Staffel kurz vor dem Finale: An diesem 19.12. legt der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH) sein Gutachten zu „Schrems II“ vor, wie der Fall C311/18 intern auch heißt. Zum zweiten Mal geht es dabei um die Frage, ob der österreichische Datenschützer Max Schrems einen Erfolg vor dem höchsten europäischen Gericht erzielen kann. Zum zweiten Mal darum, ob Datenschutzabkommen zwischen der EU und den USA so löchrig sind, dass sie gekippt werden müssen.

Ein bindendes Urteil wird zwar erst in einigen Wochen erwartet, doch die Gutachten der Generalanwälte zeigen in der Regel, zu wessen Gunsten es ausfallen wird. Im Extremfall müssten zentrale Absprachen über den Datenaustausch zwischen Europa und den USA noch einmal neu verhandelt werden.

Um den Fall zu verstehen, muss man sechs Jahre zurückgehen. Im Juni 2013 legte Max Schrems eine Beschwerde bei der irischen Datenschutzbehörde DPC ein. Kurz zuvor hatte Edward Snowden mit seinen Enthüllungen gezeigt, dass die amerikanischen Geheimdienste mithilfe des Spionageprogramms Prism die Daten von Internetnutzerinnen und -nutzern massiv überwachen. Darunter auch Daten, die von Facebook kamen, wo Schrems selbst Mitglied war. Seine Argumentation: Angesichts dieser Tatsache dürften seine Daten gar nicht in die USA übertragen werden, weil es dort kein „ebenbürtiges Datenschutzniveau“ gibt, wie es nach EU-Recht erforderlich ist. Die Datenschutzbehörde in Irland, wo Facebook sein europäisches Hauptquartier hat, sollte deshalb prüfen, ob die Übertragung legitim sei.

Die Behörde lehnte die Beschwerde ab. Sie berief sich auf das Safe-Harbor-Abkommen zwischen der EU und US-Firmen aus dem Jahr 2000. Es erlaubt die Übermittlung personenbezogener Daten an US-Unternehmen, sofern diese sich verpflichten, bestimmte Vorgaben einzuhalten. Etwa indem sie Nutzerinnen darüber informieren, welche Daten erhoben werden. Die meisten großen US-Unternehmen, darunter Facebook, Microsoft und Google, hielten sich an die Safe-Harbor-Vorgaben und durften folglich Daten aus der EU in die USA schicken. Und weil es das Abkommen gebe, unterliege es nicht dem irischen Datenschutzbeauftragten, die Übermittlung infrage zu stellen, sagten diese.

Aus Safe Harbor wird Privacy Shield

Nach einer gerichtlichen Überprüfung in Irland landete der Fall „Schrems I“ schließlich 2015 vor dem Europäischen Gerichtshof – und endete in einer bemerkenswerten Entscheidung. Die Richter entschieden nämlich, dass das Safe-Harbor-Abkommen ungültig ist. „Eine Regelung, die es den Behörden gestattet, generell auf den Inhalt elektronischer Kommunikation zuzugreifen“, verletze „den Wesensgehalt des Grundrechts auf Achtung der Privatsphäre“, hieß es in der Urteilsbegründung. Anders gesagt: Solange es in den USA Gesetze gebe, die Safe Harbor aushebeln, sei das gesamte Abkommen hinfällig.

Mit dem Urteil endete 2015 die erste Staffel der Saga. Datenschützer bewerteten das Urteil zwar als Erfolg, wirklich viel änderte sich aber nicht. Nicht einmal ein Jahr später gab es mit Privacy Shield nämlich schon die nächste Absprache, die den Datenaustausch zwischen der EU und den USA rechtlich regeln sollte, obwohl sie auf ähnlich wackeligen Füßen steht. Zwar enthält Privacy Shield einige Verschärfungen, etwa, dass sich US-Unternehmen bereit erklären müssen, die Daten von EU-Bürgern schneller zu löschen, sowie das Benennen einer Ombudsperson im US-Außenministerium. An der grundsätzlichen Annahme der USA, dass das bloße Sammeln von Daten noch keine Überwachung darstellt, änderte sich aber nichts.

Zudem blieb die Frage unbeantwortet, mit der alles begann: Max Schrems hatte immer noch keine Antwort der irischen Datenschutzbehörde DPC erhalten, ob Facebook die Daten europäischer Nutzerinnen einfach an die USA weiterleiten darf. Das EuGH-Urteil zu „Schrems I“ bestätigte der Behörde nämlich nur, das prinzipiell prüfen zu dürfen.

Hier kommt nun der, um im Serienjargon zu bleiben, Plot-Twist: Wie Schrems Organisation noyb auf ihrer Website schreibt, will Facebook sich weder auf Safe Harbor noch den Nachfolger Privacy Shield bei seiner Datenübertragung verlassen haben. Sondern auf die sogenannten Standardvertragsklauseln (Standard Contractual Clauses, SCC), ein weiteres EU-Instrument, das die Datenübermittlung eines europäischen Unternehmens (etwa Facebook Irland) in Drittländer (etwa die USA) vertraglich regelt. Soll heißen: Das Ende von Safe Harbor vor dem EuGH war eigentlich bloß ein Beifang. Schrems ursprüngliche Beschwerde bezüglich der Datenübertragung von Facebook musste noch einmal komplett neu geprüft werden.

Das bringt uns zu „Schrems II“: Nachdem der Österreicher seine Beschwerde angepasst hatte, landete der Fall auf juristischen Umwegen im Sommer dieses Jahres erneut vor dem EuGH. Kurioserweise sind nun sowohl Schrems als auch Facebook gemeinsam die Beklagten, obwohl sich Schrems Beschwerde ja ursprünglich gegen Facebook richtete. Diesmal soll der EuGH klären, ob die Übermittlung personenbezogener Daten von EU-Bürgerinnen und -Bürgern in die USA auf Basis der Standardvertragsklauseln und des Privacy Shield rechtmäßig ist.

Wohlgemerkt geht es dabei nur um jene Daten, die theoretisch einer Massenüberwachung, etwa durch Geheimdienste, unterliegen. Also nicht um Bank- oder Handelsdaten, sondern vor allem um Daten in Cloudspeichern und Diensten, die der Allgemeinheit offenstehen. Schrems selbst bezieht sich in seiner Beschwerde konkret auf Facebook, ein Urteil des EuGH wird aber auch für alle anderen sozialen Netzwerke und in den USA ansässigen Unternehmen wirksam sein, die europäische Nutzerinnen und Nutzer haben.

Die Ausgangssituationen ist nach einer Anhörung im Juli folgende:

  • Die irische Datenschutzbehörde argumentiert, dass sie keine Entscheidung treffen kann, solange sich Facebook auf die Standardvertragsklauseln der EU beruft. Diese müssten angesichts der Überwachungspraktiken in den USA für ungültig erklärt werden. Wie schon im ersten Verfahren weist die Behörde also die Verantwortung von sich.
  • Facebook und die US-Regierung argumentieren, dass die US-Überwachungsgesetze nicht über das hinausgehen, was laut EU-Anforderungen legal ist, und somit und eine Datenweitergabe zur „zielgerichteten Überwachung“ legitim sei: „Die nationale Sicherheit erfordert dieses Screening, sonst wäre es unmöglich, Gefahren zu erkennen“, sagte Facebooks Anwalt Paul Gallagher laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung.
  • Max Schrems argumentiert, dass die Standardvertragsklauseln nicht abgeschafft werden müssten, weil diese erlaubten, „einzelne Datenübermittlungen zu unterbinden“. Also etwa die von Facebook in die USA, wenn das Unternehmen von der Datenschutzbehörde dazu verpflichtet werden sollte. Anders sieht es beim Privacy Shield aus: Weil die Absprache ebenso wenig wie Safe Harbor die Realität der Überwachungsmaßnahmen in Betracht zieht, muss nach Ansicht Schrems Privacy Shield für ungültig erklärt werden.

Der Datenaustausch in Drittländer wird hinterfragt

Welcher Argumentation die EU-Generalanwälte in ihrem Gutachten am Donnerstag folgen, ist ungewiss. Im Extremfall könnten sie dafür plädieren, die Standardklauseln für ungültig zu erklären. Sollten die Richter der Einschätzung folgen, hätte das weitreichende Folgen für den Datenaustausch zwischen der EU und anderen Ländern: Ohne das Verfahren könnte es rechtliche Unsicherheit geben; die Datenübermittlung müsste möglicherweise erst einmal komplett eingestellt werden. Der Branchenverband Bitkom warnte deshalb schon im Juli vor Einschränkungen: „Der internationale Datenaustausch ist essenziell für die Wirtschaft. Wenn Unternehmen personenbezogene Daten außerhalb der EU verarbeiten lassen, greifen die allermeisten auf Standardvertragsklauseln zurück.“

Allein aufgrund des potenziellen Chaos und den Folgen für die Wirtschaft scheint die Abschaffung der Standardklauseln unwahrscheinlich. Denkbar ist aber, dass der EuGH einzelne Teile davon kippt und somit die EU-Kommission verpflichtet, diese noch einmal hinsichtlich der Überwachung in Drittländern zu überarbeiten oder weitere Einschränkungen einzuführen. Etwa, indem noch klarer festgelegt wird, dass Übermittlungen in Drittländern wirklich nur dann stattfinden dürfen, wenn die Datenverarbeitung technisch nicht ausschließlich in Europa stattfinden kann. Ein Beispiel dafür könnte sein, dass eine E-Mail an eine Person in den USA geschickt wird. Sollten Sender und Empfänger in Europa sitzen, wäre eine „Umleitung“ über Server in den USA dann aber nicht erlaubt.

Auch die Zukunft von Privacy Shield ist offen. Folgt das Gutachten der Argumentation im Fall von Safe Harbor, müsste es eigentlich ungültig erklärt werden. Denn auch Privacy Shield ändert nichts an den bestehenden US-Überwachungsgesetzen, über die Geheimdienste weiterhin auf private Daten zugreifen können. Und wenn das Gericht wie in „Schrems I“ entscheidet, dass es in den USA weiterhin kein der EU „ebenbürtiges Datenschutzniveau“ gibt und die Ombudsperson nicht als Beschwerdeinstanz ausreicht, könnte auch das Privacy Shield bald Geschichte sein. Möglicherweise spielt Privacy Shield aber im Gutachten des Generalanwalts nur eine untergeordnete Rolle.
Spätestens dann stellt sich die Frage, ob und wie sich der grundsätzliche Graben zwischen der Massenüberwachung in den USA und den Datenschutzregeln in Europa überhaupt schließen lässt. Die Antwort kann und wird der EuGH auch dieses Mal nicht liefern. Aber er könnte veranlassen, dass sich die irische Datenschutzbehörde, sechs Jahre nach der ersten Beschwerde von Max Schrems, vielleicht endlich einmal genau guckt, welche Nutzerdaten das soziale Netzwerk überhaupt in die USA überträgt.

Nicht auszuschließen, dass die Erkenntnisse dann in einigen Jahren wieder vor dem Europäischen Gerichtshof landen: „Schrems III“ – jede Saga braucht schließlich eine Trilogie.

Ermittler wollen Pädophile mit Fake-Bildern schnappen

In den Asservatenkammern deutscher Ermittlungsbehörden lagern viele Gigabyte Aufnahmen von sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Beschlagnahmt wurden solche Bild- und Videodateien bei Ermittlungen wegen Kindesmissbrauch. Mit einer neuen Gesetzesinitiative von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sollen die Dateien nicht mehr nur diejenigen ins Gefängnis bringen, die sie ursprünglich aufgenommen oder gespeichert haben. Sie sollen auch zukünftige Missbrauchsfälle verhindern.

Ermittlern soll erlaubt werden, künstliche, von Computern erzeugte Missbrauchsbilder einzusetzen, um damit Täter zu überführen. Dass soll ein Problem lösen, vor dem die Polizisten bei Ermittlungen im Darknet, dem anonymen Teil des Internets, häufig stehen: In die Foren, in denen neue und besonders drastische Videos geteilt werden, werden neue Mitglieder – und damit auch verdeckte Ermittler – nur aufgenommen, wenn sie selbst Missbrauchsbilder zur Verfügung stellen. In der Szene wird dieser Test „Keuschheitsprobe“ genannt. Regelmäßig muss diese „Prüfung“ durch das Hochladen neuer Bilder wiederholt werden, auf einigen Seiten monatlich.

Das Justizministerium hat bereits einen Entwurf für das Gesetz an die Bundestagsfraktionen verschickt, das den Einsatz computergenerierter Bilder in Zukunft erlauben soll. Die Regelung soll Teil des neuen Gesetzes gegen sogenanntes Cybergrooming werden – das Anbahnen von sexuellem Missbrauch, bei dem Täter online Kontakt zu Kindern aufnehmen.

Technisch gibt es mehrere Möglichkeiten, wie solche Bilder künstlich erstellt werden können. Eine Möglichkeit ist, dass ein Computer die Aufnahmen komplett synthetisch errechnet. Eine andere, dass eine künstliche Intelligenz auf der Grundlage älterer Bilder von Missbrauch trainiert wird und daraus neue künstliche Bilder erstellt.

Welche Regelung das Gesetz am Ende genau erlaubt, darum wird noch gerungen. Aus dem Ministerium heißt es, man bevorzuge die erste Variante. Doch mit dem Thema vertraute Kreise in SPD und CDU plädieren dafür, den Einsatz von sichergestellten Bildern als Trainingsdaten unter bestimmten Umständen zu erlauben. Experten gehen davon aus, dass sich mit beiden Varianten überzeugende Fake-Bilder erstellen lassen. Allerdings ließen sich mithilfe echter Bilder schneller glaubhaft wirkende Aufnahmen erzeugen.

Die für solche Bilder genutzte Technik heißt Generative Adversarial Network (GAN): Dabei arbeiten zwei neuronale Netze – Software, die wie künstliche Gehirne funktionieren soll – zusammen. Eines der Netze erzeugt massenhaft neue Bilder, das andere entscheidet, ob das Bild echt wirkt. Die Entscheidung fällt das zweite Netz auf Grundlage bestehender Trainingsdaten, also echter Bilder, die auf den Servern liegen und mit deren Eigenschaften der Computer die künstlichen Bilder abgleicht. So lernt das System komplett neue, künstliche Bilder zu erstellen, die für den Beobachter echt aussehen. Nachdem das Verfahren 2014 vorgestellt wurde, wurde es von Wissenschaftlern weiterentwickelt, um immer höher aufgelöste Bilder erzeugen zu können.

Der Einsatz selbst generierter Bilder von Missbrauch bringt ein moralisches Dilemma für die Polizei mit sich: Zwar wurde zu ihrer Herstellung keinem Kind tatsächlich Schaden zugefügt. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Staat selbst Material in Umlauf bringen sollte, das Täter dann weiterverbreiten können. Indem sie selbst neue Aufnahmen in Umlauf bringen, könnten sie zu einer Eskalationsspirale beitragen, die dazu führen könnte, dass im Darknet immer extremere Bilder kursieren, heißt es sogar aus dem Justizministerium. Die Notwendigkeit überhaupt Einblick in diese Teile des Darknets zu bekommen, die den Ermittlern sonst versperrt sind, überwiege aber.

„Wir haben die moralische und rechtliche Verpflichtung, Kinder zu schützen“, sagt auch der SPD-Abgeordnete Johannes Fechner, Obmann im Rechtsausschuss des Bundestages. „Diese Verpflichtung ist deutlich höher zu bewerten als andere moralische Bedenken, die es beim Einsatz einer solchen Technologie geben könnte.“ Am wichtigsten sei die Vorgabe, dass von den künstlichen Bildern niemals auf echte Missbrauchsbilder geschlossen werden kann. „Die Experten in den Ermittlungsbehörden schließen dies aus.“

Wie erfolgreich sich pädophile Täter mit falschen Bildern in die Irre führen lassen, zeigten hessische Ermittler schon 2012 in der Operation Hardes. Innerhalb von zehn Tagen identifizierten sie 39 Täter, die via Webcam vor vermeintlichen Minderjährigen sexuelle Handlungen durchführten. Damals führten die Ermittler die Täter allerdings mit analogen Mitteln in die Irre: Vor der Webcam saß eine jünger geschminkte Polizeibeamtin, in einem gezielt zurecht dekorierten „Kinderzimmer“.

Die Ermittler wollen Intensivtäter im Darknet ködern

Im Darknet dient die Verifikation durch neue Bilder zum einen dazu, vor allem solche Nutzer in die Foren bringen, die „Zugriff“ auf ein Kind haben. So wird in der Szene verharmlosend ein laufender Missbrauch beschrieben. Zum anderen haben die Betreiber der Foren die „Tests“ eingeführt, um zu verhindern, dass ihre Foren von verdeckten Ermittlern infiltriert werden können.

Tatsächlich sind verdeckte Ermittler für die Polizei praktisch die einzige Möglichkeit, um Täter im Darknet zu identifizieren. Die Daten lagern auf besonders geschützten und anonymisierten Servern. Nutzer können sich auf den Plattformen nur mit spezieller Software wie dem Tor-Browser einwählen. Die verschleiert die tatsächliche Internet-Adresse der Benutzer über eine lange Serverkette, so dass Ermittler keine Chance haben, herauszufinden, von wo aus die Aufnahmen hochgeladen wurden. Täter mit Hacking-Werkzeugen wie Staatstrojaner-Software zu enttarnen, wäre extrem aufwendig und funktioniert zudem nur selten.

Foren für Kinderpornografie mit 100 000 Mitgliedern

„Jeder Tag, den wir länger mit Ermittlern in diesen Foren unterwegs sein können, bedeutet, dass wir einen weiteren Tag zusätzliche Informationen bekommen und Täter identifizieren können“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Goger. Er ist stellvertretender Leiter der bayerischen Zentralstelle Cybercrime (ZCB) in Bamberg. Die bayerischen Spezialermittler haben schon mehrere Verfahren gegen Kinderpornografie-Plattformen im Darknet geführt. So ermittelten sie 2016 gegen eine Plattform, der ihre Betreiber den zynischen Namen „The Giftbox Exchange“ („Geschenke-Tauschbörse“) gegeben hatten. 45 000 Nutzer aus aller Welt waren auf der Seite angemeldet, auch die Bamberger Spezialisten waren mit verdeckten Ermittlern vertreten. Doch in das spezielle Unterforum mit dem Namen „Producers Lounge“ konnten sie keinen dauerhaften Einblick bekommen. Hier tauschten sich diejenigen aus, die neue Aufnahmen von Kindesmissbrauch erstellt hatten.

Mit den computergenerierten Bildern hätten die Bamberger weiter ermitteln können, sagen sie. So aber hätten sie aufgeben müssen, als die obligatorische Verifizierung des von ihnen genutzten Accounts anstand. Dadurch konnten sie eine wichtige Spur nicht weiterverfolgen: Ein deutscher Moderator von „Giftbox Exchange“ wurde später Administrator der Nachfolgeseite Elysium. Rund hunderttausend Nutzer tauschten hier über ein Jahr lang schwere Missbrauchsaufnahmen, bis die Seite von deutschen Ermittlern abgeschaltet wurde.

Der Einsatz der computergenerierten Aufnahmen soll allerdings begrenzt sein und sich auf Ermittlungen gegen jene Intensivtäter beschränken, die sich im Darknet besonders schützen. Man rechne mit wenigen gezielten Aktionen und nicht damit, hunderte computergenierte Bilder in Umlauf zu bringen, heißt es aus Ermittlerkreisen.

„Für uns sind nicht die Bildserien von höchster Bedeutung, die seit den 80ern kursieren, sondern neu produzierte Bilder und Videos“, sagt Thomas Goger. „Neue Aufnahmen bedeuten nämlich immer auch einen aktuell laufenden sexuellen Missbrauch von Kindern.“

Nur ausgewählte Spezialisten sollen die computergenerierten Bilder erstellen

Die computergenerierten Aufnahmen werden die deutschen Behörden wohl selbst erstellen. Expertise wäre zum Beispiel beim Bundeskriminalamt vorhanden. Geplant ist allerdings die Beschränkung, dass nur bestimmte, technisch affine Behörden, wie das BKA, Landeskriminalämter oder Cybercrime-Sonderstellen wie in Bamberg Bilder erstellen dürfen. Ob die Ermittler dafür Software einkaufen müssen oder eigene entwickeln, ist noch nicht klar.

Das neue Gesetz soll allerdings nur computergenerierte Bilder legalisieren, Videoaufnahmen sollen nicht erlaubt werden. „Technisch wären in einigen Jahren sicherlich auch Videos möglich, letztlich ist das vor allem eine Frage des Aufwands“, sagt Goger. „Über die Fähigkeiten von Hollywood verfügen wir derzeit nicht.“

Gekaufte Fans: Die Like-Fabrik

Der SZ, dem NDR und dem WDR liegt eine Liste mit Links zu knapp 90 000 Social-Media-Präsenzen vor, für die Paidlikes mutmaßlich genau das lieferte, was der Firmenname verspricht: Likes gegen Geld. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum haben SZ, NDR und WDR die Daten zugänglich gemacht. Sie konnten die Informationen über die Webseite des Unternehmens Paidlikes einsehen.

Paidlikes engagiert sogenannte Clickworker, die mit ihrer Auftragsarbeit Interesse und Zustimmung für bestimmte Personen, Firmen oder Organisationen vorgaukeln. Im Grunde manipulieren sie so die Algorithmen der Plattformen und lassen Inhalte relevant erscheinen, die sonst womöglich niemanden interessiert hätten. Im Netz sind soziale Metriken eine Ersatzwährung: Große Zahlen wirken vertrauenserweckend und helfen, sich von Konkurrenten abzuheben.

Seit mehr als sieben Jahren betreibt Paidlikes dieses Geschäft, ohne dass Facebook oder Youtube eingeschritten sind. Erst nach einer Anfrage von SZ, NDR und WDR reagierte Facebook. Das Unternehmen prüft die App, mit denen die Clickworker ihre Likes verteilten, vorübergehend kann sie nicht mehr auf die Daten von Facebook zugreifen. „Wenn wir Anbieter und Accounts identifizieren, die anbieten, durch unechte Likes, Kommentare und Abonnenten die Popularität eines Accounts oder Profils zu vergrößern, entfernen wir diese“, sagt ein Sprecher. Youtube gibt an, man habe klare Richtlinien gegen Spam und investiere in Technologien, „um die künstliche Inflation der Besucherzahlen eines Videos zu verhindern.“ Auf Instagram und Youtube läuft das Paidlikes-Modell aber offenbar weiter: Suche Likes, biete Centbeträge.

Wer sich Likes und Abonnenten kauft, verstößt womöglich gegen Gesetze. Der Versuch, nicht vorhandene Beliebtheit und Qualität zu suggerieren, verstoße gegen das Wettbewerbsrecht, sagt Scarlett Lüning, Rechtsanwältin bei der Kanzlei Wilder, Beuger und Solmecke mit Schwerpunkt Online-Recht. Sie zitiert ein Urteil des Landgerichts Stuttgart: „Da wurde einem Start-up verboten, mit 14 000 Likes zu werben, wenn diese gekauft sind.“ Dadurch verschaffe sich das Unternehmen einen unfairen Vorteil und gewinne mehr Kunden. Die Rechtsbegriffe dafür: Irreführung und Wettbewerbsverzerrung.

Zu den mutmaßlichen Kunden von Paidlikes zählen Politiker und Parteien, Unternehmen und Influencer, Friseure und Fitnesstrainer. Das Wörtchen „mutmaßlich“ ist in diesem Fall mehr als eine juristische Absicherung: Die Liste offenbart zwar rund 90 000 Links zu Facebook-Seiten, Instagram-Profilen und Youtube-Kanälen, die von Paidlikes beliefert wurden. Wer die Likes kaufte, geht daraus aber nicht hervor. SZ, NDR und WDR haben etwa 70 Personen und Unternehmen konfrontiert: Elf geben den Täuschungsversuch zu, der Rest hat keine Erklärung, streitet alles ab oder geht auf Tauchstation.

Die Clickworker verdienen nur wenige Cent

Wer bei Paidlikes Applaus kauft, setzt keine automatisierte Bot-Maschinerie in Gang. Am anderen Ende der Leitung sitzen echte Menschen, irgendwo in Deutschland, die für wenige Cents auf fremden Seiten „Gefällt mir“ klicken oder Youtube-Kanälen folgen, deren Namen sie noch nie gehört haben. Einer dieser Clickworker ist Harald W.. Der 60-jährige Hartz-4-Empfänger stockt mit dem Geld die Haushaltskasse auf. Den ganzen Tag über sitzt er am Computer und besucht Facebook-Seiten. Paidlikes ist nur einer von mehreren Anbietern, für die er arbeitet. Insgesamt verdient er mit seinen Klickjobs etwa 80 Euro pro Monat.

Harald W. „gefällt“ alles, was ihm vorgesetzt wird. „Ich klicke da drauf, weil ich Geld verdienen will. Die politischen Geschichten interessieren mich absolut nicht“, sagt er. „Wenn da die AfD reinläuft, klicke ich das auch. Bringt mir die AfD wenigstens noch einen Cent ein.“ Er lacht, während er das sagt, aber er meint es ernst.

Andere Digitalarbeiter nutzen das Geld, um Pferdefutter zu finanzieren oder sich alle paar Monate ein Buch leisten zu können. Diese Motivation bringt die ehemalige Polizistin Maria K. dazu, morgens und abends Aufträge von Paidlikes abzuarbeiten. „Ich kann das ganz entspannt nebenbei machen“, erzählt sie, „ohne dass ich viel von meiner Zeit verschenke.“

Seit Maria K. selbst Teil der Vermarktungs-Maschinerie ist, misstraut sie Likes und Bewertungen auf Facebook oder Google – schließlich weiß sie, wie leicht sich vermeintliche Begeisterung kaufen lässt. Auf ihrem Bildschirm tauchen häufig Fitnesstrainer, Versicherungsmakler und Kleinunternehmer auf. Bekannte Namen waren bislang nicht dabei. „Seiten von Helene Fischer oder Udo Jürgens habe ich noch nie erlebt, die haben es wahrscheinlich auch nicht nötig.“

Harald W., Maria K. und Zehntausende andere Clickworker schuften nicht körperlich. Zäh ist ihr Job dennoch: „Wenn ich morgens um 7 Uhr aufwache, logge ich mich erstmal bei Paidlikes ein“, sagt Harald W. Anschließend zeigt ihm Paidlikes etwa ein Dutzend Seiten an, die er durchklickt, bevor er sich ausloggt, eine Stunde wartet und erneut zehn Likes verteilt. „Gesperrt worden bin ich teilweise von Instagram, wahrscheinlich habe ich zu schnell geklickt. Man sollte die Seite, die man klickt, dann auch wirklich eine Minute lang besuchen.“

Auch Maria K. erzählt, dass sie pro Tag nicht mehr als 45 Likes verteilen darf, Paidlikes selbst nennt als Obergrenze 40. Wenn sie in allzu kurzen Abständen Begeisterung heuchelt, werden die Plattformen misstrauisch und sperren ihr Profil. Dann muss sie tagelang warten, bis sie ihre Arbeit wieder aufnehmen kann. Wenn Dennis, dem Paidlikes per Tweet gratulierte, täglich 40 Likes verteilte und dafür im Durchschnitt drei Cent erhielt, musste er für seine 100 Euro fast ein Vierteljahr im Akkord klicken.

Die Politik

In der Liste tauchen Politiker und Verbände aller großen politischen Parteien auf: FDP und CDU/CSU (je 17 Mal), SPD (14), AfD (elf). Jeweils dreimal finden sich die Grünen und die Linke. Die AfD dominiert soziale Medien nicht, weil sie am meisten Geld dafür ausgibt – sondern weil ihre zugespitzten Inhalte Wut und Empörung hervorrufen, die perfekt zur Funktionslogik der Plattformen passen. Mit Ressentiments lässt sich die emotionale Klaviatur besser bespielen als mit Rentenpolitik.

Ein Großteil der mutmaßlichen Kunden aus der Politik sind eher kleine Fische: Insgesamt geht es um Dutzende Orts- und Kreisverbände, vier Landesverbände sowie zehn Landtagsabgeordnete und einen Bundespolitiker. Das jüngste Mitglied des Bundestags, der 27-jährige Roman Müller-Böhm von der FDP, hat seit 2018 wohl für Dutzende Beiträge auf Facebook und Instagram Likes gekauft. Auf Anfrage von SZ, NDR und WDR wollte er sich nicht äußern.

Auch die Bundeswehr taucht in den Daten auf. Demnach wurden im vergangenen Jahr Likes und Views für das Youtube-Video „Platz da, jetzt kommen die Girls!“ gekauft. Der Clip wirbt für eine Karriere bei der Bundeswehr und wurde mehr als eine Million Mal angeschaut. „Das Bundesministerium der Verteidigung und die für uns tätige Agentur haben keine Likes gegen Bezahlung generiert“, sagt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums. „Das Video wurde prominent auf der Startseite von Youtube ausgespielt und hat dadurch eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Aufrufen und Interaktionen erzeugt.“

Einige der Vorfälle liegen Jahre zurück. In der Liste finden sich etwa die Facebook-Seiten des Landesverbands der AfD Rheinland-Pfalz und der AfD-Fraktion im Landtag von Brandenburg. Demnach wurden jeweils im Jahr 2015 Likes gekauft. Ein Jahr zuvor profitierte die CDU-Politikerin Christine Lieberknecht mutmaßlich von gekauften Likes. Ihre Facebook-Seite und die Wahlkampfseite pro-lieberknecht.de tauchen mehrmals in den Daten auf. Sie war damals Ministerpräsidentin von Thüringen und kämpfte um Stimmen für die Landtagswahl. Die AfD-Fraktion Brandenburg schreibt, dass ihr „ein entsprechendes Vorgehen weder bekannt ist, noch von ihr akzeptiert worden wäre“. Die AfD Rheinland-Pfalz und Christine Lieberknecht haben auf eine Anfrage der SZ nicht reagiert.

Die Influencer: „Jeder kauft Likes“

2017 schockte Vreni Frost die Influencer-Welt: „Ich habe die Zusammenarbeit mit einer so genannten Bot-Agentur ein Jahr lang ausprobiert“, bekannte die Bloggerin damals in einem Interview mit der Welt. Als erste bekanntere Influencerin gab sie öffentlich zu, beim Wettlauf um Likes nachgeholfen zu haben, um lukrativere Werbedeals zu erhalten. Frost hat ihre Fake-Follower nach eigenen Angaben per Hand ausgemistet – einige ihrer Kollegen setzen immer noch auf gekauften Applaus, wie die Paidlikes-Liste zeigt.

Dazu zählt die TV-Familie „Die Lochmanns“, die allerdings nichts mit den Zwillingen Heiko und Robert Lochmann zu tun hat, denen Millionen Menschen auf Youtube und Instagram folgen. „Wir waren naiv“, sagte Vater René dem NDR. Er habe auf die Tipps seines Umfelds gehört und ganze Like-Pakete gebucht. Das sollte die Social-Media-Kanäle wachsen lassen und Unternehmen dazu bringen, mehr Geld für Produktplatzierungen auszugeben. „Jeder kauft Likes. Das ganze System auf den sozialen Netzwerken ist so gepusht, dass es ohne scheinbar nicht mehr geht.“ In der Liste tauchen vor allem selbstständige Unternehmer und Influencer auf, die am Beginn ihrer Karriere stehen.

Die Unternehmen und Zwischenhändler

McDonalds-Filialen in Süddeutschland, eine Autohausgruppe, ein Kinderwunschzentrum und eine Singlebörse: Solche kleinen und mittelständischen Unternehmen tauchen in der Liste zu Hunderten auf. Das zeigt, wie verbreitet die Annahme ist, dass digitale Aufmerksamkeit den analogen Verkaufserfolg steigert. Wenn man die Firmen und Personen am Telefon auf Paidlikes anspricht, reagieren viele von ihnen überrascht. Sie hätten niemals Likes gekauft, sagen sie.

Ein Friseur am Bodensee findet sich mehr als 500 Mal in der Liste. Demnach wurden seit 2016 Likes für zwei seiner Facebook-Seiten gekauft. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nichts damit zu tun haben“, sagt er. Er betreue die Accounts ohnehin nicht selbst, sondern habe eine Medienagentur damit beauftragt.

Diese Agentur verwaltet die Social-Media-Auftritte von mindestens 70 Unternehmen, die in der Paidlikes-Liste auftauchen. Den Daten zufolge könnten mehr als 8000 unterschiedliche Beiträge von gekauften Likes profitiert haben, darunter auch der Facebook-Auftritt des CDU-Ortsverbands Rielasingen-Worblingen. Es geht um mehrere Facebook-Videos, die während des Kommunalwahlkampfs in Baden-Württemberg im vergangenen Frühjahr veröffentlicht wurden. Es ist unklar, wie groß der Einfluss gekaufter Likes war, die meisten Videos haben Likes im niedrigen zweistelligen Bereich. Die CDU Rielasingen-Worblingen erklärt, dass sie selbst keine Likes gekauft und dies auch nicht beauftragt habe. Die besagte Agentur bestreitet, Follower oder Likes für ihre Kunden gekauft zu haben. „Wir als Agentur sowie auch die Kunden distanzieren sich vollständig von solchen Anschuldigungen“, sagt der Inhaber.

Der Vermittler

Nach eigenen Angaben hat Paidlikes in den vergangenen sieben Jahren mehr als 13 Millionen Likes, Follower und Abos vermittelt. Dabei sollen rund 350 000 Euro an mehr als 31.000 Menschen ausgeschüttet worden sein, die zwei bis sechs Cent pro Klick erhielten. Im vergangenen Monat waren mehr als 3300 Clickworker aktiv. Paidlikes bietet seine Dienstleistungen für insgesamt sechs Plattformen an.

Inhaber Alexander Räss hält sein Geschäftsmodell für legal und legitim. „Der nachhaltige Aufbau von neuen Fans, Followern oder Reichweite ist nicht als unlauter zu werten, da die Vergabe von sozialen Interaktionen auf Freiwilligkeit beruht“, schreibt. „Gefällt den Teilnehmern eine Seite nicht, oder möchten sie aufgrund des dargebotenen Inhalts keine Interaktion abgeben, so können sie die Kampagne ausblenden.“

Bei Paidlikes kosten 1000 Likes etwa 100 Euro. Im Vergleich zur Konkurrenz ist das sehr teuer. Bei anderen Unternehmen kann man sich Zehntausende Likes für einen Bruchteil des Geldes kaufen. Dafür klicken bei Paidlikes echte Menschen und keine Maschinen. Hinter vielen anderen Like-Anbietern steckt ein abenteuerliches System aus Zwischenhändlern, die in Ländern wie Russland oder Indien sitzen.

Im November machten Journalisten von Vice die Erfahrung, wie vergänglich die gekaufte Berühmtheit ist. Die Redaktion versuchte, Bürohund Henri mit 100 Euro in einen Influencer zu verwandeln. In kurzer Zeit sammelte der Jack-Russell-Mischling 12 000 Follower, erhielt aber keinen lukrativen Werbevertrag. Der Betrug war zu offensichtlich, die gekauften Fans waren eindeutig als ausländische Bot-Accounts erkennbar.

Die Plattformen

Menschen verbinden, Gemeinschaften aufbauen und die Welt näher zusammenbringen – so formuliert Facebook seinen eigenen Anspruch. „Es ist uns sehr wichtig, dass die Interaktionen der Menschen auf unseren Plattformen echt sind“, sagt ein Sprecher von Facebook.

Dennoch sind die Schnittstellen zu Instagram und Youtube immer noch offen. Die Kombination aus Technologie und menschlichen Prüfern, auf die sowohl Facebook als auch Youtube setzen, lässt also Lücken für Geschäftsmodelle, die dem Selbstverständnis der Plattformen zuwiderlaufen.

Das gilt nicht nur für Clickworker aus Fleisch und Blut, sondern auch für Bots. Anfang Dezember veröffentlichten Forscher des Stratcom-Zentrums der Nato eine Studie, in der sie bilanzierten: „Facebook, Instagram, Twitter und Youtube scheitern nach wie vor daran, nicht authentisches Verhalten zu erkennen.“ Die Wissenschaftler beauftragten elf russische und fünf europäische Agenturen, die genau wie Paidlikes manipulierte Interaktionen anbieten. Für 300 Euro konnten sie 3530 Kommentare, 25 750 Likes, 20 000 Seitenabrufe und 5100 Follower kaufen.

Diese Zahlen besagen aber nicht, dass Politiker mit gekauften Likes Wahlen manipulieren oder Unternehmen ihren Gewinn steigern können. Bislang gibt es wenig belastbare Belege, dass soziale Metriken das Wahlverhalten oder die Kaufentscheidung beeinflussen. Klar ist nur: Wer es mit Maria K. hält, macht es richtig. „Man wird kritischer“, sagt die Clickworkerin. „Ich würde mich jetzt nicht mehr allein auf ein Urteil von Facebook verlassen, sondern andere Wege suchen.“

Länder beraten weiter über ARD und ZDF

Kommt Zeit, kommt Reform: Die Bundesländer haben vor, weiterhin über die Struktur und die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu verhandeln. Allerdings sehen sie sich nicht unter Zeitdruck. Das sagte die Medienstaatssekretärin von Rheinland-Pfalz, Heike Raab (SPD), im Gespräch mit dem Blog „medienpolitik.net“. „Wir haben überhaupt keinen Zeitdruck oder Reformzwang. Wir befinden uns in einem anerkannten Verfahren. Der Entwurf der Kef-Empfehlung liegt vor“, sagte Raab.

Es gehe um sehr viel mehr als die Frage der Finanzierung, eine Reform der Sender dürfe angesichts der „Herausforderungen der digitalen Transformation“ nicht auf das Finanzielle reduziert werden. Es gelte, den Auftrag weiterzuentwickeln, eine Plattformstrategie zu finden und das Modell eines an einen Index gebundenen Rundfunkbeitrags zu prüfen.

Auf ein solches hatten sich die Länder nicht einigen können. Oliver Schenk (CDU), Chef der Sächsischen Staatskanzlei, hatte dies Anfang November in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 8. November) verkündet. Es gehe darum, „den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für eine sich immer schneller verändernde Medienlandschaft langfristig fit zu machen und gleichzeitig die Akzeptanz in der Bevölkerung durch mehr Effizienz und hohe Qualität zu stärken“, sagte Schenk. Über das Ziel seien sich die Länder einig, nicht aber über den Weg dorthin.

Die Höhe des Rundfunkbeitrags wird somit weiter von der Finanzkommission Kef vorgeschlagen, die den „Finanzbedarf“ der Sender prüft. In ihrem Zwischenbericht hat die Kommission vor ein paar Tagen ihre Einschätzung mitgeteilt, dass der Rundfunkbeitrag vom 1. Januar 2021 an auf monatlich 18,36 Euro steigen soll. Der Vorschlag war in der Politik auf wohlwollende Zustimmung, bei den Sendern hingegen erwartungsgemäß auf Ablehnung gestoßen, insbesondere beim ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm, der bemängelte, dass dies nicht einmal die Teuerung ausgleiche und eine „Umverteilung“ zugunsten des ZDF und des Deutschlandradios vollzogen werde.

„Die Jüngeren sind unterversorgt“

SWR-Intendant Kai Gniffke will den Sender umbauen. Verabschiedet hat er sich vom Plan, das Fernsehen zu verjüngen. Stattdessen setzt er auf Millionen für neue Ideen – und eine Hexenküche. Interview von Stefan Mayr und Claudia Tieschky.

Kai Gniffke kommt ins Büro mit Rucksack und einer blauen Stofftasche mit weißem Tagesschau-Aufdruck. Er wirkt mehr wie ein Reporter, nicht so sehr wie ein Intendant. In der Tasche sind Schoko-Nikoläuse für die Kollegen. Gniffke ist nicht als Weihnachtsmann angetreten im SWR. Er will den Sender umbauen. Gerade hat er Klausur gehalten mit seinen Direktoren, er gilt als jemand, bei dem es manchmal schnell gehen muss. Ein bisschen Journalist bleibt er auch als Senderchef: Er bloggt jetzt.

SZ: Wie waren Ihre ersten 100 Tage, Sie scheinen noch keine sichtbaren Wunden zu haben?

Kai Gniffke: Ha, hundert Tage und keine Katastrophen, ein erster Erfolg! Es war spannend und ermutigend, weil ich festgestellt habe, im Haus sind die Konzepte eigentlich alle geschrieben. Wobei mir klar ist: Wenn man global von Erneuerung spricht, ist die Zustimmung groß. Wenn es konkret wird, werden die Diskussionen intensiver. Aber die emotionale Bilanz ist gut.

Schön für Sie. Aber wie wollen Sie verhindern, dass der Wandel den Mitarbeitern Angst macht?

Indem man den Menschen, soweit es geht, Sicherheit gibt. Ich habe auch bei der Auswahl der neuen Programmdirektorin für Kultur, Anke Mai, und des neuen Programmdirektors Information, Clemens Bratzler, gesagt: Wichtig sind mir empathische Führungskräfte. Nur dann können Veränderungen klappen, wenn es Führungskräften gelingt, Menschen auch mal in den Arm zu nehmen und zu sagen: „Ich weiß, das ist jetzt hart. Aber wir suchen gemeinsam nach einem Weg, wie es funktioniert.“

Das klingt jetzt ein bisschen kitschig.

Ja, aber wir Menschen sind nun mal emotionale Wesen. Angst ist das schlimmste Veränderungshindernis. Mir geht es darum, den Menschen zu sagen, keiner geht über Bord bei uns. Wenn jemand dreißig Jahre lang Redakteur für ein bestimmtes Ressort war, sagen wir ihm: Wir versuchen nicht, noch auf der Zielgerade deines Berufslebens einen Social-Media-Redakteur aus dir zu machen, wenn es dir nicht liegt. Auch für die Menschen, die bestimmte Qualifikationen auf digitalen Plattformen nicht haben, gibt es im SWR Arbeit satt.

Der SWR gilt als biederer Sender für Omis und Opis, der der Jugend wenig bietet …

Tatsächlich erreichen wir in den jüngeren Altersgruppen deutlich weniger Menschen als in den älteren. Nun sind uns zwar alle Nutzenden gleich lieb, aber wir haben den gesellschaftlichen Auftrag, alle zu informieren und zu unterhalten und zu bilden. Deshalb müssen wir richtig Gas geben bei Inhalten für Menschen, die jünger als 50 Jahre sind. Dafür sind wir auch bereit, im Fernsehen Verluste bei den Marktanteilen hinzunehmen, die sich Fernsehsender vor allem mit älterem Publikum sichern.

Das heißt, Sie werden Ressourcen vom Fernsehen abziehen und in andere Bereiche stecken?

Ja, das bedeutet auch Ressourcenverschiebung. Es gibt ja das wunderbare Ranking der dritten Programme.

Wo Sie als zweitgrößte ARD-Anstalt wunderbar nur im Mittelfeld stehen.

Die Frage ist: Sind wir bereit, in Kauf zu nehmen, dass wir einen Platz zurückfallen, wenn wir unser Ziel ansteuern, die Breite der Gesellschaft besser zu erreichen und unseren Auftrag zu erfüllen? Meine klare Antwort: Ja. Und ich weiß, dass wir von Kollegen und von Aufsichtsgremien hören werden: Ihr seid zurückgefallen. Und ich sage: Ja. Wir werden das Fernsehen mit Zähnen und Klauen verteidigen. Aber wenn es darum geht, wo setzt du mehr Mittel ein, dann wird das nicht dort sein.

Sie akzeptieren, dass das SWR-Fernsehen für die Jungen verloren gegeben ist?

Wahrscheinlich. Mit dem SWR-Fernsehen jetzt auf unter 30-Jährige zu zielen, hat keinen Zweck. Das muss uns an anderer Stelle gelingen.

Das sehen andere Intendanten anders. Dort versucht man durchaus, das Fernsehen zu verjüngen.

Wir können im SWR-Fernsehen die tollsten Konzerte übertragen, dann sehen die Älteren, was junge Menschen so treiben. Aber das hilft uns nicht. Wir haben jetzt entschieden, uns künftig nur noch an der Gesamtreichweite zu messen: Wie viele Menschen erreichen wir mit dem SWR, egal ob TV, Radio oder Online über digitale Plattformen? Da haben wir uns Ziele gesetzt. Bei den Menschen unter 30 und unter 40 Jahren wollen wir jeden Tag jeweils mindestens die Hälfte der Bevölkerung erreichen. Für Menschen über 50 geben wir zurzeit noch drei Viertel des Budgets aus, die Jüngeren sind unterversorgt. Ist das angemessen? Zugleich werde ich weiterhin auch dafür kämpfen, dass wir Sendungen wie den „Schlagerspaß mit Andy Borg“ im Programm zeigen. Weil ich weiß, dass Menschen über 80 diese Unterhaltung gerne sehen, und weil sich sonst niemand um diese Generation kümmert außer uns.

Was wird ausgebaut?

Spätestens Mitte 2020 wird es in Baden-Baden ein Innovationszentrum geben. Das wird eine Hexenküche sein, ein Inkubator für Ideen aus dem SWR, es soll mit Start-ups und Wissenschaft gemeinsame Projekte realisieren. Und es soll konkrete Aufträge angehen. Zum Beispiel: Bitte macht mal ein Konzept, wie wir dieses und jenes Milieu künftig erreichen, in dem wir Defizite haben. Wir dürfen die Generation der Menschen, die in den nächsten 20, 30 Jahren für dieses Land Verantwortung tragen wird, jetzt nicht aufgeben. Ich bin geradezu beseelt von der Aufgabe, diese Generation nicht zu verlieren.

Wie wird diese Hexenküche ausgestattet?

Mit mehreren Millionen Euro pro Jahr. Wir werden ein Team von einigen Menschen haben, das Leute mit Ideen mit einem Rundum-sorglos-Paket ausstattet. Der Plan ist: Du hast eine Idee, dafür gibt es ein unbürokratisches Prüfverfahren. Nur wenige Leute gucken drauf, sagen, das klingt gut – ab zur Geschäftsleitung. Mach! Dann bekommt jemand vier Wochen, sechs Wochen Zeit, und wir sorgen dafür, dass die Redaktion Ersatz kriegt. Mindestens über Geld, dass sie sich den Ausfall über freie Mitarbeiter kompensieren kann. Häufig ist das Problem, dass eine Redaktion sagt: Moment mal, du kannst jetzt nicht einfach weg sein. Jeder in diesem Haus soll wissen: Das mit der Innovation ist nicht nur so eine fixe Idee, wir wollen das wirklich.

Und wo ziehen Sie das Geld ab?

In einem so großen Medienunternehmen wie dem SWR wird auch an manchen Stellen doppelt Arbeit gemacht, das lässt sich nicht so einfach vermeiden. Daran arbeiten wir gerade, wir fangen mit dem Thema Nachrichten an. Und da werden wir einen mutigen Schritt gehen. Wir werden nicht mehr an allen Standorten alles machen. Es ist vielleicht sinnvoller und kräftesparender, wenn man die Produktion nach Plattformen sortiert. Das klingt zunächst nach einem Zurück in alte Zeiten, in denen Fernsehen, Hörfunk und Internet strikt getrennt waren. Dass ausgerechnet ich das sage, nach meinem crossmedialen Umbau der Tagesschau, hat natürlich eine gewisse Ironie. Aber man muss auch über Crossmedialität ideologiefrei reden können, wenn das Sinn ergibt.

Aus der Tagesschau-Zeit haben Sie auch den Ruf, gerne nach vorne zu preschen, genauer gesagt seit dem raschen Start der Tagesschau-App, die zum Konflikt mit den Verlegern führte.

Oje. Das war eine tolle Zeit in jeder Hinsicht. Der App-Markt begann, und wir haben damals gesagt, es soll uns nicht noch mal passieren, was uns Ende des vorigen Jahrhunderts mit Aufkommen des Internets passiert ist: nämlich erst mal zu warten, bis andere uneinholbar davongezogen waren. Wir – ich auch – haben die Wirkung dessen, was wir da getan haben, natürlich fulminant unterschätzt, dass wir fast zeitgleich mit Bild an den Start gegangen sind, das wurde als Kriegserklärung gewertet, was es definitiv nicht war. Würde ich heute vielleicht anders machen. Aber ja, ich mag’s gerne schnell, weil ich die Erfahrung gemacht habe, wenn man Prozesse sehr lange zieht, wird es nicht einfacher und nicht besser.

Sie haben von einer Außenseitererfahrung in Ihrer Kindheit berichtet, die Ihre Arbeit prägt. Erzählen Sie uns mehr: Was hat Sie zum Außenseiter gemacht?

Ich bin Anfang der Sechzigerjahre als Einjähriger in das Dorf Trittscheid gekommen. Damals war die Eifel extrem rückständig, ohne asphaltierte Straßen, ohne Traktoren. Die katholische Kirche hatte einen immensen Einfluss. Was der Pfarrer sagte, war Gesetz. Meine Eltern standen politisch nicht da, wo alle anderen waren. Wir kamen woandersher und waren nicht katholisch, das war das Schlimmste. Mein Bruder wurde einmal an einen Baum gebunden und mit Messern beworfen, weil er nicht an Engel glaubt. Ich hatte bis zum zehnten Lebensjahr keinen Spielkameraden. Aber irgendwann war ich drin in dieser Gemeinschaft. Das hat mich schon geprägt. Das hilft auch heute noch, ich halte es auch mal aus, wenn ich mittags alleine am Tisch sitze (lacht). Vielleicht kommt es auch daher, dass ich mich Diskussionen mit der AfD stelle, wie vorigen Oktober in Dresden zusammen mit dem ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Ich habe ja auch mit den Menschen geredet, die meinen Bruder mit Messern beworfen haben. Vielleicht passt dieses Bild.

Sie sind nach dieser Kindheit hartgesotten. Glauben Sie, dass auch der SWR Berührungsängste abbauen muss?

In Stuttgart haben 50 Prozent der jungen Menschen einen Migrationshintergrund. Die Russlanddeutschen sind beispielsweise eine Gruppe, die im Südwesten groß ist. Es wäre mir schon wichtig, dass wir in unserem Haus ein bisschen stärker die verschiedenen Milieus abbilden, die es in dieser Gesellschaft gibt. Das gelingt uns nur, wenn wir den Mindset dieser Menschen auch in unseren Teams haben. Damit wir hier drinnen endlich die Gesellschaft abbilden, die es da draußen gibt, müssen wir auch Menschen einstellen, die kein abgeschlossenes Studium haben. Es wird Wildcards geben für Menschen, die wir in unserem Sender brauchen – auch ohne Studienabschluss.

Bislang gilt bei der Auswahl von Volontären die Regel: Ohne Studienabschluss wird die Bewerbung gar nicht angesehen.

So war das früher. Bei uns im SWR gilt das inzwischen aber übrigens auch nicht mehr, wir suchen explizit auch nach Menschen ohne Studienabschluss. Und in einem Punkt kann ich mich einreihen: Ich habe auch kein Volontariat.

Urheberrecht ist keine Waffe gegen die Pressefreiheit

Behörden bringen das Urheberrecht vor Gericht in Stellung, um Berichterstattung zu verhindern. Das ist ein Missbrauch. Für missverstandenen Geheimnisschutz ist das Recht nämlich nicht da.

In einem demokratischen Rechtsstaat kommt der Information der Öffentlichkeit eine besondere Bedeutung zu. Jeder Bürger und jede Bürgerin hat das Recht, aus allgemein zugänglichen Quellen Informationen zu schöpfen, die er oder sie zur Bildung einer eigenen Position im demokratischen Meinungsbildungsprozess benötigt. Dieses gesellschaftspolitische Verständnis gehört zu den Konstanten bundesrepublikanischer Grundrechtsdogmatik. Es ist unverzichtbar in einer pluralistischen Gesellschaft. Auf europäischer Ebene wird dies gleichermaßen durch die EU-Grundrechtecharta sichergestellt.

Die Presse erfüllt dabei die unentbehrliche Funktion eines Watchdogs: Sie verschafft Informationen über staatliches Handeln, die zur Erreichung des öffentlichen Informationsziels erforderlich sind, und erfüllt dadurch eine wichtige Kontrollfunktion – nicht immer zur Freude der betroffenen Institutionen.

Mit dem Ziel der Transparenz staatlichen Handelns wurden zudem bereits vor einiger Zeit auf Bundes- und Landesebene Informationsfreiheitsgesetze geschaffen, die es jedem Einzelnen erlauben, unter bestimmten Bedingungen von Behörden konkrete Informationen aus deren Handlungsfeld zu verlangen. Hier ist der Bürger selbst unmittelbare Kontrollinstanz. Ein Recht, die von der Behörde übermittelten Informationen der Allgemeinheit zugänglich zu machen, gewähren die Informationsfreiheitsgesetze jedoch nicht.

Von diesem gesetzlich vorgesehenen Informationszugang ist das Leaken von Informationen zu unterscheiden, also die zielgerichtete Enthüllung nicht zur Veröffentlichung bestimmter Dokumente durch Insider. Solche Whistleblower sind wichtige Informationsquellen für die Presse. Zum anderen werden geleakte Informationen auch unmittelbar veröffentlicht, etwa auf einschlägigen Internetportalen. Die Betreiber solcher Portale nehmen dann eine presseähnliche (Kontroll-)Funktion war.

Informationen sind allerdings in der Regel nicht im „Rohzustand“ von allgemeinem Interesse. Sie erlangen eine besondere Aussagekraft, wenn sie aufbereitet, erläutert und in eine Wertung eingekleidet werden. Besonders geeignet zur Befriedigung des öffentlichen Informationsbedürfnisses sind gerade die Kontextualisierung von Daten und Fakten, deren Veranschaulichung und die Inbeziehungsetzung etwa von empirischen Beobachtungen mit bestimmten Vorverständnissen, politischen Ansichten oder Zielrichtungen sowie die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen.

An dieser Stelle tritt das Urheberrecht auf den Plan. So gelangen heute zunehmend Streitfälle vor die Gerichte, in denen zu klären ist, ob das Urheberrecht als Hebel benutzt werden darf, um die Veröffentlichung bestimmter Dokumente zu verhindern. In diesen Fallkonstellationen kollidiert das Urheberrecht mit den Kommunikationsgrundrechten der Presse- und Informationsfreiheit. Denn wissenschaftliche Texte, aber auch solche Texte, die einen bestimmten Gebrauchszweck verfolgen, nämlich zu informieren, zu beraten, können als Sprachwerke urheberrechtlich geschützt sein. Der Schutz greift nicht automatisch, die konkrete sprachliche Darstellung ist aber immer dann als urheberrechtliches Werk geschützt, wenn sie eine persönliche geistige und damit schöpferische Leistung darstellt. Solche sprachlichen Schöpfungen entstehen, sobald ein kreativer Gestaltungsspielraum (etwa durch eine bestimmte Auswahl und Gewichtung) ausgenutzt wird. Folgt der Text dagegen einem vorgegebenen Schema oder einer den allgemeinen Denkgesetzen folgenden Logik, werden etwa bloße Fakten aneinandergereiht, kommt ein urheberrechtlicher Schutz nicht in Frage. Die Trennlinie zwischen einem kreativ geschaffenen Text und einer bloß handwerklichen und daher nicht schutzfähigen Zusammenstellung von Informationen ist freilich nicht immer leicht zu ziehen.

Ob dem Urheberrecht aber die Funktion zukommt, die unliebsame Veröffentlichung von Informationen zu verhindern, darf bezweifelt werden. Das Urheberrecht verfolgt das Ziel, die schöpferische Leistung des Urhebers zu schützen und damit den Ausdruck seiner Persönlichkeit im Werk. Es soll die Realisierung seiner geistigen und persönlichen wie verwertungsrechtlichen Interessen am Werk gewährleisten. Dem Urheber stehen die Früchte seiner schöpferischen Arbeit als seiner geistigen Leistung zu, und er darf sich gegen Entstellungen seines Werks wenden. Er allein soll entscheiden, ob, wann und wie sein Werk aus seiner persönlichen Geheimsphäre heraus in die Öffentlichkeit gelangt. Durch diesen relativ stark ausgestalteten gesetzlichen Schutz soll die Produktion von Urheberwerken stimuliert werden. Neben diesem Schutz von Individualinteressen erfüllt das Urheberrecht damit nicht zuletzt auch eine kulturfördernde Funktion.

Diese Zwecksetzungen dürfen nicht in urheberrechtsfremde Richtungen umgelenkt werden. Das Urheberrecht darf nicht missbraucht werden. Dabei gilt es zu differenzieren. Erstens sind die Fälle zu nennen, in denen es um die Formierung eines urheberrechtlichen Schutzschilds primär gegen die Pressefreiheit, sekundär aber auch gegen die Informationsfreiheit der Bürger geht. So wurden 2012 auf dem Internetportal der WAZ die sogenannte „Afghanistan-Papiere“ veröffentlicht. Diese von Ministerialbeamten „nur für den Dienstgebrauch“ erstellten Lageberichte über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr waren an die Presse durchgestochen worden. Unter Berufung auf das Urheberrecht ging die Bundesrepublik Deutschland gegen die Funke Mediengruppe als Betreiberin des Portals vor.

Hier stellt sich schon die Frage, ob die Bundesrepublik Inhaberin des Urheberrechts sein kann. Wegen des strengen Schöpferprinzips ist dies zu verneinen: Urheber können nur diejenigen Personen sein, die das Sprachwerk tatsächlich verfasst haben, also die betreffenden Mitarbeiter in den Ministerien. Dass diese ihrem Dienstherrn jeweils Rechte eingeräumt haben, um gegen die Veröffentlichung der Texte vorzugehen, ist zu bezweifeln, weil diese Texte eben gerade nicht veröffentlicht werden sollten. Problematisch ist diese Konstellation auch deshalb, weil sich der Staat als Grundrechtsverpflichteter auf das Urheberrecht beruft, um die Kommunikationsgrundrechte zu beschränken.

In der zweiten Fallgruppe geht es nicht um den Staat, der sich gegen die Herausgabe von Informationen wehrt, sondern um Einzelpersonen, die versuchen, mit Hilfe des Urheberrechts die Preisgabe missliebiger Informationen zu verhindern. Typischerweise agieren diese Personen in der Öffentlichkeit, was eine bestimmte Aufmerksamkeit mit sich bringt und für ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit spricht. So ging der Grünen-Politiker und ehemalige Bundestagsabgeordnete Volker Beck unter Berufung auf seine Rechte als Urheber gegen „Spiegel Online“ vor. Dort war 2013 ein Manuskript Becks aus den 1980er Jahren mit dem Titel „Reformistischer Aufbruch und Abschied von einer ,radikalen‘ Forderung – Plädoyer für eine realistische Neuorientierung der Sexual- (Strafrechts-) Politik“ veröffentlicht worden. Darin hatte sich der Autor für eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ausgesprochen. Von diesem Standpunkt hatte sich Beck in späteren Jahren eindeutig distanziert. Veröffentlicht wurde der Text jedoch ohne entsprechenden Distanzierungsvermerk. Auch hier kollidiert das Urheberrecht mit der Pressefreiheit sowie der Informationsfreiheit der Leser, was einmal mehr die Frage nach dem Verhältnis dieser Rechte zueinander aufwirft.

Zu beiden Konstellationen hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Juli dieses Jahres jeweils Grundsatzentscheidungen getroffen, die allerdings die konkrete Auflösung der beschriebenen Kollision den deutschen Gerichten überlassen. Im Fall „Afghanistan-Papiere“ hält der EuGH die Berufung auf das Urheberrecht – soweit es denn infolge der (zweifelhaften) Schutzfähigkeit der militärischen Lageberichte überhaupt greift – zwar nicht per se für sachfremd oder missbräuchlich. Doch kann die Einbindung in eine tagesaktuelle politische Berichterstattung den Urheberrechtsschutz beschränken, so dass der Pressefreiheit Vorrang einzuräumen wäre. Insoweit hatten die deutschen Instanzgerichte noch strengere Maßstäbe angelegt.
Mit der grundsätzlichen Frage, ob das Urheberrecht in solchen Fällen überhaupt eine taugliche Rechtsgrundlage darstellt, hat sich aber – leider – auch der EuGH nicht befasst. Dass die Verhinderung der Veröffentlichung sicherheitsrelevanter Informationen nicht Aufgabe des Urheberrechts sein kann, sondern dem Verwaltungsrecht vorbehalten bleiben muss, liegt jedoch auf der Hand.

Im Fall „Reformistischer Aufbruch“ hängt die Zulässigkeit der Veröffentlichung davon ab, ob die Herausgabe des Volltextes ohne Distanzierungsvermerk erforderlich ist, um den Informationszweck zu erfüllen. Insgesamt lässt der EuGH auch hier eine starke Gewichtung der Pressefreiheit erkennen. So ist die Verwendung geschützter Werke in der Berichterstattung über Tagesereignisse ohne Zustimmung des Urhebers möglich. Die deutschen Gerichte hatten dies bisher anders gesehen und die Gebotenheit einer derartigen vergütungslosen Werknutzung jedenfalls für den Fall, dass dies möglich und zumutbar ist, an die vorherige Einholung der Zustimmung des Rechtsinhabers geknüpft.

Noch nicht höchstrichterlich entschieden ist über eine dritte Fallgruppe. Bei dieser geht es um die erfolgreiche Geltendmachung der Informationsansprüche nach dem jeweils einschlägigen Informationsfreiheitsgesetz durch Bürger. Brisant wird es dann, wenn die an die Anspruchsteller zu deren eigenem Gebrauch übersandten Dokumente später auf Plattformen wie „fragdenstaat.de“ veröffentlicht werden – so geschehen beim Glyphosat-Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung. Hierin wird ein Bericht der Internationalen Agentur für Krebsforschung zitiert, aus dem hervorgeht, dass das Pflanzenschutzmittel Glyphosat für den Menschen „wahrscheinlich krebserzeugend“ ist. Auch in diesem Fall ging die betreffende Behörde auf urheberrechtlicher Grundlage gegen die Online-Veröffentlichung des Dokuments vor. Dabei wurde das urheberpersönlichkeitsrechtliche Erstveröffentlichungsrecht in Stellung gebracht. Wie bei den „Afghanistan-Papieren“ darf jedoch auch hier bezweifelt werden, ob einer Behörde – letztlich also wiederum dem Staat – ein solches Recht überhaupt zustehen kann. Aber auch wenn dies der Fall sein sollte, könnte das Recht dadurch verbraucht sein, dass ein großer Teil der Öffentlichkeit bereits Kenntnis vom Inhalt des betreffenden Dokuments erhalten hat, nämlich durch die erfolgreiche Geltendmachung von Informationsansprüchen. Darüber werden die Gerichte noch zu entscheiden haben. Die Beantwortung der Frage, ob durch die Veröffentlichung Verwertungsrechte der Behörde verletzt worden sind, hängt wiederum davon ab, ob der Behörde solche Rechte durch die Urheber zuvor eingeräumt wurden.

Im Ergebnis sind die genannten Fälle nur scheinbar ein Zeichen dafür, wie effektiv Urheber ihre Rechte durchsetzen können. Denn darum geht es – wie gezeigt – in aller Regel überhaupt nicht. Wollte man eine derartige Instrumentalisierung des Urheberrechts zu urheberrechtsfremden Zwecken erlauben, würde dies dem Urheberrecht allenfalls einen Bärendienst erweisen. Das Urheberrecht darf nicht zum Vehikel eines missverstandenen Geheimnisschutzes degradiert werden. Es würde dadurch als Institution geschwächt und dies ginge zu Lasten anzuerkennender urheberrechtlicher Belange. Zusätzlich wird denjenigen, die ohnehin gern vom „Zensururheberrecht“ sprechen, durch solche Fälle unnötig Munition geliefert – zum Nachteil des ohnehin einem ständigen Rechtfertigungsdruck ausgesetzten Urheberrechts.

Eva Inés Obergfell ist Professorin für Urheberrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin des Humboldt-Forschungsinstituts Eigentum und Urheberrecht in der Demokratie.

ist Gastprofessor für Urheberrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin und stellvertretender Direktor des Humboldt-Forschungsinstituts Eigentum und Urheberrecht in der Demokratie.

Experten legen Bericht zur Stasi-Tätigkeit von Verleger Holger Friedrich vor

Der Berliner Verleger Holger Friedrich habe bei früheren Stasi-Kontakten nach einer Expertenanalyse von überlieferten Dokumenten „überwiegend Offenkundiges“ berichtet. Die frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk haben ihren Bericht zu den Stasi-Aktivitäten von Holger Friedrich vorgelegt.

Die beiden Experten waren um die Sichtung der Stasi-Papiere als unabhängige Einschätzer von Seiten der Redaktion gebeten worden. Die Havemann-Gesellschaft veröffentlichte am Mittwoch die mehr als 20-seitige Analyse. Die Stasi-Kontakte von Friedrich waren Mitte November nach Recherchen der “Welt am Sonntag” bekanntgeworden – kurz nachdem Friedrich zusammen mit seiner Frau Silke den Berliner Verlag mit “Berliner Zeitung” und “Berliner Kurier” von der DuMont-Gruppe übernommen hatte.

Laut der nun vorliegenden Analyse war Friedrich von Juni bis August 1988 IM (Inoffizieller Mitarbeiter) der Stasi. Er sei zum IM “gepresst” worden. Es sei zu vier Treffen gekommen, von denen sechs Berichte überliefert seien. Bei der Beurteilung müsse berücksichtigt werden, dass die wenigen Treffen als IM unter der besonderen Situation einer Armeeeinheit zustande gekommen seien. Friedrich habe die Zusammenarbeit beendet, als ein neuer Führungsoffizier für ihn tätig geworden sei und dabei sofort betont, dass er diese Zusammenarbeit nie freiwillig eingegangen wäre.

Zigarettenwerbung in D: Die Gegenwehr der Tabakindustrie

Es gab einmal ganz andere Zeiten für die Zigarettenhersteller und ihre Werbung. Die Marke Camel beispielsweise warb in einem Spot der späten 1940er-Jahre sogar mit Ärzten für ihre Zigarette. Eine bundesweite Umfrage habe gezeigt, dass diese am häufigsten Camel rauchten, hieß es damals.

Das ist nun endgültig Geschichte, schickt sich die Bundesregierung derzeit schließlich an, die letzten Reste von Tabakwerbung zu verbieten. Die Bundestagsfraktion der CDU/CSU hat einen entsprechenden Beschluss gefasst und ist damit auf die Linie des Koalitionspartners SPD eingeschwenkt. Spätestens im Frühjahr 2020 soll ein Gesetz beschlossen werden, das ein Werbeverbot auf Außenflächen wie etwa Plakatwänden oder Haltestellen für herkömmliche Tabakprodukte ab Januar 2022 vorsieht.

Für sogenannte Tabakerhitzer soll das Verbot ab Januar 2023 gelten und für E-Zigaretten mit Flüssigkeiten zum Verdampfen ein Jahr später. Im Radio, im Fernsehen sowie in Zeitungen und Zeitschriften ist Tabakreklame schon seit den 1970er-Jahren nicht mehr erlaubt. Wenn alles so kommt, wie von der Koalition geplant, ist auf lange Sicht – außer direkt am Ladengeschäft – Werbung für Zigaretten in Deutschland tabu.

Dass sich die Zigarettenindustrie dagegen wehren wird, war zu erwarten. Doch die Art und Weise dieser Gegenwehr ist neu und auch die Folgen sind andere als bei früheren Werbeeinschränkungen. Eine Klage vor Gericht, wie sie jetzt erwogen wird, hat es beispielsweise zuvor noch nicht gegeben.

Die Auswirkungen eines Verbots wären tatsächlich heftig. Denn auch das einzige dynamisch wachsende Geschäft der Branche, die E-Zigarette als Verdampfer oder Tabakerhitzer, wäre von ihm stark betroffen. Große Konzerne wie BAT, Philip Morris oder Reemtsma könnten ihre Neuheiten ebenso wie kleine E-Zigarettenanbieter, beispielsweise Innocigs, Be Posh oder Lynden, nicht mehr in der Öffentlichkeit präsentieren. Der langfristige Erfolg dieser Dampfgeräte ist unter Branchenkennern unumstritten, selbst wenn die Hersteller derzeit wegen aktueller Vorfälle in den USA auch in Deutschland einen Geschäftsrückgang vermelden.

Sollte es tatsächlich zu einem Komplettverbot auch für E-Zigaretten-Werbung kommen, wollen nach WELT-Informationen Unternehmen über ihre Lobbyverbände dagegen klagen. Die Hersteller sprechen von Verstößen gegen Artikel 14 sowie Artikel 12 des Grundgesetzes, in denen das Eigentum sowie die Berufsfreiheit geregelt sind. Zudem gilt bei Wirtschaftswerbung der Schutz der Meinungsfreiheit des Artikels 5 und des Artikels 10. Zu klären wäre all dies vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Gesundheitsschutz spielt vor Gericht eine große Rolle

Juristen halten eine derartige Klage durchaus für begründet. „Die Meinungsfreiheit und die Berufsfreiheit genießen in der deutschen Verfassung einen besonderen Schutz. Beides wird von einem kompletten Tabakwerbeverbot angegriffen“, sagte Anwalt Carsten Albrecht im WELT-Gespräch. Zur Berufsfreiheit gehört auch, sein Geschäft entsprechend bewerben zu dürfen. Der Experte für Markenrecht erwartet daher, dass die Industrie gegen ein Komplettverbot der Zigarettenwerbung klagen wird.

Die Erfolgsaussichten beurteilt der Anwalt jedoch zurückhaltend. „Diesem Recht dürfte bei einem Werbeverbot für Zigaretten der Gesundheitsschutz gegenüber gestellt werden. Bislang wurde dieser Schutz von europäischen Gerichten stets höher bewertet und Einschränkungen wurden zugelassen“, sagte Albrecht. In einem möglichen Verfahren würde es um die Verhältnismäßigkeit gehen. „Es wird dann zu klären sein, ob die Beschränkungen für die Industrie tatsächlich einen Effekt beim Nichtraucherschutz haben“, sagte Albrecht.

In der Debatte um den Schutz vor allem junger Menschen gibt es unterschiedliche Positionen. Zigarettenlobbyisten führen an, dass sich laut dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht 2019 der Bundesregierung der Anteil rauchender Jugendlicher in den vergangenen zehn bis 15 Jahren um zwei Drittel verringert hat. Sie schlussfolgern, dass Werbung nur einen geringen Einfluss auf Nichtraucher habe. Vielmehr hänge der Einstieg ins Rauchen mit dem sozialen Umfeld der Menschen zusammen.
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Gesundheitspolitiker und Wissenschaftler verweisen dagegen auf etwa 110.000 Todesfälle im Jahr durch den Tabakkonsum. Zudem steht bei ihnen die E-Zigarette besonders in der Kritik, selbst wenn die Gefahr in den zuletzt gemeldeten Fällen von illegalen Produkten ausgeht. In den USA hatten illegale Händler die Flüssigkeiten für die E-Zigarettenkapseln mit Cannabis-Extrakten vermischt und anschließend auf dem Schwarzmarkt verkauft. Einige Konsumenten erlitten daraufhin schwere Lungenkrankheiten, sogar von Todesfällen wurde berichtet. In der Europäischen Union und damit auch in Deutschland sind E-Zigaretten und deren nikotinhaltige Flüssigkeiten wesentlich stärker reglementiert als in den USA.

Was die Werbung betrifft, ist Deutschland heute das einzige EU-Land, in dem Reklame für Zigaretten überhaupt noch erlaubt ist. Und weltweit betrachtet ist ein juristisches Vorgehen gegen Werbeeinschränkungen in dem Bereich selten erfolgreich gewesen. So hat beispielsweise Australien nach der Einführung der Einheitspackungen, des sogenannten Plain Packaging, bislang keinen entscheidenden Rechtsstreit verloren.

Die Zigarettenschachteln in dem Land sehen seither alle gleich aus. Die Farbe ist dunkelgrün, aufgedruckt sind Fotos von durch das Rauchen erkrankten Menschen oder geschädigten Körperteilen. Der Markenname ist lediglich am Packungsrand und in einheitlicher Schrift aufgedruckt. Auch die Welthandelsorganisation (WTO) setzte in einem Schlichtungsverfahren zwischen der Tabakindustrie und der australischen Regierung den Gesundheitsschutz über den Rechtsanspruch der Hersteller.

Grüne fordern „Recht auf Reparatur“

In Deutschland werden jedes Jahr 24 Millionen neue Smartphones verkauft, hat die Deutsche Umwelthilfe ausgerechnet. Weltweit waren es im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Geräte. Viele Kunden kaufen alle zwei bis drei Jahre ein neues Handy. Oft rechtfertigen sie ihren schnelllebigen Technikkonsum damit, dass die Anschaffung eines Neugeräts schlicht billiger sei, als das alte reparieren zu lassen. Vor allem haben auch die Hersteller ein Interesse daran, viel zu verkaufen, aber tatsächlich ist eine Reparatur oft aufwendig, manchmal unmöglich: Es gibt keine Ersatzteile, oder die Geräte sind so verklebt, dass sie beim Auseinanderbauen endgültig kaputt gehen.

In einem Antrag der Grünen im Bundestag, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, fordert die Fraktion nun ein „Recht auf Reparatur“ für Elektrogeräte – von der Waschmaschine bis zum Smartphone. So soll die wachsende Masse Elektroschrott eingedämmt werden. „Nutzerinnen und Nutzer sollten grundsätzlich das Recht und die Möglichkeit haben, Elektrogeräte, die sie erworben haben, frei zu verwenden und selbst zu reparieren beziehungsweise reparieren zu lassen“, heißt es in dem Antrag. Dafür müssten Elektrogeräte so gebaut sein, dass sie reparaturfähig seien. Wichtige oder besonders anfällige Komponenten wie Akkus dürften nicht fest verbaut sein, Ersatzteile und Reparaturanleitungen müssten verfügbar sein.
Aber nicht nur Hardware, auch Software soll dem Antrag zufolge in das Recht auf Reparatur einbezogen werden: „So müssen, auch im Sinne der IT-Sicherheit, Informationen darüber verfügbar sein, wie lange Softwareupdates für Elektrogeräte bereitgestellt werden.“ Zudem sollen nach dem Ende des Supports für ein Gerät der Softwarecode freigegeben werden. „Die Hersteller von Elektrogeräten wollen wir dafür stärker in die Pflicht nehmen“, so Tabea Rößner, Sprecherin Netzpolitik und Verbraucherschutz der Grünen-Bundestagsfraktion.

Neue Ökodesign-Richtlinie reicht nicht

Auf EU-Ebene gibt es zwar bereits eine im Oktober überarbeitete Richtlinie, die von 2021 an gelten soll. Nach dieser sogenannten Ökodesign-Richtlinie müssen Hersteller von bestimmten Elektrogeräten wie Waschmaschinen, Kühlschränken und Fernsehern Ersatzteile und Anleitungen an alle und nicht nur an firmeneigene Werkstätten liefern. Auch müssen sie bestimmte Ersatzteile sieben bis zehn Jahre lang Kunden zur Verfügung stellen. Doch die EU-Richtlinie geht den Grünen nicht weit genug. Sie beschränke sich auf Haushaltsgeräte und Displays und schließe die ressourcenintensiven, schnelllebigen Handys, Tablets und Computer nicht mit ein.

Zudem fordern die Grünen, dass die Bundesregierung Informationspflichten über die Mindestnutzungsdauer von Elektrogeräten sowie ein Label einführt, das kenntlich macht, wie lange Ersatzteile und Softwareupdates zur Verfügung gestellt werden. Nach Ablauf dieser Frist sollen die Hersteller Bauanleitungen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. „So können Nutzerinnen und Nutzer Ersatzteile zum Beispiel per 3-D-Druck selbst herstellen und ihre Geräte so instand halten und warten“, sagt Rößner.

Zudem müsse die Regierung den Begriff der „fahrlässigen Obsoleszenz“ definieren, zum Beispiel als Weigerung eines Herstellers, Ersatzteile oder Softwareupdates zur Verfügung zu stellen, und dies mit einem Bußgeld belegen. Auch soll nach schwedischem Vorbild nur der reduzierte Mehrwertsteuersatz auf Reparaturdienstleistungen erhoben werden.

Die Forderungen nach einem „Recht auf Reparatur“ vertraten hierzulande bislang vor allem Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen. Noch im November 2018 war im Petitionsausschuss des Bundestages mit den Stimmen der Union, SPD, AfD und FDP beschlossen worden, eine Petition mit gut 100 000 Unterschriften zum „Recht auf Reparatur“ nicht weiter zu behandeln. Sie befanden, dass gesetzgeberisches Handeln nicht nötig sei, weil auf EU-Ebene an der Ökodesign-Richtlinie gearbeitet werde. Zudem sei eine lange Nutzungsdauer nicht immer wünschenswert.

In den USA gibt es das „Recht auf Reparatur“ bereits, zumindest in einigen US-Bundesstaaten für Autos. Mehrere Bundesstaaten wollen mit Gesetzen erreichen, dass Hersteller auch Ersatzteile für Smartphones, Tablets und andere Elektrogeräte an unabhängige Werkstätten verkaufen müssen. Mittlerweile ist das Vorhaben auch im US-Repräsentantenhaus angekommen.

Relotius: Wie sich die Medien seit dem Skandal verändert haben

Das Jahr 2018 neigte sich schon langsam dem Ende zu, als das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit einem Fälschungsskandal an die Öffentlichkeit ging. Dieser sollte die gesamte Medienbranche erschüttern. Der bis dahin renommierte und mit vielen Preisen überhäufte „Spiegel“-Autor Claas Relotius erfand immer wieder Szenen, Gespräche und Ereignisse. Das Magazin in Hamburg arbeitete den Fall in einer aufwendigen Dokumentation auf und arbeitet derzeit noch an neuen Standards. Es gab auch personelle Konsequenzen. Wie haben andere Redaktionen in Deutschland auf den Fall Relotius reagiert?

Eine Umfrage unter mehreren Medien ergab dieses Bild: Es gibt mehr Faktenchecks. Redaktionelle Standards wurden überarbeitet. Leitfäden entstanden oder entstehen gerade. Der Chefredakteur der überregionalen „Süddeutschen Zeitung“, Wolfgang Krach, betont: „Angestoßen durch den Fall Relotius haben wir das Prüfen von Fakten nochmals deutlich verstärkt – unabhängig davon, wie bekannt die Autorin oder der Autor der jeweiligen Redaktion sind.“

Auswahl per Zufallsgenerator

Bei der Wochenzeitung „Zeit“ und „Zeit Online“ setzte man sich nach Bekanntwerden des Falls Relotius in größerer Runde zusammen, um über mögliche Folgen zu diskutieren, wie der Chefreporter der „Zeit“-Chefredaktion, Stefan Willeke, erläutert. Eine Arbeitsgruppe arbeitete neue Regeln aus, die für die Mitarbeiter bindend sind. Willeke betont auch: „Seit Juli dieses Jahres werden Überprüfungen einzelner Artikel bei ,Zeit‘ und ,Zeit Online‘ regelmäßig vorgenommen, einmal im Monat.“ Die Beiträge werden von einem Zufallsgenerator ausgewählt, kein Autor sei davon ausgenommen.

Als Folge aus dem Fall Relotius arbeitet auch der WDR an einem Papier – „10 Grundsätze zur Glaubwürdigkeit“. Es soll ein bestehendes Grundsatzpapier zur investigativen Berichterstattung ergänzen, wie es beim Sender heißt. Ein Punkt aus dem Papier: Dokumentation und Transparenz des Rechercheweges mit Nennung der Quellen und Kennzeichnung von Archivmaterial, ob vor Ort recherchiert wurde oder nicht.

Der Fälschungsskandal beim „Spiegel“ hatte beim ZDF keinen Einfluss auf bestehende Grundsätze und Transparenzangebote, auch wenn in Mainz betont wird, dass es unerlässlich sei, journalistische Standards regelmäßig zu überprüfen und Ideen zu diskutieren.

Bei der überregionalen „tageszeitung“ („taz“) in Berlin gab es laut Chefredakteur Georg Löwisch Diskussionen nach dem Fall, sowohl intern als auch mit Gästen. Eine Folge: „Zum Beispiel haben wir 2019 in vielen Reportagen und Reports der Quellentransparenz mehr Raum eingeräumt. Effekt: Sie werden länger, lesen sich mitunter auch mal sperrig. Aber die entsprechenden Passagen ermöglichen es den Leserinnen und Lesern, unsere Wege nachzuvollziehen.“

Beim Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, der unter anderem das Magazin „Stern“ im Portfolio hat, erläutert eine Sprecherin zu Folgen aus dem Fall Relotius: „Wir haben unsere Abläufe in der Dokumentation genau angeschaut und unsere ohnehin hohen Qualitäts- und Sorgfaltsstandards noch weiter geschärft.“

Nicht nur Printmedien betroffen

Nach dem Relotius-Skandal gab es weitere unterschiedlich gelagerte Beispiele, bei denen Autoren manipuliert haben. Die Fälle beschränkten sich nicht auf Printmedien. RTL-Chefredakteur Michael Wulf verweist auf einen Fall in seinem eigenen Hause, wonach ein Reporter jahrelang getäuscht und Beiträge manipuliert habe. „Daraufhin haben wir unsere Abnahmeverfahren noch einmal deutlich ausgebaut und weitere Maßnahmen eingeleitet.“

Die Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien erwähnt weitere Beispiele: „Eine Autorin hat auch in einem unserer Programme eine Geschichte nachweislich erfunden.“ Und ein Autor habe auf andere Weise betrogen. Er sei nicht am Ort des Berichtsgeschehens gewesen, sondern habe seine Anwesenheit durch Reportageelemente lediglich vorgetäuscht. Wentzien betont, dass in der Folge ein programmübergreifender Prozess angestoßen worden sei, in dem auch das „Journalistische Selbstverständnis“ überarbeitet werde.

Der Fall Relotius wird weiter beschäftigen. Unlängst wurde bekannt, dass Claas Relotius gegen ein Buch von Juan Moreno vorgeht. Darin beschreibt dieser, wie er das Vorgehen seines Ex-Kollegen enttarnte.

Icann und ISOC: Ausverkauf des Internets

Je mehr neue Informationen zu dem Verkauf der .org-Domain öffentlich werden, desto mehr erinnern die Vorgänge an den Ausverkauf wichtiger Ressourcen im post-sozialistischen Ostblock, bei dem sich einige Oligarchen auf Kosten aller bereicherten, oder an eine schmierige Mafia-Affäre an der US-Ostküste, inklusive Schweigekartell vieler wichtiger Mitwisser und Entscheider. Die Vorgänge bieten auch genug Inhalt, um noch über Jahre hinweg für Spekulationen herhalten zu können.

Worum geht es? Zwei der wichtigsten Organe des Internets, die Icann und die gemeinnützige ISOC, verkaufen ohne ersichtlichen Grund und mit fadenscheinigen Argumenten die .org-Domain. Beteiligt sind nur eine Handvoll Personen, auf Kritik wird nicht eingegangen.

Ein Allgemeingut wird kommerzialisiert

Das Brisante daran: Die .org-Domain dient fast ausschließlich zur Kennzeichnung gemeinnütziger Vereine und wird auch von vielen Open-Source-Projekten genutzt. Hinzu kommt, dass die .org-Verwalter der Public Interest Registry (PIR) nicht gewinnorientiert arbeiten, ebenso wenig die bisherigen PIR-Besitzer, die Internet Society (ISOC). Letztere soll explizit das offene Internet fördern und es allen zugänglich machen. Dieses Konstrukt ist im Jahr 2002 explizit so geschaffen worden. Die als Allgemeingut verstandene .org-Domain war einer der letzten Horte des noch nicht völlig durchkommerzialisierten Internets.

Nun wird die Domain in den freien Markt gedrängt. Ein Jahrzehnte altes Gut der Community wandert damit aus dem nichtkommerziellen Sektor in Privatbesitz als Geldanlage und Spekulationsobjekt – ein Allgemeingut wie die Wasserversorgung oder Müllabfuhr, nur eben digital. Kritiker, die wegen der fehlenden Preisschranken zuvor schon vor einer ungewissen Zukunft gewarnt hatten, können dem Ausverkauf nur mehr oder weniger tatenlos zusehen.

Um zu verstehen, wie die Icann als oberster Verwalter des Internets mit dem Auftrag des Interessenausgleichs und die ISOC in nur wenigen Monaten derart massiv ihren eigenen Auftrag unterlaufen konnten, lohnt sich zunächst ein Blick zurück.

Vorgeschobene Argumente von Icann und ISOC?

In den Jahren 2014 bis 2016 hat die Icann eine Vielzahl neuer sogenannter generischer Top-Level-Domains (gTLD) eingeführt und mit deren Betreibern entsprechend neue Verträge geschlossen. Im Frühjahr dieses Jahres wollte die Icann zur turnusgemäßen Vertragserneuerung mit den Betreibern der .org-Domain, also dem gemeinnützigen Unternehmen PIR, die gültigen Bedingungen für die anderen gTLDs auch auf .org übertragen. Dazu gehörte die Abschaffung der zuvor noch gültigen Preisschranken. Für eine Organisationen wie die Icann mit mehreren Tausend Vertragspartnern mag die Vereinheitlichung dieser vielen Verträge durchaus Vorteile haben.

Doch ist das der einzige Grund? Die Icann hat den Schritt so vehement auch gegen heftigste Kritik durchgesetzt, dass sich der Verdacht geradezu aufdrängt, es könnten noch andere Interessen dahinterstecken. Schon während der öffentlichen Beratungsphase der Icann zu den neuen Verträgen gab es fast ausschließlich negative Kommentare und so gut wie keine Zustimmung zu dem Plan. Der weltweit zweitgrößte Registrar Namecheap erhob offiziell Widerspruch gegen den Verkauf.

Doch die Icann überging die Kritik aus der Community und lehnte den Widerspruch von Namecheap einfach als unbegründet ab. Eine externe Überprüfung fand nicht statt. Nachvollziehbare Begründungen für dieses Verhalten lieferte die Icann nicht und hüllte sich stattdessen in Schweigen.

Nur wenige Monate später folgte der nächste heftig umstrittene Schritt: Nachdem die Arbeit der .org-Verwalter von PIR über 17 Jahre nahezu unverändert gelassen wurde, hat die ISOC völlig überraschend und ohne vorherige öffentliche Konsultation den Verkauf von PIR bekanntgegeben. Davon verspricht sich die Organisation nach eigenen Angaben genügend Vermögen, um ihre Einnahmen und damit ihre Tätigkeit zur Förderung des Internets für alle Menschen zu erweitern.

Immerhin kann die ISOC das Geld so unabhängig in mehrere Anlagen investieren, um nicht mehr nur von einer Einkommensquelle abhängig zu sein. Denn das Haupteinkommen der ISOC stammt bisher fast ausschließlich aus den Gebühren für .org-Domains, die PIR verwaltet. Doch eigentlich dürfte die ISOC das gar nicht nötig haben. Die Abhängigkeit von einer einzigen Einkommensquelle ist in diesem Fall kein so bedrohliches Szenario, dass zwingend andere Einnahmen gesucht werden müssten. Denn die ISOC erhält derzeit rund 30 Millionen US-Dollar im Jahr aus dem Geschäft der PIR – und zwar stetig. Es ist außerdem mehr als unwahrscheinlich, dass das Geschäft mit den .org-Domains plötzlich wegbrechen könnte. Eine langfristige Finanzierung der ISOC wäre also auch mit dem Status Quo weiter gesichert.

Beide Vorgänge – der neue Vertrag und der Verkauf – stellen die Organisationen als übliche Vorgänge dar, die nicht miteinander zusammenhängen. Doch allein die zeitliche Nähe zueinander und die geringe Transparenz zu den offiziellen Entscheidungen lassen das unwahrscheinlich erscheinen. Eine genauere Betrachtung der beteiligten Personen und Unternehmen untermauert diesen Eindruck.

Persönliche Verwicklungen

An den Vorgängen rund um den .org-Verkauf ist nur eine sehr kleine Gruppe von Personen und Unternehmen beteiligt. Diese sind teilweise so eng miteinander verwoben, dass die Konstellation an einen Krimi mit Personalrochaden erinnert, bei dem Protagonisten an entscheidende Stellen der Macht gelangen wollen.

Zu nennen sind hier unter anderem Akram Atallah und Fadi Chehadé, die in der Zeit der massiven TLD-Erweiterungen in der Icann tätig waren, Chehadé als CEO, Atallah als President für die Global Domain Division. Chehadé wechselte danach zum Finanzinvestor Abry. Dort sorgte er für eine Mehrheitsbeteiligung an dem Unternehmen Donuts und sicherte dessen Finanzierung, mit der rund 240 TLDs gekauft wurden.

Gegründet wurde Donuts unter anderem von Jon Nevett, der das Unternehmen im Herbst 2018 verließ, ihm folgte Atallah in dieser Position. Nevett wiederum ist seit Ende 2018 CEO der .org-Verwalter bei PIR. Der Vorgänger von Nevett in dieser Position war mehr als sieben Jahre für PIR tätig und kündigte ohne jede Erklärung.

Finanzinvestor mit sehr guten Kontakten

Der aktuelle ISOC-Präsident Andrew Sullivan, der neben Nevett wohl hauptverantwortlich für den PIR-Verkauf ist, war maßgeblich an der Gründung von PIR durch die ISOC beteiligt. Danach arbeitete Sullivan bis 2008 für Afilias, der als technischer Dienstleister die Arbeiten von PIR betreut. Sullivan war darüber hinaus aber auch erst seit 2018 in seiner Position bei der ISOC.

Im Frühjahr dieses Jahres registrierte dann Chehadé die Domain von Ethos Capital, den künftigen Käufern von PIR. Einer der Partner von Chehadé bei Abry, Erik Brooks, gründete schließlich Ethos Capital und verließ dafür eine prestigeträchtige Leitungsposition. Zweite Angestellte des Unternehmens ist Nora Abusitta-Ouri, eine langjährige Mitarbeiterin von Chehadé.

Schon allein wegen der engen Verbindungen zueinander und der kurzen zeitlichen Abfolge liegt der Verdacht nahe, dass die Beteiligten den .org-Verkauf von vornherein ausgehandelt haben – womöglich, um sich daran persönlich zu bereichern. Hinzukommt, dass offenbar kaum einer bereit ist, öffentlich Details zum Zustandekommen des Verkaufs zu nennen. Und wenn sich die Beteiligten doch äußeren, hilft das ihrer Sache eher weniger.

Der große Ausverkauf

Nach langem Schweigen über die Verkaufssumme für PIR hat vor wenigen Tagen Andrew Sullivan öffentlich angegeben, dass diese 1,135 Milliarden US-Dollar beträgt. Das für den Kauf notwendige Kapital stammt offenbar von US-Milliardären, die der Republikanischen Partei nahestehen. Das schreibt der Gründer der .eco-Domain Jacob Malthouse unter Berufung auf eine E-Mail von Sullivan.

Diese Summe mag auf den ersten Blick groß erscheinen, ist aber eigentlich lächerlich klein und sicherlich deutlich unter Wert. So gibt es derzeit mehr als 10 Millionen .org-Domains. Mit den nun möglichen Preissteigerungen und eventuell neuen Registrierungen könnte die .org-Registry wohl nach einigen Jahren 200 Millionen US-Dollar im Jahr einnehmen. Ebenso könnten die neuen Eigner die Registry einfach zu einem höheren Preis weiterverkaufen, etwa an Donuts. Und davon bekommt die ISOC nichts ab.

Wie Sullivan berichtet, sollen die Einnahmen aus dem Verkauf angelegt werden, um aus dem Gewinn die ISOC zu finanzieren. Allerdings erwartet Sullivan nicht, dass dabei mehr Geld an die ISOC fließt als bisher. Der Verkauf ist aus dieser Perspektive also eigentlich völlig überflüssig, da der Schritt offensichtlich keine direkten Vorteile bietet und möglicherweise sogar ein Verzicht auf Einnahmen bedeutet.
Viele Ungereimtheiten

Darüber hinaus beteuert die ISOC-Führung nach wie vor, von dem Übernahmeangebot durch Ethos Capital überrascht worden zu sein – und hat ihm dennoch nach nur etwas mehr als einem Monat zugestimmt. Angesichts der engen Verbindungen der Beteiligten und der schon länger zurückliegenden Gründung von Ethos ist das wenig glaubwürdig. Außerdem gibt es Anzeichen dafür, dass PIR für einen Verkauf vorbereitet worden ist, indem dessen verfügbares Vermögen an die ISOC übertragen und der größten Kostentreiber – der Vertrag mit dem Technikdienstleister Afilias – deutlich verringert wurde.

Die Umstände rund um die Verhandlungen sind zudem nach wie vor geheim. Selbst Mitarbeiter wurden wohl nicht darüber informiert. Sullivan behauptet, die Geheimhaltung sei nötig gewesen, um den Verkauf nicht zu gefährden. Nun besteht aber ganz klar ein großes öffentliches Interesse an der .org-Domain, was den Beteiligten spätestens seit den Diskussionen um den neuen Vertrag hätte klar sein müssen. Es drängt sich geradezu der Verdacht auf, dass hier etwas verschwiegen werden soll – aus Angst davor, dass zu großer öffentlicher Druck den Verkauf hätten verhindern können.

Sullivan ignoriert darüber hinaus die bisherige Kampagne zum Stopp des Verkaufs und die mehrheitlich negative Kritik daran. Bei mehr als 10 Millionen registrierten Domains hält der ISOC-Präsident die mehr als 15.000 Personen und Organisationen, die eine entsprechende Petition gegen den Verkauf unterschrieben haben, schlicht nicht für eine relevante Masse. Im Namen der ISOC begeht Sullivan damit den gleichen Fehler wie bereits zuvor schon die Icann und ignoriert wichtige Teile der Internet-Community.

China ante portas: Wie chinesische Händler Amazon.de dominieren

Fast 30 Prozent der Top-Seller auf Amazon.de stammen aus China. Sie profitieren von günstigen Logistikkosten – und einem oft laxen Umgang mit europäischen Regularien. Die EU bemüht sich um Regulierung, könnte aber mit ihren Vorstößen zu spät kommen.

Sucht man auf Amazon.de nach dem Keyword „Kopfhörer“, ist fast die ­gesamte erste Suchergebnisseite fest in asia­tischer Hand. Marken wie „Luvfun“, „Bokman“, „Enacfire“ oder „Bluedio“ bieten günstige Produkte mit Hunderten positiver (oft zweifelhafter) Bewertungen an. Allesamt erreichen sie den Kunden dank Fulfillment by Amazon (FBA) innerhalb von zwei Tagen, obwohl ihre Verkäufer in Shenzhen oder Hongkong gemeldet sind.

Diese chinesische Übermacht begegnet Händlern bei immer mehr Sortimenten. Nicht nur Elektronikzubehör, auch die Amazon-Kategorien Haushaltsartikel, ­Bürobedarf, Spielzeug, Kosmetik, Textilien und vieles mehr werden zunehmend von asiatischen Händlern dominiert. „In meiner Branche bestehen die ersten zwei Suchergebnisseiten zu 90 Prozent inzwischen aus China-Angeboten, und wer dahinter gelistet ist, der hat ein echtes Problem“, schrieb im September der Online-Händler Sebastian Feuster, der unter Eifel-luftballons.de und auf Marktplätzen Partyzubehör verkauft, auf Sellerforum.de. „Wenn das so weiterläuft, kann ein großer Teil der Kleinpreishändler, Private-Label- oder No-name- Handelswaren-Verkäufer in ein bis zwei Jahren seinen Online-Handel dichtmachen!“

Des Kaufmanns liebstes Lied ist die Klage

Auswertungen des US-amerikanischen Marktbeobachters Marketplace Pulse stützen die Erfahrungen von Feuster und vieler anderer deutscher Amazon-Händler, die sich in den einschlägigen Händler­foren über die Übermacht der chinesischen Konkurrenz auslassen: Noch vor drei Jahren stammten demnach nur etwa elf Prozent der erfolgreichsten Dritthändler auf Amazon.de aus China; heute sind es 28 Prozent. Und damit liegt der Anteil der Chinesen auf Amazon noch deutlich unter dem Durchschnitt; weltweit machen die chinesischen Händler rund 40 Prozent der Top-Seller auf Amazon aus.

Ein Sprichwort besagt, des Kaufmanns liebstes Lied sei die Klage, und Anhänger der freien Marktwirtschaft könnten argumentieren: Wenn chinesische Händler so erfolgreich sind, sind sie vielleicht einfach besser als ihre deutschen Konkurrenten. Tatsächlich entwickeln viele chinesische Player ein immer feineres Gespür für den europäischen Markt und setzen die Daten, die durch Amazon-Tools frei zugänglich sind, geschickt ein, um Produkttrends zu ­erkennen und in extrem schnellen Entwicklungszyklen passende Waren auf den Markt zu werfen. Doch wirtschaftliches Geschick ist nur die halbe Wahrheit hinter dem Erfolg aus dem Reich der Mitte.

Regeln und Standards? Nicht für Händler aus China

Im Oktober drohte Donald Trump mit dem Austritt der USA aus dem Weltpostverein. Diverse Handelsverbände schlossen sich seiner zentralen Kritik an: der Sonderstellung für China als Schwellenland. „China genießt im Weltpostverein und damit im Warenversand ungerechtfertigte Vorteile“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp. „Das führt am Ende zu einem unfairen Wettbewerb mit Online-Händlern aus anderen Ländern.“ Auf Druck der USA hat sich der Weltpostverein mittlerweile ­darauf geeinigt, die Gebühren für chinesische Sendungen schrittweise zu erhöhen.

Die neuen Regelungen treffen aber kaum chinesische Händler, die für den Verkauf auf Amazon.de FBA nutzen (deren Anteil schätzen Experten auf rund 75 Prozent), da sie ihre Waren palettenweise zu den Amazon-Lagern anliefern und dort dann von den FBA-Konditionen profitieren.

Gravierender für europäische Konkurrenten chinesischer Produkte ist das Thema Regularien und Gesetze. Europäische Händler müssen eine Menge Regeln einhalten, damit sie ihre Produkte überhaupt verkaufen können: Es gibt Verordnungen zur fachgerechten Entsorgung von Verpackungen und Altgeräten, Regeln für die Kennzeichnung von Inhaltsstoffen, Zertifizierungsvorgaben zur Produktsicherheit und Informationspflichten, die den Inhalt beispielsweise von Bedienungsanleitungen genauestens regeln. Händler, die ­Produkte in der EU verkaufen, sind verpflichtet, diese Standards und Regularien einzuhalten; tun sie es nicht, drohen ihnen rechtliche Konsequenzen, falls ein Konkurrent sie per Anwalt abmahnt.

Theorie und Praxis

All diese Regeln gelten natürlich in der Theorie auch für chinesische Händler, die in Europa verkaufen; doch viele halten sich schlichtweg nicht daran – und sparen sich damit gegenüber europäischen Konkurrenten eine Menge Geld, was sich wiederum in konkurrenzlos günstigen Preisen niederschlägt. „Viele ausländische Anbieter, vor allem im Elektronikbereich, sparen an der Produktsicherheit“, mahnt BEVH-Präsident Gero Furchheim. So kämen massenhaft mangelhafte Geräte auf den deutschen Markt. „Ich fordere 1.000 zusätzliche Zöllner, um der Warenflut einen Kontrolldruck entgegenzustellen.“

Von diesem Zusatzpersonal ist der chronisch überforderte deutsche Zoll weit entfernt; und haben es die chinesischen Produkte erst einmal in die Lager von Amazon geschafft, ist es sehr schwer, sie von dort wieder wegzubekommen.

Denn Amazon weist seine Händler zwar in den Richt­linien darauf hin, dass ihre Produkte europäischen Standards genügen müssen, löscht aber Listings von rechtswidrigen Produkten nicht proaktiv, sondern nur aufgrund von Hinweisen. „Hat Amazon Kenntnis von einer Schutzrechtsverletzung oder einem Wettbewerbsverstoß, so muss Amazon nicht nur das konkrete Angebot unverzüglich sperren, sondern auch Vorsorge treffen, dass es möglichst nicht zu weiteren derartigen Rechtsverletzungen kommt“, sagt IT-Rechtsanwalt Peer ­Fischer von der Berliner Kanzlei BBP Rechtsanwälte.

Das Problem liegt in der Geschwindigkeit der chinesischen Konkurrenz: Ist ein Produkt nach einem aufwendigen Verfahren erfolgreich gelöscht, listen die chinesischen Händler meist in wenigen Wochen ein vergleichbares Produkt – und das Spiel beginnt von vorn.

Auch deshalb wird der Ruf nach einer Marktplatzhaftung in der Branche immer lauter. Einen entsprechenden Vorstoß des Landes Bayern hat der Bundesrat gerade abgelehnt. Man ­wolle abwarten, bis im Mai 2021 die Europäische Marktüberwachungsversordnung in Kraft tritt. Dann muss für alle in der EU angebotenen Produkte ein Wirtschaftsakteur verantwortlich sein, der in der EU niedergelassen ist. Für viele deutsche Händler, die jetzt schon durch unfaire Produkte chinesischer Konkurrenten bedrängt werden, könnte die Wartezeit aber zu lang sein.

Zeitungswende in Italien

„La Repubblica“ war die Zeitung, die gegen Italiens Establishment antrat. Jetzt wird sie von diesem gekauft – von der Familie Agnelli.

Ausgerechnet diejenige Zeitung, die einst als Stimme gegen das italienische Establishment gegründet worden war, wird nun von denen übernommen, die wie sonst niemand die etablierten Mächte in Italien repräsentieren – von der Familie Agnelli. Auch als kritische Stimme gegen diese Familie, die in den siebziger und achtziger Jahren fast den Status eines inoffiziellen Königshauses Italiens genoss, war 1976 in Rom die Zeitung „La Repubblica“ gegründet worden, um als linke Stimme gegen das konservative Establishment anzutreten. Der damalige Mitbegründer und langjährige Chefredakteur Eugenio Scalfari, heute 95 Jahre alt, genießt in Italien Kultstatus und publiziert immer noch jeden Sonntag einen langen Leitartikel in der „Repubblica“.

Dass sich ausgerechnet die Agnelli-Familie nun in diesen Verlag einkauft, ist im doppelten Sinne eine Zeitenwende. Jenseits der politischen Orientierungen aus der Vergangenheit schien es lange Zeit, als wolle sich die Familie Agnelli aus dem Mediengeschäft zurückziehen. Das gegenwärtige Oberhaupt der Familie, der heute 43 Jahre alte John Elkann, hatte für einige Jahre auf langen Reisen den Chefredakteuren und Verlegern in aller Welt die Frage gestellt, wie sie sich die Zukunft der Medienbranche vorstellten. 2017 gab er dann die seit 91 Jahren bestehende Kontrolle über die Turiner Zeitung „La Stampa“ auf, indem er seinen Zeitungsverlag mit dem der „Repubblica“ vereinte und sich nur noch mit einem Minderheitsanteil von sieben Prozent an der gemeinsamen Medienholding „Gedi SpA“ begnügte. John Elkann kaufte sich dagegen beim Londoner „Economist“ ein, wo die Familienholding der Agnellis, Exor, nun 43,4 Prozent der Anteile und 20 Prozent der Stimmrechte hält.

Die unternehmerische Führung des wichtigsten Zeitungsverlages Italiens lag seither bei der Unternehmerfamilie De Benedetti, die bisher offiziell 43,4 Prozent an der börsennotierten Medienholding besaß. Carlo De Benedetti, eine historische Unternehmerfigur Italiens, stand schon kurz nach Gründung an der Seite der „Repubblica“. Nach der Fusion mit „La Stampa“ der Agnellis und der Genueser Regionalzeitung „Il Secolo XIX“ umfasst der Verlag Gedi neben der als nationales Blatt mit zehn verschiedenen Lokalteilen herausgegebenen „Repubblica“ nun dreizehn Lokalzeitungen, die italienische Ausgabe der Internetzeitung „Huffington Post“, das Magazin „Espresso“ sowie drei nationale Radiosender, die zu den meistgehörten des Landes gehören.

Zuletzt gingen die Geschäfte aber nicht mehr so blendend. Die fetten Jahre mit einer verkauften Auflage der „Repubblica“ von mehr als 600 000 Exemplaren, zwischen 1999 und 2007, liegen weit zurück. Zuletzt wurden in gedruckter und digitaler Form 221000 Exemplare der „Repubblica“ verkauft. In den ersten neun Monaten 2019 schrumpfte der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent auf 441 Millionen Euro. Statt eines schmalen Gewinns 2018 wurde für die ersten drei Quartale 2019 ein Verlust von achtzehn Millionen Euro präsentiert. Vor allem aber hat die „Repubblica“, früher zeitweise die meistverkaufte Zeitung Italiens, vorerst das Rennen mit dem Mailänder „Corriere della Sera“ verloren. Der kam zuletzt auf eine verkaufte Auflage von 278 000 Stück.

Für den heute 85 Jahre alten Carlo De Benedetti war die „Repubblica“ weit mehr als ein Unternehmen. Mehr schon ein Identifikationsobjekt, um sich als progressiver Unternehmer zu inszenieren. Während der Todfeind Silvio Berlusconi traditionell mit den Sozialisten verbündet war, galten für Carlo De Benedetti die früheren Kommunisten als die sogenannten „politischen Referenten“. Ihnen wurde sozusagen ein Sprachrohr zur Verfügung gestellt, und dafür gab es im Proporzwesen der italienischen Klientelpolitik immer wieder auch wirtschaftlich Nützliches wie etwa die erste private Mobilfunklizenz Italiens im Jahr 1994.

Carlo De Benedetti scheute sich offenbar auch nicht davor, die Zeitungen als Instrument für seine Interessen einzusetzen. Als um das Jahr 2000 der staatliche Strommonopolist Enel seine Marktmacht verlieren und vierzig Prozent der italienischen Stromerzeugungskapazitäten abgeben sollte, kam De Benedetti zum damaligen Unternehmenschef und wollte die Kraftwerke zu einem symbolischen Preise übernehmen. Weil der Geschäftsführer entgegnete, es gebe dafür einen Weltmarktpreis und eine Ausschreibung, wurde er infolgedessen in der Zeitschrift „Espresso“ mit offenbar erfundenen Geschichten angeschwärzt, etwa über angebliche Hubschrauberflüge auf Firmenkosten zur Wochenendvilla. Vor wenigen Jahren noch sorgte die Rolle als Zeitungsverleger für direkten Kontakt von De Benedetti zum damaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Dabei kamen börsenrelevante Informationen zur Sprache. De Benedetti war danach Ziel staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen angeblicher Insidergeschäfte.

Eine besondere Schmach

In den achtziger Jahren ehrgeiziger Finanzier, in den neunziger Jahren als Chef von Olivetti gescheitert, war Carlo De Benedetti immer eine umstrittene Figur in Italien. Er profilierte sich als Gegner nicht nur von Silvio Berlusconi, sondern auch der Agnellis. 1976 war der damals aufstrebende Familienunternehmer Carlo De Benedetti für hundert Tage einer von drei Geschäftsführern und Aktionär von Fiat. Es hieß damals, er habe Verbündete gesucht, um die Agnellis auszubooten. Schließlich wurde ihm gesagt, man könne nicht „täglich eine Revolution im Hause Fiat veranstalten“, wie es De Benedetti wollte. Er wurde mit einer üppigen Abfindung vor die Türe gesetzt.

Für Carlo De Benedetti ist es eine besondere Schmach, dass seine Söhne den Medienkonzern an die Agnellis verkaufen. Schließlich wollte er in einer Generation so reich werden wie die Agnellis in drei. Zuletzt gab es offenbar Familienkrach um die Zukunft des Medienunternehmens. Carlo De Benedetti wollte im Oktober von den Söhnen die Aktien des Verlags zurück, für 25 Eurocent je Aktie für 29,9 Prozent, ohne Übernahmeangebot an die anderen Aktionäre. Die Söhne lehnten ab. Einzige Genugtuung für De Benedetti ist, dass Agnelli-Erbe John Elkann für den Aktienbesitz der Familie De Benedetti von 43,7 Prozent jeweils 46 Eurocent je Aktie zahlt und dann ein Kaufangebot an alle anderen Aktionäre abgeben muss. Doch John Elkann bezahlt die „Repubblica“ und den Verlag sozusagen aus der Portokasse. Die Holding der Familie De Benedetti erhält 102 Millionen Euro, während andererseits Elkann und die Agnellis bei der Fusion von Fiat mit Peugeot eine milliardenschwere Sonderausschüttung erhalten sollen.

Richtig neidisch soll Carlo De Benedetti aber erst noch werden: Aus dem Haus von Elkann verlautet, es gehe nicht um Nostalgie bei der Übernahme. Längst überfällige unternehmerische Entscheidungen müssten getroffen werden, um der „Repubblica“ das Überleben zu sichern. Elkann will zeigen, dass er der bessere Medienunternehmer ist.

Die geheime China-Gefahr hinter Kinder-Smartwatches

Mit speziellen Smartwatches für Kinder können Eltern den Nachwuchs orten. Doch das kann auch ein Sicherheitsrisiko sein – vor allem wenn die Uhren aus China kommen. Und wer der intelligenten Uhr vertraut, riskiert einen wichtigen Familiengrundsatz.

Von speziellen Smartwatches für Kinder lassen Eltern lieber die Finger. Durch solche vernetzte Uhren können Eltern etwa mittels GPS-Tracking ihr Kind orten. Doch der Gebrauch solcher Technik kann auch ein Sicherheitsrisiko sein, warnt Experte Maik Morgenstern vom IT-Sicherheitsinstitut AV-Test: „Man möchte nicht, dass die aufgezeichneten Daten bei nicht vertrauenswürdigen Anbietern landen.“

Zwar könne er als Vater eines Grundschulkindes den Impuls so einer Anschaffung verstehen, doch er würde davon abraten. Häufig steckten Start-ups oder asiatische Hersteller hinter diesen Smartwatches, sagt Morgenstern. Große und auf dem Markt für Smartwatches etablierte Firmen wie Apple oder Samsung hätten keine Kindermodelle im Angebot.

Problematische Smartwatches aus China

Aktuell warnt AV-Test vor einer Smartwatch aus China: Demnach lagen sensible Daten von mehr als 5000 Kindern ungeschützt und unverschlüsselt auf den Servern der Firma. Name, Bilder, Adresse oder der aktuelle Standort, all diese Informationen waren für ein Expertenteam des Instituts einsehbar. Zudem könnten unberechtigte Dritte mit vergleichsweise einfachen Mitteln Konten übernehmen und so die Eltern-App kapern. So könnten sie den Standort der Kinder sehen oder Kontakt mit ihnen aufnehmen.

Der deutsche Distributor habe das beanstandete Gerät vom Markt genommen, doch die Uhr ist laut AV-Test weiterhin über diverse Vertriebswege weltweit erhältlich. „Als Laie hat man im Grunde keine Chance zu erkennen, ob ein Gerät oder eine zugehörige App sicher ist“, sagt Morgenstern mit Blick auf solche Kinderuhren.

Experten warnen vor Smartwatches

Dazu kommt: Medienexperten warnen vor zu viel Kontrolle – etwa der Nutzung des sogenannten Voice Monitorings. Damit können Eltern die Umgebungsgeräusche des Kindes hören, können selbst jedoch nicht gehört werden. Das sei ein Eingriff in die Freiräume des Nachwuchses, erklärt die Initiative „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“.

Gegen diese Überwachungsmöglichkeit gibt es auch rechtliche Vorbehalte: Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat Geräte mit Abhörfunktion bereits 2017 verboten und rät Eltern, diese unschädlich zu machen. Laut BNetzA handelt es sich dabei um verbotene Sendeanlagen, deren Betrieb in Deutschland grundsätzlich nicht gestattet ist. Häufig werde bei den betroffenen Geräten in der Bedienungsanleitung beschrieben, dass die Uhr ein Mithören erlaube oder eine Monitorfunktion habe.

Generell gilt: Eine lückenlose Überwachung sei schädlich für das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind und bremse zudem die Entwicklung der Selbstständigkeit, warnt „Schau hin!“.

Auch der Kinderschutzbund sieht solche GPS-Überwachungsinstrumente kritisch. Diese vermittelten Eltern – wenn überhaupt – nur eine trügerische Sicherheit, schätzt Bundesgeschäftsführerin Cordula Lasner-Tietze ein. Das könne auch negative Folgen haben: Wer auf die Smartwatch vertraut, verlerne vielleicht Aushandlungsprozesse mit dem Kind, treffe keine gemeinsamen Vereinbarungen mehr oder spreche nicht über Unsicherheiten, sagt sie.

App verhindert keine Übergriffe

Auch was die beworbene Kernaufgabe Kinderschutz angeht, ist Lasner-Tietze skeptisch. „Viele Eltern haben Sorge vor sexuellen Übergriffen auf ihre Kinder“, sagt sie. „Sie glauben, ein solcher Sender könnte helfen.“

Der allergrößte Teil der sexuellen Übergriffe an Kindern geschehe allerdings im sozialen Nahraum: in der Familie, der Betreuung, im Verein etwa. „Diese Übergriffe verhindert keine App.“ Was aber präventiv wirke: „ein vertrauensvolles und offenes Verhältnis zwischen Eltern und Kindern“.

Wer unbedingt für sein Kind solch eine vernetzte Uhr anschaffen möchte, sollte vorher die Geschäftsbedingungen (AGB), Nutzungsbedingungen und die Datenschutzerklärungen bei verschiedenen Herstellern vergleichen, rät „Schau hin!“.

Wearables und Smartwatches seien schon häufiger als besonders datenhungrig aufgefallen. Zudem weist auch die Initiative darauf hin, dass Hacker je nach Modell „teilweise sehr leicht“ auf Standort- und Kontaktdaten zugreifen und sie missbrauchen könnten.

D: Medienstaatsvertrag auf der Zielgeraden – die wichtigsten Fragen und Antworten

Im Rundfunkstaatsvertrag ist seit Jahren das duale Rundfunksystem – also mit privaten und öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsendern – geregelt. Längst passt dieses Schema nicht mehr. Was ist mit dem YouTuber, mit Plattformen, Smart Speakern und und und? Ein neuer Medienstaatsvertrag soll dem digitalen Wandel Rechnung tragen. Er könnte nun beschlossen werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Ersetzt der Medienstaatsvertrag den Rundfunkstaatsvertrag?

Ja. Der Rundfunkstaatsvertrag gilt seit 1991, in der Zwischenzeit gab es zahlreiche Änderungen in dem gesetzlich festgelegten Vertragswerk. Internetangebote kamen hinzu – Telemedien in der Vertragssprache genannt. Der Medienstaatsvertrag – der auch so heißen soll – ersetzt das Ganze. Andere Staatsverträge im Medienbereich bleiben hingegen bestehen. Dazu zählt der Staatsvertrag zur Rundfunkfinanzierung, in dem die Beitragshöhe je Haushalt festgelegt ist. Oder der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, der regelt, um wie viel Uhr welche Filme gezeigt werden dürfen.

Was steht im Rundfunkstaatsvertrag?

Die grundsätzlichen Richtlinien des Rundfunksystems in Deutschland. Der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender ist definiert – Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung gehören dazu. Die Finanzierung der Sender ist beschrieben und in welchen Grenzen Werbung möglich ist. Für private Radio- und TV-Sender ist geregelt, dass sie eine Zulassung brauchen. Es gibt auch Vorschriften, um Meinungsvielfalt zu sichern.

Was genau ändert sich mit dem neuen Vertrag?

Die Definition von Rundfunk soll neu gefasst werden. Die Zulassungsverfahren, um Rundfunk betreiben zu können, sind bislang vor allem auf Medienhäuser zugeschnitten. Durch die digitalen Möglichkeiten kann heute aber theoretisch jeder Rundfunk machen – mit einer Sendung und Programm. Unter Umständen müssen auch kleinste Live-Streamer bislang Zulassungen beantragen. Die Hürden dafür sollen sinken – um Kreative zu fördern und Bürokratie abzubauen. Wenn durchschnittlich weniger als 20.000 Nutzer ein Angebot gleichzeitig nutzen, sollen die Zulassungsregeln wegfallen.

Der Staatsvertrag gilt künftig auch für sogenannte Intermediäre, Plattformen und Benutzeroberflächen. Im Wesentlichen sind damit Internet-Plattformen gemeint, die Medieninhalte bereitstellen – sie also nicht selbst herstellen. Das können etwa Live-Streamingplattformen sein oder Video-Portale. Die Vertragsregeln sollen bei Diensten wie zum Beispiel Smart-TVs – das sind Fernsehgeräte mit Internet- und Zusatzfunktion – gewährleisten, dass Medieninhalte mit einem gesellschaftlichen Mehrwert leicht auffindbar sind und nicht in der Masse untergehen. Kriterien können journalistischer Nachrichtengehalt, ein gewisser Anteil von regionaler Berichterstattung und Barrierefreiheit – etwa bei einer Seh- oder Hörbehinderung – sein.

Die rheinland-pfälzische Staatssekretärin Heike Raab – Rundfunkangelegenheiten der Länder werden traditionell von Rheinland-Pfalz in einer Rundfunkkommission koordiniert – sprach unlängst von einer “kommunikativen Chancengleichheit auch für die Angebote von Content-Anbietern aus unserem Medienmarkt”. Die Ministerpräsidentin des Bundeslandes, Malu Dreyer (SPD), betonte: “Wir wollen die Auffindbarkeit von journalistisch-redaktionellen Angeboten verbessern, um jenseits der kommerziellen Dominanz der US-amerikanischen Plattformen und Suchmaschinen die Menschen zu erreichen.”

Und um solche Details geht es: Die Angebote dürfen bei ihrer Wiedergabe ohne Einwilligung nicht durch Einblendung von Werbung überlagert werden. Und es muss transparent sein, warum eine Plattform bestimmte Funktionen und Angebote präsentiert. Auch eine Kennzeichnungspflicht für sogenannte Social Bots ist vorgesehen. Das sind Programme, die in sozialen Medien mitkommunizieren, um einen Gesprächsverlauf zu steuern.

Was sagen Verbraucherschützer?

Dieser erste Ansatz sei ein “durchaus hoffnungsvoller Versuch” des Spagats zwischen Meinungsfreiheit und notwendiger Regelung, sagte der für das Thema zuständige Vorstand der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Schuldzinski. Wichtig sei, dass journalistisch editierte Angebote gefunden werden. Diese Auffindbarkeit von Qualitätsmedien im Internet müsse geregelt werden. Die Zielgröße von 20.000 Nutzern beim Zulassungsverfahren könne mit Blick auf die Meinungsfreiheit auch höher sein, sagte Schuldzinski.

Wie stehen TV-Sender zum Vertrag?

Die ARD betonte, dass die Festlegungen zur Plattformregulierung von besonderer Bedeutung seien. “Dabei geht es um zahlreiche Geschäftsmodelle, die sich zwischen uns als Programmveranstalter und den Nutzer unserer Inhalte geschoben haben – von den Kabelinfrastrukturen bis zur Benutzeroberfläche auf dem Smart-TV-Endgerät.” Auch vom Verband Privater Medien (Vaunet) gibt es Zustimmung. Es sei ein guter und längst überfälliger Schritt, sagte der Vaunet-Vorstandsvorsitzende Hans Demmel. Der Vertrag stelle die Weichen, wie Nutzer künftig Radio und Fernsehen auf Plattformen und Intermediären finden. Zugleich gibt Demmel zu Bedenken: Der Vertrag werde sich vor allem dabei beweisen müssen, ob er auf neue sogenannte Gatekeeper-Situationen wie zum Beispiel Sprachassistenten passende Antworten liefert. Das könnte etwa dann der Fall sein, wenn eine Nachrichtensendung gefordert wird und der Sprachassistent eine bestimmte auswählt.

Und die Digital-Branche?

Die sieht den Vertragstext kritisch. Der Digitalverband Bitkom stößt sich zum Beispiel daran, dass gewisse Inhalte künftig leicht auffindbar sein sollen. “Eine privilegierte Auffindbarkeit wird gerade nicht die Meinungsvielfalt schützen”, sagte Susanne Dehmel als Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung. “Ganz im Gegenteil: Sie führt dazu, dass einige wenige Anbieter bevorzugt werden, während die Inhalte vieler anderer Anbieter diskriminiert werden. Das Nachsehen haben die Nutzer, die unangemessen bevormundet werden.” Sie sieht auch Probleme bei der Umsetzung der Regeln. “Natürlich wollen die Dienste-Anbieter regelkonform agieren, jedoch werden viele im ersten Schritt nicht sicher wissen können, welche ihrer Dienste in welche Regelungsbereiche fallen.”

Mehrere Verbände betonten zudem, dass noch offen sei, wie die Darstellung von Medieninhalten auf dem Gerätebildschirm der Nutzer reguliert werde. Sie appellierten, dass Nutzer selbst entscheiden sollten, ob sie Überblendungen während einer laufenden Sendung zulassen wollen.

Wie ist der Zeitplan?

Am Donnerstag, 5. Dezember, könnten die Ministerpräsidenten den Staatsvertrag in Berlin beschließen. Die Landtage müssen danach unterrichtet und der Text der Europäischen Kommission vorgelegt werden. Zur Unterzeichnung des Vertrages könnte es im Frühjahr kommen. In Kraft treten könnte das Ganze dann zum September 2020. Dieses Datum ist festgelegt durch den Zeitplan, der sich aus der Umsetzung der Vorgaben einer europäischen Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie), die die Standards in den europäischen Ländern angleicht, ergibt.

Streamingportale im Überblick

Bislang haben Netflix und Amazon die etablierten TV-Sender vor sich hergetrieben. Nun drängen immer mehr VoD-Dienste auf den Markt. Ein Überblick.

Heute schon gestreamt? Am besten gleich als Bingewatch, auf dem Sofa oder am Tablet, eine ganze Serienstaffel in einem Rutsch. Jeder Zweite in Deutschland nutzt Netflix, Amazon & Co. Tendenz steigend. Hier mal „Game of Thrones“, dort „Stranger Things“ oder „Modern Love“ – laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung McKinsey geben die Deutschen für derlei exklusives Entertainment im Schnitt jährlich 112 Euro für Home-Video-Inhalte aus, doppelt so viel wie vor zehn Jahren.

Da ist DVD-Nutzung noch inbegriffen. Doch wer holt sich heute noch DVD ins Haus, wo ein Druck auf die Smart-TV-Fernbedienung ins Serien- und Filmreich trägt? Zig Apps nebeneinander. Die beliebtesten Streaming-Bezahlangebote in Deutschland sind Amazon Prime (30 Prozent) und Netflix (28 Prozent), gefolgt von Magenta TV und Sky Ticket. Insgesamt planen acht Prozent aller befragten Haushalte, einen neuen Streaming-Dienst wie Apple TV+ oder (demnächst) Disney+ zu abonnieren.

Wie groß wird der Streamingmarkt?

Diese Woche ist mit Joyn Plus+ ein weiteres kostenpflichtiges deutsches Streamingportal auf den Markt getreten. Zeit für eine Übersicht, Zeit zum Auswählen, Zeit für eine Tabelle (siehe unten): Welches Portal zeigt was? Was kostet das? Was passt für mich am besten? Wer kommt noch dazu, wie groß wird der Streamingmarkt?

Wie stark der Markt in Bewegung gerät, zeigt sich in Gänze beim Blick über den Atlantik. Dort befinden sich Netflix und Amazon bereits im Wettbewerb mit den neuen Playern Apple TV+ und vor allem Disney+. Der Abo-Dienst von Apple TV ist in Deutschland zwar bereits mit einem noch eher rudimentären Angebot gestartet. Disney+ ist in Europa bislang aber nur in den Niederlanden verfügbar, der große Europastart in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien steht am 31. März an.

In den USA zeigt Disney aber gleich von Beginn an Stärke: Zu den 500 Filmen und 80 Serien im Startkatalog gehören „Star Wars“-Produktionen wie „The Madalorian“, aber auch diverse Marvel-Filme und -Serien wie „Iron Man“, „Thor“, „Avengers“, Filme aus der „Indiana Jones“-Reihe und viele Disney-Animationsfilme. Viele der erfolgreichsten Filme und Serien, die über andere Streamingportale abgerufen werden konnten, gibt es dann auch bei uns künftig nur mit einem Abo bei Disney+. Der Startpreis von 6,99 Euro in den Niederlanden lässt erahnen, dass der Konkurrenzkampf nicht nur über Inhalte geführt wird – vom Frühjahr an verstärkt in Deutschland.

Deutsche Privatsender wollen dabei sein

Herausforderungen gibt es dabei allerorten: Zum Beispiel beim Pay-TV- und Video-on-Demand-Anbieter Sky, der mit der Streamingkonkurrenz besonders durch Dazn bereits zu kämpfen hat. Die Verträge mit HBO wurden zwar verlängert, inklusive der Ankündigung, weitere Koproduktionen in Angriff zu nehmen. Dennoch stellt sich die Frage, wie viele der High-Quality-Serien aus Übersee wie „Game of Thrones“ in mittlerer Zukunft noch via Sky zu sehen sein werden.

Die deutschen Privatsender wollen auf diesem boomenden Markt dabei sein, haben sich mit exklusiven Inhalten bei TV Now (RTL-Gruppe) und Joyn (ProSiebenSat1) platziert. Es geht bei dieser neuen Art Fernsehen aber nicht nur um Serien, Shows und Filme.

Sport bei Streaming-Diensten

Es fragt sich auch, die Erwähnung der reinen Sport-Streamingkanäle Eurosport2 und Dazn beweist es: Was ist mit den immer wichtiger werdenden Sportrechten, wo Olympia schon exklusiv auf die Eurosport Player App wandert und Dazn Fußball Champions League bringt? In den nächsten Monaten stehen neue Rechte-Verhandlungen an, bei Champions League und Bundesliga. Laut Insidern dürfte die Rolle von Amazon Prime, Dazn & Co. da eher größer, die Dienste damit noch wichtiger, exklusiver, vielleicht auch teurer werden.

Die Lust auf Streaming ergänzt das lineare Fernsehgucken, wenn es dieses bei jüngeren Zielgruppen nicht gar ersetzt hat. Portale wie Magenta TV mit einer großen Mediathek samt Serien die es zum Telekom-Anschluss für fünf Euro/Monat gibt (Nicht-Telekom-Kunden zahlen 7,95 Euro), tragen dem Rechnung.

Veränderte Nutzerverhalten – braucht es zum Fernsehgucken da überhaupt noch einen Kabelanschluss, wenn man mit Joyn Plus+ via Internet für 6,99/Monat mehr als 60 Sender in HD plus Premium-Serien wie „Dignity“ bekommt? Ein Paket bei Vodafone TV liegt da drüber – und ist nicht monatlich kündbar.

Netflix

Art des Dienstes:
Abonnement

Inhalte:
Über 1300 Serien und 2800 Filme
Über 800 Originals, auch deutsche Eigenproduktionen wie “Dark”, “Wir sind die Welle”

Preise:
Basis: 7,99 €/Monat
Standard: 11,99 €/Monat (HD)
Premium: 15,99 €/Monat (UHD)

Probezeiten:
30 Tage

Kündigungsfristen:
Jederzeit kündbar

Besonderheiten:
Alle Serien als Binge-Watch
Downloads, Ultra-HD

Channels:
Keine

Amazon Prime Video

Art des Dienstes:
Abonnement für Prime-Mitglieder, dazu Pay per View

Inhalte:
Über 30.000 Titel. Blockbuster, Serien-Originals wie “Tom Clancy’s Jack Ryan”, deutsche Originals wie “Beat”, “Deutschland 86”, Sport-Dokus “Inside Borussia Dortmund”

Preise:
Prime-Mitgliedschaft (69 €/Jahr, 7,99 €/Monat)

Probezeiten:
30 Tage

Kündigungsfristen:
Prime-Mitgliedschaft ist jederzeit kündbar

Besonderheiten:
Komplette Staffeln im Binge-Watch,
Downloads, Ultra-HD

Channels:
50 kostenpflichtige Channels (Eurosport Player, ZDF Krimi, Starzplay)

Sky Ticket

Art des Dienstes:
Tages- und Monatstickets

Inhalte:
Blockbuster-Filme und Serien, u.a. von HBO, Sky-Originals wie “Das Boot”, “Acht Tage”, umfangreiches Sportangebot mit Fußball-Bundesliga, Champions League, Premier League Formel 1, Tennis u.a.

Preise:
Sky Entertainment 9,99 €/Monat
Sky Cinema 9,99 €/Monat
Sky Supersport 29,99 €/Monat

Probezeiten:
Entertainment- und Cinema 4,99 € erster Monat, Supersport 9,99 €

Kündigungsfristen:
Jederzeit kündbar

Besonderheiten:
Binge-Watch ausgewählter Serien

Channels:
26 lineare Channels wie Sky Atlantic (HBO), TNT Serie

Apple TV+

Art des Dienstes:
Abonnement

Inhalte:
Ausschließlich Apple Originals, bislang neun Serien, darunter “For All Mankind”, “Snoopy im All”, bislang ein Film “Die Elefantenmutter”

Preise:
4,99 €/Monat
Für Käufer vieler Apple-Produkte (seit dem 10.9.) ein Jahr kostenlos

Probezeiten:
Siebentägiges Probeabo

Kündigungsfristen:
Monatlich kündbar

Besonderheiten:
Binge-Watch einiger Inhalte, Ultra-HD

Channels:
Apple TV+ und Starzplay

TV Now

Art des Dienstes:
Werbefinanziertes Free-Angebot und kostenpflichtiges Premium-Angebot

Inhalte:
etwa 1300 Serien und 1300 Filme, 80 Prozent deutsche Inhalte zumeist aus der RTL-Familie
Originals wie „Prince Charming“, Sitcom „Schwester, Schwester“ vorab als Boxset

Preise:
4,99 €/Monat für das Premiumangebot

Probezeiten:
30 Tage

Kündigungsfristen:
30 Tage

Besonderheiten:
zum Teil Binge-Watch, Serien-Vorabs

Channels:
13 Channels mit Live-TV der RTL-Familie

Joyn

Art des Dienstes:
Werbefinanziertes Free-Angebot plus Abo-Modell Joyn Plus+

Inhalte:
Free: ca. 40.000 Medieninhalte Plus+: ca. 2500 Spielfilme (“La La Land”, “Dirty Grandpa”), ca. 650 Serien (“Darkness”, “Dignity”), Inhalte von Maxdome/ProSiebenSat1 integriert

Preise:
Joyn Plus+: Einführungspreis (bis zum 31.12.2019) 3,99 €/Monat für drei Monate, anschließend 6,99 €/Monat

Probezeiten:
30 Tage

Kündigungsfristen:
Monatlich kündbar

Besonderheiten:
Binge-Watch und Ultra-HD in Arbeit, Serien-Vorabs.

Channels:
Food Network und MotorTrend

Eurosport Player

Art des Dienstes:
Eurosport Player im Abonnement

Inhalte:
Inhalte von Eurosport 1 HD und Eurosport 2 HD: Olympische Spiele, Tennis Grand Slams,Radsport, Wintersport, Motorsport und Snooker

Preise:
Monats-Abo für den Eurosport Player für 6,99 €.

Probezeiten:
Kein Gratismonat

Kündigungsfristen:
Monatlich kündbar

Besonderheiten:
Großes “on demand“-Archiv. Ultra-HD in Planung

Channels:
Keine

Dazn

Art des Dienstes:
Abonnement

Inhalte:
Fußball Champions League, Euro League, Bundesliga LaLiga, Serie A, FA Cup. Dazu NBA, Boxen, Handball EHF-Cup, Darts WM. Eigen-Dokus: “Being Mario Götze”

Preise:
11,99 €/Monat. Jahresabo für 119,99 €

Probezeiten:
Ein Gratismonat

Kündigungsfristen:
Monatlich kündbar

Besonderheiten:
Technische Features wie Key Moments, Multi-View

Channels:
Eurosport 1 & 2 laufen auch bei Dazn

Und was passiert in der Nische?

Auch Matthias Schweighöfer hat den Streamingmarkt entdeckt – mit Gründung der deutschen VoD-Plattform Pantaflix, vor allem für Fans von Independent-Filmen. Im Unterschied zu Netflix, Amazon Prime & Co. werden keine monatlichen Gebühren erhoben. Filme wie „Memento“ oder „Brasch“ (2,99 Euro) werden einzeln geliehen, sind dann für 30 Tage in der Mediathek verfügbar.

Ähnlich der VoD-Anbieter Rakuten TV, dessen App viele zu Hause auf Smart TV haben dürften. Die Leihpreise für Blockbuster wie „Fast & Furious“ oder „John Wick“ bewegen sich zwischen 0,99 und 6,99 Euro.

Für Arthouse-Fans bewährt hat sich der britisch-amerikanische Abo-Dienst Mubi: mit Buñuel-Klassikermn oder Kino aus Südkorea für 9,99 Euro/Monat. Auch interessant: Starzplay, ein Ableger des US-amerikanischen TV-Senders „Starz“, zubuchbar bei Amazon Prime mit Eigen-Qualitätsserien („Killing Eve“, „Pennyworth“).

25 Jahre Playstation

Die Playstation von Sony wurde vor 25 Jahren aus einem Streit heraus geboren. Ursprünglich wollte der Elektronik-Konzern sich gar nicht den Aufwand machen, eine komplette eigene Videospiele-Plattform zu etablieren. Der Plan war stattdessen eine Zusammenarbeit mit Nintendo, dem damaligen frisch gekrönten Konsolen-Platzhirsch. Doch die Vereinbarungen platzten – und das gab der Geschichte der Branche einen ganz anderen Verlauf.

Auslöser für die geplante Kooperation der beiden Unternehmen war die Erfindung der CD-ROM. Die Silberscheiben waren deutlich günstiger zu produzieren und sollten als Speichermedium auch für Spiele die bislang genutzten teureren Kartuschen ersetzen. 1988 vereinbarten die beiden japanischen Konzerne die Entwicklung eines CD-ROM-Laufwerks für Nintendos SNES. Sony sicherte sich dabei die Zusage der vollen Kontrolle über die Software auf den Discs.

Möglicherweise dachten die Manager von Nintendo, dass Sony lediglich Enzyklopädien oder ähnliche Software, aber keine Spiele per CD-ROM auf die Konsolen bringen wollte, schrieb US-Autor David Sheff in seinem Buch „Game Over“. Oder Nintendo-Patriarch Hiroshi Yamauchi fühlte sich unter Druck in dem Glauben, nur so an die neue Technologie kommen zu können. Als die Zusammenarbeit anlief, überkam Yamauchi aber das Gefühl, dass er zuviel weggegeben hatte: Sony konnte auf eigene Faust Spiele veröffentlichen können, ohne dass Nintendo daran mitverdient hätte.

Nachdem es nicht gelang, die Konditionen nachzuverhandeln, entschied sich Yamauchi für einen Coup: Hinter dem Rücken von Sony fädelte Nintendo einen CD-ROM-Deal mit Philips ein. Bekanntgegeben wurde er auf eine besonders demütigende Art: Einen Tag nachdem Sony sein SNES-Laufwerk angekündigt hatte. Es folgte Streit vor Gericht, am Ende wurde gar kein CD-ROM-Laufwerk für das Super Nintendo gebaut. Doch das viel wichtigere Ergebnis der Geschichte war: Sony beschloss, selbst ernsthaft ins Videospielgeschäft einzusteigen und Nintendo Konkurrenz zu machen. Der Sony-Ingenieur Ken Kutaragi, der auf eigene Faust an einer Konsole herumgebastelt hatte, wurde mit dem Projekt betraut und gilt als Vater der Playstation.

Die Playstation erschien am 3. Dezember 1994 zunächst in Japan. Die wichtigsten Merkmale der Konsole waren ein CD-ROM-Laufwerk, 3D-Grafik – sowie die Bereitschaft von Sony zu massiven Marketing-Kampagnen und einer aggressiven Preisgestaltung. Schließlich galt es für den Neuling, sich in einen bereits hart umkämpften Markt hineinzudrängen. Im US-Markt startete die Playstation im Herbst 1995 mit einem Preis von 299 Dollar – deutlich günstiger als die konkurrierende Konsole Sega Saturn. Nintendos Neuling N64 setzte Sony im Jahr darauf mit einer Preissenkung unter Druck.

Neben besserer Grafik und deutlich mehr Speicherplatz zog die Spieleentwickler auch die Möglichkeit an, die Software auf CDs günstiger zu produzieren. Außerdem freuten sie sich über eine Alternative zu Nintendos von strikter Kontrolle geprägter Plattform. Die Playstation wurde zu einem globalen Hit mit mehr als 100 Millionen Geräten. Das Nachfolgemodell Playstation 2 wurde mehr als zehn Jahre produziert und machte Sony endgültig zum Branchenschwergewicht. Während die ambitionierte Playstation 3 gegen Nintendos günstige Wii mit der pfiffigen Bewegungssteuerung das Nachsehen hatte, liegt die aktuelle Playstation 4 wieder über 100 Millionen verkauften Geräten.

25 Jahre nach dem Start der ersten Playstation stehen heute zwei Fragen im Raum: Was wird die für kommendes Jahr erwartete Playstation 5 können? Und wird es vielleicht sogar die letzte Playstation-Konsole sein? Denn eine der großen Zukunftstrends in der Branche ist das Cloud-Gaming, bei dem die Spiele auf Servern im Netz laufen und über superschnelle Leitungen auf die Geräte der Nutzer gestreamt werden. Eine Herausforderung sind dabei noch die Reaktionszeiten zwischen Knopfdruck und Spielgeschehen. Aber Sonys Konsolen-Rivale Microsoft und Google treiben das Konzept bereits mit ihren Cloud-Diensten voran.

Sony rechnet mit einem fließenden Übergang vom Spielen auf Konsolen zur Cloud. Neben seinem eigenen Streaming-Dienst Playstation Now kündigte das Unternehmen im Sommer für viele überraschend eine Kooperation mit dem Erzrivalen Microsoft in Sachen Streaming-Services an. Aber es sei nicht so, „dass die Konsolen-Welt in drei Wochen oder in drei Jahren verschwindet“, sagte Playstation-Chef Jim Ryan dem Tech-Blog „CNET“. „Wir glauben, dass es einen Markt für eine Konsole der nächsten Generation gibt.“ Die Playstation 5 soll zum Weihnachtsgeschäft 2020 auf den Markt kommen und neben 4K-Auflösung ein besonders realistisches Bild dank Unterstützung der Raytracing-Technologie bieten, die Lichtstrahlen bis hin zu Spiegelungen darstellt.

Womöglich kehrt die Champions League ins Free-TV zurück

Jürgen Klopp erfreut sich großer Beliebtheit in Deutschland, obwohl er schon vor vier Jahren der Bundesliga den Rücken gekehrt hat. Damals gab er seinen Job bei Borussia Dortmund auf, heuerte im Oktober 2015 beim FC Liverpool und war mit den „Reds“ erfolgreich, was seine Popularität hierzulande eher noch steigerte. So war die Aufregung in Deutschland im vergangenen Mai auch groß, als der Liverpool-Sieg im Champions-League-Finale nicht im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen war, sondern ausschließlich im Bezahlfernsehen.

Dass das in Zukunft nicht mehr vorkommt, dafür hat die Uefa, der europäische Fußballverband, jetzt vorgesorgt. An diesem Dienstag endet die Frist für die Ausschreibung der deutschen Fernsehrechte an der Champions League. Es ist ein Millionenpoker, der da läuft. Denn die Ware Fußball ist für die Fernsehanbieter wichtig. Es gibt kaum noch große Live-Ereignisse, die viele Menschen interessieren und für gute Einschaltquoten oder für den Abschluss langjähriger Abonnementverträge sorgen – die europäische Königsklasse, in der die besten Mannschaften der jeweiligen nationalen Ligen spielen, gehört dazu.

Bei der aktuellen Ausschreibung für die deutschen Fernsehrechte geht es um einen Zeitraum von drei Jahren, nämlich von der Saison 2021/22 bis 2023/24. In der laufenden und der kommenden Saison bleibt also erstmal alles, wie es ist: Die Spiele sind nahezu ausschließlich im Bezahlfernsehen zu sehen – bei Sky und bei dem Streaminganbieter Dazn. Kommt danach der europäische Fußball ins frei empfangbare Fernsehen zurück? Möglicherweise – und zumindest ein wenig, doch das hängt von vielen Faktoren ab.

Die Ausschreibung sieht nach SZ-Informationen mehrere Rechtepakete vor, für welche die Interessenten einzeln oder zusammen bieten können. Das Paket D umfasst danach nur die Rechte für das Endspiel, dies kann also alleine von frei-empfangbaren Sendern ersteigert werden – es ist das erste Mal, dass nur ein Spiel in einem Rechtepaket ist. Schafft es übrigens eine deutsches Mannschaft ins Champions-League-Endspiel, würde der Rundfunkstaatsvertrag greifen – eine Übertragung im frei empfangbaren Fernsehen wäre dann zwingend.

Daneben gibt es zwei weitere Rechtepakete der Klasse C, wer diese erwirbt, darf Zusammenfassungen der Höhepunkte der beiden Champions-League-Spieltage Dienstag und Mittwoch zeigen – und zwar relativ bald nach dem Abpfiff der Begegnungen. Auch diese Rechtepakete wären für das frei empfangbare Fernsehen interessant; damit könnten Zuschauer ohne Pay-TV-Abo künftig am späten Abend wenigstens die Höhepunkte sehen.

ZDF und RTL gelten als Interessenten für eine Lösung, bei der Höhepunkte gezeigt werden

Als mögliche Interessenten gelten dabei ZDF und RTL, der Privatsender aus Köln hat zuletzt mit dem Übertragungen von Länderspielen Quotenerfolge erzielen können. Ob auch Pro Sieben Sat 1 mitbietet, ist fraglich. Konzernchef Max Conze sagte zuletzt zwar, man schaue sich alle Ausschreibungen „sehr genau“ an, fügte aber auch an: „Die Realität ist, dass der Erwerb dieser sehr teuren Rechte ökonomisch schwierig zu vertreten ist.“ Interessant sind die Rechtepakete gleichzeitig auch für Online- oder Streaminganbieter.

Im Angebot sind daneben die deutlich größeren und wertvolleren Rechtepakete der Klassen A und B. Letzteres umfasst fast alle Live-Rechte eines Spieltages. Bei A darf der Bieter jeweils eine Top-Partie an den Spieltagen Dienstag und Mittwoch auswählen und diese dann exklusiv zeigen. Interessenten für diese Live-Pakete dürften vor allem Sky und Dazn sein, die sich schon jetzt nach einem bestimmten Schlüssel die Übertragung teilen. Daneben könnte es weitere Bieter geben wie Amazon oder die Deutsche Telekom.

Bei der letzten Ausschreibung hatten die frei empfangbaren Sender übrigens das Nachsehen, die Rechte gingen damals an die Bezahlanbieter. So ist die Champions League seit der Saison 2018/19 nur noch dort zu sehen. Davor hatte das öffentlich-rechtliche ZDF sechs Jahre lang Spiele gezeigt. „So bitter das für das ZDF ist, wir können bei dieser Preisspirale nach oben nicht immer weiter mitmachen“, sagte damals ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann, als klar war, dass der Sender nicht mehr zum Zug kommt. Der Verlust der Champions-League-Spiele schmerze, fügte er an. Zuletzt wurde wieder Interesse signalisiert – „zu vertretbaren Konditionen“.

Ob die Preise allerdings wirklich „vertretbar“ sind, darf bezweifelt werden. Die Champions-League-Fernsehrechte für Deutschland bringen der Uefa derzeit geschätzt bis zu 200 Millionen Euro im Jahr ein. Experten halten jetzt eine Steigerung um etwa 20 Prozent in der laufenden Ausschreibung für möglich. Diese wird im Auftrag der Uefa von der Sportrechteagentur Team ausgerichtet, die ihren Sitz in Luzern in der Schweiz hat und zum Medienunternehmen Highlight Communication gehört. „Die schauen nur auf das Geld“, kritisiert ein Beteiligter, Team sei also auf eine Maximierung des Erlöses aus. Andere Aspekte würden dem untergeordnet. Das sind etwa die Wünsche der Fans oder das Interesse von großen Sponsoren. Diese sind an einer stärkeren Präsenz im frei empfangbaren Fernsehen interessiert, weil sie dort mehr Menschen erreichen. So brachte es das ZDF auf bis zu neun Millionen Zuschauer bei wichtigen Spielen des FC Bayern München. Bei Sky sind es deutlich weniger. In Großbritannien beispielsweise ist die Champions League auch nur gegen Bezahlung zu sehen, beim Telekommunikationsunternehmen BT und bei Sky. Dort sind die Einnahmen der Uefa noch höher, die TV-Rechte an der Champions League bringen etwa 470 Millionen Euro im Jahr ein.
Im nächsten Jahr werden dann die Rechte an der Bundesliga vergeben: für noch mehr Geld

Nach der Ausschreibung ist vor der Ausschreibung: Im kommenden Jahr wird die Deutsche Fußball Liga (DFL) die TV-Rechte an der Bundesliga neu vergeben. Diese bringen deutlich mehr Geld ein, derzeit etwa 1,3 Milliarden Euro pro Saison. Derzeit prüft noch das Kartellamt, möglicherweise werden schon in den ersten Wochen des neuen Jahres die Unterlagen mit den konkreten Rechtepaketen an Interessenten versendet. Bis zum Frühsommer könnte der Zuschlag erfolgen. Auch hier gilt: Sky und die Streaming-Plattform Dazn sind dringend auf die Rechte angewiesen, um für ihre Abonnenten attraktiv zu bleiben. Daneben gibt es weitere Interessenten wie ARD, ZDF, RTL, Amazon, die Deutsche Telekom (die zuletzt die Rechte an der Fußball-EM 2024 erwarb) und einige weitere.

Hilfssheriff Amazon

Auch in Deutschland wird darüber diskutiert, wie die vernetzten Geräte des Internet der Dinge für Strafprozesse ausgewertet werden können. Im Juni befasste sich die Innenministerkonferenz (IMK) mit der Frage, ob Sicherheitsbehörden Zugriff auf Daten von Smart-Home-Geräten oder Sprachassistenten wie Siri und Alexa bekommen und diese als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden sollten.

Datenschützer schlagen Alarm

Auch wenn vorerst keine erweiterten Befugnisse für die Polizei beschlossen wurden, betonten die Minister in ihrem Beschluss: „Die IMK stellt fest, dass die Spurensicherung durch die Polizei in der digitalen Welt eine immer größere Bedeutung einnimmt. Im Rahmen der Strafverfolgung müssen die Behörden im Rahmen der geltenden Strafprozessordnung daher in der Lage sein, digitale Spuren zu erkennen, zu sichern und auszuwerten.“ Datenschützer schlagen deshalb Alarm. Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP im Bundestag, Marco Buschmann, warnte vor einem „Lauschangriff 4.0“: „Das Internet der Dinge mit seinen Sensoren und Mikrofonen würde zu einer Welt von potenziellen Wanzen werden.“

In den USA sind solche Privatsphäre-Bedenken weniger ausgeprägt. Laut Medienberichten kooperiert die Amazon-Tochter Ring dort mit 400 Polizeibehörden. Bei Ring handelt es sich um eine Sicherheitskamera, die zum Beispiel als Video-Türklingel installiert werden kann und über die Nutzer per Live-Video und App ihr Zuhause kontrollieren können. Amazon hat Polizeibehörden faktisch als Marketingagentur eingespannt, um die smarte Türklingel zu promoten. In Lakeland, einer Stadt in Florida, hat der Konzern der örtlichen Polizeistelle sogar 15 Kamerasysteme gesponsert und eine PR-Kampagne für die Ring-App „Neighbors“ gestartet, eine Mischung aus digitaler Nachbarschaftshilfe und sozialem Netzwerk, über die Mitglieder Fotos und Videos von Einbrüchen und Paketdiebstählen teilen.

Für jeden Download der Neighbors-App bekommt die Polizei von Amazon einen Vermittlungsbonus von zehn Dollar, der in neue Kamerasysteme investiert werden kann. Im Gegenzug erhält sie auf einem speziellen Online-Portal Zugriff auf die Kamerafeeds – wenn der Besitzer der Nutzung zustimmt. Einen Strafbefehl braucht es nicht. So entspinnt sich ein immer engmaschigeres Überwachungsnetz. Ring bewarb die App mit einer Anzeige auf Facebook, auf der ein Foto mit einem Fahndungsaufruf zu sehen ist: „Bewohner von Mountain View: Erkennen Sie diese Frau?“ Ein Seitenhieb auf den Konkurrenten Google, der seinen Sitz in Mountain View hat. Das ist Kriminalistik wie bei Aktenzeichen XY, nur mit Algorithmen.

„Habe zwei verdächtige Typen gesichtet“

Screenshots des Ring-Portals, welche die Webseite The Intercept veröffentlicht hat, zeigen eine detaillierte Kartenansicht, auf der neben Polizeimeldungen auch Berichte der Bewohner verzeichnet sind: „Habe zwei verdächtige Typen gesichtet.“ Die App steht in der Kritik, weil sie Ängste der Bürger schüre und unschuldige Bürger kriminalisiere . Ring hat zudem eine eigene Gesichtserkennungs- und Objektserkennung entwickelt, die in dem Videomaterial automatisiert verdächtige Personen und Gegenstände erkennen soll. Weil die sehende Software aber eine hohe Fehlerrate hat und noch lange nicht zuverlässig funktioniert, beauftragte der Hersteller ukrainische Clickworker, die in den Videofeeds rund um die Uhr Objekte kategorisieren sollten. Sie sahen, was die Kameras in den Gärten wildfremder Amerikaner sahen – ohne dass diese wussten, wer mitschaut.

Beim Mord an einer 67-Jährigen in Kalifornien, deren Fitbit-Uhr die genaue Todeszeit dokumentierte, griff die Polizei auf die Videoaufzeichnung einer Ring-Kamera in der Nachbarschaft zurück. Auf den Kamerabildern war zu sehen, wie unmittelbar vor und nach dem Zeitpunkt, zu dem die Fitness-Uhr den letzten Herzschlag registrierte, ein graues Fahrzeug vorfuhr. Der Mörder war überführt. Es war der Stiefvater des Opfers.

Kriminalbeamte frohlocken ob dieser neuen cyberforensischen Aufklärungswerkzeuge, doch die Zusammenarbeit von Amazon und der Polizei bereitet nicht nur Datenschützern, sondern auch Politikern Sorgen. Der demokratische Senator Edward J. Markey schrieb einen offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos, in dem er vor einer Beschneidung von Bürgerrechten warnte. Der Politiker äußerste sich besonders besorgt über die Gesichtserkennung von Ring, die aufgrund biometrischer Informationen Individuen als verdächtig meldete. Markey wollte wissen, wie lange Ring die Daten speichert und ob auch Dritte Zugriff auf sie haben. Bezos antwortete nicht.

Mit Überwachung lässt sich viel Geld verdienen

Überwachung ist ein riesiges Geschäft. So verkauft Amazon unter anderem auch seine Gesichtserkennungssoftware Rekognition an Polizeibehörden, was selbst die eigene Belegschaft erzürnte. Auch in Deutschland ist der Online-Händler zunehmend in der Strafverfolgung engagiert. So speichert die Bundespolizei Aufnahmen von Bodycams, die ihre Beamten im Einsatz tragen, auf Amazon-Servern, was bei Datenschützern auf heftige Kritik stieß. Zwar werden die Daten auf deutschen Servern gespeichert. Trotzdem bezeichnete der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Ulrich Kelber, die Praxis als rechtswidrig. Als US-Unternehmen unterstehe Amazon dem Regelungsregime des so genannten Cloud Acts, sodass nicht ausgeschlossen werden könne, dass US-Geheimdienste auf die Daten zugreifen. In Großbritannien hat derweil Facebook die Metropolitan Police mit Bodycams ausgestattet. Bedingung: Der Konzern bekommt Zugriff auf die Videos.

Die Kooperation zwischen Polizei und Tech-Konzernen ist aus rechtsstaatlicher Sicht problematisch. Denn Unternehmen mutieren mit der digitalen Spurensicherung zu einer Art Hilfssheriff. Sie durchleuchten mit stationären Kameras und Mikrofonen die Nachbarschaften, und fahren digital Streife. Die Privatisierung staatlicher Sicherheitsaufgaben bedeutet eine Übertragung von Hoheitsrechten und ist in Deutschland nur unter strengen Voraussetzungen möglich. Das Gesetz sieht einige Sonderfälle vor, etwa die Beleihung von Schiffs- und Flugkapitänen oder den Technischen Überwachungsvereinen (TÜV). Die Gefahr besteht darin, dass durch die Hintertür digitale Verwaltungs- und Polizeihelfer eingeführt werden, die im Schatten staatlicher Organe Vorermittlungen durchführen – ohne dazu legitimiert zu sein.

Solche Bedenken teilen nicht alle. Einer Erhebung von Ergo und dem Harding-Zentrum für Risikokompetenz zufolge befürworten 31 Prozent der Befragten, dass eine Black Box im Auto Geschwindigkeitsübertretungen direkt an die Polizei meldet. Gut möglich, dass Smart Speaker dereinst auch Fälle von häuslicher Gewalt an die Polizei melden soll – oder gleich die Einsatzkräfte alarmieren, wenn die Geräte Schreie in der Wohnung vernehmen.

Video TikTok App: „Staatlicher Zugriff nicht ausgeschlossen“

Der chinesische Videodienst TikTok ist die aktuell am schnellsten wachsende Social-Media-Plattform weltweit. Allein in Deutschland gibt es bereits 5,5 Millionen Nutzer, insgesamt sollen es bereits über eine Milliarde sein. Nach Ansicht des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des Bundesbeauftragten für den Datenschutz ist es aber zugleich aus Datenschutzsicht eines der gefährlichsten Angebote.

Gegenüber der „Bild“-Zeitung warnte das Verfassungsschutzamt insbesondere davor, dass bei Apps aus dem Ausland die User-Daten „in dem jeweiligen fremden Staat gespeichert sind und somit die dortigen Behörden auf diese Daten Zugriff nehmen können“.

Deutschlands oberster Datenschützer Ulrich Kelber sieht besonders bei Staaten Gefahren, „die nicht unser Verständnis einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung teilen“. Dort könne nicht ausgeschlossen werden, „dass eventuell auch staatliche Stellen Zugriff auf die Daten erhalten“, sagte er auf Anfrage.

In der Praxis ergeben sich allerdings noch andere Probleme: TikTok ist in Deutschland über eine Niederlassung in Berlin vertreten, entsprechend ist die Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Maja Smoltczyk, für das chinesische Unternehmen zuständig.

Prüffall in Berlin

Aktuell läuft eine Prüfung in Zusammenhang mit TikTok, teilte das Amt am Montag auf Anfrage mit. Es hatte eine Beschwerde über Probleme beim Löschen eines Accounts gegeben. Über Details zum Stand der Prüfung gibt die Datenschutzbeauftragte keine Auskunft. Es handelt sich dem Vernehmen nach jedoch nicht um eine grundsätzliche Datenschutzprüfung.

Neben den grundsätzlichen Bedenken der Verfassungs- und Datenschützer wegen der Speicherung der Nutzerdaten auf ausländischen Servern ist bei TikTok jedoch ein anderes Thema eine virulente Gefahr: Fake News. Seit kurzem ist auch die „tagesschau“ der ARD in der Video-App vertreten. Genauer gesagt gibt es nun auch einen offiziellen Kanal der „Tagesschau“ mit aktuell 64 000 Followern.

Wie auch bei anderen Social-Media-Angeboten zeigt ein kleiner blauer Haken am Account-Namen an, dass es sich um ein verifiziertes Angebot handelt. Videos mit dem Hashtag #tagesschau gibt es hingegen schon deutlich länger. Und längst nicht alles mit dem Namen des altehrwürdigen Nachrichtenflaggschiffs der ARD entspricht den journalistischen Standards der Informationssendung.

Keine neutrale Plattform

Als neutrale Nachrichteninstanz kann TikTok ohnehin nicht angesehen werden. Recherchen von Netzpolitik.org haben gezeigt, dass der Dienst Videos von politischen Protesten und Demonstrationen – Stichwort Tiananmen-Massaker, Tibets Unabhängigkeit und Hongkong – systematisch unterdrückt, auch wenn TikTok selbst bestreitet, dass Inhalte allein wegen der politischen Ausrichtung moderiert würden.

Die Jugendschutz-Initiative „Schau hin!“ rät den Nutzern von TikTok dazu, die Datenschutz-Einstellungen anzupassen. Dazu gehört, das Profil auf privat zu stellen. Posts von angemeldeten Nutzern sind dann nur für jene Personen zu sehen, die einem folgen. Empfehlenswert sei auch die Option, dass nur befreundete Nutzer Nachrichten schicken oder Kommentare abgeben dürfen. Das schützt vor einer unerwünschten Kontaktaufnahme durch Fremde.

In der App lassen sich außerdem virtuelle Geschenke machen – die sogenannten „Gift Points“ kosten jedoch bares Geld. Die Experten von „Schau hin!“ empfehlen Eltern, dass ihre Kinder Downloads und Käufe nur auslösen dürfen, wenn das vorher abgesprochen wurde.

Die App ist ab 13 Jahren freigegeben, unter 18-Jährige brauchen laut den Geschäftsbedingungen eine Erlaubnis der Eltern. Doch „Schau hin!“ zufolge findet eine wirkliche Altersprüfung nicht statt. TikTok kann auch ohne Anmeldung genutzt werden, allerdings ist es dann nicht mögich, eigene Videos zu veröffentlichen.

Von der Lebenslauf-Kartei zum Newsfeed

Die amerikanische Karriereplattform Linkedin ist in den vergangenen Jahren im Windschatten von Facebook zu einem der größten sozialen Netzwerke avanciert. 645 Millionen Mitglieder zählt sie heute. Die Nutzer sehen dort nicht nur geschäftliche Aktivitäten ihrer Kontakte, sondern auch Artikel, die im Netzwerk favorisiert oder kommentiert wurden. Die Reihenfolge, in der all das beim Nutzer angezeigt wird, ist ähnlich wie bei Facebook von einem Algorithmus sortiert – maßgeschneidert, sozusagen.

Die Kombination von Artikeln und Stellenanzeigen ist eigentlich das klassische Geschäftsmodell von Zeitungen. Linkedin hat es adaptiert – und für sich optimiert. 2011 hat die Plattform eine kleine Redaktion aufgebaut, die mit dem Kuratieren des Feeds betraut wurde. Für den in einem Tech-Konzern eher unüblichen Posten eines Chefredakteurs wurde Daniel Roth eingesetzt, ein erfahrener Printjournalist, der zuvor beim Magazin Forbes arbeitete. Noch im selben Jahr lancierte die Karriereplattform den Dienst Linkedin Today, eine auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittene Nachrichtenauslese.

Nach welchen Kriterien sich die dort erstellte Digitalzeitung zusammensetzt, wird geheim gehalten. Chefredakteur Roth sagte dem Portal Business Insider nur so viel: „Über die Geschichten, die ein kleines bisschen Feuer in sich tragen, gießen wir noch ein bisschen Öl.“ Das Konzept scheint aufzugehen: Das „Engagement“, die Kennzahl im Geschäft sozialer Netzwerke, ist seit dem Start rasant gestiegen. Da das Netzwerk in aller Regel die Jobposition seiner Nutzer kennt, kann es auch berufsgruppen- oder unternehmensspezifische Nachrichten zuordnen. So wurden etwa mit Hilfe eines Generators automatisiert Meldungen über die Insolvenz des Reiseveranstalters Thomas Cook an alle auf Linkedin registrierten Mitarbeiter verschickt. Die Plattform wurde so zu einer Art informellem Intranet. Ergänzt wird das Angebot von wöchentlichen Podcasts und Newslettern der Linkedin-Redaktion.

Apple, Amazon und Facebook: Alle investieren in Journalismus

Es ist nicht das einzige Technologieunternehmen, das in Journalismus investiert. Apple hat einen eigenen Newsroom unter der Leitung der Magazinjournalistin Lauren Kern (sie war zuvor beim New York Times Magazine) aufgebaut, um digitale Kanäle mit Inhalten zu bespielen. Amazon Tochterunternehmen Ring hat für seine App „Neighbors“ – einer Mischung aus digitaler Bürgerwehr und sozialem Netzwerk, in dem Mitglieder Fotos und Videos von Einbrüchen und Paketdiebstählen teilen – einen Redakteur angeheuert. Und Facebook plant, für sein Nachrichtenfeature „News Tab“ zehn Journalisten einzustellen. Dass Facebook dabei auch Inhalte der rechten Nachrichtenseite „Breitbart“ einkauft, trug dem Konzern heftige Kritik ein.

Nic Newman, Journalismusforscher am Reuters Institute for the Study of Journalism, bewertet die Initiativen der Konzerne unterschiedlich. Während Apple mit seinem Streamingdienst Apple TV Plus und dem Nachrichtendienst Apple News Plus nach alternativen Erlösquellen für die rückläufigen Smartphone-Verkäufe suche, gehe es Facebook vor allem um Imagepflege.

Nachdem bekannt wurde, dass Facebook im August 2016, wenige Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl, sein Team für Trending News entlassen hatte und infolgedessen auch automatisiert Falschnachrichten in das Modul eingespeist wurden, geriet das Unternehmen unter Druck. Offenbar hat das Management nun eingesehen, dass wichtige Meldungen verlässlicher von Menschen statt von Maschinen ausgewählt werden.

Nur: Der Konzern verfolgt damit natürlich – anders als klassische Medienhäuser – die Strategie, mit Nachrichten ein attraktives Werbeumfeld zu schaffen. Daher finanziert der Konzern lokaljournalistische Projekte mit 300 Millionen Dollar und wildert dabei auch im Personalpool von Verlagen. So warb Facebook Deutschland den Geschäftsführer von Spiegel Online und Verlagsleiter im Spiegel Verlag, Jesper Doub, sowie den früheren Social-Media-Chef des Spiegel, Torsten Beeck, ab, die sich nun um Medienpartnerschaften des Konzerns kümmern.

Ziel: Die Nutzer sollen immer wieder zurückkehren

Das Karriereportal Linkedin, das seit 2016 zu Microsoft gehört, war zu Beginn eine lieblos arrangierte Kartei von Lebensläufen. Mit Nachrichten schafft die Plattform für seine Nutzer einen Anreiz, auf die Plattform zurückzukommen – und gleichzeitig einen Hebel, diese Inhalte etwa durch Premiummitgliedschaften oder Events zu Geld zu machen. Im Gegensatz zu Facebook oder Twitter will Linkedin seine Nutzer nicht so lange wie möglich auf der Plattform halten, sondern dafür sorgen, dass sie immer wieder zurückkehren.

„Wir leiten die gesamten Besucherströme wieder heraus, weil wir die Leute nicht auf Linkedin halten wollen“, sagte Chefredakteur Roth. Wie ein Sprecher CNN Business mitteilte, ist die Frequenz, mit der Nutzer auf die Plattform zurückkehren, in einem Intervall von 30 Minuten um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Ein wichtiger Grund: Nachrichten.

Linkedin organisiert diese nicht über einen Newsroom, wie in Redaktionen üblich, sondern über einen Pool vernetzter Kuratoren. Isabelle Roughol sitzt etwa in London. Sie war zuvor bei der französischen Zeitung Le Figaro und leitet den Ausbau des internationalen Teams. Es umfasst derzeit 65 Redakteurinnen und Redakteure sowie Dependancen in Australien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Singapur und Spanien. In den USA, wo Linkedin Redaktionsbüros in San Francisco und New York hat, arbeiten rund zwanzig Journalisten. Im Oktober 2018 trat mit Jessi Hempel vom Magazin Wired eine weitere renommierte Journalistin in die Redaktion ein.

Chefredakteur Roth, der einmal als „mächtigster Wirtschaftsjournalist im Internet“ bezeichnet wurde, will das Team weiter vergrößern. Wo traditionelle Medienhäuser Stellen abbauen, stellen finanzkräftige Unternehmen aus dem Silicon Valley neue Journalisten ein. Die Pointe ist, dass die Konzerne selbst gar keine journalistischen Inhalte produzieren, sondern diese lediglich verbreiten.

Linkedin will verstärkt journalistische Inhalte auf seine Plattform holen und nicht mehr bloß eine Datenbank für Lebensläufe sein. „Das Gros der Arbeit besteht darin, Inhalte zu kuratieren und die Linkedin-Mitglieder zu überzeugen, interessante Sachen dort und nicht auf der Plattform Medium oder Facebook zu posten“, erklärt Medienforscher Newman. In den Podcasts und Newslettern, die Linkedin produziert, erwachse für die Verlage zwar Konkurrenz. Eine Bedrohung für das Geschäftsmodell sei das aber noch nicht, so Newman. „Ich sehe nicht, dass es negative wirtschaftliche Auswirkungen auf den Umsatz der Verlage hat.“

Medienprofessor Pörksen über die Krise der Presse

Der Tübinger Medienprofessor Bernhard Pörksen hat der Politik vorgeworfen, die Probleme der Zeitungsbranche größtenteils zu ignorieren. „Weite Teile der Politik besitzen überhaupt kein Bewusstsein für die drohende Existenzkrise des seriösen Journalismus. Und sie haben keine Vorstellung davon, wie man dieser Krise politisch begegnen könnte“, sagte Pörksen dem Reutlinger „General-Anzeiger“.

“Einzelne Milieus vertrauen den Medien nicht mehr, und es hagelt pauschale und unbegründete Lügenpresse-Vorwürfe – bis weit in das bürgerliche Lager hinein.” Bei der Frage, wie das MediumTageszeitung in Zukunft zu retten sei, seien “die unterschiedlichsten Kräfte gefragt”. Der Medienwissenschaftler sieht neben Journalisten auch die Politik, die Verlage, die Zivilgesellschaft und die akademische Welt mit in der Verantwortung. Diese Akteure hätten bisher “das Schicksal der Zeitungen mit einem Höchstmaß an dümmlicher Ignoranz begleitet, ganz so, als könnte man irgendwann mit den eigenen Themen zu RTL 2 umziehen.”

Was helfe, so Pörksen, sei die Subventionierung von Zustellungskosten. Der Einstieg des Staates in die Förderung speziell der Zustellkosten für Zeitungsverlage wird voraussichtlich noch in dieser Woche im Bundestag behandelt. Was man diskutieren könne sei außerdem, politikferne Stiftungen zur Zeitungsfinanzierung hinzuzuziehen. Kritischer, unabhängig recherchierender Journalismus müsse unbedingt erhalten werden, so Pörksen: “Unabhängiger Journalismus ist systemrelevant, zumindest in einer Demokratie.”

Merkel: Internet muss global frei und öffentlich bleiben

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eindrücklich vor den Folgen einer Abschottungspolitik im Internet gewarnt. „Wir würden ein zunehmend zersplittertes Internet haben“, sagte Merkel am Dienstag auf dem Internet Governance Forum (IGF) der Vereinten Nationen in Berlin. Die globale Infrastruktur könne dann instabil und anfällig für Attacken werden. Folgen seien auch eine stärkere Überwachung der Bürger, staatliches Filtern und eine Zunahme der Zensur von Informationen. Es sei dann sogar möglich, dass das Internet und Mobilfunknetze abgeschaltet würden, um die Kommunikation der Bevölkerung zu verhindern.

Merkel: Kern des Internets muss als globales öffentliches Gut geschützt werden

Solche Angriffe könnten den Menschen die Grundrechte auf Information und Kommunikation vorenthalten, warnte Merkel. „Das führt die grundlegende Idee des Internets, die Idee der Erfinder, der Urväter, ad absurdum.“ Die Regierungschefin forderte die Delegierten des Forums auf, den Kern des Internets als globales öffentliches Gut zu schützen. Um ein grenzüberschreitendes dezentrales Internet zu erhalten, müsse man über die Grenzen von Nationen hinweg handeln.

Die Zukunft des Internets dürfe aber auch nicht allein von Staaten und Regierungen gestaltet werden, sagte Merkel. „Denn die Grundsatzfragen rund um das Internet betreffen letztlich jeden einzelnen von uns.“ Sie plädierte für eine umfassende Beteiligung der Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. „Das Internet geht alle etwas an.“

Apple und Google: „Die wollen nicht nur spielen“

Apple und Google haben Gaming für sich entdeckt. Und sie haben Geld, viel Geld. Wie, wo und was wir in Zukunft spielen, werden die Unternehmen entscheidend mitbestimmen.

Steve Jobs mochte vielleicht keine Games, aber er liebte den Erfolg. So ließe sich erklären, weshalb der Apple-Gründer einerseits dem langjährigen Disney-Geschäftsführer Robert Iger erzählte, dass er lediglich Comics noch mehr hasse als Videospiele, und andererseits auf der Bühne stand und stolz erklärte, weshalb Apple dank des iPhones und iPod Touch ein wichtiger Player in der Gamesbranche sei. Das war 2010.

Laut einer jüngsten Marktanalyse von Nielsen Superdata haben mobile App-Games inzwischen einen Marktanteil von knapp 60 Prozent. Bei den Umsätzen legten sie im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent zu, während Konsolen- und PC-Spiele verloren. In Deutschland überholten im vergangenen Jahr laut dem Jahresreport der Gamesbranche Smartphones erstmals den PC als beliebteste Spieleplattform.

Es ist also ein guter Zeitpunkt, um neue mobile Gamingdienste zu starten. Und so ist es nur folgerichtig, dass Apple Mitte September seinen Spieledienst Arcade einführte, in dem Apple-Kundinnen und -Kunden ausgewählte Videospiele im monatlichen Abo spielen können – auf dem Mac und Apple TV, aber eben auch auf iPhones und iPads. Google legte Mitte November nach mit einem neuen Gamingdienst, der zumindest technisch beeindruckend ist: Stadia bringt Topspiele per Streaming direkt aus der Cloud aufs Gerät – ohne Konsole, ohne PC, ohne vorherigen Download.

Ein Abomodell für Spiele, ein Cloud-Gaming-Dienst: Apple Arcade und Google Stadia sind grundlegend verschieden. Doch beide Angebote zeigen, wie sich die Machtverhältnisse der Gamesbranche verschoben haben – und wer in Zukunft bestimmen könnte, wie, wo und was die Menschen spielen.

Premium-Games ohne In-App-Einkäufe

Arcade ist Apples bislang größter Vorstoß in den Gamingbereich. Der Dienst kann direkt aus dem App-Store heraus gestartet werden und kostet 4,99 Euro monatlich. Der erste Monat ist kostenlos. Dafür bekommen Abonnentinnen rund 100 Spiele, die auf allen Apple-Geräten ab iOS 13 oder macOS Catalina laufen. Speicherstände können über Geräte hinweg synchronisiert werden. Alle Spiele sind auf die Bedienung per Berührung auf dem Bildschirm optimiert – manche funktionieren aber auch mit einem Controller, wenn man diesen mit seinem Apple-Gerät verbindet.

Arcades Aboangebot umfasst Puzzle- und Rätselspiele, liebevoll gezeichnete Adventures wie Jenny LeClue, die absurde Golfsimulation What the Golf?, das rasante Arcade-Spiel Sayonara Wild Hearts und den düsteren Action-Slasher Bleak Swords. Die Qualität der Spiele ist fast durchgängig gut, regelmäßig kommen neue hinzu. Und so wächst auch das Angebot an familienfreundlichen Spielen stetig.

Neu sind solche Spieleabos sind nicht, schon längst gibt es den Xbox Game Pass oder EA Access. Aber Apple spricht mit Arcade nun jene Spieler an, die nicht erst die Konsole anschalten und stundenlang Games herunterladen wollen. Oder solche, die sich nicht durch Tausende Games im App-Store wühlen mögen, um Neuerscheinungen zu finden, die ihrem Geschmack entsprechen. Die Kuration garantiert eine gleichbleibende Qualität, und die Anzahl an verfügbaren Inhalten sorgt dafür, das für jeden etwas dabei sein dürfte. Apples Versprechen: Ihr gebt uns fünf Euro im Monat und wir sagen euch, was ihr spielen wollt.

Auch für die Spielebranche ist Arcade interessant. Erstens gibt der Dienst den Entwicklerstudios die Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben und entdeckt zu werden. Gerade in App Stores, deren Bestenlisten von Dauerbrennern wie Candy Crush dominiert werden, ist das schwierig. Erst recht, wenn ein Spiel nicht den gängigen Trends und Mechaniken folgt.

Ein zweiter wichtiger Punkt: In Apples Arcade gibt es weder Werbung noch Mikrotransaktionen. Das ist im Segment mobiler Spiele eine Revolution. Denn deren Geschäftsmodelle basieren meistens darauf, dass Spielerinnen innerhalb des Games bezahlen – etwa, um schneller voranzukommen oder um zusätzliche Funktionen freizuschalten. Oder aber sie bekommen Werbung angezeigt. Die meisten erfolgreichen Games in den App Stores von iOS und Android funktionieren deshalb nach dem sogenannten Freemium-Modell: Sie lassen sich kostenlos installieren, fordern aber zu In-Game-Käufen auf, ohne die das Spiel irgendwann langweilig bis unerträglich wird. Für Anbieter, die sich dagegen entscheiden, ihre Games kostenpflichtig anzubieten, gelten solche Freemium-Modelle als notwendiges Übel.

Apples Arcade hat das Problem nicht. „Wenn du ein Premium-Spiel ohne Werbung oder In-Game-Käufen machen willst, ist es eine fantastische Alternative, weil du dich auf das Spiel konzentrieren kannst“, sagt Andrew Schimmel von kanadischen Studio Snowman, dessen Spiel Where Cards Fall in Arcade verfügbar ist und mehrere Jahre in der Entwicklung war. „Es ist befreiend“ sagt P’ng Yi Wie vom malaysischen Studio Kurechii.

Doch es gibt auch Kritik. So sind die Aufnahme- und Rahmenbedingungen für Arcade nicht transparent. P’ng Yi Wie spricht von einem langwierigen Bewerbungsprozess und hohen Einstiegshürden. Details könne er, wie andere Arcade-Teilnehmer, nicht verraten, außer: „Die Monetarisierung ist kein Problem.“

Berichten der Financial Times zufolge soll Apple rund 500 Millionen in Arcade investieren, darunter „mehrere Millionen pro Spiel“. Gerade für kleinere Studios könnte es also lukrativ sein, in Arcade aufgenommen zu werden, weil das finanzielle Sicherheit bedeutet. Dann ist es auch zweitranging, dass sie sich verstärkt an Apple binden: Arcade-Spiele dürfen zwar zeitgleich auf anderen Plattformen wie der PlayStation oder dem PC erscheinen, nicht aber in einer Android-Version.

Gleichzeitig könnte Apples Lockruf den Konkurrenzkampf rund um Premium-Games weiter verschärfen. Das glaubt etwa der Indie-Entwickler Adriaan de Jongh. Sollte Arcade erfolgreich sein, wozu sollten Menschen dann fünf Euro für ein einzelnes Spiel ausgeben, wenn sie für den gleichen Preis mehr als 100 im Abo haben können? Studios, die es nicht in Arcade schaffen, hätten es dann noch schwerer als ohnehin schon. Die strengen Aufnahmekriterien für den App-Store sind für iOS-Games ohnehin schon eine hohe, aber wichtige Hürde – mit Arcade könnte eine weitere hinzukommen. „Als Entwickler kleinerer Games fürchte ich, nicht mehr mithalten zu können“, sagt de Jongh.

Google Stadia: Games aus der Wolke

Google Stadia verfolgt mit seinem neuen Dienst einen anderen Ansatz als Apple. Hier nämlich ist weder PC noch Konsole nötig, um aktuellen Topgames spielen zu können. Denn bei Stadia kommen die Games aus der Cloud, sie befinden sich nicht auf der eigenen Festplatte, sondern in den Rechenzentren von Google. Das bedeutet für die Nutzer: Sie brauchen nur Googles Chrome-Browser, Googles Smartphone Pixel (weitere Hersteller sollen in Zukunft unterstützt werden) oder Googles Streaming-Stick Chromecast Ultra am Fernseher, damit die Spiele laufen. Ach so: und eine ausreichend schnelle Internetverbindung natürlich.

Cloud-Gaming gibt es zwar schon länger, viele Dienste scheiterten aber bislang entweder an der mageren Spielauswahl oder am ruckelnden Spielerlebnis. Das will Google gelöst haben, und tatsächlich funktionierte Stadia in unserem Test nahezu reibungslos. Die Auswahl der Spiele ist zum Start noch überschaubar: Die vor kurzem erschienene PC-Version von Read Dead Redemption 2 sowie Assassin’s Creed Odyssey gehören zu den bekanntesten Titeln.

Zum Auftakt ist Stadia nur im Abo erhältlich, erst kommendes Jahr soll es auch eine kostenlose Basisversion geben. Für zehn Euro im Monat können die Games in bis zu 4K-Auflösung gestreamt werden. Die Spiele sind in diesem Preis noch nicht inbegriffen, darum müssen Nutzer sie, anders als bei Apple Arcade, einzeln kaufen. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage, welchen Vorteil Stadia gegenüber Konsolen oder PCs hat – wenn man von der eingesparten Downloadzeit einmal absieht.

Tatsächlich macht erst die Zukunftsperspektive Stadia wirklich interessant. „Es ist unsere Vision, Gaming im weitesten Sinne für alle Menschen verfügbar zu machen, ohne dass die Hardware eine Hürde ist“, sagte der Google-Manager Phil Harrison gegenüber Gamesradar. Anders gesagt: Google plant schon jetzt für eine Zukunft, in der Menschen nicht mehr alle paar Jahre ihre Konsole oder ihren PC austauschen, sondern Videospiele stets nur einen Klick entfernt sind. So wie es heute schon bei Musik oder Filmen der Fall ist.

Dazu kommen revolutionäre Stadia-Features, die allerdings bislang nur angekündigt und noch nicht verfügbar sind: Crowd Play soll ermöglichen, dass Streamer auf YouTube ihr Publikum einladen können, direkt mit ihnen in ein Spiel einzusteigen – sofern die entsprechenden Games das unterstützen. Über State Share sollen Stadia-User untereinander einen Link teilen können, mit dem sich ein Spiel genau an einer bestimmten Stelle laden lässt.

Auch den Entwicklern und Entwicklerinnen könnten sich ganz neue Möglichkeiten eröffnen, wenn sie ihre Spiele nicht an die Hardware der Verbraucher und an die Einschränkungen gängiger Konsolen anpassen müssen, sondern stattdessen auf die geballte Rechenpower von Googles Infrastruktur zurückgreifen können. Die Ingenieure des Unternehmens denken bereits an neue Spielewelten mit naturgetreuer Physik, die durch Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz erst möglich werden. Und statt bloß 100, wie etwa bei Fortnite, könnten 1.000 Spieler gleichzeitig an einer Partie teilnehmen, ohne dass das System zusammenbricht. So sind komplett neue Genres denkbar.

Das ist noch Zukunftsmusik, denn noch wurde kein exklusives Spiel für Stadia angekündigt. Bislang sind nur Titel im Angebot, die es bereits auf anderen Plattformen gibt. Und auch Insider wie Google-Manager Phil Harrison schätzen, dass es noch zwei Jahre dauern wird, bis die Technik wirklich ausgereift ist und die ersten Games kommen, die das Potenzial der Cloud wirklich ausschöpfen. Berichten zufolge baut Google bereits ein Netzwerk aus Spielestudios auf, die exklusive Stadia-Games entwickeln sollen.

Was für Google und den mittelfristigen Erfolg von Stadia spricht: Das Unternehmen verfügt über das technische Know-how, die notwendige Infrastruktur und vor allem die finanziellen Ressourcen, um schlagkräftige Partner aus der Gamingbranche zu überzeugen. Auch wenn Stadia zum Launch noch viele Games und Funktionen vermissen lässt, bringen sich Konkurrenten bereits in Stellung: Sowohl Microsoft als auch Valve und Amazon arbeiten bereits an eigenen Cloud-Gaming-Projekten. Kampflos überlassen möchte man Google den Markt offenbar nicht.

Apple und Google haben einen Vorsprung

Was aber bedeuten Apples und Googles Vorstöße nun für die Gamingszene? Sie zeigen, dass Videospiele nun nach Musik und Film die nächste große Branche ist, die von den großen Technologiefirmen eingenommen wird. Mit ihren App-Stores kontrollieren beide Unternehmen schon jetzt den Großteil des mobilen Spielemarktes – und das ist passenderweise der Teil, der insgesamt am schnellsten wächst.

Sowohl Apple Arcade als auch Google Stadia vertrauen darauf, dass sich die Spielgewohnheiten der Menschen weiter verändern. Das stationäre Gaming über Konsolen und PCs, das die Spielebranche seit jeher auszeichnet, hat neue Konkurrenz. Durch immer leistungsfähigere Smartphones und die Möglichkeit, auch anspruchsvolle und grafikintensive Spiele aus der Cloud heraus zu spielen, sind Videospiele zunehmend ungebunden. Zwar sind die Datenverbindungen immer noch eine Einschränkung für Dienste wie Stadia, doch sollte der neue Mobilfunkstandard 5G nur ansatzweise halten, was er verspricht, würde Cloud-Gaming in einigen Jahren auch außerhalb der eigenen Wohnung funktionieren.

Somit ist es denkbar, dass die nächste Konsolengeneration die letzte sein könnte, die noch auf stationäre Hardware setzt. Nintendo hat mit seiner Hybrid-Konsole Switch bereits gezeigt, dass die Menschen mehr Flexibilität schätzen; die Switch könnte Nintendos erfolgreichste Konsole seit dem GameBoy werden. Weitere Hersteller könnten dem Beispiel folgen. Einen Unterschied zwischen mobilen und stationären Games gäbe es nicht mehr, wenn sich alle Games, von Candy Crush bis Red Dead Redemption 2, auch auf dem Smartphone spielen lassen und bequem von einem Gerät auf das nächste übertragen lassen. Frictionless gaming, nennt man das in der Branche, zu Deutsch: reibungsfreies Spielen. Abomodelle wie bei Apple Arcade könnten die Einzelverkäufe verdrängen, wie es auch im Film- und Fernsehbereich der Fall ist.

Netflix-Gründer Reed Hastings glaubt, dass die Filmbranche inzwischen mit Videospielen um die Ressource Bildschirmzeit konkurriert. Gleichermaßen suchen auch die großen Tech-Unternehmen nach neuen Wegen, die Menschen länger und enger an die eigenen Ökosystem zu binden. Arcade und Stadia könnten erst der Anfang einer größeren Machtverschiebung innerhalb der Gamingbranche sein.

CH: Der Journalismus braucht mehr Wertschätzung, sagt die Medienkommission

Die Eidgenössische Medienkommission sorgt sich um die Rolle des Journalismus in der digitalen Mediengesellschaft. Die Anbieter von aktuellen Informationen hätten unter den neuen Marktbedingungen zusehends Schwierigkeiten, ihre spezifischen Leistungen dem Publikum kenntlich zu machen. Das sei gefährlich, weil ein demokratisches Gemeinwesen auf verlässliche journalistische Erzeugnisse angewiesen sei.

Nicht zuletzt geht es dabei um ein wirtschaftliches Problem. «Es ist für die Einzelnen nicht ersichtlich, was Journalismus und die damit verbundenen Leistungen kosten», schreibt die Kommission in einem am Donnerstag veröffentlichten Papier. Den Medienhäusern fällt es denn auch schwer, ein zahlungswilliges Publikum zu finden.

Der Preis der Werbefinanzierung

Hier manifestiert sich nach Ansicht des Expertengremiums auch eine historische Last. Die Anbieter profitierten im vordigitalen Zeitalter von einem technologisch begrenzten Markt, der das Angebot verknappte und es den Unternehmen erlaubte, höhere Preise durchzusetzen. Zudem wurden die Erzeugnisse in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich durch Werbeerträge finanziert. Diese Einnahmen brechen nun auf dem globalisierten Markt weg, sind aber schwer zu kompensieren, weil das Publikum jahrzehntelang an vergleichsweise tiefe Preise gewöhnt wurde. Wegen der Mischfinanzierung sei für die Konsumenten «kein transparenter Leistungsmarkt entstanden», hält das 19-seitige Papier fest.

Auch die sozialen Netzwerke zersetzen die Medienbranche. Denn ihr Erfolg bei den Internet-Nutzern bedeutet, dass die Informationsanbieter ihre «Bündelungskompetenz» verlieren. Was heisst: Es gelingt ihnen zusehends weniger, kompakte Angebote zu fixen Preisen zu verkaufen. Vielmehr müssen sie ihre Produkte zerstückeln und im Datenstrom der sozialen Netzwerke dauernd um die Aufmerksamkeit der Konsumenten kämpfen. Das schwächt die Medienmarken und lockert die Bindung zu den Kunden.

Die sozialen Netzwerke förderten die Individualisierung der Gesellschaft, und sie verschafften einer breiten Masse neue Artikulationsmöglichkeiten. Die neuen Plattformen sind gleichzeitig ein attraktives Spielfeld für obskure Akteure, die das Publikum für ihre Zwecke zu beeinflussen versuchen. Für diese Probleme haben die Informationsanbieter noch keine Lösungen gefunden, die wirtschaftlich tragfähig wären. Die Medienkommission formuliert es so: «Massenmedien und der etablierte Journalismus entsprechen den Anforderungen der digitalen Dienstleistungsgesellschaft immer weniger.»

Kritik an den Verlagen

Die Kommission übt gleichzeitig Kritik an den Verlagen. Als gefährlich erachtet sie die Praxis, der Wirtschaft unter dem Stichwort «Native Advertising» auf den hauseigenen Plattformen Kommunikationsmöglichkeiten anzubieten, die inhaltlich und gestalterisch den redaktionellen Angeboten höchst ähnlich sind. Das erschwere es, dem Publikum die spezifische Leistung des Journalismus verständlich zu machen. Die Rezipienten hätten jedoch «ein Anrecht darauf, unzweideutig und sofort erkennen zu können, ob ein Inhalt kommerzieller und interessengeleiteter Natur ist».

Der Schweiz attestiert die Kommission im internationalen Vergleich noch relativ stabile mediale Verhältnisse. Den weltweiten Trend hält sie jedoch für gefährlich. Darum macht sie in ihrem neuen Papier Vorschläge dazu, wie das Bewusstsein der Öffentlichkeit für journalistische Leistung gestärkt werden könnte.

Empfohlen: eine Zertifizierung

In diesem Sinn empfiehlt die Kommission Folgendes:

  • Die Berufsverbände, die Arbeitgeberorganisationen, die Wissenschaft und die Bildungsinstitutionen sollen die Öffentlichkeit für die genannten Probleme sensibilisieren. Ferner hätten es die Medien und die einzelnen Journalisten in der Hand, «durch ihre Tätigkeit beispielhaft Leistung und Relevanz des Journalismus zu betonen». Voraussetzung dafür sei ein hohes Mass an Professionalität und Sorgfalt bei der Einhaltung der Berufsregeln.
  • Die Bildungsinstitutionen sollen frühzeitig – also schon in der Volksschule – dazu beitragen, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, kritisch mit Medienangeboten umzugehen.
  • Es braucht eine kontinuierliche öffentliche Reflexion und eine kritisch-konstruktive Bewertung der Leistung des Journalismus. Die bestehenden Instrumente zur Qualitätssicherung berücksichtigen kaum die Perspektive der Nutzer. Das ist ein Manko. Der Dialog mit dem Publikum könnte beispielsweise mit «Bürgerinnen-Foren» oder «Tagen der offenen Redaktion» verbessert werden. Ein besserer Austausch mit der Wissenschaft wird ebenso empfohlen.
  • Das Berufsbild des Journalismus muss geschärft werden. Wünschenswert wäre eine Zertifizierung durch eine unabhängige Instanz, welche von allen Interessengruppen der Branche getragen wird. Zu klären ist, wie Regelverstösse geahndet werden sollen und ob Zulassungen suspendiert oder gar zurückgezogen werden können. Der bereits bestehende Journalisten-Kodex bietet eine gute Basis.
  • Wenn journalistische Erzeugnisse auf sozialen Netzwerken oder anderen Plattformen von Dritten angeboten werden, könnte man sie durch Labels oder Gütesiegel kennzeichnen.
  • Kommerzielle und redaktionelle Angebote müssen klar unterschieden werden.
  • Durch steuerliche Anreize sowie indirekte oder direkte Fördermassnahmen soll die Finanzierung von Journalismus verbessert werden.
  • Mit Anreizen könnte die Nutzung journalistischer Angebote gefördert werden, etwa durch steuerliche Freibeträge oder durch Gutscheine für die Mediennutzung.
  • Rechtliche Massnahmen zur Stärkung des Journalismus sind weder notwendig noch wünschenswert. Doch müssten auch die Betreiber von sozialen Netzwerken und global tätige Intermediäre «stärker in die gesellschaftliche Verantwortung eingebunden werden». Eine Koordination auf europäischer oder internationaler Ebene ist sinnvoll.

Die deutsche Wirtschaft ist gegen Huawei

Nach Vodafone will auch die Deutsche Telekom die Technik von Huawei aus sensiblen Bereichen ihres Netzes entfernen. Ein generelles Verbot der Chinesen lehnen die Konzerne jedoch ab. Das hat vor allem einen Grund.

Die Deutsche Telekom, an der der Staat noch zu etwa einem Drittel beteiligt ist, will in den kommenden zwei bis drei Jahren die Technik der Chinesen im sensibelsten Teil ihres Netzes ersetzen.

Dies sei im Rahmen der regelmäßigen Netzmodernisierung geplant, heißt es aus dem Umfeld des Unternehmens. Huawei-Technik werde mit Komponenten aus den USA und Europa ausgetauscht. Für die Telekom ist das ein Strategieschwenk und eine Reaktion auf den politischen Druck. Kritiker sehen in der Technik von Huawei ein Sicherheitsrisiko. Da der Anbieter aus China komme, müsse er nach den chinesischen Gesetzen auch mit der Regierung zusammenarbeiten. Somit bestehe die Gefahr der Spionage und Sabotage.

Mit der nächsten und damit fünften Mobilfunkgeneration 5G werde das Risiko deutlich größer, weil sie Grundlage für das Internet der Dinge, die vernetzte Produktion und das autonome Fahren sei. Wenn alles mit allem vernetzt ist, so die Meinung der Experten, steige auch das Sicherheitsbedürfnis. Huawei hat diese Vorwürfe immer wieder zurückgewiesen.

Inmitten dieser Diskussion hat der CDU-Parteitag am Wochenende beschlossen, den umstrittenen chinesischen Konzern Huawei zwar nicht generell vom Ausbau des 5G-Mobilfunks in Deutschland auszuschließen. Die letzte Entscheidung über Sicherheitsstandards solle aber der Bundestag haben.

Vor Beginn des Parteitags hatte der Konzern noch ganzseitige Zeitungsanzeigen geschaltet, in denen der Ausrüster seine Technik als sicher bezeichnet und darauf hinwies, dass das Unternehmen seinen Mitarbeitern gehöre und keinen Zugriff auf Daten habe, die über die Mobilfunknetze transportiert werden. Bislang gibt es tatsächlich keine Belege dafür, dass die Technik des Herstellers Hintertüren bereit hält. Zumindest sind solche Beweise noch nicht vorgelegt worden.

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, Initiator des Parteitagskompromisses, machte klar, dass er den Einsatz von Huawei weiter für problematisch hält. Alle großen chinesischen Unternehmen müssten mit dem Geheimdienst der Volksrepublik kooperieren. „Darum muss klar sein: Dem chinesischen Staat, der kommunistischen Führung können wir nicht das deutsche 5G-Netz anvertrauen“, sagte er am Samstag.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erklärte, europäische Sicherheitsstandards müssten künftig entscheidend sein. „Bei 5G geht es darum, dafür zu sorgen, dass die Europäer Herr im eigenen Laden bleiben“, erklärte Altmaier im Fernsehsender Phoenix: „Wir brauchen Souveränität, eine absolute Zuständigkeit der europäischen Institutionen für die europäischen Daten.“ Deutsche und europäische Daten dürften nicht in den USA und nicht in China gespeichert werden, sagte der Minister.

Mobilfunk-Firmen sind gegen generellen Bann
Deutschlands Mobilfunk-Unternehmen selbst haben sich gegen einen generellen Huawei-Bann ausgesprochen. Vielmehr sollten alle Ausrüster gleich behandelt werden, lautet ihre Forderung. Huawei sei „ein sehr zuverlässiger Partner, der technologische Höchstleistungen vollbringt“, sagte zuletzt Telefónica-Deutschlandchef Markus Haas. Der Konzern habe Telefónica gegenüber nie etwas zu Schulden habe kommen lassen.

Ähnlich äußert sich Vodafone. Die kontinuierlichen Sicherheitskontrollen von Vodafone Deutschland und weitere Sicherheitstests, die permanent in Großbritannien durchgeführt würden, „haben keine Sicherheitsbedenken oder Hinweise auf Missbrauch des Netzes durch Huawei ergeben“.

Ohne Huawei würde der 5G-Ausbau deutlich verzögert und teurer, warnt Vodafone. In der Realität aber ist auch Vodafone gerade dabei, Huawei aus seinem Kernnetz auszubauen.

Ein Mobilfunknetz besteht aus zwei Teilen. Im sensiblen Kernnetz sind Komponenten für die Verarbeitung von Inhalten verbaut, darunter Voicemail, Internet-Gateway und SMS-Technik. Der zweite Teil ist das Antennen-Netz, das auch Radio Access Network (RAN) genannt wird. Dort findet nur der verschlüsselte Transport der Daten statt.

Andere Anbieter bieten nicht den gleichen Standard
Das Funksignal, das beispielsweise vom Smartphone zur Antenne gesendet wird, muss dort in ein optisches Signal umgewandelt und über ein Glasfasernetz zum Kernnetz weitergeleitet werden. Mehr als 80 Prozent der Investitionskosten fallen im Antennen-Netz an.

Hier warnt auch die Telekom vor den Folgen eines pauschalen Huawei-Ausschlusses. Denn für das Antennen-Netz sieht der Konzern nur Ericsson als ernsthafte Alternative zu Huawei. Technik von Samsung sei aufgrund der Netzstrukturen hierzulande nicht einsetzbar.

Nokia kämpfe mit Performance-Problemen und der chinesische Ausrüster ZTE sei wegen seiner Staatsnähe und nach Compliance-Problemen der Vergangenheit nicht vertrauenswürdig. Die Mobilfunker weisen zugleich darauf hin, dass auch Nokia und Ericsson ihre Technik zu Teilen in China fertigen ließen.

Nach dem Telekommunikationsgesetz (TKG) müssen die Netzbetreiber die Erfordernisse eines Sicherheitskataloges erfüllen. Derzeit wird dieser Katalog aktualisiert. Einen entsprechenden Entwurf hat die Bundesnetzagentur in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz vorgelegt. Bis zum vergangenen Freitag konnten dazu Stellungnahmen abgegeben werden.

Führen politische Kriterien zum Ausschluss?
Demnach müssen Ausrüster von Telekommunikationsnetzen eine Zusicherung abgeben, dass sie keine Informationen an Dritte weitergeben. Kritikern reicht das nicht. Sie wollen auch ein politisches Kriterium hinzufügen, das sich auf die Vertrauenswürdigkeit des Herkunftslandes bezieht. Damit bestünde dann die Möglichkeit, chinesische Anbieter doch auszuschließen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte auf dem CDU-Parteitag am Freitag, beim Aufbau des 5G-Netzes müsse die Sicherheit gewährleistet sein. „Wir sollten offen sein technologisch, aber wir sollten die Maßstäbe setzen“, sagte sie. Es sollte aber niemand von vornherein ausgeschlossen werden.

Als Kompromiss könnte am Ende eine Regelung stehen, die chinesische Ausrüster zumindest von den Kernnetzen ausschließt. Jenseits des Sicherheitskataloges sollen im kommenden Jahr das Telekommunikationsgesetz (TKG) und das BSI-Gesetz novelliert werden.

Hier wäre ein Eingriff zuungunsten von Huawei möglich, indem ein politisches Kriterium eingeführt wird. Wirtschaftlich wäre das für Huawei zu verkraften. Nach eigenen Angaben fallen nur zwei Prozent des Konzernumsatzes in Deutschland auf Technik, die in Kernnetzen eingesetzt wird. Politisch aber wäre es für die Chinesen ein Rückschritt.

Über den Umgang mit Huawei beim Aufbau der künftigen 5G-Netze wird nicht nur in Deutschland diskutiert. Auch andere europäische Länder suchen hier nach Lösungen. In den USA ist Huawei seit jeher bei den großen nationalen Mobilfunknetzen nicht zum Zug gekommen. Dort hat die US-Regierung das Unternehmen auf eine schwarze Liste setzen lassen.

Aus diesem Grund dürfen US-Firmen mit Huawei keine Geschäfte mehr machen. Leidtragende sind vor allem kleinere Mobilfunknetze in ländlichen Regionen, die günstigere Huawei-Technik einsetzen. Um ihnen die Möglichkeit zu geben, nach Alternativen zu suchen, hat die US-Regierung zeitlich befristete Ausnahmegenehmigungen eingeräumt.

Beobachter zweifeln nun jedoch daran, ob Präsident Donald Trump wirklich das Problem verstanden hat. Nach einem gemeinsamen Fabrik-Besuch mit dem Apple-Chef Tim Cook schrieb Trump auf Twitter, er könne sich vorstellen, dass Apple sich am Aufbau eines 5G-Mobilfunknetzes in den USA beteilige.

„Sie verfügen über alles Notwendige – Geld, Technologie, Vision & Cook!“, twitterte der Präsident. Tatsächlich baut Apple keine Netztechnik. Der Konzern hat noch nicht einmal ein 5G-fähiges iPhone. Apple hat es dann auch vorgezogen, auf diesen Vorschlag gar nicht erst zu reagieren.

Einchecken per Lächeln und Cocktails vom Roboter

Beim Betreten des von Alibaba betriebenen Flyzoo Hotels, unweit des Firmensitzes des E-Commerce-Konzerns in Hangzhou gelegen, erinnert wenig an eine Herberge. Eine Rezeption gibt es nicht, es ist kaum Personal auszumachen. Das Design ist futuristisch und minimalistisch. Es gleicht mehr einem Raumschiff denn einem Hotel. Alles ist in Weiss gehalten, das Mobiliar auf das Wesentliche reduziert.

Doch statt an einem Raumschiff feilt Alibaba am Hotel der Zukunft. «Ende Jahr wollen wir so weit sein, um die chinesische Hotelbranche auf Basis unserer bisherigen Erfahrungen beraten zu können», sagt Andy Wang, der das Konzept entwickelt hat. Im Dezember vergangenen Jahres ist die Unterkunft der Zukunft eröffnet worden.

Das Wesentliche, sonst nichts

Der Name des Hotels nimmt denn auch Anleihen bei Alibaba. «Fly» leitet sich von Fliggy ab, so nennt sich die Reiseplattform des E-Commerce-Unternehmens. Und «Zoo» steht symbolisch für all die verschiedenen von Alibaba eingesetzten Technologien, die im Hotel wiederzufinden sind. Das Credo des Konzerns lautet: Dank Robotern, Gesichtserkennung und intelligenten Lautsprechern kann sich das Personal auf die wesentlichen Wünsche der Gäste konzentrieren – dennoch oder gerade deshalb kommt die Gastfreundschaft nicht zu kurz.

Hotelgäste können bereits über die App wählen, in welcher Himmelsrichtung das Zimmer liegen soll und in welcher Etage sie nächtigen wollen. Vor der Anreise können sie per App und Gesichtserkennung einchecken. Alternativ stehen im Empfangsbereich auch Terminals zur Verfügung. Einheimische Gäste legen ihren Personalausweis auf und erhalten auf ihr Smartphone einen Code gesandt, den sie dann einzugeben haben.

Schliesslich haben sie die Wahl, ob innerhalb des Hotels alles per Gesichtserkennung bewerkstelligt werden soll. Wer dies nicht wünscht, für den spuckt das Terminal stattdessen eine Karte aus. Für Ausländer ist das Prozedere etwas mühsamer. Die Passdaten müssen manuell eingegeben werden. Internationale Gäste haben dennoch die Möglichkeit, das Leben im Flyzoo Hotel mit ihren Gesichtern zu steuern.

Wer auf die Technologie vertraut und alles mit einem Lächeln regeln will, blickt im Aufzug in eine Kamera, und das System weiss umgehend, in welchem Stockwerk das Zimmer des Gastes liegt. Auch dort genügt ein Blick auf die Tür, die sich nach der Identifikation wie von Geisterhand automatisch öffnet. Auf dem Boden ist beim Betreten der Räumlichkeit durch ein Lichtspiel die Zimmernummer zu lesen.

Die Zimmer sind wie die Empfangshalle ganz in Weiss gehalten und auf das Wesentliche reduziert. Der Minimalismus versprüht eine gewisse Kälte. In den Räumen können die Gäste alles mit den von Alibaba entwickelten intelligenten Lautsprechern namens Tmall Genie steuern, die allerdings nur die chinesische Sprache verstehen. Für Ausländer bleibt der Trost, dass sie viele Angelegenheiten über die App regeln können.

In China werden intelligente Lautsprecher immer populärer. Einst hatten die USA den Markt dominiert. Inzwischen ist der chinesische Markt jedoch der grösste weltweit. Laut dem Marktforschungsunternehmen Canalys hat sich die Zahl der in China ausgelieferten Geräte im zweiten Quartal 2019 gegenüber der Vorjahresperiode auf 12,6 Mio. verdoppelt; in Amerika wurden zwischen April und Juni dieses Jahres dagegen «nur» 6,1 Mio. Stück ausgeliefert. Und die Geräte von Alibaba rangieren im weltweiten Ranking nach jenen von Amazon, Baidu und Google mit 4,1 Mio. Einheiten auf dem vierten Platz. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht dies einem Plus von annähernd 40% für Tmall Genie.

Mit solchen «smart speakers» lassen sich im Flyzoo Hotel das Fernsehgerät steuern, die Beleuchtung sowie die Raumtemperatur regeln und die Vorhänge öffnen oder schliessen. Und wen der Hunger packt oder wer Durst bekommt, gibt über den intelligenten Lautsprecher eine Bestellung auf. Geliefert wird fast alles von Robotern, die wissen, wohin sie liefern müssen. Auch im Restaurant kommen sie zum Einsatz.

Ein smarter, aber stummer Barkeeper

Selbst das Fitnessstudio setzt auf Hightech. Statt eines durchtrainierten Trainers gibt auf einer riesigen Leinwand ein Avatar vor, welche Übungen die Sportler ausführen müssen. Wer auf solch künstliche Figuren keine Lust hat, der kann sich stattdessen auf Laufbändern und Fahrrädern trimmen.

Und wer ob der ganzen Einsamkeit abends sich zumindest mit dem Barkeeper austauschen will, wird auch dort enttäuscht. Ein Roboter mixt und schüttelt diverse Cocktails und Mocktails. An der Bar ist der Spruch «Powered by Artificial Intelligence, Crafted by You» zu lesen. Selbst für die Bestellung braucht es kein Personal. Man scannt einfach mit der App von Alipay den QR-Code, stellt das Getränk der Wahl zusammen und bezahlt per Mobile Payment.

Alibaba bezeichnet das Flyzoo Hotel als Prototyp. Da es dank intelligenter Technologie gelungen sei, den Detailhandel zu reformieren, stehe nun die Reisebranche vor einer vergleichbaren Transformation, teilt der Konzern mit. Die beim Flyzoo Hotel zu bestaunenden Technologien sollen der Tourismusbranche ausserordentliche Einblicke liefern, durch welche die Arbeitsabläufe auf ein neues Niveau gehoben werden können, lauten die Gedankenspiele von Alibaba. Jetzt müssen nur noch die Kunden mitspielen.

Mark Webster: „Voice wird das digitale Ökosystem verändern“

Experten sind sich einig: Künftig werden wir viele technische Geräte über Sprache steuern. Sprachasisstenten wie Alexa, Siri & Co. sind dabei nach Ansicht von Adobe-Manager Mark Webster nur eine Zwischenlösung. Marketern rät der Voice UI/UX Produktchef des Software-Konzerns, intelligente Sprachsysteme nicht länger als getrennten Kanal zu betrachten.

In welche Richtung wird sich Voice entwickeln?
Zur Zeit bauen alle Nutzerfahrungen mit Voice auf der Metapher einer Konversation mit einer Person auf. Es sind alles Assistenten, teilweise haben sie Namen und sie erzählen uns Witze. Ich glaube, in der nächsten Phase wird Voice aus dieser Konversations-Metapher ausbrechen, weil sie für manche Anwendungen nicht wirklich sinnvoll ist. In der nächsten Phase werden wir Voice jeweils optimiert für unterschiedliche Anwendungen erleben. Zum Beispiel an der Börse, wo es ein optimiertes System von Codewörtern und Interaktionen gibt. Oder in Transport und Logistik und in der Medizin. Im Krankenhaus können Voice Assistenten Patienten helfen, ihre Betten zu verstellen, den Video-Kanal zu wechseln oder Hilfe zu herbeizurufen. Dieses User Interface kann menschlich anmuten. Aber ein Arzt oder eine Krankenschwester wird Voice nicht für Konversation, sondern eher zum Diktieren von Notizen benutzen und zwar in kodierter Sprache und optimiert für Effizienz.

Dann sind Sprachassistenten, so wie wir sie heute kennen, ein Skeuomorphismus?
Skeuomorphismus, die Nachahmung eines vertrauten Gegenstandes, ist ein nützliches Designprinzip für neue Anwendungen, um sie zunächst intuitiv für Nutzer verständlich zu machen. Später entwickeln neue Anwendungen ihre eigenen Formen und Gestalten. Die erste Ausgabe des iOS Adressbuches war ein aufgeschlagenes Notizbuch, die erste Ausgabe von Apple News war ein Zeitschriftenregal. Es wird Anwendungen geben, in denen Konversation als Nutzeroberfläche weiterhin sinnvoll sein wird, aber in vielen Anwendungen ist das eine Einschränkung.

Sie glauben, dass wir, was Voice betrifft, frühestens im Blackberry Zeitalter angekommen sind. Wie wird denn die Entsprechung des iPhone 11 oder Google Pixel 4 in Voice aussehen?
Ich glaube, Smartphones und mobile Computing werden sich in den nächsten beiden Jahren radikal verändern in Richtung vernetzte sprachgesteuerte Mobilität. Mit smarten Ohrhörern in Kombination mit Wearables wie der Apple Watch sehen wir das jetzt schon. Wir brauchen in vielen Alltagsituationen wie Messaging, Search oder Telefonie nicht mehr das Smartphone aus der Tasche zu holen.

Welche Voice Software und eventuell auch Hardware entwickelt Adobe?
Wir definieren Voice als eine Form der digitalen Interaktion, die in zwei Kategorien fällt: Kreativität und Produktivitat. Wir geben Designern und anderen Kreativen Zugang zu Voice, um ihre Voice Interface Designs umzusetzen. Wir haben Voice Technologie in unser Designer Prototyping-Tool Adobe XD eingebaut. In puncto Produktivität überlegen wir, wie wir Voice in unsere Produkte integrieren können um sie einfacher nutzbarer zu machen. Wir fokussieren uns aber vor allem auf den Bereich Kreativität, weil dort erstens der Marktbedarf am größten ist und weil wir zweitens auch intern bei Adobe Voice Tools als Teil unserer eigenen Design-Suite einsetzen, um Produkte für unsere Kunden zu entwickeln.

Hat auch Adobe auch Pläne für Voice Hardware?
Nein, wir verstehen uns als reines Software-Unternehmen.

Das hat Facebook auch gesagt, bis sie vor einem Jahr in den USA mit einem eigenen Smart Video Speaker names Portal auf den Markt kamen.
Das stimmt, aber Adobe ist plattform-agnostistisch. Wir kreieren Tools und Software, die auf allen Plattformen eingesetzt werden kann.

Was können Voice Interfaces für Nutzer tun, die aus sozialen oder gesundheitlichen Gründen keinen vollen Zugang zum Internet haben, und was trägt Adobe dazu bei?
In Ländern wie Indien gibt es viele Menschen, die zwar weder lesen noch schreiben können, aber ein Smartphone haben. Voice Interfaces verschaffen Analphabeten Zugang zum mobilem Internet und gesellschaftliche Teilhabe. Wir entwickeln Software, die Nutzer mit Behinderungen inkludiert, die keine Tastatur bedienen können. Das kann sich auf einfache Art darin außern, dass wir sicherstellen, dass unsere Software mit Apples Voice Controll System kompatibel ist. Unsere Mission ist, die kreative Community zu befähigen, gute und inklusive Nutzeroberflächen zu schaffen. Dazu braucht man gute Designtools. Es gibt viele technische Hilfsmittel, die erheblich verbessert werden können. Zum Beispiel Screenreader, die Blinden und Sehbehinderten vorlesen, was auf dem Bildschirm steht. Diese Tools sind sehr umständlich. Native Voice Anwendungen sind viel intuitiver zu handhaben. Wir werden weitere Voice Anwendungen sehen, die darauf aufbauen, wie Nutzer tatsächlich agieren.

Brauchen Unternehmen eine Voice First Strategie?
Ja, immer wenn es ein neues Medium gibt, wird zunächst Content aus bekannten Medien übernommen. Die ersten TV-Sendungen bestanden aus einem Radiosprecher, der vor einer Kamera saß. Als das mobile Web aufkam, wurden einfach klassische Websites auf dem Smartphone ausgespielt. Wir sind heute noch an dem Punkt, wo die meisten Leute Voice als ein getrenntes Medium, einen getrennten Kanal ansehen. Voice wird sich aber eine Form der Interaktivität oder Responsivität als Teil der Nutzeroberfläche entwickeln, über alle digitalen Geräte hinweg, ob mit oder ohne Screen. Marketer, Produktchefs und Designer sollten jetzt schon Voice nicht mehr in der Kategorie eines getrennten Kanals denken, sondern Szenarien entwickeln, wie Nutzer mit der Voice Funktion auf diversen Geräten interagieren werden.

Sehen Sie Chancen für Marketer auf Voice Assistants, die heute noch nicht ausgeschöpft werden?
Ja. Ein Use Case ist die Suche per Voice. Marken müssen herausfinden, welche Rolle sie in dem Verhältnis zwischen Nutzer und Voice Assistenten spielen wollen. Interessant ist, welche Metaphern die einzelnen Plattformen nutzen. Bei Alexa sind es Skills, das heißt Fähigkeiten, die man Alexa beibringt. Bei Google Assistant sind es Aktionen, die an die jeweiligen Apps übergeben werden und dann in einer anderen Stimme ausgeliefert werden. Die beiden Ansätze sind sehr verschieden. Alexa will nahe am Nutzer sein während Google eher die Perspektive der Marketer einnimmt und Marken ermöglichen will, eine direkte Beziehung zu ihren Nutzern aufzubauen. Als Marketer muss man deshalb mit einbeziehen, wie die eigene Message in dieses Verhältnis zu den Nutzern passt. Ist die eigene Marke für Voice optimiert und wie passt sie in eine mobil-optimierte Welt mit neuen Formen der Interaktion? Diesen Paradigmenwechsel frühzeitig zu verstehen und zu nutzen, ist für Marketer sehr wichtig.

Ist ein kreativer Vorteil, dass auf Voice Assistants keine klassischen Werbespots möglich sind?
Radiowerbespots sind nicht der beste Weg um Nutzer per Voice anzuprechen. Mehr Kreativität ist in der Tat gefragt, um die neuen Dynamiken zu nutzen und zu verstehen. Vielleicht wird sich das Geschäftmodell des Marketings völlig verändern. Auch die Musikindustrie musste sich in der Streamingära vom Albumverkauf verabschieden und auf engere Beziehungen zu den Nutzern mit Live-Konzerten setzen. Voice wird das digitale Ökosystem verändern. Marketer müssen neue Wege finden, mit Nutzern zu interagieren, ohne einfach akustische Bannerwerbung auf Smart Speaker zu übertragen und zwischen Alexa-Antworten zu senden.

Stimmenerkennung per KI kann ähnliche Nutzerskepsis hervorrufen wie Gesichtererkennung und akustische Deep Fakes werden immer raffinierter. Gibt es in der Voice-Entwickler-Szene Initiativen zur Schaffung ethischer Grundsätze und zur Datensicherheit?
Es gibt viele Aspekte der Datensicherheit, die nicht voice-spezifisch sind. Die Fragen der Datensammlung, -transparenz und -ethik sollten auf der Makroebene geklärt werden und Teil einer jeden verantwortungsvollen digitalen Nutzerbeziehung sein. Was Deep Fakes betrifft – wann immer eine neue Technologie eingefürt wird, gibt es neue Wege des Betrugs und es müssen neue Gegenmittel gefunden werden. Bei Adobe haben wir als Unternehmen mit kreativen Tool-Suites viel zu tun. Wir haben Anfang November bei unserer Creativity-Konferenz Adobe Max eine Initiative zur Verifizierung von visuellen Inhalten und Urheberrechten bei der Übergabe an Schnittstellen vorgestellt. Das müssen wir auch bei Voice tun.

Sehen Sie kulturelle Unterschiede, wie Nutzer in einzelnen Ländern und Märkten mit Voice intergagieren?
Unterschiedliche Kulturen sind nur ein Aspekt. Der Startpunkt ist immer, dass Nutzer mit ihren Anliegen verstanden werden wollen. Wichtig ist, dass Voice Interfaces nicht nur in möglichst vielen Sprachen, sondern auch in unterschiedlichen Akzenten und Dialekten funktionieren. Ob Nutzer auch ihre eigenen Dialekte bei der Ausgabe hören wollen, ist noch nicht erforscht. Das ist sicherlich vom individuellen Nutzer und vom Kontext abhängig. Es ist außerdem schwierig kulturelle Eigenheiten vom technischen und sozialen Kontext zu trennen. Sind in asiatischen Ländern Chats und Messages besonders beliebt, oder haben sie sich deshalb so stark entwickelt, weil die Telefone der meisten Nutzer nicht für Rich Media und Rich Apps optimiert sind? Solche kulturellen Fragen sind vom Kontext des gesamten Ökosystems kaum zu trennen.

Frankreich: Das Radio boomt, wird aber bestreikt

Ein guter Grund zu feiern: Radio France konnte seinen Marktanteil im Jahr 2019 steigern.

So beliebt waren die öffentlich-rechtlichen Radiosender in Frankreich noch nie: Zusammen erreichen die sieben Programme von Radio France einen Marktanteil von 27,2 Prozent (1,2 Prozent mehr als vor einem Jahr). Im selben Zeitraum hat das Medium Radio insgesamt allerdings mehr als eine Million Hörer verloren. France Inter verzeichnet einen Anstieg um 111 000 auf 6,37 Millionen Hörer pro Tag (Marktanteil: 11,7 Prozent). Damit liegt der Staatssender vor den privaten Rivalen RTL (Bertelsmann) und Europe 1, dessen Niedergang sich beschleunigt. France Info muss einen geringen Rückgang verbuchen. Spektakulär mutet der zunehmende Erfolg des Spartenprogramms France Culture mit einem Marktanteil von 2,9 Prozent an.

Historisch sind nicht nur die Hörerzahlen: Erstmals in seiner Geschichte muss das französische öffentliche Radio einen Abbau des Personals vornehmen. 299 von rund 4600 Stellen werden gestrichen. Gegen diese Pläne hat die kommunistische Gewerkschaft CGT einen unbefristeten Streik angekündigt, der am Montag beginnen soll. Die anderen Gewerkschaften geben sich moderater – sie wollen die Arbeit nur bis Ende November niederlegen.

Mit radikalen Kampfmaßnahmen hat der Rundfunk in Frankreich Erfahrung, meist werden reduzierte Programme ausgestrahlt. Dadurch werden verärgerte Hörer verloren, die nur langsam wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurückfinden. Diesmal werden längere Sendepausen mit Notprogrammen, wie sie zuletzt auch die deutschen Zuschauer bei den Fernsehsendern der ARD (etwa beim BR und beim NDR) erlebt haben, befürchtet: Die meisten Techniker sind bei der CGT organisiert, die den Machtkampf mit dem Präsidenten Emmanuel Macron proben will. Und die Techniker verfügen, wie ein Chefredakteur es ausdrückte, „im Radio über die Atombombe“.

40 Jahre deutsche „Vogue“

Vierzig Jahre sind doch kein Alter. Insbesondere, wer sich für eine wie auch immer konstruierte Zukunft in Alterslosigkeit entschlossen hat, sollte fröhlich feiern. Das gilt für Frauen und Männer, warum nicht auch für Luxusmagazine wie die Vogue?

Nach wie vor bedient sie eine vermeintlich gehobene, auf jeden Fall nicht mehr ganz junge Klientel. Die Modestrecken werden von Starfotografen gestaltet, Reisen führen an High-End-Ziele, die Preise der abgebildeten Kleidung liegen gerne mal im vierstelligen Bereich. Man lernt, welche OPs sich wirklich lohnen, damit man am 50. Geburtstag immer noch wie am 40. aussieht. Und zahllose, in Variationen immer wiederkehrende Texte lehren ohne Scheu vor Plattitüden das Leben. Ist das die Form von Luxus, die vierzig Jahre später nicht mehr ankommt?

Luxus beschreibt zuerst einmal etwas sowohl Überflüssiges wie Begehrenswertes, ist verknüpft mit herausragenden Objekten und Materialien, signalisiert elitäres Bewusstsein und wird gern mit inbrünstiger Metaphorik aufgeladen („Zeit für die Familie, Ruhe zum Nachdenken“). Kein Grund also, die Nase zu rümpfen über ein Hochglanzmagazin, dessen Gründer 1892 in der US-Ausgabe zeittypische Ästhetik mit gehobenem Lebensstil und ein bisschen Unterhaltung in herausragender Manier vereinen wollte. Das gelang vor allem, nachdem Condé Montrose Nast 1909 die Vogue übernommen hatte.

Über Jahre und Jahrzehnte war das Verlagshaus Condé Nast ein Erfolgsmodell, publizierte zahlreiche weitere Lifestyle-Titel, die, gesellschaftlicher Relevanz verpflichtet, dem Zeitgeist auf der Spur waren. Die Vogue war dabei das Zentralorgan der Schönen und Reichen mit sorgfältig kalkuliertem Abglanz auf Leser, die dazugehören wollen.

Knapp 600 Cover

Inzwischen werden in zwanzig Ländern weltweit eigenständige Ausgaben produziert. Nach einem einjährigen Intermezzo in den Zwanzigern, erscheint die deutsche Vogue seit 1979 monatlich. Deren verkaufte Auflage beträgt derzeit knapp 100.000 Exemplare, gut 16 Prozent weniger als noch vor zwanzig Jahren. Gefeiert wird selbstverständlich trotzdem.

Das vierzigste Jubiläum gipfelt in einer Präsentation im Museum Villa Stuck in München: eine intim-archivalisch anmutende Bestandsaufnahme (die Macher nennen es Zeitreise) in Bildern. Sie beginnt mit drei Kleiderpuppen mit aktuellen Entwürfen von Designer Jean Paul Gaultier, Thom Browne und John Galiano und einem Potpourri großformatiger Aufnahmen. Auf einen Vorhang, auf den sämtliche fast 600 Cover gedruckt sind, folgt eine raumfüllende Zeitleiste, die politische, kulturelle und gesellschaftliche Schlaglichter mit jeweils einer Vogue-Reportage zu einem jahresaktuellen Thema illustriert.

Eine Sammlung von Scrapbooks von Matthias Ziegler, dem Reportagefotografen, der viele Jahre schon für die Vogue tätig ist, vermittelt journalistische Werknähe, ein prall mit Fotos, Dingen und Videos ausstaffiertes Lagerfeld-Sanktuarium eher Überdruss. Ausgiebig wird auch Punkfotograf Juergen Teller gewürdigt.
„Ist das Mode oder kann das weg?!“

Einige großformatige Prints aus Ugo Rondinones Serie „I don’t live here anymore“ überraschen an diesem Ort. Bis klar wird, dass der Schweizer Künstler seine fotografischen Selbstporträts makellos in Modeaufnahmen aus der Vogue montiert hat.

Eifrig und beliebig zugleich wird so der Zusammenhang von Kunst, Mode und dem Magazin hergestellt – und queer gleich mal mit abgehandelt. Und wenn es dann weitergeht mit der großen Selbstbezichtigungstafel, auf der die bösen Zahlen der Modeindustrie aufgelistet sind (12,8 Millionen Tonnen Mode landen jedes Jahr auf dem Müll; die Modeindustrie ist für 20 Prozent des industriellen Abwassers verantwortlich und für 10 Prozent der Kohlenstoffemissionen etc. etc.), verstehen wir auch den selten dämlichen Titel der Ausstellung: „Ist das Mode oder kann das weg?!“ Publikums- beziehungsweise Lesernähe suggeriert schließlich gleichermaßen betulich und peinlich die unter dem Dach eingerichtete Redaktionsstube, in der echten Redakteuren beim Arbeiten zugeschaut werden kann.

Mit der daneben von der Uhrenfirma Hublot eingerichteten futuristischen Installation ist die Vogue dann tatsächlich ganz bei sich. In Zeiten sinkender Auflagen muss der Anzeigenkunde, die Haupteinnahmequelle, gepflegt werden. Und man ist sich nicht zu schade, dem guten Kunden gleich auch noch eine Bühne auf der eigenen Jubiläums-Ausstellung zu bieten.

Dass von jeher die Anzeigen hochkarätiger Luxuslabels die hervorragenden, auch avantgardistischen Modestrecken ergänzen, hat auch der deutschen Vogue den Rang als maßgeblichem Magazin niemals streitig gemacht. Dass aber die penetrant schnittigen Texte mit austauschbaren Werbetexter-Worthülsen weit mehr nerven als inspirieren, ist ebenfalls Fakt. Inhalt und Anzeige sind kaum noch auseinanderzuhalten, alles doppelt sich irgendwie. Sophisticated wie ehedem ist das nicht. Vor allem verglichen mit der US-Ausgabe, in der schon Größen wie Joan Didion Essays veröffentlicht haben.
Gesundschrumpfung und Intrigen

Das Geschäft ist schwierig geworden. Auch das Mutterschiff in New York hat dramatische Jahre der Gesundschrumpfung und dazugehöriger Intrigen hinter sich. Die global verteilten Condé-Nast-Satelliten müssen ernsthaft nachdenken.

In München mündete das in die Entlassung von einem guten Dutzend Mitarbeitern (bei der Vogue, dem Männermagazin GQ und bei Glamour). Aus Redaktionskreisen heißt es, dass diese mehrheitlich nicht die Qualifikationen mitbringen, um an der Architektur der Neuausrichtung mit mehr Kooperationen, einträglichen Events mit Vogue-Signatur und dergleichen mitzuwirken.

Eines der letzten Elemente des Luxus und der Moden – nicht des Protzes – sollte nicht so mir nichts dir nichts abhanden kommen oder als Heritage-Programm älterer Damen und gewiefter Influencer in der Sackgasse enden. Mit entsprechender Haltung und geeignetem Instrumentarium könnte die Vogue sich – anders als die Konkurrenten in der Kampfzone der Lifestylemagazine – unabhängig, elegant und radikal gegen die oktroyierte Rolle des Kommerzlakaien stemmen. Aber das ist jetzt, zugegeben, schon eine arg ­romantische Vision.

Österreichischer Zeitschriftenpreis 2019 vergeben

Fünf heimische Journalisten und ein Verein wurden vom Österreichischen Zeitschriften- und Fachmedienverband (ÖZV) mit dem Österreichischen Zeitschriftenpreis 2019 ausgezeichnet. Seit 1983 prämiert die Institution besonders gelungene journaliste Arbeiten.

Die Auszeichnung geht an Rainer Seebacher („update“), Eva Morawetz („Pferderevue“), Eja Kapeller („Wienerin“), Martin Kugler (Universum Magazin“) und den Verein Steirisches Volksliederwerk („Die Vierzeiler – Zeitschrift für Musik, Kultur & Volksleben“). Michael Neubauer („Gesund & Leben“) wurde mit dem Dr. Rudolf Bohmann-Preis für Nachwuchsjournalisten ausgezeichnet. Insgesamt hatte die Jury unter der Leitung von Nikolaus Koller, Geschäftsführer des Kuratoriums für Journalistenausbildung, mehr als 70 Einreichungen begutachtet.

Bauer will Wachstum jenseits des Mediengeschäfts

Achter Stock in Hamburg, ganz oben im Familienunternehmen Bauer, dem auflagenstärksten Zeitschriftenverlag Europas. Veit Dengler hat gerade Tiroler Journalistenschülern die eigenen Prinzipien erklärt. Er ist in Vermittlungslaune. In seinem ersten großen Interview erklärt der einstige Manager, Berater und österreichische Politiker Veit Dengler, wie sich der Bauer-Konzern ändert. Immer wieder weist er in seinem Büro auf die Titel des Hauses, die auch aus Australien, Polen und England stammen.

Herr Dengler, Ihr Unternehmen ist als Zeitschriftenhaus groß geworden. Nun nennen Sie sich „Multi-Business-Unternehmen“. Nichts daran erinnert an Medien. Ist Ihnen Ihre Abstammung peinlich geworden?

Nein. Publishing ist weiter ein extrem solides Geschäft, genauso wie unsere mehr als 100 Radiobeteiligungen in vielen Ländern. Insgesamt geht es darum, fallende Umsätze bei klassischen Medien durch neue Aktivitäten zu kompensieren. Dabei setzen wir auf Onlinevergleichsportale sowie auf digitale Services für Klein- und Mittelunternehmen, in Zukunft möglicherweise auch andere. Vielleicht haben wir in einigen Jahren nicht vier, sondern fünf, sechs Geschäftsfelder.

Trotz aller Aktivitäten: Der Umsatz stagniert bei rund 2,3 Milliarden Euro.

Wir jammern ungern und jagen keinen Moden nach. Wichtig ist uns der nüchterne Blick, unsere Stärken liegen im Exekutieren. Im Internet sind wir vielleicht spät dran, haben aber auch viele Fehler vermieden. Wir wollen intelligente Manager sein, die dazukaufen, wenn wir Chancen sehen – die aber auch verkaufen, wenn es nicht mehr anders geht.

Klingt nach Portfoliomanagen ohne Sentimentalitäten.

Nein, das ist kein reines Beteiligungsgeschäft. Und Sentimentalitäten gibt es natürlich auch. Heinz Bauer und die Generationen vor ihm haben beeindruckende Geschäfte aufgebaut. Entscheidend ist: Wir lieben unsere Produkte und sind sehr auf unsere Kunden ausgerichtet.

Von 2013 bis 2017 haben Sie den Wandel der Gruppe rund um die „Neue Zürcher Zeitung“ voran‧getrieben. Was können Sie hier in Hamburg tun, was Ihnen in Zürich versagt blieb?

Bauer hat mehr unternehmerischen Mut und ist schlicht größer. Yvonne Bauer leitet das Unternehmen, wir haben im Executive Board extrem kurze Entscheidungswege, das heißt, die Governance unterscheidet sich maßgeblich. Es herrscht ein sehr offenes Gesprächsklima, alles ist auf die Sache fokussiert, es gibt keine Politik. Einen Verwaltungsrat oder Aufsichtsrat gibt es nicht. Im Übrigen zählt der Glamourfaktor hier nicht. Das ist kein Ego-Betrieb.

Sie haben – wie einige andere neu geholte Topmanager – kaum Zeitschriftenerfahrung. Ist das ein Experiment?

Wir wollen Wachstum jenseits des Mediengeschäfts. Da braucht man eine Mischung von Menschen mit vielen Fähigkeiten. Manchmal hilft der „fremde Blick“.

Jenseits des Mediengeschäfts bauen Sie beispielsweise Vergleichsportale auf. Mit welchem Erfolg? Hierzulande dominieren längst Check24 und Verivox.

In Deutschland wartet keiner auf uns. Der Markt für Vergleichsportale hat sich hier früh entwickelt. Dadurch ist der Markt sehr kompetitiv, und wir sind der Meinung, dass man nicht mit Vollgas in jeden schwierigen Markt gehen muss. Märkte wie Skandinavien, Spanien und Osteuropa sind da für uns aktuell lukrativer.

„Powerpoint haben wir verbannt“

Dienstleistungen für Mittelständler sind Ihr neuester Hoffnungsbereich. Was machen Sie da genau?

Mittelständische Unternehmen müssen von Kunden und Lieferanten im Netz gefunden werden. Dabei helfen wir. Das neue Angebot von Bauer ist, wenn Sie so wollen, eine Art Generalunternehmer fürs Internet. Wir bauen Webseiten, richten Suchwort-Marketing ein, kümmern uns um Social Media. Wir haben in Polen, in Dänemark und in Israel entsprechende Unternehmen gekauft. Diese Firmen werden expandieren.

Bauer ist ein über 17 Länder weitgespanntes Medienimperium, von den USA bis Australien. Wie steuert man das?

Früher managten wir nach Ländern, inzwischen managen wir nach Geschäftsbereichen, und zwar über Staatsgrenzen hinweg. Das Radio-Business wird von London aus geleitet, das Zeitschriftengeschäft von einem multinationalen vierköpfigen Team. Operativ müssen die Verantwortlichen möglichst frei sein. Zentral kümmern wir uns um Strategie und um größere Investments.

Was ist, wenn jemand in Melbourne eine Idee hat?

Dann reden wir darüber. Wir klären vieles in Gesprächen und schreiben Memos. Powerpoint haben wir verbannt. Neu eingeführt haben wir zum Beispiel auch eine „International Publishing Group“: In zehn Arbeitsgruppen tauschen wir uns über Ländergrenzen hinweg aus, etwa zu Quiz- oder TV-Magazinen und deren Synergiepotenzialen sowie zu lokalen Learnings. Wir reden viel stärker als früher über Silogrenzen hinweg über unsere Formate. Unser Ziel ist im Übrigen eine technische Infrastruktur, mit der wir unkompliziert über Länder hinweg zusammenarbeiten oder Content teilen können.

Sie sind „Globalisierer“.

Das wäre mir zu hoch gegriffen. Wir sind ein europäisches Medienunternehmen mit 70 Prozent Auslandsumsatz, das über Grenzen hinweg handelt. Im Kern handelt es sich um jeweils nationales Geschäft. Übrigens sind wir nicht happy über den Brexit. Als europäisches Unternehmen glauben wir, dass eine enge Zusammenarbeit und Partnerschaft zwischen den europäischen Ländern viele Vorteile für unser Unternehmen und unsere Verbraucher bringt.

Noch hängen Sie am tendenziell rückläufigen Zeitschriftengeschäft. Sparen Sie hier?

70 Prozent unserer Umsätze kommen aus dem Publishing. Und für fast die Hälfte davon sorgt Deutschland. Kostensenken ist jedoch ‧keine Strategie, sondern Alltag. Wir müssen produktiver werden und überlegen uns dafür im Rahmen des Transformationsprozesses neue Arbeitsweisen. Hierfür investieren wir unter anderem in ein neues Redaktionsmanagementsystem. Irgendwann wollen wir dann auch Machine-Learning einsetzen.

Wann werden die Zeitschriften nur 50 Prozent zum Geschäft beisteuern?

Das ist nicht planbar. Da können Sie auch mit Darts werfen! Das Wichtigste ist, sich schnell anpassen zu können. In Großbritannien büßt unser Zeitschriftengeschäft nur ein bis zwei Prozent pro Jahr ein, in Australien dagegen haben wir gut zweistellige Fallraten. Und doch haben wir dort jüngst die Nummer zwei im Markt gekauft sowie in Frankreich die Programmzeitschrift „Télécâble Sat Hebdo“. Wir müssen für alles gerüstet sein.

Gibt es Tabus bei Ihren Anpassungen?

Nein. Tabus haben mit Religion zu tun, religiös sind wir nicht.

Familienunternehmen haben ungeschriebene Gesetze.
Auf Dauer Geld zu verlieren, das geht wahrscheinlich nicht.

Wie groß ist Ihre Kriegskasse?

So etwas gibt es hier nicht. Unsere Finanzierungskraft ist stark und richtet sich nach den Gelegenheiten.

Was haben Sie 2018 investiert?

Das sagen wir nicht. Es ist das Vorrecht der Familie, bestimmte Zahlen nicht zu kommunizieren.

Wann werden gedruckte Zeitschriften verschwinden?

Gedruckte Magazine werden Sie und mich überleben. Das Auto existiert schon 100 Jahre – und es gibt noch immer Pferdezüchter. Was sich verändern wird, ist die Auswahl an Magazinen; viele Blätter wird es natürlich nicht mehr geben. Was uns aber immer wieder positiv überrascht, ist, dass Genres wie zum Beispiel TV-Magazine unglaublich stabil sind.

Und das trotz des Erfolgs neuer Streamingdienste?

Es gibt eben nicht nur jüngere Zielgruppen. Jugendzeitschriften stehen natürlich unter Druck, in Spanien haben wir uns daher auch aus dem Kids-Segment zurückgezogen. Unsere „Bravo“ ist heute stark in Social Media und verkauft immer noch viele CDs. Schwierig wird es aber auch für werbeabhängige Hochglanzmagazine. Die Rückgänge im Werbemarkt sind einfach schneller als die im Lesermarkt.

„Wir wagen immer wieder Experimente“

Sie verlegen doch selbst „Madame“ und „Cosmopolitan“.

Diese Zeitschriften entwickeln sich auch gut, dennoch müssen wir hart kämpfen. In Australien hat der Konkurrenztitel „Vogue“ viel Erfolg mit dem Aufbau eines ganzen Ökosystems rund um die Zeitschrift, mit Events und Digital-Innovationen. Wir sind uneitel und scheuen uns nicht, vom Wettbewerb zu lernen. In Großbritannien entwickeln wir zum Beispiel gerade ähnliche 360-Grad-Projekte rund um die Special-Interest-Themen Motorradfahren und Reiten.

Wo gibt es weiße Flecken auf der Landkarte der Magazine?

Große freie Segmente gibt es nicht. Aber wir wagen immer wieder Experimente. Zum Beispiel haben wir jetzt in Deutschland einen Ableger von „Gourmet Traveller“ aus Australien gestartet und bedienen so eine neue Nische im Food-Segment.

Der letzte größere Flop in Ihrem Haus war „People“ in Deutschland.

Das Schicksal ist bekannt, das war vor meiner Zeit. Ich mag das Wort „Fehlerkultur“ nicht, Fehler sollte man vermeiden. Bauer hat eine Testkultur. Man muss Dinge ausprobieren, und wenn es nicht funktioniert, macht man eben wieder zu.

Die Bauer Media Group besitzt in Magdeburg die Regionalzeitung „Volksstimme“. Stimmt es, dass Sie sich für jene Regionalpresse-Objekte interessieren, die die Kölner DuMont-Gruppe abstoßen will, vor allem die „Mitteldeutsche Zeitung“ in Halle?

Dazu kann ich nichts sagen. Wir schauen uns vieles an. Regionalzeitungen sind rückläufig und kein einfaches Geschäft.

Medieninhalte sind vermehrt bei Google und Facebook zu finden. Wie ist Ihr Verhältnis zu den globalen Plattformen?

Die Plattformen sind wichtig und mächtig. Zu den besten Freunden von Facebook und Google gehören ironischerweise Kartellämter. Die haben noch immer ziemlich kuriose Marktdefinitionen. Im vorigen Jahr wollten wir in Großbritannien einen Konkurrenten kaufen, der sich – so wie wir unter anderem auch – mit Range Rovern und Land Rovern beschäftigt. Das Kartellamt hätte das nicht zugelassen. Mit der Begründung, dadurch hätten wir den Markt für Range-Rover- und Land-Rover-Magazine dominiert. Das ist absurd. Die Ämter sind nicht auf der Höhe der Zeit, was das Medienverhalten der Menschen betrifft. Das führt dazu, dass Zeitschriftenverlage ihre Portfolios nicht effizient managen oder auch konsolidieren können. Das kann sie schneller umbringen.

Was fordern Sie von der Politik?

Vernünftige Marktdefinitionen. Und nicht solche, die aus den 1990er-Jahren stammen.

Der Gesetzgeber hat den Verlagen mit einem Leistungsschutzrecht geholfen. Danach müssten Facebook und Google Geld zahlen für Presseinhalte. Hilft das?

Das Leistungsschutzrecht halte ich für eine Fehlinvestition von politischem Kapital. Es bringt uns Verlagen wirtschaftlich nur Peanuts, wenn überhaupt.

„Mit Podcasts verdient man kein Geld“

Wo beeinflussen die Tech-Konzerne Ihr Geschäft unmittelbar?

Wir spüren die Effekte auf dem Werbemarkt. Facebook ist ein Monopolist, ein Publisher, und beeinflusst uns im politischen Diskurs. Deshalb sollte das Unternehmen auch dieselben Rechte und Pflichten haben wie jedes andere Medienunternehmen. Facebook muss für die Inhalte verantwortlich sein – so, wie wir es auch sind.

Auch in der Yellow Press stimmt nicht jedes Wort …

Wenn wir etwas schreiben, das nicht stimmt, dann können Sie klagen – und manchmal werden wir verurteilt. Wir unterliegen dem Presserecht. Es gibt eine rechtliche Verantwortung im System. Die fehlt bei Facebook.

Sie erwähnen nur Facebook. Was ist mit dem Google-Konzern und seiner Videoplattform Youtube?

Das sind zwei Unternehmen mit völlig unterschiedlichen Interessen. Google will – sieht man von Youtube ab – ein freies Internet ermöglichen; Facebook hat einen Walled Garden, ein geschlossenes Ökosystem. Deshalb halte ich Facebook für problematischer als Google. Sie wollen Nutzer zu sich ziehen und auf ihren Plattformen behalten.

Wie viel Potenzial steckt im Radiogeschäft?

Wir sind der größte Radiobetreiber in Europa. Das Geschäft ist erstaunlich resilient, mit nach wie vor einstelligen Wachstumsraten. Und es transponiert gut in die digitale Welt, zum Beispiel für Smartspeaker wie „Echo“ von Amazon.

Podcasts sind Radiosendungen für jedermann. Ist der Boom nachhaltig?

Podcasts sind ein journalistisches Medium. Von der Hörerzahl her explodieren sie – aber niemand verdient damit Geld. Podcasts sind nicht mehr als eine zusätzliche Dienstleistung, die zunehmend auch kostengünstig automatisiert erstellt werden kann. Das ist nichts für uns als losgelöstes Geschäftsmodell.

Mediengeschäft ist traditionell ein Familiengeschäft. Bleibt das so? Oder kommen zunehmend Stiftungsmodelle?

Der einzige Garant der Unabhängigkeit ist der wirtschaftliche Erfolg. Stiftungen wären die weiße Flagge, das Signal, dass wir es nicht schaffen. Zeitungen und Zeitschriften haben absolut eine große Zukunft – auch wenn sie eines Tages nicht mehr auf bedrucktem Papier stattfinden sollte.

Wie hoch ist eigentlich der Digitalisierungsanteil bei Bauer?

Ich halte diese Kennzahl für grundfalsch. Sie ist für den Kapitalmarkt erfunden worden und soll zeigen, wie cool ein Unternehmen ist, wie wenig es sich mit dem langweiligen Papiergeschäft beschäftigt. Aber das ist doch keine Kundensicht! Wir sind immer beides – analog und digital, so wie unsere Kunden.

Wie TikTok die Social-Media-Welt verändert

Facebook ist nicht mehr angesagt. Kinder nutzen YouTube für Videos, Instagram für Fotos und WhatsApp für Nachrichten. In jüngster Zeit findet sich häufig noch eine weitere App auf den Smartphones der Mädchen und Jungen: TikTok.

Früher tanzten junge Mädchen gerne vor dem Spiegel und sangen dabei mit der Haarbürste in der Hand ihre liebsten Lieder. Heute tanzen sie vor ihren Smartphones, die Kamera auf sich gerichtet. Während damals vielleicht die beste Freundin daneben saß und kichernd zuschaute, sieht nun potenziell die ganze Welt zu. Was bei Millionen von Menschen in Deutschland diese kleinen Videos aufnimmt, ist die App TikTok. „Wir sind die führende Plattform für mobile Kurzvideos“, sagte Managerin Charlott Buchholz auf einer TikTok-Veranstaltung in Berlin. Insgesamt wurde das Programm weltweit mehr als eine Milliarde Mal heruntergeladen.

TikTok ist eine der derzeit erfolgreichsten Apps bei Teenagern. Verwendet wird sie auf der ganzen Welt, in 175 verschiedenen Sprachen. Dabei kommt die App nicht – wie viele andere erfolgreiche Internet-Ideen – aus dem Silicon Valley in den USA, sondern aus China. TikTop gehört zu dem Internet-Technologieunternehmen Bytedance. Damit ist TikTok die erste Social-Media-Plattform aus China, die auch in der westlichen Welt großen Erfolg hat.

Zahlen für Deutschland veröffentlicht das chinesische Unternehmen, zu dem TikTok gehört, nicht. Aber eine Präsentation, die das amerikanische Online-Fachmagazin Digiday in die Hand bekam, sprach jüngst von 5,5 Millionen monatlich aktiven TikTokern in Deutschland. Demnach verbrachten die Nutzerinnen und Nutzer – der Großteil ist weiblich – dort im Schnitt täglich 50 Minuten.

Die meisten sind 14 oder 15 Jahre alt

Einige der Stars in der Welt der Mini-Hochkant-Videos sind aus der Musikwelt oder von anderen Plattformen bekannt, etwa der Popsänger Lukas Rieger oder die YouTuber Julien Bam und Rezo. Andere wie die 17-Jährige Dalia Mya aus Berlin sind über TikTok berühmt geworden. „Da kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen“, schildert sie den Reiz. Jeden Tag gebe es in der Datenbank neue Lieder und Videos, auf die sie mit eigenen Videos reagieren könne. Oft verbreiten sich diese Ideen dann wie ein Lauffeuer.

Mehr als drei Millionen Menschen folgen Dalia Mya auf TikTok – und sehen so, wie sie buntes Farbpulver in die Luft wirft, wie sie im Bikini im Pool herumplantscht oder wie sie in einem Mini-Sketch auf eine Schulnote reagiert. Zu Beginn hätten viele Videos daraus bestanden, einfach die Lippen zu bekannten Liedern zu bewegen, sagt sie. „Nun ist es mehr Comedy, mehr coolere Videos.“

Die meisten Nutzerinnen und Nutzer, schätzt Dalia Mya, sind etwas jünger als sie, also 14 oder 15 Jahre alt. Jugendschutz-Initiativen sprechen von einer ähnlichen oder sogar noch jüngeren Nutzergruppe. Die zwölfjährige Holly, die auch auf TikTok unterwegs ist, erzählt von einer Erfahrung: „Es gibt so eine 30-Jährige, die nennt sich auf TikTok ‚Frau Mutter‘, und als ich sie sah, dachte ich: Sie ist zu alt, um auf TikTok zu sein. Bitte geh! Das wirkt nur gezwungen.“

Erlaubt ist TikTok eigentlich erst ab 13 Jahren, und bis 18 Jahren nur mit Einverständnis der Eltern. Doch wer die App nur zum Anschauen nutzt, wird gar nicht nach dem Alter gefragt. Und wer sich anmeldet, um selbst Videos zu veröffentlichen, muss zwar ein Alter angeben – aber das wird nicht überprüft. Holly ist auf TikTok 2003 geboren. Sie habe dort noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, sagt sie. Aber das liege wohl auch daran, dass sie auf TikTok nicht so bekannt sei.

Die Eltern sind gefragt

Von der Foto-App Instagram weiß Holly, was passieren kann: Dass etwa Männer ihr unerwünschte Nachrichten schreiben. Denn wie auch Instagram hat TikTok alle Möglichkeiten sozialer Medien, man kann also jemandem eine private Nachricht senden, Herzchen verteilen oder unter einem Video einen Kommentar hinterlassen. Das lässt sich zwar über die Kontoeinstellungen einschränken. Aber zu Beginn steht ein Konto immer auf öffentlich.

Deswegen appelliert Deborah Woldemichael von der EU-Initiative klicksafe.de an die Eltern: „Wenn sie die Nutzung erlauben, dann sollten sie diese begleiten, und ihre Kinder unterstützen, wenn es Probleme gibt.“ Zum Beispiel sollten Eltern die Kontoeinstellungen zusammen mit den Kindern durchgehen und auch regelmäßig überprüfen. Und nachhorchen: „Wem folgt mein Kind? Gibt es Stress über TikTok?“

Bytedance selbst betonte gerade verstärkt, dass sie sich um den Schutz der Jugend kümmern. In Berlin wurde dafür Anfang des Jahres ein Moderationsteam gegründet, das 24 Stunden am Tag fragliche Inhalte betrachtet.

Außerdem kann jeder Nutzer blöde Kommentare, Videos oder Profile melden. Und dann gibt es noch eine Technologie, die unpassende Inhalte erkennen soll. Daraufhin seien aus Versehen auch einige Videos von TikTok-Müttern mit ihren Kindern gesperrt worden, erzählt TikTok-Pressesprecherin Gudrun Herrmann. „So eine Technologie ist mäßig schlau.“

Kritik

Immer wieder werden auch Bedenken laut, dass politische Inhalte auf TikTok gefiltert werden. Bytedance bestreitet das. Und auch Nutzerinnen berichten, dass die Plattform vor allem dem Spaß diene und nicht für politische Botschaften verwendet werde.

Ein weiterer Vorwurf lautet, minderjährige Nutzerinnen und Nutzer würden auf TikTok nicht ausreichend geschützt. So verhängte eine US-Bundesbehörde eine Millionenstrafe, weil über die App verbotenerweise persönliche Informationen von Kindern gesammelt wurden. Und in Indien wurde die App kurzzeitig gesperrt, um Kinder vor Pornografie zu schützen. Sie wurde wieder freigegeben, als Bytedance versicherte, die Sicherheitsstandards zu erhöhen.

Programmatic DOOH: Durchbruch für automatisierte Kampagnen

Auf 11 Millionen Euro schätzt das Digital Media Institute (DMI) die Investitionen in Programmatic DOOH im Jahr 2019. Automatisierte Kampagnen erobern zunehmend die digitalen Screens in der Außenwerbung. Aktuellstes Beispiel: Die Kampagne des Europa Park auf dem digitalen Portfolio von Cittadino und der Goldbach Group. Im September warb der Vergnügungspark zusammen mit Langnese in einer programmatisch-dynamisch ausgesteuerten Kampagne auf den Medien des Airport Channel und des Autobahn Channel. Die Ausspielung an den Flughäfen erfolgte in Echtzeit basierend auf den Daten der jeweiligen Flüge nach Basel, Karlsruhe und Stuttgart. Datentrigger in der programmatischen DOOH-Buchung übernahmen die Ausspielung der Kampagne hinsichtlich Zielgruppe, Ort, Tag oder Uhrzeit. Aber auch Wetter, Verkehr und Standort spielten eine Rolle für die dynamische Werbeauslieferung.

Auf dynamische Kreation und automatisierte Aussteuerung setzte 2018 auch Foodora. Angestellte mit hohem Haushaltsnettoeinkommen wollte der Lieferdienst über das Netzwerk von ECN zur Essenbestellung animieren. Durch Einbeziehung von Wetterdaten konnte Foodora hier unterschiedliche Spots einspielen. Bei Regenwetter bewarb das Unternehmen seinen Lieferservice. Bei Sonne spielte der Adserver – auf Geotargeting basierend – die nahe gelegenen Partnerbetriebe ein, bei denen man sich das Essen selbst abholen konnte.

Variabel waren die Spots auch je nach Tageszeit: Die eingesetzten Videos bewarben der Uhrzeit entsprechend ein schnelles Mittagessen, einen nachmittäglichen Snack oder ein Abendessen zum Mitnehmen. Auf Basis der Geodaten des jeweiligen Screens erhielten zudem Smartphone-Besitzer, die sich im unmittelbaren Umfeld der Monitore befanden, Werbung auf ihr Handy ausgespielt.

Vom Garantie-Deal zu echtem Real-Time-Bidding
Die zwei Kampagnen sind gute Beispiele, was Programmatic Advertising inzwischen zu leisten vermag. Neben dem bislang üblichen „Guaranteed Deal“, der dem Kunden das Werbeinventar zu einem vereinbarten Preis zur Verfügung stellt, ermöglichen einige DOOH-Anbieter inzwischen selbst Auktionen auf Basis von Privat-Deals. Programmatic-Guaranteed bedeutet: Werbungtreibende kaufen ohne Bieter-Prozess eine bestimmte Menge garantierte Ad Impressions bei den Vermarktern ein. Bei dem Deal werden vorab Preis, Volumen, Formate und Kampagnenzeitraum festgelegt. Die Transaktion findet jeweils nur zwischen zwei Parteien statt. In einer Private Auction bieten hingegen mehrere Werbetreibende gegeneinander auf dieselbe Werbeausspielung. In diesem vollautomatisierten Verfahren entscheidet sich innerhalb von Millisekunden, welcher Kunde den Bieterprozess gewinnt.

Europaweit als einer der ersten setzten der ehemalige Vermarkter 7Screen und Publicis Media für die Brauerei Heineken eine DOOH-Kampagne auf Basis eines Private Auction Modells auf dem Inventar von Cittadino um. Publicis Media und die Agenturtochter Starcom schalteten für Heineken rund um die UEFA Champions League Spots an 10 Flughäfen. Dabei ließen sich diverse Motive je nach Spiel in Echtzeit anpassen. Für Heineken wurde das Private Auction Modell umgesetzt: Das heißt, Heineken konnte in Echtzeit auf die zur Verfügung stehenden Werbeplätze zum jeweils gültigen Floor-Preis bieten. Das dynamische Pricing ermöglicht dabei, das Budget optimal einzusetzen, um das gewünschte Kampagnenziel zu erreichen. DOOH nähert sich damit einem offenen Realtime Bidding Verfahren an, bei dem jeder Auktionsteilnehmer auf Werbeplätze bieten kann.

Der Unterschied von der Private Auction zu echtem Realtime Bidding: Der Kreis der Mitbieter ist bekannt. DMI-Geschäftsführer Frank Goldberg ist sich aber sicher, dass sich offene Auktionen auch im DOOH durchsetzen werden: „Real Time Bidding für DOOH war bis Mitte/Ende letzten Jahres überhaupt kein Thema. Das wurde von den Publishern mehrheitlich als nicht wünschenswert betrachtet. Doch jetzt gibt es auch schon die ersten deutsche RTB Kampagnen.“

So geschehen etwa für Lotto Hamburg. In Kooperation mit ECN setzte Weischer Media Ende letzten Jahres eine programmatische Kampagne im Bieterverfahren um. Hierzu warb das Lotterieunternehmen in ausgewählten Bürostandorten in Hamburg von Montag bis Freitag zwischen 6 und 21 Uhr mit fünf rotierenden Motiven. In Echtzeit bot Weischer mit anderen Werbetreibenden um das zur Verfügung stehende Inventar. Zur Absicherung hatte die Out-of-Home-Agentur für ihren Kunden „Priority“ verhandelt. Dadurch gewann Lotto Hamburg bei Gleichstand im Bieterverfahren die Auktion. Ein fix hinterlegtes Tagesbudget regelte dabei, dass der Kunde dabei nur die zur Verfügung stehenden Kampagnengelder ausgibt.

In den USA ist man schon einen Schritt weiter. Der Tech-Anbieter Kubient stellte im Oktober die nach eigenen Angaben erste automatisierte Real-Time-Bidding-Lösung für Digital Out-of-Home vor. Die zum Patent angemeldete Open RTB-Lösung bietet Anbietern, Agenturen und Werbungtreibenden Zugang zu einem Marktplatz, über den digitale Werbeflächen in Sekundenbruchteilen ersteigert werden können. Dabei können die Screens auch nach klassischen Retargeting-Kriterien gebucht werden.

Das kommt auch in Deutschland, ist Goldberg überzeugt, allerdings werde am Anfang nur den kleineren Teil der Programmatic DOOH Kampagnen betreffen. Das Verhältnis von Premium- zu Nicht-Premium Inventar sei bei DOOH wesentlich größer als bei Online oder Mobile. Eine Restplatzvermarktung im RTB-Modell ist hier also nicht so zwingend. „Der Grund dafür ist, dass DOOH Flächen nicht so beliebig vermehrbar sind wie im Online-Universum. Ich brauche dafür Standorte. Und an Standorten, an denen kein Traffic und keine interessante Zielgruppe ist, überleben DOOH Medien nicht lange“, sagt Goldberg.

Einchecken per Lächeln und Cocktails vom Roboter: Diese Veränderungen stehen dem Tourismus bevor

Chinas E-Commerce-Gigant Alibaba reformiert dank neuen Technologien den Detailhandel. Auf Basis von Gesichtserkennung, intelligenten Lautsprechern und Robotern soll nun auch die Tourismusbranche vor einer Transformation stehen.

Beim Betreten des von Alibaba betriebenen Flyzoo Hotels, unweit des Firmensitzes des E-Commerce-Konzerns in Hangzhou gelegen, erinnert wenig an eine Herberge. Eine Rezeption gibt es nicht, es ist kaum Personal auszumachen. Das Design ist futuristisch und minimalistisch. Es gleicht mehr einem Raumschiff denn einem Hotel. Alles ist in Weiß gehalten, das Mobiliar auf das Wesentliche reduziert.

Doch statt an einem Raumschiff feilt Alibaba am Hotel der Zukunft. «Ende Jahr wollen wir so weit sein, um die chinesische Hotelbranche auf Basis unserer bisherigen Erfahrungen beraten zu können», sagt Andy Wang, der das Konzept entwickelt hat. Im Dezember vergangenen Jahres ist die Unterkunft der Zukunft eröffnet worden.

Das Wesentliche, sonst nichts
Der Name des Hotels nimmt denn auch Anleihen bei Alibaba. «Fly» leitet sich von Fliggy ab, so nennt sich die Reiseplattform des E-Commerce-Unternehmens. Und «Zoo» steht symbolisch für all die verschiedenen von Alibaba eingesetzten Technologien, die im Hotel wiederzufinden sind. Das Credo des Konzerns lautet: Dank Robotern, Gesichtserkennung und intelligenten Lautsprechern kann sich das Personal auf die wesentlichen Wünsche der Gäste konzentrieren – dennoch oder gerade deshalb kommt die Gastfreundschaft nicht zu kurz.

Hotelgäste können bereits über die App wählen, in welcher Himmelsrichtung das Zimmer liegen soll und in welcher Etage sie nächtigen wollen. Vor der Anreise können sie per App und Gesichtserkennung einchecken. Alternativ stehen im Empfangsbereich auch Terminals zur Verfügung. Einheimische Gäste legen ihren Personalausweis auf und erhalten auf ihr Smartphone einen Code gesandt, den sie dann einzugeben haben.

Schließlich haben sie die Wahl, ob innerhalb des Hotels alles per Gesichtserkennung bewerkstelligt werden soll. Wer dies nicht wünscht, für den spuckt das Terminal stattdessen eine Karte aus. Für Ausländer ist das Prozedere etwas mühsamer. Die Passdaten müssen manuell eingegeben werden. Internationale Gäste haben dennoch die Möglichkeit, das Leben im Flyzoo Hotel mit ihren Gesichtern zu steuern.

Wer auf die Technologie vertraut und alles mit einem Lächeln regeln will, blickt im Aufzug in eine Kamera, und das System weiß umgehend, in welchem Stockwerk das Zimmer des Gastes liegt. Auch dort genügt ein Blick auf die Tür, die sich nach der Identifikation wie von Geisterhand automatisch öffnet. Auf dem Boden ist beim Betreten der Räumlichkeit durch ein Lichtspiel die Zimmernummer zu lesen.

Die Zimmer sind wie die Empfangshalle ganz in Weiß gehalten und auf das Wesentliche reduziert. Der Minimalismus versprüht eine gewisse Kälte. In den Räumen können die Gäste alles mit den von Alibaba entwickelten intelligenten Lautsprechern namens Tmall Genie steuern, die allerdings nur die chinesische Sprache verstehen. Für Ausländer bleibt der Trost, dass sie viele Angelegenheiten über die App regeln können.

In China werden intelligente Lautsprecher immer populärer. Einst hatten die USA den Markt dominiert. Inzwischen ist der chinesische Markt jedoch der größte weltweit. Laut dem Marktforschungsunternehmen Canalys hat sich die Zahl der in China ausgelieferten Geräte im zweiten Quartal 2019 gegenüber der Vorjahresperiode auf 12,6 Mio. verdoppelt; in Amerika wurden zwischen April und Juni dieses Jahres dagegen «nur» 6,1 Mio. Stück ausgeliefert. Und die Geräte von Alibaba rangieren im weltweiten Ranking nach jenen von Amazon, Baidu und Google mit 4,1 Mio. Einheiten auf dem vierten Platz. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht dies einem Plus von annähernd 40% für Tmall Genie.

Mit solchen «smart speakers» lassen sich im Flyzoo Hotel das Fernsehgerät steuern, die Beleuchtung sowie die Raumtemperatur regeln und die Vorhänge öffnen oder schließen. Und wen der Hunger packt oder wer Durst bekommt, gibt über den intelligenten Lautsprecher eine Bestellung auf. Geliefert wird fast alles von Robotern, die wissen, wohin sie liefern müssen. Auch im Restaurant kommen sie zum Einsatz.

Ein smarter, aber stummer Barkeeper
Selbst das Fitnessstudio setzt auf Hightech. Statt eines durchtrainierten Trainers gibt auf einer riesigen Leinwand ein Avatar vor, welche Übungen die Sportler ausführen müssen. Wer auf solch künstliche Figuren keine Lust hat, der kann sich stattdessen auf Laufbändern und Fahrrädern trimmen.

Und wer ob der ganzen Einsamkeit abends sich zumindest mit dem Barkeeper austauschen will, wird auch dort enttäuscht. Ein Roboter mixt und schüttelt diverse Cocktails und Mocktails. An der Bar ist der Spruch «Powered by Artificial Intelligence, Crafted by You» zu lesen. Selbst für die Bestellung braucht es kein Personal. Man scannt einfach mit der App von Alipay den QR-Code, stellt das Getränk der Wahl zusammen und bezahlt per Mobile Payment.

Alibaba bezeichnet das Flyzoo Hotel als Prototyp. Da es dank intelligenter Technologie gelungen sei, den Detailhandel zu reformieren, stehe nun die Reisebranche vor einer vergleichbaren Transformation, teilt der Konzern mit. Die beim Flyzoo Hotel zu bestaunenden Technologien sollen der Tourismusbranche außerordentliche Einblicke liefern, durch welche die Arbeitsabläufe auf ein neues Niveau gehoben werden können, lauten die Gedankenspiele von Alibaba. Jetzt müssen nur noch die Kunden mitspielen.

Bertelsmann-Boss Rabe fordert gleiche rechtliche Bedingungen für alle

Thomas Rabe, Chef von Bertelsmann und der RTL Group, hat bei der Association of Commercial Television eine Rede gehalten und darin eine Reform der rechtlichen Rahmenbedingungen gefordert. Rabe sieht die Branche gegenüber Tech-Giganten im Nachteil.

Vor 30 Jahren ist die Association of Commercial Television in Europe (ACT) gegründet worden, seither vertritt die Organisation die Interesseren von kommerziellen Fernsehsendern auf EU-Ebene. Dabei vertritt man 28 Sender aus 28 Ländern. Zu den Geburtstagsfeierlichkeiten der ACT hat Bertelsmann- und RTL-Group-Chef Thomas Rabe eine Rede gehalten.

Darin hat Rabe noch einmal den Stellenwert der europäischen Medienhäuser betont. So würden kommerzielle Sender in Europa 15 Milliarden Euro jährlich in Inhalte investieren. Die gesamte audiovisuelle Medienbranche, also der TV- und Radiowerbemarkt sowie das Pay-TV und die öffentlich-rechtlichen Anstalten, sei zusammengenommen 112 Milliarden Euro schwer. Die Medienbranche sei eine Säule der Demokratie. Man liefere vertrauenswürdige Nachrichten, die auf „hohen redaktionellen Standards“ basieren würden, so Rabe in seiner Rede.

Dennoch befinde sich die Branche im Wandel und traditionelle Medienhäuser würden „zig Milliarden Dollar“ ausgeben, um sich gegen Tech-Giganten zu wehren. Diese Konzerne aus den USA hätten „Positionen von beispielloser Macht und Dominanz eingenommen“. Geschafft hätten sie das dank global skalierbarer Geschäftsmodelle, nahezu unbegrenztem Zugang zu Daten und neuen Technologien. Man wolle sich angesichts der Situation nicht beschweren und die eigenen Stärken ausbauen. Das müsse aber in einem fairen und modernen Rechtsrahmen geschehen, der die heutigen Marktrealitäten widerspiegele. Rabe fordert: Gleiches Recht für alle.

Dass dieses gleiche Recht für alle Unternehmen heute noch nicht die Realität sei, würde auch an einer Medienregulierung liegen, die in vielen Bereichen auf das analoge Zeitalter des letzten Jahrhunderts zurückgehe, so Rabe. So kritisiert der Bertelsmann-Boss, dass TV-Sender in Sachen Werbezeit trotz der Reform der AVMD-Richtlinie künftig viel restriktiver reguliert seien als große US-Techfirmen. Auch das Wettbewerbsrecht sei nach wie vor veraltet. Hier verweist Rabe noch einmal auf die vom Kartellamt untersagte Zusammenarbeit zwischen der Mediengruppe RTL und ProSiebenSat.1 vor einigen Jahren, als Netflix in Deutschland noch nicht einmal aktiv war. Das stehe einer „sinnvollen und notwendigen Zusammenarbeit und Konsolidierung“ im Wege und spiegele auch nicht mehr die Marktrealitäten wieder. Und während der Deal zwischen Mediengruppe RTL und ProSiebenSat.1 verboten wurde, habe Facebook erst Instagram und später Whatsapp übernehmen dürfen, klagt Rabe.

„Neben einer fairen und modernen Regulierung sind mehr Zusammenarbeit und Partnerschaften zwischen europäischen Rundfunkveranstaltern erforderlich, um mit den Technologiegiganten zu konkurrieren“, sagt Rabe, der dann auch noch einmal auf die Anstrengungen der RTL Group in diesem Bereich verweist. So will man künftig vor allem in den Bereichen Werbetechnologie, VoD-Technologie und in der internationalen Werbevermarktung mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten. Dafür hat man auch schon einige Dinge angestoßen: So entwickelt die französische M6 Gruppe die technologische Plattform für Salto – den gemeinsamen Streamingdienst mit TF1 und France Télévisions, der 2020 starten soll. Smartclip bringe derweil Werbetechnologien voran. In beiden Fällen sei man offen für neue Partner, betont Rabe.

„Berliner Zeitung“ will Stasi-Vergangenheit von Verleger aufarbeiten

Nach dem Bekanntwerden der Stasi-Kontakte des neuen Besitzers des Berliner Verlags, Holger Friedrich, will das Medienhaus den Fall journalistisch aufbereiten. „Wir werden Fakten sammeln, wir wollen die Akten – die Opfer- und die Täterakte – einsehen“, schrieben die Chefredakteure von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“, Jochen Arntz und Elmar Jehn, am Sonntagabend in den Online-Ausgaben ihrer Blätter.

Die Redaktion werde sich ein Bild machen, Experten hinzuziehen und wolle auch mit Menschen reden, die in den Akten auftauchen. „Holger Friedrich hat der Redaktion ausdrücklich zugesichert, sie auf diesem Weg zu unterstützen.“

Der Berliner Unternehmer Friedrich hatte mit seiner Frau Silke unlängst den Berliner Verlag mit der „Berliner Zeitung“ und dem „Berliner Kurier“ von der DuMont-Mediengruppe übernommen. Am Freitag war bekannt geworden, dass Friedrich in der DDR zeitweise Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war.

Friedrich selbst erklärte, er habe eine handschriftliche Verpflichtungserklärung bei der Stasi aus einer Notsituation nach einer Verhaftung heraus verfasst, um einer befürchteten Gefängnisstrafe zu entgehen.

Centogene-Berichterstattung

Zudem reagierte die Redaktion der „Berliner Zeitung“ abermals auf einen „Spiegel“-Bericht. Das Magazin hatte kritisiert, dass das Blatt über das ostdeutsche Biotech-Unternehmen Centogene berichtet hatte ohne zu erwähnen, dass Friedrich in dessen Aufsichtsrat sitzt und laut US-Börsenaufsicht im Juni über eine in Berlin ansässige Firma 3,27 Prozent an dem Unternehmen hielt.

Wie die „Berliner Zeitung“ in ihrer Montagausgabe nun erklärt, hatte Friedrich dem Herausgeber und der Chefredaktion den Hinweis gegeben, dass Centogene Weltmarktführer in der gentechnischen Analyse sei und dessen Börsengang ein Anlass zur Berichterstattung sein könnte. „Weder der Chefredaktion noch den beiden Wissenschaftsredakteuren war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Holger Friedrich an dem Unternehmen beteiligt ist. Wäre das anders gewesen, hätte die Redaktion diese Information in den Artikel mit aufgenommen“, hieß es in der Erklärung. Künftig werde die Redaktion für Transparenz sorgen und in der Berichterstattung prüfen, ob geschäftliche Interessen des Unternehmerehepaares Friedrich oder des Medienhauses berührt seien.

Auch der kürzlich eingesetzte Herausgeber der „Berliner Zeitung“, Michael Maier, hatte sich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ (Montagausgabe) kritisch zu dem Fall geäußert: „Falsch war, nicht zu erwähnen, dass der Verleger im Aufsichtsrat sitzt. Das war mir und der Redaktion nicht bekannt. Die Jung-Verleger haben mittlerweile sicher verstanden, dass es gewisse Spielregeln gibt, die man am besten übergenau einhält.“

50 Millionen Patientendaten landen auf Googles Servern

Hochsensible Gesundheitsdaten von Millionen Menschen landen auf den Servern eines Konzerns, der mehr über seine Nutzer weiß als fast alle anderen Unternehmen der Welt. Dieser Konzern speichert die Daten nicht nur, sondern gibt Mitarbeitern Zugriff. Maschinen werten die Datensätze aus und bauen eine gigantische Suchmaschine für Gesundheitsdaten. Weder Patienten noch Ärzte wissen davon. Und vermutlich ist all das vollkommen legal.

So lässt sich zusammenfassen, was in den vergangenen Tagen durch mehrere Medienberichte bekannt wurde. Google arbeitet in den USA seit 2018 mit der Gesundheitsorganisation Ascension zusammen, die 150 Krankenhäuser und Tausende Arztpraxen betreibt. Bis kommenden März sollen Gesundheitsdaten von 50 Millionen Menschen auf Googles Servern landen. Das umfasst Laborergebnisse, ärztliche Diagnosen, Behandlungsverläufe und Krankenhausaufenthalte – nicht etwa anonymisiert, sondern verknüpft mit Namen und Adressen der Patienten.

„Project Nightingale“, wie Google die Initiative intern nennt, zeigt, wie vehement große Tech-Konzerne versuchen, im Gesundheitsbereich Fuß zu fassen. Neben Google drängen auch Amazon, Apple und Microsoft in diesen lukrativen Markt, der allein in den USA mehr als drei Billionen Dollar umfasst. Von Apple-Chef Tim Cook etwa ist die Aussage überliefert, dass “ Apples größter Beitrag zur Menschheit“ im Gesundheitsbereich liegen werde.

So sollen 150 Mitarbeiter Zugriff auf die Daten haben. Andere berichten von Dutzenden Personen, die in unterschiedlichen Abteilungen der Muttergesellschaft Alphabet arbeiten. Google selbst nennt auf Anfrage keine genaue Zahl.

Interne Dokumente und Präsentationen zeigen, wie groß die Ambitionen von „Project Nightingale“ sind. Google entwickelt eine Software, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) und maschinellem Lernen (ML) vorschlägt, wie sich die Versorgung einzelner Patienten verbessern lässt. Es soll eine gewaltige Patientendatenbank entstehen, die optisch an Googles Suchmaschine erinnert.

Die Software vervollständigt automatisch Eingaben zu den Patientennamen, die mit sämtlichen gespeicherten Gesundheitsdaten verknüpft sind. Ärzte sollen nicht nur individuelle Informationen einsehen, sondern grafische Zeitverläufe erstellen und Datensätze miteinander vergleichen können. Google hofft, diese Infrastruktur künftig an andere Gesundheitsdienstleister verkaufen zu können.

All das geschieht, ohne dass die Betroffenen zugestimmt haben. Ascension und Google müssen die Patienten nicht einmal informieren. Der sogenannte Health Insurance Portability and Accountability Act, ein US-Gesetz aus dem Jahr 1996, erlaubt es Ärzten und Krankenhäusern, Gesundheitsdaten an Geschäftspartner weiterzugeben. Allerdings dürfen die Informationen nur genutzt werden, um Patienten besser zu behandeln.

Beide Vertragspartner beteuern, dass alle Daten sicher und verschlüsselt gespeichert würden und nur ausgewählte Google-Mitarbeiter darauf zugreifen könnten. Google trenne die Patientendaten strikt von Informationen aus Produkten wie Gmail oder der Suchmaschine. Die Daten sollen nicht verwendet werden, um Werbung zu personalisieren. Google verspricht, die Patientendaten von Ascension auch nicht mit Informationen zu verbinden, die es von anderen Gesundheitsorganisationen erhält.

Doch es gibt Zweifel, ob „Project Nightingale“ tatsächlich so harmlos ist, wie es die Beteiligten darstellen. Mehrere US-Senatoren haben Bedenken geäußert: Der Demokrat Mark Warner will das Programm stoppen, bis US-Behörden ihre Ermittlungen abschließen, die sie am Dienstag aufgenommen haben.

Warners Parteikollegin Amy Klobuchar fordert neue Gesetze, um stärker zu regulieren, wie Gesundheitsdaten ausgewertet werden. So sollen sich betroffene Patienten aus Ascension-Krankenhäusern fürchten, dass Google Geld mi tihren Gesundheitsdaten verdiene und hätten sich gewünscht, vorher informiert zu werden.

Auch innerhalb von Google gibt es Widerstand. Ein anonymer Whistleblower veröffentlichte ein Video, das nahelegt, dass Google die Daten nutzen wolle, um Werbung zu schalten. Für diese Behauptung gibt es aber keine Belege. Außerdem beklagt die Person, dass die Daten nicht ausreichend geschützt seien. In dem Video sieht man das Protokoll eines internen Meetings von Ende September. Demzufolge sind Mitarbeiter von Ascension unsicher, ob alle Daten gesetzeskonform gespeichert würden und kritisieren, dass Google-Angestellte die Daten herunterladen könnten.

„Project Nightingale“ ist auf die USA beschränkt. Ob Google in Deutschland vergleichbare Initiativen betreibt oder anstrebt, lässt das Unternehmen offen. Aus Vertraulichkeitsgründen könne man nicht mitteilen, welche Kunden ihre Daten in der deutschen Cloud speicherten, sagte eine Sprecherin. Auf der Webseite der Cloud-Abteilung finden sich keine deutschen Partner aus dem Gesundheitsbereich.

Klar ist, dass deutsche Patienten zumindest informiert werden müssten. Entsprechende Kooperationen seien „hier nur bedingt denkbar“, sagt ein Sprecher des Bundesdatenschutzbeauftragten. „IT-basierte Datenverarbeitung kann nur mit Einwilligung der Betroffenen oder nach vorheriger Zertifizierung der Dienste durch staatliche Stellen erfolgen.“

Sebastian Zilch, Geschäftsführer des Bundesverbandes Gesundheits-IT, teilt diese Einschätzung. In Deutschland seien Patientendaten durch die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), das Sozialgesetzbuch und die Landesdatenschutzgesetze geschützt. Deshalb werde der deutsche Markt für Google und andere Unternehmen vermutlich nicht erste Priorität haben.

Auch Nils Haag vom Datenschutz-Beratungsunternehmen Intersoft Consulting sagt, dass die DSGVO ein deutsches „Project Nightingale“ wohl verhindere. Eine kommerzielle Nutzung der Gesundheitsdaten von Patienten sei „allenfalls nach informierter Einwilligung oder vollständiger Anonymisierung der Daten möglich“.

Dagegen hält David Koeppe von der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit vergleichbare Projekte in Deutschland für möglich: „Kein Krankenhaus kann ohne externe Dienstleister arbeiten“, sagt Koeppe. „Datenschutzrechtlich ist das im Rahmen einer Auftragsverarbeitung grundsätzlich unproblematisch, auch Strafrecht und die ärztliche Berufsordnung geben die Offenlegung der Daten her.“

Die Patienten müssten nicht einwilligen, wohl aber informiert werden. Auch das deutsche Gesundheitssystem arbeite mit Dienstleistern zusammen, die Patientendaten speichern, etwa mit der Bertelsmann-Tochter Arvato. „Google ist ein großes Unternehmen mit viel Erfahrung im Bereich der IT-Sicherheit. Dort dürften die Daten besser aufgehoben sein als bei einem kleinen Start-up“, sagt Koeppe.

Das ist am Ende die entscheidende Frage: Wie sehr vertraut man Google? Während Facebook regelmäßig neue Datenschutzverstöße einräumen muss, ist Google zumindest öffentlich etwas seltener mit Pannen und Skandalen aufgefallen.

Googles Vision machte der damalige Chef Larry Page bereits 2014 auf einer Ted-Konferenz deutlich: „Wäre es nicht großartig, wenn Ärzte auf anonymisierte Gesundheitsdaten von allen Menschen zugreifen könnten?“, fragte er. „Wir denken nicht an den gewaltigen Nutzen, der entstehen kann, wenn die richtigen Daten auf die richtige Art und Weise mit den richtigen Menschen geteilt werden.“ Vielleicht können Patienten tatsächlich davon profitieren – aber es schadet sicher nicht, ihnen vorher Bescheid zu sagen.

Onlinechef Prantner: „Player ist entscheidend“

Der ORF darf GIS-Gebühren für seine Streamingangebote verwenden. Für die kostenfreie TVthek. Und seit 14.11. auch für sein kostenpflichtiges Abrufportal Flimmit. Wenn die Entscheidung der Medienbehörde KommAustria rechtskräftig wird.

TVthek und Flimmit sollen bald in das digitale Großprojekt des ORF eingehen: eine Streamingplattform unter dem Titel ORF On mit Social-Media-Funktionen. Debatten über das Fernsehprogramm wünscht sich Erfinder Franz Manola in den Onlineforen dieses ORF-Players. Die Programmmacher sollen dort ihre Sendungen erklären und darüber diskutieren.

Als die Medienbehörde am Donnerstag über die Zukunft des kostenpflichtigen Flimmit entschied, feierte ORF-Onlinechef Thomas Prantner gerade die ersten zehn Jahre der frei zugänglichen TVthek, sein wichtigstes Projekt als Onlinedirektor und heute Vizedirektor in der ORF-Technik, zuständig für Online.

Wurst und Willkommen

Die TVthek darf TV-Sendungen, die Rechte vorausgesetzt, live streamen oder bis zu sieben Tage nach Ausstrahlung anbieten, solange das ORF-Gesetz nicht längeren Abruf erlaubt.

Die meisten Abrufe in den ersten sieben Jahren hatte das Finale des Song Contest 2014, als Conchita Wurst das Wettsingen gewann. Seit 2017 wird die Nutzung der TVthek wie das klassische Fernsehen nach Reichweite gemessen.

Aus der Bewegtbildstudie der RTR und der Arbeitsgemeinschaft Teletest (AGTT) vom Frühjahr 2019 liest Prantner eine durchaus prominente Marktstellung seiner TVthek im Vergleich zu internationalen Streamingangeboten. Sein Fokus: Nutzung von Mediatheken und Videoportalen in den vergangenen vier Wochen. Hier kommt Youtube auf 71,7 Prozent der Bevölkerung ab 14. Die TVthek liegt mit 42,6 Prozent Monats-Reichweite auf Platz zwei – vor Amazon Prime Video mit 32,5 Prozent und Netflix mit 26,5 Prozent.

Gericht zwingt E-Mail-Anbieter, Daten unverschlüsselt herauszugeben

Es ist ein großes Versprechen, das die hannoversche Firma ihren Kunden macht: Der E-Mail-Anbieter Tutanota wirbt damit, der „weltweit sicherste E-Mail-Service“ zu sein. Das Start-Up bietet verschlüsselte E-Mail-Kommunikation an. Sechs Millionen Kunden hat die Firma nach eigenen Angaben inzwischen, die auf dieses Sicherheitsversprechen vertrauen.

Doch am 2. Oktober 2018 landete ein Schreiben vom Amtsgericht Itzehoe im Briefkasten von Tutanota. Nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung forderte das Gericht Geschäftsführer Matthias Pfau auf, die E-Mails seines Dienstes unverschlüsselt und in Echtzeit der Polizei zur Verfügung zu stellen. Hacker erpressten mit Schadsoftware mehrere in Schleswig-Holstein ansässige Betriebe. Und sie nutzten dafür eine E-Mail-Adresse von Tutanota. Die Ermittler wollten die E-Mails mitlesen, um den Cyberkriminellen auf die Spur zu kommen.

Der Fall zeigt einen Konflikt, der sich in den vergangenen Jahren verschärft hat: Kriminelle nutzen verschlüsselte oder besonders geschützte Kommunikationswege, die Strafverfolger schwer überwachen können. Etwa Messengerdienste wie Whatsapp, Telegram oder Krypto-Mails wie jene von Tutanota. Das FBI nennt das Phänomen „going dark“, bisherige Überwachungspraktiken der Ermittler greifen nicht. So führt Verschlüsselung zu einem Streit zwischen Sicherheitsbehörden, Politikern und Datenschützern.

Die einen wollen, dass Kommunikation nicht zu sicher wird, sodass sie weiterhin Verdächtige überwachen können. Die anderen wollen, dass mehr Daten verschlüsselt werden, um Bürger und Unternehmen besser vor Kriminellen, Spionage und dem Datenhunger der Tech-Konzerne zu schützen. Die Bundesregierung jedenfalls sah Kryptografie lange sogar als Wettbewerbsvorteil und gab das Ziel aus, Deutschland zum „Verschlüsselungsstandort Nummer eins“ zu machen.

Tutanotas Dienst funktioniert so: Wenn zwei Nutzer sich eine Mail schreiben, wird diese automatisch mit der besonders sicheren Ende-Zu-Ende-Verschlüsselung geschützt. Nur Sender und Empfänger können die Nachricht lesen. Mail-Anbieter wie Google oder Gmx haben einen solchen Schutz nicht. Wenn ein Kunde eine E-Mail von einer Person bekommt, die keinen Tutanota-Account hat, dann verschlüsselt das Unternehmen laut eigenen Angaben die Nachricht zumindest automatisch, sobald sie auf ihren Servern landet.

Genau das wollte das Amtsgericht Itzehoe nach Informationen von NDR, WDR und SZ nicht hinnehmen. In dem Schreiben vom Oktober 2018 forderte es von Tutanota, die gesamten Inhalte der E-Mails herauszugeben, die nicht ende-zu-ende-verschlüsselt sind. Firmenchef Pfau und seine Kollegen weigerten sich zunächst. „Ich habe die Forderung für falsch gehalten, als das Schreiben bei uns ankam, und ich halte sie bis heute für falsch“, sagt Pfau.

Fünf Monate später entschied das Gericht aber, dass Tutanota die Daten herausgeben muss, und verhängte eine Strafe in Höhe von 1000 Euro. „Die Kern-DNA unseres Unternehmens ist Datenschutz“, sagt der Geschäftsführer. Jetzt muss Tutanota für die Strafverfolger eine neue Funktion programmieren: Wenn für einen Account eine gültige Anordnung eines deutschen Gerichts vorliegt, kann das Unternehmen zusätzlich eine Kopie der E-Mails erstellen, die auch die Ermittler lesen können. Mails mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung können sie weiterhin nicht lesen. „Ich würde mich lieber um erweiterte Datenschutzfunktionen für unsere Kunden kümmern, als um erweiterte Zugriffsrechte für die Behörden“, sagt Matthias Pfau. Natürlich halte man sich aber an die gesetzlichen Vorgaben und kooperiere mit den Behörden.

Weil die Gesetze so vage sind, wehren sich Anbieter nur selten

Welche Daten E-Mail-Anbieter weitergeben müssen, regelte zum Zeitpunkt des Itzehoer Gerichtsbeschluss das Telekommunikationsgesetz (TKG). Es stammt aus einer Zeit, in der Smartphones noch nicht weit verbreitet waren. Damals bedeutete Überwachung meistens, dass ein Telefonanbieter der Polizei einen Zugang zur Leitung freischaltet.

„Das Problem ist, dass die Mitwirkungspflichten, die das TKG den Providern auferlegt, relativ unscharf formuliert sind“, sagt Ulf Buermeyer, Jurist und Mitgründer der Gesellschaft für Freiheitsrechte. „Gerade im Technikbereich finde ich es sehr wichtig, dass die Gesetze präzise formuliert sind und genau beschreiben, was erlaubt ist und was nicht.“

Wenige Monate, nachdem Tutanota Post vom Itzehoer Amtsgericht bekommen hatte, fällte das Bundesverfassungsgericht einen Beschluss in Sachen TKG. Der Berliner E-Mail-Anbieter Posteo hatte dagegen geklagt, IP-Adressen von Kunden an Strafverfolger herauszugeben. Die Firma, die mit besonderer Datensparsamkeit wirbt, speichert diese Adressen nämlich gar nicht. Die Karlsruher Richter beschlossen, dass Posteo diese Daten im Einzelfall herausgeben müsse müsse.

Nach diesem Beschluss entschied Matthias Pfau, sich nicht weiter gegen die Forderung vom Amtsgericht zu wehren. Wegen der damals weitgefassten Gesetzesgrundlage glaubt auch Ulf Buermeyer, dass Tutanota juristisch keine Chance gehabt hätte. Deshalb komme es „eher selten dazu, dass sich ein Provider in solchen Fällen wehrt“.

Warum Mediaset fast eine halbe Milliarde Euro für Pro-Sieben-Sat-1-Anteile ausgibt

Schon früh, vor rund 30 Jahren, war die italienische Berlusconi-Familie im deutschen Fernsehmarkt eine Größe. Doch der deutsche Partner Leo Kirch ging 2002 pleite. Nun ist die Dynastie aus Mailand wieder da – mit viel größeren Ambitionen. Fast eine halbe Milliarde Euro ist schon investiert.

Der von Berlusconi maßgeblich gelenkte TV-Konzern Mediaset erhöht den Anteil am einstigen Kirch-Besitz Pro Sieben Sat 1 Media um 5,5 Prozent auf 15,1 Prozent. Der Einzug in den Aufsichtsrat ist hochwahrscheinlich. „Wir wollen präsent sein, um dem Unternehmen zu helfen, seinen Wert weiter zu steigern“, sagt Mediaset-Finanzvorstand Marco Giordani, 57, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Der Aufsichtsrat von Pro Sieben Sat 1 ist unserer Auffassung nach gut besetzt. Wenn man dort glaubt, Mediaset könnte Know-how einbringen, wären wir offen dafür, einen Kandidaten zu nominieren“, sagt Giordani.

Konkret beredet ist offenbar noch nichts. Giordani sprach am Montagabend, nach der PR-Mitteilung über den aktuellen Anteilskauf, mit zwei Vertretern der Münchener Gruppe: Aufsichtsratschef Werner Brandt und CEO Max Conze. Die Atmosphäre soll freundlich gewesen sein, man kennt sich, zum Beispiel aus der European Media Alliance, wo sich die führenden Privatsender Europas versammelt haben. Doch für die Strategen von Mediaset ist dabei zu wenig Fortschritt erkennbar – deshalb machen sie nun Druck. „Dort führen wir gute Gespräche, leider fehlen bislang Lösungen“, offenbart Finanzchef Giordani.

Mediaset drängt auf die richtige Antwort gegen den verschärften Wettbewerb durch die großen US-Medienkonzerne wie Facebook, Google, Disney, AT&T, Amazon oder Netflix. „Dagegen müssen wir in Europa unsere Kräfte bündeln, um überhaupt für Werbekunden interessant zu sein“, erklärt der Mediaset-Finanzvorstand. „Das Interesse aus China und Südostasien ist riesig.“ Beim ersten deutschen Vorstoß der Italiener vor Jahrzehnten sei es darum gegangen, das kommerzielle Fernsehen überall auf dem Kontinent zu verbreiten, nun gehe es in der digitalen Ära um ganz neue Fragen, etwa Daten.

Das Thema Europa lassen sich die Italiener einiges kosten. Im Mai waren sie erstmals in München aktiv geworden, der Marktpreis des ersten Kauf-Pakets lag bei 330 Millionen Euro. Nun waren rund 150 Millionen Euro für die Pro-Sieben-Aktien fällig – wobei der heruntergeprügelte Kurs unter Führung von CEO Conze seit Juni 2018 nie mehr in die luftigen Höhen von einst gelangt war.

Das Ziel ist eine bessere Vermarktung

Weitere Zukäufe durch den neuen Großaktionär aus Italien sind durchaus möglich: „Technisch kann Mediaset eine Milliarde Euro für Investitionen in Europa einsetzen, dafür haben wir die finanziellen Mittel“, sagt Marco Giordani. „Derzeit ist aber nichts spruchreif. Aber ich will nicht ausschließen, dass wir in Deutschland oder anderen europäischen Ländern noch einmal aktiv werden.“

Zunächst muss sich die Berlusconi-Familie (Mediaset-Anteil: 44 Prozent) zu Hause mit dem renitenten Großaktionär Vivendi aus Frankreich einigen. Die beiden Parteien liegen juristisch im Streit um die Geschäftspolitik. Der Richter drang jüngst auf eine außergerichtliche Einigung.

Wenn es soweit ist, soll eine neue niederländische Holding über die europäischen Besitztümer von Mediaset wachen, wozu zum Beispiel eine Mehrheitsbeteiligung am großen spanischen Sender Telecinco gehört. Noch hält die Mediaset-Zentrale zehn Prozent von Pro Sieben Sat 1 und die spanische Tochter die restlichen fünf Prozent.

Im Gespräch erwähnt Finanzchef Giordani, Medieninhalte seien eine „lokale Sache“. Das sehe auch die Pro-Sieben-Gruppe so. Es gehe bei der angestrebten europäischen Fernseh-Allianz nicht um gemeinsame Produktionen, sondern vor allem um eine bessere Vermarktung: „Alle Anbieter in Europa haben das Problem, ihre hohe digitale Reichweite zu monetarisieren. Ein Zusammenspiel zwischen Unternehmen in Deutschland, Italien und Spanien kann da enorm helfen. Das treibt uns an.“