30 Jahre Game Boy

Ein Monochrom-Bildschirm kaum größer als eine Streichholzschachtel, keine Hintergrundbeleuchtung, nur 8 Kilobyte Arbeitsspeicher und ein Prozessor mit 4,19 Megahertz: Nach heutigen Maßstäbe klingen die technischen Daten des Game Boys lächerlich. Als Nintendo seinen ersten modulbasierten Handheld am 21. April 1989 in Japan vorstellte, störte das jedoch kaum jemanden. Im Gegenteil: Die tragbare Spielkonsole war heiß begehrt, bis zum Jahresende verkaufte sie sich knapp 300.000 Mal.

Die Fans von damals kannten das mobile Spielen zwar schon von Nintendos beliebten „Game & Watch“-Geräten und vergleichbaren LCD-Games. Sie sehnten sich jedoch auch unterwegs nach komplexeren Spielerlebnissen mit einem höheren Grad an Interaktion. Eine solche Erfahrung bot dann „Super Mario Land“.

In dem eigens für den Game Boy entwickelten Jump ’n‘ Run musste Nintendo-Ikone Mario in vier verschiedenen Welten immer neuen Gefahren trotzen. Das unter Mitwirkung von Game-Boy-Erfinder Gunpei Yokoi entwickelte Spiel demonstrierte die Vorzüge des 220 Gramm leichten Handhelds und weckte weltweit Begehrlichkeiten.

Sogar in Südkorea, wo Produkte aus Japan Anfang der Neunzigerjahre verboten waren, konnte man den Game Boy kaufen: Hyundai umging den Import-Stopp, indem man eine Lizenzvereinbarung mit Nintendo einging und das Gerät unter dem Namen „Comboy Mini“ anbot.

Effiziente Zielgruppenerweiterung

Doch Nintendo wollte nicht nur seine Stammkundschaft begeistern, sondern auch neue Zielgruppen erschließen. Um dieses Vorhaben umzusetzen, bündelte das Unternehmen die Hardware zum Start in den USA (31. Juli 1989) und Europa (28. September 1990) mit „Tetris“ aus der Feder des russischen Ingenieurs Alexei Paschitnow. Ein cleverer Schachzug, denn das Klötzchen-Stapel-Spiel sprach verschiedene Typen an und bot zudem einen tollen Zweispieler-Modus über das sogenannte Linkkabel.

Auch der russische Kosmonaut Alexander Serebrov liebte seinen Game Boy samt „Tetris“ – so sehr, dass er beides 1993 mit auf die Raumstation Mir nahm, wo der Handheld insgesamt 196 Tage verbrachte und mehr als 3000 Mal die Erde umrundete. Am 5. Mai 2011 wechselte Serebrovs Weltraum-Game-Boy samt „Tetris“-Modul beim britischen Auktionshaus Bonhams für 1220 Dollar den Besitzer.

Der Siegeszug der Taschenmonster

Andere Titel wie „Dr. Mario“ oder das dank Spezialadapter zu viert spielbare „F-1 Race“ setzten beim Mehrspielermodus ebenfalls auf das Linkkabel und festigten so den Ruf des Game Boys als Spaßbringer für Jung und Alt.

Und dann kam noch das Rollenspiel-Duo „Pokémon Rot“ und „Pokémon Blau“, das im Westen erstmals im Herbst 1998 erschien und in Deutschland ab 1999 erhältlich war. Der Clou hier: Jede Edition enthielt Kreaturen, die in der jeweils anderen Fassung fehlten. Wer alle 151 Pokémon einfangen wollte, musste sich mit Gleichgesinnten treffen, um die noch benötigten Taschenmonster via Linkkabel zu tauschen.

Eine brillante Gamedesign-Idee – und ein weiterer Grund, warum der zu diesem Zeitpunkt technisch längst veraltete Game Boy weiter reißenden Absatz fand.

Kontinuierliche Hardware-Evolution

Entscheidend für den Langzeiterfolg der Marke Game Boy war jedoch nicht nur die Fülle an innovativen Spielen. Nintendo veröffentlichte auch immer wieder Neuauflagen der Ur-Hardware und legte dabei Wert auf Abwärtskompatibilität zu den vorherigen Geräten. Somit konnten Nutzer ihre alten Module stets weiterverwenden.

Los ging’s mit dem Game Boy Pocket im Jahr 1996. Er war kleiner, 95 Gramm leichter und bot ein neues Schwarz-Weiß-Display, welches Schlieren beim Spielen sichtbar reduzierte. Eine integrierte Hintergrundbeleuchtung gab es beim Game Boy Pocket jedoch ebenfalls nicht. Diese wurde erst ab April 1998 mit dem nur in Japan erhältlichen Game Boy Light eingeführt.

Im Herbst desselben Jahres veröffentlichte Nintendo noch den Game Boy Color und brachte damit erstmals Farbe ins Spiel. Praktisch: War ein Spiel nicht eigens für den Game Boy Color konzipiert, konvertierte das System die Grautöne automatisch in eine vorgegebene Farbpalette, die der Nutzer auch anpassen konnte.

Außerdem kam das neue Farbwunder mit einem Infrarot-Port daher. Das war ideal zum stressfreien Tauschen in der „Pokémon“-Reihe, die mit der Goldenen und Silbernen Edition noch einmal große Verkaufserfolge erzielte.

Der Game Boy Advance: 32-Bit-Power

Allzu lange währte die Vorherrschaft des Game Boy Color allerdings nichts, denn bereits 2001 stand die Nachfolgegeneration bereit. Im Game Boy Advance (GBA) werkelte ein mit 16,77 Megahertz getakteter 32-Bit-RISC-Prozessor, der Spiele auf dem Niveau der Heimkonsole Super Nintendo darstellen konnte.

Ordentliche 3D-Optik beherrschte der GBA noch nicht, viele Fans störte das aber nur bedingt. Sie liebten 2D-Hits wie „The Legend of Zelda: The Minish Cap“, die Vampirjäger-Reihe „Castlevania“ oder das Runden-Strategiespiel „Advance Wars“.

Rückblickend betrachtet ging der GBA allerdings erst mit der Einführung des „SP“-Modells durch die Decke. Dieses ließ sich zusammenklappen: Dank des bierdeckelgroßen Grundrisses passte es in wirklich jede Westentasche, und obendrein punktete es mit zuschaltbarer Bildschirmbeleuchtung sowie wiederaufladbarem Akku.

Bliebe noch der Game Boy Micro aus dem Jahr 2005, das letzte Modell der Game-Boy-Produktreihe. Mit Maßen von 10 mal 5 mal 1,8 Zentimetern war er ein wahrer Winzling – und für viele Fans etwas zu klein. Für lange Spielsessions eignete er sich dadurch kaum.

Weil Nintendo außerdem nahezu zeitgleich die ersten Geräte des Nintendo DS (kurz für Dual Screen) auf den Markt brachte, rangiert der Micro auf den hinteren Rängen der ansonsten beeindruckenden Verkaufsstatistik des Game Boys. Bis heute hat sich die komplette Game-Boy-Familie über 200 Millionen Mal verkauft.

Drucken