Alexa: Das allgegenwärtige Ohr Amazons

Die kürzlich angekündigten Echo-Produkte bringen Amazons Sprachassistentin Alexa auf die Straße und damit Datenschutzprobleme in die U-Bahn oder in bisher Alexa-freie Wohnzimmer. Mehrere Landesdatenschutzbeauftragte haben Golem.de erklärt, ob und wie die Geräte eingesetzt werden dürfen.

Die Brille ist mit Mikrofon und Lautsprecher ausgestattet und soll Amazons Sprachassistentin Alexa mobil machen. Raus aus dem Wohnzimmer, raus auf die Straße. Die mobile Alexa sitzt in der U-Bahn, im Büro oder wandert in bisher Alexa-freie Wohnzimmer. Damit drängen jedoch all die Datenschutzprobleme, die der Eigentümer in seinen Privaträumen hinnehmen oder akzeptieren kann, ebenfalls auf die Straße und in die Intim- und Privatsphäre anderer Menschen.

Die Brille sei zwar noch nichts für den Massenmarkt – ein sogenanntes Day1-Produkt – zeigt aber bereits, wohin die Reise geht, nämlich raus. Auch in einen Ring und in Hörstöpsel hat Amazon seine Sprachassistentin integriert. Der Ring nimmt allerdings nur auf Knopfdruck auf, die Stöpsel und die Brille lauschen, sofern sie eingeschaltet sind, kontinuierlich nach einem der Triggerworte. Ertönt das Wort, wird die Aufnahme an Amazon-Server zur Auswertung gesendet. Dazu sind die Geräte mit dem Smartphone gekoppelt. Allerdings nehmen sie auch alle Geräusche oder Gespräche in der Umgebung auf, sei es in der Öffentlichkeit oder in Privaträumen. Ein Datenschutzproblem.

Doch die Sprachassistenten sind längst nicht nur in speziellen Geräten untergebracht, sondern werden von vielen mit dem Mikrofon des Smartphones benutzt – was durchaus dazu führen kann, dass sich mitten in einem Gespräch das Smartphone zu Wort meldet und erklärt, dass es einen Sprachbefehl nicht verstanden habe. Denn Fehlaktivierungen gehören bei Sprachassistenten zum Alltag. Die Sprachbefehle und Fehlzündungen werden zudem von Amazon-Mitarbeitern transkribiert. Noch mehr Datenschutzprobleme. Wir fragen die Datenschutzbeauftragten aus Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern sowie die Bürgerrechtsorganisation Digitalcourage um Rat.

Einsatz in der Öffentlichkeit nicht verboten

„Es liegt in der Verantwortung der Nutzer, derartige Geräte nur so und nur dort einzusetzen, wo Dritte nicht in ihren Rechten verletzt werden“, sagt der Landesdatenschutzbeauftragte aus Baden-Württemberg Stefan Brink. Grundsätzlich sei es möglich, Sprachassistenten – die selbst datenschutzkonform sein müssen – in der Öffentlichkeit zu nutzen, sagt Andreas Sachs, Vizepräsident des Bayerischen Landesamtes für Datenschutzaufsicht. Allerdings müsse der Sprachassistent im üblichen Rahmen eingesetzt werden, also zum Beispiel zum Absetzen eines Sprachbefehls auf der Straße oder in der U-Bahn. „Im öffentlichen Bereich unterhält man sich eher so, dass ein gewisses Mithören von Dritten erwartet wird. Dies gilt auch für den Einsatz eines datenschutzkonformen Sprachdienstes, bei dem die maschinelle Interpretation eines Sprachbefehls dann sozusagen Beiwerk ist“, erklärt Sachs.

„Anders würde es aussehen, wenn die Produkte gezielt eingesetzt würden, um ein sogenanntes nichtöffentlich gesprochenes Wort (zum Beispiel die absichtliche Aufnahme vertraulicher Gespräche von zwei anderen Personen) verdeckt aufzuzeichnen. Dies wäre dann eine Straftat und damit auch nicht datenschutzkonform“, sagt Sachs. Ein Einsatz, bei dem ein nicht unerhebliches Risiko bestehe, dass das nicht-öffentlich gesprochene Wort von dritten Personen aufgenommen würde, sei damit problematisch, ergänzt der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar.

„Die Nutzer von automatischen Sprachassistenzsystemen sollten daher darauf achten, dass diese bei Anwesenheit von unbeteiligten Personen ausgeschaltet sind oder betroffene Personen darauf hingewiesen werden, dass ein automatisches Sprachassistenzsystem im Hintergrund läuft“, sagt Caspar. Dies gelte auch für Sprachassistenten auf Smartphones, für die prinzipiell die gleichen Regeln gelten wie für spezialisierte Geräte, fügt Sachs hinzu. Doch wie ist die Situation im heimischen Wohnzimmer?

Es könnte zu Ausschreitungen kommen

„In Privaträumen – zum Beispiel im Wohnzimmer – greift das sogenannte Haushaltsprivileg, was bedeutet, dass die Datenschutzgrundverordnung nicht anwendbar ist“, erklärt Sachs. Ein Besucher, der sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sieht, müsste dann zivilrechtlich gegen den Anwender eines Sprachassistenten vorgehen.

„Jedenfalls kann die (auch beiläufige) Aufzeichnung des nicht öffentlich gesprochenen Wortes Dritter eine Straftat darstellen – Betroffenen steht insoweit ein Notwehrrecht zu“, sagt Brink. Er erinnert an die Debatte und die Reaktionen rund um die Google Glass. Träger der Brille durften manche Orte nicht betreten oder wurden beschimpft. Wenn man Personen dazu auffordert, ihren Sprachassistenten zu deaktivieren, habe dies ein gewisses Eskalationspotenzial, sagt Brink. Zudem könne man nie wissen, ob der Assistent wirklich deaktiviert wurde.

Auch Padeluun von der Datenschutzorganisation Digitalcourage erinnert die Brille von Amazon an die Google Glass. „Hier steht zu befürchten, dass Nutzer solcher Techniken, so sie denn erkannt werden, Aggressionen hervorrufen werden. Das könnte also regelrecht zu einem kleinen ‚Bürgerkrieg‘ auf den Gehsteigen und Gaststätten der Republik führen“, sagt er Golem.de.

Doch neben der potenziellen Verletzung von Persönlichkeitsrechten sowie möglichen Auseinandersetzungen gibt es noch einen ganz banalen Grund, warum Sprachassistenten nicht in der Öffentlichkeit beziehungsweise dauerhaft aktiviert betrieben werden sollten. Denn die Geräte reagieren nicht nur auf die Sprachbefehle ihrer Besitzer und können durchaus auch von Personen in der Umgebung oder von Medieninhalten, wie zum Beispiel Radiobeiträgen oder Videos aktiviert werden. Denn mit der Brille und den Ohrstöpseln lassen sich auch jede Menge Geräte im Smart Home triggern – und wer möchte schon, dass Umstehende das Licht oder die Heizung zu Hause einschalten können – oder ein Puppenhaus kaufen. Mit einer neuen Funktion lassen sich die Aufnahmen per Sprachbefehl von den Amazon-Servern löschen. Beim verlassen einer U-Bahn könnte also auch der Satz „Alexa, lösche alles, was ich heute gesagt habe“ die eigenen Persönlichkeitsrechte schützen.

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