Bellingcat: Ein Recherche-Netzwerk irritiert Mächtige

Wer dunklen Kräften auf die Schliche kommen will, braucht keine grossen Apparate. Das zeigt die Filmdokumentation über das Recherche-Netzwerk Bellingcat anschaulich.

Dieser Film stimmt zuversichtlich. Er zeichnet ein Gegenbild zu den Schwarzmalern, welche nur die Gefahren der digitalen Revolution wahrnehmen. Der niederländische Regisseur Hans Pool macht in seiner Dokumentation sichtbar, wie die neuen Technologien jeden Einzelnen wie nie zuvor dazu befähigen, sich für die Sache der Aufklärung einzusetzen und Verborgenes ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Große Investitionen und Infrastrukturen sind nicht mehr unerlässlich. Es genügen ein handelsüblicher Computer und ein Internetanschluss sowie die Bereitschaft, beharrlich, genau und kooperativ zu arbeiten.

Das mag nicht immer ausreichen. Doch dem kleinen Recherchier-Netzwerk Bellingcat ist es mit diesen wenigen Voraussetzungen gelungen, Informationen zu gewinnen, welche die russische Regierung in Verlegenheit brachten. Aufsehen erregte es insbesondere mit seinen Recherchen zum Absturz des Passagierflugzeuges MH17 über der Ostukraine und mit seinen Enthüllungen zu den Hintergründen des Giftanschlags auf den ehemaligen russischen Agenten Sergei Skripal und dessen Tochter.

Kollektives Puzzlespiel

Hans Pool besuchte sechs Mitglieder des vor fünf Jahren gegründeten Netzwerks, die als «Heimwerker» in Großbritannien, den Niederlanden, in Finnland, Deutschland, den USA und in Syrien leben und sich via Computer über alle Grenzen hinweg verständigen. Ihr Arbeitsplatz ist öfters in der Küche, einige betreuen nebenbei ihren Nachwuchs. Der Zuschauer kann ihnen bei ihrem kollektiven Puzzlespiel über die Schultern schauen.

Die digitalen Detektive durchforsten die sozialen Netzwerke, sie analysieren Satellitenbilder und Aufnahmen von Amateuren, sie suchen nach Auffälligkeiten und Gemeinsamkeiten, vergleichen den Schattenwurf von Raketentransportern auf Bilddokumenten, ermitteln anhand eines Tankstellen-Preisschilds den Tag der Aufnahme, um schliesslich die Informationen Stück für Stück zusammenzusetzen und damit eine Antwort zu gewinnen auf die Frage, wer MH17 abgeschossen hat. Und das allein auf der Basis von öffentlich zugänglichen Daten. In diesem Sinn entsprechen die Netzwerker ihrem Namen: Sie hängen der Katze eine Glocke um (belling the cat), um jene für alle sichtbar zu machen.

Das Mitteilungsbedürfnis so vieler Zeitgenossen erleichtert den Rechercheuren die Arbeit erheblich. Die Outputs unzähliger Smartphones erweisen sich als wahre Schatztruhe. Es liegt, so scheint es, derart viel Material auf den digitalen Straßen und Plattformen herum, dass man nur genau hinschauen muss, um die Wahrheit hinter dem Wirrwarr an fragmentarischen Wirklichkeiten zu erkennen. Nicht zuletzt verblüfft, wie militärische Verschwiegenheit an den Plaudereien von Truppenangehörigen auf sozialen Netzwerken scheitert. Für Rechercheure öffnen sich Türen. Die weitverbreitete digitale Geschwätzigkeit mag manchen Kulturpessimisten verdrießen, doch hat sie ihre guten Seiten, wie das Beispiel zeigt. Sie erschwert lichtscheuen Hintermännern das Leben.

Manipulierte Videos

Weitere Analysen des kleinen Netzwerks animieren den Betrachter dazu, noch vorsichtiger zu sein beim Konsum von Nachrichten und angeblich authentischen Videodokumenten, deren Inszenierung für Laien praktisch nicht erkennbar ist. Wenn manipulierte Aufnahmen zudem den Radar von Nachrichtenagenturen unterlaufen, ist die Gefahr für das allgemeine Publikum umso größer. Bellingcat führt dies am Beispiel eines angeblichen Autobombenanschlags im Irak vor Augen. Die Rechercheure belegen, dass der Gewaltakt ein bloßes Schauspiel war.

Gleichzeitig wird durch die Arbeit von Bellingcat offensichtlich, dass Journalismus sich nicht mehr auf das herkömmliche Mediengewerbe eingrenzen lässt. Vielmehr befruchten Quereinsteiger das Geschäft. Das Sammeln, Analysieren und Bewerten von Informationen bleibt zwingend ein freier Beruf.

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